Erste Reise nach Ithaka, dem Peloponnes und Troja

End­lich war es mir mög­lich, den Traum mei­nes Le­bens zu ver­wirk­li­chen, den Schau­platz der Er­eig­nis­se, die für mich ein so tie­fes In­ter­es­se ge­habt, und das Va­ter­land der Hel­den, de­ren Aben­teu­er mei­ne Kind­heit ent­zückt und ge­trös­tet hat­ten, in er­wünsch­ter Mus­se zu be­su­chen. So brach ich im April 1868 auf und ging über Rom und Nea­pel nach Kor­fu, Ke­pha­lo­nia und Itha­ka, wel­ches letz­te­re ich gründ­lich durch­forsch­te; doch nahm ich hier nur in der so­ge­nann­ten Burg des Odys­seus, auf dem Gip­fel des Ber­ges Aëtos, Aus­gra­bun­gen vor. Bei die­sem Auf­ent­hal­te schon fand ich, dass die Lo­ca­li­tät der In­sel mit den An­ga­ben der Odys­see voll­kom­men über­ein­stimm­te; ich wer­de Ge­le­gen­heit ha­ben, die­sel­be auf den fol­gen­den Sei­ten ge­nau­er zu be­schrei­ben.

Spä­ter ging ich nach dem Pe­lo­pon­nes und un­ter­such­te hier vor­zugs­wei­se die Rui­nen von My­ken­ae, wo­bei es mir klar wur­de, dass die jetzt durch mei­ne Aus­gra­bun­gen so be­rühmt ge­wor­de­ne Stel­le des Pau­sa­ni­as, in wel­cher die Kö­nigs­grä­ber er­wähnt sind, stets falsch in­ter­pre­tirt wor­den war, und dass der Pe­rie­get nicht, wie bis­her all­ge­mein an­ge­nom­men, die Grä­ber als in der un­tern Stadt, son­dern als in der Akro­po­lis selbst ge­le­gen be­zeich­net hat. Dann be­such­te ich Athen und schiff­te mich im Pi­rä­us nach den Dar­da­nel­len ein, von wo ich mich nach dem Dor­fe Bu­nar­ba­schi an der Süd­sei­te der Ebe­ne von Tro­ja be­gab. Bu­nar­ba­schi, mit den im Hin­ter­grun­de sich er­he­ben­den Fels­hö­hen des Ba­li-Dagh, war in neue­rer Zeit bis da­hin fast all­ge­mein als die Stät­te des ho­me­ri­schen Ili­on be­trach­tet wor­den; die Quel­len am Fus­se des Dor­fes muss­ten bei die­ser An­nah­me für die von Ho­mer er­wähn­ten bei­den Quel­len gel­ten, de­ren ei­ne war­mes, die an­de­re aber kal­tes Was­ser her­vor­spru­deln soll­te. An­statt je­ner zwei fand ich je­doch hier 34 Quel­len vor, und wahr­schein­lich sind so­gar ih­rer 40 vor­han­den; denn die Stel­le wird heu­te von den Tür­ken Kirk-Gi­ös, d.h. »Vier­zig Au­gen« ge­nannt; über­dies fand ich in al­len Quel­len ei­ne glei­che Tem­pe­ra­tur von 17°C.

Ue­ber­dies be­trägt die Ent­fer­nung von Bu­nar­ba­schi bis zum Hel­lespont in ge­ra­der Rich­tung 8 eng­li­sche Mei­len (12,8 km), wäh­rend die An­ga­ben der Ili­as zu be­wei­sen schei­nen, dass der Ab­stand von Ili­on zum Hel­lespont nur kurz ge­we­sen ist und höchs­tens 3 eng­li­sche Mei­len (4,8 km) be­tra­gen hat. Auch wür­de es un­mög­lich ge­we­sen sein, dass Achil­leus den Hek­tor hät­te in der Ebe­ne um die Mau­ern von Tro­ja ver­fol­gen kön­nen, falls Tro­ja auf der Hö­he von Bu­nar­ba­schi ge­le­gen hät­te. Al­les die­ses über­zeug­te mich nun so­gleich, dass die ho­me­ri­sche Stadt un­mög­lich hier ge­stan­den ha­ben kön­ne; trotz­dem aber wünsch­te ich, die­se hoch­wich­ti­ge Sa­che durch Aus­gra­bun­gen noch nä­her zu un­ter­su­chen und fest­zu­stel­len, und nahm des­halb ei­ne An­zahl von Ar­bei­tern an, die an hun­dert ver­schie­de­nen Punk­ten zwi­schen den Vier­zig Quel­len und dem äus­sers­ten En­de der Hü­gel Lö­cher in den Bo­den gra­ben muss­ten. Aber so­wohl bei den Quel­len als auch in Bu­nar­ba­schi und an al­len üb­ri­gen Or­ten fand ich nur rei­nen Ur­bo­den und stiess schon in sehr ge­rin­ger Tie­fe auf den Fel­sen. Nur an dem süd­li­chen En­de der An­hö­hen be­fin­den sich die Rui­nen ei­nes sehr klei­nen be­fes­tig­ten Plat­zes, den ich in Ue­ber­ein­stim­mung mit mei­nem Freun­de, Herrn Frank Cal­vert, Con­sul der Ver­ei­nig­ten Staa­ten in den Dar­da­nel­len, für iden­tisch mit der al­ten Stadt Ger­gis hal­te. Hier hat im Mai 1864 der ver­stor­be­ne ös­ter­rei­chi­sche Con­sul G. von Hahn ge­mein­schaft­lich mit dem As­tro­no­men Schmidt aus Athen ei­ni­ge Aus­gra­bun­gen vor­ge­nom­men; die durch­schnitt­li­che Tie­fe der Trüm­mer be­trägt nicht mehr als et­wa an­dert­halb Fuss, und so­wol Herr von Hahn wie ich fan­den dort nur Scher­ben von or­di­nä­rer hel­le­ni­scher Töp­fer­waa­re aus der ma­ke­do­ni­schen Zeit, aber kein ein­zi­ges Bruch­stück von ar­chai­scher Ar­beit. Aus­ser­dem fand ich, dass die Mau­ern der klei­nen be­fes­tig­ten Stadt, in de­nen so vie­le ar­chäo­lo­gi­sche Au­to­ri­tä­ten die Mau­ern von Pri­am’s Per­ga­mos ge­se­hen, ganz irrt­hüm­lich das Bei­wort »ky­klo­pi­sche« er­hal­ten hat­ten.

Da die Re­sul­ta­te der Nach­for­schun­gen in Bu­nar­ba­schi so­mit rein ne­ga­ti­ver Na­tur wa­ren, un­ter­such­te ich al­le Hö­hen auf der rech­ten und lin­ken Sei­te der Ebe­ne auf das sorg­fäl­tigs­te; aber all mein Su­chen blieb ver­geb­lich, bis ich an die Bau­stel­le der Stadt kam, die von Strabo No­vum Ili­um (?? ????????? ?????, ?? ??? ?????, ? ??? ?????) ge­nannt wird; die­sel­be liegt nur 3 eng­li­sche Mei­len (4,8 km.) vom Hel­lespont ent­fernt und stimmt in die­ser so­wie in je­der an­dern Be­zie­hung voll­stän­dig mit den to­po­gra­phi­schen Er­for­der­nis­sen der Ili­as über­ein. Hier war es vor­nehm­lich der heu­te His­s­ar­lik ge­nann­te Hü­gel, der durch sei­ne im­po­san­te La­ge und sei­ne na­tür­li­chen Be­fes­ti­gun­gen mei­ne Auf­merk­sam­keit in An­spruch nahm; der­sel­be bil­de­te die nord­west­li­che Ecke von No­vum Ili­um und schien mir die La­ge der Akro­po­lis die­ser Stadt und die der Pri­a­mi­schen Per­ga­mos zu be­zeich­nen. Nach den Mes­sun­gen mei­nes Freun­des Émile Bur­nouf, Eh­ren­di­rec­tors der Fran­zö­si­schen Schu­le in Athen, be­trägt die ab­so­lu­te Hö­he die­ses Hü­gels 49,23m.

Am Ran­de des Nord­ab­han­ges und zwar auf ei­nem Thei­le des Hü­gels, der zwei Tür­ken in Kum Kal­eh ge­hör­te, fan­den vor et­wa 25 Jah­ren zwei Land­leu­te in ei­nem aufs ge­ra­the­wohl ge­gra­be­nen Lo­che ei­nen klei­nen Schatz von un­ge­fähr 1200 Sil­ber-Stat­ern des An­tio­ch­os III.

Der ers­te neue­re Au­tor, der die Iden­ti­tät His­s­ar­liks mit der ho­me­ri­schen Stadt er­kann­te, war Maclaren3, der durch die un­wi­der­leg­lichs­ten Be­wei­se dart­hat, dass Tro­ja nie auf den Hö­hen von Bu­nar­ba­schi ge­stan­den ha­ben kön­ne, und dass, wenn es über­haupt je­mals existirt ha­be, His­s­ar­lik sei­ne Stät­te be­zeich­nen müs­se. Aber schon lan­ge vor ihm hat­te Edw. Dan. Clar­ke sich ge­gen Bu­nar­ba­schi er­klärt und mit P. Bar­ker Webb, der die näm­li­che Theo­rie vert­hei­dig­te, an­ge­nom­men, dass die ho­me­ri­sche Stadt bei dem heu­ti­gen Dor­fe Chi­blak ge­le­gen ha­ben müs­se. Zu Guns­ten His­s­ar­liks er­klär­ten sich als ge­wich­ti­ge Au­to­ri­tä­ten auch Ge­or­ge Gro­te, Ju­li­us Braun und Gus­tav von Ecken­bre­cher. Herr Frank Cal­vert, der frü­her ein Ver­tre­ter der Theo­rie Tro­ja-Bu­nar­ba­schi ge­we­sen war, wur­de durch die Be­weis­füh­run­gen der oben­ge­nann­ten Schrift­stel­ler und be­son­ders durch Ma­cla­ren und Bar­ker Webb für die Tro­ja-His­s­ar­lik-Theo­rie ge­won­nen, de­ren eif­ri­ger Ver­fech­ter er heu­te ist. Ihm ge­hört fast die Hälf­te von His­s­ar­lik. In zwei klei­nen Grä­ben, die er auf die­sem sei­nem Be­sitzt­hum ge­zo­gen, hat­te er ei­ni­ge Ue­ber­res­te aus der rö­mi­schen und der ma­ke­do­ni­schen Pe­rio­de so­wie auch ein Stück je­ner Mau­er von hel­le­ni­scher Ar­beit zu Ta­ge ge­för­dert, die nach Plut­arch von Ly­si­ma­chos er­baut sein soll. Ich be­schloss so­fort hier Aus­gra­bun­gen zu be­gin­nen, und kün­dig­te die­se Ab­sicht in dem Wer­ke »Itha­ka, der Pe­lo­pon­nes und Tro­ja« an, das ich ge­gen En­de des Jah­res 1868 ver­öf­fent­lich­te.

Ein Ex­em­plar die­ses Wer­kes nebst ei­ner alt­grie­chisch ge­schrie­be­nen Dis­ser­ta­ti­on über­sand­te ich der Uni­ver­si­tät Ros­tock und wur­de da­für durch die Ert­hei­lung der phi­lo­so­phi­schen Doc­tor­wür­de die­ser Uni­ver­si­tät be­lohnt. Seit­dem ha­be ich mit un­er­müd­li­chem Ei­fer stets da­nach ge­strebt, mich die­ser Eh­re wür­dig zu zei­gen.

In dem oben­ge­nann­ten Bu­che er­wähn­te ich auf Sei­te 90 u. 91, dass nach mei­ner Aus­le­gung der be­tref­fen­den Stel­le des Pau­sa­ni­as (II, 16, 4) die Kö­nigs­grä­ber von My­ken­ae in der Akro­po­lis sel­ber, nicht aber in der un­tern Stadt ge­sucht wer­den müs­sen. Die­se mei­ne In­ter­pre­ta­ti­on wi­der­sprach nun der Auf­fas­sung al­ler an­dern Ge­lehr­ten, und so wur­de ich da­mals viel ver­lacht. Aber seit­dem es mir im Jah­re 1876 ge­lun­gen ist, die Grä­ber mit ih­ren un­ge­heu­ern Schät­zen an der von mir an­ge­ge­be­nen Stel­le auf­zu­fin­den, muss mei­ne Deu­tung schliess­lich doch als die ein­zig rich­ti­ge an­ge­nom­men wer­den.

Da ich mich fast das gan­ze Jahr 1869 in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf­hal­ten muss­te, konn­te ich erst im April 1870 nach His­s­ar­lik zu­rück­keh­ren und ei­ne vor­läu­fi­ge Aus­gra­bung vor­neh­men, um zu er­for­schen, bis zu wel­cher Tie­fe die künst­li­che Schutt­auf­häu­fung reicht. Ich be­gann die Aus­gra­bung an der nord­west­li­chen Ecke, und zwar an ei­ner Stel­le, wo der Hü­gel be­trächt­lich an Grös­se zu­ge­nom­men hat­te und wo dem­nach auch die An­häu­fung von Schutt aus der hel­le­ni­schen Zeit sehr be­deu­tend war. So leg­te ich erst, nach­dem wir 16 Fuss tief in die Er­de ge­gra­ben hat­ten, ei­ne 61/2 Fuss star­ke Mau­er von ge­wal­ti­gen Stei­nen bloss, die, wie mei­ne spä­tern Aus­gra­bun­gen be­wie­sen, zu ei­nem Thur­me aus der ma­ke­do­ni­schen Zeit ge­hör­te.

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