Fünftes Kapitel – Flucht

Im Gefängnis verfiel ich in eine Krankheit, während welcher Francine mir alle mögliche Sorgfalt angedeihen ließ. Kaum war ich genesen, da wurde es mir klar, daß ich diesen Zustand nicht länger ertragen konnte. Ich beschloß zu entfliehen, und zwar durch die Tür, obwohl dies ziemlich schwer zu sein schien. Aber einige ganz besondere Beobachtungen bestimmten mich, diesem Weg vor allen anderen den Vorzug zu geben. Der Torwächter im Gefängnis war ein Sträfling vom Bagno zu Brest, der lebenslänglich verurteilt war. Er war jedoch später auf sechs Jahre Gefängnis in Lille begnadigt worden, und dort hatte er sich dem Gefängniswärter nützlich gemacht. Dieser war nun überzeugt, daß ein Mensch, der vier Jahre im Bagno zugebracht habe, gewissermaßen ein vollkommener Wächter sein müsse, weil er fast alle Mittel zur Flucht kenne, und so ernannte er ihn zum Range des Torwächters. Ich aber zählte auf die Plumpheit dieses Wunders von Finessen; und der Torwächter schien mir um so leichter hintergangen werden zu können, als er so sehr viel Vertrauen in seine eigene Umsicht setzte. Mit einem Wort, ich hatte die Absicht, an ihm in der Uniform eines höheren Offiziers vorbeizugehen, der zweimal wöchentlich das Gefängnis visitierte.

Francine, die mich beinahe täglich besuchte, ließ mir die nötigen Kleider machen, und trug sie mir nach und nach in ihrem Muff zu. Ich probierte sie an, sie paßten mir ausgezeichnet. Einige Gefangene, die mich darin sahen, versicherten mir, in dieser Verkleidung müsse jeder getäuscht werden. Überdies hatte ich noch denselben Wuchs wie der Offizier, dessen Rolle ich spielen wollte, und die Kunst, mein Gesicht in Falten zu legen, machte mich um fünfundzwanzig Jahre älter. Nach einigen Tagen macht der Offizier seinen üblichen Besuch. Während einer meiner Freunde ihn unter einem nichtigen Vorwand beschäftigt, kleide ich mich in aller Eile um und gehe zum Tor: Der Torwächter zieht die Mütze ab, öffnet und ich befinde mich auf der Straße. Ich eile sogleich zu einer Freundin von Francine, zu der ich mich verabredetermaßen, falls meine Flucht gelingen sollte, zu begeben hatte, und bald kommt Francine selbst zu mir.

Ich wäre hier in völliger Sicherheit gewesen, wenn ich mich streng verborgen gehalten hätte, aber wie sollte ich eine Sklaverei ertragen, die beinah ebenso hart war wie die Einsperrung im Gefängnis. Drei Monate war ich gefangen gewesen, nun drängte es mich wieder, eine Aktivität zu entwickeln, die ich so lange hatte zurückhalten müssen. Ein erster Ausflug glückte mir auch. Aber am anderen Tag in dem Moment, da ich gerade eine Straße überschreite, kommt mir ein Polizist namens Louis entgegen, der mich während meiner Haft mehrmals gesehen hatte, und fragte mich, ob ich frei sei. Er galt für einen Mann von rücksichtsloser Handlungsweise; übrigens konnte er hier im Moment mit einer einzigen Gebärde zwanzig Personen auf einmal um uns versammeln … So sagte ich also, ich sei bereit, ihm zu folgen, aber ich bat ihn, er möge mich doch meiner Mätresse adieu sagen zu lassen. Er willigt ein und wir begeben uns wirklich zu Francine, die furchtbar überrascht ist, mich in solcher Gesellschaft zu sehen: Ich sage ihr, ich hätte mir’s überlegt, meine Flucht könne mir in den Augen der Richter nur schaden, und ich sei entschlossen, ins Gefängnis zurückzukehren. Francine hielt mich zuerst für verrückt. Aber ein Zeichen von mir klärte sie auf, und ich fand sogar die Möglichkeit, ihr zu sagen, sie sollte mir Asche in meine Tasche stecken, während Louis und ich einen Schnaps miteinander tranken. Dann machten wir uns auf den Weg zum Gefängnis. Aber sowie wir in einer einsamen Straße angekommen sind, werfe ich ihm eine Handvoll Asche in die Augen und laufe aus allen Kräften in meinen Schlupfwinkel zurück.

Louis hatte die Sache angezeigt und so schickte man die Gendarmerie und die Polizeiagenten auf meine Spuren, unter ihnen auch einen Kommissar namens Jacquard; und der behauptete, mich einfangen zu können, falls ich die Stadt noch nicht verlassen hätte. Alle diese Anordnungen waren mir bekannt. Aber statt nun ein bißchen Vorsicht in meine Handlungen zu setzen, befleißigte ich mich der lächerlichsten Prahlereien. Man hätte denken können, ich sollte selber einen Teil von der Belohnung bekommen, die auf meine Verhaftung gesetzt war. Aber wie kräftig ich gejagt war, davon kann man sich aus folgendem einen Begriff machen.

Jacquard erfährt eines Tages, daß ich in einem Rendezvous-Hause zu Mittag essen werde. Er eilt mit vier Agenten herbei, läßt sie im Erdgeschoß und steigt hinauf in das Zimmer, wo ich mich eben mit zwei Mädchen zu Tisch setzen will. Eine vierte Person, die mit von der Partie sein sollte, war nicht gekommen. Ich erkenne sofort den Kommissar und er, der mich nie gesehen hatte, kann nicht denselben Vorteil haben; übrigens hätte meine Verkleidung auch alle Signalements der Welt zunichte gemacht. Ohne auch nur im geringsten in Verwirrung zu geraten, gehe ich auf ihn zu, und im allernatürlichsten Tonfall bitte ich ihn, mit mir in ein Kabinett zu gehen, dessen Glastür auf den Speisesaal hinausführte: „Sie suchen Vidocq? … Wenn Sie zehn Minuten warten wollen, werde ich ihn Ihnen zeigen … Da ist sein Gedeck, er kann nicht lange auf sich warten lassen … In dem Moment, wo er eintritt, gebe ich Ihnen ein Zeichen; aber Sie sind ja allein, ich zweifle, daß es Ihnen glücken wird, ihn festzunehmen, denn er ist bewaffnet und zur Verteidigung entschlossen.“ – „Ich habe meine Leute unten auf der Treppe,“ entgegnete der Kommissar, „und wenn er entwischt …“ – „Hüten Sie sich wohl, sie da unten zu lassen,“ fiel ich ihm mit gemachtem Eifer ins Wort, „wenn Vidocq Ihre Leute sieht, wird er gleich den Braten riechen, und dann fliegt der Vogel aus!“ – „Aber wo soll ich sie denn hinstecken?“ – „Nun, lieber Gott, hier in dieses Kabinett!“ – Der Kommissar begab sich also mit seinen Polizeiagenten in das Kabinett. Die Tür ist sehr fest und ich verschließe sie doppelt. Dann, ganz sicher, rechtzeitig zu entwischen, rufe ich meinen Gefangenen zu: „Sie suchten Vidocq … nun, Vidocq hat Sie eben eingesperrt … Auf Wiedersehen!“ Dann verschwand ich wie ein Blitz, ließ die Truppe nach Hilfe schreien und unerhörte Anstrengungen machen, um aus dem verwünschten Kabinett zu entkommen.

Noch zwei Eskapaden dieser Art glückten mir, aber schließlich wurde ich festgenommen und wieder ins Gefängnis geführt, wo man mich zur größeren Sicherheit in den Kerker setzte; zusammen mit einem gewissen Calendrin, der ebenfalls schon zwei Fluchtversuche gemacht hatte. Calendrin, der mich während meines ersten Besuches im Gefängnis kennen gelernt hatte, teilte mir sogleich einen neuen Plan zur Flucht mit. Man wollte in der Mauer des Sträflingskerkers, mit dem wir Kommunikation hatten, ein Loch ausbrechen. In der dritten Nacht nach meiner abermaligen Verhaftung schickte man sich auch wirklich zu dieser Flucht an: die Schildwache stand draußen ganz dicht bei dem Loch, aber acht Sträflinge schlüpften durch das Loch und hatten das Glück, nicht bemerkt zu werden.

Wir blieben unser noch sieben. Wir zogen als Los Strohhalme, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, um zu wissen, wer von den sieben zuerst hindurch durfte. Das Los traf mich und ich entkleidete mich, um leichter durch die sehr enge Öffnung schlüpfen zu können. Aber zu jedermanns Entsetzen blieb ich drin stecken, so daß ich weder vor noch zurück konnte. Vergebens suchten meine Gefährten mich mit Gewalt loszureißen, es ging nicht. Ich saß fest wie in einem Schraubstock, und der Schmerz, den mir diese Lage verursachte, wurde so groß, daß ich keine Hilfe von innen mehr erwarten konnte, die Schildwache anrief, um sie um Hilfe zu bitten. Die Wache näherte sich mit den Vorsichtsmaßregeln eines Menschen, der eine Falle befürchtet, setzte mir das Bajonett auf die Brust und verbot mir, die geringste Bewegung zu machen. Auf ihr Schreien tritt der Posten ins Gewehr und ich werde aus meinem Loch herausgezogen, nicht ohne da manchen Fetzen Fleisch zu lassen. Halbtot, wie ich war, brachte man mich sofort in das Hauptgefängnis, wo ich mit Eisen an Händen und Füßen in den Kerker geworfen wurde.

Zehn Tage später wurde ich nach vielen Bitten und Versprechungen, keinen neuen Fluchtversuch zu unternehmen, aus der Kerkerhaft entlassen und zu den anderen Häftlingen eingesperrt. Bis jetzt hatte ich ja allerdings mit Menschen zusammengelebt, die weit davon entfernt waren, vorwurfsfrei zu sein, mit Gaunern, Dieben und Fälschern; aber jetzt war ich in einer Gemeinschaft mit ausgesuchten Verbrechern. Unter der Zahl dieser war auch ein Landsmann von mir, namens Defosseux, ein Mensch von außerordentlicher Intelligenz und wunderbarer Stärke; er war seit seinem achtzehnten Jahre zur Zwangsarbeit verurteilt, war dreimal aus dem Bagno entflohen, und sollte mit dem ersten Gefangenentransport, der von hier ins Bagno ging, wieder hingebracht werden. Trotz der geheimen Scheu, die mir dieser Mensch anfangs einflößte, sprach ich doch gerne mit ihm über die sonderbaren Professionen, die er getrieben hatte, und was mich vor allem bewog, mit ihm zu verkehren, war die Hoffnung, daß er mir eine Möglichkeit zur Flucht beschaffen würde. Aus demselben Grunde stand ich auch gut mit mehreren Kerlen, die als Mitglieder einer Bande von fünfzig Brandräubern verhaftet worden waren.

Unsere Wächter wußten aber, mit was für Menschen sie es zu tun hatten; und so hüteten sie uns mit einer Sorge, die alle unsere Pläne zuschanden machte. Endlich zeigte sich die einzige Gelegenheit, die einen glücklichen Erfolg verhieß. Ich ergriff diese Gelegenheit, ohne daß meine Gefährten, so abgefeimt sie waren, auch nur daran gedacht hatten. Man hatte uns, ungefähr achtzehn an der Zahl, ins Verhör abgeführt. Wir befanden uns im Vorzimmer des Untersuchungsrichters, waren bewacht von zwei Liniensoldaten und zwei Gendarmen, deren einer seinen Hut und seinen Mantel neben mir abgelegt hatte, um ins Verhandlungszimmer einzutreten. Sein Kamerad wurde bald von einem Glockenzeichen ebenfalls ins Verhandlungszimmer abgerufen. Sofort setze ich den Hut mir auf den Kopf, hülle mich in den Mantel, und indem ich einen Gefangenen fest unterm Arm packe, als wollte ich ihn zum Bedürfnisorte führen, begebe ich mich zur Tür. Der wachhabende Korporal öffnet mir die Tür, und wir sind draußen. Aber was nun ohne Geld und ohne Papiere? Mein Genosse gewinnt das Weite. Ich dagegen, auf die Gefahr hin, noch einmal gefangen zu werden, begebe mich zu Francine; in der Freude des Wiedersehens entschließt sie sich, ihre Möbel zu verkaufen, um mit mir nach Belgien zu fliehen. Dieser Entschluß wurde auch ausgeführt. Und wir waren gerade im Begriff, die Reise anzutreten, als einer der unerwartetsten Zufälle, den nur meine ganz unbegreifliche Sorglosigkeit erklärlich machen kann, alles über den Haufen warf. Am Abend vor unserer Abreise begegne ich in der Dämmerung einer Frau aus Brüssel, namens Elisa, mit der ich vertraute Beziehungen gehabt hatte. Sie fällt mir um den Hals, entführt mich zum Abendessen mir ihr; sie triumphiert schließlich über meinen schwachen Widerstand und behält mich bis zum anderen Morgen bei sich. Francine hatte mich überall gesucht, und ich machte ihr weis, daß ich von Polizeibeamten verfolgt gewesen und gezwungen worden sei, mich in ein Haus zu flüchten, das ich erst bei Tagesanbruch hätte verlassen können. Zuerst war sie auch davon überzeugt; aber der Zufall spielte ihr die Entdeckung zu, daß ich die Nacht bei einer Frau verbracht hatte; grenzenlos brach ihre Eifersucht in wilden Vorwürfen gegen meine Undankbarkeit los; im Übermaß ihrer Wut schwur sie sogar, mich verhaften zu lassen. Mich ins Gefängnis zu setzen, das war gewiß das sicherste Mittel gegen meine Untreue. Aber Francine war eine Frau, die imstande war, zu tun, was sie sagte, und so hielt ich es für klug, ihren Zorn verrauchen zu lassen und erst nach Ablauf einiger Zeit wieder bei ihr aufzutauchen, um gemeinsam mit ihr abzureisen, wie wir es verabredet hatten. Da ich indes meine Sachen nötig hatte und sie nicht von ihr verlangen wollte, aus Furcht vor einer neuen Explosion, so begab ich mich heimlich allein in das Zimmer, das wir bewohnten und dessen Schlüssel sie besaß. Ich sprenge einen Fensterladen, ich nehme, was ich brauche und verschwinde.

Fünf Tage vergehen: Als Bauer verkleidet, verlasse ich den Zufluchtsort, den ich mir in einer Vorstadt gewählt hatte. Ich gehe in die Stadt und begebe mich zu einer Schneiderin, einer intimen Freundin von Francine, deren Vermittlung für unsere Versöhnung ich in Anspruch zu nehmen gedachte. Aber diese Frau empfängt mich mit einer Miene, die soviel verlegenen Schreck ausdrückt, daß ich fürchte, ihr lästig zu sein, indem ich sie kompromittiere, und so bitte ich sie lediglich, meine Mätresse holen zu wollen. – Ja! … sagt sie mir darauf mit einer ganz merkwürdigen Miene, und ohne mir ins Gesicht zu sehen. Sie geht, ich bin allein und denke nach über diesen seltsamen Empfang …

Man klopft; ich öffne, im Glauben, Francine in meine Arme zu schließen … Da fällt eine Wolke von Gendarmen und Polizeiagenten über mich her, sie ergreifen mich, binden mich und führen mich vor den Untersuchungsrichter, der mich zu allererst fragt, wo ich seit fünf Tagen gewohnt habe. Meine Antwort zu kurz: Ich hätte niemals die Personen preisgegeben, die mich bei sich aufgenommen hätten. Der Beamte bemerkte mir, daß meine Hartnäckigkeit, keine Erklärungen abgeben zu wollen, mir verderblich werden könnte, daß es um meinen Kopf gehe und dergleichen Redensarten. Darüber lachte ich nur, da ich glaubte, in dieser Phrase einen Kunstgriff zu sehen, der mir durch Einschüchterung ein Geständnis ablocken sollte. Ich beharrte also bei meinem Schweigen, und man führte mich wieder ins Hauptgefängnis zurück.

Kaum hatte ich den Fuß auf Gefängnis gesetzt, als die Blicke aller sich auf mich richteten. Man ruft, man flüstert sich ins Ohr; ich bin aber der Meinung, es sei meine Verkleidung, die die Erregung hervorbringen, und gebe nicht weiter acht darauf. Man bringt mich in eine Zelle, wo ich in Einzelhaft auf dem Stroh liege, mit Eisen an den Füßen. Nach zwei Stunden erscheint der Gefängniswärter, er stellt sich, als ob er mich bedauere und Interesse an mir nähme, und bringt mir bei, meine Weigerung, mitzuteilen, wo ich die letzten fünf Tage zugebracht habe, könne mir in den Augen der Richter schaden. Ich bleibe unerschütterlich. Wieder verlaufen zwei Stunden: Der Gefängniswärter erscheint wieder mit einem Gehilfen, der mir die Eisen abnimmt und mich in die Kanzlei führt, wo schon zwei Richter auf mich warten. Neues Verhör; dieselbe Antwort. Man entkleidet mich von Kopf bis zu Füßen. Dann haut man mir auf die rechte Schulter einen so furchtbaren Schlag auf, daß man einen Ochsen damit töten könnte – um den Stempel auf der Haut erscheinen zu lassen, im Falle ich einmal früher im Bagno gebrandmarkt worden sei. Meine Kleider wurden mir abgenommen, im Protokoll beschrieben und den Akten beigelegt. Ich begab mich wieder in meine Zelle, bedeckt mit einem Hemd aus Segelleinwand und einem schwarzgrauen Mantel in Fetzen, der schon von zwei Generationen Gefangener benutzt worden war.

Alles das mußte mir zu denken geben. Es war klar, daß die Näherin mich verraten hatte, aber in wessen Interesse? Diese Frau konnte nichts Böses gegen mich haben; und Francine hätte sich es trotz ihres Unwillens doch zweimal überlegt, ehe sie mich denunziert hätte. Und wenn ich mich einige Tage von ihr zurückgezogen hatte, so geschah das ja weniger aus Furcht, als um zu vermeiden, sie durch meine Gegenwart zu reizen. Woher kamen übrigens diese wiederholten Verhöre, diese geheimnisvollen Reden des Gefängniswärters, diese Einbehaltung meiner Kleider zu den Akten? … Ich verlor mich in einem Labyrinth von Vermutungen. Unterdessen lag ich in strengster Einzelhaft und blieb da fünfundzwanzig tödliche Tage.

Da endlich unterwarf man mich einem Verhör, daß mich auf die Spur brachte:

„Wie heißen Sie?“

„Eugène-François Vidocq.“

„Beruf?“

„Soldat.“

„Kennen Sie die Prostituierte Francine Longuet?“

„Ja, es ist meine Geliebte.“

„Wissen Sie, wo sie in diesem Augenblick ist?“

„Sie wird wohl bei einer Freundin sein, seit sie ihre Möbel verkauft hat.“

„Wie heißt diese Freundin?“

„Madame Bourgeois.“

„Wo wohnt sie?“

„Rue Saint-André, im Bäckerhause.“

„Wie lange hatten Sie die Longuet schon verlassen, als Sie verhaftet wurden?“

„Seit fünf Tagen.“

„Warum haben Sie sie verlassen?“

„Um ihrem Zorn aus dem Wege zu gehen; sie wußte, daß ich die Nacht bei einer anderen Frau verbracht hatte, und in einem Anfall von Eifersucht drohte sie mir, mich verhaften zu lassen.“

„Mit welcher Frau haben Sie diese Nacht verbracht?“

„Mit einer ehemaligen Geliebten.“

„Wie heißt sie?“ „Elisa … ich habe nie einen anderen Namen von ihr gewußt.“

„Wo wohnt sie?“

„In Brüssel, dahin ist sie, glaube ich, zurückgekehrt.“

„Wo sind die Sachen, die Sie bei der Longuet gehabt haben?“

„An einem Ort, den ich sagen werde, wenn es not tut.“

„Wie haben Sie die Sachen bekommen können, da Sie mit Ihrer Geliebten entzweit waren, und sie nicht sehen wollten?“

„Infolge unseres Streites im Café, wo sie mich aufgesucht hatte, drohte sie mir jeden Augenblick, nach der Wache zu schreien und mich arretieren zu lassen. Da ich ihre Hartnäckigkeit kannte, lief ich durch ein paar abgelegene Straßen davon und kam glücklich in das Haus; sie war noch nicht zurückgekehrt; darauf rechnete ich. Aber da ich einige von meinen Sachen nötig hatte, so sprengte ich einen Fensterladen, um ins Zimmer eindringen zu können, und nahm dann, was ich brauchte. Sie fragten mich soeben, wo diese Sachen geblieben sind: Ich will es Ihnen jetzt sagen; sie sind Rue Saint-Sauveur, bei einem gewissen Duboc, der sie aufgehoben hat.“

„Sie sagen nicht die Wahrheit … Bevor Sie Francine in ihrer Wohnung verließen, haben Sie einen sehr lebhaften Streit mit ihr gehabt, Sie sollen sie geschlagen haben!“

„Das ist falsch … ich habe Francine nach dem Streit gar nicht in ihrer Wohnung gesehen; folglich kann ich sie auch nicht mißhandelt haben … sie selbst kann Ihnen das bezeugen!“

„Kennen Sie dieses Messer?“

„Ja: Es ist das, mit dem ich gewöhnlich esse.“

„Sie sehen, daß die Klinge und das Heft mit Blut befleckt sind? … Macht dieser Anblick nicht irgendwie Eindruck auf Sie? … Sie sind ja ganz verwirrt! …“

„Ja,“ erwiderte ich in Erregung, „aber was ist denn Francine passiert? … Sagen Sie es mir und ich gebe Ihnen alle nur möglichen Aufklärungen.“

„Ist Ihnen nichts Besonderes vorgekommen, als Sie ihre Sachen stahlen?“

„Absolut nichts, ich erinnere mich zumindest an nichts.“

„Sie bestehen also auf Ihren Aussagen?“

„Ja!“

„Sie wollen die Justiz täuschen … Um Ihnen Zeit zu lassen über Ihre Lage und die Folgen Ihrer Hartnäckigkeit nachzudenken, hebe ich Ihr Verhör jetzt auf; ich werde es morgen fortsetzen … Gendarmen, auf diesen Menschen besonders gut aufgepaßt…!“

Es war schon spät, als ich in meine Zelle zurückkam. Man brachte mir mein Essen; aber die Aufregung, in die mich dieses Verhör versetzt hatte, erlaubte mir nicht zu essen. Es war mir auch unmöglich, zu schlafen, und die ganze Nacht über schloß ich kein Auge. Da war ein Verbrechen gegangen worden! Aber an wem? … Von wem? … Warum beschuldigt man mich? … Ich stellte mir diese Fragen zum tausendstenmal, ohne eine vernünftige Antwort darauf zu finden. Am anderen Morgen holte man mich, um das Verhör fortzusetzen. Nach Stellung der gewöhnlichen Fragen öffnete sich plötzlich eine Tür. Zwei Gendarmen traten ein, sie stützten eine Frau … Es war Francine … Francine, bleich, entstellt, kaum zu erkennen. Als sie mich sieht, wird sie ohnmächtig. Ich wollte auf sie zueilen, die Gendarmen halten mich zurück. Man trug sie fort. Ich blieb allein mit dem Untersuchungsrichter, der mich fragte, ob denn die Anwesenheit dieses unglückseligen Wesens mich nicht bestimmen könnte, alles einzugestehen. Ich beteuerte meine Unschuld und versicherte, ich wüßte von nichts, nicht einmal von der Krankheit Francines. Man führte mich wieder ins Gefängnis, aber nun war das Geheimnis gelüftet, und ich konnte endlich hoffen, die Begebenheit, deren Opfer ich auf so sonderbare Art geworden war, in allen ihren Einzelheiten kennen zu lernen. Ich befragte den Gefängniswärter; er blieb stumm. Ich schrieb an Francine; man teilte mir mit, daß die Briefe, die ich an sie adressierte, in der Kanzlei zurückgehalten würden. Man teilte mir auch zur selben Zeit mit, daß sie nicht zu mir ins Gefängnis gelassen würde. Ich saß auf glühenden Kohlen. Endlich kam ich auf den Gedanken, einen Advokaten zu nehmen. Dieser sah die Prozeßakten ein und teilte mir dann mit, ich sei angeklagt wegen Mordversuches an Francine … An demselben Tage, an dem ich sie verlassen hatte, war sie halbtot, von fünf Messerstichen durchbohrt, in ihrem Blut schwimmend gefunden worden. Ich war ganz schnell weggegangen, ich hatte meine Kleidungsstücke fortgeholt und sie an einen anderen Ort gebracht; alles, so schloß man, um den gerichtlichen Nachforschungen zu entgehen. Das Aufbrechen des Fensterladens, die Spuren, die der Größe meiner Füße entsprachen, alles dies stellte mich als schuldig hin. Und dazu sprach noch meine Verkleidung gegen mich. Man war überzeugt, ich sei nur deshalb verkleidet hingekommen, um mich zu versichern, daß sie gestorben sei, ohne mich zu verraten. Noch ein Umstand, der bei jeder anderen Gelegenheit zu meinen Gunsten ausgelegt worden wäre, verstärkte hier den Verdacht, der sich gegen mich erhob. Sobald nämlich die Ärzte Francine zu sprechen erlaubt hatten, erklärte sie, sie habe sich selbst gestochen, aus Verzweiflung darüber, daß Sie von einem Mann, dem sie alles geopfert habe, verlassen worden sei. Aber ihre Liebe zu mir machte ihre Aussage verdächtig; und man war überzeugt, daß sie diese Sprache nur führe, um mich zu retten.

Seit einer Viertelstunde schon schwieg mein Advokat. Aber ich hörte noch immer nach ihm hin, wie ein Mensch, der von einem fürchterlichen Alpdruck träumt. Ich überlegte schon bei mir, ob ich mich nicht am Gitter meiner Zelle aufhängen sollte mit einem Strick aus Stroh … aber endlich faßte ich mich so weit, daß ich mich auf alle Umstände zur Rechtfertigung besinnen konnte.

Der Dienstmann, den ich mir zur Wegschaffung meiner Sachen genommen hatte, versicherte, meine Hände mit Blut beschmiert gesehen zu haben. Aber dieses Blut kam von einer Wunde, die ich erhalten hatte, als ich die Fensterscheibe zerbrach, um den Fensterladen zu öffnen; und zur Unterstützung dieser Aussage konnte ich zwei Zeugen aufbringen. Bald darauf hatte mein Advokat auch dafür gesorgt, daß die Anklage wegen Mordes gegen mich niedergeschlagen wurde. So war ich von einer ungeheueren Last befreit, aber immer noch im Gefängnis. Jetzt dachte ich gar nicht mehr daran zu fliehen. Da bot sich mir eines Tages eine Gelegenheit dar, die ich sozusagen instinktmäßig ergriff. In der Zelle, in die man mich gebracht hatte, waren meist solche Gefangene, die weitertransportiert wurden. Eines Morgens, als der Gefängniswärter zwei von ihnen holt, vergißt er die Tür zu schließen. Das bemerkte ich sogleich: in das Erdgeschoß hinabsteigen und alles untersuchen, ist Sache eines Augenblicks. Der Tag war kaum noch angebrochen, und da die Gefangenen noch alle schliefen, so treffe ich niemanden auf der Treppe und niemanden an der Tür. Ich schleiche hinaus. Aber in der gegenüberliegenden Kneipe trinkt der Gefängniswärter gerade ein Glas Branntwein. Er bemerkt mich, und stürzt mir nach, indem er aus vollem Halse schreit: „Haltet ihn, halten ihn!“ Doch er schrie vergeblich, die Straßen waren alle leer, und die Hoffnung auf Freiheit lieh mir Flügel. In einigen Minuten war ich aus dem Gesichtskreis des Gefängniswärters verschwunden, und bald kam ich in einem Hause unter, wo ich sicher war, nicht gesucht zu werden. Nun mußte ich aber so schnell wie möglich Lille verlassen, denn dort war ich zu bekannt, als daß ich längere Zeit hätte in Sicherheit bleiben können.

Bei Einbruch der Nacht merkte ich, daß die Stadttore geschlossen waren. Man konnte nur durch ein Gittertürchen gehen, an dem sich Polizeiagenten und verkleidete Gendarmen befanden, um jeden Vorübergehenden genau feststellen zu können. Zum Tore konnte ich also nicht hinaus. So entschloß ich mich, zu fliehen, indem ich über die Verschanzungen herabkletterte. Und da ich die Stadt genau kannte, so begab ich mich nachts um zehn Uhr auf die Bastion Notre-Dame, einen Ort, den ich für den geeignetsten zur Ausführung meines Planes hielt. Ich band einen Strick, den ich mir besonders hierzu hatte kaufen lassen, an einem Baum fest, und dann rutschte ich daran hinab. Aber bald zog mich das Gewicht meines Körpers schneller hinab als ich vermutet hatte, die Reibung des Strickes wurde so glühend in meine Händen, daß ich ihn, fünfzehn Fuß vom Boden entfernt, loslassen mußte. Ich fiel und verstauchte mir den rechten Fuß so, daß ich beinah nicht aus dem Graben herauskriechen konnte. Mit ungeheuren Anstrengungen gelang mir das endlich, aber als ich auf der anderen Seiten der Böschung war, war es mir unmöglich, weiterzugehen.

Da lag ich nun und verwünschte den Graben, den Strick und die Verstauchung, aber das half mir alles nichts. Endlich sah ich einen Mann, der in der Nähe mit einem der in Flandern so gebräuchlichen Schubkarren vorbeizog. Ich rief ihn an und bot ihm einen Sechsfrankentaler, den einzigen, den ich noch besaß. Er lud mich auf seine Karre und brachte mich in das benachbarte Dorf. In seiner Wohnung legte er mich in sein Bett und rieb mir den Fuß mit Seifenspiritus ein. Seine Frau half ihm dabei aufs beste und sah sich dabei, immerhin mit einigem Erstaunen, meine Kleider an, die vom Schlamm des Grabens ganz beschmutzt waren. Man verlangte zwar keine Aufklärung von mir, aber ich sah wohl ein, daß ich ihnen eine geben mußte. Ich sagte ihnen daher mit kurzen Worten, ich hätte geschmuggelten Tabak über den Wall hinaufschaffen wollen, und sei dabei herabgefallen; meine Kameraden, durch Zollwächter verfolgt, seien gezwungen worden, mich im Stiche zu lassen. Und ich lege nun, fügte ich hinzu, mein Schicksal in die Hände meiner Wirte. Aber die braven Leute, die die Zollwächter ebensosehr haßten, wie jeder Bewohner an irgendeiner Grenze, gaben mir die Versicherung, daß sie mich für nichts in der Welt verraten würden. Um sie zu prüfen, fragte ich, ob es kein Mittel gäbe, mich zu meinem Vater zu bringen, der nicht weit von hier wohne. Aber sie antworteten mir, ich würde mich dadurch nur in gefährlicher Weise öffentlich zeigen, und ich solle doch noch lieber einige Tage warten, bis ich wiederhergestellt sei. Um allen Verdacht zu entfernen, willigte ich ein, und es wurde sogar beschlossen, mich für einen Verwandten auszugeben, der zu Besuch gekommen sei. Überdies kümmerte sich niemand um mich.

Dieses Land mußte ich endlich verlassen; ich wollte nach Holland gehen, aber dazu brauchte ich Geld. Nach vierzehn Tagen entschloß ich mich endlich, einige Worte an Francine zu schreiben. Die Beförderung dieses Briefes trug ich meinem Wirt auf. Er führte seine Botschaft ausgezeichnet aus, und kam am Abend mit hundertzwanzig Franken in Gold zurück. Am anderen Tage verabschiedete ich mich von meinem Wirt; seine Forderung für die Kosten, die ich ihm verursacht hatte, war unglaublich bescheiden.

Sechs Tage später war ich in Ostende. Meine Absicht war, wie bei meiner ersten Reise nach Ostende, nach Amerika oder Indien zu fahren. Aber ich fand nur dänische oder hamburgische Kapitäne, die sich weigerten, mich ohne Paß aufzunehmen. Unterdessen schmolz das bißchen Geld, das ich von Lille mitgebracht hatte, zusehends zusammen, und ich mußte mich nächstens in einer Lage befinden, mit der man sich ja mehr oder weniger vertraut machen kann, die aber trotzdem sehr unangenehm ist. Das Geld verleiht gewiß weder Genie, noch Talent, noch Intelligenz; aber die Geistesruhe, die sichere Haltung, die es hervorbringt, ergänzen alle diese Eigenschaften, während dieselben Fähigkeiten bei vielen Menschen oft durch den Mangel an äußerer Haltung neutralisiert sind. Daher kommt es, daß gerade in dem Moment, wo man alle Mittel seines Geistes am nötigsten hätte, um sich Geld zu verschaffen, man sich durch den Mangel an Geld gerade dieser Mittel beraubt sieht. Eben in der Lage war ich nun; aber ich mußte zu Mittag essen, ein Unternehmen, das oft schwerer ist, als die mit Glücksgütern Bedachten dieses Jahrhunderts glauben, denn meistens bilden sie sich ein, es gehöre nur guter Appetit dazu.

Man hatte mir oft von dem abenteuerlichen und gewinnbringenden Leben der Schmuggler an der Küste erzählt. Die Gefangenen hatten mir dieses Leben mit Begeisterung gerühmt, denn oft widmen sich ihm Menschen, die ihrem Vermögen und ihrer Position nach ein so gefährliches Treiben nicht nötig hätten, nur aus Leidenschaft. Ich selbst muß nun gestehen, daß ich keineswegs durch die Aussicht verführt wurde, ganze Nächte am Abhang steiler Felsen zuzubringen, mitten zwischen Klippen, preisgegeben allen Windstößen, und noch dazu den Flintenschüssen der Zollwächter.

So begab ich mich also mit einem wahrhaften Widerwillen nach dem Hause eines gewissen Peters, den man mir als Schmuggler bezeichnet hatte, der mir Beschäftigung geben könne. Ich fand den Chef in einer Art von Keller, den man fast für ein Schiffszwischendeck hätte halten können, so voll steckte er von Tauen, Segeln, Rudern, Hängematten und Tonnen. Peters stand mitten in einer dicken, rauchgeschwängerten Atmosphäre, und sah mich mit einem Mißtrauen an, das mir wenig Gutes zu versprechen schien. Meine Ahnungen verwirklichten sich auch bald, denn kaum hatte ich ihm meine Dienste angeboten, als er mit fürchterlichen Ohrfeigen auf mich losfuhr. Ich hätte mich ja gewiß leicht wehren können, aber ich war so verblüfft, daß ich gar nicht auf die Idee kam, mich zu verteidigen. Überdies sah ich im Hofe ein halbes Dutzend Matrosen herumwimmeln, und einen riesigen Neufundländer. Auf die Straße geworfen, suchte ich mir diese sonderbare Begegnung zu erklären, da fiel mir ein, daß Peters mich für einen Spion gehalten, und dementsprechend behandelt haben könne.

Dieser Gedanke bestimmte mich zum dem Mann zurück, dem ich solches Vertrauen eingeflößt hatte, daß er mir diese Geldquelle entdeckte. Zuerst lachte er sehr über mein Mißgeschick, aber dann sagte er mir ein Paßwort, das mir ungehindert Zutritt zu Peters verschaffen würde. Mit diesen Anweisungen versehen, machte ich mich aufs neue auf den Weg zu der furchterregenden Behausung, und ich füllte noch rasch meine Taschen mit großen Steinen, die im Falle eines neuen Angriffs dazu dienen könnten, meinen Rückzug zu decken. Glücklicherweise war meine Munition nicht nötig. Auf die Worte: „Achtung vor den Haifischen“ (nämlich den Zollwächtern) wurde ich beinah freundschaftlich aufgenommen. Denn man sah gleich, daß meine Gewandheit und meine Kraft mich ausgezeichnet für diesen Beruf geeignet machten, wo man oft in der größten Eile von einem Punkt zum anderen mächtige Lasten zu tragen hat.

Ich schlief bei Peters zusammen mit zwölf bis fünfzehn holländischen, dänischen, schwedischen, portugiesischen und russischen Schmugglern; Engländer gab’s nicht, und nur zwei Franzosen, ich und ein Mann aus Bordeaux, der mich in den Pfiffen des Handwerks unterwies. Am zweiten Tage nach meiner Bestallung, zur Zeit, da gerade jeder seine Hängematte oder seinen Schragen bestieg, trat Peters auf einmal in unsere Schlafkammer, die nichts anderes war, als einfach ein Keller, so von Stückfässern und Ballen voll, daß wir mit Mühe Platz fanden, unsere Hängematten aufzuspannen. Gewöhnlich trug Peters die Kleidung eines Segelflickers. Aber nun hatte er sie ausgezogen. Er trug eine Filzmütze, ein rotes Wollhemd, das durch eine silberne Nadel (zugleich Reinigungsapparat für die Zündlöcher der Gewehre) auf der Brust zusammengehalten war und, hoch über die Knie herauf, ein Paar große Fischerstiefel.

„Halloh, hopp!“ schrie er und stampfte mit dem Kolben seines Karabiners auf die Erde. „Die Hängematten herunter! Wir schlafen an einem anderen Tag weiter. Man hat ‚das Eichhorn‘ für heute abend auf die Flutzeit signalisiert … Wollen sehen, was es im Bauch hat … Musselin oder Tabak … Halloh, hopp, schnell meine Meerschweinchen! …“

In einem Augenblick war alles auf den Beinen. Eine Kiste mit Waffen wurde geöffnet; jeder nahm sich einen Karabiner oder eine Donnerbüchse, zwei Pistolen und einen Dolch oder ein Enterbeil. Wir schütteten ein paar Gläser Schnaps herunter, füllten die Feldflaschen, und zogen ab. Bis dahin waren wir nur zwanzig Personen gewesen, aber von einem Ort zum andern stießen noch immer einzelne Leute zu uns, die uns erwartet hatten. Als wir am Ufer des Meeres ankamen, waren wir siebenundvierzig Mann stark, ungerechnet zweier Weiber und einiger Bauern vom nächsten Dorf, die mit Lastpferden gekommen waren, welche man in der Höhlung eines Felsens versteckte.

Es war dichte Nacht: Der Wind drehte jeden Augenblick, und das Meer brach mit solcher Gewalt heran, daß ich nicht begriff, wie ein Schiff sich nähern konnte, ohne auf den Strand geworfen zu werden. In diesem Glauben bestärkte mich noch, daß ich beim Schein der Sterne ein kleines Fahrzeug mit vollen Segeln dahinjagen sah, als wenn es sich fürchtete, zu landen. Man erklärte mir aber, dieses Manöver habe nur den Zweck, sich zu versichern, daß alle Anordnungen zur Landung getroffen seien und keine Gefahr herrsche. Und wirklich steckte „das Eichhorn“ – als Peters einen Reflektor angezündet und sofort wieder ausgelöscht hatte – auf seinem Mastkorb eine Schiffslaterne auf; aber gleich den Leuchtkäfern in der Sommernacht zeigte sie sich nur gerade und verschwand sofort wieder. Darauf sahen wir, wie das Schiff gegen den Wind näherkam, und etwa in Büchsenschußweite von uns hielt. Unser Haufe teilte sich nun in drei Pelotons, von denen zwei fünfhundert Schritt vorrückten, um die Zollwächter abzuhalten, falls es denen einfallen sollte, zu erscheinen. Die Mannschaft dieser Pelotons legte sich auf den Boden, jeder hatte um den linken Arm eine Schnur gebunden, die von einem zum anderen ging. Wenn man sich zu warnen hatte, so geschah das durch einen leichten Zug, und da jeder den Befehl hatte, auf dieses Zeichen einen Flintenschuß abzufeuern, so erhob sich dann auf der ganzen Linie ein Gewehrfeuer, das die Zollwächter unaufhörlich beunruhigte. Das dritte Peloton, bei dem ich stand, blieb am Meeresufer, um den Ausladeplatz zu beschützen, und bei der Ausladung Hilfe zu leisten.

So war alles angeordnet; plötzlich hörte man einen Befehl, und der große Neufundländer, von dem ich schon gesprochen habe, sprang rasch in die schäumenden Wellen hinein, und schwamm schnell auf „das Eichhorn“ zu; einen Augenblick später sahen wir ihn, mit einem Tauende im Rachen, wiederkommen. Peters ergriff das Tauende schnell und fing an, daran zu ziehen, indem er uns ein Zeichen gab, ihm zu helfen. Ich gehorchte mechanisch auf den Befehl. Bald gewahrte ich, daß nach einigen Klafterlängen am Ende des Taues zwölf kleine Tonnen gebunden waren, wie ein Rosenkranz, die zu uns herübergeschwommen kamen. Ich begriff, daß das Schiff sich dadurch ein weiteres Näherkommen an Land sparte, wobei es Gefahr gelaufen wäre, in der Brandung zu stranden.

In einem Augenblick waren die Tonnen, die mit einer Masse überzogen waren, die sie wasserdicht machte, abgebunden und auf die Pferde geladen, welche man sofort ins Land hineinführte. Die zweite Ladung wurde ebenso glücklich herübergeschafft. Aber in dem Moment, da wir die dritte in Empfang nahmen, meldeten uns einige Schüsse, daß unsere Posten angegriffen waren.

„Nun fängt der Tanz an,“ sprach Peters ganz ruhig, „wir wollen sehen, wer besser tanzt,“ und indem er seinen Karabiner zur Hand nahm, stellte er sich zu den Wachen. Das Feuer wurde sehr lebhaft, es kostete uns zwei Tote und einige Leichtverwundete. Nach dem Feuer der Zollwächter konnten wir abschätzen, daß sie uns an Zahl überlegen waren. Aber da sei einen Hinterhalt fürchteten, wagten sie nicht, uns anzugreifen, und wir unternahmen unseren Rückzug, ohne daß sie den mindesten Versuch machten, ihn zu stören. Gleich beim Anfang des Gefechts hatte „das Eichhorn“ die Anker gelichtet und die hohe See gewonnen, aus Furcht, das Gewehrfeuer möchte die Kreuzer der Regierung in diese Gewässer locken. Man sagte mir, das Schiff werde seine Ausladung voraussichtlich an einem anderen Punkt der Küste vornehmen, wo die Schmuggler zahlreiche Verbündete hatten.

Ich kam in Peters Haus gegen Morgen zurück, warf mich auf meine Hängematte, und verließ sie achtundvierzig Stunden lang nicht. Die Anstrengungen dieser Nacht, die Feuchtigkeit, die meine Kleider durchnäßte, während dagegen die Arbeit mich ganz in Schweiß gesetzt hatte, die Unsicherheit meiner neuen Lage, all das vereinte sich, um mich ganz matt zu machen. Ich bekam Fieber; als es vorüber war, erklärte ich Peters, ich fände diesen Beruf zu beschwerlich, und er solle mich lieber wieder ziehen lassen. Er nahm die Sache viel ruhiger auf, als ich erwartet hatte, und ließ mir sogar hundert Frank auszahlen. Ich sagte ihm, ich wolle nach Lille zurückkehren; später habe ich erfahren, daß er mich einige Tage lang verfolgen und beobachten ließ, um sich zu überzeugen, ob ich ihm die Wahrheit gesagt hätte.

Und wirklich schlug ich den Weg nach Lille ein, denn mich quälte eine geradezu knabenhafte Sehnsucht, Francine wiederzusehen; sie wollte ich mit nach Holland nehmen, und wollte dort ein kleines Geschäft aufmachen. Aber meine Unvorsichtigkeit wurde bald bestraft. In einer Schenke saßen zwei Gendarmen und tranken, da sahen sie mich auf der Straße vorbeigehen; es kam ihnen in den Sinn, mir nachzugehen, um mich nach meinen Papieren zu fragen. An einer Straßenbiegung holten sie mich ein. Ihr Auftauchen verwirrte mich tief, und diese Verwirrung veranlaßte sie, mich auf mein Gesicht hin zu verhaften. Man setzte mich ins Gefängnis. Schon sah ich mich nach Möglichkeiten zum Ausbruch um. Da hörte ich die Gendarmen sagen: „Da seh einer an, die Gendarmen von Lille! … nach wem streifen die umher? …“ Und wirklich kommen zwei Leute von der Brigade zu Lille vors Gefängnis und fragen, ob es hier ein „Wild“ gebe. „Ja,“ antworteten die, die mich arretiert hatten, wir „haben einen da namens Léger (diesen Namen hatte ich mir beigelegt), bei dem wir keinen Paß gefunden haben.“ Die Tür geht auf, da tritt der Brigadier von Lille ein, der mich oft genug im Gefängnis gesehen hatte, und schreit: „Ach, du lieber Himmel, das ist ja Vidocq!“

Das mußte ich nun wohl zugeben. Und einige Stunden später zog ich zwischen meinen beiden Leibgardisten in Lille ein.

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