In Paris.

Die Kinkels beschlossen, sich in England niederzulassen. Nach einigen Tagen höchst glücklichen Zusammenseins mit ihrem Gatten kehrte Frau Johanna von Paris nach Bonn zurück, um so schnell wie möglich die Vorbereitungen für die Übersiedelung der Familie zu treffen. Kinkel beschäftigte sich noch eine Weile mit dem Studium der wichtigsten Architekturen, Gemäldegalerien und sonstigen Kunstsammlungen in Paris und reiste dann nach London ab. Ich zog vor, noch einige Zeit in Paris zu bleiben, teils weil ich hoffte, dort meine geschichtlichen Lieblingsstudien am besten fortsetzen zu können, teils auch, weil damals noch Paris als der Herd liberaler Bewegungen auf dem europäischen Kontinent galt, und ich glaubte, da, wo die Schicksale der Welt geschmiedet würden, auch den geeignetsten Platz für mich als Zeitungskorrespondenten zu finden. So trennten wir uns denn, und damit war die Periode der aufregenden Abenteuer und der darauffolgenden Festtage zu Ende.

Nun galt es, mir wieder eine geordnete Lebensart und Tätigkeit einzurichten, um mich ehrlich durchzuschlagen. Meine journalistischen Verbindungen in Deutschland waren bald wieder angeknüpft, und ich fand, daß ich etwa 180 Franken den Monat mit Korrespondenzen verdienen konnte. Ich nahm mir vor, meine regelmäßigen Ausgaben auf 100 Franken den Monat zu beschränken und somit eine kleine Reserve für außergewöhnliche Erfordernisse übrig zu behalten. Das setzte eine sorgfältige sparsame Haushaltung voraus, aber ich lernte bald, mit wie wenig Geld man in Paris verhältnismäßig anständig wirtschaften konnte. Diese Schule der Ökonomie ist mir immer nützlich geblieben. Noch während die Kinkels in Paris waren, hatte ich das Gasthaus, in das wir zuerst eingekehrt, verlassen, um das Zusammensein der so lang getrennten Eheleute nicht zu stören, und war zu meinem Freunde Strodtmann gezogen, der sich schon einige Zeit vor uns in Paris eingefunden hatte und eine geräumige Stube in einem Hotel garni des Faubourg Montmartre bewohnte. Aber diese gemeinsame Wirtschaft währte nicht lange. Strodtmann vermochte nicht, in seinen Sachen Ordnung zu halten, und da auch ich in dieser Richtung meine Schwächen hatte, so gab es in unserem Zimmer, das zugleich als Wohn- und Schlafraum diente, oft ein schlimmes Durcheinander. Es ist eine alte Erfahrung, daß ein Mensch, der selbst nicht ordentlich ist, die Unordentlichkeit eines andern zuweilen recht unbequem empfindet. So ging es uns auch. Natürlich schien es mir, daß Strodtmann der größere Sünder sei, und nicht ganz mit Unrecht. Er aß gern gut, studierte die in den Schaufenstern der Delikateßhandlungen ausgestellten Leckerbissen mit großem Eifer und bildete sich ein, feine Speisen selbst bereiten zu können. So machte er denn auf unserem Kaminfeuer allerlei Koch- und Bratversuche, die das Zimmer mit unwillkommenen Düften erfüllten. Auch wollte er sich das Kaffeemachen nicht nehmen lassen, denn er bestand darauf, er verstehe das viel besser als ich oder irgend jemand anders. Dieser Anmaßung würde ich mich schon gern unterworfen haben, aber da er mit der brennenden Spirituslampe seiner Kaffeemaschine zuweilen sehr lebhaft umging, so passierte es ihm wohl, daß er umherliegende Kleider und Papiere in Brand setzte und endlich gar ein großes Loch in das wertvollste Stück meiner Garderobe brannte, – nämlich jenen weiten Paletot mit Kapuze, den ich mir in der Schweiz aus meinem badischen Offiziersmantel hatte anfertigen lassen. Als dies geschehen war, wollte Strodtmann sich über seine eigene Ungeschicklichkeit totlachen, und ich lachte mit. Aber nach dieser Katastrophe kamen wir doch in der freundschaftlichsten Weise dahin überein, daß für zwei so unordentliche Menschen in der einen Stube nicht hinreichend Raum sei. Ich mietete mir also ein Zimmer auf dem Quai St. Michel Nr. 17, und Strodtmann siedelte sich im „lateinischen Quartier“ in meiner Nähe an.

Das Haus Quai St. Michel Nr. 17 wurde von einer Witwe, Mme. Petit, und ihren Töchtern, zwei nicht mehr ganz jungen unverheirateten Damen, nach Grundsätzen strengen Anstandes geführt. Die Mieter durften weder Hunde noch menschliche Wesen weiblichen Geschlechts über die Schwelle bringen. Auch sonst wurde ein stilles Verhalten gewünscht. In diesen Dingen unterschied sich dieses Haus vorteilhaft von den meisten Mietwohnungen im lateinischen Viertel. Wer sich bei uns durch besonders korrekte Aufführung auszeichnete, der wurde damit belohnt, daß ihn Mme. zuweilen in ihren kleinen Salon zum Tee einlud, wo es in der Gesellschaft der vergilbten Töchter und einiger Freunde der Familie recht langweilig herging. Nachdem man diese Erfahrung einmal gemacht hatte, drückte man sich an solcher Ehrenbezeugung vorbei, so gut man konnte. Mein Zimmer im Hause der Mme. Petit war meinen damaligen Begriffen nach recht behaglich. Allerdings lag es nicht nach der Seine hinaus, sondern ich sah von meinen Fenstern in eine enge und nicht ganz reinliche Gasse. Auch mußte ich, um meine Wohnung zu erreichen, mehrere Treppen hinauf- und andere Treppen hinabsteigen, einen dunkeln Gang durchwandern und um verschiedene Ecken biegen. Aber das störte mich nicht. Meine Stube war ziemlich geräumig, hatte einen roten Ziegelboden, stellenweise mit kleinen Stückchen Teppich bedeckt, mehrere brauchbare Stühle, einen runden Tisch, einen Kamin, einen Kleiderschrank und sogar ein Klavier, das freilich alt und schlecht war, aber doch nicht so schlecht, wie man hätte fürchten dürfen. Mein Bett stand in einem Alkoven und konnte vermittelst baumwollener Vorhänge den Blicken des Besuchers entzogen werden. Für diese Wohnung hatte ich monatlich eine Miete von 30 Franken zu bezahlen, eine für meine Verhältnisse hohe Summe; aber ich dachte mir, daß der Charakter des Hauses mir anderweitig werde sparen helfen. Mein erstes Frühstück bestand in einer Tasse Kaffee, die ich mir selbst bereitete, oder in einem Glase Wein mit Wasser und einem Stück Brot, zuweilen mit, zuweilen ohne Butter. Nachdem ich bis Mittag gearbeitet hatte, nahm ich mein zweites Frühstück, das nie über einen halben Franken kosten durfte, in irgendeinem Restaurant des lateinischen Viertels, und abends aß ich in einem Lokal in der Rue St. Germain L’Auxerrois nahe beim Louvre, das von einer sozialistischen Vereinigung von Köchen geführt wurde, der Association fraternelle des cuisiniers réunis. Köche, Aufwärter und Gäste redeten sich dort nach dem Muster der ersten französischen Revolution mit dem Titel „Citoyen“ an, und der bürgerliche Gleichheitsstolz betätigte sich auch darin, daß der Citoyen Aufwärter von dem Citoyen Gast kein Trinkgeld annahm. Übrigens empfing man bei diesen Citoyens für einen Franken ein allerdings einfaches, aber doch reichliches und schmackhaftes Mahl, bei dem sogar die „Konfitüre“ zum Nachtisch und ein Glas Wein nicht fehlten. Die Gesellschaft war gemischt, aber um so mehr hatte man Veranlassung, sich während des Essens in den idealen Brüderlichkeitsstaat hineinzuträumen.

Rechnete ich zu diesen Ausgaben das Nötige für Wäsche und dann und wann ein Feuer im Kamin, so belief sich das regelmäßige Budget auf nicht ganz drei Franken täglich, oder 90 bis 93 Franken per Monat. Ich konnte mir sogar einigen Luxus erlauben, den Ankauf einiger Bücher, die ich jetzt noch besitze, zuweilen ein Billet für das Parterre des Odeon oder eines Vorstadttheaters, eine gelegentliche Tasse Kaffee auf dem Boulevard und dergleichen, ja ich konnte, freilich nur sehr selten, die Rachel im Théâtre français sehen, ohne die Summe von 120 Franken den Monat zu übersteigen; und dann blieb mir von meiner Einnahme noch eine kleine Reserve übrig für unvorhergesehene Fälle, wie sie sich in dem Leben eines Flüchtlings wohl ereignen konnten. So hielt ich Haus, machte keine Schulden, war niemandem verpflichtet und befand mich sehr wohl dabei.

Natürlich konnte ich unter diesen Umständen nicht daran denken, viele gesellschaftliche Verbindungen anzuknüpfen. Außer einem gelegentlichen Besuch des Salons der Gräfin d’Agoult, der bekannten Freundin Liszts, blieb mein Umgang beschränkt auf die deutschen Flüchtlinge, einige deutsche Studierende und junge Künstler, die in Paris weitere Ausbildung suchten, und einige französische Studenten, die ich teils bei meinen deutschen Freunden, teils als Hausgenossen im Salon der Mme. Petit hatte kennen lernen. Aber in diesem kleinen Kreise fand ich tüchtige und angenehme Menschen. Wir hatten wöchentlich musikalische Abende zusammen, zuweilen in meinem Zimmer, bei denen die jungen Musiker, unter ihnen Reinecke, der spätere Direktor der Leipziger Gewandhauskonzerte, die neueren Komponisten durchgingen und auch wohl ihre eigenen Erzeugnisse vorführten, während ich als enthusiastischer Zuhörer und wohlwollender Kritiker fungierte. Auch tranken wir bei diesen Gelegenheiten einen Punsch, der aus Gründen der Sparsamkeit an Schwäche nichts zu wünschen übrig ließ. In diesem Kreise war mein guter Kamerad Strodtmann ein großer Liebling. Er hatte sich damals tief in die sozialistische Poesie jener Periode gestürzt, in der er ein vielversprechendes Symptom einer neuen geistigen und sittlichen Regeneration der Menschheit sah. Einige französische Gedichte dieser Art übersetzte er mit großem Geschick in wohltönende deutsche Verse, die er uns zu unserem großen Vergnügen zuweilen an unseren geselligen Abenden vorlas. Er war auch ein guter Zuhörer. Obgleich sehr taub, zeigte er warmes Interesse an unseren musikalischen Leistungen und gab mit seiner Donnerstimme dann und wann ein überraschend naives Urteil ab. Wir alle waren ihm herzlich gut wegen seiner hohen Begeisterung, seiner regen Sympathien, der offenbaren Ehrlichkeit seiner Natur und der robusten Freimütigkeit, mit der er seine oft recht exzentrischen Ansichten über Menschen und Verhältnisse aussprach. Zuweilen erregten seine Sonderbarkeiten stürmische Ausbrüche von Gelächter, in das er dann gutmütig einstimmte, indem er am lautesten lachte in kindlichem Erstaunen über die wunderlichen Dinge, die er selbst gesagt oder getan hatte. Er hätte wohl als Original dienen können für manche Karikaturen des „zerstreuten Professors“, der einen Lieblingsgegenstand deutscher Witzblätter abgibt.

Nicht selten sah man ihn auf den Straßen des Quartier Latin aus seiner langen deutschen Tabakspfeife rauchend, wie er als Student in Bonn umhergegangen war. In Paris blieben die Leute verwundert stehen, wenn sie diese ungewohnte Erscheinung erblickten, und bald war er im lateinischen Viertel als „l’homme à la longue pipe“ bekannt. Eines Tages trat er in mein Zimmer mit einer Haarbürste unter dem Arm, und als ich ihn fragte: „Aber Strodtmann, was trägst du denn da?“ sah er sich die Sache zuerst erstaunt an, lachte dann hell auf und sagte mit seiner lauten Stimme: „Das ist ja meine Haarbürste! Ich dachte, es sei ein Buch, aus dem ich dir ein Gedicht vorlesen wollte.“ Ein andermal, als er mich besuchte, bemerkte ich, daß sein Gesicht den Ausdruck ungewöhnlichen Ernstes trug. „Ich habe nur ein Paar Stiefel,“ sagte er. „Einer davon ist noch ziemlich gut, aber der andere, siehst du,“ – und damit deutete er auf seinen rechten Fuß – „der andere geht ganz aus den Nähten. Hast du nicht einen Stiefel übrig, den du mir leihen kannst?“ In der Tat besaß ich zwei Paare, und es traf sich so, daß von dem einen Paar ein Stiefel schadhaft, der andere aber noch in ganz brauchbarem Zustande war. Diesen stellte ich Strodtmann gern zur Verfügung. Als nun Strodtmann den Austausch sofort vornehmen wollte, bemerkten wir, daß die beiden guten Stiefel, der seinige und der meinige, zwei verschiedenen Moden angehörten; der seinige war an den Zehen zugespitzt, der meinige breit abgeschnitten, und beide waren für den linken Fuß gemacht. Diese unglücklichen Umstände störten jedoch Strodtmann durchaus nicht, und obgleich er zuweilen einige Unbequemlichkeit spüren mochte, ging er doch mehrere Tage in den beiden linken Stiefeln, von denen der eine spitz, der andere breit war, ruhig umher, bis sein eigenes Fußzeug die nötige Reparatur erfahren hatte.

Ich fühlte das Bedürfnis, mich in der französischen Sprache zu vervollkommnen und sie mit der Feinheit sprechen und schreiben zu lernen, die ihren charakteristischen Reiz ausmacht. Einer meiner Freunde empfahl mir eine Lehrerin, die den pompösen Namen Mme. la Princesse de Beaufort führte. Es hieß, sie gehöre einer alten hochadeligen Familie an, und sei durch die Folgen der Revolutionen so verarmt, daß sie als Sprachlehrerin ihr Brot verdienen müsse. Ob sich dies in Wirklichkeit so verhielt, weiß ich nicht; aber als ich sie aufsuchte, fand ich in einer sehr bescheidenen Wohnung eines Hotel garni eine ältliche Dame von angenehmen Gesichtszügen und ruhigem, feinem Wesen, das leicht glauben ließ, sie habe sich in gebildeten Kreisen bewegt. Sie nahm mich als Schüler an und erklärte sich bereit, mir wöchentlich zwei Unterrichtsstunden zu geben, von denen jede einen Franken kosten sollte. Am nächsten Tage begannen wir. Meine Lehrerin erlaubte mir, die Methode des Unterrichts selbst zu bestimmen, und ich schlug ihr vor, daß, statt nach dem gewöhnlichen System die grammatischen Regeln durchzugehen, ich ihr kleine Briefe oder Aufsätze schreiben sollte über Gegenstände, die mich interessierten, oder die sie mir angeben möchte. Die Lehrerin sollte dann meine Fehler korrigieren und mir für meine unfranzösischen Redeweisen die idiomatischen beibringen. Wir wollten dabei eine Grammatik zur Hand haben, um mir die Regeln nachzuweisen, die ich etwa verletzte. Dies gefiel ihr, und da ich mich schon einigermaßen verständlich zu machen wußte, so gingen wir ohne Verzug ans Werk.

Diese Methode bewährte sich vortrefflich. Meine Briefe oder Aufsätze handelten von Vorkommnissen, die mir eben begegnet waren, oder von Museen oder Gemäldesammlungen, die ich gesehen, oder von Büchern, die ich gelesen, oder von Tagesereignissen und gar von politischen Angelegenheiten, die mich interessierten. Da ich nun nicht bloße Wortformen grammatikalisch aneinanderreihte, wie die Schüler der Gymnasien gewöhnlich ihre lateinischen Aufsätze schreiben, sondern meine Beobachtungen, Erfahrungen und Ansichten mit großer Freiheit darlegte und damit meinen Stilübungen einen möglichst interessanten Inhalt zu geben suchte, so begnügte sich meine Lehrerin nicht damit, mir meine sprachlichen Fehler zu korrigieren, sondern es entspannen sich lebhafte Unterhaltungen zwischen uns, in denen sie mich zu weitern Auseinandersetzungen über den Gegenstand meines Aufsatzes anregte. Diese Gespräche, in denen sie neben gründlicher Sprachkenntnis auch einen feinen Geist offenbarte, wurden uns beiden so angenehm, daß uns nicht selten der Ablauf der festgesetzten Stunde entging, und wenn ich dann aufstand, um mich zu verabschieden, sie mich zu bleiben bat, um das besprochene Thema noch etwas weiter zu verfolgen. Da ich nun außerdem viel las und mir dabei nie erlaubte, über Worte oder Redewendungen, die ich nicht verstand, hinwegzuschlüpfen, so waren meine Fortschritte sehr ermutigend, und nach einigen Wochen kam es nicht selten vor, daß meine Lehrerin mir einen Aufsatz mit der Versicherung zurückgab, sie finde darin nichts zu verbessern.

Diese Weise, eine fremde Sprache zu erlernen, erprobte sich als ebenso angenehm wie wirksam. Man kann die Versuche, sich frei auszudrücken und somit die Sprache selbständig zu handhaben, schon mit einem sehr kleinen Wortschatz beginnen. Gewissenhaftes Lesen und verständig geführte Unterhaltung wird dann den Wortschatz rasch vermehren und die Leichtigkeit des Ausdrucks entwickeln. Aber ich kann nicht zu viel Nachdruck auf den Punkt legen, daß der schriftliche Ausdruck eigener Gedanken die wirksamste und die wichtigste Übung zu der Aneignung der fremden Sprache ist. In der bloßen Konversation sind wir geneigt, über Schwierigkeiten hinwegzueilen mit vagen oder unpräzisen Redensarten, die im schriftlichen Ausdruck Korrektur verlangen, und zwar Korrektur, die sich im Gedächtnis festsetzt, wenn das geschriebene Wort uns ins Gesicht blickt. Freilich gehört dazu ein Lehrer, der nicht allein dem Schüler grammatische Regeln einzutrichtern, sondern auch in dem Sprachstudium ein anderweitiges geistiges Interesse anzuregen weiß. Dieser Anforderung genügte die Princesse de Beaufort in hohem Grade, und die Stunden, die ich bei ihr zubrachte, sind mir immer eine besonders angenehme Erinnerung geblieben. Als ich zehn Jahre später als Gesandter der Vereinigten Staaten nach Spanien ging und mich unterwegs einige Tage in Paris aufhielt, besuchte ich das Hotel garni, das sie bewohnt hatte, um ihr meine Dankbarkeit zu bezeugen. Aber ich hörte dort, sie habe schon vor Jahren ihre Zimmer verlassen, und niemand im Hause konnte mir über sie Auskunft geben.

Eine andere, fast ebenso wirksame Methode fremde Sprachen ohne Lehrer zu erlernen, werde ich später erwähnen, wenn ich an die Zeit komme, da ich das Englische angriff. Hier will ich nur hinzusetzen, daß mir in der beschriebenen Weise das Französische recht geläufig wurde. Leider habe ich seither durch Mangel an beständiger Übung nicht wenig von der Leichtigkeit und Korrektheit des Ausdrucks eingebüßt. Ich mache mir einen Vorwurf daraus, denn man kann sich ohne Schwierigkeit, auch ohne beständige Gelegenheit zum Gespräch, in dem vollständigen Besitz einer einmal gewonnenen Sprache dadurch erhalten, daß man täglich sich selbst ein paar Seiten aus einem guten Schriftsteller laut vorliest.

Ich fuhr fort, französische Geschichte, besonders die der Revolutionszeit, eifrig zu studieren, und da Frankreich noch immer als der revolutionäre Führer Europas galt und wir von der Entwicklung der Dinge dort die wichtigsten Resultate erwarteten, so nahm ich auch an der französischen Tagespolitik das lebhafteste Interesse und verfolgte den damals vor sich gehenden Kampf zwischen den Republikanern und dem usurpatorischer Gelüste verdächtigen Präsidenten Louis Napoleon Bonaparte mit der größten Spannung. Aber ich mußte mir gestehen, daß manche von den Dingen, die ich, als nüchterner Beobachter, um mich her vor sich gehen sah, meine Vorstellung von der Großartigkeit der Ereignisse der Revolutionsperiode wesentlich abschwächten und meinem Glauben an die künftige welthistorische Mission Frankreichs einen argen Stoß gaben.

Oft besuchte ich die Galerie der Nationalversammlung, wenn Verhandlungen von Wichtigkeit angekündigt waren. Ich hatte die Geschichte der Konstituanten von 1789, des gesetzgebenden Körpers und des Konvents der ersten Revolution mit großem Fleiß studiert, wußte einige der bedeutendsten oratorischen Leistungen Mirabeaus fast auswendig, kannte die parlamentarischen Debatten jener Periode ziemlich gründlich und hoffte nun etwas dem Ähnliches zu hören und zu sehen, das mich beim Lesen so mächtig erregt hatte, und das mir wie das Bild eines gewaltigen Heroendramas in der Phantasie lebte. Mit dieser Erwartung besuchte ich die Nationalversammlung. Meine Enttäuschung war groß. Allerdings fehlte es da nicht an hochtönenden Reden und an Szenen stürmischer, ja tumultuarischer Aufregung. Aber alles dies erschien mir vielfach weniger einem ernsten Gedankenkampf bedeutender Männer ähnlich als einer würdelosen Zänkerei eitler Phrasendrescher. Das war wohl ein zu hartes Urteil; aber es geschieht ja häufig, daß eine zu hoch gespannte Erwartung, wenn sie getäuscht wird, uns dann auch das Gute nicht schätzen läßt, das wirklich vorhanden und der Anerkennung wert ist. Was ich nun in der Gegenwart tatsächlich beobachtete, war die französische Art und Weise zu reden und zu handeln. Diese Art entsprach meinem Ideal nicht, aber sie war immerhin dieselbe französische Art, die bei allen ihren schauspielerischen Äußerlichkeiten in der Vergangenheit, besonders in der Revolutionsperiode, sich sehr wirklich und wirksam erwiesen und kolossale Resultate geliefert hatte.

So wurde ich durch das, was ich auf dem politischen Felde wahrnahm, einigermaßen ernüchtert, und diese Ernüchterung wurde nicht wenig verstärkt durch das, was ich im lateinischen Viertel und an verschiedenen Vergnügungsplätzen von der Liederlichkeit des Studentenlebens sah – des gewohnheitsmäßigen Lebens junger Leute, die man doch zur Blüte der französischen Jugend rechnen sollte.

Ich werde nie den Eindruck vergessen, den einer der Maskenbälle im großen Opernhause auf mich und meine deutschen Freunde machte. Jeder hatte Zutritt, der die Einlaßkarte bezahlen und sich mit dem vorgeschriebenen Kostüm, der gewöhnlichen Abendtoilette oder einem Maskenanzuge versehen konnte. Der Ball begann um Mitternacht. Das Publikum bestand aus jungen Leuten aller Stände, unter denen ich mehrere Studenten aus dem lateinischen Viertel wiedererkannte, mit ihren Grisetten oder „petites femmes“, und aus anderen Personen, die gekommen waren, nicht um am Tanze teilzunehmen, sondern um diese charakteristische Schaustellung des Pariser Lebens zu sehen. Die Foyers wimmelten von Frauengestalten in Dominos, die sich an die dort umhergehenden Männer ohne Umstände mit vertraulichen Reden heranmachten. Der große Zuschauerraum der Oper und die Bühne waren als Ballsaal hergerichtet. Der Tanz begann in ziemlich anständiger Weise, artete aber bald in den eigentlichen Cancan aus. Polizeibeamte bewegten sich durch den Saal, um die gröbsten Verletzungen der guten Sitte zu verhüten. Anfangs schien dies auch zu gelingen – wenigstens ließen die Tänzer und Tänzerinnen sich nur dann gehen, wenn sie sich von dem Polizeimann unbeobachtet glaubten. Aber wie es spät wurde, die Temperatur des Saales stieg und das Blut der Tanzenden sich erhitzte, wurde das Geschäft der Ordnungswächter immer schwieriger. Schließlich war kein Halten mehr. Die Bestialität ließ sich nicht mehr bändigen. Männer und Frauen, von denen einige in der Wut des Tanzes ihre Kleider von Schulter und Brust abgerissen hatten, gebärdeten sich wie Rasende. Die Szene spottete aller Beschreibung. Als letzter Tanz war auf dem Programm ein Galopp angekündigt, der den Namen „Höllengalopp“ trug. Das Orchester spielte eine besonders feurige Weise mit Begleitung von Glocken. In der Tat stellten die in wildem Sinnlichkeitstaumel Umherwirbelnden ein Pandämonium dar, das dem Rachen der Verdammnis spornstreichs entgegenzutanzen schien. Während dieser Galopp vor sich ging – es war ungefähr vier Uhr morgens –, füllte sich der Hintergrund des Saales mit Soldaten, die sich in Linie aufstellten. Plötzlich übertönte ein rasselnder Trommelwirbel das Orchester und die Linie Infanterie, das Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett an der Seite, avancierte langsam, Schritt für Schritt die Tänzer und Zuschauer aus dem Saal hinausdrängend.

Um den Becher bis zur Neige zu leeren, gingen wir nach einem der benachbarten Restaurants auf dem Boulevard, um einen Imbiß zu nehmen. Das wüste Schauspiel, das wir dort fanden, überbot alles bis dahin Gesehene. Die zügelloseste Phantasie könnte kein abstoßenderes Bild hervorbringen.

Ich hatte oft in der Luxembourggalerie vor dem großen Bilde Coutures, „La décadence des Romains“ verweilt, das in so beredter Weise den Verfall eines großen Volks und einer großen Zivilisation darstellt; aber was wir hier vor uns sahen, ließ selbst die Erinnerung vergangener Größe nicht aufkommen, die in Coutures Gemälde so eindrucksvoll ist. Hier war nur sittliche Fäulnis in ihrer gemeinsten Form, ihrer abstoßendsten Gestalt, ihrer schamlosesten Schaustellung.

Meine Freunde und ich trösteten uns mit dem Gedanken, daß wir hier das Schlimmste gesehen, ein ausnahmsweises Extrem, und daß dies unmöglich auf das ganze französische Volk schließen lasse; und diesen Gedanken hielten wir um so lieber fest, je mehr unsere Hoffnung auf einen neuen demokratischen Umschwung in Europa von der Rolle abhing, die in der nahen Zukunft die französische Republik spielen würde. Aber ich mußte mir selbst gestehen, daß mir die Atmosphäre von Paris nicht behagte, und mit großem Vergnügen nahm ich eine Einladung der Familie Kinkel an, die mich bat, sie in London zu besuchen und einige Tage in ihrem glücklichen Heim zuzubringen.

Hier will ich einen Vorfall erwähnen, der mich zurzeit in lebhaftes Erstaunen setzte. Strodtmann hatte mich mit einem dänischen Marinemaler namens Melbye bekannt gemacht. Dieser war ein viel älterer Mann als wir, ein Künstler von nicht unbedeutender Geschicklichkeit, und er wußte über seine Kunst sowie über manche andere Dinge angenehm zu sprechen. Besonders interessierte er sich für Clairvoyance und behauptete, eine Hellseherin zu kennen, die Außerordentliches leiste. Er forderte uns mehrmals auf, ihn zu dieser merkwürdigen Dame zu begleiten und uns von ihren wunderbaren Eigenschaften zu überzeugen. Endlich wurde auch ein Abend zu diesem Zwecke bestimmt; aber es traf sich, daß ich gerade zu derselben Zeit, um die Familie Kinkel in England zu besuchen, Paris auf einige Tage verlassen wollte. Als ich meine Sachen packte, war Strodtmann bei mir in meinem Zimmer, und er sprach sein Bedauern darüber aus, daß ich nicht der Clairvoyancevorstellung beiwohnen könnte. Da nun Strodtmann sich auf eine kurze Zeit aus meiner Wohnung entfernte, um später zurückzukehren und mich zum Bahnhof zu begleiten, so kam mir der Gedanke, ich könnte doch vielleicht zur Prüfung der Hellseherin meinen Beitrag liefern. Ich schnitt mir einen kleinen Büschel Haare ab, legte ihn in ein zusammengefaltetes Papier und steckte dies in einen Briefumschlag, den ich versiegelte. Dann riß ich von einem Briefe, den ich an demselben Morgen von dem ungarischen General Klapka, dem berühmten Verteidiger der Festung Komorn, empfangen hatte, einen kleinen, das Datum enthaltenden Streifen ab, legte diesen Streifen ebenfalls in ein zusammengefaltetes Papier und steckte auch dieses in einen Briefumschlag, den ich gleichfalls mit Siegellack verschloß. Nachdem Strodtmann zu mir zurückgekehrt, gab ich ihm die beiden Kuverte, ohne ihn von deren Inhalt zu unterrichten, und bat ihn, diese in die Hände der Hellseherin zu legen mit dem Ersuchen, daß sie eine Beschreibung des Aussehens, des Charakters, der Vergangenheit und des zeitweiligen Aufenthaltes der Personen geben möge, von denen die in den Kuverten verborgenen Gegenstände herrührten. Dann reiste ich ab.

Wenige Tage später empfing ich von Strodtmann einen Brief, worin dieser mir folgendes erzählte: Die Hellseherin nahm eines meiner Kuverte in die Hand und sagte, dieses enthalte Haare von einem jungen Manne, der so und so aussehe. Sie schilderte meine äußere Erscheinung aufs genaueste und setzte hinzu, daß dieser junge Mann durch ein kühnes und glücklich gelungenes Unternehmen weit bekannt geworden sei und viel Beifall gewonnen habe, und daß er sich augenblicklich jenseits eines tiefen Wassers in einer großen Stadt und in einem Kreise heiterer Menschen befinde. Dann gab sie eine Beschreibung meines Charakters, meiner Neigungen und meiner geistigen Eigenschaften, die, wie ich sie so Schwarz auf Weiß vor mir sah, mich aufs höchste überraschte. Nicht allein erkannte ich mich sofort in den Hauptzügen dieser Schilderung, sondern ich fand darin auch einige Angaben, die mir neue Aufschlüsse über mich selbst zu geben schienen. Es geschieht uns ja, wenn wir in die eigene Seele hineinblicken, daß wir in unseren Impulsen, in unserem Fühlen, Denken und Wollen etwas Widerspruchsvolles, Rätselhaftes finden, das eine noch so gewissenhafte Selbstprüfung nicht immer zu lösen vermag. Und nun blitzten mir aus den Aussprüchen der Hellseherin Lichtblicke entgegen, die manche dieser Widersprüche und Rätsel aufklärten. Ich empfing gewissermaßen eine Offenbarung über mein eigenes inneres Selbst – eine psychologische Analyse, die ich als richtig anerkennen mußte, sobald sie mir entgegentrat.

Was die Hellseherin über das andere, Klapkas Handschrift enthaltende Kuvert sagte, war kaum minder auffallend. Sie schilderte den Schreiber der darin befindlichen Buchstaben und Ziffern als einen schönen, bärtigen Mann mit blitzenden Augen, der einst eine mit Bewaffneten gefüllte und von Feinden umlagerte Stadt regiert habe. Die Schilderung seiner Person, seiner Vergangenheit und auch seines Charakters, soweit ich diesen kannte, war durchaus richtig. Aber als die Hellseherin nun hinzusetzte, dieser Mann befinde sich zurzeit nicht in Paris, sondern in einer nicht sehr weit entfernten Stadt, wohin er gereist sei, um eine ihm sehr liebe Person zu sehen, da dachte ich, sie doch auf einem Irrtum ertappt zu haben. Einige Tage später kehrte ich nach Paris zurück und, kaum dort angekommen, begegnete ich dem General Klapka auf der Straße. Ich fragte ihn sogleich, ob er, seit er mir zuletzt geschrieben, beständig in Paris gewesen sei, und war nicht wenig erstaunt, von ihm zu hören, er habe vor kurzem einen Ausflug nach Brüssel gemacht und sich dort nicht ganz eine Woche aufgehalten. Und die liebe Person, die er dort gesehen haben sollte? Ich erfuhr von einem intimen Freunde Klapkas, der General sei nach Brüssel gegangen, um mit einer Dame zusammenzutreffen, von der man sagte, daß sie sich mit ihm verheiraten werde. Die Hellseherin behielt also in jedem Punkte recht.

Dieser Vorfall war mir in hohem Grade rätselhaft. Je mehr ich mir die Frage überlegte, ob die Hellseherin von dem Inhalt der Kuverte irgendwelche Kenntnis erhalten, oder irgendeinen Anhaltspunkt gehabt haben könnte, um ihn zu erraten, um so verneinender fiel die Antwort aus. Strodtmann selbst wußte nicht, was ich in die Kuverte eingesiegelt hatte. Von dem Briefe Klapkas an mich hatte er nicht die geringste Kenntnis. Auch versicherte er mir, er habe die Kuverte, eins nach dem andern, in die Hände der Hellseherin gelegt, genau in demselben Zustande, in dem er sie von mir empfangen hatte, ohne sie auch nur einen Augenblick jemand anders anzuvertrauen und ohne irgend jemand zu sagen, von wem sie herrührten. Und auf das Wort des durch und durch ehrlichen Freundes konnte ich mich verlassen. Aber selbst wenn er – was mir gänzlich undenkbar war – mit der Hellseherin im Einverständnis gehandelt hätte, oder wenn er, ohne es zu wissen, verraten hätte, von wem die Kuverte gekommen seien, so würde dadurch nicht das Rätsel gelöst worden sein, wie die Hellseherin meinen Charakter, meine Neigungen und meine Geisteseigenschaften viel genauer, treffender und feiner hätte beschreiben können, als dies Strodtmann oder Melbye jemals möglich gewesen wäre. Melbye kannte mich überhaupt nur sehr oberflächlich. In unseren wenigen Unterhaltungen hatte er immer das Wort geführt. Und zu Strodtmanns vortrefflichen Fähigkeiten gehörte ein tiefer Blick in die menschliche Seele keineswegs. Kurz, ich konnte in dem ganzen Vorgange keinen Anhalt finden für den Verdacht, daß wir es hier bloß mit einer geschickten Taschenspielerin zu tun hätten. Die Frage warf ich auf: war hier nicht eine Kraft wirksam, die außerhalb der gewöhnlichen Sinnestätigkeit liegt, und die wir zwar in ihren Äußerungen beobachten und auch vielleicht in Bewegung setzen, aber nicht ihrem Wesen nach definieren können? In späteren Jahren habe ich ähnliche Beobachtungen gemacht, die ich an der richtigen Stelle aufzuzeichnen gedenke.

Ich will nun zu meinem Besuch in London zurückkehren. Kinkel hatte in der Vorstadt St. Johns Wood ein kleines Haus gemietet, und dort wurde ich als Gast begrüßt von dem wiedervereinigten Ehepaar und seinen vier Kindern. Kinkel hatte bereits einen ziemlich einträglichen Wirkungskreis als Lehrer gewonnen, und Frau Kinkel gab Musikstunden. Ich fand die Familie in sehr heiterer Stimmung, und wir verlebten einige glückliche Tage zusammen. Es behagte mir in der Tat so gut dort, daß Kinkel mich ohne Mühe überreden konnte, meinen Aufenthalt in Paris aufzugeben und nach London überzusiedeln, wo ich, wie mir schien, ohne große Schwierigkeit als Privatlehrer meinen Lebensunterhalt gewinnen konnte. Ich kehrte also, wie ich glaubte, nur noch auf ein paar Wochen nach Paris zurück. Aber mein Abschied von der französischen Hauptstadt sollte durch einen unerwarteten und recht unangenehmen Zwischenfall verzögert werden.

Eines Nachmittags begleitete ich die Frau meines Freundes und Mitflüchtlings Reinhold Solger, der später im Dienste der Vereinigten Staaten eine angesehene Stellung einnahm, auf einem Spaziergange. Wir waren in der Nähe des Palais Royal, als mir ein unbekannter Mann in den Weg trat und mich ersuchte, mit ihm einen Schritt auf die Seite zu gehen, da er mir etwas Vertrauliches mitzuteilen habe. Sobald wir von Frau Solger weit genug entfernt waren, daß sie unser Gespräch nicht hören konnte, eröffnete er mir, er sei ein Polizeiagent und habe den Auftrag, mich zu verhaften und sofort zur Polizeipräfektur zu bringen. Er erlaubte mir, zu Frau Solger zurückzutreten, der ich, um sie nicht zu beunruhigen, mit möglichst unbefangener Miene sagte, sie müsse mich entschuldigen, da ich von diesem Herrn zu einem sehr dringenden Geschäft abgerufen worden sei.

Der Agent führte mich zuerst zu einem Polizeikommissar, der mich über meinen Namen, mein Alter, meine Herkunft usw. befragte. Zu meiner großen Verwunderung fand ich, daß die Polizei, die meinen Namen zu kennen schien, nicht wußte, wo ich wohnte. Ich erklärte dem Kommissar, ich habe durchaus keine Ursache, irgend etwas zu verheimlichen, und gab ihm nicht allein meine Wohnung an, sondern auch den Platz darin, wo man die Schlüssel zu meiner Kommode und meinem Koffer finden werde. Dafür wünschte ich zu wissen, aus welchem Grunde ich denn verhaftet worden sei. Der Kommissar machte ein geheimnisvolles Gesicht, sprach von höherem Befehl und meinte, ich werde bald genug alles erfahren. Ein anderer Polizeiagent führte mich dann zur Polizeipräfektur. Dort wurde ich, nachdem ich mein Taschenmesser und was ich an Geld bei mir führte, abgeliefert hatte, einem Gefängniswärter übergeben, der mich in eine Zelle brachte und die Tür hinter mir abschloß. Auf die Frage, ob man mir nicht sogleich den Grund meiner Verhaftung mitteilen werde, erhielt ich keine bestimmte Antwort. Meine Zelle war ein kleiner kahler Raum, von einem engen, hoch oben in der Wand befindlichen vergitterten Fenster spärlich beleuchtet. Es standen zwei schmale, nicht besonders reinliche Betten darin, zwei hölzerne Stühle und ein kleiner Tisch. Ich erwartete jeden Augenblick, zu einem Verhör abgerufen zu werden, denn ich dachte, in einer Republik, wie Frankreich damals war, werde man doch niemanden einsperren, ohne ihm sofort den Grund zu sagen, aber vergeblich. Es wurde Abend, und der Schließer teilte mir mit, daß ich ein aus gewissen Gerichten, die er aufzählte, bestehendes Souper haben könne, wenn ich imstande und willens sei, dafür zu bezahlen. Sonst würde ich mit der gewöhnlichen Gefangenenkost, die er mir in durchaus nicht lockender Weise beschrieb, vorlieb nehmen müssen. Ich ließ mir ein bescheidenes Mahl geben und dachte dabei mit melancholischer Sehnsucht an meine braven Citoyens in der Rue St. Germain l’Auxerrois.

Spät abends, als ich mich schon zum Schlafen niedergelegt hatte, wurde noch ein zweiter Gefangener in meine Zelle gebracht, dem der Schließer das andere Bett anwies. In dem matten Lichte der Laterne des Schließers sah ich in dem neuen Ankömmling einen noch jungen Mann in ziemlich schäbigen Kleidern, mit glatt rasiertem Gesicht und dunklen rastlosen Augen. Er begann sofort ein Gespräch mit mir und teilte mir mit, man klage ihn an, er habe gestohlen, und deshalb sei er eingesteckt worden; die Anklage sei durchaus unbegründet, aber da man ihn früher auf ähnlichen Verdacht hin verhaftet habe, so glaube die Obrigkeit nicht an seine Unschuld. Ich hatte also einen gemeinen Dieb zum Gesellschafter und Schlafkameraden. Er schien in mir einen Handwerksgenossen zu vermuten, denn er fragte mich in vertraulichem Ton, auf was ich mich denn habe ertappen lassen. Meine kurze der Wahrheit gemäße Antwort schien ihm offenbar ungenügend, wenn nicht gar unfreundlich, denn er sagte kein Wort mehr, warf sich auf sein Bett und lag bald in tiefatmendem Schlaf.

Während der stillen Nacht überdachte ich mir meine Lage. Hatte ich in Paris irgend etwas getan, das mich in irgendeiner Weise hätte strafbar machen können? Ich durchforschte alle Winkel meiner Erinnerung und fand nichts. Natürlich konnte die Verfolgung, der ich ausgesetzt war, nur eine politische sein. Aber wie sehr auch meine Gesinnungen der Regierung des Präsidenten Louis Napoleon mißfallen mochten, so hatte ich mich in Frankreich doch an keiner politischen Bewegung beteiligt. In Paris war ich nur ein Beobachtender und Studierender gewesen. Ich hatte keinen Zweifel, daß, während ich auf der Präfektur gefangen saß, die Polizei meine Papiere in meiner Wohnung durchsuchen werde. Aber das konnte mich nicht beunruhigen, denn ich wußte, daß man dort nichts finden werde als historische Notizen, einige literarische Entwürfe und freundschaftliche Briefe harmloser Natur. Was ich an Papieren besaß, die irgendwie hätten verfänglich scheinen können, und auch die Pistolen, die ich bei der Befreiung Kinkels geführt, war ich vorsichtig genug gewesen, einem meiner Freunde in Verwahrung zu geben. Der Gedanke blieb übrig, daß ich auf Betreiben der preußischen Regierung verhaftet worden sei. Aber würde die französische Republik sich dazu herbeilassen, mich an Preußen auszuliefern? Das schien mir nicht möglich, und so beruhigte ich mich über mein Schicksal. Aber es überkam mich ein Gefühl der Erniedrigung darüber, daß man mir die Schmach hatte antun können, mich mit einem gemeinen Dieb zusammenzusperren. Es empörte mein innerstes Gefühl. Und das in einer Republik!

Meine Entrüstung stieg am folgenden Morgen, als man mich noch immer nicht von dem Grunde meiner Verhaftung unterrichtete. Der Dieb wurde früh aus der Zelle abgeholt, und ich blieb allein. Ich ließ mir Schreibzeug bringen und verfaßte in dem besten Französisch, das mir zu Gebote stand, einen Brief an den Präfekten, in dem ich im Namen der Gesetze des Landes verlangte, daß mir kundgetan werde, warum ich meiner Freiheit beraubt worden sei. Der Schließer versprach, den Brief zu besorgen, aber der Tag verging ohne Antwort; und so noch einer und noch einer. Auch von meinen Freunden empfing ich kein Lebenszeichen, und ich scheute mich, an einen von ihnen zu schreiben, weil ich ihn dadurch hätte in Verlegenheit bringen können. In jenen Tagen, obgleich ihrer nur wenige waren, lernte ich etwas von den Stimmungen kennen, die das Gemüt des Gefangenen martern, – ein Gefühl bittern Zornes gegen die brutale Gewalt, die mich gefangen hielt; das Bewußtsein der Ohnmacht ihr gegenüber, das wie ein Hohn auf mich selbst in mir aufstieg; eine fieberhafte Phantasie, die mich mit einem endlosen Wechsel von häßlichen Bildern quälte; eine rastlose Ungeduld, die mich trieb, wie ein wildes Tier in seinem Käfig, stundenlang in meiner Zelle auf und ab zu rennen; dann eine öde Leere in Geist und Gemüt, die endlich in ein dumpfes Brüten ohne bestimmte Gedanken ausartete.

Am Morgen des vierten Tages richtete ich ein zweites Schreiben an den Präfekten, noch ungestümer und pathetischer als das erste, und wirklich kündigte mir der Schließer bald darauf an, daß ich nach dem Bureau des Präfekten geführt werden solle. In wenigen Minuten fand ich mich denn in einer behaglich eingerichteten Amtsstube einem stattlichen Herrn gegenüber, der mich freundlich zum Niedersitzen aufforderte. Er machte mir dann ein Kompliment über das in Anbetracht meiner deutschen Nationalität merkwürdig gute Französisch meiner Briefe und sprach in höflichen Redensarten sein Bedauern darüber aus, daß man mir durch meine Verhaftung Unbequemlichkeiten verursacht habe. Es liege eigentlich gar keine Anklage gegen mich vor. Nur wünsche die Regierung, daß ich mir einen Aufenthalt außerhalb der Grenzen Frankreichs wählen und zu diesem Ende Paris und das Land baldmöglichst verlassen möge. Vergebens suchte ich den Herrn zu einer Angabe der Gründe zu bewegen, die meine Entfernung aus Frankreich so wünschenswert erscheinen ließen. Mit immer steigender Höflichkeit versicherte er mich seines Bedauerns, daß es höheren Orts so beliebt werde. Endlich suchte ich seine Sorge um mein verletztes Gefühl durch die Bemerkung zu beschwichtigen, daß mich in Wirklichkeit das Belieben der Regierung nicht weiter genieren werde, da ich doch beabsichtigte, nach London überzusiedeln, und daß meine Verhaftung mich nur in meinen Vorbereitungen zur Abreise unterbrochen hätte. Der freundliche Herr war ganz entzückt über diese glückliche Übereinstimmung meiner Absichten mit den Wünschen der Regierung und bat mich schließlich, mich mit meinen Vorbereitungen zur Abreise nur nicht zu beeilen; er werde sich freuen, wenn ich mich von jetzt an unter seinem speziellen Schutz fühlen und mich noch zwei, drei, vier, ja sechs Wochen in Paris amüsieren wollte. Es werde mir dann ein Paß ins Ausland zur Verfügung stehen; aber nach meiner Abreise hoffe er, daß ich ihn nicht durch eine Rückkehr nach Paris ohne spezielle Erlaubnis in Verlegenheit setzen werde. Dann wünschte er mir Lebewohl mit einer an Wärme grenzenden Freundlichkeit, und ich verließ ihn mit dem Eindruck, daß ich hier mit dem höflichsten, angenehmsten Polizeityrannen der Welt Bekanntschaft gemacht habe.

Ich eilte nach meiner Wohnung und fand die Familie Petit meinetwegen in großer Besorgnis. Madame und die beiden ältlichen Töchter erzählten mir in dreistimmigem Chor, wie vor einigen Tagen zwei Polizeiagenten mein Zimmer durchstöbert und meine Papiere gemustert, dann aber alles in bester Ordnung zurückgelassen hätten; auch hätten die Polizeiagenten sich bei der Familie Petit über meinen Lebenswandel erkundigt, und ich könne mir wohl vorstellen, ein wie glänzendes Zeugnis die Familie Petit mir ausgestellt habe; dann aber habe die Familie sich sehr um mein Schicksal beunruhigt und meine Freunde, die mich hätten besuchen wollen, von all diesen Vorgängen unterrichtet und sie gebeten, alle ihnen zugänglichen Einflüsse für mich in Bewegung zu setzen. Ich fand denn auch, daß verschiedene meiner Freunde sich sehr um mich bemüht hatten, und es ist wahrscheinlich, daß dadurch meine Freilassung beschleunigt worden war.

Die Ursache meiner Verhaftung wurde mir erst später klar. Louis Napoleon hatte schon längst die Vorbereitungen zu dem Staatsstreich begonnen, der die republikanische Regierungsform aus dem Wege räumen und ihn selbst in den Besitz monarchischer Gewalt bringen sollte. Während die Republikaner sich selbst über die heraufsteigende Gefahr täuschten, indem sie den Prätendenten als einen hirnlosen Affen seines großen Onkels lächerlich zu machen suchten, setzte dieser alle Mittel in Bewegung, um die Armee und die Massen des Volkes für sich und seine Pläne zu gewinnen. In allen Teilen des Landes wurde die napoleonische Propaganda in den mannigfaltigsten Formen organisiert, und diese Agitation fiel besonders bei der bäuerlichen Bevölkerung auf einen fruchtbaren Boden. Die Legende des Kaiserreichs mit seinen Kriegen und Siegen und seinem tragischen Ende war das Heldengedicht des Landvolkes, in dessen Glanz jede Bauernfamilie sich sonnte und sich groß fühlte, – denn jede von ihnen wußte von einem Vorfahren zu erzählen, der bei Rivoli, bei den Pyramiden, bei Marengo, bei Austerlitz, bei Jena, bei Wagram, bei Borodino, bei Waterloo unter den Augen des Gewaltigen gekämpft. Und in diesem Heldengedicht stand die Kolossalfigur des großen Kaisers, vom Mythus umwoben, wie die eines Halbgotts, unerreicht in seinen Taten, riesenhaft noch in seinem Untergange. Jede Hütte war mit seinem Bilde geschmückt, das, in einem höheren Wesen verkörpert, eine große Vergangenheit von Macht und Ruhm andeutete. Und nun trat ein Neffe des großen Kaisers dem Volke gegenüber, der den Namen des Halbgottes trug und mit diesem Namen jenen zauberhaften Glanz der Vergangenheit zu erneuern versprach. Und zahllose Agenten durchschwärmten das Land, zahllose Flugblätter gingen von Haus zu Haus und von Hand zu Hand, um die Botschaft zu verkünden von dem Neffen und Nachfolger des großen Kaisers, der die alte Herrlichkeit wieder heraufzuführen bereit stehe. Selbst die Drehorgel wurde in den Dienst der Agitation gezogen, indem sie Lieder vom Kaiser und seinem Neffen vor den Schenken der Dörfer und Marktflecken mit ihrer Musik begleitete.

Bei den intelligenteren Stadtbevölkerungen wurde freilich der napoleonischen Legende nicht eine so naive Verehrung bewahrt, aber sie war, schon lange ehe der Neffe des Onkels als Prätendent seine Agitation begonnen, auch dort in einer kaum weniger wirksamen Weise gepflegt worden. Bérangers Lieder und Thiers’ Geschichte des Konsulats und Kaiserreichs hatten den Napoleonkultus lebendig erhalten, und selbst die Regierung Louis Philipps hatte dem Idol ihre Huldigung dargebracht, indem sie sich dazu verstand, Napoleons Überreste mit großem Pomp von St. Helena herüberführen und im Invalidendom beisetzen zu lassen. Das so vorbereitete Feld wurde nun, seitdem Louis Napoleon als Präsident an der Spitze der Exekutivgewalt stand, unablässig beackert. Wie auf dem Lande die Drehorgel, so wurde in der Stadt das Theater zu Hülfe genommen. Ich erinnere mich eines Spektakelstückes, das mit großer Pracht und ergreifender Realität in Paris auf einer der Vorstadtbühnen zur Aufführung kam. Es hieß „La Barrière de Clichy“ und stellte den Feldzug von 1814, die Verbannung Napoleons nach der Insel Elba und seine Rückkehr nach Frankreich im Jahre 1815 dar. Napoleon erschien darin in vortrefflicher Maske, zu Fuß und zu Pferde, auf dem historischen Schimmel, und alle Gefechte jenes Feldzuges, in denen er erfolgreich war, spielten sich vor den Augen der Zuschauer ab, – die Franzosen, Infanterie, Kavallerie und Artillerie, in den Uniformen des Kaiserreichs; die Feinde, Preußen und Russen, barbarisch aussehende Kerle, wüst und roh, und vor dem französischen Heldenmut stets davonlaufend. Auch Blücher trat in Person auf, ein polternder Barbar, der sich in den greulichsten Schimpfreden erging und dabei, aus einer kurzen Pfeife rauchend, riesige Dampfwolken ausblies und beständig um sich her spuckte. Die Feinde wurden so regelmäßig geschlagen, daß es dem unbefangenen Zuschauer schwer begreiflich war, warum Napoleon nach all diesen glänzenden Siegen doch unterlag und in die Verbannung ziehen mußte. Er kam nun auch bald unter dem jubelnden Zuruf des Volks zurück. Die Armee ging prompt zu ihm über, und das Stück schloß mit seinem Einzug in Grenoble. Das Publikum spendete rauschenden Beifall, und das gewünschte „Vive l’Empereur!“ ließ sich nicht allein auf der Bühne, sondern auch nicht selten auf den Galerien, im Parterre und in den Logen hören. So bearbeitete man die Stadtbevölkerung.

Die Armee suchte sich der „Prinzpräsident“ zu gewinnen, indem er bei Paraden und Manövern in Generalsuniform erschien, den Soldaten alle möglichen Begünstigungen zuwandte und die abenteuerlichen Geister unter den Offizieren durch allerlei Bevorzugungen an sich zog.

Im Frühling 1851 begann er nun auch ernstlich, das voraussichtliche Schlachtfeld des geplanten Staatsstreichs für die entscheidende Aktion vorzubereiten. In den Pariser Spießbürgern wurde die Besorgnis geweckt, daß die Hauptstadt von gefährlichen Elementen voll sei, von denen man jeden Augenblick den Versuch eines Umsturzes der ganzen gesellschaftlichen Ordnung zu befürchten habe; die Gesellschaft sei in Gefahr und müsse gerettet werden. Der Präsident sei zu dieser Rettung bereit, aber der parlamentarische Teil der Regierung suche ihm die Hände zu binden. Er tue jedoch, was er könne, und unternehme es vorerst, die Hauptstadt von gemeingefährlichen Elementen zu säubern. Eine der zu diesem Ende ergriffenen Maßregeln bestand in der Entfernung von Fremden, die man im Verdacht haben mochte, daß sie sich an dem Widerstande gegen den beabsichtigten Staatsstreich tätig beteiligen würden. Zu dieser Kategorie wurde auch ich gerechnet.

Ein Polizeiagent, der in einem Pamphlet die drohenden Gefahren beschrieb, um den Bourgeois in den geeigneten Schrecken zu setzen, erwies mir sogar die Ehre, mich als einen besonders verwegenen Umstürzler zu bezeichnen, der sich schon in seinem Vaterlande die unerhörtesten Dinge habe zuschulden kommen lassen. Zur Begründung erzählte er die Befreiung Kinkels, eines ungewöhnlich verabscheuenswerten Staatsverbrechers, mit den fabelhaftesten Ausschmückungen. Diese Umstände waren es, denen ich, trotz meiner bescheidenen und zurückgezogenen Aufführung in Paris, meine Verhaftung und Ausweisung aus Frankreich zu verdanken hatte. So ganz Unrecht hatte man übrigens darin nicht. Es ist keineswegs unwahrscheinlich, daß, wäre ich zur Zeit des Staatsstreiches in Paris gewesen, ich in dem Widerstande gegen die napoleonische Usurpation den Entscheidungskampf um die Freiheit Europas gesehen, eine Muskete ergriffen und auf den Dezemberbarrikaden mitgekämpft haben würde. So kann es sein, daß, wäre es sonst meine Absicht gewesen, in Paris zu bleiben, die polizeiliche Ausweisung mich von der Teilnahme an einem hoffnungslosen Unternehmen und vielleicht einem elenden Ende gerettet hat.

Die letzten Wochen meines Aufenthalts in Paris nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis waren einem nochmaligen Besuch der Galerien, Museen und interessantesten Architekturen gewidmet und heiterem Zusammenleben mit meinen Freunden. Einem von diesen, einem jungen Franzosen aus der Provence, der in Paris Medizin studierte, schien der Abschied von mir besonders schwer zu werden. Ich hatte ihn als einen Hausgenossen unter dem Dache der Familie Petit kennen gelernt, und ich erwähne ihn besonders, weil er ein Beispiel der Wirkung deutscher Philosophie auf einen französischen Kopf lieferte, das ich nicht für möglich gehalten haben würde, hätte ich die Geschichte nicht selbst erlebt. Bald nachdem wir miteinander bekannt geworden, schloß er sich mit Wärme an mich und mehrere meiner deutschen Freunde an, und da er ein bescheidener, gemütvoller, wißbegieriger und fleißiger Mensch war, so erwiderten wir seine Neigung. Er liebte die Deutschen, wie er sagte, weil sie das Volk der Denker seien. Er hatte einige Erzeugnisse der deutschen Literatur in Übersetzungen kennen gelernt und versuchte, sich die Sprache anzueignen, hauptsächlich um die Werke deutscher Philosophen zu studieren; aber es wurde ihm schwer. So mußte er sich denn mit französischen Bearbeitungen der deutschen philosophischen Schriften behelfen und suchte oft bei uns Aufklärung über Stellen, die er nicht verstand. Diese Aufklärung konnten wir ihm zuweilen geben, aber manche der dunklen Sätze verstanden wir auch nicht. Plötzlich fiel es uns auf, daß unser junger Provenzale, dessen Lebenswandel sonst immer durchaus solid und geregelt gewesen war, deutsche Bierhäuser, deren es in Paris mehrere gab, zu frequentieren und stark zu trinken anfing. Das ging so weit, daß eines Tages Madame Petit und ihre Töchter mich baten, ihn in seinem Zimmer zu besuchen, da er in der vorhergehenden Nacht schwer betrunken nach Hause gekommen sei und nun ernstlich erkrankt zu sein schien. Ich folgte dieser Aufforderung sofort und fand meinen Freund in dem Zustande, den man auf deutschen Universitäten einen tiefen Katzenjammer zu nennen pflegt. Der junge Mann gestand mir, daß er sich seines Betragens herzlich schäme; aber er meinte, wenn ich die Ursache davon wüßte, so würde ich nicht so übel von ihm denken. Dann erzählte er mir mit großem Ernste, er habe seit einiger Zeit den deutschen Philosophen Hegel studiert und in seinen Schriften manches gefunden, das ihm quälende Zweifel an seinem eigenen Verstande verursacht habe. So habe er denn versucht, sich zu zerstreuen, und da die Deutschen, von denen er glaubte, daß Hegels Schriften ihre Lieblingslektüre seien, gern Bier tränken, so habe auch er sich bemüht, zur Erleichterung seiner Hegelstudien sich ans Biertrinken zu gewöhnen. Der gute Junge sprach so ernsthaft und aufrichtig, daß ich mir das Lachen verbiß und ihm mit demselben Ernste versicherte, über dem Hegel seien auch schon manche Deutsche verrückt geworden, und das Bier helfe dabei durchaus nicht. Wenn nun der Hegel in deutscher Sprache eine solche Wirkung auf deutsche Köpfe hervorbringe, was könne man von der Wirkung der französischen Aufkochung des Hegel erwarten? Dies schien meinen braven Provenzalen sehr zu erleichtern. Ich ermahnte ihn nun, den Hegel sowohl wie das Biertrinken fahren zu lassen und sich wie der solide, fleißige Mensch, der er früher gewesen, wieder der Medizin zu ergeben. Er versprach zu tun, was ich ihm geraten, tat es auch wirklich, und am Tage meines Abschiedes von Paris sagten wir einander Lebewohl mit dem aufrichtigsten Bedauern. Da diese Geschichte dem Leser wie eine Übertreibung klingen mag, so muß ich noch die Versicherung hinzusetzen, daß sie buchstäblich wahr ist.

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