Heinrich Schliemann: Erforschung von Ithaka

1878

Leider kann hier von systematisch vorzunehmenden Ausgrabungen für archäologische Zwecke durchaus nicht die Rede sein. Ich begann meine Untersuchungen in dem »Polis« genannten Thale, das, im nördlichen Theile der Insel gelegen, bisher allgemein für die Stätte der homerischen Hauptstadt von Ithaka angesehen worden ist: und zwar einmal auf Grund seines Namens, des griechischen Wortes für Stadt; dann aber wegen seines vorzüglichen Hafens, der nur 2 (engl.) Meilen von einer kleinen, heute Mathitarió benannten Insel entfernt ist; diese Insel, die einzige in der Strasse zwischen Ithaka und Kephalonia, ist begreiflicherweise immer mit der homerischen Insel Asteris identificirt worden, hinter der die Freier der Penelope dem Telemach bei seiner Rückkehr von Pylos und Sparta auflauerten.1 Als weitern Grund für die Annahme der Identität von Polis mit der Hauptstadt von Ithaka kann ich die Akropolis nennen, die man auf dem sehr steilen Felsen an der Nordseite des Hafens, in einer Höhe von etwa 400 Fuss, liegen zu sehen glaubt. Es war mein erstes Bemühen, zu ihr hinaufzusteigen, und dabei fand ich denn, dass sie nichts anderes war als ein sehr unregelmässig gestalteter Kalkfelsen, der augenscheinlich nie von Menschenhand berührt worden war und ganz sicher auch nie als Befestigungswerk gedient haben kann. Da dieser Felsen aber, von unten gesehen, das Aussehen einer Akropolis hat, so führt er hier bis auf den heutigen Tag noch den Namen »Kastron« und wird auch im hohen Alterthum in derselben Weise »Polis« genannt worden sein, da die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes Akropolis war. Es kann demnach kein Zweifel mehr darüber herrschen, dass der Name des Thales nicht, wie bisher angenommen, von einer wirklichen Stadt, sondern nur von einem imaginären Castell herzuleiten ist. Ausserdem ist dieses Thal die fruchtbarste Stelle von ganz Ithaka und kann deshalb nie zur Anlage einer Stadt benutzt worden sein, da es in Griechenland noch nie vorgekommen ist, dass eine Stadt auf fruchtbarem Lande ererbaut worden wäre. Am wenigsten kann dies aber auf dem felsigen Ithaka der Fall gewesen sein, wo culturfähiger Boden so äusserst selten und kostbar ist. Deshalb würde, wenn es überhaupt jemals bei Polis eine Stadt gegeben hätte, dieselbe nur auf den umgebenden Felsenhöhen gestanden haben können, deren spitzige oder steile und immer unregelmässige Gestalt von vornherein jeden Gedanken ausschliesst, dass Menschen überhaupt auf ihnen gewohnt haben können. William Martin Leake2 erwähnt eine an der Südseite des Hafens sichtbare alte Ruine; dieselbe existirt heute noch, ist aber nichts anderes als eine aus dem Mittelalter stammende christliche Kirche.

Bei meinem Besuche der Insel Mathitarió stellte ich sorgfältige Messungen an, die für die Länge der Insel 586 Fuss, für ihre Breite 108–176 Fuss ergaben. Wegen dieser kleinen Dimensionen schon ist es nicht gut thunlich, die Insel mit der homerischen Asteris zu identificiren, die, wie der Dichter erzählt, zwei Häfen mit je zwei Eingängen gehabt hat. Trotzdem aber sehe ich keinen Grund, zu bezweifeln, dass Homer durch den Anblick von Mathitarió auf die Idee seiner erdichteten Asteris gebracht worden ist. Auf der Insel finden sich heute die Ruinen von einem Thurme und drei andern Gebäuden; das eine derselben soll ein Schulhaus gewesen sein, und dieser Umstand würde auch den Namen Mathitarió erklären. Das Alter dieser Ruinen dürfte kaum mehr als 200 Jahre betragen.

Obgleich ich aus allen diesen Gründen die feste Ueberzeugung gewonnen hatte, dass in dem fruchtbaren Polis nie eine Stadt gestanden haben konnte, hielt ich es doch im Interesse der Wissenschaft für wünschenswerth, die Sache durch wirkliche Ausgrabungen noch näher zu untersuchen. So liess ich denn mit der Erlaubniss des Eigenthümers des Landes, Herrn N. Metaxas Zannis, hier zahlreiche Schachte graben, die aber beinahe alle in einer Tiefe von 10 bis 13 Fuss auf den Felsen stiessen; eine Ausnahme hiervon machten nur die Grabungen in der Mitte des Thales, wo dasselbe durch einen Bergstrom tief ausgehöhlt worden zu sein scheint. Scherben von ordinärer, auf der Scheibe gedrehter schwarzer oder weisser griechischer Topfwaare und Ziegelstücke waren alles, was ich fand, und nur sehr wenige Bruchstücke von archaischen Topfwaaren kamen vor, für die ich das sechste Jahrhundert v. Chr. beanspruchen dürfte. An einigen Stellen der benachbarten Höhen hat man auch Gräber aufgefunden, doch gehören dieselben, wie die in ihnen enthaltenen Töpferwaaren und Münzen beweisen, dem 3., 4. oder 5. Jahrhundert v. Chr. an. Aus derselben Zeit stammen auch die in einer eingestürzten Höhle auf der rechten Seite des Hafens von Polis entdeckten Alterthümer; denn eine dort aufgefundene Inschrift lässt sich mit Sicherheit auf das 6., wenn nicht gar auf das 7. Jahrhundert v. Chr.3 zurückführen. Hiernach wird also die Annahme, dass die homerische Hauptstadt von Ithaka in dem Thale Polis gelegen habe, als irrig definitiv aufzugeben sein.

Nun nahm ich eine gründliche Durchforschung des übrigen, nördlichen Theiles der Insel vor, fand aber nirgends ausser in der Umgebung des, gewöhnlich als »Schule des Homer« bezeichneten, kleinen Gebäudes aus kyklopischem Mauerwerke, Spuren, welche die Lage einer alten Stadt anzeigten; in frommem Eifer hat der heutige Eigenthümer des Bodens, der Priester Sp. Vreto, vor kurzem das alte Gemäuer in eine kleine Kirche umgewandelt. Leider hat er dabei die starke Schuttschicht, die es enthielt, darin gelassen, und so bildet dieselbe jetzt den Fussboden der Kirche. Hätte er den Schutt hinausgeschafft und die Thonscherben sorgfältig gesammelt, so würden uns diese wahrscheinlich über die Chronologie des Gebäudes erwünschte Aufklärung gegeben haben. Er verweigerte mir die Erlaubniss im Innern der Kirche zu graben, gestattete es mir aber auf den angrenzenden Feldern, wo eine Anzahl von in den Felsen gehauenen Hausfundamenten und Ueberreste kyklopischer Mauern die Stätte einer alten Niederlassung anzeigten. Ich grub hier sehr viele Löcher, stiess aber immer in einer Tiefe von noch nicht 3 Fuss, ja mehrmals sogar schon bei kaum 12 Zoll auf den Felsen; so unterliegt es keinem Zweifel, dass zur classischen Zeit hier eine Stadt gestanden hat; aller Wahrscheinlichkeit nach ist es eben die von Skylax, Per. 34, und Ptolemaios, III, 14, 13, erwähnte Stadt gewesen.

Von hier ging ich weiter nach dem Berge Aëtos auf der schmalen, kaum eine (engl.) Meile breiten Landenge, die das nördliche mit dem südlichen Ithaka verbindet. Ich war der Meinung, dass die alte Stadt am nördlichen Fusse jenes Berges gelegen und sich über den kleinen Bergrücken erstreckt haben müsse, der sich quer durch die Thalsenkung zwischen dem Aëtos und dem südlich von ihm liegenden Berge Merovúni hinzieht; meine Voraussetzung bestätigte sich aber nicht; denn überall fand ich den reinsten Urboden vor, und nur auf dem eigentlichen Kamme des Bergrückens, unweit der Kapelle des Hagios Georgios, fand ich eine sehr kleine, mit einer 10 Fuss tiefen Anhäufung künstlichen Bodens bedeckte Fläche. Hier grub ich zwei lange Tranchéen, in deren einer ich eine 7 Fuss hohe Terrassenmauer aufdeckte, die aus festgefügten grossen polygonalen Blöcken bestand; diese alte Mauer mit den sie umgebenden modernen Terrassenmauern vergleichen, hiesse dasselbe, wie einen Vergleich zwischen dem Werke von Riesen und dem von Zwergen anstellen. Von Töpferwaare fand ich hier nur einige wenige Bruchstücke schwarzer griechischer Vasen. Nachdem sich meine Forschungen hier als erfolglos herausgestellt hatten, unternahm ich eine eingehende Exploration des Berges Aëtos, der sich zu einer Höhe von 600 Fuss über dem Meeresspiegel erhebt und auf seinem, freilich roh, aber künstlich planirten Gipfel eine dreieckige Plattform hat, auf welcher sich zwei grosse und eine kleinere Cisterne und Trümmer von sechs oder sieben kleinen kyklopischen Bauwerken befinden, die entweder einzelne Häuser oder – was wahrscheinlicher ist – Zimmer des grossen kyklopischen Bauwerkes gewesen sind, das hier gestanden haben soll und das gewöhnlich als die »Burg des Odysseus« bezeichnet wird. Es kann kaum bezweifelt werden, dass, analog mit der Erweiterung der athenischen Akropolis durch Kimon4, bei der ein grosser Theil ihres nordöstlichen Abhanges mit einer Mauer umzogen und der tiefere Zwischenraum, mit Schutt und Steinen ausgefüllt wurde, auch der ebene Gipfel des Berges Aëtos nach Norden und Südwesten hin durch die Aufführung einer gewaltigen, noch heute existirenden kyklopischen Mauer und die Ausfüllung des Raumes zwischen derselben und der höchsten Spitze durch Steine und Schutt beträchtlich vergrössert worden ist. Auf diese Weise bildete der Gipfel eine viereckige ebene Plattform von 166 Fuss 8 Zoll (engl.) Länge und 127 Fuss 4 Zoll Breite, und es war demnach auf ihm ausreichender Raum für ein grosses Haus nebst Hof vorhanden. An der Nord- und Südseite der Umfassungsmauer befinden sich Thürme von kyklopischer Bauart, von deren jedem eine aus ungeheuren Blöcken bestehende hohe Mauer bergabläuft. In einer gewissen Entfernung von dem Gipfel bilden diese beiden Mauern einen Bogen und vereinigen sich dann schliesslich weiter unten miteinander. Noch zwei andere kyklopische Mauern ziehen sich von dem Gipfel abwärts, die eine in östlicher, die zweite in südöstlicher Richtung; beide vereinigen sich schliesslich mit dem von den beiden erst erwähnten Mauern gebildeten Bogen. Endlich muss ich noch einer gewaltigen Ringmauer Erwähnung thun, die sich ungefähr 50 Fuss unterhalb der obern Umfassungsmauer hinzieht, und die nur an der Westseite eingefallen, auf den andern Seiten wunderbar gut erhalten ist. Um die Festigkeit des Platzes noch zu vermehren, ist der Fuss des Berges so behauen worden, dass er eine steile, 20 Fuss hohe Felswand bildet. In den Mauern befinden sich drei erkennbare Thoröffnungen. Zwischen all diesen kyklopischen Mauern aber hat einst eine Stadt gestanden, die wol 2000, entweder in den Felsen gebaute oder aus kyklopischem Mauerwerk errichtete Häuser enthalten haben kann. Es ist mir gelungen, die mehr oder minder gut erhaltenen Ruinen von 190 Häusern aufzufinden. Zwölf derselben habe ich ausgemessen und dabei gefunden, dass sie zwischen 21 und 63 Fuss Länge und von 15–20 Fuss Breite hatten. Die rohbehauenen Steine sind meistens 5 Fuss lang, 4 Fuss 8 Zoll breit und 2 Fuss dick, und somit beträchtlich grösser als die Steine der von mir in Mykenae und Tiryns entdeckten kyklopischen Gebäude. Einige der Häuser bestanden nur aus einem Raume, andere enthielten vier und sogar sechs Zimmer. Von der Ebene aus ist keins von ihnen sichtbar, und da die Bauern auf Ithaka sie immer für blosse Steinhaufen hielten, haben sie die Reisenden nie auf sie aufmerksam gemacht, die denn den Berg hundertmal besteigen konnten, ohne auch nur eins der Häuser zu bemerken. Die Seiten des Aëtos erheben sich unter einem Winkel von 35°, sind also noch um 7° steiler als der obere Kegel des Vesuv; und da sie überdies mit dornigem Strauchwerk und Disteln bewachsen und mit spitzen Felszacken besetzt sind, so ist eine Besteigung des Berges eine ungemein beschwerliche und ermüdende Sache. Ausserdem führt der Pfad, auf dem die Landleute Fremde zum Gipfel hinaufführen, an keinem der besser erhaltenen kyklopischen Häuser, sondern nur an einigen Grundmauern vorbei, die selbst der beste Archäologe kaum als Trümmer von Häusern erkennen wird, wenn er nicht zuvor schon die besser erhaltenen Gebäude gesehen hat. Alle diese Gründe haben es denn auch möglich gemacht, dass selbst W.M. Leake nur »einige Terrassenmauern und Gebäudefundamente auf der Seite des Aëtos« gesehen hat; und nach diesem seinem Ausspruche konnte wieder niemand erwarten, hier die mehr oder weniger gut erhaltenen Ruinen von 190 Häusern der ältesten Hauptstadt Ithakas aufzufinden. Die letztere war jedoch, lange vor Colonel Leake, schon durch William Gell6 identificirt worden. Diese kyklopische Hauptstadt hat in der ganzen Welt nicht ihresgleichen, und kein Bewunderer Homer’s sollte es unterlassen, hierher zu kommen um sie zu sehen. Besucher des Ortes werden am besten thun, den Bauern Nikólaos Psarrós als Führer zu nehmen, den ich zu wiederholten malen selber durch die alte Stadt geführt habe. Er wohnt am Fusse des Aëtos, dicht neben der Kapelle des Hagios Georgios.

Vierzehn Tage lang habe ich hier mit 30 Arbeitern Ausgrabungen in den kyklopischen Gebäuden vorgenommen, aber ausser Bruchstücken von Thonwaaren, die mit den zu Mykenae gefundenen keine Aehnlichkeit hatten, dafür aber denen aus den beiden ältesten Städten von Troja glichen; Stücken von sehr eigenthümlichen Ziegeln mit eingepressten Ornamenten, zwei derselben auch mit einer Art von Schriftzeichen bedeckt, denen ich durchaus kein hohes Alterthum zuschreiben kann, und schliesslich noch den Fragmenten einer sonderbaren, sehr alten Handmühle, lieferten meine Arbeiten keine Resultate. Und doch ist es schon zu verwundern, dass es mir gelungen ist, auch nur dieses wenige hier zu finden, wo wegen des steilen Abhanges keine Anhäufung von Schutt möglich gewesen ist, und wo seit unvordenklicher Zeit die winterlichen Regengüsse alle Spuren alter Industrie in das Meer hinabgespült haben. Die Hitze auf dem Berge Aëtos, dessen Felswände und Steine von der Sonne heiss werden, ist überwältigend.

Es ist nach dem Vorhergesagten wol kaum nöthig, hier noch zu erwähnen, dass die Abbildung der »Burg des Odysseus«, die W. Gell in seinem »Ithaka« gibt, ein reines Phantasiebild ist.

Ich unternahm damals auch die Ausgrabung der Stalaktitengrotte bei dem kleinen Hafen von Dexia, der gewöhnlich mit dem Hafen Phorkys identificirt wird, in dem Odysseus von den Phaiaken ans Land gesetzt wurde; die Grotte wird mit Recht für die homerische Nymphengrotte angesehen, in der Odysseus, von Athene unterstützt, seine Schätze verbarg. Nachdem ich hier mit grösster Mühe gerade vor dem kleinen Altar einen bis auf den Felsen reichenden Graben gezogen hatte, ohne auch nur eine Topfscherbe zu finden, gab ich diese undankbare Ausgrabung auf. Die Grotte ist sehr geräumig und entspricht vollständig der Schilderung Homer’s, der von ihr sagt, dass sie zwei Eingänge gehabt habe, einen für die Menschen an der nördlichen Seite, und einen andern für die unsterblichen Götter an der Südseite: »denn kein Mensch kann durch die göttliche Thür eintreten.« Dies alles ist vollkommen richtig; doch versteht er unter dem Eingange für die Götter das künstlich in die obere Wölbung der Grotte gehauene Loch, das als Schornstein für den Abzug des Rauches der Opferfeuer gedient haben muss. Von diesem Schornstein bis zum Boden der Grotte misst dieselbe 56 Fuss, und so konnte natürlich kein Mensch auf diesem Wege hineingelangen. Aber seit Jahrhunderten scheinen die Besitzer des angrenzenden Feldes diese göttliche Thür benutzt zu haben, um einige von den hier zahllos umherliegenden Steinen loszuwerden; denn die Grotte ist bis zu einer Höhe von 5–6 Fuss mit kleinen Steinen angefüllt. Von ihrer obern Wölbung hängen zahllose Stalaktiten herab, die Homer das Motiv zu der Schilderung der steinernen Urnen und Amphoren, zu den steinernen Rahmen und Webstühlen gegeben haben, auf denen die Nymphen purpurfarbene Mäntel und Schleier webten.

Der ganze südliche Theil von Ithaka wurde auf das gründlichste von mir untersucht. Vathy, die heutige Hauptstadt der Insel, ist noch nicht hundert Jahre alt, und das gänzliche Fehlen alter Topfscherben auf dem ebenen Boden scheint zu beweisen, dass im Alterthume weder Stadt noch Dorf auf dieser Stätte gestanden hat. Vor der Erbauung von Vathy lag die Hauptstadt 1 (engl.) Meile weiter nach Süden auf einem felsigen Hügel. Auf der Baustelle dieser ältern Stadt fand ich nur eine sehr geringe Schuttanhäufung und keine Spur von alten Topfwaaren.

Nicht weit von der südöstlichen Spitze der Insel, etwa 41/2 (engl.) Meilen von Vathy entfernt, liegt eine Anzahl von stallartigen Räumen, die eine durchschnittliche Länge von 25 Fuss, eine Breite von 10 Fuss haben, theils in den Felsen gehauen, theils aus kyklopischen Mauern mit sehr grossen roh behauenen Steinen erbaut sind, und die dem Homer die Idee zu den zwölf von dem göttlichen Sauhirten gebauten Schweineställen9 gegeben haben müssen. Oestlich von diesen Ställen und auch gerade vor ihnen zeigen Tausende von umherliegenden ordinären aber sehr alten Topfscherben an, dass sich hier vor Zeiten eine ländliche Niederlassung befunden haben muss, die Homer uns als das Haus und die Wirthschaft des Eumaios beschrieben zu haben scheint. Diese Vermuthung ist um so berechtigter, als wir in geringer Entfernung östlich von hier und unweit des Meeres eine weisse Klippe mit einem Steilabsturze von 100 Fuss Höhe emporragen sehen, die bis auf den heutigen Tag Korax, d.h. Rabenfels genannt wird, und auf die Homer sich bezieht, als er Odysseus den Eumaios herausfordern lässt, »ihn von dem grossen Felsen hinabzustürzen« wenn er ihn als Lügner erkennen würde. Unterhalb des Korax findet sich ein immer reichlich fliessendes klares Quellwasser, das die Tradition mit der homerischen Quelle der Arethusa identificirt, aus der die Schweine des Eumaios getränkt wurden. Ich nahm sowol innerhalb der Ställe als auch vor ihnen auf der Baustelle des ländlichen Wohngebäudes Grabungen vor; die Ställe fand ich mit Steinen angefüllt, aber auf dem Bauplatze des Hauses traf ich schon in einer Tiefe von 1 Fuss auf den Felsen und fand hier Bruchstücke von interessanten, sehr alten, ungefärbten, sowie auch von mit rothen Streifen verzierten Topfwaaren; daneben Massen von zerbrochenen Ziegeln aus späterer Zeit.

Bei den Ausgrabungen am Fusse des Aëtos fand ich zwei alte Münzen von Ithaka, die auf der einen Seite einen Hahn mit der Aufschrift ??????, auf der andern aber einen Odysseuskopf mit einer spitzen Mütze oder Pilidion zeigten; auch zwei Münzen des Agathokles von Syrakus wurden gefunden. Diese letztern Münzen kommen hier vielfach vor und werden zahlreich zum Verkaufe angeboten. Auch korinthische und römische Münzen werden häufig hier gefunden. Nach Aristoteles, »Hist. An.«, VIII, 27, 2, und Antigonos Karystios, »Hist. Mir.«, 11, soll der Hase auf Ithaka nicht fortkommen. Doch sind im Gegentheil gerade Hasen hier reichlicher vorhanden als auf irgendeiner andern griechischen Insel, da es beinahe unmöglich ist, an den steilen mit Dorngesträuch bedeckten Abhängen der grossen Berge Jagd auf sie zu machen.

Ich muss hier noch erwähnen, dass der Name »Ithaka« ebenso wie Utica ein phönikisches Wort ist und »Colonie« bedeutet. Poseidon war, nach Homer, der Grossvater des Laertes, und so scheint Gladstone’s Hypothese, dass die Abstammung von Poseidon immer »Abstammung von den Phöniziern« bedeutet habe, richtig zu sein.

Ich empfehle allen Bewunderern Homer’s Ithaka zu besuchen, denn gewiss nirgends in der griechischen Welt ist die Erinnerung an das heroische Zeitalter so lebendig und rein erhalten als hier. Hier mahnt uns jeder kleine Meerbusen, jede Quelle, jeder Fels, jeder Hügel, jedes Olivenwäldchen an den göttlichen Dichter und seine unsterbliche Odyssee, und mit einem einzigen Sprunge fühlen wir uns über hundert Generationen hinweg in die glänzendste Periode griechischen Ritterthums und griechischer Dichtkunst versetzt. Ich empfehle den Besuch Ithakas auch allen denen, die den altgriechischen Typus und grosse weibliche Schönheit zu sehen wünschen. Die Reisenden sollten es nicht unterlassen, in Ithakas Hauptstadt, Vathy, meinen Freund, Herrn Aristides Dendrinos, zu besuchen, dem und dessen liebenswürdiger Gemahlin, Praxidea Dendrinos, ich hiermit meinen wärmsten Dank für ihre freundliche Gastfreundschaft wiederhole. Herr Dendrinos ist der vermögendste Mann auf Ithaka und unterstützt gern die Reisenden mit seinem Rath. Er hat einen Sohn Telemachos und eine Tochter Penelope. Diese Namen sowie der Name Odysseus sind die gewöhnlichsten auf Ithaka.

 

 

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