Fünfundzwanzigstes Kapitel – Schlupfwinkel

Die Verhaftungen, die dank meinen Nachforschungen Schlag auf Schlag erfolgt waren, hatten die Diebe einen Moment erschreckt, aber bald tauchten sie zahlreicher und kühner als vorher wieder auf. Darunter befanden sich einige entsprungene Sträflinge, die sich in ihrem gefährlichen Handwerk in den Zuchthäusern noch vervollkommnet hatten und es nun in Paris ausübten. Die Polizei beschloß, dem Treiben dieser Banditen ein Ende zu machen; ich erhielt Order, sie aufzuspüren,und nun begann ich alle Schlupfwinkel des Lasters abzusuchen, – in Paris wie in der Umgegend.

Es war natürlich unmöglich, beständig unter Verbrechern zu leben, ohne daß sie mich zur Teilnahme an ihren Unternehmen aufforderten. Nie wies ich diese Vorschläge ab, aber sobald es zur Ausführung kam, pflegte ich stets irgendeinen Vorwand zu finden, um nicht zum verabredeten Stelldichein zu kommen. Im allgemeinen sind die Diebe so stupide Wesen, daß keine Ausrede dumm genug war, als daß ich sie nicht hätte vorschützen können: noch mehr, zuweilen brauchte ich, um sie zu täuschen, nicht einmal zu einer List Zuflucht zu nehmen.

Wenn man sich mit Dieben gut steht, ist natürlich nichts leichter, als auch die Diebeshehler kennen zu lernen. Und so entdeckte ich auch mehrere Hehler, und die Indizien, die ich zu ihrer Überführung angeben konnte, waren so positiver Natur, daß die Kunden bald in die Zuchthäuser eingeliefert werden konnten. Man wird vielleicht nicht ohne Interesse wahrnehmen, auf welche Art ich die Hauptstadt von einem dieser gefährlichen Verbrecher befreite.

Man war ihm bereits seit einigen Jahren auf der Spur, jedoch gelang es nie, ihn in flagranti zu ertappen. Die häufigen Haussuchungen in seiner Wohnung hatten zu keinem Resultat geführt, man fand nicht die geringste Ware, die als Beweis gegen ihn hätte dienen können. Trotzdem wurde fest behauptet, er kaufe den Dieben Sachen ab, und mancher Dieb, der weit davon entfernt war, meine Beziehung zu der Polizei zu ahnen, versicherte mir, der sei ein solider Mann, auf den man sich verlassen könne. Zwar fehlte es nicht an Belastungsmaterial gegen ihn, aber um ihn zu überführen, mußten bei ihm gestohlene Gegenstände gefunden werden. Henry hatte zu diesem Zweck alles mögliche in Bewegung gesetzt, doch durch die Ungeschicklichkeit der Agenten, oder durch die Geschicklichkeit des Hehlers – alles mißglückte. Man wollte nun probieren, ob ich glücklicher sein werde. Ich wagte das Unternehmen, und zwar auf folgende Art.

Ich stellte mich in der Nähe der Wohnung des Hehlers auf Wache und lauerte ihm auf. Endlich erscheint er. Ich folge ihm einige Schritte in der Straße und spreche ihn plötzlich mit einem fremden Namen an. Er behauptet, ich irrte mich; ich bestehe auf dem Gegenteil; er beharrt darauf, daß ich mich täusche, ich meinerseits erkläre ihm, daß ich in ihm eine Person erkennte, die seit längerer Zeit von der Polizei gesucht werde.

„Aber Sie verkennen mich,“ sagte er, „ich heiße so und so, und wohne da und da.“

„Das glaube ich Ihnen nicht!“

„Aber das ist doch zu stark! Wollen Sie, daß ich’s Ihnen beweise?“

Ich erkläre mich damit einverstanden, unter der Bedingung, daß er mich zur nächsten Polizeiwache begleite.

„Gerne,“ ruft er.

Wir begeben uns in eine Wachstube: ich verlange seine Papiere; er hat keine. Ich verlange, daß man ihn durchsuche, und man findet bei ihm drei Uhren und fünfundzwanzig Doppelnapoleondors. Ich hinterlege sie im Depot bis er zum Kommissar gebracht werde. Diese Gegenstände waren in ein Tuch eingewickelt. Ich nehme das Tuch zu mir, verkleide mich als Dienstmann und eile in das Haus des Hehlers. Seine Frau ist da mit einigen anderen Personen; sie erkennt mich nicht, ich sage, ich wolle sie unter vier Augen sprechen. Als ich mir ihr allein bin, ziehe ich das Tuch aus der Tasche und zeige es ihr als Erkennungszeichen. Noch kennt sie den Grund meines Besuches nicht, aber schon verändern sich ihre Züge; sie zittert.

„Ich bringe Ihnen keine gute Nachricht,“ sage ich zu ihr. „Ihr Mann wurde soeben verhaftet. Er sitzt auf der Wache, wo man ihm alles abgenommen hat, was er bei sich trug. Nach einigen Worten, die dem Agenten entschlüpft sind, glaubt er verraten worden zu sein; daher bittet er Sie, so schnell wie möglich das Bewußte aus dem Hause zu schaffen. Wenn Sie wollen, helfe ich Ihnen dabei: Aber ich sage Ihnen, es ist keine Zeit zu verlieren!“

Der Rat war dringend. Das Taschenbuch und die Beschreibung der Gegenstände, die darin eingeschlagen gewesen waren, ließen keinen Zweifel mehr aufkommen. Die Frau des Hehlers ging geradewegs in die Falle, die ich ihr hinhielt. Sie hieß mich drei Wagen bestellen und sofort zurückkommen. Ich übernahm den Auftrag; aber unterwegs gab ich einem meiner Vertrauten Befehl, diese drei Wagen nicht aus dem Auge zu verlieren, und sie bei einem gewissen Signal sofort anzuhalten.

Die Wagen stehen vor der Tür, ich gehe in die Wohnung hinauf, der Umzug ist in vollem Gange. Das Haus ist vollgepfropft mit allen möglichen Gegenständen: Wanduhren, Kandelabern, etruskischen Vasen, Stoffen, Kaschmir, Leinwand, Musseline. Alle diese Waren waren in einer Kammer aufgestapelt, deren Tür hinter einem Schrank so geschickt versteckt war, daß man den Betrug unmöglich entdecken konnte. Ich half mit aufladen, dann wurde der Schrank an seine frühere Stelle gerückt, und die Frau bat mich, sie zu begleiten. Ich tat, wie sie wünschte. Kaum sitzt sie in einem der Wagen, zur Abfahrt bereit, so hebe ich das Glasfenster in die Höhe, und wir sind sofort umringt. Das Ehepaar wurde vor das Schwurgericht gebracht. Sie unterlagen der Menge des Belastungsmaterials, gegen das sie nichts vorzubringen vermochten.

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

<< Vierundzwanzigstes Kapitel – Der EinbruchSechsundzwanzigstes Kapitel – Ich überliste >>
Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]