5. Gerüchterstattung

Der nächste Vormittag war wie geschaffen, um meine Stimmung auf den absoluten Nullpunkt zu bringen. Jeden, der mir an diesem Tag in die Quere kommen würde, konnte ich nur bedauern. Zunächst mal hatte ich einen Zahnarzttermin, und danach musste ich zum Gericht. Eine sechszehnjährige Göre war mit ihrem Handyvertrag unter Wasser geraten, und um ihre Telefongesellschaft milde zu stimmen und weiter telefonieren zu können, hatte sie sich bei Raff das nötige Bare besorgt, natürlich mal wieder ohne auch nur einen Gedanken an Zins und Tilgung zu verschwenden. Die übliche Tour hatte in diesem Fall nicht gezogen, ihr Alter, Oberstudienrat (ständig aufgeamselt um seine Rechte besorgt und höchstwahrscheinlich Grünen-Wähler — die Sorte kennt man ja), hatte sich rundweg geweigert, für ihre Schulden aufzukommen und sie aufgehetzt, sich verklagen zu lassen. Ich musste da hin, um die Firma Raff zu vertreten. Was die meisten nicht wissen, Kinder kann man durchaus verklagen. Ob man damit an sein Geld kommt, ist eine andere Frage, das hängt davon ab, wieviel sie in ihrem Sparschwein haben. Auf jeden Fall kriegt man aber einen vollstreckbaren Titel, der dreißig Jahre gültig ist. Man kann sich dann also später zu einem günstigeren Zeitpunkt an ihnen schadlos halten. Und bis dahin laufen die Zinsen (leider nicht die von Raff, sondern nur die gesetzlichen). Insgesamt ist das gar keine schlechte Geldanlage, aus ein paar Euro können so über die Jahre tausende werden. Und es liegt ganz bei den Eltern, ob sie es so weit kommen lassen und ihren Kindern den Start ins Leben damit vermasseln wollen. Und der Vater dieses Herzchens, dieser besserwisserischer Rechthaber, wollte genau das. Um ihm dafür eine reinzuwürgen, hatte ich mir erlaubt, die Presse anonym ins Gericht zu bestellen. Die Firma Raff scheut keineswegs das Licht der Öffentlichkeit, im Gegenteil, sie ist sehr an Öffentlichkeit interessiert — soweit sie sie für ihre Zwecke einsetzen kann. Und hier ging es darum, einer unangenehmen Lehrertype eine Abreibung zu verpassen. Wer würde da nicht auf unserer Seite sein? Mir schwebten Schlagzeilen vor wie: ‚Würden Sie einem Lehrer, der seine eigene Tochter so im Stich lässt, Ihr Kind anvertrauen?‘

Der Zahnarzt hatte mir ganz schön im Gebiss herumgefuhrwerkt, und ich war noch fuchsteufelswild vor Schmerzen, als ich beim Gericht einlief.

Als Richterin hatten wir eine vertrocknete Blondine mit Ponyfransen. Sie guckte mit bedenklicher Miene in den Kreditvertag und hielt mir dann vor, dass da ja gar nichts von Zinsen drin stünde.

Ich nickte und erklärte: «Wenn nichts drin steht, gilt der marktübliche Zinssatz als vereinbart. Bei Verträgen mit Jugendlichen handhaben wir das immer so, um sie für den Fall einer Senkung bei den Leitzinsen in den Genuss der Senkung kommen lassen zu können, was natürlich nicht ginge, wenn der Zinssatz festgeschrieben wäre.» (Eine glatte Lüge und trotzdem keine Falschaussage, schließlich war ich nicht als Zeuge hier, sondern als Prozesspartei).

Die Richterin blickte mich skeptisch an. «Und was ist bei steigenden Zinsen?»

«Dann wäre natürlich auch eine Anpassung nach oben möglich. Aber grundsätzlich sind wir bemüht, die Kosten für unsere jüngsten Kunden so niedrig wie möglich zu halten — schließlich sind das ja auch die Kunden von morgen.» Mein Gott, Bodo Lünch, was redest du da für einen Quark? Für die Richterin reichte es allerdings. Sie richtete den Blick auffordernd auf den Anwalt der Kleinen. Der fuhr mich an: «Haben Sie mit meiner Mandantin mündlich nicht ganz etwas anderes vereinbart als den, äh, marktüblichen Zinssatz, nämlich, dass sie Ihrer Firma für die fünfhundert Euro, die Sie ihr geliehen haben, nach zwölf Monaten siebenhundertfünfzig Euro zurückzahlen sollte? Was nach Adam Riese einem Zinssatz von sage und schreibe fünfzig Prozent entspräche?»

Und wie das stimmte, alles andere wäre ja pure Gefühlsduselei gewesen. Sind wir etwa Sozialromantiker? Gott bewahre! Aber das konnte man natürlich nicht zugeben, und entrüstet blaffte ich zurück: «Wo haben Sie das denn her?»

«Von meiner Mandantin, was Sie wohl kaum verwundern dürfte,» antwortete er mit einem boshaften Lächeln.

Ich sah mir das Mädchen an. Mit niedergeschlagenen Augen saß sie da, und es war ihr deutlich anzumerken, dass sie nur hier war, weil Papachen sie hierher getrieben hatte. Keine besonders guten Voraussetzungen für das standfeste Aufrechterhalten von Behauptungen. Ich richtete das Wort an sie und fragte sie warm: «Stimmt das?»

Sie nickte stumm.

«Der Herr Raff hat dir gesagt, du solltest ihm nach zwölf Monaten siebenhundertfünfig Euro zurückzahlen?»

«Das hat er gesagt,» antwortete sie brav.

«Bist du ganz sicher, dass er nicht etwa gesagt hat, du solltest ihm für zwölf Monate siebenundfünzig Euro Zinsen zahlen?»

Sicher war die Kleine noch nie gewesen, aber das warf sie völlig aus der Bahn. Selbstgefällig bohrte ich nach: «Siebenhundertfünfzig in zwölf Monaten und siebenundfünfzig für zwölf Monate, das klingt ziemlich ähnlich, oder? Da kann man sich schnell verhören, deshalb muss man bei so was immer höllisch aufpassen und ganz genau hinhören. — Hast du aufgepasst, oder hattest du jemanden dabei, der für dich aufpasst?»

Stummes Kopfschütteln und ein sehnsuchtsvoller Blick nach der Tür.

Der Anwalt, den ihr der Papa besorgt hatte, war eine Null. Er hatte sich längst zurückfallen lassen und den Fall abgeschrieben.

Der Rest der Verhandlung ging drauf für ein paar formaljuristische Spielchen und das Gezerfe um die Prozesskosten. Ich sorgte dafür, dass sie an der Kleinen hängenblieben, beziehungsweise an der Rechtsschutzversicherung ihres Alten. Rechthaber wie er haben immer eine, und sie machen regen Gebrauch davon. Aber mit jedem verlorenen Prozess steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie rausfliegen.

Zum Schluss sprach die Richterin noch einige mahnende Worte in meine Richtung und meinte, die Firma Raff sollte sich genauestens an die Formvorschriften für Kreditverträge halten, besonders, wenn sie Geld an Jugendliche verliehe, da sie andernfalls einmal streng durchgreifen müsse.

Irgendwie glauben Richter, zu guter Letzt immer noch ein erbauliches Sprüchlein wie dieses vom Stapel lassen zu müssen. Denken wohl, sie würden sonst ihre Pension nicht kriegen.

Die Presse war mit drei Mann hoch erschienen (zwei davon waren Mädchen, um genau zu sein). Vor der Tür fielen sie sofort über mich her. Ich tat völlig überrascht, ging aber sehr schnell dazu über, ihnen ein paar Statements in die Blöcke zu diktieren. Tenor: Eltern verletzten ihre Aufsichts- und Erziehungspflichten. Ihr Kind gerät dadurch in Schwierigkeiten, und sie suchen für ihr Versagen krampfhaft einen Sündenbock und versuchen, eine durch und durch seriöse Firma in Misskredit bringen. Dunkel deutete ich noch die Möglichkeit an, dass sich die Firma Raff Schadensersatzansprüche für ein etwaigen Vertrauensschaden vorbehielte. Und selbstverständlich versäumte ich es nicht, auf die Tatsache hinzuweisen, dass der Vater der Kleinen Lehrer von Beruf war. Wenn sie davon auch nur einen Bruchteil brachten, würden sie morgen im Lehrerzimmer und in der Elternschaft ganz schön ins Reden kommen. Und zum Schluss setzte ich noch einen drauf und empörte mich moralisch über dieses verantwortungslose Scheusal von Vater, der sein Kind erst in einen aussichtslosen Prozess hetzte und dann auch noch ins Licht der Öffentlichkeit zerrte, indem er die Presse dazu bestellte. Ich hätte wirklich Schauspieler werden sollen.

Eines der Pressemädchen fragte noch keck: «Es stimmt also nicht, dass Ihre Firma Jugendliche abzockt?»

«Unsere Firma zockt niemanden ab, weder Jugendliche noch sonstwen,» bürstete ich sie ab. «Das hat dieser Prozess doch klar und deutlich ergeben, denke ich.»

«Ergeben hat der Prozess nur, dass man Ihnen nichts beweisen kann, weil Sie clever genug waren, nichts schriftlich zu fixieren,» entgegnete sie spitz, das freche Flittchen.

«Selbstverständlich haben wir alles schriftlich fixiert,» schnauzte ich sie an. «Wir haben einen hieb- und stichfesten Vertrag. Haben Sie etwa nicht mitgekriegt, wie er vorhin da drin verlesen wurde, und dass wir den Prozess gewonnen haben?»

«Doch, bloß über das Entscheidende stand nix drin — die Zinsen.»

«Kennen Sie sich aus im Kreditgeschäft?»

«Gut genug, um zu wissen, was in einen ordentlichen Vertrag reingehört.»

«Sehen Sie, und genau darüber streiten die Gelehrten schon seit Jahrhunderten» belehrte ich sie kaltblütig. «Steht zuviel drin, wird ein Vertrag zu starr und man kann auf veränderte Gegebenheiten nicht mehr reagieren. Steht etwas weniger drin, kann man das im Bedarfsfall zwar mit Hilfe der geltenden Gesetze ergänzen, aber dann kommen Sicherheitsfanatiker, die immer alles ganz, ganz genau geregelt haben müssen und rufen: Regelungslücke, Betrug, Weltuntergang! Sie sehen also, den richtigen Vertrag schlechthin gibt es nicht, Wenn es so wäre, wären ja auch alle Gerichte und Rechtsanwälte und Reporter, die darüber berichten, mit einem Schlag arbeitslos. Und das wollen wir doch nicht, oder? Bei der Arbeitslosigkeit, die wir jetzt schon haben. Finden Sie nicht auch?»

Skeptisch verzog sie den Mund.

Ich grinste sie vieldeutig an und sagte: «Aber wir können dieses Thema ja gerne mal bei einer Tasse Kamillentee vertiefen.»

Mit zwei gestreckten Fingern zog ich eine Visitenkarte aus der Brusttasche meines Jacketts und gab sie ihr. «Rufen Sie mich an, wenn sie mal Zeit haben…»

Damit ließ ich die Schreiberlinge stehen und verließ frohgemut den Tempel der Gerechtigkeit. Spiel, Satz und Sieg Bodo Lünch, und zum Teufel mit allen Paukern.

Die Schmerzen der Zahnbehandlung waren fast weg. Ich fand, dass es Zeit war für ein ordentliches Mittagessen und entschied mich für einen Italiener, bei dem die Kellner mit langen weißen Tischtüchern um die Hüften rumrannten. Es wurde eine komplette Menufolge mit Cognac und Zigarre zum Schluss und ein bisschen Geschäker mit Loretta vom Tresen.

Dann trollte ich mich, um mich mal wieder bei Raff blicken zu lassen, damit er noch wusste, wie ich aussah und sich sicher sein konnte, dass ich mich nicht mit seinem Zaster oder der Kundenkartei abgesetzt hatte.

Er kam gleich zur Sache und verlangte einen Tagesbericht. Ich hob an, ihm von meinem Zahnarztbesuch und den grässlichen Schmerzen zu berichten. Aber das interessierte ihn natürlich einen Dreck, und er biss in die Butterstulle, die sein Mittagessen darstellte und schürfte einen Schluck koffeinfreien Kaffee aus der Thermosflasche und gab mir mit einer wedelnden Handbewegung zu verstehen, ich möge endlich zur Sache kommen. Also erzählte ich ihm, wie der Prozess gelaufen war. Natürlich befriedigte es ihn, dass wir gewonnen hatten (dank meiner umsichtigen und geschmeidigen Prozessstrategie — aber davon wollte er auch wieder nichts hören). Sehr viel weniger gefiel ihm, dass uns das Gericht unsere schönen Zinssätze so drastisch zusammengestrichen hatte. Er mäkelte herum: «Hätten Sie dieses dumme Kind nicht ein bisschen besser ausquetschen können, ich meine außergerichtlich?»

Wir sprachen hier im Endeffekt von noch nicht mal zweihundert Piepen. Aber Prinzip ist Prinzip. Und Raff geht es nicht um Größenordnungen, sondern darum, dass Geld, das rausgegangen ist, ordentlich vermehrt wieder reinkommt. Und kein Betrag ist ihm dabei zu gering. Ich sagte: «Natürlich hätte ich das gekonnt. Aber dazu hätte ich vorher den Vater umlegen müssen, Nicht dass ich da irgendwelche Skrupel gehabt hätte, aber stellen Sie sich mal die Schlagzeilen vor: Bester Mann von Kredit-Raff unter Mordverdacht. Oder so. Das wäre doch wirklich nicht gut fürs Geschäft.»

Raff hörte zu kauen auf und mümmelte: «Bester Mann der Firma? — Sie?»

Bescheiden lächelnd steckte ich zurück.:«Nun ja, dann eben der einzige Mann von Kredit-Raff.»

Misstrauisch beäugte er mich und argwöhnte irgendeine dreckige Anspielung in meinen Worten, konnte mir aber nichts beweisen. Er stand auf und blickte aus dem Fenster in den Hof hinunter. «Und überhaupt, was haben Sie mir da wieder angeschleppt?» Er meinte das Mercedescabrio von Sven Möchtegerndrogenhändler Hosenscheißer.

Ich sagte: «Das sind Zins und Tilgung für den Kredit von dieser Oma vom Lande — wenigstens die erste Hälfte davon.»

Raff warf mir über die Schulter einen giftigen Blick zu. «Die hat sich diesen Schlitten gekauft — von meinem Geld?»

«Sie nicht, ihr Enkel.»

Betrübt schüttelte er den Kopf. Es enttäuschte ihn offensichtlich bitter, dass man gar niemandem mehr trauen konnte, selbst wenn man es gewollt hätte.

Ich holte meine Brieftasche heraus und entnahm ihr das Geld, das ich gestern Kaplan abgeluchst hatte, und blätterte die Scheinchen auf den Tisch des Hauses. «Und das hier sind die Spielschulden, die Kaplan bei Ihrem Kumpel aus dem Golfklub noch offen hatte.»

Selbstverständlich kein Wort des Dankes oder der Anerkennung. Er schob den Fächer sorgfältig, fast ehrfurchtsvoll zusammen, tat ihn in die Schreibtischschublade und erkundigte sich: «Wie sieht es eigentlich aus in Sachen Burgsmüller?»

«Müsste bis Freitag abgeschlossen sein.»

«Und dieser verstockte kleine Lagerarbeiter?»

«Heute oder morgen.»

Er blickte auf seinem aufgeräumten, fast leeren Schreibtisch herum und stellte fest: «Nun ja, viel ist das nicht gerade.»

Ich hatte ihm bloß seine Außenstände zu hundert Prozent wieder hereingeholt. Aber irgendwie schien die Vorstellung an ihm zu nagen, dass es möglich sein müsste, sie zu mehr als nur zu hundert Prozent wieder beizutreiben — zu wesentlich mehr. Leute wie Raff kennen nach oben keine Grenze. Gemächlich begann ich mir ein Pfeifchen zu stopfen, weil ich wusste, wie sehr er Tabakrauch hasste, und sagte scheinheilig: «Stimmt, ich hatte mir eigentlich auch mehr erwartet.»

Mehr als einen grantigen Blick voller Abscheu und Tadel brachte mir das nicht ein.

Ich riss ein Streichholz an und paffte die Pfeife in Gang. Raff hüstelte missbilligend und packte einen Stapel Aktenhefter auf den Tisch und schob sie mir hin. «Hier, ein paar einfache Fälle. Das wird Sie wohl kaum überfordern.»

Ich griff nach dem obersten Aktendeckel und fragte zurück: «Hat mich schon jemals etwas überfordert?»

«Wollen Sie darauf wirklich eine Antwort?» konterte er und funkelte mich durch die Gläser seiner Kassenbrille tückisch an.

Achselzuckend vertiefte ich mich in die Akte: Nichts besonderes, Kleinkredit, fünf Mille. Bei den übrigen sah es nicht viel anders aus — alles kleinere Sächelchen zwischen drei- und neuntausend Euro. Insgesamt acht Fälle mit einem Gesamtvolumen von rund vierzigtausend Mücken. Ich entnahm den Ordnern die Verträge und die Stammblätter mit den Personalien der Kreditnehmer, faltete sie ohne besondere Sorgfalt zusammen (was Raff auf den Tod nicht ausstehen kann) und verstaute sie in meinem Jackett, wo sie Eselsohren kriegen würden (was er noch weniger leiden kann).

Damit war unsere nette kleine Besprechung abgeschlossen.

Leute wie Raff stellt man sich gerne vor als verdorrte, hippelige Männlein mit gelben Mumiengesichtern oder als fiese Dickwänste, die vor lauter Fett kaum aus den Augen gucken können. Nichts davon trifft auf ihn zu. Wenn an ihm überhaupt etwas auffallend ist, ist es sein ausgeprägt altmodisches Äußeres. Seine Anzüge sind altmodisch, seine Kassenbrille ist altmodisch, seine Topfschnittfrisur ist altmodisch, seine hellbraune, abgenutzte Aktenmappe mit Lederriemen ist altmodisch, und seine Ansichten gehen auf Attila den Hunnen zurück. Auf den ersten Blick könnte man ihn mit seinem milden Greisengesicht für geradezu harmlos halten. Das Büro schmeißt er alleine, eine Sekretärin wäre nur ein unnötiger Kostenfaktor. Technologisch ist er bei der Einführung des Telefons stehengeblieben. Computer gibt es nicht, die Registrierkasse zwischen seinen Ohren reicht ihm völlig aus. Sein einziges Zugeständnis an die neue Zeit ist ein altersschwacher Kopierer, der aus dem letzten Loch pfeift. Einen Wagen besitzt er ebenso wenig; irgendwie ist es ihm gelungen, sich einen Schwerbehindertenausweis zu ergaunern, mit dem er mit Bussen und Bahnen praktisch überall für umsonst herumgondeln kann. (Worin seine schwere Behinderung liegen soll, ist mir nie ganz klar geworden, zu Fuß ist er jedenfalls noch ausgesprochen flott. Vielleicht betrachtet er sich deshalb als schwer behindert, weil man ihn nicht so viel Geld scheffeln lässt, wie er es für geboten hält). Das wirklich ideale Fortbewegungsmittel für ihn steht in unseren Breiten leider nicht zur Verfügung, es wäre eine Rikscha mit einem ausgemergelten chinesischen Kuli davor, den er mit der Knute antreiben könnte. Familie hat er natürlich nicht, wo käme man hin mit einem Haufen unnützer Esser am Hals? Zu gerne hätte ich gewusst, wo und wie er eigentlich lebt, aber es ist mir noch nicht gelungen herauszufinden, wo er seine Bleibe hat. Es würde mich allerdings nicht übermäßig wundern, wenn er aus Kostengründen unter den Brücken schliefe. Und das größte Rätsel überhaupt ist natürlich, was er eigentlich mit seinem vielen Zaster macht. Mit anderen Worten, der Alte ist ein einziges Mysterium für mich.

Den Rest des Tages brachte ich damit zu, die Adressen aus den Akten abzuklappern. Sehr schnell kam ich darauf, dass ich hier so eine Art Muster vor mir hatte, hinter den Anschriften verbargen sich ausnahmslos Notunterkünfte, Obdachlosenasyle und ähnlich segensreiche Einrichtungen. Und Raffs Kunden waren durch die Bank Penner. Keiner von ihnen war zuhause. Ein abgebrühter Heimleiter erklärte mir, dass es völlig normal wäre, dass die Herren Tippelbrüder ihren amtlichen Wohnsitzen monatelang fernblieben und sich nur einfanden, wenn es draußen minus zwanzig Grad hatte, oder wenn sie mal wieder eine Unterschrift brauchten, damit sie bei der Verlängerung ihrer Personalausweise einen festen Wohnsitz eintragen lassen konnten.

«Und wo kann man sie finden, wenn sie nicht hier sind?» erkundigte ich mich.

Der Sozialfritze grinste mich müde an. «Die können überall sein, Mittelmeerraum inklusive. — Es sind Tippelbrüder, die müssen tippeln.»

Schlaumeier. Aber bevor ich ihnen über die Alpen hinterjechte, würde ich mich erst mal hier in der Stadt nach dem einen oder anderen von ihnen umsehen. Das heißt, ich würde mich nicht selber durch die Pennerszene schnüffeln. Dafür gibt’s Leute mit robusteren Nasen, die Gestank gewöhnt sind.

Einer von ihnen war Hinrich, genannt Hinner, Piependonk. Sein Büro hatte er in einer trübseligen Seitenstraße am Bahnhof oben im fünften Stock. Hin und wieder schanze ich ihm mal einen kleinen Auftrag zu, wenn Laufarbeit angesagt ist. Das Etablissement, das er betreibt, nennt sich Privatdetektei. Sein offizieller Honorarsatz sind fünfhundert pro Tag plus Spesen, Nacht- und Wochenendarbeit extra. Ich habe allerdings noch nie gehört, dass jemand darauf reingefallen wäre. Seit mit der Wirtschaftslage auch die Lust der Leute an Scheidungsprozessen in die Knie gegangen ist, nimmt er praktisch jeden Job zu jedem Preis an. Was ich damit sagen will, ist, Schmutz und Ferkeleien waren schon immer sein Geschäft, bloß dass er’s jetzt auch für’n Appel und ’n Ei macht.

Piependonk ist einer jener Burschen, denen man nur wünschen kann, dass sie einmal so alt werden, wie sie aussehen. Irgendwo hab ich mal gehört, dass er noch keine Vierzig ist. Aber er hat kaum noch Haare auf dem Kopf, sein zerfurchtes Gesicht ist grau wie Fensterkitt und seine Haltung ist die eines ausgelaugten alten Mannes, dem viele nutzlos vertane Jahrzehnte und mindestens zwei verlorene Weltkriege auf den Schultern lasten. In seiner reichlich bemessenen freien Zeit lernt er Lexika auswendig. Sein Traum ist, in einer Quizshow einmal alle Antworten zu wissen und dann die Million abzustauben. Was er damit vorhat, hat er mir nie verraten. Der Tatsache, dass ich ihn noch in seinem Bürokabuff unter einer einsamen, trostlos sirrenden Neonröhre antraf, entnahm ich, dass das große Ereignis noch nicht eingetreten war und er sich immer noch im Trainingsstadium befand.

Über seinen Schreibtisch hinweg lächelte er mir trübe entgegen. «Na, Bodo, was gibt’s? Hat dich der Alte mal wieder zum Durchstöbern von Mülltonnen losgeschickt, und ich soll dir die Arbeit abnehmen?»

Ich ließ mich auf dem — wie er zu scherzen beliebte — Beichtstuhl nieder, der noch nicht einmal den Versuch unternahm, den Eindruck zu erwecken, dass er mit etwas Besserem als nur mit ordinärem roten Kunststoff bezogen sei und auf dem man sich bei diesen Temperaturen im Handumdrehen einen nassen Rücken holte, auch wenn man nichts zu beichten hatte. «Hinner, alter Knabe, du kennst mich doch, von mir kriegst du nur die Rosinen.»

«Komisch, für mich sehen die immer mehr aus wie Schafsköttel.»

«Alles ist relativ, du solltest mal die Berge von Scheiße sehen, durch die ich mich sonst so durchwühlen muss.»

Er klappte den Lexikonwälzer vor sich zu. «Ja, ja, die Welt ist schlecht, und sie stinkt.»

Ich ließ seine weisen Worte durch Raum und Zeit davon schweben und lauschte ihnen ergriffen nach. Dann sagte ich: «Zufällig noch Termine frei?»

«Wieviel von meiner kostbaren Zeit gedenken der Herr denn so zu beanspruchen?»

«Wie lange brauchst du denn, um die Pennerszene abzugrasen?»

«Ich wusste es doch: Es stinkt.»

«Nicht doch, du sollst ja nicht die Klamotten mit ihnen tauschen.»

«Von welcher Pennerszene reden wir hier?»

«Hier in der Stadt und im Umkreis von maximal — sagen wir — vierzig Kilometern.»

«Also Aschaffenburg, Offenbach, Hanau, Wiesbaden, Mainz, Darmstadt noch mit dazu?»

«Wenn’s sein muss.»

«Das dauert Jahre.»

«Ich geb die Zeit bis nächsten Montag.» Ich holte die Kreditpapiere hervor, löste die Fotokopien der Personalausweise, die an die Stammblätter geheftet waren, ab und schob sie ihm hin. «Um diese Brüder geht es. Was mich besonders interessiert, sind ihre Spitznamen. Soviel ich weiß, benutzen sie in diesen Kreisen so gut wie nie ihre richtigen Namen. Und natürlich ihre derzeitigen Tummelplätze. Für den Anfang tun’s auch erst mal zwei oder drei von ihnen.»

Gedankenvoll betrachtete er die Kopien und fing an: «Also mein Honorar beträgt…»

«Vergiss es,» unterbrach ich ihn. «Hundert Eier pro Tag, keine Spesen, keine Extravergütung. Wenn du mir alle acht bringst, könnten wir allerdings unter Umständen über eine kleine Prämie reden.»

Seufzend ließ er sich in seinen Sessel zurückfallen und schüttelte den Kopf. «Du wirst dem alten Halsabschneider wirklich immer ähnlicher.»

«Das ist ein großes Kompliment,» grinste ich.

«Gehn wir noch einen trinken?» erkundigte er sich.

«Du meinst, ob ich dir einen ausgebe?»

«Oder so.»

«Montag.»

Wieder seufzte er und klappte sein Lexikon auf und beugte sich über das gesammelte Wissen, das sehr kostbar sein kann — zum Beispiel in einer Quizshow, wenn man die Millionenfrage richtig beantwortet hat.

Holterdipolter galoppierte ich die Holzstiege, die zu Piependonks Klause führt, hinunter.

Irgendeine Schweinerei war hier im Gange. Was das war, würde Piependonk nicht herausfinden, aber er würde mich zu diesen Halunken führen, und die würden es mir schon sagen.


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