Heinrich Schliemann: Zweites Jahr der Arbeiten in Hissarlik

1872

Gegen Ende März 1872 kehrte ich mit meiner Frau nach Hissarlik zurück und nahm die Ausgrabungen mit 100 Arbeitern wieder auf. Bald war ich im Stande, die Zahl meiner Arbeiter auf 130 zu erhöhen, und nicht selten beschäftigte ich sogar 150 Leute. Ich war jetzt vortrefflich für unsere Arbeit ausgerüstet, da mir meine verehrten Freunde, die Herren John Henry Schröder & Co. in London, eine genügende Anzahl der besten englischen Schiebkarren, Spitzhauen und Spaten verschafft und ich ausserdem drei Aufseher und einen Ingenieur, Mr. A. Laurent, engagirt hatte. Der letztere, der die Karten und Pläne anfertigte, erhielt 400 M., jeder der Aufseher 120 und mein Diener 144 M. monatlichen Gehalt, während der Tagelohn meiner Erdarbeiter 1 Fr. 80 c., d.i. ungefähr 1 M. 40 Pf. pro Mann betrug; doch musste ich denselben bald auf 2 Fr. oder 1 M. 60 Pf. erhöhen. Zunächst liess ich nun auf dem Gipfel von Hissarlik ein hölzernes Haus mit drei Zimmern sowie auch ein Magazin nebst Küche u.s.w. errichten, und die Gebäude zum Schutze gegen den Regen mit wasserdichtem Filze decken.

An dem steilen Nordabhange von Hissarlik, der unter einem Winkel von 45° ansteigt, in senkrechter Richtung genau 461/2 Fuss unterhalb der Oberfläche des Hügels, liess ich jetzt eine Plattform von 233 Fuss Breite abstechen; bei dieser Arbeit fanden wir eine ungeheuere Menge giftiger Schlangen, darunter eine beträchtliche Anzahl der kleinen braunen Antelion (????????) genannten Nattern, die kaum dicker als Regenwürmer sind und ihren Namen dem Volksglauben verdanken, dass ein durch ihren Biss Verwundeter nur bis zum Sonnenuntergang am Leben bleibe.

Da ich selbst in dieser Tiefe noch nicht den Urboden erreichte, so liess ich einen Brunnen ausräumen, dessen Mündung ich in einer Tiefe von zwei Metern unter der Oberfläche gefunden hatte und der, da er aus mit Cement verbundenen Steinen gebaut ist, von den Bewohnern von Novum Ilium gemacht sein muss. Zu meinem Erstaunen fand ich, dass das Mauerwerk dieses Brunnens 53 Fuss tief reicht und dass der Brunnen erst in dieser Tiefe in den Felsen hinabgeht. Ein kleiner Tunnel, den ich von diesem Punkte aus, der Oberfläche des Felsens folgend, grub, bewies mir, dass diese nur mit einer geringfügigen Erdschicht bedeckt war, auf welche die Haustrümmer unmittelbar folgten. Somit sah ich ein dass ich meine grosse Plattform um zwei Meter zu hoch angelegt hatte, und gab derselben daher eine Neigung, um den Unterschied wieder einzuholen. Ich fand, dass die unterste Schicht aus sehr compactem steinharten Mauerschutt und aus Häusermauern von kleinen unbearbeiteten oder rohbehauenen Kalksteinen bestand, die derartig aneinandergefügt waren, dass die Fuge zwischen zwei Steinen immer durch einen dritten Stein gedeckt wurde. Auf diese niedrigste Schicht folgten Hausmauern von grossen, meist unbearbeiteten, manchmal aber auch zu roh viereckiger Gestalt behauenen Kalksteinblöcken. Mehrmals stiess ich auf grosse Massen solcher massiven Blöcke, die dicht übereinanderlagen und wie Mauertrümmer irgendeines grossen Gebäudes aussahen. Nirgends, weder in dieser Schicht von Gebäuden aus grossen Steinen noch auch in der untersten Schuttlage, war eine Spur einer Zerstörung durch Feuersgewalt zu bemerken; überdies waren die zahlreichen Muschelschalen, die sich in den beiden untern Schichten vorfanden, vollkommen unversehrt, ein Umstand, der deutlich beweist, dass sie keiner grossen Hitze ausgesetzt gewesen sind. Die Steinwerkzeuge, die ich in diesen beiden Schichten fand, waren den früher entdeckten vollständig gleich, nur war die Töpferwaare hier von anderer Art und unterschied sich auch von der in den nächstfolgenden Schichten enthaltenen. Da das Abstechen der grossen Plattform an der Nordseite von Hissarlik nur langsam von statten ging, fing ich am 1. Mai an, auf der Südseite einen sehr grossen Graben zu ziehen, dem ich, da der Abhang sich hier nur sehr allmählich abdacht, eine Neigung von 14° geben musste. Ziemlich nahe an der Oberfläche deckten wir hier eine stattliche, aus grossen behauenen Kalksteinblöcken zusammengefügte Bastion auf, die wol aus der Zeit des Lysimachos herrühren mag. Der südliche Theil von Hissarlik ist hauptsächlich aus dem Schutt des spätern Ilion entstanden, und aus diesem Grunde finden sich hier griechische Alterthümer bis zu einer grössern Tiefe unter der Oberfläche als auf dem Gipfel des Hügels.

Da es meine Absicht war, Troja auszugraben, und da ich dasselbe in einer der untern Städte zu finden erwartete, musste ich manche interessante Ruine in den obern Schichten zerstören; so z.B. in einer Tiefe von 20 Fuss unter der Oberfläche die Ruinen eines prähistorischen Gebäudes von 10 Fuss Höhe, dessen aus behauenen, mit Lehm zusammengefügten Kalksteinblöcken bestehende Mauern vollkommen glatt waren. Augenscheinlich gehörte dieses Haus zu der vierten der nacheinander auf den Urboden folgenden gewaltigen Trümmerschichten; und wenn, wie nicht bezweifelt werden kann, jede Schicht die Ruinen einer besondern Stadt darstellt, so gehörte es zur vierten Stadt. Es stand auf den calcinirten Backsteinen und andern Trümmern der dritten Stadt, welche letztere augenscheinlich die Ruinen von vier verschiedenen Gebäuden bezeichneten, die nacheinander auf derselben Baustelle gestanden hatten, und deren unterstes auf Mauertrümmern oder losen Steinen der zweiten Stadt erbaut worden war. Ausserdem musste ich noch eine kleine aus grünem Sandstein gemachte Rinne von 8 Zoll Breite und 7 Zoll Tiefe zerstören, die ich etwa 36 Fuss unter der Oberfläche fand, und die wahrscheinlich als Gosse eines Hauses gedient hatte.

Mit Bewilligung des Herrn Frank Calvert begann ich am 20. Juni mit 70 Arbeitern auf seinem Felde an der Nordseite von Hissarlik zu arbeiten, wo ich dicht neben meiner grossen Plattform und in senkrechter Tiefe von 40 Fuss unter dem Plateau des Hügels eine zweite Plattform in den Abhang graben liess, die, etwa 109 Fuss breit, mit einer obern Terrasse und Seitengalerien versehen wurde, um die Fortschaffung des Schutts zu erleichtern. Kaum hatte ich dieses neue Werk in Angriff genommen, als ich auch schon auf eine Marmortriglyphe stiess, dessen prachtvolle Metope Phoibos Apollon mit den vier Sonnenrossen darstellte. Diese Triglyphe und eine Anzahl dorischer Säulentrommeln, die ich in der Nähe fand, lassen es als zweifellos erscheinen, dass hier vor Zeiten ein dorischer Tempel des Apollon gestanden hat, der jedoch so vollständig zerstört ward, dass auch kein Stein seiner Grundmauern sich noch in der ursprünglichen Lage befindet.

Wir hatten die neue Plattform schon 82 Fuss weit in den Hügel hineingegraben, als ich einsah, dass ich sie um mindestens 161/2 Fuss zu hoch hatte anfangen lassen; ich liess daher die Arbeit an ihr nicht fortführen, sondern begnügte mich, einen tiefen, oben 26 Fuss, unten 13 Fuss weiten Graben in der Mitte der Fläche graben zu lassen. Hier stiess ich in einer Entfernung von 131 Fuss vom Abhange des Hügels auf eine grosse, 10 Fuss hohe und 61/2 Fuss starke Mauer, die in sogenannter kyklopischer Art aus grossen mit kleinen Steinen verbundenen Blöcken gebaut war, und deren Krone genau 34 Fuss tief unter der Oberfläche lag; sie muss jedoch, wie die Menge der neben ihr liegenden Steine zu beweisen schien, vor Zeiten viel höher gewesen sein. Augenscheinlich gehört sie zu der aus grossen Steinen erbauten Stadt, der zweiten oberhalb des Urbodens. 6 Fuss unter dieser Mauer fand ich eine Stütz- oder Futtermauer aus kleinern Steinen, die sich unter einem Winkel von 45° erhob. Diese letztere muss natürlich viel älter sein als die erstere Mauer; sie ist augenscheinlich dazu bestimmt gewesen, den Abhang des Hügels zu stützen, und kann also als ein unwiderleglicher Beweis für die Thatsache gelten, dass der Hügel seit der Zeit ihrer Erbauung um 131 Fuss an Breite und um 34 Fuss an Höhe zugenommen hat. Mein Freund, der Orientalist Professor A.H. Sayce in Oxford, hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, dass diese Mauer in genau derselben Art gebaut ist wie die Hausmauern der ersten und untersten Stadt, d.h. so, dass die Fuge zwischen je zwei Steinen immer durch einen dritten Stein gedeckt wird; deshalb stehe ich auch nicht an, in Uebereinstimmung mit Sayce diese Mauer als zur ersten Stadt gehörig zu bezeichnen.

Der Schutt der untern Schicht war hart wie Stein; es kostete deshalb die grösste Mühe und Anstrengung, ihn in der gewöhnlichen Art abzugraben. Ich fand es bedeutend leichter, diese Schuttschicht vertical abzuschneiden, sie zu unterminiren, vermittelst Winden und gewaltig grosser eiserner Hebel, die fast 10 Fuss Länge und 6 Zoll Umfang hatten, zu lockern und in Stücken von 16 Fuss Höhe, 16 Fuss Breite und 10 Fuss Dicke abzubrechen. Bald stellte sich jedoch heraus, dass diese Art der Bearbeitung sehr gefährlich war: zwei Arbeiter wurden nämlich unter einer abstürzenden Trümmermasse von 2560 Kubikfuss verschüttet und kamen nur wie durch ein Wunder mit dem Leben davon. Infolge dieses Unfalls gab ich meine Absicht, die grosse Plattform in einer Breite von 233 Fuss quer durch den ganzen Hügel zu führen, auf, und beschloss, zuerst einen grossen Graben von 98 Fuss oberer und 65 Fuss unterer Breite ziehen zu lassen.

Die grosse Ausdehnung, die meine Ausgrabungen allmählich angenommen hatten, machte die Beschäftigung von nicht weniger als 120–150 Arbeitern erforderlich, und wegen der beginnenden Erntezeit musste ich schon am 1. Juni die Arbeitslöhne auf 2 Fr. erhöhen. Aber trotzdem würde es mir bald nicht mehr möglich gewesen sein, die nöthige Anzahl von Leuten zusammenzubringen, hätte nicht der verstorbene Herr Max Müller, deutscher Consul in Gallipoli, mir 40 Arbeiter von dort geschickt. Nach dem 1. Juli konnte ich ohne jede Schwierigkeit wieder eine stehende Anzahl von 150 Leuten aus der Umgegend bekommen. Durch die gütige Vermittelung des englischen Consuls in Konstantinopel, Mr. Charles Cookson, verschaffte ich mir 10 Handwagen, die von zwei Leuten gezogen und von einem dritten geschoben wurden. So konnte ich nun mit 10 Handwagen und 88 Schiebkarren arbeiten; daneben hielt ich noch 6 Pferdekarren, von denen jeder 5 Fr. oder 4 M. pro Tag kostete, sodass die Kosten meiner Ausgrabungsarbeiten sich auf mehr als 400 Fr. oder 320 M. täglich beliefen. Ausser Wagenwinden, Ketten und gewöhnlichen Winden bestanden meine Werkzeuge aus 24 grossen eisernen Hebeln, 108 Spaten, 103 Spitzhauen, sämmtlich vom besten englischen Fabrikat. Ich hatte drei vortreffliche Aufseher, daneben aber waren auch meine Frau und ich vom Sonnenaufgang bis Untergang fortwährend bei den Arbeiten zugegen. Aber mit der von Tag zu Tag grösser werdenden Entfernung, bis zu welcher wir den abgegrabenen Schutt fortbringen mussten, wuchsen auch die Schwierigkeiten der Arbeit. Dazu kam noch als äusserst lästiges Hinderniss der unaufhörlich von Norden wehende oft orkanartige Wind, der uns den Staub in die Augen trieb und uns blendete.

An der Südseite des Hügels, wo ich wegen der schwachen natürlichen Abdachung des Abhanges meinen grossen Einschnitt in einer Neigung von 76° graben lassen musste, entdeckte ich in einer Entfernung von 197 Fuss von seinem Anfange ein grosses Mauerwerk, welches aus zwei gesonderten grossen Mauern von je 15 Fuss Breite bestand; dieselben waren dicht aneinandergebaut und in einer Tiefe von 461/2 Fuss unter der Oberfläche auf den Felsen gegründet. Beide sind 20 Fuss hoch; die äussere hat nach der Südseite eine Neigung von 15°, ist aber auf der Nordseite vertical; die daneben stehende innere Mauer hat auf ihrer, der Nordseite der äussern Mauer gegenüberstehenden Südseite eine Neigung von 45°. So befindet sich zwischen diesen beiden Mauern eine tiefe Höhlung. Die äussere Mauer besteht aus kleinern, die innere dagegen aus grössern unbehauenen Steinen, die mit Erde zusammengefügt sind; die erstere scheint auf ihrer verticalen Nordseite gänzlich aus massivem Mauerwerk zu bestehen; die letztere ist auf der Nordseite nur 4 Fuss tief massiv gebaut und lehnt sich auf dieser Seite an eine Art von Wall, der 651/2 Fuss breit, 161/2 Fuss tief ist, und theilweise aus dem Kalkstein besteht, der von dem Felsen gebrochen werden musste, um denselben für den Bau der Mauern zu ebnen. Beide Mauern sind oben vollkommen flach und augenscheinlich nie höher gewesen; ihre Länge beträgt 140 Fuss, ihre Gesammtbreite 40 Fuss auf der östlichen und 30 Fuss auf der westlichen Seite. Die Ueberreste von Backsteinmauern und gewaltigen Massen von Ziegelschutt, Topfwaare, Spinnwirteln, Steinwerkzeugen, Handmühlsteinen u.s.w., mit denen sie bedeckt waren, scheinen anzuzeigen, dass diese Mauern von den Bewohnern der dritten, verbrannten Stadt als Unterbau eines grossen Thurmes benutzt worden sind; aus diesem Grunde werde ich, um Misverständnissen vorzubeugen, diese Mauern in dem vorliegenden Werke stets als »der grosse Thurm« bezeichnen, wenn sie auch ursprünglich von ihren Erbauern zu einem ganz andern Zwecke bestimmt gewesen sein mögen.

 

 

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