Jack Hamlins Erholungsaufenthalt

Seth Rivers‘ gewöhnlich so ruhiges, asketisches Gesicht war einigermaßen aufgeregt, und seine Brauen waren gerunzelt, als er den langen Aufstieg des Windigen Hügels zu dessen Gipfel und seinem eigenen Rancho hinanklomm. Vielleicht war es die Wirkung des ortseigentümlichen Windes, der ihn an diesem Nachmittag von allen Seiten zugleich anzugreifen schien und selbst an seiner Vordertür den Angriff nicht aufgab, sondern ihn in den Hausgang drängte, ihn ins Wohnzimmer blies und dann zur Feier seines Abschieds aus dem langen, weitläufigen Hause Türen und Fenster zuschlug.

Frau Rivers blickte bei diesem etwas plötzlichen Auftauchen ihres Ehegemahls von der Arbeit auf, ohne den ihr eigenen Ausdruck ein wenig müder Selbstgefälligkeit zu verändern. Da sie mit diesen Ausbrüchen der Naturgewalten vertraut war, legte sie gewohnheitsmäßig die Hände auf die aufliegende Tischdecke und stand dann ergeben auf, um die herumgewürfelten Aschenhaufen vom Estrich zusammenzukehren – wie schon so manches Mal.

»Du bist früh zurück, Seth,« sagte sie.

»Jawohl. Ich machte beim Postamt am Kreuzweg halt. Glücklicherweise, sonst hättest du Besuch auf dem Leib sitzen gehabt, eh‘ du dich’s versehen hättest – noch heut‘ abend! Ich fand nämlich den Brief hier vor, von Doktor Duchesne,« und er zog einen Brief aus der Tasche.

Frau Rivers schaute mit einem Ausdruck weltlicher Neugierde auf. Doktor Duchesne hatte ihre beiden Kinder unter einigen Schwierigkeiten zur Welt befördert und hatte sie während eines langen Siechtums mit Geschick behandelt, wie es der kraftlosen Mutterschaft seelenvoller, aber gebrechlicher amerikanischer Frauen ihres Schlages zu folgen pflegt. Der Doktor genoß als Wundarzt einen über die Gegend hinausreichenden Ruf, und Frau Rivers blickte zu ihm als dem einzigen Bindeglied mit einer jenseits des Windigen Hügels liegenden Gedankenwelt empor.

»Er kommt heut‘ abend zu dir ‚rauf und bringt ’nen Freund mit – ’nen Patienten, von dem er wünscht, daß wir ihn drei Wochen lang in Kost und Pflege nehmen, bis er wieder wohlauf ist,« fuhr Rivers fort. »Du weißt ja, daß der Doktor immer von der reinen Luft auf unserm Hügel schwärmte.«

Frau Rivers schauerte leicht zusammen und zog ihren Schal über die Schultern, nickte jedoch ein geduldiges Ja.

»Schön, er sagt, das sei’s gerad‘, was der Patient zur Heilung nötig hätt‘. Er hat Lungenentzündung und andre Geschichten gehabt, und die Luft und Ruhe hier soll ihn wieder in die Höhe bringen. Wir sollen ihn ohne viel Federlesens beköstigen und verpflegen, und der Doktor sagt, er werde reichlich dafür zahlen. Das, was er hier sagt, geht dich an,« schloß Rivers und las aus dem Briefe vor: »Er ist jetzt durchaus in der Wiederherstellung begriffen, wenn auch noch schwach, und braucht tatsächlich keine weitere Arznei als das – Ozon, ja, so nennt’s der Doktor – vom Windigen Hügel und in Wahrheit so wenig Pflege als möglich. Ich werde ihn nicht einmal seinen Negerbedienten mitnehmen lassen. Er wird keine Last für Sie sein, wenn er sich bestimmen läßt, die ganze Zeit seiner Kur auszuhalten.«

»Da wär‘ unser übriges Zimmer – ’s ist nicht benutzt worden, seit Pfarrer Greenwood hier war,« sagte Frau Rivers überlegend, »Melinda könnt’s in einer Stunde in Ordnung bringen. Wann will er denn kommen?«

»Ungefähr um Neun. Sie fahren vom Bahnhof Hightown herüber. Aber,« fügte er ingrimmig bei, »da läßt du ’n Zimmer richten und weißt nicht einmal für wen.«

»Du sagtest, für ’nen Freund von Doktor Duchesne,« erwiderte Frau Rivers einfach.

»Doktor Duchesne hat viele Freunde, die dir und mir möglicherweise nicht passen könnten,« sagte ihr Gatte. – »Jack Hamlin ist der Mann!«

Als die befremdet und fragend blickenden schwarzen Augen seiner Frau ihn verständnislos anschauten, fügte er schnell hinzu: »Der berüchtigte Spieler!«

»Spieler?« gab seine Frau noch immer verständnislos zurück.

»Ja – Gewohnheitsspieler – ’s ist sein Beruf.«

»Himmlische Güte, Seth! Er kann doch nicht erwarten, das hier treiben zu können.«

»Nein,« sagte Seth rasch, in jenem Anstandsgefühl gegen seinen Geschlechtsgenossen, für das die meisten Frauen so schwer Verständnis gewinnen. »Nein, und er wird sogar wahrscheinlich das Wort ›Karte‹ nicht in den Mund nehmen, so lange er hier ist.«

»Nun wohl?« sagte Frau Rivers in fragendem Tone.

»Und,« fuhr Seth fort, da er sah, daß auf diese Einwendung kein Wert gelegt wurde, »er ist so ’n Wütrich! ’n richtiger Kampfhahn! Hat zwei oder drei Männer im Duell erschossen!«

Frau Rivers war starr. »Was mag sich Doktor Duchesne nur gedacht haben! Na, wir werden in seiner Gegenwart nicht unsers Lebens sicher sein!«

Wiederum triumphierte Seths Billigkeitssinn. »Ich habe nie gehört, daß er sich mit andern als seinesgleichen geschlagen hat, und nur wenn er angepöbelt worden war. Und was die Weiber angeht, so handelt sich’s da wirklich um ganz was andres, und darum mein‘ ich, mußt du’s wissen, eh‘ du ihn kommen läßt. An anständige Weiber macht er sich nicht ‚ran. Wirklich …« (Doch hier gebrauchte Rivers, der sehr bibelkundig war, einige Kraftausdrücke aus der Schrift, die hier zu wiederholen glücklicherweise nicht nötig ist).

»Seth!« sagte Frau Rivers plötzlich, »du scheinst diesen Mann zu kennen.«

Das Unerwartete und Unzutreffende dieser Bemerkung machte Seth einen Augenblick stutzig. Doch dieser keusche und gottesfürchtige Mann hatte keine Geheimnisse. »Nur vom Hörensagen, Hanna,« erwiderte er ruhig, »aber es kostet dich nur ein Wort, und ich verhindere sein Kommen noch jetzt.«

»’s ist zu spät,« sagte Frau Rivers bestimmt.

»Ich glaub‘ nicht,« entgegnete ihr Gatte, »und darum bin ich geradeswegs hierhergekommen. Ich brauch‘ sie nur auf dem Bahnhof abzufangen und zu sagen, daß es nicht sein kann – und dann ist’s abgetan. Dann gehen sie ruhig ins Gasthaus.«

»Ich möchte den Doktor nicht kränken, Seth,« sagte Frau Rivers. »Wir könnten,« fügte sie mit einem verlegen fragenden Blick auf ihren Gatten bei, »wir könnten diesen Herrn Hamlin vielleicht auf Probe nehmen. Wahrscheinlich wird er doch nicht bleiben, wenn er sieht, was für Leute mir sind, Seth. Was meinst du? ’s wär‘ dazu nur unsre Christenpflicht.«

»Ich hab‘ darüber wie einer gedacht, der sich an sein Christentum hält, Hanna,« sagte ihr Gatte. »Aber angenommen, andre Christen sähen’s nicht in dem Lichte! Zum Beispiel Diakonus Stubbs nebst Frau und der Pfarrer, Du entsinnst dich doch, was er über ›keine Gemeinschaft mit der Sünde‹ gesagt hat?«

»Die Stubbs haben kein Recht, mir vorzuschreiben, wen ich in meinem Hause haben will,« sagte Frau Rivers rasch mit einem schwachen Erröten ihrer ziemlich blassen Wangen.

»Die Sache geht niemand etwas an, als dich,« stimmte ihr Gatte mit entschlossener Gefügigkeit bei. »Tu, was dir gefällt.«

Frau Rivers sann nach. »Außer mir ist nur noch Melinda hier,« sagte sie mit erhabener Naivität, »und die Kinder sind noch nicht alt genug, um verdorben zu werden. Ich bin damit einverstanden, wenn du es bist, Seth.« Und sie blickte ihn wiederum fragend an.

»Na, dann los, und mach‘ alles fertig für sie,« sagte Seth, der mit ungeheuchelter Erleichterung wegeilte. »Wenn alles um Neune fix und fertig ist, ist’s gut.«

Frau Rivers hatte alles um die besagte Stunde »fix und fertig«, worunter wir sie wohl selbst mitrechnen dürfen, denn sie hatte ein graues Kleid angelegt, das sie gewöhnlich bei ihren Einkäufen in der Bezirksstadt trug, dazu einen steifen Kragen und Manschetten. Eine Perlenbrosche, Seths Hochzeitsgeschenk, und ein Brillantring nebst ihrem Ehering, ferner ein Medaillon mit dem Haar ihrer Kinder betonten ihre Stellung als anständige Frau und Mutter.

Ein Viertel vor neun Uhr hatte sie schließlich das Wohnzimmer hergerichtet, das Harmonium geöffnet, so daß das Licht sich auf seiner glatten Klaviatur spiegeln konnte, und aus der vergessenen Einsamkeit ihres Kabinetts zwei schöngebundene Bände von Tuppers Gedichten und Pollocks Lauf der Zeit hergebracht, um dem Mitteltisch einen literarischen Reiz zu verleihen. Dann zog sie einen Stuhl zum Tisch und setzte sich davor nieder, eine religiöse Zeitschrift auf ihrem Schoße. Der Wind heulte über den hohen Schlot des Schornsteins, die Uhr tickte eintönig, und dann nahte der Klang von Rädern und Stimmen.

Aber Frau Rivers sollte ihren Gast heute abend nicht zu sehen bekommen. Doktor Duchesne erklärte nämlich, unter der windgeschützten Tür stehend, daß Herr Hamlin durch die Reise erschöpft und mit Hilfe eines milden Opiats im Wagen eingeschlafen sei. Wenn Frau Rivers nichts dawider habe, wollten sie ihn gleich in sein Zimmer tragen. Bei dem Flackern und Träufeln der Kerzen, dem Schimmer der Laternen, dem Flattern der Röcke und Schals und dem verwirrenden Rauschen des Windes nahm Frau Rivers nur undeutlich eine schlanke Gestalt wahr, die dicht in einen Mantel eingehüllt war und in den Armen eines ergrauten Negers die Treppe hinauf an ihr vorbeigetragen wurde, gefolgt von Doktor Duchesne. Als sich die Vordertür vor der lärmenden Welt draußen schloß, versank das kleine Wohnzimmer wieder in Schweigen.

Als der Doktor wieder erschien, meldete er, daß sein Patient von seinem Neger entkleidet und zu Bett gebracht morden sei, daß dieser jedoch noch heute abend mit dem Doktor abfahren werde, daß dem Patienten indes alles Nötige dagelassen worden sei, und daß er keiner Aufwartung von seiten der Familie vor dem nächsten Tage bedürfe. In der Tat sei es besser, daß er ungestört bleibe. Da der Doktor seine Mitteilungen und Anweisung gänzlich auf die leiblichen Bedürfnisse ihres Gastes beschränkte, fand Frau Rivers es peinlich, auf andern Fragen zu bestehen. »Natürlich,« sagte sie schließlich zögernd, noch ein wenig geziert, »muß Herr Hamlin erwarten, hier alles ganz anders zu finden, als er es gewohnt ist – wenigstens was mein Mann davon erzählt.

»Niemand weiß das besser als er, Frau Rivers,« erwiderte der Doktor in gleich gemessener Ausdrucksweise, »und Sie könnten schwerlich einen Gast haben, der Ihnen so wenig Anlaß geben dürfte, ihn daran zu erinnern.«

Ein wenig unbefriedigt – warum, wußte sie selber nicht genau – ließ Frau Rivers den Gegenstand fallen, und da der Doktor sich bald darauf der Pflege seines Patienten widmete, bei dem er bis zur Stunde seiner Abreise verweilte, hatte sie keine Gelegenheit, darauf zurückzukommen. Doch als er schließlich seinem Wirt und seiner Wirtin die Hände schüttelte, kam es ihr vor, als spiele er ein bißchen darauf an. »Ich verspreche mir die beste Wirkung dieser herrlichen Luft auf meinen Patienten, doch mehr noch von dem vollständigen Wechsel seiner Gewohnheiten, seiner Umgebung und ihres Einflusses.« Dann schloß sich die Tür hinter dem Mann der Wissenschaft und dem grauen Neger, der Lärm der Wagenräder wurde zugleich mit dem Singen des Windes in den Fichtenwipfeln ausgesperrt, und der Rancho des Windigen Hügels umfing Herrn Jack Hamlin in Frieden. In der Tat ließ der Wind jetzt, wie gewöhnlich um diese Stunde, nach, und alsbald erhob sich der Mond über einer stillen, schlafenden Landschaft.

Für den Rest des Abends beherrschte der schweigende Bewohner des Zimmers droben das ganze Haus: die halbneugierigen Dienstboten und Ranchoarbeiter tuschelten in den Gängen, und beim Abendgebet im Speisezimmer schloß Seth Rivers, der vor einem Korbsessel, dessen Beine er mit seinen starken Händen umfaßte, kniete und sich darüber beugte, »den Fremden innerhalb unsrer Pforten« in seine gewöhnlichen Fürbitten ein. Als die Stunde des Schlafengehens kam, ging Seth, eine Kerze in der Hand, seiner Frau voraus die Treppe hinauf, blieb aber vor dem Zimmer ihres Gastes stehen. »Ich mein‘,« sagte er fragend zu Frau Rivers, »ich sollt‘ doch sehen, ob er was braucht?«‘

»Du hast gehört, was der Doktor gesagt hat,« entgegnete Frau Rivers vorsichtig. Indessen sprach sie nicht allzu bestimmt, und der gastfreundliche Sinn des Grenzers siegte. Er klopfte leise – keine Antwort! Er drückte sanft auf den Türgriff. Die Tür ging auf, und ein schwacher, reiner Wohlgeruch – eher der Duft einer Persönlichkeit im allgemeinen, als irgend eines Gegenstands im besondern – drang zu ihnen heraus. Beim Schimmer von Seths Kerze sah man einiges geschliffene Glas und Silber funkeln, den Inhalt des Toilettenetuis des Gastes, der von seinem Neger sorgsam auf einen kleinen Tisch ausgebreitet morden war. Die Unordnung seiner Kleidungsstücke und sonstigen Habseligkeiten zeigte ferner eine ausgebildete Ordnungsliebe, die das weibliche Auge selbst einer so sauberen Dame wie Frau Rivers als etwas noch nicht Dagewesenes überraschte. Seth schlich näher an das Bett, indem er seine Kerze beschattete, und forderte, indem er sich umwandte, seine Frau auf, heranzukommen. Frau Rivers zauderte – wäre nicht Stille geboten gewesen, so hätte sie offen widersprochen – aber sie verschloß diesen Widerspruch hinter ihren zusammengepreßten Lippen, als sie herankam.

Einen Augenblick wurde jene Scheu, mit der ihre vollständige Hilflosigkeit die Schlafenden und Toten umkleidet, von dem Mann wie von der Frau verspürt. Nur der obere Teil des Gesichts des Schläfers war über der Bettdecke sichtbar, die von einer schmalen, weißen, nervösen Hand festgehalten wurde, deren Gelenk von einer Krause umgeben war. Seth machte große Augen. Kurze braune Locken hingen wirr über eine Stirn herab, die vom Tau des Schlafs und der Erschöpfung feucht war. Doch was noch seltsamer war, die geschlossenen Augen dieses Gefäßes des Zorns und der Ruhelosigkeit waren von Wimpern beschattet, so lang und seiden wie die einer Frau. Nun zog Frau Rivers ihren Mann sanft am Ärmel, und sie schlichen beide noch schuldbewußter und noch vorsichtiger hinaus, als sie eingetreten waren. Sie sprachen auch nicht eher, als bis die Tür leise zugemacht war und sie allein auf dem Treppenabsatz standen.

Seht blickte seine Frau grimmig an. »Sieht nicht grad‘ danach aus, als ob er jemand was zuleide tun könnte.«

»Er sieht aus wie ein Kranker,« entgegnete Frau Rivers gelassen.

 

*

 

Der nichts ahnende Gegenstand dieser prüfenden Betrachtung schlief recht lange, verschlief den Lärm des drinnen und draußen erwachenden Lebens, das Krähen der Morgenhähne in dem angebauten Schuppen, das Knarren der abfahrenden Ochsengespanne und die trägen, langgezogenen Rufe der Fuhrleute, die allmorgendlichen Schläge des Pumpenschwengels und das Spritzen des Wassers auf die Steine; das ferne Bellen von Hunden und die nur halbverständlichen Zurufe der Rancholeute; verschlief den Sonnenschein an seiner Zimmerdecke, wie er langsam an seiner Wand herunterkam, und erwachte erst, als er ihm auf die Augen fiel! Er erwachte mit einem köstlichen Gefühl, ganz schmerzfrei zu sein und ohne Mühe tief atmen zu können – Zwei so wunderbare und traumartige Tatsachen, daß er ganz natürlicherweise seine Augen wieder schloß, um nicht in einer Welt der Schmerzen und der Atemnot zu erwachen. Als er endlich überzeugt war, daß diese Erleichterung tatsächlich bestand, öffnete er seine Augen wieder, doch fielen sie auf eine so seltsame, so toll ungereimte und unwahrscheinliche Umgebung, daß er wiederum an deren Wirklichkeit zweifelte. Er lag in einem mäßig großen, steif und streng eingerichteten Zimmer, doch im Augenblick ward seine Aufmerksamkeit durch einen Goldrahmen, der neben ihm an der Wand hing und die Inschrift umschloß: »Gott segne unser Heim!« und dann durch einen andern Rahmen an der gegenüberliegenden Wand in Anspruch genommen, der ihn ermahnte: »Wache und bete!« Daneben hing ein Stich »Die Auferweckung des Lazarus« und ein Steindruck von Hogarths »Leben des Säufers«. Hamlin schloß die Augen. Gewiß träumte er noch – nicht einen jener wilden, phantastischen Träume, die die vergangenen Nächte der Leiden und Schmerzen so jammervoll erfüllt hatten, doch immerhin einen Traum! Endlich öffnete er ein Auge verstohlen und gewahrte die Spiegelung des Sonnenscheins auf den Glas- und Silbergegenständen seines Toilettenetuis, und diese Spiegelung erleuchtete auf einmal sein Gedächtnis. Er entsann sich seiner wochenlangen Krankheit und der Hingabe Doktor Duchesnes. Er entsann sich, wie der Doktor nach überstandener Krisis auf einer vollständigen Luftveränderung und völliger Ruhe bestanden und ihm von einem einsamen Rancho in etwas abgelegener Gegend erzählt hatte, den ein ehrenwerter Pionier des Westens innehabe, dessen Familie er behandelt hätte. Er entsann sich seiner eigenen widerstrebenden Zustimmung, die ihm die Dankbarkeit gegen den Doktor und die Hilflosigkeit eines Kranken entlockt hatte. Jetzt erinnerte er sich der angreifenden Herreise, seiner Erschöpfung und seiner ihm nur halbbewußten Ankunft auf einer schattigen Hügelspitze während eines tobenden Windes. Und hier war er also!

Er erschauerte leicht und duckte den Kopf wieder unter die Decke. Aber der Glanz der Sonne und etwas Belebendes in der Luft verlockte ihn zu einem weiteren Ausblick, wobei er soweit als möglich die seltsam ausstaffierten Wände zu vermeiden suchte. Wenn sie ihm nur seinen treuen Neger gelassen hatten, so hätte er sich über diesen schlechten Witz trösten können, der diesen ergebenen Neger stets abwechselnd schreckte und entzückte. Aber er war allein – vollständig allein – in diesem Pietistenhause!

Jetzt sah er, wie sich die Tür langsam öffnete und das runde Gesichtchen und die blonden Locken eines kleinen Mädchens und schließlich ihre ganze Gestalt hereinließ, eines Mädchens, das eine Puppe umschlang, fast ebenso groß als es selbst. Einen Augenblick stand sie da, von den Herrlichkeiten des Toilettenetuis Herrn Hamlins auf dem Tisch gefesselt. Dann wanderten ihre Blicke durchs Zimmer und blieben auf dem Bett haften. Ihre blauen Augen und Herrn Hamlins braune begegneten und fesselten sich. Ohne einen Augenblick zu zaudern, kam sie an die Seite des Bettes. Indem sie die Hand ihrer Puppe in die ihre nahm, pflanzte sie diese vor ihm auf.

»Gelt, sie ist hübsch?«

Hamlin war sofort wieder ganz er selbst. Indem er seine Hand behaglich unter das Kissen steckte, legte er sich auf die Seite und betrachtete die Puppe lang und hingebend. »Noch nie habe ich,« sagte er mit schwacher Stimme, aber mit unbeweglichen Zügen, »etwas so Wunderschönes gesehen. Ist sie lebendig?«

»’s ist ’ne Puppe,« sagte die Kleine ernsthaft, indem sie deren Rock glattstrich und ihre hilflosen Füße straffzog. Dann, wie ein junges Tier, von einem plötzlichen Einfall erfaßt, reichte sie sie ihm mit beiden Händen hin und sagte: »Küss sie!«

Herr Hamlin drückte einen keuschen Kuß auf ihre rote Backe. »Würdest du mir erlauben, sie ein Weilchen zu halten?« sagte er mit höchstem Mißtrauen.

Das Kind war entzückt, wie er erwartet hatte, Herr Hamlin pflanzte die Puppe in sitzender Stellung auf der Ecke seines Bettes auf und legte mit der väterlichsten Miene den Arm um sie.

»Aber du bist lebendig, nicht?« sagte er zu dem Kinde.

Dieser feine Witz erschütterte sie. »Ich bin ein kleines Mädchen,« gluckste sie.

»Verstehe, ihre Mutter?«

»Ah!«

»Und wer ist deine Mutter?«

»Mama!«

»Frau Rivers?«

Das Kind nickte, bis ihm die Locken auf die Wangen fielen. Einen Augenblick später fing es schamhaft zu lachen an, doch, wie’s Herrn Hamlin vorkam, ein wenig schadenfroh. Dann faßte sie ihn, als er sie fragend ansah, plötzlich an der Ärmelkrause.

»Sie hab‘ n Mamas Hem’chen an.«

Herr Hamlin fuhr auf. Er sah den augenscheinlichen Irrtum des Kindes und fühlte tatsächlich, wie er errötete. Das war ihm noch nie passiert – es war die reinste Schwäche – es mußte mit der verwünschten Luft zusammenhängen.

»Ich muß dir leider sagen, daß du dich schwer irrst – es ist nämlich mein höchsteigenes,« erwiderte er mit großem Ernst. Trotzdem zog er die Bettdecke fest über seine Schultern. Doch jetzt lenkte wiederum ein neues Gesicht an der halb offenen Tür seine Aufmerksamkeit auf sich – eines mit Sommersprossen, das einem Jungen gehörte, der offenbar ein oder zwei Jahre älter als das Mädchen war. Er telegraphierte ihr lebhaft, sie solle herauskommen, wiewohl er augenscheinlich gleichzeitig den Toilettengegenständen des Gastes lebhafte Aufmerksamkeit widmete. Doch als seine hellen grauen Augen und die braunen Herrn Hamlins sich trafen, unterlag er, wie das Mädchen, und ging geradeswegs auf das Bett zu. Aber er war dabei verschämt – was das Mädchen nicht gewesen war. Er versuchte sogar eine entschuldigende Erklärung.

»Sie sollte nicht hier ‚reinkommen, und Ma wollt’s nicht haben, und sie hat’s ganz gut gewußt,« sagte er mit überlegener Tugend.

»Aber ich bat sie darum, wie ich dich darum bitte,« sagte Herr Hamlin schnell, »und sei nicht unfreundlich gegen deine Schwester, sonst wirst du nie Präsident der Vereinigten Staaten werden!« Damit legte er die Hand auf den Flachskopf des Knaben und schlang dann, während er sich in seinem Kissen zu einer halb sitzenden Stellung aufrichtete, einen Arm um jedes Kind und zog sie nahe zusammen, während die Puppe den Ehrenplatz in der Mitte einnahm. »Jetzt,« fuhr Herr Hamlin fort, wenn seine Stimme auch etwas schwach von der Anstrengung war, »jetzt, wo wir behaglich beisammen sind, will ich euch die Geschichte von dem brauen kleinen Knaben erzählen, der, um seine Großmutter und seine kleine Schwester davor zu retten, daß sie von dem Wolf gefressen würden, ein Seeräuber wurde.«

Doch ach, diese heroische Tat der Selbstaufopferung wurde nie erzählt, denn der Zufall wollte, daß Melinda Bird, Frau Rivers‘ Dienstmädchen, die der Fährte der vermißten Kinder nachging, an die offene Tür kam und hineinschaute. Hier sah sie zu ihrem Erstaunen die bereits beschriebene häusliche Gruppe, deren Mittelpunkt der in ihren Augen »schönste und allereleganteste« junge Mann war, den sie je gesehen. Doch möge der vorschnelle Leser nicht argwöhnen, daß sie ebenso schwach wie ihre einfachen Pfleglinge diesem Zauber unterlegen sei! Der Charakter und das Vorleben dieses jungen Mannes waren ihr bereits von dem andern Dienstmädchen in der Küche preisgegeben worden. Nach jenem einzigen Blick machte sie halt; ihre Augen suchten in keuscher Entrüstung die Zimmerdecke. Einen Schritt zurücktretend, rief sie mit der Hoheit und Bestimmtheit einer Dame: »Marie Emmeline und John Wesley!«

Herr Hamlin sah die Kinder an, »’s ist Melinda, die nach uns sieht,« sagte John Wesley. Aber sie rührten sich nicht, worauf Herr Hamlin schwach, aber fröhlich rief: »Hier sind sie, schon gut!«

Wieder ertönte die Stimme mit noch ausgeprägterer und erhabenerer Bestimmtheit: »John Wesley und Marie Em – me – line!« Es deuchte Herrn Hamlin, daß menschliche Töne nicht im stande wären, ein deutlicheres und erhabeneres Übersehenwollen einer mit seiner Aufforderung begangenen Unziemlichkeit auszudrücken. Einen Augenblick war er geknickt.

Aber er begnügte sich, zu seinen jungen Freunden zu sagen: »Ihr solltet jetzt gehen; die Geschichte können wir später hören.«

»Nach ‚m Füstück?« schlug Marie Emmeline vor.

»Im Wald,« fügte John Wesley bei.

Herr Hamlin nickte sanft. Die Kinder trabten nach der Tür. Sie schloß sich hinter ihnen und hinter Fräulein Birds Ermahnung, die laut genug war, um von Herrn Hamlin gehört zu werden: »Keine solche Streiche, solche Aufdringlichkeit mehr, hört ihr?«

Der älteste von den drei Sündern, Hamlin, zog sich mit Wohlbehagen unter seine Bettdecke zurück, doch alsbald kam eine neue Empfindung über ihn – ein Wolfshunger. Vielleicht war es die Anspielung des Kindes aufs »Füstück«, aber er ertappte sich bei der Frage, ob es wohl fertig sei. Diese Besorgnis ward bald dadurch behoben, daß sein Wirt selbst mit einem Präsentierbrett erschien, vielleicht mit Rücksicht auf Fräulein Birds Schicklichkeitsgefühl. Es zeigte sich ferner, daß Doktor Duchesne im voraus entsprechende Weisungen über seine Beköstigung erteilt hatte, und Herr Hamlin fand sein Mahl einfach aber genießbar. Stets von vergnügter oder ironischer Höflichkeit gegenüber Fremden, dankte er seinem Wirt und sagte, er habe glänzend geschlafen.

»Das macht der Ozon in der Luft, von dem Doktor Duchesne spricht,« sagte Seth wohlgefällig.

»Ich möchte annehmen, daß es auch diese Texte bewirken,« sagte Herr Hamlin ernst, indem er auf die Wand, an der sie hingen, zeigte. »Sie erinnerten mich nämlich an die Kirche und den Schlummer, den ich dort in meiner Knabenzeit abzuhalten pflegte. Nie habe ich seitdem wieder so friedlich geschlafen.«

Seths Gesicht drückte eine so lebhafte Anteilnahme an dieser Äußerung der vermeintlichen Bekehrung seines Gastes aus, daß Herr Hamlin gerne den Gegenstand verließ. Als sein Wirt sich entfernt hatte, machte er sich daran sich anzuziehen, wurde aber hierbei seiner Schwäche inne und war genötigt niederzusitzen. In einer dieser erzwungenen Ruhepausen war er gerade nahe dem Fenster und blickte zum ersten Male auf die Umgebung seines Verbannungsortes. Zunächst war er verblüfft. Alles schien von dem Felsenvorsprung jäh abzustürzen, auf dem das ausgedehnte Haus und die Farmschuppen standen. Selbst die großen Fichten umher senkten sich gleich einer grünen Welle hinab, um sich wieder in riesigen Wogen zu heben, soweit das Auge reichte. Er konnte ein Dutzend ihrer sich auf- und niederwälzenden Kämme hintereinander zählen, bis sie die ferne Ebene erreichten. An irgend einem unbestimmten Punkte dieses schimmernden Hintergrundes von Hitze und Staub war der Fleck, von dem er gestern abend hergekommen. Doch die Erinnerung daran und an seine fieberische Vergangenheit schien ihn zu verwirren, und er wandte seine Augen mit Freude hinweg.

Bleich und ein bißchen zitterig, aber fleckenlos und hübsch in seinem weißen Flanellanzug und seinem Strohhut ging er endlich die Treppe hinunter. Es war ihm sehr erwünscht, das Wohnzimmer leer zu finden, da er seiner Wirtin seine förmliche Erkenntlichkeit lieber erst später ausgesprochen hätte. Ein einziger Blick ins Innere bestimmte ihn, nicht zu verweilen, und er entschlüpfte stille in die freie Luft und den Sonnenschein hinaus. Der Tag war warm und ruhig, da der Wind erst mit Sonnenuntergang heraufkam, und die Atmosphäre duftete noch von der morgendlichen Würze des Fichten- und Heugeruchs und einem stärkeren Balsam, der seine Brust mit Sonnenschein zu erfüllen schien. Er ging nach dem nächsten schattigen Platze, einem Busch junger Roßkastanienbäume, und setzte sich nieder, nachdem er mit einer gewissen städtischen Zimperlichkeit den Staub mit seinem Taschentuch von einem Baumstumpf gewischt hatte. Es war, ganz ruhig und still. Das Leben und die Bewegung des frühen Morgens war bereits von dem Hügel verschwunden oder schien mit der Sonne am Himmel zu schweben. Er konnte die Rancholeute und die Ochsengespanne sich auf den grünen terrassenförmigen Schleifen drunten abplagen sehen, doch drang kein Laut an sein Ohr. Sogar das Haus, das er soeben verlassen, schien seiner ganzen weitläufigen Längsausdehnung nach ohne Leben zu sein. Seine Abgeschlossenheit war eine vollständige. Konnte er das drei Wochen lang aushalten? Vielleicht brauchte es nicht so lange zu dauern, denn er fühlte sich schon kräftiger! Er sah voraus, daß der asketische Seth ihm langweilig werden würde, und eine innere Stimme sagte ihm, daß es mit Frau Rivers ebenso gehen würde. Mit Melinda würde er sich sicherlich zanken, und dies würde ihn der Gesellschaft der Kinder, seiner einzigen Hoffnung, berauben.

Aber seine Abgeschlossenheit war keineswegs so vollständig, als er angenommen hatte. So vernahm er jetzt einen Feldgottesdienstchoral, den eine tiefe Altstimme etwas auffällig sang, eine Stimme, die er sogleich als die Melindas erkannte, und er sah diese gestrenge Jungfrau aus der Küche heraus die Höhe entlang in die Nähe der Roßkastanien kommen, wo sie stehen blieb und, die Augen mit der Hand beschattend, augenscheinlich die fernen Felder zu mustern anfing. Sie war ein großes, kräftiges Mädchen und nicht ohne gewisse ländliche Reize, deren sie sich recht wohl bewußt schien. Diese eben erwähnte Schwäche gab Herrn Hamlin einen neuen Gedanken ein. Er steckte sein Federmesser ein, mit dem er sich eben die Nägel geschnitten, wobei er sich gefragt hatte, warum seine Hände so dünn geworden seien, und erwartete das Weitere. Jetzt wandte Melinda sich um, näherte sich den Roßkastanien, pflückte mit großer mädchenhafter Geschwindigkeit einen Haufen Blüten, fuhr dann, indem sie augenscheinlich Herrn Hamlin entdeckte, betroffen zurück und sagte mit etwas stentormäßiger Höflichkeit! »Ich bitte Sie wirklich um Verzeihung – wußte nicht, daß ich störte!«

»Hat gar nichts zu sagen,« entgegnete Jack schlagfertig, doch ohne sich zu rühren. »Ich sah Sie kommen und war also vorbereitet; aber im allgemeinen – da ich etwas herzleidend bin – ist eine plötzliche Freude wie diese nicht ohne Gefahr.«

Etwas verblüfft, doch zwischen dem Ausdruck strengster Würde und dem geschmeichelter Eitelkeit schwankend, stammelte Fräulein Melinda: »Ich wollte nur – «

»Ich weiß – ich sah, was Sie taten,« unterbrach Jack sie ernst, »nur tät‘ ich’s lieber nicht, wenn ich Sie wäre. Sie schauten nach einem jener jungen Männer den Hügel hinunter. Doch Sie vergaßen, daß, wenn Sie ihn sehen konnten, er auch sehen konnte, wie Sie ausschauten, und das könnte ihn nur eingebildet machen. Und ein Mädchen von Ihren Reizen braucht das nicht.«

»Als wenn,« sagte Melinda in stolzer aber etwas errötender Verachtung, »auf diesem ganzen Rancho ’n Mann wär‘, auf den ich ’nen zweiten Blick werfen tät‘!«

»Der erste Blick macht den Handel,« erwiderte Jack einfach. »Doch möglicherweise habe ich mich geirrt. Wären Sie so gut – da Sie gerade nach dem Hause zurückgehen« (Fräulein Melinda hatte gewiß keine derartige Absicht ausgesprochen) – »jene beiden kleinen Zickchen hier herauszubringen? Ich habe ihnen ’ne Art Versprechen gegeben.«

»Ich will mit ihrer Mama sprechen,« sagte Melinda steif, aber mit einem gewissen Anzeichen der Nachgiebigkeit, indem sie sich wegwandte.

»Sie können ihr sagen, ich hätte bedauert, sie nicht im Wohnzimmer getroffen zu haben, als ich herunterkam,« fuhr Jack taktvoll fort.

Offenbar war der Takt von guter Wirkung, denn wenige Augenblicke darauf ward er durch das fröhliche Heranspringen John Wesleys und Marie Emmelines erfreut, die er alsbald zu einem Versteckspiel beredete, wobei er sich schließlich unrühmlich fangen ließ. Doch jetzt beschloß er klugerweise sich gegen fernere Störung durch Erwachsene zu sichern, und ermittelte durch Befragen seiner Gefährten, daß sich auf einer der unteren Terrassen ein großes Reservoir befand, das durch einen Bergbach gespeist wurde, wo sie aber nicht spielen durften. Dorthin eilte jedoch der ruhelose Jack mit seinen Spielgefährten, und augenblicks war er unter einem Weidenbaum versteckt, wo er mit seinem Federmesser geschickt dünne Weidenkanoes zimmerte, die er auf einer Überschwemmungsstrecke von nahezu einem Acre  schwimmen ließ. Doch dieses sinnreiche Vergnügen sollte nach einer halben Stunde ein jähes Ende finden. Während er, seinen Gefährten einen Augenblick den Rücken zuwendend, mit dem Schnitzen von Rinde beschäftigt war, vernahm er einen Schrei, und als er sich rasch umwandte, sah er John Wesley im Wasser kämpfen und nach einer Baumwurzel greifen, Marie Emmeline aber – nirgends. In der nächsten Minute erblickte er die Streifen ihres Lätzchens wenige Schritte weiter auf der Oberfläche, und hast du nicht gesehen? war er ihr mit einem raschen kläglichen Blick auf seinen weißen Flanellanzug nachgesprungen. Der unangenehmen Überraschung, daß er keinen Grund fand, folgte jedoch die Berührung der Kleider des Kindes, und diese fest packend, erreichte er mit ein oder Zwei Schlägen herzklopfend das Ufer. Hier beruhigte ihn ein Schnappen, ein Gurgeln und dann ein Gebrüll von Marie Emmeline, dem ein mitfühlendes Geheul von John Wesley folgte, darüber, daß die Gefahr vorüber war.

Nachdem er den Knaben von der Baumwurzel losgemacht, legte er die beiden Kinder aufs Gras und betrachtete sie, während sie ihre Lungen mit ziemlich kläglicher Miene übten. Doch jetzt merkte er, daß sein eigener Atem behindert war und ihn dazu noch eine kleine Ohnmacht anwandelte, und plötzlich sah er sich genötigt, sich neben ihnen hinzusetzen, worauf die beiden, einer Eingebung des Mitgefühls gehorchend, zu schreien aufhörten.

Hierdurch ermutigt, brachte Hamlin sie wieder zum Lachen und schlug dann, ihrer nassen Kleider wegen, einen Wettlauf nach Hause vor, bei dem Hamlin seiner Atemnot halber im Hintertreffen blieb, bis er zu seiner Befriedigung sah, wie die erschrockene Melinda die Kleinen vor der Küche abfing, wahrend er an ihr vorbeischlüpfte und sein Zimmer aufsuchte. Hier wechselte er seine tropfnassen Kleider, versuchte, einen gewissen Schauer abzuschütteln, der ihn überschleichen wollte, und legte sich in seinem Gesellschaftsanzug unter traurigen Gedanken nieder. Er hatte die Kinder fast ertrinken lassen und sich trotz seines dem Doktor gegebenen Versprechens überanstrengt! Nie wieder würden ihm die ersteren anvertraut, nie wieder würde ihm von dem letzteren geglaubt werden!

Doch nicht jeder Vorfall hat seine logische Folge. Hamlin verfiel in einen behaglichen Schlaf und geriet in reichlichen Schweiß. Er erwachte, als jemand an seine Tür klopfte, und fand beim Aufmachen zu seiner Überraschung, daß es Frau Rivers war, die sich ängstlich nach seinem Befinden erkundigte. »Wirklich,« sagte sie in einer Aufregung, die selbst über ihre steife Zurückhaltung siegte, »ich mußte bis jetzt nicht, wie ernst der Vorfall war, und daß ohne Sie und Gottes Vorsehung mein kleines Mädchen ertrunken wäre. Wie es scheint, hat Melinda alles mit angesehen.« Indem er innerlich auf die spionierende Melinda schalt, aber froh war, daß seine Spielgefährten die gelobte Verschwiegenheit gewahrt hatten, lachte Hamlin laut auf.

»Ihr kleines Mädchen wäre ohne mich vermutlich gar nicht ins Wasser geraten – und Sie müssen das ganze Lob für ihre Rettung Ihrem Jungen spenden.« Er verstummte bei der ernsten Veränderung, die Frau Rivers‘ Gesichtsausdruck annahm, und fügte, plötzlich seinen gewöhnlichen Leichtsinn beiseite setzend, hinzu: »Aber bitte, Frau Rivers, halten Sie darum die Kinder nicht ferne von mir!«

Das tat Frau Rivers denn auch nicht, und am nächsten Tage suchten Jack und seine Genossen frische Spielplätze und neue Triften für Geschichtenerzählen auf. Wirklich, es war ein schöner Anblick, diesen bleichen, hübschen, elegant gekleideten jungen Burschen zwischen einem Mädchen im blaukarierten Schürzchen auf der einen Seite und einem barfüßigen Jungen auf der andern dahinschlendern zu sehen. Die Leute des Rancho wandten sich um und blickten neugierig hinter ihnen drein. Einer von ihnen, ein Taugenichts vom Lande, der durch Verschwendung auf die Treber des Rancholebens heruntergekommen war, hielt es für passend, ihm gegenüber vertraulich zu tun.

»Als ich Sie ’s letzte Mal in Sacramento Poler spielen sah, Herr Hamlin, rechnete ich nicht darauf, Sie hier oben mit ’nem Paar Zickchen spielen zu sehen.«

»Schwerlich!« entgegnete Hamlin sanft. »Und doch erinnere ich mich, daß ich drunten mit einigen Idioten vom Lande spielte, und daß Sie einer davon waren. Merken Sie sich übrigens, daß ich hier oben die Zickchen vorziehe. Daß ich Sie nicht daran erinnern muß!«

Trotzdem konnte Hamlin nicht umhin zu bemerken, daß in den nächsten zwei oder drei Tagen viel Besuch auf dem Rancho war und daß er bei seinen Spaziergängen genötigt war, der zudringlichen Neugier der Herumlungernden wegen die Hauptstraße zu meiden. Einige von ihnen gehörten zu jenem Geschlecht, das nur »neugierig« zu nennen ihm nicht genügt hätte.

»Wenn man bloß denkt,« sagte Melinda im Vertrauen zu ihrer Herrin, »daß die Frau Stubbs da, die nicht ins Gasthaus von Hightown gehen wollt‘, weil ’ne Schauspielerin dort war, hier schon zweimal ‚rumgeschlichen ist, seit der junge Bursche hier ist.« Diese Tatsache war indes Herrn Hamlin zu seinem Seelenheil nicht bekannt.

Trotzdem schlug seine Stimmung um; der Knick seines kecken Strohhuts wurde feindselig gegen Fremde, seine Höflichkeit sardonisch. Und nun war der Sonntagmorgen mit seinem Dunstkreis steifer Frömmigkeit und wohlgewaschener Ehrsamkeit über den Rancho gekommen, und die Kinder sollten mit der übrigen Familie zu dem den ganzen Tag andauernden Gottesdienst nach Hightown mitgenommen werden. Da die sabbatlichen Pilgerzüge die Hauptstraße füllten, war Hamlin froh, sich und seine Einsamkeit auf die Waldschneisen und Nebenpfade zu flüchten und sogar in die Schlupfwinkel andrer gleich ihm Verbannten zu dringen – nämlich eines Edelfalken, einer anmutigen, schön gezeichneten Wildkatze und einer beredt schweigenden Klapperschlange. Hamlin betrachtete sie ohne Furcht und sicherlich ohne Tadel. Sie waren nicht außerhalb ihres Elementes!

Plötzlich hörte er eine Stentorstimme seinen Namen rufen, und ein Ausruf der Ungeduld drängte sich auf seine Lippen, erstarb jedoch, als er sich umwandte. Es war selbstverständlich Melinda, aber in seiner jetzigen gefühlvollen Einsamkeit überkam es ihn zum ersten Male, daß er sie nie zuvor gesehen hatte, wie sie wirklich war. Wie die meisten Leute seiner Zunft war er ein schneller Gedanken- und Gesichterleser, wenn es ihm darauf ankam, und obwohl dies dasselbe kräftige, langgliedrige, sonnverbrannte Mädchen war, als das sie ihm bisher erschienen, vermeinte er jetzt doch durch die dreifache Rinde menschlicher Eitelkeit, hergebrachter Frömmigkeit und übertriebenen Sabbatputzes hindurch eine ehrliche, mitfühlende Einfachheit zu erblicken, die ihm Achtung abnötigte. »Sie sind früh von der Kirche zurück,« sagte er.

»Ja. Ein Gottesdienst ist genug für mich, wenn kein besonderer Prediger da ist,« erwiderte sie, »drum sagt‘ ich eben zu Silas: ›weil ich nicht hierhergekommen bin, um die Schwestern schnattern zu hören, können Sie den Wäschewagen anspannen und mich heimfahren, sobald ’s Ihnen paßt.‹«

»Also Silas heißt er,« rief Hamlin fröhlich.

»So gehen Sie doch, Herr Hamlin, und lästern Sie nicht,« antwortete sie vergnügt wie eine junge Kuh. »Schön, Silas spannte also an, und als wir den Hügel ‚raufkamen, sah ich Ihren Strohhut in der Schlucht verschwinden und sag‘ zu Silas: ›Silas,‹ sag‘ ich, ›Sie können hier anhalten, denn da droben ist unser neuer Zimmerherr, Jack Hamlin, und ich habe mit ihm zu reden‹. ›Recht so,‹ sagt er, ›ich lass‘ Sie lieber die ganze Woche über bei dem vergnügten jungen Luftibus als bloß den Sonntag bei den Heiligen da drunten. Er geht so grad drauf los wie sein Schuß, und ist so ’n guter Herr, als es nur einen gibt.‹

Einen oder zwei Augenblicke sah Fräulein Bird nur Jacks lange Wimpern. Als sich seine Augen wieder hoben, glänzten sie. »Und was meinten Sie?« sagte er mit einem kurzen Lachen.

»Ich sagte ihm, er brauche nicht Christoph Kolumbus zu heißen, um das zu entdecken.« Und sie wandte sich lachend zu Jack, der ihr seine weiße, dünne Hand entgegenhielt und ihre große, rote mit einem offenen brüderlichen Druck ergriff.

»Ich bin nicht hergekommen, um Ihnen das zu sagen,« bemerkte Fräulein Bird, indem sie sich auf einen Holzblock niederließ, ihren gelben Hut abnahm und ihre hellbraune Mähne darunter steckte. »Was ich Ihnen sagen wollte, ist vielmehr dies: ich glaubte zu ’nem sonntäglichen Gottesdienst zu kommen, wie sich’s gehört. Ich rechnete drauf, Erbauliches über ›Glauben‹ und ›Werke‹ und dergleichen zu hören, war aber nicht darauf gefaßt, immerzu vom Vaterunser bis zum Gloria über Sie reden zu hören. Sie kamen in den Fürbitten als ’ne Warnung, in der Predigt als der Text vor; sie wählten Choräle aus, die auf Sie paßten. Und immer wurden Sie als schreckliches Beispiel und eine Heimsuchung hingestellt. Und die übrige Zeit gab es nichts als Schnattern, Schnattern über Sie bei Brüdern und Schwestern. Ich glaub‘, Herr Hamlin, die wußten alles, was Sie je getan haben, seit Sie dreikäsehoch waren, und ’n gut Teil mehr, als Sie je zu tun gedacht haben. Die Weiber sind alle drauf versessen, Sie durch ihr eigenes kostbares Ich zu bekehren und zu retten, und die Männer sind gleicherweis‘ drauf versessen, Sie grad‘ deshalb los zu werden.«

»Und was sagten Seth und Frau Rivers?« fragte Hamlin gelassen, aber mit Feuer in den Augen.

»Sie haben sich für Sie ins Zeug gelegt, so viel sie konnten. Aber sehen Sie, der Pfarrer hat eine Waffe gegen Seth, weil er ihn abgefaßt hat, wie er eine Bekehrte beim Feldgottesdienst küßte; und Diakonus Turner weiß ‚was von Frau Rivers‘ Schwester, die vor Jahren den Eimer ausgegossen hat und über’n Zaun gesprungen ist, und sie fürchtet sich vor ihm. Aber was ich Ihnen sagen wollte, war, daß sie alle hier ‚raufkommen werden, um ’nen Blick auf Sie zu werfen – einige davon schon heut‘ abend, Sie fürchten sich doch nicht?« fügte sie laut lachend hinzu.

»Na, es sieht ziemlich verzweifelt aus, nicht?« antwortete Jack, dessen Augen förmlich tanzten.

»Da verlass‘ ich mich ganz auf Sie,« sagte Melinda. »Und setzt mein‘ ich, will ich allein nach dem Rancho traben. Sie müssen mir nicht Ihre Begleitung anbieten,« fuhr sie fort, als Jack eine Bewegung machte, als ob er sie begleiten wolle. »Nicht jedermann hier ist so anständig wie Silas und Sie, und Melinda Bird hat ’nen Ruf zu verlieren! Auf nachher!« Damit galoppierte sie ein bißchen schwerfällig davon, und brachte ihren gelben Hut mit beiden Händen in Ordnung, während sie den steilen Hügel hinunterpolterte.

An diesem Nachmittag getraute Hamlin sich schon, einen halbgezähmten Mustang zu besteigen und dem aufsteigenden Nachmittagswinde zum Trotz ebenso mutwillig und luftig wie dieser die Hauptstraße entlang zu galoppieren. Dabei gestattete er seinem Mustang, die Nüstern über die hintere Leiter von Wagen und Einspännern zu hängen, in denen junge Pärchen saßen, und Hals über Kopf an nüchternen Gesellschaftswagen vorbeizujagen, die ältliche „Mitglieder der guten Gesellschaft“ enthielten.

Ein vollendeter Reiter, hob er ohne abzusteigen den davonfliegenden Sonnenschirm der Frau Diakonus Stubbs auf und brachte ihn zurück. Er kam schließlich ein bißchen durchgeblasen, aber in gefährlicher Ruhe nach Hause.

Es war die übliche Sonntagabendversammlung im Rancho zum Windigen Hügel – Nachbarn und ihre Frauen, Diakonen und der Pastor – ; aber ihre Neugier wurde nicht durch den Anblick Hamlins belohnt, der in seinem eigenen Zimmer mit sich selbst zu Rate ging. Man unterhielt sich etwas oberflächlich, hauptsächlich über kirchliche Fragen, denn man hatte doch einigermaßen das Gefühl, daß eine Unterhaltung über die Möglichkeit, den Gast ihres Wirtes loszuwerden, unter dem Dache dieses Wirtes etwas schwierig sei, wo der Gast jederzeit erscheinen konnte. Dann wurde dadurch eine Ablenkung bewirkt, daß einige vom Kirchenchor das Harmonium spielten und dazu gewisse mehr oder weniger traurige Choräle sangen. Frau Rivers stimmte sofort mit ein und sang in einem etwas verblichenen Sopran, der jedoch noch immer bedeutenden musikalischen Geschmack und Ausdruck aufwies, „Kommt, die ihr mühselig!“ Der Wind heulte in dem langschlotigen Kamin in unheimlicher Übereinstimmung mit dem menschlichen Flehen, als Frau Rivers den ersten Vers sang:

»Kommt her, die ihr mühselig und beladen,

Hier klagt euer Leid, legt hin euer Herz,

Kniet brünstig hin vor dem Throne der Gnaden!

Der Himmel heilt jeglichen irdischen Schmerz!«

Eine Pause folgte, und der langgezogene, halbmenschliche Seufzer des Bergwindes, der durch den Schornstein fegte, schien sich mit der Klage des Harmoniums zu mischen. Und dann schmetterte, zum namenlosen Erstaunen der Versammelten, eine Tenorstimme – hell, klar, aber von zarter Empfindung wie eine Lerche vom Himmel – zu ihren Häupten die Zeilen des zweiten Verses:

»Du Glück der Betrübten, Licht derer, die zagen,

Du Hoffnung der Büßer, unwandelbar, rein! –

Vernehmt euren Tröster voll Mitleid sagen:

Der Himmel heilt jegliche irdische Pein!«

Das Lied war, der Himmel weiß es, alt und bekannt genug. Es war bei Beisetzungen sehr gebräuchlich, und manche, die hier saßen, hatte seine seltsame Melancholie zu Zeiten der Verluste und Heimsuchungen aufgerichtet, aber nie zuvor hatten sie seine volle Macht verspürt. Wie sie an bewegliches Flehen und entsprechenden Widerhall gewohnt waren, so flossen und fielen, als die Stimme des Sängers über ihnen erstarb, wahrhaftig ihre Tränen mit dieser Stimme. Einige schluchzten laut, und dann fragte eine bebende Stimme: »Wer ist das?«

»Herr Hamlin,« sagte Seth ruhig. »Ich hab‘ ihn schon oft allerhand Melodieen summen hören.« –

Wieder Schweigen. Dann erklang die Stimme des Diakonus Stubbs in strengem Ton: »Es ist freche Lästerung.«

»Wenn es freche Lästerung ist, das Lob Gottes nicht allein besser als manche Leute in unserm Chor, sondern wie ein Engel des Lichts zu singen, so wünschte ich, Herr Stubbs ließe sich Sonntags ein wenig von solcher Lästerung zu Schulden kommen.«

Es war Frau Stubbs, die das sagte, und da Diakonus Stubbs als schlechter Sänger berüchtigt war, so saß der Hieb.

»So er aufrichtig ist, was bleibt er uns dann ferne? Warum kommt er nicht zu uns?« fragte der Pfarrer.

»Er ist nicht dazu aufgefordert worden,« sagte Seth ruhig. »Wenn ich mich nicht irre, war diese Ihre Versammlung heut‘ abend dazu auserlesen, zu sehen, wie man ihn los werden konnte.« Ein lebhaftes Gemurmel des Widerspruchs erscholl hier. Der Pfarrer wechselte Blicke mit dem Diakonen und sah, daß sie hoffnungslos in der Minderheit waren.

»Ich werde ihn selbst fragen,« sagte Frau Rivers plötzlich.

»Tun Sie das, Schwester Rivers; tun Sie das,« war die unmißverständliche Antwort.

Frau Rivers verließ das Zimmer und kehrte nach wenigen Augenblicken mit einem hübschen jungen Mann zurück, der bleich war, und sehr gelassen, ja fast gleichgültig dreinschaute. Was seine Augen ausdrücken mochten, war eine andre Sache, die langen Wimpern wurden kaum gehoben.

»Ich spiele ganz gern ein wenig,« sagte er ruhig zu Frau Rivers, als ob er ein abgebrochenes Gespräch fortsetze, »aber Sie müssen mich aus dem Gedächtnis spielen lassen.«

»Dann – äh – spielen Sie also Harmonium?« sagte der Pfarrer mit einem Anlauf zu förmlicher Höflichkeit.

»Ich war ein bis zwei Jahre Organist im Chor von Doktor Todds Kirche in Sacramento,« antwortete Hamlin ruhig.

Dem hellen Erstaunen, das sich auf den Gesichtern von Diakonus Stubbs und Turner und auf dem des Pfarrers spiegelte, folgte ein schlecht verhehltes Lächeln von seiten der andern Anwesenden, besonders der Damen, Hamlin setzte sich nun vor das Instrument und hatte sich im nächsten Augenblick seiner angenommen wie nie ein Mensch zuvor. Er spielte, wie angekündigt, aus dem Kopfe, aber es war der Kopf eines Musikers. Er fing mit einem bis zwei bekannten Chorälen an, in die alle einstimmten. Ein Bruchstück aus einer Messe und aus einem lateinischen Kirchengesang folgte. Ein »Ave Maria« ans einer Oper war sein erster Abstecher ins Weltliche, doch seine entzückten Zuhörer merkten es nicht. Dann jagte er sie in einer unbekannten Sprache weiter zu » O mio Fernando« und » Spiritu gentil«, was sie ganz brav für Choräle hielten, bis er seine Verwegenheit damit krönte, daß er sie nach ein paar einleitenden Akkorden aus dem »Miserere« mit gebrochenen Herzen auf dem Bergfried des Troubadours mit » Non te scordar di mi« absetzte.

Während des Beifallslärms hörte er den Prediger in sanftem Ton erklären, diese papistischen Messen seien stets lateinisch, und dann erhob er sich, mit seinem Versuche zufrieden, von dem Instrument. Nachdem er, seine Krankheit vorschützend, die Teilnahme an einer einfachen Zwischenmahlzeit im Speisezimmer abgelehnt und seine Wirtin gebeten hatte, sich zurückziehen zu dürfen, verweilte er gleichwohl noch ein paar Augenblicke an der Tür, als die Damen und hinter ihnen die Herren aus dem Zimmer strömten, bis Diakonus Turner, der die Nachhut bildete, neben ihm stand. Da entwickelte Hamlin auf einmal die größte Aufmerksamkeit für eine eingerahmte Bleistiftzeichnung, die an der Wand hing. Es war offenbar das dilettantenhafte Bildnis eines Schulmädchens, von Frau Rivers gefertigt. Diakonus Turner blieb neben ihm stehen, als die andern hinausgingen – genau, wie Hamlin erwartet hatte.

»Kennen Sie das Gesicht?« fragte der Diakonus eifrig.

Dank der offenherzigen Melinda kannte Hamlin es sehr gut. Es war eine Bleistiftskizze von Frau Rivers‘ verirrter Schwester. Aber er sagte nur, er glaube eine Ähnlichkeit mit einer Person zu finden, die er in Sacramento gesehen habe.

Das Auge des Diakonus erglänzte. »Vielleicht die nämliche – vielleicht,« fuhr er in einem demütigen und vielsagenden Tone fort, »eine – äh – peinliche Geschichte.«

»Eher für ihn,« bemerkte Hamlin ruhig.

»Wie? – Ich – äh – verstehe nicht,« sagte Diakonus Turner.

»Nun, das Bild sieht einer Dame ähnlich, die ich in Sacramento kannte und die als einfältiges Mädchen einige Dummheiten gemacht, aber sich bald wieder gefaßt hat. Sie wurde jedoch von einem gemeinen Hunde sehr belästigt, der die Geschichte immerzu verbreitete, wo sie auch hinkam. Kurz, einer ihrer Freunde – ich kann darunter gewesen sein, ich erinnere mich gerade nicht genau – forderte ihn, aber wenn er sich auch kein Gewissen daraus gemacht hatte, ein Weib zu verlästern, so machte er sich doch eines, dafür niedergeschossen zu werden, und lehnte ab. Die Folge war, daß er das eine Mal auf der Straße mit dem Ochsenziemer gebläut und ein andermal geteert und gefedert und auf einer Wagenleiter reitend zur Stadt hinausgetrieben wurde. Das meinten Sie vermutlich mit Ihrer – peinlichen Geschichte. – Doch ist dies das nämliche Frauenzimmer?«

»Nein, nein,« sagte der Diakonus eiligst mit weißem Gesichte, »Sie haben mich ganz mißverstanden.«

»Aber wessen Bild ist es denn?« beharrte Jack.

»Ich glaube – ich weiß nicht genau – aber ich meine, es sei eine Schwester von Frau Rivers,« stammelte der Diakonus.

»Dann ist es natürlich nicht dasselbe Frauenzimmer,« sagte Jack mit geheuchelter Entrüstung.

»Gewiß – natürlich nicht,« entgegnete der Diakonus.

»Pah!« sagte Jack. »Das war mal derb daneben gehauen. Ein Glück, daß wir allein waren, nicht?«

»Ja,« sagte der Diakonus mit einem schwächlichen Versuch zu lächeln.

»Seth,« fuhr Jack mit nachdenklicher Miene fort, »scheint ’n ruhiger Mann zu sein, aber ich möchte diesen Irrtum betreffs seiner Schwägerin nicht in seiner Gegenwart begehen. Diese ruhigen Leute sind es gerade, deren Revolver unbesehen losgehen. Wir behalten das besser bei uns.«

Diakonus Turner behielt nicht nur die Enthüllung bei sich, sondern offenbar auch seine eigene geheiligte Person, da er den Rancho zum Windigen Hügel während Hamlins Aufenthalt nicht mehr besuchte. Doch war er ausnehmend höflich, wenn er von Jack sprach, und machte wohlwollende Anspielungen auf »eine kleine Unterhaltung«, die sie zusammen geführt hätten. Und als der übliche Umschwung zu Hamlins Gunsten Platz griff und Jack sogar aufgefordert wurde, am nächsten Sonntag die Orgel in der Kirche von Hightown zu spielen, war die Stimme des Diakonus am meisten seines Lobes voll. Sogar Pfarrer Greenwood trat dem weitverbreiteten Gerücht, daß einer der verzweifeltsten Spieler im Staate durch seine Mahnungen bekehrt worden sei, nicht entgegen.

So kam unter lustigen Spaziergängen und fröhlichen Spielen mit den Kindern, gelegentlichen Gesprächen mit Melinda und Silas und dem sabbatlichen »Choralgesang« das Ende des dreiwöchentlichen Erholungsaufenthaltes heran, Hamlin hatte neuerdings seine gewöhnliche Einsamkeit so weit aufgegeben, daß er sich unter die Gesellschaft mischte, die sich mehr zu weltlichen Zwecken auf dem Rancho versammelte, und sich sogar ein oder das andre Mal herbeigelassen, ihre Neugier hinsichtlich gewisser Einzelheiten seiner Beschäftigungsart zu befriedigen.

»Ich besitze persönlich keine Kenntnis des Kartenspiels,« sagte Pfarrer Greenwood wohlwollend, »und ich glaube, ich darf sagen, unsre Brüder und Schwestern sind gleich unerfahren. Ich bin – hm – jedoch weit entfernt zu glauben, daß völlige Unbekanntschaft mit dem Bösen die beste Vorbereitung für seine Bekämpfung sei, und ich wäre dankbar, wenn Sie der Gesellschaft die Feinheiten der einzelnen Spiele erklären wollten. Sie erwähnten eines mit einem – äh – Namen aus der Heiligen Schrift.«

»Pharao,« sagte Hamlin gelassen.

»Pharao,« wiederholte der Pfarrer ernst, »und eines, das Sie – Poker – nennen, und das große Selbstbeherrschung zu erfordern scheint.«

»Ich könnte Ihnen das Verständnis des Pokers nicht wohl beibringen, ohne daß Sie selbst einen Versuch damit machen,« sagte Jack entschieden.

»So lange wir nicht hasardieren – das heißt, um Geld spielen – , sehe ich nicht ein, was dagegen spräche,« entgegnete der Pfarrer.

»Und,« sagte Jack sinnend, »Sie können ja Bohnen nehmen.«

Man einigte sich schließlich dahin, daß sie nicht »aus der Gnade fallen« würden, wenn sie ganz im engsten Kreise und in einem forschenden christlichen Geiste spielten, unter der Leitung von Jack, der sich entschlossen hatte, sich während seines Erholungsaufenthaltes des Kartenspiels zu enthalten, und Jack ließ sich überreden, es ihnen am folgenden Abend zu zeigen.

Es traf sich jedoch, daß Doktor Duchesne, der sich sagte, daß Jacks »Kur« sich ihrem Ende nähern müsse, und der nichts von diesem interessanten Kranken vernahm, sich ungefähr um diese Zeit entschloß, ihn zu besuchen. Da er keine Gelegenheit hatte, Jack von dieser Absicht zu verständigen, verschaffte er sich abends bei seiner Ankunft in Hightown auf dem Bahnhof einen Wagen, um nach dem Rancho zum Windigen Hügel zu fahren. Der Wind tobte mit gewohnter Hartnäckigkeit, und als der Doktor endlich am Ziel war, hatte er die größte Mühe, sich bei dem Krachen der Fichten vernehmlich zu machen, zumal, da die im Hause Versammelten ganz ungewöhnlich absorbiert waren. Nachdem er vergeblich angeklopft, stieß der Doktor die Vordertür auf und trat ein. Er pochte an die verschlossene Tür des Wohnzimmers, da er aber keine Antwort erhielt, stieß er sie auf und erblickte das unerwartetste, verblüffendste Schauspiel, dessen Zeuge er je gewesen. Um den Tisch in der Mitte war ein Dutzend ehrenwerter Glieder der Kirche von Hightown, darunter der Pfarrer, mit gespannten, eifrigen Gesichtern zum Pokerspiel vereinigt, und hinter dem Pfarrer lungerte sorglos, die Hände in den Taschen, des Doktors Patient, ein Bild von Gesundheit und Kraft. Ein abgenütztes Spiel Karten lag auf dem Boden herum, und vor der feinen und steifen Frau Rivers war ein Haufen Bohnen aufgeschichtet, der ein Quart  gefüllt hätte.

Als Doktor Duchesne sich taktvoll vor den überstürzt gestammelten Entschuldigungen des Wirts und der Wirtin zurückgezogen hatte und mit Jack allein in dessen Zimmer war, wandte er sich mit mehr als halbgespieltem Ernst zu ihm und sagte: »Wie lange haben Sie, mein Herr, gebraucht, um diese Verderbnis zu bewirken?«

»Auf mein Wort,« sagte Jack einfach, »sie haben gestern abend zum ersten Male gespielt. Und sie haben mich gezwungen, ihnen Anleitung zu geben. Aber,« fuhr Jack nach einer bedeutungsvollen Pause fort, »ich dachte, es würde das Spiel lebhafter machen und mehr zu ihrer sittlichen Hebung beitragen, wenn ich jedem von ihnen recht gute Karten gebe. So gab ich ihnen vorher geordnete Karten – das erste Mal in meinem Leben, daß ich so was tat. Ich richtete ein Spiel Karten so her, daß der eine drei Zehnen, ein andrer drei Buben, wieder einer drei Damen hatte, und so weiter bis hinauf zu drei Assen. Im Handumdrehen hatten sie sich alle in das Spiel gestürzt, und Sie haben so was von Wetteifer nie gesehen. Männlein und Weiblein glaubten, ihrer Sache ganz sicher zu sein und stachen entsprechend drauf los. Eine neue Schale voll Bohnen wurde herbeigebracht und Seth, Ihr Freund, hielt die Bank. Und schließlich heimste der Pfarrer den ganzen Haufen ein.«

»Vermutlich gaben Sie ihm die drei Asse,« sagte Doktor Duchesne finster.

»Der Pfarrer,« sagte Jack bedächtig, » hatte nicht ’n einziges Paar in der Hand. Es war der frechste, unverschämteste Bluff, der jemals vorgekommen ist. Und als er den letzten Mann, der ausharrte, verscheucht hatte und seine sinnige Hand von seinem Gesicht herunter auf den Haufen Könige, Damen und Asse legte und auf dem Tisch herumblickte, während er den Haufen zusammenscharrte, da lag auf seinem Gesicht ein Lächeln demütiger Selbstgerechtigkeit, das zweimal das Geld wert war.«

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