Herzen und Hände

In Denver stiegen viele Passagiere in den Schnellzug nach Osten ein. In einem Wagen saß eine sehr hübsche junge Frau, elegant gekleidet und umgeben von all den luxuriösen Annehmlichkeiten eines erfahrenen Reisenden. Unter den neu zugestiegenen Fahrgästen waren zwei Männer, der eine jung, gut aussehend mit einem unerschrockenen, offenen Gesicht, der andere ein ungepflegter, mürrischer Mensch, schwer gebaut und schäbig gekleidet. Die beiden waren mit Handschellen aneinander gefesselt.

Als sie den Mittelgang entlang gingen, boten sich ihnen als einzige Sitzplätze nur die gegenüber der attraktiven jungen Frau. Und hier ließ sich das zusammengekettete Paar nieder. Die junge Frau warf einen flüchtigen, unbeteiligten Blick auf sie; aber dann hellte plötzlich ein reizendes Lächeln ihre Miene auf und eine leichte Röte legte sich auf ihre runden Wangen, und sie streckte ihre kleine grau behandschuhte Hand aus. Als sie sprach, verkündete ihre volle, süße, überlegte Stimme, dass ihre Eigentümerin gewohnt war zu sprechen und gehört zu werden.

"Nun gut, Mr. Easton, wenn Sie mich durchaus zuerst sprechen lassen wollen, werde ich es wohl tun müssen. Erkennen Sie Ihre alten Freunde denn gar nicht wieder, wenn Sie sie im Westen treffen?"

Der jüngere Mann fuhr beim Klang ihrer Stimme zusammen, schien mit einer leichten Verlegenheit zu kämpfen, die er aber sofort abschüttelte, und ergriff dann ihre Finger mit seiner linken Hand.

"Das ist ja Miss Fairchild," sagte er erfreut. "Ich muss Sie bitten, meine andere Hand zu entschuldigen, sie ist gerade anderweitig beschäftigt."

Er hob die rechte Hand ein wenig, die am Gelenk mit dem glänzenden "Armband" an die Linke seines Begleiters gebunden war. Der freudige Ausdruck in den Augen des Mädchens verwandelte sich langsam in verwirrten Schrecken. Das Glühen war von ihren Wangen gewichen. Ihre Lippen öffneten sich in unbestimmter, kraftloser Bestürzung. Easton wollte mit einem kleinen Lachen, als ob er amüsiert wäre, gerade zum Sprechen ansetzen, als der andere ihm zuvorkam. Der verdrießlich drein schauende Mann hatte mit verstohlenen Blicken aus seinen scharfen, schlauen Augen die Miene des Mädchens beobachtet.

"Entschuldigen Sie bitte, Miss, dass ich das Wort ergreife, aber ich sehe, Sie kennen den Marshal hier. Wenn Sie ihn bitten könnten, für mich ein gutes Wort einzulegen, wenn wir in den Knast kommen, wird er es tun, und es wird das Leben dort leichter machen für mich. Er bringt mich nämlich ins Gefängnis von Leavenworth. – Sieben Jahre für Geldfälschung."

"Oh!" entfuhr es dem Mädchen mit einem tiefen Aufatmen und bekam wieder Farbe. "Das ist es also, was Sie hier draußen treiben? Ein Marshal!"

"Liebe Miss Fairchild," sagte Easton gelassen, "ich musste etwas unternehmen. Geld bekommt immer Flügel bei mir, und Sie wissen ja, man braucht Geld, um mit unserer Clique in Washington mithalten zu können. Ich hörte von dieser offenen Stelle im Westen, und – nun, ein Marshal ist nicht ganz so hochgestellt wie ein Botschafter, aber . . ."

"Der Botschafter" sagte das Mädchen warm, "kommt nicht mehr zu uns. Das hätte er auch gar nicht gebraucht. Das sollten Sie wissen. Und jetzt sind Sie also einer von diesen schneidigen Westernhelden, und Sie reiten und schießen und geraten in alle möglichen Gefahren. Das ist wirklich ein großer Unterschied zum Leben in Washington. Unser alter Kreis hat Sie vermisst."

Die Augen des Mädchens wanderten fasziniert und leicht geweitet zurück zu den glitzernden Handschellen.

"Machen Sie sich keine Sorgen deswegen, Miss," sagte der andere Mann. "Alle Marshals ketten sich mit Handschellen an ihre Gefangenen, um sie davon abzuhalten abzuhauen. Und Mr. Easton versteht sein Geschäft."

"Werden wir Sie bald einmal wieder in Washington sehen?" fragte das Mädchen.

"Nicht so bald, glaube ich," erwiderte Easton. "Meine flatterhaften Zeiten sind vorüber, fürchte ich."

"Ich liebe den Westen," sagte das Mädchen beiläufig. Ihre Augen leuchteten sanft. Sie blickte aus dem Fenster. Sie fing an, offen und ehrlich und ohne jede vornehme Geziertheit zu sprechen: "Mama und ich haben den Sommer in Denver verbracht. Vor einer Woche ist sie nach Hause gefahren, weil Vater leicht erkrankt ist. Ich könnte im Westen leben und glücklich sein. Ich glaube, die Luft hier bekommt mir gut. Geld ist nicht alles. Aber das begreifen die Leute nicht und bleiben dumm . . ."

"Sagen Sie mal, Mr. Marshal," knurrte der verdrießliche Mann. "Das ist aber nicht ganz fair. Ich brauche was zu trinken und habe den ganzen Tag noch nicht geraucht. Haben Sie sich nicht lange genug unterhalten? Bringen Sie mich jetzt doch bitte ins Raucherabteil, ja? Ich lechze nach einer Pfeife."

Die aneinander gefesselten Reisenden erhoben sich, Easton immer noch mit dem selben versonnenen Lächeln im Gesicht.

"Eine Bitte um Tabak kann ich nicht abschlagen," erklärte er unbekümmert. "Er ist der einzige Freund der Unglücklichen. Leben Sie wohl, Miss Fairchild. Sie sehen ja, die Pflicht ruft." Er streckte ihr zum Abschied die Hand hin.

"Es ist zu schade, dass Sie nicht nach Osten fahren," sagte sie und wurde wieder ganz vornehme Dame. "Aber Sie müssen ja wohl nach Leavenworth weiterreisen?"

"Ja," sagte Easton, "ich muss weiter nach Leavenworth."

Die beiden Männer drängten sich durch den Mittelgang zum Raucherabteil.

Die beiden Fahrgäste auf den Nachbarsitzen hatten den größten Teil der Unterhaltung mit angehört. Der eine sagte: "Dieser Marshal ist ein anständiger Kerl. Ein paar von den Westlern sind wirklich ganz in Ordnung."

"Ziemlich jung für so ein Amt, oder?" fragte der andere.

"Jung!" rief der erste aus, "warum . . . – Oh! Ist es Ihnen wirklich nicht aufgefallen? Oder haben Sie vielleicht schon mal einen Marshal gesehen, der einen Gefangenen an seine rechte Hand fesselt?"

 

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