Gettysburg

Die Potomac-Armee erholte sich bald von den Mühen und Enttäuschungen der Kampagne von Chancellorsville, und als um Mitte Juni sich ein Gerücht verbreitete, daß Lee seinen linken Flügel nach dem Shenandoah-Tal vorgeschoben habe und abermals einen Einfall in die Nordstaaten versuchen wolle, war das ganze Heer von neuer Kampfeslust beseelt. Galt es doch die höchste Schande, eine feindliche Invasion, abzuwehren.

Am 30. Juni, auf unserem Marsch durch Maryland, hatte ich das Glück, in dem mit einer Töchterschule verbundenen Kloster St. Joseph’s College ein Obdach zu finden. Der fromme Frieden des Klosters bildete einen merkwürdigen Gegensatz, zu unserem bewegten Kriegsleben. Schon am folgenden Morgen wurde ich von einem Marschbefehl geweckt. Er lautete auf Gettysburg, und wir marschierten also, ohne es zu wissen, dem berühmtesten Schlachtfeld des ganzen Krieges entgegen.

Weder General Meade, der Nachfolger Hookers im Kommando der Potomac-Armee, noch General Lee wünschten bei Gettysburg eine Schlacht zu liefern. Lee wollte sie bei Cashtown liefern, Meade bei Pipe Creek. Beiden wurde die Schlacht an dieser Stelle durch das Rencontre einer feindlichen Requisitionstruppe mit einer Rekognoszierungsabteilung der Unsrigen aufgezwungen.

Als wir um 7 Uhr früh Emmitsburg verließen, hörten wir nur, daß das erste Armeekorps unter General Reynolds vor uns sei, und daß feindliche Truppen gegen Gettysburg heranrücken. Um 10 1/2, als meine Division gerade Horner’s Mills passiert hatte, erhielt ich Befehl von Howard, meine Truppen so schnell wie möglich vorzuschieben, da das erste Armeekorps in der Nähe von Gettysburg mit dem Feinde ins Gefecht gekommen sei. Dies überraschte uns um so mehr, als wir kein Artilleriefeuer aus der Richtung hörten. Ich kommandierte sofort Geschwindmarsch und ritt dann selbst mit meinem Stabe voran. Bald traf ich auf der Straße Flüchtlinge aus Gettysburg, angsterfüllte Männer, Frauen und Kinder. Besonders erinnere ich mich einer Frau in mittleren Jahren, die einen schweren Packen auf dem Rücken trug und ein kleines Kind an der Hand fortzerrte. Sie versuchte, mich aufzuhalten, indem sie mir laut entgegenrief:

»In Gettysburg sieht es schlimm aus! Überall Mord und Brand! Was soll daraus werden!«

Artilleriefeuer hörte ich jedoch erst, als ich auf einem Höhenzuge vor der Stadt anlangte.

Gegen 11 1/2 Uhr traf ich General Howard auf einer Anhöhe östlich des Friedhofes von Gettysburg. Wir konnten von hier das behaglich zu unseren Füßen hingelagerte, einige tausend Einwohner zählende Städtchen übersehen, hinter dem sich eine weite Ebene dehnte. Unser hoher Punkt, Cemetery Hill, befand sich am nördlichen Ende eines Höhenzuges, der südlich in zwei steilen, zum Teil bewaldeten Felsenkuppen, die sogenannten Round Tops, auslief. Rechts von uns, in einer halben Meile Entfernung, lag ein dichtbewaldeter Berg namens Culp’s Hill. Unserer Linken gegenüber zog sich in etwa einer Meile Entfernung parallel mit unserem Höhenzuge, Cemetery Ridge, eine Hügelkette entlang, die wegen der lutherischen Seminargebäude auf ihrem Kamme, Seminary Ridge, genannt wurde. Die ganze lachende Au, wo sonst der genügsame Bauer zu säen und zu ernten pflegte, atmete Frieden und Wohlergehen.

Wir beobachteten die langen Linien und hier und dort die kleinen weißen Rauchwölkchen auf den Seminary-Höhen und in der Ebene und horchten auf das Geschütz- und Infanteriefeuer, welches ein Vorrücken unseres ersten, etwa 8000 Mann starken Armeekorps anzeigte. Die Truppen selbst konnten wir kaum sehen. Ich erinnere mich, wie gering mir diese Affäre aus der Entfernung in dem weiten Gelände erschien. Nur zu bald sollten wir jedoch ihre furchtbare Bedeutung erkennen. Die Leiche General Reynolds, des Kommandeurs des ersten Armeekorps wurde vom Felde getragen. Er hatte sich zu weit vor gewagt, und die Kugel eines südländischen Scharfschützen hatte ihn getroffen. So begann die Schlacht für uns mit einem großen Verlust, denn Reynolds war als tüchtiger Offizier allgemein beliebt, und es war die Meinung vieler, daß er an die Spitze der Potomac-Armee hätte gestellt werden müssen. Nach seinem Tode fiel der Oberbefehl an Howard, das Kommando des ersten Armeekorps an General Doubleday und das des elften Armeekorps an mich.

Die allgemeine Lage war sehr unsicher, da wir von der Stärke des Feindes wenig erkennen konnten. War sie gering, so mußten wir ihn so weit zurückdrängen, als es General Meade tunlich erschien; brachte er jedoch sein ganzes Heer oder einen großen Teil desselben uns entgegen, so mußten wir eine starke Stellung suchen, in der wir uns halten konnten, bis wir entsetzt oder zurückkommandiert wurden. Diese Stellung war leicht zu finden; es war Cemetery Hill, der Hügel, auf dem wir jetzt standen, und der eine so wichtige Rolle in der bevorstehenden Schlacht spielen sollte. General Howard befahl mir, die erste und dritte Division des elften Armeekorps durch die Stadt zu führen und sie rechts vom ersten Armeekorps aufzustellen; er selbst wolle inzwischen die zweite Division unter Steinwehr nebst etwas Artillerie auf Cemetery Hill und dem östlich davon gelegenen Hügel als Reserve zurückhalten.

Gegen halb ein Uhr trafen die ersten Abteilungen des elften Armeekorps ein. Da es sehr heiß war, und die Leute viele Meilen im Geschwindmarsch zurückgelegt hatten, trieften sie von Schweiß und rangen nach Atem. Trotzdem wurden sie möglichst eilig durch die Stadt getrieben und fanden zur Rechten des ersten Armeekorps Aufstellung, allerdings nicht, wie erst beabsichtigt war, einfach als Verlängerung der Linie des ersten Armeekorps, sondern im rechten Winkel zu diesem, weil inzwischen feindliche Truppen vor unserem rechten Flügel eingetroffen waren. Schimmelpfennig, der provisorisch die dritte Division kommandierte, schloß, so gut er konnte, seine Linke an das erste Armeekorps, und General Francis Barlow, der die erste Division führte, nahm an seiner Rechten Stellung. Barlow war ein sehr junger Mann, dessen bartloses Antlitz ihn noch jünger erscheinen ließ. Seine Leute wunderten sich erst darüber, daß ein solcher Knabe sie kommandieren sollte; aber bald entdeckten sie, daß er auf strenge Disziplin hielt und im Felde einer der besonnensten und tapfersten Anführer war.

Kaum hatten meine beiden Divisionen nördlich von Gettysburg Stellung genommen, als der Charakter des bevorstehenden Gefechts sich wesentlich veränderte. Bis dahin hatte das erste Armeekorps eine verhältnismäßig kleine feindliche Macht vor sich hergetrieben und viele Gefangene gemacht, u. a. den feindlichen General Archer mit seiner ganzen Brigade. Meine Linie war ebenfalls im Vormarsch, erhielt dann aber einen Befehl von General Howard, Halt zu machen und nur eine starke Vorpostenkette vorzuschieben Diese machten ebenfalls viele Gefangenen. Aber nun begann der Feind größere Stärke und Ausdauer zu zeigen. Seinen auf einem gegenüberliegenden Hügel aufgepflanzten Batterien antworteten diejenigen unseres Hauptmanns Dilger sehr prompt, und durch unsere Feldstecher sahen wir ihn vier Geschütze nehmen und zwei feindliche Regimenter vertreiben. Inzwischen nahm das Infanteriefeuer rechts und links von uns zu. Augenscheinlich war die feindliche Linie sehr verstärkt worden und rückte immer kräftiger vor, wie ich von einem nahen Hausdache beobachten konnte.

Ich hatte General Barlow befohlen, seinen rechten Flügel zurückzuhalten, um gegen eine eventuelle Flankenbewegung des Feindes Truppen in Bereitschaft zu haben. Jetzt bemerkte ich aber, daß Barlow entweder meinen Befehl mißverstanden, oder daß er ihn im Eifer des Gefechtes vergessen hatte, denn er war mit seiner ganzen Linie vorgegangen und hatte den Zusammenhang mit der linksstehenden dritten Division ganz verloren. Zugleich sah ich aus den Wäldern zu meiner Rechten eine feindliche Batterie nach der andern und ein feindliches Regiment nach dem andern hervorkommen, welche meinen rechten Flügel zu umgehen und mich von der Stadt und der Stellung auf Cemetery Hill abzuschneiden drohten.

Ich befahl sofort, die dritte Division solle ihre Verbindung mit der ersten wiederherstellen, obgleich dadurch unsere schon allzu dünne Linie noch dünner wurde, und sandte schleunigst nacheinander mehrere Stabsoffiziere zu Howard mit der dringenden Bitte um Unterstützung gegen die bevorstehende feindliche Flankenbewegung. Unsere Lage wurde sehr kritisch. Soweit wir sehen und aus den Erzählungen der Gefangenen entnehmen konnten, rückten mindestens zwei feindliche Armeekorps, d. h. 40000 Mann, uns entgegen. Hiervon standen im Augenblick mindestens 30000 unseren 17000 gegenüber, und in der Zahl der Unsrigen waren Howards zwei Reservebrigaden mitgerechnet, die bereits erlittenen Verluste aber nicht. Wir konnten kaum hoffen, lange gegen eine solche Übermacht standzuhalten; es lag sogar die Gefahr vor, daß, wenn wir uns zu lange hielten, der Feind unseren rechten Flügel umgehen und Gettysburg einnehmen würde. Und durch diese Stadt mußte eventuell unser Rückzug zur Defensivstellung auf Cemetery Hill bewerkstelligt werden. Deshalb lag mir so daran, daß eine der Reservebrigaden am Eingang der Stadt aufgestellt würde, um der Flankenbewegung des Feindes eventuell zu begegnen.

Ehe die Brigade anlangte, ging jedoch der Feind zu einem stürmischen Angriff auf der ganzen Linie über. Gilsas kleine Brigade mußte in ihrer exponierten Stellung den ersten wütenden Ansturm erdulden und wurde davon schier erdrückt. General Barlow, der seiner Gewohnheit gemäß im dichtesten Getümmel gewesen war, wurde – wie früher schon öfter – schwer verwundet und mußte dem Kommandeur der zweiten Brigade General Adalbert Ames die Führung der Division überlassen. Diese Brigade ertrug standhaft ein heftiges Feuer zweier feindlicher, auf der Harrisburger Straße postierter Batterien, wurde aber endlich zurückgedrängt.

Gegen vier Uhr wurde der feindliche Angriff auf der ganzen Linie noch heftiger. Auf dem offenen Gelände stand Regiment gegen Regiment; die Leute konnten sich in die Augen sehen und feuerten sich buchstäblich ins Gesicht. Das Gemetzel war auf beiden Seiten furchtbar. Plötzlich hörten wir, daß der rechte Flügel des ersten Armeekorps, der den ganzen Tag heldenhaft gekämpft hatte, zurückgedrängt worden war, und General Doubleday schickte mir einen Adjutanten mit der Bitte um ein paar Regimenter Hilfstruppen. Ich konnte leider keinen einzigen Mann entbehren, sondern sehnte mich selbst nach Verstärkungen, denn gleichzeitig erhielt ich Kunde, daß meine dritte Division umgangen war, und zwar gerade an der Stelle, wo sie sich mit der ersten unter Doubleday vereinigen sollte. Ein paar Minuten später, während dies Blutbad noch fortdauerte, erhielt ich von Howard den Befehl, mich nach der Südseite der Stadt zurückzuziehen und eine Stellung auf Cemetery Hill einzunehmen.

Während ich mit Hilfe meiner Stabsoffiziere mein Möglichstes tat, die Truppen der ersten Division zum Stehen zu bringen, gegen den Feind zu formieren und die Vorstädte von Gettysburg zu halten, traf die Reservebrigade, um die ich so dringend gebeten hatte, ein. Zu dem Angriff, den ich zum Entsatz meines rechten Flügels zu machen gedachte, kam sie zu spät; ich führte sie also zur Stadt hinaus und befahl, daß sie ihre Aufstellung in der Nähe des Bahnhofs nehmen sollte, dem sich der Feind mit unheimlicher Schnelligkeit näherte. Dort hielt die von einer Batterie unterstützte Brigade den Feind so lange auf, bis die erste Division glücklich in die Stadt eingerückt war.

Ein Ferngefecht abzubrechen ist leicht; schwierig und heikel ist die Sache bei einem Nahgefecht. Die dritte Division war noch immer in ihren mörderischen Kampf verwickelt, als sie aber Befehl zum Rückzug erhielt, vollführte sie ihn in bester Ordnung; unter tapferstem Weiterkämpfen zog sie sich Schritt vor Schritt in die Stadt zurück. In meinem offiziellen Bericht sagte ich darüber: »In diesem Teil des Treffens, welches fast ein Handgemenge genannt werden konnte, bewiesen Offiziere und Mannschaften die größte Tapferkeit und Standhaftigkeit. Unsere Verluste waren erheblich. Die zweite Brigade der dritten Division verlor ihre sämtlichen Regimentskommandeure, in verschiedenen Regimentern waren fast die Hälfte der Mannschaften tot und verwundet.« Unter den tödlich Verwundeten, die an mir vorbeigetragen wurden, befand sich auch Oberst Mahler (75. Pennsylvania-Regiment), der im Revolutionsjahre 1849 in der Festung Rastatt mein Kamerad gewesen war. Hier auf dem blutigen Schlachtfelde von Gettysburg reichte er, dem der Tod auf dem Antlitz geschrieben stand, mir die Hand zum letzten Abschied.

Ich selbst kam unversehrt aus der Schlucht, aber mein Pferd hatte eine Kugel in den Hals bekommen.

Von Kriegsberichterstattern der Südstaaten ist behauptet worden, daß die Unionstruppen am ersten Tage von Gettysburg vollständig in die Flucht geschlagen und in völliger Auflösung in der Stadt eingetroffen seien. Dem ist aber nicht so. Zwar drängten viele Flüchtlinge ohne alle Ordnung zurück, wie das immer während und nach einer großen Schlacht der Fall ist; auch soll nicht in Abrede gestellt werden, daß tatsächlich ein Rückzug stattfand, aber von völliger Auflösung konnte keine Rede sein. Der Rückzug durch die Stadt wurde dadurch, daß die Straßen von Munitionswagen und allerlei sonstigem Fuhrwerk arg versperrt waren, sehr erschwert und geriet streckenweise ein wenig in Unordnung, auch waren Mannschaften des ersten und des dritten Armeekorps in der Stadt durcheinander geraten, und viele Offiziere und Soldaten, u. a. mein ehemaliger Lehrer der Kriegskunst in Deutschland; General Schimmelpfennig wurden im Gewinkel der Straßen und Sackgassen verstrickt und einige wurden von den nachstürmenden Feinden gefangen genommen. Aber Tatsache ist, daß unsere Truppen, in welcher Art sie auch aus der Stadt herauskamen, sofort reorganisiert wurden, sich um die Fahne ihres betreffenden Regimentes scharten und ebenso kampfbereit waren wie vorher, wenngleich ihre Reihen von den furchtbaren Verlusten des Tages sehr gelichtet waren.

Als wir von Gettysburg auf Cemetery Hill hinaufstiegen, begegnete uns General Hancock, den General Meade hergesandt hatte, um den Oberbefehl zu übernehmen. Daß sein Erscheinen mit diesem Auftrage Howard empfindlich verletzte, war begreiflich, da er nicht umhin konnte, darin einen Ausdruck des Mißtrauens seitens General Meades zu erblicken. Er hätte diesen Schlag noch mehr empfunden, wenn er gewußt hätte, wie wenig Vertrauen nicht nur sein Vorgesetzter, sondern auch seine Kameraden und Untergebenen ihm entgegenbrachten. Deshalb war das Erscheinen Hancocks vor der Front ein sehr glückliches Ereignis. Alle kannten ihn, und seine kräftige Gestalt, seine stolze Miene und seine stramme militärische Haltung schienen alles zu bestätigen, was die Fama von ihm verkündigte. Seine bloße Gegenwart war schon eine Verstärkung; jeder fühlte mehr Zuversicht, seit er da war. Dieses neugewonnene Selbstvertrauen hätte gleich eine sehr wichtige Probe bestehen können, wenn der Feind den neuen Angriff ausgeführt hätte, dessen wir gewärtig waren. In der Vorbereitung auf ihn arbeitete Howard trotz der schmerzlich empfundenen Zurücksetzung in größter Loyalität mit Hancock zusammen. Die Schlachtlinie war bald formiert. Batterien wurden aufgepflanzt und, wo es nötig war, Schanzen aufgeworfen. Als alles fertig war, gesellte ich mich zu Hancock der auf einer niedrigen Mauer auf dem Gipfel des Hügels saß. Von dort aus beobachteten wir durch unsere Feldstecher in dem Gelände nördlich und westlich von Gettysburg die Bewegungen der feindlichen Batterien und Infanteriekolonnen deren Zweck wir nicht recht verstanden. Ich schäme mich nicht, zu gestehen, daß ich unruhig war. Wir hatten allerdings eine starke Stellung inne, aber unsere Infanterielinie erschien nach den Verlusten des Tages traurig dünn. Für mein Selbstbewußtsein war es tröstlich, wenn auch leider nicht für unsere ganze Lage, als Hancock zugab, daß auch er unruhig sei. Freilich meinte er, daß wir bei der günstigen Stellung unserer Artillerie uns wohl halten könnten, bis das nur unsern hinter uns befindliche zwölfte Armeekorps herangekommen sei. Wir beobachteten also gespannt die weiteren Bewegungen des Feindes und erkannten allmählich zu unserer großen Befriedigung, daß es immer weniger nach einer Formierung zum sofortigen Angriff aussah. Wir wurden mit jeder Minute ruhiger, denn mit jeder Minute neigte sich der Tag seinem Ende zu und näherten sich unsere Hilfstruppen. Bei Sonnenuntergang war denn auch das zwölfte Armeekorps eingetroffen und das dritte ganz in der Nähe.

Ein Bild von eigenartigem malerischen Reize ist mir aus jenem Abend in der Erinnerung geblieben. Es war im Torhause des Gettysburger Friedhofs. Mitten im Zimmer stand als Tisch ein leeres Faß und darauf als einzige Beleuchtung, in eine Flasche gesteckt, eine Talgkerze. Mehrere Generäle saßen teils auf Kisten, teils auf dem Fußboden umher, lauschten den Erzählungen derjenigen, die heute im Gefecht gewesen waren, kritisierten und erörterten, was hätte gemacht werden können, und kamen endlich alle in der Hoffnung überein, daß Meade sich entschließen würde, die morgige Schlacht an der Stelle zu liefern, wo wir jetzt standen. Es war jedoch nichts besonders Feierliches in der Art, wie wir uns »Gute Nacht« sagten; es war vielmehr der allabendliche, herkömmliche Gruß.

Wir vom elften Armeekorps, die wir den Friedhof besetzt hielten, legten uns, Offiziere wie Mannschaften, in unsere Mäntel gehüllt auf die Grabsteine. Tiefe Stille herrschte auf dem Gottesacker, nur hier und da hörte man das regelmäßige Atmen eines Schlafenden oder den leisen Hufschlag eines Pferdes und überall in der Ferne ein dumpfes geheimnisvolles Grollen.

Die Sonne des 2. Juli ging strahlend auf über den beiden zur Schlacht geordneten Heeren, von denen freilich keins ganz bereit war. Daß die Konföderierten es jedoch mehr waren als wir, erkannten wir bald und konnten auch annähernd ihre Stellungen und ihre Stärke abschätzen. Es ging ein – allerdings falsches – Gerücht, daß Lees Heer ebenso stark sei wie unser eigenes. Wir konnten also annehmen, daß der Feind zum Angriff bereit sei, und wir wußten, daß wir noch nicht bereit waren, den Angriff wirksam abzuschlagen. Ein Trost war freilich, daß Lee, anstatt wie er gewünscht und geplant hatte, eine defensive Schlacht zu liefern, jetzt die Offensive gegen unsere sehr starke Stellung ergreifen mußte. Doch hofften wir sehnlichst, daß sein Angriff nicht für unsere Verhältnisse unbequem früh erfolgen würde, und mit banger Erwartung beobachteten wir die dichten Kolonnen der unsrigen, die sich im Geschwindschritt näherten und in die ihnen angewiesenen Stellungen schwenkten. Es war, wenn ich mich recht erinnere, etwa 8 Uhr morgens, als Meade in aller Ruhe auf dem Friedhofe erschien. Er war zu Pferde und nur von einem Stabsoffizier und einer Ordonnanz begleitet. Sein hageres, bärtiges, von seinem breitrandigen, schwarzen Militärfilzhut beschattetes Antlitz, war müde und sorgenvoll, als ob er die Nacht nicht geschlafen habe. Die Brille verlieh ihm etwas Gelehrtenhaftes, und es war in seiner ganzen Erscheinung und Haltung nichts, was Begeisterung bei den Leuten hervorrufen konnte, kein herzerwärmendes Lächeln oder teilnehmendes Wort. Er war schlicht, ohne alle Pose. Sein Geist war offenbar ganz von einem schwierigen Problem erfüllt. Aber dieser kühle geschäftsmäßige Soldat flößte das unbedingteste Vertrauen ein. Offiziere und Mannschaften umringten ihn, wo sie konnten, betrachteten ihn neugierig und waren offenbar still befriedigt.

Mit raschem, scharfem Blick prüfte er unsere Stellung, die sich bekanntlich wie ein riesiger Angelhaken um die Hügel und die Stadt wand, und nickte anscheinend befriedigt. Nach der üblichen Begrüßung fragte ich ihn, wieviel Mann er hier im Felde habe. Seiner Antwort erinnere ich mich gut; sie lautete:

»Im Laufe des Tages hoffe ich, etwa 95000 zur Verfügung zu haben; das sind, denk’ ich, für diese Sache genügend.« Dann blickte er nochmals überall umher und fügte wie im Selbstgespräch hinzu: »Na, wir können die Sache ebensogut hier ausfechten als anderswo.« Darauf ritt er ruhig davon.

Longstreets Korps eröffnete die Schlacht mit lebhaftem Geschützfeuer, das, wie die über unseren Häuptern dahinpfeifenden Geschosse uns erkennen ließen, zum Teil auf Cemetery Hill gerichtet war. Unsere Batterien antworteten ebenfalls mit lebhaftem Feuer. Dann hörten wir zur Linken verwirrte Geräusche, prasselndes Gewehrfeuer, immer schneller und heftiger donnernde Artilleriesalven und hin und wieder ein fernes Echo des Unionshurra oder des »rebel yell«. Ein kleiner Bergvorsprung des Cemetery Ridge schnitt uns die Aussicht auf das, was sich links von uns zutrug, ab; wir konnten nur weiße Rauchwolken aufsteigen sehen, aber nicht beurteilen, wer im Vorteil war. Blickten wir jedoch zurück, so konnten wir beobachten, wie ein Regiment nach dem andern von unserem rechten Flügel detachiert und so geschwind wie möglich als Verstärkung nach links bewegt wurde. Das Feuer wurde von Minute zu Minute wütender, und gegen 6 1/2 Uhr nachmittags schien der Lärm der Schlacht anzudeuten, daß unsere Linie zurückwich. Einen Augenblick später kam mein Artilleriehauptmann Dilger in höchster Aufregung den Hügel heraufgaloppiert und meldete, daß der Feind unser drittes Armeekorps Peach Orchard genannten Obstgarten ganz überwältigt und, in Verfolgung unserer fliehenden Truppen, unser linkes Zentrum durchbrochen habe, daß jetzt feindliche Infanteriegeschosse in unsere Munitionswagen fielen, und daß, wenn die Konföderierten nicht sofort zurückgeschlagen würden, sie uns in einer halben Stunde im Rücken angreifen und uns gefangen nehmen würden. Es war ein banger Augenblick. Glücklicherweise dauerte er nicht lange. Laute und wiederholtes Hurrarufe von Unionstruppen am linken Flügel bewiesen uns, daß zur rechten Zeit Unterstützung angelangt war und die feindliche Welle zurückgedrängt hatte. Meade hatte jeden Vorteil ausgenutzt, um schnell, wie der Augenblick es verlangte, Truppen von einer Stelle an die andere zu werfen, und es war ihm auf diese Weise gelungen, dem Angriff des Feindes mit Übermacht zu begegnen. Als der Abend anbrach, wurde das Gefecht zu unserer Linken allmählich still, und wir hörten, daß, wenn der Feind auch etwas Terrain gewonnen hatte, wir dafür eine feste Stellung auf den Round Tops errungen hatten, und daß unsere Linie von dort bis Cemetery Hill im wesentlichen wiederhergestellt sei.

Die Gefahren des Tages waren jedoch noch nicht vorüber. Es war schon dunkel, als wir plötzlich durch lautes Geräusch und Unruhe in Wiedrichs und Ricketts Batterien erschreckt wurden, die auf einem beherrschenden Punkt des Cemetery Hill aufgestellt waren. General Howard und ich standen gerade zusammen, als der Lärm losbrach. Über seine Bedeutung konnte kein Zweifel sein. Der Feind griff unsere Batterien zur Rechten an, und wenn er sie nahm, so würde er einen großen Teil unserer Linie sowohl nach Süden als nach Osten bestreichen und das Tal in der Richtung nach Culp’s Hill beherrschen, wo unser Munitionspark stand. Das Schicksal der ganzen Schlacht konnte an der Abwehr dieses Angriffs hängen. Auf höheren Befehl zu warten,. war keine Zeit. Mit Howards Zustimmung nahm ich die beiden mir nächsten Regimenter und befahl ihnen Bajonette aufzupflanzen. Von Oberst Krzyzanowski geführt eilten sie dann im Geschwindschritt an den bedrohten Punkt. Ich begleitete sie mit meinem ganzen Stabe. Bald befanden wir uns in einem wilden Strom von Flüchtlingen und taten auf dem Wege unser Möglichstes sie mit dem Schwert in der Hand zurückzutreiben. Bei den Batterien angelangt, fanden wir ein unbeschreibliches Durcheinander. Konföderierte Infanterie hatte unsere Schanzen erklommen, und die Leute waren im Begriff, unsere Kanonen zu nehmen. Aber die Kanoniere verteidigten sich ganz verzweifelt und schlugen die Eindringlinge mit Rammen, Ladestöcken, Knütteln und Steinen nieder. Wiedrichs ganz aus Deutschen bestehende Batterie wurde gerade von einem jungen Rebellenoffizier gestürmt, er schwang sein Schwert und rief laut: »this battery is ours!« Darauf entgegnete ein stämmiger deutscher Artillerist: »Na, dis battery is unser!« und schlug ihn mit einer Wischerstange zu Boden. Unsere Infanterie stürzte sich nun auf die Eindringlinge und nach kurzem, lebhaftem Handgemenge wurden diese den Abhang hinabgedrängt.

Zur Rechten hatte unsere Linie noch rechtzeitig Unterstützung aus dem zweiten Armeekorps erhalten; es war auch dort gelungen, die Angreifenden unter Schnellfeuer zurückzuschlagen, und die gefährliche Krisis war glücklich überstanden. In meinem offiziellen Bericht konnte ich mit gerechtem Stolz die Haltung meiner Offiziere und Mannschaften in der Gefahr rühmen.

Das Ergebnis des zweiten Schlachttages war für keine Partei besonders befriedigend. Wie bereits erwähnt, hatten die Konföderierten wohl etwas Terrain gewonnen, waren aber mehrmals zurückgeschlagen und mußten erkennen, daß es sehr schwer sein würde, die Unionslinie wirksam zu durchbrechen. Wir hatten Terrain verloren, unsere Stellung hingegen war, besonders auf den Round Tops, viel stärker geworden. Beide Heere hatten gewaltige Verluste an Toten, Verwundeten und Gefangenen aufzuweisen, und wie später verlautete, hatte jeder der beiderseitigen Befehlshaber nur den Wunsch, glücklich aus dieser Patsche heraus zu sein, und keiner konnte einen anderen Ausweg sehen, als fortzufahren, wie begonnen war. Auch der Kriegsrat der Korpskommandeure, den General Meade sind derselben Nacht abhielt, kam einstimmig zu demselben Ergebnis.

Am 3. Juli weckte uns bei Sonnenaufgang heftig knatterndes Gewehrfeuer in den Wäldern auf Culp’s Hill. Dadurch, daß am Tage vorher mehrere Brigaden von unserem rechten Flügel zur Hilfeleistung beim linken abkommandiert waren, war es dem Feinde möglich geworden, mehrere der von dem 12. Korps verlassenen Schanzen zu besetzen. Meade war der Ansicht, daß es zur Sicherheit unseres rechten Flügels nötig sei, sie wieder zu nehmen, und das 12, Korps machte sich mit lobenswertem Eifer daran. Gegen 1/2 11 Uhr hörte das Feuer auf, und es wurde gemeldet, daß dem 12. Korps sein Unternehmen nach sechsstündigem hartnäckigem Kampfe geglückt sei.

Dann trat jene eigentümliche vollständige Stille ein, von der die meisten Schilderungen der Schlacht von Gettysburg zu erzählen wissen. Eine kurze Unterbrechung der Schlacht hätte niemanden überrascht, aber hier dehnte sich das Schweigen von Minute zu Minute und von Stunde zu Stunde. Endlich herrschte friedliche Ruhe wie an einem schönen, warmen Sommertage, wo Kirchenglockengeläut von fern herüberschallt. Und da empfanden wir allesamt die langen Stunden tiefster Stille, die einen so scharfen Gegensatz mit dem vorhergegangenen und dem gewiß noch bevorstehenden blutigen Ringen bildete, als etwas Unheimliches, Unheildrohendes. Sogar die sorglos-heiteren Soldaten, die kaum die kürzeste Pause in einer Schlacht ohne Witz und Scherz verstreichen lassen, fühlten sich diesmal bedrückt. Einige saßen am Boden und kauten langsam ihren Zwieback, andere hatten sich zum Schlaf ausgestreckt, den sie bei Kanonendonner leichter gefunden hätten als in dieser beängstigenden Stille. Die Offiziere standen in Gruppen umher und fragten sich mit besorgter Miene, was wohl diese Stille bedeuten könne.

Plötzlich wurde das Rätsel gelöst. Gegen 1 Uhr brach der Donner von zwei Geschützen auf dem feindlichen rechten Flügel, wo Longstreets Korps stand, los und auf dieses Signal hin gaben sämtliche Batterien der Konföderierten – etwa 130 Geschütze –, die auf Cemetery Hill und die Round Tops gerichtet werden konnten, Feuer. Sofort erwiderten etwa 80 unserer Geschütze auf die Herausforderung, und es entspann sich eins der großartigsten Artillerieduelle, welche die Kriegsgeschichte kennt. Alles, was ich je in Schlachtschilderungen über das Donnern der Geschütze, das den Himmelsdonner übertönte, vom Beben der Erde und dem Schwingen der Luft gelesen hatte, hier wurde es grause Wirklichkeit. Der Donner war so andauernd und so betäubend, daß ich meine Befehle durch die hohle Hand meinen Offizieren ins Ohr schreien mußte. Glücklicherweise zielte der Feind etwas zu hoch, und die meisten seiner Geschosse gingen über unsere Köpfe weg, aber sie vereinigten ihren teuflischen, pfeifenden, zischenden, gellenden Ton im Vorübersausen mit dem Krachen derjenigen, die auf dem Friedhof platzten, Tod und Verwüstung um sich verbreiteten, Grabsteine zerschmetterten und Munitionskasten in die Luft sprengten. Würden unsere Leute in dieser harten Probe standhalten? fragte ich mich. Die schwerste Prüfung für den Soldaten ist es, mutig und standhaft im Feuer zu verharren, das er nicht erwidern kann, besonders wenn es Artilleriefeuer ist. Dieses ist freilich nicht so gefährlich wie Kleingewehrfeuer, aber es ist nervenerschütternder und erweckt in der Brust des Tapfersten das nicht unnatürliche Verlangen, sich in Sicherheit zu bringen. Selbstverständlich befahlen wir den Leuten, sich auf die Erde zu legen, um möglichst wenig Zielpunkte für den Feind abzugeben, aber als ich die beunruhigende Wirkung bemerkte, die ein splitterndes Geschoß in einem dichtgedrängt liegenden Regiment hervorbrachte, hielt ich es für meine Pflicht, meinerseits aufzustehen und mich darum zu kümmern. Als ich dann wahrnahm, welch beruhigende Wirkung dies auf die Leute hatte, ging ich ruhig vor der Front auf und. ab und rauchte eine Zigarre. Wegen des fortwährenden Kanonendonners konnte ich mit den Leuten kein Wort reden, aber ich merkte doch, daß einzelne mein ermutigendes Lächeln mit einem vertrauensvollen Blick erwiderten, als wollten sie sagen: »Gemütlich ist’s ja nicht gerade, aber wir beiden wollen nicht bange sein.«

Nein gewiß, gemütlich war’s nicht. Mir schienen die feindlichen Geschosse so dicht über meinem Kopfe hinzupfeifen, daß ich sie mit ausgestreckter Reitpeitsche hätte berühren können. Da ich aber die vortreffliche Wirkung meiner Promenade auf die Leute wahrnahm, machte ich einigen meiner Offiziere ein Zeichen, daran teilzunehmen. Sie gehorchten sofort, obgleich ihnen sicherlich dabei ebenso ungemütlich zu Sinne war wie mir.

Mehr als eine Stunde hatte das wütende Bombardement gedauert, als General Hunt, der treffliche Artilleriechef der Potomac-Armee den Befehl gab, daß eine Batterie nach der andern das Feuer einstellen solle. Es sollte damit nicht nur Munition gespart, sondern auch beim Feinde der Anschein erweckt werden, als ob unsere Artillerie so stark gelitten habe, daß sie einem kräftigen Angriff keinen nennenswerten Widerstand mehr entgegensetzen könne. Tatsächlich hatten wir von dem mörderischen Feuer des Feindes wenig gelitten. Ein paar Geschütze waren kampfunfähig, konnten aber leicht ersetzt werden, ein paar Munitionskasten waren gesprengt, aber wir hatten noch Vorrat an Geschossen, die Zahl der Toten und Verwundeten war überraschend klein, und von Schrecken und Demoralisation, die der Feind zweifelsohne hervorzubringen gedacht hatte, war keine Rede.

Der Feind schien freilich an unsere völlige Erschöpfung zu glauben. Im Verhältnis wie unsere Batterien verstummten, schwiegen auch seine. Und dann ereignete sich der berühmte Vorfall, wegen dessen die Schlacht bei Gettysburg die dramatischste des ganzen Bürgerkrieges genannt werden darf und sich der Vorstellung derjenigen nähert, die niemals eine Schlacht gesehen haben. Ich will davon nur das beschreiben, was ich von Cemetery Hill aus beobachtete.

Aus den unserem linken Zentrum gegenüberliegenden Wäldern kamen nach und nach drei lange Linien Infanterie der Konföderiertem etwa 15 000 Mann, hervor. Sie waren tadellos gerichtet, berittene Offiziere führten sie, die Fahnen flatterten lustig im Winde, die Bajonette glitzerten im Sonnenschein. Das Schauspiel ist oft mit Recht einer großen Festtagsparade verglichen worden. Diese Truppen hatten jedoch kaum ein Zehntel der Entfernung, die sie von unserer Verteidigungslinie trennte, zurückgelegt, als sie in ihrer Annahme, unsere Artillerie sei nahezu kampfunfähig, bitter enttäuscht wurden. Kaum hatten sie nämlich das offene Gelände erreicht, als sie von allen Seiten mit mörderischem Feuer empfangen wurden. Durch unsere Feldstecher konnten wir deutlich sehen, wie Lücken in ihre Reihen gerissen wurden und die Erde mit schwarzen Punkten ihren Toten und Verwundeten dicht besät ward. Unsere Leute riefen manchmal Hurra, wenn sie sahen, wie unsere Geschosse Tod und Verwüstung um sich verbreiteten, aber die tapferen Gegner füllten schnell alle Lücken aus den hinteren Reihen und setzten ihren Vormarsch unentwegt fort. Die Artillerie hinter ihnen versuchte, indem sie über die eigene Infanterie weg auf unsere Batterien feuerte, diese zum Schweigen zu bringen, oder das Feuer auf sich abzulenken. Vergebens! Unsere Geschütze veränderten das Ziel nicht, und die Zahl der schwarzen Punkte auf dem Felde wuchs mit jeder Minute in erschreckender Weise. Bis dahin war von unserer Infanterie hinter den schützenden Steinwällen noch kein einziges Gewehr abgefeuert. Wir verloren die Angreifenden einen Augenblick in einer Terrainfalte aus den Augen, aber als wir sie wieder erblicken, marschierten sie mit unerschüttertem Mut und beschleunigtem Schritt zum letzten Angriff vor. Da empfing sie ein solch donnerndes Geschützfeuer und eine solche prasselnde Kleingewehrsalve, daß es schien, als müßte alles davon weggefegt werden. Die anstürmenden Truppen jedoch, obgleich arg dezimiert und in etwas gelockerter Ordnung, eilten mit grimmer Entschlossenheit vorwärts. Dann verloren wir sie wieder aus den Augen. Inzwischen rückte eine feindliche Macht von etwa zwei oder drei Brigaden zur Unterstützung des Hauptangriffs gegen unsere Stellung auf Cemetery Hill vor. Wir hatten etwa dreißig Geschütze in unserer Front; sie erhielten Befehl, mit Kartätschen zu laden und das Feuer zu eröffnen, wenn sich der Feind auf etwa vierhundert Meter genähert hätte. Als dann »Feuer!« kommandiert wurde, der Rauch nach ein paar schnellen Salven allmählich sich verzogen hatte, sahen wir vom Feinde nur noch die Rücken der Fliehenden und am Boden zahlreiche Tote und Verwundete. Unsere Schützen eilten vorwärts, trieben die Flüchtlinge vor sich her und nahmen viele gefangen.

Der Kampf zu unserer Linken, den wir von unserem Standpunkte aus nicht sehen konnten, tobte inzwischen weiter. Wir hörten nur ein wildes Getöse, stets aus derselben Richtung. Gelang es etwa dem Feinde, unsere Linie zu durchbrechen? In ängstlicher Sorge wandten wir den Blick auf das Tal hinter uns. Wir sahen dort keine Flüchtlinge aus unseren Reihen, sondern nur Truppenkolonnen, die dem entscheidenden Punkte zueilten. Das war sehr beruhigend Endlich sahen wir, uns wieder zurückwendend, auf dem offenen Felde, von dem her der Angriff erfolgt war, erst einige Soldaten, dann mehr und endlich ganze Truppenverbände ohne alle Ordnung den Weg zurück eilen, den sie gekommen waren, eifrig verfolgt von Schwärmen blaugekleideter Schützen aus unserer Front, die feuerten und Gefangene machten. Dieser Anblick konnte nur eine Bedeutung haben: der große Angriff war total fehlgeschlagen. Die herrlichen Kolonnen, die so stolz auf uns zu marschiert waren, waren nicht nur geschlagen, sondern fast gänzlich vernichtet. Erleichtert atmeten wir auf. Dann brach lautes Hurra aus den Reihen der Unionstruppen hervor, und hier und da stimmten die Leute das Lied »John Brown’s Soul« an. Unheimlich erschallte der Gesang über das Schlachtfeld.

Die allgemeine Empfindung in unseren Reihen war, daß der Sieg durch ein promptes Verfolgen des Feindes voll ausgebeutet werden müßte, und ich glaube, die Soldaten trafen instinktmäßig das Richtige. Unser Reservearmeekorps, das Fünfte, war sehr stark und ganz unversehrt, und kaum eins der anderen Korps hatte so gelitten, daß es kampfunfähig gewesen wäre. Die Soldaten waren voll Begeisterung über das große Ereignis des Tages. Ein Marschbefehl schien das Natürlichste zu sein; einige der Leute wünschten ihn sogar laut herbei. Aber er kam nicht. Unsere Schützen verfolgten den fliehenden Feind eine Strecke und kehrten mit ihren Gefangenen zurück, ohne die feindlichen Stellungen angetastet zu haben. Dann galoppierten noch ein paar Batterien feindlicher Feldartillerie aus dem Walde hervor, protzten ab, feuerten ein paar Salven, protzten wieder auf und galoppierten zurück, vermutlich um bei uns den Anschein zu erwecken, daß der Feind, trotzdem er zurückgeschlagen, noch auf dem Felde und kampfbereit sei.

Nun sank die Nacht mit ihrer tiefen Stille auf das Schlachtfeld herab, und die von den Mühen und Aufregungen der letzten drei Tage ermüdeten Offiziere und Mannschaften schliefen bald rings um mich her auf der Erde und auf zerschossenen Grabsteinen. Um 2 Uhr morgens wurde ich plötzlich von einem heftigen, aber kurzen Kleingewehrfeuer aus der Ebene nordwestlich der Stadt geweckt. Es hatte kaum ein paar Sekunden gedauert als auch schon wieder tiefste Stille herrschte. Was konnte das bedeuten? Doch wohl nur, daß der Feind seine Vorposten zurückzog und daß die unsrigen ihnen eine Salve nachsandten. Dies war auch die Ansicht meiner Offiziere. Im nächsten Augenblick schliefen wir alle wieder ganz fest und erwachten erst bei Tagesanbruch. In den ersten Morgenstunden schickte ich ein Detachement meiner zweiten Brigade unter meinem Stabschef Oberstleutnant Otto auf Rekognoszierung in die Stadt. Sie nahmen über 250 feindliche Nachzügler gefangen, aber die übrigen feindlichen Truppen hatten in der Nacht Gettysburg still geräumt. Ich ritt sofort mit einigen Stabsoffizieren und Ordonnanzen hinein, um mich zu überzeugen, ob noch Verwundete in den Häusern oder auf den Feldern lägen, wo meine Truppen am ersten Tage gekämpft hatten.

Einen furchtbaren Anblick gewährten mir im Laufe des Tages die Feldlazarette, wo die Feldärzte tätig waren. Es gibt Menschen, die leichthin vom Kriege als von einem heroischen Sport sprechen. Sie würden das nicht übers Herz bringen, wenn sie jemals einen solchen Anblick gehabt oder das damit verbundene, unsagbare Elend bedacht hätten. Nur ein Unmensch oder einer, der von dem gewissenlosesten Ehrgeiz beherrscht wird, kann, wenn er die Schrecken des Krieges einmal gesehen hat, bestreiten wollen, daß ein ohne die absoluteste Notwendigkeit begonnener oder herbeigeführter Krieg das größte und unverzeihlichste Verbrechen auf Erden ist.

Im Laufe des Tages erhielten wir die frohe Kunde, daß General Grant Vicksburg erobert und die ganze Besatzung jener starken Festung der Konföderierten gefangen genommen hatte. Das war ein bedeutender, ein vollständiger Sieg, und der Jubel in unseren Reihen wollte kein Ende nehmen. Im tiefsten Herzen aller Offiziere der Potomac-Armee regte sich hingegen leis das bedrückende Bewußtsein, daß u n s e r Sieg ein unvollständiger geblieben war. Dem feindlichen General Lee war reichlich Zeit gegeben worden, seine geschlagenen Truppen zu sammeln und zu formieren und, indem er seine Linie zusammenzog, eine starke Defensivstellung auf dem Seminary Ridge einzunehmen. Dort stand er noch einen ganzen Tag wie ein verwundeter Löwe – verwundet, aber dennoch Trotz spielend.

Am 4. Juli nachmittags gab Lee den Befehl zum Rückzug über den Potomac. Da hätten wir wieder eine Gelegenheit zu großen Erfolgen durch, eine prompte kräftige Verfolgung des Gegners gehabt. Lees Rückzug war durch die vielen Wagen, Geschütze usw., die er mitführte, und durch die vom Regen aufgeweichten Straßen behindert. Aber unsere Verfolgung war weder prompt noch kräftig. Wir brachen erst am nächsten Tage auf, übten so gut wie gar keinen Druck auf seine Arrieregarde aus, marschierten aus Umwegen, die mit seiner Rückzugslinie nahezu parallel liefen, und als wir ihn nach mehreren Tagen in, einer verschanzten Stellung einholten, schoben wir den Angriff so lange hinaus, daß er Zeit gewann, um in der Nacht seine ganze Armee ohne ernstlichen Verlust über den Fluß zurückzuziehen. Auf diese Weise war es Lee möglich, vom Schlachtfelde zu Gettysburg ein Heer zu retten, das den Verteidigern der Union noch manche sorgenvolle Stunde bereiten sollte. – Es ist oft mit Recht gesagt, daß die Einnahme von Vicksburg, welche uns die Herrschaft über den Mississippi gab, und die Schlacht von Gettysburg, welche die beste südliche Armee wieder auf südlichen Boden zurückdrängte, dem Aufstande der Südstaaten ihre Bedeutung nahm. Das ist im wesentlichen richtig. Ebenso richtig ist aber auch, daß, wenn unser Erfolg bei Gettysburg so ausgebeutet worden wäre, daß Lees Heer vernichtet oder wenigstens kampfunfähig gemacht worden wäre, der Krieg ein Jahr früher zu Ende gewesen wäre.

Während der Sommerwochen, die folgten, kamen meine Truppen nicht wieder mit dem Feinde in Berührung. Wir wurden nur hier und dorthin kommandiert, je nachdem die Sicherheit unserer Kommunikationslinien es erforderte, und führten daher ein ziemlich langweiliges Leben. In dieser verhältnismäßig ruhigen Zeit nach den anstrengenden Feldzügen trat die Frage der Reorganisation der Potomac-Armee naturgemäß in den Vordergrund. Viele Regimenter waren durch die Kriegszufälle ungeheuer geschwächt worden. Meine Division z. B., welche eigentlich 10000 Mann stark war, zählte nach der Schlacht von Gettysburg kaum mehr als 1500 Musketiere. Bei vielen anderen Truppenverbänden sah es ebenso aus. Die aus den Lazaretten und vom Urlaub zurückkehrenden Mannschaften füllten die Reihen allmählich wieder etwas, aber längst nicht genügend, und die wenigen Rekruten, die uns die Konskription oder das reichliche Werbegeld brachten, taugten nicht viel. Wir lernten bald den »bounty jumper« kennen, d. h. den Burschen, der große Summen Werbegeldes einsteckte und bei der ersten Gelegenheit desertierte, um an anderer Stelle und unter anderem Namen denselben Streich auszuführen.

Bei der Reorganisation der Armee tauchte dann die Frage auf, was aus dem elften Armeekorps werden sollte. Die Ausführung des Korps bei Gettysburg wurde von jedem gerecht Denkenden, der es beurteilen konnte, für durchaus ehrenvoll erklärt. Und doch wollte die üble Nachrede, die wir so lange erduldet hatten, nicht aufhören. Die alten, dazu oft seltsam ausgeschmückten Märchen von Chancellorsville gingen noch von Mund zu Mund. Das Armeekorps wurde stets der Sündenbock für alle möglichen Unglücksfälle, mit denen es nichts zu tun gehabt hatte, und es kam vor, daß Kommandeure von Verstärkungstruppen, die dem Korps attachiert werden sollten, wegen seines »Rufes« laut dagegen protestierten. Ich war immer dafür gewesen, das Armeekorps als solches zu erhalten und allen Angriffen zu trotzen, aber die Sache war unhaltbar geworden, und aus Billigkeitsgründen, sowohl gegen die Offiziere wie gegen die Mannschaften, mußte das Armeekorps entweder entfernt oder aufgelöst und unter andere Verbände verteilt werden.

Ich besprach die Sache mit Howard und Meade, die beide übereinkamen, ich solle nach Washington fahren und den von mir vorgeschlagenen und von ihnen gebilligten Plan General Halleck vorlegen, der damals noch den Oberbefehl über das gesamte Heer der Vereinigten Staaten hatte. Mein Vorschlag ging dahin, zwei oder drei Divisionen des elften Armeekorps auf andere Armeekorps zu verteilen, meine Division aber zu verstärken und damit das Shenandoah-Tal zu besetzen, jene wichtige Gegend, welche oft der Schauplatz feindlicher Operationen gegen die Potomac-Armee gewesen war und noch sein sollte. In seinem Empfehlungsschreiben an General Halleck schrieb Howard: »Falls der heute telegraphierte Vorschlag General Meades, das elfte Armeekorps betreffend, gebilligt wird, würde General Schurz eine unabhängige Division befehligen. Zur Unterstützung seiner Ansichten, die er persönlich darlegen wird, möchte ich erwähnen, daß der General in den Operationen, die wir zusammen ausführten, sich stets als prompt, energisch und fähig erwiesen hat. Wenn Sie es, für richtig halten sollten, das Shenandoah-Tal mit einer kleinen Truppenmacht, welche mit dieser Armee zusammenwirken könnte, zu besetzen und somit eine feindliche Besetzung zu verhindern, so kann ich, ohne ihm schmeicheln zu wollen, sagen, daß General Schurz diesen Posten durchaus zu Ihrer Zufriedenheit ausfüllen wird.« In demselben Briefe sagte Howard weiter: »Die falschen Anklagen sind uns sehr empfindlich und in Anbetracht der in dieser Armee herrschenden, schwer zu überwindenden Vorurteile gegen das elfte Armeekorps halten wir es für besser, die vorgeschlagenen Änderungen vorzunehmen. Die verschiedenen Armeekorps sind jetzt so klein, daß ein Zusammenziehen rätlich erscheint. Persönlich wird es mir sehr angenehm sein, zum zweiten Armeekorps zurückzukehren, doch bin ich mit den Leistungen des elften im gegenwärtigen Feldzuge durchaus zufrieden und hoffe, daß die vorgeschlagenen Veränderungen nicht als Tadel für die Offiziere und Mannschaften dieses Truppenverbandes aufgefaßt werden, welche allzeit tapfer bemüht gewesen sind, jeden Befehl nach Möglichkeit auszuführen.«

Von Halleck konnte ich nur die Zusicherung erlangen, daß er die Sache in Erwägung ziehen wolle. Dann war nicht mehr davon die Rede. Das elfte Armeekorps wurde nicht aufgelöst, sondern derartig verstärkt, daß ich z. B. in meiner Division drei Brigaden bilden konnte. Die eine verblieb unter dem Kommando des Obersten Krzyzanowski, die zweite wurde dem nach ihm rangältesten Obersten Hecker überwiesen, und die dritte, die ehemalige Schimmelpfennigsche Brigade, wurde einem Neuankömmling, dem General Hector Tyndale, anvertraut. Schimmelpfennig selbst war zu der Belagerungsarmee vor Charleston abkommandiert worden.

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