Hans Hinderlich

Es giebt al­ler­lei Ar­ten von Samm­lun­gen, und un­ter den Samm­lern man­cher­lei Son­der­lin­ge. Zu die­sen ge­hört mein Freund Abend­roth, denn er hat die ganz be­son­de­re Lei­den­schaft, Men­schen zu sam­meln. Es wür­de ihn mit dem Straf­ge­setz­buch in Kon­flikt brin­gen, woll­te er ei­nen an­thro­po­lo­gi­schen Gar­ten an­le­gen und die merk­wür­di­gen Ex­em­pla­re sei­ner Samm­lung hin­ter so­li­den Ei­sen­git­tern auf­be­wah­ren, auch wür­de es den hu­ma­nen An­schau­un­gen un­se­rer Zeit nicht ent­spre­chen, woll­te er sie in Spi­ri­tus set­zen oder mit Wi­ckers­hei­mer­scher Flüs­sig­keit durch­tränkt dau­er­haft kon­ser­vi­ren, des­halb be­treibt er die Sa­che mehr auf ei­ne ide­el­le Wei­se und trägt die gan­ze Samm­lung in ei­nem klei­nen Kas­ten stets mit sich her­um, in sei­nem Hirn­kas­ten näm­lich, wo­selbst er sie ver­mit­telst ei­nes schar­fen und un­trüg­li­chen Ge­dächt­nis­ses gleich­sam geis­tig ein­bal­sa­mirt hat. Es ge­währt ihm das gröss­te Ver­gnü­gen, ei­nem Men­schen, an wel­chem er ei­nen ori­gi­nel­len oder ko­mi­schen Zug ent­deckt hat, nach­zu­set­zen wie ein Kna­be ei­nem sel­te­nen Schmet­ter­ling, sei­ne Be­kannt­schaft zu su­chen und dem Ken­ner gleich, der ei­nen neu­en treff­li­chen Jahr­gang be­hag­lich schlürft, den gan­zen geis­ti­gen In­halt sei­nes Op­fers in sich hin­ein­zu­sau­gen, bis an dem voll­stän­di­gen Cha­rak­ter­bil­de nichts mehr fehlt und jeg­li­che klei­ne Ab­son­der­lich­keit bis in’s Kleins­te sau­ber fest­ge­stellt ist. Dann wird es klas­si­fiz­irt, ru­briz­irt und in das be­tref­fen­de Ge­dächt­niss­fach ein­ge­reiht. Die be­hag­lichs­ten Stun­den mei­nes Freun­des Abend­roth sind die­je­ni­gen, wo er, nach des Ta­ges Ar­beit ge­mäch­lich auf dem So­pha lie­gend, sei­ne Pfei­fe raucht und da­zu sei­ne Samm­lung re­vi­dirt. Bei ei­ner sol­chen Ge­le­gen­heit kam ei­nes Ta­ges die Frau, bei wel­cher er wohn­te, ins Zim­mer und sag­te, als sie ihn al­lein fand, ganz ver­wun­dert: »Du lie­be Zeit, Herr Abend­roth, ich glaub­te, Sie hät­ten Be­such, weil Sie fort­wäh­rend so laut ge­lacht ha­ben.«

»O nein, Ver­ehr­tes­te,« sag­te die­ser, »ich re­vi­dir­te nur mei­ne Samm­lung, und da kam mir der al­te Ma­jor in die Que­re, der im­mer die Ge­schich­ten oh­ne Poin­te er­zählt.«

Da die Frau die­se dunk­le Re­de gar nicht ver­stand, so ward ihr da­durch we­nig Auf­klä­rung und sie muss­te sich oh­ne Be­frie­di­gung ih­rer Neu­gier mit in­ner­li­chem Kopf­schüt­teln wie­der ent­fer­nen. Sie soll üb­ri­gens ih­rer in­tims­ten Freun­din, der ge­hei­men Kanz­lei­se­kre­tär­switt­we Kä­ge­bein, ein­mal im Ver­trau­en mit­get­heilt ha­ben, sie glau­be, bei ih­rem Mieths­mann rap­pel­te es zu­wei­len ein we­nig.

Die Nei­gung mei­nes Freun­des Abend­roth, Men­schen zu sam­meln, ist nun auf mich über­ge­gan­gen, und wenn ich dar­in auch we­ni­ger Ge­wandt­heit und Spür­kraft be­sit­ze, als mein Vor­bild, so ha­be ich doch im Lau­fe der Zei­ten auch ein recht net­tes Sor­ti­ment zu­sam­men­ge­tra­gen. Zu­wei­len be­su­che ich mei­nen Freund des­we­gen; wir ver­glei­chen und be­stim­men dann un­se­re Ex­em­pla­re, tau­schen Du­blet­ten aus und er­freu­en uns ge­mein­schaft­lich an be­son­ders sel­te­nen und gut­er­hal­te­nen Mus­ter­stü­cken. Da­bei stell­te es sich kürz­lich her­aus, dass wir zu­fäl­lig bei­de ein und das­sel­be Ob­jekt ge­sam­melt hat­ten, aber wäh­rend er es so zu sa­gen im Ju­gend­klei­de be­sass, hat­te ich Ge­le­gen­heit ge­habt, das aus­ge­färb­te Männ­chen zu be­ob­ach­ten, wor­aus sich dann ei­ne sehr an­re­gen­de und ge­nuss­rei­che Ver­glei­chung er­gab, aus wel­cher wir bei­de Ge­winn und Be­leh­rung zo­gen.

Es war dies ein Mensch, Na­mens Hans Hin­der­lich, ei­ner der gröss­ten Lüg­ner, die mir in mei­nem Le­ben be­geg­net sind, und da ich be­reits frü­her schon aus mei­ner Samm­lung ei­ni­ge be­mer­kens­werthe Ex­em­pla­re be­schrie­ben und die­se Be­schrei­bun­gen in Druck ge­ge­ben ha­be, so sei es mir ge­stat­tet, auch die­ser Spe­zi­es ei­ni­ge we­ni­ge Wor­te zu wid­men.

Lü­gen und Lü­gen ist am En­de ein Un­ter­schied. Mein Freund Abend­roth ver­steht sich zum Bei­spiel eben­falls wun­der­voll auf die­se Kunst. Er ist ein vor­treff­li­cher Ge­schich­ten-Er­zäh­ler und wen­det bei die­ser Ge­le­gen­heit, um der Sa­che mehr Le­ben­dig­keit zu ge­ben, gern das Kunst­mit­tel an, Al­les als ei­ge­nes Er­leb­niss vor­zu­tra­gen. wo­durch der Reicht­hum an son­der­ba­ren Be­ge­ben­hei­ten, wel­cher sich in sein kur­zes Le­ben zu­sam­men­drängt, als ein wahr­haft stau­nens­wert­her er­scheint. Je­doch hat er mei­nes Wis­sens nie­mals Nut­zen dar­aus ge­zo­gen und nie­mals die Nai­vetät be­ses­sen, wirk­li­chen Glau­ben für sei­ne Ge­schich­ten zu er­war­ten. Dies wä­re auch zu viel ver­langt ge­we­sen für die un­glaub­li­chen Er­zäh­lun­gen von den Tha­ten sei­nes ver­stor­be­nen Hun­des Pol­ly, dem er al­le die be­kann­ten Ge­schich­ten auf­hals­te, wel­che auf­schnei­de­ri­sche Jä­ger-Er­fin­dung je in glück­li­chen Au­gen­bli­cken aus­ge­heckt hat, von dem er be­haup­tet, er ha­be die war­me Stel­le auf dem So­pha, wel­che den ver­bo­te­nen La­ger­platz ver­rieth, vor der An­kunft sei­nes Herrn mit dem Schwei­fe wie­der kühl ge­we­delt und ha­be ein­mal, als man ihm Mit­tags sein ge­wohn­tes Fut­ter nicht ge­ge­ben, als Er­in­ne­rungs­zei­chen aus dem Gar­ten ein Ver­giss­mein­nicht über­bracht. Wie soll­te mein Freund auch Glau­ben er­war­ten für die ge­nia­le Me­tho­de, durch wel­che er sein einst­mals beim Ba­den ver­lo­re­nes Ge­biss wie­der er­hielt, in­dem er, da al­les Tau­chen ver­geb­lich war, ein we­nig von sei­nem Lieb­lings­ge­richt Thü­rin­gi­sche Kar­tof­fel­klös­se an ei­ne An­gel band, wor­auf es so­fort an­biss und em­por­ge­zo­gen wer­den konn­te – wie soll­te er da­für Glau­ben er­war­ten, zu­mal er kei­nen ein­zi­gen fal­schen Zahn be­sass und mit sei­nem ge­sun­den Ge­biss Ti­sche auf­he­ben konn­te. Auch ver­lang­te er wohl nie­mals, dass Je­mand das­je­ni­ge als his­to­ri­sche That­sa­che be­trach­te, was er von dem gros­sen Or­kan er­zähl­te, wel­chen er in Ber­lin im Jah­re 1869 er­lebt ha­ben woll­te. Er hat­te sich un­ter den Lin­den vor der Ge­walt des Stur­mes an ei­nen La­ter­nen­pfahl ge­klam­mert, al­lein die un­ge­stü­me Winds­braut riss ihm die Bei­ne un­ter dem Lei­be weg, so­dass er ei­ne Wei­le ho­ri­zon­tal wie ei­ne Wind­fah­ne an dem La­ter­nen­pfahl in der Luft hing, wäh­rend gleich­zei­tig ei­ne Drosch­ke in den be­nach­bar­ten Baum ge­weht wur­de, wo­selbst sich das Pferd in den Zwei­gen ver­wi­ckel­te, in­dess der Kut­scher angst­voll auf der flat­tern­den Drosch­ke sass und voll Ent­set­zen auf die flie­gen­den Ge­heim­räthe und Schnei­der­mam­sel­len hin­stier­te, wel­che die Luft er­füll­ten. Der Kut­scher hat­te Glück, denn der Ast brach, Pferd und Drosch­ke fie­len her­ab und er fuhr in ei­ner Ath­em­pau­se des Stur­mes nach Hau­se. Mein ar­mer Freund je­doch, wel­cher den schüt­zen­den La­ter­nen­pfahl nicht zu ver­las­sen wag­te, ge­rieth kurz dar­auf in ei­nen Wir­bel­sturm, wel­cher ihn nö­thig­te, um den Pfahl her­um ei­ne Mi­nu­te lang in ho­ri­zon­ta­ler La­ge die gros­se Rie­sen­wel­le aus­zu­üben.

Wie ge­sagt, mein Freund ver­lang­te für die­se Din­ge kei­nen un­be­ding­ten Glau­ben und wür­de von dem Ver­stan­de des­je­ni­gen, der ihm sol­chen ge­schenkt hät­te, am En­de kei­ne all­zu­ho­he Mei­nung ge­habt ha­ben. Hans Hin­der­lich da­ge­gen, das ge­mein­schaft­li­che Ex­em­plar un­se­rer Samm­lun­gen, be­trieb das Ge­schäft des Lü­gens in ganz an­de­rer Wei­se. Er ge­hör­te zu den­je­ni­gen Men­schen, wel­chen die Wahr­heit als so et­was All­täg­li­ches, Ge­wöhn­li­ches und Reiz­lo­ses er­scheint, dass es ih­nen förm­lich wi­der­lich und ge­mein vor­kommt, von der­sel­ben Ge­brauch zu ma­chen, wo es ih­nen doch ein Leich­tes ist, durch ih­ren all­zeit er­fin­de­ri­schen Geist das ein­för­mi­ge Le­ben zu be­rei­chern und zu er­wei­tern. Er log nicht al­lein, wenn er sich Nut­zen da­von ver­sprach, wie wir am En­de ja al­le thun, nein er log aus Be­dürf­niss, aus Lieb­ha­be­rei, er log, weil er nicht an­ders konn­te. Die­se Er­schei­nung, wel­cher man nicht all­zu sel­ten im Le­ben be­geg­net, scheint mir ein miss­ge­lei­te­ter Dich­tungs­trieb zu sein; viel­leicht wä­re un­ser Mann bei sei­ner stets re­gen Er­fin­dungs­ga­be durch ei­ne an­de­re und bes­se­re Er­zie­hung ein gros­ser Po­et ge­wor­den und hät­te auf dem Ge­biet der schö­nen Lü­ge, die wie­der zur Wahr­heit wird, Be­trächt­li­ches ge­leis­tet. Je­den­falls ver­schwen­de­te er auf die Auf­recht­er­hal­tung sei­ner man­nig­fa­chen Lü­gen­ge­spinns­te ei­ne sol­che Sum­me von geis­ti­ger Ar­beit und Nach­den­ken, dass, wenn er die­se auf et­was Nütz­li­ches ge­wen­det hät­te, da­mit si­cher er­freu­li­che Re­sul­ta­te er­reicht ha­ben wür­de. So aber ward sei­ne geis­ti­ge Kraft durch die­se lüg­ne­ri­schen Er­fin­dun­gen voll­stän­dig auf­ge­zehrt, so dass ihm für An­de­res nichts üb­rig blieb, und er es auch nicht wei­ter ge­bracht hat­te, als zu ei­nem der­je­ni­gen un­ter­ge­ord­ne­ten Bau­zeich­ner, wel­che der Bu­re­au­witz, weil sie sich vor­zugs­wei­se mit dem me­cha­ni­schen Durch­pau­sen von Zeich­nun­gen zu be­schäf­ti­gen ha­ben, mit dem klas­si­schen Na­men Pau­sa­ni­as zu be­zeich­nen pflegt. In Fol­ge sei­ner all­ge­mei­nen Un­brauch­bar­keit und ei­ni­ger an­de­rer Ei­gen­schaf­ten, wel­che bald er­wähnt wer­den sol­len, hat­te er sel­ten ir­gend­wo auf län­ge­re Zeit ei­ne blei­ben­de Stät­te. Nur bei ei­ner be­son­ders nach­sich­ti­gen und gut­müthi­gen Be­hör­de – und dies ist der Ort, wo er mei­nem Freun­de Abend­roth in’s Netz lief – hat er sich ein­mal län­ger als ei­ni­ge Mo­na­te ge­hal­ten.

Hans Hin­der­lich be­trach­te­te sei­ne An­stel­lung bei ir­gend ei­ner Bahn vor al­len Din­gen als ei­ne Ge­le­gen­heit Ur­laub zu be­kom­men, wo­mit in die­sem Fal­le freie Fahrt auf al­len Ei­sen­bah­nen Deutsch­lands ver­knüpft war. Da drin­gen­de Fa­mi­li­en­an­ge­le­gen­hei­ten be­kannt­lich der bes­te Grund sind, wel­chen man in Ur­laubs­ge­su­chen vor­schüt­zen kann, so war er um der­glei­chen nicht im Ge­rings­ten ver­le­gen. Er brach­te zu­nächst sei­nen Va­ter um, dann sei­ne Mut­ter und schon­te schliess­lich auch sei­ne Ge­schwis­ter nicht. Da er sei­nen Va­ter in Bres­lau, sei­ne Mut­ter in Kö­nigs­berg, sei­nen Bru­der in Ham­burg und sei­ne Schwes­ter in Stutt­gart drauf­ge­hen liess, so be­kam er durch die­se auf­fal­len­de Fa­mi­li­en­s­terb­lich­keit ein schö­nes Stück von Deutsch­land zu se­hen. Als er ein­sah, dass die Sa­che an­fing, ein­tö­nig zu wer­den, schien er in Be­sorg­nis­se zu ge­ra­then über den Fort­be­stand sei­nes Ge­schlech­tes und nahm, so bald es an­ging, Ur­laub, um sich zu ver­hei­ra­then. Er be­an­trag­te da­für acht Ta­ge, al­lein, da ihm die Ant­wort ward, fünf Ta­ge sei­en für die­sen Zweck voll­kom­men aus­rei­chend, so be­gnüg­te er sich auch da­mit, und nach­dem er auf dem Bu­reau ei­ne aus­schwei­fen­de Schil­de­rung von der Schön­heit, den Tu­gen­den und dem Reicht­hum sei­ner Zu­künf­ti­gen ent­wor­fen hat­te, reis­te er ab, dies­mal nach Hal­ber­stadt. Nach Ab­lauf des Ur­lau­bes kehr­te er ziem­lich nie­der­ge­schla­gen wie­der zu­rück, er­zähl­te ei­ne ro­man­haf­te Ge­schich­te von un­lieb­sa­men Ent­de­ckun­gen, wel­che er ge­macht hat­te, die er mit reich­li­chen Ti­ra­den über die Falsch­heit der Wei­ber aus­schmück­te und ge­stand, dass aus der Sa­che nichts ge­wor­den sei. Je­doch schien ihn dies nicht ab­ge­schreckt zu ha­ben, denn nach ei­ner Wei­le be­gehr­te und er­hielt er wie­der­um Ur­laub zum Zweck sei­ner Ver­hei­rathung mit ei­ner Braut, wel­che er sich – auf wel­che ge­heim­niss­vol­le Wei­se, ist nie auf­ge­klärt wor­den – un­ter­dess in dem ent­fern­ten Prag an­ge­schafft ha­ben woll­te. Da auch dies nicht zum Zie­le führ­te und er nach ei­ni­ger Zeit zum drit­ten Ma­le ein Ge­such ein­reich­te, für den­sel­ben Zweck, der dies­mal in Hil­des­heim er­füllt wer­den soll­te, riss auch sei­ner lang­müthi­gen Ober-Be­hör­de die Ge­duld und er be­kam das Ge­such zwar ge­neh­migt zu­rück, je­doch mit der Rand­be­mer­kung, es sei im höchs­ten Gra­de wün­schens­werth, dass dies­mal aus der Sa­che et­was wer­de. Aber, sie­he da es ge­lang ihm wie­der­um nicht.

Ge­naue Nach­for­schun­gen, wel­che wir spä­ter­hin an­stell­ten, ha­ben er­ge­ben, dass er in­ner­halb des, an den ver­schie­dens­ten An­stel­lun­gen rei­chen, Zeit­raums von zehn Jah­ren zum Zweck der Er­lan­gung von Ur­laub sei­nen Va­ter sie­ben Mal, sei­ne Mut­ter vier Mal, sei­nen Bru­der und sei­ne Schwes­ter je drei Mal um­ge­bracht hat­te, und dass trotz­dem die­se gan­ze Ver­wandt­schaft frisch und mun­ter war und sich ei­ner zu­frie­den­stel­len­den Ge­sund­heit er­freu­te. Den Ver­such, ei­ne Le­bens­ge­fähr­tin zu ge­win­nen, hat­te er in die­ser Zeit acht Mal an­ge­stellt.

Als ich ihn ken­nen lern­te, war ihm dies be­reits ge­lun­gen und zwar hat­te sich, was er so oft in der Fer­ne ge­sucht, in nächs­ter Nä­he er­füllt. Je­doch schien er mit ihr nicht sehr nett um­zu­ge­hen, denn ich er­in­ne­re mich, dass er, um ei­nen Tag Ur­laub zu er­hal­ten, ihr ein­mal plötz­lich ein Bein brach. Die Heil­kraft, wel­che dem Blu­te die­ser Frau in­ne­wohn­te, muss­te aber gren­zen­los sein, denn am an­de­ren Ta­ge sah man sie schon wie­der ganz mun­ter auf der Stras­se an sei­nem Ar­me wan­deln.

In die­ser Zeit sprach er ger­ne von sei­nen Er­leb­nis­sen im fran­zö­si­schen Krie­ge, wo­zu ich gleich be­mer­ken muss, dass er ganz kriegs­un­tüch­tig und nie­mals Sol­dat ge­we­sen war. Nur mit Mü­he konn­te er zu­wei­len ver­hin­dert wer­den, die ver­narb­te Schuss­wun­de zu zei­gen, wel­che er an sei­nem rech­ten Schen­kel tra­gen woll­te, ob­gleich sei­ne Bei­ne zu je­nen ge­hör­ten, von wel­chen die Sa­ge geht, dass sie nie­mals von ei­ner Ku­gel ge­trof­fen wer­den, da sie ver­mö­ge ih­rer krum­men Be­schaf­fen­heit sich stets an ei­nem Or­te be­fin­den, wo man sie nicht ver­mu­thet. Die An­deu­tun­gen über die Ver­wüs­tun­gen, wel­che er in Frank­reich in den Rei­hen der Män­ner und den Her­zen der Wei­ber an­ge­rich­tet hat­te, lies­sen es als ein un­sag­ba­res Glück für die­ses Land er­schei­nen, dass der­glei­chen ge­fähr­li­che Cha­rak­te­re un­ter der In­va­si­ons-Ar­mee doch nur ver­hält­nis­s­mäs­sig sel­ten ge­we­sen sind.

Schon lan­ge hat­te er sich bit­ter be­klagt über die Un­ge­rech­tig­keit in der Vert­hei­lung der Eh­ren­zei­chen, bis er ei­nes Ta­ges freu­de­strah­lend her­ein­ge­stürzt kam und ver­kün­dig­te, man ha­be ihm nach­träg­lich doch noch das ei­ser­ne Kreuz zu­ertheilt. Man hat es spä­ter frei­lich nie­mals an ihm ge­se­hen, und er hat­te es auch nicht gern, wenn man sich dar­nach er­kun­dig­te.

In Au­gen­bli­cken, wo ei­ne Ue­ber­ra­schung durch den Bu­reau-Chef nicht zu be­fürch­ten war, ar­bei­te­te er an ei­ner ab­scheu­lich ge­tusch­ten Fas­sa­de ei­ner klei­nen un­mög­li­chen Vil­la, die er we­der im Grund­riss noch in ir­gend ei­nem Schnitt dar­ge­stellt hat­te, und de­ren In­ne­res ihm wahr­schein­lich sel­ber ein düs­te­res Ge­heim­niss war. Er er­zähl­te da­zu mit gros­ser Wich­tig­keit, dass die­ses räth­sel­haf­te Wohn­ge­häu­se be­reits auf sei­nem Grund­stück in Lich­ter­fel­de im Bau be­grif­fen sei und er sei­ne Frau da­mit über­ra­schen wol­le. Dar­an knüpf­te er wei­se Be­leh­run­gen über die Spe­ku­la­ti­on mit Grund­stü­cken und rühm­te sei­ne rei­che Er­fah­rung in die­sem Fa­che, wäh­rend er doch in sei­nem Le­ben nie mehr Grund und Bo­den be­ses­sen hat­te, als den­je­ni­gen, wel­cher sich bei feuch­tem Wet­ter an sei­ne Stie­fel hing.

Zu­wei­len ward er von ei­nem mei­ner Kol­le­gen in ei­ner ab­ge­le­ge­nen Knei­pe ent­deckt, wo­selbst ihn die Leu­te mit Herr Ober­in­ge­nieur oder Bau­rath an­re­de­ten und ihn mit Ehr­furcht be­han­del­ten. Sol­che Zu­sam­men­künf­te fie­len dann meist recht be­schä­mend für ihn aus, und er pfleg­te die­se Knei­pe spä­ter zu ver­mei­den.

Zu­letzt er­eil­te ihn sein ge­wohn­tes Schick­sal und er ward ent­las­sen. Als er fort war, kam noch ein Nach­spiel in Ge­stalt ei­ner fet­ten, athem­lo­sen Frau, wel­che sich nach dem »Ober-In­ge­nieur« Hin­der­lich er­kun­dig­te. Als man ihr klar ge­macht hat­te, dass es ei­nen sol­chen nicht ge­be, son­dern nur ei­nen Zeich­ner die­ses Na­mens, der we­gen Un­brauch­bar­keit ent­las­sen sei, schnapp­te sie nach Luft und fiel in Ohn­macht. Als sie sehr bald wie­der zu sich kam, ver­kün­dig­te sie un­ter kläg­li­chem Ge­jam­mer, er sei ja nun doch Ober-In­ge­nieur ge­wor­den und hät­te die schö­ne Dienst­woh­nung und zwölf­tau­send Mark Ge­halt und er hät­te doch die Mö­bel von ihr dar­auf hin be­kom­men und hät­te doch noch kei­nen Pfen­nig be­zahlt, und nun sei das Al­les nicht wahr, und sie sei ei­ne ge­schla­ge­ne Frau.

Es muss hier­zu be­merkt wer­den, dass ei­ne Er­nen­nung Hans Hin­der­lich’s zum Ober-In­ge­nieur ohn­ge­fähr die­sel­be Be­deu­tung ge­habt ha­ben wür­de und eben­so aus­ser dem Be­rei­che der Mög­lich­keit lag, wie die Be­för­de­rung des Por­tiers im Par­la­ments­ge­bäu­de zum Reichs­kanz­ler, ja dass die­ser sein Amt in sol­chem Fal­le viel­leicht noch bes­ser aus­ge­füllt ha­ben wür­de, als je­ner.

Ich ha­be seit­dem nichts wie­der von ihm ge­hört. Nur ein­mal ging die Sa­ge, sei­ne Fa­mi­lie ha­be ihn auf ge­mein­schaft­li­che Kos­ten nach Ame­ri­ka spe­dirt, und er sei dort Me­tho­dis­ten-Pre­di­ger ge­wor­den. Da aber letz­te­re Nach­richt wahr­schein­lich von ihm sel­ber aus­geht, so ist sie mit Vor­sicht auf­zu­neh­men.

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