Indizienbeweis

Oberst Dane stand entschlossen in der geräumigen, prachtvollen Halle des Hauses, in dem er einen Kuraufenthalt verbracht hatte. Auch alle anderen Patienten hielten sich gern in diesem schönen Raum auf. Besonders an kühlen Tagen fühlte man sich hier behaglich. Die hohen Wände waren bis zur Decke mit Holz getäfelt, und die polierten Flächen spiegelten die großen Holzfeuer wider, die in den offenen Kaminen loderten. In stillen, verschwiegenen Ecken luden eingebaute Sofanischen zum Sitzen und zum Plaudern ein; schöne alte Stiche in glätten, geschmackvollen Holzrahmen fügten sich harmonisch in die Umgebung ein. Weiche Teppiche, in denen die Füße versanken, bedeckten den Boden und dämpften alle Geräusche.

Im Sommer war es hier kühl, wenn die großen Portieren halb zugezogen wurden und vor dem grellen Sonnenlicht schützten. Verträumt tickte im Hintergrund die große, alte Standuhr mit den geschnitzten Engelsfiguren, und zu der halbgeöffneten Tür trug die Brise den Duft von Teerosen herein. In dieser paradiesischen Ruhe und Schönheit hatte schon manches unruhige Gemüt nach all den Kämpfen und Qualen des Lebens Ruhe und Frieden gefunden.

Oberst Chartres Dane spielte nervös mit dem obersten Knopf seines Staubmantels; auf seinem gutgeschnittenen Gesicht lag ein nachdenklicher Zug. Er war schlank und hager und mochte etwa fünfundfünfzig Jahre zählen, aber er sah müde aus, und seine Bewegungen waren etwas fahrig.

Dr. Merriget sah ihn fragend durch seine starke Brille an. Er wunderte sich darüber, mit welcher Gelassenheit der Patient das Gutachten hingenommen hatte. Es war ein peinlicher Augenblick; der Doktor hatte in liebenswürdigster Form sein Bedauern über den Befund ausgesprochen und versucht, den Kranken aufzurichten und zu trösten. Und nun war alles gesagt, was gesagt werden konnte. Es blieb nur noch übrig, daß der Patient sich verabschiedete und ging.

»Sie haben übrigens früher eine sehr schwere Verwundung an der Wange gehabt, Mr. Jackson«, sagte der Arzt, um das Gespräch auf ein anderes Thema zu bringen und dadurch das drückende Schweigen zu brechen. Sicher hat der Oberst viele Gefechte mitgemacht, das bewiesen seine Verwundungen. An mancher Schlacht hatte er teilgenommen und dem Tod mutig ins Auge gesehen. Solche Erinnerungen mochten vielleicht dem früheren Offizier im Augenblick darüber weghelfen, daß seine Tage gezählt waren und daß er nicht mehr lang zu leben hatte.

Dane strich nachdenklich mit der Hand über die lange Narbe in seinem Gesicht.

»Das hat ein Kind getan – meine Nichte. Wenn ich auch sonst dreimal verwundet worden bin, diese Narbe hat nichts mit meinem Beruf als Soldat zu tun.«

»Sehr merkwürdig – wie kommt denn ein Kind dazu, so etwas zu tun?« fragte Dr. Merriget etwas betreten. Seine Neugierde war geweckt.

»Es war schließlich meine eigene Schuld – sie war erst vierzehn Jahre alt –, ich sprach wegwerfend von ihrem Vater, und das war um so unverzeihlicher, als er erst vor kurzem gestorben war. Wir saßen beim Frühstück, und ich sagte dabei etwas über meinen Schwager – was ich in Gegenwart des Kindes besser unterlassen hätte. In ihrer Erregung warf sie das große Brotmesser nach mir, und es traf so unglücklich …«

Er nickte nachdenklich, aber dann ging ein Lächeln über seine Züge.

»Sie hat mich seit der Zeit gehaßt – und sie haßt mich immer noch …«

Er wartete.

Dem Doktor war die Situation sehr peinlich. Er versuchte deshalb, noch einmal auf das Resultat der Untersuchung zurückzukommen.

»Ich wäre viel beruhigter, wenn Sie zu einem Spezialisten gingen, Mr. Jackson. Sie sehen ja, wie schwierig es für mich ist, in einem solchen Fall ein endgültiges Urteil abzugeben. Es ist möglich, daß ich mich geirrt habe. Ich weiß wenig von Ihrem Vorleben, ich meine, ich habe Sie bei Ihren früheren Krankheiten nicht behandelt. In London gibt es viele Spezialärzte, die Ihnen ein wertvolleres Urteil geben konnten als ich. Ein praktischer Arzt, besonders wenn er auf dem Land lebt, ist von der großen Entwicklung der Wissenschaft mehr oder weniger ausgeschlossen. Man hat hier nur die gewöhnlichen Fälle zu behandeln … Es ist schwer, sich in der Medizin auf dem laufenden zu halten …«

»Wissen Sie etwas über die Machonicies-Schule?« fragte der Oberst unerwartet.

»Selbstverständlich«, entgegnete der Doktor überrascht. »Sie ist eine der besten technischen Schulen für Naturwissenschaften. Viele unserer Ärzte und Chemiker bereiten sich dort auf ihr Studium vor. Aber warum fragen Sie danach?«

»Ach, es kam mir nur so in den Sinn. Was Sie von den Spezialisten sagen, mag stimmen, aber ich glaube kaum, daß ich mich noch an einen anderen Arzt wenden werde.«

Mit diesen Worten drehte sich der Oberst um und ging mit langen Schritten die gepflegten Kieswege zwischen den Blumenbeeten entlang.

Dr. Merriget stand noch auf den Stufen der Treppe, die zur Haustür hinaufführten, als man schon lange nichts mehr von dem Wagen hörte, in dem der Patient fortgefahren war.

»Hm«, murmelte Dr. Merriget nachdenklich, als er in sein Arbeitszimmer zurückkehrte und sich an seinem Schreibtisch niederließ.

»Mr. Jackson?« sagte er laut zu sich selbst. »Ich möchte nur wissen, warum sich der Oberst Mr. Jackson nennt?«

Vor zwei Jahren hatte er den tüchtigen Kolonialoffizier bei einem Gartenfest kennengelernt, und er hatte ein vorzügliches Gedächtnis für Gesichter.

Er dachte nicht weiter über die Sache nach, da er sich selbst für eine längere Reise vorbereitete und das Packen seiner Koffer beaufsichtigte. Er wollte nach Konstantinopel fahren und von dort aus den näheren Orient besuchen. Schon seit langer Zeit hatte er sich auf diese Urlaubsreise erfreut.

*

Am folgenden Nachmittag war in der Machonicies-Schule ein Experimentalvortrag in vollem Gange.

»… durch diese Verbrennung haben wir einen besonderen Stoff gefunden, der ein hervorragendes Gift darstellt … Wir wollen nun damit weitere Untersuchungen anstellen und sehen, wie sich das Kristall zusammensetzt … Es ist ein vergängliches, farbloses Gebilde, das sich in Flüssigkeiten äußerst schnell und vollkommen löst.«

Der Lehrer, dessen monotone Stimme den Saal füllte, war so durch und durch Chemiker, daß für ihn das ganze Leben nichts weiter als eine Aufeinanderfolge chemischer Reaktionen bedeutete; außer seiner Wissenschaft kannte er nichts …

Ella Grant sah widerwillig auf die Kristalle, die auf dunkelblauem Papier vor ihr lagen, und drehte den Bunsenbrenner aus. Professor Denman konnte nie ein Ende finden; seine Vorlesungen gingen stets über den Stundenschluß hinaus, und jetzt war es schon Viertel nach fünf! Das runde Zifferblatt der Uhr über dem Katheder schien sie anzugrinsen und sich über sie lustig zu machen.

Sie wurde immer ungeduldiger, seufzte und spielte nervös mit den chemischen Apparaten, die vor ihr standen. Außer ihr waren noch etwa zwanzig andere junge Mädchen in weißen Arbeitskitteln anwesend; aber alle dachten wie Ella Grant nur daran, daß die Vorlesung des Professors schon eine Viertelstunde zu lang dauerte. Ihre Augen waren auf den kahlen Schädel des Gelehrten gerichtet, der die Zeit vollständig vergessen hatte und dauernd über die Eigenschaften des Zyankali sprach.

»Wir haben hier einen Stoff, dessen Affinität zu Sauerstoff unendlich groß ist … Ach, ist es schon fünf …? Ja, die Vorlesung ist jetzt zu Ende.«

Erlöst sprangen die jungen Mädchen von ihren Plätzen auf, und der Professor konnte sich in dem Lärm kaum noch verständlich machen.

»Meine Damen …! Aber hören Sie doch noch einen Augenblick zu. Der Laboratoriumsdiener wird die einzelnen Chemikalien einsammeln, die zu diesem Experiment ausgegeben worden sind …«

Sie drängten zur Tür, und der Laboratoriumsdiener sammelte am Ausgang schnell die grünen, braunen und blauen Fläschchen ein, die ihm hingehalten wurden.

Er besaß ein fabelhaftes Gedächtnis für die Namen der Schülerinnen und für die Materialien, die er ausgeteilt hatte.

Als die Klasse leer war, fuhr er mit der Hand über die Stirn.

»Miss Grant …?«

Das Laboratorium für analytische Chemie war leer. Neunzehn kleine Flaschen stellte er in Reih und Glied an ihren Platz. Eine fehlte. Und er wußte genau, daß Miss Grant ihr Glasfläschchen nicht abgegeben hatte.

Er ging in die Garderobe, wo die einzelnen Arbeitskittel hingen, und untersuchte die Taschen der weißen Arbeitsschürze von Miss Grant, aber er fand nichts.

Schließlich kehrte er ins Laboratorium zurück und schrieb in seinen Bericht:

»Miss Grant hat die für die Experimente ausgeliehenen Chemikalien nicht zurückgegeben.«

Ella hatte die Flasche in der Tasche ihres Arbeitskittels entdeckt, als sie ihn in der Garderobe aufhängte. Einen Augenblick zögerte sie und runzelte die Stirn, während sie das kleine Ding in der Hand hielt. Sie überlegte, wie lange es wohl dauern würde, bis sie ins Laboratorium zurückging, den Diener aufsuchte und ihm die Flasche zurückgab – dann steckte sie sie entschlossen in ihre Handtasche und verließ die Schule. Es kam ja häufiger vor. daß die jungen Studentinnen die Rückgabe irgendeiner Chemikalie vergaßen. Das war nicht weiter gefährlich. Am nächsten Morgen konnte sie vor Beginn des Unterrichts den Laboratoriumsdiener aufsuchen und alles in Ordnung bringen.

Sie war nur von einem Gedanken beherrscht: Hatte Jack Erfolg gehabt? Er war zur Zeit als junger Anwalt bei der Staatsanwaltschaft beschäftigt, und es war das große Wunder geschehen, von dem so viele träumen: Der Erste Staatsanwalt war plötzlich erkrankt, und da sich niemand so genau in die Akten des Falles eingearbeitet hatte wie Jack, wurde ihm die Führung der Verhandlung anvertraut. Er hatte keinen leichten Stand, denn der Angeklagte wurde von zwei glänzenden Rechtsanwälten verteidigt, und es war allgemein bekannt, daß der Richter sehr nachsichtig und mild urteilte.

Sie kaufte sich nicht erst eine Zeitung, denn sie hatte Angst, daß Jack Freeder vielleicht nicht auf sie gewartet hatte. Erleichtert atmete sie auf, als sie in die Anlagen kam und entdeckte, daß er auf dem mit großen Steinplatten belegten Weg auf und ab ging.

»Es tut mir so leid …«

Sie hatte ihn eingeholt und stand jetzt dicht hinter ihm. Als er ihre Worte hörte, wandte er sich schnell um. Seine Augen leuchteten, und sie sah ihm sofort an, daß er großen Erfolg gehabt hatte. Die Begeisterung in seinen Zügen sagte ihr alles, was sie wissen wollte. Ella legte glücklich ihren Arm in den seinen … sie war stolz auf ihn.

»… der Richter hat mich nach der Verhandlung in sein Zimmer kommen lassen und mir ausdrücklich gesagt, daß der Staatsanwalt selbst den Fall nicht besser hätte führen können.«

»Ist der Angeklagte wirklich schuldig?« fragte sie zögernd.

»Wen meinst du, Flackman …? Ich nehme es bestimmt an«, erwiderte er etwas gleichgültig. »Sein Revolver wurde in Sinnits Zimmer gefunden, und die Zeugenaussagen ergaben einwandfrei, daß er vorher wegen Geldangelegenheiten einen heftigen Streit mit Sinnit hatte. Es drehte sich außerdem nicht nur um Geld, sondern vor allem um ein Mädchen. Leider reichte das Material, das die Untersuchung zutage brachte, nicht aus, auch gegen sie Anklage zu erheben. Selten hat man bei solchen Mordfällen direkte Beweise, und in gewisser Weise wiegen Indizien viel schwerer. Wenn ein Zeuge vor Gericht aufgetreten wäre und gesagt hätte: ›Ich sah, wie Flackman Sinnit erschoß und wie Sinnit tot umfiel‹, dann würde die ganze Anklage mit der Glaubwürdigkeit dieses Zeugen stehen oder fallen. Dem Verteidiger bleibt nichts anderes übrig, als die Glaubwürdigkeit des Zeugen anzugreifen, und wenn es ihm gelingt, den Mann als einen Gewohnheitslügner hinzustellen, ist eine Verurteilung unmöglich. Wenn wir andererseits sechs oder sieben Zeugen haben, von denen jeder eine besondere Aussage macht und dadurch den Verdacht der Täterschaft immer mehr erhärtet, und wenn keine Aussage der anderen widerspricht, dann ist die Kette geschlossen, und das Netz zieht sich über dem Angeklagten zusammen, so daß es kein Entrinnen mehr gibt.«

Sie nickte.

Bei Beginn der Sommerferien hatte ihre Bekanntschaft mit Jack Freeder begonnen; ein romantisches Abenteuer hatte sie zusammengeführt. Sie sah vom Ufer aus, daß ein Segelboot in der Nähe kenterte und der eine Insasse unter dem Segel gefangen war. Als glänzende Schwimmerin tauchte sie, und es gelang ihr, ihn aus der Takelage zu befreien und ihm das Leben zu retten.

»Für mich hat der Fall eine außerordentlich große Bedeutung, Ella«, sagte er, als sie in eine verkehrsreiche Straße einbogen. »Dieser Erfolg schafft mir eine Existenz.«

Er sah sie an, und ihre Blicke ruhten sekundenlang ineinander. Auch sie hatte von Anfang an gewußt, daß dieser Erfolg die Grundlage ihres gemeinsamen Glücks werden würde.

»Hast du übrigens Stephanie gestern abend gesehen?« sagte er plötzlich.

Sie schlug schuldbewußt die Augen nieder.

»Nein«, gab sie zögernd zu. »Aber du solltest dir darum keine Sorge machen, Jack. Stephanie erwartet das Geld mit jeder Post.«

»Die Auskunft hast du nun schon einen ganzen Monat lang bekommen«, entgegnete er sachlich und trocken, »und inzwischen wird die Summe fällig. Ich kann überhaupt nicht verstehen …«

Sie unterbrach ihn lachend.

»Ja, ich weiß, du kannst nicht verstehen, warum meine Unterschrift als Garantie für Stephanie genügte«, sagte sie vergnügt. »Das ist eigentlich gar nicht nett von dir!«

Stephanie Boston war ihre Freundin. Lange Zeit hatte sie mit ihr zusammengelebt, und jetzt hatte sie die Wohnung über ihr gemietet. Jack Freeder machte die Freundschaft der beiden schon lang große Sorge, obwohl er Stephanie erst ein einziges Mal gesehen hatte. Sie war eine schöne, etwas oberflächliche junge Dame, die elegante Kleider liebte und weit über ihre Verhältnisse lebte. Obwohl sie als eine anerkannte Modezeichnerin galt, war sie in Schwierigkeiten geraten und wußte nicht mehr aus noch ein. Andere hatten das lange vorausgesehen. Eines guten Tages war sie mit einem Formular zu Ella gekommen und hatte ihr eine lange Geschichte mit dem kurzen Inhalt erzählt, daß jemand ihr Geld leihen wollte, wenn Ella ihren Namen unter den Schuldschein schriebe. Ella, der alle Finanzdinge vollkommen fremd waren, erfüllte den Wunsch der Freundin sofort.

»Wenn du eine große Erbin wärst, oder wenn du durch den Tod eines Verwandten auf ein Legat rechnen könntest«, fuhr Jack besorgt fort, »dann könnte ich schließlich verstehen, daß Mr. Bent sich mit deiner Unterschrift zufrieden gegeben hat. Aber das trifft doch alles nicht zu!«

Ella lachte und schüttelte den Kopf.

»Der einzige Verwandte, den ich auf der Welt habe, ist mein armer, lieber Onkel Dane, und der ist böse auf mich. Ich habe ihn auch nicht leiden können, aber darüber bin ich längst hinweg. Nachdem mein Vater starb, war ich ein paar Monate in seinem Haus, und wir stritten uns – den Grund brauche ich dir nicht zu erzählen. Ich bin davon überzeugt, daß ihm nachher leid tat, was er gesagt hatte. Als Kind war ich sehr jähzornig, ich habe damals ein Messer nach ihm geworfen.«

»Um Himmels willen!« Jack starrte sie erschreckt an.

Sie nickte feierlich.

»Das Geschehene läßt sich nicht mehr ändern. Deshalb habe ich auch keine Aussicht, von ihm etwas zu erben. Mein Onkel ist unheimlich reich, aber nach all diesen Vorfällen ist gar nicht daran zu denken, daß er mir etwas vermacht. Höchstens das Messer, mit dem ich ihn damals verwundet habe.«

Jack schwieg. Bent, ein gewerbsmäßiger Geldverleiher, war als hartherzig und rücksichtslos bekannt.

Als Ella an diesem Abend nach Hause kam, war sie fest entschlossen, Stephanie aufzusuchen. Jack Freeder war in dem Punkt sehr energisch gewesen und hatte sie gedrängt, das zu tun. Sie gestand sich ein, daß sie einem solchen Besuch bis jetzt aus dem Weg gegangen war.

Stephanies Räume befanden sich im ersten Stock; Ella wohnte eine Treppe höher. Sie stand lange Zeit nachdenklich vor der Tür, bevor sie die Entschlußkraft aufbrachte, die Klingel zu drücken.

Grace, das etwas ältliche Mädchen Stephanies, öffnete die Tür mit rotgeweinten Augen.

»Was ist denn geschehen?« fragte Ella bestürzt.

»Treten Sie bitte näher«, erwiderte das Mädchen kleinlaut. »Miss Boston hat einen Brief für Sie zurückgelassen.«

»Zurückgelassen?« wiederholte Ella erstaunt. »Ist sie denn abgereist?«

»Als ich heute morgen in die Wohnung kam, war sie fort – der Gerichtsvollzieher war auch da …«

Ellas Herz wurde schwer. Stephanies Brief war nur kurz, aber eindeutig.

Ich muß fortgehen, Ella. Ich hoffe, Du wirst mir verzeihen. Dieser entsetzliche Wechsel ist fällig geworden, und da ich keine Deckung beschaffen konnte, mag ich Dir nicht mehr in die Augen sehen. Ich werde alles tun, um meine Schuld an Dich zurückzuzahlen.

Stephanie.

Ella starrte auf das Blatt. In dem Augenblick war ihr noch nicht klar, was das alles zu bedeuten hatte. Stephanie war fort!

»Sie hat ihre ganzen Kleider mitgenommen!« rief Grace verzweifelt. »Heute morgen in aller Frühe ist sie fort und hat dem Portier gesagt, daß sie aufs Land ginge. Und dabei ist sie mir noch den Lohn für drei Wochen schuldig!«

Ella ging verwirrt und bestürzt in ihre eigene Wohnung. Sie selbst hatte kein Mädchen, aber es kam jeden Morgen eine Aufwartefrau zu ihr, die die Wohnung aufräumte. Ihre Mahlzeiten nahm Ella in einem nahegelegenen Restaurant ein.

Als sie um die letzte Biegung der Treppe kam, sah sie, daß ein Mann auf dem Podest wartete und sich mit dem Rücken an ihre Wohnungstür lehnte. Obwohl sie ihn nicht erkannte, schien er doch genau zu wissen, wer sie war, denn er grüßte sie respektvoll. Sie hatte die undeutliche Erinnerung, ihn schon einmal gesehen zu haben, aber in dem Augenblick konnte sie sich nicht auf die näheren Umstände besinnen.

»Guten Abend, Miss Grant. Wir kennen uns ja – Miss Boston hat mich Ihnen vorgestellt. Mein Name ist Higgins.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich kann mich leider nicht darauf besinnen«, erwiderte sie und überlegte, ob sein Besuch etwas mit Stephanies Schulden zu tun haben könnte.

»Ich habe den Wechsel mitgebracht, den Sie vor drei Monaten unterzeichnet haben.«

Nun erkannte sie ihn plötzlich, und es lief ihr eiskalt den Rücken hinunter.

»Mr. Bent will Ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten«, sagte der Mann. »Der Wechsel war schon vor einer Woche zahlbar. Wir haben versucht, Miss Boston zur Einlösung zu veranlassen, aber unter den jetzigen Umständen bleibt nichts anderes übrig, als daß Sie das Geld beschaffen.«

»Wann muß ich zahlen?« fragte sie tonlos.

»Mr. Bent läßt Ihnen bis morgen mittag Zeit. Ich warte hier schon seit fünf Uhr auf Sie. Hoffentlich können Sie den Zahlungstermin einhalten.«

Niemand wußte besser als der Angestellte von Mr. Bent, daß Ella Grant nicht in der Lage war, sofort vierhundert Pfund zu zahlen.

»Ich werde an Mr. Bent schreiben«, erklärte sie schließlich, aber es fiel ihr schwer, zu sprechen.

Der Mann ging, nachdem er sie höflich gegrüßt hatte, und nun saß sie einsam in ihrer dunklen Wohnung und grübelte. Jetzt erst kam ihr die Schwere ihrer Lage zum Bewußtsein. Sie schuldete Geld, das sie nicht zurückzahlen konnte!

Wie betäubt ging sie in der Wohnung umher. In dem Briefkasten steckte ein Schreiben. Mechanisch nahm sie es heraus, setzte sich aufs Sofa, öffnete zerstreut den Umschlag und zog den Bogen heraus. Aber sie legte ihn auf den Tisch, ohne einen Blick auf den Inhalt zu werfen.

Was würde Jack dazu sagen? Wie leichtsinnig war sie doch gewesen, als sie ihre Unterschrift unter ein Schriftstück setzte, dessen Bedeutung sie nicht einmal verstand. Früher war sie allerdings auch schon in schwierigen Lagen gewesen, aber sie war darüber weggekommen. Als sie im Alter von vierzehn Jahren das Haus ihres Onkels verlassen hatte, mußte sie mit dem kleinen Einkommen haushalten, das ihr Vater ihr vererbt hatte. Onkel Dane hatte zwar versucht, sie zu unterstützen und sie zu sich zurückzuholen, aber sie hatte alles abgelehnt. Damals hatte sie geglaubt, die größte Krisis ihres Lebens durchzumachen.

Aber jetzt war es etwas anderes.

Sollte sie sich an ihren Onkel wenden? Sie wies den Gedanken weit von sich, aber er kam immer wieder. Vielleicht würde er ihr helfen! Sie hatte nichts mehr gegen ihn, und jetzt tat es ihr bitter leid, daß sie damals so heftig zu ihm gewesen war. Schon öfter hatte sie ihm schreiben und ihn um Verzeihung bitten wollen, aber dann hatte sie ihren Vorsatz nicht ausgeführt, weil er sich hätte einbilden können, daß sie sich aus einem anderen Grund mit ihm gutstellen wollte. Aber er war ihr Verwandter, er hatte doch eine gewisse Verantwortung für sie … Der Gedanke ließ sie nicht los, und plötzlich faßte sie einen Entschluß.

Das Haus ihres Onkels lag zwölf Meilen vor der Stadt. Es war groß und geräumig und stand einsam am Abhang eines bewaldeten Hügels. Ihr Onkel liebte die Abgeschiedenheit.

Es fiel ihr schwer, einen Chauffeur zu finden, der die weite Fahrt in der Dunkelheit unternehmen wollte. Die Nacht war noch nicht vollkommen hereingebrochen, und am westlichen Himmel zeigte sich ein fahler Schein, als Ella an ihrem Ziel anlangte und vor dem Parktor von Hevel House ausstieg. Ein Pförtnerhaus lag am Eingang, dicht neben dem prachtvollen Portal, aber es war seit langer Zeit unbewohnt. Langsam und zögernd ging sie die Zufahrtstraße entlang, bis sie in die Säulenvorhalle an der Front des Hauses kam. Es lag in tiefer Dunkelheit, und plötzlich wurde sie von einer unerklärlichen Furcht befallen. Wenn ihr Onkel nun nicht hier war? Und selbst wenn sie ihn träfe – würde er ihr helfen wollen? Merkwürdigerweise gab ihr die Möglichkeit, daß er abwesend sein könnte, einen gewissen Mut.

Schon hatte sie die Hand an der Klingel, als ihr plötzlich einfiel, daß ihr Onkel um diese Zeit gewöhnlich an einem Fenster saß, von dem aus man den großen Rasenplatz vor dem Haus übersehen konnte. Oft hatte sie ihn an warmen Sommerabenden dort beobachtet; gewöhnlich stand dann ein Glas Portwein auf dem breiten Fensterbrett neben ihm, er rauchte eine Zigarre und schaute nachdenklich in die Dunkelheit hinaus.

Leise ging sie die Stufen, die zur Haustür führten, wieder hinunter und schlich wie ein Dieb über das kurzgeschnittene Gras neben den Blumenbeeten zum Bibliotheksfenster, das offen stand. Ein schwaches Licht kam von innen, und sie blieb plötzlich stehen. Ihr Herz schlug wild, als sie das Glas Portwein auf dem Fensterbrett erkannte, ihr Onkel hatte also seine Gewohnheiten nicht geändert. Sicher saß er hinter dem Vorhang. Von ihrem Platz aus konnte sie ihn nicht sehen, und doch war er ihr so nahe. Sie nahm allen Mut zusammen und trat einen Schritt weiter vor. Zu ihrem Erstaunen bemerkte sie, daß Oberst Dane nicht auf seinem gewöhnlichen Platz saß. Vorsichtig kam sie noch näher.

Jetzt sah sie ihren Onkel an einem großen Schreibtisch sitzen, der in der Mitte des Zimmers stand. Er hatte ihr den Rücken zugekehrt und schrieb bei dem Schein von zwei Kerzen, die auf dem Tisch standen.

Als sie ihn dort sah, verließ sie plötzlich wieder der Mut; und als er sich vom Tisch erhob, trat sie in die Dunkelheit zurück. Sie bemerkte, daß er nach dem Glas Wein griff. Einen Augenblick später stellte er es auf den Schreibtisch neben sich und nahm dann wieder in dem großen Sessel Platz.

Sie konnte es nicht über das Herz bringen, ihn um das Geld zu fragen. Traurig wandte sie sich um. Vielleicht konnte sie ihm alles schreiben.

Als sie zwei Schritte gegangen war und gerade auf den Weg treten wollte, wurde sie am Handgelenk gepackt.

»Hallo!« hörte sie eine Männerstimme. »Wer sind Sie, und was haben Sie hier zu suchen?«

»Lassen Sie mich gehen«, schrie sie erschreckt. »Ich – ich …«

»Was machen Sie hier? Los, antworten Sie!«

»Ich bin die Nichte von Oberst Dane«, erwiderte sie und versuchte, ihre Haltung wiederzufinden.

»Meinetwegen können Sie auch seine Tante sein«, sagte der Parkwächter ironisch. »Also, mein Kind, ich werde Sie jetzt ins Haus bringen …«

In ihrer Verzweiflung stieß sie ihn so heftig von sich, daß er strauchelte und mit dem Kopf schwer gegen die Steinwand schlug. Entsetzt blieb sie stehen.

»Sind Sie verletzt?« fragte sie leise.

Aber der Mann antwortete nicht.

Sie wußte, daß er mit dem Hinterkopf auf die spitzen Steine gefallen war. Von wahnsinniger Furcht gepackt, stürzte sie den Weg entlang.

Der Chauffeur sah sie und öffnete die Tür.

»Ist etwas passiert?« fragte er betroffen.

»Ich – ich – habe einen Menschen getötet«, brachte sie stockend hervor.

Gleich darauf hörte man aus dem Park eine Stimme: »Halten Sie das Mädchen fest!«

Es war der Parkwächter, und eine Sekunde lang fühlte Ella einen freudigen Schrecken.

»Bringen Sie mich fort – schnell, schnell!«

Der Chauffeur zögerte.

»Was haben Sie denn gemacht?«

»Fahren Sie doch ab«, bat sie fast flehentlich.

Einen Augenblick zögerte er noch, dann folgte er der Aufforderung.

*

Drei Wochen später ging John Penderbury, einer der berühmtesten Verteidiger, in Jack Freeders Büro.

Der junge Anwalt saß an seinem Tisch und hatte den Kopf in die Hände gestützt. Penderbury legte die Fland auf die Schulter seines Kollegen.

»Sie müssen es ertragen lernen, Freeder«, sagte er freundlich. »Sie helfen weder sich noch ihr dadurch, daß Sie vollkommen den Kopf verlieren.«

Jack schaute auf; sein Gesicht war eingefallen.

»Es ist entsetzlich«, sagte er heiser. »Ich weiß daß sie vollkommen unschuldig ist. Welche Beweise liegen denn gegen sie vor?«

»Ja, lieber Kollege«, sagte Penderbury, »in einem solchen Fall ist der Indizienbeweis erdrückend. Wenn wir einen direkten Zeugen hätten, der sie belastete, könnten wir ja dessen Glaubwürdigkeit erschüttern, aber bei diesem indirekten Beweis paßt alles vorzüglich ineinander. Jeder der Zeugen hat eine bestimmte Aussage, die das Netz um die Angeklagte nur noch fester schlingt.«

»Es ist doch unmöglich, und es wäre ein Wahnsinn, wenn Ella …«

Penderbury schüttelte den Kopf, setzte sich neben den Tisch, verschränkte die Arme und sah den jungen Mann ernst an.

»Betrachten Sie die Sache doch einmal vom Standpunkt eines Anwalts aus«, sagte er mitfühlend. »Ella Grant ist in einer furchtbaren Geldverlegenheit; sie hat für eine Freundin einen Wechsel unterschrieben und soll nun plötzlich eine für sie unmögliche Summe zahlen. Ein paar Minuten, nachdem sie dies erfahren hat, findet sie einen Brief in ihrer Wohnung, den sie allem Anschein nach gelesen hat – das Kuvert war geöffnet, das Schreiben fand man aufgefaltet auf dem Tisch. Der Brief wurde von den Rechtsanwälten des Obersten an sie gesandt. Sie teilten ihr darin mit, daß Dane sie zur alleinigen Erbin eingesetzt hat. Dadurch wird ihr klar, daß sie in dem Augenblick, in dem er stirbt, sein großes Vermögen erbt. In ihrer Tasche hat sie eine kleine Flasche Zyankali. Bei der herrschenden Dunkelheit fährt sie zum Haus ihres Onkels, wo sie vor dem offenen Fenster der Bibliothek von einem Parkwächter angehalten wird. Bei ihrer Vernehmung hat sie folgendes zugegeben: Sie wußte, daß Oberst Dane die Gewohnheit hatte, am Fenster zu sitzen, und daß gewöhnlich ein Glas Portwein neben ihm auf dem Fensterbrett stand. Es war doch so furchtbar einfach, einen Tropfen Zyankali in den Wein zu schütten. Bei ihrer Vernehmung hat sie eingestanden, daß sie ihn haßte und daß sie ihn einmal sogar mit einem Messer schwer verwundete. Die große Narbe war ja bis zu seinem Tod sichtbar. Beim Verhör sagte sie außerdem selbst, daß das Weinglas so nahe stand, daß sie es erreichen konnte.«

Er nahm ein Aktenstück aus seiner Mappe, schlug es auf und wandte die Blätter schnell um.

»Sehen Sie, hier steht es:

›Ja, ich sah ein Glas Wein auf dem Fensterbrett. An warmen Sommerabenden saß der Oberst gewöhnlich am Fenster; ich habe ihn öfter dort gesehen, und als ich das Weinglas bemerkte, wußte ich, daß er in der Nähe sein mußte.‹«

Der Anwalt schob das Aktenstück zur Seite und schaute auf Freeder, der vollständig zusammengebrochen war.

»Zu alledem kommt, daß der Parkwächter sie gesehen hat. Er versucht, sie festzuhalten; nach kurzem Kampf gelingt es ihr, sich von ihm zu befreien. Dann läuft sie den Fahrweg entlang bis zum Wagen. Der Chauffeur sagte doch unter Eid aus, daß sie sehr erregt war. Er fragt sie, was geschehen sei, und sie erwidert in ihrer Aufregung, daß sie einen Menschen getötet hätte …«

»Aber sie meinte doch den Parkwächter!« unterbrach Jack ihn heiser.

»Das wissen wir nicht. Wir wissen nur so viel, daß sie das zu ihrer Verteidigung angab. Jedenfalls kommen wir über die Tatsachen nicht hinweg. Der Brief der Rechtsanwälte lag auf dem Tisch. Sie sagt, daß sie ihn nicht gelesen hat – aber das Kuvert war doch geöffnet und das Schreiben aufgefaltet. Nun sagen Sie einmal selbst, ist es da wahrscheinlich, daß sie den Brief nicht gelesen hat?

Das kleine Fläschchen mit Zyankali wurde in ihrer Tasche gefunden, und der Oberst war in seinem Arbeitszimmer an den Folgen einer Vergiftung mit Zyankali gestorben. Im Todeskampf hatte er einen Leuchter, der auf dem Schreibtisch stand, umgestoßen. Die Dienerschaft entdeckte, daß die Papiere auf dem Schreibtisch brannten. Das war das erste Zeichen, daß etwas nicht in Ordnung war. Es ist vollkommen klar, welchen Spruch die Geschworenen fällen werden …«

*

Es war eine große Verhandlung. Das Publikum hatte sich auf die letzten freien Plätze gedrängt.

Der berühmte Staatsanwalt Sir Johnson Grey vertrat die Anklage; Penderbury und Jack Freeder waren die Verteidiger.

Um zehn Uhr sollte die Verhandlung eröffnet werden, aber die Anwesenden warteten vergebens. Um halb elf erschienen schließlich der Staatsanwalt und die Verteidiger vor dem Gerichtshof, und man sah, daß Penderbury und Jack Freeder irgendeine freudige Nachricht zu verkünden hatten.

Jack mußte sich beherrschen; er durfte nicht zu Ella Gram hinübersehen, sonst hätte er die Fassung verloren.

»Was gibt es denn nur für eine Verzögerung?« fragten die Beamten an dem langen Tisch. »Der Richter kommt ja unglaublich spät.«

In diesem Augenblick standen alle Anwesenden auf, denn der Richter nahm seinen Sitz ein; gleich darauf erhob sich der Staatsanwalt.

»Ich ziehe die Anklage in diesem Fall zurück, denn gestern abend erhielt ich von Dr. Merriget, einem bedeutenden Arzt in Townville, ein beeidigtes Schriftstück.«

»Dr. Merriget«, fuhr der Staatsanwalt fort, »hat eine längere Preise in den Orient gemacht, und ein Brief des verstorbenen Oberst Dane erreichte ihn erst vor einer Woche. Zu gleicher Zeit erfuhr er durch die Zeitungen, daß Miss Ella Grant wegen Mordes vor Gericht: gestellt werden sollte.

Dr. Merriget setzte sich sofort mit dem Justizministerium in Verbindung, und infolgedessen erkläre ich nun hier, daß ich die Anklage gegen Ella Grant fallenlasse. Oberst Dane hatte schon längst vermutet, daß er an einer unheilbaren Krankheit litt. Um sich Sicherheit zu verschaffen, wandte er sich unter anderem Namen an Dr. Merriget, einen unbekannten Arzt auf dem Land, weil er nicht haben wollte, daß etwas davon in der Öffentlichkeit bekannt würde. Dr. Merriget konnte ihm keine Hoffnung machen, und der Oberst kehrte nach Hause zurück. Der Arzt fand nun ein Schreiben von Dane vor, das ich vorlesen möchte:

›Sehr geehrter Doktor Merriget,

nachdem ich mich gestern von Ihnen verabschiedet hatte, kam ich zu der Überzeugung, daß Sie meinen wahren Namen kennen, denn ich kann mich jetzt erinnern, daß wir uns einmal auf einem Gartenfest getroffen haben. Ich werde nicht, wie Sie mir rieten, einen Spezialisten um Rat fragen – ich habe die Absicht, heute abend eine tödliche Dosis Zyankali zu nehmen. Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen dies mitzuteilen, wenn irgendwelche Zweifel über die Todesursache auftauchen sollten. Mit verbindlichem Gruß

Chartres Dane.‹«

Nach kurzer Zeit sollte Jack Freeder wieder einen Prozeß als Staatsanwalt führen, und zwar eine Woche nach der Rückkehr von seiner Hochzeitsreise.

»Sie haben den Flackman-Prozeß damals so vorzüglich geführt, daß wir Ihnen jetzt den Prozeß gegen Wise übergeben möchten«, sagte der Generalstaatsanwalt. »Zweifellos werden Sie sich besonders auszeichnen können, denn der Fall hat großes Interesse in der Öffentlichkeit hervorgerufen.«

»Welches Beweismaterial liegt gegen Wise vor?« fragte Jack.

»Es ist ein lückenloser Indizienbeweis.«

Jack schüttelte den Kopf.

»Ich glaube nicht, daß ich den Fall übernehmen kann«, entgegnete er respektvoll, aber fest. »In einem Mordprozeß will ich nur dann wieder für die Staatsanwaltschaft auftreten, wenn die Tat klar erwiesen ist oder in meiner Gegenwart geschah.«

Der Generalstaatsanwalt starrte ihn verwundert an.

»Dann wollen Sie nie wieder einen Mordprozeß führen?«

»Nein – meine Frau hat mich darum gebeten.«

Und heute noch bedauert man in Juristenkreisen unendlich, daß Jack Freeder durch seine Heirat um eine glänzende Karriere gekommen ist.

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