Federigo

Es lebte hier herum einmal ein junger vornehmer Herr*, Federigo hieß er; der war schön, wohlgestalt, höflich und gutmütig, aber auch ganz hübsch locker in seinem Lebenswandel; denn er hing sein Herz und seine Sinne Übermaßen an das Spiel, an den Wein und an die Weiber, vor allem ans Spiel. Nie ging er zur Beichte, und in die Kirchen lief er nur, um Gelegenheiten zur Sünde darin zu suchen. Da geschah es dem Federigo, nachdem er ein Dutzend Söhne aus gutem Hause im Spiel auf den Hund gebracht hatte, die dann als Strauchritter in einem mörderischen Scharmützel mit den königlichen Feldhauptleuten unchristlich Sack und Seele ließen, daß er im Handumdrehen selber alles verlor, was er gewonnen hatte, und dazu noch sein ganzes Vätererbe, außer einem winzigen Burgneste hinter den Hügeln von Cava, in dem er sich und sein Elend den Blicken der Welt entzog.

Drei Jahre waren so verflossen, die er in der Einsamkeit dahinlebte und damit verbrachte, tagsüber zu jagen und allabendlich sein L‘hombre-Spielchen mit dem Pächter zu machen. Eines sinkenden Tags, als er nach beutereicher Jagd, wie sie ihm so noch nie geglückt war, eben wieder in sein düsteres Loch heimgekehrt war, kam der Herr Jesus Christus mit den zwölf Aposteln des Wegs, klopfte an seine Tür und bat um freundliche Aufnahme. Federigo, der stets ein weites und offenes Herz hatte, sah mit Entzücken Gäste sich bei ihm einstellen, und gerade an einem Tage, an dem er ihnen herrlich viel auftischen lassen konnte. Er lud also die Pilgrime ein, in sein Gemäuer einzutreten, bot ihnen mit der ritterlichsten Handbewegung der Welt Atzung und Obdach an und bat in allerhand gedrechselten Worten um Nachsicht, wenn er sie nicht nach Verdienst bewirten könne, da er sich ein biBchen überrumpelt sähe. Unser Herr und Heiland, der sehr wohl wußte, woran er mit seinem gelegentlichen Besuche war, verzieh Federigo diesen kleinen Zug eitlen Gehabes im Hinblick auf die gastfreie Gesinnung des jungen Hausherrn.

»Wir werden mit dem vorliebnehmen, was Ihr habt«, sprach er zu ihm. »Nur macht möglichst etwas Dampf hinters Anrichten Eures Nachtmahls, in Anbetracht der vorgerückten Stunde und des tüchtigen – Appetits von dem da«, fügte er lächelnd hinzu und wies auf Sankt Peter. Federigo ließ sich das nicht zweimal sagen, und da er seinen Gästen ein bißchen mehr als nur das vorsetzen wollte, was seine Jagd abgeworfen hatte, hieß er den Pächter sein letztes Ziegenböcklein kurzerhand bei den Hörnern packen, das sich denn auch gleich darauf am Bratspieße lustig drehte.

Als das Nachtmahl gar und die Gesellschaft um den Tisch herum versammelt war, bedauerte Federigo nur eines, nämlich die leidige Tatsache, daß er keinen besseren Wein im Fasse hatte.

»Sire!« sagte er mit süßsaurem Blick zum Herrn Jesus Christus: »Sire, wünscht‘ an meinem Wein ich auch mehr Blume dran, Biet‘ ich, nichtsdestotrotz, ihn, wie er ist, gern an!« Auf diesen einladenden Trinkspruch hin kostete unser Herr und Heiland von dem Weine: »Was habt Ihr?« sprach er zu Federigo. »Euer Wein ist von edelstem Geschmacke. Mein Gewährsmann ist der da!« (Dabei stippte er mit dem Finger nach dem Apostel Petrus hin.) Nachdem Sankt Peter ein paar saftige Schlucke hintergeschlürft hatte, meinte er kopfnickend: der Tropfen da habe es wahrlich in sich (proprio stupendo), und hieß seinen Wirt mit ihm darauf anstoßen.

Federigo, der all das als höfliche Redensarten hinnahm, tat nichtsdestoweniger dem Apostel Bescheid; aber wie groß war seine Überraschung, als er schmeckte und fand, er habe, auch in seinen höchsten Glückszeiten, nie einen köstlicheren Wein genossen! Er erkannte an diesem Wunder die Gegenwart des Heilandes, und als hielte er sich für unwürdig, in dieser heiligen Tischgemeinschaft seinen Platz zu haben, fuhr er stracks auf von seinem Sitz. Aber unser Herr und Erlöser gebot ihm, seinen Schemel wieder einzunehmen: was er denn auch ohne lange Umstände tat. Nach dem Nachtmahl, bei dem ihnen der Meier und dessen Ehehälfte an die Hand gingen, zog der Herr Jesus Christus sich mit den Zwölfen in das für sie hergerichtete Gelaß zurück. Federigo für sein Teil blieb noch, wie allabendlich, in Gesellschaft seines Pächters an seiner L‘ hombre-Partie ein Weilchen sitzen, wobei man in Zweisamkeit den Rest des Wunderweins ausbecherte.

Anderntags, als die heiligen Weltwanderer wieder mit dem Hausherrn in dessen niederer gastlicher Halle beisammen waren, sprach der Herr Jesus Christus zum Federigo:

»Wir sind sehr angetan von der Aufnahme, die du uns bereitet hast, und möchten dir das auf unsere Weise vergelten. Bitte dir dreierlei von uns aus, nach deiner Wahl! Es soll dir erfüllt werden. Denn alle Macht ist uns gegeben im Himmel und auf Erden und selbst in den Schlünden der Hölle!« Da brachte Federigo flugs aus seiner Tasche das Spiel Karten zum Vorschein, das er allezeit bei sich hatte:

»Meister«, sagte er, »schafft, daß ich todsicher allemal gewinne, wenn ich mit diesen Karten spiele!« »Es geschehe also!« sprach der Herr Jesus Christus. (Ti sia concesso.)

Aber Sankt Peter, der mit Federigo Tuchfühlung hatte, brummelte ihm ins Ohr: »Wo hast du deine Gedanken, unseliger Sünder? Du solltest den Herrn und Meister viel eher um das Heil deiner Seele anflehen!« »Darüber lass‘ ich mir weiter keine grauen Haare wachsen!« gab ihm Federigo zurück.

»Zwei Gnadenbeweise sind für dich noch übrig!« bedeutete ihm der Herr Jesus Christus. »Meister«, tat da der gastfreie Hausherr den zweiten Wunsch, »weil Ihr so gütig seid, schafft, wenn es Euch nichts weiter ausmacht, daß wer immer auch hinaufsteigt mag in den Orangenbaum, der meine Pforte umschatte nicht wieder herabkrauchen kann, ehe daß ich es ihm verstatte!«

»Es geschehe also!« sprach der Herr Jesus Christus.

Über dieser zweiten Bitte versetzte der Apostel Sankt Peter seinem Nachbarn einen mächtigen Rippenstoß:

»Heilloser Sünder«, raunzte er ihn an, »graust dir denn nicht vor der Hölle, die du für deine Missetaten beziehen wirst? Gehe doch den Herrn und Meister bittend an um ein Plätzchen in seinem heiligen Paradiese! Noch ist Zeit dazu…«

»Und eine ganze Weile bis dahin!« setzte Federigo dagegen und drehte dem Apostel die Kehrseite zu. Und unser Hern und Heiland fragte abermals:

»Was wünschst du dir als dritte — Gnadengabe?«

»Ich wünsche mir«, antwortete Federigo darauf, »daß wer immer auch sich niederhocken mag auf den Schemel, da am Kamine, erst wieder hochkann, wenn ich ihm den Laufpaß gegeben habe!«

Als denn unser Herr und Heiland ihm auch dieses Verlangen erhört hatte, wandelte er mit seinen Jüngern von dannen.

Der letzte Apostel war noch nicht ganz zum Loche hinaus, da rief Federigo schon, um die Wunderkraft seines Kartenspiels gleich zu erproben, seinen Meier herein und machte sich mit ihm an eine L‘hombre-Partie, ohne das Blatt in seiner Hand lange anzugucken. Er gewann sie sofort nach den ersten Stichen, desgleichen eine zweite und dritte. Sicher, wie er seiner Sache nun war, machte er sich auf den Weg nach der Stadt hinunter und stieg dort im besten Fremdenhof ab, in dem er die Prunkstube bezog. Das Gerücht von seinem Eintreffen hatte sich mit Windeseile verbreitet, und seine früheren Spund- und Spielgenossen strömten in hellen Haufen herzu, um ihm ihre Aufwartung zu machen.

»Wir glaubten schon, du wärst endgültig futsch gegangen«, grölte Don Giuseppe. »Man schwor Stein und Bein, du hättest dich zum Einsiedel hinaufentwickelt.« »Was auch haargenau stimmt!« gab Federigo zur Antwort.

»Womit, beim Deibel, hast du deine Zeit die drei Jahre verplempert, die du dich nicht hast blicken lassen?« drangen die andern von allen Seiten auf ihn ein.

»Mit frommen Betrachtungen, im Herrn geliebte Brüder!« beschied Federigo sie mit demuttriefendem Schmalz in der Stimme. »Und hier seht ihr mein Stundenbuch!« setzte er hinzu und holte aus seiner Hosentasche das Spiel Karten hervor, das er aufs sorgsamste eingewickelt hatte.

Diese Antwort löste ein allgemeines Lachgebrüll aus, und alle waren der Überzeugung, Federigo habe sein Glückssäckel in der Fremde wieder ausgebessert, auf Kosten minder behender Spieler als sie selber waren, die ihn da nun wiedergefunden hatten und darauf brannten, ihm abermals die Taschen auszuleeren. Etliche wollten das nicht erst auf die lange Bank schieben und machten Anstalten, ihn zum Spieltisch zu schleifen. Aber Federigo, der sie beschwichtigte, mit dem Spiel bis zum Abend zu warten, lud die ganze Gesellschaft ein, mit ihm in den Saal hinüberzugehen, allwo schon ein leckeres Mahl aufgetragen war, das er bestellt hatte und dem man nun eine gründliche Aufnahme bereitete.

Bei dieser Schmauserei war alles viel aufgeräumter und freier als bei dem Nachtmahl mit den Aposteln. Diesmal war es zwar wirklich nichts als Malvasier und Lacrimae Christi, was man sich da durch die Kehle rinnen ließ; aber den Zechern, mit eines einzigen Ausnahme, war noch nie eine köstlichere Sorte über die Zunge gekommen.

Vor dem Einschwärmen seiner Gäste hatte sich Federigo ein zweites Spiel Karten angeschafft, das äußerlich dem seinen aufs Blatt glich, um je nach Bedarf das eine Spiel mit dem ändern vertauschen zu können und, wenn er dann auf die Art nach drei, vier gewonnenen eine Partie verspielte, solcherweise jeglichen Argwohn bei seinen Gegenspielern zu zerstreuen. Das eine Blatt hatte er in dem rechten, das andere in dem linken Hosensack stecken.

Als man sich an den leiblichen Genüssen sattsam gelabt hatte und als die saubere Bande dann rund um den grünen Tisch versammelt war, legte Federigo fürs erste die Allerweltskarten auf das Spieltuch und bestimmte einen in vernünftiger Höhe gehaltenen Betrag als Einsatz für die gesamte Dauer der Sitzung. Um nun dem Spiel echten Reiz abzugewinnen und herauszubekommen, wieweit dazu seine Kräfte reichten, spielte er nach allen ehrliche Regeln der Kunst die beiden ersten Partien und verlor sie, eine nach der ändern, nicht ohne daß ihn dies im stillen verdroß. Darauf ließ er Wein anfahren und nutzte den Augenblick, in dem die Gewinner eins auf ihr bisheriges und künftiges Glück hoben, um mit einer Hand das alltägliche Spiel wegzuziehn und mit der ändern das gebenedeite Blatt dafür hinzubugsieren.

Als die dritte Partie losging, brauchte Federigo begreiflicherweise seine Nase nicht mehr tief in die eigenen Karten hineinzustecken; so hatte er alle Muße, seine Gegenspieler scharf ins Auge zu fassen; und er machte die Beobachtung, daß sie nach allen Regeln der Kunst drauflos schummelten. Diese Entdeckung bereitete ihm ein wahres Vergnügen. Von da an konnte er mit der allergrößten Seelenruhe die Säckel seiner Gegner schröpfen. Daß er auf den Hund gekommen war, das hatte ihre Gaunerei bewerkstelligt, nicht ihr sogenanntes gutes Spiel oder ihr Glück. Und darüber durfte er sich zu einer höheren Meinung von seinem eigenen Können und Vermögen erheben, einer Meinung, die durch allerhand weiter zurückliegende Erfolge durchaus gerechtfertigt war.

Die Hochachtung vor sich selber (denn woran rankt sie sich nicht empor?), das sichere Gefühl der Rache und die Aussicht auf Gewinst sind drei dem Menschenherzen höchst wohltuende Empfindungen. Federigo verspürte sie alle gleichzeitig. Aber während er so seinem Spielerglück von einst nachträumte, geisterte ihm plötzlich auch das Dutzend Söhne aus gutem Hause wieder durch den Sinn, auf deren Kosten er sich die Taschen gefüllt hatte; und mit der Überzeugung, daß diese jungen Leute die einzigen ehrlichen Spieler gewesen waren, mit denen er es je zu tun gehabt hatte, befiel ihn zum ersten Male so etwas wie Reue über das Gestech und Getrumpf, mit dem er ihnen das Fell über die Ohren gezogen hatte. Eine düstere Wolke überzog sein bis dato eitel Freude strahlendes Gesicht, und er stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus, als er die dritte Partie gewann.

Ihr folgten noch etliche andere, von denen Federigo auf seine Art immerhin eine ganz erkleckliche Zahl gewann; damit strich er denn an jenem Abend so viel ein, daß die Goldfüchse für sein Freundschaftsessen und vier Wochen Miete für seine Prunkstube wieder dabei heraussprangen. Und mehr wollte er von diesem Tage auch gar nicht haben. Seine Kumpane, denen er auf diese Weise einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte, versprachen ihm beim Aufbruche, sich anderntags wieder einzustellen. Am nächsten Tage und an den folgenden verstand es Federigo, so im passenden Augenblick zu gewinnen wie zu verlieren, daß er in ein paar Stunden, die man zählen konnte, ein ansehnliches Vermögen an sich brachte, ohne daß irgendwem auch nur der leiseste Schimmer von Verdacht über die wahre Ursache dämmerte. Da zog er aus seiner Prunkstube im Fremdenhof aus und in einen eigenen viel weitläufigeren Palazzo ein, in dem er von Zeit zu Zeit glänzende und rauschende Feste gab. Die schönsten Frauen gerieten in Wetteifer und Wolle miteinander um einen Blick aus seinen Augen; die erlesensten Weine kamen tagtäglich in Hülle und Fülle auf seinen Tisch; und der Palazzo Federigos stand weitum im Ruf eines Sammelpunkts aller irdischen Lustbarkeiten.

Als er so ein Jahr lang sein Spiel bedachtsam und heimlich gespielt hatte, faßte er den Entschluß, seiner Rache den letzten Trumpf aufzusetzen und die im Überfluß schwimmenden, großkopfeten Herrn des Landes trockenzulegen. Zu diesem Behuf lud er sie acht Tage im voraus, nachdem er vorher noch den größten Teil seines Goldes zu Edelsteinen gemacht hatte, auf ein noch nie dagewesen Fest ein, für das er die besten Musikanten, Ballettänzer und so weiter verpflichtet hatte; alles sollte auf ein Spiel hinauslaufen, wie es saftiger nie gesehen ward. Die kein Geld hatten, quetschten dem Juden die Silberlinge aus de Fingern; die andern brachten das eigene mit; und alles ging restlos flöten. In der Nacht noch machte sich Federigo mit seinem Gold und seinen Juwelen auf die Strümpfe und über alle Berge.

Von diesem Augenblicke an setzte er sich‘s zur Lebens- und Spielregel, es nur noch auf Hieb und Stich mit den Gaunern und Falschspielern aufzunehmen; denn er fühlte daß er die geheime Kraft besaß, mit der ganzen Welt fertig zu werden. So machte er die Runde durch alle Städte der Erde, spielte allerorts, gewann immer und genoß überall wo er hinkam, das Erlesenste, was das Land dortherum nur immer hervorbringen konnte.

Währenddessen wandelten die Schemen seiner zwölf Opfer unablässig durch sein Gemüt, und der Pech- und Schwefeldunst der Erinnerung, der sie umwehte, verpestete ihm jegliche Daseinsfreude. Schließlich setzte er sich eine schönen Tages fest in den Kopf, sie zu erlösen oder mit ihnen gemeinsam sein Seelenheil zu verlieren. Mit diesem Entschluß in Kopf und Herzen, einem Knotenstock in der Faust und einem Felleisen auf dem Buckel stiefelte er in Richtung Hölle los; als Reisegeleit hatte er niemanden um sich als sein Lieblingswindspiel, das Marchesella hieß. Als er in Sizilien angelangt war, erklomm er den Gipfel des Monte Gibello, wie der Ätna dort heißt und kletterte darauf in den Krater hinab und immer weiter hinab, genau so tief unter den Fuß des Gebirges wie die Spitze des Gebirges sich über das Fürstentum Piemont in die Luft emporreckt. Von da heißt es, wenn man zu Pluto hin will, noch einen weiten Hof überqueren, der vor mäulerfletschenden Zerberus bewacht wird. Federigo kam unbehelligt hinüber, alldieweil der Höllenhund mit dem Windspiel sich erlustigte, und klopfte an Plutos Tor. Als er vor Seine Höllische Majestät geführt war, richtete der Beherrscher der Unterwelt an ihn die Frage:

»Wer bist du?«

»Federigo, der Spieler, bin ich!«

»Was, beim Teufel, willst du hier?«

»Pluto, wenn du den Oberwelt-Meister im L‘hombre für würdig erachtest, eine Partie mit dir auszutragen, so schlage ich dir die folgenden Bedingungen vor: Wir spielen so viele Partien, wie du willst; verhaue ich auch nur eine einzige, so verfällt dir – nach alter Spielhöllenordnung – meine Seele, gleich all denen, die du schon zu Bürgern deiner volkreichen Gaue gemacht hast; mache ich dich aber bête, so habe ich das Recht, mir für jede gewonnene Partie einen deiner Untertanen herauszufischen und ihn der Unterwelt zu entführen.«

»Topp!« sagte Pluto.

Und er befahl, ein Spiel Karten heranzuschaffen.

»Hier ist schon eins!« sagte Federigo schlagfertig und fingerte aus seinem Hosensack das Wunderblatt hervor. Und sie huben an zu spielen.

Federigo gewann die erste Partie und heischte von Pluto die Seele des Stefane Pagani, der zwölfen eine, die er erlösen wollte. Sie wurde ihm anstandslos ausgehändigt; und sowie er sie in den Fingern hatte, verstaute er sie in seinem Schnappsack. Er gewann desgleichen die folgende Partie, dann die dritte bis zur zwölften, wobei er sich jedesmal eine der besagten Seelen überantworten ließ, die er sogleich in sein Felleisen steckte. Als er das Dutzend vollzählig beisammen hatte, bot er Pluto Revanche an.

»Von mir aus …!« äußerte Pluto darauf (den es im stillen schon eine ganze Weile verdroß, daß er immerfort verlor); »aber begeben wir uns erst mal einen Augenblick an die frische Luft; ich möchte wissen, was das für ein Pech- und Schwefeldunst ist, der sich hier drinnen ausgebreitet hat…«

Damit suchte er, muß man wissen, nur einen Vorwand, um sich Frederigo vom Halse zu schaffen; denn kaum war der mit seinem Sack und seinen Seelen draußen, da brüllte drinnen Pluto aus Leibeskräften, man solle das Tor dem Kerl hinterm Buckel zuschmeißen. Federigo überquerte, diesmal in umgekehrter Richtung, abermals den weiten Hof der Unterwelt, ohne daß der Zerberus auch nur eins seiner vielen Bluthundaugen ihm zuwandte, so hingerissen war das Höllenvieh von seinem Windspiel; und mit Laufen und Schnaufen kam er glücklich wieder oben am Gipfel des Monte Gibello heraus. Er rief darauf Marchesella, die im Nu mit ein paar langen Sätzen wieder um ihn war, und schritt rüstig weiter bergabwärts, Messina zu; und er war viel fröhlicher über seinen geistlichen Gewinst als über sonst welchen irdischen Erfolg, den er je davongetragen hatte. In Messina bestieg er ein Schiff, um auf den sicheren Heimatboden zurückzukehren und seinen Weltlauf in seinem Ahnennest beschließen.

(Etliche Monate nach der Heimkehr legte ihm Marchesella einen Wurf kleiner Ungeheuer vor die Füße; einige der kleinen Unwesen hatten zwei bis drei Köpfe. Man ersäufte sie allesamt.)

Als denn so weitere dreißig Jahre herum waren (Federigo hatte es zu jener Zeit schon auf siebzig gebracht), stelzte der dürrbeinige Tod bei ihm ein und bedeutete ihm, mit seinem Gewissen Abrechnung zu halten, weil sein letztes Stündlein am Ablaufen sei.

»Der Tanz kann losgehn«, sagte der Sterbenskranke.

»Aber eh du mit mir davonstolperst, liebes Tödchen, reiche mir bitte eine Frucht von dem Baume, der meine Pforte umschattet. Noch diese kleine Erlustigung, und dann geh‘ ich gelassen hinüber.«

»Wenn das dein letzter Wunsch ist«, grinste der Tod, »dann will ich dir gern damit den Mund stopfen!«

Und er stakte mit seinen langen Beinen hinauf in den Baum, um eine Orange zu brechen; aber wie er wieder hinab wollte, konnte er nicht: Federigo ließ ihn nicht herunter.

»Ha, Federigo, du hast mich auf den Leim geführt«, knirschte der Tod heftig. »Jetzt bin ich in deinen Fängen; aber laß mich wieder los, und du sollst noch zehn Lebensjahre haben!« »Zehn Jahre! Das ist ja eine mächtige Hucke voll!« schmunzelte Federigo. »Wenn du herunter willst, mein Knacker, dann mußt du schon etwas weniger knickrig sein.«

»Ich gebe noch zehn dazu.«

»Du willst mich wohl auf die Schippe nehmen!«

»Also, von mir aus, dreißig!«

»Da bist du grade im ersten Drittel steckengeblieben.«

»Du willst ganze hundert Jahre von frischem herumkrebsen?«

»Genau so lange, mein Klappermäulchen, genau solange!«

»Federigo, du bist nicht recht bei Troste!«

»Was willst du: ich liebe das Leben!«

»Wir wollen weiterkommen! Mag‘s hingehn – ein Säkulum«, drängte der Tod, »man muß doch endlich vom Ast hier herunter!«

Und eins zwei drei durfte er hinab.

Sowie der Tod weg war, reckte sich Federigo urgesund auf aus den Sterbekissen und fing ein neues Leben an, mit der Kraft eines Jünglings und der Erfahrung eines Greises. Alles, was man weiß über dieses sein neues Dasein, ist – daß Federigo lustig weiter seinen alten Leidenschaften das Ihre gab, insbesondere seinen fleischlichen Gelüsten, und daß er auch, wenn das gerade einmal paßte, ein kleines gutes Werk tat, ohne sich aber darum um sein Seelenheil mehr zu scheren als während seines ersten Erdenlaufs.

Als auch diese hundert Jahre eben am Verrinnen waren, pochte der Tod mit seinem Knochenfinger abermals an der Pforte; er traf Federigo wie voreinst im Bett an.

»Bist du soweit?« fragte er ihn.

»Ich lasse gerade meinen Beichtvater zu mir holen«, beschied ihn Federigo. »Setz dich solange ins Kamineck dort, bis er eintrudelt! Ich warte bloß noch auf die Absolution, um mit dir in die Ewigkeit hinaufzuwirbeln!«

Der Tod, dieses gutgläubige Gerippe, ging hin und hockte sich auf den Schemel nieder und wartete eine volle verrieselnde Stunde lang, ohne daß auch nur ein Zipfel vom Chorrock des Pfarrers sichtbar wurde. Als ihm die Sache anfing, zu langweilig zu werden, meinte er zum Hausherrn und Wirt:

»He, Alter, hast du diesmal nicht wahrhaftig Zeit genug gehabt, die hundert Jahre durch, die wir uns nicht gesehen haben, deine Sündenregister zu ordnen?«

»Da hatte ich, weiß der Deibel, doch grade andre Dinge genug zu tun«, erwiderte der Hochbetagte und verzog lächelnd sein Greisengesicht.

»Kurz und gut!« versetzte der Tod voll Entrüstung ob solcher Gottlosigkeit. »Deine letzte Minute ist gleich um.«

»Minute hin, Minute her!« meinte Federigo immer noch lächelnd zum Tode, während der vergeblich suchte, von seinem Sitz aufzuspringen. »Ich weiß aus Erfahrung, daß du viel zu entgegenkommend bist, um mir nicht noch ein paar Jährchen Aufschub zu bewilligen!«

»Ein paar Jährchen, du elender Schurke!« (Und die Knochengestalt mühte sich nutzlos, vom Kamin wegzurücken.)

»Na ja, ich hab‘ es doch gleich gewußt! Aber diesmal bin ich wirklich nicht happig; und weil ich vom Alt- und Klapprigwerden nicht mehr viel halte, bin ich mit – sagen wir – vierzig Jahren für meinen dritten Erdenlauf schon durchaus zufrieden.«

Der Tod merkte recht wohl, daß er von einer übernatürlichen Kraft jetzt auf dem Hocker ebenso festgenagelt war wie einst auf dem Orangenbaum; aber in seinem Grimm wollte er sich auf keine Sekunde längeren Wartens verstehen.

»Dir soll es schon noch einleuchten, Freundchen«, sagte Federigo.

Und er ließ drei Gebund Reisig aufs Feuer werfen. In einem Hui schossen die Flammen derart lichterloh aus dem Kamin empor, daß der Tod auf seiner Folterbank schwitzte und stöhnte.

»Gnade! Gnade!« ächzte er und rieb sich seine versengten alten Knochen. »Du sollst von mir aus noch deine vierzig Jahre gesund und munter leben.«

Auf dieses Versprechen hin löste Federigo den Zauber, und der halbgeröstete Tod nahm seine Beinknochen unter die Armknochen und klapperte von dannen. Nachdem auch diese Frist herum war, stelzte der Tod zum dritten Male heran, um seinen Mann abzuholen, der zum Aufbruch gerüstet, mit einem Felleisen auf dem Buckel, schon auf ihn wartete.

»Diesmal ist deine Uhr abgelaufen!« rief ihm der Knöcherne barsch von der Schwelle aus zu. »Mit den Fisimatenten ist es aus! Vorwärts! Doch was soll der Rucksack da?« »Da sind zwölf Spielerseelen aus meiner Freundschaft drin, die ich mal aus der Hölle gerettet habe.«

»Die buckle schleunigst dahin zurück, wo sie hingehören, samt dir!« bedeutete der Tod.

Und er packte Federigo beim Schopf, schwang sich mit ihm hinauf in die Lüfte, flog gen Mittag und fuhr mit seiner Beute in die Schlünde des Monte Gibello hinunter. Als er vor den Toren zur Hölle angelangt war, pochte er mit drei hallenden Schlägen daran an.

»Wer ist draußen?« rief Pluto.

»Federigo der Spieler!« gab der Tod laut Bescheid.

»Daß mir keiner aufmacht!« brüllte Pluto, dem gleich die zwölf Partien wieder einfielen, die Federigo ihm abgenommen hatte. »Dieser ausgekochte Spitzbube möchte mir wohl meine ganze Unterwelt entvölkern!«

Da Pluto den Einlaß verweigerte, schleppte der Tod seinen Gefangenen vor die Tore des Fegefeuers; aber auch hier verwehrte der wachthabende Engel dem Federigo den Eingang, weil er im Seelenregister als Todsünder drei Kreuze habe. Der unselige Geleitzug mußte sich also wohl oder übel, zum höchsten Verdrusse des Todes, der den Federigo zum Kuckuck wünschte, weiter, in Richtung auf himmlischen Gefilde zu, in Marsch setzen.

»Wer bist du?« fragte Sankt Peter den Eingelieferten, als der Tod seinen Mann an der Pforte zum Paradies abgesetzt hatte.

»Euer gastlicher Hausherr von anno dazumal«, gab Federigo zur Antwort, »der Euch, vielleicht erinnert Ihr Euch noch, mit einem ganz weidlichen Nachtmahle bewirtete.« »Was, du mit deinem Sündenregister, das mir hinlänglich bekannt ist? Du erdreistest dich wirklich, hier so mir nichts dir nichts vorzusprechen?« polterte der himmlische Pförtner ihn an. »Weißt du nicht, daß für solche wie dich der Himmel stets zugesperrt bleibt? Nicht mal das Fegefeuer bist du wert und willst ein lauschiges Plätzchen im Pari diese! Ach was, sieh mal einer an!«

»Heiliger Herr Polterer – ich wollte sagen: Peter«, gab ihm Federigo zurück, »habe ich Euch damals auch so eine Empfang bereitet, als Ihr mich mit Eurem himmlische Herrn und Meister, vor runden hundertachtzig Jahren, um Gastfreundschaft anginget?«

»Das ist ja alles schön und gut«, versetzte Sankt Peter darauf noch brummig, doch schon etwas milder gestimmt. »Aber ich kann es nicht so ohne weiteres auf meine Kappe nehmen, dich einzulassen. Ich will dem Herrn Jesus Christus deine Ankunft vermelden. Dann werden wir ja sehn was er darüber meint!«

Wie unser Herr und Heiland das erfuhr, kam er selbst zur Paradiesespforte, auf deren Schwelle er denn den Federigo fand, wie er da kniete, samt seinen zwölf Seelen fein neben sich, sechs auf der einen und sechs auf der ander Seite. Über diesem Anblick ließ er sich vom Mitleid anrühren und sprach zum Federigo:

»Mit dir mag es noch hingehen! Aber die zwölf Seelen da, deren Auslieferung die Höllengerichtsbarkeit erheischt, die kann ich nicht auch noch auf mein Gewissen nehmen und durchhuschen lassen!«

»Wie denn, was denn! – Mein Herr und Heiland«, fragt Federigo, »als ich die hohe Ehre hatte, Euch in meinem Hause zu empfangen, wart Ihr da nicht auch von zwölf Wandergefährten begleitet, die ich allesamt, genau so wie Euch, gastlich bei mir aufgenommen habe?«

»Wie unwiderstehlich ist doch dieser Mensch!« sprach da mit einem Stoßseufzer der Herr Jesus Christus. »Tretet denn ein, weil ihr nun einmal da seid! Aber rühmt euch nicht noch laut der Gnade, die ich für euch habe. Es könnte ansonsten Euresgleichen locken, euch nachzuwandeln!«

* Diese Geschichte ist in neapolitanischen Volkskreisen sehr im Schwange. Man kann in ihr, ähnlich wie in vielen anderen Erzählungen, die in jenem Landstriche beheimatet sind, eine absonderliche Verquickung von antiker Mythologie und christlichen Glaubensvorstellungen beobachten; sie scheint gegen Ausgang des Mittelalters zusammengefabelt worden zu sein.

 

 

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