Fuer und Wider Preussens Politik

Ueber die historischen Bedingungen einer preussischen Verfassung (1832)

Waere Repraesentation das alleinige Element des Liberalismus, so koennte Preussen in einer fruehern oder spaetern Zukunft noch der Stimmfuehrer desselben werden. Aber es ist nicht so. Wir kaempfen nicht um Formen, sondern um den Geist, der sie beleben soll. Wir duerfen nur die Initiative der liberalen Ideen stellen und da, wo sie ins Leben eingefuehrt werden sollen, wachen, dass sich ihre urspruengliche Reinheit erhalte; dass sich nicht Eigennutz, sondern nur das wohlverstandene Interesse in sie mische, nicht die Willkuer sich zu ihrem Ausleger aufwerfe, sondern dass das Gesetz es sei, das entscheidet. Oder koennen wir uns mit dem Schwerte bewaffnen und Konzessionen ertrotzen? Die Geschichte weiss nur von Schwertern in der Hand des Eroberers oder des Richters. Die Voelker demonstrieren nur mit dem Worte und wenn sie das Schwert ergreifen, so strafen sie. Sie ertrotzen kein Gesetz, sondern strafen nur das uebertretene. Werden die Forderungen des Liberalismus dann befriedigt sein, wenn Preussen eine laengst versprochene Verfassung erhaelt? Nein, dann beginnen sie erst. Jetzt stehen wir noch ruhig versammelt um die langgestreckten Grenzen dieses Landes und sehen zu, wie der blankgeruestete Krieger seiner Ruhe pflegt, bald rechts, bald links sich wirft, ohne aufzustehen. Den ersten Ton, den wir in seinen Schild hineinriefen, hat das Echo noch nicht zurueckgetragen. Fuerchtend oder hoffend warten wir die Antwort ab, die der preussische Staat auf die Frage des Zeitgeistes geben muss. Weil noch nichts entschieden ist, so finden wir ueberall Gesinnungen gegen Preussen, keine Meinungen. Man verehrt es oder hasst es, fuehlt Sympathie oder Antipathie, aber die Gruende fuer das eine gegen das andre kann man nicht angeben. Wer fuer seinen Glauben an diesen Staat einen Beweis fuehren wollte, blieb noch immer in der Mitte stecken: Denn wo er alle seine Gruende gesichert glaubte, da waren sie ihm alle entflohen. Man steht vor dem preussischen Namen entweder mit gefalteten Haenden oder mit dem Ausdrucke eines moralischen Unbehagens, aber niemand spricht, jeder Mund ist geschlossen. Erst der Geist, der sich in der preussischen Verfassung offenbaren wird, kann den Widerspruch wecken, und wenn nicht alle Zeichen truegen, so wird dieser Widerspruch der lebhafteste werden, da er im Interesse der innersten Prinzipien des Liberalismus geltend gemacht werden muss. Die nachfolgenden Bemerkungen sollen diese Besorgnis rechtfertigen.

Welches Beduerfnis hat den Wunsch nach Verfassungen veranlasst? Unstreitig das Beduerfnis eines gesicherten Rechtszustandes. Welches Recht ist unsrer Zeit angemessen? Die Tradition? Das alte Herkommen? Uebereinkuenfte ueber das, was man sich gegenseitig leisten und so fuer Recht ansehen wolle? Oder ein Recht, das auch das Ziel der alten Handvesten und Vertraege gewesen sein mag, das sich aber in der Feuerprobe der Zeit bewaehrt hat und auf die ewigen Gesetze der Vernunft begruendet ist? Die Voelker haben diese Frage laengst entschieden, ihre Fuersten sind noch andrer Meinung: Entweder wollen sie das, was rechtens ist, nach den Befehlen ihres Kabinetts feststellen, oder sie erklaeren sich bereitwillig zur Umgestaltung der alten Regierungsform (es gibt eine revolutionierende Reaktion), holen aber die neue nicht aus dem freien Raume der grossartigen Geschichte unsrer Zeit, sondern aus dem Staube der Archive, aus verwitterten Pergamentblaettern, aus den Heften moderner Doktrinaere. Machen wir die Anwendung auf Preussen. Wenn wir das gegenwaertig dort herrschende Regime despotisch nennen, so ist es uns natuerlich nur um einen Namen zu tun. Wir meinen jenen humanen Despotismus, der sich von Friedrichs II. Regierungsverfahren herschreibt. Die Menschen bilden sich ein, jeder ihrer Schritte sei ein Beispiel von Billigkeit und Gerechtigkeit, wenn sie andern das zukommen lassen, was sie ihnen zu beduerfen scheinen. Aber wir beduerfen immer mehr, als wir zu beduerfen scheinen. Und umgekehrt, soll man uns Recht widerfahren lassen, wenn wir nicht eingestehen, dass uns Unrecht geschehen sei? Wer darf uns heilen wollen, wenn wir behaupten, gesund zu sein? Das ist das Grunduebel der sogenannten humanen, weisen Regierungen, dass sie vor unaufhoerlichem Wohltun das rechte Beduerfnis gar nicht aufkommen lassen. Sie wissen schon alles im voraus, haben mit ihren guten Handlungen alle Haende voll zu tun und sind so eilig, dass sie nur dazu Atem finden, um sich zu loben. Daher das Vielregieren, die Beamtenherrschaft, die desto unertraeglicher ist, je gefaelliger sie sein will. Diese vaeterliche, ja muetterliche Sorgfalt ist bekanntlich die Art der preussischen Regierung. Da piepsen die Kleinen unter den Fluegeln der aengstlich wachenden Henne so zaertlich und sind so voll Ruehrung und Dankbarkeit fuer all das Gute, was ihnen ohne Verdienst und Wuerdigkeit erwiesen wird, dass man hier ordentlich von politischen Traenen sprechen kann. Aber dies Vertrauen soll gestoert werden. Der Koenig hat selbst den Grundsatz anerkannt, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei und die Zusammensetzung von „allgemeinen Reichsstaenden“ in einem hoechsten Dekrete versprochen. Dass ein solches Versprechen dem Lande wird gehalten werden, ist unbezweifelt, nur soll die gegenwaertige Zeit dazu so ungeschickt sein. Man zoegert, man weist die Bitten der Provinzia1staende um endliche Gewaehrung zurueck; man will nicht, dass es den Anschein habe, als gaebe Furcht dem Drohenden, was Liebe dem Hoffenden schenken wird. Von dem dereinstigen Thronfolger ist allgemein die Ansicht verbreitet, er werde dem vaeterlichen Versprechen nicht treu bleiben, sondern sich ihm durch irgendeinen Gewaltstreich entziehen. Welche Annahme! Der Wille seines Vaters wird ihm heilig sein, durch seine Befolgung wird er ihn zu ehren wissen. Noch mehr! Sein erster Regierungsakt duerfte die Verfassung werden, aber damit zugleich ein Fehdehandschuh, dem ganzen zivilisierten Europa hingeworfen.

Die Doktrin unterscheidet zwei Ansichten ueber den Staat. Nach einer ist er ein Kunstwerk, nach der andern ein Naturprodukt. Naeher bezeichnet sich dieser Gegensatz als politischer Mechanismus und Organismus. Es ist eine durchaus falsche Konsequenz, wenn man jenen zu einem notwendigen Eigentum des Liberalismus, diesen zu dem der entgegengesetzten Ansicht machen will. Die europaeischen Staaten bieten Beispiele fuer die eine Ansicht so gut, wie fuer die andere. England, Frankreich, Spanien, selbst Russland haben sich auf dem naturgemaessesten Wege entwickelt. Ihre politischen Institutionen sind nicht nur auf den Geist ihres Volkes berechnet, sondern auch durch diesen hervorgerufen. Deutschland bietet groesstenteils das Gegenteil dar. Hier, wo man sich so sehr gewoehnt hat, immer auf die Eigentuemlichkeit der Bewohner zu zeigen, wo man gern von Geistern der Vergangenheit spricht, die in die Gegenwart hineinragen, und noch immer nicht muede wird, Analogien zwischen sonst und jetzt aus unserm Gemuete, unsrer Geschichte zu suchen, hier ist gerade im Politischen ein toter Mechanismus aufgekommen. Wir haben ein Wuerttemberg ohne Wuerttemberger, ein Baden ohne Badener, ein Weimar ohne Weimarer, ein Hannover ohne Hannoveraner aus dem einfachen Grunde, weil wir umgekehrt wohl Deutsche, aber kein Deutschland haben. Preussen ist am meisten von der Geschichte ironisiert worden: Es repraesentiert den Zufall, das, was ist und auch nicht ist. Hegel kann den Anfang seines Systems statt in das abstrakte Sein auch in Preussen setzen, das Ende hat er auch wirklich darein gesetzt. Ja, diese Ironie wird durch die preussischen Doktrinaere in lebendiger Anschauung erhalten. Sie reden nach Preussen von keinem Staate lieber als von England, aus demselben Grunde, warum sie Nordamerika am meisten hassen. Dort sehen sie die Menschen gleichsam wie Naturerzeugnisse sich gestalten. (In der Tat haben die Sachsen die Sage, sie waeren auf den Baeumen gewachsen.) Dort entwickelt sich ein Keim aus dem andern: Da ist nichts Fremdartiges, nichts Neues in den alten Gang hineingetragen: Selbst die Reformation hat da englisiert werden muessen. Wer bewundert nicht diesen Vorzug der englischen Geschichte? Wer hat es nicht beklagt, dass Deutschland, das Mutterland, nicht diesen selben Weg der Entwicklung einschlagen konnte? Und doch–in Preussen ist jetzt Aehnliches entdeckt. Die Doktrinaere klagen hier Friedrich II. an, dass er in die Regierung seines Landes ein System gebracht habe, das die Verwandtschaft mit der einseitigen Aufklaerung seiner Zeit nicht verleugnen koenne; dass er den Adel des Verdienstes hoeher stellte, als den der Geburt; dass er ein Gesetzbuch gegruendet habe, was mit den Lehren eines Haller und Bonald in zu grellem Widerspruche liege. Preussen sei berufen, die historischen Interessen zu vertreten. Es gaebe keinen Fortschritt, als einen durch fruehere Zustaende bedingten. Nicht in dem Willen der leicht erregten Masse, noch weniger in den Deklamationen der heutigen Wortfuehrer und Tageshelden liege das Gesetz der Vernunft, sondern wir seien die Leibeigenen der Vernunft, seien ihr untertan. Weil sich nun diese Vernunft in dem offenbart, was die Geschichte bringt, so muessten wir uns auch andaechtig vor der Macht des Positiven beugen. Das sind die Zauberformeln, mit denen man in Preussen die Jugend alt macht und das Alte („Alles Hohe und Edle der Vergangenheit!“ ein bekannter auf Marienburg ausgebrachter Toast) wieder verjuengt. Auf solche sogenannte historische Bedingungen wird die Verfassung des Landes begruendet sein.

Der Grundcharakter des germanischen Staatslebens ist die Repraesentation. Bei unsern Vorfahren wurde keine Gewalt anerkannt, die nicht ein foermlicher Vertrag als Recht festgestellt hatte. Was der eine dem andern zu leisten schuldete, war die Folge einer gegenseitigen Uebereinkunft. Die Zeit der Reformation machte diesem Verhaeltnisse ein Ende. Die Einfuehrung des roemischen Rechts, die mit dem erwachenden wissenschaftlichen Streben zusammenhing, zerstoerte im Volke sein urspruengliches Rechtsbewusstsein. Das Recht wurde Sache der Gelehrsamkeit, und diese konnte nur unter dem Schutze vermoegender Fuersten gedeihen. Die religioese Anregung band die Gemueter nur noch insofern an die Ereignisse im weltlichen Gebiete, als sie jener foerderlich oder hinderlich waren. Fuersten und Buerger hatten dasselbe Interesse, sich gegen die Anmassungen des Adels sicher zu stellen. Daraus bildete sich endlich der Begriff der fuerstlichen Souveraenitaet. Aus fuerstlichen Bedienten wurden Beamte des Staats. An die Stelle der Landtage traten Verwaltungen. Aus Rezessen und Abschieden wurden Kabinettsbefehle. Gegen diese moderne Ausbildung der Souveraenitaet reagiert unsre Zeit in zwiefacher Weise, als Revolution und Restauration. Beide kehren sich gegen das Bestehende, beide berufen sich auf die Geschichte, beide auf die Lehre. Aber die eine spricht von einer Vertretung der Intelligenz, die andere von der der Interessen. Jene hat eine Macht gewonnen, die oeffentliche Meinung; diese wird in Preussens naechster Zukunft mit Entschiedenheit auftreten; auch sie hat eine Macht, die Gewalt. Haben wir aber Grund, zu fuerchten? Ist es nicht der alte Kampf der Demokratie und Aristokratie?

Es wird erlaubt sein, sich die Wege anzusehen, die die Verfasser der preussischen Konstitution einschlagen moegen. Die gegenwaertigen Provinzia1staende muessen die Grundlage derselben bilden. Man ruehmt die Liberalitaet dieses Instituts und preist die Gleichstellung der drei Staende, des Adel-, Buerger- und Bauern-, d.h. freien Grundbesitzerstandes. Woher aber das entschiedene Uebergewicht der Aristokratie in den Versammlungen? Welche Forderungen hat sie an die Regierungen gerichtet! Verjaehrte Rechte nimmt sie in Anspruch, Domstifte und deren Pfruenden, unverhaeltnismaessigen Erlass der Steuern u. dgl. Spricht man in diesem Sinne von einer Beachtung historischer Bedingungen bei den kuenftigen Reichsstaenden, so kann man nur wuenschen, diese nie ins Leben treten zu sehen. Der Bauernstand ist ungebildet und gibt daher seine Rechte den adeligen Grundbesitzern. Auch die Staedter koennen an Bildung z.B. mit den Buergern sueddeutscher Staedte nicht wetteifern und die sie zum Landtage schicken, sind meist staedtische Beamte, von der Regierung bestaetigt, also mittelbar Regierungsbeamte. Wollten sie auch eine Opposition bilden, so sind sie gegen den Adel in der Minoritaet und der Regierung gegenueber zu schwach, wie die Landstaende am Rhein und in Westfalen bewiesen haben.

Die mittelalterlichen Staende haben ihre Freiheiten und Privilegien vertreten. Solche besitzen die preussischen nicht oder sollen sie ihnen noch erteilt werden? Sollen die Zuenfte wieder eingefuehrt werden? Wollen die preussischen Koenige wieder Schutzbriefe ausstellen und Urkunden auf ewige Zeiten? Auch ihre Beutel haben die alten Staende vertreten. Aber unsere Zeit verlangt eine Vertretung des Nationalvermoegens, nicht des zufaelligen Gutes, das der einzelne Stand besitzt. Eine Wiederherstellung jenes alten Zustandes waere ein vol1staendiger Umsturz des herrschenden Finanzsystems, das ohne eignes Verderben nicht aufgeopfert werden kann. Es ist wahr, dass die Fuersten in den Besitz der meisten Steuern nur durch ein Unrecht gekommen sind. Denn wenn ihnen die Staende bei dringenden Gelegenheiten statt Geld die Erlaubnis gaben, auf fuenf oder zehn Jahre Schlacht- oder Mahl- oder Tranksteuer zu erheben, so war diese Erlaubnis immer nur momentan, und erst der spaeter ausgebildete Begriff der Souveraenitaet nahm nach goettlichem Rechte von dem ewigen Besitz, was ihm menschliches nur auf eine bestimmte Zeit zugesagt hatte. Aber jetzt ist den Staenden mit der Zurueckgabe ihres alten Rechts sehr wenig mehr gedient, weil sie wohl wissen, dass jene verhassten Abgaben ihnen weniger bereitwillig wuerden gegeben werden, als der Regierung. Ehemals zahlten auch die Ritter nichts. Soll nun jetzt ein moderner Raubadel, der ohne offnen Angriff auf eine feine Weise pluendert, wieder organisiert werden? Soll die Litanei des armen Landvolkes wieder sein, der liebe Herrgott moege es behueten vor den Koeckeritz und Luederitz und vor den Kracht und Itzenplitz? Auch die Praelaten fanden sich auf den Landtagen ein, aber nur um Geld zu verzehren, keines zu geben. Die Geistlichkeit ist jetzt kein Stand mehr, obschon man in Preussen Bischoefe und Erzbischoefe nach englischem Muster angeordnet findet. Die Geistlichkeit vertrat frueher die Rechte ihrer Praebenden, solche hat sie aber nicht mehr: Sie vertrat das Interesse der Kirche, und wenn irgendwo durch die Bemuehungen der Regierung die Meinung, dass die Kirche in dem Staat aufgehe, verbreitet ist, so ist es in Preussen. Die Bauern wurden gar nicht vertreten, jetzt sind sie es aber als freie Grundbesitzer. Soll ihnen ihr Recht wieder genommen werden? Sollen Ritter, Staedte und Geistliche die heilige Dreizahl bilden? Die preussischen Bauernaufstaende gegen den Adel und Herzog Albrecht werden die Gesetzgeber vorsichtiger machen. Ueberall mag man nach historischen Anfaengen einer den gegenwaertigen Zeitforderungen nur einigermassen genuegenden Repraesentation forschen, im Preussischen finden sich solche am wenigsten. Die brandenburgischen Markgrafen und pommerschen Herzoege sind eigentlich nur zu den Staedten ihrer Territorien in staendischen Beziehungen gewesen und zwar in einer Art, die jetzt nicht mehr denkbar ist. Sie waren die aermsten Fuersten und die schwaechsten zugleich. Nackt und bloss, mussten die Staedte sie bekleiden, hungernd, von ihnen gesaettigt werden. Die maerkischen Staedte waren Republiken mit vol1staendigem Gemeinwesen. Da sie ihren Ursprung auf Kolonisation zurueckfuehrten, sich selbst konstituierten und Gesetze gaben, so waren es nicht einmal Privilegien, die ihnen die Fuersten garantierten, sondern was sie ihnen gaben war Dank und Entschaedigung fuer den Schutz, den ihnen die Markgrafen, urspruenglich eine militaerische Behoerde, angedeihen liessen. Noch anders war die Lage Preussens. Ein fast ganz unabhaengiger Staedtebund, bluehend durch Handel und Gewerbe, stand hier dem deutschen Ordenskapitel zur Seite, noch oefter gegenueber. Hier machte der Landadel mit den maechtigen Staedten Danzig, Thorn, Elbing, Kulm, Koenigsberg gemeinschaftliche Sache, und die deutschen Ritter, die als Herren des Landes gelten wollten, verloren ihr Ansehen und ihre Macht immer mehr und zuletzt auch gegen Polen ihre und des Landes Selbstaendigkeit. Alle diese Verhaeltnisse hat die Zeit anders gestaltet. Sie wieder herzustellen, ist unmoeglich. Jede Annaeherung an sie ist eine Halbheit, weil ein Zustand damals den andern bedingte. Endlich fehlen auch in den neu erworbenen Teilen der preussischen Monarchie in Sitte und Leben ueberall die Anklaenge der Vergangenheit. Die Rheinprovinzen und Westfalen sind nicht nur in neuerer Zeit einem ewigen Wechsel von gesellschaftlichen und rechtlichen Formen unterworfen gewesen, sondern selbst in jener Zeit, die man neu beleben will, waren gerade diese Gegenden ein Schauplatz der unsaeglichsten Verwirrungen, in denen sich nichts Altes rein und urspruenglich erhalten konnte. Man denke an die Stuerme, die jene Gegenden am Niederrhein, die Laender Juelich, Cleve, Berg erschuettert haben! Neben den politischen Umwaelzungen, die sich hier ohne Aufhoeren folgten, haben auch die kirchlichen und reformatorischen Zwistig- keiten diese Laender so zerrissen, dass an eine Wiedergeburt hier nur durch Animpfung einer neuen Bildung zu denken ist.

Vielleicht sind aber die historischen Bedingungen in einem andern Sinne verstanden worden. Man wird keine Landschaft errichten, sondern wiederum nach englischem Vorbilde ein Parlament mit zwei Kammern und dazu eine dreifache Initiative. Die zweite Kammer wuerde dann die materiellen, vielleicht auch intelligenten Kraefte vertreten, die erste aber das Ewige, das Unveraenderliche, das Unvergessliche oder was weiss ich. Man denkt an eine preussische Pairie mit dem Rechte der Erblichkeit. Ich erschrecke vor den Maennern, die in ihr sitzen werden, vor den Urteilen, die sie faellen wird. Welche Theorien werden hier zum Vorscheine kommen! Waehrend in der zweiten Kammer die Aristokratie des Geldes herrscht, prangt in der ersten die Aristokratie der Geburt im Vereine mit der der Doktrin. Wenn dann einmal, etwa bei einer Verhandlung ueber die Erblichkeit, Friedrich der Grosse in die Sitzung traete und anhoerte, wie z.B. die neuliche Erklaerung der „Staatszeitung“, nicht jedem sei es gegeben, die Majestaet des Koenigtums zu begreifen, interpretiert wird, koennte er noch glauben, in der Hauptstadt eines von ihm gegruendeten Staates zu sein?

Wir gehoeren nicht zu jenen Toren, die die ehrwuerdigen Truemmer frueherer Zeiten zum Gegenstand ihres salzlosen Spottes machen. Wir bewundern die Vergangenheit, aber wir lassen sie in ihren Graebern, da auch unsre Zeit einen so schoenen Fruehling von neuen Ideen und Hoffnungen keimen laesst. O wir fuerchten den Kampf mit jenen vornehmen Meinungen nicht, die sich in Preussen so gern mit Purpurmantel, Krone und Szepter bekleiden! Unsre Zeit zittert vor keinem Gedanken mehr. Schon viele Raetsel hat sie geloest und auch jene nordischen Mysterien werden ihr nicht verborgen bleiben. Das ist aber das Herrliche dieser Zeit, dass, wer die Ansicht widerlegt, auch die Macht ueberwunden hat, die sie verteidigen wollte. Wenn ein Oedipus kommt, stuerzt sich die Sphinx in den Abgrund.

Drei preussische Koenige (1840)

Indem ich an diese auch in der Form anspruchslosen kleinen Umrisse die letzte Hand lege, kommt die Trauerkunde vom Tode Friedrich Wilhelms III. Diese Botschaft musste mich, da ich in Berlin den Volksglauben, der Koenig muesse in diesem Jahre sterben, allgemein verbreitet fand, doppelt erschuettern. Die haeusliche Zurueckgezogenheit, in der der Verstorbene lebte, hatte es unmoeglich gemacht, seit Jahren ueber seinen Gesundheitszustand etwas Gewisses zu erfahren: Zeigte er sich oeffentlich, so erschrak man zwar ueber die in letzter Zeit ausserordentlich gealterten Zuege, aber die Haltung des Koenigs war von jeher so grad und ritterlich gewesen, dass ihn diese auch in der letzten Zeit nicht verliess, und man an eine noch ausgedehntere Lebensdauer glauben durfte. Umso betroffener musste man ueber den Volksglauben sein. Man machte geltend, dass in jedem Jahrhundert das vierzigste Jahr den Preussen einen Thronwechsel oder irgend ein wichtiges Ereignis bringe, man sprach von den naechtlichen Umgaengen der weissen Ahnfrau des Hohenzollerschen Hauses. Noch oft erschien der Koenig hinter dem roten Vorhange seiner Proszeniumloge im Theater. Nur die aengstliche Einfuehrung Schoenleins in die innern Gemaecher des ab und zu als kraenkelnd Gemeldeten verriet ein tiefer gewurzeltes Leiden, dem der Monarch denn am ersten Pfingsttage wirklich erlegen ist.

Laesst sich eine ergreifendere Situation denken, als ein sterbender Koenig und ein neuer, der ihm folgt, in dem Augenblick, als der Donner des Geschuetzes die Grundsteinlegung zu einem Denkmal Friedrichs des Grossen verkuendete? Wie draengen sich hier in eine kurze Spanne Raum und Zeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen! Wuensche und Hoffnungen muessen lebendig werden, Besorgnisse sterben, andre koennen erwachen, Gedanken aus den entgegengesetztesten Richtungen muessen sich durchkreuzen. Wer hat den Schluessel, um zu erraten, was der jetzt Tote dachte, das Volk glaubte, der neue Herrscher ahnte? Wie kommt es, dass gerade die Erinnerung an den Begruender der preussischen Monarchie in ihrer Stellung zu Europa die letzte oeffentliche Tatsache im Leben Friedrich Wilhelms III. sein musste? Ist dies eine Suehne der Vergangenheit oder ein Fingerzeig fuer die Zukunft? Den Ratschluss des Weltgeistes umhuellen noch tiefe Nebel und erst die Geschichtsschreibung ferner Zeiten wird die Sonne sein, die sie erhellt.

Bei den Aegyptern sprach man ueber die toten Koenige Gericht. Man wird in oeffentlichen langen Reden und in kurzen Inschriften viel Unwahres ueber Friedrich Wilhelm III. sagen, man wird seinem Geiste das zuschreiben, dessen sein Herz, man wird dem Herzen zuschreiben, dessen sein Verstand sich ruehmen durfte. Man wird in dem seine Demut finden, was vielleicht sein Stolz war, und wird ihn vielleicht fuer das loben, wofuer er sich selbst getadelt hat. Koenige sind wie die Phaenomene der Luft. Sie werden von Tausenden ihres Volkes fuer dasselbe verwuenscht, wofuer sie andern Tausenden die Heissersehnten sind. Ein Gewitter raubt der Mutter ihr Kind, das der Blitz erschlaegt, und traenkt die duerstende Erde, die nach ihm schmachtete.

Mag man nun mit Montaigne glauben, dass „herrschen“ le plus aspre et difficile metier ist, oder mit einem italienischen Sprichworte (von Oxenstierna einst ironisch angewandt), dass zum Herrschen gerade das wenigste Hirn gehoert (der Leipziger Professor Adam Rechenberg hat es uebrigens schon 1676 in einem eignen Werke widerlegt), mag man auch von dem, was ueber den Verstorbenen gesagt werden wird, abziehen, was der ruehrende Moment oder persoenliches Interesse ueberfluessig hinzufuegt, so viel wird selbst die Nachwelt nicht umstossen koennen, dass der innige Zusammenhang der Schicksale, die die preussische Monarchie trafen, mit der Person Friedrich Wilhelms III. ein in der Erinnerung nie erloeschendes Licht auf ihn geworfen hat. Eine freudenlose, umflorte Jugend machte ihn schon frueh fuer eine stillere Ergebung in das Unglueck reif. Die Maessigung, die ihn in seinen Leidenschaften und Gefuehlen beherrschte, lehrte ihn auch, das spaetere Glueck ohne Ueberhebung ertragen. Er nahm die Gaben des Geschicks mit einem Gefuehl an, das ihn auf alles gefasst machte, wenn es nur nicht ueberraschend und ohne Voraussicht kam. Heftigere Aufregungen vermeidend beaengstigte ihn jede leidenschaftliche Anmutung und so erhielt auch seine letzte Regierungsperiode jenen Charakter bescheidener Selbstbeschraenkung, den Preussen, ein innerlich so kraftvoller und nach aussen hin nicht ungedeckter Staat wohl aufgeben durfte, ohne fuer seine Erhaltung besorgt zu sein. Friedrich Wilhelm III. war durch sein Temperament vor uebereilten Entschliessungen geschuetzt und diese Tatsache war vielleicht die gluecklichste Erfahrung fuer das Wohl des Staates in einer Zeit, wo der Zeitgeist so viel leidenschaftliche Faktoren in Bewegung setzte und es Staatsmaenner gab, die so gern neue Manifeste des Herzogs von Braunschweig in die Welt gestreut haetten und dem Weltlauf mit kecker Hand in die Zuegel gefallen waeren. Friedrich Wilhelm III. war nicht so gross in dem, was er tat, als in dem, was er vermied.

Dass man sich in Preussen, da die Zeit des Zuwartens vielleicht vorueber ist und den Horizont keine Kriegswolken trueben, nach positiven Schoepfungen sehnt und das Feld fuer einen grossartigem Anlauf zur Staatenlenkung nun geoeffnet sieht, beweist die aengstliche Spannung Preussens, Deutschlands, Europas auf den Geist, in welchem Friedrich Wilhelm IV. regieren werde. Der neue Regierungsantritt hat das vor andern Thronwechseln voraus, dass wir hier nicht einen Juengling auftreten sehen, dessen politische Ideen noch von dem Unterricht seiner Lehrer befangen sind, sondern einen gereiften Mann, der jahrelang den Zeitlauf und das Terrain der ihm nun anvertrauten Regierung gruendlich beobachten konnte. Das neue Herrscheramt wird ihm wie ein bekanntes Buch sein, bei dessen Lektuere er sich Stellen unterstrich und hier und dort Merkzeichen einlegte. Und dass es solcher Stellen und Merkzeichen viele geben muesse, beweist der allgemein selbst in Berlin verbreitete Glaube an ein neues, durchdachtes, laengst angelegtes und bald hervortretendes System.

Man erschoepft sich in Vermutungen ueber das politische Glaubensbekenntnis des neuen Koenigs. Man nennt ihn aristokratisch; aber verdanken nicht gerade einige talentvolle Buergerliche ihre Berufung zum Ministerium der Empfehlung des ehemaligen Kronprinzen? Verwechselt man nicht die vornehmimponierende und doch gefaellige Haltung des neuen Herrschers mit Sympathien, die durch nichts bewiesen sind? Man nennt ihn einen Freund der Richtungen, in welchen Steffens und aehnliche reaktionaere Geister geschrieben haben. Aber wenn der ehemalige Kronprinz Steffens persoenlich kannte, so wird er bald gefunden haben, dass die naive Lebensunsicherheit dieses geistvollen, aber unpraktischen Mischdenkers am wenigsten zu seinen politischen Phantasmen und Traeumereien Vertrauen einfloessen kann. Wie wuerde auch die grosse Vorliebe, die der ehemalige Kronprinz fuer seinen ruhmgekroenten Ahn Friedrich II. empfinden soll, mit der Hinneigung zu politischen Theorien stimmen, deren Vertreter, wie Haller, Leo, Steffens und ihnen aehnliche, in Friedrich dem Grossen nur einen gekroenten Jakobiner sehen?

Man ruehmt von jeher den Geist des neuen Herrschers. Man schreibt ihm Verstandesschaerfe und Witz zu. Er ist kein Freund des Gamaschendienstes und hat mehr Sinn fuer das Zivile als Militaerische. Er liebt den Umgang mit Gelehrten und Kuenstlern, von denen viele sich seiner naehern Bekanntschaft erfreuen. Wie harmlos er gewohnt ist, sich dem Talente hinzugeben, bezeugt der gemuetvolle, anspruchslose Brief, den er an Chamisso schrieb. (Siehe Hitzigs „Leben Chamissos“ Bd. 2, S. 93.) Der ehemalige Kronprinz ist ein talentvoller Zeichner und dass ihm selbst der schriftstellerische Ausdruck nicht fremd sein duerfte, beweist der Umstand, dass man ihn oft zum Verfasser anonymer Flugschriften machen wollte! Von sogenannten noblen Passionen, die man Grossen eher nachzusehen pflegt, als Kleinen, weiss man nichts. Seine Sittlichkeit wird geruehmt. Er besucht die Kirchen anerkannt pietistischer Geistlicher; ob aus Neigung fuer ihr theologisches System, oder aus Achtung vor ihrer oft ausgezeichneten Rednergabe, weiss ich nicht. Jedenfalls wuerde eine religioese Stimmung dieser Art bei ihm nicht aus einem Minus, sondern einem Plus der Bildung entstehen; d.h. es ist moeglich, dass sie die Frucht einer entweder gemuetlichen oder philosophischen Abneigung gegen einseitige Verstandesreligiositaet waere. Es ist kein Zweifel, dass der neue Herrscher historische Tatsachen den Abstraktionen vorzieht, aber es ist wahr, dass ihm die Hegelsche Philosophie nicht unbekannt geblieben, so wird ihm das Progressive in der Geschichte nichts Befremdendes und der Einfluss des Verstandes auf die Gestaltung der neuen Zeit nichts Feindseliges sein. Friedrich Wilhelm IV. wird keinen Schritt ins Ungewisse tun. Ein Ziel hat er gewiss im Auge, wenn auch die Zeit erst lehren muss, wo es liegt. Fuer gedankenlos halte man keine seiner Unternehmungen. Ratgeber wird er hoeren, ihnen aber nicht immer folgen. Reue wird ihm, trotz seines christlichen Sinnes, fuer oeffentliche Schritte fremd sein. Er wird vielleicht bei einem Unternehmen seine Richtung aendern, nie aber einen Schritt wieder zuruecktun. Es lodert viel Feuer in ihm und sein Geist wird oft in den schoenen Fall kommen, heftigere Regungen des Gemuets zu zuegeln. Der goettlichste Triumph, den uns der Himmel schenkte, Beherrscher unserer Leidenschaften zu sein, kann ihn oft begluecken. So urteilt die Sage und urteilt vielleicht falsch. Man kann darnach den Versuch machen, ein Portraet zu zeichnen und muss sich zuletzt doch eingestehen, dass der Versuch eine Pfuscherei ist.

Es haben sich, von Herrn Varnhagen von Ense ausgebruetet, so viel kleine Gentze jetzt aus dem Ei gepickt, dass ich wohl begierig waere, was einer von ihnen, dem Beispiel des ehemaligen Kriegsrats Gentz folgend (der eine Adresse an Friedrich Wilhelm III. bei seiner Thronbesteigung herausgab), dem neuen Herrscher ans Herz legen wuerde. Mit guten Lehren aus dem frommen Telemach, der ad usum delphini geschrieben ward, wuerde es wohl ebensowenig getan sein, wie mit dem Macchiavell. Ein Fuerst soll keinem Schmeichler trauen, sagt Mentor alle Augenblicke; baendige eine Regierungsgewalt durch die andre, sagt der Florentiner; aber wir leben nicht in Versailles und nicht in Florenz. O der guten Lehren, die man Koenigen gegeben hat! Sie werden fast alle laecherlich, wenn man sie auf bestimmte Faelle anwendet, oder sie setzen an Fuersten dasjenige als lobenswert voraus, was sich an einem zivilisierten Menschen des 19. Jahrhunderts wahrhaftig von selbst versteht. Weit schwieriger sind Ratschlaege, die einen schwebenden Status quo betreffen. Was wuerde wohl mit der katholischen Frage, was mit der kommerziellen Stellung Preussens zu Russland; was mit dem Wunsch nach einer Verfassung zu beginnen sein? Dem neuen Herrscher raten wollen? Er hat seit einer langen Reihe von Jahren den Geschaeftsgang in der Regierung seines Vaters beobachtet: Er wird sich laengst auf seinen eignen Antritt des Regimentes vorbereitet haben. Wer die Entwuerfe kennte, die schon alle im Pulte harren! Es ist leicht moeglich, dass Friedrich Wilhelm IV. fuer Europa einige Ueberraschungen im Sinne hat.

Man spricht jetzt soviel ueber Friedrich II. Was ist es, das an ihm so ausserordentlich gerade jetzt in die Augen spraenge? Will man einen schlesischen Krieg? Will man eine straffgezogene Regierungssouveraenitaet? Nein. Es ist das Persoenliche, das an Friedrich II. gerade jetzt so bewundert wird. Preuss und andere haben so herrliche Zuege von der freien, unabhaengigen, entschlossenen Denkungsart dieses Koenigs mitgeteilt. Man hat in Friedrichs Schriften Ansichten gefunden, die jetzt wuerden fuer staatsgefaehrlich erklaert werden. Es ist kein Zweifel, dass man mit dieser Vergoetterung Friedrichs des Grossen einen Wunsch fuer seine Nachfolger aussprechen will; denn das Lob der Vergangenheit ist immer eine Polemik gegen die Gegenwart.

Was koennte wohl ein heutiger Monarch an Friedrich dem Grossen lernen? Vieles fuer die Personen, weniger fuer die Sachen. Nicht alles wuerde jetzt so am besten geschlichtet, wie es Friedrich II. geschlichtet haben wuerde. Wohl aber wuerde man fuer die Mittel und fuer die Ratgeber lernen koennen. Theoretiker am Staatsruder wuerde er mit Recht fuer Schwindler erklaeren und das Naechste wuerde ihm lieber als das Entfernte sein. Was Friedrich ueber die Religion dachte, war nicht gut fuer die Schule, besser schon fuer die Kirche, vortrefflich fuer die Wissenschaft. Der Voltairesche Verstand, der ihn beseelte, war schlecht fuer den Aufbau des Neuen, aber gut zum Niederreissen des Veralteten. Man darf diesen endlichen, witzelnden Verstand nie zum Feldzugsplan erheben, kann ihn aber gut als Waffe benutzen. Das klare, unbestochene, vorurteilsfreie Wesen ist an Friedrich II. bewundrungswuerdig. Man fuehlt, wenn man seine Antworten und Resolutionen liest, dass man fuer jedes Leiden bei seinem Gemuet wohl eben keinen Trost, bei seinem Verstande aber Abhuelfe wuerde gefunden haben. Seine Phantasie und sein Geschaeftseifer machten ihm das Verstaendnis jedes ihm vorgelegten Falles sogleich klar und man hatte nicht noetig, wenn man einen Minister verklagte, zu fuerchten, dass man an eben diesen Minister wuerde verwiesen werden.

Die Erwartungen auf Friedrich Wilhelm IV. sind gespannt. Die erste Zeit seiner Regierung gebuehrt der Trauer. In dem dunklen melancholischen Gruen des Fichtenhains, der die sterblichen Ueberreste seines Vaters und seiner Mutter beschattet, wird man ihn noch zu oft sehen, als dass man aus seinem Auge etwas andres erraten koennte, als Traenen. Er wird nicht damit beginnen, Schoepfungen seines Vaters umzustuerzen, er wird niemanden, der des Seligen Vertrauen besass, aus seiner Naehe entfernen. Aber die Aufforderung zu Taten wird nicht ausbleiben. Die Besetzung der bekannten erledigten Ministerstelle duerfte vielleicht das erste Symptom des Kommenden sein. Klio spitzt ihren Griffel, sinnend lehnt sie den Arm auf das neue Blatt im Buche der Geschichte und lauscht mit laechelndernster, mit bangfroher Erwartung.

Das Barrikadenlied (1848)

Barrikaden! Barrikaden! Eine Wehr der Buergerbrust! Jeder Freie ist geladen, Auf zum Kampfe, Kameraden! Freiheitstod ist Himmelslust! Lasst uns graben, lasst uns schanzen! Faesser her und Steine drauf! Trottoire, glatt zum Tanzen, Wagen mit und ohne Franzen, Alles haelt die Kugeln auf.

Ha! Sie kommen! Nicht gezittert! Nicht den Blick zurueckgewandt! Lasst sie schiessen! Glas zersplittert! Hinterm Wall sind wir vergittert. Freie Brueder, haltet Stand!

Fasst mit scharfem Blick die Rechten! Zielt und drueckt die Buechse los! Offiziere, koennt Ihr fechten? Kommandieren nur den Knechten! Fallt-in Eures Koenigs Schoss.

Dann bedacht, auf kurzem Pfade, Bricht die erste, ziehn wir dicht In die zweite Barrikade, In die dritte, vierte-schade, An die fuenfte folgt Ihr nicht!

So auf Barrikadenbahnen Nur drei Tage sich gewehrt, Und beim vierten Ruf des Hahnen Unter schwarz-rot-goldnen Fahnen Hat das Volk, was es begehrt!

Landtag oder Nicht-Landtag (1848)

Die Frage, welche jetzt so lebhaft die Gemueter bewegt, fing klein an. Der Unterzeichnete wollte sich am Abend nach der Beerdigung die Anschauung einer Berliner Volksversammlung verschaffen und begab sich in die Zelte, wohin eine solche ausgeschrieben war. Er fand etwa tausend Menschen, die in verworrenem Durcheinander ueber Wahlgesetz und Landtag sprachen. Einige von dem Unterzeichneten zwischen die gehaltenen Vortraege geworfene Bemerkungen erregten die Aufmerksamkeit der Umstehenden. Man machte ihn zum Praesidenten der Versammlung, ein an sich unerquickliches Amt, das er aber nicht zurueckwies, weil wir in einer Zeit leben, wo die Anteilnahme am gemeinen Wesen ede1ste Buergerpflicht ist. Eine auf Grund der ferneren Debatte verfasste und von den HH. Assessor Jung, Dr. Oppenheim und Fabrikanten Lipke mitunterzeichnete Adresse gegen Berufung des Landtags wurde Freitag den 24. dem Minister Arnim ueberreicht.

Inzwischen ist die Frage zur Parole des Tages geworden und gleichsam das Symbol der Parteien. Diejenigen, welche in den Begebenheiten des 18. u. 19. Maerz eine Revolution sehen, wollen keinen Vereinigten Landtag mehr, die, welche nur eine Revolte erblicken, verlangen ihn. Die Gruende, mit denen man sich bekaempft, sind nicht immer redlich. Ich finde es unredlich, sophistisch wenigstens, wenn man der grossen Masse sagt: Wollt Ihr einen konstitutionellen Koenig? Wollt Ihr eine Kabinettsordre ohne Beirat der Staende? usw. Man formuliert die illiberale Frage liberal, und die Leute, so angeredet, antworten blindlings: Wir wollen einen konstitutionellen Koenig, wir wollen nichts ohne die Staende usw. Der Koenig ist konstitutionell, aber nur durch eine Konstitution, die wir noch nicht haben. Der Koenig hat sich mit dem Vereinigten Landtag frueher als absoluten Fuersten proklamiert, der Vereinigte Landtag bestand neben diesem absoluten Fuersten, folglich kann er jetzt nicht mehr neben dem konstitutionellen bestehen. Es ist ein Sophisma, wenn man die Konstitutionalitaet des Koenigs durch die Berufung des Vereinigten Landtags beweisen will.

Der Vereinigte Landtag ist ein Berliner Kind, ein Jahr alt; er war etwas neues, er wirkte vorteilhaft auf unsere politische Atmosphaere, vorteilhaft auch auf Lokal-Interessen. Diese letzteren verdaechtigen etwas die Sympathie, die sich fuer ihn zu erkennen gibt. Die Buchhaendler haben noch so viel Bildnisse und Reden-Sammlungen vom vorigen Jahre auf dem Lager: Man denkt, das alles wird jetzt flott; man hofft eine gewisse Beruhigung, eine Konsolidierung der Verhaeltnisse, die Boerse will endlich Kurse notieren. Die frueheren Abgeordneten, die da merken, dass ihre Stunde gekommen ist, regen sich auch. Sie moechten gern, das wittern wir in der Luft, Roemertaten von Entsagung auffuehren, recht flatternd den Mantel nach dem Winde haengen und die Luege noch mehren helfen, die uns so schon verdaechtig genug umspinnt. Das alles sind schlimme Aussichten und vermehren das Misstrauen in diesen alle Zeit ja rein prekaer und von der koeniglichen Gnade abhaengig gewesenen Staatskoerper.

Man sagt, man koenne eine moralische Versammlung nicht toeten. Und doch verlangt Ihr, dass sie sich selber toeten soll? Ich gestehe, ich moechte nicht auf den Baenken dieses Landtags sitzen mit dem Bewusstsein, dass ich mich ueberlebt haette, dass ich mich hinfort begraben lassen, mich ferner unmoeglich machen soll. Viele Mitglieder des Landtags werden so denken, vielleicht alle. Sie werden zusammenkommen, sich anblicken und die Augen niederschlagen. Sie werden sagen: Wie kommen wir hieher? Wir sind Provinzia1staende, wurden vereinigt ohne konstitutionellen Grundsatz, ohne Befugnis der Gesetzgebung, ohne Macht und Auctoritaet, ja sogar erst die Periodizitaet ist uns als Geschenk, durch den Augenblick, verliehen. Wir haben uns immer unbehaglich und unheimlich zusammengefuehlt, wir haben immer dahin protestiert, dass wir nicht die Staende, die 1815 versprochen sind, vorstellen, und so koennen wir nichts anderes tun, als uns in Provinzia1staende, was wir sind, aufloesen, nach Duesseldorf, Muenster, Koenigsberg, Breslau gehen, fuer das Wohl der Provinzen sorgen und uns der kleinen Freiheiten, die uns das Patent vom 3. Febr. gewaehrte, freiwillig begeben.

Die Politik sollte diesen Fall voraussetzen, sie sollte sich ruesten darauf:

1. dass dieser Vereinigte Landtag sehr unvol1staendig erscheinen, 2. sich fuer inkompetent erklaeren und 3. von der noch gaerenden Aufregung vielleicht sogar gewaltsam beanstandet werden wird.

Wuenschen das die Minister? Koennen es die Freunde des Friedens und der Ordnung wuenschen?

Ferner: Aus dem Vereinigten Landtag soll das deutsche Parlament beschickt werden. Und ueberall regt sich in Deutschland der Protest gegen diese Idee. Die Frankfurter Versammlung wird erklaeren, sie wuerde von diesen Provinzia1staenden nimmermehr Deputierte, die das preussische Volk zu vertreten haetten, empfangen. Neue Verwirrung nach einer so wichtigen Seite hin, der nationalen! Neue Aufforderung, bei Zeiten vorzubeugen und solchen Verwickelungen dadurch zu entgehen, dass man den Vereinigten Landtag, als solchen, fallen laesst. Preussen bedarf in diesem Augenblick so dringend der allgemeindeutschen Sympathie.

Wir haben noetig erstens eine konstituierende Versammlung, welche die Konstitution bespricht, und dann erst moegen die neuen Staende kommen, die vielleicht wesentlich modifiziert werden durch das (National-Parlament). Vielleicht ist das letztere wichtiger, als unsere Staende. Wenn das deutsche National-Parlament ueber vier der wichtigsten Lebensfragen eines Volkes zu entscheiden hat, werden die Staendekammern aller deutschen Staaten ohnehin nur gewissermassen zu Provinzia1staenden herabsinken. Warum streiten wir uns ueber das kuenftige Wahlgesetz? Im Augenblick handelt es sich nur um eine konstituierende Versammlung fuer Preussen, und diese muss allerdings auf der breitesten Unterlage angelegt sein, nicht ganz abstrakt-numerisch, aber doch so viel wie moeglich. (Dahlmann) hat gewiss Kenntnisse preussischer Verhaeltnisse genug, um rasch ein solches Wahlgesetz zur konstituierenden Versammlung zu entwerfen. Er wird vorurteilslos genug sein, sich dabei an die gegebenen Zustaende des historischen Augenblickes, nicht an seine Goettinger Diktate zu halten.

Ich komme nochmals auf das obige Sophisma zurueck von einem konstitutionellen Koenig, der nichts ohne den Vereinigten Landtag tun koenne. Ich find‘ es geradezu machiavellistisch. Unser konstitutioneller Koenig ist sehr jung. Er ist es vor allen Dingen durch die Konstitution, die wir erst bekommen sollen. Ein Pressgesetz war rasch erlassen, ohne die Staende. Da besorgte man, die Freiheit der Presse muesse doch gleich eine beruhigende Form haben. Jetzt berufe der Koenig eine konstituierende Versammlung durch einen Aufruf an sein ganzes Volk! Die Wahlen, so oder so modifiziert, wenn nur ueberwiegend dem Grundsatz der Allgemeinheit ehrlich entsprechend, werden ihm die Maenner bringen, die allein die Gegenwart und Zukunft organisieren koennen. Es ist sophistisch, hier von einem „Gewaltstreich“ zu sprechen. Der Koenig ist in diesem Augenblick der Ausdruck der Zeit, er will, was (wir) wollen, er gibt Gesetze, die ihm die (Lage der Dinge) diktiert. Er kann einfach sagen: Ich habe Euch dies und das in diesen Tagen versprochen, garantiert ohne die Staende, Inneres, Aeusseres, Deutsches, Preussisches, Berlinisches, kein Mensch hat gesagt: Der Koenig darf die Buergerwehr nicht ohne die Staende geben, die deutsche Kokarde nicht aufstecken usw., und nur in der Wahlangelegenheit, da wollt Ihr von staendischer (Zustimmung) sprechen? In der gefaehrlichsten Frage, wo der meiste Egoismus zu fuerchten steht?

Der Vereinigte Landtag enthaelt Elemente, die uns sehr (lieb) und (wert) sind. Seid gewiss, die werden wir alle wiederfinden in den neuen Wahlen! Die alten Stadtverordneten aber, Gemeinderaete usw., die durch Vorrechte gewaehlt wurden und die laermendste Agitation (fuer) den Landtag machen, die wohl nicht, und das ist gut. Eine Beleidigung des Vereinigten Landtags erblick‘ ich auch nicht. Kraeftig gesprochen kann man sagen: Es fiel so vieles, warum nicht er? Milder gesprochen muss man sagen: Der Vereinigte Landtag ist nur ein aus Gnade eines (absoluten) Koenigs geschenktes (Rendezvous). Die Provinzia1staende sollen nicht sogleich vernichtet werden. Sie moegen in ihre Provinzen gehen, dort das allgemeine Wahlgesetz, das die konstituierende Versammlung gegeben hat, sich mitteilen lassen und sich dort, wo sie geboren sind, auch in der Stille aufloesen oder, waere es der Fall, dass das deutsche National-Parlament nur Provinzia1staende um sich sehen will, einer neuen Organisation entgegenharren. Das in (Berlin) Vereinigtsein dieser Staende ist etwas rein Arbitraeres, Zufaelliges gewesen, und keinen Landstand kann es beleidigen, wenn man gegen diese Vereinigung protestiert.

Also, lasst Euch nichts vorreden von Rechtsverletzung, Gewaltstreich, einseitiger Willkuer. Das sind Gruben, die man Eurer guten, ehrlichen, freien Gesinnung graebt. Wenn wir eine Konstitution haben und darauf gebaute wahre Staende des Volkes, dann erst sollen die einseitigen Befehle von oben aufhoeren. Jetzt aber, solange nichts rechtlich Bindendes da ist, wollen wir froh sein, wenn die stuermisch gewesenen Vorboten des angebrochenen Voelker-Fruehlings uns noch recht viel solcher Blueten vom Baume der Majestaet schuetteln, wie diejenigen waren, welche wir in den juengst vergangenen Tagen als Gesetze und Verheissungen empfingen. Ein Wahlgesetz gibt jetzt nicht der Koenig sondern das Volk, die Zeit, der Sieg des Augenblicks.

Dr. Karl Gutzkow

 

Preussen und die deutsche Krone (1848)

Man kann es vom hoeheren, vaterlaendischen Standpunkte aus nicht billigen, dass sich Sueddeutschland aus den hiesigen Begebenheiten, die den gewaltigen Umschwung unserer Verhaeltnisse hervorriefen, nur die Ereignisse vom 18. und 19. Maerz herausgreift und auf diese schmerzlichen Tatsachen hin bei der Wiedergeburt Deutschlands Preussen desavouiert. Denn was man gegen die Person des Koenigs sagt, trifft in diesem Falle das Land, trifft Preussen und viel empfindlicher Deutschland selbst.

Man beraet eine Einigung Deutschlands auf den Grund eines zu waehlenden kuerzeren oder laengeren Oberhauptes. Seit Pfizers „Briefwechsel zweier Deutscher“ steht es fest, dass selbst die freisinnige, deutsche, hochherzige Bewegungspartei fuer die Idee einer preussischen Hegemonie ist. Die sueddeutschen Deputierten, die mit einem Doppelplane der Organisation, einem monarchischen und einem republikanischen, hierher kamen, vertraten anfangs denselben Geist, dieselbe Meinung, und noch am 18. und 19. Maerz soll Preussen ploetzlich „unmoeglich“ geworden sein? Darin liegt eine politische Unklugheit und eine doppelte Ungerechtigkeit.

Um es ganz offen zu sagen, wonach streben wir? Wir moechten saemtliche deutsche Fuersten auf eine Art Standesherrenschaft zurueckfuehren, ihnen in Frankfurt (einem nicht gut gewaehlten Orte; Leipzig, Gotha, Weimar, Nuernberg waeren besser) eine ehrenvolle und wuerdige Vertretung ihrer Interessen und Erinnerungen geben und das ganze Reich durch ein temporaeres oder dauerndes, erbliches oder nichterbliches Bundesoberhaupt regieren lassen. Ohne eine sehr bedeutende Nullifikation unserer Fuersten ginge es dabei nicht ab. Die kleineren scheinen nicht abgeneigt, solchen Wuenschen sich zu fuegen; ja sogar groessere Fuersten, die Koenige heissen, ob sie gleich wegen ihres Gebietes nur Herzoege oder Landgrafen heissen sollten, ich sage, selbst groessere haben Waerme und Gefuehl fuer das Gemeinsame genug, dass sie freiwillig ihre Souveraenitaet angeboten und auf den Altar des Vaterlandes niederzulegen versprochen haben. Ein Koenig sogar, der sich gegen diese Richtung anzustemmen nicht mehr kraeftig genug fuehlte, entsagte seinem Throne und trat ihn seinem Erben ab, der dieser idealen Richtung sich verwandter fuehlt. Von Oesterreich wuerde man immer nur einzelne Teile seines Gebietes haben vertreten wissen wollen und wenn auch die Wiener Bewegung, der Sturz Metternichs eine augenblickliche Hingabe an das alte Kaiserhaus in uns erwachen liess, sie kann nur voruebergehend sein. Warum nur voruebergehend? Weil einmal die Persoenlichkeit des gegenwaertigen Kaisers keine ausreichende ist, zweitens der Wiener Aufschwung der rechten freiheitsgeduengten Grundlage im ganzen Reich ermangelt und drittens in Frankfurt nimmermehr gewuenscht werden kann, dass Deutschland wieder in das Schlepptau der europaeischen Politik des Hauses Habsburg genommen wird. Was man fuer [die] Reorganisation Deutschlands tut, muss ohne organische Aufnahme oesterreichischer Elemente geschehen. Oesterreich kann nur ehrenhalber dabei beteiligt sein.

So bliebe immer nur die preussische Anlehnung als die hauptsaechlichste und entscheidendste uebrig. Das schlechte Preussische ist ja im Innern zerstoert und wird noch mehr zerstoert werden durch Amalgamierung mit dem uebrigen deutschen Stoff; das gute Preussische aber ist fuer Deutschland so wesentlich, dass es Torheit und Verblendung waere, sollte sich auf ein einzelnes Faktum, ueber das wir noch spaeter sprechen werden, auf eine einzige dem Koenigtume gegebene Lehre hin diese Idee der vol1sten Aufnahme Preussens in die deutsche Sache zerschlagen. Welchen Ersatz wollt Ihr in Heidelberg und Mannheim bieten? Es ist sehr leicht, in tausendfacher Anzahl Versammlungen ausschreiben, sich in Drohungen und Verwuenschungen ergehen, Lieder singen usw., aber die nuechterne Erwaegung der Tatsachen sollte Euch zwingen, Euren Unmut zu beherrschen und ueber die Personen nicht die Sache zu verlieren!

Isoliert man Preussen, isoliert man die Empfindung seines jetzt sich zwar konstitutionell bindenden Koenigs, dessen Persoenlichkeit indessen nicht so nach Gefallen zu beseitigen ist, so koennte der deutschen Wiedergeburt eine grosse Gefahr erwachsen. Der Provinzialgeist reagiert jetzt gegen die Hauptstadt Preussens, pommersche und uckermaerkische Bayards wiegeln die unzurechnungsfaehige altfraenkische Loyalitaet der Bauern und den Aerger des Adels auf, das Heer ist verstimmt, viele seiner Fuehrer sind geradezu verdaechtig, die ganze Maschine der Verwaltung laeuft noch in den alten Wellen und Raedern, Polen hofft auf friedliche, unblutige Wiederherstellung und laesst im Adressenrauschen und Fraternitaetspredigen vielleicht den Moment der Tat voruebergehen, Russland, das geruestete, einige, feste weiss, was es will, es trifft, ungehindert von Polen, Preussen unvorbereitet, uneins, zoegernd, den Koenig verstimmt, abgekuehlt durch Eure Proteste, der Strom von Osten flutet heran … und was dann? Sued- und Westdeutschland haben nur noch eine Einigkeit auf dem Papier und die Erinnerungen an die militaerische Kraft des Reiches sind eben nicht erhebender und vertrauenerweckender Art.

Preussens historische Bestimmung ist die des Werdens, des Fliessens, Wallens, sich Gestaltens und Ausdehnens. Deutschland, Preussen in sich aufnehmend, wird allein stark sein. Was weist Ihr Preussen zurueck? Ist es nicht ein neues, das sich mit Euch verschmelzen will? Habt Ihr noch Misstrauen in das von Euch bespoettelte Berlin, dem Ihr in diesem Augenblick allein den kraeftigsten Beweis einer in Deutschland doch moeglichen Auflehnung gegen Uebergriffe und Anmassungen der Gewalt verdankt? Berlin hat sich nicht nur durch seinen persoenlichen Mut zur geistigen Hauptstadt Deutschlands gemacht, sondern auch durch die Fuelle von Fragen, die sich in politischer und sozialer Ruecksicht hier allein aufgeworfen haben. Man kam fast nirgends ueber die patriotischen und liberalen Abstraktionen hinaus, in Berlin lodert es radikal vom Herd des Volkes auf.

Nenn‘ ich die Isolierung Preussens in diesem Augenblicke unpolitisch, so ist sie auch ungerecht und zwar in doppelter Hinsicht. Ungerecht gegen das preussische Volk, ungerecht sogar gegen den Fuersten. Was am 18. Maerz verbrochen wurde, ist das Verbrechen aller deutschen Fuersten. In Wien ist auf das Volk geschossen worden wie in Berlin, und das Blutbad wuerde ebenso gross geworden sein wie hier, wenn man dort nicht sogleich in der Absetzung Metternichs eine rasch ausfuehrbare Konzession gehabt haette. Metternich stand schon so schwankend, dass er durch eine Strassenbewegung fiel. In Berlin war der Kampf rein eine Schlacht, die man dem Militaer als solchem lieferte, dem Militaerstaat, dem Land der Polizeityrannei, kurz, es war ein fast persoenlicher Vernichtungskampf. Jeder deutsche Fuerst, umgeben von solchen Generaelen, solchen militaerisch gesinnten Prinzen, solchen militaerischen jahrhundertalten Arroganzen, haette ebenfalls feuern lassen. Der Koenig braucht darum gar nicht persoenlich der „Wuerger“ und Schlaechter zu sein, fuer den ihn die Heidelberger Adresse erklaert. Er ist ganz einfach der Ausdruck seiner Standesvorurteile, seiner militaerischen Erziehung, das Echo seiner Ratgeber, das weiche Wachs seiner Brueder und sogenannten Jugendfreunde, der Froemmlinge, der Volksveraechter jeden Grades. Rechnet man noch hinzu, wieviel Unruhe und Unselbstaendigkeit er in sich selbst besitzt in dem Gefuehl seiner nunmehr achtjaehrigen widerspruchsvollen Regierung, wo ihn, den romantisch gestimmten Epigonen vergangener Zeitrichtungen, der Sturmwind des Tages ewig im Kreise umherwirbelte und er bei dem unleugbaren Willen, gut, gerecht, weise, edel sein zu wollen, und dem Bewusstsein, gut, gerecht, weise, edel sich selbst zu erscheinen, doch der Welt gegenueber immer als das Gegenteil davon hervortrat: so ist es im hoechsten Grade ungerecht, die voellige Umkehr und neue Geburt, zu der er am 20. Maerz die Lust bezeugte, das Emporhalten des Reichsbanners und den Enthusiasmus eines neuen ihn innerlichst ergreifenden Menschen abzuweisen und seine warme Hingabe an die deutsche Sache zu erkaelten. Noch beduerfen wir, um das, was in Frankfurt bezweckt wird, auszufuehren, der Persoenlichkeit unserer Fuersten. Noch kann die Reue, das Beduerfnis nach Popularitaet, der geweckte Enthusiasmus des preussischen Koenigs in die Waagschale der Frankfurter Entschluesse das Gewicht der Entscheidung legen; warum festhalten an dem, was am 19. in Berlin geschah und wie es in Muenchen, Kassel, Karlsruhe, Hannover geschehen sein wuerde, wenn nicht das Volk gleich anfangs eine kraeftige Miene gezeigt haette! Mit Worten ist in Staedten, die ich nicht nennen will, von unseren Fuersten mehr gemordet worden, als hier in Berlin mit Waffen.

Deutschlands Wiedergeburt unter dem preussischen Banner ist, so lange wir in der konstitutionellen Monarchie uns bewegen wollen, die einzige kraftvolle und Zukunft versprechende Loesung des Augenblicks. Wollt Ihr die Einigung Deutschlands in wahrer Vollendung, so koennt Ihr nur den Maechtigsten an die Spitze stellen und das, was Ihr an seiner Person vermissen wollt, durch den Genius seines Volks ersetzen!

Dringen diese Ansichten nicht durch, scheitern sie an einer unueberwindlichen persoenlichen Abneigung, so treten folgende Faelle ein: Erstens werden wir um die Russland in Schach haltende polnische Insurrektion betrogen, da ein unter den Auspizien des Panslawismus friedlich geschaffenes Koenigreich Polen leicht mit dem Zaren friedlich sich abfinden duerfte. Zweitens haetten wir die russische Invasion, die ein innerlich zerworfenes, militaerisch unorganisiertes Deutschland, ein fuer den Augenblick an sich selbst irrgewordenes Preussen vorfaende. Drittens endlich, wer schuetzt uns–vor Verrat, vor einer tief angelegten, grauenerregenden…. Intrige? All‘ diese Lose schlummern im Schoss der naechsten Zukunft, wenn Sueddeutschland in seinen Ablehnungen und Protesten so fortfaehrt, wie es begonnen, es sei denn, dass der Koenig von Preussen, der grossen Mission seines Volkes sich unterordnend, den Wink verstaende, den ihm Gervinus im neuesten Bulletin der „Deutschen Zeitung“ gegeben hat.

Abwehr einer Verleumdung (1850)

In N deg.. 43 dieser Zeitung sagt ein Anonymus, dem die Redaktion sogar die Ehre erweist, seine boesen Verdaechtigungen in den Grossdruck des politischen Textes aufzunehmen, der Unterzeichnete koennte schon deshalb als „technischer Direktor“ des K. Hoftheaters nicht berufen werden, weil–ihm etwa die noetigen dramaturgischen Kenntnisse mangelten? Nein. Oder weil von ihm bekannt waere, dass er zwar kein republikanischer, aber doch sonst ein gar schlimmer und bedenklicher Autor waere? Auch das nicht! Nun, warum denn sonst nicht? Er hat etwas viel, viel Aergeres begangen. Er waere im Jahre 1848 von Dresden ganz besonders zu den „Maerzereignissen“ heruebergekommen. Zwar setzt der wohlwollende „Zuschauer“ schuechtern hinzu: „Wie es scheint.“ Verzwicktes „wie es scheint“! Warum nicht sogleich dreister? Warum nicht sogleich geradezu gesagt, ich haette Barrikaden befehligt?

Im Mai 1849 hab‘ ich in Dresden, wohin ich nicht erst zu reisen brauchte, wirklich eine Barrikade bauen sollen. Fuenf Maenner in Sensen hielten mir Steine entgegen und wollten mich zwingen, Hand anzulegen. Lasst mich! Ich bin kein Baumeister! musst‘ ich ihnen sagen. Es half nichts: „die Sense sollte michs schon lehren!“ Erst als ich etwas unsanft sagte: Leute, ich habe fuer die deutsche Einheit mehr mit dem Wort getan, als ich hier mit Steinen tun kann! liess mich die damals souveraene Insurrektion meines Weges ziehen. Freilich! Warum sass ich nicht, wird mein „Zuschauer“ fragen, auch hier versteckt in irgendeinem Keller? Warum war ich an jenem Maerzsonntage 1848 vor dem Schlosse in Berlin und sah mir dies Wogen und Wueten einer ungebundenen Menschenmasse an? Der schlimme „Zuschauer“ sagt, Herr Polizeipraesident v. Minutoli muesste darueber auch noch erst Bericht erstatten. Niemand kann im geschichtlichen Interesse mehr wuenschen als ich, dass der freundliche und um den milderen Verlauf jener Tage vielfach verdiente Herr v. Minutoli seine damaligen Erlebnisse erzaehlte. Aber ich wuenschte doch, Felix Lichnowski lebte noch und bestaetigte mir’s, dass er mich aufforderte: „Freund, Sie muessen reden! Sie muessen! Ich lasse Sie nicht!“ „Worueber?“ „Ueber was Sie wollen! Ich bin heiser, ich kann nicht mehr! Nur reden, nur beruhigen!–Nun denn, sagt‘ ich, ich habe in jenem patriotischen, angeborenen, mark-brandenburgischen, vaterstaedtischen Drange, von dem man damals noch nicht ahnte, dass man ihn spaeter fuer revolutionaeren Fuerwitz erklaeren koennte, das Wort des Koenigs: Kommt und ratet mir! so aufgefasst, dass ich ihm einen Brief uebergeben liess, worin ich ihn bat, in die aufgeloeste Ordnung irgendeinen, die Massen nur legal zusammenziehenden, die Gemueter zerstreuenden neuen Gedanken zu werfen, am liebsten den der Buergerbewaffnung! „Sprechen Sie darueber! Sogleich! Hier! Heran! Ich lasse Sie nicht mehr fort!“ Ich sprach, und die Massen, die zu allen Konzessionen, die sie kaum verstanden, noch etwas Neues, Handgreifliches, leicht Verstaendliches hinzuempfingen, zerstreuten sich. Es ist bekannt, dass der Koenig denen gedankt hat, die an jenem Sonntagmorgen zum Schlosse hielten. Freilich, sehr exaltiert, sich ohne Portefeuille fuer einen Politiker zu halten! Sehr exaltiert, nicht wie jener Feigling im „reisenden Studenten“ in den Mehlkasten zu springen und zu rufen: Brennt’s noch? Wer damals in den Mehlkasten sprang, der kam freilich fuer immer sehr weiss heraus.

Einige Tage gaerte das, alle ergreifend, noch so fort. Und wenn mein „Zuschauer“ sagt: Vor dem 18. Maerz schon haett‘ ich „Taetigkeit entwickelt“, so will ich ihm sagen, was ich vor und nach dem 18. Maerz fuer „Taetigkeit entwickelte.“ Am 6. kam ich mit Weib und Kind nach Berlin, um meinen Urlaub dort zu verleben. Von da bis zum 18. schrieb ich im Hotel de Russie mein Schauspiel: Ottfried. Und vom 22. Maerz bis 22. April, also waehrend der vollen Bluete der Revolution, sass ich am Krankenbette eines Kindes, am Sterbebette einer Frau. O Du leidiger „Zuschauer“! Ich beantworte Deine boese Anklage so ausfuehrlich nicht wegen des „technischen Direktors“ (der nicht mir, nur jener Anstalt fehlt), sondern deshalb, weil diese in Berlin eingerissene Enthuellungssprache, dies mystische: Der war gestern in der und der Strasse! Man hat ihn da und dort mit dem und dem verkehren sehen usw. eine wahre Schmach unserer Zeit ist und an die truebsten Tage roemischer Delatorenwirtschaft erinnert.

Wenn man von mir sagt, dass ich bei dem mir mannigfach eingeraeumten Berufe, fuer die deutsche Schaubuehne theoretisch und praktisch zu wirken und an jedem Hoftheater die aesthetische Initiative ergreifen zu koennen, doch immer noch so „taktlos“ bin, in politischen Dingen mehr links als rechts zu stehen, so kann ich mich dagegen nicht verteidigen und werd‘ es nicht. Aber den Vorwurf, dass ich in meinem Leben je gewuehlt, agitiert oder konspiriert haette, weis‘ ich mit Verachtung zurueck.

Dresden, 23. Februar 1850.

Dr. Karl Gutzkow

 

Varnhagens Tagebuecher (1861)

Wir moegen nicht das Schlimme wiederholen, das sich schon reichlich in manchen Blaettern ueber Ludmilla Assings neue Mitteilungen aus dem Nachlass ihres Oheims (zwei Baende, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1861) gesagt findet. Die Ausdruecke der Anfeindung und Verachtung kommen meist aus der Region, wo man sich durch die guten Seiten dieser Tagebuchnotizen getroffen fuehlt.

Wer die Zeit von 1835-43 (dies die Jahre, die die vorliegenden zwei ersten Baende treffen) mit all dem Unmut und dem Druck persoenlichster Benachteiligung durchlebt hat, dem Varnhagen in seinen Aufzeichnungen Worte leiht, der entschuldigt das meiste von dem, was andere hier verurteilen wollen. Ihm bleibt es eine Erquickung, noch einmal bis in die kleinsten Details jenen traurigen Zeiten der Verfolgung und endlich zu Fall gekommenen Tyrannei nachzuleben. Ihm gewaehrt es einen hohen Genuss, sich sagen zu koennen: An alledem warst auch du mit den tiefsten Atemzuegen deines Lebens beteiligt, fuehltest dieselben Gewaltschlaege der Schergen, hofftest auf dieselben Sonnenblicke der bessern Zeit! Bis ins einzelnste lebt sich ein aelteres Geschlecht in diesen Varnhagenschen Mitteilungen noch einmal wieder sein eigenes Leben durch.

Und auch das ist eine der guten Seiten dieser Veroeffentlichungen, sie lehren Hingebung an Zeit und Menschen, Verehrung und Pietaet vor der gemessenen Stunde, auch vor fremder Bildung, fremdem Lebensschicksal und vollends vor dem eigenen, soweit wir nur zu oft geneigt sind, immer nur in hastiger Erwartung des Zukuenftigen unsere Befriedigung zu finden. Je massenhafter die Zeit ihre Strebungen ansetzt, je verallgemeinerter die Wirkungen des Zeitgeistes sind, desto erhebender diese Beachtung des Einzellebens, diese sinnige Beobachtung des Individuellen und Persoenlichen. Letztere Beobachtung ist bei Varnhagen nicht ganz von der Neugier, noch weniger lediglich vom Gefallen an dem medisanten Gefluester der Goettin Fama eingegeben; sie entspringt aus einem Persoenlichkeitskultus, den wir nicht verwerfen oder um seiner etwaigen Abnormitaeten willen verurteilen wollen.

Welche Fuelle von interessanten Mitteilungen diese beiden Baende enthalten, ist in allen Zeitungen schon gesagt worden. Wir koennen allerdings den verstehen, der die Moeglichkeit, solche Tagebuecher zu fuehren, in mehr bedenklichen als guten Charaktereigentuemlichkeiten finden will; das vor uns liegende Endergebnis solcher Art oder Unart ist jedoch lehrreich und nuetzlich. So viel laesst sich bei jedem einigermassen Urteilsfaehigen voraussetzen, dass ihm nicht jede dieser fluechtig hingeworfenen Aeusserungen massgebend sein wird–es kann in ihnen getadelt werden, was vielleicht alles Lobes wert ist–aber luftreinigend wirken diese Explosionen; Behutsamkeit werden sie nach allen Seiten hin verbreiten. Wie gut tut es nur allein schon den Hochgestellten und Maechtigen, dass sie ueberall sich eingestehen muessen: Hier ist zwar nicht durch Anschlag vor Fussangeln gewarnt, aber huete dich bei jedem Schritt, unvorsichtig und unbedacht zu sein!

Auch darin muessen wir eine hoechst interessante Wirkung dieser Veroeffentlichungen sehen, dass wir die ausserordentliche und fast unglaublich scheinende (Natuerlichkeit) kennenlernen, die in gewissen hoehern Regionen waltet. Moeglich, dass zwei Dritteile dieser hier vom Hofe, den Prinzen, den Staatsmaennern Preussens aus den oben genannten Jahren mitgeteilten Anekdoten unrichtig erzaehlt oder leere Erfindungen des Geruechts sind; dennoch bleibt immer noch genug zurueck, um uns ein Bild dieser steten Agitation zu geben, die um die hervorragenden Erscheinungen der Erdenmacht sich auf- und abbewegt. So stuermt der Zugwind am meisten um grosse, alleinstehende Kirchen und laesst schon in der Legende den Teufel da sein lustigstes Spiel treiben. Varnhagen hat Fuersten und Regierende genug selbst gesprochen, teilt Aeusserungen von erlauchten Lippen genug selbst mit, die sein eigenes Ohr vernommen, um die Vorstellung zu erwecken: So also beaengstigt euch Herrschende doch die Zeit und die tausendfache Verpflichtung, die gerade euch stets mahnend zur Seite steht! So jagen euch die unfertigen Gestaltungen dieser irdischen Welt hin und her; so bringt der Vorwitz und die Torheit und welche Leidenschaft der Menschen nicht–! unablaessig Wirkungen hervor, deren Ursachen wir Fernstehenden kaum ahnten! In den Zeitungen stand das alles so kalt und so abgeschlossen fertig da, was sich hier hinter den Kulissen so heiss siedend und wallend erst formte, so unfertig, so nur wie vorlaeufig! Diese Haende konnten maechtige Fahrzeuge zimmern und doch nicht dem Sturm und den Wellen gebieten! Wir haben seit langem nicht so auf den Sieg des Wahren und Gerechten vertraut wie nach der Lektuere dieser Tagebuchmitteilungen, die uns die Gewalthaber der Erde als ebenso hilfsbeduerftige Menschen schildern, wie wir selbst sind.

Vorlaeufiger Abschluss der Varnhagenschen Tagebuecher (1862)

Es wuerde ueberfluessig sein, das Erstaunen und die mannigfachen Bedenken ueber die Existenz und die fruehzeitige Herausgabe der Varnhagenschen Tagebuecher zu wiederholen. Ihr oeffentliches Vorhandensein ist nun einmal ein Begegnis wie ein Naturphaenomen, das sich aller Berechnung entzieht. Selbst eine Anklage und vor allem die gerichtliche Verfolgung erscheint uns im vorliegenden Falle wenig angebracht, da man nur einfach zugeben sollte, dass es sich hier um ein literarhistorisches Ereignis, ein psychologisches Raetsel, um eine in dem Leben eines ausgezeichneten Mannes uns bis jetzt noch unvermittelt erscheinende Anomalie handelt. Die Entwaffnung dessen, der durchaus entruestet sein und bleiben will, sollte in den Vorzuegen des Schriftstellers selbst liegen, der uns so lange Jahre hindurch ein Muster der Maessigung und des Strebens nach dem Kerngehalt der Zeit und Welt erschien. Ihn jetzt ploetzlich so ganz abirren zu sehen von derjenigen Bahn, in welcher von ihm so viel Bedeutendes und Bleibendes geleistet worden ist, das ist eine Erscheinung von so fragwuerdiger Seltsamkeit, dass sie uns nur psychologisch, biographisch, zeitgeschicht- lich beschaeftigen, am wenigsten Anlass geben sollte, die Herausgabe des Buches zu einem Vergehen zu stempeln. Selbst noch das Irrgewordensein eines bedeutenden Mannes kann ein Schauspiel bieten, das interessant und lehrreich ist.

Bis nahe an die Grenze der Unzurechnungsfaehigkeit sind allerdings diese Aufzeichnungen aus den Jahren 1848 und 1849 vorgerueckt. Aber waren wir denn alle, die wir jene Tage miterlebten, frei von einer krankhaften Exaltation unsers Empfindens und Denkens? Wer haette nicht damals sich mitten auf die Strasse stellen und seine Stimme laut erschallen lassen moegen, um vor hereinbrechenden Gefahren zu warnen? Falsche Volksfuehrer zu entlarven, Abtruennige mit feierlichem Protest dem Fluch aller Zeiten preiszugeben? Beim Rollen und Donnern der Kanonen, bei den Salven, die auf Volkshaufen abgefeuert wurden, beim Krachen des beginnenden Barrikadenbaues trieb die aufgeregte Phantasie, die Liebe zum Vaterland, zur Freiheit, ja wohl auch nur die Vorstellung von unbesonnenen, falschen, der naechsten Klugheit widersprechenden Massregeln die sonst ruhigsten Gemueter in die Vorzimmer der Minister, in die Kabinette der Fuersten, um ihre Meinungen geltend zu machen. Jeder Tag brachte neuen Zuendstoff, um die Gemueter in Flammen zu setzen; und was Varnhagen hier oft nur mit kurzen Worten niederschrieb: „Es sind Schurken, Halunken, Boesewichter!“ das alles wurde oft genug von uns selbst ausgerufen oder zwischen den Zaehnen gemurmelt. Es liegt uns die treueste, die lebendigste Vergegenwaertigung einer Zeit vor, die leider fuer die Wiederaufnahme dessen, was sie uns haette bringen sollen, mit einem unfruchtbar und nutzlos voruebergehenden Jahr nach dem andern sich uns schon zu weit zu entruecken droht. Eine junge Generation tritt immer mehr in den Vordergrund, ohne jene Zeit erlebt, ihre Erfahrungen benutzt zu haben. Es waere ein unermessliches Unglueck fuer unser Vaterland, wenn die Stunde der Erloesung von unsern gegenwaertigen, von den Regierungen ja selbst fuer unhaltbar erklaerten Zustaenden zu einer Zeit schluege, wo die Lehren der Jahre 1848 und 1849 bereits vergessen waeren.

Deshalb schon und um dieser nuetzlichen Vergegenwaertigung der Lage willen, in welche Deutschland bei einer verhaengnisvollen Krisis immer wieder aufs neue wird geraten koennen, sollte man das Exzentrische dieser Publikationen mit Ruhe hinnehmen. Manche von denen, die hier als „Schurken“ und „Halunken“ bezeichnet werden, leben allerdings noch, aber sie moegen doch nicht glauben, dass man sie um deshalb, weil sie hier so genannt worden sind, nun wirklich dafuer halten und in der Geschichte als solche stempeln wird. Viele davon moegen ernsthaft genug ihr Teil verschuldet haben, aber auch diese moegen annehmen, dass die oeffentliche Meinung an ihre Reue und an manche bessere Besinnung glaubt. Vor allem verraet der Ton dieser beiden neuerschienenen Baende, dass der Verfasser der „Tagebuecher“ wirklich an der Zeit krank war und ueber die Taeuschung seiner Hoffnungen oft sein Herz brechen fuehlte. Die Wahrheit, mit welcher dieser Schmerz empfunden und geschildert wird, ist in der Tat erschuetternd und versoehnt uns nicht nur mit der Herbheit seiner Aufzeichnungen selbst, sondern ueberhaupt mit manchen Zuegen in Varnhagens Charakter, mit welchen wir uns frueher nicht hatten befreunden koennen. Wir begegnen hier einem Glauben an die Rechte der neuen Zeit und an den letztlichen Sieg der Freiheit, einem Glauben an den Wert und den Adel des Volks, wie er sich schoener nicht in den Werken der beruehmtesten Freiheitshelden, nicht reiner bei Franklin findet.

Auch diese neuen Baende werden vielen Federn Anlass bieten, in mannigfacher Weise auf ihren interessanten Inhalt einzugehen. Unserer Zeitschrift fehlt dazu der Raum. Nur eine Bemerkung wollen wir nicht unterdruecken, die auf den politischen Charakter Preussens und Berlins geht. Jene Jahre waren allerdings die der allgemeinen Verwirrung, aber am verworrensten sah es doch wohl in Berlin aus. Wir denken hierbei nicht an die Bassermannschen Gestalten, nicht an die ratlose, hin und her geaeffte Buergerwehr, nicht an den zu allen Zeiten schwer zu bewaeltigenden Strassengeist Berlins, sondern an die Sphaere der Intelligenz und der privilegierten Politiker. Letztere rekrutierten sich eigentuemlicherweise aus frondierenden Beamten und pensionierten oder auf Disposition gestellten Militaers, wie denn Varnhagen selbst ein solcher zur Disposition gestellter Diplomat war. Das Hin und Her, das Zutragen, Besserwissen, die Medisance, das Klatschen gerade dieser Sphaere ist so hoechst auffallend, dass man die Gefahren des Throns weit weniger versucht wird in der demokratischen Sphaere zu suchen als da, wo der Thron seine Stuetzen zu suchen pflegt. Eitelkeit, Unzuverlaessigkeit, Rachsucht, haemische Schadenfreude verbinden sich hier mit einer muessiggaengerischen Phantasie, die unausgesetzt sich selbst und andere alarmiert und an einen Nachen denken laesst, der im Sturm nur durch die Unruhe und das Hin- und Herlaufen seiner Passagiere untergeht. Dies ist ein bedenklicher Charakterzug jener Menschen und Gegenden, welche bekanntlich die deutsche Hegemonie und im Fall der Gefahr unsere Kriegsfuehrung anstreben. Denkt man sich diese spezifisch berlinisch-preussischen Elemente beim Beginn eines Feldzugs oder am Vorabend einer Schlacht, so darf uns so ausserordentlich viel Weisheit, so ausserordentlich viel (nur durch die Furcht!) aufgeregte Phantasie, verbunden mit der im schwatzhaftesten Dreiachteltakt gehenden Suada, die niemanden zu Worte kommen laesst, ernstliche Besorgnisse einfloessen.

 

 

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