Drei Berliner Theatergroessen

Ernst Raupach (1840)

Raupach scheint jetzt Berlin gegenueber einen schweren Stand zu haben. Selbst seine Freunde fuehlen sich in der Teilnahme, die sie ihm sonst zu schenken pflegten, erschoepft. Und doch find‘ ich, dass seine neuern Sachen nicht schlechter sind, als die frueheren, dass sie denselben Zuschnitt haben und dieselbe Kenntnis der Buehneneffekte verraten. Sollte vielleicht die sehr glueckliche Stellung dieses Mannes beneidet werden? Raupach hat von der koenigl. Buehne einen jaehrlichen Gehalt von 600 Talern und bezieht fuer jeden Akt seiner Dramen ausserdem noch 50 Taler. Seine Dramen (muessen) zwar nicht angenommen werden, aber sie werden es fast immer, jedenfalls wird jedes angenommene Stueck ausserordentlich beguenstigt und kann auf schnel1ste Erledigung rechnen. Wie schoene Kraefte koennten nicht fuer die Buehne gewonnen werden, wenn man andern dramatischen Talenten nur einen Teil dieser Beguenstigungen zuwendete! Denn nur aus einem intimen Anschliessen an eine Buehne, die willfaehrig selbst schwaechere Versuche darstellte, kann Lust und Kraft fuers Theater gezeitigt werden. Wird man seiner Fehler nicht ansichtig, so lernt man niemals, sie vermeiden. Dass Raupachs Stellung fuer die in der dramatischen Literatur aufkeimende Bewegung hemmend ist, liegt auf der Hand. Seine weitbauschigen Dramen werden an der hiesigen Buehne nach alten eingegangenen Verpflichtungen bevorzugt und jaehrlich nur vier solcher Dramen–und den andern ist die Haelfte der Theater-Abende und Memorial-Vormittage entzogen.

Eine Frage ist auch die: (Was treibt Raupach, Dramen zu schreiben?) Der Ehrgeiz, sich als Theater-Dichter zu bewaehren? Nein, er ist dafuer anerkannt. Eine innere Notwendigkeit, ein Drang des Nichtlassenkoennen? Das schon eher: Ich glaube sogar, dass Raupach nach dem Mass seiner Kraefte von seinen Stoffen begeistert ist. Nun wird man ihm doch gewiss noch zehn Jahre goennen muessen: auf jedes Jahr vier Dramen: macht die Aussicht, aus seinem unverwuestlichen Schaffenstrieb noch 40 Dramen zu erhalten! Sollt‘ es nicht da eine Grenze geben? Besaesse Raupach die Vielseitigkeit eines Kotzebue, dann waere die Aussicht minder abschreckend. Allein immer derselbe Stelzengang Schillerscher Geschichtsauffassung, immer dieselben den Schauspielern desselben Theaters auf den Leib zugeschnittenen Charaktere–man muss das Publikum bedauern, weil es bei aller Mannig- faltigkeit doch im Grunde nichts Neues sieht, und die Schauspieler, weil sie die Kraft ihres Gedaechtnisses an das nur allzuleicht Vergaengliche verschwenden …

Ludwig Tieck und seine Berliner Buehnenexperimente (1843)

Es bestaetigt sich denn wirklich, dass nach des Sophokles „Antigone“ nun des Euripides „Medea“ die Ehre hat, vom Koenigl. Hoftheater in Berlin zur Darstellung angenommen und zu demnaechstiger Auffuehrung bestimmt zu sein. Als den Urheber dieses Planes bezeichnet man ziemlich einstimmig den geh. Hofrat Tieck. Mendelssohn ist bereits daran, die Choere zu instrumentieren. Die Philologen freuen sich schon auf die gelehrten Abhandlungen, mit denen sie die Spalten der Berliner Zeitungen werden fuellen koennen.

Die aesthetische, lebendige, durch und fuer die Zeit lebende Kritik kann aber in diese Freude nicht einstimmen. Im Gegenteil muss sie dieses pseudoartistische Treiben mit gerechtem Unwillen erfuellen. Sie muss es unerschrocken aussprechen, dass die Vergeudung der Kraefte, die eine solche scheinbare Wiederbelebung des verfallenen Staubes alter Zeiten kostet, eine unverantwortliche Beeintraechtigung der Gegenwart ist. Ja, nicht nur eine Beeintraechtigung, sondern eine Beleidigung der Gegenwart.

Tieck missachtet unsere Zeit. Er mag sich in dieser gehaessigen Gesinnung gegen sein Jahrhundert gefallen, wo er will, in seinen Dresdener Leseabenden, unter den Eichen von Sanssouci, ueberall, nur nicht da, wo er durch seinen Einfluss der Gegenwart ihr lebendiges Recht, das Recht des Lebens, entzieht. Ja er mag auf einem Privattheater alle Dramen von Aeschylus bis Holberg nach seinen Angaben vorfuehren lassen, nur eine dem Volk, eine der Zeit und ihren Rechten angehoerende Buehne sollte vor dem Schicksal bewahrt sein, das Opfer dilettantischer Liebhabereien und literarhistorischer Proteste gegen die Mitwelt zu werden. Ist Herr v. Kuestner schwach genug, sich freiwillig, aus Kassenzweck, solchen Chimaeren, die seinem dramaturgischen Bildungsgange gaenzlich fremd, hinzugeben,–so ist dies schlimm. Ist sein Einfluss so gering, dass er unfreiwillig der gehorsame Diener der ihm angedeuteten Wuensche sein muss,–so ist es noch schlimmer.

Das Mittel, welches Ludwig Tieck ergreift, um unserer Zeit seine gruendliche Verachtung zu erkennen zu geben, ist ein dilettantisches Experiment, welches, auf Sand gebaut, einen Nutzen fuer Kunst und Literatur nie und nirgends bringen kann. Wird uns „Antigone“ bessere Liebhaberinnen, wird uns „Medea“ bessere tragische Muetter bringen? Beduerfen wir in einer Zeit, wo es der Schauspielkunst gerade an der Wahrheit der Natur und den unmittelbaren Affekteingebungen gebricht, jambenkundige Verssprecher und Verssprecherinnen? Beduerfen wir zur Belebung des Sinnes fuer hoeheres Schauspiel solcher Hilfsmittel, die, ueberwiegend von der Musik unterstuetzt, durchaus ein fuer das rezitierte Drama nur zweideutiges Ergebnis erzielen koennen? Ist die Weltanschauung der antiken Tragoedie eine erhebende fuer das Christentum, eine belehrende fuer den modernen Dichter, der ein ganz anderes Fatum zu schildern hat, als das blinde, hoffnungslose, starre antike? Werden Dichter, Schauspieler und Publikum sich durch solche aus der Luft gegriffene Mittel bessern, vervollkommnen, veredeln?

Ich hoere, ein derlei praktischer Nutzen wuerde auch mit den Zitierungen jener klassischen Gespenster gar nicht bezweckt. Nun denn, so sei es die Sache an sich, so sei es das reine Experiment des Literarhistorikers, der befriedigte Gusto des artistischen Gourmands. Dann muss man herzlich die Taeuschung bemitleiden, in welcher sich jeder befindet, der diese von Lampen erhellte, im Zimmerraum eingeschlossene und von moderner Musik unterstuetzte Tragoedie fuer die griechische der alten Welt halten kann. Deckt das Dach einer Reitbahn ab, hebt die Parkett- und Parterreplaetze fuer den tanzenden Chor auf, gebt etwas, das ungefaehr aussieht, wie die Ruinen alter Theater in Rom und Sizilien, und wir wollen unsere Gymnasiasten klassen- und coetusweise in eure antiquarischen Spielereien fuehren! Das, was uns da als des Sophokles „Antigone“ und als des Euripides „Medea“ gegeben wird, ist aber auch nicht die Sache an sich, ist nicht eure unschuldige Gelehrsamkeit, nicht eure harmlose Freude am Gewesenen. Nein, einen Wechselbalg schiebt ihr uns unter mit ganz offen polemischer Tendenz. Ihr luegt dem Publikum ein Kunstgenre vor, das nie existiert hat, als in eurer Eitelkeit, eurem Hasse gegen die Gegenwart, die das Unglueck hat, juenger zu sein als ihr! Um von den „Goetzen des Tages“ abwendig zu machen, erfindet ihr falsche Goetter, Goetter, die nie existiert haben, Heroen bei Lampenlicht, Oelgoetzen, Oedipe mit Souffleur- kastenbegeisterung, Kreons, die auf Abgaenge spielen, Choere, die sich auf den Kontrapunkt verstehen! Luege ist euer Beginnen, Zwitterwesen, luftige Seifenblase, aus Tonpfeifen erzeugt! Schaemt euch, so eure Zeit zu betruegen und die Kunst zu hintergehen.

Der Grundzug der ganzen literarischen Laufbahn Tiecks ist die Frivolitaet. Frivol nenn‘ ich alles, was Maschine ist und sich fuer Organismus ausgibt, alles, was Luft ist und Erde sein will, alles, was Willkuer ist und den Schein der Notwendigkeit annimmt. Nie ist Tieck ueber das belletristische Prinzip hinausgekommen, nie durchgedrungen zur sittlichen Idee aller Kunst. Nie war ihm etwas anderes heilig als die Form; Inhalt war ihm laestig, Ernst drueckend, das Erhabene nur willkommen, wenn es moeglicher- weise in den Scherz umschlagen konnte. Wer liesse ihn nicht in dieser seiner Art gewaehren? Er sei, er bleibe ironisch, aber die Ironie hat ihre Grenzen. Die Ironie hoert auf, wo die Tendenz beginnt. Wir meinen unter Tendenz nicht irgendeine Pedanterie der Wissenschaft oder eine Tyrannei der Kunst, wir meinen jene Tendenz vom Willen zur Tat, vom Mittel zum Zweck, vom Anfang zum Ende. Sei ironisch im Sommernachtstraum deiner Haeuslichkeit, deiner Novellen, sei ironisch unter den Puck- und Trollgeistern, die dich im gruenen Waldrevier deiner Talente bewundern und bedienen–aber lass vor den heiligen Raeumen des Ernstes deine Schelmenkappe zurueck: Geschichte, Moral, Volksbildung, Kritik und die Buehne, was sie jetzt ist, die Buehne als Traeger und Organ hoeherer Sittlichkeit: das sind Begriffe, in welcher die Ironie wenigstens nicht als Regulator auftreten darf.

Blickt man auf Tiecks literarische Laufbahn zurueck, so muss sich unwillkuerlich die Stirne runzeln. Was sieht man? Einen regen, berufenen, reichausgestatteten Geist, der von seinen Gaben keinen Gebrauch zu machen weiss, wenigstens keinen, der ueber einige heitere und witzige Schriften hinausging. Das Theater schien sein naechster Beruf. Er waere gern Schauspieler geworden und wuerde in dieser Laufbahn, von der ihm Schroeder abriet, vielleicht Grosses geleistet haben. Er persiflierte in seinen unauffuehrbaren Komoedien Iffland, ohne auch nur die Spur eines Ersatzes fuer ihn geben zu koennen. Er und seine Genossen, die Schlegel, machten Richtungen laecherlich, von denen sie spaeter eingestehen mussten, dass sie noch lange nicht so verderblich waren, wie die ohnmaechtigen romantischen Produkte, ueber welche Tieck in seinen spaetern dramaturgischen Blaettern berichten musste. Aus Verzweiflung, dass „Ion“, „Alarcos“, „Oktavian“ usw. fuer die persiflierte Richtung keinen Ersatz boten, warf man sich auf Calderon, Shakespeare, Goethe, die man wiederum so ueberpries, dass sich zwischen Altem und Neuem foermlich eine unueberschreitbare Kluft oeffnete und der Begriff des Klassischen ins Ungeheuerliche, schier Anbetungswuerdige erstarrte. Tieck, der das zu allen Perioden seines Lebens Neue nur immer tadeln, das Alte aber ueberschwenglich nur loben konnte, Tieck hat bei unleugbar reichen Mitteln, bei unleugbarer Buehnenkenntnis, nicht ein einziges Buehnenstueck schreiben koennen. Nicht ein Trauerspiel, nicht ein Lustspiel, vom Schauspiel zu schweigen, das diese romantische Koterie nicht auf die unbesonnenste und noch jetzt, fuer jeden Produzierenden gefaehrlichste Weise in Verruf gebracht hat. Bei so viel Witz, bei so viel dramatischer Routine nicht ein Lustspiel! Freilich muss das Bewusstsein solcher Ohnmacht an dem ehrgeizigen Manne nagen und ihn gegen seine Zeit so missstimmen, dass er sich lieber in die antike Buehne wirft, als frei und tuechtig der Gegenwart Rede zu stehen….

Madame Birch-Pfeiffer und die drei Musketiere (1846)

Herr von Kuestner scheint sich als General-Intendant zu halten. Eine Einnahme von 220 000 Talern soll lebhafter fuer ihn gesprochen haben, als alle Verteidigungen der Presse, als saemtliche Paragraphen seines mit Unrecht angefeindeten „Theater Reglements“. Ob diese Einnahme rein als eine Folge der guten Verwaltung oder nicht vielmehr ueberwiegend ein notwendiges Ergebnis der gesteigerten Theaterlust und des durch die Eisenbahnen vermittelten Fremdenzuflusses ist, steht dahin. Jedenfalls ist es gefaehrlich, bei Kunstinstituten, die doch die Berliner Hoftheater sein sollen, einen zu grossen Nachdruck auf Zahlen zu legen. Die Leidenschaft fuer „Ueberschuesse“ ist eine der gefaehrlichsten Intendanten-Krankheiten. Sie kann sich in ein hitziges Fieber verwandeln, bei welchem sich alle Begriffe von Geschmack und Kunstsinn verwirren.

Ich sagte, die neuen Berliner Theatergesetze waeren mit Unrecht angefeindet worden. Sie lesen sich streng, waren aber den eingerissenen alten und den zu verhuetenden neuen Missbraeuchen gegenueber eine Notwendigkeit. Bei ihrer Abfassung haette konstitutionell verfahren werden sollen, d.h. die Mitglieder der Koeniglichen Buehne haetten in die Gesetzgebungs-Kommission eine Anzahl Repraesentanten muessen waehlen duerfen. Aller Zeitungslaerm und Kulissenaerger waere durch dies konstitutionelle Verfahren vermieden worden. Die Gesetze jedoch, die nun da sind, flossen aus einem Bewusstsein, das offenbar nur das Gute wollte und denselben Willen bei jedem treufleissigen Kuenstler voraussetzte. Dagegen sich auflehnen und einen Laerm schlagen, als wenn dem redlichen Kuenstlerstreben das Palladium der Freiheit entwendet waere, verraet geringe Ueberlegung. Die Theatergesetze des Herrn von Kuestner sind nicht ohne Fehler, aber in den Hauptgrundsaetzen nur zu billigen.

Auch Verbesserungen des Personals scheinen wenigstens im Schauspiel beabsichtigt zu werden. Dem Fraeulein von Hagn soll die Last, das ganze Repertoire auf ihrem schoenen griechischen Nacken zu tragen, endlich erleichtert werden. Sie fuehlt sich gewiss sehr gluecklich, einen Teil ihrer Rollen an andere abzugeben und, wenn sie verreist (was sie waehrend drei der besten Theatermonate darf), ihre Partien in andern Haenden zurueckzulassen als in denen ihrer Schwester Auguste. Fraeulein Viereck ist vom Wiener Burgtheater, das einen wahren Blumenflor der besten weiblichen Buehnenkraefte besitzt, nach Berlin uebergegangen, eine hohe, plastisch edle Erscheinung, von etwas herbem Ton und noch nicht taktfest in empfindungsvollen Modulationen des Vortrags, jedenfalls mehr die Rollen repraesentierend, als sie schaffend; doch wird das Talent dafuer sich schon mit den Rollen entwickeln. Was Fraeulein Viereck nicht besitzt, diesen unmittelbaren poetischen Ausbruch einer „freud- und leidvoll“ bewegten weiblichen Natur, das wird Fraeulein Wilhelmi aus Hamburg bringen, ein Talent, das an der Elbe hochgeruehmt wird und, wie man vernimmt, gleichfalls von der grossmuetigen Entsagung des Fraeuleins von Hagn Vorteile ziehen wird. So bildete sich ja in Berlin ein Verein von Liebreiz und Talent, dessen Erwerbung Herrn von Kuestner alle Ehre macht. Clara Stich fuer die Naivitaet, Charlotte von Hagn fuer die keck gestaltende, geniale weibliche Charakterrolle, Fraeulein Viereck fuer die Salondamen, Fraeulein Wilhelmi fuer die schwungvollen jugendlichen Heldinnen der Tragoedie, Frau von Lavallade fuer duldende und zurueckgesetzte Gemueter, Madame Crelinger fuer die Medeen und Dr. Klein’schen Zenobien, Madame Birch-Pf—-

Halt! Wir kommen aus der Sphaere des Personals in die des Repertoires; denn es scheint, als haette Herr von Kuestner die fruchtbare Buehnendichterin mehr aus Ruecksicht auf ihre Feder, als auf ihre Darstellungsgaben engagiert. Sie ist ihm als Schriftstellerin benoetigter, denn als Mimin. Er wuenschte ihre Stuecke gleich aus erster Hand zu haben und benutzte eine durch den Abgang der Madame Wolff entstandene, allerdings gewaltige Luecke, um diese mit Madame Birch-Pfeiffer auszufuellen.

Ich habe die Verfasserin des „Hinko“ in meinem Leben zweimal spielen sehen. Vor dreizehn Jahren in Muenchen die Maria Stuart und vor zwei Jahren in Frankfurt am Main Maria Theresia. Beide Male hinterliess sie mir einen sozusagen grossartigen Eindruck. Es war etwas Volles, Gerundetes in ihrer Leistung. Das klangvolle Organ sprach zwar etwas den bayrischen Dialekt, was fuer Maria Stuart eine eigentuemliche Nuance war; aber auf Maria Theresia passte ohne Zweifel die oberdeutsche Mundart; denn Maria Theresia hat schwerlich je so gesprochen, wie ein Mitglied der Koeniglichen Buehne in Berlin sprechen sollte. Madame Birch-Pfeiffer stattete die Kaiserin mit vielem Gemuet und mancher derben Gestikulation aus. Kenner wollten finden, dass sie uebertreibe, andere, dass sie monoton waere. Genug, ueber ihre Verdienste als Kuenstlerin gestehe ich, kein Urteil zu haben.

Auch gegen ihre Stuecke wage ich, selbst Dramatiker, nichts zu sagen. Sie ist weit mehr als unsere deutsche Madame Ancelot. In Paris wuerde sie wie der Koloss von Rhodos das ganze Repertoire vom Odeon jenseits der Seine bis zu den Delassements comiques am Boulevard du Temple beherrschen. Sie wuerde klassisch sein fuer das Theatre francais, romantisch fuer die Porte St. Martin. Sie wuerde sich bald von ihrer eigenen Phantasie, bald von deutschen und englischen Romanen (nicht von franzoesischen, denn dem franzoesischen Romandichter muss der Dramatiker sein Sujet abkaufen!) befruchten lassen. Die Buehnenkenntnis, die Kulissen-Phantasie, die Lampen-Rhetorik dieser Schriftstellerin ist selbst ueber eine kuehle Anerkennung erhaben. Ihr Talent lobt sich selbst.

Dennoch ist es ein Unglueck, dass Herr von Kuestner in seiner Bewunderung von Madame Birch-Pfeiffer zu enthusiastisch ist. Er sollte sich darin maessigen. Er sollte einsehen, dass ein Stueck mit folgendem Titel:

(Anna von Oesterreich.

Schauspiel in vier Abteilungen und sechs Akten, nach dem Roman:

Die drei Musketiere von Alex. Dumas, frei bearbeitet von Charl. Birch-Pfeiffer.

Erste Abteilung. Ein Taschentuch.

Zweite Abteilung. Der Musketier.

Dritte Abteilung. Der Kardinal

Vierte Abteilung. Zwoelf Tage spaeter.)

mit oder ohne diese Titel-Aushaengeschilder nicht auf die Koenigliche Buehne gehoert. Herr von Kuestner sollte sich hueten, seinen Gegnern mit solchen Fehlgriffen die Waffen in die Hand zu geben.

Aber in der Tat! Diese drei Musketiere haben sich vom Alexanderplatz auf den Gensdarmenmarkt verirrt und werden, statt ueber die Koenigsstaedter ueber die Koenigliche Buehne schreiten. Die Rollen sind ausgeteilt. Hendrichs, Doering, die Hagn, die Crelinger, die besten Truppen ruecken fuer Alexandre Dumas und seine in die Uniform der Madame Birch-Pfeiffer gesteckten drei Musketiere ins Feld. Herr von Kuestner glaubt die hohe Aufgabe, jaehrlich sich mit 220 000 Talern zu „rechtfertigen“, nur durch ein solches Repertoire loesen zu koennen. Wenn auch Graf Bruehl sich im Grabe umdrehen sollte, wenn auch Graf Redern, auf dem Trottoir Unter den Linden einen Augenblick still stehend und den neuesten Theaterzettel an einer Strassenecke lesend, laecheln, hoechst ironisch laecheln sollte, Herr von Kuestner fuehrt doch die drei Musketiere der Madame Birch-Pfeiffer auf!

Frueher war das Verhaeltnis so: Wenn Madame Birch-Pfeiffer ein Stueck gezeitigt hatte, so kam es an die General-Intendantur. Graf Redern sah, ob diese Arbeit von der fruchtbaren Schriftstellerin selbst herruehrte oder ob sie sich, wie Kuehne sagte, wieder einen Roman „eingeschlachtet“ hatte. Die Originalversuche, z.B. „Rubens in Madrid“, „Die Guenstlinge“ usw. wurden mit Courtoisie angenommen und gegeben; die „Wuerste“ aber gingen hinueber in die Koenigsstadt. Dort wohnten die Hinkos, die Pfefferroesels, die Scheibentonis und wie die edlen Gestalten alle heissen, die Madame Birch-Pfeiffer nicht selbst geschaffen hat, sondern aus den Romanen Storchs, Doerings, Spindlers, Bulwers usw. mit der daranhaengenden Handlung entlehnte. Auch die drei Musketiere wuerde Graf Redern (nicht als Kavalier, sondern als Kunstrichter!) in die Koenigsstadt geschickt haben.

Herr von Kuestner, der noch kein einziges Drama von Julius Mosen gegeben hat, befolgt ein anderes System. Er wirbt die drei Musketiere bei sich an, stattet sie mit Glanz aus und wuerde auch „Den ewigen Juden“, wenn ihn Mad. Birch-Pfeiffer „bearbeitet“ haette, ohne Zweifel fuer sich behalten haben. Ich meine nun, dieses System waere sehr verwerflich und der allgemeinsten Entruestung wuerdig. Ich meine, die Vorgesetzten des Herrn von Kuestner muessten ihm entschieden andeuten, dass es dem preussischen Staate mit den 220 000 Talern oder, anders ausgedrueckt, mit dem Ueberschusse von einigen tausend Talern nicht so dringend waere. Ich meine, dass sogar Mad. Birch-Pfeiffer so bescheiden haette sein und sagen koennen: „General-Intendant, Sie revoltieren die Presse! Geben Sie die Stuecke, die schon zehn Jahr im Pulte der Regie liegen! Machen Sie mir keine Feinde!“ Allein Macht und Uebermut gehen Hand in Hand. Die Leute dort denken: Solange wir im Rohre sitzen, schneiden wir uns unsere Pfeifen …

Deshalb weise Herr von Kuestner seinen ueber die Massen protegierten Guenstling in die Schranken, die ihm gebuehren! Vielleicht glaubt man mir’s, vielleicht nicht, dass ich mit schwerem Herzen an die Abfassung dieser Zeilen gegangen bin. Ich achte jedes wahre Talent auf der Stufe seines Wertes. Ich habe noch nie gegen Mad. Birch-Pfeiffer geschrieben; ich goenne ihr alle nur erdenklichen Erfolge ihrer resoluten Feder; ich will mich am wenigsten auf eine Analyse ihrer Original-Dramen einlassen, ich will nicht spotten und selbst fuer die ironischen Stellen dieses Protestes um Nachsicht bitten. Aber die herbste Missbilligung treffe Herrn von Kuestner, der monatelang keine Neuigkeiten auffuehrt, in den Berliner Zeitungen offiziell das Publikum von dieser oder jener maskierten Vorbereitung unterhaelt und dann ploetzlich in aller Stille, zur guenstigsten Theaterzeit, mit einer Birch-Pfeifferiade, die in die Koenigsstadt gehoert, hervortritt! Werden die Berliner Zeitungen das in der Ordnung finden? Werden sie alle vor „den drei Musketieren“ ins Gewehr treten? Ich fuer mein Teil, selbst wenn ich nie eine Zeile fuer die Buehne geschrieben haette, wuerde es unverantwortlich finden, dass die Berliner Hofbuehne diesen, aus schnoeder Gewinnsucht oft in nicht vierundzwanzig Arbeitsstunden zusammengeschriebenen Fabrikenkram in ihr Repertoire aufnehmen darf.

 

 

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