Kasan von der schönen Aussicht

Ich kehrte in einem Wägelchen, das stark rüttelte, von der Jagd zurück, schlummerte, von der schwülen Hitze des bewölkten Sommertages erdrückt (bekanntlich ist die Hitze an solchen Tagen noch unerträglicher als an heiteren, besonders wenn es windstill ist), ein wenig ein und schau­kelte hin und her, mich mit düsterer Geduld dem feinen, weißen Staube preisgebend, der sich von der ausgefahrenen Straße unter den ausgetrockneten und ratternden Rädern unaufhörlich erhob –, als meine Aufmerksamkeit plötzlich von der ungewöhnlichen Unruhe und den krampfhaften Körperbewegungen meines Kut­schers erregt wurde, der bis dahin noch fester geschlummert hatte als ich. Er zupfte an den Zügeln, rückte auf seinem Sitz hin und her und fing an, die Pferde anzuschreien, je­den Augenblick nach der einen Seite blickend. Ich sah mich um. Wir fuhren durch eine weite gepflügte Ebene; in außerordentlich flachen Wellen liefen zu ihr gleichfalls ge­pflügte, niedere Hügel herab; der Blick umfing höchstens fünf Werst des leeren Raum­es; nur die kleinen Birkengehölze in der Ferne unter­brachen mit ihren rundgezackten Wipfeln die gerade Linie des Horizonts. Schmale Wege zogen sich über die Felder hin, verloren sich in den Hohlwegen, wanden sich die Hügel hinauf, und auf einem von ih­nen, der etwa fünf­hundert Schritt vor uns unsere Fahrstraße durchschneiden sollte, un­terschied ich einen Zug. Diesen Zug betrachtete eben mein Kutscher.
Es war ein Leichenzug. Vorne fuhr in einem mit nur einem Pferdchen bespannten Wagen im Schritt der Geist­liche; der Küster saß neben ihm und lenkte; dem Wagen folgten vier Bauern mit entblößten Köpfen, die den mit einem weißen Leinentuch be­deckten Sarg trugen; zwei Weiber gingen hinter dem Sarge. Die feine, klagende Stimme des einen von ihnen schlug plötzlich an mein Ohr; ich horchte auf: die Frau jammerte. Traurig klang inmitten der leeren Felder diese eintönige, hoffnungslos klagende Weise. Der Kutscher trieb die Pferde an: er wollte diesem Zuge zuvorkom­men. Unterwegs einer Leiche zu begegnen, gilt als schlimmes Zeichen. Es gelang ihm tatsächlich, über die Straße zu jagen, ehe der Leichenzug sie erreichte; wir waren aber noch keine hundert Schritt weit gefahren, als unser Wagen plötzlich einen heftigen Stoß bekam, sich auf die eine Seite neigte und beinahe umfiel. Der Kutscher hielt die ins Laufen gekommenen Pferde an, winkte hoff­nungslos mit der Hand und spuckte aus.
„Was gibt es denn?“ fragte ich ihn.
Mein Kutscher stieg schweigsam und ohne Übereilung vom Bock.
„Was ist denn los?“
„Die Achse ist gebrochen… ist durchgebrannt“, ant­wortete er düster und schob plötzlich mit solcher Wut den Rückenriemen des Seitenpferdes zurecht, daß es wankte, schließ­lich aber doch nicht hinfiel; es schnaubte, schüttelte sich und fing mit der größten Ruhe an, sich mit einem Zahn das Vorderbein unterhalb des Knies zu kratzen.
Ich stieg ab und stand eine Weile auf der Straße, vom dunklen Gefühl einer un­angenehmen Ratlosigkeit erfüllt. Das rechte Rad war fast ganz unter den Wagen geraten und hob seine Nabe wie in stummer Verzweiflung in die Höhe.
„Was ist jetzt zu tun?“ fragte ich endlich. „Der da hat schuld!“ sagte mein Kutscher, mit der Peitsche auf den Leichenzug weisend, der schon auf die Fahrstraße gekommen war und sich uns näherte. „Das habe ich immer gemerkt,“ fuhr er fort, „es ist ein sicheres Zeichen, wenn man einer Leiche begegnet… Ja …“
Und er belästigte wieder das Seitenpferd, das, da es seine Mißstimmung und Strenge sah, sich entschloß, unbeweglich zu bleiben, und nur ab und zu schüchtern den Schweif bewegte. Ich ging ein wenig auf und ab und blieb wieder vor dem Rade stehen.
Der Leichenzug holte uns indessen ein. Die Trauer­prozession bog vorsichtig von der Straße aufs Gras ab und ging an unserem Wagen vorbei. Der Kutscher und ich zogen die Mützen, begrüßten den Geistlichen und wechsel­ten mit den Trägem Blicke. Sie gingen mit Mühe und ihre breiten Brüste hoben sich schwer. Von den beiden Weibern, die dem Sarge folgten, war das eine sehr alt und blaß; ihre unbeweglichen, vom Schmerz grau­sam entstellten Züge hatten den Ausdruck strenger, feierlicher Würde. Sie ging schweigend einher und führte zuweilen die magere Hand an die dünnen, eingefallenen Lippen. Die andere, eine junge Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren, hatte rote und feuchte Augen und ein vom Weinen geschwollenes Gesicht; als sie an uns vorbeikam, hörte sie zu jammern auf und bedeckte das Gesicht mit dem Ärmel. . . Die Leiche war aber schon an uns vorbei wieder auf die Landstraße gekommen; wieder erklang der jäm­merliche, herz­zerreißende Gesang. Mein Kutscher begleitete den gleich­mäßig schwan­kenden Sarg mit einem stummen Blick und wandte sich an mich:
„Es ist der Zimmermann Martyn, der da beerdigt wird,“ sagte er, „der aus Bjabowo.“
„Woher weißt du das?“
„An den Weibern hab‘ ich‘s erkannt. Die Alte ist seine Mutter und die Junge die Frau.“
„Ist er denn krank gewesen?“
„Ja . . . Fieber hat er gehabt. . . Vorgestern hat der Verwalter nach dem Doktor ge­schickt, aber sie trafen ihn nicht an … Er war ein guter Zimmermann, Wie seine Frau jammert. . . Nun, das weiß man ja; die Weiber haben wohlfeile Tränen, Weibertränen sind wie Wasser . . . Ja.“
Er bückte sich, kroch unter den Zügeln des Seitenpferdes durch und faßte mit beiden Händen das Krummholz.
„Aber,“ bemerkte ich, „was sollen wir denn jetzt tun?“
Mein Kutscher stemmte erst das Knie gegen die Schulter des Mittelpferdes, schüttelte zweimal das Krummholz, schob das Rückenkissen zurecht, kroch dann wieder unter dem Zügel des Seitenpferdes durch, stieß es im Vorbei­gehen in die Schnauze und ging auf das Rad zu; er ging auf das Rad zu, holte langsam, ohne es aus dem Auge zu lassen, unter dem Rockschöße seine Tabaksdose hervor, nahm ebenso langsam den Deckel am Riemen heraus, steckte langsam seine zwei dicken Finger hinein (selbst die zwei fanden in ihr kaum Platz), knetete den Tabak, zog seine Nase schon im vorhinein schief, schnupfte langsam, jede Prise mit einem gedehnten Krächzen begleitend, und versank, mit den tränenden Augen schmerzhaft blinzelnd und zwinkernd, in tiefe Nachdenklich­keit.
„Nun, was?“ fragte ich endlich.
Mein Kutscher steckte die Dose behutsam in die Tasche, rückte sich den Hut, ohne eine Hand zu rühren, durch eine bloße Kopfbewegung in die Brauen und stieg nachdenklich auf den Bock.
„Wo willst du denn hin?“ fragte ich erstaunt.
„Steigen Sie nur ein“, erwiderte er ruhig und nahm die Zügel in die Hand.
„Wie werden wir denn fahren?“
„Wir werden schon fahren.“
„Aber die Achse . . .“
„Nehmen Sie nur Platz.“
„Die Achse ist aber entzwei . . .“
„Sie ist freilich entzwei, aber bis zur Siedlung kommen wir schon …, das heißt im Schritt. Hier rechts hinter dem Gehölz ist eine Siedlung, Judino heißt sie.“
„Und du glaubst, daß wir hinkommen?“
Mein Kutscher würdigte mich keiner Antwort.
„Ich geh lieber zu Fuß“, sagte ich.
„Wie Sie wünschen .. .“
Er schwang die Peitsche. Die Pferde zogen an.
Wir erreichten wirklich die Siedlung, obwohl das rechte Vorderrad kaum hielt und sich höchst seltsam drehte. Auf einem Hügel wäre es beinahe abgefallen, aber mein Kutscher schrie mit wütender Stimme, und wir fuhren den Hügel glücklich hinunter.
Die Judinsche Siedlung bestand aus sechs niederen kleinen Häuschen, die sich bereits auf die Seite geneigt hatten, obwohl sie wahrscheinlich erst seit kurzem erbaut worden waren: nicht alle Höfe waren umzäunt. Als wir in diese Siedlung einfuhren, begegneten wir keiner lebenden Seele; nicht einmal Hühner, nicht einmal Hunde ließen sich auf der Straße blicken; nur ein einziger schwarzer Hund mit kur­zem Schwanz sprang vor un­seren Augen aus einem voll­kommen trockenen Troge heraus, in den ihn offenbar der Durst getrieben hatte, und rannte sofort, ohne zu bellen, unter ein Tor. Ich ging ins erste Haus, machte die Tür zum Flur auf und rief die Bewohner –, niemand antwortete mir. Ich rief noch einmal: hinter der anderen Tür erklang das hungrige Miauen einer Katze. Ich stieß die Tür mit dem Fuße auf: eine hungrige Katze lief, mit den grünen Augen im Dunkeln funkelnd, an mir vorbei. Ich steckte den Kopf in die Stube und sah hinein: dun­kel, dunstig und leer. Ich begab mich auf den Hof, auch dort war niemand… Hinter einem Verschlage brüllte ein Kalb; eine lahme graue Gans wackelte ein wenig zur Seite. Ich ging ins zweite Haus, auch im zweiten Hause war keine Seele. Ich ging in den Hof . . .
Mitten im hell erleuchteten Hofe in der schlimmsten Glut lag, das Gesicht zur Erde und den Kopf mit einem Kittel bedeckt, wie mir schien, ein Junge. Einige Schritt von ihm stand neben einem elenden Wägelchen unter einem Schutzdach aus Stroh ein mageres Pferdchen mit ab­gerissenem Geschirr. Das Sonnenlicht, das durch die schmalen Öff­nungen im schadhaften Schutzdach flutete, zeichnete kleine helle Flecken auf seinem zottigen rot­braunen Fell. Gleich daneben schwatzten in einem auf einer hohen Stange angebrachten Starenhäuschen Stare und blickten mit ruhiger Neugierde aus ihrem luf­tigen Häuschen herab. Ich ging auf den Schlafenden zu und begann ihn zu wecken . . .
Er hob den Kopf, erblickte mich und sprang gleich auf die Beine . . . „Was ist gefällig? Was ist los?“ murmelte er verschlafen.
Ich antwortete ihm nicht sogleich: dermaßen war ich über sein Äußeres erstaunt. Stellt euch einen Zwerg vor von etwa fünfzig Jahren mit einem kleinen, dunklen, ge­runzelten Gesicht, einem spitzen Näschen, braunen, kaum sichtbaren Äuglein und krausen, dich­ten, schwarzen Haaren, die auf seinem winzigen Kopf so breit wie der Hut auf einem Pilze sitzen. Sein ganzer Körper war ungewöhnlich schmächtig und mager, und man kann mit Worten gar nicht wiedergeben, wie ungewöhnlich und seltsam sein Blick war. „Was ist gefällig?“ fragte er mich wieder.
Ich erklärte ihm, um was es sich handelte; er hörte mich an, ohne seine langsam zwin­kernden Augen von mir zu wenden.
„Könnten wir nicht eine neue Achse bekommen?“ fragte ich ihn schließlich. „Ich würde gerne bezahlen.“
„Wer sind Sie? Ein Jäger, nicht?“ fragte er, mich mit einem Blicke vom Kopf bis zu den Füßen musternd.
„Ja, Jäger.“
„Sie schießen wohl die Vöglein des Himmels? . . die Tiere des Waldes? Ist es keine Sünde, die Vöglein Gottes zu töten, unschuldiges Blut zu vergießen?“
Der seltsame Alte sprach sehr gedehnt. Der Ton seiner Stimme setzte mich gleichfalls in Erstaunen. Es war nicht nur nichts Greisenhaftes in seiner Stimme, sie war sogar unge­wöhnlich süß. Jugendlich und von einer beinahe weib­lichen Zartheit.
„Ich hab‘ keine Achse“, fügte er nach kurzem Schweigen hinzu. „Diese da taugt nicht (er wies auf sein Wägelchen) –, Sie haben wohl einen großen Wagen.“
„Kann man im Dorfe eine finden?“
„Was ist hier für ein Dorf!. . . Hier hat niemand eine . . . Es ist auch niemand daheim: alle sind auf der Arbeit. Gehen Sie!“ sagte er plötzlich und legte sich wieder auf die Erde.
Ich hatte diesen Schluß gar nicht erwartet.
„Hör mal. Alter“, sagte ich, seine Schulter berührend, „tu mir den Gefallen und hilf mir.“
„Gehen Sie mit Gott! Ich bin müde, bin in der Stadt gewesen“, sagte er, indem er sich den Kittel über den Kopf zog.
„Tu mir doch den Gefallen,“ fuhr ich fort, „ich . . . ich will bezahlen!“
„Ich brauche dein Geld nicht.“
„Ich bitte dich. Alter . . .“
Er setzte sich halb auf und kreuzte seine dünnen Bein­chen,
„Ich werde dich vielleicht zur abgeholzten Stelle be­gleiten. Hier haben bei uns Kaufleu­te einen Wald gekauft – Gott sei ihr Richter, sie vernichten den Wald, haben ein Kontor erbaut, Gott sei ihr Richter! . . Dort könntest du dir eine Achse machen lassen oder eine fertige kaufen.“
„Sehr schön!“ rief ich erfreut. „Sehr schön! … Gehen wir.“
„Eine gute Achse, eine eichene“, fuhr er fort, ohne auf­zustehen.
„Ist es weit bis zur abgeholzten Stelle?“
„Drei Werst.“
„Nun, wir können ja in deinem Wägelchen hinfahren!“
„Das geht nicht. . .“
„Komm doch,“ sagte ich, „komm. Alter! Der Kutscher wartet auf uns auf der Straße.“
Der Alte stand unwillig auf und folgte mir auf die Straße. Mein Kutscher war in gereiz­ter Stimmung: er wollte die Pferde tränken, aber im Brunnen war nur sehr wenig Was­ser, und es schmeckte schlecht; das ist aber, wie die Kut­scher behaupten, außerordent­lich wichtig . . . Als er aber den Alten erblickte, grinste er, nickte mit dem Kopfe und rief:
„Ah, Kaßjanuschka! Grüß Gott!“
„Grüß Gott, Jerofej, du gerechter Mensch“, antwortete Kaßjan mit trauriger Stimme.
Ich teilte dem Kutscher sofort seinen Vorschlag mit; Jerofej erklärte sich damit einver­standen und fuhr in den Hof ein. Während er mit überlegter Geschäftigkeit die Pferde ausspannte, stand der Alte mit der Schulter ans Tor gelehnt und sah mißmutig bald ihn und bald mich an. Er schien irgendwie verdutzt: soviel ich merken konnte, hatte ihn unser plötzlicher Besuch nicht sonderlich erfreut.
„Hat man denn auch dich hierher übersiedelt?“ fragte ihn plötzlich Jerofej, das Krumm­holz abnehmend.
„Ja, auch mich.“
„Ach!“ versetzte mein Kutscher durch die Zähne. „Weißt du, der Zimmermann Martyn … du kennst doch den Martyn aus Rjabowo?“
„Gewiß.“
„Also er ist gestorben. Wir sind eben seinem Sarge be­gegnet.“
Kaßjan fuhr zusammen.
„Gestorben?“ fragte er und senkte die Augen.
„Ja, gestorben. Warum hast du ihn nicht gesund ge­macht? Man sagt doch, du behandelst Kranke, bist ein Doktor.“
Mein Kutscher machte sich offenbar über den Alten lustig.
„Ist das dein Wagen, wie?“ fragte er, mit einer Schulter auf ihn weisend.
„Ja, mein Wagen.“
„Ist das ein Wagen!“ sagte mein Kutscher, indem er das Fuhrwerk bei den Deichsel­stangen packte und beinahe umdrehte . . . „Ein Wagen! .. Worauf wollt ihr denn in den Wald fahren? . . In diese Deichselstangen kann man unser Pferd gar nicht einspannen, unser Pferd ist groß – aber was ist das da?“
„Ich weiß nicht,“ antwortete Kaßjan, „worauf ihr fahren werdet; vielleicht mit diesem Tierchen“, fügte er mit einem Seufzer hinzu.
„Mit diesem?“ fiel ihm Jerofej ins Wort. Er ging auf Kaßjans elendes Pferdchen zu und stieß es mit dem Mittel­finger der rechten Hand in den Hals. „Sieh mal an,“ fügte er vor­wurfsvoll hinzu, „eingeschlafen ist sie, die Krähe!“
Ich bat Jerofej, schneller einzuspannen. Ich hatte selbst Lust, mit Kaßjan zur abgeholz­ten Stelle zu fahren: an solchen Stellen gibt es oft Birkhühner. Als das Wägelchen ganz fertig war und ich mit meinem Hund auf dem höcke­rigen Boden aus Birkenrinde Platz genommen hatte und auch Kaßjan, zu einem Knäuel zusammengekauert, mit dem frühe­ren traurigen Gesichtsausdruck auf dem vorderen Bänkchen saß, kam Jerofej auf mich zu und flüsterte mit geheimnisvoller Miene:
„Sie tun gut, Väterchen, daß Sie mit ihm fahren. Er ist ja ein Narr und hat auch den Zunamen ,Floh‘. Ich weiß gar nicht, wie Sie ihn haben verstehen können , . .“
Ich wollte Jerofej bemerken, daß Kaßjan auf mich bis­her den Eindruck eines recht ver­nünftigen Menschen ge­macht habe, aber mein Kutscher fuhr im gleichen Tone fort:
„Passen Sie nur auf, daß er Sie an die richtige Stelle hin­bringt. Wählen Sie auch die Achse selbst: wollen Sie eine recht kräftige Achse nehmen . .. Nun, Floh,“ fuhr er laut fort, „kann man bei euch etwas Brot kriegen?“
„Such‘, vielleicht findest du was“, antwortete Kaßjan. Er zupfte an den Zügeln, und wir rollten davon.
Sein Pferdchen lief zu meinem aufrichtigen Erstaunen gar nicht schlecht. Kaßjan be­wahrte während der ganzen Fahrt hartnäckiges Schweigen und beantwortete meine Fragen abgerissen und unwillig. Wir erreichten bald die ab­geholzte Stelle und fanden dort das Kontor, ein hohes Bauernhaus, das einsam am Rande einer nicht sehr tiefen Schlucht ragte, die man in aller Eile eingedämmt und in einen Teich verwandelt hatte. Ich traf in diesem Kontor zwei junge Kaufmannsangestellte mit schneeweißen Zäh­nen, süßen Augen, einer süßen und gewandten Redeweise und einem süßen und schlauen Lä­cheln, machte mit ihnen den Preis für die Achse aus und begab mich auf die Lich­tung. Ich dachte, Kaßjan würde auf mich beim Pferde warten, aber er kam plötzlich auf mich zu.
„Du gehst wohl die Vöglein schießen?“ fragte er mich. „Was?“
„Ja, wenn ich welche finde.“
„Ich geh mit dir… Darf ich?“
„Du darfst, du darfst.“
Und wir gingen. Die ganze abgeholzte Stelle war nur etwa eine Werst breit. Ich gab, of­fen gestanden, mehr auf Kaßjan als auf meinen Hund acht. Nicht umsonst nannte man ihn Floh. Sein schwarzes bloßes Köpfchen (seine Haare konnten übrigens jede Mütze ersetzen) flog nur so durch die Büsche. Er ging ungewöhnlich flink und schien im Ge­hen immer zu hüpfen, beugte sich in einem fort, pflückte irgendwelche Halme, steckte sie in den Busen, murmelte sich etwas in den Bart und sah immer mich und meinen Hund mit eigentümlichen, forschenden Blicken an. Im niederen Gebüsch und an abge­holzten Stellen hausen oft kleine graue Vöglein, die in einem fort von einem Bäum­chen auf das andere flattern und pfeifen, indem sie in der Luft im Fluge untertauchen. Kaßjan äffte sie nach und wechselte mit ihnen Rufe; eine junge Wachtel flog zwit­schernd unter seinen Füßen auf, er piepste ihr nach; eine Lerche ließ sich auf bebenden Flügeln laut schmetternd über ihn herab – Kaßjan fiel auch in dieses Lied ein. Mit mir sprach er gar nicht.
Das Wetter war herrlich, noch herrlicher als früher, aber die Hitze ließ immer noch nicht nach. Am heiteren Himmel zogen kaum sichtbar hohe, dünne Wölkchen, gelblichweiß, wie verspäteter Frühlingschnee, flach und länglich wie ein­gezogene Segel. Ihre zierli­chen Ränder, flockig und leicht wie Watte, änderten sich langsam, aber merklich mit je­dem Augenblick; diese Wolken schmolzen und warfen keinen Schatten. Lange streifte ich mit Kaßjan durch die Lichtungen. Junge Schößlinge, die noch nicht einen Arschin lang waren, umgaben mit ihren feinen, glatten Stengeln die schwarzgewordenen nied­rigen Baumstümpfe; runde, schwammige Wucherungen mit grauen Rändern, wie man sie zur Herstellung von Feuerschwamm benutzt, klebten an diesen Stümpfen; die Erd­beerpflanzen umrankten sie mit ihren rosa Sprossen; Pilze saßen in ganzen Familien um sie herum. Die Füße verwickelten sich ununterbrochen im langen, von der glühenden Sonne übersättigten Grase; überall flimmerte es vor dem grellen metallischen Glänzen der jungen rötlichen Blätter der Bäumchen; überall leuch­teten die blauen Dolden der Wicken, die goldenen Kelche des Hahnenfußes und die halb lila und halb gelben Blüten der wilden Stiefmütterchen; hier und da erhoben sich neben verlassenen Wegen, auf denen die Räderspuren sich durch Streifen rötlichen, niederen Grases abzeichneten, von Wind und Regen geschwärzte Brennholzstapel; sie warfen schwache schräge viereckige Schatten, und einen ändern Schatten gab es hier nicht. Ein leichter Wind erhob sich ab und zu und legte sich wieder: er haucht einem plötzlich ins Gesicht und scheint anzuwachsen – alles ringsum be­ginnt zu rauschen, zu nicken und sich zu bewegen, und die biegsamen Spitzen der Farnkräuter schwanken graziös – man freut sich über diesen Wind . .. aber plötzlich ist er erstorben, und alles ist wieder still. Nur die Grashüpfer allein zirpen laut und wie wütend im Chore, und dieser un­aufhörliche, gleichmäßig scharfe Lärm ist ermüdend. Er paßt gut zu der unerträglichen Mittagsglut; er ist von ihr gleichsam erzeugt und aus der glühenden Erde hervor­gerufen.
Wir stießen auf keinen einzigen Vogel und erreichten schließlich eine neue Lichtung. Vor kurzem gefällte Espen beugten sich traurig zur Erde herab und erdrückten das Gras und die kleinen Sträucher; von den unbeweglichen Zweigen einiger von ihnen hingen die Blätter noch grün, aber schon tot und welk herab; an anderen waren sie schon tro­cken zusammengeschrumpft. Den frischen goldigweißen Spänen, die haufenweise neben den grell feuchten Stümpfen lagen, entströmte ein eigener, ungewöhnlicher, angenehmer, bitterer Duft. In der Ferne, neben dem Walde klopften dumpf die Äxte; ab und zu sank feierlich und still, wie sich verneigend und die Arme ausbreitend, ein lo­ckiger Baum zur Erde.
Lange fand ich kein Wild; endlich flog aus einem breiten, ganz mit Wermut durch­wachsenen Gebüsch ein Wachtel­könig auf. Ich drückte los; er überschlug sich in der Luft und fiel herab. Als Kaßjan den Schuß hörte, bedeckte er schnell die Augen mit der Hand und rührte sich nicht, bis ich mein Gewehr wieder geladen und den Wachtelkönig aufgehoben hatte. Als ich aber weiterging, trat er an die Stelle, auf die der getötete Vogel niedergefallen war, bückte sich zum Gras, das von einigen Tropfen Blut benetzt war, schüttelte den Kopf und sah mich scheu an… Später hörte ich ihn flüstern: „Diese Sünde!.. Ach, diese Sünde!“
Die Hitze zwang uns endlich, in den Wald zu gehen. Ich warf mich unter einen hohen Haselstrauch, über den ein junger schlanker Ahorn seine leichten Zweige breitete. Kaßjan setzte sich auf das dicke Ende einer gefällten Birke. Ich sah ihn an. Die Blätter schwankten leise in der Höhe, und ihre dünnen, grünlichen Schatten glitten still über seinen hageren, nachlässig in einen dunklen Kit­tel gehüllten Körper und über sein kleines Gesicht. Er hob den Kopf nicht. Sein Schweigen langweilte mich, und ich legte mich auf den Kücken und begann dem friedlichen Spiel des Blättergewirrs auf dem Grunde des fernen, hellen Himmels zuzuschauen. Es ist eine ungewöhnlich ange­nehme Beschäftigung, im Walde auf dem Rücken zu liegen und nach oben zu schauen. Es ist euch, als schauet ihr in ein abgrundtiefes Meer, das sich unter euch ausbreitet, daß die Bäume sich nicht von der Erde erheben, sondern sich wie die Wurzeln riesengroßer Pflanzen senkrecht in die glashellen Fluten senken; die Blätter an den Zweigen glänzen bald wie durchsichtige Smaragde, bald verdichten sie sich zu einem goldigen, fast schwarzen Grün. Ein unbewegliches, einsames Blatt irgendwo hoch oben, am Ende eines dünnen Zweiges, hebt sich vom blauen Fetzen des durchsichtigen Himmels ab; gleich daneben wiegt sich ein anderes, und seine Bewegung erinnert an das Spiel eines Fischschwanzes, als sei die Bewegung willkürlich und nicht vom Winde erzeugt. Zau­berhaften Unterwasserinseln ähnliche, weiße, runde Wolken kommen leise ge­zogen und schweben leise vorbei, – und plötzlich beginnt dieses Meer, diese strahlende Luft, be­ginnen diese vom Sonnenlicht übergossenen Zweige und Blätter und alles zu rieseln und in einem flüchtigen Glänze zu zittern, und es erhebt sich ein frisches, behendes Flüstern, gleich dem unaufhörlichen feinen Plätschern einer plötzlich heran­rollenden Brandung. Ihr rührt euch nicht, ihr schaut, und es läßt sich mit Worten gar nicht ausdrücken, wie freudig, still und süß euch ums Herz wird. Ihr schaut: und das tiefe, reine Blau weckt auf euren Lippen ein Lächeln, so unschuldig wie dieses Blau selbst; wie die Wolken am Himmel, und gleichsam zugleich mit den Wolken zieht euch langsam eine lange Reihe glücklicher Erinnerungen durch den Sinn, und es ist euch, als dringe euer Blick immer tiefer und tiefer ein und ziehe auch euch in den ruhigen, strahlenden Abgrund mit sich, und es ist unmöglich, sich von dieser Höhe, von dieser Tiefe loszureißen . . .
„Herr, du, Herr!“ sagte plötzlich Kaßjan mit seiner lauten Stimme.
Ich richtete mich erstaunt auf: bisher hatte er meine Fragen kaum beantwortet, nun fing er aber selbst zu reden an.
„Was willst du?“ fragte ich.
„Sag‘, warum hast du das Vöglein getötet?“ begann er, mir gerade ins Gesicht blickend.
„Wieso? Warum?. . . Der Wachtelkönig ist Wild, man kann ihn essen.“
„Nicht dazu hast du ihn getötet, Herr: du wirst ihn doch nicht essen! Du hast ihn zu deinem Vergnügen getötet.“
„Aber du selbst ißt doch zum Beispiel Hühner und Gänse?“
„Dieses Geflügel ist von Gott für den Menschen be­stimmt, der Wachtelkönig ist aber ein freier Vogel, ein Waldvogel. Und nicht nur er allein: es gibt viele solche Geschöpfe im Walde, im Felde und im Flusse, im Sumpfe und auf der Wiege, in der Höhe und in der Tiefe, und es ist Sünde, sie zu töten; sollen sie auf Erden so lange leben, als ihnen beschieden ist… Dem Menschen ist aber eine andere Nahrung bestimmt: Brot, die Gabe Gottes, und das Wasser vom Himmel, und Haustiere von den Urvätern her.“
Ich sah Kaßjan erstaunt an. Seine Worte kamen ihm ganz frei von den Lippen; er suchte sie nicht, er sprach mit stiller Begeisterung und milder Würde und schloß ab und zu die Augen.
„Du hältst es also für Sünde, auch einen Fisch zu töten?“ fragte ich.
„Der Fisch hat kaltes Blut“, entgegnete er mit Über­zeugung, „der Fisch ist ein stummes Geschöpf. Er kennt keine Furcht und keine Freude; der Fisch ist eine stumme Kreatur. Der Fisch fühlt nichts, sein Blut ist nicht leben­dig . . . Das Blut“, fuhr er nach einem Schweigen fort, „das Blut ist eine heilige Sache! Das Blut sieht die Sonne Gottes nicht, das Blut versteckt sich vor dem Licht. . . es ist eine große Sünde, dem Lichte Blut zu zeigen, eine große und schreckliche Sünde . . . Ach, eine sehr große!“
Er seufzte und schlug die Augen nieder. Ich sah den merkwürdigen Alten, offen gestanden, mit großem Er­staunen an. Seine Rede klang nicht wie die eines Bauern: so sprechen die einfachen Menschen nicht, und auch die Schönsprecher nicht. . . Ich hatte nie etwas Ahnliches gehört.
„Sag‘, bitte, Kaßjan“, begann ich, ohne meinen Blick von seinem leicht geröteten Gesicht zu wenden, „was hast du für ein Gewerbe?“
Er beantwortete meine Frage nicht gleich. Sein Blick schweifte eine Weile unruhig um­her.
„Ich lebe, wie Gott es befiehlt,“ sagte er schließlich, „ein Gewerbe habe ich aber nicht. Ich bin gar zu unver­ständig, von Kindheit an; ich arbeite, solange ich kann, – ich bin ein schlechter Arbeiter. . . wie soll ich auch! Es fehlt mir an Gesundheit, und die Hände sind ungeschickt. Nun, im Frühjahr fange ich Nachtigallen.“
„Du fängst Nachtigallen? . . . Hast du aber nicht selbst gesagt, daß man kein Tier des Waldes oder des Feldes oder ein anderes Geschöpf anrühren darf?“
„Töten darf man sie wohl nicht, das stimmt; der Tod holt auch so das Seine. Nehmen wir zum Beispiel den Zimmermann Martyn: der Zimmermann Martyn hat ge­lebt, hat gar nicht lange gelebt, und ist gestorben. Seine Frau weint jetzt um den Mann und um die kleinen Kin­der . . . Den Tod kann weder der Mensch noch das Tier überlisten. Der Tod läuft nicht, aber man kann ihm nicht entlaufen; man darf ihm auch nicht helfen . . . Die Nachti­gallen töte ich ja nicht, – Gott bewahre! Ich fange sie nicht, um sie zu quälen und nicht zu ihrem Verderben, sondern dem Menschen zum Vergnügen, zum Trost und zur Freude.“
„ Gehst du auch nach Kursk, um sie zu fangen?“
„Ich gehe nach Kursk und auch weiter, wie es sich trifft. Ich übernachte in Sümpfen und in Wäldern, bleibe über Nacht ganz allein im Felde und in der Einöde: da pfeifen die Schnepfen, da schreien die Hasen, da schnattern tlie Enten . . . Des Abends merke ich sie mir, des Morgens belausche ich sie, beim Morgengrauen werfe ich die Netze auf die Büsche aus . . . Manche Nachtigall singt so rührend, so süß, daß es sogar weh tut.“
„Und du verkaufst sie?“
„Ich gebe sie den guten Leuten.“
„Was treibst du sonst?“
„Was ich treibe?“
„Was hast du sonst noch für eine Beschäftigung?“
Der Alte schwieg eine Weile.
„Ich habe keine Beschäftigung. Ich bin ein schlechter Arbeiter. Aber lesen kann ich.“ „Du kannst lesen?“
„Ja. Gott hat mir dazu verholfen, auch die guten Menschen.“
„Hast du Familie?“
„Nein, keine.“
„Wieso? . . . Sind dir alle gestorben?“
„Nein, ich hab‘ einfach kein Glück im Leben gehabt. Das hängt aber alles von Gott ab, wir sind alle in Gottes Hand; doch der Mensch muß gerecht sein, – das ist es! Das heißt, gottgefällig.“
„Hast auch keine Verwandten?“
„Ja. . . aber…“
Der Alte wurde verlegen.
„Sag‘, bitte,“ begann ich, „es kam mir vor, als hätte dich mein Kutscher gefragt, warum du den Martyn nicht gesund gemacht hast. Verstehst du denn Kranke zu behandeln?“
„Dein Kutscher ist ein gerechter Mensch,“ antwortete Kaßjan nachdenklich, „aber auch er ist nicht ohne Sunde. Man nennt mich einen Doktor . . . Was bin ich für ein Doktor! . . . Und wer kann einen Kranken heilen? Das alles ist von Gott. Aber es gibt . . . Kräu­ter, Blumen: diese helfen wirklich. Da ist zum Beispiel das Kraut Wasserdost sehr gut für den Menschen, auch der Wegerich; es ist keine Schande, von ihnen zu sprechen, es sind ja reine Kräuter Gottes. Die anderen sind aber nicht so: sie helfen zwar, aber es ist Sünde; es ist Sünde, von ihnen zu sprechen. Höchstens mit einem Gebet… Es gibt natür­lich auch gewisse Worte . . . Wer aber glaubt, der wird gerettet“, fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu.
„Hast du dem Martyn nichts eingegeben?“ fragte ich.
„Ich hab‘ es zu spät erfahren“, antwortete der Alte. ,,Aber was soll man machen, es ist einem jeden schon bei seiner Geburt bestimmt. Dem Zimmermann Martyn war es nicht beschieden, lange auf dieser Erde zu leben, nein, es war ihm nicht beschieden. Und wenn es einem Menschen nicht beschieden ist, zu leben, so wärmt ihn die Sonne nicht wie einen anderen, und das Brot schlägt ihm nicht an, – es ist, als ob man ihn abriefe . . . Ja, Gott schenke seiner Seele die ewige Ruhe!“
„Ist es lange her, daß man euch hierher übersiedelt hat?“ fragte ich nach kurzem Schweigen.
Kaßjan fuhr zusammen.
„Nein, es ist nicht lange her, nur vier Jahre. Beim alten Herrn lebten wir alle auf unseren alten Wohnsitzen, das Vormundschaftsgericht hat uns aber übersiedelt. Unser alter Herr war eine gute Seele, ein bescheidener Mensch, Gott hab‘ ihn selig! Nun, das Vormund­schaftsgericht wußte wohl, was es tat; es mußte wohl so sein.“
„Wo habt ihr früher gelebt?“
„Wir sind aus Krassiwaja-Metsch,“
„Ist es weit von hier?“
„An die hundert Werst.“
„Nun, habt ihr es dort besser gehabt?“
„Ja, besser . . . besser. Die Gegend ist dort freier und wasserreicher, es war unser Nest, hier ist es aber eng und trocken . . . Hier sind wir verwaist. Wenn man dort, in Krassiwa­ja-Metsch, auf einen Hügel steigt, mein Gott, was sieht man nicht alles! . . . Den Fluß, Wiesen und Wald; die Kirche, und dann wieder Wiesen. Weit, weit kann man dort se­hen. So weit. . . man schaut, man schaut, mein Gott! Hier ist freilich der Boden besser, Lehmboden, guter Lehmboden, sagen die Bauern; aber für mich gedeiht überall Brot genug.“
„Sag‘ mal. Alter, die Wahrheit, du möchtest wohl gern die Heimat wiedersehen?“
„Ja, das möchte ich gern. Übrigens ist es überall gut. Ich habe keine Familie, bin ein un­ruhiger Mensch. Was hat man auch, wenn man immer zu Hause hockt? Wenn man aber wandert, wenn man wandert,“ fuhr er mit er­hobener Stimme fort, „so ist es gleich leich­ter ums Herz. Die Sonne wärmt dich, Gott sieht dich überall, und es singt sich besser. Hier siehst du, was für ein Kraut da wächst, du merkst es und pflückst es dir. Dort fließt ein Wasser, Quellwasser: es ist heiliges Wasser, du trinkst da­von und merkst es dir. Die Vögel des Himmels singen . . . Hinter Kursk beginnt aber die Steppe, ein wahres Wunder, eine Augenweide für den Menschen: diese Freiheit, dieser Segen Gottes! Die Steppe zieht sich, wie die Leute sagen, bis zum warmen Meere hin, wo der Vogel Gamajun mit der süßen Stimme lebt, wo das Laub von den Bäumen weder im Winter noch im Herbste fällt, wo goldene Äpfel auf silbernen Ästen wachsen und jeder Mensch in Zufrieden­heit und Gerechtigkeit lebt . . . Dorthin wäre ich wohl gern gegangen . . . Ich bin schon viel herumgekommen! Bin in Romny gewesen, in der schönen Stadt Ssimbirsk und auch in Moskau mit den goldenen Kuppeln; ich war an der Oka, der Ernährerin, an der Zna, dem Täubchen, und an der Mutter Wolga, habe viele Menschen gesehen, gute Christen, habe viele fromme Städte besucht … So würde ich gern hingehen . . . Und nicht ich Sünder allein … viele andere Christen gehen in Bastschuhen durch die Welt und suchen die Wahrheit… ja!… Was hat man aber zu Hause? Es ist keine Gerechtigkeit im Menschen, das ist es …“
Die letzten Worte sprach Kaßjan sehr schnell, fast un­verständlich; dann sagte er noch et­was, was ich gar nicht hören konnte, sein Gesicht nahm aber einen so merkwürdi­gen Ausdruck an, daß ich unwillkürlich an das Wort „Narr in Christo“ denken mußte. Er schlug die Augen nieder, hüstelte und kam gleichsam zu sich.
„Diese Sonne!“ sagte er halblaut. „Dieser Segen, mein Gott! So warm im Walde!“
Er zuckte die Achsem, schwieg eine Weile, sah zerstreut um sich und stimmte ein leises Lied an. Ich konnte nicht alle Worte seines gedehnten Liedes verstehen; folgendes hörte ich:
„Doch mein Name ist Kaßjan,
Bei den Leuten heiß‘ ich Floh . . .“

Ah! – dachte ich mir, – er dichtet auch! – Plötzlich fuhr er zusammen, verstummte und blickte unverwandt ins Waldesdickicht. Ich wandte mich um und sah ein kleines Bau­ernmädchen von etwa acht Jahren, in einem blauen Sarafan, mit einem gewürfelten Tuch auf dem Kopf und einem geflochtenen Körbchen auf dem sonnenver­brannten bloßen Arm. Sie hatte wohl nicht erwartet, uns hier zu treffen; sie war auf uns, sozu­sagen, gestoßen und stand unbeweglich im grünen Schatten des Haselgebüsches, auf der schattigen Waldwiese und betrachtete mich scheu mit ihren schwarzen Augen. Ich hatte kaum Zeit gehabt, sie mir näher anzusehen, denn sie verschwand gleich hinter einem Baum.
„Annuschka! Annuschka! Komm mal her, fürchte dich nicht“, rief ihr der Alte freund­lich zu.
„Ich fürchte mich“, antwortete ein dünnes Stimmchen.
„Fürchte dich nicht, komm zu mir.“
Annuschka verließ schweigend ihr Versteck, ging lang­sam herum – ihre kindlichen Füße traten kaum hörbar auf das dichte Gras – und kam dicht neben dem Alten aus dem Dickicht heraus. Das Mädchen war nicht acht Jahre alt, wie ich anfangs, da sie so klein war, geglaubt hatte, sondern dreizehn oder vierzehn. Ihr Körper war klein und schmächtig, aber biegsam und gewandt; das hübsche Gesichtchen hatte eine erstaunli­che Ähnlichkeit mit dem Gesichte Kaßjans, obwohl Kaßjan durchaus kein schöner Mann war. Die gleichen scharfen Züge, der gleiche seltsame Blick, schlau und zutrau­lich, nachdenklich und durchdringend, auch die gleichen Bewegungen . . . Kaßjan sah sie an; sie stand seitwärts zu ihm.
„Nun, hast du Pilze gesammelt?“ fragte er.
„Ja, Pilze“, antwortete sie mit einem schüchternen Lächeln.
„Hast du viel gefunden?“
„Ja, viel.“ (Sie warf ihm einen schnellen Blick zu und lächelte wieder.) „Sind auch weiße dabei?“
„Auch weiße.“
„Zeig‘ mal, zeig‘ mal… (Sie ließ das Körbchen vom Arme gleiten und hob das große Blatt, mit dem die Pilze bedeckt waren, halb in die Höhe.)
„Ach!“ sagte Kaßjan, sich über das Körbchen beugend: „So schöne Pilze! Brav, Annuschka!“
„Ist es deine Tochter, Kaßjan, wie?“ fragte ich. (Annuschkas Gesicht rötete sich leicht.)
„Nein, eine Verwandte“, versetzte Kaßjan mit geheu­chelter Gleichgültigkeit. „Nun, Annuschka, geh“, fügte er sofort hinzu, „geh mit Gott. Paß aber auf. . .“
„Warum soll sie zu Fuß gehen?“ unterbrach ich ihn. „Wir können sie doch im Wagen mitnehmen .. .“
Annuschka wurde rot wie eine Mohnblüte, faßte mit beiden Händen die Schnur des Körbchens und sah den Alten unruhig an.
„Nein, sie kommt auch zu Fuß hin“, antwortete er mit derselben gleichgültigen und trä­gen Stimme. „Was macht es ihr? . . . Sie kommt auch so hin . . . Geh.“
Annuschka verschwand schnell im Walde. Kaßjan blickte ihr nach, schlug dann die Augen nieder und lächelte. In diesem langen Lächeln, in den wenigen Worten, die er zu Annuschka gesagt, und selbst im Tone seiner Stimme, mit der er zu ihr gesprochen hatte, lag eine unsagbare leidenschaftliche Liebe und Zärtlichkeit. Er blickte noch ein­mal in die Richtung, wo sie verschwunden war, lächelte wieder, rieb sich das Gesicht und schüttelte einige Male den Kopf.
„Warum hast du sie so schnell weggeschickt?“ fragte ich ihn; „Ich hätte ihr die Pilze abgekauft . . .“
„Sie können sie auch zu Hause kaufen, wenn Sie mögen“, antwortete er mir; er sprach mich zum ersten Male mit .Sie“ an.
„Das Mädel ist aber wunderhübsch.“
„Nein … wo …“, antwortete er gleichsam widerwillig und verfiel von diesem Augenbli­cke an in seine frühere Schweigsamkeit.
Als ich sah, daß alle meine Bemühungen, ihn zum Sprechen zu bringen, vergeblich blieben, ging ich wieder an die abgeholzte Stelle. Außerdem hatte die Hitze etwas nach­gelassen; aber mein Mißgeschick hielt an, und ich kehrte mit einem einzigen Wachtel­könig und mit der neuen Achse zur Siedelung zurück. Kurz vor seinem Hofe wandte sich Kaßjan plötzlich zu mir um.
„Herr, du, Herr!“ sagte er: „Ich bin vor dir schuldig: ich habe dir das ganze Wild vertrieben.“
„Wieso?“
„Das weiß ich schon. Du hast einen guten, gelehrten Hund, aber auch er konnte nichts ausrichten. Man denkt sich, was kann so ein Mensch, wie? Da ist auch ein Tier, was hat man aber aus ihm gemacht?“
Es wäre vergebens, Kaßjan von der Unmöglichkeit zu überzeugen, das Wild zu „bespre­chen“. Darum antwortete ich ihm nichts. Auch fuhren wir schon zum Tore hinein.
Annuschka war nicht in der Stube; sie war schon da­gewesen und hatte das Körbchen mit den Pilzen zurück­gelassen. Jerofej brachte die neue Achse an, nachdem er sie zuvor einer strengen und ungerechten Kritik unter­worfen hatte; nach einer Stunde fuhr ich ab und ließ Kaßjan etwas Geld zurück, das er erst nicht annehmen wollte, dann aber, nach­dem er es eine Zeitlang auf der flachen Hand gehalten, doch in den Busen steckte. Im Laufe dieser Stunde sprach er fast kein einziges Wort; er stand wie früher ans Tor ge­lehnt, beantwortete die Vor­würfe meines Kutschers nicht und nahm von mir recht kühl Abschied.
Gleich nach meiner Rückkehr merkte ich, daß mein Jerofej sich wieder in einer düsteren Gemütsstimmung be­fand … Er hatte in der Tat im ganzen Dorfe nichts Eß­bares auf­treiben können, und auch das Wasser für die Pferde war schlecht. Wir fuhren ab. Er saß mit einem Mißvergnügen, das sich sogar in seinem Nacken spiegelte, auf dem Bock und hatte furchtbar große Lust, mit mir zu reden; aber in Erwartung, daß ich an ihn zuerst eine Frage richte, beschränkte er sich auf ein leises Brummen und auf belehrende, mit­unter auch beißende Worte, die er an die Pferde richtete. „Das nennt sich auch ein Dorf!“ murmelte er; „Ein schönes Dorf! Ich fragte nach Kwaß, sie haben nicht mal Kwaß. . . Du, mein Gott! Das Wasser ist aber einfach zum Speien! (Er spuckte laut aus.) Weder Gurken noch Kwaß, gar nichts . . . Du, du!“ fügte er laut hinzu, sich an das rech­te Seitenpferd wendend: „Ich kenne dich, du Heuchler! Du machst es dir leicht. . . (Er ver­setzte ihm einen Schlag mit der Peitsche.) Das Pferd hat seine ganze Rechtschaffen­heit verloren, war aber früher ein so gehorsames Tier. . . Nun, nun, sieh dich nur um!“
„Sag‘ mal, bitte, Jerofej,“ begann ich, „was ist dieser Kaßjan für ein Mensch?“
Jerofej gab mir nicht sogleich Antwort. Er war über­haupt ein Mann, der sich alles lange überlegte und sich nicht übereilte; aber ich konnte gleich merken, daß meine Frage ihn erheiterte und beruhigte.
„Der Floh?“ begann er endlich, indem er an den Zügeln zupfte: „Ein merkwürdiger Mensch, ein Narr in Christo; einen so merkwürdigen Menschen findet man nicht leicht wieder. Er ist ganz wie unser Brauner: auch er ist ganz aus Rand und Band geraten . . . das heißt, er will gar nicht arbeiten. Freilich, was ist er auch für ein Arbeiter? . . Er at­met ja kaum, aber dennoch … Er ist von Kind auf so. Anfangs war er mit seinen Onkeln Fuhrmann; seine Onkel hielten Troikas; dann wurde es ihm aber zu dumm und er gab es auf. Er lebte zu Hause, konnte aber zu Hanse nicht lange aushallen: so unruhig ist er wie ein Floh. Zum Glück hatte er einen guten Herrn, der zwang ihn zu nichts. Seitdem treibt er sich immer herum wie ein herrenloses Schaf. Ein merkwürdiger Mensch, weiß Gott: bald schweigt er wie ein Baumstumpf, bald fängt er zu reden an; was er aber zusammen­redet, das weiß Gott allein. Ist das eine Manier? Das ist doch keine Manier. Ein un­sinniger Mensch, wirklich. Aber er singt gut. So feierlich, da ist nichts zu sagen.“
„Behandelt er Kranke?“
„Ach was!.. Wie kommt er dazu! So ein Mensch! Mich hat er übrigens von den Skrofeln geheilt. .. Wie kommt er dazu! Ein ganz dummer Mensch“, fügte er nach einer Pause hinzu.
„Kennst du ihn schon lange?“
„Schon lange. Wir waren in Ssytschowka Nachbarn an der Krassiwaja-Metsch.“
„Und das Mädel, das wir im Walde sahen, die Annuschka, ist sie mit ihm verwandt?“
Jerofej sah mich über die Schulter an und grinste übers ganze Gesicht.
„Ha! . . Ja, verwandt. Sie ist ein Waisenkind; sie hat keine Mutter, und man weiß auch nicht, wer ihre Mutter war. Muß aber mit ihm verwandt sein: sie sieht ihm gar zu ähnlich . . . Sie lebt bei ihm. Ein flinkes Mädel, das muß man wohl sagen, ein gutes Mädel, der Alte liebt sie mit ganzer Seele: ein nettes Mädel. Sie werden es mir nicht glauben, aber er ist imstande, seine Annuschka lesen zu leh­ren. Bei Gott, das sieht ihm ähnlich: so ein ungewöhnlicher Mensch ist er eben. Ein unbeständiger, unberechenbarer Mensch… He, he, he!“ unterbrach mein Kutscher plötz­lich sich selbst. Er hielt die Pferde an, neigte sich auf die Seite und begann in der Luft zu schnuppern. „Ich glaube, es ist Brandgeruch? Wirklich! Diese neuen Achsen… Da­bei habe ich sie so geschmiert… Ich muß schauen, daß ich etwas Wasser auftreibe; da ist auch ein kleiner Teich.“
Jerofej kletterte langsam vom Bock, band den Eimer ab, ging zum Teich, kehrte zurück und hörte mit Ver­gnügen zu, wie die plötzlich mit Wasser übergossene Rad­buchse zischte . . . Auf der Strecke von zehn Werst mußte er an die sechsmal die heißgelaufene Achse begießcn und es war schon ganz finster, als wir nach Hause zurück­kehrten.

 

 

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