In Heidelberg und im Wald

Wir stiegen in einem Hotel am Bahnhof ab. Am nächsten Morgen, während wir in meinem Zimmer saßen und darauf warteten, dass uns das Frühstück gebracht wurde, erweckte unser Interesse, was gegenüber vor einem anderen Hotel vor sich ging. Zu­nächst erschien an der Tür die Persönlichkeit, die man Portier nennt (der nicht Pförtner, sondern mehr so etwas wie der erste Offizier eines Hotels ist), wie aus dem Ei gepellt in einer neuen blauen Tuchuniform, dekoriert mit blitzenden Messingknöpfen und mit Goldlitzen an seiner Mütze und den Ärmelaufschlägen, und dazu trug er weiße Hand­schuhe.
Er warf einen offiziellen Blick auf den Stand der Dinge und begann dann, Befehle zu er­teilen. Zwei Dienstmädchen kamen heraus mit Eimern, Besen und Bürsten und verab­folgten dem Gehsteig eine gründliche Reinigung. Unterdessen schrubbten zwei ande­re die vier Marmorstufen, die zum Eingang hinaufführten. Hinter ihnen konnten wir einige Hausdiener sehen, die den Teppich des großen Treppenhauses aufhoben. Dieser Teppich wurde weggetragen, und man klopfte und schlug ihn und fegte das letzte das letzte Körnchen Staub aus ihm heraus; dann wurde er zurückgebracht und wieder an seinen Platz ge­legt. Die Läuferstangen aus Messing erhielten eine ausgiebige Politur und wurden wieder befestigt. Nun brachte ein Trupp von Bedienten Töpfe und Tröge mit blühenden Pflanzen heraus und gruppierte sie zu einem hübschen Dschungel um die Tür und den Fuß der Treppe herum. Andere Diener schmückten die Balkons der verschie­denen Etagen mit Blumen und Fähnchen; andere stiegen aufs Dach und hissten dort an einem Mast eine große Flagge. Nun erschienen noch einige Zimmermädchen und retu­schierten den Gehweg und wischten danach mit feuchten Putzlappen die Marmorstufen und staubten sie zum Schluss mit Federwedeln ab. Nun wurde ein breiter schwarzer Teppich herausgebracht und auf die Marmorstufen und über den Gehweg bis zum Rand­stein ge­legt. Der Portier blickte daran entlang und fand, dass er nicht völlig gerade lag; er ord­nete an, ihn gerade zu ziehen; die Diener machten es einmal, machten es mehrere Male, aber der Portier war nicht zufrieden. Schließlich ließ er ihn wieder aufheben und legte ihn selbst aus und bekam ihn richtig hin.
Dann wurde mitten auf dem schwarzen Teppich ein schmaler hellroter Läufer ausgerollt und von der obersten Marmorstufe bis zum Randstein gezogen. Dieser rote Teppich ver­ursachte dem Portier noch mehr Ärger als der schwarze. Aber geduldig richtete er ihn aus und richtete ihn erneut aus, bis er exakt ausgerichtet war und genau in der Mitte des schwarzen Teppichs lag. In New York hätten solche Aktivitäten einen riesigen Men­schenauflauf aus neugierigen und lebhaft interessierten Zuschauern ver­ursacht; aber hier erregte es nur die Aufmerksamkeit von einem halben Dutzend kleiner Jungen, die auf­gereiht auf dem Gehweg standen, einige mit ihren Schulranzen auf den Rücken und den Händen in den Hosentaschen, andere mit Bündeln unter dem Arm, und alle waren ganz in das Schauspiel vertieft. Gelegentlich sprang einer von ihnen respektlos über den Teppich und stellte sich auf der anderen Seite auf. Dies ärgerte den Portier jedesmal sichtlich.
Nun entstand eine Wartepause. Der Hotelwirt, in Zivil und barhäuptig nahm am Fuß der Marmortreppe Aufstellung neben dem Portier, der am anderen Ende derselben Stufe stand. Sechs oder acht Kellner, mit Handschuhen, barhäuptig in ihrer weißesten Wä­sche, mit ihrer weißesten Krawatte und ihrem besten Frack scharten sich um ihre Chefs, ließen aber den Teppich frei. Niemand bewegte sich oder sprach noch, sie warteten nur.
Kurz darauf war das schrille Pfeifen eines einfahrenden Zuges zu hören, und augen­blicklich bevölkerte sich die Straße mit Scharen von Leuten. Zwei oder drei offene Kut­schen fuhren vor und setzten einige Ehrendamen und Hofbeamten am Hotel ab. Bald darauf brachte eine andere offene Kutsche den Großherzog von Baden, einen statt­lichen Mann in Uniform, der die hübsche messingbeschlagene Pickelhaube des Heeres auf dem Kopf trug. Zuletzt kamen die deutsche Kaiserin und die Großher­zogin von Baden in einer geschlossenen Kutsche; sie schritten an den Gruppen von Bediensteten, die sich tief verneigten, vorbei und verschwanden im Hotel und zeigten uns dabei nur ihre Hinterköpfe, und dann war der Aufzug vorbei.
Es scheint ebenso schwierig zu sein, einen Herrscher an Land zu setzen, wie ein Schiff vom Stapel zu lassen.
Aber nun zu Heidelberg. Das Wetter wurde ziemlich warm, wirklich sehr warm. Deshalb verließen wir das Tal und nahmen Quartier im Schloss Hotel auf dem Berg über dem Schloss.
Heidelberg liegt am Ausgang einer engen Schlucht, einer Schlucht in der Form eines Krummstabs; wenn man sie hinauf blickt, sieht man, dass sie für anderthalb Meilen fast gerade verläuft, dann macht sie eine scharfe Kurve nach rechts und gerät außer Sicht. Diese Schlucht, auf deren Grund der reißende Neckar fließt, ist eingeschlossen zwischen (oder durchschneidet sie) lang gestreckte steile Bergrücken, tausend Fuß hoch und dicht bewaldet bis obenhin, mit Ausnahme eines Abschnitts, der gerodet und kultiviert wurde. Diese Bergrücken enden abrupt am Ausgang der Schlucht und bilden zwei aus­geprägte und auffällige Landspitzen, zwischen die sich Heidelberg schmiegt; zu ih­ren Füßen dehnt sich die weite dunstige Ebene des Rheintals, und durch diese Ebene mäandert der Neckar in schimmernden Schleifen und ist bald den Blicken ent­schwunden.
Wenn man sich nun umdreht und wieder die Schlucht hinauf blickt, sieht man rechter Hand das Schloss Hotel, das auf einem Steilhang hockt, der den Neckar über­blickt; ein Steilhang, der so verschwenderisch mit Blattwerk gepolstert und bedeckt ist, dass nir­gendwo der Fels zu sehen ist. Das Gebäude scheint fast in der Luft zu schweben. Es wirkt wie auf einem Bord auf halber Höhe des bewaldeten Berg­hanges; und da es ab­seits und ganz für sich liegt und sehr weiß ist, bildet es einen starken Kon­trast gegen den erhabenen belaubten Wall in seinem Rücken.
Das Hotel besaß eine Besonderheit, die entschieden etwas Neues war, und das mit Ge­winn von jedem Haus übernommen werden sollte, das an einer beherrschenden Stelle gelegen ist. Diese Besonderheit lässt sich beschreiben als eine Reihe von verglasten Räumen, die sich außen an das Gebäude klammern, eines vor jedem Schlafzimmer und Salon. Sie wirken wie lange, schmale, hohe Vogelkäfige, die an das Gebäude gehängt sind. Mein Zimmer war ein Eckraum und hatte zwei von diesen Dingern, eines nach Norden und eines nach Westen.
Vom Nordkäfig blickt man das Neckartal hinauf, vom Westkäfig blickt man es hinunter. Das Letztere bietet einen sehr weiten Blick, und es ist zugleich einer der lieblichsten, den man sich vorstellen kann. Aus einem wogenden Gemenge von lebhaftem grünem Blattwerk, erhebt sich, einen Büchsenschuss entfernt, die riesige Ruine des Heidelberger Schlosses mit leeren Fensterbögen, efeuberankten Zinnen, verfallenen Türmen – der König Lear der unbelebten Natur: verlassen, seiner Krone beraubt, von Stürmen gepeitscht, aber immer noch königlich und schön. Es ist ein wunderbarer Anblick zu se­hen, wie das Licht der Abendsonne mit einem Mal auf den belaubten Abhang am Fuße des Schlosses trifft, an ihm hoch brandet und es mit einer leuchtenden Gischt tränkt, während die angrenzenden Gehölze in tiefem Schatten liegen.
Hinter dem Schloss steigt ein großer kuppelförmiger bewaldeter Berg auf und hinter ihm ein noch höherer und noch erhabenerer. Das Schloss blickt hinunter auf die zu­sammengedrängte Stadt mit ihren rotbraunen Dächern; und von der Stadt spannen sich zwei malerische alte Brücken über den Fluss. Nun weitet sich der Blick; durch das Tor zwischen beiden Landspitzen, die den Ausgang des Tales bewachen, sieht man hinaus in die weite Rheinebene, die sich sanft und in vielen Farbtönen hindehnt und dabei all­mählich und traumhft verschwimmt und schließlich unmerklich mit dem fernen Hori­zont verschmilzt.
Ich habe niemals einen Ausblick genossen, der so heiter und so beglückend war wie dieser.
In der ersten Nacht, die wir dort zubrachten, ging ich früh zu Bett, um zu schlafen, aber ich erwachte nach zwei oder drei Stunden, lag behaglich eine Weile da, um dem Regen zu lauschen, der beruhigend gegen die Balkonfenster schlug. Wenigstens hielt ich es für Regen, aber es stellte sich heraus, dass es nur das Murmeln des ruhelosen Neckar war, der über die Wehre und Dämme tief unten im Tal rauschte. Ich stand auf und ging auf den Westbalkon und hatte einen wunderbaren Anblick. Weit unten unterhalb der schwarzen Masse des Schlosses lag die Stadt am Fluss hingestreckt mit ihrem kom­plizierten Spinnennetz von Straßen, die mit funkelnden Lichtern geschmückt waren; auf den Brücken gab es Reihen von Lichtern; diese warfen Speere aus Licht auf das Wasser in den schwarzen Schatten der Bögen; und drüben am Rande dieses märchenhaften Schauspiels blinkte und glühte eine massierte Vielzahl von Gaslichtern, die ganze Morgen von Land zu bedecken schienen; es war gerade so, als ob alle Diamanten der Welt dort ausgebreitet worden wären. Ich hatte nicht gewusst, dass eine halbe Meile sechspuriger Bahngleise solch eine Zierde sein konnten.
Man denkt, Heidelberg bei Tag sei mit seiner Umgebung das Äußerste an Schönheit; aber wenn man Heidelberg bei Nacht sieht, eine auf die Erde gefallene Milchstraße, mit diesen glitzernden Eisenbahnanlagen an seinem Rand, dann braucht man Zeit, um sich sein Urteil noch einmal zu überlegen.
Man wird niemals müde in den dichten Wäldern umherzustreifen, die all diese hohen Neckarberge bedecken, und die in jedem Land einen verführerischen und eindrucks­vollen Reiz ausüben würden; aber die deutsche Sagen und Märchen haben diesen hier noch einen zusätzlichen Zauber hinzugefügt. Sie haben die ganze Gegend mit Gnomen, Zwergen und geheimnisvollen und unheimlichen Geschöpfen aller Art be­völkert. Zu der Zeit, von der ich hier schreibe, hatte ich so viel von dieser Literatur gelesen, das ich manchmal nicht sicher war, ob ich nicht allmählich an die Gnome und Feen als wirkli­che Wesen glaubte.
Eines Nachmittags verlief ich mich ungefähr eine Meile vom Hotel im Wald und verfiel bald in träumerische Gedanken über sprechende Tiere und Kobolde und Zaubervolk und den ganzen unterhaltsamen Märchenkram; und indem ich meiner Fantasie freien Lauf ließ, bildete ich mir schließlich ein, kleine huschende Gestalten hier und da in den Säu­lengängen des Waldes sehen zu können. Es war ein Ort, der für so etwas beson­ders gut geeignet war. Ein Tannenwald mit einem Teppich brauner Nadeln, der so dick und weich war, dass ein Tritt nicht mehr Ge­räusche machte, als wenn man über Wolle schritte; die Baumstämme waren rund und gerade und ebenmäßig wie Säulen und standen dicht an dicht; sie waren ohne Zweige bis in eine Höhe von ungefähr fünf­undzwanzig Fuß über dem Boden, und von da an hatten sie ein so dichtes Geäst, dass kein Sonnenstrahl durchdringen konnte. Draußen lag die Welt im hellen Sonnenschein, aber hier drinnen herrschte ein tiefes, mildes Zwielicht und eine so tiefe Stille, dass ich meine eigenen Atemzüge zu hören glaubte.
Als ich zehn Minuten lang da gestanden hatte, sinnend, phantasierend und mich auf den Ort einstimmend, und in der richtigen Stimmung war, das Übernatürliche zu genießen, stieß plötzlich ein Rabe direkt über meinem Kopf ein Krächzen aus. Das schreckte mich auf; und dann ärgerte ich mich, weil ich zusammengefahren war. Ich blickte hinauf, die Kreatur saß auf einem Ast direkt über mir und blickte auf mich herunter. Irgendwie empfand ich dasselbe Gefühl von Erniedrigung und Beleidigung, das man hat, wenn man bemerkt, dass ein Fremder einen heimlich in einem privaten Moment beobachtet und sich seinen Teil dabei denkt. Ich beäugte den Raben, und der Rabe beäugte mich. Einige Sekunden wurde kein Wort gesprochen. Dann stolzierte der Vogel ein Stückchen auf seinem Ast entlang, um besser sehen zu können, hob die Flügel, streckte den Kopf vor gegen mich weit unter die Schultern und krächzte wieder, ein Krächzen mit einem unverkennbar be­leidigenden Ausdruck. Wenn er Englisch gesprochen hätte, hätte er es nicht deutlicher sagen können, als er in Räbisch sagte „Nun, was willst du denn hier?“ Ich kam mir so dumm vor, als ob ich bei einer gemeinen Tat von einer Respektsperson ertappt und getadelt worden wäre. Aber ich antwortete ihm nicht; ich wollte mit einem Raben keine Worte wechseln. Mein Widersacher wartete eine Weile, die Schultern immer noch hochgezogen und den Kopf nach unten gereckt und sein scharfes glän­zendes Auge auf mich gerichtet; dann stieß er zwei oder drei weitere Beleidigungen aus, die ich nicht verstehen konnte. Ich wusste nur, dass ein guter Teil davon aus einer Spra­che bestand, die in der Kirche nicht gebräuchlich sind.
Ich gab ihm immer noch keine Antwort. Nun hob der Widersacher den Kopf und stieß einen Ruf aus. Von nicht weit her kam ein antwortendes Krächzen aus dem Wald, of­fensichtlich ein fragendes Krächzen. Der Widersacher erstattete eifrig Bericht, und der andere Rabe ließ alles stehen und liegen und kam herbei. Die beiden saßen nebenein­ander auf dem Ast und diskutierten so ungezwungen und verletzend über mich wie zwei große Naturforscher über eine neue Käferart. Die Sache wurde immer peinlicher. Sie riefen einen weiteren Freund herbei. Das war zu viel. Ich sah, dass sie in der Über­zahl waren, und so beschloss ich, mich aus der Affäre zu ziehen, indem ich mich davon­machte. Sie genossen meine Niederlage so, wie es nur irgendwelche niedrigen Weißen hätten tun konnten. Sie reckten die Hälse und lachten mich aus (denn ein Rabe kann la­chen, genau wie ein Mensch), sie kreischten beleidigende Bemerkungen hinter mir her, so lange sie mich sehen konnten. Es waren nur Raben, das wusste ich; was sie über mich dachten, war völlig unwichtig, und doch, wenn Ihnen ein Rabe nachruft „Oho, was für ein Hut!“ „Mann, zieh deine Weste glatt!“ und solche Sachen, dann verletzt Sie das, und es beleidigt Sie, darüber kommt man auch mit einer noch so ausgefeilten Beweis­führung und hübschen Argu­mente nicht hinweg.
Tiere sprechen miteinander, natürlich. Das ist gar keine Frage; aber ich schätze, es gibt sehr wenige Leute, die sie verstehen können. Ich habe nur einen Mann gekannt, der das konnte. Ich wusste, dass er es konnte, weil er es mir selbst gesagt hat. Er war ein grund­ehrlicher Goldgräber in mittleren Jahren, der viele Jahre in einem einsamen Winkel von Kalifornien in den Wäldern und Bergen gelebt hatte. Er hatte die Lebensart seiner einzigen Nachbarn, der Tiere und Vögel, studiert, bis es glaubte, dass er jede Bemerkung, die sie machten, genau übersetzen konnte. Das war Jim Baker. Nach Jim Baker haben einige Tiere nur eine begrenzte Bildung, und einige benutzen nur einfache Worte und kaum jemals einen Vergleich oder eine bildhafte Wendung; wohingegen bestimmte andere Tiere über einen großen Wortschatz, gute Sprachkenntnisse und eine gewandte, flüssige Aussprache verfügen. Deshalb reden diese Letzteren eine ganze Menge. Es macht ihnen Spaß. Sie sind sich ihres Talents voll bewusst, und sie genießen es, „anzugeben“. Baker sagte, dass er nach langen und sorgfältigen Beobachtungen zu dem Schluss gekommen sei, dass die Eichelhäher die besten Redner seien, die er unter den Vögeln und Tieren gefunden habe.
Er sagte: „An einem Eichelhäher ist mehr dran als an jeder anderen Kreatur. Er hat mehr Stim­mungen und mehr verschiedenartige von Gefühle als andere Tiere; und wohlge­merkt, was immer ein Eichelhäher fühlt, kann er in Worten ausdrücken. Und nicht bloß mit Allgemeinplätzen, sondern in einer verdammt vollständigen Literatursprache, die von Metaphern nur so wimmelt, ja, richtiggehend wimmelt! Und was die Sprachkennt­nisse angeht – haben Sie vielleicht schon mal gesehen, dass ein Eichelhäher um ein Wort verlegen gewesen wäre? Niemand hat das je gesehen. Sie sprudeln einfach nur so aus ihm heraus! Und noch was: Ich habe schon vieles beobachtet, und es gibt keinen Vogel und keine Kuh oder irgendwas sonst, das eine so gute Grammatik benutzen würde wie ein Eichelhäher. Sie mögen sagen, eine Katze hat eine gute Grammatik. Gut, das hat eine Katze, aber lassen Sie mal eine Katze aufgeregt werden; lassen Sie eine Katze mal nachts auf einem Schuppendach sich mit einer anderen in die Wolle geraten, und Sie werden eine Grammatik zu hören bekommen, dass Sie davon eine Maulsperre kriegen. Unwissende Leute denken, dass es der Lärm ist, den raufende Katzen machen, der so unangenehm ist, aber das ist es nicht; es ist die widerliche Grammatik, die sie benutzen. Aber ich habe nie einen Eichelhäher eine schlechte Grammatik benutzen hören, oder nur ganz selten. Und wenn sie es tun, schämen sie sich wie ein Mensch; sie hören sofort auf und hauen ab.
Sie können einen Eichelhäher als Vogel bezeichnen. Gut, gewissermaßen ist er auch einer; er hat ein Gefieder und gehört vielleicht auch keiner Kirche an; aber auf der anderen Seite ist er genauso menschlich wie Sie. Und ich will Ihnen auch sagen, warum: Die Gaben, In­stinkte, Gefühle und Interessen eines Eichelhähers sind allumfassend. Ein Ei­chelhäher besitzt nicht mehr Grundsätze als ein Kongressabgeordneter. Ein Eichelhä­her lügt, stiehlt, betrügt, begeht Verrat; und in vier von fünf Fällen wird ein Ei­chelhäher sein feierlichstes Versprechen brechen. Die Heiligkeit eines gegebenen Versprechens ist eine Sache, die Sie einfach nicht in den Kopf eines Eichelhähers hin­einkriegen. Aber vor allem gibt es noch etwas; ein Eichelhäher stellt beim Fluchen je­den Gentleman in den Minen in den Schatten. Sie denken, eine Katze kann fluchen. Nun, eine Katze kann das; aber wenn Sie einem Eichelhäher ein Thema geben, das seine letzten Reserven her­ausfordert, wo ist dann Ihre Katze? Erzählen Sie mir nichts, ich weiß zu viel darüber. Auf dem kleinen besonderen Gebiet des Schimpfens, einfach nur anständiges, ordentli­ches, gründliches Schimpfen ist ein Eichelhäher allen überlegen, menschlichen und göttlichen Wesen. Ja, Sir, ein Eichelhäher ist alles, was ein Mensch ist. Ein Eichelhäher kann weinen, lachen, sich schämen, logisch denken und planen und diskutieren. Ein Ei­chelhäher liebt Klatsch und Skandale, ein Eichelhäher hat Sinn für Humor, er weiß, wann er sich lächerlich macht, genauso gut wie Sie, vielleicht sogar noch besser. Wenn ein Eichelhäher nicht menschlich ist, dann sollte er seine Fahne lieber einholen, so ist das.“

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