Im Krieg

Drei Tage nach der Sklavenemanzipationsversammlung am 6. März kehrte ich nach Washington zurück und erstattete Präsident Lincoln meinen Bericht. Er war in sehr vergnügter Stimmung wegen eines Erfolges vom vorhergehenden Tage, nämlich des epochemachenden Seegefechts zwischen dem »Merrimac« und dem »Monitor« in Hampton Roads, wo zum ersten Male im Laufe der Weltgeschichte gepanzerte Kriegsschiffe ins Treffen kamen.

Noch am nächsten Tage, als ich Lincoln sprach, waren seine Gedanken so erfüllt von dem Geschehenen, daß es ihm offenbar große Freude machte, mir den ganzen Hergang zu erzählen. Zuerst das Eintreffen der unheilvollen Nachrichten, seine eigene Bestürzung und die seiner verschiedenen Minister über die schlimmen Aussichten, und dann das allseitige Aufatmen der Erleichterung, als der Telegraph die Ankunft der kleinen »Käseschachtel« ankündigte, welche den feindlichen Goliath aus dem Felde schlug. Mit solcher Lebendigkeit schilderte er das alles, daß ich jahrelang geglaubt habe, selbst im Zimmer des Präsidenten zugegen gewesen zu sein, als die Depeschen nacheinander eintrafen. Eine genaue Prüfung der Umstände hat mich jedoch – zu meinem Bedauern, ich gestehe es – davon überzeugt, daß ich nicht an jenem denkwürdigen, sondern erst am folgenden Tage im Weißen Hause gewesen bin.

Es ist einer der vielen Fälle, welche das Bestreben in mir erweckt haben, beim Niederschreiben meiner Lebenserinnerungen die Bilder meines Gedächtnisses mit peinlicher Sorgfalt durch alles nur irgend erreichbare äußere Beweismaterial nachzuprüfen und richtigzustellen. Ehe ich Lincoln verließ, berichtete ich ihm, so gut ich konnte, über die Emanzipationsversammlung am 6. März und über die allgemeine Lage in New York. Lincoln drückte seine Befriedigung über das Getane aus und sein Vertrauen, daß die weitere öffentliche Erörterung der Frage das Volk mit den unausbleiblichen Folgen der Fortsetzung des Krieges vertraut machen würde. Es erschien ihm nicht hoffnungslos, daß der Vorschlag, die Sklavenhalter zu entschädigen, welchen er den südlichen Staaten in seiner Botschaft vom 6. März gemacht hatte, wenigstens in einigen der Grenzstaaten günstig aufgenommen werden würde. Er hatte den Vorschlag durchaus in« gutem Glauben gemacht; es war vielleicht der letzte, der überhaupt gemacht werden konnte, und wenn er zurückgewiesen wurde, trugen sie die Verantwortung. Ich erinnere mich des Ernstes, mit dem er dies sagte. Das lustige Augenblinzeln, mit dem er von der kleinen »Käseschachtel« erzählt hatte, war einem tiefernsten, schwermütigen Ausdruck gewichen, als er die Worte hinzufügte: »Und wie es auch komme, es ist eine furchtbare Verantwortung.«

Sodann war von meinen eigenen Angelegenheiten die Rede. Ich sagte Lincoln nochmals, daß ich gern meine Stellung als Gesandter am spanischen Hofe aufgeben möchte; es sei mir ein unerträglicher Gedanke, ein behagliches und verhältnismäßig untätiges Leben zu führen, während die Republik um ihre Existenz kämpfte, und die meisten Leute meines Alters im Felde und auf gefahrvollen Posten ständen; ich möchte nun, wo unsere Beziehungen zu Spanien die denkbar günstigsten wären, und mein Amt, ihm über die öffentliche Meinung in Europa zu berichten und ihm in der Antisklavereibewegung hilfreich zur Seite zu stehen, erledigt wäre, ins Heer eintreten. Lincoln erwiderte, daß er sich ja erinnere, wie ungern ich im letzten Juni nach Europa gegangen sei, und daß ihm daher auch schon dieser Gedanke gekommen sei, und er ihn mit Seward besprochen habe. Dieser habe ihm gesagt, daß er mit meiner Amtsführung sehr zufrieden sei, daß ich mir eine vorzügliche Stellung bei der spanischen Regierung erworben habe, und daß er wünsche, daß ich nach Madrid zurückkehre. Ich solle mir die Sache doch noch acht bis vierzehn Tage oder noch länger überlegen und mit Seward selbst darüber sprechen. Dies konnte ich ihm selbstredend nicht abschlagen. Als ich Seward besuchte, war er freundlich, ja verbindlich, lud mich und meine Frau zum Mittagessen ein und drang darauf, daß ich den Posten eines Gesandten nicht aufgeben sollte. Dies war mir eine große Genugtuung, da er ursprünglich aus begreiflichen Gründen gegen meine Ernennung gewesen war. Jedoch erwähnte er kein einziges Mal die Frage der Sklaverei, und das Übergehen einer so wichtigen Sache erschien mir bedeutsam und beunruhigend.

Je mehr ich bei mir die Frage der Rückkehr nach Spanien erwog, desto mehr war ich davon überzeugt, daß in solch bewegter Zeit ein junger kräftiger Mann auf dem Felde und nicht im Lehnstuhl am richtigen Platze war. Eine gewisse Zeit ließ ich verstreichen, damit es nicht den Anschein habe, als ob ich Lincolns freundliche Ermahnungen zu leicht nehme, und dann teilte ich ihm mit, daß ich mich entschlossen habe. »Nun,« sagte er, »hoffentlich haben Sie nicht außer acht gelassen, daß Sie ein gutes Gehalt und eine geachtete und behagliche Stellung mit einer vertauschen, die Ihnen viel Arbeit, Unbehagen und Gefahren bringen wird. Haben Sie die Sache auch mit Ihrer schönen lieben Frau gründlich überlegt?«

Lincoln hatte meine Frau verschiedentlich getroffen und sich augenscheinlich an ihrer äußeren Erscheinung und an der Unterhaltung mit ihr gefreut.

»Ja,« entgegnete ich, »sie fand meinen Entschluß nicht leicht, aber sie ist eine gute Patriotin.«

»Wenn sie einverstanden ist, bin ich es auch,« sagte Lincoln. »Ich habe allerdings erwartet, daß Sie zu diesem Entschluß kommen würden, ich werde Ihren Namen auf die nächste dem Senat vorzuschlagende Liste von Brigadegeneralen setzen und hoffe, wir finden bald ein geeignetes Kommando für Sie.

Ich war hoch erfreut und dankte ihm von Herzen.

Einen jungen Mann wie mich aus dem bürgerlichen Leben heraus als Brigadegeneral in den aktiven Dienst zu stellen, würde unter gewöhnlichen Umständen für sonderbar, wenn nicht gar töricht gelten. Unter den damaligen Umständen war es keins von beiden. Die Regierung mußte ein Heer von mehreren tausend Mann schaffen und sofort ins Feld stellen. Die Jugend des Landes folgte mit Begeisterung dem Aufruf des Präsidenten. In unglaublich kurzer Zeit waren unsere Reihen mit jungen Leuten aus allen Ständen und von allen Bildungsgraden gefüllt. Was sollte nun die Regierung tun, um die so gebildeten Truppenkörper mit Offizieren zu.versehen? Unser stehendes Heer war sehr klein, und wir hatten also wenig Offiziere. Verhältnismäßig viele der letzteren, die in der Kriegsschule von West Point ausgebildet worden waren, hatten sich in den Dienst der Südstaaten begeben. Von den übriggebliebenen mußten einige bei ihrem Regiment bleiben, anderen wurden verschiedene Kommandos bei den freiwilligen Truppen übertragen. Einige ehemalige Kriegsschüler von West Point, die aus dem aktiven Dienst ausgeschieden waren, traten wieder ein und wurden mit der Führung von Regimentern, Brigaden, Divisionen oder Armeekorps betraut. Dann gab es noch einige Leute, die in den Freiwilligen- und Milizverbänden des Staates gedient hatten und dort eine oberflächliche Kenntnis der Infanterie oder Kavallerietaktik erlangt hatten, eine Kenntnis, die in den meisten Fällen nicht über das Exerzieren einer Abteilung oder einer Kompagnie hinausging. Die weitaus größte Zahl der Offiziersposten, vom Leutnant bis zum General, mußte mit Leuten besetzt werden, die im bürgerlichen Leben standen, absolut gar keine Kenntnisse des Militärdienstes hatten und nur wegen ihrer allgemeinen geistigen Fähigkeiten gewählt waren, oder weil ihre Stellung und ihr Ansehen bei ihren Mitbürgern sie zu einer Führerschaft im größeren oder kleineren Maßstabe zu befähigen schien. Sie mußten ihre militärischen Kenntnisse im weiteren Verlaufe des Krieges sammeln, und man nahm an, daß wirkliche militärische Befähigung und Feldherrntalent sich bald zeigen würden. Auf diese Art wurde das große Freiwilligenheer geschaffen; eine andere Art gab es nicht, und seitens der Südstaaten war die Organisation des Heeres die nämliche.

In meiner Ernennung zum Brigadegeneral der Freiwilligen lag also nichts Ungewöhnliches und keine besondere Vergünstigung. Ich mochte sogar vor meinen nach gleichem Prinzip zu ähnlichem Range beförderten Kameraden noch etwas voraus haben durch die eifrigen militärischen Studien, die ich 1849 während der ganzen Dauer meines kurzen Dienstes bei der revolutionären Armee in der Pfalz und in Baden getrieben hatte. Alle großen Feldzüge der Neuzeit waren mir ganz vertraut geworden, sowohl in taktischer als in strategischer Hinsicht, und da ich ferner aus Erfahrung wußte, wie ich »im Feuer« empfinden würde, nahm ich meine neuen Pflichten mit der Hoffnung und jedenfalls mit dem Wunsche, gute Dienste zu leisten, auf.

Die Kriegslage im Frühjahr 1862 war eine höchst unsichere. Das Heer der Union hatte im Westen und an der Küste des Atlantischen Ozeans wichtige Erfolge gehabt. General George H. Thomas, ein Virginier von Geburt, der aber treu zur Union hielt, hatte eine überlegene Macht der Konföderierten bei Mill Spring, Kentucky, geschlagen. General Grant hatte Fort Henry und Donelson genommen. Unser Sieg bei Shiloh hatte Bestürzung im Süden verbreitet und die Optimisten im Norden so ermutigt, daß sie dem Kriege ein schnelles Ende prophezeiten. Eine Expedition unter General Burnside besetzte Roanoke Island und eröffnete uns damit einen großen Teil der Nord-Carolina-Küste. Unser Sieg bei Pea Ridge unter Curtis und Sigel vertrieb das Heer der Konföderierten aus Missouri. Im April folgte dann die Einnahme von New Orleans.

Aber während die Truppen der Union im Westen und im Süden also vordrangen, lag die von General McClellan organisierte Potomac-Armee untätig vor Washington. General McClellan war damals 36 Jahre alt; er hatte die Kriegsschule von West Point absolviert, sich im mexikanischen Kriege ausgezeichnet, in Friedenszeiten hohe öffentliche Ämter bekleidet, als Vertreter der amerikanischen Armee einem Teil des Krimkrieges beigewohnt, und den Dienst mit Hauptmannsrang quittiert; er war, als der Präsident seinen Aufruf erließ, Direktor einer Eisenbahn. Er lebte in Cincinnati und wurde von den leitenden Männern des Staates Ohio als der geeignete Mann angesehen, die Truppen ihres Staates zu führen. Da auch General Scott ihn kannte und schätzte, wurde er von der Bundesregierung zum Generalmajor mit einem umfassenden Kommando ernannt. Nach unserer Niederlage bei Bull Run wurde ihm der Oberbefehl über die Potomac-Armee übertragen und später über die sämtlichen Armeen der Vereinigten Staaten. Im Organisieren dieser Armee war der junge General in seinem Element, und da er ein schöner, ritterlicher Mann von gewinnendem Wesen war und fremde Fürsten und Grafen in seinem Stabe vereinigte, so jubelte ihm das Volk auf den Paraden zu: das Volk, das sich nach einem Helden sehnte und in ihm den »jungen Napoleon« Amerikas begrüßte, der tatsächlich an der Spitze des schönsten und stärksten Heeres stand, das unser Land je gesehen.

Aber als die Vorbereitungen sich zwei, drei Monate lang hinzogen, und die Potomac-Armee immer noch untätig vor Washington lag, begann ein ungeduldiges Murren durchs Land zu gehen. Die Zeitungen priesen ihn als einen modernen Cunctator, aber als sie Tag für Tag nur die stereotype Meldung brachten: »Alles ruhig am Potomac«, begann der Argwohn aufzudämmern, daß am Potomac nicht alles in Ordnung sei. Später ist bekannt geworden, daß er, der die Waffen zum Kriege so gut zu schmieden verstand, die Verantwortung nicht übernehmen wollte, sie zu brauchen. Das Heer war in seinen gut geschulten Feldherrnaugen noch immer nicht stark genug und nicht gut genug ausgerüstet. Er verlangte von der Regierung, auf die er heftig schalt, immer mehr. Er wollte nichts riskieren. Er fürchtete die feindliche Übermacht, über deren Verhältnisse er sehr schlecht unterrichtet war. Da er sich als Retter der Republik fühlte, sprach er stets davon, man dürfe das Heer nicht unnötig hinopfern, während ihm ein auch nur mäßig organisierter Kundschafterdienst oder auch bloßes Nachdenken hätte sagen müssen, daß die Konföderierten schon aus äußeren Gründen keine so große nach so wohl ausgerüstete Armee ihm gegenüberstellen konnten, wie es seine war.

Die Sache wurde immer unbegreiflicher. Der Sommer und der Herbst, die Zeit der gesunden Luft und der guten Wege, verstrichen, aber McClellan rührte sich nicht. Der Winter brach an, und trotz Schnee und Eis und schlechter Wege marschierten und kämpften die westlichen Armeekorps, aber immer hieß es noch: Alles ruhig am Potomac. Die Ungeduld im Lande steigerte sich zur Erbitterung. Lincoln, den ich damals öfter besuchte, klagte zwar nicht über seine vergeblichen, Versuche, den General zur Offensive zu bewegen, aber, wenn die Kriegsangelegenheiten besprochen wurden, merkte ich doch, daß er sehr besorgt war. Wie in höchster Verzweiflung erließ er endlich seine Allgemeine Kriegsorder Nr. I des Inhalts, daß am 22. Februar 1862 eine allgemeine Bewegung der gesamten Land- und Seemacht der Vereinigten Staaten gegen die Konföderierten zu Wasser und zu Lande stattfinden sollte.

Es gab nun viel »Bewegung«, und auch erfolgreiche Bewegung, in anderen Teilen des Landes, sogar noch vor dem 22. Februar, aber McClellans prächtige Armee stand noch tagelang wie angewurzelt. Der General beharrte dabei, daß sein Heer zum Angriff Viel zu schwach sei, und drängte Lincoln, ihn mit seiner Armee nach dem südlichen Chesapeake zu verlegen, um von dort gegen Richmond vorzugehen. Diesen Plan genehmigte der Präsident dann schließlich. Daß Lincoln während jener langen Periode des Zauderns McClellan. nicht durch einen anderen General ersetzte, war vielleicht anfechtbar, lag aber wahrscheinlich daran, daß er keinen Feldherrn hatte, den er an seine Stelle setzen konnte, und vielleicht auch daran, daß McClellan der demokratischen Partei angehörte, die sehr lebhaft für ihn eintrat, und daß es, wünschenswert erschien, politische Reibungen zu vermeiden.

Plötzlich, am 9. März, traf die überraschende Nachricht ein, daß die Konföderierten unter General Johnston ihre Stellung vor der Potomac-Armee verlassen und sich hinter den Rappahannock zurückgezogen hatten. McClellan setzte seine ganze Armee zur Verfolgung in Marsch, holte jedoch nicht einmal die Arrieregarde der Konföderierten ein, denn diese hatten schon seit einiger Zeit ihren Rückzug vorbereitet und waren weit voraus. McClellan behauptete später, die Konföderierten hätten mit ihrem Rückzug einem von ihm geplanten Angriff ausweichen und ihre Hauptstadt schützen wollen, aber diese Behauptung konnte aus Dokumenten im Archiv der Konföderierten widerlegt werden; aus ihnen geht hervor, daß die gegnerische Armee nicht, wie McClellan annahm, stärker als sein Heer war, sondern nur halb soviele, schlecht disziplinierte und schlecht ausgerüstete Truppen zählte, und daß es daher, trotz McClellans Zauderns für richtiger gehalten wurde, eine Stellung aufzugeben, die man gegen eine starke Übermacht nicht halten konnte. Ja, es hieß sogar damals, daß ein Teil der feindlichen Artillerie, welche unsern Anführer so erfolgreich in Schacht gehalten hatte, aus bemalten Holzklötzen, sogenannten Quäkerkanonen, bestanden hätte.

General McClellan hatte kaum seinen neuen Feldzug in der Halbinsel begonnen, als er abermals vor einer langen Linie feindlicher Verschanzungen Halt machte, die er in entschlossenem Angriff leicht durchbrochen hätte. Wieder war er in dem krankhaften Wahn befangen, daß die feindlichen Truppen ihm absolut überlegen wären; er jammerte nach Verstärkungen, während ein rasches und entschlossenes Vordringen seinem· an sich vortrefflichen Feldzugsplan jedenfalls ein gutes Gelingen gesichert hätte. Sogar als auf beiden Seiten gekämpft und heldenhaft gekämpft worden war, und McClellan angesichts der Türme von Richmond stand, zog er sich plötzlich vor der sogenannten »feindlichen Übermacht« der Rebellen zurück und gratulierte sich dazu, daß er seine Armee gerettet habe.

Am 11. März hatte Lincoln einen Armeebefehl erlassen, wonach drei »Armeedepartements« geschaffen wurden: die Potomac-Armee unter McClellan, das »Bergdepartement«, welches das Gebiet westlich vom Potomac und östlich von Knoxville, Tennessee, unter dem Kommando von General Fremont umfaßte, und das »Mississippi-Departement«, westlich vom Bergdepartement unter General Halleck. Bald nachdem meine Ernennung zum Brigadegeneral vom Staat bestätigt worden war, erhielt ich vom Kriegsministerium den Befehl, mich bei General Fremont zum Dienst zu melden. Während ich in Washington meine Bestätigung und die Überweisung eines Kommandos abwartete, mußte ich wieder einmal alle Leiden eines sogenannten einflußreichen Mannes erdulden. Es war in der ganzen Welt bekannt geworden, daß in Amerika große Nachfrage nach gut geschulten und erfahrenen Offizieren sei. So strömten bald aus allen Weltteilen Leute zusammen, meist etwas abenteuerliche Persönlichkeiten, welche in irgendeinem Lande im Militärdienst gestanden hatten oder vorgaben, darin gestanden zu haben, und welche meinten, bei uns sofortige Anstellung und schnelle Beförderung zu finden. Washington wimmelte damals von solchen Leuten. Einige waren durchaus achtbare und gut empfohlene Männer, die sich später sehr auszeichneten und gehörten jener weitverbreiteten Klasse von Abenteurern an, welche durch ihr einnehmendes Äußeres oder durch ihre angeblichen Heldentaten und Tugenden für sich zu gewinnen wissen. Da ich selbst von Geburt ein Ausländer war, wandten sich Deutsche, Österreicher und Franzosen im Vertrauen auf meine Fürsprache an mich. In einigen Fällen verwendete ich mich gern, nachdem ich Gewißheit über ihre Vergangenheit und ihre Tauglichkeit erlangt hatte, veranlaßte ich z. B., daß Major Hoffmann, der Kriegsingenieur bei den preußischen Pionieren gewesen war und dann den italienischen Befreiungskrieg unter Garibaldi mitgemacht hatte, und Hauptmann Spraul, ein bayrischer Offizier, der auch unter Garibaldi gedient hatte, zu »überzähligen Adjutanten« meines eigenen Stabes ernannt wurden. Diese Charge war eigens für derartige Verhältnisse geschaffen, und die betreffenden Herren leisteten uns darin treffliche Dienste. Noch lange nach dem Ende des Krieges blieb Hoffmann als Ingenieur in Staatsdiensten. Einer der hervorragendsten Leute; die damals nach Amerika kamen, war der badische Artilleriehauptmann Hubert Dilger. Er erwies sich als einer der besten Artillerieoffiziere unseres Heeres, und ich hatte die Freude, daß er lange unter meinem Kommando stand.

Ich machte jedoch auch andere Erfahrungen. Ein junger Mann, der sich Graf von Schweinitz nannte und die Uniform der österreichischen Ulanen trug, stellte sich mir unter gewandtem Redefluß vor und zeigte mir Papiere, die offenbar echt waren und seine Aussagen bestätigten. In seinem Gespräch zeigte sich jedoch hin und wieder eine gewisse Durchtriebenheit, die meinen Argwohn erregte. Er mag wohl bemerkt haben, daß ich ihm nicht recht traute; denn plötzlich brach er ab und bedrängte mich nicht mehr mit seiner Bewerbung. Ich erfuhr später, daß es ihm gelungen war, eine Anstellung zu erhalten und beträchtliche Summen Geldes von zwei ausländischen Gesandten zu Burgen. Endlich stellte sich heraus, daß seine Mutter eine Waschfrau gewesen war, und er selbst Bursche bei einem österreichischen Ulanenoffizier, und daß er in dieser Stellung Uniform und Papiere seines Herrn entwendet hatte.

Ein anderer adliger Ausländer bemühte sich um meine Fürsprache, von dessen Identität ich jedoch bald überzeugt war. Er war ein junger deutscher Graf, für den die preußische Gesandtschaft jede Bürgschaft übernahm. Seine Redeweise war schlicht, und er blickte auf» eine jahrhundertelange Reihe von Ahnen zurück. Diese Tatsache erschien ihm außerordentlich wichtig, und er meinte, sie müsse sehr dazu beitragen, ihm eine Stellung in unserem Heers zu verschaffen Wenn er nur beim Präsidenten« eine »Audienz« haben könnte .und selbst» s eine Sache führen, meinte er, würde der Ausgang nicht zweifelhaft sein. Er drang so eifrig darauf, ich möge ihm eine Einführung bei Lincoln besorgen, daß ich endlich nachgab und versprach, ihn dem Präsidenten vorzustellen, wenn dieser es gestatte. Lincoln gestattete es. Der Graf sprach ziemlich gut Englisch und setzte in seiner offenherzigen Art dem Präsidenten umständlich auseinander, wie hochadlig seine Familie sei und daß seine Ahnen schon seit Jahrhunderten Grafen seien. »Nun« unterbrach ihn Lincoln, »deshalb brauchen Sie sich keine Sorge zu machen. Das wird Ihnen bei uns nicht im Wege stehen, wenn Sie sich nur als Soldat gut aufführen«. Der arme Graf sah etwas betreten aus und sagte mir nachher, er zerbreche sich vergeblich den Kopf darüber, was Lincoln mit einer so sonderbaren Bemerkung wohl gemeint haben könne.

Ein ähnlicher Ausspruch Lincolns, für dessen Echtheit ich freilich nicht bürgen kann, wenn er auch durchaus charakteristisch ist, wurde damals viel erzählt und belacht. Ich will die Anekdote hier einfügen, da sie meines Wissens nie gedruckt ist.

Ein junger Engländer, der die Vereinigten Staaten viel bereist hatte, machte einen Besuch bei Lincoln und teilte ihm bei dieser Gelegenheit seine Reiseeindrücke mit. Als von sozialen Verhältnissen, von Sitten und Gebräuchen die Rede war, äußerte der Engländer sein Erstaunen darüber, daß in Amerika, wie er gehört habe, manche angesehene Herren ihre eigenen Stiefel putzten.

»Ja, das ist richtig,« entgegnete Lincoln. »Aber würden denn bei Ihnen angesehene Herren das nicht tun?«

»Nein, gewiß nicht,« erwiderte« der Engländer mit Nachdruck.

»So?« meinte Lincoln ruhig. »Wessen Stiefel putzen sie denn?«

* * *

Es ist nicht meine Absicht im folgenden einen irgendwie wertvollen Beitrag zur Geschichte des Krieges zu geben. Ich werde mich vielmehr auf die Mitteilung einiger persönlichen Erfahrungen beschränken und dabei hin und wieder wichtige geschichtliche Ereignisse streifen.

Sobald ich zum Dienst bei General Fremont im Shenandoah-Tal abkommandiert worden war, machte ich meinen Abschiedsbesuch bei Lincoln. Er war sehr freundlich, wünschte mir alles Gute und sagte wie damals, als ich nach Spanien abreiste, er bitte mich, ihm alles zu schreiben, was er nach meiner Ansicht wissen müsse.

Nach einer etwas abenteuerlichen Reise erreichte ich das Hauptquartier General Fremonts in Harrisonburg, Virginia, am 10. Juni 1862. Als Fremont 1856 bei der Präsidentenwahl kandidierte, wurde er als der große »Pfadfinder« gepriesen, der einen erheblichen Teil unseres Kontinentes der Kenntnis seiner Landsleute erschlossen hatte; er galt für sehr bedeutend, und es umgab ihn ein romantischer Nimbus. Beim Beginn des Krieges hielt man ihn für einen der kommenden Helden, aber in der Folge wurde man arg enttäuscht. Er hatte kein Organisationstalent, und es fehlte bei ihm an rascher Tatkraft und entschlossenem Handeln. Aus politischen Gründen war es jedoch unmöglich, ihn ganz fallen zu lassen, und so wurde er als Generalmajor an die Spitze des sogenannten »Bergdepartements« gestellt, wo er ebenfalls wenig Erfolg hatte.

Er war im Westen von Virginien bei einem wahren Guerillakrieg beschäftigt, als der berühmte Rebellengeneral Stonewall Jackson seinen bekannten Einfall in das Shenandoah-Tal machte, General Banks vor sich her bis an den Potomac trieb und anscheinend drohte, über diesen Fluß zu setzen und Washington anzugreifen. Er führte die Drohung freilich nicht aus, sondern kehrte, nachdem er Vorräte gesammelt und alle Pläne der Regierung in Washington über den Haufen geworfen hatte, eiligst durch das Shenandoah-Tal zurück. Fremont sollte ihm mit Hilfe von Banks und McDowells Truppen den Rückzug abschneiden, ein Plan der an der mangelnden Promptheit Fremonts scheiterte, was ihm von der Regierung übel vermerkt wurde. Fremont verfolgte den Feind das Shenandoah-Tal hinauf, und es kam zu einem scharfen, aber unentschiedenen Gefecht bei Croß Keys unfern Harrisonburg, worauf Jackson zu dem feindlichen Hauptheer bei Richmond stieß, und Fremont sich nach Harrisonburg zurückzog, in der Absicht, talabwärts nach Mount Jackson zu marschieren.

Ich kam am Abend des 9. Juni, dem Tage nach dem Gefecht bei Croß Keys, in Harrisonburg an. Die widerstreitendsten Gerüchte über das Ergebnis dieser Schlacht waren im Umlauf; nach einigen sollte es ein »glorreicher Sieg«, nach anderen eine blutige Niederlage gewesen sein. Am 10. morgens wollte ich mich auf den Weg zur Armee machen, hörte aber bald, daß Fremont den Rückzug befohlen habe, und binnen kurzem in der Stadt sein würde. Nach einigen Stunden begannen sehr gelockerte Truppenverbände anzumarschieren, die Leute waren zerlumpt, müde und mißmutig, und ich hörte viel fluchen in allen möglichen Sprachen. Endlich kam General Fremont selbst, von einem Stabe sehr schmuck gekleideter Kavallerieoffiziere umringt, und stieg in seinem Hauptquartier ab. Sofort meldete ich mich. Aber bis zu General Fremont durchzudringen war eine sehr schwierige Sache, wie ich bereits gehört hatte. Er hatte sich mit einer wahren Leibgarde von ungarischen Offizieren umringt und liebte ein gewisses Zeremoniell. Als ich ihm endlich von seinem persönlichen Adjutanten, Oberst Zagonyi, vorgestellt wurde, empfing mich der General sehr freundlich und versprach, mir gleich ein passendes Kommando anzuweisen. Ich hatte Fremont nie vorher gesehen; er war ein mittelgroßer Mann von eleganter, kräftiger und geschmeidiger Gestalt mit dunklem Haar, leicht ergrautem Bart, einer hohen Stirn, einem durchdringendem Blick und schönen, regelmäßigen Zügen. Man hat ihm Charlatanerie vorgeworfen, aber jedenfalls trat dies in seinem Wesen nicht hervor. Im Gegenteil, seine Haltung zwar vornehm und dabei ganz schlicht und natürlich, ohne Pose. Er sprach mit leiser, wohllautender Stimme und war etwas zurückhaltend, ohne den Verdacht der Unaufrichtigkeit zu erwecken. Seine ganze Persönlichkeit hatte etwas Anziehendes, und doch flößte er kein unbedingtes Vertrauen ein.

In späteren Gesprächen entwickelte er mir sehr umständlich, was er bisher erreicht habe, und was seine weiteren Pläne seien. Was er mir von dem elenden Zustande seiner Truppen sagte, fand ich durchaus bestätigt, als ich die Regimenter besichtigte, welche die beiden Brigaden meiner Division bilden sollten. Sie waren lange im öden Westen, wo kaum Vorräte für ein Maultier zu finden waren, umhermarschiert, und doch hatten sie, schlecht ausgerüstet und schlecht ernährt wie sie waren, bei Croß Keys tapfer gefochten.

Ich konnte nicht umhin, von meinem Vorrecht, Lincoln über das Ergebnis meiner Beobachtungen zu berichten, Gebrauch zu machen. Es schien mir, daß es Fremont an Energie und an schnellem Entschluß fehle, daß seine Armee u. a. darunter gelitten habe, daß seine Pioniere nicht auf der Höhe waren, und daß auch hier wieder die mangelnde Einheit des Oberbefehls sich zum Schaden für uns fühlbar mache. Lincoln dankte mir telegraphisch für meine Auskunft und erließ am 26. Juni einen Armeebefehl, daß die Truppen unter General Fremont, Banks und McDowell, sowie diejenigen unter Brigadegeneral Sturgis in Washington eine Armee, die sogenannte Armee von Virginien unter Befehl von General Pope bilden sollten. Von dieser Armee sollten die Truppen des Bergdepartements das erste Armeekorps unter General Fremont bilden. Darauf nahm Fremont sofort seinen Abschied, weil es untunlich für ihn sei, eine untergeordnete Stellung einzunehmen. Die Generalmajore Banks und McDowell hatten sich freudig damit abgefunden unter einem, dem Range nach, jüngeren General zu dienen; das Abschiedsgesuch Fremonts wurde sofort bewilligt, es wurde ihm kein anderes Kommando übertragen, und so verschwand er vom Kriegsschauplatze. Zwei Jahre nachher wurde er bei der Präsidentenwahl von einer kleinen Gruppe von Radikalen, die mit Lincolns Regierung unzufrieden waren, als Kandidat aufgestellt, später aber hörte man nur noch von ihm als von einem Börsenspekulanten, dessen Existenz zwischen Millionär und Bettler hin und her schwankte, und endlich starb er fast vergessen und hinterließ nur den schattenhaften Nimbus seines einstigen Ruhms als »Pfadfinder« und als erster Führer der Fahne der Republik.

An Stelle Fremonts ernannte der Präsident den General Franz Sigel zum Kommandeur des ersten Armeekorps der Virginia-Armee. Die deutsch-amerikanischen Truppen und scheinbar auch die Soldaten, weniger die Offiziere, der einheimischen amerikanischen Regimenter nahmen Sigel mit Begeisterung auf. Er hatte einen· ausgezeichneten militärischen Ruf. Schon in Deutschland hatte er 1849 im revolutionären Heere tapfer für die Freiheit gekämpft und in St. Louis jene zumeist aus Deutschen bestehende bewaffnete Macht organisiert und geführt, die wie aus dem Boden gestampft erschien und deren promptes Eingreifen der Union den Staat Missouri rettete. In verschiedenen Schlachten, besonders bei Pea Ridge, hatte er sich durch persönliche Tapferkeit und durch geschickte Führung der Truppen ausgezeichnet, und der Schlacht mit Sigel hatte seinem Namen Ansehen und Beliebtheit verschafft. So schien er den Schauplatz seiner Tätigkeit im Osten unter den denkbar günstigsten Umständen zu betreten; die späteren Ereignisse überzeugten mich freilich, daß es sowohl in seinem eigenen wie im allgemeinen Interesse besser gewesen wäre, er wäre im Westen geblieben. Das Ansehen selbst, das er dort erworben hatte, setzte ihn im Osten eigenartigen Unannehmlichkeiten und Gefahren aus. Beim Militär gibt es nicht weniger Eifersüchteleien als bei Künstlern und Schauspielern. Das ist eben menschlich. Und daß die aus der Kriegsschule hervorgegangenen Offiziere des stehenden Heeres die sogenannten »Westpointer«, nur mit Unzufriedenheit und Mißgunst sahen, wie so viele Civilisten zu hohem Rang befördert und mit wichtigen Kommandos betraut wurden, und sich daher zur Förderung ihrer eigenen Interessen und Ansprüche zusammentaten, mag wohl manchmal zum Schaden für das Allgemeine gewesen sein, war aber nicht verwunderlich. Im ganzen muß zugegeben werden, daß in dem Kriege, der so viele verdienstvolle freiwillige Offiziere zeitigte, doch der größte Teil fähiger höherer Kommandeure aus den in der Kriegsschule von West Point ausgebildeten Berufssoldaten bestand. Im Heer der Konföderierten war es nicht anders. Im Westen gab es verhältnismäßig wenig »Westpointer«; das Freiwilligenelement war sehr im Übergewicht, und die Beziehungen zwischen den bei den Offiziersarten hatten einen ganz demokratischen Anstrich. Im Osten war die Zahl der »Westpointer« im Heer viel größer und ihr Korpsgeist viel ausgeprägter und exklusiver. Die Beförderung von Zivilisten, welche hervorragende Persönlichkeiten waren oder sich besonders ausgezeichnet hatten, duldeten sie wohl, aber daß ein Feldherr der Freiwilligen, und noch dazu ein »Ausländer«, als ein Mann von ganz besonderer Befähigung, von dem sie lernen könnten, vom Westen nach dem Osten versetzt wurde, ging ihnen gegen den Strich, und sie erblickten in ihm einen anspruchsvollen Eindringling der sich überall ihre scharfe Kritik gefallen lassen mußte. Überdies war Sigel den besonderen Schwierigkeiten einer solchen Situation nicht gewachsen. Es fehlte ihm jener liebenswürdige Humor, der feindselige Stimmungen entwaffnet und gute Kameradschaft begünstigt. Seinem Gespräch fehlte das eingehende Interesse für andere, und seine Miene war zurückhaltend, ja streng und abstoßend. Er konnte aber nichts für sein Wesen, welches seine schwierige Lage leider zeitweilig erschwerte. Bei Beginn seiner Laufbahn im Osten lächelte ihm freilich alles.

Was mich betraf, so befleißigte ich mich, in meinem Kommando meine Pflichten kennen zu lernen und gewissenhaft auszuführen, um das Vertrauen der Offiziere und Mannschaften zu gewinnen. Einige der Obersten, besonders solche, die in irgendeinem Lande militärische Schulung genossen hatten, waren wenig davon erbaut, mich zum Vorgesetzten zu haben, und gaben wahrscheinlich privatim dieser Empfindung kräftigen Ausdruck. Bei den Unteroffizieren und Mannschaften genoß ich eine gewisse Popularität, die aber nicht militärischer Art war. Aus all diesem machte ich mir nichts, sondern sorgte zunächst für die Bedürfnisse meiner Truppen, wozu ich in einer 14tägigen Ruhepause zum Glück gute Gelegenheit hatte. So kehrte Heiterkeit und Zufriedenheit in unser Lager zurück, was meine Leute über Gebühr ihrem neuen Kommandeur zuschrieben. Zugleich zeigte ich meinen Offizieren, daß ich etwas vom Kriegshandwerk verstand. Ich inspizierte Tag und Nacht unsere Vorpostenlinie und machte auf Fehler in der Aufstellung einiger Feldwachen aufmerksam, die meine Obersten sofort anerkannten. Am 9. Juli marschierten wir von Mount Jackson über Thorntons Gap nach Sperryville, und es fiel Offizieren wie Mannschaften auf, daß der Marsch unter meiner Führung mit einer ihnen bisher ungewohnten Ordnung und Behaglichkeit vonstatten ging. In Sperryville richtete ich, sobald die Truppen etwas gerastet hatten, Divisionsübungen ein, die ich persönlich kommandierte. Ich exerzierte meine beiden Brigaden in Kolonnen, ließ sie in Schlachtordnung aufmarschieren, formierte zum Angriff, und ließ Schwenkungen, Frontwechsel und was dergleichen Bewegungen mehr sind ausführen. Einmal kam Sigel zufällig vorbei, war voll Lobes und äußerte seinen Wunsch, daß dergleichen im Heere mehr gemacht würde. Noch größere Freude machte mir jedoch der Besuch des Obersten Alexander von Schimmelpfennig vom 74. Regiment der Pennsylvania-Freiwilligen meiner ersten Brigade. Es war jener selbe preußische Offizier Schimmelpfennig, der vor 13 Jahren in der pfälzischen Revolutionsarmee gedient und der mir im Winter 1848 – 1849 militärischen Unterricht gegeben hatte. – Jetzt war er mein Untergebener.

»Ihr Divisionsexerzieren war ausgezeichnet,« sagte er, »ausgezeichnet. Wo haben Sie das gelernt?«

»Zuerst von Ihnen, « entgegnete ich, »und dann aus den Büchern, die Sie mir empfohlen haben, in Zürich, wissen Sie noch?«

»Vortrefflich,« antwortete er offenbar sehr erfreut. Sie haben gut studiert. Nun lassen Sie es uns ebensogut machen, wenn die Kugeln pfeifen.«

Ich fühlte mit großer Befriedigung, daß ich Achtung und Vertrauen meiner Offiziere und Leute gewonnen hatte, aber die schlimmste Prüfung sollte noch kommen, und zwar bald.

Am 8. August erhielten wir Marschbefehl. Die Unterfeldherren wußten wenig vom Ziel der Bewegungen, es hieß nur, daß die allgemeine Lage kritisch geworden sei. McClellans großer Feldzug auf der Halbinsel zog sich entmutigend in die Länge; die Potomac-Armee bedrohte Richmond nicht mehr, und General Lee, der jetzt an der Spitze der konföderierten Armee in Nordvirginien stand, hatte freies Feld für eine Angriffsbewegung auf Washington und drohte mit einem Einfall in die Nordstaaten. General Halleckk war an Stelle McClellans Oberbefehlshaber der Armeen der Vereinigten Staaten geworden, aber weder das Volk noch die Truppen brachten ihm Vertrauen oder gar Begeisterung entgegen. Die Regierung hatte das Kommando der Virginia-Armee dem General Pope anvertraut, dessen Ernennung zu einem so wichtigen Posten, trotz der im Westen geleisteten guten Dienst bei Militärpersonen Kopfschütteln erregte. Halleckk beschloß, die Potomac-Armee Pope zu Hilfe zu führen. Letzterer machte gleich am Anfang viel böses Blut durch eine sehr ruhmredige, bombastische Proklamation an »die Offiziere und Mannschaften der« Virginia-Armee«, welche eine zum Teil sehr unverdiente Kritik der Offiziere und Soldaten im Osten enthielt. Kaum zwei Monate später bereute er jedes Wort dieser Kundgebung. Im Juli hatte Pope drei Armeekorps unter Führung von Sigel, McDowell und Banks zur Verfügung und bedrohte damit Gordonsville und Staunton und die Eisenbahn, welche ein wichtiges Bindeglied zwischen Richmond, der Hauptstadt der Konföderation und dem Westen bildete. Er schob sogar einige Truppen unter Banks bis Culpepper vor. Aber Stonewall Jackson mit 25000 Mann rückte gegen den viel schwächeren Banks vor und traf ihn bei Cedar Mountain. Sigels erhielt Befehl, sofort Banks zu Hilfe zu eilen. Wir brachen am 8. August nachmittags von Sperryville auf und marschierten die ganze Nacht durch. Sie war sehr heiß, aber der folgende Tag war noch viel heißer. Nachdem wir am Hazelriver ein wenig gerastet hatten, setzten wir morgens unseren Marsch nach Culpepper fort, wo wir 2 Uhr nachmittags ankamen. Es war das erste Mal, das bei über 900 Fahrenheit Marschierte. Als die Sonne wie ein riesiger, drohender Feuerball aufging, waren es sicher schon über 802 und um 9 Uhr brannten ihre heißen Strahlen unerbittlich auf uns nieder. Es war keine Wolke am Himmel und kein Lüftchen regte sich; der Staub, den unser Marsch verursachte, stieg kaum über unsere Häupter, und in der dicken, undurchdringlichen Wolke arbeiteten sich die Mannschaften, wie eine dunkle Masse im Nebel, mühsam weiter. Da wir auf den Feind zu stoßen erwarteten, hatte ich die Kommandeure der Brigaden und Regimenter angewiesen, die Marschkolonne geschlossen zuhalten, um das Abfallen von Nachzüglern zu vermeiden. Sie taten gewiß ihr Möglichstes, aber als die Sonne immer höher stieg und die Hitze immer unerträglicher wurde, erschlaffte die Disziplin. Die Leute, die mit Tornister und Mantel, mit dem Gewehr und der schweren Patronentasche belastet waren, schleppten sich schweißtriefend, Mund und Nase von erdigem Schleim verstopft, keuchend und mit weitaufgerissenen Augen mühsam dahin, und da jeder einzelne sich nach Luft und Raum sehnte, verlor die Kolonne bald ihre ordnungsmäßige Richtung und verbreitete sich unregelmäßig über die Felder. Wo nur irgend ein Wasserrinnsal, ein Brunnen oder eine Pfütze sichtbar wurde, stürzten sich gleich Hunderte darauf und fielen übereinander, im Bestreben, ihren quälenden Durst zu löschen. Viele warfen Tornister und Mantel fort, viele blieben vollständig erschöpft am Wege liegen. Die deutschen Regimenter, die am Morgen unter Gesang ihrer vaterländischen Lieder ausgezogen waren, ermutigte ich wieder zum Singen, aber der Versuch schlug traurig fehl. Einige der am Boden liegenden Leute rafften sich mühsam auf, wenn ich vorbeikam, salutierten und riefen: »Nur keine Sorge, Herr General; irgendwie kommen wir doch hin!« Andere gaben alles verloren und wollten lieber hier als anderswo sterben. Als wir um 2 Uhr nachmittags in Culpepper eintrafen, waren einige Regimenter fast zu Fahnenabteilungen dezimiert, aber nach und nach langten die Nachzügler an, die so tapfer versprochen hatten, »irgendwie hinzukommen«, und auch andere dazu, so daß wir bald wieder fast vollzählig waren.

Zwischen 4 und 5 Uhr hörten wir in der Richtung von Cedar Mountain Geschützdonner. Es war die erwartete Schlacht zwischen Banks und dem Konföderiertengeneral Stonewall Jackson, und wir eilten Banks zu Hilfe. Kaum waren wir zwei Meilen marschiert, als uns einige Fliehende vom Schlachtfelde begegneten, die uns grausliche Geschichten von einer »blutigen Niederlage« erzählten, in der Banks Heer ganz aufgerieben sei. Die Rebellen sollten ihnen nachgesetzt haben und ihnen auf den Fersen folgen. Wir versuchten vergebens, die Flüchtlinge aufzuhalten. Dann trafen wir auf ein aus noch aus zwei bis dreihundert Mann und der Fahne bestehendes, von Schrecken ganz demoralisiertes Regiment, dessen Kommandeur uns mitteilte, die Schlacht sei verloren, eine feindliche Übermacht habe ihn vom Felde getrieben, und er sei ohne Befehle. Der Anblick unserer geordnet marschierenden Truppen flößte ihm offenbar wieder Mut und Vertrauen ein, und er gab den schleunigen Rückzug auf. Wir hörten, daß General Sigel, der mit der Avantgarde uns weit voraus war, auch einige verstreute Truppenteile hatte aufsammeln können, besonders zwei Batterien Feldartillerie, die in vollem Rückzuge gewesen waren, deren Kommandeure sich jedoch gern unter den Befehl Sigels gestellt hatten. Als wir Sigel eingeholt hatten, war das Geschützfeuer noch in vollem Gange. Er ließ meine Division und die des General Schenck Stellung nehmen; aber die Rebellen gaben ihren Angriff auf, und das Gefecht nahm ein Ende, ohne daß wir ins Feuer gekommen wären.

General Banks war in der Tat nach tapferem Kampfe gegen eine vierfache Übermacht böse geschlagen worden; da der siegreiche Jackson aber bemerkte, daß Verstärkungen gegen ihn zusammengezogen wurden, zog er sich über den Rapidan zurück. Am 11. machten wir vierundzwanzig Stunden Waffenstillstand, um Verwundete aufzusuchen und Tote zu begraben. Offiziere der Union und der Konföderation trafen sich auf dem Schlachtfelde von Cedar Mountain und tauschten Höflichkeitsbezeigungen aus. Der berühmte General der Kavallerie »Jeb« Stuart, eine martialische, elegante Gestalt, war einer der Feldherren der Konföderation. Ich bedaure sehr, daß ich nicht mit ihm ins Gespräch kam, denn ich fühlte mich von dem stattlichen jungen Gegner mit der tapferen, heiteren Miene sehr angezogen.

Da Stonewall Jackson seine Truppen über den Rapidan zurückgezogen hatte, nahmen wir den Fluß entlang Stellung; Sigels Korps bildete den rechten Flügel. Inzwischen rückte Genera Lee mit der Hauptmacht der konföderierten Truppen von Richmond heran, um sich mit Jackson zu vereinigen und, Pope in seiner exponierten Lage zu überwältigen. Da es bekannt wurde, daß er Popes rechten Flügel angreifen wollte, wurde ein allgemeiner Rückzug bis an den Rappahannock befohlen. Jackson marschierte auf dem westlichen Ufer den Fluß entlang. Und wir sollten ihn beobachten und ihn hindern, den Rappahannock zu passieren. Bei einer Rekognoszierung jenseits des Flußes zu der Schimmelpfennig mit seinem Regiment kommandiert wurde, erbeutete er elf schwer beladene Maultiere, die er mir sandte und zugleich um Verstärkung bat. Trotzdem ich als Divisionskommandeur mich eigentlich zurückhalten sollte, führte ich diese Verstärkungen selbst an das jenseitige Ufer, da es die erste Gelegenheit für mich war, Truppen ins Feuer zuführen. Wir kamen gleich an einem Waldstreifen arg ins Gefecht und vor einem sehr heftigen Angriff wich eins meiner Regimenter zurück. Mein erster Dienst auf dem Schlachtfelde bestand also darin, zurückweichende Truppen unter Schelten und Fluchen mit gezücktem Degen zum Stehen zu bringen und zu halten. Nun wurden wir aber auch von der Flanke und im Rücken angegriffen, und die Lage wurde bedenklich. Ich kommandierte einen Angriff mit gefälltem Bajonett, der brillant ausgeführt wurde und uns etwas Spielraum gab. Dann zogen wir uns zurück. Vom Walde herunter gings dann über die Wiese bis an den Fluß in etwas beschleunigtem Tempo. Der Feind hatte seine Schützen bis an den· von uns verlassenen Waldrand vorgeschoben, diese sandten uns ihre Kugeln nach. General Bohlen stürzte, ins Herz getroffen, tot vom Pferde. Meiner Meinung nach durfte aber ein Divisions-Kommandeur mit seinem Stabe angesichts seiner Truppen nicht schneller als im Schritt zurückweichen, also bewegten wir uns ganz gemächlich dem Flusse zu! Ich selbst passierte als letzter die Furt. Als ich das gegenüberliegende Ufer hinaufritt, erwarteten mich meine Leute und brachen in laute Hurrarufe aus. General Sigel, der die ganze Sache beobachtet hatte, fragte mich als erstes:

»Wo ist Ihr Hut?« »Er muß wohl irgendwo drüben in den Wäldern sein; ein niederhängender Ast oder eine feindliche Kugel hat ihn mir vom Kopf gerissen. Sagen wir eine feindliche Kugel, das klingt besser.«

Wir lachten vergnügt. »Nun,« sagte Sigel »ich freue mich, daß Sie heil hier sind. Als ich Sie da drüben so gemächlich vom Walde herunter bis zum Fluß im feindlichen Feuer schlendern sah, fürchtete ich jeden Augenblick, daß Sie fallen würden.«

Von dem Augenblick an waren meine Leute mir ganz und gar ergeben. Sahen sie doch, daß, wohin ich sie auch kommandierte, ich selbst bereit sein würde, mit ihnen zu gehen.

Dies kleine Gefecht bei Freeman’s Ford hätte sehr wichtig werden können, wenn ihm nur ein kräftiger Vorstoß unserer Truppen auf den Feind gefolgt wäre. Später hörten wir, daß Stonewall Jackson mit seiner berühmten »Fuß-Kavallerie«, wie seine Infanterie genannt wurde, einen Marsch von 50 Meilen in 36 Stunden gemacht und unser Hauptmunitionslager genommen hatte; auch »Jeb« Stuarts Dragoner hatten bei Catletts einen ähnlichen kühnen Handstreich vollführt.

Am 27. bot sich wieder einmal Gelegenheit Jackson einzuschließen und gefangen zu nehmen, und Pope befahl um 9 Uhr abends, daß McDowell und Sigel mit all ihren Truppen nach Manassas Junction, wo Jackson stand, abmarschieren sollten. Letzterer verließ aber Manassas Junction noch in selbiger Nacht, nahm nördlich auf dem alten Schlachtfelde von Bull Run Stellung und wartete dort auf Verstärkungen unter Longstreet. Jackson war weit davon entfernt, sich von uns fangen zu lassen. Wir aber mußten versuchen, ihn zu schlagen, ehe Longstreet zu ihm stieß, wir folgten ihm also, nachdem auch gewisse Teile der Potomac-Armee sich mit uns vereinigt hatten.

Die Frage, ob Pope zu der Zeit und an der Stelle eine Schlacht liefern sollte, konnte doppelt beantwortet werden. Große Vorzüge bot es mit den sämtlichen Truppen auf Centreville zurückzugehen, wo wir Proviant, Munition und alles Nötige in Menge vorfinden und eine Verstärkung von zwei Armeekorps alter, geschulter Truppen erhalten würden, die uns ein großes numerisches Übergewicht gegeben hätten. Andererseits hatten wir die obenerwähnte Gelegenheit, Jackson in promptem Angriff zu schlagen, ehe Hilfstruppen ihn erreichten. Pope entschied sich für letzteres, und das Ergebnis war die zweite Schlacht bei Bull Run.

Wird es den Leser interessieren, die persönlichen Erlebnisse eines neugebackenen Divisionskommandeurs in einer Schlacht zu erfahren?

Ich hatte mit meinen zwei kleinen Brigaden die Nacht im Biwak zugebracht. Jetzt brach der Tag an, und meine Leute waren noch dabei, ihr karges Frühstück zu verzehren. Es gab Zwieback und dünnen Kaffee, weiter nichts. Unsere Proviantwagen waren nämlich in dem allgemeinen Train verwickelt. Nun formierten sich die Truppen in aller Stille, ohne Trommelschlag, Hornsignal oder lauten Kommandoruf. Wir standen ja unmittelbar vor dem Feinde. Als die Sonne an dem wolkenlosen Augusthimmel emporzuklimmen begann, standen die Truppen marschbereit da. Ich betrachtete eingehend das Terrain, welches sich rechts und links von uns als ziemlich weite Ebene dehnte und nur hier und dort von kleinen Anhöhen oder zerstreuten, mit Bäumen umgebenen Häusern unterbrochen war, Punkten, die schon aus der ersten Schlacht bei Bull Run bekannt und berühmt waren. Vor mir sah ich das Bächlein Youngs Branch, einen Zufluß des Bull Run, jenseits des Baches einzelne größere Baumgruppen und weiterhin einen ausgedehnten, dichten Wald. Sigels Armeekorps, etwa 9000 Mann stark, bildete den rechten Flügel unserer Armee, und meine Division den rechten Flügel von Sigels Korps.

Ich erhielt Befehl, vorzurücken und anzugreifen. Vom Feinde nirgends die geringste Spur. Man nahm an, daß er den Wald besetzt hielt, aber wo er stand und wie stark er war, wußte kein Mensch. Totenstille herrschte ringsumher. Ich hörte keinen Laut, weder von links, wo ich zu Milroys Brigade stoßen sollte, noch aus der Richtung, wo Schencks Division, Sigels Armeekorps und andere Truppenkörper sich befinden sollten. Mein Befehl lautete jedoch ausdrücklich und klar, bei Sonnenaufgang vorrücken und angreifen. Also sollte ich augenscheinlich die Schlacht eröffnen. Meine Truppen gingen durch eine Furt im Youngs Branch, und am anderen Ufer stellte ich sie nach allen Regeln der Kunst in Schlachtordnung auf. Schützelinie voran, dann das Gros, auf dem rechten Flügel Oberst Schimmelpfennig, auf dem linken Oberst Krzyzanowski, die Artillerie in einer den vor uns liegenden Waldrand beherrschenden Stellung. Ich galoppierte die Front entlang, um den Offizieren noch ein paar letzte Anweisungen zu geben, und wurde dabei von den Mannschaften mit lautem Hurrarufen begrüßt. Das· wurde ihnen freilich sofort verboten, da wir uns nicht durch unnötigen Lärm verraten. durften.

Die Schützen schwärmten aus; in schnellem Lauf waren sie bald an den Baumgruppen vorbei und betraten den Wald. Das Gros folgte ihnen in angemessener Entfernung. Noch immer vom Feinde keine Spur. Es verging eine Viertelstunde. Noch immer Totenstille ringsumher. War der Feind überhaupt da? Plötzlich, horch! Waren das nicht zwei Flintenschüsse? Schnell nacheinander fielen sie und anscheinend in der Gegend, wo meine Schützen sich mit denen Milroys vereinigen sollten. Noch heute höre ich im Geiste den klaren, hellen Ton jener beiden Schüsse. Dann folgte eine kurze Stille, dann ein unregelmäßiges Feuern auf der ganzen Linie. Kein Zweifel mehr, wir waren auf den Feind gestoßen. Das Knattern des Gewehrfeuers wurde immer lebhafter, aber die feindlichen Schützen schienen sich zurückzuziehen; ich sage »schienen«, denn sehen konnten wir blitzwenig. Die dichten Wälder hinderten schon an sich den freien Ausblick und waren überdies bald mit undurchdringlichem Pulverdampf gefüllt. Ich brannte darauf, mein Haupttreffen energischer vorzuschieben, aber durch den Marsch im dichten Wald mit schier undurchdringlichem Unterholz war die Ordnung ganz gelöst. Die Kompagnieführer taten ihr möglichstes, riefen laut, fuchtelten und zeigten mit ihrem Degen und suchten die zerstreuten Gruppen der Mannschaften zusammenzuhalten. Aber diese drängten immer weiter. Ich konnte nur noch das sehen, was sich in meiner nächsten Nähe abspielte, und mußte mir eingestehen, daß ich die Herrschaft über die Truppen verloren hatte. Ich befand mich bei Krzyzanowskis Brigade und schloß aus dem lebhaften Feuer rechts von uns, daß Schimmelpfennig in heißem Gefecht sein mußte. Da ritt plötzlich ein Ordonnanzoffizier heran und brachte mir Nachricht von Schimmelpfennig: »Bis jetzt alles gut, aber vor uns ist der Teufel los. Fragen Sie die beiden Gefangenen aus, die ich Ihnen schicke.«

Die beiden vor mir stehenden Gefangenen waren stämmige, bärtige, wettergebräunte, zerlumpte Gesellen. Ich befragte sie einzeln, und beide sagten übereinstimmend aus. Wir standen Stonewall Jackson gegenüber, der zwei Divisionen zu etwa 8000 Mann zur Verfügung hatte. Das stimmte mit den Meldungen, die wir bis jetzt über seine Stärke erhalten hatten, überein. Weiter berichteten sie, daß Jackson Longstreets Eintreffen innerhalb ein paar Stunden erwarte.

Dann war wirklich vor uns »der Teufel los«. Stonewall Jackson der schneidigste General der Konföderierten, mit mindestens 15000 Mann ihrer besten Infanterie stand dicht vor uns, und ich hatte höchstens 3000 Mann Infanterie zur Verfügung. Was war da zu machen? Vor allen Dingen Sigel benachrichtigen, auf Hilfstruppen warten, besonnen bleiben und größte Unerschrockenheit zur Schau tragen. Vielleicht wußte Jackson nicht, wie schwach ich war.

Inzwischen waren meine Schützen wohl eine halbe Meile vorgedrungen unter dem unheimlichen Geprassel der feindlichen Kugeln im Laub und gegen die Baumstämme. Unser Gros folgte, so gut es vermochte. Plötzlich ertönten statt des unregelmäßig knatternden Schützenfeuers krachende Salven von Infanteriepelotons Wir waren offenbar auf Jacksons Haupttreffen gestoßen. Nun hieß es: »Ruhig, Jungens, ruhig! Nehmt das Ziel nicht zu hoch! Feuert tief, feuert tief!« Und immer noch drangen meine Leute vor, wenn auch langsam. Da traf wieder eine Meldung von Schimmelpfennig ein; sie lautete schlimm. Er hatte große Truppenkörper beobachtet, die von rechts her auf ihn zu marschierten, und wußte nicht, ob es Soldaten der Union oder der Konföderation wären. Ich schickte ihm zur Unterstützung gegen die geheimnisvollen Neuankömmlinge das einzige Regiment, das ich entbehren konnte. Der Lärm vor meiner Front dauerte fort, und der tapfere alte Milroy, der den linken Flügel kommandierte, war so erschrocken von dem, was er später in seinem Bericht das »gewaltige Kleingewehrfeuer« um meine Stellung nannte, daß er mir zwei Regimenter schickte, die mir in meiner Not helfen sollten. Zugleich rückte General Steinwehr, Kommandeur der zweiten Division des Sigelschen Korps, mit einem Regimente heran, welches ich in Reserve stellen konnte. Kurz darauf traf eine dritte Meldung von Schimmelpfennig ein. Der Truppenkörper, der anscheinend seine Rechte bedroht hatte, war verschwunden, wahrscheinlich waren es Unionstruppen, die von Centreville kamen. Ich atmete erleichtert auf und berief das ihm zum Entsatz gesandte Regiment zurück. Es kam keinen Augenblick zu früh, denn die Rebellen machten einen plötzlichen, wütenden Angriff auf unser Centrum, welches sich aufzulösen begann. Die Ordnung wurde jedoch schnell wiederhergestellt, und wir gewannen in einem kräftigen Gegenangriff das verlorene Terrain wieder.

Mittlerweile war es 10 Uhr geworden; die Schlacht dauerte schon beinahe 5 Stunden, als mir gemeldet wurde, daß General Kearney von der Potomac-Armee angelangt sei und mich suche. Ich traf ihn eben außerhalb des Waldes. Er war eine echt martialische Erscheinung, er hatte einen Arm im Kriege verloren, hatte ein mageres Gesicht mit spitzem Bart und feurigen Augen. Die Mütze trug er auf dem einen Ohr und machte etwas den Eindruck eines französischen Offiziers. Er erkundigte sich bei mir nach dem Stande der Schlacht und nach meiner Stellung und bat mich, ihm und seiner Division an meiner Rechten etwas Platz zu machen. Ich war sehr einverstanden und sandte diesbezügliche Befehle an Schimmelpfennig. Der arme Kearney! Nur noch drei Tage sollte er leben!

Kearney hatte mich kaum verlassen, als ich vom Centrum meiner Stellung her ein furchtbares Getöse hörte. Es war der »rebel yell«, das berühmte Kriegsgeschrei der Südländer, in seiner wildesten Form und das Knattern von Flintensalven. In der Annahme, daß die Konföderierten einen zweiten, noch wütenderen Ansturm machten, gab ich Befehl, unsere Geschütze mit Kartätschen zu laden und das Reserveregiment in Bereitschaft zu halten. Ein paar Minuten später kamen drei unserer Regimenter in wildem Durcheinander aus dem Walde hervorgestürzt. Truppen der Konföderiertem, die ihnen mit lautem Geschrei nachstürmten, wurden am Waldrande von den Geschossen unserer Artillerie und vom lebhaften Flintenfeuer des Reserveregiments empfangen. Sie wichen zurück, hielten aber doch noch den Waldrand. Unter stetem Feuern drang das Reserveregiment vor, und inzwischen brachten wir mit dem Degen in der Hand unsere drei ungeordnet fliehenden Regimenter zum Stehen. Die Mannschaften machten einen eigentümlichen Eindruck, einige waren von grimmiger Wut über das Verhalten ihrer Kameraden; einige schämten sich, ihr Antlitz war zu einem blöden Lächeln verzerrt; einige starrten in hilfloser Verwirrung die Offiziere an, als wüßten sie nicht, wie ihnen geschähe; die Offiziere aber trieben die Leute mit tüchtigem Schimpfen und Fluchen und hier und dort einem Schlag mit der flachen Klinge wieder zusammen. Bald waren sie aufs neue um die Fahne gesammelt, und ein paar aufmunternde Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. »Das schadet gar nichts, Jungens! Das kann auch den besten Soldaten passieren. Nun vorwärts mit Hurra!« Der Ruf erschallte, und wir stürzten uns auf den Feind und gewannen sofort unsere frühere Stellung wieder; Schimmelpfennigs Brigade war ganz fest geblieben, und Krzyzanowskis war nur wenig zurückgewichen.

Ein Stabsoffizier vom Armeekorps kam bald darauf angesprengt und reichte mir einen Brief Sigels an Kearney, den ich lesen und weiterbefördern sollte. Sigel ersuchte Kearney, mit seiner ganzen Macht anzugreifen, da Longstreet, der Jackson entsetzen sollte, noch nicht eingetroffen wäre und wir jetzt noch eine letzte Gelegenheit hätten, Jackson allein zu überwinden. Das war sehr vernünftig gedacht. Da sofortiges schnelles Handeln not tat, bereitete ich eilig einen neuen Angriff vor und horchte eifrig nach Kearneys Geschützen zur Rechten. Aber ich hörte nichts. Wahrscheinlich kollidierte Sigels Ersuchen mit Anweisungen, die Kearney von seinen unmittelbaren Vorgesetzten erhalten hatte; aber ich faßte Sigels Worte als Befehl für mich auf und kommandierte auf der ganzen Linie einen Angriff, der unter Hurrarufen mit größter Tapferkeit ausgeführt wurde. Der Feind wich überall zurück. Der tapfere Oberst Soest, der das Reserveregiment befehligte, wurde an der Spitze seines Regimentes schwer verwundet. Zu meiner Linken kam das Gefecht bei einem früheren Eisenbahndamm zum Stehen. Der Damm lief mit meiner Front beinahe parallel und wurde vom Feinde als Schanze benutzt, von wo aus er uns mit heftigem Feuer überschüttete. Zu meiner Rechten nahm Schimmelpfennig den Damm in einem kühnen Sturm und ging sogar darüber hinaus, wurde freilich vom Feinde unter mörderischem Kreuzfeuer von Artillerie und Infanterie auf den Damm zurückgeworfen, den er aber standhaft hielt. Sigel schickte, mir zwei kleine Berghaubitzen und mit Hilfe ihres wirksamen Nahfeuers gelangte eine weitere Brigade bis an den Damm. Der Feind warf sich mehrmals heftig gegen unsere Stellung, wurde aber stets mit großen Verlusten zurückgeworfen.

Meine Hoffnungen aber, daß von rechts die Truppen der Potomac-Armee unter Kearney und Hooker zugleich mit mir einen Angriff machen würden, wurde arg enttäuscht. Wenn zugleich mit meinem Frontangriff ihre ganze Wucht auf den linken Flügel des Feindes geworfen worden wäre, hätten wir Jackson schon empfindlich lähmen können, ehe noch Longstreet eingetroffen wäre. Wie nun die Sachen lagen, war ich zu schwach, um irgendeinen etwa gewonnenen Vorteil auszunutzen. Es war in diesem Kriege die alte, so oft wiederholte Geschichte, daß Zeit, Kraft und Blut durch unzusammenhängende und eigenmächtige Operationen dieses oder jenes Truppenkörpers nutzlos verzettelt wurden, während ein gut geplantes gemeinsames Vorgehen große und vielleicht sogar entscheidende Ergebnisse im Gefolge gehabt hätte. Während rechts alles still war, hörte ich links bei Schenck und Milroy heftiges Feuer, welches oft vorging, oft zurückwich, ich schloß daraus, daß das Kriegsglück schwankte. Es war etwa 2 Uhr nachmittags, und das Gefecht um den Bahndamm war nur noch ein leichtes Geplänkel, als ich von Sigel Nachricht erhielt, daß meine Division in Reserve gestellt und durch Kearneys und Hookers Truppen ersetzt werden sollte. Wegen der Verfassung, in der sich meine Regimenter befanden, war mir diese Nachricht nicht gerade unwillkommen. Wir waren fast ununterbrochen acht Stunden im Feuer gewesen, viele Offiziere und Soldaten waren gefallen, und die Überlebenden waren ganz erschöpft. Ihr Magen war ebenso leer wie ihre Patronentaschen, sie hatten schon längst kein Tröpfchen Wasser mehr in ihren Feldflaschen und waren seit Stunden von dem quälenden Durst gepeinigt, den keiner kennt, der nicht an einem glühheißen Sommertage in der flammenden Feuerlinie einer Schlacht gestanden hat, ohne einen Tropfen Wasser, um sich die Zunge netzen zu können. In Ausführung des Befehles General Sigels zog ich also meine Regimenter der Reihe nach aus ihren Stellungen zurück, die nunmehr von den Soldaten der Potomac-Armee eingenommen wurden. Ich konnte in meinem dienstlichen Bericht der Wahrheit gemäß sagen: »Die Stellungen im Walde, welche meine Division genommen und behauptet hatte, wurden den Entsatztruppen in bester Ordnung übergeben. Ich hatte allen Grund, stolz auf meine Offiziere und Mannschaften zu sein.

Als wir uns in einiger Entfernung hinter der Feuerlinie befanden, war mein erster Gedanke die Sorge für die zahlreichen Verwundeten. Ich gestehe, daß ich bei ihrem Anblick tief gerührt war und meiner vom Mitleid erregten Gemütsbewegung kaum Herr werden konnte. Während der Schlacht, wo ich von den Pflichten· und Anforderungen des Augenblicks ganz hingenommen war, hatte ich kaum darauf geachtet, daß um mich herum Soldaten fielen, kaum ihr Ächzen und Stöhnen gehört. Aber jetzt! Von dem blutigen Schlachtfelde her kamen die Tragbahren in entsetzlichen langen Reihen heran und wurden ihrer blutbefleckten Last an der Stelle entledigt, wo die Militärärzte bei den Medizinkasten und Bandagen standen, mit dem Messer in der Hand, mit aufgestreiften Ärmeln und mit blutbefleckter Schürze, und dicht neben ihnen grausige Haufen von abgeschnittenen Gliedern. Und dann das herzzerreißende Jammern und Stöhnen der Verwundeten bei jeder Berührung der sie transportierenden Lazarettgehilfen! Und die flehenden Augen des sterbenden Jungen, der mich erkannte und mit gebrochener Stimme sagte: »Bitte, bitte, Herr General, können Sie mir nicht helfen?« Und ich konnte doch nichts tun, als ihm die Hand streicheln und ein paar Worte der Hoffnung und Ermutigung sagen, an die ich selber nicht glaubte, und ihn dem Arzt und seinen Gehilfen besonders empfehlen. Und solche Bilder drängten sich in entsetzlicher Folge, daß mir das Herz schwer ward und die Kehle wie zugeschnürt.

Nachdem ich so gut wie möglich für meine Verwundeten gesorgt hatte, bekümmerte ich mich um meine in der Nähe im Biwak liegenden Regimenter. Obwohl in einer Entfernung von kaum einer Meile das Schlachtgetöse noch donnerte, waren einige Proviantwagen bis zu unserer Stellung durchgedrungen und hatten das Menü der Mannschaften nicht erheblich, aber doch ein wenig bereichert, es gab etwas größere Rationen von Zwieback und Kaffee und hier und da etwas Speck. Die Leute hatten am Bach ihren brennenden Durst gestillt, einige hatten sich sogar den Luxus gestattet, sich das Gesicht zu waschen, und nun saßen sie da, so seelenvergnügt, als ob der Krieg zu Ende wäre und sie morgen heimkehren dürften. Sie aßen und tranken und plauderten, machten Witze über ihr üppiges Mahl, neckten diejenigen Kameraden, die vor dem »rebel yell« Reißaus genommen hatten, und brachen in jubelndes Hurrarufen aus, als ich ihr Verhalten von Herzen lobte.

Endlich konnten auch ich und meine Stabsoffiziere uns zu einem wahrhaft königlichen Mahle auf die Erde niedersetzen. Die heutige Schlacht hatte nämlich auch ihren humoristischen Zwischenfall gehabt. Etwa um Mittag, als ich im heftigsten Kugelregen stand, hörte ich plötzlich dicht hinter mir mit Stentorstimme rufen: »Herr General, Herr General!« Ich sah mich um und erblickte meinen Burschen Schiele, der einen gewichtigen Gegenstand über seinem Haupte schwang.

»Was hast du da, Schiele?« fragte ich.

»Zu Befehl, Herr General; einen Schinken, einen Schinken!«

»Wo hast du ihn her?«

»Zu Befehl, Herr General, ich hab’ ihn gefunden,« entgegnete er schmunzelnd.

Ich sagte ihm, er solle hinter die Feuerlinie gehen, dafür sorgen, daß er nicht getötet würde, und den Schinken auf Leben und Tod verteidigen, bis wir Zeit hätten, ihn zu verspeisen. Unter lautem Gelächter der Umstehenden lief Schiele davon.

Schiele war ein Original und in der ganzen Division sehr beliebt. Er war ein Schwabe und mir als Bursche empfohlen, weil er zum Felddienst etwas zu alt und zu korpulent war. In seinen Dienstleistungen war er gerade kein idealer Bursche, weder besonders ordentlich noch besonders gewandt. Unter anderem pflegte er meine Strümpfe mit hartem Bindfaden zustopfen, den er irgendwo gefunden hatte und den er für sehr stark und dauerhaft hielt, der aber an den Füßen abscheulich weh tat. Trotz seiner vielen Mängel konnte ich nicht daran denken, ihn durch einen tauglicheren Burschen zu ersetzen, denn er hing so an mir, daß ihm das Herz dabei gebrochen wäre. Sein drolliges, originelles Wesen machte uns allen unendlich viel Freude. Seine untersetzte, feiste Gestalt erinnerte mich stets an die Figur des Sancho Pansa, da er auf einem großen Esel einherzutraben pflegte, den er irgendwo »gefunden« hatte. Er spielte unter den übrigen Burschen des Generalstabes eine führende Rolle. Oft sammelten sie sich um ihn, und es war ein Hauptspaß, zuzuhören, wenn er in seinem schwäbischen Dialekt Erklärungen zur höheren Strategie lieferte oder in wichtigem Tone von den strengen Maßregeln erzählte, die er ergreifen müsse, um mich bei guter Gesundheit zu erhalten. Heute hatte er mir und meinem Stabe jedenfalls einen unschätzbaren Dienst erwiesen, denn wir hatten nur zu lange uns von hartem Zwieback und Kaffee genährt, und der Schinken war uns hochwillkommen. Aus Dankbarkeit standen wir davon ab, Schiele allzu genau darüber zu befragen, wo und wie er den Schinken »gefunden« habe, und erlaubten ihm, uns ausführlich von all den Kämpfen zu erzählen, in denen er den Schinken gegen einzelne Nachzügler, die ihn rauben wollten, verteidigt habe.

Während wir schmausten, waren wir jedoch jederzeit gewärtig, wieder an der Schlacht, die noch weitertobte, teilnehmen zu müssen. Meine im Laufe des Tages eingenommene und behauptete Stellung wurde jetzt von zwei Brigaden der Potomac-Armee unter Kearney und Hooker, zwei der berühmtesten Führer im ganzen Heere, gehalten. Sie machten im Laufe des Nachmittags mehrere schneidige Angriffe, und es gelang ihnen sogar, Stonewall Jacksons äußerste Linke hart zu bedrängen, ohne jedoch irgendeine Entscheidung herbeizuführen. Gegen Abend zogen sie sich wieder auf meine frühere Stellung zurück.

Wir legten uns auf dem Schlachtfelde schlafen zwischen Leichen, Pferdekadavern, Wagentrümmern und Fetzen von Bekleidung und Ausrüstung.

Am anderen Morgen, 30. April, erwies mir General Sigel die Ehre, meinem Kommando noch eine Brigade Infanterie zu überweisen, nebst einer Batterie, die von Hauptmann Hubert Dilger, einem der schneidigsten Artillerieoffiziere des ganzen Heeres, geführt wurde. Ich war sehr stolz auf dies Zeichen von Vertrauen. Gegen 9Uhr wurde ich angewiesen, im Rücken der Schenckschen Division eine Stellung einzunehmen, von der aus wir den größten Teil des Schlachtfeldes übersehen konnten. Es war eine leicht gewellte Ebene, von einzelnen Anhöhen und Baumgruppen unterbrochen. Rechts lag der Wald, in dem tags vorher meine Division gekämpft hatte und den jetzt Hooker, Kearney u. a. m. besetzt hielten. Vor uns stand, Fitz-John Porters Kommando, welches früh am Morgen herangerückt war. Links stand Reynolds und McDowell mit einem Teil seines Armeekorps. Vom Feinde sahen wir nichts als dichte Staubwolken, die auf eine bedeutende Truppenbewegung zu unserer Linken schließen ließen.

Es wurde uns mitgeteilt, daß man in Popes Hauptquartier der Meinung sei, dem Feinde sei gestern übel mitgespielt worden, und er, habe während der Nacht den Rückzug angetreten, um ihn ganz zu demoralisieren sei es nur nötig, ihn kräftig zu verfolgen. Gegen 2 Uhr ging Porter zum Angriff über. Kaum war er jedoch durch einen vor ihm befindlichen Waldstreifen hindurchgekommen, als ein donnerndes Getöse von·Artillerie- und Infanteriefeuer erkennen ließ, daß er nicht auf eine Arrieregarde gestoßen war, sondern auf das Gros eines Feindes, der stark genug war, ihn gebührend zu empfangen. Eine halbe Stunde lang beobachteten wir die Sache mit gespanntester Aufmerksamkeit. Dann sahen wir die ersten Zeichen eines heillosen Zurückschlagens seines Angriffs. Ungeordnete Scharen von Soldaten kamen aus dem Walde, erst wenige, zerstreute, dann größere, Abteilungen, einige in eiligem Lauf, andere nur in etwas beschleunigter Gangart. Endlich stürzten in wildem Durcheinander Kompagnien und Regimenter hervor, die vergeblich versuchten, sich um die Fahne zu sammeln; diesen folgten noch größere Abteilungen, die sich in besserer Ordnung zurückzogen, und hohe Offiziere mit ihrem Stabe, die sich vergeblich bemühten, die Leute zum Stehen zu bringen. Es, war ein trauriger Anblick, aber es fehlte auch hier nicht an den komischen Zwischenfällen, an welchen der gewiegte Soldat auch mitten in der düsteren Tragödie der Schlacht noch Spaß hat. Unter den Fliehenden fiel besonders ein Regiment Zuaven in hellblauen Jacken und roten Pluderhosen auf. Da sie in alle Richtungen zerstreut waren, erglänzte das ganze Schlachtfeld kurze Zeit sozusagen in Blau und Rot. Meine Aufmerksamkeit erregten besonders zwei Zuaven, die auf einer Decke einen verwundeten Kameraden trugen. Sie kamen gerade an meiner Kolonne vorbei, als dicht bei ihnen eine feindliche Granate platzte. Sofort ließen die beiden Soldaten die Decke fallen und rannten davon. Der »verwundete Kamerad« aber sprang eiligst auf und folgte ihnen mit solcher Schnelligkeit, daß er sie bald überholt hatte. Schallendes Gelächter der umstehenden Truppen klang hinter den Dreien her.

Da der Feind unseren Angriff abgeschlagen hatte, vermutete man, daß er die Offensive ergreifen würde. Sigel schob Schencks Division, und hinter ihr meine, in eine stärkere Stellung vor. Um 4 Uhr hatten Porters fliehende Truppen unsere Front ganz bloßgelegt, und unsere Leute rückten tapfer vor unter einem heftigen Artilleriefeuer, welches uns große Verluste beibrachte. Gegen fünf Uhr aber eröffnete der Feind seinen Hauptangriff auf unseren linken Flügel, der gegen die gewaltige Übermacht nicht standhalten konnte. Der Kampf war außerordentlich heftig. Der Brigadekommandeur Koltes fiel an der Spitze seiner Truppen. Krzyzanowskis Pferd wurde unter ihm weggeschossen, und Schenck mußte verwundet vom Schlachtfelde getragen werden. Der Boden war mit unseren Toten dicht besät. Als Sigel merkte, daß sein linker Flügel immer mehr zurückgedrängt wurde und gegen die Übermacht der feindlichen Artillerie und Infanterie nichts ausrichten konnte, befahl er mir, meine Division zurückzuziehen und die nächste Hügelreihe bei dem Stone House genannten Gebäude zu besetzen. Schimmelpfennigs Brigade und Dilgers Batterie deckten meinen Rückzug, der in tadelloser Ordnung ausgeführt wurde. Besonders zeichnete sich Hauptmann Dilger dadurch aus, daß er auf den verfolgenden Feind mehrmals ein Nahfeuer von Kartätschen richtete, ihn auf diese Weise zweimal abschlug und dann selbst ungestört seiner Brigade folgte. Mein Kommando kam aus dieser Feuerprobe leider stark dezimiert, aber in bester Ordnung heraus, und ich konnte wahrheitsgetreu in meinem offiziellen Bericht sagen: »Meine Truppen standen wie eine Mauer, bis der Rückzug kommandiert wurde, den sie in bester Ordnung ausführten.«

Als ich die mir angewiesenen Hügelkette erreichte, bot sich mir ein überraschendes Bild. General McDowell mit seinem Stabe zu Pferde hielt mitten in einer dichten Menge von Soldaten, die zum Teil noch etwas geordnet, zum Teil ganz aufgelöst waren; und unter denen sich Proviant- und Ambulanzwagen und sogar einzelne Geschütze befanden. Die ganze Menge strömte unaufhaltsam rückwärts und niemand schien sich die geringste Mühe zu geben, diesen Strom zu dämmen und die Ordnung wieder herzustellen. Ich bemerkte eine völlig ausgerüstete Batterie von sechs Geschützen, die von der Menge mit fortgerissen wurde. Der Offizier, der sie führte, sagte mir, er sei, er wisse nicht wie, von seiner Brigade getrennt worden und sei ohne Befehle. Es gelang mir, ihn zu bewegen, seine Geschütze aus dem Gedränge herauszuarbeiten und sie auf einer nahen Anhöhe aufzupflanzen. Er tat dies gern und eröffnete sofort Feuer auf die gegenüber liegende feindliche Artillerie. Auf unserem linken Flügel wütete der Kampf noch heftig, und der Feind gewann immer mehr Boden. Sigel befahl mir, eine Brigade dorthin, zur Unterstützung Milroys, zu senden, der hart bedrängt wurde. Ich schickte die Schimmelpfennigsche, die sich entschlossen in die zerrissene Feuerlinie stürzte, und obgleich sie Milroy, dessen Truppen arg zerstreut waren, nicht fand, tat sie doch schätzenswerte Dienste.

Die feindliche Artillerie schien das ganze Schlachtfeld zu beherrschen. Zwei Stunden lang hatten wir in einem fortwährenden Kugelregen gestanden, auf den wir nur unterbrochen erwidern konnten. Als die Dämmerung hereinbrach, hörte das feindliche Feuer allmählich mehr und mehr auf, und an unserem linken Flügel war im Gefecht geradezu ein Stillstand. Der Feind hatte, trotz seines Erfolges, gewiß fast ebensoviel gelitten wie wir und war jedenfalls in dem Zustand leichter Unordnung, der fast immer eine Folge der Bewegung großer Truppenkörper auf dem Schlachtfelde ist. Ich überlegte mit General Sigel die Lage, und wir kamen beide zu der Ansicht, daß, als der Feind den Fuß des Höhenzuges den wir jetzt gerade besetzt hielten, erreicht hatte, er wahrscheinlich zu erschöpft gewesen war, um.den Angriff fortzusetzen, und daß er vielleicht auch so erschöpft sein würde, daß er sich von einem recht kräftigen Angriff unsererseits würde zurückdrängen lassen. Wir hätten gewiß noch Truppen genug gefunden, die einen solchen Angriff ausführen konnten, wenn nicht Popes Befehl eines allgemeinen Rückzugs und die Tatsache, daß ein großer Teil der Truppen schon auf dem Wege nach Centreville war, alle Erwägungen abgeschnitten hätten. Seitdem ist von maßgebenden militärischen Kritikern.mehrfach behauptet worden; daß Pope ohne große Gefahr auf dem Schlachtfelde hätte bleiben, während der Nacht »aus Centreville 20000 Mann Verstärkungen heranholen und somit ein gewaltiges numerisches Übergewicht über den Feind hätte gewinnen können, und daß das formelle Eingestehen der Niederlage und« die Demoralisation, welche dieses Eingeständnis im ganzen Heer zur Folge hatte, sowie der Schaden für die Sache der Union hätte vermieden werden können« Mein persönlicher Eindruck von der Sachlage auf dem Schlachtfelde an jenem Abend stimmt. mit dieser Ansicht überein.

Gegen 8 Uhr wies Sigel mich an, Schimmelpfennigs Brigade zurückzuziehen und mit meiner ganzen Division nach dem hügeligen Gelände zwischen Youngs Branch und Bull Run zu marschieren, wo ich zu unserem übrigen Korps stoßen sollte. Da verharrten wir im Dunkeln zwei Stunden lang. Der Feind behelligte uns gar nicht. Nachdem gemeldet worden war, daß, soweit bekannt, die übrige Armee über den Bull Run gegangen war, befahl Sigel, daß das Armeekorps nach Centreville abmarschieren sollte. Zwischen 11 Uhr und Mitternacht gingen wir über die Stone Bridge genannte Brücke. Auf dem östlichen Ufer nahmen wir wieder Stellung, um mit Dilgers Batterie die Brücke zu beherrschen. Wir entdeckten dort noch ein versprengtes Batallion Infanterie, welches einige verlorene Geschütze aufgesammelt hatte und dessen Kommandeur, Oberst Kalle, sich bereitwillig unter das Kommando Sigels stellte. Einer von McDowells Offizieren, der zufällig vorbeikam, sagte uns, wir würden von links her vom Feinde bedroht, aber kein Feind ließ sich« blicken. Endlich gab Sigel Befehl zum Abmarsch, Schimmelpfennigs Brigade sollte als letzte die Brücke zerstören. Etwas nach ein Uhr steckten wir die Holzteile der Brücke in Brand und rückten ab. Wir holten Sigel und das Armeekorps gegen 3 Uhr auf der Landstraße ein, gingen bis 5 Uhr in Biwak, weil die Straße von Truppen versperrt war, und erreichten gegen 7 Uhr Centreville und die vor einem Jahre aufgeworfenen Schanzen der Konföderierten.

Ich kann daher für mich und meine Truppen die Ehre beanspruchen, den Rückzug von Bull Run gedeckt zu haben, wenigstens soweit für das Gros der Armee, das sich über Stone Bridge zurückzog, eine Deckung nötig war. « Es ist.mir bekannt, daß General Sykes eigentlich diese Aufgabe zufallen sollte, aber ich habe guten Grund zu der Annahme, daß Sykes, der wahrscheinlich dachte, daß alle Truppen vor ihm das Schlachtfeld verlassen hätten, ziemlich lange vor mir den Bull Run überschritt Jedenfalls kam meine Abteilung als letzte in Centreville an, und da keine Truppen uns unterwegs einholten, scheint die Frage somit entschieden.

In Centreville hielten wir nur kurze Rast. Der Feind ließ die Warrenton-Centreville Straße allerdings unbehelligt, aber er machte eine große Flankenbewegung über die Little River-Straße, um uns bei Fairfax Court House abzuschneiden und daran zu hindern, die Befestigungen bei Washington zu erreichen. Die Folge war das heiße Gefecht bei Chantilly, wo zwei unserer tapfersten Generäle, Kearney und Stevens, fielen. Dem Nachrücken der Konföderierten war jedoch Einhalt getan.

Unter dem Schutze der Befestigungen von Washington sollte das ganze Heer reorganisiert werden, und diese Aufgabe fiel wieder McClellan zu, der ihr wie kein anderer gewachsen war.

Wie ein böser Traum lebt in meiner Erinnerung der Nachtmarsch des Sigelschen Korps von Centreville nach Fairfax Court House. Durch irgendein Versehen des Stabes befanden sich zwei große Truppenabteilungen auf derselben Straße im Dunkeln auf dem Marsche und gerieten derartig durcheinander, daß an ein geordnetes Kommando überhaupt nicht mehr zu denken war. Die Straße war gedrängt voll von Wagen, Protzkasten, Geschützen und Mannschaften; in dem dichten Knäuel ging alle Bewegungsfreiheit verloren; man wurde nur hülflos hin und her geschoben. Neben der Straße auf dem Felde zu marschieren, war ebenfalls unmöglich, denn auch das umliegende Gelände war voll von den verschiedensten, teils umgestürzten Fuhrwerken und von Soldaten, die sich mühsam aus den Reihen herausgearbeitet hatten und die sich nun um flackernde Feuer scharten, ihre Wasserkessel aufgesetzt hatten und Speck brieten.

Mitten auf der Straße im dichtesten Gedränge war ich mit einem einzigen Stabsoffizier eingezwängt. Unsere Pferde konnten kaum dann und wann ein paar Schritte tun und mußten dann wieder minutenlang stille stehen. Da ich mehrere Tage und Nächte fast ununterbrochen die Füße im Steigbügel gehabt hatte, schmerzten mir die Hacken unleidlich. Um mir Erleichterung zu verschaffen, trat ich aus dem Steigbügel heraus oder versuchte auch kurze Zeit, wie eine Dame sitzend zu reiten, aber es half kaum. Absteigen und eine Weile gehen, war unmöglich, denn, wenn es mir in dem dichten Gedränge auch gelungen wäre, abzusteigen, wieder aufsteigen hätte ich nicht können. In langsamem Vorwärtsschieben erreichten wir endlich, lange nach Sonnenaufgang Fairfax Court House. Dort waren an Straßenkreuzungen Soldaten aufgestellt, die mit lauter Stimme Namen und Nummer ihres Regiments ausriefen, und die betreffenden Mannschaften arbeiteten sich mühsam mit Flüchen und Fußtritten aus dem Gewühl heraus und scharten sich um ihre Fahne. Es bedurfte mehrerer Stunden, um das verworrene Knäuel zu entwirren und den übermüdeten Soldaten eine kurze Rast zu gönnen.

Am Abend des folgenden Tages erreichte ich mit meinen Truppen unser Lager in den Befestigungen vor Washington. Eben vor dem Eintreffen daselbst begegnete mir ein General in Begleitung eines Stabsoffiziers und einer Ordonnanz. Nach Beschreibungen erkannte ich sofort McClellan, den ich hier zum erstenmal sah. Sein schmuckes Aussehen überraschte mich einigermaßen. Seine tadellos saubere Uniform, bei der selbst die gelbe Schärpe nicht fehlte, bildete einen merkwürdigen Gegensatz zu unserer von der Schlacht und dem Marsch zerrissenen und beschmutzten Bekleidung. McClellan wies mir in freundlichem Tone mein Biwak an, ich bezog es, und damit endete mein Anteil an dem Feldzug der Virginia-Armee.

Mit schwerem Herzen dachte ich in der Muße des Lagerlebens über das schwere Unglück nach, das uns betroffen hatte. Ich fragte mich, wie lange die Bevölkerung der Nordstaaten solch wiederholtes Mißgeschick ohne Entmutigung ertragen würde, und wie lange die gegnerisch gesinnten Mächte Europas unsere Niederlagen mit ansehen würden, ohne offen für die Südstaaten Partei zu ergreifen, oder die Konföderation in aller Form anzuerkennen und gegen uns zu intervenieren. Mein einziger Trost war der Glaube an den im Norden herrschenden patriotischen Geist und das Gefühl, daß, je länger der Krieg dauerte, die Abschaffung der Sklaverei desto sicherer sein würde.

Persönlich konnte ich sehr wohl zufrieden sein. Ich hatte allerdings keine große Rolle gespielt und nichts besonders Hervorragendes geleistet; ich hatte nur, so gut ich konnte, meine Pflicht getan, aber es wurde mir doch von meinen Vorgesetzten, meinen Offizieren sowie auch von der Presse und aus dem Publikum reiche Anerkennung zuteil. Meine Leute begrüßtem mich bei jeder Gelegenheit mit freudigem Lächeln und jubelndem Zuruf, und auch außerhalb meiner Division hatte ich einen gewissen Ruhm erlangt. Eines Tages z. B. ritt ich an einer Abteilung einer mir nicht näher bekannten Division vorbei, die gerade auf »Rührt Euch!« stand, da trat ein Hauptmann vor seine Kompagnie und rief laut: »Hut ab vor General Schurz!« Darauf schwenkten die Leute begeistert den Hut und riefen laut Hurra! Eine große Befriedigung gewährte es mir, daß der Kommandeur eines, New Yorker Freiwilligenregiments, Oberst Gilsa, der preußischer Offizier gewesen war und als Fachmann hohe Ansprüche machte, mich persönlich aufsuchte und sagte: »Herr General, ich muß Sie um Entschuldigung bitten. Als Sie zum Brigadekommandeur ernannt wurden, betrachtete ich Sie als einen bloßen Zivilisten und habe weidlich geschimpft. Jetzt sehe ich ein, daß Sie Ihren Rang sehr wohl zu bekleiden verstehen, und ich möchte Ihnen gern meine Hochachtung bezeigen.«

Ein paar Tage nach unserer Ankunft in dem Lager bei Washington wurde ich von Kriegssekretär Stanton empfangen, und im Laufe des Gesprächs reichte er mir die Hand und sagte: »Ich habe von Ihrem Verhalten gehört. Ich danke Ihnen für das, was Sie in der letzten Schlacht getan haben.« Diese Worte des Kriegsministers, eines strengen Vorgesetzten, dem Schmeichelreden durchaus nicht lagen, waren mir besonders wertvoll.

Am selben Tage machte ich Lincoln meine Aufwartung, den ich in eifrigem Gespräch mit einer Menge hervorragender Politiker antraf. Er hatte nur Zeit zu einem raschen Händedruck und den Worten: »Ich höre, daß Sie ganz vortrefflich gekämpft haben. Ich wünsche Ihnen weiter alles Glück.« Auch wurde mir die Genugtuung zuteil, in Popes amtlichem Bericht meinen Namen unter denjenigen Divisionskommandeuren angeführt zu finden, deren Leistungen »die höchste Anerkennung verdienten«. Bei Freunden und Bekannten erntete ich ebenfalls von allen Seiten Anerkennung und Glückwunschschreiben. Freilich sollte ich bald Gelegenheit haben, die Wandelbarkeit irdischen Glückes kennen zu lernen.

Nach dem unglücklichen Ausgang des Popeschen Feldzuges schwirrten im Heer, in der Presse, in den Regierungskreisen, in Klub, wo auch immer öffentliche Angelegenheiten zur Sprache kamen, häßliche Gerüchte, Anklagen der Lauheit, des Verrates, der Feigheit u. dgl. m. umher; kurz, es wurde eifrigst nach einem Sündenbock gesucht, auf den man die Schuld des Mißlingens abwälzen könnte. Die Hauptopfer waren General Fitz-John Porter und General McDowell. Der erstere wurde vom Kriegsgericht verurteilt, weil er am 29. August die Befehle Popes vorsätzlich nicht ausgeführt habe, und wurde mit schlichtem Abschied entlassen. Dreißig Jahre mußte er die Schande dieses Urteils ertragen, dann wurden die Verhandlungen wieder aufgenommen und das erste Urteil umgestoßen. Zur Zeit seiner Verurteilung hatte er im Heere viel Sympathien, aber die öffentliche Meinung war gegen ihn. Es herrschte damals im Norden der Eindruck, daß die aus der Halbinsel zurückberufene Potomac-Armee, und in ihren Reihen besonders die »West Pointer«, sehr wenig geneigt waren, Pope zu Hilfe zu kommen, ja, daß die Offiziere im stillen wünschten und hofften, daß er geschlagen und gedemütigt würde. General Pope selbst äußerte diese Meinung in einem nach der Schlacht von Bull Run an Halleckk geschriebenen sehr erregten Briefe. Es muß betont werden, daß in jener Schlacht Offiziere und Mannschaften der Potomac-Armee mit bewunderungswürdiger Tapferkeit und Hingabe fochten, aber es ist andererseits nicht zu leugnen, daß im Gespräch die Äußerungen gewisser Offiziere der Potomac-Armee dazu angetan waren, den Verdacht der Illoyalität zu erwecken. Ich habe selbst Beweise dafür gefunden, z. B. hörte ich auf unserem Rückzug nach Centreville am 31. August einige Brigadekommandeure ganz ungeniert ihre Befriedigung über Popes Niederlage äußern und mit solcher überlegenen Nichtachtung von unserer Regierung in Washington sprechen, daß es mich verdroß und mich beunruhigt haben würde, wenn ich in ihren unvorsichtigen Reden nicht mehr eine unbesonnene Prahlerei des Lagerlebens als wirklichen Ernst erblickt hätte. Aber natürlich trug dergleichen auch von meinen Freunden beobachtetes Gerede viel dazu bei, den Verdacht der Illoyalität zu verbreiten und zu befestigen, der sogar heutzutage an manchen Stellen noch fortbesteht.

General McDowell war merkwürdigerweise bei Beendigung des Feldzuges der unbeliebteste Feldherr der ganzen Armee. Warum, war schwer zu sagen. Ich hatte ihn im vorhergehenden Winter in Washington kennen gelernt. Er war unzweifelhaft ein Mann von tadellosem Charakter, ein gebildeter, tüchtiger und durchaus ehrenhafter Soldat. Er konnte eine lebhafte und glänzende Unterhaltung führen; seine schnelle und scharfe Zunge machte ihn freilich unbeliebt, da er die Wirkung seiner Worte nicht immer richtig erwog. Über seine feiste Gestalt und sein fettes Gesicht wurde viel gewitzelt, und es machten sich sogar seine Mannschaften darüber lustig. Als die Kampagne beendet war, empfand er seine Unbeliebtheit selbst schmerzlich bis zur Krankhaftigkeit und verlangte eine eingehende Untersuchung seines Verhaltens vor einem Militärgericht. Eine Anklage lag gegen ihn nicht vor; er begründete seinen Antrag in fast rührender Weise, ihm sei zu Ohren gekommen, ein bei Bull Run tödlich verwundeter Kavallerieoberst habe vor seinem Tode in Bleifeder ein paar Zeilen aufgeschrieben, des Inhalts, er sterbe als Opfer der »Verräterei McDowells«, und er bitte, diese Zeilen an den Präsidenten zu befördern. In der Erwägung, daß der tapfere Oberst jedenfalls seine Anklage für begründet gehalten und geglaubt habe, mit seinen letzten Worten dem Vaterlande einen großen Dienst zu erweisen, und daß eine solche feierliche Anklage aus dem Grabe nicht unbeachtet bleiben dürfe, erbat sich General McDowell eine eingehende und unbeschränkte kriegsgerichtliche Untersuchung seines Verhaltens. Sie wurde ihm bewilligt die Verhandlungen dauerten über zwei Monate, und es wurden eine Unmenge Zeugen verhört. Das Ergebnis war, daß sich die Loyalität McDowells als unantastbar herausstellte; er hatte seine Pflicht als Soldat stets eifrig und treu erfüllt. Nur einmal hatte er den bösen Fehler begangen, seinen· Posten zu verlassen, um mit General Pope zu konferieren, und dies war leider in einem sehr kritischen Augenblick geschehen, wo er, wenn er anwesend gewesen wäre, sehr wichtige Befehle erhalten hätte, deren Ausführung infolge seiner Abwesenheit unterblieb. Auch Sigel war Zeuge, und aus seinen Aussagen merkte man, daß ein gespanntes Verhältnis zwischen ihm und McDowell herrschte, woran des letzteren scharfe Zunge schuld sein mochte.

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