Im Parteibetrieb

Als die Wahlfeldzüge von 1858 vorüber waren, glaubte ich, es sei hohe Zeit, mich dauernd dem Beruf hinzugeben, für den ich mich vorbereitet hatte. Ich beantragte meine Zulassung als Rechtsanwalt im Circuit Court in Jefferson County, Wisconsin, und mein Antrag wurde ohne weiteres genehmigt. Das Verfahren war sogar im äußersten Grade einfach. Es bestand in der Überreichung meines Gesuches durch einen Advokaten von Watertown, einem Lächeln und Kopfnicken des Richters, einem Händeschütteln, der Unterschreibung eines Papieres und schließlich in einem mäßigen Trunk und einem heiteren Austausch von juristischen Witzen im nahegelegenen Dorfwirtshaus. Ich hatte das Glück, mit Mr. Halbert E. Paine, einem jungen Advokaten, der in Milwaukee praktizierte, eine Geschäftsverbindung eingehen zu können. Er war einer der vortrefflichsten Charaktere, die ich je kennen gelernt habe, ein Gentleman im besten Sinne des Wortes und ein Patriot, der jeden Opfers fähig war.

Ich habe oftmals bedauert, nicht der Verlockung öffentlicher Tätigkeit widerstanden zu haben, denn sie unterbrach immer wieder den Versuch, mich meiner juristischen Praxis hinzugeben. Aber es kann vielleicht als Entschuldigung gelten, daß jedesmal, wenn ein öffentlicher Ruf an mich erging, mein Freund und Associé, Mr. Paine, mich in der Großmut feines Herzens stets wieder ermutigte, dem Rufe zu folgen. Da nun solche Aufforderungen sehr schnell nacheinander kamen, war das Resultat, daß ich beständig in öffentlichen Angelegenheiten beschäftigt war und nie für persönliche Arbeiten, die einer regelmäßigen Zeiteinteilung bedurften, Muße fand. Die wichtigste dieser Aufforderungen rief mich nach dem Osten.

Als nämlich die Antisklavereibewegung die alte Whig-Partei und die alte demokratische Partei schnell zersetzte, kam das nativistisch »amerikanische« Gefühl zu einer seiner periodischen Aufwallungen. Ursprünglich richtete es sich, wenigstens größtenteils, gegen den katholischen Einfluß, gegen den »Romanismus«, wie man damals gern sagte; aber es verlangte allgemein die Einschränkung der politischen Rechte aller fremdgeborenen Elemente, ohne Unterschied der Herkunft und des Glaubens. Eine geheime Gesellschaft, die »Know-Nothings« genannt, wurde gebildet, mit dem ganzen Apparat von Zeremoniell und Eiden, Gelübden und Losungsworten ausgestattet, welche einen so eigenen Reiz auf schwache Gemüter oder empfängliche Phantasie ausüben, und verbreitete sich schnell über die nördlichen Staaten. Einige ernste Sklavereigegner begünstigten die Bewegung in der Annahme, sie könne dazu beitragen, die alten politischen Organisationen, besonders die Whig-Partei, aufzulösen und somit den von ihren alten Parteiverbindungen losgetrennten Bürgern erleichtern, in die neue republikanische Partei einzutreten. Als jedoch die Know-Nothing-Organisation stark genug wurde, um die Wahlen in Staaten, sowie New York und Massachusetts zu beherrschen, und als der durch sie erweckte engherzige, intolerante Geist in den größeren Städten zu brutalen Exzessen führte (Banden von Raufbolden begingen an friedlichen Ausländern blutige Gewalttätigkeiten), da wurden die Sklavereigegner, die es für gute Politik gehalten hatten, das nativistische Zersetzungsmittel zu begünstigen, doch gründlich über ihr eigenes Werk erschreckt. Augenscheinlich hatte, es zur Folge, die ausländischen Wähler zu ihrem eignen Schutze in die Arme der demokratischen Partei zu treiben.

In Massachusetts, wo die sogenannte »amerikanische« Bewegung die ganze Staatsregierung beherrschte, hatte die Legislatur beschlossen, dem Volke zur Abstimmung ein Amendement zur Staatsverfassung zu unterbreiten, daß Fremdgeborenen erst zwei Jahre, nachdem sie Bürger der Vereinigten Staaten geworden waren, das Stimmrecht verliehen werden sollte. Dieses berühmte »Zwei-Jahres-Amendement« brachte seinerzeit große Aufregung unter der fremdgeborenen Bevölkerung hervor und wurde den Eingewanderten von demokratischen Zeitungen und Parteirednern mit Eifer als warnendes Vorzeichen des Schicksals vorgehalten, welches ihnen drohte, wenn die Republikaner ans Ruder kommen sollten. Diese Warnung mußte um so mehr Eindruck machen, als der Staat Massachusetts immer die Hochschule der Antisklavereibewegung gewesen war.

Unter den republikanischen Parteihäuptern, die über diesen Zustand der Dinge besonders beunruhigt waren, zeichnete sich Henry Wilson, einer der Bundessenatoren von Massachusetts, aus. Ich lernte ihn später kennen und fand, daß er im eigentlichen Sinne des Wortes ein »Mann des Volkes« war. Ohne die Vorteile einer höheren Ausbildung genossen zu haben — seine frühere Verbindung mit dem Schuhgeschäft in Natick hatte ihm den Spitznamen »der Schuster von Natick« eingebracht — hatte er sich zu einer einflußreichen Stellung in der Politik emporgearbeitet. Er hatte sich das Vertrauen der Antisklavereimänner durch seine aufrichtige und tätige Hingabe an die gute Sache erworben. Seine Beredsamkeit schwang sich zu keiner großen Höhe auf, sie wirkte aber ergreifend durch die ungekünstelte Kraft, mit welcher sie seiner Überzeugung Ausdruck gab. Er genoß verdientermaßen den Ruf eines durchaus ehrlichen und wohlmeinenden Mannes. In seinem ganzen Wesen und sogar in der Art und Weise, wie er die Politik betrieb, lag etwas Kindliches obgleich er sich selbst für einen geschickte Politiker gehalten haben mag, der er bis zu einem gewissen Grade auch war. Jedenfalls war er für seine Sache geschäftig und wachsam. Die Begeisterung für die Sklavenbefreiung erfüllte seine ganze Seele. Andere politische Fragen, die außerhalb dieser Sache lagen, interessierten ihn wenig. Jedermann hatte ihn gerne und wurde von der sympathischen Wärme seiner Natur angezogen; jedermann traute der Reinheit seiner Beweggründe, wenn auch nicht immer seinem Takt. Es verbreitete sich das Gerücht, daß er, im Glauben, der Antisklavereisache durch Begünstigung der nativistischen Bewegung nützen zu können, heimlich einer Know-Nothing-Loge beigetreten sei. Ob dies Gerücht begründet war, weiß ich nicht. Es wird ihm wahrscheinlich gleichgültig gewesen sein, ob fremdgeborene Bürger zwei Jahre früher oder später stimmen durften, vorausgesetzt, daß sie ihre Stimmen gegen die Sklaverei abgaben. Jedenfalls trat er, sobald die nativistische Bewegung die Sache der Antisklaverei bedrohte, dagegen auf und suchte ängstlich nach einem Ausweg, um das »Zwei-JahrAmendement« in Massachusetts zu vereiteln.

Senator Wilson beriet sich mit Edward L. Pierce, der viele Jahre später eine bedeutende Biographie von Charles Sumner schrieb und mir ein warmer und lieber Freund wurde, und die beiden Männer kamen überein, mich nach Massachusetts einzuladen, um ihnen in ihrem Kampfe gegen den Nativismus behilflich zu sein. Die vorgebliche Veranlassung meines Besuchs war ein öffentliches Bankett zur Feier des Geburtstags von Thomas Jefferson, dessen staatsrechtliche Prinzipien in dem jüngsten Kampf gegen das Gesetz über entflohene Sklaven wieder aufgelebt waren. Der wirkliche Zweck des Festes bestand jedoch darin, hervorragende Antisklavereimänner zu einer öffentlichen Kundgebung gegen die gefährliche nativistische Strömung zusammenzubringen. Hiervon wurde ich zu gehöriger Zeit in Kenntnis gesetzt. Sobald die Einladung eintraf, bestand mein Associé Mr. Paine darauf, daß ich sie annehmen müsse, da dies viel wichtiger sei als alle juristischen Geschäfte. So reiste ich also nach Boston.

Das Bankett, welches im Parker House stattfand, war eine denkwürdige Begebenheit. Unter den hervorragendsten Teilnehmern befanden sich John A. Andrew, der spätere so berühmte Kriegsgouverneur von ,Massachusetts, Senator Henry Wilson, Gouverneur Boutwell, Frank Bird, Edward L. Pierce, sein Bruder Henry L. Pierce, Samuel Bowles, der glänzende Redakteur des Springfield Republican, und mehrere andere Anführer in der Antisklavereibewegung. Die Redner überboten einander in der Verurteilung des Gesetzes über entflohene Sklaven, als eines der ruchlosesten Eingriffe in die Rechte und Freiheiten des amerikanischen Bürgers. Nachdrückliche Angriffe auf die engherzige Gesinnung der Nativisten, wie sie sich in der Know-Nothing-Organisation verkörpert hatte, blieben nicht aus. Bei alledem wurde Thomas Jefferson, der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, der Gründer der demokratischen Partei, von den republikanischen Antisklavereimännern gefeiert und als der große Schutzpatron der Grundprinzipien unserer Republik heilig gesprochen. In mehreren Zeitungen, welche die Know-Nothing-Bewegung in Schutz nahmen, wurde ich einige Tage später angegriffen als ein Eindringling, der nach Massachusetts gekommen sei, um sich in die Politik des Staates einzumischen. Das trug jedoch nur dazu bei, die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, die sich sonst wahrscheinlich kaum auf mich gerichtet hätte.

Am 18. April 1859, kurz nach dem Jefferson-Bankett, wurde mir zu Ehren von einigen der Teilnehmer ein öffentlicher Empfang in Faneuil Hall veranstaltet. Senator Wilson präsidierte. Der altertümliche Saal war von einem typischen Bostoner Publikum angefüllt. Hier sollte ich nun meinen Streich führen gegen den Nativismus und die Politik schlauer Kniffe und kleinlicher Berechnung. Allem Anschein nach war meine Rede von guter Wirkung. Ich sprach mit großem Feuer und betonte hauptsächlich den Gedanken, der während meiner ganzen öffentlichen Laufbahn in Amerika mein Leitmotiv gewesen ist: die wichtige Stellung, die diese Republik in dem Fortschritt der Menschheit zu demokratischen Regierungsformen einnimmt, und die daraus erwachsende große Verantwortung des amerikanischen Volks der ganzen zivilisierten Welt gegenüber. Es mag unwahrschein1ich und fast lächerlich anmaßend klingen, daß fremdgeborene amerikanische Bürger feuriger, aufrichtiger in ihrem amerikanischen Patriotismus sein können, als viele Eingeborene es sind, und doch haben meine Erfahrungen mir das bestätigt. Es ist sogar ganz natürlich bei solchen Ausländern der Fall, die, ehe sie nach Amerika kamen, sich bereits in der alten Welt an den Kämpfen für freie Regierung beteiligten oder wenigstens ein tiefgehendes Interesse an solchen Fragen genommen hatten. Sie waren Zeugen der schrecklichen Kämpfe gewesen, die es kostete, die Hindernisse in Gestalt althergebrachter Satzungen, Gebräuche, traditioneller Vorurteile oder Gedanken und Gefühlsrichtungen zu überwinden. In diesem neuen Lande sehen sie nun ein freies Feld für die ungehinderte Entwicklung wirklich demokratischer Einrichtungen; für die Entwicklung alles Guten und Großen, und sie sind von der glühenden Hoffnung beseelt, daß hier der große Beweis für die Befähigung des Menschen zur Selbstregierung geliefert werde, ein Beweis, der die ganze nach Freiheit und Glück strebende Menschheit ermutigen und inspirieren soll. Solche fremdgeborene Amerikaner wachen mit einer besonders ängstlichen Sorge über jedem Ereignis, das die Geschicke und den Charakter der Republik beeinflussen könnte, mit triumphierendem Jubel für jeden Erfolg unserer demokratischen Institutionen und mit tiefstem Schmerz für jedes Mißlingen, denn immer ist ihnen die Stellung dieses Landes vor der Welt gegenwärtig. In meiner Rede in Faneuil Hall über den »wahren Amerikanismus« ließ ich meinem überströmenden amerikanischen Enthusiasmus die Zügel schießen. Wieder fühle ich, während ich diese Erinnerungen niederschreibe und den Bericht der Worte überlese, die ich damals sprach, was mich zu jener Zeit so tief bewegte. Man wird mir also hoffentlich verzeihen, wenn ich hier einige der Sätze zitiere, in welchen ich die Grundidee aussprach. Sie sind vielleicht in eine etwas blumenreiche Sprache gekleidet – aber ich war damals noch jung und noch nicht genügend ernüchtert, um immer der Verlockung widerstehen zu können, wenn sich poetische Bilder in die Behandlung ernster Fragen einschleichen wollten. Ich fing folgendermaßen an:

»Vor einigen Tagen stand ich auf der Kuppel Ihres Rathauses und überblickte zum erstenmal Ihre ehrwürdige Stadt und das sie umgebende Land. Da begannen die Straßen, die Hügel die Gewässer um mich her sich mit historischen Erinnerungen zu beleben – Erinnerungen, die der ganzen Menschheit teuer sind – und ein stolzes Gefühl regte sich in meinem Herzen, als ich mir sagte, auch ich bin ein amerikanischer Bürger. Dort lag Bunker Hill, dort Charlestown, Lexington und der Dorchester Hügel nicht weit davon, dort der Hafen, in welchen der britische Tee versenkt wurde, dort der Platz, wo der alte Freiheitsbaum stand; dort John Hancocks Haus, dort Benjamin Franklins. Geburtsort, und nun stehe ich in diesem ehrwürdigen Saale, dessen Wände so oft von den edelsten Worten widerhallte, die je ein amerikanisches Herz begeisterten, und ich erschrecke fast davor, das Echo meiner eigenen schwachen Stimme zu hören. Jeder Mann, der die Freiheit liebt, wo er auch zuerst das Licht der Welt erblickt haben mag, muß an diesem geweihten Ort dem Amerikanismus seinen Tribut weihen. Und hier, wo so viele glorreiche Erinnerungen auf mein Herz einstürmen, werde ich den meinen darbieten. Sie staunen, daß ich, in einem fremden Lande geboren, dem Amerikanismus meine Achtung zollen will? Ja, denn für mich schließt das Wort Amerikanismus, der wahre Amerikanismus, die edelsten Begriffe ein, die je ein menschliches Herz mit edelem Stolz erfüllten.«

Ich beschrieb dann, wie sich, aus den ersten unreifen und unbestimmten Eindrücken, meine ideale Auffassung der amerikanischen Republik als Hoffnung und Führerin der freiheitsliebenden Menschheit entwickelt habe; wie alle Völker, die nach Freiheit strebten und in diesem Kampf von alten ererbten Satzungen und Auffassungen gehindert wären, sehnsüchtig nach diesem Lande blickten, um hier ihr Ideal verwirklicht zu sehen; wie es scheine, als sei diese neue Welt durch die Evolution der Geschichte für die Verwirklichung dieses Ideals wunderbar geeignet und auserwählt; wie durch das Zusammenströmen und Verschmelzen der kräftigsten Elemente aller zivilisierten Völker eine neue, jugendfrische Nation geschaffen werde; wie diese neue Nation ihre rechtmäßige selbständige Existenz behaupte und erhalte auf dem Grundprinzip der Unabhängigkeitserklärung, daß alle Menschen gleich und mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet seien, nämlich: Leben, Freiheit, und Streben nach Glück; wie dieses Grundprinzip die große historische Mission der amerikanischen Republik umfasse, auf welche die höchsten Hoffnungen der Menschheit gerichtet und für welche wir der Welt verantwortlich seien. Ich fuhr folgendermaßen fort:

»Dieses Grundprinzip enthält das Programm unserer politischen Existenz. Es ist das fortschrittlichste, weil es sogar die geringsten Mitglieder der menschlichen Familie aus ihrer Erniedrigung emporhebt und sie mit dem belebenden Bewußtsein gleichberechtigender, menschlicher Würde erfüllt; es ist das konservativste, weil es die persönlichen individuellen Rechte zur gemeinsamen Sache macht. Der Gleichheit der Rechte entspringt die Gleichheit unserer höchsten Interessen; man kann nicht die Rechte seines Nachbars verletzen, ohne gegen die eigenen einen gefährlichen Streich zu führen. Und wenn die Rechte des einen nicht verkürzt werden können, ohne daß alle anderen sie bereitwilligst verteidigen – denn sie schützen ihre eigenen Rechte, indem sie für die seinen einstehen – dann und nur dann sind die Rechte Aller sicher vor willkürlichen Eingriffen der Regierungsgewalt. Diese allgemeine Gleichheit der Interessen ist das einzige, das die Beständigkeit demokratischer Institutionen sichern kann. Gleichheit der Rechte, in allgemeiner Selbstregierung verkörpert, ist das große moralische Element wahrer Demokratie; sie ist das einzige zuverlässige Sicherheitsventil in der Maschinerie der modernen Gesellschaft. Darin besteht die unerschütterlichste Grundlage unseres Regierungssystems; das ist unsere Mission, das ist unsere Größe; hierin liegt unsere Sicherheit; hierin und sonst nirgends! Das ist der wahre Amerikanismus, und ihm zolle ich den Tribut meiner Hingebung!«

Ich legte sodann klar, welche unausbleiblichen Folgen ein Abweichen von diesem Prinzip in einer demokratischen Republik haben mußte, indem ich gleichzeitig die lokalen und zeitweiligen Unbequemlichkeiten und Schwierigkeiten zugab, die aus einer allgemeinen Anwendung desselben erwachsen könnten. Ich führte einige davon an und sagte weiter:

»Es sind gewiß viele Schwierigkeiten mit einer aus gleichen Rechten begründeten Organisation der Gesellschaft verbunden. Niemand bestreitet das. Eine große Anzahl der Einwanderer, die aus fremden Ländern zu Ihnen kommen, sind nicht so fähig an der Regierungsverwaltung teilzunehmen, wie der Mann, der so glücklich war, sich schon in der Wiege von der Milch der Freiheit zu nähren. Gewisse religiöse Sekten unterstützen auch vielleicht Prinzipien, die kaum mit den Lehrsätzen wahrer Demokratie in Einklang stehen. Es gibt auf diesem Kontinent einen Zusammenfluß ungleichartiger Elemente, keinen Kampf widerstreitender Interessen und ungezügelter Bestrebungen, und bei alledem verleiht unser demokratisches System den Unwissenden Rechte und den Unerfahrenen Macht. Und die Wogen der Leidenschaft werden gegen die Schiffswände schlagen, und der Sturm des Parteikrieges wird die Masten des Schiffes beugen, und die Kleinmütigen werden rufen: »Herr, Herr, wir vergehen!« Aber der Genius wahrer Demokratie wird sich von seinem Schlummer aufraffen und den Winden gebieten und dem Toben der Gewässer und zu ihnen sagen: »Wo ist euer Glaube?« Ja, wahrlich, wo ist der Glaube, der die Väter dieser Republik bewog, die Müden und Schwerbeladenen aller Nationen zum Genusse gleicher Rechte einzuladen? Wo ist das tiefe und großmütige Vertrauen in die Wirksamkeit wahrer demokratischer Institutionen geblieben? Hat die heutige Generation vergessen, daß die wahre Demokratie in sich selbst das Heilmittel birgt gegen alle Schwierigkeiten, die aus ihr entspringen?

Es ist ein alter Kniff der Vertreter des Despotismus, daß sie behaupten, die Leute, die nicht in der Selbstregierung erfahren sind, seien auch nicht zur Ausübung der Selbstregierung fähig und müßten erst unter der Herrschaft einer überlegenen Autorität dazu erzogen werden. Die Vertreter des Despotismus werden ihnen jedoch nie die Gelegenheit bieten, diese Erfahrung in der Selbstregierung zu erlangen, aus Furcht, daß sie plötzlich zu der selbständigen Ausübung fähig sein möchten. Dieser trügerischen Sophistik stellten die Väter dieser Republik die edle Lehre entgegen, daß die Freiheit die beste Schule für die Freiheit sei und daß die Selbstregierung nur gelernt werden könne, indem sie ausgeübt werde. Das ist der wahre Amerikanismus, und ihm zolle ich den Tribut meiner Hingebung!

Sie werden entgegnen, daß es Menschen gibt, die ihre eigenen Interessen nicht verstehen! Aber nichts wird einem Manne im Laufe der Zeit mehr dazu verhelfen, seine eigenen Interessen zu verstehen, als die selbständige Verwaltung seiner eigenen Geschäfte auf eigene Verantwortung. Sie entgegnen, daß die Menschen unwissend sind! Es gibt keinen besseren Lehrmeister auf der Welt, als die selbständig ausgeübte Selbstregierung. Sie entgegnen, daß die Menschen keine richtigen Begriffe haben von ihren Pflichten als Bürger! Aus keiner anderen Quelle können sie so gut eine richtige Auffassung ihrer Pflichten gewinnen als durch den Genuß der Rechte, denen diese Pflichten entspringen.

Ich schilderte dann die Widersprüche und Gefahren, die eine willkürliche Einschränkung des Stimmrechts für das Verhalten politischer Parteien mit sich bringe, indem ich schloß:

»Noch eine andere Gefahr für die Sicherheit unserer Institutionen und vielleicht die bedenklichste entspringt aus dem allgemeinen Hang politischer Parteien und vieler ihrer Anhänger, nach einer bloßen Zweckmäßigkeitspolitik zu handeln und dem lokalen und augenblicklichen Erfolge das Prinzip zu opfern. Und hier lassen Sie mich feierlichst das Gewissen derjenigen anrufen, mit denen ich stolz bin, Schulter an Schulter gegen menschliche Knechtschaft zu kämpfen.

Sie hassen das Königstum und Sie würden ihr Leben und Eigentum opfern, um den Boden dieser Republik vor ihm zu bewahren. Lassen Sie mich Ihnen sagen, daß die Herrschaft politischer Parteien, welche ihre Prinzipien dem augenblicklichen Vorteil opfern in ihrer Art, nicht weniger gefährlich, nicht weniger unheilvoll, nicht weniger despotisch ist, als die Regierung von Monarchen. Geben Sie sich nicht der Illusion hin, daß um eine Regierung frei und liberal zu machen, es nur des Stimmrechts bedarf. Wenn einmal eine machthabende politische Partei, mögen ihre Prinzipien noch so liberal sein, die Politik befolgt, ihre Gegner niederzuwerfen anstatt sie niederzustimmen, dann nehmen Gerechtigkeit und Gleichberechtigung ein Ende. Die Weltgeschichte weist kein Beispiel willkürlicheren Despotismus auf als denjenigen, den die Partei ausübte, welche die Nationalversammlung Frankreichs in den blutigsten Tagen der französischen Revolution regierte. Ich will hier nicht erörtern, was in jenen Zeiten fürchterlicher Krisis hätte getan werden können und was nicht; ich will nur sagen, daß man versuchte, die Freiheit mittelst des Despotismus zu begründen und daß das revolutionäre Frankreich in seinem Riesenkampf gegen die verbündeten Monarchen Europas den Sieg gewann, aber die Freiheit verlor!« Mit einem Appell an den Stolz von Massachusetts beschloß ich die Rede.

Meine Ansprache wurde von dem Publikum mit warmem Beifall aufgenommen, und mir wurden endlose Lobeserhebungen zuteil. Es soll auch ein gedruckter Bericht meiner Rede im Innern des Staats weite Verbreitung gefunden und große Wirkung gehabt haben. Vielleicht trug sie wirklich ein wenig zur Niederlage des »Zwei-Jahr-Amendements« bei. Von den Gegnern dieses Gesetzentwurfs wurde ich als ein Beispiel jener Ausländer hingestellt, deren politische Rechte man einzuschränken beabsichtige.

Das war meine Einführung in Boston. Sie war für mich sehr günstig. Ich genoß nicht nur aufs höchste die Herzlichkeit, die mir überall, wohin ich mich auch wandte, entgegengebracht wurde, sondern die ganze Atmosphäre der Stadt und die allgemeine Physiognomie der Bevölkerung waren mir äußerst sympathisch. Ich glaubte in den Gesichtern aller Vorübergehenden in den Straßen das Licht der Intelligenz zu entdecken. Jeder Milchmann auf seinem Wagen, jeder Bürger, der mit seinem Werkzeug unter dem Arm zur Arbeit eilte, machte mir den Eindruck, als müsse er ein verkappter Graduierter der Harvard-Universität sein. Ohne Zweifel wurde mein Urteilsvermögen etwas durch meinen Enthusiasmus beeinflußt, aber ich hatte guten Grund, von den Personen, deren Bekanntschaft zu machen ich das Glück hatte, sehr entzückt zu sein. Bei einem Essen im Hause von Mr. Gardner Brewer, einem Patrizier der Stadt, traf ich mehrere meiner Freunde vom Jefferson-Bankett und auch zum ersten Mal Longfellow und Banks. Bei Tisch saß ich neben einem kleinen Herrn, dessen Namen ich bei der Vorstellung überhört hatte. Er war sehr freundlich zu mir und ich fand mich bald in ein lebhaftes Gespräch mit ihm verstrickt, welches allmählich die Aufmerksamkeit der ganzen Tischgesellschaft auf sich zog, denn alle Gäste hörten ihm zu. Seine Unterhaltung war ein so lebhafter, übersprudelnder, sprühender und gleichzeitig ein so milder und wohlwollender Strom von Witz und Weisheit, daß ich in einem Zustand staunenden Entzückens dasaß. Ich hatte nie etwas Ähnliches gehört. Nach einer Weile fragte ich meinen Tischnachbarn an der anderen Seite: »Bitte, wer ist dieser wunderbare Mann?« »Sie kennen ihn nicht?«, antwortete er, »das ist ja Doktor Oliver Wendell Holmes.«

Ich besuchte nach jenen Tagen des Jahres 1859 Boston noch öfters und hatte dann manchmal das Glück, als Gast an demselben Tische mit Mitgliedern des berühmten Kreises von Boston oder vielmehr von Amerika zu sitzen –Männern von großem Ruf, wie Longfellow, Emerson, Lowell, Agassiz, Holmes, Norton, Fields, Sumner und andere, die zu diesem Freundeskreis gehörten – und war Hörer wie sie miteinander sprachen, nicht mit der Absicht Bedeutendes zu sagen, sondern mit der natürlichen, anspruchslosen, aber darum um so mehr gewinnenden Einfachheit wahrhaft großer Geister.

Ich fühlte mich zu keinem anderen Mitglied dieses berühmten Kreises mehr hingezogen als zu Longfellow, und er schien mich auch mit freundlichen Augen zu betrachten. Er lud mich liebenswürdigerweise ein, ihn immer zu besuchen, wenn ich in erreichbarer Nähe sei. Wie genußreich waren diese Stunden, die ich von Zeit zu Zeit in der gemütlichen Intimität seines alten, im Kolonialstil gebauten Hauses, des historischen Hauptquartiers von Washington in Cambridge zubrachte. Wir saßen gewöhnlich in einem kleinen Zimmer rechts vom Eingang zusammen, einem Zimmer mit rundem bücherbeladenen Tisch. Er holte dann eine Flasche alten Rheinwein und ein paar lange Studentenpfeifen hervor, woran er, wie ich fürchte, nicht viel Geschmack fand. Er gab vor, sie gern zu rauchen, unzweifelhaft weil er glaubte, daß es mir Freude mache. Dann sprach er von deutscher Dichtung und deutschen Dichtern und von der Antisklavereisache, an der er ein warmes, wenn auch stilles Interesse nahm, und von Charles Sumner, den er innig liebte, ebenso wie ich. Longfellow war einer der schönsten Männer, die ich je gekannt habe, und er wurde mit jedem Jahre seines zunehmenden Alters schöner, mit seinem wallenden weißen Haupt- und Barthaar und seinem herrlichen Gesicht von antikem Jupiter-Typus, nicht des Jupiter Tonans, sondern des väterlichen Zeus, der seine milde Hand über die Welt und die Menschheit ausstreckt. Er war keineswegs ein Mann von brillanter Unterhaltungsgabe – in dieser Beziehung nicht mit Oliver Wendell Holmes zu vergleichen – aber seine Rede, wenn auch nicht hervorragend witzig und beredt, hatte doch für mich einen eigenen Zauber. Sie machte mir den Eindruck, als würde aus Bescheidenheit ein großer Reichtum stiller Kraft zurückgehalten, und so ruhig floß sie dahin, daß mir war, als treibe ich in einem leichtschaukelnden Nachen einen sanften Strom hinunter, der sich zwischen grünen Wiesen hinschlängelt. Sein ganzes Wesen atmete Frieden und edle Menschlichkeit. Ich sah ihn zuweilen still in einen Kreis von Männern und Frauen treten, wie sich da jedes Mitglied auf einmal des milden Sonnenscheins bewußt zu werden schien, den seine Gegenwart ausstrahlte, und wie alle Gesichter, alte sowie junge, sich ihm zuwandten mit einem Ausdruck freudiger Zuneigung.

Ich kehrte von meiner Expedition nach Massachusetts an Freundschaften und an Erfahrungen bereichert nach Wisconsin zurück. In meinem Staate fand ich mich jedoch bald einer nicht sehr angenehmen Prüfung ausgesetzt. Die kleine Empfindlichkeit die bei mir von meiner Niederlage als Kandidat zum Vize-Gouverneur von Wisconsin zurückgeblieben sein mochte – und sie war sehr gering – war längst verwischt. Viele von den deutschgeborenen Bürgern des Staates, die der republikanischen Partei beigetreten waren, nahmen die Sache indessen ernster als ich. Sie sahen in meiner Niederlage, während andere republikanische Kandidaten gewählt wurden, einen schlagenden Beweis der vorherrschenden nativistischen Tendenzen in der republikanischen Partei und klagten den Gouverneur Randall heimlicher Umtriebe gegen mich an, weil ich ein Fremdgeborener sei. Es konnte allerdings nicht bewiesen werden, und obgleich Mr. Randall mir als Politiker nicht sonderlich sympathisch war, so bezweifelte ich ernstlich seinen Anteil an der Sache. Der Schein bestärkte allerdings den Verdacht nativistischer Neigungen in der republikanischen Organisation, und die deutschgeborenen Republikaner bestanden darauf, daß dieser Verdacht entweder widerlegt oder durch eine eklatante Demonstration gesühnt werden müsse. Überdies hatte die machthabende republikanische Partei ihre Versprechungen nicht gehalten, sondern sich vielmehr zu dem Prinzip des Beute-Systems hingeneigt, welches sie sonst ebenso stürmisch bekämpfte, als die Demokraten es ausübten. In meiner Rede über »politische Moral« hatte ich diese Schwäche sehr scharf angegriffen, zur Zeit als ich unseren Sieg des vorigen Jahres feierte: Alle diese Dinge wirkten zusammen, um die deutschgeborenen Republikaner und einige eingeborene Gesinnungsgenossen dazu zu bestimmen, meine Nomination zum Gouverneur im republikanischen Staatskonvent, der im Herbst 1859 abgehalten werden sollte, vorzuschlagen.

Da ich ein Neuling in der Politik war, mißtraute ich meinem eigenen Urteil in solcher Situation. Ich hatte nicht den Ehrgeiz, ein Amt zu erlangen, und war daher sehr beunruhigt, als ich mich in dieser Richtung vorwärts getrieben fühlte. Mein damaliger Gemütszustand spiegelt sich am besten in einem Briefe wieder, den ich an meinen Freund, den Abgeordneten Judge Potter, schrieb, und den ich vierzig Jahre später im »Milwaukee Sentinel« mit anderer politischer Korrespondenz von Mr. Potter abgedruckt fand: »Mein Name ist in Verbindung mit der Gouverneursnomination genannt worden. Mehrere Zeitungen haben mich vorgeschlagen, und alle unsere deutschen republikanischen Blätter haben die Sache mit großem Eifer aufgenommen. Darauf ist sie durch die gesamte deutsch-republikanische Presse des Nordens gegangen, und meine Nomination wurde als schon vollzogen hingestellt. Diese Lage setzt mich sehr in Verlegenheit. Wenn ich darüber konsultiert worden wäre, ehe die Sache in die Zeitungen kam, hätte ich ihr Einhalt getan. Ich weiß nicht, wie die Leute dieses Staats darüber denken, und habe mir auch keine Mühe gegeben, das zu ermitteln. Was mich betrifft, so schwanke ich, ob ich den Dingen ihren Lauf lassen oder kurzen Prozeß machen soll, indem ich öffentlich erkläre, daß ich nicht Kandidat sein werde. Erlauben Sie mir, Sie als meinen vertrauten Freund zu betrachten, Ihnen meine Gedanken mitzuteilen und Sie um Ihren Rat zu bitten. Gouverneur dieses Staates zu werden, so ehrenhaft diese Stelle sein mag, ist wirklich nicht das Ziel meines Ehrgeizes. Die Sache hat nur einen Reiz für mich und der besteht in der Wahrscheinlichkeit, daß ein Erfolg dieser Art mir einen stärkeren Einfluß auf die deutsche Bevölkerung der nördlichen Staaten geben würde, was bei der Präsidentenwahl von 1860 nicht ohne Bedeutung wäre. Sonst hat die Gouverneursstellung persönlich keinen Wert für mich.« Ich gab ihm dann mehrere Gründe an, warum ich vorziehen würde nicht Kandidat zu sein und schloß wie folgt: »Jetzt bitte ich um Ihren Rat, lieber Herr Potter, sagen Sie mir ganz offen, ob ich nach ihrer Ansicht durch die Ablehnung der Kandidatur der Sache ein Ende machen, oder ob ich den Dingen ihren Lauf lassen soll.« Mr. Potter riet mir, mich nicht zurückzuziehen, und ich folgte seinem ohne Zweifel gut gemeinten Rat, allerdings gegen mein eigenes Urteil.

Es erwies sich, daß meine Freunde sanguinischer gewesen waren als ich selbst.

Gouverneur Randall, der ein Meister in politischen Umtrieben war, erhielt wieder die erwünschte Nomination zum Gouverneur mit einer großen Majorität, und ich wurde wieder, wenn ich mich recht erinnere, einstimmig als Kandidat für den Vizegouverneursposten aufgestellt. Meine Freunde, wie ich, fanden, daß ich diese Ehre nicht annehmen konnte. Indem ich sie ablehnte, betonte ich jedoch nachdrücklich meine treue Hingebung an die Sache der Antisklaverei und an die Partei, welche ihr diente. Einige meiner Freunde waren aber nicht so leicht befriedigt. Sie drückten ihren Zorn über das Geschehene in drohender Sprache aus, und ich gab mir alle Mühe, sie zu beruhigen. Die erste Gelegenheit, die sich mir dazu bot, war ein großartiger öffentlicher Empfang, der mir zu Ehren bei meiner Rückkehr vom republikanischen Staatskonvent in Madison vom »Club Junger Republikaner« in Milwaukee veranstaltet wurde. Ich ermahnte sie ernstlich, niemals die große Sache aus den Augen zu lassen, deren Schicksal sich in der Präsidentenwahl von 1860 entscheiden sollte, und diese Ermahnung wiederholte ich meinen unzufriedenen Freunden während der ganzen Wahlkampagne in Wisconsin, was auch viel dazu beitrug, die Gemüter zu beruhigen. Das Ergebnis war, daß die republikanischen Kandidaten ganz friedlich gewählt wurden.

Im ganzen war dies kein vielversprechendes Vorspiel zu einer amtlichen Laufbahn. Doch meine Wünsche und meine Hoffnungen waren nicht darauf gerichtet, und ich fühlte, daß ich weder Anlage noch Neigung zum Geschäft eines praktischen Politikers hatte.

Ich bekam auch um diese Zeit zum erstenmal die Bitterkeit politischer Angriffe und Verleumdung zu kosten. Mit einer Art starren Staunens sah ich mich eines Tages von einer demokratischen Zeitung angeklagt, im Solde der preußischen Regierung zu stehen, um das Treiben der deutschen Flüchtlinge in Amerika auszuspionieren. Der Beweis, den man führte, um diese Beschuldigung zu bekräftigen, bestand in der lächerlichen Behauptung, daß, während das Vermögen anderer Verbannter von der preußischen Regierung konfisziert worden sei, man das meine nicht berührt habe. Ich fragte mich, ob irgend jemand eine so alberne Erfindung ernst nehmen könne. Sie war aber augenscheinlich ausgestreut worden in der Hoffnung, daß sie von Leuten geglaubt würde, die nicht in europäischen Verhältnissen bewandert waren, oder von solchen, die bereit waren, Alles Schlechtes über wen auch immer zu glauben, besonders wenn der Betreffende der gegnerischen Partei angehörte. Man fragte mich ganz feierlich, was ich zu meiner Rechtfertigung vorbringen könne. Entrüstet darüber, daß von mir erwartet wurde, solche Anklage zu widerlegen, antwortete ich, daß ich kein Wort zu sagen habe. Das wurde von einigen als ein indirektes Geständnis ausgelegt, von der Allgemeinheit aber als ein ganz berechtigter Ausdruck der Verachtung angesehen. Die Sache machte einiges Aufsehen im Staate und wurde vielfach in der Presse besprochen. Das Ende der Angelegenheit war, daß ein republikanischer Redakteur, Herr Horace Rublee, ein Mann von außergewöhnlichen Fähigkeiten und edlem Charakter, der sich später hohe Auszeichnung errang, über meine frühere Laufbahn Untersuchungen anstellte, die Geschichte der Befreiung Kinkels erfuhr und sie veröffentlichte, was mir eine Art romantischen Nimbus verlieh. Darauf fing eine aufgeregte Jagd nach dem Urheber der Verleumdung an, welche allerdings nicht in der Entdeckung des Schuldigen, aber in sehr emphatischen Erklärungen mehrerer verdächtiger Personen endigte, daß sie unschuldig seien.

Dies war jedoch nur der Anfang meiner Erfahrungen als Opfer ungerechter Schmähungen. Ich weiß jetzt und wußte auch damals schon, daß jeder Mann im öffentlichen Leben mehr oder weniger der gewissenlosen Verleumdung seiner Gegner ausgesetzt ist. Als ich jedoch auf dem politischen Felde tätiger wurde, mehrten sich die Angriffe auf meinen Charakter so schnell, so massenhaft und wurden so erstaunlich rücksichtslos, daß es mir oft schien, als habe ich mehr als meinen Teil zu ertragen. Vielleicht glaubten diese Kanaillen der Presse, sie könnten, da ich nur ein Adoptivbürger, ein »Ausländer« sei, mit weniger Schonung mir gegenüber verfahren, als sie sich sicherlich einem Einheimischen gegenüber gestatten durften. Jedenfalls wäre ich eher für das Zuchthaus reif gewesen, als für die Gesellschaft ehrenhafter Männer, wenn nur der zehnte Teil von dem wahr gewesen wäre, das über mich gesagt und gedruckt wurde. Im Laufe meiner öffentlichen Tätigkeit wurde ich allmählich gegen diese Art von Widerwärtigkeiten abgestumpft und nahm sie hin als eine unvermeidliche Begleiterscheinung politischer Kriegsführung. Ich machte es mir zur Regel, nur diejenigen Anklagen einer Antwort zu würdigen, die sich mit meinem öffentlichen Verhalten befaßten. Meine Gewohnheit, nicht auf Angriffe persönlicher Natur zu erwidern, führten zuweilen zu komischen Zwischenfällen. Ein Beispiel: als ich später, während ich General Grants Wiederwahl im Jahre 1872 bekämpfte, in einem kleinen westlichen Städtchen sprach, veröffentlichte das republikanische Blatt schon vor meiner Rede einen persönlichen Angriff, der so maßlos war in seiner Nichtswürdigkeit, daß ich den Artikel ausschnitt und in mein Taschenbuch legte, um ihn gelegentlich meinen intimen Freunden zu ihrer Belustigung zu zeigen. Es traf sich, daß ich einige Jahre später dieselbe Stadt besuchte, als ich in einer Wahlkampagne wegen der Währungsfrage für den republikanischen Kandidaten eintrat; jetzt war es also das demokratische Blatt, das einen ungeheuren Strom von Beschimpfungen über mich ergoß. Der republikanische Redakteur besuchte mich sehr höflich in meinem Hotel, die demokratische Zeitung in der Hand haltend. »Haben Sie diese demokratische Schmutzbatterie gesehen?« sagte er. »Es ist eine verdammte Schmach, nicht wahr?« Ich las und lächelte und erinnerte mich daran, daß ich zufällig noch den Artikel meines republikanischen Freundes im Taschenbuch bei mir hatte. Ich holte ihn hervor und präsentierte ihm den Ausschnitt: »Die demokratische Schmutzbatterie hat ihre Vorläufer gehabt«, sagte ich. Die Verwirrung des armen Menschen kann man sich vorstellen; er errötete, stotterte etwas Unverständliches und machte sich schleunigst auf den Rückzug.

Die Frage, ob es nicht rätlich und vielleicht sogar notwendig sei, die Freiheit der Presse in ihren Angriffen auf Männer der Öffentlichkeit gesetzlich einzuschränken, ist schon oft besprochen und manche plausible Gründe sind zugunsten einer solchen Maßregel vorgebracht worden. Trotz des vielen Ärgers, den ich erdulden mußte, bin ich immer entschieden gegen eine solche Politik gewesen. Daß die Freiheit der Presse in der Besprechung der Verdienste und Fehler öffentlich wirkender Männer bösartig mißbraucht wird, ist zweifellos wahr. Aber es ist nicht weniger wahr, daß eine sie einschränkende Gesetzgebung mit noch böseren Mißbräuchen verbunden wäre. Es ist schwer, die Grenze zwischen berechtigter und unberechtigter Kritik zu ziehen, und ein Gesetz gegen die letztere kann kaum erfunden werden, das nicht leicht gegen die erstere mißbraucht werden könnte. Es ist unendlich wichtiger, daß in einer freien Regierung, welche auf der wohlunterrichteten öffentlichen Meinung beruhen muß, die berechtigte Kritik den weitesten und möglichst ungehinderten Ausdruck findet, als daß eine unberechtigte Kritik eingeschränkt und bestraft wird. Was die praktische Anwendung dieser Freiheit betrifft, so kenne ich kein einziges Beispiel in unserer politischen Geschichte, daß ein Mann durch ungerechte Angriffe auf seinen Charakter zugrunde gerichtet oder auch nur in seiner Stellung oder in seinem Einfluß ernstlich geschädigt worden wäre. Wohl aber kenne ich mehrere Fälle, wo Männer im öffentlichen Leben im allgemeinen Interesse gerechterweise angegriffen wurden und wo solche durch die Pflicht gebotene Angriffe aller Wahrscheinlichkeit nach ernstlich entmutigt oder gänzlich verhindert worden wären, hätten besondere die Kritik einschränkende Bestimmungen bestanden. In der Tat sind solche Bestimmungen in unseren Tagen dringend gefordert oder wenigstens gewünscht worden von einer Klasse von Politikern, deren Interesse es ist, hauptsächlich im Dunkeln zu wirken und auf welche der Scheinwerfer öffentlicher Kritik nicht zu unbarmherzig gelenkt werden könnte. Ich meine die Partei-»Maschinen« und die Partei-»Bosses«.

Daß die Behandlung, welche Männer im öffentlichen Leben von unserer Presse zu erdulden haben, nicht immer ein schönes Schauspiel ist, muß leider zugegeben werden. In einer Demokratie sind aber viele Dinge unvermeidlich, die, wenn auch an sich nicht schlecht, doch keinen schönen Anblick bieten; wollten wir jedoch bei unseren freien Institutionen alles entfernen, das unschön aussieht, so würde unsere Volksregierung bald zu Ende sein. Es liegt im Wesen einer Demokratie, daß sie nicht ästhetisch vollkommen, noch gänzlich unanstößlich für empfindliche Nerven sein kann. Wir werden aber in den Vorteilen, die sie uns bietet, volle Entschädigung für ihre Unvollkommenheiten finden. Es wird oft gesagt, daß Männer von feinerem Gefühl keinen aktiven Anteil am öffentlichen Leben nehmen wollen, weil die Rücksichtlosigkeiten, welche sie von der Presse zu erleiden haben, sie abschrecken. Solche Männer mögen sonst sehr achtungswert sein, aber ihr Gemeinsinn ist nicht recht entwickelt. Sie gleichen den Leuten, die ihrem Vaterlande nur dann als Soldaten dienen wollen, wenn sie nicht genötigt sind, auf schmutzigen Straßen zu marschieren, oder wenn sie unter ihren Kameraden keine Sprache zu hören brauchen, die nicht für gebildete Ohren paßt.

In unseren Tagen, besonders seit dem Attentat auf Präsident McKinley, ist große Entrüstung laut geworden über die Ungebundenheit, mit welcher das Verhalten und der Charakter des Hauptes der Bundesregierung besprochen wird, und es ist die Forderung erhoben, daß wenigstens das Amt und die Person des Präsidenten durch besondere Gesetze vor achtungverletzender Behandlung geschützt werden möchten. Dieses Verlangen wurde durch die Behauptung bestärkt, daß eine zu freie Diskussion öffentlicher Angelegenheiten oder eine Kritik, welche das Oberhaupt als eine unwürdige oder gefährliche Persönlichkeit hinstellt, leicht zum Meuchelmord aufreizen könne.

Gewiß hat die Stellung des Präsidenten als eine der wichtigsten und erhabensten der Erde Anspruch auf einen hohen Grad der Achtung, und der Inhaber dieses hohen Amtes sollte nicht ungerechter- oder leichtfertigerweise kritisiert werden. Man darf aber nicht vergessen, daß wir in einer Republik leben, die von einer wohlunterrichteten öffentlichen Meinung regiert werden soll, und daß diese öffentliche Meinung ihre Aufklärung durch die möglichst freie Besprechung und Kritik öffentlicher Angelegenheiten, Grundsätze und Personen erhalten muß. Den Präsidenten, in Anbetracht der Würde seines Amtes, von dieser kritischen Besprechung auszuschließen, wäre ganz unvereinbar mit der Natur unserer Regierung. Die Präsidentschaft wird erlangt durch die Nomination in einem politischen Parteikonvent welche dann durch Volksabstimmung bestätigt werden muß. Es ist gewöhnlich der Ehrgeiz eines Präsidenten am Schluß seines ersten Amtstermins, sich einen zweiten Termin zu sichern, und während des zweiten die Präsidentschaft für ein anderes Mitglied seiner Partei zu erwirken. Das Volk muß durch seine Stimme entscheiden, ob es in seinem Interesse ist, diesen Ehrgeiz zu befriedigen, und in dieser Entscheidung müssen ihm alle Mittel zur Klärung seines eigenen Urteils zur Seite stehen. Es hat Anspruch darauf. Allerdings sind Auskunft und Rat, die ihm bei unbeschränkter Freiheit der Rede und der Presse geboten werden, nicht immer zuverlässig. Sie sollen aber gesichtet werden durch freie Besprechung, und nur so ist eine Sichtung möglich. Wenn unter diesen Umständen der Präsident als höheres Wesen durch gesetzliche Einschränkungen und Strafen gegen unliebsame Kritik geschützt werden sollte, so paßt das wohl für Regierungen, in welchen der Glaube an das Gottesgnadentum vorherrscht, nicht aber für die unsere. Es wäre auch schon deshalb für unsere Präsidenten selbst eine gefährliche Sache, weil dadurch ihr Urteil über die öffentliche Meinung bedeutend getrübt würde; denn sogar jetzt sind sie, infolge der Macht, welche sie ausüben, und der Gunst, die sie erweisen können, von einer Atmosphäre der Schmeichelei und Unterwürfigkeit umgeben, die nur zu leicht in ihnen eine übertriebene Auffassung ihrer eigenen Größe und Popularität erweckt. Es ist historisch erwiesen, daß einige Präsidenten durch diese Überschätzung ihrer eigenen Bedeutung den merkwürdigsten Täuschungen und Irrtümern verfallen sind. Diese Gefahr würde aber noch vergrößert, wenn ihre Würde von Gesetzen, die jede nachteilige Kritik einschränken, künstlich aufgebauscht und sie selbst da durch zu dem Glauben verleitet würden, daß sie kraft des Gesetzes über die übrige Menschheit erhaben seien. Es liegt auf der Hand, daß das kein gesunder oder günstiger Gemütszustand für den obersten Beamten einer Republik wäre. Auch ist zu bedenken, daß, wenn ein solches Gesetz überhaupt abschreckend wirken sollte, es nicht allein die leichtfertige Lästerung des Oberhauptes der Regierung verhindern, sondern auch die legitime und nützliche Kritik seiner offiziellen Handlungen entmutigen würde. Es ist eine bezeichnende Tatsache, daß nach dem Attentat auf Präsident McKinley die heftigen Fürsprecher einer solchen Gesetzgebung einen hysterischen Schrei erhoben gegen diejenigen Leute, welche gewisse Prinzipien der Regierung in ganz legitimer Weise bekämpft und kritisiert hatten, als seien sie die eigentlichen Urheber und Helfershelfer des Meuchelmordes gewesen. So könnten solche Gesetzesparagraphen in Zeiten großer Aufregung in schlimmen und gefährlichen Mißbrauch ausarten.

Nach meiner Meinung kann das amerikanische Volk nicht vorsichtig genug seine Rede und Preßfreiheit vor einer Fesselung hüten, wo es auf die Besprechung öffentlicher Angelegenheiten und der Charaktere und Handlungen politischer Persönlichkeiten ankommt. Wenn unsere Tagespresse zügelloser geworden ist, als in früheren Zeiten, so gilt dies mehr in bezug auf das rücksichtslose Eindringen in das Privatleben und das Veröffentlichen von Privatskandalen. Die Erörterung öffentlicher Angelegenheiten und die Kritik der Beamten, besonders solcher in hohen Stellungen, ist allmählich viel diskreter und milder geworden, als sie in früheren Zeiten der Republik war. Das Privatleben mag vielleicht geschützt werden durch eine Verschärfung der Verleumdungsparagraphen. Was aber immerhin noch an Gemeinheit in der Besprechung öffentlicher Dinge und Männer zurückgeblieben ist, sollte geduldig ertragen werden als eine der unvermeidlichen Begleiterscheinungen demokratischer Regierung in Übereinstimmung mit Thomas Jeffersons Ausspruch, daß »er viel lieber den Unbequemlichkeiten ausgesetzt sein möchte, die einer zu großen Freiheit entspringen, als denjenigen, die eine zu geringe Freiheit zur Folge hat.«

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