Erste Amerikafahrt

Aus: Lebenslinien 2.Teil, 14.Kap.

Der Anlaß. Früh im Jahre 1903 erhielt ich einen Brief aus der kleinen Universitätsstadt Berkeley, Kalifornien, bei San Francisco, von dem dortigen Professor der Physiologie Jaques Loeb, der mich im Auftrage seiner Universität einlud, sein neues Laboratorium durch eine Rede einzuweihen. Mir war der Name zwar nicht unbekannt, doch hatte ich im Drange so vieler und mannigfaltiger Arbeiten keinen Anlaß gehabt, mich näher mit seinen Forschungen zu beschäftigen. Kollege Loeb schien dies vorausgesehen zu haben, denn er hatte gleichzeitig eine Anzahl Bücher und Abhandlungen auf den Weg gebracht, um mir ein genaueres Bild seiner Betätigungen und Bestrebungen zu geben. Er erwies sich als ein glühender Bewunderer der neuen physikalischen Chemie, der er den Hauptteil seiner Erfolge verdanken zu müssen erklärte, und wollte durch meine persönliche Anwesenheit bei seinem Einzugsfest das Dankverhältnis zum Ausdruck bringen, das er unserer Wissenschaft gegenüber empfand.

Der Mann. Jacques Loeb war 1859 in Mayen bei Koblenz geboren, hatte in Berlin, München und Straßburg studiert und sich durch eine sehr bemerkenswerte biologische Jugendarbeit bekannt gemacht, in der er nachwies, daß die an Pflanzen wohlbekannten und von dem genialen Begründer der Pflanzenphysiologie Julius Sachs mathetisch gedeuteten Erscheinungen der Phototropie oder Lichtwendung sich auch bei Tieren nachweisen lassen, wo sie dem gleichen Gesetz folgen. Nämlich jedes Lebewesen, das lichtempfindlich und beweglich ist, stellt sich zum Licht symmetrisch ein, so daß übereinstimmende Körperteile unter gleichem Winkel vom Licht getroffen werden. Ist die Beweglichkeit beschränkt, wie bei Pflanzen, so bewirkt das Licht nur eine entsprechende Einstellung; ist eine Bewegung von Ort zu Ort möglich, wie bei den meisten Tieren, so findet ein scheinbares Suchen oder Fliehen des Lichtes statt, nämlich jedesmal eine Bewegung zum leuchtenden Ort hin oder von ihm fort. Aber diese Bewegungen sind nicht etwa »instinktive« Anziehungen oder Abstoßungen durch das Licht, sondern der grundlegende Vorgang ist die Einstellung des Lebewesens symmetrisch zum Lichtstrom. Je nachdem hierbei der Kopf zum oder vom Licht gewendet wird, erfolgt beim Bewegen eine Annäherung oder Entfernung.

J. Loeb legt bei der Besprechung seiner sinnreichen Versuche das größte Gewicht darauf, daß zu ihrem Zustandekommen weder ein Bewußtsein noch ein Instinkt erfordert ist. Denn das Verhalten der Tiere entspricht genau dem der Pflanzen, bei denen man geistige Funktionen nicht anzunehmen pflegt, und beide lassen sich auf unmittelbare physiologische Wirkungen zurückführen.

Diesen hier mit aller Bestimmtheit eingenommenen Standpunkt, die Erscheinungen des Lebens tunlichst auf physikochemische Ursachen zurückzuführen, hat dann Loeb während seiner ganzen wissenschaftlichen Laufbahn festgehalten und er hat ihm die Gewinnung seiner späteren höchst bemerkenswerten wissenschaftlichen Ergebnisse ermöglicht. Dabei hatten sich die damals noch sehr neuen Begriffe der Dissoziationstheorie als besonders fruchtbar erwiesen: nicht die zahllosen verschiedenen Salze als solche erwiesen sich als maßgebend für die physiologischen Vorgänge, sondern ihre Ionen, unabhängig von dem besonderen Salz, durch welches diese in die Lösung gebracht worden waren. Dies ergab eine wesentliche Vereinfachung der Arbeit.

Als Loeb jenen Brief an mich richtete, hatten seine Forschungen eben zu einem Gipfelpunkt geführt: die künstliche Parthenogenese, d.h. die Erzeugung lebensfähiger Jungen aus unbefruchteten Eiern von Seeigeln und anderen niederen Tieren durch rein chemische Einwirkung bestimmter Ionen von geeigneter Konzentration. Diese Entdeckung hatte gewaltiges Aufsehen gemacht; Loeb schien dadurch der Lösung des Rätsels vom Leben um einen großen Schritt näher gekommen zu sein. Unter deren Eindruck hatte sich, wie das in Amerika üblich ist, ein reicher Mann gefunden, der die Mittel für den längst notwendigen Bau eines angemessenen Laboratoriums hergegeben hatte.

Daß Loeb dem Vertreter der physikalischen Chemie eine so hervortretende Stellung bei der Einweihung der neuen Anstalt überwies, war also nicht nur ein Ausdruck des Dankes, sondern auch eine kräftige Hervorhebung seines wissenschaftlichen Grundgedankens, der Aufklärung der Lebenserscheinungen durch physikalisch-chemische Mittel.

Die Fahrt. Ich zögerte nicht, die nach vielen Seiten lockende Einladung anzunehmen, zumal der Besuch in der neuen Welt sich während der Ferien erledigen ließ und daher keine Störung meiner amtlichen Tätigkeit forderte. Ich war jung genug – noch nicht fünfzig Jahre – um den zu erwartenden Anstrengungen entgegen zu sehen, ohne Sorge, ob ich ihnen gewachsen sein würde, und aufnahmefähig genug, um mit Freude die bevorstehenden vielen neuen Eindrücke zu erwarten. Die anderthalb Wochen Seefahrt zu Beginn und Schluß der Reise gaben mir die Gewähr, daß ich erfrischt in Kalifornien eintreffen und ebenso wieder heimkehren würde. Ich wählte absichtlich nicht die schnellsten Schiffe, um diese heilsame Wirkung tunlichst zu verlängern; auch hatten mir Kundige gesagt, daß die Gesellschaft auf den langsameren Schiffen meist viel netter sei, als die vorwiegend aus Geldprotzen bestehende Bevölkerung der schnellsten.

So machte ich mich anfang August auf den Weg nach Bremen, um von dort zunächst nach New York zu fahren. Dort erwartete mich ein früherer Schüler, Dr. Young, der inzwischen auf der zweiten kalifornischen Universität in Palo Alto Professor geworden war und eben dorthin abzureisen beabsichtigte. Er wollte mir freundlich die technischen Schwierigkeiten der langen Überlandfahrt abnehmen und erwies sich als ein ebenso williger wie geschickter Reisegenosse, der mir von allergrößtem Nutzen gewesen ist, da zufällig gerade bei meiner Fahrt besondere Hindernisse auftauchten, denen ich allein kaum gewachsen gewesen wäre.

Auf der Fahrt nach Bremen traf ich in Magdeburg, wo Mittagaufenthalt war, mit einem Leipziger Kollegen aus der medizinischen Fakultät zusammen, mit dem ich auf angenehmem Fuß verkehrte. Er erkundigte sich nach dem Wohin und auf meine Antwort: nach Kalifornien, wollte er näheres wissen. Ich gab Auskunft und er bemerkte darauf: Da werden Sie aber Triumphe feiern. Ich bekannte, daß ich hieran noch nicht gedacht hatte, da für mich die erste Fahrt über das Weltmeer und dann die Reise quer durch den ganzen transatlantischen Weltteil gänzlich im Vordergrunde meiner Erwartungen standen. Er hat aber Recht behalten, denn ich konnte hernach wie Liebig sagen: Würde man von Ehren fett werden, so müßte ich einen Bauch haben, wie ein Lord Mayor.

Die Reise auf dem Dampfer »Weser« des Norddeutschen Lloyd verlief ganz wie erwartet. Bekanntlich waren vor dem Weltkriege (vielleicht ist es schon wieder so) die deutschen Dampfer die schnellsten, schönsten, saubersten und in jeder Beziehung angenehmsten von allen, die auf sämtlichen Meeren der Erde verkehrten. Das Essen jedes Lobes wert, die Ordnung und Reinlichkeit tadellos, der Verkehrston durch den Einfluß der hochgebildeten Schiffsführer heiter-behaglich. Am Vormittag und zur Hauptmahlzeit gegen Abend machte die Schiffskapelle gute Musik und so kam ein Gefühl der Langeweile durch den beschränkten Raum und Kreis des Schiffs um so weniger auf, als mit dem Fortschritt der Tage die persönlichen Beziehungen der Reisegenossen naturgemäß lebendiger wurden.

Auch die ganze Reihe der Wettermöglichkeiten wurde durchmessen. Die meisten Tage waren sonnig und schön, doch hatten wir auch zwei Tage kräftigen Sturm, die ich ohne seekrank zu werden, überstand.

Der Vortrag. Nur eine Schwierigkeit war zu überwinden. In Berkeley sollte ich einen großen Vortrag über die Beziehungen zwischen physikalischer Chemie und Biologie halten. Unter den vielen Geschäften, die vor der Abreise zu erledigen waren, konnte ich nicht daran denken, ihn auszuarbeiten. Und geschrieben mußte er werden, da er hernach in Berkeley gedruckt werden sollte. Ich hatte mir natürlich gesagt, daß ich auf der langen Dampferfahrt reichlich Zeit haben würde, diese Arbeit auszuführen; ich stellte sie mir als eine sehr angenehme Ausfüllung der vielen freien Stunden auf dem Meere vor. Doch hatte ich, ungeduldig der neuen Aufgabe gegenüber, schon auf der Eisenbahnfahrt mir die Hauptgedanken zurechtgelegt und einen halben Wartetag, den ich in Bremen verbringen mußte, mit dem Beginn der Niederschrift ausgefüllt.

Nachdem der erste Tag der Seereise durch das Kennenlernen der neuen Umgebung und das Anlaufen von Southampton, wobei ich die wohlbekannte Insel Wight wiedersah, Zerstreuung genug gebracht hatten, gedachte ich eines schönen Vormittags an die Arbeit zu gehen. Zu meiner Verwunderung hatte ich große Mühe, meine Gedanken auf die vorliegende Aufgabe zu richten; sie entliefen wie junge Hunde immer wieder der strengen Führung und schwärmten ziellos und lustig umher. So machte die Rede zunächst nur geringe Fortschritte und wurde angesichts der langen Zeit, die noch zur Verfügung stand, auf den nächsten Tag verschoben, was ganz gegen meine sonstige Gewohnheit war.

Am nächsten Tage ging es mir aber nicht viel anders, und bald überzeugte ich mich, daß dieser Zustand behaglicher Faulheit eine unmittelbare Folge des Lebens auf dem Meere war. Woher er rührt, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht sind es die Spuren von Bromnatrium aus dem Meere, welche durch Zerstäubung mittels Wellenwirkung sich der Luft mitteilen, vom Körper durch die Lunge aufgenommen werden und dort ihre nervenberuhigende Wirkung entfalten. Vielleicht ist es auch der relativ hohe Barometerstand, der in der Meereshöhe herrscht, denn ich habe stets gefunden, daß niedriger Luftdruck mich unruhig macht und mir den sonst gesunden Schlaf raubt. Vielleicht war es auch das Abgeschlossensein von den täglichen Zeitungen. Denn die Funkentelegraphie war noch nicht erfunden und man führte auf dem Schiff ein vom Weltlauf völlig abgeschiedenes Dasein. Dazu kam dann noch der rege Appetit, den der dauernde Aufenthalt in der freien Luft bewirkte und dessen Befriedigung hernach die Verdauungsorgane länger als sonst beschäftigte, wodurch der Blutzufluß zum Gehirn vermindert wurde. Wahrscheinlich wirkte alles zusammen, um jenen ungewohnten, aber angenehmen Zustand herzustellen.

Doch ließ sich die Niederschrift der Rede ohne Anstrengung durchführen, und sogar die Arbeit an der »Schule der Chemie«, die ich mitgenommen hatte, wurde um einige Bogen gefördert.

Nach diesen Erfahrungen kann ich geistig. angestrengten Personen nichts besseres empfehlen, als eine Meerfahrt. Und zwar nicht auf einem Vergnügungsdampfer, wo einem die Mitfahrenden das Behagen nehmen, sondern womöglich auf einem Frachtdampfer, wenn dieser nur einigermaßen die nötigen Bequemlichkeiten bietet.

Reisegesellschaft. Unter den Reisegenossen, befanden sich zwei Hamburger Großhändler, die sich anfangs mit wohlwollender Ironie zu dem Professor einstellten, der ein Fach studierte und lehrte, das es eigentlich gar nicht gab. Allmählich aber wurden sie bereitwilliger, mich und meine Tätigkeit gelten zu lassen. Der ältere von beiden erzählte, es sei seine Idee gewesen, die Verfrachtung des Petroleums nicht wie bisher in Fässern, sondern in eigens erbauten Tankschiffen durchzuführen, und fügte folgendes Erlebnis hinzu: Im Jahre 1890 hatte plötzlich der Verbrauch von Leuchtöl merklich nachgelassen und die Kurve der langsamen jährlichen Zunahme war von diesem niederen Punkt wieder ganz regelmäßig wie vorher angestiegen. Es war für ihn geschäftlich von Belang, die Ursache dieses Ausfalls kennen zu lernen; er konnte aber lange nicht dahinter kommen. Endlich fand er die Ursache. Im gleichen Jahre war die mitteleuropäische Zeit im Deutschen Reich eingeführt worden, nachdem bis dahin überall nach Ortszeiten gerechnet worden war. Die Folge war, daß im Westen die Leute, wenn sie nach der Uhr um die gleiche Stunde wie früher zu Bett gingen, tatsächlich die Lampe um rund eine halbe Stunde früher auslöschten, als vorher nach der Ortszeit. Im Osten blieben sie dagegen eine halbe Stunde länger auf. Da aber der Westen ungleich dichter bevölkert ist, so betrug der Ausfall dort sehr viel mehr, als das Mehr im Osten, so daß im ganzen der Verbrauch an Leuchtöl geringer war.

Ich machte dem alten Herrn wegen seines Scharfsinnes aufrichtige Komplimente und gestand, daß mir diese Entdeckung schwerlich gelungen wäre.

New York. Die Einfahrt in New York war alles andere als imposant. Denn die Einreisenden mußten sich im Speisesaal versammeln und dort »Schlange sitzen«, um einzeln vor den Zollbeamten genau anzugeben, was sie mitbrachten. Da ich auf diese Operation nicht vorbereitet war, so war ich sehr in den Schwanz der Schlange geraten und hatte so lange zu warten, bis ich daran kam, daß inzwischen das Schiff schon fast bis zur Lände geschleppt worden war.

Auf dem Lande wurden wir alle wie Schafe in eine große Halle mit sehr schmutzigem Fußboden getrieben, welche an den Wänden mit den Buchstaben des ABC geschmückt war. Jeder mußte seinen Platz bei dem Anfangsbuchstaben seines Namens einnehmen, wohin auch das Schiffsgepäck geschafft wurde, das schon vorher mit dem Buchstaben versehen war und seine Sachen wurden nach endlosem Warten sehr eingehend auf Kontrebande untersucht. Dann wurde man endlich freigelassen.

Vor der Tür des Zollamtes – denn es wurde niemand hereingelassen – erwartete mich Dr. Young, dem sich ein anderer amerikanischer Schüler Dr. Heimrod zugesellt hatte. Sie führten mich nach dem Reisebüro im Broadway, wo ich die Fahrkarte nach Berkeley erstand. Es herrschte die bekannte unausstehliche feuchte Hitze, welche New York im Spätsommer fast unbewohnbar macht, so daß alle Türen offen stehen mußten und die Beamten in Hemdärmeln arbeiteten. Von draußen drang ein so überwältigender Lärm von den Wagen, Trambahnen und Zeitungsjungen herein, daß Young seine Wünsche dem Beamten ins Ohr schreien mußte, denn auch innen war ein halbes Dutzend Schreibmaschinen, Telephonglocken und noch mancherlei anderes in unausgesetzter Tätigkeit. Binnen kurzer Frist hatte ich wüste Kopfschmerzen und atmete auf, als wir zum Essen in eine stillere Nebenstraße flüchten konnten. Die Frage, ob ich mir nicht vor meiner Abreise nach dem Westen New York ansehen wolle, verneinte ich schaudernd in der Hoffnung, dies einmal zu günstigerer Jahreszeit nachholen zu können. Das hat sich denn auch später verwirklichen lassen, als ich einen ganzen Wintermonat dort zubrachte. Ich war vielmehr eilig, aus dieser Hölle des Lärms herauszukommen, und so fuhren wir bereits am Abend ab.

Die Reise. Bei der Gepäckaufgabe nach San Francisco meinte der Träger, daß mein Koffer besser noch durch einen umgeschnallten Riemen verschlossen werden sollte; das koste einen Dollar. Ich hielt dies für überflüssig. Young aber klärte mich auf, daß dies eine Art von heimlicher Reisegepäckversicherung sei, welche die organisierten Kofferträger über die ganzen Vereinigten Staaten eingerichtet hatten. Koffer mit solchen Riemen würden besonders vorsichtig behandelt und nicht gestohlen, so daß sich die Ausgabe wohl lohne. Ich zahlte und in der Tat war hernach mein Koffer gut und richtig angekommen, obwohl die Fahrt unter großen Unregelmäßigkeiten vor sich gegangen war, wie hernach erzählt werden soll.

Die Reise ging zunächst nach Buffalo und an die Niagarafälle. Nicht nur vom landschaftlichen Standpunkt zogen mich diese ungeheuren Massen bewegten Wassers an, sondern auch vom technischen, denn es waren dort vor kurzem die ersten Anlagen fertig geworden, um einen Teil der riesigen Energiemengen nutzbar zu machen, die sich bisher zwecklos in Wärme verwandelt hatten.

Der Eindruck der Niagarafälle auf mich war sehr groß, denn sie wirken nicht nur durch ihre Breite und Gewalt, sondern auch durch ihre landschaftliche Schönheit. Das Wasser wird aus dem oberen See, wo es sich hat klären können, durch einen zeimlich kurzen Flußlauf herangeführt und ist deshalb klar und durchsichtig; das natürliche Eisblau des reinen Wassers ist nur wenig durch organische Stoffe nach Seegrün verfärbt. Eine Fülle von schönen bildmäßigen Ansichten bot sich dar und ich bedauerte sehr, daß der mitgenommene Malkasten mit dem Hauptgepäck nach Berkeley geschickt war. So nahm ich mir vor, falls ich nochmals nach Amerika kommen sollte, mir jedenfalls einige Tage zum Malen an den Fällen vorzubehalten, und ich habe den Vorsatz auch im nächsten Jahr ausführen können.

Die technische Anlage erwies sich gleichfalls in hohem Maße lehrreich. Mit Genugtuung stellte ich deutsche Firmen als Hersteller der feineren Maschinen fest. Von besonderem Interesse waren mir die Werke einer Gesellschaft, welche Salpetersäure aus Luft mittels elektrischer Entladungen herstellen wollte, doch war ein Zutritt nicht zu erlangen, denn die Anlage war stillgelegt. Dagegen sah ich die Elektrolyse von geschmolzenem Kochsalz zur Herstellung von Chlor und Natron, was damals ein wichtiger Fortschritt war.

Von Chicago bis Colorado Springs. Die nächste Haltestelle war Chicago, wo wir einen Tag blieben. Der erste Eindruck von New York, daß nämlich Amerika sich vor allen Dingen durch unbeschreiblichen Lärm hervortut, verstärkte sich dort noch erheblich. So schien die »Elevated«, die auf Trägern durch die Straßen geführte elektrische Bahn mit besonderer Rücksicht darauf erbaut zu sein, soviel Getöse als möglich aus der Anlage zu gewinnen. Die Häuser und Straßen waren schmutzig und das Pflaster sehr schlecht. Da die örtliche Steinkohle jung ist, so gibt sie beim Verbrennen vielen und schwarzen Rauch. Das Profil der Stadt sah von ferne ganz uneuropäisch aus. Bei uns sieht man stets eine Häusermasse von annähernd gleicher Höhe, aus welcher die Spitzen von Kirchtürmen oder Kuppeln von Prachtgebäuden einzeln hervorragen. Eine amerikanische Großstadt sieht von fern wie eine verfallene Mauer oder eine kariöse Zahnreihe aus: es stehen nebeneinander ohne jede Regelmäßigkeit niedrige Häuser von drei oder vier Stockwerken und hohe von zwölf bis fünfzehn, die natürlich alle stumpf enden mit Dächern, die ebenso breit sind, wie die Grundflächen. In Chicago trug jedes höhere Haus eine doppelte Rauchfahne: eine schwarze von der Feuerungsanlage und eine weiße vom Auspuffdampf der Maschinen, welche die reichlich vorgesehenen und beständig betriebenen Fahrstühle betätigten. Elektrische Zentralen waren damals noch nicht vorhanden. Der Gesamteindruck der Stadt war sehr abstoßend.

An der Bevölkerung überraschte die außerordentliche Gleichförmigkeit des Aussehens. Jeder Mann trug den gleichen Strohhut, den gleichen Stehkragen mit umgelegten Ecken, die gleiche Halsbinde, die gleichen Stiefeln. Ebenso bestand die Kleidung der berufstätigen Frauen und Mädchen allgemein aus Strohhut, weißer Bluse und schwarzem Rock.

Von Chicago gedachten wir in dreitägiger Fahrt San Francisco zu erreichen. Da die lange Reise anstrengend genug war, hatten wir ein Sonderabteil (state room) im Schlafwagen genommen, das sich als viel behaglicher und praktischer erwies, als der gewöhnliche Schlafwagenplatz. Diesen hatte ich von New York nach Buffalo erprobt und viel unbequemer gefunden, als die deutschen Schlafwagenplätze. Denn in Amerika, wo der Schlafwagen erfunden und zuerst eingeführt war, war man noch bei der ursprünglichen Form geblieben, während in Europa, namentlich in Deutschland und Schweden, die Entwicklung sich hatte betätigen können.

Der Weg führte durch endlose Maisfelder, zwischen denen man nur wenige Häuser und fast keine Menschen sah, wohl aber zahllose Geschäftsreklamen längs der Bahnstrecke. Einzelne Baumgruppen waren hier und da sichtbar, nirgends jedoch ein Wald.

Am Abend brach ein Gewitter aus, von einer Heftigkeit, wie ich es in Europa nicht erlebt hatte. Die Blitze folgten sich immer schneller, so daß es zuletzt überhaupt nicht dazwischen dunkel wurde und der Donner ununterbrochen tobte. Da der massenhafte Regen den wenig solid hergestellten Bahnunterbau gefährdete, so wurde sehr langsam gefahren.

Der nächste Morgen brachte als Folge des Gewitters eine angenehme Abkühlung, die um so willkommener war, als wir inzwischen die Prärie erreicht hatten. Es war ein schwachwelliges Land, mit kurzem, dürrem Rasen bedeckt. Überall sah man die Häufchen, welche die Präriehunde, eine Art Kaninchen, beim Bau ihrer Wohnungen errichtet hatten. Meist saß eines der Tiere oben auf, was sehr drollig aussah.

Allmählich kamen die Berge in Sicht, anfangs hellblau, dann von einem ungewohnten reinen Rotveil, Farbton 10 nach meiner Bezeichnung. Das Land wurde welliger und über den Boden waren zahllose häusergroße, seltsam gestaltete Felsblöcke zerstreut. In Denver erwies sich, daß der Zug, der uns nach San Franzisco bringen sollte, längst abgefahren war. Wir reisten daher nur eine kurze Strecke weiter, nach Colorado Springs, um den entsprechenden Zug am nächsten Tage zu erwarten, denn häufiger gingen die Züge nicht.

Colorado Springs liegt bereits ziemlich hoch und wird als Sommeraufenthalt und Genesungsort besucht. In der Nähe befindet sich der »Garten der Götter«, eine besonders auffallende Gruppe jener einzelnen Felsblöcke. Die Gipfel des Felsengebirgs sind ziemlich nahe. Sie bieten aber von dort nicht den malerischen Anblick, wie wir ihn etwa von den Schweizer Alpen gewohnt sind.

Bis San Francisco. Die Abfahrt von Colorado Springs gestaltete sich wieder sehr amerikanisch, denn sie geschah mit eineinhalb Stunden Verspätung, die in der Folge auf sechs Stunden ausgedehnt wurden, so daß wir alle Hoffnung aufgeben mußten, den Schnellzug zu erreichen, für den wir fahrplanmäßig reichliche Anschlußzeit hätten haben sollen. Das bedeutete nicht nur eine viel langsamere Fahrt mit dem nächsten Bummelzuge, sondern viel mehr. Die Bahn war eingleisig; hatte ein Zug einmal Verspätung, so wurde er wie ein Extrazug behandelt, d.h. er mußte an den Ausweichstellen stehen bleiben, um den regulären Zug vorbeizulassen. Das ergab mindestens zwei Tage Zeitverlust. Da aber in jenen Tagen gerade ein großes nationales Fest, eine Zusammenkunft alter Kriegsteilnehmer und ihrer Angehörigen, in San Francisco gefeiert wurde, strömte eine ungeheure Menschenmenge konzentrisch auf unser Reiseziel zu. Nun waren die Verkehrsmittel in Amerika so eingestellt, daß sie für den normalen Bedarf eben nur reichten, und es entstand bei jeder stärkeren Beanspruchung ein großer Wirrwarr, in welchem von eingehaltenen Fahrzeiten überhaupt nicht mehr die Rede war. Jeder sah zu, wie er vorwärts kam. Die Eisenbahnverwaltungen, die drüben Privatunternehmungen sind, hatten im vorliegenden besonderen Falle ihre letzten Wagen und Lokomotiven wieder in den Dienst gestellt und es war kläglich zu sehen und zu erleben, wie die vor Alter asthmatisch gewordenen vorsintflutlichen Maschinen sich keuchend bemühten, die langen Züge in Bewegung zu setzen.

Anfangs war dies noch nicht so schlimm; es wurde aber immer ärger, je mehr wir uns unserem Ziele näherten.

Bald hinter Colorado Springs gab es einen berühmten Punkt, die Königsklamm (Royal Gorge) genannt. Man fährt fast eine Stunde lang durch ein enges Flußtal zwischen senkrechten, vielfach gespaltenen Felsen. An der engsten Stelle ist für den Bahndamm kein Raum und die Schienen lagern auf Trägern, die von einer oberhalb erbauten Reihe stählerner Bogen herabhängen. Es ging schon auf den Abend, als wir hineinfuhren und bald brach wieder ein Gewitter los, dessen Blitze die wilde Landschaft phantastisch beleuchteten – eine höchst eindrucksvolle Fahrt.

Die Bahn stieg dann schnell auf die Paßhöhe, etwa 3000 m, des Felsengebirges, doch war die Nacht zu finster, um etwas zu sehen. Wegen der vielen Kehren schwankten die Wagen sehr stark, so daß die nächtliche Ruhe einigermaßen schwierig zu gewinnen war.

Am Morgen befanden wir uns in einer Hochebene von unfruchtbarem Aussehen; als Bäume erschienen nur niedrige Wacholder, die sich immer am Rande der Wüsten zeigten. Diese verschwanden bald und nun entwickelte sich das großartigste Bild, das ich auf dieser Reise gesehen habe. Der Boden trug nur noch hier und da die grauen kugelförmigen Büsche eines Wüstengewächses und ringsum türmten sich Gebirge von ungewöhnlicher Größe und Form auf. Es waren nicht Felsengipfel, die durch Erhebung entstanden waren, sondern die Überreste einer ungeheuren Felsplatte, die durch Gletscher und Ströme in mannigfaltigster Weise zerschnitten war. Also eine Bildung, wie sie im Elbsandsteingebirge, der Sächsischen Schweiz vorhanden ist, nur ins Ungeheure vergrößert und ganz ohne Pflanzenleben. Die seltsamsten Burgen, Mauern und Türme erhoben sich an allen Seiten und ergaben einen stets wechselnden Vordergrund.

Das Ungewohnteste waren aber die Farben. Das Gestein hat eine ziemlich lebhafte gelbrote Farbe, etwa drittes Kreß. Hierüber lagert sich das Luftblau, das sich in der klaren, ganz rauchfreien Höhenluft in niegesehener Reinheit entwickelt. Dies ergibt als vorherrschende Farbe der Landschaft im hellsten Sonnenschein ein leuchtendes Rotveil, Farbton 10, das sich mit zunehmender Ferne bis zum reinen Hellblau, Farbton 15, abstuft. Letzteres war die Farbe eines fernen Gebirges, das sich links über die Hochebene erhob und uns einen halben Tag begleitete, so weit war es entfernt. Die Bahn lief ein Flüßchen entlang, das klares, seegrünes Wasser führte, im Gegensatz zu den Flüssen der Ebene, die wir vorher gesehen hatten. Der Missouri, den wir einige Tage vorher überquert hatten, enthielt ein so schmutziges Wasser, daß ich mich fragte, wo die Fische sich waschen können, wenn sie einmal ein Bedürfnis nach Reinlichkeit spürten.

Am Nachmittag wurde die Gegend ebener, der Wacholder erschien, zum Zeichen, daß wieder der Rand der Wüste erreicht war. Ihm gesellten sich Kiefern zu, die aber nicht wie unsere rote Stämme hatten, sondern dunkle, so daß sie der Landschaft ein finsteres Aussehen gaben.

Am Abend gelangten wir nach Utah, dem Lande der Mormonen. Durch ausgedehnte Wasserleitungen in Gestalt von hölzernen Rinnen, ähnlich wie ich sie in Meran gesehen hatte, waren sie des dürren Klimas Herr geworden. Der Erfolg war großartig; mitten in der Wüste erschienen üppige Obstgärten und Felder, welche die überreichliche Sonnenstrahlung bestens ausnutzten. Auffallend war mir die massenhafte Anpflanzung der italienischen Pappel, welche nicht nur die Straßen säumte, sondern auch das Land in große quadratische Felder teilte. Wozu sie dienten, habe ich nicht erfahren.

Anfangs erhielten wir noch regelmäßige Verpflegung, denn es wurde morgens ein Speisewagen angehängt. Aber am nächsten Morgen wurde uns mitgeteilt, daß es Frühstück auf einer folgenden Station geben würde. Hier entstand ein Wettlauf nach einem hölzernen Schuppen, wo man an langen Tischen Kaffee, Brot usw. bekam.

Wir gelangten nun in den gottverlassensten Teil Amerikas, die Alkaliwüste, die sich als Hochebene zwischen dem Felsengebirge und der Sierra Nevada erstreckt. Der Name bezieht sich auf den erheblichen Gehalt an Natriumkarbonat im Boden, das durch die Verwitterung des Gesteins entstanden ist und nicht wie anderswo durch den Regen ausgewaschen wird. Ich spürte dies bald sehr an dem unausstehlich beißenden Staub, der durch alle Ritzen und Fugen in den Wagen drang und die Schleimhäute heftig reizte. Das Land sieht weißlich grau aus und zeigt zahllose flache Hügel von Dünengestalt. Tiere sieht man gar nicht, der Pflanzenwuchs beschränkt sich auf vereinzelte Klumpen eines niedrigen ginsterartigen Gewächses, das kaum eine Spur Grün aufweist. Nur längs der Eisenbahn sind Ansiedlungen möglich.

Am nächsten Morgen hatten wir das Frühstück in einer solchen, die meist von Chinesen bewohnt schien. Es sollte um 9 Uhr sein, wir kamen aber erst um 101/2 Uhr an. Ein Wettlauf brachte uns in eine Scheune; die Tische bestanden aus Kisten, über welche rohe Bretter gelegt waren. Zweifelhafter Schinken und unzweifelhaftes Kuhfleisch von höchst widerstandsfähiger Beschaffenheit erwartete uns auf Tellern, die hier ihre letzten Tage zubrachten. Einige wenig reinliche Weiber gingen mit großen Waschkrügen herum und teilten Zichorienbrühe aus. Butter und Brot, beide ziemlich alt, standen auf dem Tisch. Jeder aß, was er erlangen oder sich aus der angrenzenden Küche holen mochte. Dr. Young sorgte mütterlich für mich, so daß ich meine Nahrungsmittel mit meinem Nachbar teilen konnte; er war ein zitteriger Greis, der wie ein erfolgloser Goldgräber aussah und das Essen mit den Fingern in den Mund beförderte.

Sehr bemerkenswert war, daß alle diese Dinge von den Beteiligten mit Humor und ohne jeden Zank erledigt wurden. Ich habe auch bei vielen anderen Gelegenheiten beobachten können, daß die durchschnittlichen Amerikaner bei aller Unbekümmertheit ihres Verhaltens einander bereitwillig gelten lassen und sich augenblicklich den vorhandenen Verhältnissen so anpassen, daß jeder den ihm zukommenden Anteil leidlich erhält. Wie schon erwähnt, sind Überfüllungen der Verkehrsmittel alltägliche Erscheinungen; selten habe ich, weder damals noch bei meinen späteren Besuchen des Landes Schimpfen und Streiten dabei entstehen gesehen. Ich mußte mir beschämt sagen, daß in dieser Beziehung die Amerikaner uns Deutschen kulturell überlegen sind. Es mag hierbei noch ein Rest aus den Zeiten der ersten Ansiedlungen nachwirken, wo jeder auf das Wohlwollen seiner wenigen und fernen Nachbarn bei den häufigen Schwierigkeiten und Gefahren angewiesen war. In Übung wird diese in gutem Sinne demokratische Einstellung wohl auch dadurch erhalten, daß der Amerikaner viel häufiger in die Lage kommt, sich mit vielen Anderen solchen Sonderzuständen anzupassen. Jedenfalls kann ich nur wünschen, daß unter den vielen Dingen, die bei uns jetzt den Amerikanern abgesehen und nachgeahmt werden, sich auch dieses befinden möchte.

Noch ärger ging es beim »Dinner« her. Der Zug, der inzwischen sehr lang geworden war, hielt zu diesem Zweck an einem grünen Fleck mit dem anheimelnden Namen Humboldt, bestehend aus einigen Hütten, wo die Ansiedlung durch Erbohrung eines Brunnens für die Bewässerung der Gärten möglich geworden war. Wir hatten den ganzen Tag nichts zu essen bekommen und unser Neger war schon ganz grün geworden, als wir ihm mit einigem Gebäck, das Young vorsichtigerweise in Colorado Springs besorgt hatte, wieder auf die Beine halfen. Ich fand in meiner Reisetasche noch etwas Schokolade aus der Heimat vor, die inzwischen in der Hitze geschmolzen war. Damit hatten wir uns einigermaßen gefristet; viele Mitreisende waren aber ohne Mundvorrat gewesen. So fanden wir die Eßscheune mit einer zahlreichen und ziemlich aufgeregten Menschenmenge gefüllt, die sich hungrig um die Tische drängte, immer aber noch unter Beobachtung einer gewissen Haltung; auch diesmal entstand kein lauter Streit. Nur die Neger hatten alle Selbstbeherrschung verloren und sausten johlend und heulend durch den Raum. Mit Hilfe eines Extradollars erlangte Young für jeden von uns eine eiserne Pfanne, die eben vom Grobschmied gekommen schien, mit einer Apfelpastete darin, dazu Kaffee, der schlecht und Milch, die gut war.

Ziemlich stumpfsinnig von all diesen unerwarteten Erlebnissen war ich am Abend eingeschlafen und bemühte mich am Morgen, den Schlummer tunlichst zu verlängern. Doch stand ich immerhin noch ziemlich früh auf. Ein Blick nach draußen ließ mich glücklich aufatmen. Wir hatten während der Nacht die Sierra überquert und befanden uns bereits in Kalifornien. Die Gegend war sehr hübsch: anmutig bergig, reichlich mit Bäumen und Büschen von lebhaftestem Grün bestanden. Die Farbe wurde durch den Kontrast mit der Bodenfarbe stark gehoben, denn diese war lebhaft rot, fast ohne Rasen.

Statt um 6 Uhr morgens, wie uns mitgeteilt war, kämen wir um 12 Uhr mittags in San Francisko an.Mit einem Frühstück hatte sich der Zug nicht aufgehalten und wir suchten die letzten Reste unserer Nahrungsmittel zusammen. In San Francisko empfing Professor Loeb mich persönlich auf dem Bahnhof und brachte mich nach Berkeley in sein Haus, nachdem ich mich von Dr. Young mit herzlichem Dank für seine werktätige Hilfe auf dieser abenteuerlichen Fahrt verabschiedet hatte. Denn dieser setzte die Reise nach Palo Alto fort, wo er an der Universität Professor war.

Der Gastfreund. Jacques Loeb erwies sich als ein magerer Mann unter Mittelgröße, mit dichtem schwarzem Haar, bläulichem Schein um Kinn und Backen, dunklen Augen und einem gleichsam spitzen Gesicht: spitze Nase, spitzes Schnurrbärtchen, spitzes Kinn. Sein Wesen war lebhaft, etwas nervös. Die Bewunderung, die er für mich äußerte, erschien mir bei aller offenkundigen Aufrichtigkeit ein wenig pathologisch. Sie war wohl wesentlich bedingt durch sein sehr starkes Gefühl für öffentliche wissenschaftliche Anerkennung. Diese war ihm für seine hervorragende Erstlingsarbeit (II, 321) nicht in dem Maße zuteil geworden, wie er es erwartet und verdient hatte, während er bei mir einen schnellen Aufstieg gewahrte, den er mir persönlich zugute schrieb, ohne die Reihe von günstigen Zufällen in Rechnung zu setzen, die meine Laufbahn erleichtert hatten.

Inzwischen hatten seine Entdeckungen über die chemische Befruchtung von Seeigeleiern, d.h. der Nachweis, daß ein rein chemischer Anstoß genügen kann, um die Entwicklung des ruhenden Eis auszulösen, seinen Namen in Amerika sehr populär gemacht. Nach der Weise der dortigen Tagesschreiber waren die Tatsachen, die schon an sich merkwürdig genug waren, für das große Publikum phantastisch verzerrt worden, so daß er zu jener Zeit täglich eine große Post mit den absurdesten Anfragen und Anliegen erhielt: vorherrschend Bitten kinderloser Väter oder Mütter, ihnen auf Grund seiner Entdeckungen zur ersehnten Nachkommenschaft zu verhelfen. Auch dies verstimmte ihn, wie er denn überhaupt eine besondere Neigung zeigte, sich unglücklich zu fühlen. Daß er mich ganz gegenteilig organisiert fand, wird wohl seine Freude an unserem Nähertreten erheblich gesteigert haben.

Mit selten so stark gefühltem Behagen bezog ich das kühle, luftige Zimmer mit anliegendem Bad, in dem er mich beherbergte und entledigte mich der Überzüge, welche die lange und heiße Reise auf mir zurückgelassen hatte. Dann wurde ich mit der Familie bekannt gemacht. Frau Professor Loeb war eine hochgewachsene, kräftige Gestalt von heiter-ruhigem Gehaben, also dem Temperament nach das Gegenteil von ihrem Manne, was für diesen zweifellos ein großer Segen war. Zwei halberwachsene muntere Jungen und ein einjähriges Töchterchen ergänzten den Kreis, der sich um den Tisch sammelte.

Die Speisen wurden von einem seltsamen Wesen aufgetragen, von dem ich nicht zu sagen vermochte, welchem Geschlecht es angehörte. Auf meine Frage wurde mir der Bescheid, daß es der Hauschinese sei, der die Küche und Hausarbeit besorgte. Frau Loeb erklärte, daß sie mit ihm sehr zufrieden sei. Er mache alles ordentlich und zuverlässig, nur auf seine eigene Weise, in die er sich nicht hereinreden ließ. Er besorgte aus der Haushaltkasse, die er verwaltete, alle kleinen Einkäufe für die Küche usw. und rechnete täglich mit der Hausfrau ab. Sie war der Meinung, daß er vielleicht ein wenig zu seinen Gunsten rechnete, doch sei dies ein sehr mäßiger Prozentsatz, der durch die zähe Vertretung der Interessen des Hauses gegenüber den Händlern reichlich eingebracht würde. In seinen weißen Kleidern, die Hosen waren so breit, daß sie wie ein Weiberrock aussahen, mit dem um den Kopf geschlungenen Zopf und dem völlig bartlosen alten Gesicht sah er tatsächlich wie ein Neutrum aus. Frau Loeb dachte mit großem Bedauern daran, daß sie ihn nicht lange würden behalten können. Denn er hatte sich wie die meisten seiner Landsleute vorgesetzt, ein bestimmtes, nicht sehr großes Kapital zu erwerben, um dann in seine Heimat zurückzukehren. Denn in vaterländischer Erde begraben zu werden, war ihm nicht nur ein Wunsch, sondern eine ganz unbedingte Notwendigkeit.

Begrüßungen. Bereits der Abend desselben Tages brachte den Beginn der zahllosen Festlichkeiten, zu deren Gegenstand ich gemacht wurde. Denn die kalifornische Staatsuniversität Berkeley fühlte sich noch etwas jung und ihr Besuch durch einen Professor der altberühmteh Leipziger Universität wurde als eine Art Auszeichnung empfunden. Daß sie durch Loeb bewirkt und ihm zu verdanken war, trug manches zur Verbesserung seiner Stellung bei, wie er mir wiederholt unter Dankesäußerungen aussprach. Ähnliche Gefühle bestanden bei den nicht zahlreichen Angehörigen der Wissenschaft in San Francisco, die natürlich mit der Universität in enger Fühlung standen.

Es war dieser weitere Kreis, in dem ich den ersten Abend verbrachte. Ein erfolgreicher und sehr wohlhabender praktischer Arzt in San Francisco, Dr. Herzfeld, hatte sich von Loeb als besondere Gunst ausgebeten, mich bewirten zu dürfen. Nachdem ich noch einen Tag früher tatsächlich Hunger gelitten, wenn auch nicht eben sehr, hatte ich nun ein Festessen von größerem Luxus zu verzehren, als ich je eines mitgemacht hatte. Der Tisch war unter Bezugnahme auf Loebs Arbeiten mit Muscheln, Korallen Krabben- und Seeigelgehäusen usw. geschmückt, dazwischen herrliche, zum Teil ganz fremdartige Blumen und kleine elektrische Lämpchen, das Ganze ungewöhnlich, aber geschmackvoll. Im Nebenzimmer spielte eine kleine Musik und von Zeit zu Zelt trat ein wohlgenährter Herr im Frack auf, der einiges vortrug. Wie man mir sagte, war es ein dort berühmter Spaßmacher oder Vortragskünstler. Mein Englisch reichte nicht aus, um ihn zu genießen, denn es ist viel leichter, diese Sprache zu sprechen, als sie zu verstehen, wenn sie von anderen gesprochen wird. Der besonderen Leckerbissen erinnere ich mich nicht mehr, bis auf einen Fisch, der flach wie ein Flunder war, nur viel kleiner, silbern glänzte und als eine ausgezeichnete Kostbarkeit aus den japanischen Gewässern hergebracht war. Das Besondere war, daß jedes einzelne Exemplar in einen Umschlag von Papier gesteckt und so in heißer Butter gar gemacht wurde. Er schmeckte nicht viel anders, als ein heimatlicher Strömling (eine Art Sprotten) und um meinetwillen hätte er die Reise über den Stillen Ozean nicht zu machen gebraucht.

Das Gespräch ging heiter und lebhaft in deutscher und englischer Sprache vor sich. Man machte mich von vornherein aufmerksam, daß die Kalifornier eine ganz andere Nation seien, als die Ostamerikaner Neuenglands, viel mehr auf Kunst, Wissenschaft und Lebensfreude eingestellt, als jene. Man setzte mit Recht voraus, daß mir eine solche Einstellung bei weitem die willkommenere sein würde.

Tatsächlich habe ich dies bei den vielerlei Berührungen mit den Bewohnern jenes schönen Landes reichlich bestätigt gefunden. Der dortige Menschenschlag gehört zu dem schönsten, den ich kennen gelernt habe. Dies gilt ebenso für die Männer, wie die Frauen. Beide sind hochgewachsen, mit gut ausgebildeten Gliedern, entsprechend dem reichlichen Aufenthalt in freier Luft und der eifrigen Pflege sportlicher Körperübungen. Das häufige Vorkommen dunklen Haars mag den Resten spanischen Blutes zugeschrieben werden, das von den früheren Besiedlern jener Gegenden herstammt; der Wuchs und die allgemeine Körperbeschaffenheit rührt aber zweifellos daher, daß der Hauptteil der jetzigen Bevölkerung die Einwanderer zu Voreltern hat, die aus dem Osten unter Überwindung unbeschreiblicher Schwierigkeiten ins Land gezogen waren. Es war schon eine Auslese der Kühnsten und Unternehmungslustigsten, die sich seinerzeit dazu entschlossen hatten, und von diesen waren nur die Kräftigsten und Mutigsten ans Ziel gelangt und hatten ihrer Nachkommenschaft ein entsprechendes Erbgut übermacht.

Objektiv bestätigen sich diese persönlichen Eindrücke dadurch, daß der größere Teil der amerikanischen Künstler, Schriftsteller und Philosophen aus Kalifornien stammt.

Die Feier. Am nächsten Morgen setzte man mich in einen Wagen, damit ich wohin ich wollte fahren könnte. Doch war das von geringem Ertrag, da ich die Stadt und Umgebung noch nicht kannte und daher keine Ziele anzugeben wußte. Dann gab es Lunch bei dem Präsidenten der Universität Wheeler. Dieser erwies sich als ein wohl aussehender Mann mittlerer Größe von angenehmen Umgangsformen, der mit sichtlicher Genugtuung den feingebildeten Weltmann zur Geltung brachte. Er war vergleichender Sprachforscher und demgemäß nicht frei von den Beschränkungen, die so selten von den Vertretern der »Geisteswissenschaften« überwunden werden. Der Verkehrston war auch hier heiter und frei von zwecklosem Formalismus.

Von dort gingen wir gemeinsam nach dem »Campus«, dem ausgedehnten Gelände der Universität, auf welchem die verschiedenen Gebäude sowohl für den Unterricht wie für die Beherbergung der Mehrzahl der Studenten in zerstreuter Bauart zwischen Bäumen und Wiesenflächen sich befinden. Ich wurde in den schwarzen Talar gesteckt, der für offizielle Gelegenheiten unumgänglich ist und nach der großen Halle geleitet, wo die Eröffnungsfeierlichkeit vor sich gehen sollte. Ich nahm auf einer Estrade zwischen den Professoren Platz und wir beobachteten den Einzug der Studentenschaft.

Diese ist in Korporationen organisiert, deren Namen meist aus zwei oder drei griechischen Buchstaben gebildet werden und die in ihrer Verfassung den deutschen Corps ähnlich sind, was den engen Zusammenhalt der Mitglieder anlangt, der weit über die Universitätsjahre hinausreicht. Von diesen unterscheiden sie sich vorteilhaft durch die Ablehnung des Trinkens und der Mensuren, an deren Stelle andere Gebräuche treten, die teilweise von den Ureinwohnern des Landes, den Indianern übernommen scheinen, so grausam sind sie. In solchem Sinne hat jede Korporation ihren Kriegsruf. Ich bekam die ganze Sammlung zu hören, denn jede Gruppe marschierte geschlossen in den Saal, stellte sich an ihrem Platze auf und ließ dann den Kriegsruf in scharf rhythmischem Chor erschallen, bevor sie sich setzte.

Die Feierlichkeit wurde mit einem Gebet eröffnet, das von konfessionellen Färbungen sorgfältig frei gehalten war. Es kam dann eine Rede des Präsidenten, mein Vortrag und schließlich einer von Loeb. Ich hatte von vornherein die Bedingung gestellt, daß ich Deutsch sprechen würde, wie es denn auch geschah. Doch hörte ich später oft das Bedauern ausdrücken, daß ich nicht Englisch gesprochen hatte. Denn wenn auch fast alle Kollegen geläufig Deutsch lesen konnten, so empfanden sie doch Schwierigkeiten, einem gesprochenen Vortrag zu folgen. Bei den Studenten war dies natürlich noch viel mehr der Fall. Doch unterließen sie nicht, meinen Vortrag kräftig zu beklatschen, was ich als allgemeinen Dank für mein persönliches Erscheinen auffassen durfte.

Der Tag schloß mit einem festlichen Dinner bei Loeb, wo ich eine Anzahl Reden auf und über mich anhören mußte. Mit der amerikanischen Freude an Superlativen hatte man mich zum »größten lebenden Chemiker« ernannt und die Reden waren auf diesen Ton gestimmt. In meinen Antworten bemühte ich mich, vom Persönlichen auf das Sachliche überzugehen und stellte mir die Aufgabe, jedesmal, wo ich zum Sprechen genötigt war, etwas Eigenes zu sagen. Dies wurde so freundlich, ja begeistert aufgenommen, daß die, welche mein Deutsch nicht verstanden, ganz gekränkt geltend machten, sie möchten auch etwas davon haben. So versuchte ich zuletzt auch mich Englisch auszudrücken, was mit lärmendem Dank vergolten wurde.

San Francisco. Die geschilderten Vorgänge hatten sich in der kleinen Universitätsstadt Berkeley zugetragen, welche eine halbe Stunde von San Francisco entfernt liegt. Der folgende Tag galt der Hauptstadt und den Vertretern ihres geistigen Lebens. Nach einem Lunch im Universitäts-Club führte man mich zu einem Kollegen von der anderen Seite, nämlich dem Landschaftsmaler Keith, der als der beste dortige Künstler auf diesem Gebiete galt. Ich wurde sehr freundlich empfangen, was wie man mir sagte bei Keith nicht die Regel war und wir hatten eine heitere Aussprache über Kunstfragen. Er beklagte sich, daß er um Geld zu verdienen seinen Auftraggebern ganz bestimmte Gegenden malen mußte, an denen sie ein Interesse nahmen, also gleichsam landschaftliche Porträts. Für die Werke, die er nach seinem Herzen male, fände er keine Käufer. Es waren dies phantastische Natureindrücke, die mit flüchtiger Hand ausdrucksvoll genug hingeworfen waren. Ich vermißte das spezifisch Amerikanische der Landschaft dabei, das sich mir schon deutlichst eingeprägt hatte, so kurz mein Aufenthalt in dem Lande gewesen war. Insbesondere Kalifornien schien mir eine Fülle schönster Landschaften zu bieten. Ihm aber waren das gewohnte Dinge, die ihn nicht fesselten. Sein Ideal war, wie er mir eröffnete, so zu malen, wie Hobbema seinerzeit gemalt hatte, was ich nicht ohne Widerspruch gelten lassen wollte. Zum Abschied schenkte er mir eine Skizze von seiner Hand, in seinem persönlichen Stil, damit ich hernach gelegentlich an ihn denken sollte. Ich bewahre sie noch auf.

Von Keith ging es in den Zigeunerklub (Bohemian Club), die Künstlergesellschaft San Franciscos. Die Räume waren mit zahlreichen Werken älterer und jüngerer Mitglieder geschmückt, und ich mußte feststellen, daß die Kunst der amerikanischen Maler noch ganz und gar von Europa, hauptsächlich Paris abhängig war. Irgendeine bodenständige amerikanische Schule war nicht erkennbar. Damit stand im Zusammenhange, daß die Leistungen durchweg mittleres Maß nicht überstiegen. Man konnte nicht recht erkennen, wozu die vielen Bilder überhaupt gemalt waren.

Der Reiz, welcher den Werken mangelte, war aber an den Persönlichkeiten vorhanden, wie sich schon bei dem kurzen Beisammensein geltend machte, mit dem ich mich begnügen mußte. Man schilderte mir in lebhaften Farben das alljährliche große Künstlerfest, das in Gestalt eines fantastischen Zigeunerlagers während mehrerer Tage im Walde gefeiert wurde und legte mir nahe, meinen nächsten Besuch so einzurichten, daß ich es mitmachen konnte. Leider ist es dazu nicht gekommen, denn der damalige Besuch in dem schönen Lande, einem der schönsten, das ich kennen gelernt habe und jedenfalls unverhältnismäßig viel schöner, als Italien, ist der einzige geblieben, den mir das Schicksal gegönnt hat. Um so mehr fiel es mir auf, daß sich noch kein einheimischer Landschaftsmaler gefunden hatte, der diese Schönheiten in dauernden Werken auszuwerten vermocht oder auch nur angestrebt hatte. Auch später beim Besuch anderer Teile Amerikas habe ich fleißig Ausschau nach dem Entdecker der amerikanischen Landschaft gehalten, ohne ihn zu finden.

Am Abend dieses Tages war ein großes Festessen der dortigen chemischen Gesellschaft, an der die näheren Fachgenossen der näheren und ferneren Umgebung teilnahmen, etwa 60 Personen. Eine solche Summe von Lob und Preis hatte sich noch nie über mein Haupt ergossen, wie bei diesem Anlaß. Den Ton gaben einige meiner früheren Schüler an, die inzwischen Professuren an verschiedenen Anstalten erhalten hatten und in denen neben der Erinnerung an die glücklichen Jahre einer reinen und heiteren Arbeitsgemeinschaft mit gleichstrebenden, oft hoch begabten Genossen noch der Dank für die in meinem Hause erfahrene Gastfreundschaft mitwirkte. So wurde auch meiner Frau wiederholt wärmstens gedacht und denen, die nicht den Vorzug gehabt hatten, im Leipziger Institut zu studieren, wurde der Mund nach jenem Paradiese wässrig gemacht.

Da keiner der Redner von mir hernach irgendeinen Vorteil zu erwarten hatte, durfte ich diese Äußerrungen abzüglich der amerikanischen Superlative als Ausdruck einer tatsächlich vorhandenen freundlichen Gesinnung entgegennehmen und mich den entsprechenden glücklichen Empfindungen hingeben. Diese steigerten natürlich erheblich den Schwung der mehrfachen Antworten, zu denen ich mich in meinem Namen und dem meiner Frau verpflichtet sah, und die ich in Rücksicht auf die Landessprache teils Deutsch, teils Englisch, wohl auch beides durcheinander sprach, so daß schließlich eine freundschaftlich-begeisterte Hochstimmung entstand, die mir und vielleicht auch manchem anderen Teilnehmer unvergeßlich geblieben ist.

Umgebung. Der folgende Tag war der Erholung gewidmet. Er begann mit einer Fahrt in den prachtvollen Stadtpark nach dem Klippenhaus am Meer mit den berühmten Seelöwen. Die Aussicht war leider durch Nebel beengt. Hernach fuhren wir mit einer kleinen Zahnradbahn auf den Tamelpais, einem Aussichtsberg, der einen weiten und schönen Blick, namentlich über die Bai von San Francisco mit ihrer Öffnung nach Westen dem »Goldenen Tor« gewährt. Die Auffahrt ist landschaftlich sehr schön; insbesondere sieht man zahlreiche Gruppen der Kalifornischen Riesenfichte, eines nicht nur gewaltig großen sondern auch schöngebauten Baumes. Der Bahnbau selbst weist nichts besonders Hervorragendes auf, so daß die Unternehmer zunächst Schwierigkeiten gehabt zu haben scheinen, wo und wie sie den unumgänglichen Amerikanischen Superlativ anbringen konnten. Schließlich fanden sie das Gesuchte: sie erklärten ihre Bahn wegen der vielen Kehren für die krummste in der ganzen Welt und verwendeten dieses Kennzeichen ausgiebigst in ihren Plakaten und sonstigen Reklamen.

Zu dieser Ausfahrt hatte sich uns ein junges Ehepaar angeschlossen, mit dem ich bekannt gemacht wurde; der Mann war Kaufmann und beim Gespräch erwies sich, daß er keinerlei besonderes Interesse für meine wissenschaftlichen oder sonstigen Beschäftigungen hatte. Die Frau war eine typische Kalifornierin: hoch und schön gewachsen, ein wunderschönes Gesicht, leichte, elastische Bewegungen. Sie zeigte eine gewisse Verlegenheit und da beide nur Englisch sprachen, gab es nur eine dürftige Unterhaltung. Ich fragte hernach Loeb, wie wir zu der Gesellschaft gekommen wären. Er antwortete, daß ich meine Anerkennung der Schönheit der Kalifornierinnen so deutlich ausgesprochen hätte, daß Dr. Herzfeld aus dem großen Kreis seiner Bekannten und Patienten die schönste Frau ausgewählt und sie bewogen hatte, mit ihrem Mann uns zu begleiten, damit ich mich ihres Anblicks länger und mannigfaltiger erfreuen könne, als bei kurzer gesellschaftlicher Begegnung möglich gewesen wäre.

Bei der Rückfahrt lernte ich zum ersten, aber nicht zum letzten Male die Kalifornische Freude an halsbrechenden Fahrten kennen. Wir wurden in einem kleinen Waggon ohne Zahnrad und Lokomotive untergebracht; vorn saß ein Führer an der Bremse. Ein Stoß brachte den Wagen auf der abschüssigen Bahn ins Rollen, das bald sehr geschwind wurde. Die Kunst des Fahrers bestand darin, an den zahllosen Kehren die Geschwindigkeit nur so weit zu mäßigen, daß der Wagen eben nicht aus den Schienen sprang. Besonders gelungene Fälle begleitete er mit entsprechenden kräftigen Lautäußerungen, welche das Rollen des Wagens übertönten und ihn selbst immer stärker begeisterten, so daß die wilde Fahrt in erstaunlich kurzer Zeit, aber ohne Unfall durchgeführt wurde.

Die Lick-Sternwarte. Nachdem ich die nähere Umgebung von San Francisco kennen gelernt hatte, wurden einige weitere Ausflüge unternommen. Der erste galt der Lick-Sternwarte mit ihrem berühmten großen Fernrohr auf dem Hamiltonberg. Ich hatte deren Direktor Campbell auf dem Festessen kennen und schätzen gelernt und war von ihm dringend eingeladen worden. Der Berg ist eine Art Rigi, der die ganze Umgebung überragt und beherrscht und da seine Spitze weit oberhalb der Nebelhöhe liegt, so sind die Luftverhältnisse für astronomische Arbeiten besonders günstig.

Bis San José, einem Städtchen am Fuße der Berges ging die Fahrt wie gewöhnlich mit Eisenbahn und Dampfschiff. Den Berg hinauf brachte uns ein Zweispänner mit dreimaligem Pferdewechsel. Der Weg geht oft hart an Abgründen hin und der Fahrer benutzte gern die äußere Kante, die nicht durch Mauern oder Steine gesichert war. In etwa drei Stunden erreichten wir die Sternwarte.

Oben fanden wir ein ganzes Dörfchen, von etwa 50 Personen bewohnt, da alle wissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Beamten mit ihren Familien dort angesiedelt waren; eben hatte man eine gemeinsame Schule für die heranwachsende Jugend eingerichtet. Professor Campbell war mit einer liebenswürdigen Frau verheiratet; sie hatten drei Söhne und wir erörterten mit großem Eifer pädagogische Fragen, wobei die Gegensätze Deutscher und Amerikanischer Anschauungen deutlich zutage traten.

Auf der Sternwarte sah ich viele Dinge, die mich lebhaft fesselten, obwohl mir sonst astronomische Fragen nur mäßige Teilnahme erwecken können. In einer Sammlung wunderschöner Mondfotogramme bemerkte ich eine eigentümliche Rille auf einer sonst glatten Fläche und fragte Campbell nach der Deutung. Er sagte: wir sehen dies als die Spur eines großen Meteoriten an, der den Mond tangential gestreift und wegen der geringen Gravitation wieder verlassen hat.

Natürlich mußte ich auch den großen Refraktor bewundern, in welchem mir Saturn in blendender Helligkeit gezeigt wurde. Der Stifter Lick war ein erfolgreicher Geschäftsmann ohne wissenschaftliche Bildung gewesen. Daß er bei seiner Stiftung die Astronomie bedacht hatte, war durch die himmlische Beschaffenheit ihrer Objekte bewirkt worden. Sie kam ihm dadurch wie eine fromme oder heilige Wissenschaft vor. Diese Einstellung ist sehr verbreitet; für keine andere Wissenschaft werden in Amerika so viele Stiftungen gemacht, wie für diese. Unter dem Sockel des großen Refraktors hat Lick sich begraben lassen und auf den Seiten des Sockels kann der Beschauer in goldenen Buchstaben seinen Namen und Näheres über die Stiftung lesen. Die Sternwarte ist sehr populär und wird viel vom großen Publikum besucht, zum großen Mißbehagen des Direktors, der eigene Beamte hierfür anstellen und den Zutritt auf bestimmte Tage und Stunden beschränken mußte. Offenbar hat sich der alte Herr Lick es als besonders behaglich vorgestellt, wie er für alle Zukunft hier in seinem Grabe liegen und das Lob des Volkes für seine großartige Stiftung anhören würde, die ihn zudem persönlich eigentlich gar nichts gekostet hatte, da sie erst nach seinem Tode ausgeführt wurde.

Es fand sich noch die Zeit, einige Bilder zu malen. Als Campbell sie sah, sagte er, indem er auf eine Stelle hinwies: ich sehe, Sie haben unsere Golfschlucht (nicht Wolfschlucht) gemalt. Ich fragte und erhielt die Aufklärung, daß die dortige Bevölkerung sich leidenschaftlich dem Golfspiel ergeben habe. Hierbei werden bekanntlich kleine massive Bälle von Guttapercha mit federnden Keulen geschlagen, wobei sie sehr weite Sprünge machen. Das Spiel erfordert also ein weites flashy;meishy;sushy;sshy;nershy;chen Jahshy;sche Kashy;shy;he, Sie haches Gelände, das oben auf dem Berge nicht vorhanden war. Daher kam es beständig vor, daß ein Ball über die Grenze des Feldes in die anliegende Schlucht geschlagen wurde, die unzugänglich war, so daß er dort liegen blieb. Als Chemiker mußte ich bemerken, daß Guttapercha ungewöhnlich beständig gegen Nässe und Kohlensäure ist; es würde sich also im Laufe der Zeit eine geologische Schicht aus diesem dauerhaften Material ansammeln und die künftigen Geologen müßten sich dann hoffnungslos den Kopf darüber zerbrechen, welches vorweltliche Tier diese eigentümlichen Reste hinterlassen habe.

Die Heimfahrt geschah in einem großen vierspännigen Postwagen, der eine Gruppe der von Campbell gehaßten Sonntagsbesucher gebracht hatte. Wieder entwickelte der Kutscher seine Kalifornische Geschicklichkeit, indem er im Galopp abwärts fuhr und die Kehren an der konvexen Seite mit unheimlicher Geschwindigkeit nahm. Der nervöse Loeb litt sichtlich darunter und auch mir wurde es zuweilen unbehaglich. Doch kamen wir ohne Unfall unten an.

Die Leland Stanford-Universität. Vom Hamiltonberg kehrten wir nicht nach Berkeley zurück, sondern wandten uns nach der zweiten Universität Kaliforniens, der Leland Stanford-Universität in Palo Alto. Während Berkeley eine Staatsuniversität ist, die vom kalifornischen Staate unterhalten wird (was allerdings die bereitwillige Entgegennahme privater Stiftungen nicht ausschließt), ist die in Palo Alto bestehende Anstalt ganz eine private Stiftung. Sie ist zum Andenken an einen früh verstorbenen begabten Jüngling von seinen reichen Eltern, deren einziges Kind er war, auf seinen Namen errichtet worden. Zur Zeit meines Besuches lebte nur noch die Mutter.

Die Anstalt ist wie alle dortigen Universitäten in einem sehr ausgedehnten Park oder Campus errichtet, und zwar in dem dort heimischen altspanischen Missionsstil: niedrige Gebäude mit flachen Dächern, die einige große Höfe umschließen. Bogengänge begleiten alle Fronten und geben Schatten bei dem bereits sehr tropischen Sonnenschein. Palmen und andere Gewächse der heißen Zone sind überall vorhanden.

Der Präsident der Universität hieß Jordan und war von seinem Kollegen in Berkeley sehr verschieden. Hochgewachsen und sportlichen Betätigungen trotz seiner Jahre – zwischen 50 und 60 – eifrig ergeben, kehrte er in erster Linie den Naturmenschen im Gegensatz zum Kulturmenschen Wheeler heraus. Sehr ausgeprägt war sein Kalifornischer und Amerikanischer Stolz; er hielt sich und seine Genossen bei allem Wohlwollen für Andere selbstverständlich für Angehörige einer besseren Rasse und war eifrig bemüht, seinen Zeitgenossen und Studenten die daraus sich ergebenden Rechte aber auch Pflichten einzuprägen. Seinem Beruf nach war er Zoologe und gehörte der älteren beschreibenden Richtung an. Eben arbeitete er über Fische aus den japanischen Gewässern und ich sah mit großem Interesse zu, wie ein japanischer Künstler unter seiner Aufsicht mit subtilem Pinsel Abbildungen der neuen Arten anfertigte.

Die Anstalten waren nicht besonders sehenswert. In der Bücherei zeigte mir der Bibliothekar mit Stolz eine ziemlich lange Reihe von Büchern unter O: eine vollständige Sammlung meiner wissenschaftlichen Werke. Jordan klagte, daß es schwer halte, von Frau Stanford die nötigen Gelder für die Ausgestaltung der wissenschaftlichen Einrichtungen zu erlangen; sie hatte sich die Entscheidungen über die Verwendung der Einkünfte ihrer Stiftung vorbehalten. Für Bauten und Äußerliches wurden die Mittel dagegen bereitwillig angewiesen. So befand sich im ersten Hof ein großes Denkmal aus Bronze, die Stan fords, Vater, Mutter und Sohn überlebensgroß in sehr naturalistischer Darstellung aufweisend; der Studentenwitz nannte es die heilige Dreieinigkeit. Ferner war ein prächtig eingerichtetes Museum da, welches unter anderem in zahlreichen Schränken alle die kostbaren Roben, wie in einem Modengeschäft auf Gestellen ausgebreitet aufwies, welche Frau Stanford bei verschiedenen feierlichen Gelegenheiten getragen hatte.

Präsident Jordan fuhr uns, Loeb und mich, dann persönlich in einem Einspänner durch das sehr ausgedehnte Gelände der Universität, das vielerlei landschaftliche Reize einer südlichen Natur darbot. Auch allerlei fremdartiges Getier ließ sich sehen. Am meisten fiel mir eine riesige Eiche auf, an der eine Anzahl Spechte beschäftigt waren, runde Löcher in die Rinde zu klopfen und in jedes Loch eine genau passende Eichel zu hämmern, so daß sie zur kleineren Hälfte herausragte. Es befanden sich am Baum bereits zahllose solche Pfropfen. Jordan erklärte mir auf Befragen, daß es Vorratskammern der Spechte seien, welche auf diese Weise Nahrung für magere Monate aufbewahrten. Doch konnte er mir nicht sagen, ob jeder Specht sein persönliches Eigentum innerhalb der Gesamtanlage wahrt, und auf welche Weise.

Am stillen Ozean. Nach all diesen verschiedenen Orten und Menschen war für Loeb und mich eine angenehme, ja notwendige Erholung der Besuch von Pacific Grove, einem kleinen Badeort an der Küste des stillen Ozeans, in welchem die Leland Stanford-Universität ein kleines zoologisches Laboratorium errichtet hatte. Es wurde von dort zur Zeit nicht gebraucht und war Loeb für seine Forschungen eingeräumt worden. Dort hatte er das Material an Seeigeln für seine wichtigen Entdeckungen zur Hand gehabt.

Wir waren in einem bescheidenen aber sauberen Gasthof gut untergebracht und genossen die Stille und Ruhe nach den überreich erfüllten Tagen mit besonderem Behagen. Ein glühroter großartiger Sonnenuntergang über dem Meer war mir wie eine besondere Offenbarung der neuartigen Landschaft, die ich in diesen Tagen erlebt hatte und die mir hier bevorstand.

Mit lebhaftem Interesse nahm ich am nächsten Morgen die Küste des größten Ozeans in Augenschein. Sie ist dort von weißgelbem Dünensand gebildet, wie ich ihn von meiner Heimat kannte, nur sind die Dünen viel höher, entsprechend der ungestörten Windwirkung über Tausende von Kilometern. In der flachen Bucht lagen einzelne große Steine, die zum Teil aus dem Wasser hervorragten und oben mit einem schneeweißen Überzuge bedeckt waren. Als Verfasser erwiesen sich Scharen von Kormoranen, die dort wild wie Möven leben, von den Steinen aus ihre Fischjagd betreiben und auf ihnen die Endergebnisse ihres Stoffwechsels ablagern. Hinter den Dünen erhob sich ein Wald von üppigem aber unregelmäßigem Wuchs, darunter prachtvolle Exemplare der schönen Riesenfichte, deren außerordentliche Größenverhältnisse ich aus nächster Nähe studieren konnte. Ein Spazierengehen im Walde wie bei uns wurde durch das dichte Unterholz verhindert, so daß man ihn überall nur von den Wegen aus betrachten konnte.

In ruhiger Muße malte ich einige besonders kennzeichnende Stellen, besah dann die schlichten Laboratoriumsräume, die mich sehr ansprachen, da Loebs Arbeitsweise, was das Technische anlangt, in der freiwilligen Beschränkung auf die einfachsten Mittel der meinigen ähnlich war.

In der Umgebung sahen wir einige chinesische und japanische Ansiedelungen: graue, niedrige, eng zusammengedrängte Hütten, die einen fremdartigen Eindruck machten und keineswegs zum näheren Besuch einluden.

Nach einem mit Bewußtsein in schönstem Sonnenwetter verbummelten Tage kehrten wir erfrischt nach Berkeley zurück. Das lange, ununterbrochene Zusammensein hatte weder bei mir, noch soviel ich erkennen konnte bei Loeb jene abstoßende Reaktion erzeugt, die so leicht bei solchem verlängerten Aufeinanderangewiesensein entsteht.

Neue Feste. Nach Berkeley zurückgekehrt fand ich eine Einladung zu einem »Smoker« im Fakultätshause der Universität vor. Dies ist ein zwangloses Beisammensein bei Bier und Butterbrot, von den deutschen Kommersen vorteilhaft durch die Abwesenheit jedes Zeremoniells verschieden; auch bewegt man sich viel mehr durcheinander und ist nicht an einen Platz gefesselt.

Diesmal kam doch allerlei Offizielles zur Sprache. Nachdem man etwas warm geworden war, wurde zunächst eine Rede an mich gehalten, welche in meine Ernennung zum Mitgliede des Faculty-Club ausging. Ich dankte herzlich und dachte: nun gibt es für den Abend Ruhe. Aber bald erhob sich der Präsident Wheeler mit schwererem Geschütz. Er hielt mir eine allerliebste Rede, reich an scherz- und schmeichelhaften Wendungen, in welcher die 4000 Meilen, die ich ihretwegen gereist war, wie schon früher eine besondere Rolle spielten und überreichte mir schließlich mit einer geschickten Wendung ins Ernsthafte und Feierliche ein Diplom auf Pergament, das meine einstimmige Ernennung zum Ehrenmitgliede der kalifornischen Staatsuniversität zu Berkeley bezeugte. Dies und meine dankbare Antwort wurde mit Jubel aufgenommen und der Abend verlief in hochgestimmter Freude.

Der Professor für chemische Technologie Christy, der als einer der ersten in Amerika die neue Lehre von den Ionen in seine Vorträge und Schriften übernommen und mit dem ich mehrfach brieflich verkehrt hatte, bat mich, seinen Studenten einen besonderen kurzen Vortrag zu halten; als Thema hatte er einen Bericht über meine maltechnischen Arbeiten vorgeschlagen, über die ich in meinen »Malerbriefen« und in einigen Abhandlungen Nachricht gegeben hatte. Ich erfüllte gern seinen Wunsch.

Dann lernte ich eine nachahmenswerte Eigentümlichkeit der dortigen Universitäten kennen. Der Zusammenhang der ganzen Anstalt in sich und mit den Studenten auch lange nach beendeter Studienzeit ist dort viel enger, als bei uns. Der für den Deutschen Studenten so naheliegende Wechsel der Anstalt bildet dort die Ausnahme. Durch die große, oft lebenslängliche Amtsdauer des mit sehr weitgehenden Rechten und Befugnissen ausgestatteten Präsidenten wird auch ein engerer Zusammenhang des Lehrkörpers bewirkt, und die räumliche Geschlossenheit des ganzen universitären Organismus im »Campus« steigert diesen noch bedeutend.

Diesmal war ich eingeladen, eine »Universitätsversammlung« mitzumachen. Eine solche findet etwa allmonatlich statt und dient dazu, inzwischen erfolgte wichtigere Ereignisse des Universitätslebens den Studenten und Professoren bekannt zu geben. Zunächst berichtete der Präsident über eine Anzahl kleinerer Angelegenheiten. Dann nahm der Professor der Geschichte Moses das Wort. Er war vor drei Jahren beurlaubt worden, um auf den vor kurzem annektierten Philippinen als Gouverneur tätig zu sein und hatte dies Amt aufgegeben, um in seine alte Stellung zurückzukehren. Er berichtete in sehr interessanter Weise über seine Erlebnisse und Erfahrungen, die er unter das ihm vertraute Licht der geschichtlichen Betrachtung zu stellen bemüht war, wobei mancherlei Bemerkenswertes zutage trat.

Am Abend war ein Ehrenessen zu erledigen, das mir vom Universitäts-Club von San Francisco gegeben wurde. Der Kreis ein ganz anderer: vorwiegend praktische Ärzte, einige Rechtsanwälte, die offenbar aus Neugier gekommen waren und andere Berufstätige mit akademischer Bildung. Wieder wurde der »größte lebende Chemiker« vorgeritten; in meiner Antwort betonte ich die nicht nur internationale sondern übernationale Beschaffenheit der Wissenschaft Dieses Thema wurde in mehreren weiteren Reden fortgesponnen und von verschiedenen Seiten beleuchtet, doch fehlte natürlich das herzliche Familiengefühl, welches den früheren Abend in der chemischen Gesellschaft so warm belebt hatte.

Die Chinesenstadt. Einer der wenigen freien Abende wurde dem Besuch des chinesischen Viertels in San Francisco gewidmet. Führer war Dr. Tay lor, ein junger Arzt mit lebhaften wissenschaftlichen Interessen, den ich bei Loeb kennen gelernt und der mir nebst seiner Frau sehr gefallen hatte. Sie waren ein paar typische Kalifornier, hochgewachsene, sportlich durchgearbeitete Gestalten von lebhaftem und unbefangenem Wesen. Als Bezirks- oder Polizeiarzt war Taylor mit den Verhältnissen jenes Asiatischen Winkels gut vertraut, so daß er mich ohne viel Aufenthalt das Bemerkenswerteste sehen lassen konnte.

Die Straßen waren eng und steil, die Häuser waren noch enger und machten einen sehr schmutzigen Eindruck. Auf den Straßen sah man nur Chinesen in nationaler Kleidung Dann und wann führte eine Mutter in blauen Hosen ihr mit grünem und hellblauem Seidenkleidchen geschmücktes, auf hohen Stöckelschuhen trippelndes Kind mit sichtlichem Stolz vorbei; die Kleinen sahen seltsam puppenhaft, wie künstlich hergestellt aus. Ich sah eine Totenfeier, die mit gräulichem Geschrei abgehalten wurde und auf den Europäer nicht feierlich wirkte. Dann wurde ich in eine Opiumhöhle geführt, wo die Leute in ganz engen Verschlagen lagen, die wie eine große Kommode aussahen; sehr ekelhaft zu betrachten. Sehr hübsch war dagegen ein Tempel mit einer Fülle schöner Sachen, vermutlich Opfergaben. Überall standen mit Erde gefüllte Gefäße, in welche die Andächtigen glimmende Räucherstöckchen steckten, zum Zeichen ihrer Andacht. Am längsten blieben wir im Theater, wo eines jener Monate lang dauernden Stücke gespielt wurde, an denen die Chinesen ihre Freude haben. Die Schauspieler waren ausschließlich Männer; für die Weiberrollen sind sie entsprechend gekleidet und geschminkt, sprechen ein quäkendes Falsett und bemühen sich, durch Trippeln und Wackeln einen weiblichen Eindruck zu machen. Dekorationen waren nicht vorhanden, Auf- und Abtreten der Personen geschah durch zwei fahnenartige Vorhänge im Hintergrunde.

Die Darstellung wurde von Musik begleitet, die ein kleines Orchester im Hintergrund machte. Das Hauptinstrument war eine Art Geige, die wie ein Cello gehalten und gespielt wurde; sie wiederholte unaufhörlich eine und dieselbe Figur. Dazu einige Mandolinen, die gekratzt wurden und kleine Trommeln. Die Schauspieler nahmen zuweilen jene Tonfigur mit der Singstimme auf, dazwischen wurde gesprochen. Jedesmal wenn eine Person auftrat oder abging, gab es einen besonderen Lärm im Orchester, der anscheinend nach der Bedeutung der Person abgestuft war. Von einer Schauspielkunst nach Art der Europäischen konnte ich nichts bemerken; die Spieler wenden den Zuhörern oft den Rücken. Beim Sprechen fällt der Ton bei der letzten Silbe der Rede plötzlich um eine Oktave herab, was sehr komisch klang und ein Signal dafür zu sein schien, daß der Andere zu beginnen hat.

Ein besonderes Gewicht wird auf prächtige Kostüme gelegt. Wir wurden in die Vorraträume geführt, um sie zu bewundern. Es war da aber so eng und unsauber und roch so stark, daß es Loeb übel wurde und wir schnell an die Luft gingen und die Chinesenstadt verließen.

Alma mater Hearst. Die Tage von Berkeley schlossen mit einem Besuch bei Frau Hearst, einer sehr reichen Witwe von etwa 60 Jahren, der Alma mater der Universität wie sie in respektvollem Scherz genannt wurde, da sie immer wieder große Geldsummen zur weiteren Entwicklung der Universität hergab. Der Name ist durch den Sohn auch in Europa sehr bekannt geworden, da dieser als Beherrscher der Presse wiederholt eine erhebliche politische Rolle gespielt hat.

Die Einladung war nach der »Hazienda« erfolgt, einem Sommerhaus oder vielmehr -palast, der etwa drei Eisenbahnstunden entfernt von San Francisco in schöner Gegend lag. Zu der Zeit des Jahres, die ich in Kalifornien zubrachte, war überall die Sommerdürre eingetreten; es gibt dann keinen Regen und aller Rasen trocknet aus, so daß der Boden eine gleichförmige gelbbraune Farbe zeigt. Als wir von der Eisenbahnstation, die nur der Hazienda wegen angelegt war, in einigen prächtigen Wagen abgeholt wurden, sahen wir auf den Hügeln den Park der Hazienda grün wie einen Smaragd im Gelbbraun der Umgebung liegen und erblickten gleichzeitig die Quelle dieser Schönheit im Tal, nämlich das Pumpenhaus, von welchem aus die Bewässerung durch eine Dampfmaschinenanlage aus einem Tiefbrunnen besorgt wurde. Wir fuhren in einen paradisischen Garten mit märchenhaft schönen Blumen unter Palmen ein und wurden in einem prächtigen, im Missionsstil erbauten Hause empfangen. Loeb und ich erhielten als Ehrengäste die Zimmer angewiesen, welche der Sohn Hearst bewohnte, wenn er nach der Hazienda kam. Sie waren voll chinesischer und japanischer Kostbarkeiten, die ich heute mit sehr viel mehr Verständnis und Nutzen betrachten würde, als mir damals gegeben war, und mit verschwenderischer Pracht eingerichtet.

Mit Frack und weißer Binde geschmückt gingen wir zum Dinner, wo ich eine Auswahl meiner neugewonnenen Freunde antraf. Loeb war befragt worden, welche mir besonders gefallen hätten, und diese hatten Einladungen erhalten. Frau Hearst erwies sich als eine gut aussehende Dame von etwas mehr als Mittelgröße, mit freundlichem und gütigem Gesichtsausdruck. Sie fragte mich nach meinen Eindrücken von der Universität und verwickelte mich in ein Gespräch über mögliche Verbesserungen. Das Tafelgedeck und Essen überbot an Pracht alles, was ich bisher erlebt hatte; auch die japanischen Fische in Papier sah und aß ich wieder. Der Verkehr war frei von Steifheit und lebendig. Reden hatte ich glücklicherweise weder zu hören noch zu halten. Der Kaffee wurde in einer reich geschmückten großen Halle genommen, die unter anderem auch eine Orgel enthielt. Frau Hearst zwang mich liebenswürdig, sie zu versuchen, doch habe ich sie und die anderen enttäuscht, die von mir musikalische Leistungen von ähnlicher Beschaffenheit erwarteten, wie meine chemischen Leistungen in ihrer Vorstellung waren.

Am nächsten Morgen, einem Sonntag, waren nach der guten angelsächsischen Sitte die Gäste frei, sich in den ausgedehnten Gartenanlagen zu bewegen und die Pracht der Blumen und Gewächse zu bewundern, die unter sachkundiger Pflege in schönster Fülle gedieheshy;len fshy;tushy;menshy;sishy;che die Ann. Der Gegensatz dieses farbenreichen Vordergrundes zu dem eintönigen Gelbbraun der näheren und ferneren Hügel war sehr eindrucksvoll. Da aber diese gleichförmige Farbe der fernen Landschaft dem Farbton nach – drittes Gelb bis erstes Kress – ziemlich genau die Gegenfarbe des Himmels und des Fernblaus war, das sich in der klaren Luft mit bemerkenswerter Farbreinheit entwickelte, so entstand zwischen beiden eine Farbharmonie, die auf mich einen starken Eindruck machte. Ich wußte damals nicht, warum, denn die Fähigkeit bewußter Farbanalyse habe ich natürlich erst nach der Schöpfung der messenden Farbenlehre in mir entwickeln können. Aber ich hatte doch das Bedürfnis, diesen Eindruck festzuhalten, holte meinen Malkasten und stellte mit fliegender Hand einige Skizzen her. Die anderen schauten interessiert zu, doch schienen Einige, besonders unter den älteren Damen Anstoß daran zu nehmen, daß ich mir erlaubte, den Sonntag um die Kirchgangszeit durch etwas wie Handarbeit zu entheiligen. So gern ich auf die Gefühle meiner Mitmenschen Rücksicht nehme: in diesem Falle wollte ich nicht darauf verzichten, mir so lebendige Erinnerungen an die bemerkenswerten Tage zu verschaffen, wie diese Skizzen waren und sind.

Nach dem Lunch standen uns Wagen und Pferde zu Ausflügen in die Umgebung zur Verfügung. Ich nahm meinen Malkasten mit, kam aber nicht viel zum Malen, da die Genossen mich angesichts meiner bevorstehenden Abreise noch eifrig mit Fragen über Universitätswesen, Wissenschaftspflege und dergleichen beschäftigten. Da die Amerikaner nicht durch Traditionen so schwer beweglich in diesen Dingen gemacht worden sind, wie wir, sind sie viel bereitwilliger, jeden Weg zu versuchen, der Erfolg verspricht. Auch wissen die dortigen Vertreter der Wissenschaft, daß diese im allgemeinen Volksbewußtsein noch bei weitem nicht die Stelle einnimmt, die ihr gebührt – der Einfluß der Kirche ist weit stärker – und sind daher im eigenen Interesse wie in dem ihres Volkes sehr aufmerksam auf alle Mittel und Wege, die Wissenschaft im Allgemeinbewußtsein auf die ihr zukommende Höhe zu heben. Wie schwierig diese Aufgabe ist, haben mancherlei Ereignisse der letzten Zeit – ich erinnere an den Affenprozeß Mitte 1925 – mit großer Deutlichkeit gezeigt.

Am Abend war wieder Dinner im Frack. Doch ging man früh auseinander, da der Zug, welcher uns am nächsten Morgen fortbringen sollte, schon um 6 Uhr morgens abfuhr.

In Berkeley gab es herzliche und gerührte Verabschiedungen von einigen alten und vielen neuen Freunden. Ich konnte auf eine ganze Reihe von schönen und reichen Tagen zurückblicken, in die kein einziger Mißton gefallen war. Beim Nachsinnen muß ich es als einen Verlust bezeichnen, daß es mir nicht gegeben oder gelungen war, die vielen hier angeknüpften Fäden hernach inniger und mannigfaltiger in das Gewebe meines Lebens zu flechten.

Abschied. So war nun die Stunde des Scheidens von dem gastlichen Kalifornien und den vielen alten und neuen Freunden gekommen, die ich dort wiedergesehen und gefunden hatte. Herzlicher und etwas gerührter Abschied wurde genommen. Beiderseits fühlte man lebhaft, daß die gehobene Stimmung der erlebten Festtage sich zwar auf die Dauer nicht festhalten ließ, daß sie aber doch als erheblicher Gewinn auf der Glücksseite des Lebensbuches einzutragen war.

Gleichzeitig hatte ich, nachdem ich bisher alle meine Amerikanischen Erlebnisse unter freundschaftlicher Obhut hatte durchmachen können, zum ersten Male allein meine weiteren Wege zurückzulegen. Das war freilich nicht besonders schwierig, denn der gewählte Zug, der schnellste, welcher verkehrte, ging in drei Tagen glatt bis Chicago durch und ich hatte mir ein Sonderabteil genommen, um die bevorstehende Anstrengung so günstig wie möglich zu überstehen. In Chicago erwartete mich Professor Alexander Smith, ein besonders nach der unterrichtlichen Seite interessierter und begabter Fachgenosse, den ich zwar noch nicht persönlich, wohl aber brieflich kennen gelernt hatte. Und von dort konnte ich gegebenenfalls in ununterbrochener Fahrt nach New York gelangen.

Die drei Tage quer durch den Weltteil vergingen ohne jede Störung durch Unregelmäßigkeiten der Anschlüsse, wenn auch nicht ohne einige Verspätung. In den beiden Wüsten war es heiß genug, aber doch nicht mehr so heiß, wie zwei oder drei Wochen vorher. Mir war das Alleinsein mit mir selbst nach dieser menschenerfüllten Zeit sehr willkommen, um meine Erinnerungen zu ordnen und die Summe dessen zu ziehen, was diese sonnigen Tage mir gebracht hatten. Es gab noch einen besonderen, wenn auch nur formalen Anlaß zu einer solchen Selbstabrechnung. Denn als ich bei meiner Abreise das Datum festgestellt hatte, war mir aufgefallen, daß ich meinen fünfzigsten Geburtstag fern von allen bekannten Menschen im Eisenbahnwagen verbringen würde. Beinahe hätte ich indessen vergessen, mich daran zu erinnern, als der Tag wirklich gekommen war.

Es ergab sich, daß neue Gedanken, die mich etwa veranlassen konnten, das Steuer meines Lebensschiffleins umzulegen, sich mir nicht dargeboten hatten. Zwar hatte ich vielerlei Neues und Interessantes gesehen und erlebt. Es war aber nichts darunter gewesen, was die tieferen Gründe meines Wesens berührt hätte. Insbesondere war ich weder ein Amerikaner geworden, noch hatte ich Lust bekommen, einer zu werden. Es hatte nicht an Andeutungen gefehlt, die sich auf die Herstellung eines künftigen engeren Zusammenhanges mit jenen Kreisen bezogen. Ich hatte aber ausweichend geantwortet, nicht aus taktischen Gründen, sondern weil ich durchaus nicht den Eindruck hatte, dort für meine Bestrebungen und Ideale einen besseren Boden zu finden, als er mir in Deutschland zur Verfügung stand. Dabei sehe ich ganz ab von den Schwierigkeiten, die mit mir zusammenhängende Familie nach den neuen Verhältnissen zu verpflanzen. Es gab in Amerika überall noch so viel zu tun, um die Zustände bis zu dem Punkt zu entwickeln, von wo aus schöpferische Neubildungen möglich waren, auf die es mir doch ankam, daß ich für den Nutzungswert meiner Bemühungen einen viel kleineren Betrag voraussehen konnte, als ich in Deutschland erzielte. Freilich nicht mehr als Universitätsprofessor.

Wieder Chicago. In Chicago empfingen mich der Kollege Smith und der Astronom Hale, der mich persönlich kennen zu lernen und mir sein Observatorium, die Yerkes-Sternwarte in der Nähe von Chicago zu zeigen wünschte. Ich wurde nach ausgiebigem Gedankenaustausch mit Smith von diesem dem Astronomen übergeben und verbrachte mit ihm einen ungemein angeregten und lehrreichen Tag. Hale definierte sich selbst nicht als Astronomen im gebräuchlichen Sinne, sondern als Physiker, mit der Besonderheit, daß er seine Versuchsobjekte, die Sonne und die Sterne, auf optischem Wege in das Laboratorium transportieren müsse.

Hierzu hatte er eine ganze Anzahl geschickter, ja genialer Mittel erdacht und geschaffen. Wie die meisten Sternwarten war auch die seine mit einer feinmechanischen Werkstatt verbunden. Ich hatte verschiedene derartige Anstalten besucht und gefunden, daß der Mann an der ersten Drehbank immer ein Deutscher war. So auch hier. Die Amerikaner haben, wie mir Hale erklärte, nicht die Geduld, sich die nötige Geschicklichkeit und Sicherheit der Hand zu erwerben. Das Verhältnis zwischen Lehrlings- und Meisterzeit hierbei erscheint ihnen zu ungünstig es »zahlt nicht«, während beim Deutschen der Besitz dieser Geschicklichkeit sein Stolz ist, also einen bedeutenden moralischen Wert neben dem wirtschaftlichen darstellt.

Bei Hale fand ich jene seltene Verbindung wissenschaftlichen und technischen Scharfsinns, die mir das Ideal des Naturforschers darstellt, dem ich meinerseits während meines ganzen Lebens nachgestrebt habe. Wir hatten einander daher sehr viel zu sagen, wobei ich mich durchaus als der aufnehmende Teil fühlte. Es hat sich daraus ein freundliches Verhältnis entwickelt, das mir von großem Wert war und ist. Selbst als der Weltkrieg fast alle Beziehungen zu den amerikanischen Mitarbeitern und Freunden zerstört hatte, hauptsächlich infolge eines von Genf aus gegen mich unternommenen Verleumdungsfeldzuges, dessen Lügen drüben ohne Prüfung als Wahrheiten aufgenommen wurden, hat Hale durch dauernde Zusendung der Schriften seiner Anstalt – er hatte inzwischen eine neue Sternwarte in Kalifornien auf dem Wilsonberge nach eigenen, genialen Plänen erbaut – den Zusammenhang aufrecht gehalten, zum Zeichen, daß er das mir damals geschenkte Vertrauen sich nicht hat erschüttern lassen.

Von Chicago reiste ich ohne Aufenthalt nach New York und konnte dort schon am folgenden Tage mit dem schnellsten transatlantischen Dampfer »Kaiser Wilhelm« nach Hause fahren, wohin mich ein allmählich stark angewachsenes Heimweh zog.

 

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