Jugend, Militär und explosive Experimente

Meine früheste Jugenderinnerung ist eine kleine Heldenthat, die sich vielleicht deswegen meinem Gedächtnisse so fest einprägte, weil sie einen bleibenden Einfluß auf die Entwickelung meines Charakters ausgeübt hat. Meine Eltern lebten bis zu meinem achten Lebensjahre in meinem Geburtsorte Lenthe bei Hannover, wo mein Vater das einem Herrn von Lenthe gehörige »Obergut« gepachtet hatte. Ich muß etwa fünf Jahre alt gewesen sein und spielte eines Tages im Zimmer meines Vaters, als meine drei Jahr ältere Schwester Mathilde laut weinend von der Mutter ins Zimmer geführt wurde. Sie sollte ins Pfarrhaus zu ihrer Strickstunde gehen, klagte aber, daß ein gefährlicher Gänserich ihr immer den Eintritt in den Pfarrhof wehre und sie schon wiederholt gebissen habe. Sie weigerte sich daher entschieden, trotz allen Zuredens der Mutter, ohne Begleitung in ihre Unterrichtsstunde zu gehen. Auch meinem Vater gelang es nicht, ihren Sinn zu ändern; da gab er mir seinen Stock, der ansehnlich größer war als ich selbst, und sagte: »Dann soll Dich Werner hinbringen, der hoffentlich mehr Courage hat wie Du.« Mir hat das wohl zuerst etwas bedenklich geschienen, denn mein Vater gab mir die Lehre mit auf den Weg: »Wenn der Ganter kommt, so geh ihm nur muthig entgegen und haue ihn tüchtig mit dem Stock, dann wird er schon fortlaufen!« Und so geschah es. Als wir das Hofthor öffneten, kam uns richtig der Gänserich mit hoch aufgerichtetem Halse und schrecklichem Zischen entgegen. Meine Schwester kehrte schreiend um, und ich hatte die größte Lust, ihr zu folgen, doch ich traute dem väterlichen Rathe und ging dem Ungeheuer, zwar mit geschlossenen Augen, aber tapfer mit dem Stocke um mich schlagend entgegen. Und siehe, jetzt bekam der Gänserich Furcht und zog sich laut schnatternd in den Haufen der auch davonlaufenden Gänse zurück.

Es ist merkwürdig, welch tiefen, dauernden Eindruck dieser erste Sieg auf mein kindliches Gemüth gemacht hat. Noch jetzt, nach fast 70 Jahren, stehen alle Personen und Umgebungen, die mit diesem wichtigen Ereignisse verknüpft waren, mir klar vor Augen. An dasselbe knüpft sich die einzige mir gebliebene Erinnerung an das Aussehen meiner Eltern in ihren jüngeren Jahren, und unzählige Male hat mich in späteren schwierigen Lebenslagen der Sieg über den Gänserich unbewußt dazu angespornt, drohenden Gefahren nicht auszuweichen, sondern sie durch muthiges Entgegentreten zu bekämpfen.

Mein Vater entstammte einer seit dem dreißigjährigen Kriege am nördlichen Abhange des Harzes angesessenen, meist Land- und Forstwirthschaft treibenden Familie. Eine alte Familienlegende, die von neueren Familienhistorikern allerdings als nicht erwiesen verworfen wird, erzählt, daß unser Urahn mit den Tillyschen Schaaren im dreißigjährigen Kriege nach Norddeutschland gekommen sei und Magdeburg mit erstürmt, dann aber eine den Flammen entrissene Magdeburger Bürgerstochter geheirathet habe und mit ihr nach dem Harz gezogen sei. – Wie schon die Existenz eines getreulich geführten Stammbaums, die in bürgerlichen Familien ja etwas seltenes ist, beweist, hat in der Familie Siemens immer ein gewisser Zusammenhang obgewaltet. In neuerer Zeit trägt die alle fünf Jahre in einem Harzort stattfindende Familienversammlung sowie eine im Jahre 1876 begründete Familienstiftung dazu bei, diesen Zusammenhang der heute sehr ausgebreiteten Familie zu befestigen.

Wie die meisten Siemens war auch mein Vater sehr stolz auf seine Familie und erzählte uns Kindern häufig von Angehörigen derselben, die sich im Leben irgendwie hervorgethan hatten. Ich erinnere mich aber aus diesen Erzählungen außer meines Großvaters mit seinen fünfzehn Kindern, von denen mein Vater das jüngste war, nur noch eines Kriegsraths Siemens, der eine gebietende Stellung im Rathe der freien Stadt Goslar inne hatte, gerade in der Zeit, als die Stadt ihre Reichsunmittelbarkeit verlor. Mein Großvater hatte den Gutsbesitz des Reichsfreiherrn von Grote, bestehend aus den Gütern Schauen und Wasserleben am nördlichen Fuße des Harzes, gepachtet. Wasserleben war der Geburtsort meines Vaters. Unter den Jugendgeschichten, die der Vater uns Kindern gern erzählte, sind mir zwei in lebhafter Erinnerung geblieben.

Es werden jetzt etwa 120 Jahre her sein, als der Duodezhof des reichsunmittelbaren Freiherrn von Grote durch die Ansage überrascht wurde, daß der König Friedrich II. von Preußen auf der Reise von Halberstadt nach Goslar das reichsfreiherrliche Gebiet überschreiten wolle. Der alte Reichsfreiherr erwartete den mächtigen Nachbar gebührender Weise mit seinem einzigen Sohne an der Spitze seines aus 2 Mann bestehenden Kontingentes zur Reichsarmee und begleitet von seinen Vasallen – meinem Großvater mit seinen Söhnen, sämmtlich hoch zu Roß. Als der alte Fritz mit seiner berittenen Eskorte sich der Grenze näherte, ritt der Reichsfreiherr ihm einige Schritte entgegen und hieß ihn in aller Form »in seinem Territorio« willkommen. Der König, dem die Existenz dieses Nachbarreiches vielleicht ganz entfallen war, schien überrascht von der Begrüßung, erwiederte den Gruß dann aber ganz formell und sagte zu seinem Gefolge gewandt: »Messieurs, voilà deux souverains qui se rencontrent!« Dieses Zerrbild alter deutscher Reichsherrlichkeit ist mir stets in Erinnerung geblieben und hat schon frühzeitig die Sehnsucht nach künftiger nationaler Einheit und Größe in uns Kindern angefacht.

An das geschilderte Ereigniß schloß sich bald ein anderes von tiefer gehender Bedeutung für den Groteschen Miniaturstaat. Mein Vater hatte vier Schwestern, von denen die eine, Namens Sabine, sehr schön und liebenswürdig war. Das erkannte bald der junge Reichsfreiherr und bot ihr Herz und Hand. Es ist mir nicht bekannt geworden, welche Stellung der alte Freiherr dazu eingenommen hatte; bei meinem Großvater fand der junge Herr aber entschiedene Ablehnung. Dieser wollte seine Tochter nicht in eine Familie eintreten lassen, die sie nicht als ihresgleichen anerkennen würde, und hielt fest an der Ansicht seiner Zeit, daß Heil und Segen nur einer Verbindung von Gleich und Gleich entsprieße. Er verbot seiner Tochter jeden weiteren Verkehr mit dem jungen Freiherrn und beschloß ihr dies durch Entfernung vom elterlichen Hause zu erleichtern. Doch die jungen Leute waren offenbar schon vom Geiste der Neuzeit ergriffen, denn am Morgen der geplanten Abreise erhielt mein Großvater die Schreckenskunde, daß der junge Freiherr seine Tochter während der Nacht entführt habe. Darob große Aufregung und Verfolgung des entflohenen Paares durch den Großvater und seine fünf erwachsenen Söhne. Die Spur der Flüchtigen wurde bis Blankenburg verfolgt und führte dort in die Kirche. Als der Eingang in diese erzwungen war, fand man das junge Paar am Altare stehend, wo der Pastor soeben die rechtsgültige Trauung vollzogen hatte.

Wie sich das Familiendrama zunächst weiter entwickelte, ist mir nicht mehr erinnerlich. Leider starb der junge Ehemann schon nach wenigen, glücklich verlebten Jahren seiner Ehe, ohne Kinder zu hinterlassen. Die Herrschaft Schauen fiel daher Seitenverwandten zu, freilich damit auch die Last, meiner Tante Sabine noch beinahe ein halbes Jahrhundert lang die gesetzliche, reichsfreiherrliche Wittwenpension zahlen zu müssen. Ich habe die liebenswürdige und geistreiche alte Dame zu Kölleda in Thüringen, wohin sie sich zurückgezogen hatte, als junger Artillerie-Officier wiederholt besucht. »Tante Grote« war auch im Alter noch schön und bildete damals den anerkannten Mittelpunkt unsrer Familie. Auf uns junge Leute übte sie einen fast unwiderstehlichen Einfluß aus, und es war für uns ein wahrer Genuß, sie von Personen und Anschauungen ihrer für uns beinahe verschollenen Jugendzeit sprechen zu hören.

Mein Vater war ein kluger, hochgebildeter Mann. Er hatte die gelehrte Schule in Ilfeld am Harz und darauf die Universität Göttingen besucht, um sich gründlich für den auch von ihm gewählten landwirthschaftlichen Beruf vorzubilden. Er gehörte mit Herz und Sinn dem Theile der deutschen Jugend an, der, unter den Stürmen der großen französischen Revolution aufgewachsen, für Freiheit und Deutschlands Einigung schwärmte. Einst wäre er in Kassel beinahe den Schergen Napoleons in die Hände gefallen, als er sich den schwachen Versuchen schwärmender Jünglinge anschloß, die nach der Niederwerfung Preußens noch Widerstand leisten wollten. Nach dem Tode seines Vaters ging er zum Amtsrath Deichmann nach Poggenhagen bei Hannover, um die Landwirthschaft praktisch zu erlernen. Dort verliebte er sich bald in die älteste Tochter des Amtsraths, meine geliebte Mutter Eleonore Deichmann, und heirathete sie trotz seiner Jugend – er war kaum 25 Jahre alt – nachdem er die Pachtung des Gutes Lenthe übernommen hatte.

Zwölf Jahre lang führten meine Eltern in Lenthe ein glückliches Leben. Leider waren aber die politischen Verhältnisse Deutschlands und namentlich des wieder unter englische Herrschaft gekommenen Landes Hannover für einen Mann wie meinen Vater sehr niederdrückend. Die englischen Prinzen, die damals in Hannover Hof hielten, kümmerten sich nicht viel um das Wohlergehen des Landes, das sie wesentlich nur als ihr Jagdgebiet betrachteten. Daher waren auch die Jagdgesetze sehr streng, so daß allgemein behauptet wurde, es wäre in Hannover weit strafbarer, einen Hirsch zu tödten als einen Menschen! Eine Wildschädigung durch unerlaubte Abwehrmittel, deren mein Vater angeklagt wurde, war auch der Grund, warum er Hannover verließ und sich in Mecklenburg eine neue Heimath suchte.

Das Obergut Lenthe liegt an einem bewaldeten Bergrücken, dem Benther Berge, der mit dem ausgedehnten Deistergebirge in Zusammenhang steht. Die Hirsche und Wildschweine, die für die prinzlichen Jagden geschont wurden und ihrer Unverletzlichkeit sicher waren, besuchten in großen Schaaren die Lenther Fluren mit besonderer Vorliebe. Wenn auch die ganze Dorfschaft bemüht war, durch eine nächtliche Wächterkette die Saaten zu schützen, so vernichtete das in Masse hervorbrechende Wild doch oft in wenigen Stunden die auf die Arbeit eines ganzen Jahres gebauten Hoffnungen. Während eines strengen Winters, als Wald und Feld dem Wild nicht hinlängliche Nahrung boten, suchte es diese oft in ganzen Rudeln in den Dörfern selbst. Eines Morgens meldete der Hofmeister meinem Vater, es sei ein Rudel Hirsche auf dem Hofe; man habe das Thor geschlossen, und er frage an, was mit den Thieren geschehen solle. Mein Vater ließ sie in einen Stall treiben und schickte einen expressen Boten an das Königliche Ober-Hof-Jägeramt in Hannover mit der Anzeige des Geschehenen und der Anfrage, ob er ihm die Hirsche vielleicht nach Hannover schicken solle. Das sollte ihm aber schlecht bekommen! Es dauerte nicht lange, so erschien eine große Untersuchungscommission, welche die Hirsche in Freiheit setzte und während einer mehrtägigen Kriminaluntersuchung das Factum feststellte, daß den Hirschen Zwang angethan sei, als man sie wider ihren Willen in den Stall trieb. Mein Vater mußte sich noch glücklich schätzen, mit einer schweren Geldstrafe davonzukommen.

Es ist dies ein kleines Bild der damaligen Zustände der »Königlich Großbritannischen Provinz Hannover«, wie meine lieben Landsleute ihr Land gern mit einem gewissen Stolze nannten. Doch auch in den übrigen deutschen Landen waren die Verhältnisse nicht allzuviel besser, trotz französischer Revolution und der glorreichen Freiheitskriege. Es ist gut, wenn die verhältnißmäßig glückliche Jugend der heutigen Zeit mit den Leiden und oft hoffnungslosen Sorgen ihrer Väter hin und wieder die ihrigen vergleicht, um pessimistischen Anschauungen besser widerstehen zu können.

Die freieren Zustände, die mein Vater suchte, fand er in der That in dem zu Mecklenburg-Strelitz gehörigen Fürstenthum Ratzeburg, wo er die großherzogliche Domaine Menzendorf auf eine lange Reihe von Jahren in Pacht erhielt. In diesem gesegneten Ländchen gab es außer Domainen und Bauerndörfern nur ein einziges adeliges Gut. Die Bauern waren damals zwar noch zu Frohndiensten auf den Domainen verpflichtet, doch wurden diese schon in den nächsten Jahren nach unsrer Uebersiedelung abgelöst und der bäuerliche Grundbesitz von allen Lasten und auch fast allen Abgaben befreit.

Es waren glückliche Jugendjahre, die ich in Menzendorf mit meinen Geschwistern, ziemlich frei und wild mit der Dorfjugend aufwachsend, verlebte. Die ersten Jahre streiften wir älteren Kinder – meine Schwester Mathilde, ich und meine jüngeren Brüder Hans und Ferdinand – frei und ungebunden durch Wald und Flur. Unsern Unterricht hatte meine Großmutter, die seit dem Tode ihres Mannes bei uns wohnte, übernommen. Sie lehrte uns lesen und schreiben und übte unser Gedächtniß durch Auswendiglernen unzähliger Gedichte. Vater und Mutter waren durch ihre wirthschaftlichen Sorgen und letztere auch durch die in schneller Folge anwachsende Schaar meiner jüngeren Geschwister zu sehr in Anspruch genommen, um sich viel mit unsrer Erziehung beschäftigen zu können. Mein Vater war ein zwar herzensguter, aber sehr heftiger Mann, der unerbittlich strafte, wenn einer von uns seine Pflicht nicht that, nicht wahrhaft war, oder sonst unehrenhaft handelte. Furcht vor des Vaters Zorn und Liebe zur Mutter, der wir keinen Kummer machen wollten, hielt unsre kleine, sonst etwas verwilderte Schaar in Ordnung. Als erste Pflicht galt die Sorge der älteren Geschwister für die jüngeren. Es ging das so weit, daß die älteren mit bestraft wurden, wenn eins der jüngeren etwas strafbares begangen hatte. Das lastete namentlich auf mir als dem ältesten und hat das Gefühl der Verpflichtung, für meine jüngeren Geschwister zu sorgen, schon früh in mir geweckt und befestigt. Ich maaßte mir daher auch das Strafrecht über meine Geschwister an, was oft zu Koalitionen gegen mich und zu heftigen Kämpfen führte, die aber immer ausgefochten wurden, ohne die Intervention der Eltern anzurufen. Ich entsinne mich eines Vorfalls aus jener Zeit, den ich erzählen will, da er charakteristisch für unser Jugendleben ist.

Mein Bruder Hans und ich lagen mit oft günstigem Erfolge der Jagd auf Krähen und Raubvögel mit selbstgefertigten Flitzbogen ob, in deren Handhabung wir große Sicherheit erlangt hatten. Bei einem dabei ausgebrochenen Streite brachte ich das Recht des Stärkeren meinem jüngeren Bruder gegenüber zur Geltung. Dieser erklärte das für unwürdig und verlangte, daß der Streit durch ein Duell entschieden würde, bei dem meine größere Stärke nicht entscheidend wäre. Ich fand das billig, und wir schritten zu einem richtigen Flitzbogenduell nach den Regeln, die wir durch gelegentliche Erzählungen meines Vaters aus seiner Studentenzeit kannten. Zehn Schritte wurden abgemessen, und auf mein Kommando »los« schossen wir beide unsre gefiederten Pfeile mit einer angeschärften Stricknadel als Spitze auf einander ab. Bruder Hans hatte gut gezielt. Sein Pfeil traf meine Nasenspitze und drang unter der Haut bis zur Nasenwurzel vor. Unser darauf folgendes gemeinschaftliches Geschrei rief den Vater herbei, der den stecken gebliebenen Pfeil herausriß und sich darauf zur Züchtigung des Missethäters durch Ausziehen seines Pfeifenrohres rüstete. Das widerstritt meinem Rechtsgefühl. Ich trat entschieden zwischen Vater und Bruder und sagte: »Vater, Hans kann nichts dafür, wir haben uns duellirt«. Ich sehe noch das verdutzte Gesicht meines Vaters, der doch gerechter Weise nicht strafen konnte, was er selbst gethan hatte und für ehrenhaft hielt. Er steckte auch ruhig sein Pfeifenrohr wieder in die Schwammdose und sagte nur: »Laßt künftig solche Dummheiten bleiben«.

Als meine Schwester und ich dem Unterricht der Großmutter Deichmann – geborene von Scheiter, wie sie nie vergaß ihrer Unterschrift beizufügen – entwachsen waren, gab uns der Vater ein halbes Jahr lang selbst Unterricht. Der Abriß der Weltgeschichte und Völkerkunde, den er uns diktirte, war geistreich und originell und bildete die Grundlage meiner späteren Anschauungen. Als ich elf Jahre alt geworden war, ward meine Schwester in eine Mädchenpension nach der Stadt Ratzeburg gebracht, während ich die Bürgerschule des benachbarten Städtchens Schönberg von Menzendorf aus besuchte. Bei gutem Wetter mußte ich den etwa eine Stunde langen Weg zu Fuß machen. Bei schlechtem Wetter waren die Wege grundlos, und ich ritt dann auf einem Pony zur Schule. Dies und meine Gewohnheit, Neckereien immer gleich thätlich zurückzuweisen, führte bald zu einer Art Kriegszustand mit den Stadtschülern, durch deren mir den Rückweg versperrenden Haufen ich mir in der Regel erst mit eingelegter Lanze – einer Bohnenstange – den Weg bahnen mußte. Dieses Kampfspiel, bei dem mir die Bauernjungen meines Dorfes bisweilen zu Hülfe kamen, dauerte ein ganzes Jahr. Es trug sicher viel dazu bei, meine Thatkraft zu stählen, gab aber nur sehr mäßige wissenschaftliche Resultate.

Eine entschiedene Wendung meines Jugendlebens trat Ostern 1828 dadurch ein, daß mein Vater einen Hauslehrer engagirte. Die Wahl meines Vaters war eine außerordentlich glückliche. Der Candidat der Theologie Sponholz war ein noch junger Mann. Er war hochgebildet, aber schlecht angeschrieben bei seinen geistlichen Vorgesetzten, da seine Theologie zu rationalistisch, zu wenig positiv war, wie man heute sagen würde. Über uns halbwilde Jungen wußte er sich schon in den ersten Wochen eine mir noch heute räthselhafte Herrschaft zu verschaffen. Er hat uns niemals gestraft, kaum jemals ein tadelndes Wort ausgesprochen, betheiligte sich aber oft an unsern Spielen und verstand es dabei wirklich spielend, unsere guten Eigenschaften zu entwickeln und die schlechten zu unterdrücken. Sein Unterricht war im höchsten Grade anregend und anspornend. Er wußte uns immer erreichbare Ziele für unsre Arbeit zu stellen und stärkte unsre Thatkraft und unsern Ehrgeiz durch die Freude über die Erreichung des gesteckten Zieles, die er selbst dann aufrichtig mit uns theilte. So gelang es ihm schon in wenigen Wochen, aus verwilderten, arbeitsscheuen Jungen die eifrigsten und fleißigsten Schüler zu machen, die er nicht zur Arbeit anzutreiben brauchte, sondern vom Übermaaß derselben zurückhalten mußte. In mir namentlich erweckte er das nie erloschene Gefühl der Freude an nützlicher Arbeit und den ehrgeizigen Trieb, sie wirklich zu leisten. Ein wichtiges Hilfsmittel, das er dazu brauchte, waren seine Erzählungen. Wenn uns am späten Abend die Augen bei der Arbeit zufielen, so winkte er uns zu sich auf das alte Ledersopha, auf dem er neben unserm Arbeitstische zu sitzen pflegte, und während wir uns an ihn schmiegten, malte er uns Bilder unsres eignen künftigen Lebens aus, welche uns entweder auf Höhepunkten des bürgerlichen Lebens darstellten, die wir durch Fleiß und moralische Tüchtigkeit erklommen hatten und die uns in die Lage brachten, auch die Sorgen der Eltern – die namentlich in jener für den Landwirth so schweren Zeit sehr groß waren – zu beseitigen, oder welche uns wieder in traurige Lebenslagen zurückgefallen zeigten, wenn wir in unserm Streben erlahmten und der Versuchung zum Bösen nicht zu widerstehen vermochten. Leider dauerte dieser glücklichste Theil meiner Jugendzeit nicht lange, nicht einmal ein volles Jahr. Sponholz hatte oft Anfälle tiefer Melancholie, die wohl zum Theil seinem verfehlten theologischen Beruf und Lebenslauf, zum Theil Ursachen entsprang, die uns Kindern noch unverständlich waren. In einem solchen Anfalle verließ er in einer dunklen Winternacht mit einem Jagdgewehr das Haus und ward nach langem Suchen an einer entlegenen Stelle des Gutes mit zerschmettertem Schädel aufgefunden. Unser Schmerz über den Verlust des geliebten Freundes und Lehrers war grenzenlos. Meine Liebe und Dankbarkeit habe ich ihm bis auf den heutigen Tag bewahrt.

Der Nachfolger von Sponholz war ein ältlicher Herr, der schon lange Jahre in adeligen Häusern die Stelle eines Hauslehrers inne gehabt hatte. Er war fast in allen Punkten das Gegentheil von seinem Vorgänger. Sein Erziehungssystem war ganz formaler Natur. Er verlangte, daß wir vor allen Dingen folgsam waren und uns gesittet benahmen. Jugendliches Ungestüm war ihm durchaus zuwider. Wir sollten die vorgeschriebenen Stunden aufmerksam sein und unsre Arbeiten machen, sollten ihm auf Spaziergängen gesittet folgen und ihn außerhalb der Schulzeit nicht stören. Der arme Mann war kränklich und starb nach zwei Jahren in unserm Hause an der Lungenschwindsucht. Einen anregenden und bildenden Einfluß hatte er auf uns nicht, und ohne die nachhaltige Einwirkung, die Sponholz auf uns ausgeübt, würden die beiden Jahre wenigstens für mich und meinen Bruder Hans ziemlich nutzlos vergangen sein. Bei mir war aber der Wille, meine Pflicht zu thun und Tüchtiges zu lernen, durch Sponholz so fest begründet, daß ich mich nicht irre machen ließ und umgekehrt den Lehrer mit mir fortriß. Es hat mir in späteren Jahren oft leid gethan, daß ich dem armen, kranken Mann so häufig die nöthige Ruhe raubte, indem ich nach Schluß der Unterrichtszeit noch Stunden lang auf meinem Arbeitsplatze sitzen blieb und alle kleinen Mittel, die er anwendete, um mich los zu werden, unbeachtet ließ.

Nach dem Tode des zweiten Hauslehrers entschloß sich mein Vater, Bruder Hans und mich auf das Lübecker Gymnasium, die sogenannte Katharinenschule, zu bringen, und führte diesen Plan aus, nachdem ich in unsrer Pfarrkirche zu Lübsee konfirmirt war. Beim Eintrittsexamen wurde ich nach Obertertia, mein Bruder nach Untertertia gesetzt. Wir kamen in keine eigentliche Pension, sondern bezogen ein Privatquartier bei einem Lübecker Bürger, bei dem wir auch beköstigt wurden. Mein Vater hatte so unbedingtes Vertrauen zu meiner Zuverlässigkeit, daß er mir auch das volle Aufsichtsrecht über meinen etwas leicht gesinnten Bruder gab, bei dem die frühere Wildheit so ziem lich wieder zum Durchbruch gekommen war, wie schon der Beiname »der tolle Hans« zeigte, den er sich in der Schule erwarb.

Die Lübecker Katharinenschule bestand aus dem eigentlichen Gymnasium und der Bürgerschule, die beide unter demselben Direktor standen und bis zur Tertia des Gymnasiums Parallelklassen bildeten. Das Gymnasium genoß damals hohes Ansehn als gelehrte Schule. Im Wesentlichen wurden auf ihm nur die alten Sprachen getrieben. Der Unterricht in der Mathematik war sehr mangelhaft und befriedigte mich nicht, ich wurde in diesem Gegenstande in eine höhere Parallelklasse versetzt, obschon ich bis dahin Mathematik nur als Privatstudium betrieben hatte, da beide Hauslehrer nichts davon verstanden. Dagegen fielen mir die alten Sprachen recht schwer, weil mir die schulgerechte, feste Grundlage fehlte. So sehr mich das Studium der Klassiker auch interessirte und anregte, so sehr war mir das Erlernen der grammatischen Regeln, bei denen es nichts zu denken und zu erkennen gab, zuwider. Ich arbeitete mich zwar in den beiden folgenden Jahren gewissenhaft bis zur Versetzung nach Prima durch, sah aber doch, daß ich im Studium der alten Sprachen keine Befriedigung finden würde, und entschloß mich, zum Baufach, dem einzigen damals vorhandenen technischen Fache, überzugehen. Daher ließ ich in Secunda das griechische Studium fallen und nahm statt dessen Privatstunde in Mathematik und Feldmessen, um mich zum Eintritt in die Berliner Bauakademie vorzubereiten. Nähere Erkundigungen ergaben aber leider, daß das Studium auf der Bauakademie zu kostspielig war, um meinen Eltern in der für die Landwirthschaft immer schwieriger gewordenen Zeit, in der ein Scheffel Weizen für einen Gulden verkauft wurde, bei der großen Zahl von jüngeren Geschwistern ein solches Opfer auferlegen zu können.

Aus dieser Noth rettete mich der Rath meines Lehrers im Feldmessen, des Lieutenants im Lübecker Contingent, Freiherrn von Bülzingslöwen, der früher bei der preußischen Artillerie gedient hatte. Dieser rieth mir, beim preußischen Ingenieurcorps einzutreten, wo ich Gelegenheit erhalten würde, dasselbe zu lernen, was auf der Bauakademie gelehrt würde. Mein Vater, dem ich diesen Plan mittheilte, war ganz damit einverstanden und führte noch einen gewichtigen Grund dafür an, dessen große Wahrheit durch die neuere deutsche Geschichte in helles Licht gesetzt worden ist. Er sagte: »So, wie es jetzt in Deutschland ist, kann es unmöglich bleiben. Es wird eine Zeit kommen, wo Alles drunter und drüber geht. Der einzige feste Punkt in Deutschland ist aber der Staat Friedrichs des Großen und die preußische Armee, und in solchen Zeiten ist es immer besser, Hammer zu sein als Ambos.« Ich nahm daher Ostern 1834 im siebzehnten Lebensjahre Abschied von dem Gymnasium und wanderte mit sehr mäßigem Taschengelde nach Berlin, um unter die künftigen Hämmer zu gehen.

Als der schwere Abschied von der Heimath, von der innigst geliebten, im Uebermaaß ihrer Mühen und Sorgen schon kränkelnden Mutter und den zahlreichen, liebevoll an mir hängenden Geschwistern überwunden war, brachte mich mein Vater nach Schwerin, und ich trat von dort meine Wanderung an. Nachdem ich die preußische Grenze überschritten hatte und nun auf gradliniger, staubiger Chaussee durch eine baumlose und unfruchtbare Sandebene fortwanderte, überkam mich doch das Gefühl einer großen Vereinsamung, welches durch den traurigen Contrast der Landschaft mit meiner Heimath noch verstärkt wurde. Vor meiner Abreise war eine Deputation der angesehensten Bauern des Ortes bei meinem Vater erschienen, um ihn zu bitten, mich, der doch, »so ein gouder Junge« wäre, nicht nach dem Hungerlande Preußen zu schicken; ich fände ja zu Hause genug zu essen! Die Bauern wollten es meinem Vater nicht recht glauben, daß hinter dem öden Grenzsande in Preußen auch fruchtbares Land läge. Trotz meines festen Entschlusses, auf eigne Hand mein Fortkommen in der Welt zu suchen, wollte es mir doch jetzt scheinen, als ob die Bauern Recht hätten und ich einer traurigen Zukunft entgegenwanderte. Es war mir daher ein Trost, als ich auf der Wanderung einen munteren und ganz gebildeten jungen Mann traf, der gleich mir mit einem Ränzel auf dem Rücken gen Berlin wanderte. Er war in Berlin schon bekannt und schlug mir vor, mit ihm in seine Herberge zu gehen, die er sehr lobte.

Es war die Knopfmacherherberge, in der ich mein erstes Nachtquartier in Berlin nahm. Der Herbergsvater erkannte bald, daß ich nicht zu seiner gewohnten Gesellschaft gehörte, und schenkte mir sein Wohlwollen. Er schützte mich gegen die Hänseleien der jungen Knopfmacher und half mir am folgenden Tage, die Adresse eines entfernten Verwandten, des Lieutenants von Huet, der bei der reitenden Garde-Artillerie stand, zu erforschen. Vetter Huet nahm mich freundlich auf, bekam aber einen tödtlichen Schreck, als er hörte, ich sei in der Knopfmacherherberge abgestiegen. Er beauftragte sofort seinen Burschen, mein Ränzel aus der Herberge zu holen und mir in einem kleinen Hotel der neuen Friedrichstraße ein Zimmer zu bestellen, erbot sich auch, nach der nothwendigen Verbesserung meiner Toilette mit mir zum damaligen Chef des Ingenieurcorps, dem General von Rauch, zu gehen und ihm meinen Wunsch vorzutragen.

Der. General redete mir entschieden ab, da bereits so viele Avantageure auf die Einberufung zur Artillerie- und Ingenieurschule warteten, daß ich vor vier bis fünf Jahren nicht hoffen dürfte, dahin zu gelangen. Er rieth mir, zur Artillerie zu gehen, deren Avantageure dieselbe Schule wie die Ingenieure besuchten und bedeutend bessere Aussichten hätten. So entschloß ich mich denn, bei der Artillerie mein Heil zu versuchen, und da bei der Garde kein Ankommen war, wanderte ich mit einer Empfehlung vom Vater des Lieutenants von Huet, dem Obersten a. D. von Huet, an den Kommandeur der 3. Artillerie-Brigade, Obersten von Scharnhorst, frohen Muthes nach Magdeburg.

Der Oberst – ein Sohn des berühmten Organisators der preußischen Armee – machte zwar anfangs auch große Schwierigkeiten mit dem Bemerken, daß der Andrang zum Eintritt auf Officiersavancement sehr groß wäre, und daß er von den fünfzehn jungen Leuten, die sich zum Examen bereits gemeldet hätten, nur die vier annehmen könnte, welche das Examen am besten bestehen würden. Er gab aber schließlich meinen Bitten nach und versprach, mich zum Examen zuzulassen, wenn Sr. Majestät der König genehmigen würde, daß ich als Ausländer in die preußische Armee eintreten dürfe. Ihm gefiel offenbar mein frisches, entschiedenes Auftreten, bestimmend war aber doch vielleicht der Umstand, daß er aus meinen Papieren ersah, daß meine Mutter eine geborene Deichmann aus Poggenhagen war, welches an das Gut seines Vaters grenzte.

Da das Eintrittsexamen erst Ende Oktober stattfinden sollte, so hatte ich noch drei Monate zur Vorbereitung. Ich wanderte daher weiter nach Rhoden am Nordabhange des Harzes, wo ein Bruder meines Vaters Gutsbesitzer war, und verlebte dort einige Wochen in traulichem Verkehr mit den Verwandten, von denen namentlich die beiden hübschen und liebenswürdigen erwachsenen Töchter einen großen Eindruck auf mich machten; gern ließ ich mir ihre erziehende Bemühungen um den jungen, noch etwas verwilderten Vetter gefallen. Dann ging ich mit meinem einige Jahre jüngeren Vetter Louis Siemens nach Halberstadt und bereitete mich dort eifrig auf das Eintrittsexamen vor.

Das Programm des Examens, das der Oberst von Scharnhorst mir eingehändigt hatte, machte mir doch große Bedenken. Außer Mathematik verlangte man namentlich Geschichte, Geographie und Französisch und diese Fächer wurden auf dem Lübecker Gymnasium sehr oberflächlich getrieben. Die Lücken auszufüllen wollte in ein paar Monaten nur schwer gelingen. Es fehlte mir auch noch die Entlassung vom mecklenburgischen Militärdienst, von dem mein Vater mich erst freikaufen mußte, und die Erlaubniß des Königs zum Eintritt in die preußische Armee. Ich marschirte daher gegen Mitte Oktober recht sorgen schwer nach Magdeburg, wo ich den aus der Heimath erwarteten Brief mit den nöthigen Papieren noch nicht vorfand. Als ich dennoch zur festgesetzten Zeit zum Examen gehen wollte, begegnete mir zu meiner großen, freudigen Überraschung mein Vater, der mit einem leichten Fuhrwerk selbst nach Magdeburg gefahren war, um mir die Papiere rechtzeitig zu überbringen, da die Post damals noch zu langsam ging.

Das Examen verlief gleich am ersten Tage über Erwarten günstig für mich. In der Mathematik war ich meinen vierzehn Concurrenten entschieden überlegen. In der Geschichte hatte ich Glück und schnitt so leidlich ab. In den neueren Sprachen war ich wohl schwächer als die anderen, doch wurde mir bessere Kenntniß der alten Sprachen dafür angerechnet. Schlimmer schien es für mich in der Geographie zu stehen; ich merkte bald, daß die meisten darin viel mehr wußten als ich. Doch da half mir ein besonders günstiges Zusammentreffen. Examinator war ein Hauptmann Meinicke, der den Ruf eines sehr gelehrten und dabei originellen Mannes hatte. Er galt für einen großen Kenner des Tokayer Weins, wie ich später erfuhr, und das mochte ihn wohl veranlassen, nach der Lage von Tokay zu forschen. Niemand wußte sie, worüber er sehr zornig wurde. Mir als letztem der Reihe fiel zum Glück ein, daß es Tokayer Wein gab, der einst meiner kranken Mutter verordnet war, und daß der auch Ungarwein benannt wurde. Auf meine Antwort »in Ungarn, Herr Hauptmann!« erhellte sich sein Gesicht, und mit dem Ausruf »Aber meine Herren, Sie werden doch den Tokayer Wein kennen!« gab er mir die beste Censur in der Geographie.

So gehörte ich zu den vier Glücklichen, die das Examen am besten bestanden hatten, doch mußte ich noch bange vier Wochen auf die königliche Erlaubniß zum Eintritt in die Armee warten, und als sie Ende November kam, konnte ich doch nicht sogleich eingestellt werden, weil ich erst am 13. December 1816 geboren war, also das siebzehnte Jahr noch nicht zurückgelegt hatte. Ich erhielt aber einen besonderen Exerciermeister, der mich in Civilkleidung auf dem Magdeburger Domplatz tapfer drillte.

Meine Leistungen gewannen mir bald das Wohlgefallen des gestrengen Bombardiers, nur ein Punkt brachte ihn beinahe zur Verzweiflung. Ich hatte sehr stark gekräuseltes, hellbraunes Haar, welches sich durchaus der militärischen Regel nicht fügen wollte, die verlangte, daß das Haar an den Schläfen glatt anlag. Bei der Inspection hatte der Hauptmann einen Tadel über das ungeordnete Haar des Rekruten ausgesprochen, und es wurden nun alle möglichen Experimente mit mir angestellt, um diesen militärischen Fehler wenigstens einigermaaßen zu vertuschen. Am besten schien sich der Bodensatz des Magdeburger Bräuhahns, eines damals beliebten Bieres, dafür zu eignen. Ich mußte manche Flasche dazu liefern, von der ja leider immer nur der Bodensatz für mich verwendet werden konnte. Es gelang damit auch nach wiederholtem Gebrauche, meine Haare glatt anliegend zu machen, doch nach einiger Zeit revoltirten sie, und in der Regel brachen zum Entsetzen des Bombardiers gerade bei Vorstellungen wieder rebellische Locken aus der glatten Haarschicht hervor.

Ich denke an meine Rekrutenzeit trotz der großen mit ihr verknüpften Anstrengungen, sowie grober und scheinbar harter Behandlung durch die Exerciermeister noch heute mit Vergnügen zurück. Die Grobheit ist Manier und ist nicht mit kränkender Absicht verbunden. Sie geht daher auch nicht zu Herzen, hat im Gegentheil etwas Auffrischendes und Anregendes, namentlich wenn sie mit Humor verknüpft ist, wie es bei den berühmt gewordenen Mustern militärischer Grobheit fast immer der Fall war. Ist der Dienst vorbei, so ist die Grobheit vergessen und das kameradschaftliche Gefühl tritt wieder in sein Recht. Dies kameradschaftliche Gefühl, welches die ganze preußische Armee vom Könige herab bis zum Rekruten durchdringt, macht die strenge Disciplin, die oft bis zur äußersten Grenze der Leistungsfähigkeit gehenden Mühen und Beschwerden erträglich und bildet ihr festes Bindemittel in Freud und Leid. Dem langgedienten Soldaten wird es daher auch in der Regel sehr schwer, sich im Civildienst zurecht zu finden; es fehlt ihm in diesem die rücksichtslose Grobheit auf kameradschaftlicher Grundlage.

Nach sechsmonatlichem Exercitium kam das große Ereigniß des Avancements zum Bombardier. Es war ein erhebendes Gefühl, jetzt der Vorgesetzte von Hunderttausenden zu sein und von allen Gemeinen pflichtmäßig gegrüßt zu werden. Dann folgte das Commando zur reitenden Artillerie, darauf die interessante Schießübung, bei der mir zuerst die Erkenntniß meiner technischen Begabung kam, da mir alles selbstverständlich schien, was den meisten schwer wurde zu begreifen. Endlich, im Herbst des Jahres 1835, erhielt ich das ersehnte Commando zur vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule nach Berlin und damit die Erfüllung meines sehnlichen Wunsches, Gelegenheit zu finden, Nützliches zu lernen.

Die drei Jahre, welche ich vom Herbst 1835 bis zum Sommer 1838 auf der Berliner Artillerie- und Ingenieurschule zubrachte, zähle ich zu den glücklichsten meines Lebens. Das kameradschaftliche Leben mit jungen Leuten gleichen Alters und gleichen Strebens, das gemeinschaftliche Studium unter der Leitung tüchtiger Lehrer, von denen ich nur den Mathematiker Ohm, den Physiker Magnus und den Chemiker Erdmann nennen will, deren Unterricht mir eine neue, interessante Welt eröffnete, machten diese Zeit für mich zu einer außerordentlich genußreichen. Dazu kam, daß ich in einem meiner Brigadekameraden, William Meyer, einen wirklichen Freund gefunden hatte, mit dem mich fortan innige, opferfreudige Freundschaft bis zu seinem Tode verband. Ich hatte schon auf dem Lübecker Gymnasium den Anlauf zu einem solchen intimen Freundschaftsbunde genommen, da ich glaubte, in einem Mitschüler einen wirklichen Freund gefunden zu haben, doch als ich ihn einst besuchen wollte, ließ er sich verläugnen, und ich hatte doch deutlich gesehen, daß er zu Hause war und sich vor mir verbarg. Das erschien mir als ein so unverzeihlicher Bruch aufrichtiger Freundschaft, daß ich ihn mit tiefem Schmerze von mir stieß und es niemals wieder über mich gewann, ihm freundschaftliche Gesinnung zu zeigen.

William Meyer lernte ich bei der reitenden Artillerie in Burg kennen, wohin er bereits vor mir commandirt war. Er hatte eine wenig ansehnliche Figur, war in keiner Hinsicht hervorragend oder talentvoll, hatte aber einen klaren Verstand und gefiel mir schon damals durch sein gerades, ungeschminktes Wesen und seine unbeeinflußte Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit. Wir schlossen uns auf der Schule innig an einander an, lebten und studirten zusammen, bezogen ein gemeinsames Quartier und setzten dies später überall fort, wo die Verhältnisse es gestatteten. Unsere notorische Freundschaft und der Umstand, daß ich zuerst gegen die »Tyrannei der Fähnriche« revoltirte, was zu einem Duell mit meinem Stubenältesten führte, bei dem Meyer mir secundirte, bewirkten sonderbarer Weise, daß bei fast allen Paukereien, die im Laufe des ersten Jahres auf der Schule folgten, Meyer und ich zu Secundanten der gegnerischen Partheien gewählt wurden.

Diese Duelle hatten nur in wenigen Fällen gefährliche Verwundungen zur Folge, übten aber insofern eine sehr nützliche Wirkung aus, als sie einen gesitteten Umgangston unter den jungen Leuten herbeiführten. Unser Jahrgang war der erste, bei dem die Avantageure in beschränkter Zahl auf Grund eines ziemlich strengen Eintrittsexamens eingestellt und dann nach Absolvirung eines Dienstjahres zur Schule commandirt wurden. Früher machte man keinen Unterschied zwischen Officiers- und Unterofficierscandidaten, und es wurden dann oft erst nach Verlauf mehrerer Dienstjahre, die zum Theil in den Kasernen verbracht werden mußten, die Tüchtigsten oder auch wohl die Bestempfohlenen zur Schule commandirt. Der etwas rüde Umgangston, der von dem langen Verkehr mit ungebildeten Kameraden an den jungen Leuten haften geblieben war, fand in den Duellen das beste und am schnellsten wirkende Heilmittel.

Die dreijährige Schulzeit verlief für mich ohne wesentliche äußere Erlebnisse. Obschon ich sehr an Anfällen von Wechselfieber litt und auch einmal wegen Verletzung des Schienbeins mehrere Monate im Lazareth liegen mußte, gelang es mir doch, die drei Examina – das Fähnrich-, das Armeeofficier- und schließlich das Artillerieofficierexamen – glücklich, wenn auch ohne Auszeichnung, zu bestehen. Ich hatte mir mit eisernem Fleiße das für diese Examina nöthige Gedächtnißmaterial eingepaukt, um es nachher noch schneller wieder zu vergessen, hatte aber alle mir frei bleibende Zeit meinen Lieblingswissenschaften, Mathematik, Physik und Chemie gewidmet. Die Liebe zu diesen Wissenschaften ist mir mein ganzes Leben hindurch treu geblieben und bildet die Grundlage meiner späteren Erfolge.

Groß war die Freude, als ich nach Absolvirung der Schule mit meinem Freunde Meyer einen vierwöchentlichen Urlaub zum Besuche der Heimath erhielt. Meine Geschwister, deren Zahl schon auf zehn gewachsen war, und auch meine Eltern kannten mich kaum wieder. Das ganze Dorf freute sich mit ihnen über die Wiederkehr des »Muschü’s«, welches der hergebrachte Titel der Söhne »des Hofes« war. Es gab wirklich rührende Wiedersehensscenen mit den braven Leuten unseres und der benachbarten Dörfer, die übrigens großen Respect vor den preußischen Officieren hatten, denen sie das gefürchtete Hungerleiden der Preußen allerdings nicht ansehen konnten.

Meine ältere Schwester Mathilde feierte damals ihre Hochzeit mit dem Professor Karl Himly aus Göttingen, der mir bis zu seinem Tode ein lieber Freund geblieben ist. Hans und Ferdinand waren Landwirthe geworden. Der dritte meiner jüngeren Brüder, Wilhelm, war auf der Schule in Lübeck und sollte Kaufmann werden. Die nächstfolgenden, Friedrich und Karl, besuchten ebenfalls die Schule in Lübeck, wo sie bei einem jüngeren Bruder meiner Mutter, dem Kaufmann Ferdinand Deichmann, in Pension gegeben waren.

Daß Wilhelm Kaufmann werden sollte, wollte mir gar nicht gefallen. Einmal theilte ich damals die Abneigung der preußischen Officiere gegen den Kaufmannsstand, und dann interessirte mich auch Wilhelms eigenthümliches, etwas verschlossenes aber intelligentes Wesen und sein klarer Verstand. Ich bat daher meine Eltern, ihn mir nach meiner künftigen Garnison Magdeburg mitzugeben, um ihn die dortige angesehene Gewerbe- und Handelsschule besuchen zu lassen. Die Eltern willigten ein, und so nahmen wir ihn denn mit uns nach Magdeburg, wo ich ihn in einer kleinen Pensionsanstalt unterbrachte, da ich reglementsmäßig das erste Jahr in der Kaserne wohnen mußte.

Nach Ablauf dieses Jahres, das ich ganz dem strengen Militärdienste zu widmen hatte, bezog ich mit Freund Meyer ein Stadtquartier und nahm den damals sechszehnjährigen Wilhelm nun zu mir. Ich hatte väterliche Freude an seiner schnellen Entwicklung und half ihm in freien Stunden bei seinen Schularbeiten. Auch veranlaßte ich ihn damals, den nicht befriedigenden mathematischen Unterricht auf der Schule aufzugeben und statt dessen Englisch zu treiben. Es ist dies für sein späteres Leben von Bedeutung geworden. Mathematischen Unterricht gab ich ihm selbst jeden Morgen von 5 bis 7 Uhr und hatte die Freude, daß er später ein besonders gutes Examen in der Mathematik machte. Mir selbst war dieser Unterricht sehr nützlich, auch trug er dazu bei, daß ich allen Verlockungen des Officierslebens siegreich widerstand und meine wissenschaftlichen Studien energisch fortsetzte.

Leider wurde dieses brüderliche Zusammenleben durch die immer bedenklicher lautenden Mittheilungen des Vaters über den Gesundheitszustand unsrer geliebten Mutter sehr getrübt. Am 8. Juli 1839 erlag sie ihren Leiden und ließ den selbst kränklichen, durch Kummer und schwere materielle Sorgen niedergebeugten Vater mit der großen Schaar noch unerzogener Kinder in einer höchst traurigen Lage zurück. Ich unterlasse es, den tiefgehenden Schmerz über den Verlust der Mutter zu schildern. Die Liebe zu ihr war das feste Band, das die Familie zusammenhielt, und die Furcht, sie zu betrüben, bildete für uns Geschwister stets die wirksamste Schutzwehr für unser Wohlverhalten.

Ich erhielt einen kurzen Urlaub zum Besuche der Heimath und des Grabes der Mutter. Leider flößte mir schon damals die geschwächte Gesundheit des Vaters nur wenig Zutrauen zu der Fortdauer eines geordneten Familienlebens ein, in welchem die jüngeren Geschwister sich gedeihlich würden entwickeln können. Die Richtigkeit meiner trüben Anschauung wurde nur zu bald bestätigt. Kaum ein halbes Jahr später, am 16. Januar 1840, verloren wir auch den Vater.

Nach dem Tode der Eltern wurden vom Vormundschaftsgericht Vormünder für die jüngeren Geschwister bestellt und die Bewirthschaftung der Domäne Menzendorf meinen Brüdern Hans und Ferdinand übertragen. Meine jüngste Schwester Sophie wurde vom Onkel Deichmann in Lübeck an Kindesstatt angenommen, während die jüngsten Brüder Walter und Otto unter der Pflege der Großmutter zunächst noch in Menzendorf blieben. –

Die wissenschaftlich-technischen Studien, denen ich mich setzt mit verstärktem Eifer hingab, wären mir im folgenden Sommer beinahe sehr schlecht bekommen! Ich hatte gehört, daß mein Vetter, der Hannöversche Artillerieofficier A. Siemens, erfolgreiche Versuche mit Frictionsschlagröhren angestellt hatte, die anstatt der damals noch ausschließlich gebrauchten brennenden Lunte zum Entzünden der Kanonenladung benutzt werden sollten. Mir leuchtete die Wichtigkeit dieser Erfindung ein, und ich entschloß mich, selbst Versuche nach dieser Richtung zu machen. Da die versuchten Zündmittel nicht sicher genug wirkten, so rührte ich in Ermangelung besserer Geräthschaften in einem Pomadennapf mit sehr dickem Boden einen wässrigen Brei von Phosphor und chlorsaurem Kali zusammen und stellte den Napf, da ich zum Exerciren fortgehen mußte, gut zugedeckt in eine kühle Fensterecke.

Als ich zurückkam und mich mit einiger Besorgniß nach meinem gefährlichen Präparate umsah, fand ich es zu meiner Befriedigung noch in derselben Ecke stehen. Als ich es aber vorsichtig hervorholte und das in der Masse stehende Schwefelholz, welches zum Zusammenrühren gedient hatte, nur berührte, entstand eine gewaltige Explosion, die mir den Tschako vom Kopfe schleuderte und sämmtliche Fensterscheiben sammt den Rahmen zertrümmerte. Die ganze Höhlung des Porzellannapfes war als seines Pulver im Zimmer umhergeschleudert, während sein dicker Boden tief in das Fensterbrett eingedrückt war.

Als Ursache dieser ganz unerwarteten Explosion stellte sich heraus, daß mein Bursche beim Reinmachen des Zimmers das Gefäß in die Ofenröhre gesetzt und dort einige Stunden hatte trocknen lassen, bevor er es wieder an denselben Platz zurücktrug. Wunderbarer Weise war ich nicht sichtlich verwundet, nur hatte der gewaltige Luftdruck die Haut meiner linken Hand so gequetscht, daß Zeigefinger und Daumen von einer großen Blutblase bedeckt waren. Leider war mir aber das rechte Trommelfell zerrissen, was ich sogleich daran erkannte, daß ich die Luft durch beide Ohren ausblasen konnte; das linke Trommelfell war mir schon im Jahre vorher bei einer Schießübung geplatzt. Ich war in Folge dessen zunächst ganz taub und hatte noch keinen Laut gehört, als plötzlich die Thür meines Zimmers sich öffnete und ich sah, daß das ganze Vorzimmer mit entsetzten Menschen angefüllt war. Es hatte sich nämlich sofort das Gerücht verbreitet, einer der beiden im Quartier wohnenden Officiere hätte sich erschossen.

Ich habe in Folge dieses Unfalles lange an Schwerhörigkeit gelitten und leide auch heute noch hin und wieder daran, wenn sich die verschlossenen Risse in den Trommelfellen gelegentlich wieder öffnen.

Im Herbst des Jahres 1840 wurde ich nach Wittenberg versetzt, wo ich ein Jahr lang die zweifelhaften Freuden des Lebens in einer kleinen Garnisonstadt genießen mußte. Um so eifriger setzte ich meine wissenschaftlichen Studien fort. In jenem Jahre wurde in Deutschland die Erfindung Jacobis bekannt, Kupfer in metallischer Form durch den galvanischen Strom aus einer Lösung von Kupfervitriol niederzuschlagen. Dieser Vorgang nahm mein Interesse in höchstem Grade in Anspruch, da er offenbar das Eingangsthor zu einer ganzen Klasse bisher unbekannter Erscheinungen war.

Als mir die Kupferniederschläge gut gelangen, versuchte ich auch andere Metalle auf dieselbe Weise niederzuschlagen, doch wollte mir dies bei meinen beschränkten Mitteln und Einrichtungen nur sehr mangelhaft glücken.

Meine Studien wurden durch ein Ereigniß unterbrochen, welches durch seine Folgen die Richtung meines Lebensganges wesentlich änderte. Die in kleineren Garnisonstädten so häufigen Zwistigkeiten zwischen Angehörigen verschiedener Waffen hatten zu einem Duell zwischen einem Infanterieofficier und einem mir befreundeten Artillerieofficier geführt. Ich mußte dem letzteren als Secundant dienen. Obgleich das Duell mit einer nur unbedeutenden Verwundung des Infanterieofficiers endete, kam es doch aus besonderen Gründen zur Anzeige und zur kriegsgerichtlichen Behandlung. Die gesetzlichen Strafen des Duellirens waren damals in Preußen von einer drakonischen Strenge, wurden aber gerade aus diesem Grunde fast immer durch bald erfolgende Begnadigung gemildert. In der That wurden durch das in Magdeburg über Duellanten und Secundanten abgehaltene Kriegsgericht diese zu fünf, jene zu zehn Jahren Festungshaft verurtheilt.

Ich sollte meine Haft in der Citadelle von Magdeburg absitzen und mußte mich nach der eingetroffenen Bestätigung des kriegsgerichtlichen Urtheils daselbst melden. Die Aussicht, mindestens ein halbes Jahr lang ohne Beschäftigung eingesperrt zu werden, war nicht angenehm, doch tröstete ich mich damit, daß ich viel freie Zeit zu meinen Studien haben würde. Um diese Zeit gut ausnutzen zu können, suchte ich auf dem Wege zur Citadelle eine Chemikalienhandlung auf und versah mich mit den nöthigen Mitteln, um meine elektrolytischen Versuche fortzusetzen. Ein freundlicher junger Mann in dem Geschäfte versprach mir, nicht nur diese Gegenstände in die Citadelle einzuschmuggeln, sondern auch spätere Requisitionen prompt auszuführen, und hat sein Versprechen gewissenhaft gehalten.

So richtete ich mir denn in meiner vergitterten aber geräumigen Zelle ein kleines Laboratorium ein und war ganz zufrieden mit meiner Lage. Das Glück begünstigte mich bei meiner Arbeit. Aus Versuchen mit der Herstellung von Lichtbildern nach dem vor einiger Zeit bekannt gewordenen Verfahren Daguerre’s, die ich mit meinem Schwager Himly in Göttingen angestellt hatte, war mir erinnerlich, daß das dabei verwendete unterschwefligsaure Natron unlösliche Gold-und Silbersalze gelöst hatte. Ich beschloß daher, dieser Spur zu folgen und die Verwendbarkeit solcher Lösungen zur Elektrolyse zu prüfen. Zu meiner unsäglichen Freude gelangen die Versuche in überraschender Weise. Ich glaube, es war eine der größten Freuden meines Lebens, als ein neusilberner Theelöffel, den ich mit dem Zinkpole eines Daniellschen Elementes verbunden in einen mit unterschwefligsaurer Goldlösung gefüllten Becher tauchte, während der Kupferpol mit einem Louisdor als Anode verbunden war, sich schon in wenigen Minuten in einen goldenen Löffel vom schönsten, reinsten Goldglanze verwandelte.

Die galvanische Vergoldung und Versilberung war damals, in Deutschland wenigstens, noch vollständig neu und erregte im Kreise meiner Kameraden und Bekannten natürlich großes Aufsehen. Ich schloß auch gleich darauf mit einem Magdeburger Juwelier, der das Wunder vernommen hatte und mich in der Citadelle aufsuchte, einen Vertrag ab, durch den ich ihm das Recht der Anwendung meines Verfahrens für vierzig Louisdor verkaufte, die mir die erwünschten Mittel für weitere Versuche gaben.

Inzwischen war ein Monat meiner Haft abgelaufen, und ich dachte wenigstens noch einige weitere Monate ruhig fortarbeiten zu können. Ich verbesserte meine Einrichtung und schrieb ein Patentgesuch, auf welches mir auch auffallend schnell ein preußisches Patent für fünf Jahre ertheilt wurde. Da erschien unerwartet der Officier der Wache und überreichte mir zu meinem großen – Schrecken, wie ich bekennen muß, eine königliche Cabinetsordre, die meine Begnadigung aussprach. Es war wirklich hart für mich, meiner erfolgreichen Thätigkeit so plötzlich entrissen zu werden. Nach dem Reglement mußte ich noch an demselben Tage die Citadelle verlassen und hatte weder eine Wohnung, in welche ich meine Effecten und Einrichtung schaffen konnte, noch wußte ich, wohin ich jetzt versetzt werden würde.

Ich schrieb deshalb an den Festungscommandanten ein Gesuch, in dem ich bat, mir zu gestatten, meine Zelle noch einige Tage benutzen zu dürfen, damit ich meine Angelegenheiten ordnen und meine Versuche beendigen könnte. Da kam ich aber schlecht an! Gegen Mitternacht wurde ich durch den Eintritt des Officiers der Wache geweckt, der mir mittheilte, daß er Ordre erhalten habe, mich sofort aus der Citadelle zu entfernen. Der Commandant hatte es als einen Mangel an Dankbarkeit für die mir erwiesene königliche Gnade angesehen, daß ich um Verlängerung meiner Haft gebeten. So wurde ich denn nach Mitternacht mit meinen Effecten aus der Citadelle geleitet und mußte mir in der Stadt ein Unterkommen suchen.

Glücklicher Weise wurde ich nicht wieder nach Wittenberg geschickt, sondern bekam ein Commando nach Spandau zur Lustfeuerwerkerei. Meine bekannt gewordene Erfindung hatte mich in den Augen meiner Vorgesetzten wohl als weniger qualificirt für den praktischen Dienst erscheinen lassen! Die Lustfeuerwerkerei war ein Ueberbleibsel aus der alten Zeit, in der das »Constablerthum« noch eine Kunst war, als deren Krone die Herstellung von Feuerwerken angesehen wurde. Mein Interesse für die mir zugewiesene Thätigkeit war groß; frohen Muthes zog ich gen Spandau und nahm von den für die Lustfeuerwerkerei bestimmten Räumen in der Citadelle Besitz.

Meine neue Beschäftigung war in der That ganz interessant, und ich lag ihr mit um so größerem Eifer ob, als der Lustfeuerwerkerei-Abtheilung eine große Bestellung auf ein Feuerwerk zuging, welches am Geburtstage der Kaiserin von Rußland im Parke des Prinzen Karl in Glienicke bei Potsdam abgebrannt werden sollte. Durch die Fortschritte der Chemie waren in jener Zeit die Mittel zur Herstellung sehr schöner farbiger Flammen gegeben, die den alten Constablern noch unbekannt waren. Mein Feuerwerk auf dem Havelsee bei Glienicke brachte mir daher namentlich durch die Pracht der Feuerwerksfarben viel Ehre und Anerkennung ein. Ich wurde zur prinzlichen Tafel gezogen und erhielt die Aufforderung, mit dem jungen Prinzen Friedrich Karl eine Segelwettfahrt zu machen, da das Segelboot, mit dem ich von Spandau nach Glienicke gefahren war, sich durch große Schnelligkeit auszeichnete. Ich besiegte mit ihm auch den späteren Sieger großer Schlachten, der mir schon damals durch sein entschlossenes, thatkräftiges Wesen oder durch seine »Schneidigkeit«, wie man sich heute ausdrückt, in hohem Grade auffiel.

Mit dem Abbrennen dieses Feuerwerks war mein Commando zur Lustfeuerwerkerei beendet, und ich wurde zu meiner Freude nach Berlin zur Dienstleistung bei der Artillerie-Werkstatt commandirt. Durch diese Versetzung wurde mein größter Wunsch erfüllt, Zeit und Gelegenheit zu weiteren naturwissenschaftlichen Studien und zur Vermehrung meiner technischen Kenntnisse zu erhalten.

Es waren aber auch noch andere Gründe, die mir diesen Wechsel sehr erwünscht machten. Nach dem Tode meiner Eltern lag mir die Verpflichtung ob, für meine jüngeren Geschwister zu sorgen, von denen mein jüngster Bruder Otto beim Tode der Mutter erst im dritten Lebensjahre stand. Die Domainenpachtung blieb zwar noch eine Reihe von Jahren in den Händen der Familie, aber die Zeiten waren für die Landwirthschaft noch immer unerhört schlecht, so daß die geringen Ueberschüsse, die von meinen Brüdern Hans und Ferdinand durch die Bewirthschaftung erzielt wurden, zur Erziehung der Kinder nicht ausreichten. Ich mußte also suchen, mir eigene Erwerbsquellen zu eröffnen, um meine Verpflichtungen als Familienältester erfüllen zu können, und das schien mir in Berlin leichter möglich als an anderen Orten.

Mein Bruder Wilhelm hatte inzwischen die Magdeburger Schule absolvirt und war dann auf meine Veranlassung ein Jahr lang zu meiner Schwester Mathilde nach Göttingen gegangen, um dort naturwissenschaftliche Studien zu treiben. Darauf trat er als Eleve in die Gräflich Stolbergische Maschinenbauanstalt in Magdeburg ein. Er widmete sich dort mit großem Eifer dem praktischen Maschinenbau, der sich zu jener Zeit in Deutschland durch den beginnenden Eisenbahnbau schnell entwickelte. Ich correspondirte stets eifrig mit Wilhelm und ließ mir dabei häufig die Aufgaben mittheilen, bei denen er constructiv thätig war. Eine solche Aufgabe war die exacte Regulirung von Dampfmaschinen, die durch Wind- oder Wassermühlen in ihrer Arbeitsleistung unterstützt werden. Wilhelms Plan gefiel mir nicht, und ich schlug ihm vor, als Regulirungsprincip ein schweres, freischwingendes Kreispendel anzuwenden, welches, durch einen Differential-Mechanismus mit der zu regulirenden Maschine verbunden, eine absolute Gleichförmigkeit ihres Ganges erzielen ließe, anstatt der Verminderung der Unregelmäßigkeiten desselben, wie sie durch den damals noch sehr unvollkommenen Wattschen Regulator nur herbeigeführt werden konnte. Es entwickelte sich aus diesem Vorschlage die Construction des Differenz-Regulators, auf den ich im folgenden noch zurückkommen werde.

In Berlin hatten meine Bemühungen, durch meine Erfindungen Geld zu verdienen, bald Erfolg, obwohl sie mir dadurch sehr erschwert wurden, daß ich als Officier in der Wahl der Mittel zur Einleitung von Geschäften sehr beschränkt war. Es gelang mir, mit der Neusilberfabrik von J. Henniger einen Vertrag abzuschließen, nach welchem ich derselben eine Anstalt für Vergoldung und Versilberung nach meinem Patente gegen Betheiligung am Gewinn anzulegen hatte. So entstand die erste derartige Anstalt in Deutschland. In England hatte bereits ein Herr Elkington auf Grund eines anderen Verfahrens – des jetzt allgemein verwendeten Niederschlags aus Gold- und Silbercyaniden – eine ähnliche Anstalt eingerichtet, die schnell großen Umfang erreichte.

Bei den Verhandlungen über die Berliner Anlage und bei der Einrichtung der Anstalt hatte mich mein Bruder Wilhelm, der eine Urlaubsreise zu mir gemacht hatte, wesentlich unterstützt, auch war es ihm gleichzeitig gelungen, eine Berliner Maschinenbauanstalt zur Anwendung des Differenz-Regulators zu bewegen. Da er offenbar Talent für solche Unterhandlungen zeigte und selbst gern England kennen lernen wollte, so kamen wir überein, daß er versuchen sollte, meine Erfindungen in England zu verwerthen und zu dem Zweck einen längeren Urlaub von seiner Fabrik zu nehmen. Große Mittel konnte ich ihm freilich nicht mit auf den Weg geben, und ich habe mich immer darüber gewundert, daß er trotzdem seinen Zweck erreichte. Er hatte sich mit richtigem Tact gleich direct an unsern Concurrenten Elkington gewendet, der ihn zunächst damit abwies, daß wir nicht das Recht hätten, unser Verfahren in England anzuwenden, da sein Patent ihm das ausschließliche Recht gäbe, elektrische Ströme, die durch galvanische Batterien oder durch Induction erzeugt wären, zu Gold- und Silberniederschlägen zu verwenden. Wilhelm hatte Geistesgegenwart genug, ihm zu entgegnen, wir verwendeten dazu thermoelektrische Ströme, verstießen also nicht gegen seine Patente. Es glückte mir auch in der That sogleich, eine vielpaarige Thermokette aus Eisen und Neusilber herzustellen, mit der man Gold und Silber aus unterschwefligsauren Lösungen gut niederschlagen konnte. In Folge dessen gelang es Wilhelm, unser englisches Patent für 1500 Lstr. an Elkington zu verkaufen. Dies war für unsere damaligen Verhältnisse eine colossale Summe, die unserer Finanznoth für einige Zeit ein Ende machte.

Nach seiner Rückkehr aus England war Wilhelm wieder in seine Magdeburger Fabrik eingetreten, fand aber an den dortigen kleinen Verhältnissen keinen rechten Geschmack mehr, nachdem er die Großartigkeit der englischen Industrie kennen gelernt und das Leben in England ihm gefallen hatte. Er plante daher, ganz nach England überzusiedeln, und da ich sein Vorhaben billigte, so nahmen wir dort ein Patent auf den gemeinschaftlich weiter ausgebildeten Differenz-Regulator, um dessen Einführung in England zu betreiben.

Ich hatte in dieser Zeit noch zwei weitere Erfindungen gemacht, die Wilhelm dort ebenfalls verwerthen wollte. Die Ausdehnung meiner elektrolytischen Versuche hatte mich dahin geführt, auch gute Nickelniederschläge aus einer Lösung des Doppelsalzes von schwefelsaurem Nickel und schwefelsaurem Ammonium zu erzielen. Diese Vernickelung schien von besonderer Wichtigkeit für gravirte Kupferplatten, die mit Nickelüberzug versehen eine weit größere Zahl von Abdrücken ertrugen, ohne daß die Feinheit des Stiches durch die Vernickelung Einbuße erlitt. Zur Ausbeutung dieses Verfahrens hatte ich einen Vertrag mit einem Berliner Hause abgeschlossen, von dem ich große Vortheile erwartete.

Leider wurde aber bald nachher der galvanische Niederschlag von Eisen aus der entsprechenden Eisenlösung erfunden, der vor dem Nickelüberzüge den großen Vorzug hatte, daß er leicht erneuert werden konnte, wenn er abgenutzt war, indem sich das Eisen durch verdünnte Schwefelsäure wieder ablösen und die Platte dann von Neuem mit Eisen überziehen ließ. Das machte meine Vernickelung für diesen Zweck werthlos. Sie wurde einige Jahre später von Professor Böttger wieder erfunden und publicirt, hat aber erst in neuerer Zeit größere Anwendung in der Industrie gefunden.

Die zweite Erfindung bestand in der Anwendung des damals bekannt gewordenen Zinkdrucks zu einer rotirenden Schnellpresse. Mit Hilfe eines geschickten Mechanikers, des Uhrmachers Leonhardt, hatte ich ein Modell einer solchen Presse angefertigt, welches die nöthigen Operationen zur Herstellung lithographischer Abdrücke von einer cylindrisch gebogenen Zinkplatte ganz befriedigend ausführte. Doch ergab sich später bei der durch Wilhelm in England bewirkten Ausführung im Großen, daß der Zinkdruck keine schnelle Wiederholung der Abdrücke vertrug. Nach etwa 150 bis 200 Abdrücken mußte die Arbeit für längere Zeit unterbrochen werden, weil sonst eine Verwischung des Umdrucks auf dem Cylinder eintrat.

Als diese Schwierigkeiten meinem Bruder in England begegneten, nahm ich einen sechswöchentlichen Urlaub und besuchte ihn in London, wo er in der Nähe des Mansion Hauses, in einer engen Gasse der City, ein kleines Local für unsere Versuche gemiethet hatte. Trotz der eifrigsten Bemühungen wollte es uns aber nicht gelingen, die Schwierigkeiten zu überwinden. Wir vermochten zwar, selbst Jahrhunderte alte Druckschriften durch einen Regenerationsproceß, – wenn ich nicht irre, durch anhaltende Erwärmung in einer Lösung von Barytsalzen – umdruckbar zu machen, und unser Verfahren, dem wir den schönen Namen »anastatisches Druckverfahren« gegeben hatten, fand daher in England viel Aufmerksamkeit und trug dazu bei, Wilhelm daselbst bekannt zu machen. Es wurde uns aber doch klar, daß Erfindungsspeculationen eine sehr unsichere Sache sind und nur in äußerst seltenen Fällen zu Erfolgen führen, wenn sie nicht durch volle Sachkenntniß und ausreichende Mittel unterstützt werden.

Mir persönlich brachte die Reise nach England große Anregung und gab zugleich meinen weiteren Bestrebungen eine ernstere und kritische, mehr die sichere Grundlage als den erhofften Erfolg ins Auge fassende Richtung. Diese befestigte sich noch durch meine Rückreise über Paris, wo damals in der Blüthezeit des Regimentes Louis Philipps die erste große französische Industrieausstellung stattfand.

Leider wurde mein Pariser Aufenthalt durch einen unangenehmen Zufall sehr gestört. Ich wollte mich erst in Brüssel entscheiden, ob ich über Paris reisen oder direct den Heimweg einschlagen sollte, verabredete daher mit Wilhelm, daß er mir das zur Verstärkung meiner Reisekasse nöthige Geld nach Paris schicken solle, wenn ich ihn von Brüssel aus dazu auffordern würde. Als ich mich für die Reise nach Paris entschieden hatte, sandte ich ihm deshalb mit der Aufforderung zur Geldsendung meine Pariser Adresse und gab den Brief dem Wirthe meines Gasthauses zur Besorgung.

In Paris auf dem Hochsitze eines Omnibus der messageries générales nach zweitägiger Fahrt angelangt, fand ich die Stadt in Folge der Ausstellung überfüllt, und es gelang mir nur mit Mühe, im hôtel des messageries générales im achten Stockwerk ein kleines Dachzimmer zu erlangen, in welchem man nur dann aufrecht stehen konnte wenn das zugleich als Dach dienende Fenster horizontal gestellt war. Da meine Kasse durch die Reise bis auf ein Minimum zusammengeschmolzen war, so konnte ich an keinen Umzug denken, bevor die erwartete Geldsendung aus England eingetroffen war. Darüber vergingen aber fast vierzehn Tage. Ein junger Berliner, der zur Ausstellung nach Paris gekommen war, befand sich in ganz derselben Lage. Wir mußten die Kunst, ohne Geld in Paris zu leben, recht gründlich studiren und geriethen zuletzt, da wir gar keine Bekannte oder sonstige Anhaltspunkte in der Stadt hatten, in eine höchst mißliche Lage. Endlich entschlossen wir uns gleichzeitig, unsre letzten Hülfsmittel zur Absendung von Briefen nach London und Berlin zu verwenden, da unfrankirte Briefe damals nicht angenommen wurden. Am Postschalter ergab sich aber, daß meine Casse nicht mehr vollständig dazu reichte. Der junge Berliner – Schwarzlose war sein Name – half mir großmüthig aus, verzichtete dann aber selbst auf die Absendung seines Briefes, weil nun sein Geld nicht mehr reichte.

Diese Großmuth fand ihren Lohn, denn noch an demselben Abend traf der ersehnte Geldbrief von meinem Bruder ein, anstatt erst nach Verlauf einer Woche, wie ich befürchtet hatte. Von dem Hausknecht des Brüsseler Hotels war das Porto unterschlagen, die Brüsseler Postbehörde hatte den Brief daher nicht abgeschickt, dem Adressaten aber geschrieben, er möge das Porto senden, wenn er den Brief haben wolle. Erst als mein Bruder dies gethan und den Brief mit meiner Adresse erhalten hatte, konnte er mir das Gewünschte schicken.

Unsre Noth war damit beseitigt, aber der Pariser Aufenthalt war mir verdorben, denn mein Urlaub war jetzt zu Ende. Ich habe dafür die Bitterkeit wirklicher Geldnoth praktisch kennen gelernt. Von Paris habe ich damals nicht viel mehr als die Straßen gesehen, in denen ich mir den Hunger verlief.

Nach Berlin zurückgekehrt prüfte ich ernstlich meine bisherige Lebensrichtung und erkannte, daß das Jagen nach Erfindungen, zu dem ich mich durch die Leichtigkeit des ersten Erfolges hatte hinreißen lassen, sowohl mir wie meinem Bruder voraussichtlich zum Verderben gereichen würde. Ich sagte mich daher von allen meinen Erfindungen los, verkaufte auch meinen Antheil an der in Berlin eingerichteten Fabrik und gab mich ganz wieder ernsten, wissenschaftlichen Studien hin. Ich hörte Collegia an der Berliner Universität, mußte aber leider bei den Vorlesungen des berühmten Mathematikers Jacobi bald erkennen, daß meine Vorbildung nicht ausreichte, um ihm bis aus Ende zu folgen. Diese unvollkommene Vorbildung für wissenschaftliche Studien hat mich zu meinem großen Schmerze überhaupt immer sehr zurückgehalten und meine Leistungen verkümmert. Um so dankbarer bin ich einigen meiner früheren Lehrer, unter denen ich die Physiker Magnus, Dove und Rieß hervorheben will, für die freundliche Aufnahme in ihren anregenden Umgangskreis. Auch den jüngeren Berliner Physikern, die mich an der Gründung der physikalischen Gesellschaft theilnehmen ließen, habe ich vieles zu danken. Es war das ein mächtig anregender Kreis von talentvollen, jungen Naturforschern, die später fast ohne Ausnahme durch ihre Leistungen hochberühmt geworden sind. Ich nenne nur die Namen du Bois-Reymond, Brücke, Helmholtz, Clausius, Wiedemann, Ludwig, Beetz und Knoblauch. Der Umgang und die gemeinschaftliche Arbeit mit diesen durch Talent und ernstes Streben ausgezeichneten jungen Leuten verstärkten meine Vorliebe für wissenschaftliche Studien und Arbeiten und erweckten in mir den Entschluß, künftig nur ernster Wissenschaft zu dienen.

Doch die Verhältnisse waren stärker als mein Wille, und der mir angeborene Trieb, erworbene wissenschaftliche Kenntnisse nicht schlummern zu lassen sondern auch möglichst nützlich anzuwenden, führte mich doch immer wieder zur Technik zurück. Und so ist es während meines ganzen Lebens geblieben. Meine Liebe gehörte stets der Wissenschaft als solcher, während meine Arbeiten und Leistungen meist auf dem Gebiete der Technik liegen.

Diese technische Richtung fand in Berlin besonders Nahrung und Unterstützung durch die polytechnische Gesellschaft, der ich mich als junger Officier eifrig widmete. Ich betheiligte mich an ihren Verhandlungen und an der Beantwortung der Fragen, die dem Fragekasten entnommen wurden. Die Beantwortung und Discussion derselben gehörten bald zu meiner regelmäßigen Thätigkeit und bildeten eine gute Schule für mich. Meine naturwissenschaftlichen Studien kamen mir dabei außerordentlich zu statten, und es wurde mir klar, daß technischer Fortschritt nur durch Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse unter den Technikern erzielt werden könnte.

Es herrschte damals noch zwischen Wissenschaft und Technik eine unüberbrückte Kluft. Zwar hatte der verdienstvolle Beuth, der wohl unbestreitbar als Gründer der norddeutschen Technik anzuerkennen ist, im Berliner Gewerbe-Institut eine Anstalt geschaffen, die in erster Linie zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse unter den jungen Technikern bestimmt war. Die Wirkungsdauer dieses Instituts, aus dem später die Gewerbe-Akademie und schließlich die Charlottenburger Technische Hochschule hervorging, war aber noch zu kurz zur Erhöhung des Niveaus der Bildung bei den damaligen Gewerbetreibenden,

Preußen war in jener Zeit noch ein reiner Militär-und Beamtenstaat. Nur in seinem Beamtenstande war Bildung zu finden, und diesem Umstande ist es wohl hauptsächlich zuzuschreiben, daß auch heute noch ein, wenn auch nur scheinbarer Beamtentitel als ein äußeres Kennzeichen eines gebildeten und achtbaren Mannes anerkannt und erstrebt wird. Von den Gewerbebetrieben hatte nur die Landwirthschaft, aus der sich Militär wie Bureaukratie fast ausnahmslos rekrutirten, eine auch von diesen Ständen geachtete Stellung. Es gab damals in dem Jahrhunderte lang durch zahllose Kriege verwüsteten und verarmten Lande keinen wohlhabenden Bürgerstand mehr, der durch Bildung und Vermögen dem Militär- und Beamtenstande das Gleichgewicht hätte halten können. Zum Theil Schuld dieser Verhältnisse war es auch wohl, daß die in Preußen unter der Herrschaft der weitblickenden Hohenzollern immer hoch angesehenen Träger der Wissenschaft es mit ihrer Würde nicht vereinbar hielten, ein persönliches Interesse für den technischen Fortschritt zu zeigen. Dasselbe galt von der bildenden Kunst, deren Träger es für ihrer unwürdig hielten – und theilweise, wie ich glaube, noch halten – einen Theil ihrer schöpferischen Kraft zur Hebung der Kunstindustrie zu verwenden.

Durch meine Thätigkeit in der polytechnischen Gesellschaft kam ich zu der Überzeugung, daß naturwissenschaftliche Kenntnisse und wissenschaftliche Forschungsmethode berufen wären, die Technik zu einer noch gar nicht zu übersehenden Leistungsfähigkeit zu entwickeln. Sie brachte mir ferner den Vortheil, persönlich mit den Berliner Gewerbetreibenden bekannt zu werden und selbst eine Uebersicht über die Leistungen und Schwächen der damaligen Industrie zu erhalten. Ich wurde oft von Gewerbetreibenden um Rath gefragt und erhielt dadurch Einsicht in die benutzten Einrichtungen und Arbeitsmethoden. Es wurde mir klar, daß die Technik nicht in plötzlichen Sprüngen vorschreiten kann, wie es der Wissenschaft durch die schöpferischen Gedanken einzelner bedeutender Männer oft möglich geworden ist. Eine technische Erfindung bekommt erst Werth und Bedeutung, wenn die Technik selbst soweit vorgeschritten ist, daß die Erfindung durchführbar und ein Bedürfniß geworden ist. Darum sieht man auch so oft die wichtigsten Erfindungen Jahrzehnte lang schlummern, bis sie plötzlich zu großer Bedeutung gelangen, wenn ihre Zeit gekommen ist. –

Unter den wissenschaftlich-technischen Fragen, die mich damals hauptsächlich beschäftigten und zugleich Anlaß zu meinen ersten litterarischen Arbeiten boten, hatte die erste ihre Ursache in einer brieflichen Mittheilung meines Bruders Wilhelm über eine interessante Arbeitsmaschine, die er zu Dundee in Schottland in Thätigkeit gesehen hatte. Aus seiner spärlichen Mittheilung ging hervor, daß diese Maschine nicht durch Dampf, sondern durch erhitzte Luft betrieben wurde. Mich interessirte diese Idee außerordentlich, da sie die Grundlage zu einer vortheilhaften Umgestaltung der ganzen Maschinentechnik zu bilden schien. In einem Aufsatze unter dem Titel »Ueber die Anwendung der erhitzten Luft als Triebkraft«, den ich im Jahre 1845 in Dinglers polytechnischem Journale veröffentlichte, beschrieb ich die Theorie solcher Luftmaschinen und gab auch eine Skizze der Construction einer solchen, wie ich sie mir als ausführbar dachte. Meine Theorie stand schon ganz auf dem Boden des Princips von der Erhaltung der Kraft, das in jener Zeit von Mayer aufgestellt und von Helmholtz in seiner berühmten Schrift »über die Erhaltung der Kraft«, die er zuerst in der physikalischen Gesellschaft vortrug, mathematisch entwickelt wurde. Später haben meine Brüder Wilhelm und Friedrich sich viel mit diesen Maschinen beschäftigt und sie in verschiedenen Formen ausgeführt. Auch sie mußten aber leider dabei die Erfahrung machen, daß die Technik noch nicht weit genug vorgeschritten war, um die Erfindung mit Vortheil anwenden zu können. Nur kleine Maschinen ließen sich auf Grundlage jenes Princips so herstellen, daß sie dauernd gut arbeiteten; für große fehlte und fehlt noch jetzt das richtige Material zur Construction der Erhitzungsgefäße.

In demselben Jahre noch ließ ich in Dinglers Journal eine Beschreibung des schon erwähnten Differenz-Regulators erscheinen, dem ich inzwischen in Gemeinschaft mit meinem Bruder Wilhelm die verschiedenartigsten Ausführungsformen gegeben hatte.

Eine Frage, welche mich bereits längere Zeit beschäftigt hatte, war ferner die einer exacten Messung von Geschoßgeschwindigkeiten. Der als geschickter Mechaniker bekannte Uhrmacher Leonhardt hatte im Auftrage der Artillerie-Prüfungšcommission eine Uhr gebaut, die einen Zeiger mit großer Geschwindigkeit drehte, wenn er elektromagnetisch mit dem Uhrwerk verbunden wurde. Das An- und Loskuppeln des Zeigers durch das fliegende Geschoß hatte aber große Schwierigkeiten, deren Ueberwindung trotz aller Bemühungen nicht recht gelingen wollte. Dies brachte mich auf die Idee der leichter durchzuführenden Benutzung des elektrischen Funkens zur Geschwindigkeitsmessung. In einem in Poggendorffs Annalen veröffentlichten Aufsatze »Ueber die Anwendung des elektrischen Funkens zur Geschwindigkeitsmessung« wies ich die Möglichkeit nach, durch einen schnell rotirenden, polirten Stahlcylinder, auf dem einfallende elektrische Funken eine deutliche Marke hinterlassen, die Geschwindigkeit der Geschosse in jedem Stadium ihrer Bahn exact zu messen. Auch enthielt dieser Aufsatz schon den erst viele Jahre später von mir ausgeführten Plan, die Geschwindigkeit der Elektricität selbst in ihren Leitern nach derselben Methode zu ermitteln.

Mein Interesse für elektrische Versuche wurde durch die Betheiligung an den Arbeiten Leonhardts, der gleichzeitig mit Versuchen beschäftigt war, welche der Generalstab der Armee über die Frage der Ersetzbarkeit der optischen Telegraphie durch elektrische anstellen ließ, auf das lebhafteste angeregt. Im Hause des Hofraths Soltmann, des Vaters eines mir enger befreundeten Brigadekameraden, hatte ich Gelegenheit, das Modell eines Wheatstone’schen Zeigertelegraphen zu sehen, und hatte mich an den Versuchen betheiligt, ihn zwischen dem Wohnhause und der durch einen großen Garten von ihm getrennten Anstalt für künstliche Mineralbrunnen in sicheren Gang zu bringen. Dies wollte aber niemals recht gelingen, und ich erkannte bald die Ursache dieser Mißerfolge. Sie lag wesentlich im Constructionsprincipe des Apparates, welches verlangte eine Kurbel so gleichmäßig durch die Hand zu drehen, daß die erzeugten, einzelnen Stromimpulse stets hinreichende Stärke hatten, um das Zeigerwerk des Empfangsapparates fortzubewegen. Das war schon nicht sicher zu erreichen, wenn die Apparate im Zimmer arbeiteten, und war ganz unmöglich, wenn ein wesentlicher Theil des Stromes durch die damaligen, unvollkommen isolirten Leitungen verloren ging.

Leonhardt suchte diesen Uebelstand im Auftrage der Commission dadurch zu beseitigen, daß er die Stromimpulse durch ein Uhrwerk, also in ganz regelmäßigen Zeitintervallen, ausführen ließ, was immerhin eine Verbesserung war, aber bei wechselndem Stromverluste doch nicht ausreichte. Dies machte mir klar, daß die Aufgabe am sichersten zu lösen sei, wenn man aus den Zeigertelegraphen selbstthätig laufende Maschinen machte, von denen jede selbstthätig die Stromleitung unterbräche und herstellte. Wurden zwei oder mehrere solcher elektrischen Maschinen in einen elektrischen Kreislauf gebracht, so konnte ein neuer Stromimpuls erst eintreten, wenn alle eingeschalteten Apparate ihren Hub vollendet und dadurch die Stromleitung wieder geschlossen hatten. Es erwies sich das in der Folge als ein sehr fruchtbares Princip für unzählige elektrotechnische Anwendungen. Alle heute verwendeten selbstthätig wirkenden Wecker oder Klingelapparate beruhen auf der hier zuerst eingeführten Selbstunterbrechung nach vollendetem Hube.

Die Ausführung dieser Zeigertelegraphen mit Selbstunterbrechung übertrug ich einem mir aus der physikalischen Gesellschaft bekannten jungen Mechaniker, Namens Halske, der damals in Berlin eine kleine mechanische Werkstatt unter der Firma Böttcher & Halske betrieb. Da Halske anfänglich Zweifel hegte, ob mein Apparat auch functioniren würde, so stellte ich mir selbst aus Cigarrenkisten, Weißblech, einigen Eisenstückchen und etwas isolirtem Kupferdraht ein paar selbstthätig arbeitende Telegraphen her, die mit voller Sicherheit zusammen gingen und standen. Dieses unerwartete Ergebniß enthusiasmirte Halske so sehr für das schon mit so mangelhaften Hilfsmitteln durchführbare System, daß er sich mit größtem Eifer der Ausführung der ersten Apparate hingab und sich sogar bereit erklärte, aus seiner Firma auszutreten und sich in Verbindung mit mir gänzlich der Telegraphie zu widmen.

Dieser Erfolg sowohl wie die wachsende Sorge für meine jüngeren Geschwister reifte in mir den Entschluß, den Militärdienst zu verlassen und mir durch die Telegraphie, deren große Bedeutung ich klar erkannte, einen neuen Lebensberuf zu bilden, der mir denn auch die Mittel liefern sollte, die übernommenen Pflichten gegen meine jüngeren Brüder zu erfüllen. Ich war daher eifrig mit Fertigstellung meines neuen Telegraphen beschäftigt, der die Brücke zu den neu zu gründenden Lebensverhältnissen bilden sollte. Da trat ein Ereigniß ein, welches alle meine Pläne über den Haufen zu werfen drohte.

Es war damals eine Zeit großer religiöser und politischer Bewegung in ganz Europa. Diese fand in Deutschland ihren Ausdruck zuerst in der freireligiösen Bewegung, die sich sowohl gegen den Katholicismus wie gegen die streng protestantische, damals zur Herrschaft gelangte Richtung wendete. Johannes Ronge war nach Berlin gekommen und hielt öffentliche Vorträge im Tivolilocale, die von aller Welt besucht wurden und großen Enthusiasmus erregten. Namentlich die jüngeren Officiere und Beamten, die damals fast ausnahmslos liberale Gesinnung hegten, schwärmten für Johannes Ronge.

Gerade als dieser Ronge-Cultus auf seinem Höhepunkte angelangt war, machte ich mit sämmtlichen Officieren der Artillerie-Werkstatt – neun an der Zahl – nach Schluß der Arbeit eine Promenade im Thiergarten. »Unter den Zelten« fanden wir viele Leute versammelt, die lebhaften Reden zuhörten, in denen alle Gesinnungsgenossen aufgefordert wurden, für Johannes Ronge und gegen die Dunkelmänner Stellung zu nehmen. Die Reden waren gut und wirkten vielleicht gerade deswegen so überzeugend und hinreißend, weil man in Preußen bis dahin an öffentliche Reden nicht gewöhnt war. Als mir daher beim Fortgehen ein Bogen zur Unterschrift vorgelegt wurde, der mit theilweise bekannten Namen schon beinahe bedeckt war, nahm ich keinen Anstand, auch den meinigen hinzuzufügen. Meinem Beispiel folgten die übrigen, zum Theil viel älteren Officiere ohne Ausnahme. Es dachte sich eigentlich keiner dabei etwas Schlimmes. Jeder hielt es nur für anständig, seine Ueberzeugung auch seinerseits offen auszusprechen.

Aber groß war mein Schreck, als ich am anderen Morgen beim Kaffee einen Blick in die Vossische Zeitung warf und als Leitartikel einen »Protest gegen Reaction und Muckerthum«, und an der Spitze der Unterschriften meinen Namen und nach ihm die mei ner Kameraden fand.

Als ich bald darauf – eine halbe Stunde vor Beginn des Dienstes – auf dem Werkstattshofe erschien, traf ich die Kameraden schon alle in großer Aufregung versammelt. Wir mußten fürchten, ein schweres militärisches Vergehen begangen zu haben. In dieser Annahme wurden wir auch bald bestärkt durch das Erscheinen des Commandeurs der Werkstätten, eines braven und höchst liebenswürdigen Mannes, der uns in großer Erregung erklärte, daß wir uns sämmtlich durch diese That zu Grunde gerichtet hätten und ihn selbst ebenfalls.

Es vergingen einige sorgenvoll verlebte Tage. Dann kam ein Parolebefehl, daß der Inspecteur der Werkstätten, General von Jenichen, uns eine Cabinetsordre mitzutheilen habe. Die Cabinetsordre lautete zwar streng tadelnd, doch gnädiger als wir zu hoffen gewagt hatten. Der General hielt uns eine längere Rede, in der er uns das Ungehörige und Tadelnswerthe unsrer Handlungsweise auseinandersetzte. Ich war auf den Schluß dieser Rede einigermaaßen gespannt, da ich mit dem General, der ein hochgebildeter und sehr humaner Mann war, einen ganzen Monat lang Kissinger Brunnen getrunken hatte und genau wußte, daß seine Ansichten von den durch uns unterschriebenen eigentlich nicht verschieden waren. »Sie wissen«, sagte der General zum Schlusse, indem er seinen Blick auf mich richtete, »daß ich der Ansicht bin, daß jeder Mann, und namentlich jeder Officier, stets offen seine Meinung sagen soll, Sie haben aber nicht bedacht, daß offen und öffentlich himmelweit verschiedene Dinge sind!«

Wir erfuhren bald, daß wir zur Strafe sämmtlich zu unsrer Brigade – oder Regimente, wie es setzt wieder heißt – zurückversetzt werden sollten. Für mich war das ein fast unerträglich harter Schlag, der alle meine Lebenspläne störte und es mir unmöglich machte, weiter für meine jüngeren Brüder zu sorgen. Es galt daher, ein Mittel zu finden, um diese Versetzung zu verhindern. Das war nur durch eine militärisch wichtige Erfindung zu erreichen, die meine Anwesenheit in Berlin erforderte. Die Telegraphie, mit der ich mich schon lebhaft beschäftigte, konnte diesen Dienst nicht leisten, denn es glaubten damals erst Wenige an ihre große Zukunft, und meine Projecte waren noch in der Entwickelung begriffen.

Da fiel mir zum Glück die Schießbaumwolle ein, die kurz vorher von Professor Schönbein in Basel erfunden, aber noch nicht brauchbar war. Es schien mir unzweifelhaft, daß sie sich so verbessern ließe, daß sie militärisch anwendbar würde. Ich ging daher sogleich zu meinem alten Lehrer Erdmann, Professor der Chemie an der königlichen Thierarzneischule, trug ihm meine Noth vor und bat ihn um die Erlaubniß, in seinem Laboratorium Versuche mit Schießbaumwolle anzustellen. Er erlaubte es freundlich, und ich ging eifrig ans Werk.

Ich hatte die Idee, daß man durch Anwendung stärkerer Salpetersäure und durch sorgfältigere Auswaschung und Neutralisirung ein besseres und weniger leicht zersetzbares Produkt erzielen könne. Alle Versuche schlugen aber fehl, obschon ich rauchende Salpetersäure höchster Concentration verwendete; es entstand immer ein schmieriges, leicht wieder zersetzbares Produkt. Als mir die hoch concentrirte Salpetersäure ausgegangen war, suchte ich sie einmal bei einer Probe durch Zusatz von concentrirter Schwefelsäure zu verstärken und erhielt zu meiner Ueberraschung eine Schießbaumwolle von ganz anderen Eigenschaften. Sie war nach der Auswaschung weiß und fest wie die unveränderte Baumwolle und explodirte sehr energisch. Ich war glücklich, machte bis spät in die Nacht hinein eine ansehnliche Quantität solcher Schießwolle und legte sie in den Trockenofen des Laboratoriums.

Als ich nach kurzem Schlafe am frühen Morgen wieder zum Laboratorium ging, fand ich den Professor trauernd unter Trümmern in der Mitte des Zimmers stehen. Beim Heizen des Trockenofens hatte sich die Schießbaumwolle entzündet und den Ofen zerstört. Ein Blick machte mir dies und zugleich das vollständige Gelingen meiner Versuche klar. Der Professor, mit dem ich in meiner Freude im Zimmer herumzutanzen suchte, schien mich Anfangs für geistig gestört zu halten. Es kostete mir Mühe, ihn zu beruhigen und zur schnellen Wiederaufnahme der Versuche zu bewegen. Um elf Uhr Morgens hatte ich schon ein ansehnliches Quantum tadelloser Schießwolle wohlverpackt und sandte es mit einem dienstlichen Schreiben direct an den Kriegsminister.

Der Erfolg war glänzend. Der Kriegsminister hatte in seinem großen Garten eine Schießprobe angestellt und, da sie brillant ausfiel, sofort die Spitzen des Ministeriums zu einem vollständigen Probeschießen mit Pistolen veranlaßt. Noch an demselben Tage erhielt ich eine officielle, directe Ordre des Kriegsministers, mich zur Anstellung von Versuchen in größerem Maaßstabe zur Pulverfabrik nach Spandau zu begeben, die bereits angewiesen sei, mir dazu alle Mittel zur Verfügung zu stellen. Es ist wohl selten eine Eingabe im Kriegsministerium so schnell erledigt worden! Von meiner Versetzung war keine Rede mehr. Ich war bald der einzige von meinen Unglücksgefährten, der Berlin noch nicht hatte verlassen müssen.

Die Versuche in großem Maaßstabe, die in der Spandauer Pulverfabrik unter meiner Leitung angestellt wurden, führten nicht zu dem im ersten Feuereifer erwarteten Ergebniß, daß die Schießwolle allgemein das Pulver ersetzen würde. Zwar gaben sowohl die Schießproben mit Gewehren wie auch die mit Kanonen recht gute Resultate, es stellte sich aber doch heraus, daß die Schießwolle selbst keine hinlänglich constante Verbindung war, da sie sich in trocknem Zustande allmählich zerfetzte und unter Umständen auch von selbst entzünden konnte. Außerdem hing die Schußwirkung von dem Grade der Zusammendrückung der Schießwolle und der Art ihrer Entzündung ab. Mein Bericht ging also dahin, daß die nach meiner Methode vermittelst einer Mischung von Salpeter-und Schwefelsäure hergestellte Schießwolle ausgezeichnete Eigenschaften als Sprengmittel habe und geeignet scheine, anstatt des Sprengpulvers zu militärischen Zwecken verwendet zu werden, daß sie aber das Schießpulver nicht allgemein ersetzen könne, da sie keine hinlänglich feste, chemische Verbindung darstelle und ihre Wirkung nicht constant genug sei.

Diesen Bericht hatte ich schon eingesandt, als Professor Otto in Braunschweig meine Methode der Darstellung brauchbarer Schießwolle neu erfand und publicirte. Meine frühere Thätigkeit in der Sache und mein Bericht an das Kriegsministerium blieben natürlich geheim, und Otto gilt daher mit Recht als Erfinder der brauchbaren Schießwolle, da er die Methode ihrer Herstellung zuerst veröffentlicht hat. So ist es mir vielfach gegangen. Es erscheint zunächst zwar hart und ungerecht, daß Jemand durch frühere Publikation die Ehre einer Entdeckung oder Erfindung sich aneignen kann, die ein Anderer, der schon lange mit Liebe und gutem Erfolge an ihr gearbeitet hat, erst nach vollkommener Durcharbeitung publiciren wollte. Andererseits muß man jedoch zugeben, daß irgend eine bestimmte Regel über die Prioritäten festgesetzt werden muß, da für die Wissenschaft und die Welt nicht die Person, sondern die Sache selbst und deren Bekanntmachung in Betracht kommt.

Nachdem die Gefahr der Versetzung von Berlin auf diese Weise glücklich beseitigt war, konnte ich mich mit größerer Ruhe der Telegraphie widmen. Ich sandte dem General Oetzel, dem Chef der unter dem Generalstabe der Armee stehenden optischen Telegraphen, einen Aufsatz über den damaligen Stand der Telegraphie und ihre zu erwartenden Verbesserungen. In Folge dessen wurde ich zur Dienstleistung bei der Commission des Generalstabes commandirt, welche die Einführung der elektrischen Telegraphen anstatt der optischen vorbereiten sollte. Es gelang mir, das Vertrauen des Generals und seines Schwiegersohnes, des Professor Dove, in so hohem Grade zu gewinnen, daß die Commission meinen Vorschlägen fast immer beitrat und mich mit der Ausführung beauftragte.

Man hielt es damals für ganz ausgeschlossen, daß eine an Pfosten befestigte, leicht zugängliche Telegraphenlinie sichern Dienst thun könne, da man glaubte, daß das Publikum sie zerstören würde. Es wurden daher überall, wo man auf dem Europäischen Continente elektrische Telegraphen einführen wollte, zunächst Versuche mit unterirdischen Leitungen gemacht. Am bekanntesten sind diejenigen des Professors Jacobi in Petersburg geworden. Dieser hatte Harze, Glasröhren und Kautschuk als Isolirmittel verwendet, doch keinen dauernd befriedigenden Erfolg erzielt. Auch die Berliner Commission hatte solche Versuche begonnen, die jedoch ebensowenig eine genügende, haltbare Isolation ergaben.

Zufällig hatte mir damals mein Bruder Wilhelm aus London eine Probe von einem neu auf dem englischen Markte erschienenen Material, der Guttapercha, als Curiosität zugeschickt. Die ausgezeichneten Eigenschaften dieser Masse, im erwärmten Zustande plastisch zu werden und, wieder erkaltet, ein guter Isolator der Elektricität zu sein, erregten meine Aufmerksamkeit. Ich überzog einige Drahtproben mit der erwärmten Masse und fand, daß sie sehr gut isolirt waren. Die Commission ordnete auf meinen Vorschlag größere Versuche mit solchen, durch Guttapercha isolirten Drähten an, die im Sommer 1846 begannen und 1847 fortgesetzt wurden. Bei den im Jahre 1846 auf dem Planum der Anhaltischen Eisenbahn verlegten Proben war die Guttapercha durch Walzen um den Draht gebracht. Es stellte sich aber heraus, daß die Walznaht sich mit der Zeit löste. Ich construirte daher eine Schraubenpresse, durch welche die erwärmte Guttapercha unter Anwendung hohen Druckes ohne Naht um den Kupferdraht gepreßt wurde. Die mit Hülfe einer solchen, von Halske ausgeführten Modellpresse überzogenen Leitungsdrähte erwiesen sich als gut isolirt und behielten ihre Isolation dauernd bei.

Im Sommer 1847 wurde die erste längere unterirdische Leitung von Berlin bis Großbeeren mit derartig isolirten Drähten von mir gelegt. Da sie sich vollkommen bewährte, so schien die Frage der Isolation unterirdischer Leitungen durch Anwendung der Guttapercha und meiner Preßmaschine jetzt glücklich gelöst zu sein. In der That sind seit jener Zeit nicht nur die unterirdisch geführten Landlinien, sondern auch die submarinen Kabellinien fast ausnahmslos in dieser Weise isolirt. Die Commission nahm in Aussicht, sowohl die mit Guttapercha umpreßten Leitungen, wie auch mein Zeiger- und Drucktelegraphensystem den in Preußen zunächst zu erbauenden Telegraphenlinien zu Grunde zu legen.

Mein Entschluß, mich ganz der Entwicklung des Telegraphenwesens zu widmen, stand nunmehr fest. Ich veranlaßte daher im Herbst des Jahres 1847 den Mechaniker J. G. Halske, mit dem die gemeinsamen Arbeiten mich näher verbunden hatten, sein bisheriges Geschäft dem Socius zu überlassen und eine Telegraphenbauanstalt zu begründen, in die ich mir den persönlichen Eintritt nach meiner Verabschiedung vorbehielt. Da Halske ebensowenig wie ich selbst disponible Geldmittel hatte, so wandten wir uns an meinen in Berlin wohnenden Vetter, den Justizrath Georg Siemens, der uns zur Einrichtung einer kleinen Werkstatt 6000 Thaler gegen sechsjährige Gewinnbetheiligung darlieh. Die Werkstatt wurde am 12. October 1847 in einem Hinterhause der Schöneberger Straße – wo Halske und ich auch Wohnung nahmen – eröffnet und entwickelte sich schnell und ohne weitere Inanspruchnahme fremden Capitals zu dem weltbekannten Etablissement von Siemens & Halske in Berlin mit Zweiggeschäften in vielen Hauptstädten Europas.

Die verlockende Aussicht, mich vermöge meiner dominirenden Stellung in der Telegraphencommission zum Leiter der künftigen preußischen Staatstelegraphen aufzuschwingen, hatte ich von mir gewiesen, da ein Dienstverhältniß mir nicht zusagte und ich die Ueberzeugung gewann, ich würde der Welt und mir selbst mehr nützen können, wenn ich mir volle persönliche Unabhängigkeit verschaffte. Doch wollte ich meinen Abschied vom Militär und damit von meinem Commando zur Telegraphencommission erst dann nehmen, wenn die Commission ihre Aufgabe voll ständig erfüllt hätte und eine definitive Ordnung des künftigen Telegraphenwesens eingetreten wäre.

Ich kämpfte damals in der Commission dafür, daß die Benutzung der herzustellenden Telegraphenlinien auch dem Publicum gestattet würde, was in militärischen Kreisen großer Abneigung begegnete. Die große Geschwindigkeit und Sicherheit, mit der meine inzwischen in Preußen patentirten Zeiger- und Drucktelegraphen auf der oberirdischen Linie zwischen Berlin und Potsdam und auf der unterirdischen zwischen Berlin und Großbeeren arbeiteten – eine Leistung, die mit derjenigen der früheren Semaphoren gar nicht zu vergleichen war – trugen aber wesentlich dazu bei, eine dem Publicum günstigere Auffassung herbeizuführen. Die Kunde von den überraschend günstigen Resultaten dieser Versuche machte damals in den höheren Gesellschaftskreisen Berlins die Runde und brachte mir die Aufforderung der Prinzessin von Preußen, ihrem Sohne, unserm späteren Kronprinzen Friedrich Wilhelm und Kaiser Friedrich, in Potsdam einen Vortrag über elektrische Telegraphie zu halten. Dieser von Experimenten auf der Berlin-Potsdamer Linie begleitete Vortrag und eine an ihn sich knüpfende Denkschrift, in der ich auseinandersetzte, welche Bedeutung die Telegraphie in Zukunft erlangen würde, falls man sie zum Gemeingute des Volkes machte, haben offenbar viel dazu beigetragen, die höheren Kreise hierfür zu gewinnen.

Für den März des Jahres 1848 schrieb die Commission auf meinen Antrag eine öffentliche Concurrenz aus und setzte die dabei von den Telegraphenleitungen und Apparaten zu erfüllenden Bedingungen fest. Den Siegern wurden Preise ausgesetzt, auch sollten sie die Anwartschaft auf die späteren Lieferungen erhalten. Ich hatte ziemlich sichere Aussicht, auf dieser, am 15. März 1848 eröffneten Concurrenz mit meinen Vorschlägen den Sieg davonzutragen, als der 18. März der Concurrenz sowohl wie der Commission selbst ein jähes Ende bereitete.

In meine interessanten Arbeiten versunken hatte ich wenig Zeit gefunden, an der wilden Bewegung der Geister Theil zu nehmen, die sich seit der Pariser Februarrevolution über ganz Deutschland verbreitete. Mit elementarer Gewalt brauste der mächtige Strom der politischen Aufregung dahin und riß alle die schwachen Dämme nieder, welche die bestehenden Gewalten ihr ziel- und planlos entgegenstellten. Die Unzufriedenheit mit den herschenden Zuständen, das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, daß sie sich ohne gewaltsamen Umsturz ändern ließen, durchdrang das ganze deutsche Volk und reichte selbst bis in höhere Schichten der preußischen Civil- und sogar der Militärverwaltung. Das politische und nationale Phrasenthum, dessen Hohlheit erst durch die späteren Ereignisse offenbart wurde, übte damals noch seine ungeschwächte Wirkung auf die Massen aus, und seine Entwicklung wurde mächtig unterstützt durch das außerordentlich schöne Sommerwetter, welches diese ganze Zeit in Deutschland herrschte.

Die Straßen Berlins wurden ununterbrochen von erregten Menschen durchfluthet, die sich gegenseitig die übertriebensten Gerüchte über den Fortschritt der Bewegung in Deutschland mittheilten und überall improvisirten Volksrednern zuhörten, welche sie verbreiteten und zu gleichen Thaten anfeuerten. Die Polizei schien aus der Stadt verschwunden zu sein, und das Militär, welches durchweg treu seine Pflicht erfüllte, machte sich kaum ernstlich bemerkbar. Da kam die überwältigende Nachricht von dem Siege der Revolution in Dresden und Wien, kurz darauf die Erschießung des Postens vor dem Bankgebäude und schließlich das Mißverständniß auf dem Schloßplatze. Dies trieb auch die ruhigen Bürger, die sich zu einer vermittelnden Bürgerwache zusammengeschaart hatten, auf die revolutionäre Seite. Ich sah von meinen Fenstern aus, wie eine Abtheilung dieser Bürgerwache in großer Erregung vom Schloßplatze herkam und auf dem Platze vor dem anhaltischen Thore Schärpen und Stäbe zusammenwarf mit dem Rufe »Verrath! das Militär hat auf uns geschossen«. In wenigen Stunden bedeckten sich die Straßen mit Barrikaden, die Wachen wurden angegriffen und zum Theil überwältigt, und der Kampf mit der Garnison, die sich meist auf die Vertheidigung beschränkte und ohne jede Ausnahme der Fahne treu blieb, verbreitete sich schnell über einen großen Theil der Stadt.

Ich selbst war damals durch mein Commando zu einer Special-Commission außer Verbindung mit einem militärischen Truppentheile und wartete klopfenden Herzens auf das Ende des unseligen Kampfes. Da erschien mit Beginn des Tages die königliche Proklamation, die den Frieden herstellte.

Um dem Könige für diese Proklamation zu danken, zogen am Vormittage des 19. März die Bürger auf den Schloßplatz. Es duldete mich nicht länger im Hause und so schloß ich mich ihnen in Civilkleidung an. Ich fand den ganzen Platz mit einer großen Menschenmenge bedeckt, die ihrer Freude über die Friedensproklamation allseitig lebhaften Ausdruck gab. Doch bald änderte sich die Scene. Es kamen lange Züge an, welche die Gefallenen auf den Schloßplatz brachten, damit, wie man sagte, der König sich selbst überzeugen könnte, welches Unheil seine Soldaten angerichtet hätten. Es ereignete sich die schreckliche Scene auf dem Balkon des Schlosses, auf dem die Königin in Ohnmacht niedersank, als ihr Auge auf die blutige Menge der Todten fiel, die man zu ihren Füßen aufgehäuft hatte. Dann kamen immer neue Züge mit Todten, und als der König dem Geschrei nach seinem Erscheinen nicht wieder Folge leistete, bereitete sich die begleitende, aufgeregte Menge vor, das Schloßthor zu erbrechen, um dem Könige auch diese Todten zu zeigen.

Es war dies ein kritischer Moment, denn unfehlbar wäre es im Schloßhofe, wo ein Bataillon zurückgehalten war, zu erneutem Kampfe gekommen, dessen Ausgang zweifelhaft erscheinen mußte, da das übrige Militär die Stadt auf königlichen Befehl verlassen hatte. Da kam ein Retter in der Noth in der Person des jungen Fürsten Lichnowsky. Von einem in der Mitte des Schloßplatzes aufgestellten Tische aus redete er die Menge mit lauter, vernehmlicher Stimme an. Er sagte, Sr. Majestät der König habe in seiner großen Güte und Gnade dem Kampfe ein Ende gemacht, indem er alles Militär zurückgezogen und sich ganz dem Schutze der Bürger anvertraut habe. Alle Forderungen seien bewilligt und man möge nun ruhig nach Hause gehen! Die Rede machte offenbar Eindruck. Auf die Frage aus dem Volke, ob auch wirklich Alles bewilligt sei, antwortete er »Ja, Alles, meine Herren«. »Och det Rochen?« – erscholl eine andere Stimme, »Ja, auch das Rauchen« war die Antwort. »Och im Dierjarten?« – wurde weiter gefragt. »Ja, auch im Thiergarten darf geraucht werden, meine Herren«. Das war durchschlagend. »Na, denn können wir ja zu Hause jehn« hieß es überall, und in kurzer Zeit räumte die heiter gestimmte Menge den Platz. Die Geistesgegenwart, mit welcher der junge Fürst – wahrscheinlich auf eigene Verantwortung hin – die Concession des freien Rauchens auf den Straßen der Stadt und im Thiergarten ertheilte, hat vielleicht schweres, weiteres Unheil verhütet.

Auf mich machte diese Scene auf dem Schloßplatz einen unauslöschlichen Eindruck. Sie zeigte so recht anschaulich den gefährlichen Wankelmuth einer erregten Volksmenge und die Unberechenbarkeit ihrer Handlungen. Andererseits lehrte sie auch, daß es in der Regel nicht die großen, gewichtigen Fragen sind, durch die Volksmassen in Bewegung gesetzt werden, sondern kleine, von jedermann lange als drückend empfundene Beschwerden. Das Rauchverbot für die Straßen der Stadt und namentlich den Thiergarten mit dem steten kleinen Kriege gegen Gensdarmen und Wachen, der damit verbunden war, bildete in der That wohl die einzige Beschwerde, die von der großen Masse der Berliner Bevölkerung wirklich verstanden wurde und für die sie in Wahrheit kämpfte.

Mit dem Siege der Revolution hatte in Berlin zunächst jede ernste Thätigkeit ihr Ende. Die ganze Regierungsmaschine schien erstarrt zu sein. Auch die Telegraphencommission hörte einfach auf weiter zu functioniren, ohne aufgehoben oder auch nur suspendirt zu sein. Ich verdanke es der Energie meines Freundes Halske, daß unsere Werkstatt ihre Thätigkeit während der ganzen nun folgenden schweren Zeit ruhig fortsetzte und Telegraphenapparate fabricirte, obgleich es an Bestellungen gänzlich fehlte. Persönlich war ich in einer schwierigen Lage, da meine amtliche Thätigkeit aufgehört hatte, ohne daß mir eine andere angewiesen war, und es andererseits nicht anging meinen Abschied zu fordern, während allgemein angenommen wurde, daß ein auswärtiger Krieg in naher Aussicht stände.

Da trat wieder, wie so oft in meinem Leben, ein Ereigniß ein, welches mir eine neue und schließlich für mich günstige Richtung gab.

In Schleswig-Holstein war der Aufstand gegen die dänische Herrschaft mit Erfolg durchgeführt. Die nationale Frage wurde dadurch mächtig angeregt, und Freischaaren bildeten sich in ganz Deutschland, um den gegen fremde Unterdrücker kämpfenden Brüdern im äußersten Norden Hülfe zu bringen. Auf der anderen Seite rüsteten sich die Dänen zur Wiedereroberung des Landes, und die Kopenhagener Zeitungen forderten die Regierung einstimmig auf, den Centralpunkt der revolutionären Bewegung, die Stadt Kiel, durch ein Bombardement zu strafen.

Mein Schwager Himly war im vorhergegangenen Jahre als Professor der Chemie nach Kiel berufen und wohnte dicht am Hafen. Schwester Mathilde schrieb mir in großer Angst und sah im Geiste ihr Haus schon in Trümmern liegen, da es den Bomben der dänischen Kriegsschiffe ganz besonders exponirt war. Die Seebatterie Friedrichsort, wie die kleine Festung am Eingange des Kieler Hafens damals benannt wurde, war noch in dänischen Händen, der Eingang in den Hafen stand der dänischen Flotte daher vollständig offen.

Dies brachte mich auf den in jener Zeit noch ganz neuen Gedanken, den Hafen durch unterseeische Minen mit elektrischer Zündung zu vertheidigen. Meine mit umpreßter Guttapercha isolirten Leitungen boten ein sicheres Mittel dar, solche Minen im richtigen Zeitmomente auf elektrischem Wege vom Ufer aus zu entzünden. Ich theilte diesen Plan meinem Schwager mit, der ihn lebhaft ergriff und sofort der provisorischen Regierung für die Vertheidigung des Landes unterbreitete. Diese billigte ihn und schickte einen besonderen Abgesandten an die preußische Regierung mit der Bitte, mir die Erlaubniß zur Ausführung des Planes zu ertheilen. Meiner Sendung oder auch nur Beurlaubung zu diesem kriegerischen Zwecke stand jedoch entgegen, daß noch Friede zwischen Preußen und Dänemark herrschte. Mir wurde aber in Aussicht gestellt, daß ich den gewünschten Urlaub erhalten solle, wenn die Verhältnisse sich änderten, wie man erwartete.

Ich benutzte diese Zeit des Abwartens zur Vorbereitung. Es wurden große Säcke aus besonders starker, durch Kautschuk wasserdicht gemachter Leinewand angefertigt, von denen jeder etwa fünf Centner Pulver fassen konnte. Ferner wurden in aller Eile isolirte Leitungen und Zündvorrichtungen hergestellt und die nöthigen galvanischen Batterien zur elektrischen Zündung beschafft. Als der Departementschef im Kriegsministerium, General von Reyher, in dessen Vorzimmer ich täglich auf Entscheidung wartete, mir endlich die Mittheilung machte, daß er soeben zum Kriegsminister ernannt und der Krieg gegen Dänemark beschlossen sei, und daß er mir den erbetenen Urlaub als erste feindliche Handlung gegen Dänemark bewillige, waren meine Vorbereitungen schon beinahe vollendet und noch denselben Abend trat ich die Reise nach Kiel an.

In Altona, wo große Aufregung herrschte, erwartete mich bereits mein Schwager Himly; eine Extralocomotive führte uns weiter nach Kiel. Die Nachricht der preußischen Kriegserklärung war schon bekannt geworden, wurde aber noch vielfach bezweifelt. Mein Erscheinen in preußischer Uniform wurde mit Recht als Beweis des ersehnten Factums aufgefaßt und erregte auf dem ganzen Wege nach Kiel und in diesem selbst unermeßlichen Jubel.

In Kiel hatte mein Schwager unterdessen schon alle Anstalten getroffen, um mit der Legung der Minen schnell vorgehen zu können, da man täglich das Erscheinen der dänischen Flotte erwartete. Es war eine Schiffsladung Pulver von Rendsburg bereits eingetroffen und eine Anzahl großer Stückfässer stand gut gedichtet und verpicht bereit, um einstweilen statt der noch nicht vollendeten Kautschuksäcke benutzt zu werden. Diese Fässer wurden schleunigst mit Pulver gefüllt, mit Zündern versehen und in der für große Schiffe ziemlich engen Fahrstraße vor der Badeanstalt derart verankert, daß sie etwa zwanzig Fuß unter dem Wasserspiegel schwebten. Die Zündleitungen wurden nach zwei gedeckten Punkten am Ufer geführt und der Stromlauf so geschaltet, daß eine Mine explodiren mußte, wenn an beiden Punkten gleichzeitig die Contacte für ihre Leitung geschlossen waren. Für jede Mine wurden an den beiden Beobachtungsstellen Richtstäbe aufgestellt und die Instruction ertheilt, daß der Contact geschlossen werden müsse, wenn ein feindliches Schiff sich in der Richtlinie der betreffenden Stäbe befinde, und so lange geschlossen bleiben müsse, bis sich das Schiff wieder vollständig aus der Richtlinie entfernt habe. Waren die Contacte beider Richtlinien in irgend einem Momente gleichzeitig geschlossen, so mußte das Schiff sich gerade über der Mine befinden. Durch Versuche mit kleinen Minen und Booten wurde constatirt, daß diese Zündeinrichtung vollkommen sicher functionirte.

Inzwischen war die Schlacht bei Bau geschlagen, in der die schleswigholsteinschen Turner und die deutschen Freischärler von den Dänen besiegt und zum Theil gefangen genommen wurden. Es war merkwürdig, wie schnell und mächtig der nationale Haß und die kriegerische Leidenschaft der sonst so ruhigen schleswigholsteinschen Bevölkerung jetzt aufloderten. Am schärfsten äußerte sich dies in der Stimmung der Frauen. Ich erlebte dafür ein charakteristisches Beispiel.

In einer Gesellschaft ließ sich ein schönes und liebenswürdiges junges Mädchen die Construction der zum Schutze der Stadt Kiel verlegten Minen und die Methode der Zündung von mir erklären. Als sie vernahm, daß im günstigen Falle das ganze Schiff in die Luft fliegen und die ganze Bemannung zu Grunde gehen könnte, fragte sie erregt, ob ich denn glaubte, daß es Menschen gäbe, die eine so entsetzliche That verüben und mit einem Fingerdrucke Hunderte von Menschenleben vernichten könnten. Als ich dies bejahte und mit der kriegerischen Nothwendigkeit zu entschuldigen versuchte, wandte sie sich zornig von mir ab und mied mich von da ab sichtlich. Als ich sie nach kurzer Zeit wieder in einer Gesellschaft traf, war inzwischen die Schlacht bei Bau geschlagen; Wrangel war im Begriff, mit den preußischen Truppen in Schleswig-Holstein einzurücken, und die Kriegsfurie hatte die Geister mächtig ergriffen. Zu meiner Ueberraschung kam meine schöne Feindin gleich auf mich zu, als sie meiner ansichtig wurde, und fragte, ob meine Minen auch noch in Ordnung wären. Ich bejahte dies und sagte, ich hegte die Hoffnung, daß sie ihre Wirksamkeit bald an einem feindlichen Schiffe würden zeigen können, da es hieße, daß eine dänische Flotte zum Bombardement Kiels unterwegs sei. Ich beabsichtigte damit wieder ihren Zorn zu erregen, der ihr so gut gestanden hatte. Zu meiner großen Ueberraschung sagte sie aber mit haßerfüllter Miene: »Ach, es würde mich grenzenlos freuen, ein paar Hundert dieser Unmenschen in der Luft zappeln zu sehn!« Ihr Bräutigam war bei Bau verwundet und gefangen worden und wurde angeblich mit den übrigen Gefangenen auf dem Kriegsschiff »Droning Maria« von den Dänen schlecht behandelt. Daher dieser plötzliche Umschwung ihrer menschenfreundlichen Stimmung!

Es hieß damals in der That, daß in Kopenhagen beschlossen sei, Kiel zu bombardiren, noch bevor es von den deutschen Truppen besetzt würde. Mir wurde dabei doch etwas bange um die Stadt, denn das Fahrwasser erwies sich bei genauer Untersuchung für Schiffe mittlerer Größe breiter, als ursprünglich angenommen war. Die dänische Flotte konnte sich auch ruhig bei Friedrichsort vor Anker legen und das Bombardement in aller Muße durch Kanonenboote ausführen. Ich hielt es deshalb für äußerst wichtig, daß die Festung Friedrichsort nicht in dänischem Besitz bliebe. Dieselbe sollte nur von einer sehr kleinen Anzahl dänischer Invaliden besetzt sein, ihre Eroberung schien daher nicht schwierig.

Ich trug meine Ansicht dem neu ernannten Commandanten von Kiel, einem hannöverschen Major, vor. Er stimmte mir vollständig bei, hatte auch die Nachricht erhalten, daß in der That eine dänische Escadre unterwegs sei, um Friedrichsort zu besetzen, bedauerte aber ohne Mannschaft zu sein, also nichts thun zu können. Als ich an die Kieler Bürgerwehr erinnerte, die gewiß dazu bereit sein würde, bezweifelte er dies zwar, erbot sich aber, Generalmarsch schlagen zu lassen und der Bürgerwehr meinen Vorschlag zu unterbreiten. Diese kam auch schnell in ansehnlicher Zahl zusammen, und ich versuchte ihr den Nachweis zu führen, daß es zum Schutze des Lebens und Eigenthums der Kieler Bürger unbedingt nöthig sei, Friedrichsort zu besetzen, was heute noch leicht ausführbar wäre, aber morgen vielleicht nicht mehr.

Meine Rede hatte gezündet. Nach kurzer Berathung erklärte sich die Bürgerwehr bereit, noch in der kommenden Nacht die Festung zu besetzen, wenn ich das Commando übernehmen wollte, wozu ich mich natürlich gern verstand. So wurde denn eilig mit Hülfe des Stadtcommandanten, der zwar keine Mannschaft, aber ziemlich gefüllte Magazine zu seiner Verfügung hatte, aus der Bürgerwehr ein Expeditionscorps von 150 Mann gebildet, dem sich noch eine Reserve von 50 Mann anschloß.

Gegen Mitternacht waren wir auf dem Wege nach Holtenau, von wo aus der Sturm auf die Festung erfolgen sollte. Meine Truppe marschirte lautlos und tapfer auf die Zugbrücke los, die glücklicherweise niedergelassen war, und mit lautem Hurrah nahmen wir von der Festung Besitz. Ein Widerstand irgend welcher Art machte sich leider nicht bemerklich. Ich schlug mein Hauptquartier im Commandanturgebäude auf, und es wurde mir dort bald die aus sechs alten Feuerwerkern und Sergeanten bestehende und, wie es schien, von den Dänen ganz vergessene Besatzung gefangen vorgeführt. Die Leute wurden einstweilen unter Arrest gestellt und am folgenden Tage als erste Kriegsgefangene nach Kiel transportirt; es waren geborene Schleswig-Holsteiner, die offenbar froh waren, auf diese Weise ihre Entlassung aus dem dänischen Heeresverbande zu erhalten.

Bei Tagesgrauen erhielt ich die Meldung, daß auf der Rhede ein dänisches Kriegsschiff läge, und bald darauf wurde ein Spion eingebracht, der ihm vom Walle aus Signale gegeben hatte. Es war ein zitternder alter Mann, der von kräftigen Armen gefesselt mir vorgeführt wurde. Bei dem angestellten Verhör ergab sich, daß es der Garnisonpastor war, dem es zu unruhig in der sonst so stillen Festungsruine geworden, und der deshalb den Fischern des auf der anderen Seite des Hafeneinganges gelegenen Dorfes Laboe das verabredete Signal zur Hersendung eines Bootes gegeben hatte.

Das kleine Kriegsschiff blieb ruhig auf seinem Ankerplatze liegen, sendete ein Boot nach Laboe und ging nach dessen Rückkehr wieder in See. Ich hatte in der Festung eine mächtige schwarzrothgoldene Fahne aufhissen und die Wälle besetzen lassen, so daß das Schiff die Meldung nach Kopenhagen überbringen konnte, die Seebatterie Friedrichsort sei von einer deutschen Truppe besetzt, wie auch bald darauf in dänischen Zeitungen zu lesen war.

Es begann nun ein recht munteres Leben in der Festung. Meine Bürgerwehrtruppe that gewissenhaft ihre Schuldigkeit. Bei der Organisation des Dienstes fand ich zu meiner Ueberraschung unter der Mannschaft Angehörige bekannter schleswig-holsteinscher Adelsfamilien und angesehene Bürger der Stadt Kiel. Sie unterwarfen sich aber alle ganz unbedingt dem selbstgewählten Commando eines jungen preußischen Artillerieofficiers. Ich ließ die Wälle aufräumen, die Scharten ausbessern und die vorgefundenen alten Kanonen auf die noch vorhandenen Bettungen schaffen. Das Pulvermagazin wurde in Ordnung gebracht und durch Kieler Handwerker ein Ofen zum Glühendmachen der Kugeln erbaut. Wesentlich unterstützte mich bei diesen Arbeiten mein mir ohne Ordre aus Berlin nachgefolgter Officiersbursche, Namens Hemp, ein intelligenter, tüchtiger Mann, der mich später bei allen Telegraphenbauten begleitete und schließlich Oberingenieur der Indo-Europäischen Telegraphenlinie wurde, welche Stellung er bis zum vorigen Jahre bekleidet hat. Mit seiner Hülfe wurde die Bedienungsmannschaft für eine Kanone nothdürftig ausgebildet, so daß wir schon am dritten Tage nach der Besetzung einen Probeschuß abgeben konnten, der weithin die militärische Besetzung von Friedrichsort verkündete.

In den nächsten Tagen erhielten wir viel Besuch aus Kiel. Nicht nur der Commandant der Stadt und sogar ein Mitglied der provisorischen Regierung besuchten uns, sondern auch die Frauen und Verwandten der Bürgerwehr kamen in großer Zahl, um sich von dem Wohlergehn ihrer Angehörigen persönlich zu überzeugen. Nach Verlauf einer Woche fing indessen meine Mannschaft an, beträchtlich zusammenzuschmelzen, da die Frauen ihren Männern bei den Besuchen überzeugend nachwiesen, daß sie zu Hause unentbehrlich seien. Ich konnte mich der Einsicht nicht verschließen, daß es unmöglich wäre, die Bürgerwehrmänner, die sich ihren häuslichen Geschäften nur schwer entziehen konnten, für längere Zeit in Friedrichsort zurückzuhalten. Andererseits war noch ganz Holstein von Militär entblößt, und die schwachen Reste der schleswigholsteinschen Truppen standen den wieder in Nordschleswig einrückenden Dänen gegenüber.

Ich war daher vor die Wahl gestellt, entweder meine Eroberung wieder aufzugeben oder mir einen Ersatz für die Bürgerwehr zu verschaffen. Die Bauernjugend der Probstei – des der Festung Friedrichsort gegenüberliegenden, das südliche Ufer des Kieler Hafens bildenden Landstrichs – schien mir besonders geeignet, diesen Ersatz zu bilden. Ich zog deshalb, von einer kleinen Truppe der Bürgerwehr begleitet, mit Fahne und Trommel zunächst nach Schönberg, dem Hauptorte der Probstei, rief die Dorfältesten zusammen und stellte ihnen vor, daß es ihrer eigenen Sicherheit wegen durchaus nöthig wäre, daß sie ihre erwachsenen Söhne zur Besetzung der Festung hergäben. Es entspann sich eine lange, schwierige Verhandlung mit den Vollbauern und ihren Frauen, die sich hinter ihren Gebietern aufstellten und auch direct an den Verhandlungen betheiligten. Die Leute meinten, wenn »die Herren«, nämlich die Regierung, es für nöthig erachteten, daß ihre Söhne marschirten, so könnten sie es ja so anordnen; dann wisse man, was man zu thun habe. Wenn die Dänen in ihr Land, die Probstei, wirklich einfielen, dann wollten sie sich wohl auch ohne Commando wehren, aber »in det Butenland up de annere Sid det Waters« wollten sie nicht freiwillig gehen.

Als die Bauernschaft unter lauter Zustimmung des weiblichen Chorus dabei unabänderlich stehen blieb, wurde ich zornig. Ich erklärte sie in plattdeutscher Sprache, die ich aus meiner Jugendzeit noch kannte, für dumme Esel und feige Memmen und sagte ihnen, in Deutschland hätten die Weiber mehr Courage wie hier die Männer. Zum Beweise las ich ihnen aus einem Zeitungsblatte die Nachricht vor, daß sich in Bayern bereits eine Weibertruppe gebildet hätte, um das Land gegen die Dänen zu schützen, da es den Männern daselbst an Muth fehlte. Die würde ich abwarten, um die Festung mit ihnen zu vertheidigen! Das wirkte. Als ich im Begriff stand, mit meiner kleinen Truppe wieder abzuziehen, kam eine Deputation der Altbauern und bat mich noch zu warten, sie wollten sich die Sache noch einmal überlegen, da es ihnen doch nicht paßte, daß die Weiber ihr Land vertheidigen sollten. Ich erklärte mich dazu bereit, verlangte aber, daß die Dorfschaft wenigstens 50 Mann stellte, sonst lohnte die Sache nicht. Wir wurden darauf gut verpflegt, und eine Stunde später standen in der That 50 junge Männer bereit, um mitzugehen, gefolgt von hoch mit Lebensmitteln aller Art beladenen Fahrzeugen, »damit ihre Jungens in der Festung doch nicht zu hungern brauchten«, wie mir die Schulzenfrau erklärte. So zogen wir von Dorf zu Dorf mit ähnlichem Erfolge, und am späten Abend marschirte ich mit 150 kräftigen Bauernjungen und einer ganzen Lebensmittelcarawane wieder in die Festung ein.

Ich entließ darauf die Bürgerwehr bis auf eine Anzahl Freiwillige, die mich bei der Leitung und Ausbildung meines Bauernfreicorps unterstützen wollten, und hatte die Freude zu sehen, daß sich in kurzer Zeit eine ganz brauchbare Truppe aus ihm herausbildete. Waffen, Munition und militärische Abzeichen erhielt ich von dem stets hülfreichen Commandanten der Stadt Kiel, dessen Name mir leider entfallen ist. Mein Freicorps war als solches von der provisorischen Regierung anerkannt und erhielt auch die übliche Besoldung. Bei der militärischen Ausbildung der Leute leistete mir wieder mein schon genannter Bursche Hemp, den ich zum Artilleriechef ernannte, ausgezeichnete Dienste. Die Kanonen waren zwar alt und schlecht, aber ein kurzer 24-Pfünder und eine Haubitze waren immerhin brauchbar; das dänische Blockadeschiff, welches die Rhede des Hafens nicht mehr verließ, schien die glühenden Kugeln, die wir ihm stets zusandten, wenn es sich bis auf Schußweite näherte, doch einigermaaßen zu respectiren.

Eines Morgens wurden wir durch die Meldung alarmirt, daß drei große dänische Kriegsschiffe auf der Rhede lägen. Es schien in der That, als ob ein Angriff auf die Festung beabsichtigt würde – der ja auch in Anbetracht ihrer schlechten Verfassung und Ausrüstung große Chancen gehabt hätte. Der schwächste Punkt der Festung war das auf den inneren Hafen mündende Eingangsthor. Die Zugbrücke war verfallen, der Graben wasserfrei und das die Einfahrt deckende Ravelin nur noch in den Umrissen vorhanden. Da inzwischen mein Schwager Himly die vorläufig für die Minen benutzten Stückfässer zum Theil schon durch die aus Berlin eingetroffenen Gummisäcke ersetzt hatte, so ließ ich eins von diesen jetzt entbehrlich gewordenen Fässern nach Friedrichsort schleppen, um es dort als Flattermine zur Vertheidigung des Festungsthores zu verwenden. Ich hatte am Tage vor der Alarmirung in der Mitte des alten Ravelins eine tiefe Grube ausheben und das Faß darin versenken lassen. Da es bei dieser Arbeit Nacht geworden war, so blieb die Grube offen und wurde durch einen Posten bewacht. Als am andern Morgen die Alarmirung stattfand, beauftragte ich meinen Bruder Friedrich – der mir ebenso wie später auch meine Brüder Wilhelm und Karl nach Kiel und Friedrichsort nachgefolgt war – die Zündleitung fertig zu machen, um die Mine im Falle eines Sturmes vom Walle aus entzünden zu können.

Die Schiffe hatten sich jetzt der Festung wirklich auf Schußweite genähert. Meine drei brauchbaren Kanonen waren besetzt und der Ofen zum Glühendmachen der Kugeln in voller Thätigkeit. Ich verbot aber zu schießen, bevor die Schiffe die Einfahrt forcirten. Die übrige Mannschaft hatte ich auf dem Festungshofe versammelt, um sie einzutheilen und zur Tapferkeit zu ermahnen. Da stieg plötzlich vor dem Festungsthore eine gewaltige Feuergarbe hoch empor. Ich fühlte eine starke Zusammendrückung und unmittelbar darauf eine gewaltsame Ausdehnung des Brustkastens; die erste Empfindung war vom klirrenden Einbruch aller Fensterscheiben der Festung begleitet, während bei der zweiten sämmtliche Ziegelsteine der Dächer sich fußhoch erhoben und darauf mit großem Getöse niederfielen.

Natürlich konnte es nur die Mine sein, deren Explosion das Unheil angerichtet hatte. Da traf mich gleich schwer der Gedanke an meinen armen Bruder Fritz. Ich lief zum Thore hin um nach ihm zu sehen, doch begegnete er mir unversehrt schon innerhalb desselben. Er hatte die Mine fertig gemacht, die Batterie auf dem Wallgange aufgestellt, den einen Zünddraht mit dem einen Batteriepol verbunden und den andern an einem Baumzweige befestigt, um ihn zur Zündung gleich zur Hand zu haben, und wollte mir dies eben melden, als die Explosion eintrat und der Luftdruck ihn vom Walle hinab in das Innere der Festung schleuderte. Der ziemlich heftig wehende Wind hatte den zweiten Zünddraht vom Baume losgerüttelt, wobei er gerade auf den andern Batteriepol fiel und dadurch die Zündung bewirkte.

Schlimmer war es dem Posten ergangen, der auf der Brustwehr der Ravelinspitze gestanden hatte, als die Explosion eintrat. Ich fand ihn auf der andern Seite des Explosionstrichters scheinbar todt auf dem Boden liegen, neben ihm sein Gewehr mit dem Bajonett voran bis zur Hälfte des Laufs in die Erde eingegraben. Der gewaltige Luftzug, den die in der offnen Grube explodirende Mine verursachen mußte, hatte den Mann offenbar mit sich in die Höhe gerissen und über den Minenkrater hinweggeschleudert. Glücklicher Weise hatte er aber sein Gewehr krampfhaft festgehalten, und dadurch war der Stoß beim Niederfallen gemildert worden. Der Mann kam nach Verlauf einer Stunde wieder zur Besinnung; er blutete zwar aus Mund, Nase und Ohren und wurde später am ganzen Körper blau, war aber sonst unverletzt und nach etlichen Tagen wieder dienstfähig. Ernster beschädigt war der Kieler Militärarzt, der nach Friedrichsort geeilt war, als das Erscheinen des dänischen Geschwaders gemeldet wurde, und in dem Augenblicke die Zugbrücke passirte, als unmittelbar neben ihm die Explosion stattfand. Er war mit seinem Fuhrwerk in den Wallgraben gestürzt und hatte sich dabei einige Quetschungen zugezogen. Auch hatte sich der Koch stark verbrüht, der gerade eine gefüllte Suppenschale die Treppe des Erdgeschosses hinauftrug und durch die Explosion hinabgestürzt wurde.

Aeußerst merkwürdig waren die mechanischen Wirkungen, welche die Explosion, die als ein Schuß aus einem offnen, durch Erde gebildeten Rohre mit einer Ladung von fünf Centnern Pulver zu betrachten war, in weitem Umkreise hervorbrachte. In der ganzen Festung war kein Raum von einiger Größe geschlossen geblieben. Entweder hatte der Luftdruck die Thüren oder Wände eingedrückt oder es hatte, wenn sie dem widerstanden, die darauf folgende Leere sie auseinandergesprengt. Die Fensterscheiben waren selbst im Dorfe Laboe und in Holtenau gesprungen. Die Druckdifferenz muß im Innern der Festung noch mindestens eine Atmosphäre betragen haben, sonst hätte sie nicht in so weiter Entfernung noch solche Wirkungen hervorbringen können.

Als ich auf den Platz zurückkehrte, wo ich meine Truppe verlassen hatte, fand ich ihn leer und fürchtete schon, daß die Leute sich im ersten Schrecken zerstreut und verkrochen hätten. Ich sah aber zu meiner Freude bald, daß sich alle auf den ihnen angewiesenen Plätzen befanden. Sie hatten geglaubt, eine dänische Bombe sei eingeschlagen und der Angriff habe begonnen.

Die dänischen Schiffe hatten indessen ihr Vorgehen aufgegeben, kehrten auf die Außenrhede zurück und verließen auch diese bald bis auf das Blockadeschiff. In den Kopenhagener Zeitungen war kurz darauf zu lesen, eine der unterseeischen Minen, mit denen der Hafen von Kiel gepflastert sei, wäre zufällig bei Friedrichsort in die Luft geflogen und hätte die Festung zerstört. In der That muß der Anblick von den Schiffen aus ganz überraschend gewesen sein. Die rothen Ziegeldächer aller Gebäude der Festung überragten die niedrigen Wälle und gaben ihr ein lebhaft farbiges Ansehen. Unmittelbar nach der Explosion waren aber sämmtliche Ziegel niedergefallen und man sah gar keine Häuser mehr.

Daß die Dänen gewaltigen Respect vor den Minen bekommen hatten, beweist die Thatsache, daß trotz der notorischen Schwäche der artilleristischen Vertheidigung des Kieler Hafens während beider schleswig-holsteinschen Feldzüge kein dänisches Schiff in denselben eingelaufen ist. Obgleich diese ersten unterseeischen Minen nicht in Thätigkeit gekommen sind, haben sie also doch eine ganz entschiedene militärische Wirkung ausgeübt. Ich darf mich daher wohl darüber beschweren, daß die militärischen Schriftsteller späterer Jahre diese erste, vor den Augen der ganzen Welt erfolgte und damals viel besprochene Hafenvertheidigung durch unterseeische Minen vollständig ignorirt haben. Sogar deutsche Militärschriftsteller haben später dem Professor Jacobi in Petersburg die Erfindung der Unterseeminen zugeschrieben, obgleich dessen Versuche bei Kronstadt viele Jahre später ausgeführt wurden und er selbst gar nicht daran dachte, mir die Erfindung und die erste Ausführung im Kriege streitig zu machen. Als die Minen nach dem Friedensschlusse wieder aufgefischt und gehoben wurden, erwies sich das Pulver in den Kautschuksäcken trotz zweijährigen Liegens im Seewasser noch vollständig staubtrocken. Es ist also nicht zu bezweifeln, daß die Minen bei eintretender Gelegenheit ihre Schuldigkeit gethan haben würden.

Bald nach der beschriebenen Explosion in Friedrichsort rückte das Gros der preußischen Armee unter Wrangels Commando in Schleswig-Holstein ein. Ich erhielt kurze Zeit darauf ein directes Schreiben aus dem Hauptquartier, in welchem ich wegen meiner Hafenvertheidigung durch Unterseeminen und wegen der Besitznahme der Seebatterie Friedrichsort belobt wurde. Es wurde mir darin ferner mitgetheilt, daß eine Compagnie eines der neugebildeten schleswig-holsteinschen Bataillone unter Lieutenant Krohn die dauernde Besetzung der Festung übernehmen würde, und mir aufgetragen, zu einer genau bestimmten Zeit mit meinem Bauernfreicorps zur Mündung der Schlei zu marschiren, sie an einer passenden Stelle zu überschreiten und die Landbevölkerung der Provinz Angeln anzutreiben, dänische Flüchtlinge, die sich nach beabsichtigter Schlacht bei Schleswig dort zeigen würden, aufzugreifen. Nach erfolgter Ablösung durch die schleswig-holsteinsche Compagnie marschirte ich daher zur vorgeschriebenen Zeit nach Missunde, ging dort bei Tagesanbruch über die Schlei und führte meine ganz tapfer marschirende Schaar auf Flensburg zu. Schon am frühen Morgen hörten wir den Donner der Kanonen bei Schleswig. Die Bevölkerung verhielt sich sehr ruhig und schien auch gar nicht geneigt, sich in dieser Ruhe stören zu lassen. Dänen waren nicht zu sehen; wir hörten aber am Abend von Landleuten, daß die dänische Armee geschlagen sei und von den Preußen verfolgt sich über Flensburg zurückzöge. In der Nähe Flensburgs bestätigte sich dies Gerücht; die preußische Avantgarde hatte die Stadt bereits besetzt.

Da ich keine weiteren Aufträge für mein Freicorps hatte und mich auch nicht berechtigt fühlte, die Leute noch länger zurückzuhalten, nachdem die Festung, für deren Vertheidigung sie geworben waren, militärisch besetzt war, so entließ ich sie in die Heimath, der sie schleunigst wieder zueilten, und ging selbst nach Flensburg, um meine Meldung abzustatten. Das erwies sich aber als sehr schwierig, da in Flensburg noch eine grenzenlose Verwirrung herrschte. Die Straßen waren mit Kriegsfahrzeugen aller Art vollständig verbarrikadirt und keine Militär- oder Civilbehörde war aufzufinden. Endlich traf ich im Gedränge auf den mir von Berlin her bekannten preußischen Hauptmann von Zastrow, dem ich meine Noth klagte. Dieser theilte mir mit, daß er das Commando über ein neuformirtes schleswig-holsteinsches Truppencorps mit einer Batterie erhalten und Ordre habe, am folgenden Tage mit demselben nach Tondern zu marschiren. Es fehle ihm aber sehr an Officieren und er schlüge mir vor, mich ihm anzuschließen und das Commando über die Batterie zu übernehmen. Er würde das formell bei dem Höchstcommandirenden regeln und auch meine Meldung an denselben übermitteln. Mir gefiel dieser Vorschlag sehr, da es mir nicht angenehm sein konnte, vom Kriegsschauplatze grade jetzt wieder ins Friedensquartier nach Berlin zu gehen. Ich schrieb daher meine Meldung über die Ausführung des mir ertheilten Befehls und zeigte an, daß ich das Bauernfreicorps entlassen habe und in Ermangelung einer anderweitigen Bestimmung einstweilen das mir angetragene Commando einer schleswig-holsteinschen Batterie übernehmen würde.

So ritt ich denn am folgenden Tage an der Spitze der mir zugewiesenen Batterie über den sterilen Rücken des »meerumschlungenen« Landes gen Tondern. Die Freude sollte aber nicht lange dauern. Im Marschquartiere angekommen, erhielt ich vom Commandanten eine durch Estaffette überbrachte Ordre aus dem Hauptquartier, nach der ich mich sofort bei dem Höchstcommandirenden zu melden hatte. In Folge dessen requirirte ich mir ein Fuhrwerk, langte gegen Mitternacht wieder in Flensburg an und meldete mich sofort im Hauptquartier. Ich wurde in ein großes Zimmer des ersten Hotels von Flensburg geführt und fand dort an langer Tafel eine Menge Officiere jeden Ranges und aller Waffengattungen versammelt. Auf dem Sopha vor der schmalen Seite der Tafel saßen zwei jüngere Prinzen, während General Wrangel den ersten Platz neben dem Sopha an der einen Langseite der Tafel einnahm. Als ich meine Meldung abgestattet hatte, erhob sich der General und mit ihm die ganze Versammlung, da es gegen die Etiquette war zu sitzen, wenn der Höchstcommandirende stand.

Der General sprach seine Verwunderung darüber aus, daß ich schon da sei, da er doch erst vor etlichen Stunden die Ordre für mich ausgefertigt habe. Als ich erklärte, ich sei gleich nach Beendigung des Marsches umgekehrt, meinte er, ich müsse sehr müde sein und solle eine Tasse Thee trinken. Auf seinen directen Befehl mußte ich mich auf seinen Platz setzen und eine Tasse Thee trinken, während die ganze hohe Gesellschaft zu meiner großen Verlegenheit stehen blieb. Es machte auf mich den Eindruck, als wollte der Höchstcommandirende die Gelegenheit benutzen, um zu zeigen, daß er Verdienste ohne Unterschied des Ranges ehre, und dabei gleichzeitig ein kleines Etiquettenexercitium vornehmen. In der darauf folgenden Unterhaltung drückte mir der General seine Anerkennung für den Schutz des Kieler Hafens durch Seeminen, sowie für die Besitznahme der Festung Friedrichsort aus. Weiterhin sagte er, es wäre jetzt nöthig, den Schutz des Kieler Hafens möglichst stark zu machen und auch den Hafen von Eckernförde durch Seeminen zu sichern, da er die Absicht hätte, mit der ganzen Armee in Jütland einzurücken. Als ich dagegen einwandte, daß der Eckernförder Hafen zu offen und sein Fahrwasser zu breit wäre, um seine Vertheidigung auf Minen stützen zu können, und daß einige gut angelegte Batterien dies mit größerer Sicherheit bewirken würden, entspann sich in der Gesellschaft eine längere Discussion über das vermeintliche Uebergewicht der Schiffsartillerie über Landbatterien, in der ich mir die Bemerkung erlaubte, daß eine gut gelegene und durch Erdwall gedeckte Batterie von acht 24-Pfündern, die mit glühenden Kugeln schösse, den Kampf mit dem größten Kriegsschiffe aufnehmen könne. Die Behauptung, daß eine Landbatterie durch einige Breitsalven von einem Kriegsschiffe rasirt werden könne, sei kriegsgeschichtlich nicht bewiesen, und einer Beschießung mit glühenden Kugeln würde kein Holzschiff lange widerstehen können.

Das Endresultat dieser Audienz war, daß mir formell die Vertheidigung der Häfen von Kiel und Eckernförde übertragen wurde. Ich ward zum Commandanten von Friedrichsort ernannt und erhielt eine offne Ordre an den Commandanten der Festung Rendsburg, in der dieser angewiesen wurde, meinen Requisitionen an Geschützen, Munition und Mannschaft für Friedrichsort und die am Hafen von Eckernförde anzulegenden Batterien nachzukommen. Dieser Ordre wurde in Rendsburg auch Folge geleistet – allerdings mit einigem Widerstreben, da die Festung selbst nur sehr mangelhaft zur Vertheidigung ausgerüstet war. Friedrichsort wurde jetzt mit brauchbaren Kanonen versehen und möglichst in Vertheidigungszustand gesetzt. In Eckernförde erbaute ich eine große Batterie für schwere 12- und kurze 24-Pfünder am flachen Ufer etwas östlich von der Stadt und eine Haubitzenbatterie auf dem Hügellande am nördlichen Ufer des Hafens.

Weder Friedrichsort noch Eckernförde kamen in diesem Feldzuge zu irgend einer ernstlichen Thätigkeit, aber im nächsten Jahre wurden die von mir angelegten Batterien bei Eckernförde rühmlichst bekannt durch ihren siegreichen Kampf mit einem dänischen Geschwader, in welchem das Linienschiff Christian VIII. in Brand geschossen und die Fregatte Gefion gefechtsunfähig gemacht und erobert wurde.

Nach Vollendung der Befestigung von Friedrichsort und der Batterien bei Eckernförde fing meine Thätigkeit an etwas eintönig zu werden. Sie beschränkte sich im wesentlichen auf die Bewachung des vor Friedrichsort liegenden, feindlichen Blockadeschiffs und die Controle des die Hafeneinfahrt passirenden Schiffsverkehrs. Das Kieler Militär-Commando hatte das Auslaufen von Handelsschiffen ohne specielle Erlaubniß untersagt und der Seebatterie Friedrichsort den Befehl ertheilt, es nöthigenfalls gewaltsam zu verhindern. Dies führte zu einer kleinen militärischen Aktion, die etwas Abwechslung in unser einförmiges Leben brachte.

Eines Abends kreuzte ich mit dem Boote der Kommandantur die Hafeneinfahrt, um die auf dem gegenüberliegenden Ufer von mir angelegte Batterie Laboe zu besuchen, als eine holländische Barke mit vollen Segeln auf mich zufuhr, in der offenbaren Absicht, den Hafen zu verlassen, ohne die vorschriftsmäßige Meldung abzustatten. Ich rief dem Kapitän zu, er solle beilegen und sich melden, da er andernfalls von der Festung aus beschossen werden würde. Der Holländer und seine Frau, welche die ganze Schiffsbesatzung zu bilden schienen, nahmen meine Warnung aber nicht für Ernst, erklärten vielmehr, sie würden sich um das Verbot nicht kümmern. Während diese Verhandlung noch stattfand, blitzte es aber schon vom Festungswalle auf und ein Warnungsschuß schlug dicht vor dem Schiffe ins Wasser, wie das Reglement es vorschrieb. Trotzdem setzte das Schiff seinen Kurs mit vollen Segeln fort. Jetzt folgte von der Festung sowohl wie von der Batterie Laboe Schuß auf Schuß, und bald gesellte sich noch lebhaftes Gewehrfeuer eines am Ufer aufgestellten Militärpostens hinzu. Der tapfere Holländer ließ sich aber nicht irre machen und verschwand nach glücklicher Passirung der Einfahrt im Dunkel der inzwischen eingebrochenen Nacht.

Ausgesandte Fischer fanden das Schiff am nächsten Morgen außerhalb des Hafeneinganges verankert und die Besatzung eifrig beschäftigt, den erlittenen Schaden, der namentlich durch die Gewehrkugeln bewirkt war, wieder auszubessern. Die Tapferkeit des Holländers erklärte sich sehr einfach dadurch, daß er das Steuer festgebunden, als er wirklich Kugeln pfeifen hörte, und sich mit seiner Frau vorsichtig unter die Wasserlinie zurückgezogen hatte, wo beide völlig geschützt waren. Ich selbst war mit meiner Bootsbemannung den Kugeln schutzlos preisgegeben und konnte mich später wenigstens rühmen, einmal ohne Wanken im Artilleriefeuer gestanden zu haben! Uebrigens muß ich bekennen, daß das zischende Geräusch der vorbeisausenden Kanonenkugeln gerade keine angenehmen Empfindungen in mir hervorgerufen hat.

Auch das dänische Blockadeschiff brachte uns im Spätsommer schließlich noch eine interessante Unterbrechung des monotonen Festungslebens.

Ich erhielt aus dem Hauptquartier die Mittheilung, daß die Freischaaren unter dem Commando des bayrischen Majors von der Tann einen nächtlichen Angriff auf das Blockadeschiff ausführen würden, und den Befehl, dieses Unternehmen mit allen Mitteln der Festung bestens zu unterstützen. Bald darauf stellte sich von der Tann mit seinem Adjutanten, einem Grafen Bernstorf, bei mir ein und nahm Quartier in Friedrichsort. Das Freicorps sammelte sich bei Holtenau, wo auch die Boots-Escadre organisirt wurde, die den nächtlichen Angriff ausführen sollte. Am Tage vorher fand auf dem Festungshofe eine Paradeaufstellung des Freicorps statt, die mir nicht viel Vertrauen auf das Gelingen des gewagten Unternehmens einflößte. Es fehlte den Leuten vielleicht nicht an kühnem Muthe, wohl aber an Disciplin und ruhiger Entschlossenheit. Von der Tann und sein Adjutant bemühten sich vergebens, das wilde Durcheinander in militärische Ordnung umzuwandeln.

Der Plan zu dem Handstreich ging von einem Manne aus, der in der dänischen Marine früher irgend einen untergeordneten Posten bekleidet hatte. Es war ein Herkules, der seine gewaltigen Glieder in eine goldstrotzende Admiralsuniform eigner Phantasie steckte und die Leute mit lauttönender Stimme zu muthigen Thaten anspornte. So fragte er die in Reihe und Glied stehenden Leute, was sie machen würden, wenn sie an Bord gelangt wären und ihnen Dänen entgegenkämen. Der eine erklärte, er würde den nächsten niederstechen, ein anderer fand es angemessener, ihn niederzuschlagen und so fort. Der »Admiral« hörte das ruhig mit an, richtete sich dann aber hoch auf und fragte mit blitzenden Augen und den zugehörigen Gesten: »Wißt Ihr, was ich machen werde? – ich nehme die beiden nächsten Dänen und reibe sie an einander zu Pulver!« Vertrauen auf künftige Heldenthaten konnte das nicht einflößen.

Die Boots-Escadre sollte Nachts um 111/2 Uhr in größter Stille und ohne jedes Licht die Festung passiren und dann gegen das Blockadeschiff zum Angriff vorgehen, wenn ein von der Festung gegebenes Signal bezeugte, daß das feindliche Schiff in gewohnter Ruhe verharre. Das Signal wurde rechtzeitig gegeben, es wurde aber etwa 1 Uhr, ehe die ersten Boote bei der Festung anlangten. Darauf vergingen nahezu zwei Stunden, ohne daß irgend etwas geschah, und endlich kam die ganze Bootsmenge ohne jede Ordnung und unter lautem Getöse zurück. Der »Admiral« hatte erst das Blockadeschiff nicht finden können und dann wollte er beobachtet haben, daß das Schiff alarmirt und mit Enternetzen versehen wäre, so daß ihm offenbar der geplante Angriff verrathen worden sei. Unter Verrathgeschrei kehrte die Expedition nach Holtenau zurück und löste sich bald darauf ganz auf. Am nächsten Morgen lag das Schiff an seiner gewohnten Stelle, und es war mit den schärfsten Fernrohren keine besondere Armirung gegen einen drohenden Angriff zu erkennen.

Wie von der Tann mir vertraute, war das Unternehmen aus Mangel an Disciplin und an der zu großen Menge anregenden Getränkes gescheitert, und ihm selbst die Lust vergangen, einen weiteren Versuch zu machen. Mir thaten die tüchtigen und liebenswürdigen bayrischen Officiere sehr leid wegen dieses Mißerfolges. Von der Tann blieb noch mehrere Tage mein Gast in der Festung, und ich habe mich in späteren Lebensjahren oft mit Vergnügen jener angenehmen Zeit erinnert, wenn der Ruhm der Thaten des »Generals von der Tann« zu mir drang.

Mit meiner officiellen Ernennung zum Commandanten von Friedrichsort und dem Auftrage, durch Anlage von Batterien für die Vertheidigung des Hafens von Eckernförde zu sorgen, hatte meine Stellung den etwas abenteuerlichen Charakter verloren, der ihr bis dahin anhaftete. Sie hatte damit aber auch einen großen Theil des Reizes eingebüßt, den sie bisher auf mich ausübte. Namentlich als ich meine Aufgaben er füllt hatte und der Beginn der Friedensunterhandlungen weitere kriegerische Thätigkeit sehr unwahrscheinlich machte, ergriff mich immer lebhafter die Sehnsucht nach der Wiederaufnahme meiner wissenschaftlich-technischen Thätigkeit in Berlin.

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

Abenteuer Telegraphie >>
Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]