Angst auf der Landstraße

„Was ich Ihnen sagen wollte“, sagte Jermolai, zu mir in die Stube tretend – ich hatte eben zu Mittag gegessen und mich auf mein Feldbett gelegt, um nach einer recht erfolgreichen, aber ermüdenden Birkhuhnjagd auszuruhen – es war gegen Mitte Juli und die Hitze war fürchterlich . . . „Was ich Ihnen sagen wollte: das Schrot ist uns ausgegangen.“
Ich sprang vom Bette auf.
„Das Schrot ist ausgegangen? Wieso? Wir hatten doch an die dreißig Pfund von zu Hause mitgenommen! Einen ganzen Sack!“
„Das stimmt. Der Sack war groß und hätte wohl für zwei Wochen gereicht. Wer kann wissen! Vielleicht ist ein Loch darin, aber wir haben kein Schrot mehr . . . für höchstens zehn Schuß ist uns noch geblieben.“
„Was sollen wir jetzt anfangen? Die besten Stellen haben wir noch vor uns, für morgen hat man uns sechs Ketten Birkhühner versprochen.“
„Schicken Sie mich doch nach Tula. Es ist nicht weit, nur fünfundvierzig Werst. Ich fahre im Nu hinüber und bringe Schrot, wenn Sie befehlen, ein ganzes Pud.“
„Wann willst du denn fahren?“
„Meinetwegen gleich. Was soll ich säumen? Nur eines: wir werden Pferde mieten müssen.“
„Warum Pferde mieten? Wozu haben wir denn unsere eigenen?“
„Mit unsern kann ich nicht fahren. Das Mittelpferd lahmt, ein wahres Unglück!“
„Seit wann denn?“
„Neulich führte es der Kutscher zum Beschlagen, und der Schmied hat es vernagelt. Es war wohl ein schlechter Schmied. Jetzt kann es mit dem Fuß gar nicht mehr auftreten. Es ist der Vorderfuß. Es schleppt ihn nach wie ein Hund.“
„Hat man ihm wenigstens das Eisen abgenommen?“
„Nein, man hat es nicht abgenommen, aber man müßte das unbedingt tun. Er hat ihm den Nagel wohl ins Fleisch getrieben.“
Ich ließ den Kutscher kommen. Jermolai hatte die Wahrheit gesagt, das Mittelpferd konnte wirklich mit einem Fuß nicht auftreten. Ich befahl sofort, daß man ihm das Eisen abnehme und das Pferd auf feuchten Lehm stelle.
„Nun, befehlen Sie Pferde für die Fahrt nach Tula zu mieten?“ setzte mir Jermolai zu.
„Kann man denn in diesem gottverlassenen Nest überhaupt Pferde auftreiben?“ rief ich verärgert aus.
Das Dorf, in dem wir uns befanden, war ärmlich und von der Welt abgeschnitten; alle seine Bewohner schienen Bettler zu sein; wir hatten mit großer Mühe eine wenn auch nicht saubere, aber einigermaßen geräumige Bauernstube gefunden.
„Es geht“, antwortete Jermolai mit seiner gewöhnlichen Ruhe. „Was Sie über dieses Dorf gesagt haben, stimmt, aber hier in der Gegend hat ein Bauer gelebt, ein gescheiter, reicher Mensch, der besaß neun Pferde. Er selbst ist tot, und sein ältester Sohn hat nun die ganze Wirtschaft. Ist ein furchtbar dummer Mensch, hat aber noch nicht Zeit gehabt, das Erbe des Vaters durchzubringen. – Wir werden bei ihm Pferde kriegen. – Wenn Sie befehlen, bringe ich ihn her, – Seine Brüder sollen fixe Jungens sein . . . und doch ist er ihr Oberhaupt.“
,,Warum denn das?“
„Weil er der Alteste ist! Also müssen ihm die Jüngeren gehorchen.“ Jermolai äußerte hier seine Meinung über die jüngeren Brüder im allgemeinen mit einem kräftigen, nicht wiederzugebenden Wort. „Ich will ihn herbringen. Er ist ein einfältiger Mensch. Mit dem kann man leicht einig werden!“
Während Jermolai zu dem „einfältigen“ Menschen ging, kam mir der Gedanke, ob es nicht besser wäre, wenn ich selbst nach Tula führe. Erstens setzte ich, durch Erfahrung schlau geworden, keine allzu großen Hoffnungen auf Jermolai: einmal hatte ich ihn in die Stadt geschickt, um verschiedenes einzukaufen; er versprach, alle meine Aufträge an einem Tage auszuführen, blieb aber eine ganze Woche aus, vertrank das ganze Geld und kam zu Fuß zurück, während er mit einem Jagdwagen hingefahren war. Zweitens kannte ich in Tula einen Roßhändler, bei dem ich an Stelle des lahmen Mittelpferdes ein anderes Pferd kaufen konnte.
„Abgemacht!“ dachte ich mir. „Ich will selbst hinüberfahren; schlafen kann ich auch unterwegs, mein Reisewagen ist ja bequem genug!“
„Ich habe ihn hergebracht!“ rief eine Viertelstunde später Jermolai, durch die Tür meiner Stube stürzend. Ihm folgte ein großgewachsener Bauer im weißen Hemd, blauen Hosen und Bastschuhen, hellblond, kurzsichtig, mit einem roten, keilförmigen Bart, einer langen, geschwollenen Nase und offenem Munde. Er sah tatsächlich „einfältig“ aus.
„Hier, bitte,“ sagte Jermolai, „er hat Pferde und ist einverstanden.“
„Das heißt, also, ich . ..“ begann der Bauer stotternd, mit heiserer Stimme, seine dünnen Haare zurück werfend und mit den Fingern am Rande der Mütze nestelnd, die er in der Hand hielt. „Das heißt, ich . . .“
„Wie heißt du?“ fragte ich.
Der Bauer schlug die Augen nieder, als überlege er sich meine Frage.
„Wie ich heiße?“
„Ja, wie ist dein Name?“
„Mein Name ist Filofej.“
„Nun, Bruder Filofej, ich habe gehört, daß du Pferde hast. Bring mal ein Dreigespann her, wir wollen es an meinen Reisewagen spannen – der Wagen ist leicht – und fahre mich nach Tula. Jetzt ist Vollmond, die Nächte sind hell und schön kühl. Wie ist hier der Weg?“
„Der Weg? Der Weg ist nicht schlecht. Bis zur großen Landstraße sind es im ganzen an die zwanzig Werst. Eine Stelle ist . . . nicht gut. sonst ist aber der Weg nicht schlecht.“
„Was für eine Stelle ist da nicht gut?“
„Wo man durch die Furt fahren muß.“
„Wollen Sie denn selbst nach Tula fahren?“ erkundigte sich Jermolai.
„Ja, ich selbst.“
„Nun!“ versetzte mein treuer Diener und schüttelte den Kopf. „N-n-nun!“wiederholte er, spie aus und ging aus der Stube.
Die Fahrt nach Tula hatte offenbar jeden Reiz für ihn verloren; sie war für ihn zu einem leeren und uninteressanten Unternehmen geworden.
„Kennst du den Weg gut?“ wandte ich mich an Filofej.
„Wie sollte ich den Weg nicht kennen! – Aber ich kann nicht, das heißt, ganz wie Sie befehlen . . . denn, so plötzlich, auf einmal . . .“
Es stellte sich heraus, daß Jermolai, als er Filofej mietete, ihm nur erklärt hatte, er solle keine Bedenken haben, man werde ihn, den Dummkopf, schon bezahlen. Filofej war zwar nach Jermolais Behauptung ein Dummkopf, gab sich aber mit dieser Erklärung allein nicht zufrieden. Er forderte von mir fünfzig Papierrubel, einen ungeheuren Preis; ich bot ihm dagegen nur zehn Rubel, und das war viel zu wenig. Wir fingen an zu feilschen; Filofej bestand erst auf seiner Forderung, fing dann aber an, nachzugeben, doch langsam. Jermolai, der auf einen Augenblick zurückgekommen war, beteuerte: „Dieser Dummkopf“ (wie gut dem das Wort gefällt! – bemerkte Filofej halblaut) –„dieser Dummkopf weiß gar nicht, was Geld ist!“ Bei dieser Gelegenheit erinnerte er mich daran, wie vor etwa zwanzig Jahren das von meiner Mutter an einer guten Stelle, an der Kreuzung zweier Landstraßen errichtete Wirtshaus vollständig in Verfall geriet, nur weil der alte Leibeigene, den man zum Verwalter gemacht hatte, tatsächlich keine Ahnung vom Geld hatte und es nur nach der Menge zählte, d.h. er gab zum Beispiel einen silbernen Viertelrubel für sechs kupferne Fünfkopekenstücke her, wobei er jedoch fürchterlich fluchte.
„Ach du, Filofej, bist wirklich ein richtiger Filofej!“ rief endlich Jermolai und warf beim Hinausgehen die Tür wütend ins Schloß.
Filofej entgegnete ihm nichts, als gäbe er zu, daß es wirklich nicht sehr geschickt sei, Filofej zu heißen, und daß man einem Menschen diesen Namen vorwerfen dürfe, obwohl eigentlich nur der Pope allein daran schuld sei, den man bei der Taufe nicht gut genug bezahlt hatte.
Schließlich einigten wir uns auf zwanzig Rubel. Er ging die Pferde holen und brachte nach einer Stunde ganze fünf zur Auswahl. Die Pferde stellten sich als recht anständig heraus, obwohl ihre Mähnen und Schweife ungepflegt und die Bäuche groß und aufgetrieben wie Trommeln waren. Mit Filofej kamen zwei seiner Brüder, die ihm gar nicht ähnlich sahen. Sie waren klein, hatten schwarze Augen und spitze Nasen und machten in der Tat den Eindruck von „fixen“ Jungens; sie sprachen oder „schwatzten“, wie es Jermolai nannte, viel und schnell, gehorchten aber dem Ältesten.
Sie rollten meinen Reisewagen aus dem Schuppen und mühten sich an die anderthalb Stunden mit ihm und mit den Pferden ab; bald machten sie die aus Stricken bestehenden Stränge lose, bald spannten sie sie ganz stramm. Beide Brüder wollten durchaus den Falben in die Mitte spannen, weil „er beim Bergabfahren gut sei“; Filofej entschied sich aber für den „Zottigen“. So spannte man den Zottigen in die Mitte.
Man stopfte den Wagen mit Heu voll und steckte unter den Sitz das Kummet des lahmen Pferdes für den Fall, daß man es in Tula einem neugekauften Pferde anpassen müßte . . . Filofej, der inzwischen nach Hause gelaufen und in einem langen, weißen, von seinem Vater geerbten Leinenkittel, einem hohen Hut und geschmierten Stiefeln zurückgekehrt war, schwang sich feierlich auf den Bock. – Ich setzte mich und sah nach der Uhr, es war ein Viertel elf.
– Jermolai verabschiedete sich nicht mal von mir und fing an, seinen Waletka zu schlagen; Filofej zog die Zügel an, schrie mit feiner Stimme: „Ach, ihr meine Kleinen!“
– seine Brüder sprangen von beiden Seiten heran und peitschten die Seitenpferde auf die Bäuche, der Reisewagen kam in Bewegung, rollte aus dem Tore auf die Straße, – der Zottige wollte schon auf seinen Hof zurückkehren, aber Filofej brachte ihn mit einigen Peitschenhieben zur Vernunft – und schon verließen wir das Dorf und rollten auf einer ziemlich ebenen Straße zwischen dichtem Haselgebüsch dahin.
Die Nacht war still, schön und außerordentlich geeignet zum Fahren. Der Wind rauschte bald im Gebüsch und bewegte die Zweige und legte sich bald ganz; aber am Himmel waren hie und da unbewegliche silberne Wölkchen zu sehen; der Mond stand hoch und beleuchtete hell die ganze Umgebung. – Ich streckte mich auf dem Heu aus und war schon beinahe eingeschlafen . . . da erinnerte ich mich der „schlechten Stelle“ und fuhr auf. „Du, Filofej, ist es noch weit bis zur Furt?“ „Bis zur Furt? Es werden an die acht Werst sein.“ „Acht Werst“, dachte ich mir. – „Vor einer Stunde kommen wir nicht hin. Ich kann inzwischen schlafen.“ – „Du, Filofej, kennst du den Weg gut?“ fragte ich wieder.
„Wie sollte ich ihn nicht kennen, den Weg? Ich fahre ihn doch nicht zum erstenmal.“
Er fügte noch etwas hinzu, aber ich verstand ihn nicht. . . Ich schlief.
Mich weckte nicht meine eigene Absicht, genau nach einer Stunde zu erwachen, wie es so oft vorkommt, – sondern ein seltsames, wenn auch schwaches Plätschern und Klatschen dicht an meinem Ohr. Ich hob den Kopf . . .
Was für ein Wunder! Ich liege wie vorher im Wagen, aber um den Wagen herum, eine halbe Elle unter seinem Rand, breitet sich eine vom Monde beschienene zitternde und funkelnde Wasserfläche. Ich blicke nach vorwärts: auf dem Bocke sitzt mit gesenktem Kopf und gekrümmtem Rücken, unbeweglich wie eine Bildsäule, Filofej – und noch weiter, über dem rieselnden Wasser sehe ich die geschwungene Linie des Krummholzes und die Köpfe und Rücken der Pferde. – Alles ist so unbeweglich und so lautlos, wie verzaubert, wie im Traume, wie in einem Märchentraume. . . Was ist denn das? Ich blicke zurück, hinter den Wagen . . . Wir befinden uns mitten im Flusse . . . das Ufer ist an die dreißig Schritt von uns entfernt.
„Filofej!“ rief ich.
„Was?“ fragte er.
„Was?! Ich bitte dich! Wo sind wir?“
„Im Fluß.“
„Ich sehe, daß wir im Flusse sind. Aber so werden wir gleich ertrinken. So fährst du durch die Furt? Wie? Du schläfst doch, Filofej! Antworte!“
„Ich habe mich ein wenig versehen“, antwortete mein Kutscher. „Ich bin wohl, ich sündiger Mensch, zu sehr auf die Seite gekommen, jetzt müssen wir aber warten.“
„Was heißt warten? Worauf werden wir warten?“
„Soll sich der Zottige umsehen: wohin er sich wendet, dorthin müssen wir fahren.“
Ich setzte mich im Heu auf. Der Kopf des Zottigen ragte unbeweglich aus dem Wasser. Im hellen Mondlichte konnte man nur sehen, wie er das eine Ohr hin und her bewegte.
„Er schläft ja, dein Zottiger!“
„Nein,“ antwortete Filofej. „er beschnüffelt jetzt das Wasser.“
Alles verstummte wieder, nur das Wasser plätscherte leise wie früher. Auch ich erstarrte.
Mondlicht, Nacht, der Fluß, und wir im Flusse . . .
„Was schnarcht dort?“ fragte ich Filofej.
„Das da? Das sind die jungen Enten im Schilf . . . oder Schlangen . . .“
Das Mittelpferd schüttelte plötzlich den Kopf, spitzte die Ohren, schnaubte und rührte sich.
„Hü! Hü!“ brüllte plötzlich aus vollem Halse Filofej; er erhob sich und schwang die Peitsche. Der Wagen kam sofort mit einem Ruck von der Stelle, durchschnitt die Strömung und bewegte sich schwankend und rüttelnd weiter . . . Anfangs schien es mir, daß wir in die Tiefe fahren und untertauchen, aber nach zwei oder drei Stößen und Sprüngen schien die Wasserfläche sich etwas zu senken . . . Sie senkte sich immer tiefer und tiefer, der Wagen wuchs aus ihr hervor, schon wurden die Räder und die Pferdeschweife sichtbar – und nun zogen uns die Pferde, große, schwere Spritzer um sich werfend, die im matten Mondlichte wie diamantene, nein, nicht wie diamantene, sondern wie saphirene Garben in die Höhe flogen, munter und mit vereinten Kräften auf das sandige Ufer und stiegen die Landstraße bergauf, ihre glänzenden, nassen Hufe ohne jeden Takt auf die Erde setzend.
Was wird jetzt wohl Filofej sagen, ging es mir durch den Kopf, wahrscheinlich, daß er recht gehabt habe oder irgend etwas in dieser Art! – Aber er sagte nichts. Darum hielt ich es nicht für nötig, ihm seine Unvorsichtigkeit vorzuhalten. Ich streckte mich wieder auf dem Heu aus und versuchte von neuem einzuschlafen.

Aber ich konnte nicht einschlafen, nicht etwa weil ich von der Jagd nicht müde genug gewesen wäre, auch nicht weil die Aufregung von vorhin meinen Schlaf verscheucht hätte, sondern weil wir durch eine gar zu schöne Gegend fuhren. Es waren ausgedehnte, weite, im Frühjahr überschwemmte Wiesen, mit einer Menge kleiner Pfützen, kleiner Seen, Bäche, am Rande mit Weidengebüsch bewachsene Buchten – eine typisch russische, vom russischen Volke so sehr geliebte Landschaft, die an die Gegenden erinnert, in die die Recken der alten Volksweisen ritten, um weiße Schwäne und graue Enten zu jagen. Als gelbliches Band wand sich die eingefahrene Straße, die Pferde liefen leicht, und ich konnte die Augen vor Entzücken nicht schließen! Und das alles schwebte weich und harmonisch unter dem freundlichen Monde vorüber. Sogar auf Filofej machte das Eindruck.
„Diese Wiegen heißen bei uns Sankt-Georgs-Wiesen“, wandte er sich an mich. „Nach diesen kommen die Großfürsten-Wiesen; solche Wiesen findet man in ganz Rußland nicht wieder. . . So schön!“ Das Mittelpferd schnaubte und schüttelte sich. . . „Gott sei mit dir! . .“, versetzte Filofej ernst und halblaut. „So schön!“ wiederholte er und seufzte;
dann räusperte er sich. „Bald beginnt die Heuernte, wieviel Heu werden sie hier ernten, eine Menge! In den Buchten gibt es viel Fische, – Was für Brachsen!“ fügte er in singendem Tone hinzu. „Mit einem Worte, hier braucht man nicht zu sterben.“
Plötzlich hob er die Hand.
„Ach, sieh mal an! Über dem See . . . steht da ein Reiher? Fängt er denn auch nachts Fische? Ach, es ist ein Ast und kein Reiher. Wie ich mich bloß so täuschen konnte! Das macht der Mond.“
So fuhren wir und fuhren wir . . . Da nahmen aber die Wiesen ein Ende, es zeigten sich kleine Wälder, gepflügte Felder; auf der Seite blickte uns ein Dörfchen mit zwei oder drei Lichtem an – bis zur Landstraße blieben nur noch fünf Werst. Ich schlief ein.
Wieder erwachte ich nicht von selbst. Diesmal weckte mich die Stimme Filofejs.
„Herr . . ., Herr!“
lch erhob mich. Der Wagen stand auf einer ebenen Stelle in der Mitte der Landstraße; vom Bocke mit dem Gesicht zu mir gewandt, die Augen weit aufgerissen (ich war sogar erstaunt, denn ich hatte bei ihm so große Augen gar nicht vermutet), flüsterte Filofej vielsagend und geheimnisvoll:
„Es klopft! . . . Es klopft!“
„Was sagst du?“
„Ich sage: es klopft! Bücken Sie sich mal und horchen Sie. Hören Sie es?“
Ich steckte meinen Kopf aus dem Wagen, hielt den Atem an und hörte tatsächlich irgendwo weit, weit hinter uns ein schwaches Klopfen, wie das Poltern rollender Räder.
„Hören Sie es?“ wiederholte Filofej.
„Nun ja“, antwortete ich. „Es fährt irgendeine Equipage.“
„Hören Sie nicht . . . Es sind . . . Schellen . . . auch ein Pfeifen . . . Hören Sie es? Nehmen Sie doch die Mütze ab . . . dann werden Sie es besser hören.“
Ich nahm die Mütze nicht ab, spitzte aber die Ohren.
„Nun ja . . . kann sein. Was ist denn dabei?“
Filofej wandte das Gesicht den Pferden zu.
„Ein Bauernwagen fährt . . . leer, mit eisenbeschlagenen Rädern“, sagte er, die Zügel anziehend. „Herr, das sind keine guten Leute; hier in der Gegend von Tula kommen üble Sachen vor . . . oft . . .“
„Welch ein Unsinn! Warum glaubst du, daß es unbedingt keine guten Leute sein müssen?“
„Ich sage die Wahrheit. Mit Schellen . . . in einem leeren Wagen, wer denn soll so fahren?“
„Ist es noch weit bis Tula?“
„An die fünfzehn Werst werden es sein, und es ist keine Menschenwohnung in der Nähe.“
„Dann fahr schneller zu, wir wollen uns nicht aufhalten.“
Filofej schwang die Peitsche, und der Wagen rollte weiter.
Ich schenkte Filofej zwar keinen Glauben, konnte aber nicht einschlafen. – Was, wenn er recht hat? – Ein unangenehmes Gefühl regte sich in mir. – Ich setzte mich im Wagen auf – bis dahin hatte ich gelegen – und fing an, nach allen Seiten zu schauen. Während ich geschlafen hatte, war ein dünner Nebel aufgezogen – nicht auf der Erde, sondern am Himmel; er stand hoch, und der Mond hing in ihm als weißlicher Fleck wie in einer Rauchwolke. Alles schien dunkler und verschwommener, obwohl unten alles sichtbarer geworden war. Ringsum eine flache, öde Gegend: Felder, nichts als Felder, hie und da Sträucher, Gräben, und dann wieder Felder, zum größten Teil brachliegend, mit dünnem Unkraut bewachsen. Leer, tot! Wenn doch wenigstens eine Wachtel aufschreien wollte! . . .
Wir fuhren etwa eine halbe Stunde. Filofej schwang fortwährend die Peitsche und schnalzte mit den Lippen, aber weder er noch ich sagten ein Wort. Nun waren wir auf eine kleine Anhöhe hinaufgefahren . . . Filofej hielt die Troika an und sagte sogleich:
„Es klopft . . . Herr, es klopft!“ Ich beugte mich wieder aus dem Wagen hinaus; ich hätte aber auch unter dem Verdeck bleiben können, so deutlich hörte ich jetzt, wenn auch noch in der Ferne, das Klopfen von Wagenrädern, ein Pfeifen, Schellengebimmel und sogar Pferdegetrabe; ich glaubte sogar Singen und Lachen zu hören. Der Wind kam zwar aus der Richtung, aber es bestand kein Zweifel, daß die Unbekannten auf eine ganze Werst, vielleicht sogar auf zwei Werst näher gekommen waren. Ich wechselte mit Filofej Blicke – er rückte nur seinen Hut aus dem Nacken in die Stirne, beugte sich dann sofort vor und begann auf die Pferde einzuschlagen. Sie liefen Galopp, konnten aber nicht lange so laufen und verfielen wieder in Trab. Filofej schlug wieder auf sie ein. Wir mußten doch entrinnen!
Ich konnte mir nicht erklären, warum ich, der ich die Befürchtungen Filofejs anfangs nicht geteilt hatte, diesmal plötzlich die Überzeugung gewann, daß hinter uns wirklich keine guten Leute fuhren . . . Dabei hatte ich doch nichts Neues vernommen: das gleiche Schellengeläute, das gleiche Klopfen eines unbeladenen Wagens, das gleiche Pfeifen, der gleiche verworrene Lärm . . . Jetzt zweifelte ich aber nicht mehr. Filofej konnte sich nicht geirrt haben!
Es vergingen wieder an die zwanzig Minuten . . . Im Laufe der letzten von diesen zwanzig Minuten hörten wir durch das Poltern und Klopfen unseres eigenen Wagens auch schon das andere Poltern und Klopfen.
„Filofej, halt an,“ sagte ich, „jetzt ist es gleich, wir entkommen nicht mehr!“ Filofej schrie den Pferden ängstlich zu. Die Pferde hielten augenblicklich, als freuten sie sich über die Möglichkeit, auszuruhen!
Gott! Die Schellen dröhnen dicht hinter unserem Rücken, der Bauernwagen klirrt und poltert, die Menschen pfeifen, schreien und singen, die Pferde schnauben und schlagen mit den Hufen die Erde . . . Sie haben uns eingeholt!
„Ein Unglück“, versetzte Filofej gedehnt und halblaut. Dann schnalzte er unentschlossen mit den Lippen und trieb die Pferde an. Aber in diesem selben Augenblick war es, als risse sich etwas los, etwas brüllte und dröhnte, und ein riesengroßer, breiter Bauernwagen, mit einer Troika magerer Pferde bespannt, überholte uns wie der Wind, eilte voraus und fuhr dann im Schritt und versperrte uns so den Weg.
„So machen es immer die Räuber“, flüsterte Filofej. Ich gestehe, mir stand das Herz still . . . Ich fing an, gespannt in das Halbdunkel des vom Nebel verhüllten Mondlichtes zu schauen. Im Wagen vor uns saßen oder lagen an die sechs Mann in Hemden und offenen Mänteln; zwei von ihnen hatten keine Mützen auf; die großen Füße in Stiefeln baumelten vom Wagen herab, die Arme hoben sich und fielen sinnlos herab . . . die Körper schwankten . . . Es war klar: betrunkene Leute. Einige von ihnen brüllten, was ihnen gerade einfiel; einer pfiff durchdringend und außerordentlich hell, ein anderer fluchte. Auf dem Bocke saß irgendein Riese in einem Halbpelz und lenkte die Pferde. Sie fuhren in» Schritt und schienen uns keine Beachtung zu schenken.
Was war da zu machen? Wir fuhren auch im Schritt hinter ihnen her . . . wie wider unseren Willen.
Etwa eine Viertelwerst fuhren wir auf diese Weise. Die Erwartung war qualvoll . . . Entrinnen, uns verteidigen. . . daran durften wir gar nicht denken! Sie waren ihrer sechs, ich hatte aber nicht mal einen Stock bei mir! Umkehren? Sie werden uns aber gleich einholen. Mir fiel der Vers Schukowskijs ein (wo er von der Ermordung des Feldmarschalls Kamenskij spricht):
Des feigen Mörders abscheuliches Beil . . . Oder sie schnüren einem mit einem schmutzigen Strick den Hals zu . . . und werfen einen in den Graben . .. röchele dort und zappele wie ein Hase in der Falle . . . Ach, es ist schlimm!
Sie aber fahren immerzu im Schritt und schenken uns keine Beachtung.
„Filofej!“ flüsterte ich, „versuch‘ einmal nach rechts zu fahren und sie zu überholen.“
Filofej versuchte es und fuhr nach rechts . . . aber auch sie fuhren sofort nach rechts . . . wir konnten unmöglich vorfahren.
Filofej machte noch einen Versuch und lenkte nach links . . . Aber sie ließen uns wieder nicht vorfahren. Sie lachten sogar. Sie wollten uns also nicht vorbeilassen.
„Es sind wirklich Räuber“, flüsterte mir Filofej über die Schulter zu.
„Worauf warten sie denn noch?“ fragte ich gleichfalls im Flüstertone.
„Sehen Sie, dort vor uns, im Hohlwege, über dem Bache das Brückchen . . . Sie wollen uns dort . . . Sie machen es immer so . . . bei einer Brücke. Wir sind fertig, Herr!“ fügte er mit einem Seufzer hinzu. „Sie werden uns kaum am Leben lassen; denn für sie ist die Hauptsache, daß alle Spuren verschwinden. Eines tut mir leid, Herr, hin ist mein Dreigespann, meine Brüder werden es nicht kriegen!“
Ich hätte mich vielleicht gewundert, daß Filofej in einem solchen Augenblick noch an seine Pferde denken konnte, aber ich muß gestehen, ich hatte andere Dinge im Sinn . . . „Werden sie uns wirklich umbringen?“ fragte ich mich in Gedanken. „Warum? Ich will ihnen ja alles geben, was ich habe.“
Das Brückchen kam aber immer näher und wurde immer sichtbarer.
Plötzlich erklang ein durchdringendes Geschrei, die Troika vor uns bäumte sich, sauste und blieb, sobald sie das Brückchen erreicht hatte, mit einem Male wie angewurzelt etwas abseits vom Wege stehen. Mir stand das Herz still.
„Ach, Bruder Filofej,“ sagte ich, „wir beide fahren in den Tod. Verzeihe mir, wenn ich dich ins Verderben gezogen habe.“
„Du hast keine Schuld daran, Herr! Seinem Schicksal entrinnt man nicht! Nun, du Zottiger, mein treues Pferdchen“, wandte sich Filofej an das Mittelpferd, „lauf voraus, Bruder! Tu mir diesen letzten Dienst! Jetzt ist alles eins! Gott sei uns gnädig!“
Und er ließ seine Troika im Trab laufen.
Wir näherten uns dem Brückchen und jenem unbeweglichen, unheildrohenden Wagen . . . In diesem war plötzlich alles, wie mit Absicht, still geworden. Kein Laut! So wird auch der Hecht, der Habicht und jedes Raubtier still, wenn die Beute sich nähert. Da sind wir schon neben dem Bauernwagen . . . der Riese im Halbpelz springt plötzlich heraus und geht gerade auf uns zu!
Ich sagte nichts zu Filofej, aber er zog sofort selbst die Zügel an. Mein Reisewagen blieb stehen.
Der Riese legte beide Hände auf den Wagenschlag, beugte seinen zottigen Kopf vor, grinste und sagte mit einer stillen, ruhigen Stimme, im Tonfall eines Fabrikarbeiters, folgendes:
„Geehrter Herr, wir kommen von einem ehrlichen Mahle, von einer Hochzeit; wir haben einen Kameraden, einen forschen Burschen verheiratet, wir haben ihn zur Ruhe gebracht; wir sind lauter junge Burschen, verwegene Köpfe, haben viel getrunken, haben aber nichts, um uns nach dem Rausche zu stärken; wollen nicht Euer Gnaden uns ein wenig Geld spenden, damit sich ein jeder von uns ein Gläschen Schnaps kaufen kann? Wir würden für Ihr Wohl trinken und Euer Gnaden dabei gedenken; und wenn Sie nicht so gnädig sein wollen, so bitten wir uns nicht zu zürnen!“
„Was ist denn das?“ dachte ich mir. „Spott? Verhöhnung?“
Der Riese stand mit gesenktem Kopfe. In diesem Augenblick kam der Mond aus dem Nebel heraus und beleuchtete sein Gesicht. Er lächelte mit den Augen und mit den Lippen. Von einer Drohung war nichts zu sehen . . . das ganze Gesicht drückte nur Erwartung aus . . . und seine Zähne waren so weiß und so groß . . .
„Mit Vergnügen . . . hier, nehmt. . .“, sagte ich schnell. Ich holte meinen Beutel aus der Tasche, nahm zwei Silberrubel heraus – damals gab es noch Silbergeld in Rußland. „Hier, wenn es genug ist.“
„Wir danken sehr!“ rief der Riese auf Soldatenart, und seine dicken Finger entrissen mir im Nu nicht etwa den ganzen Beutel, sondern nur jene zwei Rubel. „Wir danken sehr!“ Er schüttelte sein Haar und lief zu seinem Wagen.
„Kinder!“ rief er. „Der Herr Reisende schenkt uns zwei Silberrubel!“ Jene fingen zu johlen an . . . Der Riese schwang sich auf den Bock.
„Leben Sie wohl!“
Und schon zogen die Pferde an . . . der Wagen rasselte bergauf. Noch einmal wurde er auf dem dunklen Streifen, der die Erde vom Himmel trennt, sichtbar und verschwand . . .
Schon war vom Klopfen, vom Schreien und vom Schellengeläute nichts mehr zu hören .. .
Es wurde still wie im Grabe.
Filofej und ich kamen nicht sogleich zur Besinnung.
„Ach, dieser Hanswurst!“ sagte er plötzlich; er nahm den Hut ab und begann sich zu bekreuzigen. „Wirklich ein Hanswurst“, wiederholte er, sich mit freudiger Miene zu mir umwendend. „Er muß doch wirklich ein guter Mensch sein! – Hü, hü, meine Kleinen! Rührt euch! – ihr kommt heil davon! Wir bleiben alle heil! – Er war es doch, der uns nicht vorbeilassen wollte, er hat die Pferde gelenkt. So ein Hanswurst! – Hü, hü, hü! Mit Gott!“
Ich schwieg, aber auch mir wurde es leicht ums Herz.
„Wir bleiben heil!“ wiederholte ich für mich selbst und streckte mich auf dem Heu aus. „Wir sind billig davongekommen!“
Ich schämte mich sogar etwas darüber, daß ich mich an den Vers Schukowskijs erinnert hatte.
Plötzlich kam mir ein Gedanke:
„Filofej!“
„Was?“
„Bist du verheiratet?“
„Ja.“
„Hast du auch Kinder?“
„Ja, ich habe auch Kinder.“
„Warum hast du nicht ihrer gedacht? Die Pferde taten dir leid, aber Frau und Kinder?“
„Warum sollten mir die leid tun? Sie wären doch nicht den Räubern in die Hände gefallen. Aber ich dachte die ganze Zeit an sie und denke auch jetzt noch an sie . . .“ Filofej schwieg eine Weile. „Vielleicht . .. vielleicht hat sich Gott um ihretwillen unser erbarmt.“
„Wenn es aber gar keine Räuber waren?“
„Wer kann das wissen? Kann man denn in eine fremde Seele hineinblicken? Eine fremde Seele ist dunkel. Mit Gott ist es immer besser. Nein . . . an meine Familie denke ich immer . .. Hü, hü, hü! Ihr meine Kleinen, mit Gott!“
Es war schon fast ganz hell, als wir uns Tula näherten. Ich lag im Halbschlummer.
„Herr,“ sagte mir plötzlich Filofej, „schauen Sie, da halten sie vor der Schenke . . . es ist ihr Wagen.“
Ich hob den Kopf . . . sie waren es wirklich: ihr Wagen und ihre Pferde. Auf der Schwelle der Schenke erschien plötzlich der uns bekannte Riese im Halbpelz.
„Herr!“ rief er, seine Mütze schwingend. „Wir vertrinken Ihr Geld! Du, Kutscher,“ fügte er hinzu, mit dem Kopf auf Filofej weisend, „hast wohl Angst gekriegt, was?“
„Ein lustiger Kerl!“ bemerkte Filofej, als wir zwanzig Klafter von der Schenke weg waren.
Endlich kamen wir nach Tula; ich kaufte mir Schrot, auch Tee und Wein, schaffte mir sogar ein Pferd an. Um die Mittagstunde fuhren wir zurück. Als wir an die Stelle kamen, wo wir hinter uns zum erstenmal das Klopfen des Wagens gehört hatten, fing Filofej, der, nachdem er in Tula ein wenig getrunken hatte, sich als sehr redselig herausstellte – er begann sogar, mir Märchen zu erzählen – , fing Filofej plötzlich zu lachen an.
„Erinnerst du dich noch, Herr, wie ich dir sagte: es klopft, es klopft, es klopft?“
Er schwang einigemal die Hand . . . Dieses Wort kam ihm wohl sehr amüsant vor.
Am gleichen Abend kehrten wir in sein Dorf zurück. Ich erzählte unser Erlebnis Jermolai. Da er nüchtern war, zeigte er gar keine Teilnahme, er grinste nur, ob billigend oder tadelnd, das wußte er wohl selbst nicht. Aber zwei Tage später teilte er mir freudig mit, daß man in der gleichen Nacht, als ich mit Filofej nach Tula fuhr, auf derselben Straße einen Kaufmann ermordet und beraubt hatte. Ich wollte diese Nachricht anfangs nicht glauben; aber später mußte ich es doch: die Richtigkeit wurde mir von dem Polizeibeamten bestätigt, der hinfuhr, um an der Untersuchung teilzunehmen. – War das vielleicht die „Hochzeit“? von der unsere Leute zurückkehrten, und hatten sie vielleicht diesen „Burschen“ zur Ruhe gebracht, wie sich der lustige Riese ausdrückte? Im Dorfe Filofejs blieb ich noch an die fünf Tage. So oft ich ihn traf, fragte ich ihn: „Nun, klopft es?“
„Ein lustiger Kerl!“ antwortete er mir jedesmal und begann selbst zu lachen.

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