Erniedrigte und Beleidigte

 

Erster Teil

Erstes Kapitel

Im vorigen Jahre, am Abend des zweiundzwanzigsten März, erlebte ich etwas sehr Seltsames. Ich war den ganzen Tag über in der Stadt umhergelaufen, um mir eine Wohnung zu suchen. Meine bisherige Wohnung war sehr feucht, und ich begann schon damals häßlich zu husten. Ich hatte bereits im Herbst umziehen wollen, aber die Sache hatte sich dann bis zum Frühling hingezögert. Den ganzen Tag über hatte ich nichts mir Zusagendes finden können. Erstens wollte ich eine eigene Wohnung haben, nicht eine in Aftermiete; und zweitens wollte ich mich zwar nötigenfalls mit einem einzigen Zimmer begnügen, dieses sollte aber unbedingt groß sein, selbstverständlich gleichzeitig auch möglichst billig. Ich hatte die Beobachtung gemacht, daß in einem engen Zimmer sich sogar die Gedanken beengt fühlen. Ich für meine Person habe, wenn ich meine künftigen Novellen durchdachte, es immer geliebt, im Zimmer auf und ab zu gehen. Beiläufig bemerkt: das vorherige Durchdenken meiner literarischen Produktionen und die Überlegung, wie ich sie niederschreiben wollte, machte mir von jeher mehr Vergnügen als das wirkliche Niederschreiben, und das rührte wirklich nicht etwa von Trägheit her. Woher es eigentlich kam, vermag ich nicht zu sagen.

Schon am Morgen hatte ich mich nicht wohl gefühlt, und gegen Abend wurde mir sogar recht schlecht; es bildete sich eine Art Fieber heraus. Zudem war ich den ganzen Tag auf den Beinen gewesen und müde geworden. Am Abend, unmittelbar vor Eintritt der Dämmerung, ging ich gerade den Wosnessenskiprospekt entlang. Ich liebe die Märzsonne in Petersburg, besonders den Sonnenuntergang; selbstverständlich muß es ein klarer, kalter Abend sein. Die ganze Straße glänzt auf einmal, von hellem Licht übergossen. Alle Häuser fangen plötzlich an zu leuchten. Ihre grauen, gelblichen, schmutzig-grünen Farben verlieren für einen Augenblick all ihr Düsteres, Unfreundliches; es ist, als werde es in der Seele hell, als schrecke man zusammen oder als stoße einen jemand mit dem Ellbogen an. Und der neue Anblick erweckt neue Gedanken … Es ist erstaunlich, welch eine Wirkung ein einziger Sonnenstrahl in der Seele eines Menschen hervorzubringen vermag!

Aber das Licht der Sonne war erloschen; die Kälte nahm zu und kniff einem in die Nase; die Dunkelheit wurde stärker; in den Schaufenstern und Läden blitzten die Gasflammen auf. Als ich der Müllerschen Konditorei gegenüber war, blieb ich plötzlich wie angenagelt stehen und sah nach der anderen Seite der Straße hinüber, als ob ich ahnte, daß ich da alsbald etwas Ungewöhnliches erleben würde, und gerade in diesem Moment erblickte ich dort einen alten Mann mit einem Hund. Ich erinnere mich noch ganz genau, daß sich mir das Herz infolge einer unangenehmen Empfindung krampfhaft zusammenzog, ohne daß ich mir selbst hätte darüber klarwerden können, was das für eine Empfindung war.

Ich neige nicht zum Mystizismus, und an Ahnungen und Wahrsagerei glaube ich so gut wie gar nicht, obwohl mir, wie vielleicht allen Menschen, im Leben einige ziemlich unerklärliche Begebnisse vorgekommen sind. So zum Beispiel gleich dieser alte Mann: woher hatte ich bei meiner damaligen Begegnung mit ihm sofort das Gefühl, daß ich gleich an diesem Abend etwas recht Ungewöhnliches erleben würde? Übrigens war ich krank, und krankhafte Gefühle sind fast immer trügerisch.

Der Alte näherte sich der Konditorei mit langsamem, müdem Gang; er setzte ein Bein vor das andere, als ob er sie nicht biegen könne, als ob es Stöcke wären; seine Haltung war gebeugt, und er stieß leicht mit dem Stock auf die Trottoirplatten. In meinem ganzen Leben bin ich keiner so seltsamen, wunderlichen Gestalt begegnet. Auch früher schon, vor dieser Begegnung, hatte er jedesmal, wenn ich mit ihm bei Müller zusammentraf, eine peinliche Empfindung bei mir erweckt. Sein hoher Wuchs, sein gebeugter Rücken, sein totenbleiches, achtzigjähriges Gesicht, sein alter, in den Nähten aufgerissener Mantel, der verbeulte, wohl zwanzig Jahre alte Zylinderhut, der seinen kahlen Kopf bedeckte, auf welchem nur ganz im Nacken ein Büschel nicht mehr grauer, sondern gelblich-weißer Haare übrig war, alle seine Bewegungen, die gewissermaßen unbewußt, wie durch einen leblosen Mechanismus zu erfolgen schienen: alles dies machte unwillkürlich einen starken Eindruck auf jeden, der ihm zum ersten Male begegnete. In der Tat, es war ein seltsamer Anblick, dieser völlig abgelebte Greis, so ganz allein, ohne jeden Begleiter, um so mehr, da er einem Irrsinnigen glich, der seinen Aufsehern davongelaufen war. Es überraschte mich auch seine außerordentliche Magerkeit: es war, als hätte er fast gar kein Fleisch mehr auf dem Leib, als wäre über die Knochen einfach nur die Haut gespannt. Seine großen, trüben, in blauen Ringen liegenden Augen blickten immer gerade vor sich hin, nie zur Seite, und sahen überhaupt nie etwas; davon bin ich überzeugt. Wenn er einen auch ansah, so ging er doch auf den Betreffenden gerade los, wie wenn er leeren Raum vor sich hätte. Das habe ich mehrmals beobachtet. Zu Müller zu kommen hatte er erst vor kurzem angefangen, und immer mit seinem Hund. Keiner der Besucher der Konditorei wußte, woher er kam; keiner hatte Lust, mit ihm zu reden, und er selbst knüpfte mit keinem von ihnen ein Gespräch an.

›Warum schleppt er sich nur zu Müller, und was hat er da zu suchen?‹ dachte ich, während ich auf der anderen Seite der Straße stand und mich von seinem Anblick nicht losreißen konnte. Eine Art von Ärger, die Folge meiner Krankheit und Müdigkeit, stieg in mir auf. ›Woran mag er nur denken?‹ fuhr ich in meinem Selbstgespräch fort; ›was mag er im Kopf haben? Ob er wohl überhaupt noch an etwas denkt? Sein Gesicht ist dermaßen tot, daß es gar keinen Ausdruck mehr aufweist. Und woher hat er diesen garstigen Hund, der ihm so ähnlich ist und nicht von ihm weicht, als ob er mit ihm ein untrennbares Ganzes bildet?‹

Dieser unglückliche Hund war, wie es schien, ebenfalls achtzig Jahre alt; ja, so mußte es jedenfalls sein. Erstens war er dem Ansehen nach so alt, wie Hunde es sonst nie werden, und zweitens, woher kam mir nur gleich beim erstenmal, als ich ihn erblickte, der Gedanke, dieser Hund könne nicht von derselben Art sein wie alle Hunde; er sei ein ungewöhnlicher Hund; es stecke in ihm jedenfalls etwas Gespenstiges, Zauberisches; er sei vielleicht eine Art von Mephistopheles in Hundegestalt und sein Schicksal sei durch irgendwelche geheimnisvollen, unsichtbaren Bande mit dem Schicksal seines Herrn verknüpft? Wenn man ihn ansah, konnte man gut und gern glauben, daß es wohl schon zwanzig Jahre her war, seit er zum letztenmal gefressen hatte. Er war mager wie ein Skelett oder (welcher Ausdruck ist stärker?) wie sein Herr. Die Haare waren ihm fast vollständig ausgefallen, auch am Schwanz, der wie ein Stock herunterhing und den er immer fest zwischen die Beine kniff. Den langohrigen Kopf ließ er mürrisch hängen. In meinem ganzen Leben habe ich keinen Hund von so abstoßendem Äußerem zu sehen bekommen. Wenn die beiden auf der Straße gingen, der Herr voran, der Hund hinter ihm, so berührte die Nase des letzteren den Rockschoß des Vorangehenden, als ob sie daran festgeklebt sei. Und der Gang der beiden und ihr ganzes Aussehen sagte beinahe mit jedem Schritt: ›O Gott, wie alt sind wir, wie alt!‹

Ich erinnere mich auch, daß mir einmal der Gedanke kam, der Alte und sein Hund seien auf irgendeine Weise aus einer von Gavarni illustrierten Ausgabe von ›Hoffmanns Erzählungen‹ entwischt und gingen nun in der Welt als wandelnde Anzeigen dieses Buches umher. Ich ging über die Straße hinüber und trat hinter dem Alten in die Konditorei.

In der Konditorei benahm sich der Alte sehr seltsam, und der hinter seinem Ladentisch stehende Herr Müller fing in der letzten Zeit schon an, beim Eintritt des ungebetenen Gastes ein unzufriedenes Gesicht zu machen. Erstens bestellte der sonderbare Gast nie etwas. Er ging jedesmal geradenwegs in die Ecke beim Ofen und setzte sich dort auf einen Stuhl. War aber sein Platz am Ofen besetzt, so blieb er vor dem Herrn, der seinen Platz innehatte, ein Weilchen in gedankenloser Verwunderung stehen und ging dann ganz verstört nach einer anderen Ecke am Fenster. Dort wählte er sich einen Stuhl aus, ließ sich langsam darauf nieder, nahm den Hut ab, legte ihn neben sich auf den Fußboden, den Stock daneben, lehnte sich in den Stuhl zurück und verharrte so drei oder vier Stunden lang, ohne sich zu bewegen. Nie nahm er eine Zeitung in die Hand, nie sagte er ein Wort oder gab einen Laut von sich; er saß nur da und sah mit weitgeöffneten Augen vor sich hin, aber mit einem so trüben, leblosen Blick, daß man hätte darauf wetten mögen, er sehe und höre nichts von seiner ganzen Umgebung. Sein Hund aber drehte sich zwei- oder dreimal auf einem Fleck herum, legte sich dann grämlich zu seinen Füßen hin, steckte seine Schnauze zwischen die Stiefel seines Herrn, stieß einen tiefen Seufzer aus, streckte sich seiner ganzen Länge nach auf dem Fußboden aus und blieb gleichfalls den ganzen Abend über, ohne sich zu rühren, wie tot liegen. Es schien, als hätten diese beiden Wesen den ganzen Tag über tot dagelegen und seien nun bei Sonnenuntergang plötzlich lebendig geworden, einzig und allein um in die Müllersche Konditorei zu gehen und dadurch eine geheimnisvolle, niemandem bekannte Pflicht zu erfüllen. Nachdem der Alte drei, vier Stunden lang dagesessen hatte, stand er endlich auf, nahm seinen Hut und ging fort, doch wohl in seine irgendwo gelegene Wohnung. Auch der Hund erhob sich und folgte seinem Herrn, wieder mit eingeklemmtem Schwanz und herunterhängendem Kopf in dem früheren langsamen Gang. Die Besucher der Konditorei vermieden schließlich jeden Verkehr mit dem Alten und setzten sich nicht einmal in seine Nähe, wie wenn er ihnen Widerwillen einflöße. Er seinerseits bemerkte nichts davon.

Die Besucher dieser Konditorei sind größtenteils Deutsche. Sie kommen hier vom ganzen Wosnessenskiprospekt zusammen, lauter Handwerksmeister verschiedener Berufsarten: Schlosser, Bäcker, Färber, Hutmacher, Sattler, sämtlich patriarchalische Leute im deutschen Sinn dieses Wortes. Bei Müller herrschte überhaupt ein patriarchalischer Ton. Oft trat der Wirt zu den ihm bekannten Gästen und setzte sich zu ihnen an den Tisch, wobei dann gewaltige Mengen Punsch getrunken wurden. Die kleinen Kinder des Wirtes und seine Hunde gesellten sich ebenfalls manchmal zu den Gästen und wurden von diesen geliebkost. Alle waren miteinander bekannt und hatten einander gern. Und während die Gäste sich in die Lektüre der deutschen Zeitungen vertieften, ertönte in der anstoßenden Wohnung des Wirtes die Melodie des »Lieben Augustin«, auf einem klapprigen Klavier von der ältesten Tochter des Wirtes gespielt, einem blondlockigen deutschen Mädchen, das die größte Ähnlichkeit mit einem weißen Mäuschen hatte. Dieser Walzer wurde von den Gästen mit Vergnügen aufgenommen. Ich ging zu Müller immer in den ersten Tagen des Monats, um die russischen Monatsschriften, die er hielt, zu lesen. Als ich in die Konditorei trat, sah ich, daß der Alte bereits am Fenster saß und der Hund wie gewöhnlich ausgestreckt zu seinen Füßen lag. Schweigend setzte ich mich in eine Ecke und legte mir in Gedanken die Frage vor: »Warum bin ich hierhergekommen, wo ich doch absolut nichts zu tun habe? Ich bin krank und täte am besten, mich schnell nach Hause zu begeben und mich ins Bett zu legen. Bin ich wirklich nur hier, um diesen alten Mann anzusehen ?« Ein Gefühl des Ärgers ergriff mich. »Was geht er mich eigentlich an?« dachte ich in Erinnerung an die sonderbare peinliche Empfindung, mit der ich ihn schon auf der Straße angesehen hatte. »Und was gehen mich alle diese langweiligen Deutschen an? Wozu diese sentimentale Stimmung? Wozu diese wohlfeile Aufregung über allerlei Unwichtiges, die ich in der letzten Zeit an mir bemerke und die mich an einer vernünftigen Lebensführung hindert und mir den klaren Blick für das Leben nimmt? Hat mir das doch schon ein scharfsinniger Rezensent aufgemutzt, als er meine letzte Novelle mißbilligend kritisierte.‹ Trotz dieser Gedanken und Selbstvorwürfe blieb ich jedoch auf meinem Platz sitzen; meine Krankheit aber steigerte sich immer mehr und mehr, und ich empfand schließlich eine wahre Scheu davor, das warme Zimmer zu verlassen. Ich nahm die ›Frankfurter Zeitung‹ zur Hand, las darin zwei Zeilen und schlief ein. Die Deutschen störten mich nicht. Sie lasen, rauchten und teilten einander nur selten, alle halbe Stunde einmal, kurz und halblaut irgendeine Neuigkeit aus Deutschland mit oder auch einen Witz oder eine geistreiche Bemerkung des berühmten deutschen Witzboldes Saphir, worauf sie sich, dann mit verdoppeltem nationalem Stolz von neuem in ihre Lektüre vertieften.

Nachdem ich etwa eine halbe Stunde geschlummert hatte, kam ich infolge eines heftigen Fieberschauers wieder zu Bewußtsein. Es war entschieden nötig, daß ich mich nach Hause begab. Aber in diesem Augenblick hielt eine stumme Szene, die sich im Zimmer abspielte, mich noch einmal zurück. Ich habe bereits gesagt, daß der Alte, sobald er sich auf seinen Stuhl niedergelassen hatte, seinen Blick sogleich starr irgendwohin zu richten und dann den ganzen Abend über nicht mehr auf einen anderen Gegenstand zu lenken pflegte. Auch mir war es einige Male begegnet, das Ziel dieses gedankenlosen, nichts unterscheidenden Blickes zu werden; es war das eine unangenehme, ja geradezu unerträgliche Empfindung, und ich wechselte gewöhnlich so schnell wie möglich den Platz. In diesem Augenblick war ein anderer das Opfer des Alten geworden: ein sehr kleiner, rundlicher, außerordentlich sauberer Deutscher mit einem steif gestärkten Stehkragen und mit einem ungewöhnlich roten Gesicht, ein von auswärts gekommener Gast, ein Kaufmann aus Riga namens Adam Iwanowitsch Schulz, wie ich später erfuhr; er war mit Müller eng befreundet, kannte aber den Alten und viele der übrigen Gäste noch nicht. Er las mit Genuß den ›Dorfbarbier‹ und trank seinen Punsch dazu; da bemerkte er auf einmal, als er den Kopf in die Höhe hob, daß der unbewegliche Blick des Alten auf ihm ruhte. Das befremdete ihn. Adam Iwanowitsch war ein sehr empfindlicher, reizbarer Mensch, wie überhaupt alle Deutschen besseren Standes. Es schien ihm seltsam und beleidigend, daß ihn jemand so starr und ungeniert fixierte. Aber seinen Unwillen unterdrückend, wandte er seine Augen von dem taktlosen Gast ab, murmelte etwas vor sich hin und verbarg sich schweigend hinter seiner Zeitung. Indessen konnte er sich doch nicht bezwingen und spähte ein paar Minuten darauf argwöhnisch hinter der Zeitung hervor: derselbe starre Blick, dasselbe, gedankenlose Fixieren. Auch diesmal schwieg Adam Iwanowitsch noch. Aber als derselbe Vorgang sich zum drittenmal wiederholte, fuhr er auf und hielt es für seine Pflicht, seine Würde zu wahren und nicht angesichts eines anständigen Publikums die schöne Stadt Riga beleidigen zu lassen, als deren Repräsentanten er sich wahrscheinlich betrachtete. Mit einer Gebärde der Ungeduld warf er die Zeitung auf den Tisch und klopfte energisch mit dem Stock auf, an dem sie befestigt war; von dem Gefühl der eigenen Würde entflammt und dunkelrot im Gesicht von dem genossenen Punsch und von der Ehrenkränkung, richtete er nun seinerseits seine kleinen funkelnden Augen auf den lästigen alten Mann. Es schien, als ob sie beide, der Deutsche und sein Gegner, einander durch die magnetische Kraft ihrer Blicke überwältigen wollten und nun abwarteten, wer zuerst in Verlegenheit geraten und die Augen niederschlagen werde. Das Klopfen mit dem Stock und Adam Iwanowitschs ungewöhnliche Körperhaltung erregten die Aufmerksamkeit aller Gäste. Alle ließen sofort von ihrer Beschäftigung ab und beobachteten mit ernster, stummer Neugier die beiden Gegner. Die Szene gestaltete sich sehr komisch. Aber der Magnetismus der herausfordernden Blicke des geröteten Adam Iwanowitsch blieb ganz wirkungslos. Ohne sich um irgend etwas zu kümmern, fuhr der Alte fort, den wütenden Herrn Schulz gerade anzusehen; als wäre er auf dem Mond und nicht auf der Erde, bemerkte er offenbar gar nicht, daß er der Gegenstand der allgemeinen Neugier geworden war. Schließlich verlor Adam Iwanowitsch die Geduld und brach los.

»Warum fixieren Sie mich denn in dieser Weise?« schrie er auf deutsch mit scharfer, durchdringender Stimme und mit drohender Miene.

Aber sein Gegner schwieg weiter, als hätte er die Frage nicht verstanden und überhaupt nicht gehört. Adam Iwanowitsch entschloß sich, russisch zu reden. »Ich frage Sie, warum Sie mich so fixieren?« schrie er mit verdoppeltem Zorn in mangelhaftem Russisch. »Ich bin bei Hofe bekannt, was Sie von sich nicht werden sagen können!« fügte er hinzu, indem er vom Stuhl aufsprang.

Aber der Alte rührte sich noch immer nicht. Unter den Deutschen erhob sich ein unwilliges Gemurmel. Durch den Lärm herbeigerufen, trat Müller selbst ins Zimmer. Als er erfahren hatte, worum es sich handelte, glaubte er, der Alte sei taub, und beugte sich ganz nahe zu seinem Ohr hinab.

»Herr Schulz bittet Sie, ihn nicht so scharf anzusehen«, sagte er möglichst laut auf russisch und betrachtete den seltsamen Gast aufmerksam.

Der Alte blickte Müller mechanisch an, und auf einmal zeigten sich in seinem bis dahin regungslosen Gesicht Anzeichen einer ängstlichen Gedankenarbeit, einer unruhigen Erregung. Er geriet in hastige Bewegung, räusperte sich, bückte sich nach seinem Hut und ergriff ihn eilig mitsamt dem Stock; mit einem kläglichen Lächeln, dem demütigen Lächeln eines armen Teufels, der von dem irrtümlich eingenommenen Platz vertrieben wird, schickte er sich an, das Zimmer zu verlassen. In dieser ergebenen, unterwürfigen Eile des armen, gebrechlichen Greises lag soviel Mitleiderweckendes, soviel Herzergreifendes, daß das ganze Publikum, und Adam Iwanowitsch voran, sofort seine Anschauung über die Sache änderte. Es war klar, daß der Alte niemanden beleidigen konnte, ja sich sogar selbst jeden Augenblick bewußt war, daß man ihn wie einen Bettler fortjagen könne.

Müller war ein gutherziger, mitleidiger Mensch.

»Nein, nein«, sagte er und klopfte dem Alten ermutigend auf die Schulter, »bleiben Sie nur sitzen! Aber Herr Schulz hat Sie sehr gebeten, ihn nicht so scharf anzusehen. Er ist bei Hofe bekannt.«

Aber der alte Mann begriff auch dies nicht; er hastete noch mehr als vorher, beugte sich nieder, um sein Taschentuch aufzuheben, ein altes, zerrissenes, blaues Taschentuch, das ihm aus dem Hut herausgefallen war, und rief seinen Hund, der, ohne sich zu regen, auf dem Fußboden lag und, mit der Schnauze zwischen den beiden Vorderpfoten, anscheinend fest schlief.

»Asorka, Asorka!« rief er mit zitternder, greisenhafter Stimme; »Asorka!«

Asorka rührte sich nicht.

»Asorka, Asorka!« sagte der Alte noch einmal traurig und berührte den Hund mit dem Stock; aber das Tier verharrte in seiner bisherigen Haltung.

Der Stock entsank den Händen des alten Mannes. Er bückte sich, ließ sich auf beide Knie nieder und hob mit beiden Händen Asorkas Schnauze in die Höhe. Der arme Asorka! Er war tot! Er war, ohne einen Laut von sich zu geben, zu den Füßen seines Herrn gestorben, vielleicht an Altersschwäche, vielleicht aber war er auch verhungert. Der Alte blickte ihn ein Weilchen an, wie wenn er völlig bestürzt wäre und nicht begriffe, daß Asorka schon gestorben war; dann beugte er sich still zu seinem bisherigen Diener und Freund herab und drückte sein blasses Gesicht an dessen tote Schnauze. So verging eine Minute unter allseitigem Stillschweigen. Wir alle waren gerührt. Endlich erhob sich der arme Mensch. Er war sehr blaß und zitterte wie in einem heftigen Fieberanfall.

»Man kann ihn ausstopfen«, sagte der mitleidige Herr Müller in dem Wunsch, den Alten irgendwie zu trösten. »Fjodor Karlowitsch Krüger versteht das ausgezeichnet; er ist ein Meister in dieser Kunst«, versicherte Müller, hob den Stock vom Boden auf und reichte ihn dem Alten. »Ja, ich stopfe ausgezeichnet aus«, fiel Herr Krüger selbst bescheiden ein, indem er in die vordere Reihe trat.

Dies war ein langer, hagerer, tugendhafter Deutscher mit rotem, buschigem Haar und mit einer Brille auf der gebogenen Nase.

»Fjodor Karlowitsch Krüger besitzt ein großes Talent im Ausstopfen«, fügte Müller hinzu, der sich in seine schöne Idee zu verlieben begann.

»Ja, ich besitze ein großes Talent im Ausstopfen«, bestätigte Herr Krüger von neuem, »und ich werde Ihnen Ihren Pudel umsonst ausstopfen«, fügte er in einem Anfall hochherziger Selbstverleugnung hinzu.

»Nein, ich werde Ihnen das Ausstopfen bezahlen!« rief Adam Iwanowitsch Schulz ordentlich grimmig und errötete aus zwiefachem Grunde: sowohl wegen seiner eigenen Großmut, als auch weil er sich schuldloserweise für die Ursache des ganzen Unglücks hielt.

Der Alte hörte das alles mit an, verstand aber offenbar nichts davon und zitterte wie vorher am ganzen Leib.

»Warten Sie! Trinken Sie ein Gläschen guten Kognak!« rief Müller, als er sah, daß der rätselhafte Gast dem Ausgang zustrebte.

Der Kognak wurde gebracht. Der Alte nahm mechanisch das Gläschen; aber seine Hand zitterte, und bevor er es an die Lippen brachte, verschüttete er die Hälfte und stellte es, ohne einen Tropfen getrunken zu haben, wieder auf das Tablett. Darauf lächelte er in einer sonderbaren, gar nicht zur Situation passenden Art und verließ mit beschleunigten, ungleichmäßigen Schritten die Konditorei; den Hund ließ er auf seinem Platz liegen. Alle standen, erstaunt; Ausrufe der Verwunderung wurden laut.

»Schwerenot, was ist das für eine Geschichte?« sagten die Deutschen, einander mit großen Augen anblickend. Ich aber eilte dem Alten nach. Wenn man sich von der Konditorei nach rechts wendet, so biegt nach einigen Schritten eine schmale, dunkle, von gewaltig großen Häusern eingefaßte Gasse ab. Eine Art von Ahnung sagte mir, daß der Alte sich gewiß dahin gewandt habe. Hier war das zweite Haus rechter Hand im Bau begriffen und ganz mit Gerüststangen umgeben. Der Bauzaun reichte beinahe bis in die Mitte der Gasse; am Zaun entlang war ein hölzerner Steig für Fußgänger angelegt. In einem dunklen Winkel, der von dem Zaun und dem Hause gebildet wurde, fand ich den Alten. Er saß auf der Stufe des hölzernen Trottoirs, hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt und hielt seinen Kopf in beiden Händen. Ich setzte mich neben ihn.

»Hören Sie«, sagte ich und wußte nicht recht, wie ich anfangen sollte, »grämen Sie sich nicht um Ihren Asorka! Kommen Sie, ich werde Sie zu Ihrer Wohnung bringen. Beruhigen Sie sich! Ich werde gleich eine Droschke holen. Wo wohnen Sie denn?«

Der Alte gab keine Antwort. Ich wußte nicht, was ich machen sollte. Passanten waren nicht da. Auf einmal faßte er mich bei der Hand. »Mir ist so beklommen!« sagte er mit heiserer, kaum hörbarer Stimme; »so beklommen!« »Kommen Sie zu Ihrer Wohnung!« rief ich, indem ich mich aufrichtete und auch ihn mit Gewalt aufzurichten suchte. »Da sollen Sie Tee trinken und sich ins Bett legen … Ich werde sofort eine Droschke holen. Ich werde einen Arzt rufen; ich bin mit einem bekannt.«

Ich erinnere mich nicht mehr, was ich sonst noch zu ihm sagte. Er wollte sich erheben; aber nachdem er sich ein klein wenig aufgerichtet hatte, fiel er wieder auf die Erde zurück und begann erneut mit derselben heiseren, erstickten Stimme etwas zu murmeln. Ich beugte mich noch näher zu ihm herab und horchte.

»Auf der Wassili-Insel«, flüsterte der Alte, »in der Sechsten Linie … in der Sech-sten Li-nie …«

Er verstummte.

»Wohnen Sie auf der Wassili-Insel? Aber dann sind Sie falsch gegangen; Sie mußten sich nach links wenden, nicht nach rechts. Ich will Sie gleich hinbringen …«

Der Alte rührte sich nicht. Ich faßte ihn an der Hand; die Hand fiel wie tot herab. Ich sah ihm ins Gesicht und berührte es – er war bereits tot. Mir war, als ob mir das alles nur träumte.

Dieses Begebnis hatte für mich eine längere mühevolle Tätigkeit zur Folge, während der mein Fieber ganz von selbst verging. Es gelang mir, die Wohnung des alten Mannes ausfindig zu machen. Er wohnte jedoch nicht auf der Wassili-Insel, sondern wenige Schritte von der Stelle, wo er gestorben war, in dem Hause eines Herrn Klugen dicht unter dem Dach im fünften Stockwerk in einer eigenen Wohnung, die aus einem kleinen Vorzimmer und einem großen, sehr niedrigen Zimmer mit drei ganz schmalen Fenstern bestand. Er hatte äußerst ärmlich gewohnt. Das Mobiliar bestand nur aus einem Tisch, zwei Stühlen und einem uralten, steinharten Sofa, aus dem überall die Bastpolsterung hervorsah; und auch diese Möbelstücke gehörten, wie sich herausstellte, dem Wirt. Der Ofen schien seit langer Zeit nicht geheizt zu sein; auch Kerzen fanden sich nicht. Ich glaube jetzt allen Ernstes, daß der Alte zu Müller einzig und allein in der Absicht ging, bei Licht zu sitzen und sich zu wärmen. Auf dem Tisch stand ein leerer irdener Krug; daneben lag eine alte, harte Brotrinde. An Geld fand sich auch nicht eine Kopeke vor. Nicht einmal Wäsche zum Wechseln war vorhanden, in der er hätte beerdigt werden können; jemand gab zu diesem Zweck ein Hemd von sich her. Es war klar, daß er nicht in dieser Weise, so völlig allein, hatte leben können; gewiß hatte ihn jemand, wenn auch nur selten, besucht. Im Tischkasten fand sich sein Paß. Der Verstorbene war Ausländer gewesen, aber russischer Untertan, Jeremija Smith, Maschinenbauer, achtundsiebzig Jahre alt. Auf dem Tisch lagen zwei Bücher: eine kurzgefaßte Geographie und ein russisches Neues Testament, in welchem einzelne Stellen am Rand mit Bleistift angestrichen oder mit Nagelkrellen bezeichnet waren. Diese Bücher erwarb ich für mich. Man befragte die anderen Mieter und den Hauswirt, aber sie wußten fast nichts über ihn zu sagen. Mieter gab es in diesem Haus eine große Menge, fast lauter Handwerker und deutsche Zimmervermieterinnen, welche Zimmer mit Beköstigung und Bedienung abließen. Der Verwalter des Hauses, ein Adliger, wußte ebenfalls nur sehr wenig von seinem früheren Mieter zu sagen, außer daß die Wohnung sechs Rubel monatlich kostete, daß der Verstorbene sie vier Monate lang innegehabt, aber für die beiden letzten Monate keine Kopeke bezahlt hatte, so daß er eigentlich schon hätte hinausgesetzt werden sollen. Man fragte, ob nicht manchmal jemand zu ihm gekommen sei. Aber niemand konnte darüber befriedigende Auskunft geben. »Das Haus ist groß«, hieß es; »was gehen in einer solchen Arche Noah nicht alles für Leute ein und aus? Wie soll man die alle im Kopf behalten?« Der Hausknecht, der in diesem Haus schon fünf Jahre diente und wahrscheinlich wenigstens etwas, wenn auch noch so wenig, hätte mitteilen können, war vor zwei Wochen zu Besuch in seine Heimat gereist und hatte als Vertreter seinen Neffen dagelassen, einen jungen Burschen, der bisher kaum die Hälfte der Mieter von Gesicht kennengelernt hatte. Ich weiß nicht mehr genau, welches damals das Endresultat all dieser Nachforschungen war; aber schließlich wurde der alte Mann begraben. In diesen Tagen ging ich, unter anderen Laufereien und Bemühungen, auch einmal nach der Wassili-Insel zur Sechsten Linie, und erst als ich hingekommen war, lachte ich über mich selbst: was konnte ich in der Sechsten Linie sehen außer eine Reihe gewöhnlicher Häuser? ›Aber warum‹, dachte ich, ›hat der Alte im Sterben von der Sechsten Linie und von der Wassili-Insel gesprochen? Hat er nur phantasiert?‹

Ich besah mir Smiths leergewordene Wohnung, und sie gefiel mir. Ich mietete sie für mich. Die Hauptsache war mir das große Zimmer, obwohl es so niedrig war, daß es mir in der ersten Zeit immer so vorkam, als würde ich mit dem Kopf die Decke streifen. Übrigens gewöhnte ich mich bald daran. Für sechs Rubel monatlich war auch nichts Besseres zu bekommen. Was mich lockte, war, daß ich die Wohnung direkt vom Hauswirt mietete; ich mußte mich nur noch um eine Bedienung bemühen, da ich ganz ohne Bedienung denn doch nicht hausen konnte. Der Hausknecht versprach, für die erste Zeit wenigstens einmal täglich zu mir zu kommen und mir die allernotwendigsten Dienste zu leisten. ›Wer weiß‹, dachte ich, ›vielleicht erkundigt sich auch jemand nach dem alten Mann!‹ Indessen waren bei meinem Einzug schon fünf Tage seit seinem Tod vergangen, und es war noch niemand gekommen.

Zweites Kapitel

Zu jener Zeit, nämlich vor einem Jahr, war ich noch Mitarbeiter an mehreren Journalen, schrieb Artikel für dieselben und glaubte bestimmt, es werde mir einmal gelingen, etwas Großes, Schönes zu schreiben. Ich war damals mit einem großen Roman beschäftigt; aber das Ende vom Lied ist gewesen, daß ich jetzt im Krankenhaus bin und voraussichtlich bald sterben werde. Wenn ich aber bald sterben werde, was hat es dann für einen Zweck, möchte man sagen, diese Erinnerungen aufzuzeichnen?

Unwillkürlich und ununterbrochen denke ich an dieses ganze schwere, letzte Jahr meines Lebens. Ich will jetzt alles niederschreiben, und wenn ich mir nicht diese Beschäftigung geschaffen hätte, so würde ich, wie mir scheint, vor Langerweile sterben. All diese vergangenen Empfindungen regen mich manchmal in schmerzhafter, geradezu qualvoller Weise auf. Unter der Feder nehmen sie einen ruhigeren, ordentlicheren Charakter an; sie gleichen dann weniger einem Fieberwahn, einem beängstigenden Traum. So scheint es mir wenigstens. Schon allein die mechanische Tätigkeit des Schreibens übt eine gute Wirkung aus: sie hat etwas Beruhigendes, Abkühlendes, macht bei mir wieder die früheren schriftstellerischen Gewohnheiten lebendig und verwandelt meine Erinnerungen und krankhaften Träumereien in aktive Handlung … Ja, das war ein guter Einfall von mir. Außerdem ergibt sich dadurch auch eine Erbschaft für den Krankenwärter; wenigstens kann er, wenn er zum Winter die Doppelfenster einsetzt, mit meinen Memoiren die Ritzen verkleben.

Aber ich habe meine Erzählung, ich weiß nicht warum, in der Mitte begonnen. Wenn ich denn einmal alles niederschreiben will, so muß ich vom Anfang an beginnen. Nun, fangen wir also an! Übrigens wird meine Selbstbiographie nicht lang sein.

Ich bin nicht hier geboren, sondern weit von hier, im Gouvernement S. Es ist anzunehmen, daß meine Eltern gute Menschen waren; aber sie ließen mich, als ich noch ein Kind war, als Waise zurück, und ich wuchs im Hause eines kleinen Gutsbesitzers, Nikolai Sergejewitsch Ichmenew, auf, der mich aus Mitleid aufgenommen hatte. Er hatte nur eine Tochter, die Natascha hieß und drei Jahre jünger war als ich. Wir wuchsen zusammen auf wie Bruder und Schwester. O du meine schöne Kindheit! Wie dumm ist es, im Alter von fünfundzwanzig Jahren sich mit schmerzlichem Bedauern nach dir zurückzusehnen und, dem Tode nah, nur deiner mit Entzücken und Dankbarkeit zu gedenken! Damals hatten wir eine so helle Sonne über uns am Himmel, eine Sonne, so ganz unähnlich der Petersburger Sonne, und unsere kleinen Herzen schlugen so munter und fröhlich. Damals waren Felder und Wälder um uns herum und nicht ein Haufen von toten Steinen wie jetzt. Wie wundervoll war der Garten und Park in Wassiljewskoje, wo Nikolai Sergejewitsch Verwalter war; in diesem Garten ging ich mit Natascha spazieren, und hinter dem Garten war ein großer, feuchter Wald, in dem wir Kinder uns beide einmal verirrten … O du goldene, schöne Zeit! Das Leben tat sich zum erstenmal vor uns auf, geheimnisvoll und lockend, und es war so süß, es kennenzulernen. Damals hatten wir noch die Vorstellung, daß hinter jedem Strauch, hinter jedem Baum ein für uns geheimnisvolles, unsichtbares Wesen lebe; die Märchenwelt floß mit der wirklichen zusammen, und wenn manchmal in den tiefen Tälern sich der Abendnebel verdichtete und sich in grauen, gewundenen Streifen an das Gebüsch hängte, das an den steinernen Rippen unserer großen Schlucht wuchs, dann blickten Natascha und ich, uns an den Händen haltend, mit ängstlicher Neugier von dem oberen Rand in die Tiefe und erwarteten jeden Augenblick, daß jemand vom Boden der Schlucht aus dem Nebel zu uns heraufsteigen oder uns anrufen werde und daß die Märchen der Kinderfrau sich als richtige, echte Wahrheit erweisen würden. In späteren Jahren, lange nachher, erinnerte ich einst zufällig Natascha daran, wie man uns damals einmal die ›Kinderlektüre‹ in die Hände gegeben hatte und wir sofort in den Garten zum Teich gelaufen waren, wo unter einem alten, dichtbelaubten Ahornbaum unsere grüne Lieblingsbank stand, uns dort hingesetzt und ›Alfons und Dalinda‹, ein Zaubermärchen, zu lesen begonnen hatten. Noch heute kann ich an diese Erzählung nicht ohne eine sonderbare Erregung des Herzens zurückdenken, und als ich vor einem Jahr Natascha an die beiden ersten Zeilen erinnerte: »Alfons, der Held meiner Erzählung, wurde in Portugal geboren; Don Ramir, sein Vater« usw., da fing ich beinahe an zu weinen. Das sah gewiß schrecklich dumm aus, und dies war wahrscheinlich der Grund, weshalb Natascha damals so seltsam über mein Entzücken lächelte. Übrigens bezwang sie sich sofort (darauf besinne ich mich) und begann nun, um mir eine Freude zu machen, selbst von der alten Zeit zu reden. Ein Wort gab das andere, und zuletzt wurde auch sie ganz weich. Es war ein herrlicher Abend; wir holten all die alten Erinnerungen hervor, auch wie ich nach der Gouvernementsstadt geschickt wurde, um dort ein Alumnat zu besuchen (o Gott, wie hatte sie damals geweint!), auch wie wir uns zum letzten Male trennten, als ich für immer von Wassiljewskoje Abschied nahm. Ich hatte damals die Schule schon durchgemacht und ging nach Petersburg, um mich zum Eintritt in die Universität vorzubereiten. Ich war damals siebzehn Jahre alt und sie fünfzehn. Natascha sagte, ich sei damals ein lang aufgeschossener, ungeschickter Bursche gewesen und man habe mich gar nicht ansehen können, ohne zu lachen. In der Abschiedsstunde führte ich sie beiseite, um ihr etwas furchtbar Wichtiges zu sagen; aber meine Zunge wurde auf einmal unbeweglich und stumm. Natascha hatte noch in der Erinnerung, daß ich mich in gewaltiger Aufregung befand. Natürlich kam unser Gespräch nicht in Gang. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, und sie hätte mich vielleicht gar nicht verstanden. Ich fing nur bitterlich an zu weinen und reiste ab, ohne etwas gesagt zu haben. Wir sahen uns erst sehr lange Zeit nachher wieder, in Petersburg. Das war vor zwei Jahren. Der alte Ichmenew war hierhergefahren, um seinen Prozeß zu betreiben, und ich hatte soeben meine schriftstellerische Laufbahn begonnen.

Drittes Kapitel

Nikolai Sergejewitsch Ichmenew stammte aus einer guten, aber schon lange verarmten Familie. Indessen hatten ihm seine Eltern doch noch ein hübsches Besitztum mit hundertundfünfzig Seelen hinterlassen. Als er zwanzig Jahre alt war, trat er bei den Husaren ein. Alles ging gut; aber in seinem sechsten Dienstjahr passierte es ihm an einem unglücklichen Abend, daß er sein ganzes Vermögen verspielte. Er konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Am folgenden Abend erschien er von neuem am Kartentisch und setzte auf eine Karte sein Pferd, das letzte Besitzstück, das ihm geblieben war. Die Karte gewann, und so auch die zweite und dritte, und nach Verlauf einer halben Stunde hatte er etwas von seinen Besitzungen zurückgewonnen, das Dörfchen Ichmenewka, in welchem bei der letzten Revision fünfzig Seelen gezählt worden waren. Er hörte auf zu spielen und reichte gleich am andern Tag sein Abschiedsgesuch ein. Hundert Seelen waren unwiederbringlich verloren. Zwei Monate darauf erhielt er seinen Abschied als Leutnant und begab sich auf sein Dorf. Von seinem Spielverlust redete er in seinem späteren Leben niemals, und trotz seiner notorischen Gutherzigkeit hätte er sich doch unfehlbar mit jedem verfeindet, der sich erlaubt hätte, zu ihm davon zu sprechen. Auf dem Dorf beschäftigte er sich fleißig mit der Wirtschaft und heiratete im Alter von fünfunddreißig Jahren ein armes Edelfräulein, Anna Andrejewna Schumilowa, die gar keine Mitgift bekam, aber ihre Bildung in einer vornehmen Pension der Gouvernementsstadt bei der Emigrantin Mont Revéche erhalten hatte, worauf Anna Andrejewna ihr ganzes Leben lang stolz war, obgleich nie jemand erraten konnte, worin diese Bildung eigentlich bestand. Nikolai Sergejewitsch war ein ausgezeichneter Landwirt geworden. Die benachbarten Gutsbesitzer lernten von ihm auf wirtschaftlichem Gebiet. So vergingen mehrere Jahre, als plötzlich auf dem Nachbargut, dem Dorf Wassiljewskoje, in welchem neunhundert Seelen gezählt worden waren, der Besitzer, Fürst Pjotr Alexandrowitsch Walkowski, aus Petersburg eintraf. Seine Ankunft erregte in der ganzen Gegend sehr starkes Aufsehen. Der Fürst war, wenn er auch die erste Jugend bereits hinter sich hatte, doch noch ein junger Mann, besaß einen hohen Dienstrang, bedeutende Konnexionen, ein schönes Äußeres, ein beträchtliches Vermögen und war, um dies zuletzt zu erwähnen, Witwer, was ihn den Frauen und Mädchen des ganzen Kreises besonders interessant machte. Man erzählte von der glänzenden Aufnahme, die er in der Gouvernementsstadt bei dem Gouverneur gefunden hatte, mit dem er entfernt verwandt war; es wurde hinzugefügt, alle Damen des Gouvernements seien ›von seiner Liebenswürdigkeit ganz bezaubert‹ usw. usw. Kurz, es war dies einer der glänzendsten Repräsentanten der höchsten Petersburger Gesellschaft, die nur selten in der Provinz erscheinen und, wenn sie dort erscheinen, außerordentliche Sensation machen. Der Fürst war indessen keineswegs liebenswürdig, namentlich nicht denjenigen gegenüber, die er nicht notwendig brauchte und die nach seiner Ansicht unter ihm standen, selbst wenn der Abstand nur gering war. Mit seinen Gutsnachbarn sich bekannt zu machen, hielt er nicht für erforderlich und machte sich dadurch gleich von vornherein eine Menge Feinde. Daher wunderten sich alle außerordentlich, als es ihm auf einmal einfiel, bei Nikolai Sergejewitsch einen Besuch zu machen. Allerdings war Nikolai Sergejewitsch einer seiner nächsten Nachbarn. In dem Ichmenewschen Hause machte der Fürst starken Eindruck. Er bezauberte sogleich die beiden Ehegatten; besonders war Anna Andrejewna von ihm entzückt. Bald darauf verkehrte er mit ihnen schon völlig intim, kam jeden Tag zu ihnen herübergefahren, lud sie zu sich ein, machte Witze, erzählte Anekdoten, spielte auf ihrem schlechten Klavier und sang dazu Lieder. Ichmenews konnten sich nicht genug darüber wundern, wie die Leute von einem so prächtigen, liebenswürdigen Menschen sagen konnten, er sei ein stolzer, hochmütiger, trockener Egoist; denn als solchen verschrien ihn alle Nachbarn einhellig. Man mußte glauben, Nikolai Sergejewitsch habe als ein schlichter, offenherziger, uneigennütziger, vornehm denkender Mensch dem Fürsten tatsächlich gefallen. Indessen klärte sich bald alles auf. Der Fürst war nach Wassiljewskoje gekommen, um seinen Verwalter wegzujagen, einen unmoralischen Deutschen, der ein großes Selbstgefühl besaß, sich Agronom nannte, mit grauen, Achtung heischenden Haaren, einer Brille und einer Hakennase ausgestattet war, aber trotz all dieser Vorzüge in einer scham- und maßlosen Weise gestohlen und überdies mehrere Bauern zu Tode gequält hatte. Dieser Iwan Karlowitsch war endlich auf frischer Tat ertappt und überführt worden; er redete zwar viel von deutscher Ehrlichkeit, wurde aber trotz alledem weggejagt, und sogar in ziemlich schimpflicher Weise. Der Fürst brauchte einen Verwalter, und seine Wahl fiel auf Nikolai Sergejewitsch, einen vortrefflichen Landwirt und durchaus ehrenhaften Menschen, worüber nicht der geringste Zweifel bestehen konnte. Es scheint, daß der Fürst sehr wünschte, Nikolai Sergejewitsch möchte sich ihm selbst als Verwalter anbieten; aber das geschah nicht, und so machte ihm denn eines schönen Tages der Fürst dieses Anerbieten, und zwar in Form einer sehr freundschaftlichen, höflichen Bitte. Ichmenew lehnte es zunächst ab; aber auf Anna Andrejewna übte das bedeutende Gehalt eine verführerische Wirkung aus, und die verdoppelte Liebenswürdigkeit des Bittenden zerstreute alle noch übrigen Bedenken. Der Fürst erreichte seinen Zweck. Man muß annehmen, daß er ein großer Menschenkenner war. In der kurzen Zeit seiner Bekanntschaft mit Ichmenew hatte er vollständig erkannt, mit wem er es zu tun hatte, und eingesehen, daß er Ichmenew durch freundschaftliches, herzliches Benehmen bezaubern und sein Herz gewinnen müsse und daß ohne dieses Mittel Geld nicht viel vermöge. Er aber brauchte gerade einen solchen Verwalter, dem er blind und für immer vertrauen konnte, damit er, wie er das tatsächlich beabsichtigte, nie wieder nach Wassiljewskoje zu kommen brauche. Der bezaubernde Eindruck, den er bei Ichmenew hervorrief, war so stark, daß dieser aufrichtig an die Freundschaft des Fürsten glaubte. Nikolai Sergejewitsch war einer jener gutherzigen, naiv-romantischen Menschen, die bei uns in Rußland, was man auch von ihnen sagen mag, eine so prächtige Menschenklasse bilden und die, wenn sie einmal (manchmal Gott weiß warum) jemanden liebgewinnen, sich ihm mit ganzer Seele hingeben, so daß ihre Anhänglichkeit mitunter geradezu komisch wird.

Viele Jahre waren vergangen. Das Gut des Fürsten war zu hoher Blüte gelangt. Die Beziehungen zwischen dem Besitzer von Wassiljewskoje und seinem Verwalter erfuhren weder von der einen noch von der andern Seite auch nur die geringste Trübung und beschränkten sich auf einen trockenen geschäftlichen Briefwechsel. Der Fürst mischte sich in keiner Weise in Nikolai Sergejewitschs Anordnungen ein, erteilte ihm aber mitunter Ratschläge, die einen vortrefflichen praktischen Blick und gute Sachkenntnis bekundeten und diesen dadurch in Erstaunen versetzten. Offenbar war der Fürst nicht nur der Verschwendung abgeneigt, sondern er verstand sich auch darauf, etwas hinzuzuerwerben. Etwa fünf Jahre nach seinem Besuch in Wassiljewskoje schickte er seinem Verwalter Nikolai Sergejewitsch eine Vollmacht zum Ankauf eines anderen vorzüglichen Gutes mit vierhundert Seelen, das in demselben Gouvernement gelegen war. Nikolai Sergejewitsch war entzückt; die Erfolge des Fürsten, die Gerüchte von seiner glücklichen Karriere und seinem Avancement machten ihm soviel Freude, als ob es sich um seinen eigenen Bruder handele. Aber sein Entzücken stieg auf den höchsten Grad, als der Fürst ihm tatsächlich in einem Fall ein ganz außerordentliches Vertrauen erwies. Das ging folgendermaßen zu … Aber hier finde ich es nötig, einige Einzelheiten aus dem Leben dieses Fürsten Walkowski anzuführen, der eine der wichtigsten Personen meiner Erzählung ist.

Viertes Kapitel

Ich habe schon früher erwähnt, daß er Witwer war. Geheiratet hatte er schon als ganz junger Mensch, und zwar war es eine Geldheirat gewesen. Von seinen Eltern, die sich in Moskau vollständig ruiniert hatten, hatte er so gut wie nichts geerbt. Wassiljewskoje war mit enormen Hypotheken belastet. Dem zweiundzwanzigjährigen Fürsten, der damals genötigt war, in Moskau in irgendeinem Büro eine Stelle zu verwalten, war auch nicht eine Kopeke geblieben, und er trat in das Leben als »der verarmte Sprößling eines altadligen Geschlechts«. Seine Verheiratung mit der überreifen Tochter eines Kaufmanns und Branntweinpächters rettete ihn. Der Branntweinpächter betrog ihn allerdings bei der Mitgift; aber der Fürst konnte doch mit dem Geld seiner Frau sein Stammgut von der Hypothekenlast befreien und sich auf die Beine helfen. Die Kaufmannstochter, die er zur Frau bekommen hatte, konnte kaum schreiben und nicht zwei vernünftige Worte reden, war häßlich und besaß nur eine wichtige, gute Eigenschaft: sie war gutmütig und fügsam. Diese gute Eigenschaft nutzte der Fürst in hohem Maße aus; nach dem ersten Jahr der Ehe ließ er seine Frau, die ihm um diese Zeit einen Sohn geboren hatte, in den Händen ihres Vaters, des Branntweinpächters, in Moskau und siedelte selbst nach dem Gouvernement P. Über, wo er sich durch die Protektion eines hochgestellten Petersburger Verwandten eine ziemlich ansehnliche Stellung im Staatsdienste verschafft hatte. Er dürstete nach Avancement, nach Auszeichnungen, nach einer glänzenden Karriere, und da er sich sagte, daß er mit seiner Frau weder in Petersburg noch in Moskau leben könne, so entschloß er sich, in Erwartung von etwas Besserem, seine Karriere in der Provinz zu beginnen. Es hieß, er habe schon im ersten Jahr seines Zusammenlebens mit seiner Frau diese durch die grobe Manier, in der er sie behandelt habe, beinahe zu Tode gequält. Über dieses Gerücht geriet Nikolai Sergejewitsch immer in Empörung, und er trat mit Wärme für den Fürsten ein, indem er beteuerte, der Fürst sei eines unedlen Benehmens unfähig. Aber nach sieben Jahren starb die Fürstin endlich, und der Witwer zog nun sogleich wieder nach Petersburg. Dort machte er sogar einigen Eindruck. Noch jung, von schönem Äußeren, vermögend und mit vielen glänzenden Eigenschaften, darunter mit Witz, mit Geschmack und mit einem unerschöpflichen Humor begabt, benahm er sich nicht, als ob er sein Glück machen wolle und Protektion suche, sondern als stehe er schon fest auf eigenen Füßen. Man erzählte, er habe wirklich etwas Bezauberndes, Kraftvolles, Siegreiches an sich gehabt. Den Frauen gefiel er außerordentlich, und eine Liaison mit einer schönen Dame aus den höchsten Gesellschaftskreisen verhalf ihm zu einer skandalösen Berühmtheit. Trotz der ihm angeborenen Sparsamkeit, die sogar an Geiz streifte, streute er mit dem Geld, ohne dasselbe zu bedauern, um sich, verlor im Kartenspiel an solche Herren, bei denen das zweckmäßig war, und verzog selbst bei großen Verlusten keine Miene. Aber nicht um Vergnügen zu suchen, war er nach Petersburg gekommen: er wollte seine Karriere definitiv in Gang bringen und sicherstellen. Und das erreichte er. Graf Nainski, sein hochgestellter Verwandter, der ihm keine Beachtung geschenkt hätte, wenn er als gewöhnlicher Bittsteller aufgetreten wäre, ließ sich durch seine Erfolge in der Gesellschaft imponieren, hielt es für möglich und passend, ihm seine besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, und erwies ihm sogar die Ehre, seinen siebenjährigen Sohn zur Erziehung in sein Haus zu nehmen. In diese Zeit fiel auch die Fahrt des Fürsten nach Wassiljewskoje und seine Bekanntschaft mit Ichmenews. Endlich erhielt er durch Vermittlung des Grafen eine angesehene Stellung bei einer der bedeutendsten Gesandtschaften und begab sich ins Ausland. Weiterhin wurden die Gerüchte über ihn etwas unklar: man sprach von einem unangenehmen Erlebnis, das er im Ausland gehabt habe; aber niemand vermochte anzugeben, worin dieses bestanden habe. Man wußte nur, daß er vierhundert Seelen hinzugekauft habe, was ich schon erwähnte. Erst viele Jahre später kehrte er in hoher dienstlicher Stellung aus dem Ausland zurück und erhielt sofort in Petersburg ein sehr bedeutendes Amt. Nach Ichmenewka gelangten Gerüchte, er werde eine zweite Ehe eingehen und dadurch mit einem sehr vornehmen, reichen, mächtigen Geschlecht verwandt werden. »Er wird noch einmal einer der höchsten Würdenträger werden!« sagte Nikolai Sergejewitsch, sich vor Vergnügen die Hände reibend. Ich war damals in Petersburg auf der Universität und erinnere mich, daß Ichmenew expreß an mich schrieb und mich bat, Erkundigungen darüber einzuziehen, ob die Gerüchte über die Wiederverheiratung zutreffend seien. Er schrieb auch an den Fürsten und bat ihn, mir seine Protektion zukommen zu lassen; aber der Fürst ließ diesen Brief unbeantwortet. Ich wußte nur, daß sein Sohn, der zuerst bei dem Grafen und dann auf einem Lyzeum erzogen worden war, damals den Universitätskursus im Alter von neunzehn Jahren beendet hatte. Ich schrieb dies sogleich an Ichmenews und auch, daß der Fürst seinen Sohn sehr liebe, ihn verwöhne und schon jetzt Pläne über seine Zukunft entwerfe. Alles dies hatte ich von Kommilitonen erfahren, die mit dem jungen Fürsten bekannt waren. In dieser Zeit erhielt Nikolai Sergejewitsch eines Tages von dem Fürsten einen Brief, der ihn in das größte Erstaunen versetzte.

Der Fürst, der sich bisher, wie ich schon gesagt habe, in seinem Verkehr mit Nikolai Sergejewitsch auf eine trockene geschäftliche Korrespondenz beschränkt hatte, schrieb ihm jetzt in der eingehendsten, offenherzigsten und freundschaftlichsten Weise über seine Familienverhältnisse: er beklagte sich über seinen Sohn, schrieb, daß ihm dieser durch seine schlechte Aufführung Kummer mache; allerdings dürfe man die mutwilligen Streiche eines so jungen Menschen nicht allzu tragisch nehmen (er suchte ihn offenbar zu entschuldigen); aber er habe beschlossen, den Sohn zu bestrafen und ihm eine heilsame Furcht einzuflößen, nämlich dadurch, daß er ihn für einige Zeit auf das Land schicke und unter Ichmenews Aufsicht stelle. Der Fürst schrieb, er setze auf »seinen gutherzigen, edelgesinnten Nikolai Sergejewitsch und besonders auf Anna Andrejewna« volles Vertrauen, bat sie beide, seinen Leichtfuß in ihre Familie aufzunehmen, ihn in der ländlichen Einsamkeit Mores zu lehren, ihn, wenn möglich, liebzuhaben und vor allen Dingen seinen leichtsinnigen Charakter zu bessern und ihm strenge Grundsätze beizubringen, die ja für das menschliche Leben so unumgänglich notwendig seien. Selbstverständlich übernahm der alte Ichmenew diese Aufgabe mit Entzücken. Der junge Fürst erschien und wurde wie ein leiblicher Sohn aufgenommen. In kurzer Zeit gewann ihn Nikolai Sergejewitsch ebenso lieb, wie er seine Natascha liebte; sogar später, nachdem es bereits zwischen dem fürstlichen Vater und Ichmenew zum endgültigen Bruch gekommen war, dachte der alte Mann manchmal heiteren Sinnes an ›seinen lieben Aljoscha‹, wie er den jungen Fürsten Alexei Petrowitsch zu nennen pflegte. Dieser war in der Tat ein sehr liebenswürdiger junger Mensch; von hübschem Äußeren, schwach und nervös wie ein Frauenzimmer, zugleich aber heiter, offenherzig und der edelsten Empfindungen fähig, mit einem liebevollen, biederen, dankbaren Gemüt: so wurde er der Abgott in dem Ichmenewschen Haus. Trotz seiner neunzehn Jahre war er noch ein vollständiges Kind. Man konnte sich schwer vorstellen, weswegen ihn der Vater verbannt hatte, der ihn doch, wie man sagte, sehr liebte. Es hieß, der junge Fürst habe in Petersburg ein müßiges, leichtfertiges Leben geführt, nicht in den Staatsdienst eintreten wollen und dadurch seinen Vater aufgebracht. Nikolai Sergejewitsch befragte den jungen Mann nicht darüber, da Fürst Pjotr Alexandrowitsch in seinem Brief den wahren Grund der Verbannung seines Sohnes augenscheinlich verschwiegen hatte. Übrigens waren Gerüchte von unverzeihlichen leichtsinnigen Streichen Aljoschas im Umlauf: von einer Liaison mit einer verheirateten Dame, von einer Forderung zum Duell, von einem gewaltigen Verlust am Kartentisch; es wurde sogar davon gesprochen, daß er fremdes Geld vergeudet habe. Es ging auch ein Gerücht, der Fürst habe gar nicht wegen irgendeines Verschuldens seines Sohnes diesen zu entfernen beschlossen, sondern infolge gewisser besonderer egoistischer Erwägungen. Diesem Gerücht trat Nikolai Sergejewitsch mit Entrüstung entgegen, um so mehr, da Aljoscha seinen Vater außerordentlich liebte, den er während seiner Kindheit und seiner ersten Jugend nicht gekannt hatte; er sprach von ihm mit Entzücken und Begeisterung; es war klar, daß er sich seinem Willen völlig unterordnete. Aljoscha erzählte manchmal auch von einer Gräfin, der er und sein Vater gleichzeitig die Cour gemacht hätten; aber er, Aljoscha, habe seinem Vater dabei den Rang abgelaufen, worüber dieser furchtbar böse geworden sei. Er trug diese Geschichte immer mit Entzücken, mit kindlicher Offenherzigkeit und mit hellem, fröhlichem Gelächter vor; aber Nikolai Sergejewitsch unterbrach ihn jedesmal sogleich. Aljoscha bestätigte auch das Gerücht, daß sein Vater sich wieder verheiraten wolle.

Er hatte bereits fast ein Jahr in der Verbannung gelebt, zu bestimmten Terminen an seinen Vater respektvolle, vernünftige Briefe geschrieben und sich schließlich in Wassiljewskoje dermaßen eingelebt, daß, als der Fürst im Sommer selbst nach dem Gute kam (wovon er Ichmenews vorher benachrichtigt hatte), der Verbannte den Vater selbst bat, er möchte ihm erlauben, noch möglichst lange in Wassiljewskoje zu bleiben; das Landleben, so versicherte er, sei sein wahrer Beruf. Alle Entschlüsse und Wünsche Aljoschas entsprangen seiner übergroßen nervösen Empfänglichkeit, seinem heißen Herzen, seinem Leichtsinn, der mitunter bis zum Unverstand ging, seiner außerordentlichen Fähigkeit, sich jedem äußeren Einfluß unterzuordnen, und dem völligen Mangel an Willenskraft. Aber der Fürst hörte diese Bitte mit einem gewissen Mißtrauen an. Überhaupt erkannte Nikolai Sergejewitsch seinen früheren ›Freund‹ kaum wieder: Fürst Pjotr Alexandrowitsch hatte sich sehr, sehr verändert. Er war auf einmal Nikolai Sergejewitsch gegenüber äußerst händelsüchtig geworden sei; bei der Prüfung der Gutsrechnungen zeigte er eine widerwärtige Habgier, Knauserei und ein unbegreifliches Mißtrauen. All das betrübte den braven Ichmenew schrecklich; lange wollte er nicht glauben, was er doch sah und hörte. Diesmal gestaltete sich alles ganz anders als bei dem ersten Besuch des Fürsten in Wassiljewskoje vor vierzehn Jahren: diesmal knüpfte der Fürst mit allen Nachbarn Bekanntschaften an, selbstverständlich nur mit den vornehmsten; aber zu Nikolai Sergejewitsch kam er nie mehr herübergefahren und behandelte ihn ganz wie einen Untergebenen. Auf einmal trug sich ein unbegreiflicher Vorfall zu: ohne jede erkennbare Ursache erfolgte ein schroffer Bruch zwischen dem Fürsten und Nikolai Sergejewitsch. Von beiden Seiten fielen heftige, beleidigende Ausdrücke. Empört entfernte sich Ichmenew aus Wassiljewskoje; aber damit war die häßliche Geschichte noch nicht zu Ende. In der ganzen Umgegend verbreitete sich die widerwärtigste Klatscherei. Es wurde behauptet, Nikolai Sergejewitsch, der über den Charakter des jungen Fürsten völlig ins klare gekommen sei, habe beabsichtigt, die Fehler desselben zu seinem Vorteil auszunutzen; seine Tochter Natascha (die damals schon siebzehn Jahre alt war) habe es verstanden, den zwanzigjährigen Jüngling in sich verliebt zu machen; sowohl der Vater als auch die Mutter hätten diese Liebschaft begünstigt, obwohl sie sich gestellt hätten, als bemerkten sie nichts davon; die schlaue, ›sittenlose‹ Natascha habe schließlich den jungen Mann vollständig behext, der das ganze Jahr über infolge ihrer Bemühungen fast kein wirklich anständiges junges Mädchen zu sehen bekommen habe, deren es doch in den achtbaren Häusern der benachbarten Gutsbesitzer so viele gebe. Man behauptete endlich, die beiden Liebesleute hätten schon verabredet gehabt, sich in dem Dorfe Grigorjewo, fünfzehn Werst von Wassiljewskoje entfernt, trauen zu lassen, anscheinend heimlich vor Nataschas Eltern, die aber in Wirklichkeit alles bis auf die kleinsten Einzelheiten gewußt und die Tochter durch ihre schändlichen Ratschläge geleitet hätten. Kurz, in einem dicken Buche hätte all das nicht Platz gefunden, was die Klatschbasen beiderlei Geschlechts anläßlich dieses Vorfalls im ganzen Kreis schwatzten. Aber das Erstaunlichste war, daß der Fürst all diesem Gerede völligen Glauben schenkte und sogar einzig und allein aus diesem Grunde nach Wassiljewskoje gekommen war; er hatte nämlich in Petersburg eine anonyme Denunziation aus der Provinz erhalten. Allerdings hätte, wie es scheint, niemand, der Nikolai Sergejewitsch auch nur ein wenig kannte, ein Wort von all den gegen ihn vorgebrachten Beschuldigungen glauben können; aber wie das so zu gehen pflegt, machten sich alle trotzdem eifrig über die Sache her, redeten, schüttelten die Köpfe und – fällten ein Verdammungsurteil. Ichmenew seinerseits war zu stolz, um seine Tochter vor dem Tribunal der Klatschbasen zu verteidigen, und verbot auch seiner Frau streng, sich mit den Nachbarn auf irgendwelche Erörterungen einzulassen. Die so arg verleumdete Natascha selbst aber wußte sogar ein ganzes Jahr darauf noch so gut wie nichts von all diesem Gerede und Geschwätze: ihre Eltern hielten die ganze Geschichte sorgfältig vor ihr verborgen, und sie war heiter und unschuldig wie ein zwölfjähriges Kind.

Inzwischen nahm der Streit mit dem Fürsten seinen Fortgang. Dienstfertige Leute zeigten sich geschäftig. Angeber und Zeugen traten auf und brachten den Fürsten schließlich zu der Überzeugung, daß Nikolai Sergejewitsch bei seiner langjährigen Verwaltung von Wassiljewskoje sich keineswegs durch musterhafte Ehrlichkeit ausgezeichnet habe. Ja noch mehr: vor drei Jahren habe Nikolai Sergejewitsch bei dem Verkauf eines Waldes eine Summe von zwölftausend Rubeln unterschlagen, was sich durch klare, vollgültige Beweise vor Gericht nachweisen lasse; und dabei habe er zu dem Verkauf des Waldes nicht einmal eine gesetzliche Vollmacht vom Fürsten besessen, sondern nach seinem eigenen Kopf gehandelt, den Fürsten erst nachträglich von der Notwendigkeit des Verkaufs überzeugt und für den Wald eine sehr viel geringere Summe als die tatsächlich empfangene abgeliefert. Selbstverständlich waren das alles nur Verleumdungen, wie es sich auch in der Folge herausstellte; aber der Fürst glaubte alles und nannte Nikolai Sergejewitsch vor Zeugen einen Dieb. Ichmenew nahm das nicht so hin, sondern antwortete mit einer ebenso schweren Beleidigung: es war eine schreckliche Szene. Sofort begann ein Prozeß. Nikolai Sergejewitsch war sehr bald nahe daran, diesen zu verlieren, einerseits weil er keine schriftlichen Belege vorzeigen konnte, besonders aber weil er keine Gönner hatte und in solchen Gerichtssachen keine Erfahrung besaß. Sein Gut wurde gerichtlich mit Beschlag belegt. Der aufgebrachte alte Mann ließ alles stehen und liegen und entschloß sich, nach Petersburg zu ziehen, um persönlich für seine Sache tätig zu sein; im Gouvernement aber übertrug er die Verwaltung seines Gutes einem erfahrenen Bevollmächtigten. Der Fürst erkannte, wie es scheint, bald, daß er Ichmenew grundlos beleidigt hatte. Aber die Beleidigung war von beiden Seiten eine so schwere gewesen, daß eine Aussöhnung ein Ding der Unmöglichkeit war, und so machte denn der Fürst in seinem Grimm alle Anstrengungen, um den Prozeß zu gewinnen, das heißt, in Wirklichkeit seinem früheren Verwalter das letzte Stück Brot wegzunehmen.

Fünftes Kapitel

So war also die Familie Ichmenew nach Petersburg gezogen. Ich beabsichtige nicht, mein Wiedersehen mit Natascha nach einer so langen Trennung zu schildern. Diese ganzen vier Jahre über hatte ich immer an sie gedacht. Allerdings war ich mir über das Gefühl, mit dem ich an sie gedacht hatte, selbst nicht ganz klar gewesen; aber als wir uns nun wiedererblickten, erkannte ich bald, daß sie mir vom Schicksal bestimmt sei. Anfangs, in den ersten Tagen nach der Ankunft der Familie, schien es mir immer, als habe Natascha sich in diesen Jahren nur wenig weiterentwickelt, als habe sie sich nicht verändert und sei noch dasselbe Mädchen geblieben, das sie vor unserer Trennung gewesen war. Aber dann entdeckte ich Tag für Tag an ihr etwas Neues, mir bisher ganz Unbekanntes, gerade als ob das Mädchen es absichtlich vor mir verheimlicht und verborgen habe – und welchen Genuß gewährten mir diese Entdeckungen! Der Alte war in der ersten Zeit nach der Übersiedlung nach Petersburg sehr reizbar und verbittert. Seine Sache ging schlecht; er war entrüstet, ganz außer sich, quälte sich mit Prozeßakten ab und war nicht in der Stimmung, sich mit uns abzugeben. Anna Andrejewna aber ging wie betäubt umher und konnte anfangs keinen klaren Gedanken fassen. Petersburg beängstigte sie. Sie seufzte, fühlte sich bedrückt, dachte mit Tränen an ihr früheres Leben und an Ichmenewka zurück und war traurig darüber, daß Natascha nun erwachsen sei und niemand sie beachte. Über diesen letzten Punkt ließ sie sich mit mir in Gespräche von seltsamer Offenherzigkeit ein, wohl in Ermangelung eines andern, der zu vertraulichen Mitteilungen geeigneter gewesen wäre. Gerade zu dieser Zeit, nicht lange vor der Ankunft der Familie Ichmenew, hatte ich meinen ersten Roman beendet, eben den, mit welchem meine Laufbahn begann, und wußte als Neuling zuerst nicht, wo ich ihn unterbringen sollte. Bei Ichmenews hatte ich davon keine Silbe gesagt; sie hatten sich mit mir beinahe schon verfeindet, weil ich ein Müßiggänger sei, das heißt nicht in den Staatsdienst träte und mir keine Mühe gäbe, eine Stelle zu finden. Der Alte hatte mich ernstlich und sogar in recht scharfen Ausdrücken ausgescholten, natürlich aus väterlicher Anteilnahme an meinem Ergehen. Ich aber hatte mich geradezu geschämt, ihnen zu sagen, womit ich mich beschäftigte. Und in der Tat, wie konnte ich ihnen geradeheraus sagen, daß ich gar kein Amt übernehmen, sondern Romane schreiben wolle? Deswegen hatte ich sie einstweilen getäuscht und gesagt, ich hätte noch keine Stelle bekommen können, sei aber eifrig auf der Suche. Der alte Ichmenew hatte keine Zeit gehabt, die Wahrheit meiner Angaben nachzuprüfen. Als Natascha einmal unsere Gespräche mit angehört hatte, hatte sie mich insgeheim beiseite geführt und mich unter Tränen angefleht, doch an meine Zukunft zu denken; sie hatte mich dringlich befragt, was ich eigentlich täte, und als ich mich auch ihr nicht entdeckte, hatte sie mir darauf den Eid abgenommen, daß ich mich nicht durch Faulheit und Müßiggang zugrunde richten würde. Ich hatte ihr nicht bekannt, womit ich mich beschäftigte, und doch wäre ein einziges beifälliges Wort von ihr über meine Arbeit, über meinen ersten Roman, mir wertvoller gewesen als alles, was ich später an schmeichelhaften Äußerungen der Kritiker und anderer Beurteiler zu hören bekam. Und nun war mein Roman endlich erschienen! Schon lange vor seinem Erscheinen hatte er in der literarischen Welt Aufsehen erregt. Der Kritiker B. Hatte sich gefreut wie ein Kind, als er mein Manuskript las. Aber wenn ich jemals glücklich gewesen bin, so war ich es nicht in den ersten berauschenden Augenblicken des Erfolges, sondern damals, als ich mein Manuskript noch niemandem vorgelesen und gezeigt hatte, in jenen langen Nächten inmitten entzückter Hoffnungen und Zukunftsträumereien und leidenschaftlicher Liebe zur Arbeit, als ich mit meinen Phantasiegebilden zusammenlebte, mit den Personen, die ich selbst geschaffen hatte, verkehrte, als ob sie meine Verwandten und wirklich existierende Wesen wären, sie liebte, mich mit ihnen freute und mit ihnen trauerte und manchmal sogar die aufrichtigsten Tränen über das Schicksal meines schlichten Helden vergoß. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sich die beiden alten Leute über meinen Erfolg freuten, obgleich sie zuerst furchtbar erstaunt waren; es war doch eine gar zu seltsame Überraschung für sie! So wollte Anna Andrejewna es absolut nicht glauben, daß der neue, allgemein gerühmte Schriftsteller dieser selbe Wanja sei, der … und schüttelte immer nur mit dem Kopfe. Der Alte wollte sich lange Zeit nicht überwunden geben und bekam anfangs, bei den ersten Gerüchten, sogar einen Schreck; er begann von der zerstörten dienstlichen Karriere und von der unordentlichen Lebensweise aller Schriftsteller in Bausch und Bogen zu reden. Aber die unaufhörlichen neuen Gerüchte, die Artikel in den Zeitschriften und endlich einige lobende Worte, die er über mich von Leuten gehört hatte, denen er respektvoll Glauben schenkte, veranlaßten ihn, seine Meinung über die Sache zu ändern. Als er aber wahrnahm, daß ich auf einmal zu Geld gelangt war, und erfuhr, welche Bezahlung man für schriftstellerische Arbeit erhalten kann, da schwanden auch seine letzten Bedenken. Schnell vom Zweifel zu vollem, entzücktem Glauben übergehend, freute er sich wie ein Band über mein Glück und gab sich auf einmal den ausschweifendsten Hoffnungen, den zügellosesten Phantasien über meine Zukunft hin. Alle Tage entwarf er neue Pläne für meine Karriere, und was war nicht alles in diesen Plänen enthalten! Er begann sogar, mir eine besondere Art von Achtung zu bezeigen, die er mir bis dahin nicht erwiesen hatte. Aber doch stürmten manchmal wieder die alten Zweifel plötzlich auf ihn ein, oft mitten im entzücktesten Phantasieren, und machten ihn wieder in seinem Glauben irre.

»Autor, Dichter! Wie sonderbar das klingt… Aber wann sind Dichter zu Rang und Würden gelangt? Sie bleiben doch immer nur so ein tintenklecksendes Völkchen mit unsicherer Existenz!«

Ich machte die Beobachtung, daß derartige Zweifel und all solche heiklen Überlegungen ihm am häufigsten in der Dämmerung in den Sinn kamen (so fest haften mir alle Einzelheiten aus jener goldenen Zeit im Gedächtnis!). In der Dämmerstunde wurde unser guter Alter immer besonders nervös, ängstlich und mißtrauisch. Natascha und ich wußten das schon und machten uns im voraus darüber lustig. Ich erinnere mich, daß ich ihn durch den Hinweis auf interessante Tatsachen zu ermutigen suchte: wie Sumarokow den Generalsrang, Dershawin eine mit Dukaten gefüllte Tabatiere erhalten habe, wie die Zarin selbst bei Lomonossow einen Besuch gemacht habe; ich redete von Puschkin, von Gogol.

»Ich weiß, lieber Freund, ich weiß das alles«, erwiderte der alte Mann, der vielleicht zum erstenmal in seinem Leben von all diesen Dingen hörte. »Hm! Hör mal, Wanja, ich bin doch froh, daß du dein Dingrich da nicht in Versen geschrieben hast. Verse, lieber Freund, sind Unsinn; da sage du kein Wort dawider, sondern glaube mir altem Mann; ich wünsche nur dein Bestes; der reine Unsinn, müßige Zeitvergeudung! Gymnasiasten mögen Verse schreiben, immerhin; aber junge Männer bringt das Verseschreiben ins Irrenhaus. Gewiß, Puschkin war ein bedeutender Mensch; wer bestreitet das? Aber er hat doch nur Verse geschrieben und weiter nichts, so etwas Kurzlebiges… Ich habe übrigens wenig von ihm gelesen… Prosa, das ist doch eine andere Sache! Da kann der Autor seine Leser sogar belehren; na ja, er kann von der Liebe zum Vaterland sprechen oder so im allgemeinen von Tugenden, ja! Ich weiß mich nur nicht auszudrücken, lieber Freund, aber du wirst mich schon verstehen; ich sage das, weil ich es mit dir gut meine. Aber nun zu, nun zu, lies vor!« schloß er mit einer Art von Gönnermiene, als ich endlich eines Abends das Buch mitgebracht hatte und wir alle nach dem Tee um den runden Tisch herum saßen; »lies vor, was du da geschrieben hast; die Leute machen ja von dir soviel Geschrei! Wir wollen mal sehen, wir wollen mal sehen!«

Ich schlug das Buch auf und schickte mich an zu lesen. An diesem Abend war mein Roman eben erst aus der Druckerei gekommen, und nachdem ich endlich ein Exemplar erhalten hatte, war ich gleich zu Ichmenews gelaufen, um ihnen mein Erzeugnis vorzulesen.

Es hatte mich sehr geschmerzt und geärgert, daß ich ihnen meinen Roman nicht schon früher aus dem Manuskript hatte vorlesen können; aber dieses hatte sich ja in den Händen des Verlegers befunden. Natascha hatte sogar geweint vor Verdruß, mit mir gezankt und mir Vorwürfe gemacht, daß fremde Leute meinen Roman früher zu lesen bekämen als sie. Aber nun saßen wir endlich am Tisch. Der Alte setzte eine ungewöhnlich ernste, richterliche Miene auf. Er wollte ganz streng zu Gericht sitzen, »sich eine eigene Überzeugung bilden«. Die alte Frau sah ebenfalls höchst feierlich aus; beinahe hätte sie sich zu der Vorlesung eine neue Haube aufgesetzt. Sie hatte schon längst wahrgenommen, daß ich ihre prächtige Natascha mit grenzenloser Liebe anschaute, daß mir der Atem stockte und es mir dunkel vor den Augen wurde, wenn ich mit ihr sprach, und daß auch Natascha mich mit helleren Blicken als früher ansah. Ja! Endlich war nun auch für unsere Liebe die Zeit gekommen; sie war gekommen gerade im Augenblick der Erfolge, der goldenen Hoffnungen und des vollkommensten Glückes; alles war zugleich gekommen, alles auf einmal! Die alte Frau hatte ferner bemerkt, daß auch ihr Mann schon angefangen hatte, mich sehr zu loben, und mich und die Tochter mit eigentümlichen Blicken ansah – und da bekam sie es plötzlich mit der Angst: ich war ja doch kein Graf, kein Fürst, kein regierender Herr, nicht einmal ein junger, juristisch gebildeter Kollegienrat mit ein paar Orden und einem schönen Äußeren! Anna Andrejewna pflegte mit ihren Wünschen nicht auf halbem Weg stehenzubleiben. »Da loben sie diesen Menschen nun«, dachte sie mit Bezug auf mich; »aber warum eigentlich, das weiß man nicht. Autor, Dichter… Was ist das nur, ein ›Autor‹?«

Sechstes Kapitel

Ich las ihnen meinen Roman an einem einzigen Abend vor. Wir fingen gleich nach dem Tee an und saßen bis zwei Uhr morgens zusammen. Der Alte machte anfangs ein finsteres Gesicht. Er hatte etwas unfaßbar Hohes erwartet, etwas von der Art, daß er es vielleicht selbst nicht verstehen könne, aber unter allen Umständen etwas Hohes; und nun bekam er statt dessen ganz alltägliche, allgemein bekannte Dinge zu hören; das war ja alles ganz genauso wie das, was gewöhnlich um einen herum vorgeht. Und wenn der Held noch ein großer, interessanter Mann wäre oder eine historische Persönlichkeit von der Art wie Roslawlew oder Juri Miloslawski aber hier wurde ein kleiner, schüchterner und sogar ein bißchen dummer Beamter geschildert, an dessen Uniform sogar die Knöpfe zerfasert waren; und alles war in so einfachem Stil geschrieben, genau wie wir selbst reden! Sonderbar! Die alte Frau blickte ihren Mann fragend an und warf sogar die Lippen ein bißchen schmollend auf, wie wenn sie sich durch etwas gekränkt fühlte: ›Na, verdient denn solch dummes Zeug wirklich, daß es gedruckt wird und daß man es anhört? Und dafür bezahlen die Leute noch Geld!‹ stand auf ihrem Gesicht geschrieben. Natascha war ganz Ohr, hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu, wandte kein Auge von mir, blickte nach meinen Lippen, wie ich jedes Wort aussprach, und bewegte selbst ihre schönen Lippen in unbewußter Nachahmung. Und was geschah? Ehe ich noch bis zur Mitte gelangt war, strömten meinen Zuhörern die Tränen aus den Augen. Anna Andrejewna weinte aufrichtig, bemitleidete meinen Helden von ganzem Herzen und hegte (was ich aus ihren Ausrufen schließen konnte) den recht naiven Wunsch, ihm irgendwie in seinem Unglück zu helfen. Der Alte hatte alle Gedanken an großartige Stoffe bereits über Bord geworfen. »Man sieht gleich von vornherein«, sagte er, »daß dem Verfasser die Flügel noch nicht gewachsen sind; er ist nur so ein ganz einfacher Erzähler; aber dafür greift er einem ans Herz; dafür wird einem das, was um einen herum vorgeht, verständlich und begreiflich; man sieht ein, daß der armseligste, geringste Mensch doch auch ein Mensch und unser Bruder ist.«

Natascha hörte zu, weinte und drückte mir unter dem Tisch heimlich, aber kräftig die Hand. Die Vorlesung war zu Ende. Natascha stand auf; ihre Wangen glühten; die Tränen standen ihr in den Augen; auf einmal ergriff sie meine Hand, küßte sie und lief aus dem Zimmer. Der Vater und die Mutter wechselten einen Blick miteinander.

»Hm! Wie gerührt sie ist!« sagte der Alte, erstaunt über das Benehmen der Tochter. »Aber das schadet nichts; das ist ganz gut, ganz gut, der Ausbruch eines edlen Gefühls! Sie ist ein braves Mädchen«, murmelte er und sah dabei flüchtig seine Frau an, als wolle er Natascha und gleichzeitig eigentümlicherweise auch mich entschuldigen.

Aber Anna Andrejewna machte, obgleich sie während der Vorlesung selbst recht aufgeregt und gerührt gewesen war, jetzt doch ein Gesicht, als ob sie sagen wollte: »Freilich ist Alexander von Makedonien ein Held; aber muß man deshalb gleich Stühle zerschlagen?«

Natascha kehrte bald zurück; sie war heiter und glücklich und kniff mich heimlich, als sie an mir vorbeiging. Der Alte wollte sich wieder daranmachen, meinen Roman »ernsthaft« zu kritisieren; aber vor Freude blieb er seiner Rolle nicht treu, sondern ließ sich hinreißen: »Na, Wanja, lieber Freund, das ist ja schön, sehr schön! Es hat mir gefallen! Es hat mir so gut gefallen, wie ich es gar nicht erwartet hatte. Es ist ja nichts Hohes, nichts Großartiges; das ist klar. Da habe ich ein Buch liegen: »Die Befreiung Moskaus«; es ist auch in Moskau selbst verfaßt – na, da sieht man gleich bei der ersten Zeile, lieber Freund, daß der Verfasser sich sozusagen auf Adlersfittichen in die Höhe schwingt. Aber weißt du, Wanja, bei dir ist alles einfacher, verständlicher. Eben deshalb sagt es mir zu, weil es verständlicher ist! Es steht einem gewissermaßen näher; es ist mir, als hätte ich es selbst erlebt. Und was hat man von etwas Großartigem? Ich hätte es selbst nicht einmal verstanden. Den Stil würde ich an deiner Stelle verbessern; ich lobe ihn ja, aber man muß doch sagen, er ist etwas niedrig. Na, aber jetzt ist es dazu zu spät: nun ist es gedruckt. Vielleicht bei der zweiten Auflage? Es wird ja doch wohl zu einer zweiten Auflage kommen? Dann erhältst du auch wieder Geld … Hm!«

»Und hast du wirklich so viel Geld dafür erhalten, Iwan Petrowitsch?« sagte Anna Andrejewna. »Ich sehe dich an und kann es immer noch nicht recht glauben. Ach du mein Gott, wofür die Leute nicht alles jetzt Geld ausgeben!«

»Weißt du, Wanja«, fuhr der Alte, immer eifriger werdend, fort, »das ist ja zwar kein Staatsdienst, aber eine Art Karriere ist es doch. Auch hochgestellte Persönlichkeiten werden es lesen. Du hast uns gesagt, Gogol habe eine jährliche Beihilfe bekommen und sei ins Ausland geschickt worden. Nun, wenn dir das auch zuteil würde? Wie? Oder ist es dazu noch zu früh? Mußt du noch etwas anderes schreiben? Nun, dann tu das, lieber Freund, tu das so schnell wie möglich! Ruhe nicht aus auf deinen Lorbeeren! Worauf willst du warten?« Er sagte das alles in einem solchen Tone der Überzeugung und mit soviel Gutherzigkeit, daß ich nicht den Mut fand, seine phantastischen Vorstellungen zu hemmen und abzukühlen.

»Oder vielleicht gibt man dir auch eine Tabatiere, wie? Gnadenbeweise sind an keine Regeln gebunden. Man wird dich aufmuntern wollen. Und wer weiß, vielleicht kommst du auch an den Hof«, fügte er flüsternd mit einem bedeutsamen Blick hinzu; »oder geht das nicht? Das ist wohl noch zu früh?«

»Na, am Ende gar an den Hof!« sagte Anna Andrejewna, wie wenn sie sich gekränkt fühlte.

»Es fehlt nicht viel, so werden Sie mich noch zum General befördern!« antwortete ich, herzlich lachend. Der Alte lachte ebenfalls. Er war außerordentlich zufrieden.

»Exzellenz, belieben Sie nicht zu speisen?« rief die übermütige Natascha, die unterdessen für uns das Abendbrot zurechtgemacht hatte.

Sie kicherte, lief zu ihrem Vater, umarmte ihn innig und streichelte ihn mit ihren heißen Händen. »Gutes, gutes Papachen!«

Der Alte wurde gerührt.

»Nun, nun, laß nur gut sein, laß nur gut sein! Ich rede das ja alles nur so harmlos hin. Lassen wir den General beiseite und gehen wir zum Abendessen! Ach, was bist du für ein empfindsames Ding!« fügte er hinzu und klopfte seiner Natascha auf das gerötete Bäckchen, was er bei jeder passenden Gelegenheit zu tun pflegte. »Siehst du, Wanja, ich rede so, weil ich es gut mit dir meine. Na, wenn du auch kein General bist (bis dahin hast du es allerdings noch weit!), so bist du doch eine bekannte Persönlichkeit, ein Autor.«

»Heutzutage sagt man »Schriftsteller«, Papachen.«

»Nicht Autor? Das habe ich nicht gewußt. Na, meinetwegen auch ein Schriftsteller; aber was ich noch sagen wollte: zum Kammerherrn werden sie dich für deinen Roman freilich nicht befördern, daran ist nicht zu denken; aber Karriere kannst du trotzdem machen; du könntest zum Beispiel Attaché werden. Man kann dich ins Ausland schicken, nach Italien, zur Wiederherstellung deiner Gesundheit oder zur Vervollkommnung in den Wissenschaften, ja; man kann dir eine pekuniäre Beihilfe geben. Natürlich ist erforderlich, daß auch von deiner Seite alles anständig zugeht und daß du für deine Leistungen, für wirkliche Leistungen Geld und Ehren einerntest und nicht infolge von Protektion…«

»Und werde dann nur nicht stolz, Iwan Petrowitsch! Fügte Anna Andrejewna lachend hinzu.

»Verleihe ihm nur recht schnell einen hohen Orden, Papachen; denn bloß Attaché ist doch ein bißchen wenig.«

Dabei kniff sie mich wieder in den Arm.

»Dieses Mädchen muß sich doch immer über mich lustig machen!« rief der Alte und blickte entzückt seine Natascha an, deren Bäckchen brannten und deren Äuglein wie zwei Sternchen lustig glänzten. »Ich bin, wie es scheint, wirklich etwas zu weit gegangen, Kinder; ich habe mich in die Wolken verstiegen; ich bin immer so gewesen… Aber weißt du, Wanja, sehe ich dich so an: was bist du für ein einfacher Mensch …«

»Ach, mein Gott! Wie soll er denn sein, Papachen?«

»Nein, nein, ich drücke mich falsch aus. Ich meine nur, Wanja, du hast so ein Gesicht… das heißt sozusagen ein ganz unpoetisches Gesicht. Weißt du, man sagt, die Dichter, das sind solche blassen Menschen, und sie haben solche Haare, und es liegt so etwas in ihren Augen. Weißt du, ich denke da an Goethe und andere; ich habe das im »Abbadona« gelesen. Aber wie ist’s? Habe ich da wieder etwas Dummes geschwatzt? Nun sieh einer die Schelmin; sie will sich ordentlich ausschütten vor Lachen über mich! Ich bin kein Gelehrter, meine Lieben: ich kann nur meinem Gefühl folgen. Na, lassen wir dein Gesicht; was man für ein Gesicht hat, das ist schließlich kein Unglück; mir ist deins hübsch genug, und es gefällt mir sehr. In dem Sinn habe ich es nicht gesagt. Sei nur ein ehrenhafter Mensch, Wanja, ein ehrenhafter Mensch, das ist die Hauptsache; lebe ehrenhaft; überhebe dich nicht! Du hast freie Bahn vor dir. Diene ehrenhaft deinem Beruf; das ist’s, was ich sagen wollte; das ist’s, was ich eigentlich sagen wollte!«

Es war eine wundervolle Zeit! Alle meine freien Stunden, alle Abende verlebte ich bei ihnen. Dem Alten brachte ich Nachrichten aus der literarischen Welt, über alle möglichen Schriftsteller; denn er hatte auf einmal aus nicht recht verständlichem Grund angefangen, sich für diese lebhaft zu interessieren; er hatte sogar angefangen, die kritischen Artikel B.s zu lesen, über den ich ihm vieles mitgeteilt hatte; er verstand sie fast gar nicht, lobte ihn aber begeistert und schalt grimmig auf seine Feinde, die in der »Nordischen Biene« schrieben. Die alte Frau hatte ein scharfes Auge auf mich und Natascha, konnte uns aber doch nicht immer beaufsichtigen! Wir hatten schon ein wichtiges kleines Gespräch miteinander gehabt, und ich hatte endlich gehört, wie Natascha mit gesenktem Köpfchen und nur halb geöffneten Lippen fast flüsternd zu mir »ja« sagte. Aber auch die Eltern erfuhren dies: sie errieten es, sie dachten es sich. Anna Andrejewna schüttelte lange den Kopf. Eine seltsame Bangigkeit überkam sie; sie setzte auf mich kein rechtes Vertrauen.

»Solange du Erfolg hast, ist ja alles schön und gut, Wanja«, sagte sie. »Aber wenn nun eines Tages der Erfolg ausbleibt oder sonst etwas passiert, was dann? Wenn du doch irgendwo im Staatsdienst eine Anstellung hättest!«

»Hör mal zu, was ich dir sagen werde!« ließ sich der Alte nach einigem Nachdenken vernehmen. »Ich habe es auch selbst gesehen, es bemerkt und, offen gestanden, mich sogar darüber gefreut, daß du und Natascha… na, was ist da weiter zu sagen! Siehst du, Wanja, ihr seid beide noch sehr jung, und meine Anna Andrejewna hat ganz recht. Warten wir noch ein Weilchen! Du besitzt allerdings Talent, sogar ein bemerkenswertes Talent … na, ein Genie bist du nicht, wie die Leute zuerst schrien; du hast eben einfach Talent (ich habe da gerade heute eine Kritik über dich in der »Nordischen Biene« gelesen; da haben sie dir sehr übel mitgespielt; aber was ist das auch für ein Schandblatt!). Ja! Also siehst du: wenn man Talent hat, so hat man darum noch nicht ein hübsches Kapital bei der Bank; ihr seid beide arm. Warten wir noch so anderthalb Jahre oder wenigstens ein Jahr: wenn du deinen Weg machst und festen Ganges auf deiner Bahn vorwärtsschreitest, so ist Natascha die Deine; gelingt es dir nicht, so wirst du dir das Nötige selbst sagen! Du bist ein ehrenhafter Mensch; denk über die Sache nach!«

Dabei blieb es. Aber nach einem Jahr stand die Sache folgendermaßen:

Ja, es war fast genau ein Jahr darauf! Am Spätnachmittag eines hellen Septembertages kam ich, krank und voll tiefen Herzwehs, zu dem alten Ehepaar und sank beinah ohnmächtig auf einen Stuhl, so daß sie mich ganz erschrocken ansahen. Aber nicht deshalb war mir der Kopf so schwindlig und das Herz so beklommen, daß ich zehnmal an ihre Tür herangekommen und zehnmal wieder umgekehrt war, nicht deshalb, weil meine Karriere mir nicht geglückt war und ich immer noch weder Ruhm noch Geld besaß; nicht deshalb, weil ich noch nicht »Attaché« geworden war und viel daran fehlte, daß man mich zur Wiederherstellung meiner Gesundheit nach Italien geschickt hätte; sondern deshalb, weil man in einem einzigen Jahr zehn Jahre durchleben kann und meine Natascha wirklich in diesem einen Jahr zehn Jahre durchlebt hatte. Ein unendlicher Raum lag zwischen uns. Und so saß ich denn damals dem alten Ichmenew gegenüber, schwieg und zerknickte in meiner Zerstreuung mit der Hand die Krempe meines Hutes, die auch ohnehin schon arg zerbrochen war; ich saß da und wartete, ohne zu wissen warum, darauf, daß Natascha hereinkäme. Mein Anzug war kläglich und saß mir schlecht; im Gesicht war ich mager und gelb geworden, war aber dennoch einem Dichter nicht im entferntesten ähnlich, und in meinen Augen lag nichts Großartiges, worüber sich der gute Nikolai Sergejewitsch einstmals seine Sorgen gemacht hatte. Die alte Frau sah mich mit unverhohlenem und gar zu eiligem Mitleid an und dachte im stillen:

»Und der wäre beinah Nataschas Bräutigam geworden! Gott behüte und bewahre uns!«

»Wie ist’s, Iwan Petrowitsch?« sagte sie. »Willst du nicht Tee trinken?« (Der siedende Samowar stand auf dem Tisch.) »Wie ist denn dein Befinden, lieber Freund? Du siehst ganz krank aus«, fügte sie in klagendem Ton hinzu; ich höre sie, als ob es heute wäre.

Und als ob es heute wäre, sehe ich sie: sie redete so mitleidig zu mir; aber in ihren Augen war noch eine andere Sorge sichtbar, ebendieselbe Sorge, die auch ihren Mann bedrückte, so daß er jetzt vor seiner kalt gewordenen Tasse Tee saß und in Gedanken versunken war. Ich wußte, daß ihnen jetzt der übel verlaufende Prozeß mit dem Fürsten Walkowski Sorge bereitete und daß ihnen noch andere Unannehmlichkeiten zugestoßen waren, die den alten Nikolai Sergejewitsch hart angegriffen und ordentlich krank gemacht hatten. Der junge Fürst, um dessentwillen diese ganze häßliche Prozeßgeschichte entstanden war, hatte vor fünf Monaten eine Gelegenheit gefunden, zu Ichmenews ins Haus zu kommen. Der Alte, der »seinen lieben Aljoscha« wie einen eigenen Sohn liebte und fast täglich an ihn gedacht hatte, nahm ihn mit Freuden auf. Anna Andrejewna mußte wieder an Wassiljewskoje denken und zerfloß in Tränen. Aljoscha kam nun immer häufiger zu ihnen, ohne Wissen seines Vaters; Nikolai Sergejewitsch, als ehrlicher, gerader, offenherziger Mann, wies entrüstet alle Vorsichtsmaßregeln zur Verheimlichung dieser Besuche zurück. In edlem Stolz kümmerte er sich nicht darum, was der Fürst sagen werde, wenn er erführe, daß sein Sohn wieder bei Ichmenews verkehre, und verachtete im stillen den törichten Verdacht, den der Fürst hegen könnte. Aber der Alte hatte nicht bedacht, ob auch seine Kraft dazu ausreichen werde, neue Beleidigungen zu ertragen. Bald kam der junge Fürst täglich zu ihnen. Das Zusammensein mit ihm machte sie heiter und fröhlich. Die ganzen Abende und bis lange nach Mitternacht saß er bei ihnen. Natürlich erfuhr der Vater schließlich dies alles in Form einer widerwärtigen Klatscherei. Er beleidigte Nikolai Sergejewitsch durch einen abscheulichen Brief über dasselbe Thema wie früher und untersagte dem Sohn auf das strengste den weiteren Verkehr mit Ichmenews. Dies hatte sich zwei Wochen vor dem Besuch, den ich ihnen machte, zugetragen. Der alte Mann war furchtbar traurig. Wie! Seine Natascha, seine unschuldige, edle Tochter, sollte wieder in diese schmutzige Verleumdung, in diese Gemeinheit hineingezogen werden! Ihr Name wurde in beleidigender Weise von dem Menschen ausgesprochen, der ihn auch früher schon verunehrt hatte! Und hierfür keine Genugtuung erlangen zu können! In den ersten Tagen hatte er sich vor Verzweiflung ins Bett gelegt. All dies wußte ich. Die ganze häßliche Geschichte war mir in allen Einzelheiten bekannt geworden, obgleich ich, krank und niedergeschlagen, die letzte Zeit über, drei Wochen lang, mich bei ihnen nicht hatte blickenlassen und in meiner Wohnung bettlägerig gewesen war. Aber ich wußte auch (nein! Ich ahnte es damals nur erst, oder vielmehr ich wußte es, wollte es aber nicht glauben), daß es außer dieser unangenehmen Sache noch etwas gab, was sie mehr als alles andere beunruhigen mußte, und ich beobachtete sie mit qualvoller Sorge. Ja, ich litt Qualen; ich fürchtete mich, die Wahrheit zu erraten; ich fürchtete mich, sie zu glauben, und suchte aus aller Kraft, den verhängnisvollen Augenblick hinauszuschieben. Und doch war ich um dieses Augenblicks willen hingegangen. Es hatte mich an diesem Abend unwillkürlich zu ihnen hingezogen!

»Ja, Wanja«, fragte auf einmal der Alte, wie wenn er aus seiner Versunkenheit erwachte, »bist du vielleicht krank gewesen? Weil du so lange nicht zu uns gekommen bist. Ich muß dich um Entschuldigung bitten: ich wollte dich schon längst besuchen, aber immer … hm …« Er versank wieder in seine Gedanken.

»Ich bin unwohl gewesen«, antwortete ich.

»Hm! Unwohl!« wiederholte er fünf Minuten darauf. »So so, unwohl! Ich habe es dir damals gesagt und dich gewarnt; aber du hast nicht auf mich gehört! Hm! Nein, Wanjuscha: solange die Welt steht, hat die Muse hungernd im Dachkämmerchen gesessen, und das wird auch immer so bleiben. So ist das!«

Ja, der Alte war in übler Stimmung. Hätte er nicht eine so tiefe Wunde im Herzen gehabt, so würde er nicht zu mir von der hungernden Muse gesprochen haben. Ich blickte ihm ins Gesicht: es war gelb geworden, und in seinen Augen lag der Ausdruck eines verständnislosen Zweifels, einer Frage, die er nicht zu beantworten vermochte. Er zeigte eine gewisse Schroffheit und eine ungewöhnliche Verbitterung. Seine Frau sah ihn beunruhigt an und schüttelte den Kopf. Als er sich einmal umwendete, machte sie mir nach ihm hin verstohlen mit dem Kopf ein Zeichen.

»Wie befindet sich Natalja Nikolajewna? Ist sie zu Hause?« fragte ich die bekümmerte Anna Andrejewna.

»Ja, sie ist zu Hause, lieber Freund«, erwiderte sie in einem Ton, als ob ihr meine Frage unangenehm sei. »Sie wird gleich selbst hereinkommen, um dich zu begrüßen. Es ist keine Kleinigkeit, einander drei Wochen lang nicht zu sehen! Und sie ist in der letzten Zeit eine ganz andere geworden; man wird gar nicht aus ihr klug, ob sie gesund ist oder krank; Gott helfe ihr!«

Sie sah ihren Mann schüchtern an.

»Was redest du da? Es fehlt ihr nichts«, versetzte Nikolai Sergejewitsch mißmutig und kurz abgebrochen; »sie ist gesund. Das Mädchen kommt einfach in die Jahre; sie ist kein Kind mehr; das ist das Ganze. Wer kann diesen Mädchenkummer und diese Mädchenlaunen genau verstehen!«

»Na, am Ende gar Launen!« erwiderte Anna Andrejewna gekränkt.

Der Alte schwieg und trommelte mit den Fingern auf dem Tische. ›Mein Gott, ob denn wirklich schon etwas zwischen ihnen vorgefallen ist?‹ dachte ich voller Angst. »Nun, und wie steht es bei euch?« begann der Alte von neuem. »Schreibt B. Immer noch Kritiken?« »Ja, das tut er«, antwortete ich.

»Ach, Wanja, Wanja!« schloß er mit einer resignierten Handbewegung. »Was kümmern uns jetzt die Kritiken!«

Die Tür öffnete sich, und Natascha kam herein.

Siebentes Kapitel

Sie trug ihren Hut in der Hand und legte ihn beim Eintritt auf das Klavier; dann trat sie auf mich zu und reichte mir schweigend die Hand. Ihre Lippen bewegten sich ein wenig; es schien, daß sie mir etwas sagen wollte, ein Wort der Begrüßung; aber sie brachte keinen Laut heraus.

Drei Wochen waren es, daß wir uns nicht gesehen hatten. Ich betrachtete sie mit Staunen und mit Angst. Wie hatte sie sich in diesen drei Wochen verändert! Mein Herz zog sich vor Kummer zusammen, als ich diese eingefallenen, blassen Wangen, diese fieberhaft trockenen Lippen und diese Augen sah, die hinter den langen, dunklen Wimpern hervor in heißer Glut und leidenschaftlicher Entschlossenheit brannten.

Aber, o Gott, wie schön war sie! Niemals, weder vorher noch später, habe ich sie so gesehen, wie sie an diesem verhängnisvollen Tag aussah. War das jene selbe Natascha, die vor kaum einem Jahr, kein Auge von mir verwendend und ihre Lippen nach den meinigen bewegend, meinen Roman angehört und so heiter und sorglos beim Abendessen mit dem Vater und mir gelacht und gescherzt hatte? War das jene selbe Natascha, die dort in jenem Zimmer mit gesenktem Köpfchen, ganz von roter Glut Übergossen, zu mir »ja« gesagt hatte?

Es erscholl das dumpfe Geläut der Glocke, die zur Abendmesse rief. Natascha fuhr zusammen; die Mutter bekreuzigte sich.

»Du wolltest zur Messe gehen, Natascha«, sagte sie; »da wird schon geläutet. Geh hin, Nataschenka, geh hin und bete; das Heil ist nahe! Und mache einen kleinen Spaziergang! Warum sitzt du immer in der Stube! Sieh nur, wie blaß du bist; gerade als ob dich jemand behext hätte.«

»Ich werde… vielleicht… heute nicht hingehen«, erwiderte Natascha langsam und leise, fast flüsternd. »Ich … bin nicht wohl«, fügte sie hinzu und wurde blaß wie Leinwand.

»Du solltest doch lieber hingehen, Natascha; du wolltest es doch vorhin selbst und hast ja deinen Hut mitgebracht. Bete, Nataschenka, bete, daß dir Gott deine Gesundheit wiedergeben möge!« redete Anna Andrejewna ihrer Tochter zu und blickte sie schüchtern an, als ob sie sich vor ihr fürchte.

»Ja, ja, geh hin; da hast du auch gleichzeitig einen Spaziergang«, fügte der Alte hinzu und musterte ebenfalls beunruhigt das Gesicht der Tochter. »Deine Mutter hat recht. Wanja wird dich begleiten.«

Es kam mir so vor, als ob ein bitteres Lächeln über Nataschas Lippen huschte. Sie trat ans Klavier, nahm ihren Hut und setzte ihn auf; die Hände zitterten ihr. Alle ihre Bewegungen vollzogen sich wie bewußtlos, gerade wie wenn sie nicht wüßte, was sie tat. Der Vater und die Mutter beobachteten sie unverwandt.

»Lebt wohl!« sagte sie kaum hörbar.

»Aber, mein Engel«, erwiderte die Mutter, »wozu sollen wir in dieser Weise Abschied nehmen; es ist ja doch kein weiter Weg! Aber wenigstens wird dich der Wind ein bißchen anwehen; sieh nur, wie blaß du bist! Ach, das hatte ich ganz vergessen (ich vergesse aber auch alles!): ich habe dir ja ein Amulett zurechtgemacht; ich habe ein Gebet hineingenäht, mein Engel; eine Nonne aus Kiew hat es mich im vorigen Jahr gelehrt; es ist ein wirksames Gebet; ich habe es erst vorhin hineingenäht. Lege es an, Natascha! Vielleicht macht dich Gott der Herr wieder gesund. Du bist ja unsere Einzige.«

Sie zog aus ihrem Arbeitskörbchen Nataschas goldenes Brustkreuz heraus; an demselben Bändchen, an dem das Kreuz hing, war das soeben genähte Amulett befestigt. »Trage es mit Gesundheit!« fügte sie hinzu, indem sie der Tochter das Kreuz umhängte und sie bekreuzte: »Früher bekreuzte ich dich jeden Abend so beim Schlafengehen und sprach ein Nachtgebet, und du sprachst es mir nach. Aber jetzt bist du eine andere geworden, und Gott vergönnt dir keine Ruhe des Gemütes. Ach, Natascha, Natascha! Auch meine mütterlichen Gebete vermögen dir nicht zu helfen!«

Die alte Frau fing an zu weinen.

Natascha küßte ihr schweigend die Hand und tat einen Schritt auf die Tür zu; aber plötzlich kehrte sie schnell wieder um und trat zu ihrem Vater. Ihre Brust ging in heftiger Bewegung auf und nieder.

»Papachen, bekreuzen auch Sie Ihre Tochter!« bat sie mit versagender Stimme und ließ sich vor ihm auf die Knie nieder.

Wir standen alle ganz erstaunt da über ihr unerwartetes, allzu feierliches Benehmen. Eine kleine Weile blickte der Vater sie ganz bestürzt an. »Natascha, mein Kind, mein liebes Töchterchen, was ist dir?« rief er endlich, und die Tränen stürzten ihm aus den Augen. »Worüber grämst du dich? Worüber weinst du Tag und Nacht? Ich sehe es ja alles; in der Nacht schlafe ich nicht; ich stehe auf und horche an deinem Zimmer! Sage mir alles, Natascha; öffne mir altem Manne dein ganzes Herz, und wir…«

Er sprach nicht zu Ende, hob sie auf und schloß sie innig in seine Arme. Sie drückte sich krampfhaft gegen seine Brust und verbarg ihren Kopf an seiner Schulter.

»Es ist nichts, es ist nichts, es hat keine Ursache… ich bin nicht wohl«, versicherte sie, beinah erstickend an innerlichen, unterdrückten Tränen.

»Gott segne dich, wie ich dich segne, mein liebes Kind, mein teures Kind!« sagte der Vater. »Er verleihe dir für alle Zeit den Frieden der Seele und halte alles Leid von dir fern! Bitte Gott, mein Kind, daß mein sündiges Gebet zu ihm dringen möge!«

»Nimm auch meinen Segen, auch meinen Segen!« fügte die Mutter, in Tränen zerfließend, hinzu.

»Lebt wohl!« flüsterte Natascha.

An der Tür blieb sie stehen, blickte noch einmal alle an, wollte noch etwas sagen, konnte es aber nicht und verließ schnell das Zimmer. Ich eilte ihr, Schlimmes ahnend, nach.

Achtes Kapitel

Schweigend ging sie dahin, schnellen Schrittes, mit gesenktem Kopf und ohne mich anzusehen. Aber als wir die Straße hinuntergegangen und in die Uferstraße gelangt waren, blieb sie auf einmal stehen und ergriff meine Hand.

»Ich ersticke!« flüsterte sie. »Ich habe solche Herzbeklemmung! … Ich ersticke!«

»Kehre um, Natascha!« rief ich erschrocken.

»Siehst du denn nicht, Wanja, daß ich ganz weggegangen bin, daß ich sie verlassen habe und nie wieder zurückkehre? « sagte sie und sah mich dabei mit unbeschreiblichem Kummer an.

Mein Herz krampfte sich zusammen. Das alles hatte ich schon, als ich zu ihnen hinging, geahnt; das alles hatte ich wie in einem Nebel vielleicht schon lange vor diesem Tag vorhergesehen; aber dennoch trafen mich ihre Worte jetzt wie ein Donnerschlag.

Wir gingen traurig die Uferstraße entlang. Ich konnte nicht reden; ich dachte hin und her und wurde ganz wirr im Kopf. Mir war ganz schwindlig. Die Sache erschien so ungeheuerlich, so unmöglich!

»Du verurteilst mich, Wanja?« sagte sie endlich.

»Nein, aber… aber ich glaube es nicht; es kann nicht sein!« erwiderte ich, ohne zu wissen, was ich redete.

»Doch, Wanja; es ist so! Ich habe sie verlassen und weiß nicht, was aus ihnen werden wird… ich weiß auch nicht, was aus mir werden wird!«

»Gehst du zu ihm, Natascha? Ja?«

»Ja!« antwortete sie.

»Aber das ist unmöglich!« rief ich ganz außer mir. »Siehst du nicht ein, daß das unmöglich ist, meine arme Natascha? Das ist ja Wahnsinn! Du tötest ja deine Eltern und richtest dich selbst zugrunde! Siehst du das nicht ein, Natascha?«

»Ich sehe es ein; aber was kann ich tun? Es hängt nicht von meinem Willen ab!« antwortete sie, und aus ihren Worten klang eine solche Verzweiflung heraus, als ob sie zur Richtstätte ginge.

»Kehre um, kehre um, solange es noch nicht zu spät ist!« flehte ich sie an, und ich flehte um so dringender und um so inständiger, je mehr ich mir selbst bewußt war, daß meine Bitten in diesem Augenblick völlig zwecklos und töricht waren. »Verstehst du auch wohl, Natascha, was du deinem Vater antust? Hast du das auch bedacht? Sein Vater ist deines Vaters Feind; der Fürst hat ja deinen Vater beleidigt, ihn der Unterschlagung beschuldigt, ihn einen Dieb genannt. Sie prozessieren miteinander… Und was rede ich? Das ist noch das wenigste; aber weißt du auch, Natascha (o Gott, du weißt das ja alles!), weißt du auch, daß der Fürst deinen Vater und deine Mutter verdächtigt hat, sie selbst hätten dich absichtlich mit Aljoscha zusammengebracht, als Aljoscha bei euch auf dem Land wohnte. Bedenke doch, stelle dir doch nur vor, wie dein Vater damals unter dieser Verleumdung gelitten hat! Er ist ja in diesen zwei Jahren ganz grau geworden; sieh ihn doch nur an! Aber die Hauptsache ist: du weißt das ja alles, Natascha, o du mein Gott! Ich rede gar nicht einmal davon, welch ein Schmerz es für sie beide sein wird, dich für immer zu verlieren! Du bist ja ihr größter Schatz; du bist alles, was ihnen für die Tage des Alters geblieben ist. Ich will davon gar nicht reden, denn du mußt das ja selbst wissen; aber denke daran, daß dein Vater überzeugt ist, du seiest von diesen hochmütigen Leuten grundlos verleumdet und beleidigt, ohne daß ihr dafür Rache nehmen könntet. Jetzt aber, gerade jetzt ist das alles von neuem aufgeflammt, und diese ganze alte, schmerzliche Feindschaft ist dadurch noch gesteigert worden, daß ihr Aljoscha bei euch aufgenommen habt. Der Fürst hat deinen Vater noch einmal beleidigt; in dem Herzen des alten Mannes kocht noch der Grimm über diese neue Kränkung, und da werden auf einmal all diese Beschuldigungen jetzt als gerechtfertigt erscheinen! Jeder, dem die Sache bekannt ist, wird jetzt dem Fürsten recht geben und dich und deinen Vater verurteilen. Was wird jetzt aus ihm werden? Das wird ihn mit einem Schlag töten! Schmach und Schande kommen über ihn, und durch wen? Durch dich, seine Tochter, sein einziges, teures Kind! Und deine Mutter? Sie wird ihren Gatten nicht überleben … Natascha, Natascha! Was tust du? Kehre um! Komm zur Besinnung!«

Sie schwieg; endlich blickte sie mich wie mit stillem Vorwurf an, und es lag in diesem Blick ein so tiefer Schmerz, ein so schweres Leid, daß ich erkannte, wie sehr ihr auch ohne meine Worte das wunde Herz blutete. Ich erkannte, wie schwer ihr dieser Entschluß geworden war und wie sehr ich sie durch meine nutzlosen, zu spät kommenden Bitten quälte und marterte; ich sah das alles ein; dennoch konnte ich mich nicht halten und sprach weiter. »Du hast doch selbst noch soeben zu Anna Andrejewna gesagt, du würdest vielleicht nicht zum Abendgottesdienst gehen. Also wolltest du doch dableiben und warst noch nicht völlig entschlossen?«

Sie antwortete nur mit einem bitteren Lächeln. Wozu hatte ich auch diese Frage gestellt? Ich konnte ja doch wissen, daß alles schon unwiderruflich entschieden war. Aber freilich war ich ebenfalls meiner nicht mächtig. »Hast du ihn denn wirklich so liebgewonnen?« rief ich und blickte sie voll Entsetzen an; ich wußte selbst kaum, was ich fragte.

»Was soll ich dir darauf antworten, Wanja? Du siehst ja, wie es steht: er hat mir befohlen zu kommen, und da bin ich nun hier und warte auf ihn«, erwiderte sie mit demselben bitteren Lächeln.

»Aber höre doch, höre doch nur«, begann ich, nach einem Strohhalm greifend, wieder zu bitten, »das läßt sich alles noch in Ordnung bringen; das läßt sich auf eine andere Weise einrichten, auf eine ganz andere Weise! Dabei brauchst du nicht von zu Hause fortzugehen. Ich will dir sagen, wie es zu machen ist, Nataschenka. Ich übernehme es, alles für euch zu bewerkstelligen, alles, auch die Zusammenkünfte und alles … Nur geh nicht von zu Hause fort! Ich werde eure Korrespondenz vermitteln; warum sollte ich das nicht tun? Es wird immer noch besser sein als der jetzige Zustand. Ich werde das einzurichten verstehen; ich werde euch beiden Dienste erweisen; ihr sollt sehen, daß ich das tun werde… Und du wirst dich nicht zugrunde richten, Nataschenka, wie du es jetzt vorhast… Denn so richtest du dich vollständig zugrunde, vollständig! Sag »ja«, Natascha, und alles wird schön und glücklich gehen, und ihr werdet einander lieben, soviel ihr wollt… Und wenn die Väter aufhören werden, miteinander zu streiten (denn dahin wird es mit Sicherheit kommen), dann …« »Laß es gut sein, Wanja, hör auf!« unterbrach sie mich, indem sie mir kräftig die Hand drückte und unter Tränen lächelte. »Du guter, guter Wanja! Du guter, ehrlicher Mensch! Und von dir selbst sagst du kein Wort! Ich bin es gewesen, die unser Verhältnis gelöst hat, und dabei hast du mir doch alles verziehen und denkst nur an mein Glück. Du willst unsere Korrespondenz vermitteln…«

Sie brach in Tränen aus.

»Ich weiß ja, Wanja, wie du mich geliebt hast, wie du mich immer noch liebst, und nicht einen Vorwurf hast du mir in dieser ganzen Zeit gemacht, nicht ein bitteres Wort zu mir gesagt! Aber ich, ich! O Gott, wie schwer habe ich mich gegen dich vergangen! Denkst du wohl noch an die Zeit, Wanja, an die Zeit, als du und ich zusammengehörten? Ach, wäre ich ihm nie begegnet, hätte ich ihn nie kennengelernt! Dann würde ich mit dir zusammen leben, Wanja, mit dir, du mein Guter, Lieber!. .. Nein, ich bin deiner nicht wert! Du siehst ja, was für eine ich bin: in einem solchen Augenblick erinnere ich dich an unser früheres Glück, und du leidest doch ohnehin schon genug! Drei Wochen lang bist du nicht zu uns gekommen; aber ich schwöre dir, Wanja, auch nicht ein einziges Mal kam mir der Gedanke in den Kopf, daß du mir vielleicht fluchtest und mich haßtest. Ich wußte, weshalb du fortbliebst: du wolltest uns nicht stören und für uns ein lebendiger Vorwurf sein, und auch dir selbst mußte es ja peinlich sein, uns anzusehen. Aber wie habe ich auf dich gewartet, Wanja, wie habe ich auf dich gewartet! Höre, Wanja, obwohl ich Aljoscha wie eine Irre, wie eine Wahnsinnige liebe, so liebe ich dich als meinen Freund vielleicht doch noch mehr. Ich fühle schon, ich weiß schon, daß ich ohne dich nicht leben kann; du bist mir notwendig; dein Herz ist mir notwendig, dein goldenes Herz… Ach, Wanja! Was für eine bittere, schwere Zeit kommt jetzt!«

Sie zerfloß in Tränen. Ja, es war ihr schwer ums Herz!

»Ach, wie ich mich danach sehnte, dich zu sehen!« fuhr sie, ihre Tränen unterdrückend, fort. »Wie du abgemagert bist, und wie krank und blaß du aussiehst; bist du wirklich krank gewesen, Wanja? Und ich habe noch gar nicht danach gefragt! Ich rede immer nur von mir. Nun, wie steht es jetzt mit deinen schriftstellerischen Angelegenheiten? Was macht dein neuer Roman? Kommst du gut mit ihm voran?«

»Was kommt es jetzt auf meine Romane und auf mich an, Natascha! Und was ist von meinen Angelegenheiten zu sagen? Es geht einigermaßen damit, so leidlich; lassen wir das beiseite! Was ich noch sagen wollte, Natascha: hat er das denn selbst verlangt, daß du zu ihm kommen möchtest?«

»Nein, nicht er allein; größtenteils ist es mein Gedanke. Allerdings hat er es gesagt; aber auch ich selbst… Siehst du, lieber Freund, ich werde dir alles erzählen: sein Vater hat ihm eine Frau ausgesucht, ein reiches, sehr vornehmes Mädchen, und sie ist auch mit sehr vornehmen Leuten verwandt. Sein Vater will durchaus, daß Aljoscha sie heiratet, und er ist, wie du weißt, ein sehr geschickter Intrigant; er hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, denn er sagt, eine so günstige Gelegenheit komme in zehn Jahren nicht wieder; solche Konnexionen und ein solches Vermögen… Sie soll auch sehr schön sein und gebildet und von gutem Charakter, kurz, ein in jeder Hinsicht ausgezeichnetes Mädchen; Aljoscha ist schon ganz entzückt von ihr. Außerdem möchte sein Vater im eigenen Interesse ihn so bald wie möglich loswerden, um sich selbst wieder zu verheiraten, und hat sich darum vorgenommen, unter allen Umständen und um jeden Preis unsere Verbindung zu zerreißen. Er fürchtet mich und meinen Einfluß auf Aljoscha…«

»Aber weiß denn der Fürst von eurer Liebe?« unterbrach ich sie erstaunt. »Er hatte ja doch nur einen Verdacht, der nicht einmal sicher war.«

»Er weiß es, er weiß alles.«

»Wer hat es ihm denn gesagt?«

»Aljoscha hat ihm vor kurzem alles erzählt. Er hat mir selbst gesagt, daß er seinem Vater alles erzählt habe.«

»Herrgott, was ist das für ein Verhalten! Er selbst hat alles erzählt und noch dazu unter solchen Verhältnissen?«

»Verurteile ihn nicht, Wanja«, unterbrach mich Natascha; »lache nicht über ihn! Man kann ihn nicht so richten wie alle anderen Menschen. Sei gerecht! Er ist eben ein andersgearteter Mensch als du und ich. Er ist ein Kind; und er ist anders erzogen als wir beide. Versteht er denn, was er tut? Der erste beste Eindruck, der erste beste fremde Einfluß ist imstande, ihn von jedem loszureißen, dem er einen Augenblick vorher Treue geschworen hat. Er hat keine Charakterfestigkeit. Er schwört einem Treue und gibt sich an demselben Tag ebenso wahr und aufrichtig einem andern hin; und dabei kommt er noch selbst aus freien Stücken, um es zu erzählen. Er wird vielleicht auch eine schlechte Handlung begehen; und doch wird man ihn wegen dieser schlechten Handlung vielleicht nicht verurteilen können, sondern ihn höchstens bedauern müssen. Auch zur Aufopferung ist er fähig; sogar zu weitgehendster, weißt du! Aber nur, bis ein neues Gefühl sich seiner bemächtigt; dann wird er wieder alles vergessen. So wird er auch mich vergessen, wenn ich nicht beständig um ihn bin. So ein Mensch ist er!« »Ach, Natascha, vielleicht ist das mit der zukünftigen Frau alles nicht wahr, sondern nur ein bloßes Gerücht. Wie kann er denn, wenn er noch ein solcher Knabe ist, überhaupt heiraten!«

»Der Vater hat seine besonderen Pläne, sage ich dir.« »Aber woher weißt du, daß sie ein so prächtiges Mädchen ist und daß er von ihr schon entzückt ist?« »Er hat es mir ja selbst gesagt.«

»Wie? Er hat dir selbst gesagt, daß er eine andere lieben könne, und hat trotzdem jetzt von dir ein solches Opfer verlangt?«

»Nein, Wanja, nein! Du kennst ihn nicht, du bist nur wenig mit ihm zusammengekommen; man muß ihn genauer kennenlernen, erst dann kann man sein Richter sein. Es gibt auf der ganzen Welt kein redlicheres, reineres Herz als das seinige! Wäre es denn etwa besser, wenn er mich belöge? Aber er läßt sich leicht hinreißen; er braucht mich nur eine Woche lang nicht zu sehen, und er wird mich vergessen und eine andere liebgewinnen; und nachher, wenn er mich wiedersieht, wird er von neuem zu meinen Füßen liegen. Nein, es ist gut, daß ich es weiß und er es nicht vor mir verheimlicht; sonst würde ich vor Argwohn sterben. Ja, Wanja, darüber bin ich mir ganz klar: wenn ich nicht immer, beständig, jeden Augenblick bei ihm bin, wird er aufhören, mich zu lieben, er wird mich vergessen und im Stich lassen. Das liegt nun einmal in seiner Natur; er läßt sich von jeder andern fesseln. Und was werde ich dann machen? Dann werde ich sterben… Und das wäre noch nicht das Schlimmste; ich würde auch jetzt gern sterben! Denn was hätte ich für ein Leben ohne ihn? Das wäre schlimmer als der Tod, schlimmer als alle sonst erdenkbaren Qualen! O Wanja, Wanja! Ich habe nicht anders gekonnt, als jetzt um seinetwillen Vater und Mutter verlassen! Suche mich nicht zu überreden; mein Entschluß steht fest! Aljoscha muß jede Stunde, jeden Augenblick um mich sein; ich kann nicht zurück. Ich weiß, daß ich mich und andere zugrunde gerichtet habe … Ach, Wanja!« schrie sie auf einmal und zitterte am ganzen Leib; »wenn er mich nun nicht mehr liebt? Wenn du recht gehabt hast, als du eben sagtest« (ich hatte das nie gesagt), »daß er mich nur täusche und nur so redlich und aufrichtig scheine, während er in Wirklichkeit ein schlechter, eitler Mensch sei! Da verteidige ich ihn nun dir gegenüber, und er sitzt vielleicht in diesem selben Augenblick bei einer andern und lacht sich ins Fäustchen … und ich, ich Schändliche, habe alles im Stich gelassen und laufe auf den Straßen umher und suche ihn… Oh, Wanja!«

Dieses Stöhnen, das aus ihrer tiefsten Seele herausdrang, klang so schmerzvoll, daß mir das Herz vor Gram brechen wollte. Ich sah, daß Natascha schon alle Herrschaft über sich verloren hatte. Nur eine ganz blinde, sinnlose Eifersucht hatte sie zu einem so wahnsinnigen Entschluß bringen können. Aber auch in meinem eigenen Herzen flammte die Eifersucht auf und kam unhemmbar zum Ausbruch. Ich konnte mich nicht halten: ich ließ mich durch dieses häßliche Gefühl fortreißen.

»Natascha«, sagte ich, »nur eins verstehe ich nicht: wie kannst du ihn lieben nach allem, was du soeben selbst über ihn gesagt hast? Du achtest ihn nicht, du glaubst nicht einmal an seine Liebe, und dennoch gehst du zu ihm ohne die Möglichkeit einer Rückkehr und machst um seinetwillen alle unglücklich! Was ist das für eine Handlungsweise? Er wird dir lebenslänglich Qualen bereiten und du ihm ebenfalls. Du liebst ihn im Übermaß, Natascha, im Übermaß! Ich habe kein Verständnis für eine solche Liebe.«

»Ja, ich liebe ihn wie eine Wahnsinnige«, antwortete sie und wurde dabei blaß wie von heftigem körperlichem Schmerz. »Dich habe ich nie so geliebt, Wanja. Ich weiß ja selbst, daß ich den Verstand verloren habe und nicht so liebe, wie ich sollte. Ich liebe ihn in tadelnswerter Weise … Höre, Wanja, ich wußte es auch früher schon und ahnte es sogar in unseren glücklichsten Augenblicken, daß er mir nur Qualen bereiten werde. Aber was soll ich machen, wenn jetzt sogar die Qualen, die ich von ihm erleide, mein Glück bilden? Geh ich denn etwa zu ihm, weil ich da Freude erhoffe? Weiß ich denn nicht im voraus, was mich bei ihm erwartet und was ich von ihm zu erleiden haben werde? Er hat mir ja geschworen, mich immer zu lieben, und mir alle möglichen Versprechungen gemacht; aber ich glaube an seine Versprechungen nicht, ich messe ihnen keinen Wert bei und habe das auch früher nicht getan, obgleich ich wußte, daß er mich nicht belog und überhaupt nicht fähig ist zu lügen. Ich selbst, ich selbst habe ihm gesagt, daß ich ihn in keiner Weise binden wolle. Für ihn ist es so am besten: Fesseln liebt niemand, und ich am wenigsten. Und doch freue ich mich, seine Sklavin zu sein, seine freiwillige Sklavin, alles von ihm zu ertragen, alles, wenn er nur bei mir ist, wenn ich ihn nur anschauen kann! Mag er auch eine andere lieben, wenn es nur in meiner Gegenwart geschieht, damit auch ich dabei bin … Ist das nicht eine unwürdige Denkart, Wanja?« fragte sie plötzlich, indem sie mich mit einem heißen, brennenden Blick ansah; einen Augenblick lang schien es mir, daß sie im Fieber irrerede. »Es ist doch unwürdig, so etwas zu wünschen! Nicht wahr? Ich sage selbst, daß es unwürdig ist; aber wenn er sich von mir lossagt, so laufe ich ihm nach bis ans Ende der Welt, mag er mich auch zurückstoßen, mag er mich auch von sich jagen. Da redest du mir jetzt zu, ich möchte umkehren; aber was wird die Folge sein? Wenn ich umkehre, werde ich gleich morgen wieder weggehen; wenn er es befiehlt, so gehe ich weg; wenn er mir pfeift, mich ruft wie ein Hündchen, so laufe ich ihm nach … Qualen! Ich fürchte von ihm keine Qualen! Ich werde wissen, daß ich durch ihn leide … Ach, das läßt sich alles gar nicht aussprechen, Wanja!«

»Und der Vater und die Mutter?« dachte ich. An diese schien sie gar nicht mehr zu denken.

»Also wird er dich gar nicht heiraten, Natascha?«

»Er hat es versprochen, er hat alles Mögliche versprochen. Er hat mich ja eben deswegen jetzt herbestellt, damit wir uns gleich morgen im stillen außerhalb der Stadt trauen lassen; aber er weiß ja gar nicht, was er tut. Er weiß vielleicht nicht einmal, wie man sich trauen läßt. Und was wird er für ein Ehemann sein! Wirklich, eine lächerliche Vorstellung! Wenn er sich aber mit mir verheiratet, so wird er unglücklich werden und anfangen, mir Vorwürfe zu machen. Ich will aber nicht, daß er mir jemals irgendwelche Vorwürfe macht. Ich will ihm alles geben, er aber soll mir nichts geben. Wenn er also durch die Heirat mit mir unglücklich wird, warum soll ich ihn dann unglücklich machen?«

»Nein, das ist Wahnwitz, Natascha«, sagte ich. »Gehst du jetzt geradenwegs zu ihm?«

»Nein, er hat versprochen, hierherzukommen und mich abzuholen; so haben wir es verabredet.«

Sie spähte mit gespanntem Blick in die Ferne, aber es war noch niemand zu sehen.

»Und er ist noch nicht da! Und du bist zuerst gekommen!« rief ich empört.

Natascha taumelte wie von einem Schlag getroffen. Ihr Gesicht verzog sich schmerzlich.

»Vielleicht kommt er überhaupt nicht«, sagte sie mit einem bitteren Lächeln. »Vorgestern schrieb er mir, wenn ich ihm nicht verspräche zu kommen, so müsse er notgedrungen seine Absicht, sich mit mir trauen zu lassen, aufschieben; dann werde ihn aber sein Vater zu jener jungen Dame mitnehmen. Und das schrieb er so einfach und harmlos, als ob das weiter nichts zu bedeuten hätte … Wie nun, wenn er wirklich zu ihr hingefahren ist, Wanja?«

Ich antwortete nicht. Sie drückte fest meine Hand; ihre Augen funkelten.

»Er ist bei ihr«, sagte sie kaum hörbar. »Er hoffte auf mein Ausbleiben, um zu ihr fahren und dann sagen zu können, er sei im Recht; er habe mich vorher auf die Folgen hingewiesen, und ich sei trotzdem fortgeblieben. Ich bin ihm langweilig geworden; darum kommt er nicht … O Gott! Ich Wahnsinnige! Er hat mir ja das letztemal selbst gesagt, daß ich ihm langweilig geworden sei … Wozu warte ich noch?«

»Da ist er!« rief ich, da ich ihn plötzlich in der Ferne in der Uferstraße erblickte.

Natascha fuhr zusammen, schrie auf, erspähte den sich nähernden Aljoscha, ließ auf einmal meine Hand los und eilte ihm entgegen. Auch er beschleunigte seine Schritte, und einen Augenblick darauf lag sie schon in seinen Armen. Außer uns befand sich fast niemand auf der Straße. Sie küßten sich und lachten; Natascha lachte und weinte, alles durcheinander, als ob sie einander nach einer wer weiß wie langen Trennung wiedersähen. Eine helle Röte überzog ihre blassen Wangen; sie war in einer Art von Verzückung … Aljoscha bemerkte mich und trat sogleich zu mir.

Neuntes Kapitel

Ich musterte ihn mit gespannter Aufmerksamkeit, obgleich ich ihn vorher schon oft gesehen hatte; ich schaute ihm in die Augen, als ob sein Blick alle meine Zweifel lösen und mir die Frage beantworten könnte, wodurch und auf welche Weise dieses Kind sie hatte bezaubern und in ihr eine so sinnlose Liebe hatte erwecken können, daß sie darüber ihre erste Pflicht vergaß und ohne Bedenken alles zum Opfer brachte, was ihr bisher das Heiligste gewesen war. Der Fürst ergriff meine beiden Hände und drückte sie kräftig; sein milder, klarer Blick drang mir tief ins Herz.

Ich fühlte, daß ich mich in meinem Urteil über ihn schon allein deswegen hatte irren können, weil er mein Feind war. Ja, ich liebte ihn nicht, und ich muß bekennen: ich habe ihn niemals liebgewinnen können, vielleicht als der einzige Mensch unter allen, die ihn kannten. Vieles an ihm mißfiel mir entschieden, sogar sein elegantes Äußeres, und vielleicht gerade deswegen, weil es gewissermaßen allzu elegant war. In der Folge habe ich eingesehen, daß ich in diesem Punkte parteiisch urteilte. Er war hochgewachsen, wohlgestaltet und schlank, hatte ein längliches, immer blasses Gesicht, blondes Haar und große, blaue, sanfte, nachdenkliche Augen, in denen manchmal plötzlich die gutherzigste, kindlichste Heiterkeit aufleuchtete. Seine vollen, kleinen, roten, sehr schön geschnittenen Lippen zeigten fast immer einen ernsten Zug; um so überraschender und bezaubernder wirkte ein plötzlich auf ihnen erscheinendes Lächeln, das so naiv und gutmütig war, daß der andere, in welcher Gemütsstimmung er sich auch befinden mochte, ein unmittelbares Bedürfnis empfand, zur Erwiderung ganz ebenso zu lächeln wie er. Er kleidete sich nicht auffallend, aber immer elegant; es war deutlich zu sehen, daß ihn diese Eleganz in allen Dingen nicht die geringste Mühe kostete, sondern ihm angeboren war.

Allerdings besaß er auch einige üble Eigenschaften, einige schlechte Gewohnheiten des guten Tons: Leichtsinn, Selbstgefälligkeit, höfliche Dreistigkeit. Aber er hatte ein klares, schlichtes Gemüt und war selbst der erste, diese Gewohnheiten an sich zu erkennen, sie zu bereuen und sich darüber lustig zu machen. Mir scheint, dieses Kind hätte niemals, nicht einmal im Scherze, lügen können, und selbst wenn er es getan hätte, so doch ohne zu ahnen, daß das etwas Schlechtes sei. Sogar sein Egoismus hatte etwas Reizvolles, vielleicht besonders deswegen, weil er ganz offen und nicht versteckt war. Verstecktes war überhaupt nicht an ihm. Er war schwach, zutraulich und schüchtern; an Willenskraft mangelte es ihm durchaus. Ihn zu kränken, zu betrügen wäre sündhaft und unwürdig gewesen, geradeso wie es sündhaft ist, ein Kind zu betrügen und zu kränken. Er war von einer Naivität, die zu seinem Lebensalter wenig stimmte, und verstand fast nichts vom wirklichen Leben; übrigens meine ich, daß er auch im Alter von vierzig Jahren noch nichts davon verstanden hätte. Solche Menschen sind sozusagen zu lebenslänglicher Unmündigkeit verurteilt. Ich glaube, es mußte ihn jeder Mensch liebgewinnen; er schmeichelte sich bei einem ein wie ein Kind. Natascha hatte die Wahrheit gesagt: er wäre imstande gewesen, auch eine schlechte Handlung zu begehen, wenn der starke Einfluß eines andern ihn dazu veranlaßt hätte; aber sobald er die Folgen einer solchen Handlung erkannt hätte, wäre er, meine ich, vor Reue gestorben. Natascha fühlte instinktiv, daß sie seine Herrin und Gebieterin sein werde, ja sogar er ihr Opfer. Sie kostete im voraus die Wonne, sinnlos zu lieben und den Geliebten gerade zur Strafe dafür, daß man ihn liebt, grausam zu quälen, und eilte vielleicht eben deswegen, sich ihm zuerst zum Opfer zu bringen. Aber auch in seinen Augen glänzte Liebe, und er schaute sie voll Entzücken an. Sie warf mir einen triumphierenden Blick zu. Sie hatte in diesem Augenblick alles vergessen: die Eltern und den Abschied und die Verdächtigungen … Sie war glücklich.

»Wanja«, rief sie, »ich habe ihm unrecht getan und bin seiner nicht wert! Ich dachte, du würdest nicht mehr kommen, Aljoscha. Vergiß meine schlechten Gedanken, Wanja! Ich werde es wiedergutmachen!« fügte sie, ihn mit grenzenloser Liebe anblickend, hinzu.

Er lächelte, küßte ihr die Hand und sagte, ohne ihre Hand loszulassen, zu mir gewendet:

»Denken Sie auch von mir nicht schlecht! Schon längst hatte ich gewünscht, Sie wie einen Bruder zu umarmen; sie hat mir soviel von Ihnen erzählt! Wir sind ja bisher kaum miteinander bekannt geworden und einander noch nicht nähergetreten. Wir werden Freunde sein, und … verzeihen Sie uns!« fügte er halblaut, ein wenig errötend, hinzu, aber mit einem so prächtigen Lächeln, daß ich nicht anders konnte, als seine Begrüßung von ganzem Herzen zu erwidern.

»Ja, ja, Aljoscha«, sagte Natascha, »er ist der Unsrige; er ist unser Bruder; er hat uns schon verziehen, und ohne ihn können wir nicht glücklich sein. Das habe ich dir schon gesagt … Ach, wir sind schlimme Kinder, Aljoscha! Aber wir werden zu dreien leben … Wanja«, fuhr sie fort, und ihre Lippen bebten, »kehre du jetzt gleich zu ihnen nach Hause zurück; du hast ein so goldenes Herz: wenn sie sehen, daß du mir verziehen hast, werden auch sie vielleicht, wenn sie mir auch nicht verzeihen, doch wenigstens etwas milder gegen mich gestimmt werden. Erzähle ihnen alles, alles, in deiner eigenen, herzlichen Ausdrucksweise; du wirst schon die richtigen Worte finden … Verteidige mich, rette mich; teile ihnen alle Gründe mit; lege ihnen alles so dar, wie du es selbst verstanden hast. Weißt du, Wanja, ich hätte mich zu diesem Schritt vielleicht nicht entschlossen, wenn es sich nicht zufällig so getroffen hätte, daß du heute mit mir gingst! Du bist meine Rettung: ich habe gleich auf dich meine Hoffnung gesetzt, daß du verstehen würdest, ihnen die Sache so mitzuteilen, daß ihnen wenigstens der erste Schreck etwas gemildert wird. O mein Gott, mein Gott! … Bestelle ihnen von mir, ich wüßte, daß ich jetzt keine Verzeihung mehr finden kann und daß, wenn sie mir auch verziehen, Gott mir nicht verzeihen wird; aber wenn sie mich auch verfluchten, so würde ich sie doch mein Leben lang segnen und für sie beten. Mein ganzes Herz ist bei ihnen! Ach, warum können wir nicht alle glücklich sein! Warum nicht, warum nicht! … O Gott, was habe ich getan!« rief sie plötzlich, als ob sie zur Besinnung käme, und am ganzen Leib vor Angst zitternd, verbarg sie das Gesicht in den Händen.

Aljoscha umarmte sie und drückte sie, ohne zu reden, fest an seine Brust. Eine Weile schwiegen wir alle.

»Wie konnten Sie nur ein solches Opfer von ihr verlangen!« sagte ich, indem ich ihn vorwurfsvoll anblickte.

»Schelten Sie mich nicht!« versetzte er; »ich versichere Ihnen, daß alle diese Leiden, so drückend sie jetzt auch sind, doch nur einen Augenblick dauern werden. Ich bin davon fest überzeugt. Man muß nur die nötige Festigkeit besitzen, um diesen Augenblick zu ertragen; dasselbe hat auch sie mir gesagt. Sie wissen wohl: schuld an alledem ist dieser Familienstolz, dieser ganz unnötige Streit und dann noch dieser Prozeß! … Aber (ich habe lange darüber nachgedacht, versichere ich Sie) … all das wird in Bälde ein Ende finden. Wir alle werden wieder einig werden und dann völlig glücklich sein; sogar die Väter werden sich versöhnen, wenn sie uns junges Paar ansehen. Wer kann’s wissen, vielleicht wird gerade unsere Verheiratung den Ausgangspunkt für ihre Versöhnung bilden. Ich glaube, es kann gar nicht anders sein. Was meinen Sie ?«

»Sie sagen Verheiratung. Wann werden Sie sich denn trauen lassen?« fragte ich und blickte dabei zu Natascha hin.

»Morgen oder übermorgen; spätestens übermorgen, bestimmt. Sehen Sie, ich weiß es selbst noch nicht genau und habe, die Wahrheit zu sagen, noch keine Veranstaltungen dazu getroffen. Ich dachte, Natascha würde heute vielleicht noch gar nicht kommen. Außerdem wollte mich mein Vater heute durchaus zu einer jungen Dame führen (er möchte, daß ich sie heirate; Natascha hat Ihnen wohl davon gesagt; aber ich will nicht). Na also, darum habe ich alles noch nicht bestimmt in Aussicht nehmen können. Aber dennoch werden wir uns bestimmt übermorgen trauen lassen. Wenigstens ist das meine Ansicht, weil es ja auch nicht anders sein kann. Gleich morgen wollen wir auf der Pskower Chaussee wegfahren. Da habe ich nicht weit von hier auf einem Gut einen Schulkameraden vom Lyzeum her, einen sehr guten Menschen; vielleicht kann ich Sie mit ihm bekannt machen. Dort in dem Dorf ist auch ein Geistlicher; übrigens weiß ich nicht genau, ob einer da ist. Ich hätte mich vorher erkundigen sollen, aber ich bin nicht dazu gekommen. Aber im Grunde sind das Kleinigkeiten. Man muß nur die Hauptsache im Auge behalten. Man kann ja auch aus irgendeinem benachbarten Kirchdorf einen Geistlichen holen lassen; was meinen Sie? Es wird ja doch da in der Nachbarschaft Kirchdörfer geben! Schade ist nur, daß ich bisher nicht dazu gekommen bin, ein paar Zeilen dorthin zu schreiben; ich hätte meinen Freund vorher benachrichtigen sollen. Vielleicht ist er jetzt gar nicht zu Hause … Aber das ist alles nicht von Wichtigkeit! Wenn man nur Entschlossenheit besitzt, dann macht sich das alles ganz von selbst, nicht wahr? Inzwischen aber, bis morgen oder höchstens bis übermorgen, wird sie hier bei mir bleiben. Ich habe eine eigene Wohnung gemietet, in der wir nach unserer Rückkehr wohnen wollen. Bei meinem Vater möchte ich nicht mehr wohnen; habe ich nicht recht? Ich hoffe, Sie werden uns da besuchen. Ich habe die Wohnung allerliebst eingerichtet. Meine früheren Schulkameraden werden auch hinkommen; ich werde Abendgesellschaften geben …« Ich blickte ihn erstaunt und kummervoll an. Natascha flehte mich mit einem Blick an, ihn nicht zu streng zu richten und mit ihm Nachsicht zu haben. Sie hörte sein Gerede mit einem traurigen Lächeln an und betrachtete ihn gleichzeitig mit einer Art von liebevollem Wohlgefallen, wie man ein liebenswürdiges, heiteres Kind ansieht und sein unverständiges, aber nettes Geplauder anhört. Ich warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Das Herz wurde mir unerträglich schwer.

»Aber Ihr Vater?« fragte ich. »Sind Sie denn so fest davon überzeugt, daß er Ihnen verzeihen wird?«

»Unbedingt; was soll er denn sonst tun? Das heißt, zuerst wird er mich selbstverständlich verfluchen; davon bin ich sogar überzeugt. Das liegt eben in seinem Wesen; und er ist überhaupt streng gegen mich. Kurz, er wird seine väterliche Gewalt zur Anwendung bringen. Aber all das braucht man nicht ernst zu nehmen. Er liebt mich sinnlos; er wird ein bißchen zürnen und dann verzeihen. Dann werden sich alle versöhnen, und wir werden alle glücklich sein. Auch Nataschas Vater.«

»Aber wenn er Ihnen nun nicht verzeiht? Haben Sie auch diesen Fall in Erwägung gezogen?«

»Er wird mir unfehlbar verzeihen, nur vielleicht nicht so bald. Nun wohl, dann werde ich ihm zeigen, daß auch ich Charakterfestigkeit besitze. Er schilt mich immer, ich hätte keine Charakterfestigkeit, ich sei leichtsinnig. Jetzt soll er einmal sehen, ob ich leichtsinnig bin oder nicht. Ehemann zu werden, das ist ja kein Spaß; dann werde ich kein Knabe mehr sein … das heißt, ich wollte sagen: ich werde dann ebenso ein Mensch sein wie die andern … wie die Ehemänner. Ich werde von meiner Arbeit leben. Natascha sagt, daß das viel besser ist, als aus fremder Tasche zu leben, wie wir das alle tun. Wenn Sie nur wüßten, wieviel Gutes und Kluges sie zu mir sagt! Ich wäre auf diesen Gedanken niemals gekommen; ich bin in einer anderen Anschauung aufgewachsen und anders erzogen worden. Ich weiß freilich selbst, daß ich leichtsinnig und fast zu nichts tauglich bin; aber wissen Sie, vorgestern ist mir ein wunderbarer Gedanke gekommen. Es ist jetzt allerdings nicht recht Zeit dazu; aber ich will es Ihnen doch mitteilen, weil auch Natascha es hören muß und Sie uns Rat geben sollen. Sehen Sie, ich will Novellen schreiben und sie an die Journale verkaufen, so wie Sie das tun. Sie werden mir bei den Redakteuren der Journale behilflich sein, nicht wahr? Ich habe auf Sie gerechnet und gestern die ganze Nacht über einen Roman nachgedacht, so probeweise, und wissen Sie: er könnte sehr hübsch werden. Den Stoff habe ich einem Scribeschen Lustspiel entnommen … Aber das werde ich Ihnen ein andermal erzählen. Die Hauptsache ist, daß man Geld dafür bekommt; Sie bekommen ja doch auch welches!«

Ich konnte mich nicht enthalten zu lächeln.

»Sie lachen«, sagte er, ebenfalls lächelnd. »Nein, hören Sie«, fügte er mit unbegreiflicher Naivität hinzu, »beurteilen Sie mich nicht nach dem äußeren Schein; ich besitze wirklich eine außerordentlich gute Beobachtungsgabe; nun, Sie werden ja selbst sehen. Warum sollte ich nicht den Versuch machen? Vielleicht kommt etwas Hübsches dabei heraus … Übrigens, Sie mögen recht haben: ich verstehe ja nichts vom wirklichen Leben; Natascha sagt mir das auch; und das sagen mir alle Leute; was werde ich da als Schriftsteller leisten? Lachen Sie mich aus, lachen Sie mich aus, aber verhelfen Sie mir zur Besserung; Sie werden das ja auch für sie tun, und Sie lieben sie ja. Ich will Ihnen die Wahrheit sagen: ich bin ihrer nicht wert; das fühle ich; das bedrückt mich sehr, und ich weiß nicht, weswegen sie mich so liebgewonnen hat. Aber ich glaube, ich könnte mein ganzes Leben für sie hingeben! Wirklich, ich habe bis auf diesen Augenblick keine Furcht gehabt, aber jetzt habe ich Furcht: was beginnen wir da! O Gott! Wenn ein Mensch sich mit Leib und Seele seiner Pflicht hingibt, ist es dann möglich, daß es ihm unglücklicherweise gerade an der zur Erfüllung dieser seiner Pflicht erforderlichen Klugheit und Charakterfestigkeit mangelt? Helfen wenigstens Sie uns, Sie, unser Freund! Sie sind der einzige Freund, der uns geblieben ist. Ich verstehe ja nichts, wenn ich auf mich allein angewiesen bin! Verzeihen Sie, daß ich in dieser Weise auf Sie rechne; ich halte Sie für einen sehr vornehm denkenden Menschen und glaube, daß Sie weit besser sind als ich. Aber ich werde mich bessern, davon mögen Sie überzeugt sein, und werde Ihrer und Nataschas würdig werden.«

Hier drückte er mir wieder die Hand, und aus seinen schönen Augen leuchtete ein gutes, edles Gefühl. Vertrauensvoll streckte er mir die Hand hin, in der Überzeugung, daß ich sein Freund sei.

»Sie wird mir helfen, mich zu bessern«, fuhr er fort. »Denken Sie übrigens von uns nichts Schlechtes, und ängstigen Sie sich um uns nicht allzusehr! Ich habe doch viele gute Aussichten, und in materieller Hinsicht werden wir völlig gesichert sein. Wenn es mir mit dem Roman nicht gelingen sollte (und um die Wahrheit zu gestehen, ich habe schon vorhin gedacht, daß der Roman eine Dummheit ist, und habe Ihnen jetzt davon nur erzählt, um Ihre Meinung zu hören), wenn es mir mit dem Roman nicht gelingen sollte, so kann ich schlimmstenfalls Musikstunden geben. Sie haben wohl nicht gewußt, daß ich musikalisch bin? Ich werde mich nicht schämen, auch von solcher Arbeit zu leben. Ich bin in diesem Punkt durchaus ein Anhänger der neuen Ideen. Und außerdem besitze ich eine Menge wertvoller Schmucksachen und Toilettengegenstände; was habe ich von denen? Ich werde sie verkaufen, und Sie sollen mal sehen, wie lange wir von dem Erlös leben werden! Schließlich, im allerschlimmsten Fall, werde ich vielleicht wirklich in den Staatsdienst treten. Darüber wird sich mein Vater sogar freuen: er drängt mich immer, ein Amt zu übernehmen, und ich habe mich bisher immer mit Kränklichkeit ausgeredet. (Übrigens werde ich in irgendeinem Ressort bereits in den Listen geführt.) Aber wenn er sehen wird, daß die Heirat mir Vorteil gebracht und mich zu einem gesetzten Menschen gemacht hat und daß ich tatsächlich in den Dienst getreten bin, wird er sich freuen und mir verzeihen …«

»Aber, Alexej Petrowitsch, haben Sie auch wohl bedacht, wie schrecklich sich jetzt das Verhältnis zwischen Ihrem und Nataschas Vater gestalten wird? Was meinen Sie, wie es heute abend in Nataschas Elternhaus zugehen wird?«

Ich wies dabei auf Natascha hin, die bei meinen Worten leichenblaß geworden war. Ich war erbarmungslos.

»Ja, ja, Sie haben recht; es ist schrecklich!« antwortete er. »Ich habe schon daran gedacht, und das Herz hat mir weh getan … Aber was soll ich tun? Sie haben recht: wenn doch wenigstens ihre Eltern uns verziehen! Wenn Sie wüßten, wie ich sie beide liebe! Haben sie mich doch ganz so behandelt, als ob sie meine Eltern wären, und nun vergelte ich es ihnen so! Ach, diese Streitigkeiten, diese Prozesse! Sie glauben gar nicht, wie unangenehm uns das jetzt ist! Und um was streiten sie sich! Wir alle lieben einander ja so sehr, und doch streiten wir uns! Sie sollten sich versöhnen; dann wäre die Sache erledigt! Wirklich, so würde ich an ihrer Stelle handeln … Ihre Worte haben mir einen ordentlichen Schreck eingejagt. Natascha, es ist etwas Schreckliches, was wir beide jetzt vorhaben! Ich habe das auch schon früher gesagt … Du bestehst selbst darauf … Aber hören Sie, Iwan Petrowitsch, vielleicht kann das alles zum Guten führen; was meinen Sie? Endlich müssen sie sich ja doch versöhnen! Wir werden die Versöhnung herbeiführen. So wird es sein, unfehlbar; sie werden gegen unsere Liebe nicht standhalten … Mögen sie uns verfluchen; wir werden doch fortfahren, sie zu lieben, und sie werden nicht standhalten können. Sie glauben gar nicht, was für ein gutes Herz mein Vater manchmal hat! Er sieht ja oft so finster aus; aber zu anderen Zeiten ist er wieder außerordentlich nett. Wenn Sie wüßten, wie freundlich er heute zu mir gesprochen und mich zu überreden gesucht hat! Und gerade heute handle ich seinem Willen zuwider; das macht mich sehr traurig. Und alles wegen dieser abgeschmackten vorgefaßten Meinungen! Es ist der reine Wahnsinn! Wenn er sie nur einmal ordentlich sähe und auch nur eine halbe Stunde mit ihr zusammen wäre! Dann würde er uns sofort alles erlauben.«

Bei diesen Worten blickte Aljoscha zärtlich und leidenschaftlich Natascha an.

»Tausendmal habe ich es mir mit Entzücken vorgestellt«, fuhr er in seinem Geplauder fort, »wie lieb er sie gewinnen wird, wenn er sie kennenlernt, und wie sie alle in Erstaunen versetzen wird. Es hat ja keiner von ihnen jemals ein solches Mädchen gesehen! Mein Vater ist der Überzeugung, daß sie einfach eine Intrigantin ist. Es ist meine Pflicht, ihre Ehre wiederherzustellen, und das werde ich tun! Ach, Natascha! Alle werden sie dich lieben, alle; es gibt keinen Menschen, der es fertigbringen könnte, dich nicht zu lieben«, fügte er entzückt hinzu. »Ich bin deiner zwar unwert, aber liebe mich trotzdem, Natascha; dann werde ich schon… du kennst mich ja! Und brauchen wir denn viel zu unserm Glück? Nein, ich glaube, ich glaube fest, daß dieser Abend uns allen Glück und Frieden und Eintracht bringen wird! Gesegnet sei dieser Abend! Nicht wahr, Natascha? Aber was ist dir? Mein Gott, was ist dir?«

Sie war leichenblaß. Die ganze Zeit über, während Aljoscha schwatzte, hatte sie ihn unverwandt angesehen; aber ihr Blick war immer trüber und starrer geworden, ihr Gesicht immer blasser und blasser. Es kam mir vor, als ob sie zuletzt gar nichts mehr vernähme, sondern sich in einem Zustand der Geistesabwesenheit befände. Aljoschas Ausruf schien sie plötzlich aufzuwecken. Sie kam zur Besinnung, blickte um sich und stürzte plötzlich auf mich zu. Schnell und hastig, und wie wenn sie es vor Aljoscha verbergen wollte, zog sie einen Brief aus der Tasche und reichte ihn mir. Der Brief war an ihre Eltern gerichtet und schon am vorhergehenden Abend geschrieben. Während sie ihn mir gab, blickte sie mich starr an, als ob sie ihren Blick nicht von mir losreißen könne. In diesem Blicke sprach sich die vollste Verzweiflung aus; ich werde diesen furchtbaren Blick nie vergessen. Eine namenlose Angst packte mich; ich sah, daß ihr erst jetzt die Tragweite ihres Schrittes in seiner ganzen Furchtbarkeit zum Bewußtsein kam. Sie machte Anstrengungen, mir etwas zu sagen, und begann auch wirklich zu reden, fiel aber auf einmal in Ohnmacht. Ich konnte sie noch auffangen. Aljoscha wurde blaß vor Schrecken; er rieb ihr die Schläfen, küßte ihr die Hände und den Mund. Nach etwa zwei Minuten kam sie wieder zu sich. Nicht weit davon hielt die Droschke, in der Aljoscha gekommen war; er rief sie herbei. Als Natascha einstieg, ergriff sie, wie von Sinnen, meine Hand, und eine heiße Träne brannte auf meinen Fingern. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Ich stand noch lange auf demselben Fleck und folgte ihm mit den Augen. Dieser Augenblick vernichtete mein ganzes Glück und zerstörte mein Leben. Das fühlte ich mit Schmerz… Langsam wanderte ich denselben Weg zurück zu den alten Eltern. Ich wußte nicht, was ich ihnen sagen, wie ich zu ihnen hereintreten sollte. Meine Denkkraft war erstorben; die Beine wankten mir…

Das ist die ganze Geschichte meines Glückes; so endete und schloß meine Liebe. Jetzt werde ich in der unterbrochenen Erzählung fortfahren.

Zehntes Kapitel

Fünf Tage nach Smith‘ Tod siedelte ich in seine Wohnung über. Diesen ganzen Tag lang war mir sehr traurig zumute. Das Wetter war trüb und kalt: es fiel ein feuchter, mit Regen gemischter Schnee. Erst gegen Abend brach die Sonne auf einen Augenblick durch, und ein verirrter Strahl blickte, wahrscheinlich aus Neugier, in mein Zimmer. Ich fing schon an zu bereuen, daß ich hierhergezogen war. Das Zimmer war zwar groß, aber sehr niedrig, verräuchert und dumpfig und machte trotz der darinstehenden paar Möbelstücke einen unangenehm leeren Eindruck. Es kam mir gleich damals der Gedanke, daß ich mir in diesem Zimmer unfehlbar den Rest meiner Gesundheit verderben würde. Und das ist denn auch geschehen.

Diesen ganzen Vormittag war ich mit meinen Papieren beschäftigt, die ich sichtete und ordnete. In Ermangelung einer Mappe hatte ich sie in einem Kopfkissenbezug transportiert, und dabei waren sie arg zerknittert und durcheinandergeraten. Dann setzte ich mich hin, um zu schreiben. Ich schrieb damals immer noch an meinem großen Roman; aber ich hörte bald wieder auf; mein Kopf war mit anderen Gedanken erfüllt …

Ich warf die Feder hin und setzte mich ans Fenster. Die Dunkelheit brach herein, und meine Stimmung wurde immer trauriger und trauriger. Mancherlei bedrückende Gedanken bemächtigten sich meiner. Ich hatte die Empfindung, daß ich in Petersburg schließlich völlig zugrunde gehen würde. Der Frühling nahte; ich dachte: ›Könnte ich mich nur aus dieser beklemmenden Enge in die freie Natur flüchten und den Geruch der frischen Felder und Wälder einatmen, die ich so lange nicht gesehen habe; dann würde ich wieder aufleben! …‹

Es kam mir auch der Gedanke: ›Wie gut wäre es, wenn ich durch irgendwelche Zauberei oder durch ein Wunder alles in den letzten Jahren Geschehene und Erlebte vollständig vergäße, einen frischen Geist bekäme und wieder mit neuer Kraft anfinge!‹ Damals hing ich noch solchen Zukunftsträumereien nach und hoffte auf eine Art von Wiedergeburt. ›Meinetwegen will ich sogar ins Irrenhaus kommen‹, sagte ich mir, ›damit man mir da auf irgendwelche Weise das ganze Gehirn umkehrt und neu einrichtet und ich dann wieder ganz gesund werde!‹ Es steckte noch ein starker Lebensdurst in mir, und ich glaubte noch an das Leben! … Aber ich erinnere mich, daß ich damals in ein Gelächter ausbrach. ›Was sollte ich denn nach dem Aufenthalt im Irrenhaus tun?‹ fragte ich mich. ›Etwa wieder Romane schreiben?‹

So überließ ich mich meinen Träumereien und meinem Trübsinn; aber unterdessen rückte die Zeit weiter, und die Nacht kam heran. Für diesen Abend hatte ich Natascha zugesagt, zu ihr zu kommen; sie hatte mich schon tags zuvor durch ein Billett dringend dazu aufgefordert. Ich sprang auf und begann, mich zurechtzumachen. Auch ohnedies war es mir ein Bedürfnis, möglichst schnell aus der Wohnung hinauszukommen, irgendwohin, meinetwegen in den Regen und in den Schmutz. Je stärker die Finsternis wurde, um so geräumiger schien mein Zimmer zu werden, um so mehr schien es sich auszudehnen. Ich hatte die Vorstellung, ich würde in jeder Nacht in jeder Ecke den alten Smith sehen: er werde dasitzen und mich regungslos anblicken, so wie er in der Konditorei Adam Iwanowitsch angeblickt hatte, und Asorka werde zu seinen Füßen liegen. Und gerade in diesem Augenblick hatte ich ein Erlebnis, das mir einen starken Eindruck machte.

Aber ich muß alles offen bekennen: ob nun infolge meiner Nervenzerrüttung oder infolge der Eindrücke in der neuen Wohnung oder infolge der neuerdings über mich gekommenen Melancholie, kurz, ich war gleich von dem Einbruch der Dämmerung an allmählich und stufenweise in denjenigen Seelenzustand hineingeraten, der jetzt während meiner Krankheit nachts bei mir so häufig vorkommt und den ich ›mystische Angst‹ nenne. Es ist dies eine überaus peinliche, qualvolle Furcht vor etwas, was ich selbst nicht zu definieren vermag, vor etwas Unbegreiflichem, das in der natürlichen Ordnung der Dinge nicht existiert, das aber unfehlbar, vielleicht gleich im nächsten Augenblick, sich verwirklichen, allen Vernunftgründen zum Trotz zu mir kommen und als unwiderlegliche, schreckliche, grauenhafte, unerbittliche Tatsache vor mich hintreten wird. Diese Furcht wächst gewöhnlich immer stärker und stärker heran, ohne sich an irgendwelche Gründe des Verstandes zu kehren, so daß schließlich der Verstand, obwohl er in diesen Augenblicken vielleicht noch größere Klarheit besitzt als sonst, schlechterdings keine Möglichkeit hat, den Empfindungen entgegenzuwirken. Er findet kein Gehör, er ist nutzlos, und durch diese Zwiespältigkeit wird die ängstliche Pein der Erwartung noch vermehrt. Ich glaube, von dieser Art ist die schreckliche Empfindung der Leute, die sich vor Leichen fürchten. Aber bei mir wird die Qual noch durch die Undefinierbarkeit der Gefahr gesteigert. Ich stand mit dem Rücken nach der Tür und nahm gerade meinen Hut vom Tisch; in diesem Augenblick kam mir plötzlich der Gedanke, wenn ich mich umsähe, würde ich bestimmt den alten Smith erblicken; zunächst werde er sachte die Tür öffnen, auf der Schwelle stehenbleiben und im Zimmer umherschauen; dann werde er leise mit gesenktem Kopf eintreten, sich vor mich hinstellen, mich mit seinen trüben Augen anstarren und mir auf einmal mit seinem zahnlosen Mund gerade ins Gesicht lachen, lange und unhörbar, und sein ganzer Körper werde von diesem Lachen erschüttert werden und lange hin und her schwanken. Diese ganze Vision stand mir auf einmal mit größter Klarheit und Deutlichkeit vor dem geistigen Auge, und gleichzeitig bildete sich bei mir die volle unerschütterliche Überzeugung heraus, daß das alles unfehlbar und unabwendbar geschehen werde, ja, daß es bereits geschehe und ich es nur nicht sähe, weil ich mit dem Rücken nach der Tür stände, und daß sich gerade in diesem Augenblick die Tür vielleicht schon öffne. Schnell drehte ich mich um, und was sah ich? Die Tür öffnete sich wirklich, sachte und unhörbar, ebenso wie ich mir das gerade vorgestellt hatte. Ich schrie auf. Lange Zeit erschien niemand, als ob die Tür sich von selbst geöffnet hätte; auf einmal zeigte sich auf der Schwelle ein seltsames Wesen: seine Augen blickten mich, soweit ich das in der Dunkelheit erkennen konnte, starr und unverwandt an. Ein kalter Schauer lief durch alle meine Glieder. Zu meinem größten Schrecken sah ich, daß es ein Kind, ein Mädchen war, und wenn es sogar der alte Smith selbst gewesen wäre, so wäre ich über ihn vielleicht nicht so erschrocken, wie über die seltsame, unerwartete Erscheinung dieses Kindes in meinem Zimmer zu einer solchen Tageszeit.

Ich habe bereits gesagt, daß die Kleine die Tür so unhörbar und langsam öffnete, als ob sie sich fürchtete hereinzukommen. Als sie in der Tür erschien, blieb sie auf der Schwelle stehen und sah mich lange mit einem an Erstarrung grenzenden Erstaunen an; endlich tat sie sachte und langsam zwei Schritte vorwärts und blieb vor mir stehen, immer noch ohne ein Wort zu sprechen. Ich musterte sie nun aus größerer Nähe. Es war ein Mädchen von zwölf oder dreizehn Jahren, von kleiner Statur, mager und blaß, als ob sie eben erst eine schwere Krankheit durchgemacht hätte. Um so heller funkelten ihre großen schwarzen Augen. Mit der linken Hand hielt sie über der Brust ein altes, zerrissenes Tuch zusammen, das sie um ihren noch von der Abendkälte zitternden Oberkörper geschlagen hatte. Ihren Anzug konnte man geradezu als Lumpen bezeichnen; das dichte, schwarze Haar war ungekämmt und zerzaust. So standen wir ein paar Minuten lang da und blickten einander unverwandt an.

»Wo ist der Großvater?« fragte sie endlich mit kaum hörbarer, heiserer Stimme, wie wenn ihr die Brust oder die Kehle weh täte.

Meine ganze mystische Angst verflog bei dieser Frage. Da fragte jemand nach Smith; also hatte ich unerwartet eine Spur von ihm gefunden.

»Dein Großvater? Aber der ist ja schon gestorben!« erwiderte ich, da ich in keiner Weise darauf vorbereitet war, auf eine solche Frage zu antworten, bereute aber meine Antwort sofort. Eine Weile blieb sie noch in der früheren Haltung stehen; dann aber fing sie auf einmal an am ganzen Leib zu zittern, und zwar so stark, als ob ein gefährlicher nervöser Anfall im Anzug sei. Ich wollte sie schon anfassen und halten, damit sie nicht hinfiele; aber nach einigen Augenblicken wurde ihr besser, und ich sah deutlich, daß sie gewaltsame Anstrengungen machte, um mir ihre Erregung zu verbergen.

»Verzeih mir, verzeih mir, mein Kind!« sagte ich. »Ich habe das so plötzlich ausgesprochen, und vielleicht ist es gar nicht einmal richtig … du Ärmste! … Wen suchst du denn? Den alten Mann, der hier gewohnt hat?«

»Ja«, flüsterte sie mühsam und sah mich ängstlich an.

»Hieß er Smith? Ja?«

»J-ja!«

»Der ist … nun ja, der ist allerdings gestorben … Aber gräme dich nicht zu sehr, liebes Kind! Warum bist du denn nicht schon früher einmal hergekommen? Von wo kommst du jetzt? Er ist gestern begraben worden; er war ganz plötzlich und unerwartet gestorben… Also du bist seine Enkelin?«

Das Mädchen antwortete auf meine hastigen, ungeordneten Fragen nicht. Schweigend wandte sie sich ab und ging sachte aus dem Zimmer. Ich war so überrascht, daß ich sie nicht zurückhielt und sie nicht weiter fragte. Auf der Schwelle blieb sie noch einmal stehen, wandte sich halb mir zu und fragte:

»Ist Asorka auch gestorben?«

»Ja, Asorka ist auch gestorben«, antwortete ich. Die Frage erschien mir sonderbar; sie klang, als ob die Kleine davon überzeugt wäre, daß Asorka jedenfalls mit dem alten Mann zugleich gestorben sein müsse.

Als das Mädchen meine Antwort vernommen hatte, verließ sie unhörbar das Zimmer und schloß behutsam hinter sich die Tür.

Einen Augenblick darauf lief ich ihr nach; ich ärgerte mich sehr darüber, daß ich sie hatte fortgehen lassen. Sie war so leise hinausgegangen, daß ich nicht hatte hören können, wie sie die nach der Treppe führende Flurtür öffnete. ›Die Treppe kann sie noch nicht hinunter sein‹, dachte ich und blieb stehen, um zu horchen. Aber alles war still, und es waren keine Schritte zu hören. Es klappte nur irgendwo in einem tieferen Stockwerk eine Tür; dann wurde wieder alles still.

Eilig begann ich die Treppe hinunterzusteigen. Die Treppe von meiner Wohnung im fünften Stock nach dem vierten Stock war eine Wendeltreppe; vom vierten Stock an begann eine gerade Treppe. Es war eine jener unsauberen, immer dunklen Treppen, wie man sie gewöhnlich in Mietskasernen mit kleinen Wohnungen findet. In diesem Augenblick war es auf ihr schon völlig dunkel. Tastend stieg ich nach dem vierten Stock hinunter; hier blieb ich stehen und hatte auf einmal ein Gefühl, als ob ich angestoßen und darauf aufmerksam gemacht würde, daß hier jemand auf dem Flur war und sich vor mir versteckte. Ich begann mit den Händen umherzutasten; ganz in einer Ecke stand das Mädchen mit dem Gesicht zur Wand und weinte still und lautlos. »Höre, mein Kind, warum fürchtest du dich?« sagte ich. »Ich habe dich so erschreckt; es tut mir leid. Dein Großvater hat, als er starb, noch von dir gesprochen; das waren seine letzten Worte… Ich habe auch noch Bücher von ihm; wahrscheinlich gehören sie dir. Wie heißt du denn? Wo wohnst du? Er sagte, in der Sechsten Linie…«

Aber ich konnte nicht zu Ende sprechen. Sie schrie erschrocken auf, anscheinend darüber, daß ich wußte, wo sie wohnte, stieß mich mit ihren dünnen, mageren Armen zurück und lief die Treppe hinunter. Ich eilte ihr nach; ich konnte noch ihre Schritte unten hören. Auf einmal hörten sie auf… Als ich auf die Straße hinausstürzte, war das Mädchen nicht da. Ich lief bis zum Wosnessenskiprospekt und sah, daß all mein Suchen vergeblich war: sie war verschwunden. »Wahrscheinlich hat sie sich schon beim Hinuntersteigen von der Treppe irgendwo vor mir versteckt«, dachte ich.

Elftes Kapitel

Aber kaum hatte ich das nasse, schmutzige Trottoir des Prospektes betreten, als ich mit einem Passanten zusammenstieß, der, anscheinend in tiefen Gedanken, mit gesenktem Kopf eilig dahinging. Zu meinem größten Erstaunen erkannte ich den alten Ichmenew. Dies war für mich ein Abend der unerwarteten Begegnungen. Ich wußte, daß der alte Mann vor drei Tagen ernstlich erkrankt war, und nun traf ich ihn plötzlich bei solchem feuchten Wetter auf der Straße. Zudem war er auch früher abends nie ausgegangen, und seit Natascha das Haus verlassen hatte, das heißt seit beinah einem halben Jahr, war er ein richtiger Stubenhocker geworden. Er freute sich außerordentlich über das Zusammentreffen mit mir, wie jemand, der endlich einen Freund gefunden hat, mit dem er sich aussprechen kann, ergriff meine Hand, drückte sie kräftig und zog mich, ohne zu fragen, wohin ich ginge, mit sich fort. Er war über etwas in Aufregung, hastete und redete abgebrochen. »Wo mag er nur gewesen sein?« dachte ich bei mir. Ihn danach zu fragen wäre unnütz gewesen; er war furchtbar mißtrauisch geworden und witterte manchmal in der harmlosesten Frage oder Bemerkung eine Kränkung, eine beleidigende Anspielung.

Ich blickte ihn von der Seite an: sein Gesicht sah krankhaft aus; er war in der letzten Zeit sehr abgemagert; rasiert hatte er sich seit einer Woche nicht. Sein ganz ergrautes Haar hing unordentlich unter dem verbeulten Hut hervor und lag in langen Strähnen auf dem Kragen seines alten, abgetragenen Mantels. Ich hatte schon früher bemerkt, daß er manchmal wie geistesabwesend war; er vergaß zum Beispiel, daß er nicht allein im Zimmer war, redete mit sich selbst und gestikulierte mit den Händen. Es war peinlich, ihn anzusehen.

»Nun, wie geht’s, Wanja, wie geht’s?« sagte er. »Wo kommst du her? Ich bin ausgewesen, lieber Freund, in Geschäften. Bist du gesund?«

»Sind Sie selbst gesund?« antwortete ich. »Sie waren ja noch vor kurzem krank, und da gehen Sie aus?«

Der Alte antwortete nicht, als hätte er mich gar nicht verstanden.

»Wie befindet sich Anna Andrejewna?«

»Sie ist gesund, sie ist gesund… Übrigens, ein bißchen kränklich ist sie auch. Sie ist so trübsinnig geworden… sie hat auch von dir gesprochen, warum du gar nicht zu uns kämest. Aber du warst wohl jetzt gerade auf dem Weg zu uns, Wanja? Oder nicht? Ich habe dich vielleicht gestört und halte dich von etwas ab?« fragte er plötzlich, mich mißtrauisch und argwöhnisch anblickend.

Der alte Mann war dermaßen empfindlich und reizbar geworden, daß, wenn ich ihm jetzt geantwortet hätte, ich sei nicht auf dem Weg zu ihnen, er sich unfehlbar beleidigt gefühlt und sich kalt von mir getrennt hätte. Ich beeilte mich, bejahend zu antworten, daß ich gerade vorhätte, Anna Andrejewna zu besuchen, obwohl ich wußte, daß ich dann bei Natascha zu spät kommen und sie vielleicht überhaupt nicht mehr antreffen würde.

»Nun, das ist ja schön«, erwiderte der Alte, durch meine Antwort beruhigt. »Das ist ja schön…«

Auf einmal verstummte er und versank in Gedanken, als ob er noch etwas unausgesprochen gelassen hätte.

»Ja, das ist schön!« wiederholte er mechanisch nach etwa fünf Minuten, wie wenn er nach seiner tiefen Versunkenheit wieder zu sich käme. »Hm!… Siehst du, Wanja, wir haben dich immer wie einen eigenen Sohn gehalten; Gott hat mich und Anna Andrejewna nicht mit einem Sohn gesegnet… da hat er uns dich gesandt, ich habe es immer so aufgefaßt. Und meine Frau auch… ja! Und du hast dich gegen uns immer respektvoll und zärtlich benommen wie ein leiblicher, dankbarer Sohn. Möge dich Gott dafür segnen, Wanja, so wie wir beiden alten Leute dich segnen und lieben… ja!«

Seine Stimme fing an zu zittern, er machte eine kleine Pause.

»Ja… nun aber, wie geht es dir? Du bist doch nicht krank gewesen? Weil du so lange nicht bei uns warst.«

Ich erzählte ihm die ganze Geschichte von Smith, sagte zu meiner Entschuldigung, diese Angelegenheit habe mich am Kommen gehindert; außerdem sei ich wirklich beinah krank gewesen und hätte wegen all dieser Abhaltungen den weiten Weg nach der Wassili-Insel (da wohnten sie damals) nicht machen können. Ich hätte mich beinah versprochen und gesagt, daß ich trotzdem auch in dieser Zeit die Möglichkeit gefunden hatte, Natascha zu besuchen; aber ich unterdrückte dies noch rechtzeitig.

Die Geschichte von Smith interessierte den alten Mann sehr. Er wurde aufmerksamer. Als er hörte, daß meine neue Wohnung feucht und noch schlechter als die frühere sei und sechs Rubel monatlich koste, wurde er ordentlich hitzig. Er war überhaupt in der letzten Zeit sehr heftig und ungeduldig geworden. Nur Anna Andrejewna verstand es noch, in solchen Augenblicken mit ihm zurechtzukommen, und auch ihr gelang es nicht immer.

»Hm!… Das kommt alles von deiner Schriftstellerei, Wanja!« rief er fast zornig. »Die hat dich in die Dachstube gebracht und wird dich noch auf den Kirchhof bringen! Ich habe es dir schon damals gesagt und dich gewarnt!… Was macht denn B.? Schreibt er immer noch Kritiken?«

»Der ist ja schon gestorben, an der Schwindsucht. Ich glaube, ich habe es Ihnen schon gesagt.«

»Gestorben, hm!… gestorben! Anders konnte es auch nicht kommen. Hat er denn seiner Frau und seinen Kindern etwas hinterlassen? Du sagtest ja wohl, er sei verheiratet, nicht?… Wozu solche Leute nur heiraten!«

»Nein, er hat nichts hinterlassen«, antwortete ich. »Na, da haben wir’s!« rief er mit solcher Erregung, wie wenn die Sache ihn als nahen Verwandten anginge, wie wenn der verstorbene B. Sein leiblicher Bruder gewesen wäre. »Nichts! Gar nichts! Weißt du, Wanja, ich habe das schon vorhergeahnt, daß es so mit ihm enden werde, schon damals, du erinnerst dich, als du ihn mir so lobtest. Das spricht sich so leicht hin: er hat nichts hinterlassen! Hm!… Ruhm hat er sich ja erworben, meinetwegen sogar unsterblichen Ruhm; aber vom Ruhm wird man nicht satt. Und auch was dich betrifft, Wanjuscha, so habe ich schon damals alles vorausgesehen; ich habe dich gelobt, aber im stillen habe ich alles vorausgesehen. Also B. Ist gestorben? Wie sollte einer da auch nicht sterben? Ein unerfreuliches Dasein und … ein unerfreulicher Wohnort; da sieh!«

Und mit einer schnellen, unwillkürlichen Handbewegung wies er auf die neblige, sich vor uns hinziehende Straße, die die aus dem feuchten Dunst hervorschimmernden Laternen nur schwach beleuchteten, auf die schmutzigen Häuser, auf die von Nässe glänzenden Trottoirplatten, auf die mürrischen, ärgerlichen, durchnäßten Passanten, auf dieses ganze Bild, über welchem sich die schwarze, wie mit Kienruß überzogene Kuppel des Petersburger Himmels wölbte. Wir waren nun schon auf den Marienplatz gelangt; vor uns ragte in der Dunkelheit, von unten her durch die Gasflammen erhellt, das Denkmal des Zaren Nikolaus auf, und noch weiter hin erhob sich die finstere, gewaltige Masse der Isaakskathedrale, die sich nur undeutlich von der dunklen Farbe des Himmels abhob.

»Du hast gesagt, Wanja, er wäre ein guter, edeldenkender, sympathischer Mensch, ein Mensch mit Herz und Gemüt. Na, es ist alles dieselbe Sorte, deine sympathischen Menschen mit Herz und Gemüt! Sie verstehen weiter nichts, als die Zahl der armen Waisen zu vermehren! Hm!… Und auch das Sterben, meine ich, wird ihm nicht vergnüglich gewesen sein! Ja, ja! Er hätte von hier wegfahren sollen, irgendwohin, und wenn’s nach Sibirien gewesen wäre!… Was willst du, Kind?« fragte er auf einmal, als er auf dem Trottoir ein kleines Mädchen sah, das um ein Almosen bat.

Es war ein kümmerliches, mageres Wesen, nicht älter als sieben oder acht Jahre, in schmutzige Lumpen gekleidet; die kleinen Füße steckten ohne Strümpfe in zerrissenen Schuhen. Sie suchte ihr vor Kälte zitterndes Körperchen mit einem alten kurzen Mäntelchen zu schützen, aus dem sie schon längst herausgewachsen war. Ihr hageres, blasses, kränkliches Gesichtchen war uns zugewendet; schüchtern und schweigend, mit einer Art von ergebungsvoller Furcht vor einem abschlägigen Bescheid, streckte sie uns ihr zitterndes Händchen hin. Der Alte fing bei ihrem Anblick am ganzen Leib ordentlich zu zittern an und wendete sich so schnell zu ihr hin, daß er sie sogar erschreckte. Sie fuhr zusammen und schwankte vor ihm zurück.

»Was willst du, Kind? Was willst du?« rief er. »Eine Gabe? Ja? Da hast du etwas, da… Nimm, da!«

Hastig und vor Aufregung zitternd, suchte er in seiner Tasche umher und zog zwei oder drei Silbermünzen heraus. Aber das kam ihm noch zuwenig vor; er holte sein Portemonnaie hervor, entnahm ihm einen Rubelschein (alles, was darin war) und legte das Geld in die Hand der kleinen Bettlerin.

»Christus behüte dich, du mein liebes kleines Kind! Gottes Engel mögen um dich sein!«

Er bekreuzte das arme Kind mehrmals mit zitternder Hand; plötzlich aber, als er bemerkte, daß ich ihm zusah, machte er ein finsteres Gesicht und ging mit schnellen Schritten weiter.

»Siehst du, Wanja, ich kann das gar nicht mit ansehen«, begann er, nachdem er ziemlich lange ärgerlich geschwiegen hatte, »wie diese kleinen, unschuldigen Wesen vor Kälte auf der Straße zittern… um ihrer verfluchten Mütter und Väter willen. Aber freilich, welche Mutter wird auch ein Kind bei solchem Wetter hinausschicken, wenn sie nicht selbst unglücklich ist!… Gewiß hat sie da in ihrem elenden Kämmerchen noch andere vaterlose Waisen sitzen, und dies ist die älteste; sie selbst, die Mutter, ist krank; und… hm! Es sind keine Fürstenkinder! Es gibt auf der Welt viele Kinder, Wanja, die keine Fürstenkinder sind! Hm!«

Er schwieg eine Weile, wie wenn es ihm Schwierigkeiten machte, das, was er noch sagen wollte, auszusprechen. »Siehst du, Wanja«, begann er dann etwas verwirrt und stockend, »ich habe meiner Frau versprochen, das heißt, ich bin mit Anna Andrejewna übereingekommen, ein Waisenmädchen zur Erziehung anzunehmen, ein armes Kind, ein kleines Kind, ins Haus, ganz und gar; du verstehst? Sonst ist es uns alten Leuten doch gar zu langweilig, so allein, hm!… Aber, siehst du, Anna Andrejewna ist dagegen. Also rede du mit ihr darüber, weißt du, nicht so, als ob ich dich dazu veranlaßt hätte, sondern als ob du es von selbst tätest… überrede sie dazu… verstehst du? Ich wollte dich schon längst darum bitten… daß du sie überreden möchtest einzuwilligen; sie selbst darum so sehr zu bitten behagt mir nicht recht… was soll man über solche Lappalien viel reden! Was habe ich von so einem kleinen Mädchen? Ich bedarf ihrer nicht; es ist nur so zur Erheiterung… damit man eine Kinderstimme hört… übrigens möchte ich es eigentlich nur um meiner Frau willen tun; es wird ihr vergnüglicher sein, als immer nur so mit mir allein zu sitzen. Aber das ist alles nur dummes Zeug! Weißt du, Wanja, auf die Art wird es lange dauern, bis wir hinkommen; wir wollen eine Droschke nehmen; es ist zu weit zum Gehen, und Anna Andrejewna wartet gewiß schon ungeduldig auf uns …«

Es war halb acht, als wir zu Anna Andrejewna kamen.

Zwölftes Kapitel

Die beiden alten Leute liebten einander sehr. Die Liebe und eine langjährige Gewöhnung wirkten zusammen, um sie untrennbar zu verbinden. Aber Nikolai Sergejewitsch benahm sich (und nicht nur jetzt, sondern es war auch früher, in den glücklichsten Zeiten, ebenso gewesen) gegen seine Anna Andrejewna wenig mitteilsam, ja sogar manchmal rauh, namentlich in Gegenwart von Fremden. Bei manchen Naturen findet man, obwohl sie von dem Gefühl warmer Zärtlichkeit erfüllt sind, doch eine gewisse Sprödigkeit, eine Art von keuscher Scheu davor, sich völlig auszusprechen und dem geliebten Wesen selbst gegenüber ihre Zärtlichkeit kundzutun, und zwar nicht nur in Gegenwart von Fremden, sondern auch unter vier Augen; unter vier Augen sogar in noch höherem Grad; nur selten kommt bei ihnen die Zärtlichkeit zum Durchbruch, dann aber um so heißer und heftiger, je länger sie zurückgehalten war. Von dieser Art war auch der alte Ichmenew im Verkehr mit seiner Anna Andrejewna, und zwar schon seit ihrer Jugend. Er verehrte und liebte sie grenzenlos, trotzdem sie einfach nur eine gute Frau war und nichts weiter verstand, als ihn zu lieben, und er ärgerte sich gewaltig darüber, daß sie ihrerseits in ihrer Harmlosigkeit ihm gegenüber manchmal sogar eine übergroße, unvorsichtige Offenheit zeigte. Aber seit Natascha das Elternhaus verlassen hatte, schienen die beiden gegeneinander zärtlicher geworden zu sein; sie fühlten mit tiefem Schmerz, daß sie allein auf der Welt zurückgeblieben waren. Und obgleich Nikolai Sergejewitsch manchmal außerordentlich mürrisch war, so konnten sie doch beide nicht einmal zwei Stunden lang getrennt sein, ohne sich schmerzlich einer nach dem andern zu sehnen. Von Natascha redeten sie wie nach stillschweigender Übereinkunft keine Silbe, als ob sie überhaupt nicht auf der Welt sei. Anna Andrejewna wagte in Gegenwart ihres Mannes nicht einmal eine deutliche Anspielung auf sie, obgleich ihr das sehr schwerfiel. Sie hatte der Tochter in ihrem Herzen schon längst verziehen. Zwischen ihr und mir bestand eine Art von Abmachung, daß ich ihr bei jedem meiner Besuche Nachrichten von ihrem lieben, unvergessenen Kinde bringen sollte.

Die alte Frau wurde krank, wenn sie lange keine Nachrichten erhielt, und wenn ich zu ihnen kam, interessierte sie sich für die geringsten Einzelheiten, fragte mich voll höchster Teilnahme aus, atmete auf, wenn mein Bericht günstig lautete, starb aber einmal beinahe vor Angst, als Natascha erkrankt war; ja, sie war nahe daran, selbst zu ihr hinzugehen. Aber das war ein ganz besonderer Fall gewesen. Anfänglich mochte sie nicht einmal mir gegenüber den Wunsch nach einem Wiedersehen mit der Tochter aussprechen, und am Ende unserer Gespräche, wenn sie alles aus mir herausgefragt hatte, hielt sie es fast immer für notwendig, sich mir gegenüber zu verhärten und sich mit aller Bestimmtheit dahin auszusprechen, sie interessiere sich zwar für das Schicksal ihrer Tochter, aber Natascha habe sich doch so vergangen, daß Verzeihung ein Ding der Unmöglichkeit sei. Aber das war alles nur Verstellung. Es kam vor, daß Anna Andrejewna in meiner Gegenwart sich nach ihrer Tochter fast totsehnte, weinte, ihr die zärtlichsten Namen gab, sich bitter über Nikolai Sergejewitsch beklagte und in seiner Gegenwart, wiewohl nur mit der größten Vorsicht, Andeutungen folgender Art machte: die Menschen seien gar zu stolz und hartherzig; wir verständen nicht, eine Beleidigung zu verzeihen, und denen, die selbst nicht verziehen, werde auch Gott nicht verzeihen. Aber deutlicher sprach sie sich ihm gegenüber nicht aus. In solchen Fällen machte der Alte sofort ein strenges, finsteres Gesicht und schwieg mürrisch, oder aber er begann auf einmal, meist in recht ungeschickter Weise, sehr laut von etwas anderem zu reden, oder endlich er ging auf sein Zimmer, ließ uns allein und gab so seiner Frau die Möglichkeit, mir ihren Kummer rückhaltlos in Tränen und Klagen auszuschütten. Ganz ebenso pflegte er bei meinen Besuchen, sowie er mich begrüßt hatte, alsbald auf sein Zimmer zu gehen, damit ich Zeit hätte, seiner Frau die letzten Neuigkeiten über Natascha mitzuteilen. So machte er es auch jetzt.

»Ich bin ganz durchnäßt«, sagte er zu ihr, gleich nachdem er ins Zimmer getreten war; »ich werde erst einmal auf mein Zimmer gehen, und du, Wanja, bleib hier! Er hat etwas Merkwürdiges mit seiner Wohnung erlebt. Erzähle es ihr; ich komme gleich wieder.«

Und er ging eilig hinaus, wobei er es sogar vermied, uns anzusehen, wie wenn er sich darüber schämte, daß er selbst uns allein zusammen ließ. In solchen Fällen, und besonders wenn er zu uns zurückkehrte, war er immer sehr finster und mürrisch, sowohl mir als auch seiner Frau gegenüber, ja sogar händelsüchtig; es machte den Eindruck, als ärgere er sich über seine eigene Weichheit und Nachgiebigkeit.

»Ja, so ist er nun«, sagte die alte Frau, die in der letzten Zeit im Verkehr mit mir alle Zurückhaltung und Verstellung aufgegeben hatte; »so benimmt er sich immer gegen mich, und dabei weiß er, daß wir seine List alle durchschauen. Wozu sucht er mir etwas vorzumachen? Bin ich ihm denn eine Fremde? Und so benimmt er sich auch, was die Tochter angeht. Er könnte ihr ja verzeihen; vielleicht wünscht er es sogar; Gott mag’s wissen. Er weint nachts; das habe ich selbst gehört! Aber nach außen hin spielt er den Unerbittlichen. Der Stolz betört ihn. Lieber Iwan Petrowitsch, erzähle mir schnell: wo ist er gewesen?«

»Nikolai Sergejewitsch? Ich weiß es nicht; ich wollte Sie danach fragen.«

»Ich habe mich halbtot geängstigt, als er wegging. Er ist ja krank, und nun bei solchem Wetter, und wo die Nacht vor der Tür steht! »Na«, dachte ich, »gewiß hat er etwas Wichtiges vor; und was gibt es für uns Wichtigeres als die bewußte Angelegenheit?« So dachte ich bei mir, wagte aber nicht, ihn zu fragen. Ich wage ihn ja jetzt überhaupt nach nichts zu fragen. Herrgott, was habe ich mich geängstigt um ihn und um sie! »Nun«, dachte ich, »er wird zu ihr gegangen sein; ob er sich wohl entschlossen hat, ihr zu verzeihen?« Er hat ja alles in Erfahrung gebracht; auch die neuesten Nachrichten von ihr kennt er alle; ich glaube bestimmt, daß er sie weiß; aber woher er diese Kenntnis hat, das kann ich nicht erraten. Gestern hat er sich schrecklich gegrämt und heute auch. Aber warum schweigst du denn? Erzähle mir, lieber Freund, was da noch weiter vorgefallen ist! Ich habe auf dich gewartet wie auf einen Engel Gottes; fortwährend habe ich durchs Fenster gesehen. Nun also, verläßt der Bösewicht Natascha?«

Ich erzählte ihr sogleich alles, was ich selbst wußte. Ich war gegen sie immer vollständig offenherzig. Ich teilte ihr mit, daß es zwischen Natascha und Aljoscha in der Tat zum Bruch zu kommen scheine, und daß dies ernster sei als ihre früheren Mißhelligkeiten; daß Natascha mir gestern ein Briefchen geschickt habe, in dem sie mich bitte, heute abend um neun Uhr zu ihr zu kommen und daß ich daher auch gar nicht vorgehabt hätte, heute bei ihnen vorzusprechen; Nikolai Sergejewitsch selbst habe mich hergebracht. Ich setzte ihr eingehend auseinander, daß die Lage jetzt kritisch geworden sei; daß Aljoschas Vater, der vor vierzehn Tagen von einer Reise zurückgekehrt sei, von nichts hören wolle und gegen seinen Sohn mit aller Strenge verfahre und daß, was das Wichtigste sei, Aljoscha anscheinend selbst dem für ihn in Aussicht genommenen Mädchen nicht abgeneigt sei und dem Vernehmen nach sich sogar in sie verliebt habe. Ich fügte noch hinzu, daß Nataschas Brief, soweit man darüber etwas vermuten könne, in großer Aufregung geschrieben sei; sie schreibe, heute abend werde sich alles entscheiden; aber was eigentlich, das sage sie nicht; sonderbar sei auch, daß sie vom gestrigen Tage schreibe, aber mich auffordere, heute zu kommen, und eine bestimmte Stunde, neun Uhr, bezeichnet habe. Deshalb müsse ich unbedingt hingehen, und zwar so bald wie möglich.

»Geh hin, geh hin, lieber Freund, geh unbedingt hin!« sagte die alte Frau eifrig. »Sobald mein Mann wieder hereinkommt, trink eine Tasse Tee mit uns!… Ach, der Samowar ist ja noch nicht gebracht! Matrjona! Wo bleibt denn der Samowar! Bist du eine nachlässige Person! … Na, wenn du also ein Täßchen Tee getrunken hast, dann erfinde einen anständig aussehenden Vorwand und geh weg! Morgen aber komm unter allen Umständen zu mir und erzähle mir alles! Und komm nur ja recht früh! O Gott, wenn nur da kein Unglück vorgefallen ist! Man weiß freilich nicht, was noch schlimmer sein könnte, als wie es jetzt schon ist! Nikolai Sergejewitsch hat offenbar schon alles erfahren; das sagt mir mein Herz. Ich für meine Person erfahre ja vieles durch Matrjona, und die durch Agascha; Agascha aber ist ein Patenkind von Marja Wassiljewna, die bei dem Fürsten im Haus wohnt… na, das weißt du ja alles selbst. Heute war mein Nikolai furchtbar zornig. Ich wollte von diesem und jenem zu reden anfangen, aber er fuhr mich ordentlich an. Nachher tat es ihm leid, und er sagte, wir hätten so wenig Geld; er wollte den Anschein erwecken, als habe er mich des Geldes wegen so angefahren. Na, du weißt ja, in welcher Lage wir uns befinden. Nach dem Mittagessen ging er auf sein Zimmer, als wenn er schlafen wollte. Ich blickte durch eine Ritze zu ihm hinein (es ist da so eine Ritze in der Tür, er weiß nichts davon); da lag mein lieber Mann vor dem Heiligenschrein auf den Knien und betete. Als ich das sah, wäre ich fast umgesunken. Ohne geschlafen und ohne Tee getrunken zu haben, nahm er seinen Hut und ging weg. Zwischen vier und fünf ging er. Ich wagte nicht, ihn zu fragen; er hätte mich doch nur angefahren. Er fährt einen jetzt überhaupt häufig an, am meisten Matrjona, aber auch mich; und wenn er mich anfährt, knicken mir immer gleich die Beine ein, und das Herz wird mir schwach. Es ist ja bei ihm nur äußerlich; ich weiß, daß es nur äußerlich ist; aber es ist doch schrecklich. Als er weggegangen war, habe ich eine ganze Stunde lang gebetet, Gott möge ihm gute Gedanken eingeben. – Wo ist denn ihr Brief? Zeig ihn doch her!«

Ich zeigte ihn ihr. Ich wußte, daß Anna Andrejewna einen heißen Wunsch hatte: Aljoscha, den sie bald einen Bösewicht, bald einen gefühllosen, dummen Jungen nannte, möchte endlich Natascha heiraten, und sein Vater, Fürst Pjotr Alexandrowitsch, möchte es ihm erlauben. Sie hatte diesen Wunsch sogar vor meinen Ohren unversehens ausgesprochen, es aber später bereut und ihre Wort geleugnet. Aber um keinen Preis hätte sie gewagt, ihre Hoffnungen in Nikolai Sergejewitschs Gegenwart auszusprechen, obgleich sie wußte, daß der Alte diese ihre Hoffnungen mutmaßte und ihr sogar mehrmals in versteckter Weise deswegen Vorwürfe gemacht hatte. Ich glaube, er hätte Natascha unwiderruflich verflucht und sie für immer aus seinem Herzen gerissen, wenn er erfahren hätte, daß eine solche Ehe möglich sei.

So dachten wir damals alle. Er ersehnte die Rückkehr seiner Tochter von ganzem Herzen; aber sie sollte allein kommen, als eine Reuige, die alle Erinnerungen an ihren Aljoscha aus ihrem Herzen gerissen hatte. Das war die unerläßliche Bedingung der Verzeihung; er sprach diese Bedingung zwar nicht aus, aber wenn man ihn ansah, so erkannte man das in zweifelloser Weise. »Er ist charakterlos, ein charakterloser Knabe, charakterlos und hartherzig; das habe ich immer gesagt«, begann Anna Andrejewna wieder. »Und sie haben auch nicht verstanden, ihn zu erziehen; da ist er denn ein solcher windiger Patron geworden; zum Dank für soviel Liebe läßt er sie sitzen, Herr du mein Gott! Was soll nur aus der Ärmsten werden? Und was er an der Neuen gefunden hat, das ist mir unbegreiflich!«

»Ich habe gehört, Anna Andrejewna«, erwiderte ich, »daß das junge Mädchen ein entzückendes Geschöpf ist, und auch Natalja Nikolajewna hat von ihr dasselbe gesagt…«

»Glaube doch das nicht!« unterbrach mich die alte Frau. »Was wird sie denn für ein entzückendes Geschöpf sein? Für euch Tintenkleckser ist jede ein entzückendes Geschöpf, wenn sie nur ihre Röcke zu schlenkern versteht. Und wenn Natascha sie lobt, so tut sie das nur, weil sie ein so gutes, edles Herz hat. Sie versteht nicht, ihn festzuhalten; alles verzeiht sie ihm, und sie selbst leidet und leidet. Wie oft hat er sie schon betrogen! Was gibt es für hartherzige Bösewichter! Ich lebe in der größten Seelenangst, Iwan Petrowitsch. Der Stolz hat sie alle betört. Wenn nur mein Mann sich bezwingen und meinem lieben Kind verzeihen und sie wieder herholen möchte! Dann würde ich sie endlich wiedersehen und in meine Arme schließen! Ist sie abgemagert?« »Allerdings, Anna Andrejewna.«

»Ach, mein armes, liebes Kind! Ich habe auch ein Unglück gehabt, Iwan Petrowitsch. Die ganze Nacht und den ganzen Tag habe ich heute geweint; den Grund werde ich dir nachher sagen. Unzählige Male habe ich meinem Mann beiläufig eine Andeutung gemacht, er möchte ihr doch verzeihen; geradezu wage ich es nicht; ich habe nur so ganz von weitem auf eine geschickte Manier die Rede darauf gebracht. Aber mein Herz will ganz verzagen: ich glaube, er wird in Zorn geraten und sie ganz und gar verfluchen! Eine Verfluchung habe ich bis jetzt noch nicht von ihm gehört, aber ich fürchte, daß es doch noch dazu kommt. Und was wird dann geschehen? Wenn der Vater sie verflucht hat, dann wird auch Gott sie strafen. Ist das ein Leben; jeden Tag zittre ich vor Angst. Aber auch du solltest dich schämen, Iwan Petrowitsch; du bist doch in unserem Haus aufgewachsen und hast von uns beiden alle elterliche Liebe erfahren: und da bekommst du es doch fertig, von einem entzückenden Geschöpf zu reden! Wie kannst du nur! Was wird sie denn für ein entzückendes Geschöpf sein? Da redet Marja Wassiljewna viel besser. (Ich habe einmal eine Sünde begangen und sie zum Kaffee eingeladen, als mein Mann den ganzen Vormittag in Geschäften ausgegangen war.) Sie hat mir das ganze Geheimnis enthüllt. Der Fürst, Aljoschas Vater, hat mit der Gräfin ein unerlaubtes Verhältnis unterhalten. Die Gräfin hat ihm schon seit langer Zeit, wie es heißt, Vorwürfe darüber gemacht, daß er sie nicht heirate; aber der Fürst ist immer ausgewichen. Diese Gräfin aber hat damals, als ihr Mann noch lebte, durch ihren schandbaren Lebenswandel Aufsehen erregt. Nach dem Tod ihres Mannes ging sie ins Ausland: da verkehrte sie mit einer Menge italienischer und französischer Barone, und da verstand sie es auch, den Fürsten Pjotr Alexandrowitsch an sich zu ketten. Ihre Stieftochter aber, die Tochter ihres verstorbenen Mannes, eines Branntweinpächters, war inzwischen dem Kindesalter entwachsen. Die Gräfin, die Stiefmutter, brachte ihr eigenes Vermögen vollständig durch; aber Katerina Fjodorowna wuchs unterdessen heran, und die zwei Millionen Rubel, die ihr Vater, der Branntweinpächter, ihr bei der Bank hinterlassen hatte, wuchsen auch heran. Jetzt, sagt man, besitzt sie drei Millionen; und da hat sich nun der Fürst gesagt: »Die sollte Aljoscha heiraten!« (Keine schlechte Spekulation! Er weiß auf seinen Vorteil zu setzen.) Der Graf, der vornehme Herr am Hofe, du erinnerst dich wohl, der Verwandte des Fürsten, war ebenfalls einverstanden; drei Millionen sind keine Kleinigkeit. »Gut«, sagte er, »reden Sie mit dieser Gräfin!« Der Fürst teilte der Gräfin seinen Wunsch mit. Aber die widersetzte sich mit Händen und Füßen: sie ist ein Weib ohne Anstand, sagt man, ein rechter Zankteufel! Sie hat hier nicht in allen Familien Zutritt, sagt man; das ist hier anders als im Ausland. »Nein«, sagte sie, »Fürst, du selbst mußt mich heiraten; meine Stieftochter kann nicht Aljoschas Frau werden.« Das Mädchen aber, die Stieftochter, ist ihrer Stiefmutter sehr ergeben, vergöttert sie beinahe und gehorcht ihr in allen Stücken. Man sagt, sie sei sanft und fügsam wie ein Engel! Der Fürst sah, um was es sich handelte, und sagte: »Beunruhige dich nicht, Gräfin! Du hast dein Vermögen durchgebracht und Schulden gemacht, die du nicht bezahlen kannst. Aber wenn deine Stieftochter Aljoscha heiratet, so werden die beiden zueinander passen: sie ist naiv, und er ist ein Dummkopf; wir beide werden sie gleich von Anfang an unter unsere Vormundschaft nehmen; dadurch wirst auch du zu Geld kommen. »Aber was nützt es dir«, sagte er, »mich zu heiraten?« So ein Schlaukopf! Der reine Freimaurer! So stand die Sache vor einem halben Jahr; die Gräfin konnte sich damals nicht entschließen; aber jetzt, sagt man, sind sie nach Warschau gefahren und haben sich da miteinander geeinigt. So habe ich das gehört. All das hat mir Marja Wassiljewna erzählt, das ganze Geheimnis; sie selbst hat es von einem‘ zuverlässigen Gewährsmann gehört. Also darum handelt es sich bei diesem Eheprojekt, um das Geld, um die Millionen, nicht darum, daß sie ein entzückendes Geschöpf ist!«

Anna Andrejewnas Erzählung machte auf mich einen starken Eindruck. Sie stimmte vollständig zu alledem, was ich unlängst von Aljoscha selbst gehört hatte. Bei seinen Mitteilungen hatte er sich gerühmt, er werde unter keinen Umständen um des Geldes willen heiraten; er hatte aber gesagt, Katerina Fjodorowna habe ihm außerordentlich gut gefallen. Ich hatte von Aljoscha auch noch gehört, daß sein Vater sich vielleicht selbst wieder verheiraten werde, obgleich er diese Gerüchte als unwahr bezeichne, um die Gräfin nicht vor der Zeit zu reizen. Ich habe schon gesagt, daß Aljoscha seinen Vater sehr liebte, auf ihn stolz war und ihm in allen Stücken wie einem Orakel vertraute. »Sie ist ja doch auch nicht aus gräflichem Geschlecht, dein entzückendes Geschöpf!« fuhr Anna Andrejewna fort, die über mein Lob des dem jungen Fürsten zugedachten Mädchens höchst aufgebracht war. »Natascha wäre für ihn eine weit bessere Partie. Jene ist die Tochter eines Branntweinpächters, während Natascha aus einer altadligen Familie stammt und ein hochwohlgeborenes Fräulein ist. Mein Mann hat gestern (ich habe vergessen, dir das zu erzählen) seine eisenbeschlagene Truhe aufgemacht (du kennst sie wohl?) und den ganzen Abend mir gegenübergesessen und, unsere alten Papiere durchgesehen. So saß er in tiefem Ernst da. Ich strickte einen Strumpf und sah meinen Mann gar nicht an, vor Furcht. Als er merkte, daß ich nichts sagte, wurde er ärgerlich und redete mich selbst an und erklärte mir den ganzen Abend über unseren Stammbaum. Es ergab sich dabei, daß wir, die Ichmenews, schon unter der Regierung Iwan Wassiljewitschs des Schrecklichen Edelleute waren und daß meine Familie, die Schumilows, schon unter der Regierung Alexei Michailowitschs in Ansehen stand; wir haben Dokumente darüber, und es ist auch in Karamsins russischer Geschichte erwähnt. Also sind wir in dieser Hinsicht nicht schlechter als andere Leute, lieber Freund. Als mein Mann anfing, mir das auseinanderzusetzen, da begriff ich gleich, was ihm im Kopf steckte. Es war ihm nämlich kränkend, daß Natascha als minder vornehm angesehen wurde. Nur durch ihren Reichtum ist uns die andere über. Na, mag dieser schändliche Mensch, Fürst Pjotr Alexandrowitsch, nach Reichtum trachten; das ist ja allgemein bekannt, daß er ein hartes, habsüchtiges Herz hat. Es heißt, er sei in Warschau heimlich Jesuit geworden; ob das wohl wahr ist?«

»Ein törichtes Gerücht!« erwiderte ich; aber es interessierte mich unwillkürlich, daß sich dieses Gerücht so hartnäckig hielt.

Aber die Nachricht, daß Nikolai Sergejewitsch seine alten Papiere durchgesehen hatte, erregte meine Aufmerksamkeit. Früher hatte er sich niemals seines Stammbaumes gerühmt.

»Es sind alles hartherzige Bösewichter!« fuhr Anna Andrejewna fort. »Nun, was macht denn mein liebes Kind, grämt sie sich, weint sie? Ach, es wird Zeit, daß du zu ihr gehst! Matrjona, Matrjona! Bist du eine nachlässige Person! Haben sie sie auch nicht gekränkt? So sprich doch, Wanja!«

Was sollte ich ihr antworten? Die alte Frau fing an zu weinen. Ich fragte sie, was sie noch für ein Unglück gehabt habe, von dem sie mir vorhin habe Mitteilung machen wollen.

»Ach, lieber Freund, es ist an dem bisherigen Unglück noch nicht genug gewesen; wir haben offenbar den Becher noch nicht ganz geleert! Du erinnerst dich vielleicht, lieber Wanja, ich hatte ein goldenes Medaillon, ein Souvenir, und darin war ein Bild Nataschas aus ihrer Kinderzeit; acht Jahre war sie damals alt, mein Engelchen. Nikolai Sergejewitsch und ich hatten es von einem durchreisenden Maler machen lassen; du hast das gewiß vergessen, Wanjuscha. Es war ein tüchtiger Künstler; er hatte sie als Amor dargestellt: sie hatte damals so schönes, helles, lockiges Haar; in einem Musselinhemdchen hatte er sie gemalt, so daß das Körperchen durchschimmerte, und sie sah auf dem Bild so hübsch aus, daß ich ‚ mich gar nicht daran satt sehen konnte. Ich bat den Maler, ihr auch Flügelchen zu malen, aber das wollte er nicht. Also, lieber Freund, nach unseren damaligen schrecklichen Erlebnissen nahm ich das Medaillon aus der Schatulle heraus und hängte es mir an einem Schnürchen auf die Brust; so trug ich es neben meinem Taufkreuz und fürchtete immer, mein Mann könnte es einmal zu sehen bekommen. Er hatte ja gleich damals befohlen, wir sollten alle ihre Sachen aus dem Haus schaffen oder verbrennen, damit nichts dabliebe, was uns an sie erinnern könnte. Mir aber war es ein Trost, auch nur ihr Bild anzusehen; oft fing ich bei dem Anblick an zu weinen; aber es wurde mir doch leichter ums Herz; und manchmal, wenn ich allein war, konnte ich mich gar nicht satt daran küssen, als ob ich sie selbst küßte; ich gab ihr zärtliche Namen und bekreuzte sie auch jedesmal zur Nacht. Ich redete mit ihr laut, wenn ich allein war, und fragte sie allerlei und stellte mir vor, daß sie mir darauf antwortete, und fragte dann weiter. Ach, Wanjuschka, es macht einen traurig, auch nur davon zu erzählen! Na, ich war nur froh, daß er wenigstens von dem Medaillon nichts wußte und nichts gemerkt hatte; aber auf einmal, gestern früh, war das Medaillon weg, und es hing nur das Schnürchen da; dieses hatte sich jedenfalls durchgescheuert, und da hatte ich das Medaillon verloren. Ich wurde ganz starr vor Schreck. Nun hieß es suchen: ich suchte und suchte – nichts zu finden! Es war verloren und verschwunden! Aber wo konnte ich es verloren haben? »Wahrscheinlich«, dachte ich, »im Bett«; ich durchwühlte das ganze Bett – nichts da! Wenn es losgerissen und irgendwohin gefallen war, dann hatte es wohl jemand gefunden; aber wer konnte es gefunden haben außer meinem Mann und Matrjona? Na, an Matrjona war überhaupt nicht zu denken; die ist mir mit ganzer Seele ergeben… (Matrjona, bringst du nicht bald den Samowar?) »Na«, dachte ich, »wenn er es nun findet, was wird dann geschehen?« Ich saß still da und grämte mich und weinte; ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Aber Nikolai Sergejewitsch wurde immer freundlicher und freundlicher gegen mich; er sah mich betrübt an, als ob er wüßte, weshalb ich weinte, und mit mir Mitleid hätte. Da dachte ich bei mir: »Woher kann er es wissen? Hat er das Medaillon vielleicht wirklich gefunden und aus dem Fenster geworfen? Denn in seinem Zorn ist er dessen fähig; er hat es hinausgeworfen und grämt sich nun selbst; er bereut, daß er es getan hat.« Ich ging sogar mit Matrjona hinaus, und wir suchten unter dem Fenster; aber wir fanden nichts. Das Medaillon war wie von der Erde verschwunden. Ich habe die ganze Nacht hindurch geweint. Zum erstenmal konnte ich Natascha nicht zur Nacht bekreuzen. Ach, das bedeutet etwas Schlimmes, das bedeutet etwas Schlimmes, Iwan Petrowitsch, das ist keine gute Vorbedeutung; nun weine ich schon den zweiten Tag, ohne mir je die Augen zu trocknen. Ich habe auf dich gewartet, lieber Freund, wie auf einen Engel Gottes: ich kann mir wenigstens das Herz erleichtern …« Und die alte Frau brach in bittere Tränen aus. »Ach ja, das habe ich noch vergessen, dich zu fragen,« sagte sie auf einmal, erfreut, daß es ihr noch eingefallen war; »hat er dir etwas von einer Waise gesagt?« »Ja, Anna Andrejewna, er sagte zu mir, Sie beide wären nach längerem Überlegen übereingekommen, ein armes Waisenmädchen zur Erziehung anzunehmen. Ist das richtig?«

»Ist mir nicht eingefallen, lieber Freund, ist mir nicht eingefallen! Ich will keine Waise haben! Sie würde mich nur an unser trauriges Schicksal, an unser Unglück erinnern. Außer Natascha will ich niemand haben. Sie war unsere einzige Tochter und wird immer unsere einzige Tochter bleiben. Aber was hat das nur zu bedeuten, lieber Freund, daß er auf die Annahme einer Waise verfallen ist? Wie faßt du das auf, Iwan Petrowitsch? Wollte er mich damit trösten, weil er meine Tränen sah, oder wollte er dadurch seine leibliche Tochter ganz aus seinem Gedächtnis vertreiben und seine Zuneigung einem anderen Kind zuwenden? Was hat er dir unterwegs von mir gesagt? Wie ist er dir vorgekommen – finster, zornig? Pst! Er kommt! Sag es mir ein andermal, lieber Freund, ein andermal!… Vergiß nicht, morgen herzukommen…«

Dreizehntes Kapitel

Der Alte trat ein. Neugierig, und als ob er sich über etwas schämte, sah er uns an, machte dann ein finsteres Gesicht und trat an den Tisch.

»Wie ist’s mit dem Samowar?« fragte er. »Konnte der denn noch nicht gebracht werden?«

»Da kommt er schon, Heber Mann, da kommt er; na, siehst du, da ist er schon!« erwiderte Anna Andrejewna und machte sich eifrig mit dem Teetisch zu schaffen.

Matrjona war, sowie sie den Hausherrn erblickt hatte, sofort mit dem Samowar erschienen, als ob sie nur auf seinen Eintritt gewartet hätte, um ihn zu bringen. Es war dies eine alte, erprobte, ergebene Dienerin, aber die eigenwilligste, brummigste von allen Dienerinnen auf der Welt, mit einem hartnäckigen, störrischen Charakter. Vor Nikolai Sergejewitsch hatte sie Furcht und hielt in seiner Anwesenheit immer ihre Zunge im Zaum. Dafür hielt sie sich vollauf an Anna Andrejewna schadlos, benahm sich fortwährend grob gegen sie und erhob offenkundig den Anspruch, über ihre Herrin zu herrschen, obwohl sie gleichzeitig sie und Natascha aufrichtig und von Herzen liebte. Diese Matrjona kannte ich schon von Ichmenewka her.

»Hm!… Das ist doch unangenehm, wenn man durchnäßt nach Hause kommt und sie nicht einmal so freundlich gewesen sind, Tee für einen bereitzuhalten«, brummte der Alte halblaut.

Anna Andrejewna blinzelte mir mit Bezug auf ihn sogleich zu. Er konnte solche geheimen Blicke nicht leiden, und obgleich er sich in diesem Augenblick Mühe gab, uns nicht anzusehen, so war ihm doch am Gesicht anzumerken, daß ihm Anna Andrejewnas Blick nicht entgangen war.

»Ich war in Geschäften ausgegangen, Wanja«, begann er auf einmal. »Es ist eine ganz nichtswürdige Geschichte. Habe ich es dir schon gesagt? Ich werde vollständig verurteilt werden. Ich habe keine Beweise, siehst du wohl; es fehlen mir die erforderlichen Belege; meine Auskünfte stellen sich als unrichtig heraus, heißt es … Hm!«

Er redete von seinem Prozeß mit dem Fürsten; dieser Prozeß zog sich immer noch hin, hatte aber für Nikolai Sergejewitsch eine sehr üble Wendung genommen. Ich schwieg, da ich nicht wußte, was ich ihm antworten sollte. Er sah mich mißtrauisch an.

»Na, nur zu!« rief er plötzlich, wie wenn unser Schweigen ihn gereizt hätte; »je schneller, um so besser! Zum Schurken können sie mich nicht machen, wenn sie mich auch zur Zahlung verurteilen. Mein Gewissen spricht mich frei; mögen sie ihren Spruch fällen, wie sie wollen! Wenigstens ist dann die Sache zu Ende; der Prozeß ist abgewickelt, und ich bin ruiniert… Ich lasse alles im Stich und gehe nach Sibirien.«

»Herrgott, warum sollen wir denn von hier fort? Und warum gleich so weit?« rief Anna Andrejewna, die nicht imstande war, sich zu beherrschen.

»Was haben wir denn hier, das uns fesseln könnte?« fragte er in grobem Ton; er schien sich über den Widerstand seiner Frau zu freuen.

»Nun, wir haben doch wenigstens… Menschen um uns…«, begann Anna Andrejewna und sah mich bekümmert an.

»Aber was für Menschen!« rief er und ließ seinen zornigen Blick zwischen mir und ihr hin- und hergehen; »was für Menschen! Räuber, Verleumder, Verräter! Solche Menschen gibt es überall in Menge; sei unbesorgt, die wirst du auch in Sibirien finden. Wenn du aber nicht mit mir kommen willst, dann bleib meinetwegen hier; ich zwinge dich nicht.«

»Liebster Nikolai Sergejewitsch! Um welcher Menschen willen werde ich denn ohne dich hierbleiben?« rief die arme Anna Andrejewna. »Ich habe ja auf der ganzen Welt außer dir niem …«

Sie sprach nicht zu Ende, verstummte und richtete einen ängstlichen Blick auf mich, wie wenn sie mich um Hilfe und Beistand bäte. Der Alte war in sehr gereizter Stimmung und ereiferte sich über jedes Wort; man durfte ihm nicht widersprechen.

»Lassen Sie es gut sein, Anna Andrejewna«, sagte ich; »in Sibirien ist es gar nicht so schlecht, wie man vielfach glaubt. Wenn ein Unglück eintritt und Sie Ichmenewka verkaufen müssen, so ist Nikolai Sergejewitschs Plan sogar recht gut. In Sibirien kann man leicht eine ordentliche Stellung als Privatangestellter finden, und dann…«

»Na, wenigstens du, Wanja, sprichst vernünftig; das hatte ich auch von dir gedacht. Ich lasse alles im Stich und gehe davon.«

»Nein, das hatte ich denn doch nicht erwartet!« rief Anna Andrejewna und schlug die Hände zusammen. »Und auch du, Wanja, haust in denselben Kerb! Das hatte ich von dir nicht erwartet! Du hast doch von uns immer nur Freundlichkeit erfahren, und jetzt…« »Hahaha! Was hattest du denn erwartet? Überlege doch nur: wovon sollen wir denn leben? Das Geld ist zu Ende; wir sind bei der letzten Kopeke angelangt! Verlangst du etwa, daß ich zum Fürsten Pjotr Alexandrowitsch gehe und ihn um Verzeihung bitte?«

Als die alte Frau den Namen des Fürsten hörte, zitterte sie nur so vor Angst. Der Teelöffel, den sie in der Hand hielt, klirrte laut gegen die Untertasse. »Nein, wirklich«, fuhr Ichmenew fort, der mit boshafter, eigensinniger Freude seinen eigenen Zorn immer mehr entflammte, »wie denkst du darüber, Wanja? Ich sollte wahrhaftig hingehen! Wozu sollen wir nach Sibirien ziehen? Lieber lege ich morgen meinen besten Anzug an und frisiere mich fein, Anna Andrejewna macht mir ein neues Vorhemdchen zurecht (wenn man zu einer so hohen Persönlichkeit geht, ist das unumgänglich notwendig); auch ein Paar Handschuhe kaufe ich mir, wie es der gute Ton verlangt, und dann gehe ich zu Seiner Durchlaucht. »Durchlaucht«, sage ich, »Sie unser gütiger Wohltäter! Verzeihen Sie mir, und erbarmen Sie sich meiner; geben Sie mir das Notwendigste zum Leben; ich habe eine Frau und kleine Kinder…« Nicht wahr, Anna Andrejewna, das verlangst du?«

»Lieber Mann… ich verlange gar nichts! Ich habe das nur so in meiner Dummheit hingeredet; verzeih mir, wenn ich dich durch irgend etwas erzürnt habe, und sprich nur nicht so laut!« antwortete sie, immer heftiger vor Furcht zitternd.

Ich bin überzeugt, daß er beim Anblick der Tränen und der Angst seiner armen Frau den tiefsten Seelenschmerz empfand und sich ihm das Herz in der Brust umdrehte; ich bin überzeugt, daß ihm weit übler zumute war als ihr; aber er konnte sich nicht beherrschen. Es kommt das nicht selten bei durchaus gutherzigen, aber charakterschwachen Leuten vor: trotz all ihrer Herzensgüte lassen sie sich mit einer Art von Genuß durch ihren eigenen Gram und Zorn fortreißen; sie müssen um jeden Preis alles aussprechen, was in ihnen kocht, wenn sie dadurch auch Unschuldigen und gerade denen, die ihnen am nächsten stehen, noch so wehe tun. Frauen zum Beispiel haben manchmal geradezu ein Bedürfnis, sich unglücklich und beleidigt zu fühlen, obwohl weder eine Beleidigung noch ein Unglück vorliegt. Und es gibt viele Männer, die in diesem Punkt mit den Frauen Ähnlichkeit besitzen, darunter sogar solche, die keineswegs schwächlich sind und sonst nicht viel Weibisches an sich haben. Der alte Mann empfand das Bedürfnis, sich zu streiten, obwohl er selbst unter diesem Bedürfnis litt.

Ich erinnere mich, daß mir in diesem Augenblick der Gedanke durch den Kopf ging: hatte er vielleicht wirklich vorher etwas von der Art getan, wie es Anna Andrejewna vermutet? Vielleicht hatte gar Gott ihm das Herz gerührt, und er hatte sich wirklich auf den Weg zu Natascha gemacht, war aber unterwegs anderen Sinnes geworden, oder es war ihm dabei irgend etwas mißglückt, er war nicht zur Ausführung seiner Absicht gelangt (wie es auch nicht anders sein konnte), und nun war er, gereizt und gekränkt und sich der soeben gehegten Wünsche und Gefühle schämend, nach Hause zurückgekommen, suchte jemanden, an dem er seinen Ärger über seine »Schwäche« auslassen könne, und wählte sich dazu gerade diejenigen, bei denen er ebendieselben Wünsche und Gefühle am meisten voraussetzte. Vielleicht hatte er, als er seiner Tochter zu verzeihen wünschte, sich ganz besonders das Entzücken und die Freude seiner armen Anna Andrejewna vorgestellt, und nun, da seine Absicht mißlungen war, war seine Frau selbstverständlich die erste, die er deswegen schalt.

Aber als er sah, wie niedergeschmettert sie war und wie sie aus Furcht vor ihm zitterte, wurde er gerührt. Er schien sich seines Zornes zu schämen und beherrschte sich ein Weilchen. Wir schwiegen alle; ich gab mir Mühe, ihn nicht anzusehen. Aber die gute Regung dauerte nicht lange. Er mußte seinem Ingrimm um jeden Preis Luft machen, sei es durch einen wütenden Ausbruch, sei es auch durch eine Verfluchung.

»Siehst du, Wanja«, sagte er plötzlich, »es tut mir leid, ich wollte eigentlich nicht davon reden; aber der richtige Zeitpunkt ist gekommen, und ich muß mich offen aussprechen, ohne Winkelzüge, wie es sich für jeden ehrlichen Menschen ziemt… Du verstehst, Wanja? Ich freue mich, daß du gekommen bist, und darum will ich in deiner Gegenwart laut sagen, damit es auch andere hören, daß all dieser Unsinn, all diese Tränen und Seufzer, all dieses leidvolle Wesen mir schließlich zum Ekel geworden sind. Was ich aus meinem Herzen gerissen habe, wenn auch vielleicht mit Schmerz und blutenden Wunden, das kann nie wieder in mein Herz zurückkehren. So ist das! Ich habe es gesagt, und dabei bleibe ich. Ich rede von dem, was sich vor einem halben Jahr zugetragen hat; du verstehst, Wanja! Und ich rede davon so offen und deutlich eben deshalb, damit du meine Worte in keiner Weise mißverstehen kannst«, fügte er hinzu, indem er mich mit flammenden Augen ansah und offenbar die ängstlichen Blicke seiner Frau vermied. »Ich wiederhole: das ist Unsinn, und ich wünsche es nicht!… Was mich besonders empört, ist, daß alle mich wie einen Dummkopf, wie einen ganz gemeinen Schurken einer so niedrigen, so schwächlichen Empfindung für fähig halten … und denken, daß ich vor Gram den Verstand verliere … Unsinn! Ich habe alle alten Gefühle über Bord geworfen und vergessen! Für mich gibt es keine Erinnerungen mehr … nein, nein, nein und nochmals nein! …«

Er sprang vom Stuhl auf und schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß die Tassen klirrten.

»Nikolai Sergejewitsch! Haben sie denn wirklich kein Mitleid mit Anna Andrejewna? Sehen Sie nur, was Sie ihr antun!« rief ich; ich konnte mich nicht mehr beherrschen und blickte ihn beinahe mit Entrüstung an. Aber ich goß nur Öl ins Feuer.

»Nein, ich habe kein Mitleid!« schrie er, zitternd und erblassend. »Ich habe kein Mitleid, weil man auch mit mir keins hat! Ich habe kein Mitleid, weil in meinem eigenen Hause Verschwörungen gegen mein entehrtes Haupt zugunsten einer liederlichen Tochter angestiftet werden, die des elterlichen Fluches und aller Strafen würdig ist! …«

»Liebster Mann! Nikolai Sergejewitsch! Verfluche sie nicht! … Alles, was du willst; nur verfluche deine Tochter nicht!« rief Anna Andrejewna.

»Ich verfluche sie«, schrie der Alte noch viel lauter als vorher, »weil man von mir, dem Beleidigten und Beschimpften, verlangt, ich solle zu dieser Verworfenen hingehen und sie um Verzeihung bitten! Ja, ja, so ist es! Damit quält man mich täglich, Tag und Nacht, in meinem eigenen Haus, mit Tränen, Seufzern und dummen Andeutungen! Man will mich mürbe kriegen … Sieh mal, Wanja, sieh mal«, fügte er hinzu, indem er eilig mit zitternden Händen Papiere aus seiner Seitentasche herauszog, »hier sind Exzerpte aus meinen Prozeßakten! Aus diesem Prozeß ergibt sich jetzt, daß ich ein Dieb und Betrüger bin und meinen Wohltäter bestohlen habe! … Um ihretwillen bin ich beschimpft und entehrt! Da, da, sieh nur, sieh nur! …«

Und er begann aus der Seitentasche seines Rockes allerlei Papiere, eines nach dem anderen, herauszuholen und auf den Tisch zu werfen und suchte unter ihnen ungeduldig nach demjenigen, das er mir zeigen wollte; aber das gewünschte Papier schien sich absichtlich nicht finden lassen zu wollen. In seiner Ungeduld schleuderte er aus der Tasche alles, was er darin mit der Hand faßte, heraus, und plötzlich fiel etwas Schweres mit hellem Klang auf den Tisch … Anna Andrejewna schrie auf. Es war das verlorene Medaillon.

Ich wollte kaum meinen Augen trauen. Das Blut stieg dem alten Mann in den Kopf und übergoß seine Wangen mit dunkler Röte; er fuhr zusammen. Anna Andrejewna stand mit gefalteten Händen da und sah ihn flehend an. Ihr Gesicht erstrahlte von einer hellen, freudigen Hoffnung. Diese Röte im Gesicht des alten Mannes, diese seine Verlegenheit uns gegenüber … ja, sie hatte sich nicht geirrt; sie begriff jetzt, wie ihr Medaillon verschwunden war!

Sie begriff, daß er es gefunden, sich über seinen Fund gefreut und, vielleicht zitternd vor Wonne, ihn bei sich vor allen Augen verborgen hatte; daß er, sobald er allein war und von niemand gesehen wurde, mit grenzenloser Liebe das Gesichtchen seines geliebten Kindes betrachtet hatte, sich gar nicht daran hatte satt sehen können; daß er vielleicht ebenso wie sie, die arme Mutter, sich allein eingeschlossen hatte, um mit seiner teuren Natascha zu reden, sich ihre Antworten auszudenken und dann wieder selbst darauf zu antworten; daß er nachts in qualvoller Sehnsucht, sein Schluchzen in der Brust unterdrückend, das liebe Bild gestreichelt und geküßt und, statt Verwünschungen auszustoßen, die Verzeihung und den Segen des Höchsten auf die herabgerufen hatte, von der er, wenn andere zugegen gewesen waren, gesagt hatte, er wolle sie nie wiedersehen, er verfluche sie. »Also liebst du sie doch noch, liebster Mann!« rief Anna Andrejewna, die jetzt dem strengen Vater gegenüber, der einen Augenblick vorher ihre Natascha verflucht hatte, ihre Gefühle nicht mehr zurückhalten konnte.

Aber kaum hatte er ihren Ausruf gehört, als eine sinnlose Wut in seinen Augen aufflammte. Er ergriff das Medaillon, warf es heftig auf den Fußboden und begann wie ein Rasender mit dem Fuß daraufzustampfen. »Sei für alle Ewigkeit von mir verflucht!« rief er mit heiserer, fast versagender Stimme. »Für alle Ewigkeit, für alle Ewigkeit!«

»O Gott!« rief die alte Frau; »sie, sie, meine Natascha, ihr Gesichtchen tritt er mit Füßen! Mit Füßen! Du Tyrann! Du gefühlloser, hartherziger Barbar!« Als er das Wehgeschrei seiner Frau hörte, hielt der sinnlose alte Mann, erschrocken über das, was er getan hatte, inne. Auf einmal hob er das Medaillon vom Fußboden auf und wollte aus dem Zimmer stürzen; aber als er zwei Schritte gemacht hatte, fiel er auf die Knie nieder, stützte sich mit den Armen auf das vor ihm stehende Sofa und ließ den Kopf kraftlos sinken.

Er schluchzte wie ein Kind, wie ein Weib. Das Schluchzen beengte ihm die Brust, als wollte es sie zersprengen. Der grimmige Alte war in einem Augenblick schwächer als ein Kind geworden. Oh, jetzt konnte er nicht mehr fluchen; er schämte sich vor keinem von uns mehr, und in einem krampfhaften Ausbruch seiner Liebe bedeckte er nun vor unseren Augen mit zahllosen Küssen dasselbe Bild, das er einen Augenblick vorher mit Füßen getreten hatte. Es schien, als ob seine ganze Zärtlichkeit und Liebe zu seiner Tochter, nachdem er dieses Gefühl so lange in seinem Innern zurückgehalten hatte, nun auf einmal mit unwiderstehlicher Gewalt nach außen hervorbrechen wollte und durch die Gewaltsamkeit dieses Ausbruchs sein ganzes Wesen zerstörte. »Verzeih ihr, verzeih ihr!« rief Anna Andrejewna schluchzend, beugte sich über ihn und umarmte ihn. »Hole sie in das Elternhaus zurück, liebster Mann, und Gott selbst wird dir beim Jüngsten Gericht deine Friedfertigkeit und Barmherzigkeit als Verdienst anrechnen!« »Nein, nein, um keinen Preis, niemals!« rief er mit heiserer, erstickter Stimme. »Niemals! Niemals!«

Vierzehntes Kapitel

Als ich zu Natascha kam, war es schon spät, fast zehn Uhr. Sie wohnte damals an der Fontanka, bei der Semjonowbrücke, in einer dem Kaufmann Kolotuschkin gehörenden schmutzigen Mietskaserne, im vierten Stock. In der ersten Zeit nach dem Verlassen des Elternhauses hatte sie mit Aljoscha eine kleine, aber hübsche, behagliche Wohnung im dritten Stockwerk auf dem Litejniprospekt innegehabt. Aber die Hilfsquellen des jungen Mannes waren bald versiegt. Musiklehrer war er nicht geworden; aber er hatte angefangen zu borgen und war in Schulden geraten, die für seine Verhältnisse gewaltig groß waren. Das Geld verwendete er zur Ausschmückung der Wohnung und zu Geschenken für Natascha, die gegen seine Verschwendung Einspruch erhob, ihn schalt und manchmal sogar weinte. Der empfindsame, zartfühlende Aljoscha dachte manchmal eine ganze Woche lang mit Genuß darüber nach, was er ihr wohl schenken könne und wie sie das Geschenk aufnehmen werde, malte es sich als einen richtigen Festtag aus, teilte mir im voraus voller Entzücken seine Erwartungen und Hoffnungen mit und verfiel dann bei ihren Vorhaltungen und Tränen in eine solche Traurigkeit, daß er einem leid tun konnte; in späterer Zeit kam es aus Anlaß solcher Geschenke zwischen ihnen zu ernstlichen Vorwürfen, zu Verstimmung und Streit. Außerdem vergeudete Aljoscha viel Geld hinter Nataschas Rücken; er führte mit seinen Kameraden ein lustiges Leben, war ihr untreu, verkehrte mit leichtfertigen Damen, liebte aber dabei Natascha dennoch sehr. Er liebte sie mit seelischer Pein; oft kam er verstört und traurig zu mir und sagte, er sei nicht Nataschas kleinen Finger wert; er sei gemein und schlecht, unfähig, sie zu verstehen, und ihrer Liebe unwürdig. Er hatte zum Teil recht: es bestand zwischen ihnen eine vollständige Ungleichheit; er fühlte sich ihr gegenüber wie ein Kind, und auch sie betrachtete ihn immer als ein Kind. Mit Tränen beichtete er mir seinen Verkehr mit einer Kokotte und bat mich zugleich, zu Natascha nichts darüber zu sagen; wenn er dann aber nach all diesen offenherzigen Mitteilungen schüchtern und zitternd mit mir zu ihr kam (ich mußte unbedingt dabeisein; er erklärte, nach seinem Vergehen fürchte er sich, sie anzusehen, und ich sei der einzige, der ihm eine Stütze sein könne), dann wußte Natascha schon beim ersten Blick, den sie auf ihn richtete, wie die Sache stand. Sie war sehr eifersüchtig, und ich begreife nicht, wie sie ihm trotzdem immer alle seine Leichtfertigkeiten verzeihen konnte. Der gewöhnliche Gang war dieser: Aljoscha trat mit mir zu ihr ins Zimmer, redete sie zaghaft an und blickte ihr mit schüchterner Zärtlichkeit ins Gesicht. Sie erriet sogleich, daß er etwas begangen hatte; aber sie ließ sich nichts merken, fing nie zuerst davon zu reden an, fragte nach nichts, sondern verdoppelte vielmehr sogleich ihre Freundlichkeit gegen ihn, wurde noch zärtlicher und heiterer – und das war von ihrer Seite nicht etwa ein bloßes Spiel oder durchdachte Schlauheit; nein, für dieses wundervolle Geschöpf war es die höchste Wonne, zu verzeihen und Nachsicht zu üben; wenn sie ihrem Aljoscha verzieh, so war es, als finde sie schon in der Handlung des Verzeihens an sich einen besonderen, seinen Genuß. Allerdings handelte es sich damals nur erst um Damen der Halbwelt. Sobald Aljoscha sie so milde und zur Verzeihung geneigt sah, konnte er sich nicht mehr halten und beichtete sofort alles von selbst, ganz ohne gefragt zu werden, um sein Herz zu erleichtern, und damit, wie er sich ausdrückte, alles wie vorher sei. Nachdem er Verzeihung erlangt hatte, geriet er in Entzücken, weinte manchmal sogar vor Freude und Rührung, küßte und umarmte sie. Dann wurde er sofort ganz heiter und begann mit kindlicher Offenherzigkeit alle Einzelheiten seiner Abenteuer mit dem betreffenden Dämchen zu erzählen, lachte fortwährend, lobte und pries dankbar Natascha, und der Abend verlief glücklich und vergnügt. Als ihm das Geld ausging, begann er, von seinen Sachen zu verkaufen. Auf Nataschas dringendes Verlangen wurde eine kleine, billige Wohnung gesucht und der Umzug nach der Fontanka bewerkstelligt. Der Verkauf von Sachen wurde fortgesetzt; Natascha verkaufte sogar ihre Kleider und suchte sich Arbeit; als Aljoscha dies erfuhr, kannte seine Verzweiflung keine Grenzen; er verfluchte sich selbst, rief, daß er sich selbst verachte, trug aber trotzdem nichts zur Besserung der Lage bei. Gegenwärtig war es auch mit diesen letzten Hilfsmitteln zu Ende; es blieb nur die Arbeit übrig; aber die Entlohnung dafür war eine höchst geringe.

Gleich von Anfang an, schon damals, als Aljoscha noch bei seinem Vater wohnte, hatten Vater und Sohn miteinander heftigen Streit gehabt. Die Absicht des Fürsten, seinen Sohn mit Katerina Fjodorowna Filimonowa, der Stieftochter der Gräfin, zu verheiraten, war damals erst ein bloßes Projekt; aber er verfolgte dieses Projekt hartnäckig, führte Aljoscha zu seiner künftigen Braut hin, redete ihm zu, er möchte sich Mühe geben, ihr zu gefallen, und suchte sowohl durch Strenge als auch durch Vernunftgründe auf ihn einzuwirken; aber die Sache scheiterte an dem Widerstand der Gräfin. Damals begann der Vater auch die Liaison seines Sohnes mit Natascha stillschweigend zu dulden; er stellte alles der Zeit anheim und hoffte, da er Aljoschas Leichtsinn und seine Flatterhaftigkeit kannte, daß seine Liebe bald vergehen werde. Daß sein Sohn Natascha heiraten könne, dies befürchtete der Fürst fast gar nicht mehr. Was die beiden Liebesleute selbst anlangt, so verschoben sie die Heirat bis zur förmlichen Versöhnung mit dem Vater und überhaupt bis zu einem Umschwung der Verhältnisse. Übrigens sprach Natascha offenbar nicht gern darüber. Aljoscha teilte mir im geheimen mit, daß sein Vater sich über dieses Verhältnis sogar ein bißchen zu freuen scheine: was ihm bei dieser ganzen Sache gefiel, war die Demütigung Ichmenews. Der Form wegen fuhr er jedoch fort, dem Sohn seine Unzufriedenheit zu bezeigen: er verringerte dessen ohnehin schon nicht bedeutendes Taschengeld (er war ihm gegenüber außerordentlich knauserig) und drohte, es ihm ganz zu entziehen. Aber bald darauf reiste er der Gräfin nach Polen nach, wo diese damals geschäftlich zu tun hatte, und suchte dabei immer noch unermüdlich sein Heiratsprojekt zu fördern. Allerdings war Aljoscha eigentlich noch zu jung zum Heiraten; aber das junge Mädchen war doch gar zu reich, und eine so günstige Gelegenheit durfte man sich nicht entgehen lassen. Der Fürst gelangte endlich zum Ziel. Es drangen Gerüchte zu uns, daß die Heiratsangelegenheit endlich in Ordnung komme. Zu der Zeit, bei der meine Erzählung angelangt ist, war der Fürst eben erst nach Petersburg zurückgekehrt. Seinem Sohn begegnete er mit Freundlichkeit, war aber unangenehm davon überrascht, daß dessen Verhältnis mit Natascha so festen Bestand hatte. Er begann Zweifel und Besorgnisse zu hegen. Streng und energisch verlangte er den Abbruch dieser Beziehungen, verfiel aber bald auf ein viel wirksameres Mittel, indem er Aljoscha zur Gräfin führte. Die Stieftochter derselben war teils schon eine schöne junge Dame, teils noch ein Backfisch; sie besaß ein prächtiges Herz, eine reine, makellose Seele und war heiter, verständig und voll Empfindung. Der Fürst rechnete so: das halbe Jahr müsse doch seine Wirkung getan haben; Natascha habe wohl für seinen Sohn nicht mehr den Reiz der Neuheit, und dieser werde seine künftige Braut jetzt schon mit anderen Augen ansehen als vor einem halben Jahr. Er hatte damit das Richtige getroffen, wenn auch nur zum Teil … Aljoscha fühlte sich zu Katerina Fjodorowna in der Tat hingezogen. Ich füge noch hinzu, daß der Vater auf einmal gegen seinen Sohn außerordentlich freundlich geworden war (Geld gab er ihm allerdings darum doch nicht). Aljoscha fühlte, daß sich hinter dieser Freundlichkeit ein unbeugsamer, unabänderlicher Entschluß verbarg, und war betrübt darüber, übrigens nicht so betrübt, wie er es gewesen wäre, wenn er nicht hätte Katerina Fjodorowna alle Tage sehen können. Ich wußte, daß er sich schon seit fünf Tagen bei Natascha nicht hatte blickenlassen. Während ich von Ichmenews zu ihr ging, suchte ich voller Unruhe zu erraten, was sie mir wohl sagen wolle. Schon von weitem bemerkte ich eine Kerze in ihrem Fenster. Wir hatten schon seit geraumer Zeit die Verabredung getroffen, sie solle eine Kerze ins Fenster stellen, wenn sie mich dringend zu sprechen wünsche, so daß ich, wenn ich zufällig vorbeikam (und das geschah fast täglich), an der ungewöhnlichen Helligkeit des Fensters erkennen konnte, daß sie mich erwartete und meiner benötigte. In der letzten Zeit hatte sie die Kerze recht häufig ins Fenster gestellt.

Fünfzehntes Kapitel

Ich traf Natascha allein. Sie ging in tiefen Gedanken, die Arme vor der Brust verschränkt, leise im Zimmer auf und ab. Der Samowar stand erloschen auf dem Tisch; er hatte schon lange auf mich gewartet. Ohne zu sprechen streckte sie mir lächelnd die Hand entgegen. Ihr Gesicht war blaß und trug einen schmerzlichen Ausdruck. In ihrem Lächeln lag etwas Leidendes, Sanftes, Geduldiges. Ihre klaren, blauen Augen schienen größer geworden zu sein, als sie vorher gewesen waren, und das Haar dichter – all dies schien so infolge ihrer Abmagerung und Krankheit.

»Ich dachte schon, du würdest nicht kommen«, sagte sie, indem sie mir die Hand gab; »ich wollte sogar schon Mawra zu dir schicken, um mich zu erkundigen; ich dachte, du wärest vielleicht wieder krank geworden.«

»Nein, das nicht; ich wurde aufgehalten; ich werde es dir gleich erzählen. Aber wie geht es dir, Natascha? Was ist vorgefallen?«

»Vorgefallen ist nichts«, antwortete sie, als ob sie sich über die Frage wundere. »Wieso?«

»Du schriebst mir… schriebst mir schon gestern, ich möchte kommen, und bestimmtest sogar die Stunde, nicht früher, nicht später; das ist doch etwas ungewöhnlich.«

»Ach ja! Ich hatte ihn gestern erwartet.«

»Nun? Ist er immer noch nicht dagewesen?«

»Nein. Ich dachte: wenn er nicht kommt, dann werde ich mich mit dir besprechen müssen«, fügte sie nach kurzem Stillschweigen hinzu.

»Hast du ihn heute abend erwartet?«

»Nein, heute habe ich ihn nicht erwartet: heute abend ist er dort.«

»Was meinst du, Natascha, wird er überhaupt nie mehr kommen?«

»Selbstverständlich wird er kommen«, antwortete sie und blickte mich mit ganz besonderem Ernste an.

Meine raschen Fragen gefielen ihr nicht. Wir verstummten und fuhren fort, im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Ich habe schon lange auf dich gewartet, Wanja«, begann sie lächelnd von neuem; »und weißt du, was ich gemacht habe? Ich bin hier auf und ab gegangen und habe mir Verse auswendig hergesagt. Erinnerst du dich: ›Das Glöckchen, eine Winterreise‹: ›Auf dem eichnen Tische brodelt dienstbereit und blank und rein schon mein Samowar‹ … wir haben es noch zusammen gelesen:

Aufgehört hat nun der Schneesturm: hell ward wieder unsre Bahn, Und aus tausend trüben Augen blickt die stille Nacht mich an – –

Und dann:

An des braven Trabers Joche hell und klar das Glöckchen klingt, Und mir ist’s, als ob dazwischen eine frohe Stimme singt: Ach, wann kommt mein trauter Buhle, um an meiner treuen Brust Alle Sorgen zu vergessen in der Liebe selger Lust?

Ist bei mir nicht wahres Leben? Wenn das prächtge Abendbrot Purpurn schimmernd durch der Fenster eisbedeckte Scheiben lohnt, Brodelt auf dem eichnen Tische dienstbereit und blank und rein Schon mein Samowar; der Ofen knistert, und sein Flackerschein Spielt auf dem geblümten Vorhang vor dem weißen Bette mein.«

Wie schön das ist! Was für Verse voll schmerzlicher Sehnsucht, Wanja, und was für ein phantasievolles Bild! Es ist gleichsam ein bloßer Kanevas, auf dem nur das Muster markiert ist; nun kann man hineinsticken, was man will! Da sind zwei Empfindungen: eine frühere und eine spätere. Dieser Samowar, dieser baumwollene Vorhang, das ist einem alles so vertraut! Das ist ganz wie in den kleinbürgerlichen Häusern in unserem Kreisstädtchen; mir ist, als ob ich das Haus mit meinen eigenen Augen sähe: es ist neu, aus Balken gebaut, noch nicht mit Brettern verschalt … Und dann das andere Bild:

Plötzlich scheint mir, daß das Glöckchen gar so matt und traurig klingt, Und dazu dieselbe Stimme voller Wehmut also singt: Wo mein alter Freund wohl weilet? Ach, ich Arme! Fürchten muß Jetzt ich, daß zur Tür er eintritt, mich begrüßt mit Scherz und Kuß.

Traurig schlepp ich hin mein Leben. Drückend ist die Luft und schwer Hier in meinem dunklen Zimmer; kalt, ach, weht’s vom Fenster her.

Von des Gartens Bäumen allen blieb ein einzger Kirschbaum stehn; Doch durch die befrornen Scheiben kann mein Aug auch ihn nicht sehn; In des Winter scharfem Froste wird auch er wohl bald vergehn.

Welch ein Leben! Auch der Vorhang, der geblümte, bleichte aus; Krank und unstet zieh umher ich, darf nicht heim ins Elternhaus.

Hier ist niemand, der mich liebhat, niemand selbst, der auf mich schilt; Nur die Magd brummt, die bejahrte.«

Dieses ›Krank und unstet zieh umher ich‹, wie schön ist das gesagt! ›Niemand selbst, der auf mich schilt‹, wieviel zarte, feine Empfindung liegt in diesem Verse, wieviel Pein, die man selbst durch die Erinnerung hervorgerufen hat und mit einer Art von Genuß erleidet … O Gott, wie schön das ist! Wie lebenswahr!«

Sie verstummte, als ob sie einen beginnenden Krampf in der Kehle unterdrücken wollte.

»Wanjuschka!« sagte sie zu mir ein Weilchen darauf und schwieg dann wieder; entweder hatte sie selbst vergessen, was sie hatte sagen wollen, oder sie hatte es nur so gedankenlos infolge einer plötzlichen Empfindung hingesagt.

Unterdessen gingen wir immer noch im Zimmer auf und ab. Vor dem Heiligenbild brannte ein Lämpchen. Natascha war in der letzten Zeit noch frömmer und gottesfürchtiger geworden; aber sie hatte es nicht gern, daß man mit ihr darüber sprach.

»Ist denn morgen ein Festtag?« fragte ich. »Du hast ja das Lämpchen brennen.«

»Nein, ein Festtag ist nicht … Aber nimm doch Platz, Wanja; du wirst gewiß müde sein. Willst du Tee? Du hast doch wohl noch nicht getrunken?«

»Setzen wir uns, Natascha! Tee habe ich schon getrunken.«

»Von wo kommst du denn jetzt?«

»Von ihnen.« So bezeichneten wir beide im Gespräch miteinander immer ihr Elternhaus.

»Von ihnen? Wie bist du denn hingekommen! Bist du von selbst hingegangen, oder haben sie dich rufen lassen?«

Sie überschüttete mich mit Fragen. Ihr Gesicht war von der Aufregung noch blasser geworden. Ich erzählte ihr eingehend meine Begegnung mit ihrem Vater, das Gespräch mit der Mutter, die Szene mit dem Medaillon; ich erzählte mit allen Einzelheiten und Nebenumständen. Ich pflegte ihr überhaupt nie etwas zu verheimlichen. Sie hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu und haschte mir jedes Wort von den Lippen. Tränen glänzten in ihren Augen. Die Szene mit dem Medaillon ergriff sie stark.

»Warte mal, warte mal, Wanja«, sagte sie wiederholt, indem sie meine Erzählung unterbrach; »erzähle ausführlicher, alles, alles, so ausführlich wie möglich; du erzählst nicht ausführlich genug! …«

Ich wiederholte meine Darstellung zum zweiten und zum dritten Male, wobei ich alle Augenblicke auf ihre ununterbrochenen Fragen nach Einzelheiten antworten mußte.

»Und du glaubst wirklich, daß er auf dem Weg zu mir war?«

»Ich weiß es nicht, Natascha, und kann nicht einmal eine Ansicht darüber aufstellen. Daß er sich um dich grämt und dich liebt, das ist klar; aber daß er zu dir gehen wollte, das … das …«

»Und er hat das Medaillon geküßt?« unterbrach sie mich. »Was hat er gesagt, als er es küßte?«

»Er sprach zusammenhanglos; es waren nur einzelne Ausrufe; er nannte dich mit den zärtlichsten Namen und rief dich zurück …«

»Er rief mich zurück?«

»Ja.«

Sie weinte still vor sich hin.

»Die Armen!« sagte sie. »Aber daß er alles weiß«, fügte sie nach einem kurzen Stillschweigen hinzu, »ist nicht verwunderlich. Er hat auch über Aljoschas Vater genaue Nachrichten.«

»Natascha«, sagte ich schüchtern, »laß uns zu ihnen gehen!«

»Wann?« fragte sie, erbleichend und sich ein wenig von ihrem Stuhl erhebend.

Sie glaubte, ich forderte sie auf, sofort mitzukommen.

»Nein, Wanja«, fügte sie mit traurigem Lächeln hinzu, indem sie mir beide Hände auf die Schultern legte, »nein, liebster Freund; das ist deine stetige Rede; aber … sprich lieber nicht davon!«

»Also soll diese unselige Entfremdung niemals aufhören, niemals?« rief ich traurig. »Bist du wirklich so stolz, daß du nicht den ersten Schritt tun willst? Dieser erste Schritt kommt dir zu; du mußt diejenige sein, die ihn tut. Vielleicht wartet dein Vater nur darauf, um dir zu verzeihen … Er ist der Vater; du hast ihn gekränkt! Achte seinen Stolz; das ist ein berechtigter, ein natürlicher Stolz! Du mußt es tun. Versuche es, und er wird dir bedingungslos verzeihen.«

»Bedingungslos! Das ist unmöglich; und mache mir keine Vorwürfe, Wanja; es ist vergebens. Tag und Nacht habe ich darüber nachgedacht, bis heute. Seit ich sie verlassen habe, ist vielleicht kein Tag gewesen, an dem ich nicht darüber nachgedacht hätte. Und wie oft haben wir beide darüber gesprochen! Du weißt ja selbst, daß es unmöglich ist!«

»Versuche es!«

»Nein, mein Freund, es geht nicht. Wenn ich es versuchte, so würde ich ihn nur noch mehr gegen mich aufbringen. Was unwiederbringlich ist, kann man nicht wieder zurückbringen, und weißt du, was schlechterdings unwiederbringlich ist? Die glücklichen Kinderjahre, die ich mit ihnen zusammen verlebt habe. Selbst wenn mir der Vater verziehe, würde er mich doch jetzt nicht wiedererkennen. Er hat mich geliebt, als ich noch ein Mädchen, ein großes Kind war. Er hatte seine Freude an meiner kindlichen Einfalt; er pflegte mir immer noch liebkosend über den Kopf zu streichen, gerade wie damals, als ich noch ein siebenjähriges Mädchen war und auf seinen Knien saß und ihm meine Kinderliedchen vorsang. Von meiner frühesten Kindheit an bis zum letzten Tag kam er immer an mein Bett und bekreuzte mich zur Nacht. Einen Monat vor unserm Unglück kaufte er mir ein Paar Ohrringe, ohne daß ich etwas davon wissen sollte (aber ich hatte alles erfahren), und freute sich wie ein Kind bei der Vorstellung, wie ich mich über das Geschenk freuen würde, und schalt gewaltig auf alle und ganz besonders auf mich, als er von mir selbst erfuhr, daß ich von seinem Einkauf schon längst gewußt hatte. Drei Tage vor meinem Weggehen merkte er, daß ich traurig war; sogleich wurde er selbst sehr, sehr traurig, und was meinst du wohl? Um mir eine Zerstreuung zu machen, kam er auf den Einfall, mir ein Theaterbillett zu kaufen! … Wahrhaftig, er wollte mich damit kurieren! Ich wiederhole dir, er kannte und liebte das Mädchen und mochte gar nicht daran danken, daß auch ich jemals eine Frau werden würde. Das kam ihm überhaupt nicht in den Sinn. Jetzt aber würde er, wenn ich nach Hause zurückkehrte, mich gar nicht erkennen. Wenn er mir auch verziehe, wen würde er jetzt vor sich haben? Ich bin eine andere geworden; ich bin kein Kind mehr; ich habe viel erlebt. Wenn ich auch ganz nach seinem Gefallen lebe, so wird er doch nach dem vergangenen Glück seufzen und sich darüber grämen, daß ich so gar nicht mehr dieselbe sei wie in früherer Zeit, als er in mir noch das Kind liebte; und das Vergangene erscheint immer in einer Art von Verklärung! Die Erinnerung daran ist einem ein Schmerz! Oh, wie schön war die Vergangenheit, Wanja!« rief sie; von ihrem Gefühl überwältigt, unterbrach sie sich mit diesem schmerzlichen Ausruf, der aus ihrer tiefsten Seele hervorbrach.

»Was du da sagst, Natascha«, erwiderte ich, »ist alles richtig. Gewiß, er muß dich jetzt erst wieder von neuem kennenlernen und liebgewinnen. Und die Hauptsache ist, daß er dich wieder kennenlernt. Nun, dann wird er dich auch wieder liebgewinnen. Glaubst du denn wirklich, daß er nicht imstande ist, dich wieder kennenzulernen und dich zu verstehen, er mit seinem großmütigen Herzen?«

»Ach, Wanja, sprich nicht so! Was ist denn Besonderes an mir zu verstehen? So hatte ich es nicht gemeint. Aber siehst du, da ist noch ein Punkt: auch die väterliche Liebe ist eifersüchtig. Es ist ihm kränkend, daß mein ganzes Verhältnis zu Aljoscha begonnen und sich bis zum entscheidenden Punkt entwickelt hat, ohne daß er es gewußt oder vorhergesehen hätte. Er ist sich bewußt, daß er es gar nicht geahnt hat, und schreibt die unglücklichen Folgen unserer Liebe, meine Flucht aus dem Elternhaus, meiner ›undankbaren‹ Verschlossenheit zu. Ich bin nicht gleich anfangs zu ihm gekommen; ich habe ihm nicht gleich beim Beginn meiner Liebe jede Regung meines Herzens gebeichtet; im Gegenteil, ich habe alles in mich verschlossen und vor ihm verheimlicht, und ich versichere dich, Wanja, insgeheim ist ihm das noch schmerzlicher und kränkender als die Folgen der Liebe selbst: daß ich von ihnen weggegangen bin und mich ganz meinem Geliebten hingegeben habe. Wenn er mich auch jetzt wie ein Vater mit warmer Freundlichkeit aufnähme, der Same der Feindschaft würde doch bleiben. Am zweiten, dritten Tage würden die Empfindlichkeiten, die Mißverständnisse, die Vorwürfe beginnen. Zudem würde er mir nicht bedingungslos verzeihen. Ich würde ihm ja sagen, und, zwar wahrheitsgemäß aus tiefster Seele, daß ich einsähe, wie sehr ich ihn gekränkt und wie schwer ich mich gegen ihn vergangen habe; und ich würde, so schmerzlich es mir auch wäre, wenn er nicht einsehen wollte, was mich selbst dieses ganze Glück mit Aljoscha gekostet hat und welche Leiden ich selbst erduldet habe, doch meinen Schmerz unterdrücken: aber auch dies würde ihm alles nicht genügen. Er wird von mir einen unmöglichen Lohn für seine Verzeihung fordern; er wird fordern, daß ich meine Vergangenheit verfluche und Aljoscha verfluche und meine Liebe zu ihm bereue. Er wird Unmögliches wünschen: daß die Vergangenheit zurückgerufen und das letzte Halbjahr aus unserem Leben ausgestrichen werde. Aber ich werde niemand verfluchen, und ich kann nicht bereuen … Es mußte nun einmal so kommen, und so ist es denn auch geschehen … Nein, Wanja, jetzt ist meine Rückkehr zu ihnen unmöglich; die Zeit dafür ist noch nicht gekommen.«

»Wann wird denn die Zeit dafür kommen?«

»Das weiß ich nicht … Wir müssen uns unser künftiges Glück von neuem durch Leid verdienen, es uns durch neue Qualen erkaufen. Durch Leid wird alles geläutert … Ach, Wanja, wieviel Schmerz gibt es im Leben!«

Ich schwieg und blickte sie nachdenklich an.

»Warum siehst du mich so an, Aljoscha – ich wollte sagen Wanja?« fragte sie, indem sie sich versprach und über ihr Versehen lächelte.

»Ich beobachte dein Lächeln, Natascha. Wo hast du das hergenommen? Früher hattest du ein solches Lächeln nicht.«

»Was ist denn an meinem Lächeln Besonderes?«

»Die frühere kindliche Naivität liegt allerdings noch darin; aber wenn du lächelst, so ist es, als ob du gleichzeitig einen heftigen Schmerz im Herzen empfändest. Du bist abgemagert, Natascha, und es sieht aus, als wäre dein Haar dichter geworden … Was hast du da für ein Kleid an? Ist das noch gemacht, als du bei ihnen warst?«

»Wie lieb du mich hast, Wanja«, antwortete sie, mich freundlich anblickend. »Nun, und du? Was machst du jetzt? Wie steht es mit deiner Arbeit?«

»Es hat sich nichts geändert; ich schreibe immer noch an meinem Roman; aber es geht schwer, es will nicht recht vom Fleck. Die Inspiration versagt. Ich könnte ja nun vielleicht auch ohne solche schreiben, und es würde doch etwas Interessantes herauskommen; aber es tut mir leid, die gute Idee zu verderben. Das ist eine von meinen Lieblingsideen. Aber zum Termin muß unbedingt etwas in die Zeitschrift. Ich habe schon daran gedacht, den Roman liegenzulassen und so schnell wie möglich eine Novelle auszudenken, so etwas Leichtes, Anmutiges, ganz und gar ohne trübe Tendenz … Ganz und gar … Alle Leser sollen dabei heiter und vergnügt werden! …«

»Du armer Arbeitssklave! Und was macht Smith?«

»Smith ist ja gestorben.«

»Ist sein Geist nicht zu dir gekommen? Ich sage dir ganz im Ernst, Wanja, du bist krank, deine Nerven sind angegriffen, du hast immer solche phantastischen Vorstellungen. Als du mir erzähltest, du habest diese Wohnung gemietet, habe ich das alles an dir bemerkt. Wie ist es? Sagtest du nicht, die Wohnung sei feucht und häßlich?«

»Ja. Es ist mir heute abend noch etwas begegnet … Aber ich werde es dir ein andermal erzählen.«

Sie hörte nicht mehr, was ich sagte, und saß tief in Gedanken versunken da.

»Ich begreife nicht, wie ich damals habe von ihnen weggehen können; ich muß im Fieber gewesen sein«, sagte sie endlich und sah mich mit einem Blick an, der deutlich zeigte, daß sie keine Erwiderung erwartete.

Hätte ich in diesem Augenblick zu ihr gesprochen, so hätte sie mich gar nicht gehört.

»Wanja«, sagte sie kaum hörbar, »ich habe dich in einer wichtigen Angelegenheit hergebeten.«

»Was gibt es denn?«

»Ich trenne mich von ihm.«

»Hast du dich schon von ihm getrennt, oder willst du es erst tun?«

»Ich muß diesem Zustand ein Ende machen. Ich habe dich hergebeten, um dir alles auszusprechen, was mich jetzt bedrückt und was ich dir bisher verheimlicht habe.«

Dies war ihre gewöhnliche Einleitung, wenn sie sich anschickte, mir ihre geheimen Absichten anzuvertrauen, und fast immer ergab sich dann, daß ich all diese Geheimnisse schon längst aus ihrem eigenen Mund kannte.

»Ach, Natascha, das habe ich ja schon tausendmal von dir gehört! Gewiß, ihr könnt nicht zusammenleben; eure Verbindung ist zu seltsam; ihr habt nichts Gemeinsames. Aber … wird auch deine Kraft dazu ausreichen?«

»Früher hatte ich die Trennung nur in Aussicht genommen, Wanja; aber jetzt bin ich vollständig dazu entschlossen. Ich liebe ihn grenzenlos; aber dabei kommt es so heraus, daß ich seine schlimmste Feindin bin; ich zerstöre ihm seine Zukunft. Ich muß ihn befreien. Heiraten kann er mich nicht; er ist nicht imstande, etwas gegen den Willen seines Vaters zu tun. Ich will ihn auch nicht festhalten. Und darum freue ich mich sogar darüber, daß er sich in das Mädchen verliebt hat, das sein Vater ihm zur Frau geben möchte. Dadurch wird ihm die Trennung von mir erleichtert werden. Ich muß so handeln! Das ist meine Pflicht … Wenn ich ihn liebe, so muß ich für ihn alles zum Opfer bringen, muß ihm meine Liebe beweisen; das ist meine Pflicht! Nicht wahr?«

»Aber du wirst ihn nicht dazu überreden können.«

»Überreden werde ich ihn auch gar nicht. Ich werde mich gegen ihn ganz wie früher benehmen, selbst wenn er in diesem Augenblick hereintreten sollte. Aber ich muß ein Mittel finden, damit es ihm leicht wird, sich von mir ohne Gewissensbisse zu trennen. Das ist es, was mich quält, Wanja. Hilf mir! Kannst du mir nicht etwas raten?«

»In solchen Fällen gibt es nur ein Mittel«, erwiderte ich. »Man muß ganz aufhören, den Betreffenden zu lieben, und statt seiner einen andern lieben. Aber schwerlich wird dieses Mittel hier verfangen. Du kennst ja doch seinen Charakter. Da ist er nun fünf Tage lang nicht zu dir gekommen; aber wenn du nun annimmst, daß er sich ganz von dir abgewandt habe, dann brauchst du ihm nur zu schreiben, daß du selbst dich von ihm lossagtest, und er wird sogleich zu dir gelaufen kommen.«

»Warum kannst du ihn nicht leiden, Wanja?«

»Ich?«

»Ja, du, du! Du bist sein Feind, im geheimen und öffentlich! Du kannst von ihm nicht anders als gehässig reden. Ich habe tausendmal beobachtet, daß es dir das größte Vergnügen macht, ihn herabzusetzen und zu verleumden! Jawohl, zu verleumden; ich sage die Wahrheit!«

»Und mir hast du das schon tausendmal gesagt. Hör auf damit, Natascha; lassen wir dieses Thema!«

»Ich möchte gern in eine andere Wohnung ziehen«, begann sie nach einem kurzen Stillschweigen wieder. »Aber sei mir nicht böse, Wanja! …«

»Was hat das für Nutzen? Er wird auch in eine andere Wohnung kommen. Böse bin ich dir wirklich nicht.«

»Die Liebe ist stark; eine neue Liebe kann ihn fesseln. Wenn er auch zu mir zurückkommt, so tut er es doch vielleicht nur für einen Augenblick; was meinst du?«

»Ich weiß es nicht, Natascha; bei ihm ist alles im höchsten Grad widerspruchsvoll: er möchte jene heiraten und dabei doch dich lieben. Er wäre fähig, das alles zugleich zu tun.«

»Wenn ich bestimmt wüßte, daß er sie liebt, dann würde ich meinen Entschluß fassen … Wanja! Verbirg mir nichts! Weißt du etwas, was du mir nicht sagen willst?«

Sie sah mich mit einem ängstlichen, forschenden Blick an.

»Ich weiß nichts, liebe Freundin; ich gebe dir mein Ehrenwort, ich bin immer aufrichtig gegen dich gewesen. Übrigens noch eins: ich denke mir, vielleicht ist er in die Stieftochter der Gräfin gar nicht so stark verliebt, wie wir glauben. Es ist vielleicht nur so eine Schwärmerei …«

»Glaubst du das, Wanja? O Gott, wenn ich das bestimmt wüßte! Ach, könnte ich ihn doch in diesem Augenblick sehen, ihn nur ansehen! Ich würde ihm alles vom Gesicht ablesen! Aber er ist nicht hier! Er ist nicht hier!«

»Erwartest du ihn etwa, Natascha?«

»Nein, er ist bei ihr; ich weiß es; ich habe mich erkundigt. Und wie gern würde ich auch sie sehen! … Hör einmal, Wanja, ich rede Unsinn, aber ist es denn wirklich ganz unmöglich, daß ich sie sehe, daß ich irgendwo mit ihr zusammenkomme? Was meinst du?«

Sie wartete unruhig auf meine Antwort.

»Sehen könntest du sie schon. Aber das bloße Sehen hat doch wenig Zweck.«

»Auch wenn ich sie nur sähe, so würde mir das genügen; ich würde dann alles, was ich wissen wollte, selbst erraten. Hör einmal: ich bin ja so dumm geworden; ich gehe hier immer so auf und ab, ganz allein, ganz allein, und denke immer nach; meine Gedanken drehen sich wie im Wirbel umher; es ist ein schrecklicher Zustand! Ich habe mir gedacht, Wanja: könntest du nicht die Bekanntschaft dieser jungen Dame machen? Die Gräfin hat ja deinen Roman gelobt (das hast du mir damals selbst erzählt); du besuchst ja manchmal die Abendgesellschaften beim Fürsten R., bei dem auch sie verkehrt. Veranlasse doch, daß du ihr da vorgestellt wirst! Sonst könnte dich vielleicht auch Aljoscha mit ihr bekannt machen. Und dann könntest du mir alles von der Stieftochter erzählen.«

»Natascha, liebe Freundin, davon ein andermal! Aber ich möchte fragen: glaubst du wirklich im Ernst, daß deine Kraft dazu ausreichen wird, die Trennung zu ertragen? Sieh dich nur in diesem Augenblick an: bist du wirklich ruhig?«

»Sie … wird … ausreichen!« antwortete sie kaum hörbar. »Für ihn tue ich alles. Mein ganzes Leben gebe ich für ihn hin. Aber weißt du, Wanja, ich kann es nicht ertragen, daß er jetzt bei ihr ist, mich vergessen hat, neben ihr sitzt und plaudert und lacht, so wie er oft hier gesessen hat, du erinnerst dich. Er blickt ihr gerade in die Augen; so blickt er einen immer an, und es kommt ihm jetzt gar nicht in den Sinn, daß ich hier bin, mit dir zusammen …«

Sie sprach nicht zu Ende und sah mich verzweiflungsvoll an.

»Aber wie hast du denn noch vorhin, erst vorhin eben sagen können, Natascha …«

»Wir wollen uns gleichzeitig, beide gleichzeitig voneinander trennen!« unterbrach sie mich mit funkelnden Augen. »Ich selbst werde ihn dafür segnen … Aber gar zu schmerzlich ist es, Wanja, wenn er es ist, der mit dem Vergessen den Anfang macht! Ach, Wanja, was ist das für eine Qual! Ich verstehe mich selbst nicht: die Vernunft rät mir das eine, aber ich tue das andre. Was soll noch aus mir werden!«

»Hör auf, hör auf, Natascha! Beruhige dich! …«

»Heute sind es schon fünf Tage, daß ich täglich und stündlich … Selbst im Traum, immer denke ich an ihn! Weißt du, Wanja, wir wollen hingehen, begleite mich!«

»Hör auf, Natascha!«

»Nein, laß uns hingehen! Ich habe nur auf dich gewartet, Wanja! Ich habe schon drei Tage lang darüber nachgedacht. Das war auch der Grund, weshalb ich an dich geschrieben habe … Du mußt mich begleiten; du darfst mir das nicht abschlagen … Ich habe auf dich gewartet … drei Tage lang … Es ist dort heute eine Abendgesellschaft … er ist dort … laß uns hingehen!«

Sie befand sich in einer Art von Fieberzustand. Im Vorzimmer wurde Geräusch hörbar; Mawra schien mit jemandem zu streiten.

»Warte, Natascha, wer ist da?« fragte ich. »Horch!«

Sie horchte mit einem ungläubigen Lächeln und wurde auf einmal furchtbar blaß.

»Mein Gott, wer ist da?« sagte sie kaum hörbar.

Sie wollte mich zurückhalten; aber ich ging in das Vorzimmer hinaus zu Mawra. Richtig! Es war Aljoscha! Er fragte Mawra nach etwas, und diese wollte ihn zunächst nicht hereinlassen.

»Wo kommen Sie denn jetzt auf einmal her?« sagte sie in befehlshaberischem Tone. »Wo haben Sie sich herumgetrieben? Na, gehen Sie nur wieder, gehen Sie! Mich werden Sie nicht bestechen! Machen Sie, daß Sie fortkommen; was können Sie denn zu Ihrer Verteidigung antworten!«

»Ich fürchte mich vor niemand! Ich gehe hinein!« sagte Aljoscha, der indessen etwas verlegen war.

»Ach, machen Sie, daß Sie fortkommen! Sie sind ein arger Windhund!«

»Ich gehe hinein! Ah, Sie sind auch hier!« sagte er, als er mich erblickte. »Das ist ja schön, daß Sie hier sind! Nun also, da bin ich, sehen Sie; wie soll ich denn jetzt …«

»Gehen Sie nur einfach hinein!« antwortete ich; »wovor fürchten Sie sich?«

»Ich fürchte mich vor nichts, kann ich Ihnen versichern; denn ich habe mir, weiß Gott, nichts zuschulden kommen lassen. Sie glauben, daß es doch der Fall ist? Sie werden sehen, ich werde mich sofort rechtfertigen. Natascha, darf ich hereinkommen?« rief er mit gemachter Keckheit, indem er vor der geschlossenen Tür stehenblieb.

Niemand antwortete.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte er beunruhigt.

»Nichts Besonderes, sie war soeben noch da«, antwortete ich. »Vielleicht ist etwas …«

Aljoscha öffnete behutsam die Tür und sah sich schüchtern im Zimmer um. Es war niemand da.

Auf einmal erblickte er sie in einem Winkel zwischen einem Schrank und dem Fenster. Sie stand dort, als ob sie sich versteckt hätte, in einem Mittelzustand zwischen Tod und Leben. Wenn ich daran denke, kann ich mich noch heutigentags eines Lächelns nicht erwehren.

»Natascha, was machst du da? Guten Abend, Natascha«, sagte er schüchtern, indem er sie einigermaßen erschrocken anblickte.

»Nun, was denn? Nichts! …« antwortete sie in schrecklicher Verlegenheit, als ob sie selbst sich etwas hätte zuschulden kommen lassen. »Du … willst du Tee?«

»Natascha, höre mich …« sagte Aljoscha, der vollkommen die Fassung verloren hatte. »Du bist vielleicht überzeugt, daß ich schuldig bin … Aber ich bin nicht schuldig; ich bin ganz und gar nicht schuldig! Siehst du, ich werde dir sogleich alles erzählen.«

»Aber wozu denn das?« flüsterte Natascha. »Nein, nein, das ist nicht nötig … gib mir lieber die Hand, und die Sache ist erledigt … wie immer …«

Sie trat aus dem Winkel heraus; ihre Wangen begannen sich zu röten. Sie schaute zu Boden, wie wenn sie sich fürchtete, Aljoscha anzusehen.

»O mein Gott!« rief er entzückt; »wenn ich mich schuldig fühlte, so würde ich nach diesem Verhalten von ihrer Seite ja wohl nicht wagen, sie auch nur anzublicken! Sehen Sie, sehen Sie!« rief er, zu mir gewendet; »sie hält mich für schuldig; alles spricht gegen mich, alle Anzeichen sprechen gegen mich! Fünf Tage lang bin ich nicht gekommen! Gerüchte melden, ich sei bei der jungen Dame, mit der man mich verheiraten möchte – und was geschieht? Sie verzeiht mir ohne weiteres! Sie sagt: ›Gib mir die Hand, und die Sache ist erledigt!‹ Natascha, meine Teure, mein Engel! Ich bin nicht schuldig; das sollst du wissen! Ich bin nicht die Spur schuldig! Im Gegenteil! Im Gegenteil!«

»Aber … aber du bist doch jetzt dort gewesen … Du warst doch jetzt eingeladen … Wie kommt es denn, daß du hier bist? Wie spät ist es?«

»Halb elf! Ich bin auch wirklich dort gewesen. Aber ich sagte, ich sei krank, und fuhr weg, und dies ist das erste, allererste Mal in diesen fünf Tagen, daß ich frei bin, daß ich imstande war, mich von ihnen loszumachen und zu dir zu kommen, Natascha. Das heißt, ich hätte auch früher kommen können; aber ich habe es absichtlich nicht getan! Und warum? Das wirst du sogleich hören, ich werde es dir auseinandersetzen; aber, weiß Gott, ich habe mich dieses Mal dir gegenüber in keiner Hinsicht schuldig gemacht, in keiner Hinsicht! In keiner Hinsicht!«

Natascha hob den Kopf in die Höhe und blickte ihn an. Aber der Blick, mit dem er den ihrigen beantwortete, strahlte so von Aufrichtigkeit, und sein Gesicht war so fröhlich, so ehrlich, so vergnügt, daß es schlechterdings unmöglich war, ihm zu mißtrauen. Ich glaubte, die beiden würden aufschreien und einander in die Arme sinken, wie das früher schon mehrmals bei ähnlichen Versöhnungen geschehen war. Aber Natascha ließ, wie überwältigt von ihrem Glück, den Kopf auf die Brust sinken und … begann auf einmal leise zu weinen. Da konnte sich Aljoscha nicht mehr beherrschen. Er warf sich ihr zu Füßen; er küßte ihre Hände, ihre Füße; er war wie von Sinnen. Ich schob ihr einen Lehnsessel hin. Sie setzte sich. Die Beine waren ihr schwach geworden.

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Erniedrigte und Beleidigte – Teil 2 >>
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