Heimat und Vorfahren. Erste Jugendjahre.

Ich bin in einer Burg geboren. Dies bedeutet jedoch keineswegs, daß ich von einem adligen Geschlecht abgestammt sei. Mein Vater war zur Zeit meiner Geburt Schulmeister in Liblar, einem Dorfe von ungefähr 800 Einwohnern, auf der linken Rheinseite, drei Stunden Wegs von Köln gelegen. Sein Geburtsort war Duisdorf bei Bonn. In frühster Kindheit hatte er seine Eltern verloren und war der Sorge seines Großvaters anheimgefallen, der dem Bauernstande angehörte und auf einem kleinen Ackergütchen Getreide, Kartoffeln und ein wenig Wein zog. So wuchs mein Vater als ein eigentliches Bauernkind auf.

Im Jahre seiner Geburt, 1797, befand sich das linke Rheinufer im Besitz der französischen Republik. Seine Jugendjahre fielen daher in die von den Rheinländern so genannte „französische Zeit“, und von seinen Erinnerungen aus jener bewegten Periode wußte er später manches zu erzählen: wie er den Kaiser Napoleon gesehen, als dieser, vor dem Zuge nach Rußland, in der Gegend von Bonn ein Truppenkorps Revue passieren ließ; wie dann im Spätherbst 1813 die französische Armee nach der Schlacht bei Leipzig, geschlagen und zerfetzt, wieder am Rhein angekommen sei; wie er selbst auf dem Marktplatz in Bonn den General Sebastiani, der im Gasthof „Zum Stern“ sein Quartier hatte, aus dem Hause stürzen, sich auf sein Pferd werfen und mit seinem Stabe umhergaloppieren gesehen, während die Trompeter Alarm bliesen und die Trommler den Generalmarsch schlugen; denn es war die Nachricht gekommen, daß eine Abteilung Kosaken zwischen Bonn und Koblenz den Rhein überschritten hätte; wie dann die in Bonn liegenden Truppen eilig in Reih und Glied traten und in der Richtung von Frankreich abmarschierten; wie kranke und versprengte Franzosen in Menge hinter den Marschkolonnen zurückblieben und sich mühsam dahinschleppten; wie eines Abends mehrere Trupps Kosaken, schmutzige Kerle mit langen Bärten und kleinen zottigen Pferden, über das Land zu schwärmen begannen, die französischen Nachzügler aufjagten und viele davon niedermachten; wie sie sich auch in die Häuser drängten und alles stahlen, was ihnen gefiel; und wie dann, als die ersten Kosakenschwärme durchgezogen waren, die Bauern alles Bewegliche, das die Kosaken übrig gelassen hatten, zusammenrafften und in den nahen Wäldern versteckten, um es vor den nachkommenden Russen zu retten.

Dann passierten Heeresteile der gegen Napoleon verbündeten Mächte durch die Gegend auf ihrem Marsche nach Frankreich zu dem Feldzuge von 1814, der mit der Einnahme von Paris und Napoleons Verbannung nach der Insel Elba endigte. Es folgte eine kurze Periode scheinbaren Friedens. Aber als Napoleon im Jahre 1815 plötzlich von Elba zurückkehrte und sich der Regierung Frankreichs wieder bemächtigte, hoben die Preußen auf dem linken Rheinufer frische Truppen aus. Alle waffenfähigen jungen Leute mußten mit, und so trat mein Vater, damals 18 Jahre alt, in ein Infanterieregiment ein, mit welchem er sofort nach dem Kriegsschauplatz in Belgien abmarschierte. Auf dem Wege wurden die Rekruten in den Handgriffen und den einfachsten und notwendigsten Evolutionen geübt, um sie sofort möglichst gefechtsfähig zu machen. Meines Vaters Regiment passierte über das Feld von Waterloo ein paar Tage nach der Schlacht und wurde dann bei der Belagerung einer kleinen französischen Festung verwandt, die sich bald ohne Blutvergießen ergab. Später wurde er zur Artillerie versetzt und stieg zur Würde eines Bombardiers empor, was seinem jugendlichen Ehrgeiz nicht wenig schmeichelte. Er hat jedoch immer bedauert, daß er niemals in einem Gefechte gewesen, und daß er, wenn andere von ihren Taten und Gefahren erzählten, den durchaus unblutigen Charakter seiner Kriegsdienste zugestehen mußte.

Nachdem er aus dem aktiven Dienst entlassen worden, ging er als Schüler in das Schullehrerseminar zu Brühl und anfangs der zwanziger Jahre wurde er in Liblar angestellt. Im Seminar hatte er etwas Musikunterricht erhalten und die Flöte spielen lernen. So war er befähigt, seine Schulkinder einfache Lieder singen zu lehren und gar einen kleinen Gesangverein zu gründen, an welchem die jungen Männer und die erwachsenen Mädchen des Dorfes und der unmittelbaren Umgegend teilnahmen. In diesem Gesangverein machte er die Bekanntschaft von Marianne Jüssen, die er im Jahre 1827 heiratete. Sie war die Tochter eines Pächters, Heribert Jüssen, der einen Teil einer dicht bei Liblar gelegenen Burg, „die Gracht“ genannt, bewohnte. Mehrere Jahre nach ihrer Verheiratung lebten mein Vater und meine Mutter bei meinen Großeltern; und so ereignete es sich, daß ich als ihr erstgeborener Sohn am 2. März 1829 in einer Burg das Licht der Welt erblickte.

Die Burg war der Stammsitz des Grafen von Wolf-Metternich. Aber sie war nicht sehr alt – wenn ich mich recht erinnere, zwischen 1650 und 1700 erbaut –, ein großer Komplex von Gebäuden unter einem Dach, an drei Seiten einen geräumigen Hof umgebend; hohe Türme mit spitzen Dachkappen und großen eisernen Wetterfahnen an den Ecken; ein ausgemauerter, breiter, stets gefüllter Wassergraben rings umher; darüber eine Zugbrücke in einen engen gewölbten Torweg führend; in der Mauer über dem schweren, mit breitköpfigen Nägeln beschlagenen Tor das Wappenschild der gräflichen Familie mit einer Inschrift, die ich entzifferte, sobald ich lesen konnte, und die mir durch all die wechselnden Schicksale meines Lebens ziemlich wörtlich im Gedächtnis geblieben ist:

 

„Vorhin war ich in Hessenland

Von Guttenberg ein Wolf genannt.

Jetzt bin ich durch Gottes Macht

Graf Wolf Metternich zur Gracht.“

 

Das große Gebäude enthielt die Wohnung des Pächters, sowie die Ställe, Scheunen, Kornspeicher und die Bureaus der gräflichen Rentmeisterei. An der vierten offenen Seite des Quadrats führte eine zweite Brücke über den Graben nach einem kleineren, aber weit eleganteren Gebäude auf etwas erhöhtem Grunde, welches der Graf mit seiner Familie im Sommer bewohnte. Dieses hatte ebenfalls seinen Turm, sowie niedrigere, eine Kapelle und Wohn- und Wirtschaftsräume enthaltende Flügel und war auch auf allen Seiten von Wasser umgeben. Man nannte dies „das Haus“. Eine andere Zugbrücke verband „das Haus“ mit einem etwa 60 Morgen großen Garten, „der englische Garten“ genannt, welcher etwa zur Hälfte im Versailler Stil mit geraden Kieswegen und gelegentlichen Labyrinthen angelegt, mit hohen beschnittenen Hecken, griechischen Götter- und Nymphenbildern, Springbrunnen und Teichen verziert und von Pfauen und Perlhühnern bevölkert war. Eine große Orangerie, deren Bäume in Kübeln im Sommer reihenweise paradierten, bildete einen besonderen Schmuck. Die andere Hälfte bestand aus schattigen Baum- und Gebüschanlagen mit hier und da einem Sommerhäuschen oder Pavillon. Alles dies zusammengenommen hieß im Volksmunde „die Burg“, und mein Großvater war im Dorfe und weithin in der Umgegend als „der Burghalfen“ bekannt. („Halfen“ wurden ursprünglich diejenigen Pächter genannt, die mit ihren Gutsherren den Ertrag der Ernten zu gleichen Hälften teilten. Diese Einrichtung hatte jedoch in diesem, wie in den meisten Fällen am Rhein, der Zahlung eines Pachtzinses in Geld Platz gemacht. Aber der Name „Halfen“ blieb.)

Mein Großvater, der Burghalfen, hatte zur Zeit meiner ersten Erinnerung ungefähr sein sechzigstes Jahr erreicht. Er war ein Mann von gewaltigen Proportionen, über sechs Fuß groß, von mächtiger Breite in Brust und Schultern; die Züge des Gesichts massiv in Übereinstimmung mit der ganzen Statur; ein voll und entschieden geformter Mund über starkem, eckigem Kinn, die Nase groß und gerade, darüber buschige Brauen, ein dunkelglänzendes Augenpaar beschattend; die Stirn breit und der große Kopf bedeckt mit krausem, braunem Haar. Seine Muskelstärke war erstaunlich. Bei einer Kirmeß, als er mehrere andere Halfen zu Gast hatte, wurde eine Kraftprobe vorgeschlagen, und mein Großvater ging die Wette ein, daß er den großen Amboß, der jenseits des Burggrabens in der Schmiede stand, in seinen Armen über die Brücke, durch das Tor, ins Haus und alle Treppen hinauf bis zum höchsten Söller und wieder zurück in die Schmiede tragen werde; und ich sehe ihn noch einherschreitend mit dem gewichtigen Eisenblock in seinen mächtigen Armen, treppauf und treppab, als trüge er ein kleines Kind. Wunderbare Geschichten wurden von ihm erzählt, wie er einmal einen wütigen Stier, der aus dem Stall in den Burghof gebrochen war und alle Knechte ins Haus getrieben hatte, und dem er allein entgegentrat, mit einem Hammer auf einen Schlag zu Boden gefällt, und wie er bei verschiedenen Gelegenheiten schwer beladene Wagen, die in den tiefen Geleisen schlechter Landwege feststeckten, allein mit untergestemmten Schultern herausgehoben habe, und dergleichen mehr. Es ist nicht unmöglich, daß diese Geschichten von den Taten des Burghalfen, wie sie von Mund zu Mund gingen, ein wenig über die Grenzen des streng tatsächlichen hinaus legendenhaft an Großartigkeit zunahmen. Aber sie wurden mit allen erdenklichen Versicherungen der Wahrhaftigkeit erzählt, und gewiß ist, daß mein Großvater in seiner Umgebung bei weitem der stärkste Mann war.

Eine sorgfältige Erziehung hatte er nicht genossen. Das Lesen und Schreiben verstand er, aber zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte es nicht. Mit Büchern machte er sich wenig zu tun; dahingegen war er ein Mann von großer Autorität unter dem Volke. Vom Dorfe und aus der Umgegend kamen die Leute zum Burghalfen, um sich bei ihm Rat zu holen, oder ihm ihre Streitigkeiten vorzulegen. Und wenn der Burghalfen von irgend einem schlimmen Zwist zwischen Mann und Frau, oder zwischen Nachbarn erfuhr, so nahm er seinen Haselstock zur Hand und begab sich auf den Kriegsschauplatz. Da hörte er die Klagen und Verteidigungen der Parteien, und sobald er zum Schluß gekommen war, auf welcher Seite die Schuld lag, so fällte er sein Urteil und fügte auch wohl auf der Stelle die Strafe hinzu, die nicht selten in einer tüchtigen Tracht Prügel bestand. Gegen seinen Spruch und die unmittelbare Exekution, gegen diese patriarchalische Justiz, wagte niemand zu protestieren. Und wenn die Erntezeit kam und der Burghalfen brauchte Arbeiter im Felde, so durfte er nur durch das Dorf gehen und Jung und Alt strömte zu seinem Dienste heran, bis das Getreide in der Scheune war. Aber die Hilfeleistung war gegenseitig. Wer immer sich in Bedrängnis befand, der konnte sich vertrauensvoll an ihn wenden, und dann war ihm kein Opfer zu groß und keine Mühe zu schwer.

„Leben und Lebenlassen“ war sein Grundsatz und seine Gewohnheit. Er liebte das Vergnügen, vielleicht etwas mehr, als für ihn und die Seinigen gut sein mochte. Besonderes Behagen fand er an den lustigen Gelagen mit Wein und Kartenspiel, welche damals die beliebteste Festunterhaltung der wohlhabenderen Bauern des Rheinlandes bildete. Jede Pfarre hatte ihre jährliche „Kirmeß“, welche dem Essen, Trinken, Spielen und Tanzen geweiht war. Die Feier dauerte regelmäßig drei Tage, wurde aber nicht selten auch über den vierten Tag hinausgesponnen. Zur Kirmeß besuchten die Verwandten und intimeren Freunde einander mit Familie, so daß es für denjenigen, der viele Geschwister, Vettern, Schwäger und liebe Kumpane hatte, den Sommer hindurch der Gelage nicht wenige gab. An jedem Kirmeßtisch nun, seinem eigenen sowohl als denen seiner Freunde, war der Burghalfen die Hauptfigur. Nur wenige Halfen gab es, die er nicht unter den Tisch trinken konnte, und er war ein furchtbarer Kämpe, kam es zum Streit. Das geschah wohl nicht oft, denn er war durchaus nicht zanksüchtig. Aber ich habe doch erzählen hören, wie beim Kirmeßtanz oder sonstiger festlicher Gelegenheit der Burghalfen, wenn er selbst oder einer seiner Freunde beleidigt wurde, mit wuchtigem Fußstoß einen Stuhl zertrümmerte, die Stuhlbeine ergriff und mit dieser Waffe, wie Samson mit dem Eselskinnbacken, die Philister unwiderstehlich vor sich hertrieb. Ferner gab es in den größeren Gemeinden ein jährliches „Vogelschießen“.

Wenn nun in der Umgegend bei solchen Gelegenheiten der Burghalfen fehlte, so galt das Fest nicht für vollständig. Aber er fehlte nicht oft. Gewöhnlich war er mit seiner großen Kugelbüchse, „der Ferkelstecher“ genannt, zur Stelle. Dieser Ferkelstecher – warum so genannt, weiß ich nicht mehr – war eine merkwürdige Waffe. Sie schoß eine gute Handvoll Pulver und eine Kugel, die volle acht Lot wog, und war so schwer, daß nur die stärksten Männer sie wagerecht ohne Stütze an der Schulter zu halten vermochten. Selbst wenn mein Großvater sie abfeuerte, so stand immer einer der kräftigsten seiner Knechte mit ausgestreckten Händen hinter ihm, um das Gewehr in seinem scharfen Rückstoß aufzufangen. Die Zahl der hölzernen Vögel, die der Burghalfen mit seinem furchtbaren Ferkelstecher herunterbrachte, war sehr groß, und jedesmal folgte ein Gelage, das den gewonnen Einsatz aufzehrte und gewöhnlich noch ein gutes Stück darüber. Nicht selten kam dann der siegreiche Burghalfen mit schwerem Kopf nach Hause.

Aber ein tüchtiger Ackerbauer war er auch – verständig, energisch und unermüdlich. In aller Frühe mit den Knechten auf dem Felde, unterwies und regierte er nicht nur, sondern, wenn es galt, ging er ihnen in der schwersten Arbeit mit gutem Beispiel voraus. Sein Bild steht noch vor mir, wie er dem Brauch gemäß in eigener Person den ersten Erntewagen in die Scheune brachte, die Peitsche in der Hand auf einem der drei oder vier geschmückten Pferde sitzend, die eins nach dem andern, tandemartig, vor den Wagen gespannt waren. Oft habe ich auch sagen hören, daß sein Rat über landwirtschaftliche Dinge von seinen Berufsgenossen häufig gesucht und hoch geschätzt wurde. Natürlich war er ein König in seinem Hause, aber ein König, dem man nicht nur gehorchte, sondern den man auch lieb hatte, und dessen Fehler man ansah wie eine Art von Naturnotwendigkeit, an der sich eben nichts ändern ließ.

Neben ihm stand meine Großmutter in merkwürdigem Kontrast. Sie war eine kleine, schmächtige Frau mit einem mageren Gesicht, das einmal hübsch gewesen war; von zarter Gesundheit, fromm, sanft, häuslich, immer tätig und voll von Sorgen. Der Haushalt, dem sie vorstand, war in der Tat groß genug, um ihr wenig Ruhe zu lassen. Bei Tagesanbruch im Sommer und bei Lampenlicht im Winter war sie auf den Füßen, um zu sehen, daß das zahlreiche Gesinde, männliches und weibliches, an die Arbeit kam und sein Frühstück hatte. Da waren wohl nahezu zwei Dutzend Knechte und Mägde, die gelegentlich beschäftigten Tagelöhner nicht gerechnet. Das Gesinde, gewöhnlich „das Volk“ genannt, versammelte sich zu den Mahlzeiten in einer zu ebener Erde gelegenen Halle, deren gewölbte Decke auf dicken steinernen Säulen ruhte. An der einen Seite befand sich der Herd mit großem Rauchfang. Mächtige Kessel hingen an eisernen Ketten und Haken über dem offenen Feuer. Dies war die allgemeine Küche des Hauses. Auf der andern Seite der Halle stand ein langer Tisch, an welchem, auf hölzernen Bänken sitzend, „das Volk“ seine Mahlzeiten nahm. Ehe sie sich niedersetzten, sagten die Knechte und Mägde, mit dem Rücken gegen den Tisch gewandt, ihre Gebete her. Dann brachte der Meisterknecht das Heft seines Messers mit lautem Schlag auf den Tisch und das war das Zeichen zum sitzen. Ihre Suppe oder ihren Mehlbrei aßen die Leute mit hölzernen Löffeln aus großen hölzernen Schüsseln. Fleisch und Gemüse wurden vorgelegt auf langen, schmalen, weiß gescheuerten Brettern, die den Tisch entlang lagen. Teller gab es nicht. Eiserne Gabeln lieferte das Haus; zum schneiden gebrauchten die Leute ihre Taschenmesser. Der Meisterknecht schnitt das Schwarzbrot vor, welches dann in großen Stücken herumgereicht wurde. Weißes Brot gab es nur an Festtagen. Während der Mahlzeit wurde kein Wort gesprochen. Sobald der Meisterknecht Messer und Gabel niederlegte, war die Mahlzeit zu Ende. Es verstand sich von selbst, daß er den Leuten Zeit ließ, sich zu sättigen. Nach diesem Signal standen alle auf, wendeten sich wieder mit dem Rücken gegen den Tisch, sprachen noch ein Gebet und gingen dann auseinander, jedes an seine Arbeit.

Während das Volk seine Mahlzeit nahm, war meine Großmutter mit einer Küchenmagd am Herde beschäftigt, um für den Tisch der Familie zu sorgen. An der Seite des Herdes führte eine kleine Treppe von fünf oder sechs Stufen von der Volkshalle hinauf in ein kleineres, aber immerhin noch recht geräumiges Gemach, welches ebenfalls eine gewölbte Decke hatte. Ein langer Tisch stand in der Mitte, von Stühlen umgeben, deren mehrere mit Leder gepolstert und mit blanken kupfernen Nägeln geschmückt waren. Nach dem Hofe zu öffnete sich ein breites Fenster, mit starken Eisenstäben vergittert, die, nach außen gebogen, den Umblick über den ganzen Hof zuließen. Dies war das Wohngemach der Familie und diente auch als Eßzimmer mit Ausnahme der Festtage, wenn es viele Gäste gab. Dann wurde in einem größeren Saal an der anderen Seite der Volkshalle getafelt. Das Familienzimmer wurde gewöhnlich die „Stube“ genannt. Es war meiner Großmutter Hauptquartier. In die Wand nach der Volkshalle war ein kleines Fenster gebrochen, durch das die Hausfrau alles beobachten konnte, was dort vorging, und auch zuweilen ihre Stimme erschallen ließ, anordnend oder verweisend. Wenn der Abend kam, im Spätherbst oder Winter, so versammelte sie die Mägde in der Stube mit ihren Spinnrädern. Dann wurde der Flachs gesponnen, der den ganzen Haushalt mit Leinwand versah. Und während die Spinnräder schnurrten, durften die Mägde ihre Lieder singen, wozu meine Großmutter ermunternd den Ton angab. Unterdessen kamen aus ihren Ställen und von ihren Werkplätzen die Knechte und versammelten sich auf den Bänken am großen Herde, um Geschichten zu erzählen und das zu üben, was sie für Witz hielten. In den Sommerabenden saßen sie auf dem Hofe umher oder standen gelehnt an das Geländer der Brücke, ausruhend oder schwatzend oder singend. Nach altem Gebrauch hatte an zwei oder drei Abenden im Jahr das Volk, männlich und weiblich, Erlaubnis, in der großen Halle zusammen zu spielen – blinde Kuh und andere Spiele; und da gab es denn des Hüpfens und Springens und Übereinanderfallens und Schreiens und Lachens kein Ende, bis zur bestimmten Stunde der Meisterknecht wie das Schicksal dazwischentrat und alle zu Bett schickte.

In dieser Umgebung war es, daß ich meines Daseins bewußt wurde und meine ersten Kinderjahre verlebte. Es ist merkwürdig, wie weit einzelne Erinnerungen in die Zeit der anfänglichen Entwicklung des Bewußtseins zurückreichen. So ist mir ein Bild gegenwärtig, das mich mir selbst im Alter von zwei, höchstens drei Jahren vorführt. An dem von Kastanienbäumen eingefaßten Wege, der von der Burg nach dem Dorfe führte, war ein kleiner von Mauern umschlossener Behälter, in dem der Graf einige Wildschweine hielt; darunter zwei oder drei große Eber mit mächtigen weißen Hauzähnen. Ich sehe mich selbst als kleines Kind im Unterröckchen, mit einem weißen Häubchen auf dem Kopf, auf der Mauer sitzend und mit Vergnügen, aber auch mit Furcht, auf die schwarzen Ungetüme hinunterblickend; neben mir eine Frau, die ihren Arm um mich geschlungen hält, so daß ich nicht hinunterfallen kann; und wie ich da sitze, kommt ein alter Mann mit glänzenden Knöpfen auf dem Rock, spricht mit mir und gibt mir Zuckerbrot. Meine Mutter, der ich im späteren Leben von dieser Erinnerung sprach, sagte mir, der Mann sei gewiß der alte Bernhard gewesen, der Leibdiener des Grafen, der silberne Knöpfe auf seinem Livreerock hatte, und der es liebte, sich mit mir zu tun zu machen und mir Süßigkeiten vom „Hause“ zu bringen. Nach dem Todesjahre des alten Bernhard gerechnet, könne ich damals höchstens in meinem dritten Jahre gewesen sein.

Ein anderes Bild steht mir ebenso lebendig vor Augen. Ein Abend im Familienzimmer, der „Stube“; eine Lampe mit einem grünen Schirm auf dem Tisch; ich sitze auf meines Großvaters Knie und er gibt mir Milch aus einem Glase zu trinken; ich verlange mehr; mein Großvater läßt einen großen mit Milch gefüllten Zuber bringen und auf den Tisch stellen; dann zieht er mir mit seinen eigenen großen Händen die Kleider aus und setzt mich nackt in den Zuber, in welchem mir die Milch beinahe bis an den Mund hinaufreicht; nun sagt er mir, ich möge trinken so viel ich wolle, er sieht zu, wie ich den Mund öffne, um die Milch hineinfließen zu lassen und lacht aus vollem Halse, und wie ich nun, nachdem ich genug getrunken, anfange, in der Milch mit den Händen zu platschen und ihn über und über bespritze, läßt er sich auf einen Stuhl fallen und lacht immer unbändiger.

Noch andere Bilder sehe ich: Die Schafherde mit den Lämmern kommt abends heim und drängt sich blökend in ungestümer Eile durch den Torweg in den Hof; ich sehe zu, auf dem Arm meiner Mutter sitzend; der alte Schäfer tritt heran, um mir die kleine blanke Wurfschaufel am Ende seines langen Stabes zu zeigen, nach der ich meine Hände ausgestreckt hatte; aber das finster faltige Gesicht des alten Mannes mißfällt mir, und ich schmiege mich an die mütterliche Schulter.

Mit besonderem Behagen gedenke ich noch des großen Kuhstalles, welcher wie eine Kirche gebaut war, mit einem hohen spitzbogig gewölbten Mittelschiff und zwei niedrigeren Seitenschiffen, in denen die Kühe standen. Meine Mutter, die an der Milchwirtschaft viel Vergnügen fand, nahm mich zuweilen mit in den Stall, wenn sie hinging, um zu sehen, daß den Tieren ihr Recht geschah. Wie warm war es da an den Winterabenden! Ich saß dann wohl auf einem Haufen Heu oder Stroh im matten Licht der Laternen, die von den hohen Bogen des Mittelschiffes herabhingen; und so lauschte ich dem dumpfen, leisen Geräusch, das, von den wiederkäuenden Kühen herkommend, den weiten Raum mit einer eigentümlichen Wohligkeit erfüllte, und dem Geschwatz und Singen der Mägde, die geschäftig hin- und hergingen und die Kühe bei ihrem Namen riefen.

Meine Mutter erzählte mir später, daß ich damals eine sehr aufregende Liebesaffäre gehabt habe. Der Graf hatte eine Tochter, die zu jener Zeit etwa 18 oder 19 Jahre alt und sehr schön war. Die junge Gräfin Marie pflegte, wenn sie mir auf ihren Spaziergängen begegnete, die roten Pausbacken zu streicheln und mich vielleicht auch sonstwie zu liebkosen, wie junge Damen das zuweilen mit ganz kleinen Knaben zu machen pflegen. Die Folge war, daß ich mich heftig in die junge Gräfin verliebte und offen erklärte, sie heiraten zu wollen. Meine Absichten waren also durchaus ehrlich. Die Gräfin Marie schien aber die Sache nicht so ernst zu nehmen, und das führte zu einer Katastrophe. Eines Tages sah ich sie mit einem jungen Mann an einem Fenster des Herrenhauses stehen, damit beschäftigt, mit einer Angel im Burgweiher Karpfen zu fangen. Eine wütige Eifersucht ergriff mich. Ich verlangte schreiend, der junge Mann müsse sich sofort von der geliebten Gräfin Marie entfernen, widrigenfalls man ihn ins Wasser werfen solle. Ich ergrimmte noch mehr, als der junge Mann nicht allein nicht fortging, sondern sogar mich auszulachen schien. Ich tobte und brüllte so laut, daß die Burgleute um mich her zusammenliefen, um zu sehen, was da los sei. Ich erzählte es ihnen unter heißen Tränen, und nun lachten die auch, was mich noch wütender machte. Endlich kam die gute alte Köchin des Grafen auf einen gesunden Gedanken. Sie führte mich in die Küche, wo sie mir einige Löffel Quittengelee zu essen gab. Quittengelee war mir ein ganz neuer Lebensgenuß und hatte auf meinen Liebesschmerz eine merkwürdig beruhigende Wirkung. Soweit die Erzählung meiner Mutter. Quittengelee ist auch seit jener Zeit meine Lieblingsleckerei geblieben.

Die Burg hatte auch ihren Schrecken für mich. Es war der ausgestopfte Kopf eines Rehbocks mit Hörnern und besonders großen Augen, welcher die Wand über einem Treppenaufgang am Ende eines langen Ganges schmückte. Ich weiß nicht und habe wahrscheinlich nie gewußt, warum mir dieser Rehkopf so fürchterlich war; aber gewiß war er es, und wenn ich ihn passieren mußte, so lief ich, so schnell mich meine kleinen Beine tragen wollten.

Auch höre ich noch das Waldhorn Hermanns, des Leibjägers des Grafen, der an schönen Abenden zuweilen auf der zum gräflichen Hause vom Hofe hinaufführenden Brücke saß und muntere Lieder blies, die von den Mauern und Türmen widerhallten. Hermann war mir eine imposante Persönlichkeit, denn ich hatte ihn ein paarmal, wenn er den Grafen bei festlicher Gelegenheit begleitete, in großer Uniform gesehen mit glänzenden Goldlitzen an den Kleidern, einem Hirschfänger an der Seite und einem großen Federbusch auf dem Kopfe. Er nahm ein übles Ende, der arme Hermann. Eines Tages fand man ihn tot im Walde, von Wilddieben erschossen, – die erste tragische Sensation meines Lebens. Die Mörder sind niemals entdeckt worden, aber ich erinnere mich, daß von uns Kindern noch lange nachher zuweilen dieser und jener mit schaudernder Furcht angesehen wurde als einer, der den Hermann erschossen haben könne.

Ich mag etwas über vier Jahre alt gewesen sein, als meine Eltern die großväterliche Wohnung in der Burg verließen und ins Dorf zogen, um ihren eigenen Haushalt zu beginnen. Das Dorf bestand aus einer einzigen Straße; an dieser lag auch, etwa mittwegs, auf erhöhtem Platze die Pfarrkirche mit spitzem Turm. Die Häuser, meist sehr klein, waren fast alle aus Fachwerk gebaut – hölzernes Gebälk mit Lehmfüllungen – und mit Dachziegeln gedeckt. Backsteingebäude gab’s vielleicht nur ein halbes Dutzend, von denen die meisten dem Grafen gehörten. Die Bewohner von Liblar, kleine Bauern, Tagelöhner, Handwerker mit einigen Wirten und Krämern, fanden in einer Eigentümlichkeit des Dorfes Grund zum Stolz: ihre Straße war gepflastert. Unser Haus war von sehr bescheidenen Dimensionen, hatte aber zwei Stockwerke, von denen jedoch das oberste so niedrig war, daß mein Großvater, aufrecht stehend, fast die Decke mit dem Kopf berührte.

Obgleich ich nun einen kleinen fünfzehn Monate jüngeren Bruder hatte, der nach meinem Großvater Heribert genannt war, so blieb ich doch des alten Mannes Liebling, und er wünschte, daß ich möglichst viel um ihn sein möchte. Meine Mutter hatte mich daher fast jeden Tag zur Burg zu bringen, und ich begleitete meinen Großvater zuweilen selbst bei seiner Arbeit. Wenn er zur Erntezeit Getreide einfuhr, so saß ich wohl bei ihm auf dem Sattel; und wenn er im Spätherbst oder Winter hinging, um seine fetten Schweine zu schlachten, was er selbst zu tun pflegte, so hatte ich die lederne Scheide mit den großen Messern zu tragen, die, an einem breiten mit blanker Messingschnalle versehenen Gurt hängend, mir so um die Schultern befestigt wurde, daß ich sie nicht auf der Erde nachschleppte. Und je wichtiger ich mich dabei zu fühlen schien, um so größer war meines Großvaters Vergnügen. Wenn er nichts besseres für mich zu tun wußte, so gab er mir eine alte Jagdflinte mit Steinschloß, das er mich lehrte zu spannen und abzudrücken, so daß es Funken gab. Dann durfte ich in der „Stube“ und den anliegenden Schlafkammern umherjagen und so viele Hasen, Rebhühner, Füchse, Rehe und Wildschweine schießen, wie meine Einbildung aufzujagen wußte. Das konnte mich stundenlang unterhalten, und mein Großvater war dann nicht zufrieden, bis ich ihm die wunderbarsten Geschichten erzählte von dem Wild, das ich geschossen, und von den Abenteuern, die ich in Wald und Feld bestanden hatte.

Plötzlich kam ein großes Unglück über die Familie. Mein Großvater hatte einen paralytischen Anfall, welcher seine Beine lähmte. Sein Oberkörper schien noch gesund zu sein, aber er konnte nicht mehr gehen noch stehen. Da war es denn mit des Burghalfen rüstiger Tätigkeit und mit seinen Kraftproben und seinen Ritten nach Vogelschießen und andern Festlichkeiten auf einmal zu Ende. Der große, schwere Mann, gestern noch strotzend von Kraft, denn er war nur einige sechzig Jahre alt und von einer sehr langlebigen Familie, saß nun vom Morgen bis Abend in einem ledernen Lehnstuhl, die Beine in Flanell gewickelt. Während des Tages stand der Stuhl gewöhnlich in der „Stube“ an dem großen Fenster mit dem ausgebogenen Eisengitter, von wo er den Hof übersehen konnte. Anfangs versuchte er noch, die geschäftlichen Angelegenheiten der Ackerwirtschaft weiterzuleiten. Aber bald ging das auch nicht mehr und er mußte sie einem jüngeren unverheirateten Bruder, den alle Welt „Ohm Michel“ nannte, überlassen, bis sein jüngster Sohn Georg, der in Berlin bei den Kürassieren seinen Militärdienst abmachte, nach Hause zurückkehrte und die Geschäfte übernahm. Die älteren Söhne, von denen später die Rede sein wird, waren nämlich alle verheiratet und selbständig geworden.

Nun wußte der plötzlich gealterte Mann nicht mehr, was er mit sich und seiner Zeit anfangen sollte. Täglich reichte man ihm die Kölnische Zeitung, die er auch wohl ansah, aber er liebte das Lesen nicht sehr. Dann wurde an den Armlehnen seines Stuhls ein kleiner beweglicher Tisch angebracht und mit gepudertem Zucker bestreut, um die Fliegen anzulocken, die im Sommer scharenweise in der Stube umhersummten. Diese erschlug er dann mit einer an kurzem Stock befestigten ledernen Klappe. „Das ist alles was ich noch tun kann“, seufzte zuweilen der einst so starke Mann. Oft wurde ich zu ihm gebracht, um ihn mit meinem kindischen Geschwätz zu unterhalten und ihn lachen zu machen. Dann erzählte er mir auch wohl von vergangenen Tagen, und unter diesen nahm wieder die „französische Zeit“ die vornehmste Stelle ein. Ich hörte dann viel von den Erlebnissen des Gutsbesitzers und Landbauers in den Kriegsjahren. Ich sah die lustigen zerlumpten Sansculotten in das Land hereinbrechen und ihren wilden Unfug treiben. Ich sah bei dem Herannahen derselben den Grafen Wolf-Metternich eines Nachts eilig aus der Burg fliehen, nachdem er meinem Großvater den Schutz alles Zurückgelassenen anvertraut hatte, und nachdem die wertvollsten Sachen und Papiere in einem der Türme tief vergraben und vermauert worden waren. Ich sah bei dem Durchmarsch französischer Truppen während des napoleonischen Kaisertums einen General mit seinem Stabe durch das Burgtor reiten, um im „Hause“ Quartier zu nehmen, wobei dann der Hof sich mit glänzend uniformierten Reitern füllte. Wenn der Großvater zu dem Abzug der Franzosen und der Ankunft der Kosaken kam, wurde seine Erzählung besonders erregt. Da hatte „Ohm Michel“ mit sämtlichen Pferden und Wagen, Kühen, Schafen und Schweinen tief in den Wald ziehen müssen, damit dieselben nicht zuerst den abziehenden Franzosen und nachher den nachsetzenden Russen in die Hände fallen möchten. Seine Beschreibung der Kosaken mußte er mir oft wiederholen. Sie aßen Talgkerzen und durchsuchten das ganze Haus nach Schnaps. Als kein Schnaps mehr zu finden war, drohten sie der Großmutter mit Gewalt, worauf der Großvater einige von ihnen mit der Faust zu Boden schlug und sich sehr wunderte, als den Bestraften von ihren Kameraden keiner zu Hilfe kam. Aber als des Suchens nach Schnaps kein Ende wurde, verfielen die Hausbewohner auf eine List. Sie füllten ein Faß mit Essig, taten etwas Spiritus und eine tüchtige Quantität Pfeffer und Senfsamen hinzu, und dieses Gebräu, das jede gewöhnliche Kehle wie Feuer verbrannt haben würde, tranken die Kosaken als Schnaps, lobten es sehr und befanden sich wohl dabei. Aber gottesfürchtige Leute waren sie auch; denn wenn sie im Hause einen besonderen Schelmenstreich ausführten, so bedeckten sie erst dem an der Wand hängenden Kruzifix die Augen, damit Gott die Sünde nicht sehen möchte.

Solche und viele andere Geschichten wurden wieder und wieder erzählt, und sie wuchsen und breiteten sich aus, wie ich meinem Großvater mit Fragen zusetzte. Daran ließ ich es dann auch nicht fehlen. Meine Lust an diesen Erzählungen war so groß und meine Wißbegierde so lebhaft, daß ich, ehe ich zu lesen anfing, von den französischen Kriegen einen so guten Begriff bekam, wie die Berichte meines Großvaters und meines Vaters ihn mir geben konnten.

Abends wurde des Großvaters Lehnstuhl an den Tisch gerollt, wo dann irgend ein Mitglied der Familie mit ihm Karten spielte. Aber der Abstand von seiner früheren Tätigkeit war zu groß. Er verlor nach und nach seinen frohen Mut, und obgleich er sich Mühe gab, zufrieden zu scheinen und den Seinigen nicht zur Bürde zu werden, so war doch das alte heitere Leben und Treiben der Burg, dessen Seele er gewesen, für immer dahin. Bald stiegen auch noch andere dunkle Wolken von Sorge und Unglück auf.

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Elternhaus und Heimatdorf. Die ersten Schuljahre. >>
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