In London.

Gegen Mitte Juni kam ich in London an. Kinkel hatte bereits in einem Hause auf St. Johns Wood Terrace, nahe bei seiner Wohnung, Zimmer für mich gefunden, die ich um ein Billiges mieten konnte, und er wies mir auch Unterrichtsstunden in der deutschen Sprache und in der Musik zu, deren Ertrag für meine bescheidenen Bedürfnisse mehr als hinreichte. Das bekannte Paradoxon, daß man in London mehr für einen Schilling und weniger für ein Pfund hat als anderswo, das heißt, daß man bei bescheidenen Ansprüchen sehr billig und verhältnismäßig gut leben kann, während das Leben in größerem Stil außerordentlich kostspielig ist, – war damals wohlbegründet und ist es unzweifelhaft auch jetzt noch.

Ich würde meine Unterrichtspraxis viel weiter haben ausdehnen können, wenn ich Englisch gesprochen hätte. Aber, sonderbar wie mir das selbst später erschienen ist, mein musikalisches Ohr konnte damals meinen Widerwillen gegen den Klang der englischen Sprache noch nicht überwinden. Ihre eigentümliche Musik habe ich erst dann würdigen lernen, als ich die Sprache selbst verstand. In den gesellschaftlichen Kreisen, in denen ich mich bewegte, und von denen ich später berichten will, reichte das Deutsche und das Französische aus. Bei meinen Unterrichtsstunden kam mir die Methode, nach der ich in Paris bei der Princesse de Beaufort Französisch gelernt hatte, sehr zu statten.

Einige meiner Schülerinnen, die sich für deutsche Literatur besonders lebhaft interessierten, ersuchten mich, das Nibelungenlied mit ihnen zu lesen; und, wie das nicht selten geschieht, in der Rolle des Lehrers lernte ich mehr von dem Gegenstande des Unterrichts, als ich vorher gewußt hatte und als ich sonst geahnt haben würde. Ich lehrte und lernte mit wirklicher Begeisterung, denn – ich mag mir hier beiläufig die Bemerkung gestatten – das Nibelungenlied ist meiner Meinung nach, freilich nicht in Eleganz der Darstellung, wohl aber in seinem dramatischen Aufbau das großartigste, gewaltigste Heldengedicht, das irgend eine Literatur aufzuweisen hat.

In meinem gesellschaftlichen Verkehr nahm natürlich die Kinkelsche Familie die erste Stelle ein. Das Haus war sehr klein und äußerst bescheiden eingerichtet. Aber in diesem Hause wohnte das Glück. Kinkel hatte die ganze heitere Elastizität seines Wesens wiedergewonnen. Haar und Bart waren allerdings mit grau gestreift, aber die krankhafte Blässe, die sein Gesicht aus dem Gefängnis mitgebracht, war einer gesunden frischen Farbe gewichen. Mit fröhlichem Mut hatte er die Aufgabe angefaßt, seiner Familie im fremden Lande eine sorgenfreie Existenz zu gründen, und ermutigender Erfolg belohnte seine Anstrengungen. Zu den Privatstunden, die er gab, kamen nun auch Aufforderungen zu Vorlesungen und Beschäftigung an Lehrinstituten. In den ersten Monaten hatte er schon genug erworben, um seiner Frau einen Erardschen Flügel von vorzüglicher Qualität schenken zu können, und Frau Johanna gewann bald in ausgedehntem Kreise eine ausgezeichnete und fruchtbare Reputation als Musiklehrerin. Die vier Kinder schienen gut zu gedeihen. Nichts Anmutigeres und Lehrreicheres konnte es geben, als Frau Johanna mit der Erziehung der zwei Knaben und zwei Mädchen beschäftigt zu sehen. Nicht allein begannen diese das Klavierspiel, sobald sie physisch dazu imstande waren, sondern sie sangen auch mit vollkommener Reinheit und naivem Ausdruck reizende vierstimmige Lieder, von der Mutter eigens für die Kinder komponiert.

Die Freude, die ich empfand, wenn ich das neu aufblühende Leben dieser Familie betrachtete, kann ich nicht beschreiben. Ich lernte dabei eine große Wahrheit verstehen und lebhaft empfinden. Es gibt kein schöneres und vollständigeres Glück in dieser Welt als das Bewußtsein, zu dem Glücke derer, die man lieb hat, etwas beigetragen zu haben, ohne einen andern Lohn zu verlangen als dieses Bewußtsein.

Die Dankbarkeit Kinkels und seiner Frau war so aufrichtig und unermüdlich, daß sie mich oft in Verlegenheit setzte. Sie suchten beständig nach etwas, das sie mir zuliebe tun könnten. Schon ehe ich nach London übergesiedelt war, hatte es mich Mühe gekostet, sie zur Annahme meiner Ablehnung zu bewegen, als sie den Wunsch ausgesprochen hatten, ich sollte in ihrem Hause leben und sonst tun, was ich wollte. Nun mußte ich wenigstens in ihren dringenden Vorschlag willigen, daß meine jüngste Schwester Antonie zu ihnen von Deutschland herüberkommen sollte, um in ihrem Hause wie ein Kind der Familie erzogen zu werden. Dies schlug glücklich aus, da Antonie nicht allein guter Gemütsart und lebhaften Geistes, sondern auch mit jenem heitern rheinischen Temperament gesegnet war, das Sonnenschein um sich verbreitet. Dann drang Frau Johanna in mich, mir von ihr weiteren Klavierunterricht geben zu lassen, und mit neuer Lust nahm ich meine musikalischen Studien wieder auf. Meine Lehrerin ließ mich Beethoven, Schubert und Schumann genießen und führte mich durch die Zaubergärten der Chopinschen Musik. Aber noch mehr als das. Sie lehrte mich den Generalbaß und eröffnete mir damit eine Kenntnis, die mir in der Folge zur Quelle köstlichen Genusses geworden ist. Dann stellte sie mir ihren Erardschen Flügel, der in der Familie wie ein Heiligtum verehrt wurde, zur Verfügung zum Üben und Improvisieren, obgleich zu solchen Zwecken ein minderwertiges Instrument im Hause war.

Natürlich führten mich die Kinkels auch in die gesellschaftlichen Kreise ein, die ihnen offen waren. Freilich stand mir dabei meine Unkenntnis der englischen Sprache sehr im Wege. Aber ich hatte doch das Glück, mit einigen englischen Familien, in denen man Deutsch oder Französisch sprach, in ein Verhältnis zu treten, das man hätte freundschaftlich nennen können. Ich habe da verstehen lernen, wieviel aufrichtige Wärme des Gefühls in dem scheinbar so steifen und förmlichen Engländer versteckt sein kann. Ich fühlte dort bald, daß jedes Wort freundlicher Sympathie, das ich hörte, jede Einladung zu intimem Verkehr – Redensarten, die bei einigen andern Völkern als bloße oberflächliche Höflichkeitsformen gelten – als ehrlich und vollgemeint angenommen werden konnte. Das war echte Gastlichkeit, ohne Prätension und ohne Reserve, in der man eine Atmosphäre vertrauensvoller Sicherheit atmete. Auch bin ich in solchem freundschaftlichen Verkehr nicht selten überrascht worden von dem Gedankenreichtum, dem Schatz von Kenntnissen, der Mannigfaltigkeit der Erfahrungen und den weitreichenden Welt- und Lebensanschauungen, die in vertraulichen Gesprächen sich oft aus anscheinend scheuer Reserve oder schwerfälliger Mitteilungsgabe entpuppte.

Zu jener Zeit war in England die deutsche Sprache sehr in der Mode, wahrscheinlich infolge des Umstandes, daß damals die Popularität des Prinzen Albert, des anerkannt verdienstvollen Patrons der großen Weltausstellung, ihren Höhepunkt erreicht hatte. Nun ließ man es in der Gesellschaft nicht bei dem Deutschsprechen bewenden; es mußte auch Deutsch gesungen werden, und die deutschen Volkslieder erfreuten sich einer besonderen Beliebtheit. Doch konnte es kein traurigeres Schauspiel geben als eine errötende Miß, wie sie bei einer evening-party feierlich zum Klavier geführt wurde, „to give us a sweet German folk song“, und wie sie dann mit einem Gesicht, das einen Todesfall in der Familie andeutete, und in langsamen Tempo und im Ton tiefster Melancholie sang: „Wenn i komm, wenn i komm, wenn i wiedrum komm“ usw.

Oft habe ich in späteren Zeiten bedauert, daß ich damals am politischen Leben Englands nicht mehr Interesse nahm und keine Bekanntschaften in politischen Kreisen suchte. Aber auch ohnedies empfing ich von dem Lande und dem Volke großartige Eindrücke. Wie verschieden war das ruhelose Treiben in den Straßen von London in seinem gewaltigen Ernst und seiner massenhaften Triebkraft von dem heiteren, mehr oder minder künstlerisch eleganten, aber mehr als halb frivolen Strudel, der dem Beobachter in Paris begegnet, und von dem halb militärischen, halb spießbürgerlichen Anstrich, den das damals noch nicht zur Weltstadt gewordene Berlin trug! Wie berechtigt, wie natürlich erschien mir der nationale Britenstolz, wenn ich in den Hallen von Westminster die Statuen und Büsten und in der Abtei die Gräber großer Engländer betrachtete, die alle als Denkmäler großer Gedanken und Taten gelten konnten! Wie fest gegründet erschienen mir die freien Institutionen eines Volkes, dem die bürgerliche Freiheit nicht eine bloße Phrase oder eine vorübergehende Laune oder ein Spielzeug, sondern Lebensprinzip ist, dessen Betätigung es für seinen täglichen Handel und Wandel notwendig gebraucht, und das in den Gedanken und Aspirationen jedes Bürgers lebt wie etwas, das sich von selbst versteht. Ich sah genug vom Lande und vom Volke, um dies herauszufühlen, obgleich wir Flüchtlinge in London meist wie auf einer Insel im großen Menschenmeer ein abgesondertes Dasein führten.

In London war seit dem Jahre 1848 eine große Zahl von politischen Flüchtlingen aus fast allen Ländern des europäischen Kontinents zusammengeströmt; doch beschränkte sich der Verkehr zwischen den verschiedenen nationalen Gruppen – Deutschen, Franzosen, Italienern, Ungarn, Polen, Russen – mehr oder minder auf die hervorragenderen Persönlichkeiten. Alle hatten jedoch die zuversichtliche Hoffnung auf einen baldigen revolutionären Umschwung auf dem Kontinent gemein. Unter den Deutschen gab es nur wenige, die diese Hoffnung nur in geringem Maße teilten. Von diesen war Lothar Bucher vielleicht der bedeutendste, ein stiller, in sich gekehrter Mann von großen Fähigkeiten, der sich mit ernsten politischen Studien beschäftigte, und dem ich im späteren Leben noch einmal unter sehr veränderten Verhältnissen begegnen sollte. Wie in der Schweiz, so wurde auch in London die Frage, wem in der kommenden Revolution die Führerschaft zufallen sollte, unter den Flüchtlingen eifrig besprochen. Natürlich gab diese illusionsselige Auffassung der Dinge zu allerlei Eifersüchteleien Veranlassung, wie das zu allen Zeiten unter ähnlich situierten Leuten der Fall gewesen ist, und die Flüchtlingschaft spaltete sich in Parteien, die einander zuweilen mit Bitterkeit bekämpften.

Als Kinkel in London ankam, fiel ihm natürlich unter den Flüchtlingen eine hervorragende Stellung zu, und er wurde sozusagen von selbst das Haupt einer ansehnlichen Gefolgschaft. Er hatte jedoch auch seine Widersacher, die in ihm keinen „praktischen Revolutionär“, sondern nur einen Dichter und Gelehrten, einen politischen Träumer sehen wollten, der zum eigentlichen Führer in einem großen Kampfe nicht das Zeug besitze. Manche von diesen gruppierten sich merkwürdigerweise um Arnold Ruge, einen geistvollen Philosophen und Schriftsteller, auf den jedoch der Name eines bloßen Gelehrten und politischen Träumers ebensogut und vielleicht weit besser gepaßt hätte. Dann gab es noch Gruppen von sozialistischen Arbeitern, die sich teils an Karl Marx, teils an August Willich anschlossen; und endlich Neutrale, die sich um diese Parteiungen nicht kümmerten und individuell ihre eigenen Wege gingen.

Kinkel war gewiß nicht ohne Ehrgeiz und auch nicht frei von illusorischen Hoffnungen auf einen baldigen Umschwung im Vaterlande. Es war ihm jedoch vorerst darum zu tun, seiner Familie in London eine anständige Existenz zu schaffen. Dies nahm seine Tätigkeit so sehr in Anspruch, daß er sich dem gewöhnlichen Treiben der großenteils unbeschäftigten Flüchtlinge nicht anschließen konnte. Auch war es ihm nicht möglich, für seine politischen Glaubensgenossen offenes Haus zu halten und ihnen seine Arbeitsstunden herzugeben und so die Wohnung seiner Familie zum Versammlungsplatz eines in der Wiederholung oft gesagter Dinge unerschöpflichen Debattierklubs zu machen.

Es wurde daher Kinkel der Vorwurf gemacht, daß er sich um die Sache der Revolution zu wenig und um seine Familieninteressen zu viel kümmere, und dies sei besonders zu tadeln, da er doch seine Befreiung in hohem Grade der Hülfswilligkeit seiner demokratischen Parteigenossen zu verdanken habe. Wie ungerecht auch dieser Vorwurf war, so nahm ihn Kinkel sich doch sehr zu Herzen. Er war in dieser Stimmung, als ihm ein Plan vorgelegt wurde, dessen erfolgreiche Ausführbarkeit nur die fieberhafte Phantasie des politischen Flüchtlings sich einbilden konnte. Der Plan war, eine „deutsche Nationalanleihe“ von, ich weiß nicht mehr, wie viel Millionen Talern zu erheben, rückzahlbar in einer gewissen Zeit nach der Etablierung der deutschen Republik. Das im Wege der Nationalanleihe zusammengebrachte Geld sollte dann einem Zentralkomitee zur Verfügung gestellt und zu revolutionären Zwecken in Deutschland verwendet werden. Um die Erhebung der Anleihe zu beschleunigen, sollte Kinkel ohne Verzug nach Amerika reisen und durch eine öffentliche Agitation, bei der seine persönliche Popularität und seine eminente Rednergabe besonders wirksam sein würden, die dort ansässigen Deutschen und auch Amerikaner, wenn es ginge, zu möglichst liberalen Beiträgen veranlassen. Unterdessen sollten einige von seinen Freunden durch persönliche Bemühungen andere hervorragende Flüchtlinge für diesen Plan zu gewinnen und womöglich die ganze Flüchtlingschaft unter einen Hut zu bringen suchen; aber Kinkel sollte sofort nach Amerika abreisen, ohne das Projekt weiteren Konsultationen zu unterwerfen, damit den Flüchtlingen, die sonst daran gezweifelt und gemäkelt haben würden, die Sache als ein Fait accompli dargestellt werden könnte.

Das Resultat, das man sich von den Ausführungen dieses Planes versprach, war folgendes: Die Verfügung über bedeutende Geldmittel würde die Flüchtlingschaft zu einer wirklichen Macht erheben. Die Existenz einer solchen Macht würde dem revolutionären Element in Deutschland frischen Mut verleihen, es durch die Zuziehung neuer Rekruten stärken und seine Kühnheit und Tatkraft anspornen. Natürlich würde nebenbei auch das Komitee, das den großen Revolutionsschatz verwaltete, die Führung der ganzen revolutionären Partei und die anfängliche Organisation der künftigen deutschen Republik in den Händen haben.

Es ist wohl in späteren Jahren Kinkel selbst bei ruhigem Bedenken komisch genug vorgekommen, daß er an den Erfolg eines solchen Planes jemals hatte glauben können. Jedenfalls lieferte dieses Projekt von der Selbsttäuschungsfähigkeit des politischen Flüchtlings ein sprechendes Beispiel. Übrigens sind wohl die gegen Kinkel gerichteten Vorwürfe, daß er sich zu viel der Sorge um seine bürgerliche Existenz widme, und das Gefühl, daß er durch eine große Bemühung für die Sache der Revolution seinen politischen Freunden eine Schuld abzuzahlen habe, für ihn ein Hauptbeweggrund gewesen, ohne langes Zögern auf diesen Plan einzugehen. Wenige Tage nachdem im vertrauten Kreise die Sache beschlossen war, brach Kinkel seine Lehrtätigkeit in London ab – ein großes Opfer, denn er setzte damit die Existenz seiner Familie von neuem aufs Spiel – und schiffte sich nach Amerika ein.

Ich war damals noch jung, unerfahren und sanguinisch genug, den Erfolg eines solchen Unternehmens für möglich zu halten, und ging mit Feuereifer darauf ein. Da man mir diplomatisches Talent zutraute, so wurde mir der Auftrag, in die Schweiz zu reisen, die dort weilenden Häupter der deutschen Flüchtlingschaft für den Plan zu gewinnen und so die Grundlage zu einer allgemeinen Organisation zu legen. Diesen Auftrag übernahm ich mit Vergnügen, machte unterwegs einen Besuch in Paris, von dem ich jedoch den höflichen Polizeipräfekten nicht in Kenntnis setzte, und traf bald bei meinen alten Freunden in Zürich ein. Für diese war ich seit meiner Abreise im vorhergehenden Jahre durch die Reputation, die mir die Befreiung Kinkels gebracht, eine ganz neue Person geworden. Sie trauten mir viel mehr Einsicht zu, als ich besaß, und meine diplomatische Sendung fand daher nur geringe Schwierigkeit zu überwinden, d. h. in der Erwartung, daß die Nationalanleihe, hauptsächlich durch Kinkels Agitation in Amerika, ein bedeutendes Resultat liefern werde, erklärten die Flüchtlinge durchweg ihre Bereitschaft, sich der vorgeschlagenen allgemeinen Organisation anzuschließen.

Der hartnäckigste Zweifler und zugleich der bedeutendste Mann, den ich dort fand, war Löwe von Calbe. Als letzter Präsident des deutschen Nationalparlaments war er im Frühling 1849 von Frankfurt nach Stuttgart gezogen und hatte, Arm in Arm mit dem alten Dichter Uhland, den Zug seiner Kollegen geführt, bis dieser von einer Abteilung württembergischer Kavallerie auseinandergesprengt wurde. Dann suchte Löwe Zuflucht in der Schweiz. Er war Arzt von Beruf, hatte sich aber durch weitgreifende Studien einen Schatz vielseitiger Kenntnisse erworben. Er machte den Eindruck eines ruhigen, methodischen Denkers, dem es auch an dem entschlossenen Mut kühnen Handelns nicht fehlte. Es lag ein gewisses Behagen in seinem Wesen, und wenn der stämmige, wohlbeleibte Mann sich hinsetzte, den Zuhörer mit seinen überaus klugen Augen anblickte und dann in wohlgebildeten, klaren, mit langsamem Tonfall gesprochenen Sätzen seine Meinung darlegte, so fühlte man sich einer Autorität gegenüber, die oft überzeugte, schon ehe das Argument bis zum letzten Schluß gediehen war. Löwe war in bezug auf die Möglichkeit eines baldigen Umschwungs in Deutschland nicht so sanguinisch wie die meisten von uns, obgleich ihn die Illusionssucht des Flüchtlingslebens nicht ganz unberührt gelassen hatte. Über die Chancen der projektierten „deutschen Nationalanleihe“ äußerte er seine Zweifel; aber da er den Plan keineswegs abwies, und es mir sehr darum zu tun war, durch weitere Besprechung der Sache ihn dafür zu gewinnen, begleitete ich ihn auf einer Fußreise durch das Berner Oberland, die er eben mit einigen Besuchern aus Deutschland anzutreten im Begriff stand.

Bis dahin hatte ich die weißen Häupter der Alpen nur aus der Ferne gesehen. Nun kam ich ihnen zum erstenmal nahe und setzte mich sozusagen zu ihren Füßen. Wir gingen von Bern nach Interlaken, dann über Lauterbrunnen nach der Wengern Alp und nach Grindelwald, bestiegen das Faulhorn und wandten uns dann über die Scheideck nach den Seen. An den schönsten Punkten hielten wir uns auf und sahen so das Beste, was das Berner Oberland bietet. Was mir von all dem Herrlichen, Gewaltigen und Wunderbaren den tiefsten Eindruck machte, waren nicht die großartigen Rundsichten, wie von der Spitze des Faulhorns, wo man ganze Alpengruppen und -ketten ins Auge faßt, sondern es war das Bild der einzelnen Bergspitze, die über eine Wolkenlage hinaus in den blauen sonnigen Äther hinaufragte und so als etwas durch die Wolken von der untern Welt Abgeschiedenes, für sich selbst Dastehendes sichtbar wurde. Es war das Bild des Ewigfesten, Unveränderlichen, Zuverlässigen, im klaren heitern Sonnenlicht thronend über dem Ewigunbeständigen, Wechselnden, Zerfließenden. Besonders eindrucksvoll wurde dieses Bild, wenn sich hinter dem Wolkenschleier das dumpfe geheimnisvolle Donnern der stürzenden Lawinen hören ließ. Da wir von dem schönsten Wetter begünstigt waren, so genoß ich dieses Schauspiel oft, und jedesmal stand ich davor mit einem Gefühl, das ich nicht anders als fromm und andächtig nennen kann.

Ich war so tief ergriffen von all dem Schönen, welches ich um mich her sah, daß ich jeden Bauern beneidete, der in solcher Umgebung sein ganzes Leben zubringen konnte. Aber in dieser Beziehung machte ich eine interessante Erfahrung. Auf der Dorfstraße in Grindelwald sah ich eines Tages einen Mann von intelligentem Gesichtsausdruck, den die umherspielenden Kinder besonders angelegentlich grüßten. Aus seiner äußeren Erscheinung schloß ich, daß er der Schulmeister des Dorfes sein müsse, und ich irrte mich nicht. Ich redete ihn an, indem ich mich über örtliche Verhältnisse erkundigte, und fand ihn sehr mitteilsam. Er erzählte mir, daß es in dem kaum eine deutsche Quadratmeile großen Bergtal von Grindelwald alte Leute gäbe, die nie über die Grenzen des Tals hinausgekommen seien. Die von ihnen gesehene Welt war also vom Schreckhorn, Mönch, Eiger und Faulhorn eingeschlossen. In meinem Enthusiasmus bemerkte ich, daß die beständige Anschauung einer Umgebung von so großartiger Schönheit dem Menschen wohl genügen könne. Der Schulmeister lächelte und sagte, diese großartige Schönheit komme dem Geist der gewöhnlichen Bauern wohl am wenigsten zum Bewußtsein. Er sehe in den Naturerscheinungen, die er beobachte, mehr das, was ihm vorteilhaft oder unvorteilhaft, ermutigend oder beschwerlich oder gar drohend sei. Die Wolkenbildungen, die uns in alle möglichen Stimmungen und Gemütsbewegungen versetzten, bedeuteten ihm je nach ihrer Lage und Gestaltung nur gutes oder schlechtes Wetter. Der dumpfe Donner der Lawinen erinnere ihn nur daran, daß unter gewissen Umständen die Schneestürze viel Unheil anrichten könnten. Er sehe in dem Wüten des Gebirgssturmes nicht etwa ein großartiges Schauspiel, wohl aber Hagelschlag und die Gefahr des Austretens der Bäche, und so weiter. Ich fragte den Schulmeister, ob es denn nicht wahr sei, was wir von dem berühmten Schweizer Heimweh hörten, daß, wer in diesen Bergen geboren sei und seine Jugend zugebracht habe, nirgendwo anders glücklich und zufrieden sein könne, sondern wenn anderswo zu leben gezwungen, sich in krankhafter Sehnsucht nach der Bergheimat verzehren müsse. Der Schulmeister lächelte wieder und meinte, solche Fälle von Heimweh seien wohl bei Schweizern vorgekommen, aber wahrscheinlich nicht in größerer Zahl und in schlimmerer Form, als bei Bewohnern anderer Gegenden. Überall gäbe es wohl Leute, die der Heimat und ihren Anschauungen und Gewohnheiten mit großer, fast krankhafter Gemütswärme anhingen. Er wisse von Schweizern in ansehnlicher Zahl, die im Auslande, ja auf den flachen Prärien Amerikas sich niedergelassen hätten und sich dort äußerst behaglich fühlten.

„Wollen Sie mir denn sagen,“ fragte ich, „daß der Schweizer selbst die Schönheit seines Landes nicht zu würdigen weiß?“

„Nein das gerade nicht,“ antwortete der Schulmeister. „Die gebildeten Leute wissen ja wohl überall das Schöne seiner Schönheit wegen zu würdigen. Aber der arbeitende Mann, der immer mit der Natur zu kämpfen hat, muß sich erst sagen lassen, daß die Dinge, die ihm so oft beschwerlich und unangenehm werden, nebenbei auch großartig und schön sind. Wenn er einmal auf den Gedanken gebracht worden ist, dann sieht er die Sache mehr und mehr so an. – Und die Schweizer,“ setzte der Schulmeister mit schlauem Lächeln hinzu, „auch die ungebildeten, wissen jetzt die Schönheit des Landes ziemlich zu schätzen.“

Dies klang mir zuerst wie eine recht prosaische Philosophie; aber längeres Nachdenken überzeugte mich, daß der Mann recht hatte. Die Empfindung der Naturschönheit ist eine anerzogene, angebildete, anzivilisierte Empfindung. Naive Völker haben sie nicht oder drücken sie wenigstens nicht aus. Die Naturerscheinung – Berg, Tal, Wald, Wüste, Strom, Meer, Sonnenschein, Regen, Windstille, Sturm usw. – ist ihnen entweder wohltuend, fördernd, oder unangenehm, störend, furchtbar. Es ist eine bezeichnende Tatsache, daß es im Homer bei all dem Reichtum seiner Schilderungen keine Beschreibungen einer landschaftlichen Szene oder eines Naturereignisses vom Standpunkte des Schönen gibt. Dieselbe Erfahrung setzt sich bis in unsere Zeiten fort. In demselben Geiste äußerte sich der Farmer aus einem der Präriestaaten Amerikas, der einmal auf einem Dampfboot den herrlichen Hudson hinauffuhr, und als er einen enthusiastischen Mitreisenden ausrufen hörte: „Wie schön ist doch dieses Land!“ ruhig antwortete: „Es mag wohl ein ziemlich gutes Land sein, nur viel zu hügelig.“

Meine diplomatische Mission in der Schweiz war bald vollendet. Ich hatte die Zustimmung der meisten hervorragenden Flüchtlinge zu dem Anleiheplan gewonnen und glaubte der Sache der Freiheit einen bedeutenden Dienst geleistet zu haben. Dann kehrte ich nach London zurück. Frau Kinkel bat mich, bis zur Rückkehr ihres Mannes in ihrem Hause zu wohnen, da sie sonst dort keinen männlichen Schutz habe, und natürlich mußte ich ihr willfahren. Aber das Leben dort blieb keineswegs so heiter, wie es während der Anwesenheit Kinkels gewesen war. Da empfand ich erst, ein wie großes Opfer Kinkel durch die Übernahme einer solchen Mission gebracht hatte. Frau Johanna hatte ihren Mann mit Betrübnis und Sorge scheiden sehen. Ihre Wiedervereinigung war noch kein Jahr alt, und als nun plötzlich das glückliche Familienleben von neuem auf viele Monate hinaus zerrissen wurde, und das zu einer Zeit, als die Gründung einer bürgerlichen Existenz in der Fremde die gemeinsame Anstrengung aller Kräfte erforderte, so schien ihr die Bürde, welche die Parteigenossen ihr auferlegten, allzu schwer. Sie ergab sich allerdings in ihr Schicksal, aber nicht ohne Mißmut. Ihre Gesundheit fing an zu leiden; nervöse Störungen stellten sich ein, und es ist wahrscheinlich, daß damals die Anfänge der Herzkrankheit sich bemerklich machten, die sie einige Jahre später in ein frühes Grab brachte. Die Nachrichten, die wir von Kinkel aus Amerika empfingen, waren allerdings, was ihn selbst betraf, befriedigend; aber sie vermochten doch nicht das verdüsterte Gemüt der einsamen Frau zu erheitern, wie sehr diese auch sich an patriotischen Hoffnungen aufrecht zu erhalten versuchte.

Kinkel hatte vieles zu erzählen von der Herzlichkeit, mit der die Deutschen in Amerika ihn begrüßten. Wo er erschien, da strömten die Landsleute zusammen, um dem Zauber seiner Beredsamkeit zu lauschen. Wie er von Stadt zu Stadt zog, so reihte sich ein festlicher Empfang an den andern. Der Enthusiasmus der Versammlungen ließ nichts zu wünschen übrig. Obgleich Kinkel damals das Englische nur noch mangelhaft sprach, so mußte er sich zuweilen doch in englischen Gelegenheitsreden versuchen, wenn, was nicht selten vorkam, geborene Amerikaner an den ihm gewidmeten Feierlichkeiten teilnahmen. So besuchte er alle bedeutenderen Plätze im Norden und Süden, Osten und Westen der Vereinigten Staaten. Auch dem Präsidenten Fillmore machte er seine Aufwartung und wurde mit großer Freundlichkeit empfangen. Diese Erlebnisse beschrieb er in seinen Briefen mit sprudelndem Humor; all seine Berichte atmeten frische Lebenslust und zeugten von dem lebhaftesten Interesse an dem neuen Lande. Kurz, seine Reise ging in allen Beziehungen nach Wunsch – nur im Punkte der deutschen Nationalanleihe nicht. Es wurden allerdings allenthalben Ausschüsse organisiert und zur Einsammlung von Geld und zur Ausgabe von Anleihscheinen ermächtigt, aber die Beiträge beliefen sich schließlich nur auf wenige tausend Dollars – eine geringfügige Summe, mit der sich nichts anfangen ließ. Kossuth, der wenige Monate später mit viel bedeutenderem Prestige und größerem Pomp zu einem ähnlichen Zweck nach Amerika zog, machte dieselbe Erfahrung. Und es war ein Glück, daß die „Anleihen“ mißlangen. Man hätte auch mit größeren Summen nur hoffnungslose Konspirationen organisieren und Menschen in persönliches Unglück führen können, ohne der Sache der Völkerfreiheit zu nützen.

Aber während diese Dinge vor sich gingen, dachten wir Flüchtlinge anders. Es wurden Emissäre nach Deutschland geschickt, um die Lage der Dinge auszukundschaften und die revolutionäre Organisation zu vervollständigen, d. h. Leute aufzusuchen, die in denselben Illusionen lebten wie wir, und diese „zur Vorbereitung gemeinsamen Handelns“ miteinander und mit dem Londoner Komitee in Korrespondenz zu setzen. Einige dieser Emissäre, die in Deutschland unter Anklage standen, setzten sich großen Gefahren aus, indem sie von Ort zu Ort reisten, und die meisten davon kamen mit der Kunde zurück, daß die Unzufriedenheit in Deutschland allgemein sei, und daß es bald „losgehen“ könne. Daß es in Deutschland viel Unzufriedene gab, war richtig. Aber von „Losschlagen“ träumten in Wahrheit nur wenige. Das revolutionäre Feuer war ausgebrannt. Der Flüchtling aber konnte sich zur Annahme dieser Wahrheit so wenig verstehen, daß er eher geneigt war, den, der sie aussprach, als „verdächtig“ zu bezeichnen. Es wurde also rüstig weiter „gearbeitet“.

Mir wurde eine große Auszeichnung zuteil. Ich erhielt eines Tages einen eigenhändigen Brief von Mazzini mit einer Einladung, ihn zu besuchen. Er gab mir die Adresse eines seiner Vertrauten, der mich zu ihm bringen würde. Seine eigene Adresse hielt Mazzini, wie es hieß, geheim, da er sich der Spionage der monarchischen Regierungen entziehen wollte. Daß der große italienische Patriot mich, den jungen unbedeutenden Menschen, zu sich einlud und sozusagen in sein Vertrauen zog, empfand ich als eine große Ehre. Mazzini galt in revolutionären Kreisen, besonders bei uns jungen Leuten, als das Haupt von zahllosen Geheimbünden, als eine mysteriöse Macht, die sich nicht allein in Italien, sondern in allen europäischen Ländern fühlbar machen konnte. Man erzählte sich wunderbare Geschichten von seinen kühnen Reisen in den Ländern, in denen ein Preis auf seinen Kopf stand, von seinem plötzlichen, fast zauberhaften Erscheinen unter seinen Getreuen hier und dort und von seinem ebenso zauberhaften Verschwinden, als ob die Erde ihn verschlungen hätte, und von der unübertrefflichen Geschicklichkeit, mit der er sich in den Besitz der Geheimnisse der Regierungen zu setzen wisse, und mit der er seine eigenen Pläne und Handlungen zu verbergen verstehe. So erschien er uns jungen Leuten denn als das verkörperte Genie des revolutionären Strebens, und wir blickten zu seiner geheimnisvollen Größe mit einer Art von ehrfurchtsvoller Scheu auf. Es war mir daher, als ich zu ihm berufen wurde, als ob ich in die Werkstätte des Meisterzauberers treten werde.

Der von Mazzini bezeichnete Freund führte mich nach der Wohnung des großen Führers, die in einer durchaus unfashionablen Straße lag. In der Nähe dieser Wohnung begegneten wir einigen schwarzäugigen, bärtigen jungen Männern, offenbar Italienern, welche die Gegend abzupatrouillieren schienen. Ich fand Mazzini in einem äußerst bescheidenen, kleinen Gemach, das zugleich als Salon und Arbeitsstube diente. In der Mitte des Zimmers stand ein Schreibtisch, der mit anscheinend verworrenen Haufen von Papieren bedeckt war. Kleine Modelle von Kanonen und Mörsern dienten als Briefbeschwerer. Einige Stühle und, wenn ich mich recht erinnere, ein kleines Sofa bildeten den Rest der Ausstattung. Das Ganze machte den Eindruck der Ärmlichkeit.

Mazzini saß am Schreibtisch, als ich eintrat, und er erhob sich, um mir die Hand zu reichen. Er erschien mir als ein schlanker Mann von mittlerer Statur, in einem schwarzen Tuchanzug gekleidet. Sein Rock war bis oben zugeknöpft. Den Hals umhüllte eine schwarze seidene Krawatte, aus der kein Hemdkragen hervorsah. Das Gesicht hatte klassischen Schnitt, der untere Teil war mit einem kurzgehaltenen schwarzen, mit Grau gemischten Vollbart bedeckt. Die dunklen Augen glühten in rastlosem Feuer. Darüber wölbte sich die Stirn auffallend hoch und breit. Dünnes, glattanliegendes Haar, schwarz, aber ergrauend, bedeckte das Haupt. Der sprechende Mund zeigte eine volle, aber etwas geschwärzte Reihe von Zähnen. Die ganze Erscheinung war die eines unzweifelhaft bedeutenden Mannes. Bald fühlte ich mich auch unter dem Zauber einer Persönlichkeit von seltener Anziehungskraft.

Unsere Unterhaltung wurde in französischer Sprache geführt, die Mazzini mit derselben Leichtigkeit wie seine Muttersprache handhabte, obgleich er von dem allen Italienern eigenen Akzent nicht frei war. Aber er entwickelte im Gespräch unter vier Augen, und dabei heftig Zigarren rauchend, eine Beredsamkeit, wie ich sie in meinem langen Leben nur selten wieder gehört habe – warm, einschmeichelnd, zuweilen ungestüm, schwungvoll, erhaben und dabei immer durchaus natürlich. Die drei größten Konversationalisten, mit denen ich in meinen Tagen in Berührung gekommen bin, waren Mazzini, der amerikanische Schriftsteller Dr. Oliver Wendell Holmes, und Bismarck. Von diesen war Dr. Holmes der geistreichste im Sinne des bel esprit, Bismarck der imposanteste und unterhaltendste zugleich durch Witz, Sarkasmus, Anekdoten und Erzählungen geschichtlichen Interesses mit hinreißender Lebendigkeit vorgetragen und blitzartigen Beleuchtungen von Menschen und Verhältnissen. Aber aus Mazzini sprach eine solche Tiefe und Wärme der Überzeugung, ein solcher Enthusiasmus des Glaubens an die Heiligkeit der von ihm gepredigten Grundsätze und der von ihm verfolgten Zwecke, daß besonders das jugendliche Gemüt dem Zauber dieser Persönlichkeit schwer widerstehen konnte. Als ich ihn sah und sprechen hörte, konnte ich es wohl begreifen, wie er die Schar seiner Getreuen zusammenzuhalten und zu vermehren, zuweilen in die gefährlichsten Unternehmungen zu führen und nach den schwersten Enttäuschungen doch wieder an sich zu fesseln vermochte.

Mazzini hatte unzweifelhaft seiner Angehörigkeit zur katholischen Kirche, wenn auch nicht formell, so doch tatsächlich, schon in früher Jugend entsagt. Aber es lag in ihm und sprach aus ihm ein tiefes religiöses Gefühl, ein Anbetungsbedürfnis, ein instinktives Vertrauen auf eine höhere Macht, an die er sich wenden könne, und die ihm beistehen werde zur Befreiung und Vereinigung seines Volkes. Dies war seine Form des Fatalismus, den man so oft mit großen Ambitionen verbunden findet. Er hatte einen Zug mystischen Prophetentums in sich, das der Tiefe seiner Überzeugungen und Gefühle entsprang und von aller Charlatanerie, aller affektierten Feierlichkeit frei war. Wenigstens machte er auf mich diesen Eindruck. Ich habe nie bei ihm einen Anflug von dem Zynismus in der Beurteilung von Verhältnissen und Menschen bemerkt, in dem sich manche der hervorragenden Revolutionäre gefielen. Die kleinlichen und gewöhnlich lächerlichen Rangstreitigkeiten unter den Führern der Flüchtlingschaften berührten ihn nicht. Veruneinigungen und Meinungszwiste unter denen, die hätten zusammenstehen und wirken sollen, reizten ihn nicht zu scharfen Ausfällen, sondern erfüllten ihn nur mit aufrichtig schmerzlichem Bedauern. Die Revolution, die er sich als Ziel vorstellte, war nicht eine bloße Erkämpfung gewisser Volksrechte, nicht eine bloße Veränderung in der Staatsform, nicht die bloße Befreiung seines Landes von der Fremdherrschaft, nicht die bloße Vereinigung aller Italiener in einem nationalen Verbande; sie bedeutete ihm vielmehr die Erhebung der befreiten Völker zu höheren sittlichen Lebenszwecken. Es klang ein wahrhafter und edler Ton durch seine Auffassung der Menschen und Dinge, durch die anspruchslose, entsagende Einfachheit seines Wesens und Lebens, durch die unbegrenzte Opferwilligkeit und Selbstverleugnung, die er sich selbst auferlegte und von anderen verlangte. Seit 1839 hatte er, als Verbannter von seinem Vaterlande, einen großen Teil seines Lebens in London zugebracht und war im Laufe der Zeit mit englischen Familien in intime Freundschaftsbeziehungen getreten. Es war wohl der Echtheit seiner Gesinnungen, der edlen Einfachheit seines Wesens und der wahrhaften und selbstlosen Hingebung an seine nationale Sache nicht weniger, als seinen brillanten persönlichen Eigenschaften zu verdanken, daß in einigen dieser Familien sich ein eigentlicher Mazzinikultus ausbildete, der sich nicht selten sehr großer Opfer fähig zeigte.

Die Tradition seines Volkes sowohl wie der Umstand, daß er zur Befreiung seines Vaterlandes eine Fremdherrschaft zu bekämpfen hatte, machten ihn zum professionellen Verschwörer. Schon als Jüngling gehörte er den Karbonari an, und dann folgte auf seine Anregung und unter seiner Leitung eine Konspiration auf die andere, deren Aufstandsversuche alle fehlschlugen. Aber diese Fehlschläge entmutigten ihn nicht, sondern feuerten ihn nur zu immer neuen Anstrengungen an. Er gab mir im Lauf unseres Gesprächs zu verstehen, daß er Vorbereitungen zu einem neuen Unternehmen in Oberitalien im Gange habe; und da er in mir wahrscheinlich ein Mitglied des inneren Zirkels in demjenigen Teile der deutschen Flüchtlingschaft vermutete, der über den Ertrag der „Nationalanleihe“ verfügen werde, so wünschte er zu wissen, ob wir mit unsern Mitteln sein Unternehmen zu unterstützen geneigt sein würden. Jedenfalls war ihm darum zu tun, uns für ein solches Zusammenwirken günstig zu stimmen. Er hielt mich unzweifelhaft für eine einflußreichere Person als ich war. Ich konnte ihm nur versprechen, die Sache den mit Kinkel verbundenen Führern nach dessen Rückkehr zur Überlegung zu unterbreiten, verhehlte Mazzini aber nicht, daß ich bezweifelte, ob die verantwortlichen Männer sich für berechtigt halten würden, Gelder, die zur Verwendung in Deutschland gesammelt worden, für revolutionäre Zwecke in Italien herzugeben. Diese Bemerkung gab Mazzini Anlaß zu einer mit feuriger Beredsamkeit geführten Auseinandersetzung über die Solidarität der Völker im Kampfe für Freiheit und nationale Existenz. Übrigens wußten wir damals noch nicht, wie wenig der Ertrag der deutschen „Nationalanleihe“ zu bedeuten haben werde.

Eine andere Begegnung wurde mir zuteil, die mir kaum minder denkwürdig geblieben ist. Im Oktober 1851 kam Ludwig Kossuth nach England. Nach dem Zusammenbruch der ungarischen Revolution war er über die türkische Grenze geflohen. Sein Verbleiben in der Türkei wurde von Österreich für unstatthaft und von Kossuths Freunden für unsicher gehalten. Freilich verweigerte der Sultan seine Auslieferung. Als aber die Republik der Vereinigten Staaten von Amerika in großmütiger Sympathie mit dem unglücklichen Freiheitskämpfer diesem auf einem amerikanischen Kriegsschiff die Überfahrt nach den Vereinigten Staaten anbot, wurde das Anerbieten ohne Zaudern angenommen. Aber Kossuth hatte keineswegs im Sinne, nach Amerika zu wandern, um dort seinen Wohnsitz aufzuschlagen. Er war weit entfernt davon, seine Sendung für beendigt und die Niederlage seiner Sache für unwiderruflich zu halten. Die sanguinische Hoffnungsseligkeit der Verbannten träumte von der Möglichkeit, den liberalen Teil der alten und gar die neue Welt gegen die Unterdrücker seines Vaterlandes zu den Waffen zu rufen, oder wenigstens zu diplomatischer Einmischung zu bewegen. Und in der Tat, hätte sich dies durch einen bloßen Appell an das Gefühl und die Einbildungskraft erreichen lassen, so würde Kossuth der Mann gewesen sein, es zu vollbringen. Von allen Ereignissen der Jahre 1848 und 49 hatte der heldenmütige Kampf der Ungarn für ihre nationale Unabhängigkeit im Auslande vielleicht das lebhafteste Mitgefühl erweckt. Die tapferen Generale, die eine Zeitlang von Sieg zu Sieg flogen, um dann nach der russischen Intervention der Übermacht zu erliegen, erschienen wie die Recken einer Heldensage, und über ihnen stand die Figur Kossuths gleich der eines Propheten, dessen Wort in dem Herzen des Volks die Flamme des Patriotismus entzündet hatte und lodernd erhielt. Alles war da, Heldenmut und tragisches Unglück, um das Epos großartig und rührend zu machen, und die ganze Romantik der revolutionären Zeit fand in Kossuths Person die anziehendste Verkörperung. Seine wunderbare Beredsamkeit war während des Kampfes in vollen Tönen über die Grenze Ungarns hinausgeklungen. Nicht wenige seiner schwungvollen Perioden, poetischen Vergleiche und herzergreifenden Ausrufe gingen unter uns jungen Leuten auf der Universität von Mund zu Mund; und sein Bild mit der gedankenschweren Stirn, den träumerischen Augen und dem schönen bartumrahmten Kinn wurde ein Gegenstand bewundernder Verehrung.

Als er nun, seine Reise nach Amerika unterbrechend, in London ankam, schien der Enthusiasmus des englischen Volks keine Grenzen zu kennen. Sein Einzug glich dem eines von siegreichem Feldzug zurückkehrenden Nationalhelden. Das Menschengedränge auf den Straßen war unermeßlich, und ein betäubendes Jubelgeschrei grüßte Kossuth, wie er in seiner malerischen ungarischen Tracht im Wagen aufrecht stehend mit dem Säbel an der Seite erschien, von einem ebenso pittoresken Gefolge begleitet. Aber als er endlich zu reden begann und seine volltönende und doch so weiche Stimme ihren Wohllaut über die Köpfe der Menge ausströmte in klassischem Englisch, das durch einen Anflug fremdländischen Akzents einen besonders pikanten Reiz empfing, da spottete der Enthusiasmus der Zuhörer aller Beschreibung.

Kossuth wurde in dem Hause eines Londoner Privatmanns, der an dem Schicksale Ungarns ein besonderes Interesse nahm, gastfreundlich aufgenommen und empfing dort während seines Aufenthaltes in der englischen Hauptstadt seine Bewunderer und Freunde. Eine Art von Hofhaltung umgab ihn. Seine Begleiter, stets in ungarischer Nationaltracht, hielten seine Prätension, noch immer der rechtmäßige Gouverneur von Ungarn zu sein, in zeremoniöser Weise aufrecht. Er gab Audienzen wie ein Fürst, und wenn er ins Zimmer trat, so wurde er von einem Adjutanten als der „Gouverneur“ angekündigt, alle Anwesenden standen von ihren Sitzen auf, und Kossuth begrüßte sie mit einer gewissen ernsten Feierlichkeit. Unter den Flüchtlingen anderer Nationen gab diese undemokratische Förmlichkeit viel Anstoß, aber doch wohl mit Unrecht. Es war Kossuths Absicht, auf die öffentliche Meinung gewisse Wirkungen hervorzubringen, nicht seiner selbst, sondern seines Volkes wegen. Und da es sich darum handelte, der Phantasie der Engländer das Bild Ungarns einzuprägen und ihnen auch den festen Glauben der Ungarn an die Rechtmäßigkeit ihrer Sache zu versinnlichen, so war es nicht unangemessen, daß Kossuth solche pittoreske Schaustellungen als Mittel zu seinem Zweck benutzte.

Auch unsere deutsche Flüchtlingsorganisation schickte eine Deputation ab, um Kossuth unsern Respekt zu bezeugen, und zu dieser Deputation gehörte auch ich. Wir wurden in der üblichen Weise in den Empfangssaal geführt und dort von goldbetreßten, gestiefelten und gespornten Adjutanten begrüßt, hübschen schnurrbärtigen Gesellen mit herrlichen weißen Zähnen. Endlich erschien Kossuth. Es war das erstemal, daß ich ihm nahe kam. Der Sprecher unserer Deputation nannte ihm unsere Namen, und als der meinige genannt wurde, trat Kossuth vor, reichte mir seine Hand und sagte auf deutsch mit einem Anflug des österreichischen Dialekts: „Ich kenne Sie. Sie haben eine edle Tat getan. Ich freue mich, Ihnen die Hand drücken zu können.“ Ich war so verlegen, daß ich nichts antworten konnte. Ich fühlte, wie mir das Blut in die Wangen schoß. Aber es war doch ein stolzer Moment. Es entspann sich eine kurze Unterhaltung, an welcher ich nur geringen Anteil nahm. Ein Mitglied unserer Deputation sprach von der sozialistischen Tendenz der neueren revolutionären Agitation. Ich erinnere mich der Antwort, die Kossuth gab. Er sagte ungefähr folgendes: „Ich weiß nichts von Sozialismus. Ich habe mich nie damit beschäftigt. Mein Zweck ist, dem ungarischen Volk nationale Unabhängigkeit und freisinnige Staatseinrichtungen zu erkämpfen. Wenn das geschehen ist, so wird meine Aufgabe erfüllt sein.“ In dieser Beziehung stand er auf gleichem Standpunkt mit Mazzini, der ebenfalls tätige Teilnahme an sozialistischen Bestrebungen von sich abwies.

Bei den öffentlichen Gelegenheiten, die ihm geboten wurden, strengte Kossuth seine ganze Beredsamkeit an, um die Begeisterung für die ungarische Sache unter den Engländern in Flammen zu halten; aber, obgleich ihm seine Zuhörer stets den wärmsten Beifall zollten, so konnten doch seine Bemühungen, England zu einem entschiedenen Auftreten gegen Rußland und Österreich zugunsten Ungarns zu bewegen, einer ernüchternden Kritik nicht entgehen, und besonders mißlangen seine Versuche, in offiziellen Kreisen Fuß zu fassen und sich mit dem Ministerium Palmerston in vertrauliche Berührung zu bringen. In der Tat stand ihm in den Vereinigten Staaten dieselbe Erfahrung bevor: großer Enthusiasmus für seine Person und für die heldenmütigen Kämpfe seines Volks, aber dann nüchternes Erwägen der traditionellen Politik der Vereinigten Staaten und Abweisung des Versuchs, durch Einmischung in die Angelegenheiten der alten Welt in die Räder des Schicksals einzugreifen.

Ehe Kossuth seine agitatorische Tätigkeit in Amerika begann, kehrte Kinkel von dort zurück. Er hatte von der neuen Welt viel Gutes und Schönes zu erzählen, obgleich er sich gestehen mußte, daß der Erfolg seiner Mission ein sehr geringer war. Mit rüstigem Fleiß nahm er seine unterbrochene Lehrtätigkeit wieder auf, und mit ihm war auch der alte Sonnenschein in sein Haus zurückgekehrt.

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