Heinrich Schliemann: Arbeit des ersten Jahres in Hissarlik

1871

Um grös­se­re Nach­gra­bun­gen an­stel­len zu kön­nen, be­durf­te ich ei­nes Fer­mans der Ho­hen Pfor­te, den ich erst im Sep­tem­ber 1871 durch die gü­ti­ge Ver­mit­te­lung mei­ner Freun­de, des Mi­nis­ter­re­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu Con­stan­ti­no­pel, Mr. Wy­ne Mc­Veagh, und des in­zwi­schen ver­stor­be­nen treff­li­chen Drago­mans der Ge­sandt­schaft der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, Mr. John P. Brown, er­hielt. End­lich am 27. Sep­tem­ber konn­te ich mich nach den Dar­da­nel­len be­ge­ben, und zwar dies­mal in Be­glei­tung mei­ner Frau, So­phia Schlie­mann, die, ei­ne Grie­chin, aus Athen ge­bür­tig und ei­ne war­me Be­wund­re­rin des Ho­mer, mit freu­digs­ter Be­geis­te­rung an der Aus­füh­rung des gros­sen Wer­kes theil­nahm, das ich fast ein hal­bes Jahr­hun­dert vor­her in kind­li­cher Ein­falt mit mei­nem Va­ter ver­ab­re­det und mit Min­na ge­plant hat­te. Aber im­mer neue Schwie­rig­kei­ten wur­den uns von sei­ten der tür­ki­schen Be­hör­den in den Weg ge­legt, und so konn­ten wir die ei­gent­li­chen Aus­gra­bun­gen nicht vor dem 11. Oc­to­ber in An­griff neh­men. Da kein an­de­res Ob­dach vor­han­den war, muss­ten wir in dem be­nach­bar­ten, et­wa 2 km von His­s­ar­lik ent­fern­ten tür­ki­schen Dor­fe Chi­blak un­ser Quar­tier auf­schla­gen. Nach­dem wir bis zum 24. No­vem­ber täg­lich mit ei­ner durch­schnitt­li­chen An­zahl von 80 Ar­bei­tern thä­tig ge­we­sen wa­ren, wur­den wir durch die vor­ge­rück­te Jah­res­zeit ge­zwun­gen, un­se­re Aus­gra­bun­gen für den Win­ter ein­zu­stel­len. Doch hat­ten wir in die­ser Zeit schon ei­nen brei­ten Gra­ben an dem stei­len Nord­ab­han­ge zie­hen und bis zu ei­ner Tie­fe von 33 Fuss un­ter die Ober­flä­che des Ber­ges hin­ab­gra­ben kön­nen. Da­bei fan­den wir zu­nächst die Trüm­mer des spä­tern ai­o­li­schen Ili­on (No­vum Ili­um), die durch­schnitt­lich bis zu 61/2 Fuss Tie­fe hin­ab­reich­ten, und muss­ten lei­der die Grund­mau­ern ei­nes 59 Fuss lan­gen und 43 Fuss brei­ten Ge­bäu­des aus gros­sen be­haue­nen Stei­nen zer­stö­ren, wel­ches, nach den dar­in und dicht da­ne­ben ge­fun­de­nen In­schrif­ten (die ich in dem Ka­pi­tel über No­vum Ili­um wie­der­ge­be) zu schlies­sen, das Bou­leu­te­ri­on oder Se­nats­haus ge­we­sen zu sein scheint. Un­ter die­sen hel­le­ni­schen Rui­nen, bis zu ei­ner Tie­fe von un­ge­fähr 13 Fuss, ent­hielt der Schutt nur we­ni­ge Stei­ne und et­was sehr ro­he mit der Hand ge­mach­te Töp­fer­waa­re. Un­ter die­ser Schicht aber stiess ich auf vie­le Haus­mau­ern von un­be­ar­bei­te­ten, mit Er­de zu­sam­men­ge­füg­ten Stei­nen, und zum ers­ten mal auf ei­ne un­ge­heue­re Men­ge von Stein­werk­zeu­gen und Hand­müh­len, so­wie auf grös­se­re Quan­ti­tä­ten ro­her, oh­ne Töp­fer­schei­be ge­fer­tig­ter Topf­waa­re. Von et­wa 20 bis zu 30 Fuss un­ter der Ober­flä­che zeig­te sich nichts als cal­ci­nir­ter Schutt, un­ge­heue­re Mas­sen an der Son­ne ge­trock­ne­ter oder leicht ge­brann­ter Back­stei­ne und aus den­sel­ben auf­ge­führ­te Haus­mau­ern, zahl­rei­che Hand­müh­len, aber we­ni­ger an­de­re Stein­werk­zeu­ge, und fei­ne­re, frei­lich auch noch mit der Hand ver­fer­tig­te Thon­ge­fäs­se. In ei­ner Tie­fe von 30 und 33 Fuss sties­sen wir auf Mau­er­werk aus gros­sen, zum Theil roh be­haue­nen Stei­nen, so­wie auch auf ei­ne Men­ge sehr gros­ser Blö­cke. Die Stei­ne die­ser Häu­ser­mau­ern sa­hen aus, als wä­ren sie durch ein hef­ti­ges Erd­be­ben aus­ein­an­der­ge­ris­sen wor­den. Mei­ne Werk­zeu­ge für die da­ma­li­gen Aus­gra­bun­gen wa­ren noch sehr man­gel­haft: ich ar­bei­te­te nur mit Spitz­hau­en, höl­zer­nen Schau­feln, Kör­ben und 8 Schieb­kar­ren.

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

<< Erste Reise nach Ithaka, dem Peloponnes und TrojaHeinrich Schliemann: Zweites Jahr der Arbeiten in Hissarlik >>
Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]