Fünfzehntes Kapitel – Verbindung mit der Polizei

Man kann sich vorstellen, wie froh ich war, nach den Gefahren, denen ich bei Roman und seiner Bande ausgesetzt war, als ich das alles hinter mir gelassen hatte. Es war klar, daß die Regierung, sobald sie feste Formen angenommen haben würde, die wirksamsten Maßregeln ergreifen mußte, um die allgemeine Sicherheit wieder herzustellen.

Die Ordnung kehrte allmählich zurück, und die Räuber, zu welcher Farbe sie sich auch bekannten und in wessen Namen sie handelten, hörten auf, eine Rolle zu spielen. Ich wäre ja geneigt gewesen, mich in eine Diebesbande aufnehmen zu lassen; die Ehrlosigkeit dieses Gewerbes schreckte mich nicht mehr, mich hielt nur noch die sichere Aussicht aufs Schafott zurück. Aber ein anderer Gedanke brandete jetzt in mir; ich wollte um jeden Preis die Wege des Verbrechens meiden, ich wollte frei bleiben. Ich wußte zwar nicht, wie sich das verwirklichen ließe, aber ganz gleich, – mein Los war bestimmt, ich war sozusagen dem Bagno entschlüpft.

In aller Eile schlug ich den Weg nach Lyon ein; bis vor Orange vermied ich die großen Landstraßen, dann traf ich Fuhrleute aus der Provence, die denselben Weg hatten wie ich. Ich ließ mich mit ihnen in ein Gespräch ein, und da sie mir gute Leute zu sein schienen, trug ich keine Bedenken, ihnen zu sagen, ich sei Deserteur, und sie würden mir einen großen Dienst erweisen, wenn sie mich, um die scharfen Augen der Polizei zu täuschen, unter sich aufnehmen würden. Der Vorschlag überraschte sie keineswegs, sie schienen ihn fast erwartet zu haben. Zu jener Zeit konnte man, besonders im Süden, oft genug Burschen begegnen, die, um dem bunten Rock zu entgehen, sich gewissermaßen dem Schutze Gottes überließen. Und so war es ganz natürlich, daß meine Worte Glauben fanden. Die Fuhrleute nahmen mich gut auf; einige Goldstücke, die ich zum Vorschein brachte, vermehrten noch ihr Interesse für mein Schicksal. Es wurde ausgemacht, daß ich für den Sohn des Fuhrenbesitzers gelten sollte. Dementsprechend wurde ich in einen Fuhrmannskittel gesteckt und damit es den Anschein habe, ich machte meine erste Reise, wurde ich mit Bändern und Blumen geschmückt, so daß mir in jeder Herberge alle gratulierten.

Ich spielte meine Rolle ziemlich gut, aber die notwendigerweise damit verbundene Freigebigkeit versetzte meinem Beutel so empfindliche Wunden, daß ich, als ich mich in Lyon von meinen Leuten trennte, alles in allem noch achtundzwanzig Sous besaß. Nachdem ich eine Weile in den schmutzigen und trüben Straßen der zweiten Stadt von Frankreich herumgeirrt war, fand ich eine Art Schenke, wo ich ein meinen Finanzen entsprechendes Abendessen zu bekommen hoffte. Ich hatte mich nicht geirrt: das Essen war mittelmäßig und nur zu rasch zu Ende. Ungesättigt vom Tische aufzustehen ist schon peinlich, aber dazu noch nicht wissen, wo man ein Obdach findet, noch peinlicher. Während ich mein Messer abwischte, das freilich nicht besonders fett geworden war, verlor ich mich in den traurigen Gedanken, daß ich wohl die Nacht bei Mutter Natur würde verbringen müssen. Da hörte ich auf einmal am Nebentisch eine Art von verdorbenem Deutsch reden, das man in einigen Gegenden der Niederlande spricht und das ich ausgezeichnet verstand. Die Sprechenden waren ein Mann und eine Frau; ich erkannte in ihnen sofort Juden. Da ich wußte, daß in Lyon wie in anderen Städten Juden verdächtige Reisende bei sich aufnahmen, fragte ich sie, ob sie mir nicht eine Herberge empfehlen könnten. Ich hätte es nicht besser treffen können: der Jude und seine Frau hatten selbst eine solche Herberge. Sie boten mir auf der Stelle ein Obdach an, und ich ging mit ihnen in ihr Haus. In dem Raum, wo man mich einquartierte, standen sechs Betten; obwohl’s schon zehn Uhr war, war noch keins besetzt, ich schlief im festen Glauben ein, keine Schlafkameraden zu haben.

Als ich erwachte, hörte ich neben mir in Gaunerausdrücken reden, die mir wohl vertraut waren.

„Es ist schon siebenundeinhalb Pfund, und du pennst noch,“ sagte eine Stimme, die mir bekannt vorkam.

„Glaub’s schon; … wir haben heut’ nacht bei ’nem Goldschmied schränken wollen, aber der Sack war scharf bei Wache. Ich merkte gleich, man hätte Aß mit Zinken spielen müssen, und da wär rote Suppe geflossen!“

„Ach, du hast Angst vorm Kaiserschwipp … Na, aber auf die Art kann man kein Ding drehn.“

„Ich will lieber unterwegs einen Baum auf zwei Beinen anzapfen, als Buden aufzukasteln … man hat immer die Blauen auf’m Hals.“

„Also, ihr habt nicht gekappt … und da gab’s doch so schöne Dosen mit Uhren und Ketten aus Gold. Der Jude hätt’ schon rausrücken müssen.“

„Nein. Der Dietrich ist in der Knarre gebrochen. Der Bürger hat Lärm gemacht, wir haben türmen müssen.“

„He, ihr anderen da,“ rief ein dritter dazwischen, „laßt die Dinge nicht so lang werden, hier liegt einer, der horchen kann!“

Die Warnung kam zu spät: man verstummte. Ich schlug die Augen auf, um mir meine Schlafkameraden anzusehen, aber mein Bett stand niedriger als die andern, und ich konnte nichts sehen. Ich rührte mich nicht, damit man glaubte, ich schlafe. Als einer der Sprechenden aufstand, erkannte ich in ihm einen Flüchtling vom Bagno in Toulon, einen gewissen Neveu, der einige Tage vor mir ausgerissen war. Da springt sein Kamerad aus dem Bett … es ist Cadet-Paul, ein anderer Flüchtling … ein dritter, ein vierter erhebt sich – lauter Bagnosträflinge.

Fast hätte ich mich in den Saal drei zurückversetzt denken können. Endlich verlasse auch ich die Pritsche; kaum setze in den Fuß auf den Boden, da entsteht ein allgemeines Geschrei: „Vidocq!!!“ Man umringt mich, man wünscht mir Glück. Einer der Teilnehmer am Kronjuwelendiebstahl, Charles Deschamps, der sich wenige Tage nach mir davongemacht hatte, sagt mir, das ganze Bagno bewundere meine Kühnheit und meinen Erfolg. Es schlägt neun Uhr: man führt mich zum Frühstück, und da finde ich die Brüder Quinet, Bonnefoi, Robineau, Métral, Lemat, lauter in Südfrankreich berühmte Personen. Ich werde mit Gefälligkeiten überhäuft, man versorgt mich mit Geld, mit Kleidern, ja selbst mit einer Mätresse.

Ich befand mich also, wie man sieht, in derselben Lage wie in Nantes. Ich kümmerte mich nicht um das Handwerk meiner „Freunde“; ich sollte von meiner Mutter Geld bekommen, aber bis dahin mußte ich doch leben. Ich glaubte, ich könnte mich eine Zeitlang ernähren lassen, ohne selbst „arbeiten“ zu müssen. Ich nahm mir vor, nur des Unterhalts wegen unter den Dieben zu bleiben, aber – der Mensch denkt, und Gott lenkt! Die Flüchtlinge waren erbittert darüber, daß ich bald unter diesem, bald unter jenem Vorwand mich weigerte, an ihren Raubzügen teilzunehmen, und so denunzierten sie mich unter der Hand, um sich eines lästigen Zeugen zu erledigen, der ihnen hätte gefährlich werden können.

Ich wurde bei einer gewissen Adele Buffin verhaftet und in das Gefängnis von Roanne gebracht. Gleich an den ersten Worten meines Verhörs merkte ich, daß ich verraten war. In der Wut, in die mich diese Entdeckung versetzte, faßte ich einen Entschluß, der in gewisser Hinsicht der Anfang einer mir ganz neuen Laufbahn wurde. Ich schrieb an Dubois, den Generalkommissar der Polizei, und bat ihn um eine geheime Unterredung. Noch am selben Abend wurde ich in sein Kabinett geführt. Ich erzählte ihm, wer ich sei und erbot mich, ihn auf die Spur der Brüder Quinet zu bringen, die damals wegen der Ermordung einer Maurersfrau in der Rue Belle-Cordière verfolgt wurden. Außerdem versprach ich, ihm die Möglichkeit zu geben, alle Individuen zu ergreifen, die sowohl bei dem Juden wie bei einem Schreiner Caffin in der Rue Ecorche-Boeuf wohnten. Für diesen Dienst verlangte ich keinen anderen Preis, als die Erlaubnis, Lyon zu verlassen. Aber Herr Dubois mochte schon öfter durch derartige Vorschläge zum besten gehalten worden sein: ich sah, wie er zögerte, mir Glauben zu schenken.

„Sie zweifeln an meiner Aufrichtigkeit,“ sagte ich zu ihm, „werden Sie noch Bedenken tragen, wenn ich auf dem Rückweg zum Gefängnis entkomme und mich bei Ihnen freiwillig als Gefangener wieder stelle?“

„Nein, dann freilich nicht!“ antwortete er.

„Nun gut! Sie sollen mich bald wiedersehen, vorausgesetzt, daß Sie meinen Wächtern keine besonderen Maßregeln einschärfen.“

Er willigte ein, und man führte mich ab. Wie ich an die Ecke der Gasse komme, werfe ich meine beiden Wächter über den Haufen und renne aus aller Leibeskraft ins Rathaus zurück, wo ich noch Herrn Dubois finde. Dieses schnelle Wiedersehen überraschte ihn mächtig; da er nun meiner sicher zu sein glaubte, erlaubte er mir, mich zu entfernen.

Am anderen Tage sah ich den Juden wieder; er hieß Vidal. Er erzählte mir, wo unsere Freunde wohnten und zeigte mir das Haus. Gleich ging ich hin. Man wußte schon, daß ich entwichen war, aber da man meine Beziehungen zur Polizei nicht im geringsten ahnte, ebensowenig wie man vermutete, daß ich über die Ursache meiner Verhaftung Wind bekommen hatte, so nahm man mich recht herzlich auf. Im Laufe der Unterhaltung zog ich die nötigen Erkundigungen über die Brüder Quinet ein und teilte sie noch in derselben Nacht Dubois mit. Von meiner Aufrichtigkeit nun völlig überzeugt, setzte mich dieser mit Garnier, dem damaligen Generalsekretär der Polizei von Lyon und späteren Polizeikommissar von Paris, in Verbindung. Ihm machte ich die nötigen Mitteilungen, und ich muß gestehen, daß Garnier mit viel Takt und Sicherheit handelte.

Zwei Tage vor dem verabredeten Abstecher bei Vidal ließ ich mich von neuem verhaften. Man führte mich ins Gefängnis, wo denn auch Vidal, Caffin, Neveu, Cadet-Paul, Deschamps und einige andere erschienen, die mit demselben Fischzug gefangen worden waren. Als ich zu den anderen gebracht wurde, heuchelte ich eine große Bestürzung. Keiner von ihnen schien den leisesten Verdacht zu haben, welche Rolle ich bei ihrer Verhaftung gespielt hatte. Nur Neveu sah mich mit einem gewissen Mißtrauen an; ich fragte ihn nach dem Grunde, und er gestand mir, daß nach der Art und Weise, wie er verhört worden sei, er mich unbedingt für den Angeber halten müsse. Ich spielte den Beleidigten, und damit dieser Verdacht nicht festen Boden fasse, begab ich mich zu den Gefangenen und teilte ihnen Neuveus Verdächtigungen mit. Ich fragte sie, ob man mich für fähig halte, meine Kameraden zu verraten; alle antworteten mit nein, und Neveu mußte mich um Entschuldigung bitten.

Indessen ließ mich Dubois in sein Kabinett rufen. Es wurde ausgemacht, daß ich am folgenden Tage Gelegenheit zur Flucht bekommen sollte.

Neveu wurde nach mir ins Zimmer des Generalkommissars gerufen. Einige Minuten später sah ich ihn mit rotem Kopf herauskommen, ich fragte ihn, was vorgefallen sei:

„Denke dir,“ rief er, „der Kommissar will, daß ich ihm die Diebe angebe, die aus Paris kommen. Wenn sie nur mich zu fürchten hätten, dann könnten sie wirklich ruhig sein.“

„Ich habe dich nicht für einen solchen Einfaltspinsel gehalten,“ erwiderte ich, denn mir fiel sofort ein, welchen Nutzen ich aus diesem Umstand ziehen könnte … „Ich habe versprochen, die Vögel anzugeben und sie einfangen zu lassen.“ „Was! Du willst Denunziant werden … das warst du doch früher nicht.“

„Was geht das mich an? Man wird mich laufen lassen, während du im Loch bleibst.“

Neveu war von dieser Idee ganz überrascht; er bezeugte lebhaftes Bedauern, das Angebot des Beamten zurückgewiesen zu haben; und da ich ohne seine Hilfe beim Entdecken der Diebesbande nicht auskommen konnte, so drang ich in ihn, meinem Beispiel zu folgen. Er willigte ein, und Dubois, den ich benachrichtigt hatte, ließ uns eines Abends an das Tor des großen Theaters führen, wo Neveu alle unsere Leute genau angab. Dann zogen wir uns zurück, begleitet von den Polizisten, die uns ganz nahe auf dem Leib blieben. Um keinen Argwohn zu erregen, mußte ich einen Versuch zur Flucht machen. Ich teilte meinem Kameraden mein Vorhaben mit: sowie wir durch die Rue Mercière kommen, springen wir in ein Durchhaus und halten die Tür fest zu. Während die Polizisten dem anderen Eingang zueilen, gehen wir zur selben Tür wieder heraus. Als sie, ganz beschämt über ihr täppisches Benehmen, ankommen, sind wir schon weit.

Nach zwei Tagen wurde Neveu, dessen man nicht mehr bedurfte, wieder gefaßt. Da ich nun alle Diebe, die dingfest gemacht werden sollten, kannte, bezeichnete ich sie der Polizei. Aber jetzt konnte ich der Behörde nicht weiter nützen, und so verließ ich Lyon. Ich begab mich nach Paris, wo ich dank Herrn Dubois sicher anzukommen hoffte.

Der Postwagen, mit dem ich durch die Bourgogne fuhr, ging nur bei Tage. In Lucy-le-Bois, wo ich mit den anderen Passagieren über Nacht blieb, wurde ich beim Abfahren vergessen; als ich erwachte, war der Wagen schon vor zwei Stunden abgegangen; ich hoffte ihn aber einzuholen, da der Weg in dieser gebirgigen Gegend große Krümmungen macht; aber bei Saint-Brice mußte ich mich überzeugen, daß das unmöglich sei und verlangsamte meine Schritte. Ein Fußgänger, der denselben Weg machte wie ich, sah mich aufmerksam an, als ich in seiner Nähe war, und fragte mich, ob ich aus Lucy-le-Bois komme; ich sagte ja, und damit war die Unterhaltung zu Ende. Der Mann machte in Saint-Brice halt, während ich nach Auxerre weiterging. Todmüde kam ich in einer Herberge an; ich aß da zu Mittag und verlangte ein Bett.

Ich mochte einige Stunden geschlafen haben, als ich durch Lärmen an meiner Tür geweckt wurde. Die Schläge verdoppeln sich, ich springe auf, ziehe mich halb an, öffne und noch ganz schlaftrunken erblicke ich die dreifarbigen Schärpen, die gelben Hosen und die roten Aufschläge. Ein Polizeikommissar, begleitet von einem sogenannten Maréchal-des-logis und zwei Gendarmen; bei diesem Anblick kann ich eine gewisse Erregung nicht bemeistern.

„Seht bloß, wie er bleich wird,“ ruft man neben mir … „Es ist kein Zweifel, er ist’s.“ Ich sehe mich um und erkenne den Mann, der mich bei Saint-Brice angesprochen hatte.

„Wir müssen gründlich zu Werke gehen,“ meinte der Kommissar … „fünf Fuß, fünf Zoll … so, so … Haar blond … Brauen und Bart dito … Stirn gewöhnlich … Augen grau … Nase dick … Mund mittelmäßig … Kinn rund … volles Gesicht … rote Gesichtsfarbe … starke Statur.“

„Das ist er,“ riefen die anderen.

„Jawohl, gewiß ist er’s,“ sagt der Kommissar seinerseits … „Blauer Rock … graue Kaschmirhose, weiße Weste, schwarze Krawatte.“ Das war ungefähr meine Kleidung.

„Nun! Hab ich’s nicht gesagt!“ rief mit Befriedigung der Führer der Greifer … „Das ist einer der Diebe.“

Das Signalement stimmte vollkommen mit dem meinigen überein. Zwar hatte ich nichts gestohlen, aber in meiner Lage hatte ich doch Grund zur Besorgnis.

„Stillgestanden!“ rief der Kommissar, wendete das Blatt und las weiter: „Leicht zu erkennen an seinem auffallenden italienischen Akzent … Außerdem ist der Daumen der rechten Hand durch einen Schuß beschädigt.“

Ich ließ sie meine Aussprache hören, zeigte die rechte Hand … Man brachte Entschuldigungen vor, die ich gerne annahm; doch aus Furcht vor einer neuen Katastrophe fuhr ich noch am selben Abend nach Paris. Von dort schlüpfte ich sofort nach Arras.

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