1. Gestatten Lünch – Bodo Lünch

Mal angenommen, Sie haben einen finanziellen Engpass. Im Prinzip kann das jedem passieren. Die Banken wittern Aasgeruch und drehen Ihnen den Hahn ab. Andere Kreditgeber sind weit und breit nicht in Sicht.
Aber es gibt ja noch die privaten Geldverleiher, die laufend knallige Anzeigen in den Zeitungen haben von wegen Schnell-Kredite ganz ohne Sicherheiten und lästige Formalitäten bei sofortiger Barauszahlung. Klingt alles prima.
Also greifen Sie zu und haben ruck, zuck wieder Bares auf der blanken Kralle, und die Banken können Ihnen in die Tasche steigen. — Denken Sie.
Doch die Geschäftsbedingungen sind nicht von Pappe und die Zinsen horrend, und es wäre schon ein verdammtes Wunder, wenn Sie mit den Raten nicht ins Stottern kämen. Sind Sie ein Wunderkind? Nein? Gut, dann werden Sie also früher oder später Zahlungsprobleme kriegen, schließlich müssen Sie auch noch von irgendwas leben.
Und eines schönen, nicht allzu fernen Tages steht dann ein hartgesichtiger Bursche vor Ihrer Tür, um mal nach dem Rechten zu sehen. Einer von der Sorte mit breiten Schultern und ohne jeglichen Humor, Sie wissen schon…
Was werden Sie tun? — Nun, vermutlich werden Sie ganz schön ins Schwitzen geraten und irgendwas daher faseln von unvorhersehbaren Schwierigkeiten oder schweren privaten Rückschlägen und von guten Geschäften, die Sie demnächst in Aussicht haben. Aber das wird Ihnen der geldgierige Kerl natürlich nicht abnehmen. Er braucht Ihnen auch gar nichts abzunehmen — außer Geld natürlich. Er wird Sie einfach für ein verlogenes Stück Mist halten, das sich nur aus der Klemme rausmogeln will, und Ihnen auf die Zehen treten, bis Sie quieken.
Und wenn der Schmerz langsam nachlässt, werden Sie den dringenden Wunsch verspüren, Ihre Schulden pünktlichst und vollständig zurückzuzahlen. Und Sie werden staunen, wie viele Möglichkeiten Ihnen plötzlich einfallen, das nötige Geld aufzutreiben.
Sollten Sie allerdings zu den ganz harten Fällen gehören, bei denen eine Mahnung nicht ausreicht, kann es sein, dass sich der robuste Herr mit dem einnehmenden Wesen zu einer Notschlachtung an Ort und Stelle gezwungen sieht und Ihnen den Bauch aufschlitzt, die Eingeweide rausreißt und Sie mit Ihren eigenen Kutteln erdrosselt — bildlich gesprochen.
Also seien Sie vorsichtig, und lassen Sie sich nicht zweimal mahnen. Die Sitten sind rauh in diesem Gewerbe. Sie müssen es auch sein, denn den Leuten, die zu einem Kreditvermittler gehen, steht das Wasser bis zur Oberkante Unterlippe. Die sind längst bei sämtlichen Banken unten durch und stecken so tief in der Scheiße, wie man nur in der Scheiße stecken kann. Denen kann man nicht mehr mit dem Gerichtsvollzieher kommen; auf die sanfte Tour ist da gar nichts mehr zu machen.
Woher ich das alles weiß? Weil ich selbst vom Fach bin! Ich arbeite für Arnold Raff — Wahlspruch: suum cuique — geben und nehmen. In seiner Interpretation bedeutet dies: Dem Schuldner die Zinsen, die er verdient. Und: Nehmen ist seliger denn Geben. Auf seine Art ist er ein Genie, der alte Halsabschneider. In der ganzen Branche nennen sie ihn nur Mister fünfzig Prozent, wegen der Zinsen, die er verlangt.
Fünfzig Prozent seien der reine Wucher, sagen Sie? Natürlich ist es der reine Wucher! Mit etwas anderem als Wucher würde sich Raff schon alleine aus Rentabilitätsgründen niemals abgeben.
Jetzt denken Sie vielleicht, es wäre unmöglich, so viel Zinsen aus einem Schuldner rauszuquetschen, der sowieso nichts mehr hat. Einem nackten Mann kann man nicht mehr in die Tasche greifen. — Sehr wahr. Aber ich kann einem nackten Mann dermaßen Feuer unter seinem nackten Arsch machen, dass er sofort anfängt hochtourig zu rotieren und nicht wieder aufhört, bevor er die Kohle bis auf den letzten Pfennig bei mir abgeliefert hat und zwar ohne sich davon vorher schnell noch was zum Anziehen zu kaufen.
Klammen Schuldnern das Zahlen wieder beizubringen, ist ein verdammt harter Job, aber ich kenne tausend verschiedene Arten, sie auf Trab zu bringen. Und pro Woche fallen mir im Durchschnitt mindestens sechs neue ein. So kreativ bin ich.
Ach, Sie meinen, so etwas könnte Ihnen nie passieren? Sie wären nicht so dämlich, einem Kredithai wie Raff auf den Leim zu gehen? Wenn Sie das glauben, dann kennen Sie das Leben noch nicht, dann haben Sie noch nie richtig in Schwierigkeiten gesteckt. Und beten Sie zu Gott, dass sich daran nichts ändern möge. Es täte mir leid, falls wir einmal geschäftlich miteinander zu tun haben sollten — für Sie.
Manche Leute halten mich für skrupellos, sadistisch und gemein, mit anderen Worten für das geborene Schwein. Das ist eine grobe Untertreibung. Ich bin Typhus, Pest und Cholera in einer Person. Am liebsten sehe ich mir Katastrophenfilme an, mein Hobby ist Taubenvergiften, und zum Frühstück pflege ich kleine Kinder zu verspeisen. Aber zum Schwein wird man nicht geboren. Bei mir gab es zum Beispiel Zeiten, da habe ich Schmetterlinge gesammelt. Stellen Sie sich vor, so sensibel war ich einmal. Und es hat immerhin mehr als fünfundzwanzig Jahre gedauert, bis ich den Schweinehund in mir entdeckte. Inzwischen sind weitere zwanzig Jährchen ins Land gegangen, und ich habe alles Erforderliche gründlich nachgeholt und bin das größte Schwein, das ich kenne. Wenn Sie schon im Fallen sind, gebe ich Ihnen noch einen Tritt, damit es Sie auch richtig auf die Schnauze haut. Ich nutze grundsätzlich jede Blöße aus, die sich mir bietet, und wer mich mal im Genick hat, der wird seines Lebens nicht mehr froh (das gilt übrigens selbstverständlich auch für Frauen). Verlangen Sie keine Fairness, Nachsicht und den ganzen gefühlsduseligen Kram von mir, so was ist bei mir nicht eingebaut. Und hoffen Sie nicht auf schwache Tage bei mir. Um in Stimmung zu kommen, brauche ich keinen Entzug von Nikotin, Schlaf und Weibern. Ich bin immer in Stimmung, in allen Lagen, bei jedem Wetter. Auch an einem Junimorgen wie jenem, an dem ich mich mit dem Fall Burgsmüller zu befassen hatte.
Der Himmel war strahlend blau, die Luft klar und sauber vom Regen in der Nacht, und in den Bäumen zwitscherten die Vögel.
Die Burgsmüllers hatten sich ein Häuschen gekauft in einer Gegend, in der hauptsächlich Beamtenwitwen geruhsam die komfortablen Pensionen ihrer dahingegangenen Männer verlebten; und solche Gegenden sind nicht die billigsten. Mit Hypotheken allein waren sie dann nicht mehr hingekommen und hatten noch vierzigtausend Euro bei Raff aufgenommen, um das Loch zu stopfen. Und da lag auch schon der Hund begraben. Mit einem Kredit von Raff kann man nämlich keine Löcher stopfen, sondern nur neue, viel größere aufreißen. Wann werden die Leute das endlich begreifen? — Hoffentlich nicht, bevor ich in Pension gegangen bin und mich in den sonnigen Süden abgesetzt habe.
Ich stand vor den geschwungenen Gartentor, stopfte mir gemächlich eine Pfeife und sah mir alles an. Das Haus war nicht besonders groß, aber propper hergerichtet und ausreichend für eine Familie. Der neue Verputz leuchtete über den gemähten Rasen. Es gab ein paar pingelig gepflegte Blumenbeete und Rabatten, und hinter dem Haus begann der Wald. Das Ganze machte den Eindruck, als ob die Burgsmüllers sehr daran hingen. Und das war schon mal ein Ansatzpunkt.
Mein Geschmack war diese Gartenzwergidylle zwar nicht gerade, — wenn es schon ein Haus sein müsste, würde ich was Ordentliches bevorzugen mit mindestens fünfzehn Zimmern, Swimming Pool, Tennisplatz und ein paar Hektar Park drumherum –, aber für so was riskieren immerhin Millionen Woche für Woche Unsummen im Lotto.
Es war erst kurz nach neun, ziemlich früh für meine Verhältnisse. Sie waren die ersten Kunden, die ich mir an diesem Tag vorknöpfte, ich war noch frisch und völlig unverbraucht. Auf dem Weg zum Haus machte ich einen Schlenker und latschte durch ein feuchtes Rosenbeet, um ein bisschen Dreck an die Schuhe zu bekommen. Ich stieg die zwei Stufen zur Haustür hinauf und klingelte dringlich. Es dauerte eine ganzer Weile, bis sich drinnen etwas tat. Wenn sie sich mit allem so lahm anstellten wie mit dem Öffnen, war es kein Wunder, dass sie mit den Raten durchhingen.
Die Tür ging auf, und eine Frau schaute heraus, eine zierliche blonde Person in den Dreißigern mit einem energischen kleinen Kinn und sehr interessanten Augen, die sehr hell waren und sehr blau und so kalt, wie Eis nur sein konnte. Sie musterten mich teilnahmslos und oben herab, obwohl sie von unten herauf schauten.
Ich wusste sofort, dass ich es mit dieser Frau nicht leicht haben würde. Ein hübsches Stück Arbeit lag vor mir, und ich würde wieder einmal Gelegenheit haben, mein ganzes Repertoire zur Anwendung zu bringen. Es war wirklich ein fabelhafter Morgen, in Gedanken legte ich mir schon die Instrumente zurecht.
Einige Sekunden verbrachten wir damit, uns gegenüber zu stehen und einander abzuschätzen. Sie trug einen mit Glitzerfäden durchwirkten kobaltblauen Pullover, einen weiten schwarzen Rock, gemusterte Nylons und flache Ballerinenschuhe aus schwarzem Lackleder. Ihr Parfüm war irgend etwas mit Limonen. — Adrett von den Haarspitzen bis zu den Zehen, dachte ich. Ich mag adrette Weiber, man kann ihnen noch so viel beibringen. Das wirkliche Leben ist nämlich alles andere als adrett, es gibt also jede Menge Stoff für Lektionen in Sachen Chaos, Schmutz und Gemeinheit. Und verdammt, ich würde diesem blitzsauberen Blondchen sämtliche Lektionen verabfolgen, die auf dem Lehrplan des wirklichen Lebens standen — Bodo Lünch, der große Pädagoge. Ich musste grinsen.
Sie legte eine sorgfältig manikürte Hand flach auf die Türklinke und sagte: «Ja-ah?»
Ich blies ein wenig Rauch aus dem Mundwinkel. «Frau Burgsmüller?»
«Ja, was gibt es denn?» flötete sie und tat, als wäre sie die Unschuld selbst. Dabei war sie verdammt schuldig. Vierzig Riesen war sie Raff schuldig, plus Zinsen, das Weibsstück, das mistige.
Ich röhrte: «Lünch von der Firma Raff-Kredite. Sie haben bei uns noch zwei Monatsraten offen. Ich denke, wir sollten uns mal darüber unterhalten.»
Paffend wartete ich auf die üblichen Reaktionen: Schock, zunehmendes Entsetzen, Panik. Aber nichts davon. Sie klappte ein paar mal mit ihren dezent geschminkten Augendeckeln und sagte schlicht: «Mein Mann ist nicht da.» Basta. Und die Tür bewegte sich auf mich zu — bis sie gegen meinen Fuß stieß, den ich auf die Schwelle gestellt hatte (kleine persönliche Vorsichtsmaßnahme von mir und so ziemlich die einzige Gemeinsamkeit, die ich mit den Klinkenputzern habe).
Wir starrten uns an. Dann entfernte ich die Pfeife aus meinem Mund, lächelte und sagte beschwichtigend: «Das macht gar nichts, wir werden auch so klarkommen.» An und für sich ist es mir sogar ausgesprochen recht, wenn nur die Frau zuhause ist. Frauen sind aus einer ganzen Reihe von Gründen einfacher zu handhaben, das fängt schon mit der körperlichen Unterlegenheit an. Ausnahme bestätigen die Regel. Und das hier war eine Ausnahme. Dieses kleine blonde Luder war zäh und nicht so schnell einzuschüchtern. Das hatte ich sofort gerochen. Mit der Zeit kriegt man Erfahrung in solchen Dingen, man kann es schon am Blick erkennen, der hat bei solchen Leuten immer so etwas verdammt Aufsässiges. Aber keine Sorge, Bodo Lünch hat auch für solche Patienten die passende Medizin, die Behandlung dauert nur eben etwas länger. Dafür macht es allerdings auch wesentlich mehr Spaß, als mit den windelweichen Figuren zu arbeiten, die schon von vorne herein die Hosen gestrichen voll haben und nur noch um Gnade winseln. Wie war das noch gleich mit den Herausforderungen und den richtigen Männern, die daran wachsen?
Sie gönnte mir ein Lächeln klar und kühl wie Bergkristall und erklärte abschließend: «Ich denke, das sollten Sie alles mit meinem Mann besprechen. Ich habe keine Ahnung, worum es geht.»
Die Frau hielt mich wohl für einen Trottel, den man einfach abwimmeln konnte. Frechheit! Verflucht und zugenäht, ich habe sehr viel übrig für Katz-und-Maus-Spielchen, aber nur wenn ich die Katze bin. Und es gab überhaupt keinen Grund, mich so dämlich anzugrinsen. In meinen Schläfen pochte das Blut. Ich überlegte mir Vergeltungsmaßnahmen, doch es fielen mir nur einige blutrünstige Aktionen ein, unbrauchbar für den Anfang — zu blutrünstig.
Ich würgte meine Wut hinunter und sagte herausfordernd und so laut, dass es jeder in der Nachbarschaft mitkriegen konnte, der etwas mitkriegen wollte: «Halten Sie es wirklich für eine gute Idee, Ihre Schuldenprobleme auf offener Straße zu besprechen?»
Mit dieser Methode kommt man überall rein. Todsicher. Nur ein ausgesprochener Blödmann würde es sich erlauben, es zwischen Tür und Angel auf lautstarke Diskussionen über seine Zahlungsfähigkeit ankommen zu lassen. Und blöde war sie nicht. Das Lächeln rutschte von ihrem Gesicht ab wie nasser Schnee von einem steilen Dach. Verdattert starrte sie meine ziemlich muskulösen Oberarme an und dachte nach. Langsam löste sie den Blick wieder von meinem Bizeps und sah mir suchend ins Gesicht. Und mein Gesicht sagte simpel und eindeutig nur eines: «Her mit den Piepen, oder es passiert was.»
Dann endlich gab sie auf, wich beklommen zurück und machte mir den Weg frei. Fleißig mit meinem Tabakmeiler qualmend spazierte ich hinein. Sehr zu meinem Ärger entsetzte sie sich überhaupt nicht über den Dreck vom Rosenbeet, den ich ihr in die blitzblanke Marmordiele schleppte, beachtete ihn nicht einmal. Immerhin, es schmeckte ihr nicht, dass ich rauchte, mein Tabak widerte sie unübersehbar an. Ich muss zugeben, er stinkt ein bisschen, bei mir zuhause würde ich ihn nie rauchen.
Wir gingen ins Wohnzimmer. Unaufgefordert ließ ich mich in einem weichen cremefarbenen Ledersessel nieder, lockerte den Schlips und blickte mich rauchend um. Die Zimmereinrichtung war up-to-date — Designermöbel, eine schwarz gebeizte Schrankwand, verrückte Lampen, hellgrauer Veloursteppichboden. Die Fensterbank vor dem großen Fenster zum Garten brach fast zusammen unter einer Unmenge von Grünzeug. Schräg davor stand ein riesiges grünliches Aquarium. Raff hätte gekotzt, wenn er gesehen hätte, was die Leute mit seinem Geld alles machten.
Sie war an der Tür stehen geblieben und hatte sich mit dem Rücken an den Rahmen gelehnt. Der Pullover spannte sich über ihre gar nicht so kleinen Brüste. Man konnte sehen, dass sie keinen BH trug. Ich fragte mich, ob das etwas zu bedeuten hatte. Sehr wahrscheinlich nicht, heutzutage hat überhaupt nichts mehr etwas zu bedeuten. Es ist verdammt schwer geworden, eine Frau zu finden, die man noch anständig vergewaltigen kann; bei den Weibern von heute muss man ganz im Gegenteil höllisch aufpassen, dass man’s nicht selber wird — verlotterte Zeiten!
Mit einiger Mühe gelang es mir, diese trüben Gedanken zu verscheuchen, und ich überlegte mir, dass ich gegen einen dreistöckigen Whisky eigentlich nichts einzuwenden gehabt hätte, schließlich war es schon halb zehn.
Sie kam allerdings nicht auf die Idee, mir etwas anzubieten. Das war ziemlich dumm von ihr, denn ohne Whisky kann ich noch viel gemeiner sein. Ich fixierte sie hart und unerbittlich, bohrte den Blick in sie hinein und fragte: «Kinder da?»
War es möglich, dass sie nervös wurde? Jetzt schon? — Tatsächlich, ein feines Zittern ging durch ihre Flanken. Mit so schlechten Nerven sollte man nicht solche Schulden machen, schon gar nicht bei Raff.
Sie schluckte und brachte belegt hervor: «In der Schule.»
Ich nickte zufrieden. Das war gut so. Ich habe es nicht gerne, wenn Gören dabei sind. Von mir aus können sie sich sonstwo rumtreiben, notfalls spendiere ich ihnen sogar ein Eis. Aber ich will nicht, dass sie mir bei der Arbeit zwischen den Beinen rumspringen. — Sentimentalität? Machen Sie sich nicht lächerlich! Hier geht es um rationelle Arbeitsmethoden und nicht um Gefühlsduselei. Ich konzentriere mich voll und ganz aufs Wesentliche, und das ist das Geld. Alle, von denen ich keinen Zaster zu kriegen habe, interessieren mich nicht und können sich verpissen. Meine Schuldnerhinrichtungen sind sowieso nichts fürs breite Publikum. Und die Bälger schuldeten Raff kein Geld, was sollte ich also mit ihnen? Etwas anderes wäre es natürlich, wenn Raff anfangen würde, mit Kindern Geschäfte zu machen. Dann würde ich bedenkenlos genau umgekehrt verfahren und die Eltern rausschicken und den lieben Kleinen ihre kleinen Ärsche aufreißen. — Na, was ist, halten Sie mich immer noch für sentimental?
Betäubt fragte sie: «Was wollen Sie — Geld?»
Kluges Mädchen, längst nicht alle waren so schnell von Begriff. Manche benötigen die komplette Dauer einer Sitzung, um darauf zu kommen.
Selbstverständlich wollte ich Geld, und nichts als Geld! Was denn sonst?! Beruhigt stellte ich fest, dass wir wenigstens in den wesentlichen Dingen keine Zeit verschwendeten. Ich grunzte und sagte milde: «Na, sagen wir mal, Vorschläge.»
«Vorschläge?»
«Ja, wie Sie sich das mit der Rückzahlung vorstellen.»
Beteuernd hob sie an: «Ich habe keine Ahnung…»
Aber ich brachte sie mit einem giftigen Knurren zum Schweigen. Das war nicht die Art von Antwort, die mir vorschwebte. Ich holte aus meinem Jackett die Kreditunterlagen heraus — von Aktenköfferchen halte ich gar nichts, ich muss die Hände immer frei haben bei der Arbeit –, faltete die Papiere auseinander, legte sie mir auf den Oberschenkel, strich sie sorgfältig glatt und blätterte sie durch. Und beschäftigt stellte ich fest: «Dieser Vertrag wurde auch von Ihnen unterschrieben. Und hier steht klar und deutlich drin, wieviel Sie im Monat zurückzuzahlen haben. Und seit acht Wochen sind Sie im Rückstand. Sie wissen also ganz genau, was los ist. Mit rund viertausendsiebenhundert Euro stehen Sie bei uns in der Kreide.» Ich starrte sie an. «Das schreit geradezu nach ein paar einleuchtenden Erklärungen, finden Sie nicht auch?»
Sie hielt meinem Blick stand und sagte fest: «Wir haben das mal nachgerechnet, das sind ja fünfzig Prozent Zinsen im Jahr.»
Na, sieh mal einer an, plötzlich wusste sie ja doch genau Bescheid. Und rechnen konnte sie auch, nur zahlen konnten sie nicht — Pack!
Ich klopfte auf das Bündel Papiere und blaffte sie an: «Steht hier vielleicht drin, dass es weniger als fünfzig Prozent sein würden?»
«Nein, davon steht da nichts drin,» gab sie zu.
Eben. Raff äußert sich zum Effektivzins nämlich grundsätzlich nicht und schon gar nicht schriftlich in einem Vertrag. Da können sie noch so viele Gesetze machen, die das zwingend vorschreiben. Ich lehnte mich entspannt zurück und warf ihr ein selbstgefälliges «Na bitte» hin.
«Fünfzig Prozent sind zuviel, viel zuviel,» erklärte sie störrisch.
Das war der Punkt, an dem Anfänger gerne weiche Knie kriegen und glauben, um Verständnis werben zu müssen. Dann geht das Gefasel los von den Unkosten für die Refinanzierung, Sicherheitsleistungen, Ausfallrisiko und so weiter. Alles Quatsch! Von den Fünfzig Prozent geht auch beim allerfaulsten Schuldner höchstens die Hälfte für die Kosten drauf, und dem alten Raffzahn bleiben immer noch satte fünfundzwanzig Prozent Reingewinn, mit dem er sein Bankkonto auspolstern kann. Wer dafür Verständnis hat, der hat nicht mehr alle Nadeln an der Fichte. Man soll die Leute nicht für noch dümmer halten als sie sowieso schon sind. Und wenn man seine Glaubwürdigkeit nicht total ruinieren will, sollte man hübsch die Finger von solchen Märchen lassen. Deshalb gehe ich persönlich auch gar nicht erst auf die Kostenseite ein.
Die Verantwortung für die Zinsen liegt alleine beim Schuldner, er hat sich in eine Lage gebracht, in der er jeden Zinssatz akzeptieren muss. Wenn die Zinsen zu hoch sind, ist es also ausschließlich sein Problem, er hat Fehler gemacht, und dafür hat er zu bezahlen. Das muss man ihm klarmachen.
«Glauben Sie vielleicht, dass Kredite von uns als Hängematte gedacht sind?!» schnauzte ich. «Wenn Ihnen die Bedingungen nicht passen, hätten Sie sich das früher überlegen müssen. Niemand hat Sie gezwungen, diesen Vertrag zu unterschreiben.»
Aber sie ließ sich nicht beeindrucken und gab seelenruhig zurück: «So hohe Zinsen sind rechtswidrig — wir haben einen Anwalt gefragt.»
Das wurde ja immer besser: Von einem Rechtsverdreher aufgehetzt! Für die Schulden kein Geld, aber für einen Paragrafenverbieger mit gesalzenen Honorarsätzen. Sie benutzten unser Geld, um Krieg gegen uns zu führen — verlogene Bande!
Für eine Sekunde dachte ich, ich müsste explodieren. In meinem Magen brodelte glühende Lava, eine Woge maßlosen Zorns brandete in mein Gehirn und zerstob in einem Sprühregen aus blutroter Gischt. Und durch meinen Schädel hallte es: RACHE!!! — Rübe ab, den roten Hahn aufs Dach, Auspeitschen mit anschließender Vergewaltigung, am besten alles zusammen! In Gedanken vierteilte ich dieses Flittchen schon, trieb ihr glühende Nadeln unter die Fingernägel, drehte sie überm Feuer am Spieß. — Aber dann zählte ich einfach nur bis zehn und hüllte mich brütend in blaue Wolken. Disziplin ist in diesem Job die halbe Miete, sich nur nicht provozieren lassen, das bringt einen bloß aus dem Konzept. Und durch die Schwaden um mich herum fragte ich knapp: «Sie wollen uns verklagen?»
Sie wurde blass und stotterte: «Ich… ich weiß nicht — der Anwalt sagt, der Vertrag ist ungültig.»
«Hm, so, so, sagt er das.»
«Ja — von Anfang an,» bekräftigte sie und spielte nervös mit einer Haarsträhne. Die Sache sah nicht nach einer gütlichen Beilegung aus. Eine Klage bedeutete: Prozess. Und das versprach Ärger — für alle Beteiligten. Schmutzige Wäsche vor Gericht, besonders ihre eigene, bergeweise. Öffentlich. Die Leute…
Ich wusste genau, was in ihrem Kopf vorging. Ihr war nicht wohl in ihrer Haut. Und bei Gott, ich würde dafür sorgen, dass ihr noch viel unwohler werden würde.
«Okay,» knurrte ich. «Dann kriege ich von Ihnen vierzigtausend Euro — sofort.»
Erschrocken starrte sie mich an. «Was?!»
«Kein Vertrag, kein Geld,» erklärte ich. «Also her mit den Mücken.»
«Aber das geht doch nicht!» protestierte sie.
«Warum nicht?»
«Wir brauchen das Geld für die Hypotheken. Es geht doch nur um die Zinsen. Der Anwalt meinte, wir könnten einen günstigeren Zinssatz aushandeln.»
«Wie kommen Sie auf die Idee, dass Raff Ihnen einen niedrigeren Zinssatz einräumen könnte?»
«Weil fünfzig Prozent rechtswidrig sind,» beharrte sie.
Ich nahm die Pfeife aus dem Mund und blickte in den Kopf. «Lady, es geht hier nicht um Zinssätze. Dies ist Raffs Spiel, und er macht die Regeln. Und das bedeutet, entweder Sie lassen die Hosen runter, oder Sie passen. Das ist die Alternative — die einzige. Ich persönlich würde Ihnen empfehlen, den Vertrag einzuhalten, Punkt für Punkt. Und wenn Ihnen Ihr Anwalt etwas anderes rät, ist er ein Versager.» Ich löste den Blick von der Pfeife und blickte ihr tief in die Augen.
Sie lachte affektiert. «Ich glaube nicht, das der Herr Raff sein eigenes Landrecht praktizieren kann.»
Ich erhob mich und schlenderte zu dem Aquarium hinüber. Gebückt beobachtete ich das exotische Gewimmel in dem beleuchteten Glaskasten. Manche Fische waren durchsichtig, einige hatten wirklich irrsinnige Farben, und es gab sogar welche mit Stielaugen. Nur von zwei Sorten wusste ich wie sie hießen, von den Schleierfischen und den Posthornschnecken, die über die Scheiben krochen und dabei das Glas säuberten.
Nachdenklich saugte ich an der Pfeife. Vielleicht konnte ich ihr mit einem anschaulichen Vergleich auf die Sprünge helfen, Ich fragte: «Was würde wohl passieren, wenn man dem Viechzeug da drinnen das Wasser abließe?»
Sie glotzte mich mit aufgerissenen Augen an. «Was?!»
«Ich kenne mich nicht so aus mit Aquarien, sagen Sie’s mir,» forderte ich sie mit einem freundlichen Lächeln auf.
«Sie werden den Fischen doch wohl nichts tun wollen,» schnappte sie.
Sie kapierte immer noch nicht. Es ist zum Auswachsen, wie deutlich man manchmal werden muss. Ich richtete mich wieder auf und seufzte. «Ohne Wasser könnten sie da drinnen gar nicht existieren — richtig?»
«Hören Sie…!»
Ich unterbrach sie mit einer knappen, unwirschen Handbewegung. «Und jetzt stellen Sie sich mal vor, es ginge nicht um die Fische, Wasser und das Aquarium, sondern um Sie, Geld für die Hypotheken und das nette kleine Häuschen hier.»
Glasig starrte sie mich an und sah aus, als ob sie jeden Augenblick kotzen würde. Warum auch nicht, war ja nicht mein Teppichboden. Aber dann kotzte sie doch nicht, sondern schluckte alles, was ihr auf dem Herzen lag, brav wieder hinunter und stellte tapfer fest: «Mit anderen Worten, Sie wollen uns ruinieren.»
«Nun ja, von Ruinieren kann man wohl nicht sprechen.» Und wie man das konnte! Man konnte sogar von einer totalen finanziellen und psychischen Vernichtung sprechen, wenn man wollte. «Aber wenn Sie mit uns Krieg anfangen, wird dieses nette Häuschen höchstwahrscheinlich zwischen die Fronten geraten. Die Wahl liegt ganz bei Ihnen.»
Ihre Augen nahmen wieder diesen faszinierenden kalten Ausdruck an, und sie lächelte matt. «Ob man im Recht ist oder nicht, richtet sich allein nach dem Bankkonto, was?»
Ich grinste sie an. «Mästen Sie Ihr Bankkonto, und niemand kann Ihnen an den Karren fahren.»
«Und wie macht man das?»
«Versuchen Sie’s mal mit Sparen.»
«Und in der Übergangszeit?»
«Sind Sie Freiwild für jeden, der genug Geld hat für gerissene Anwälte und lange Gerichtsverfahren,» erklärte ich hart, aber wahrheitsgemäß.
Sie war nicht die Frau, die deswegen gleich in Tränen ausbrach, und erkundigte sich sachlich: «Und was werden Sie jetzt tun?»
«Das ist nicht die entscheidende Frage,» belehrte ich sie. «Es geht darum, was Sie jetzt tun werden. Werden Sie den Vertrag erfüllen, oder wollen Sie uns lieber Ärger machen. Sie müssen sich entscheiden. Alles weitere hängt alleine von Ihnen ab.» Ein feuchter Kehrricht hing von ihnen ab! Wenn Raff es beispielsweise wünschte, dass sie mit dem linken großen Zeh im rechten Nasenloch herumliefen oder rosarote Eier mit lila Punkten legten, dann würden sie es tun. Und ich würde, verdammt noch mal, dafür sorgen, dass sie es genauestens befolgten und die Punkte auf den Eiern tatsächlich lila wären und nicht etwa himmelblau. Doch das kann man den Leuten so natürlich nicht sagen. Man darf es ihnen nicht zu einfach machen, sie müssen das Gefühl behalten, selbst für sich verantwortlich zu sein. Und sie dürfen die Hoffnung nie verlieren, dass es sich doch noch lohnt, sich abzustrampeln. — Was für eine verfluchte Narretei. Aber so ist das Leben.
Lüstern betrachtete ich ihre Brüste unter dem gestrafften Pullover. Unsere Blicke trafen sich. Ich forderte sie auf: «Entscheiden Sie sich.»
«Das kann ich nicht — ohne meinen Mann.»
«Tut mir leid,» bedauerte ich nicht ganz aufrichtig. «Sie hatten zwei Monate Zeit, sich zu besprechen. Jetzt ist es eine Eilsache. Außerdem brauchen wir Ihren Mann gar nicht. Sie sind ebenfalls Vertragspartner, das genügt vollkommen.»
«Unmöglich!» widersprach sie.
Ich grinste schäbig. «Nichts ist unmöglich.»
«Also keine Bedenkzeit?»
«Von mir aus könnten Sie jede Menge Bedenkzeit haben,» — einen Dreck! — , «aber wenn ich mit leeren Händen zu meinem Boss zurückkomme und ich ihm noch sagen muss, dass Sie vielleicht sogar ganz aus dem Vertrag aussteigen wollen, bin ich meinen Job los, und Ihnen hetzt er sofort den Gerichtsvollzieher auf den Hals, und dann sitzen Sie ruck, zuck auf der Straße.»
Langes Schweigen. Ein Vakuum breitete sich aus. Es war mucksmäuschenstill im Zimmer. Die Zeit schien still zu stehen, alles schien plötzlich still zu stehen, nichts rührte sich mehr. Das einzige, das sich noch bewegte, waren die Fische im Aquarium, die stumm von Scheibe zu Scheibe schwammen.
«Das ist Erpressung,» murmelte sie schließlich.
«Nun, wenn wir nach acht Wochen endlich eine Entscheidung von Ihnen haben wollen, kann man wohl nicht gerade von Erpressung sprechen,» versetzte ich ungeduldig.
Sie blinzelte mich an. «Sie geben uns also keine Chance.»
«Natürlich gebe ich Ihnen eine Chance — wenn Sie sich an den Vertrag halten.»
«Und wenn wir die Hypotheken nicht mehr abzahlen können, weil wir das Geld für Ihre Wucherzinsen brauchen?»
«Ihr Bier. Dafür bin ich nicht zuständig.»
«Ah ja, Sie bedienen sich nur, und für die Löcher, die Sie aufreißen, sind Sie nicht zuständig, natürlich nicht,» sagte sie bitter.
«Wenn hier Löcher aufgerissen werden, sind es Ihre Löcher,» stellte ich klar. «Wer Kredite aufnimmt, sollte sich ausrechnen, ob er auch das Geld für die Raten zusammenbringt — vorher. Das ist eigentlich eine ganz einfache Grundregel im Wirtschaftsleben, und man sollte meinen, dass jeder Geschäftsfähige sie beherrscht.»
«Mein Mann hat sich doch auf seine Überstunden verlassen, damit hätten wir es auch geschafft, aber plötzlich gab es keine mehr,» verteidigte sie sich.
Ich lutschte am Pfeifenstiel und machte ein hartes Gesicht, mein härtestes. «Sehr unvernünftig, sich auf Überstunden zu verlassen. In Zeiten wie diesen muss man schon froh sein, wenn man seinen Job nicht verliert.»
Sie lächelte resigniert. «Nur Sie brauchen keine Angst um Ihren Job zu haben, Sie haben sicher gut zu tun.»
«Kann man wohl sagen,» knurrte ich grimmig. «Und deshalb wär’s nicht schlecht, wenn wir hier langsam mal zu Potte kämen.»
Ihr Lächeln bekam einen etwas matten abgestandenen Ausdruck. «Sie machen Ihrem Namen wirklich alle Ehre.»
Sehr fein beobachtet, nur ein bisschen voreilig. Wieviel Ehre ich meinem Namen zu machen imstande war, hatte sie noch gar nicht mitgekriegt. Aber bevor sich unsere Wege wieder trennten, würde ich sie in dieser Hinsicht restlos aufgeklärt haben. Ich sagte: «Ihrer Bewunderung für mich könnten Sie am besten dadurch Ausdruck verleihen, dass Sie unsere Vetragsbedingungen endlich akzeptieren.»
Sie zögerte. Kein Wunder, vom Zehn-Meter-Brett geht’s ja auch ganz schön tief runter — besonders beim ersten Mal. Aber dann holte sie tief Luft und sprang: «Also gut, es bleibt alles beim Alten.»
«Definitiv?»
Artiges Kopfnicken. Die Dressur entfaltete Wirkung. «Und werden Sie das auch Ihrem Mann klarmachen?»
«Er wird nicht begeistert sein, aber wenn wir das Haus verlieren, wird ihm das noch viel weniger gefallen,» antwortete sie wie aufgezogen.
«Und keine Anwälte mehr?» bohrte ich weiter.
«Was wollen Sie denn noch — nein!» versicherte sie erschöpft.
«Ich kann mich darauf verlassen?»
«Ja!»
Die Sache lief wie am Schnürchen. Damit waren die Geschäftsgrundlagen wieder festgeklopft. Ich konnte zum eigentlichen Zweck meiner Visite kommen. «Gut, gut, dann können wir uns jetzt ja über die offenen Raten unterhalten.»
«Was denn, Sie wollen die doch nicht etwa gleich kassieren?»
«Was dachten Sie denn?»
«Mein Gott, genügt Ihnen denn nicht, was Sie erreicht haben?»
«Was habe ich denn erreicht?»
«Ich habe Ihnen doch versprochen, dass wir den Vertrag nicht anfechten werden.»
«Und was steht im Vertrag?»
Sie begann zu begreifen. Der Schatten einer dunklen Wolke fiel auf ihr Gesicht. In ihrem Blick loderte ein wildes Feuer und brachte das Eis in ihrem Augen zum Schmelzen. Da endlich — Panik! Die Fassade aus Chrom und Eis zerbröselte langsam. Hatte ja auch lange genug gedauert. Es gibt Monteure und es gibt Demonteure. Ich bin ein Demonteur — von Fassaden. Mitleidlos klärte ich sie auf: «Es gibt kein Happy-End. Das kommt nur in Hollywood vor, und Hollywood ist tot — hat sich nur noch nicht ganz rumgesprochen.»
In ihren Augen flackerte es. Ohne diesen eiskalten Ausdruck waren sie nicht einmal halb so faszinierend. «Was wollen Sie damit sagen?»
«Dass es zum Schluss noch ziemlich ungemütlich werden kann, wenn ich mir den Zaster selber zusammensuchen muss.»
Sie stieß ein hysterisches Kichern aus. «Sie glauben doch wohl nicht, dass wir so viel Geld im Haus haben!»
Lange beobachtete ich sie durch die Wolken aus meiner Pfeife. Dann sagte ich kalt: «Ich glaube, dass ich von Ihnen viertausendsiebenhundert Mäuse kriege. Alles andere interessiert mich nicht.»
«Ich kann es Ihnen nicht geben, es ist einfach nicht so viel da, längst nicht so viel,» beschwor sie mich. «Woher sollten wir denn auch wissen, dass Sie heute kommen und kassieren wollen?»
«Seit acht Wochen konnten Sie damit rechnen — jeden Tag,» sagte ich erbarmungslos.
Fiebrig strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. «Na ja, da war dann auch noch die Sache mit dem Anwalt.»
«Ist das etwa mein Pech?»
«Nein…, ähm, na ja — ich weiß auch nicht,» wand sie sich, «spielt das denn überhaupt eine Rolle?»
«Das einzige, was hier eine Rolle spielt, sind viertausendsiebenhundert Euro — in bar.»
Sie seufzte. «Tut mir leid, da muss ich passen.»
Freilich, bei einem Gerichtsvollzieher vielleicht, die kann man mit Offenbarungseiden abwimmeln. Aber mich nicht, nicht Bodo Lünch. «Wo ist das Schlafzimmer?» knurrte ich.
«Wie bitte?»
«Wolln mal ’nen kleinen Kassensturz machen, und da fangen wir zweckmäßigerweise mit dem Schlafzimmer an, dort wird meistens das Geld versteckt, irgendwo in den Wäschefächern.»
«Absonderliche Idee!» lachte sie. «Wir haben nirgends Geld versteckt, weder im Schlafzimmer noch sonstwo.»
Ich antwortete mit einem diabolischen Lächeln. «Tatsächlich? Nun, Sie werden sicher nichts dagegen haben, wenn ich mich persönlich davon überzeuge.»
Entsetzt verfolgte sie, wie ich auf die Tür hinter ihr zuging. Es gab ein kurzes Gerangel, dann war der Weg frei, und ich trat hinaus in die Diele und orientierte mich.
Sie kam hinter mir her und keuchte: «Das ist nicht legal, dazu haben Sie kein Recht!»
«Ist es etwa legal, seine Schulden nicht zu bezahlen?» wimmelte ich sie ab.
Das Schlafzimmer war eine Komposition aus weißem Schleiflack, vielen Spiegeln und dickem eisblauen Velours. Auf der Schwelle blieb ich kurz stehen und ließ das Ganze auf mich wirken. Und sie redete die ganze Zeit von hinten auf mich ein. Ich beachtete ihr ohnmächtiges Gestammel nicht, es war undeutliches Geplapper im Hintergrund ohne jede Bedeutung.
Ich hasse Schleiflack, besonders weißen.
«So, dann wolln wir mal,» brummte ich und ging hinein und machte mich an die Arbeit. Zuerst nahm ich mir die Frisierkommode vor und riss sämtliche Schubladen heraus, schüttete den Inhalt auf den Boden und warf die leeren Fächer achtlos in die Ecke — möglich, dass der Schleiflack dabei ein paar Schrammen abbekam. Fläschchen und Tuben purzelten heraus, Döschen und Büstenhalter, der ganze Weiberkram eben. Aber kein Geld.
Die Burgsmüller beobachtete es fassungslos von der Tür aus und schlug sich die Hände vor den Mund.
Lustlos stöberte ich mit der Schuhspitze in dem Haufen herum, der vor mir auf dem Boden lag, und nicht ganz unbeabsichtigt latschte ich dabei auf eine Tube Fettcreme, die ihren Inhalt über den Teppich verspritzte.
Sie rang nach Worten und brachte schließlich erbost heraus: «Also, jetzt reicht’s aber wirklich, ich werde die Polizei rufen.»
Ich hielt inne, lächelte dünn und informierte sie: «Fein, und bis sie da sind, werde ich ein bisschen in der Nachbarschaft rumgehen und den Leuten erzählen, auf was für einem Schuldensumpf dieses Häuschen steht. Wollen wir’s so machen, ja?»
Der Wink mit den Leuten wirkte. Das tut er immer. Es scheint nichts Schrecklicheres auf der Welt zu geben als die ‚Leute‘. Schlagartig verging ihr jegliche Lust auf die Polente.
Befriedigt wandte ich mich wieder der Frisierkommode zu und fegte mit dem Unterarm den ganzen Krempel herunter, der drauf stand. Ein paar von den Flakons zersplitterten, Puder staubte, eine Haarspraydose rollte unters Bett. Das Tohuwabohu nahm zu.
Ihre Augen schwammen.
Ich ging zum Schrank und riss die Tür des Wäscheabteils auf.
«Wir haben kein Geld versteckt, so glauben Sie mir doch!» jammerte sie.
Ich ließ die Schranktür ein wenig zwischen meinen Händen hin und her pendeln. «Wieso sollte ich Ihnen das abnehmen? Als Sie sich bei uns Geld pumpten, haben Sie auch hoch und heilig versprochen, es pünktlich und mit allen Zinsen zurückzuzahlen. Und was tun Sie? — Lassen uns glatte zwei Monate mit denn Raten hängen und rennen dann auch noch zu einem Rechtsverdreher, um uns Ärger zu machen. Und vorhin versuchen Sie noch, mir weiszumachen, Sie wüssten von alledem gar nichts. — Mal ehrlich, würden Sie jemandem glauben, der Sie so reingelegt hat?»
«Mein Gott, wir haben Sie nicht reingelegt!» beteuerte sie.
«Wie würden Sie es denn bezeichnen?»
«Es war eine Notlüge — die Zinsen…»
«Ja, ja, die bösen Zinsen. Wenn man sich übernimmt, sind es immer die Zinsen. Ich bitte Sie, verschonen Sie mich mit diesen Platitüden.»
«Ich glaube, es kommt Ihnen gar nicht darauf an, was ich sage,» schniefte sie. «Sie wollen sich einfach nur austoben.»
«Kann sein!» kläffte ich und langte in den Schrank hinein und schaufelte die Wäsche aus den Fächern heraus. Es war auffallend viel Reizwäsche dabei — perverses Zeug aus Gummi — und ganz unten kam dann noch eine Peitsche. Sieh an, sieh an. Nicht, dass ich etwas gegen Peitschen hätte, aber es ist doch immer wieder verblüffend, wo man auf sie stößt. Manchmal habe ich den grausigen Verdacht, dass in den biedersten Schlafzimmern die größten Schweinereien über die Bühne gehen. Was es doch für Heuchler gibt. Nach außen immer hübsch brav und sittsam, und sobald die Rollläden runter sind die liederlichsten Ferkel, die man sich vorstellen kann. — Pfui Deibel!
Ich ließ die Peitsche in die offene Hand klatschen und wunderte mich mit einem anzüglichen Grinsen: «Ist schon komisch, was manche Männer so alles brauchen, um auf Touren zu kommen. Ich kannte mal einen, der konnte nur, wenn’s draußen in Strömen goss. Der Bursche war todunglücklich, bis ihm irgendwer den Tipp mit der Waschstraße gab. Na ja, und nebenbei hatte er dann noch den saubersten Wagen in der Stadt.» Ich wieherte derb.
Sie sackte auf einen Wäschepuff und fing an hemmungslos zu heulen.
Flennende Weiber kann ich nicht ausstehen, sie machen mich rasend. Weitere Schranktüren flogen auf, ich riss die Kleiderstangen mit allen Bügeln und Klamotten drauf heraus und warf sie hinter mich.
Die Burgsmüller war völlig runter mit den Nerven, fix und fertig, wimmerte bloß noch.
Ich trampelte über den Kram am Boden hinweg und räumte die Decken vom Bett ab, feuerte die Kissen hierhin und dorthin und zerrte die Laken herunter. Ich starrte auf die nackten Matratzen nieder und knurrte: «Da könnte es natürlich auch drin sein, man müsste sie aufschlitzen und mal nachsehen.»
Das Gewimmer hinter mir hörte auf. Noch verbissener wütete ich weiter und wuchtete die Matratzen hoch und schleuderte sie von den Lattenrosten herunter. Das Aufschlitzen schenkte ich mir, ich wollte mich nicht mit Schaumstoff, Federkernen und Polsterwatte langweilen. Und das Geld? Welches Geld? Ach so, ja, das — vergessen Sie’s. Hier war kein Geld zu holen, schon gar nicht Tausende von Euros. Was hatten Sie denn gedacht?
Um ganz ehrlich zu sein, ich veranstaltete den ganzen Zirkus nicht wegen des Geldes. Auf Geld kam es gar nicht an, nicht an dieser Stelle des Verfahrens. Ich wollte ihnen einen Denkzettel verpassen für die offenen Raten und natürlich für die Frechheit mit dem Rechtsverdreher. Und als Spezialist für wahr gewordene Alpträume zauberte ich ihnen ein Ding hin, das sie nicht so schnell vergessen würden. Warum ausgerechnet im Schlafzimmer? Na, das ist doch wohl klar, wenn man die Leute ins Mark treffen will, reicht es nicht, ihnen vor die Haustür zu pinkeln, da muss man schon ein bisschen intimer werden. Und am Schlafzimmer kann man ihnen am besten demonstrieren, dass sie keinen Privatbereich mehr haben und Würstchen sind, mit denen man alles machen kann.
Die meisten lassen sich das nicht zweimal gefallen — und zahlen. Und genau darauf kommt’s ja an.
Selbstverständlich ist niemand gezwungen, sich solchen Unannehmlichkeiten auszusetzen. Ordentliche Kunden haben von mir nichts zu befürchten, nicht das Geringste. Pünktliche Ratenzahlungen sind immer noch das beste Mittel, sich meine Hausbesuche vom Leibe zu halten. Das wirkt noch wesentlich zuverlässiger als Knoblauch gegen Vampire.
Nachdem es hinter mir lange still gewesen war, sagte sie plötzlich: «Ist es das, was Sie wollen?»
Ich fuhr herum und setzte mich fast hin. Ich traute meinen Augen nicht. Sie stand vor mir, wie Gott sie erschaffen hatte, und reckte mir ihre Titten entgegen. Und was für TITTEN! Groß und prall und mit steifen Brustwarzen in kleinen rosigen Höfen. Ein brennendes Verlangen nach Milch stieg plötzlich in mir hoch. Und dann dieses kleine wuschelige Dreieck zwischen den Schenkeln, in dem auf lustbringende Art so manches verschwinden konnte. Einladend lächelte sie mich an. Sie fühlte sich mir überlegen. Sie musste wahnsinnig sein.
Ich spürte, wie es in meiner Mitte unaufhaltsam schwoll, schob und drängte, bis er schließlich groß, hart und heiß war und beinahe die Hose aufsprengte. Mein Mund war trocken wie ein Wadi nach einer langen Dürreperiode. Ich leckte mir über die Lippen und starrte sie mit fiebrigen, begierigen Augen an. Diese verdorbene kleine Schlampe! Unaufhörlich traktierte sie mich mit dem Anblick ihres hinreißenden Körpers und mit diesem Lächeln, das mir alles versprach. Ich hätte nur zugreifen brauchen. Sie bot mir Zins und Tilgung in Naturalien an. Und das Geld? Raffs Geld? Zum Teufel mit dem Zaster! Hier war dieses prächtige Weibsstück, das sich mir geradezu aufdrängte, und wo war Raff? Zum Teufel auch mit dem alten Bastard! Allein das Hier und Jetzt zahlte, ähm, zählte. Ich würde sie mir vornehmen und es ihr besorgen, wie es ihr noch niemand besorgt hatte. Es würde eine Schändung erster Klasse werden. Und dem impotenten alten Knacker konnte ich hinterher ja ausführlich von der ganzen Schose erzählen. Viertausendsiebenhundert Mäuse würde ihm das schon wert sein… — Aber Vorsicht, Lünch, das konnte auch eine Falle sein. Es sah sogar ganz verdammt nach einer Falle aus. Es wäre nicht das erste Mal, dass du da in eine dumme Geschichte reintappst.
Wenn man Weiber richtig rannimmt, kann es nämlich sein, dass sie sich auf einmal die Klamotten vom Leibe reißen und so tun, als ob sie auf die harte Tour abfahren. Und hinterher rennen sie zur Polente und zetern ‚Vergewaltigung! Vergewaltigung!‘
Da steht man dann saublöd da, hat die Bullen auf dem Hals und wenn’s ganz dumm läuft, kriegt man noch einen Prozess angehängt. Ist mir alles schon passiert.
Also, Lünch, denk mal ganz scharf nach, ist sie dir das wert? Verflucht und zugenäht, und wie sie mir das wert war, alleine schon, um es ihr richtig zu zeigen, diesem eiskalten blonden Luder. Aber… — Na, Lünch, etwa Angst vor eiskalten Blondinen? — Am Arsch! Mit den Bullen würde ich zur Not ja noch fertig und mit den Gerichten auch, die können höchstens das Geschäft platzen lassen — wegen der Zinsen. Aber bei Raff war ich mir nicht sicher. Vielleicht stand er ja nicht auf solche Geschichten… Wenn ich mir’s recht überlegte, konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass diesen alten eiskalten Bastard überhaupt etwas heiß machte — vom Zaster natürlich abgesehen. Und wenn doch, würde ihm so eine Story aus dem vollen Leben wirklich vier Komma sieben Mille wert sein? Eher doch wohl nicht. Das hätte bedeutet, dass er mir den Zinsausfall glatt von meiner Provision abgezogen hätte; nichts bereitet dem alten sadistischen Geizkragen mehr Spaß, als mir meine sauer verdienten Provisionen zusammenzustreichen, Sie sollen mal sehn, wie dann seine kleinen Äuglein leuchten.
Unter diesem Aspekt sah ich mir die Burgsmüller noch mal an. Es fiel mir nicht leicht, aber ein flotter Zweier mit ihr hätte mich unter Umständen auf Jahre hinaus ruiniert und auf jeden Fall eine schöne Stange Geld gekostet. Und es gibt nun mal etwas, das mir noch wichtiger ist als scharfe Weiber: Geld. Mit zusammengebissenen Zähnen verfluchte ich meinen Job und nahm mir vor, bei Gelegenheit in einen Luxuspuff zu gehen, mir ein Mädchen zu nehmen, das ihr ähnlich sah, und es im Gedenken an sie ordentlich durchzubumsen. So macht man das als gestandener Mann. Wäre ja auch noch schöner, wenn man sich von seinem eigenen Pimmel ins Unglück stürzen lassen würde.
Wortlos setzte ich mich in Bewegung, machte einen großen Bogen um sie herum und blieb in der Tür stehen und drehte mich noch einmal um zu ihr. Sie starrte mich ungläubig an, ja, fast sogar ein bisschen vorwurfsvoll. Wahrscheinlich war ihr es noch nie passiert, dass ein Mann dankend verzichtete, obwohl sie schwerstes Geschütz aufgefahren hatte. Nun, um nicht allzu originell zu werden: Einmal ist immer das erste Mal.
Ich schnippte mit den Fingern. «Also fünftausend bis übermorgen.»
Sie stemmte den Arm in ihre entzückend geformte Hüfte und legte den Kopf schief. Herausfordernd erkundigte sie sich: «So, und warum plötzlich fünftausend?»
«Dreihundert Mahngebühr,» — ich grinste und zeigte mit dem Pfeifenstiel im Zimmer herum –, «oder meinen Sie, Sie kriegen das alles umsonst?»
«Und können Sie mir vielleicht auch sagen, wo wir so viel Geld in so kurzer Zeit herkriegen sollen?» Sie schien sich nicht im Geringsten zu schämen, dass sie nackt und bloß vor mir stand, während sie ums Geld feilschte.
Ich weidete mich noch einmal an ihrem Anblick und schlug ihr verträumt vor: «Sie könnten zum Beispiel alten Omas im Park die Handtaschen klauen. Meinetwegen können Sie auch ’ne Bank überfallen. Aber suchen Sie sich eine aus, bei der wirklich was zu holen ist, und lassen Sie sich nicht erwischen, bevor Sie den Zaster bei uns abgeliefert haben.»
Dann war es aus mit ihrer tollen Nummer, sie brach zusammen, ließ sich auf den Boden fallen und heulte bitterlich in sich hinein.
Ob ich das gewollt hatte? Verdammt, ja! Am Boden zerstört, entblößt, in Tränen aufgelöst, genauso wollte ich sie haben. Und ich hoffte sehr, dass das auch noch eine Weile vorhielt — bei den Weibern kann man ja nie wissen…
Ich verewigte mich noch mit der Asche aus meiner kalten Pfeife auf dem eisblauen Velours, dann ging ich weg und ließ alle Türen offen stehen.
Ich setzte mich in den Wagen, den ich in der Garagenauffahrt geparkt hatte. Es war eine feuerrote Corvette mit superbreiten Reifen und hochgetrimmter Big-Block-Maschine — 450 PS aus 7,5 Litern. Ich startete den Motor, spielte ein paar mal mit dem Gas und ließ dann die Pferdchen los und radierte mit viel Getöse und Reifenquietschen zwei dicke schwarze Streifen auf das helle Betonsteinpflaster. Verärgert jagte ich davon. Ich fühlte mich nicht ausgelastet. Die Sache war viel einfacher gewesen, als sie anfangs ausgesehen hatte — zu einfach.
An diesem Morgen war es mir nicht nach Standardfällen, ich lechzte nach einer harten Nuss, nach einer echten Herausforderung. Ich wollte auf die Pauke hauen, endlich mal wieder richtig die Sau rauslassen… Blut sehen. Was ich brauchte, war ein mieses, verlogenes, betrügerisches Subjekt, eine Kanaille, die mir einen Grund lieferte, sie zu zertreten wie eine Laus. Manche Leute müssen dann und wann ein, zwei Bierchen trinken oder zwanzig Kilometer durch den Wald rennen, ohne dass jemand hinter ihnen her wäre, und ich muss mich eben ab und zu mal an einem richtig miesen Drecksack abarbeiten. So was verleiht einem hinterher irgendwie immer ein Gefühl von — Reinlichkeit.


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2. Wie geschmiert >>
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