Erfolge und neue Herausforderungen

Ich bin wie in den beiden vergangenen Jahren Ende Juni hierher nach Harzburg gegangen, um der Niederschrift dieser Erinnerungen abermals einige Wochen zu widmen, und gedenke nicht eher von hier fortzugehen, ehe ich damit zu Ende gekommen bin. Wiederholt habe ich in Charlot­tenburg versucht, diese einmal begonnene Arbeit fortzusetzen, aber es hat nicht gelingen wollen, den Blick dort, wo alles nach vorwärts drängt, dauernd nach rückwärts zu wenden Es ist eben die Gewöhnung, welche uns die stärksten Fesseln anlegt. Niemals habe ich die Gedanken und Pläne, die mich gerade beschäftigten, vollständig verdrängen können und vielfach hat mir dies den Genuß der Gegenwart verkümmert, denn ich vermochte mich ihm immer nur vorübergehend ganz hinzu­geben. Andererseits gewährt aber ein solches halb träumerisch grübelndes, halb thatkräftig fortstre­bendes Gedankenleben auch große Genüsse. Es bereitet uns mitunter sogar vielleicht die reinsten und erhebendsten Freuden, deren der Mensch fähig ist. Wenn ein dem Geiste bisher nur dunkel vorschwebendes Naturgesetz plötzlich klar aus dem es verhüllenden Nebel hervortritt, wenn der Schlüssel zu einer lange vergeblich gesuchten mechanischen Combination gefunden ist, wenn das fehlende Glied einer Gedankenkette sich glücklich einfügt, so gewährt dies dem Erfinder das erhebende Gefühl eines errungenen geistigen Sieges, welches ihn allein schon für alle Mühen des Kampfes reichlich entschädigt und ihn für den Augenblick auf eine höhere Stufe des Daseins erhebt. Freilich dauert der Freudentaumel in der Regel nicht lange. Die Selbstkritik entdeckt ge­wöhnlich bald einen dunkel gebliebenen Fleck in der Entdeckung, der ihre Wahrheit zweifelhaft macht oder sie wenigstens eng begrenzt, sie deckt einen Trugschluß auf, in dem man befangen war oder, und das ist leider fast die Regel, sie führt zu der Erkenntniß, daß man nur Altbekanntes in neuem Gewande gefunden hat. Erst wenn die strenge Selbstkritik einen gefunden Kern übrig gelas­sen hat, beginnt die regelrechte schwere Arbeit der Ausbildung und Durchführung der Erfindung und dann der Kampf für ihre Einführung in das wissenschaftliche oder technische Leben, in dem die meisten schließlich zu Grunde gehen. Das Entdecken und Erfinden bringt daher Stunden höchsten Genusses, aber auch Stunden größter Enttäuschung und harter, fruchtloser Arbeit. Das Publicum beachtet in der Regel nur die wenigen Fälle, wo glückliche Erfinder mühelos auf eine nützliche Idee gefallen und durch ihre Ausbeutung ohne viel Arbeit zu Ruhm und Reichthum gelangt sind, oder die Klasse der erwerbsmäßigen Erfindungsjäger, die es sich zur Lebensaufgabe machen, nach technischen Anwendungen bekannter Dinge zu suchen und sich dieselben durch Patente zu sichern. Aber nicht diese Erfinder sind es, welche der Entwicklung der Menschheit neue Bahnen eröffnen, die sie voraussichtlich zu vollkommeneren und glücklicheren Zuständen führen werden, sondern die, welche – sei es in stiller Gelehrtenarbeit, sei es im Getümmel technischer Thätigkeit – ihr ganzes Sein und Denken dieser Fortentwicklung um ihrer selbst willen widmen. Ob Erfindungen durch richtige Beurtheilung und Benutzung der obwaltenden Verhältnisse des praktischen Lebens zur Ansammlung von Reichthum führen oder nicht, hängt vielfach vom Zufall ab. Leider wirken aber die Beispiele mit glücklichem Erfolge sehr anreizend und haben ein Heer von Erfindern anwachsen lassen, das ohne die nöthigen Kenntnisse und ohne Selbstkritik sich aufs Entdecken und Erfinden stürzt und daran meist zu Grunde geht. Ich habe es stets als eine Pflicht betrachtet, solche verblendeten Erfinder von dem gefährlichen Wege abzuwenden, den sie betreten hatten, und es hat mich dies immer viel Zeit und Mühe gekostet. Leider haben meine Bemühungen aber nur selten Erfolg gehabt und nur gänzliches Mißlingen und bitterste, selbstverschuldete Noth bringt sie bisweilen zur Erkenntniß ihres Irrthums.

Es sind namentlich zwei Erfindungsgedanken, welche schon unzählige, zum Theil recht gut bean­lagte und sogar auf ihrem eigenen Thätigkeitsgebiete hervorragend tüchtige Leute irre geführt und auch häufig zu Grunde gerichtet haben. Dies sind die Erfindungen des sogenannten perpetuum mobile d.h. einer selbstthätig Arbeitskraft leistenden Maschine und die der Flugmaschine und des lenkbaren Luftschiffs. Man sollte glauben, daß die Erkenntniß des Naturgesetzes der Erhaltung der Kraft schon so in das Volksbewußtsein übergegangen sei, daß die Hervorbringung von Ar­beitskraft aus Nichts für ebenso naturwidrig gelten müßte wie die Erzeugung von Materie, doch es scheinen immer Generationen vorübergehen zu müssen, bevor eine neue Grundwahrheit allgemein als solche anerkannt wird. Ist Jemand einmal von dem unseligen Wahne ergriffen, daß er den Weg gefunden habe, allein durch mechanische Combinationen Arbeitsmaschinen herzustellen, so ist er einer meist unheilbaren geistigen Krankheit verfallen, die jeder Belehrung und selbst der schmerz­lichsten Erfahrung trotzt. Aehnlich ist es mit den Bestrebungen, Flugmaschinen und lenkbare Luft­ballons herzustellen. Die Aufgabe selbst liegt ja für jeden mechanisch etwas geschulten Geist sehr einfach. Es ist unzweifelhaft, daß wir Flugmaschinen nach dem Vorbilde der fliegenden Thiere herstellen können, wenn erst die Grundbedingung dafür erfüllt ist, welche darin besteht, daß wir Maschinen haben, die so leicht und kräftig sind wie die Bewegungsmuskeln der fliegenden Thiere und keines viel größeren Brennmaterialverbrauches bedürfen wie diese. Ist erst eine solche Ma­schine erfunden, so kann jeder geschickte Mechaniker eine Flugmaschine bauen. Die Erfinder fangen aber immer am verkehrten Ende an und erfinden Flugmechanismen, ohne die Kraft zur Be­wegung derselben zu haben. Noch schlimmer steht es mit den lenkbaren Luftschiffen. Die Aufgabe solche herzustellen ist im Princip längst gelöst, denn jeder Luftballon kann durch einen passenden Bewegungsmechanismus, der in der Gondel angebracht ist, bei windstillem Wetter langsam in be­liebiger Richtung fortbewegt werden. Dies kann aber nur langsam geschehen, weil einmal hinläng­lich leichte Kraftmaschinen noch fehlen, um den voluminösen Ballon in größerer Geschwindigkeit durch die Luft oder gegen den Wind zu treiben, und weil zweitens das Material des Ballons einen starken Gegendruck der Luft gar nicht ertragen würde, wenn man auch solche Maschinen besäße. Die längliche Form, welche die Erfinder dem Ballon geben, damit er die Luft besser durchschneide, vermehrt sein Gewicht bei gleichem tragenden Volumen und ist daher ohne Werth. Ebenso die Anbringung von schiefen Ebenen, welche das Tragen des Gewichtes erleichtern sollen.

Außer diesen beiden Problemen giebt es noch eine Menge anderer, an welchen Erfinder Zeit und Mittel verschwenden, da sie nicht übersehen, daß der Technik die Mittel zu ihrer Durchfüh­rung zur Zeit noch fehlen.

Ich nehme nach diesen Abschweifungen den Faden meiner Lebenserinnerungen bei meinem Rück­tritte von der politischen Thätigkeit wieder auf.

Der Krieg von 1866 hatte die Hindernisse niedergeworfen, welche der ersehnten Einheit Deutsch­lands entgegenstanden, und hatte zugleich den inneren Frieden in Preußen wiederhergestellt. Dem nationalen Gedanken war dadurch ein neuer Halt gegeben, und die bis dahin unbestimmten, gleich­sam tastenden Bestrebungen der deutschen Patrioten erhielten jetzt eine feste Grundlage und be­stimmte Richtung. Zwar schied die Maingrenze Deutschland noch immer in eine nördliche und südliche Hälfte, doch zweifelte Niemand daran, daß ihre Beseitigung nur eine Frage der Zeit wäre, wenn sie nicht durch äußere Gewalt befestigt würde. Daß Frankreich den Versuch dazu machen würde, erschien als gewiß, aber die Zuversicht war gewachsen, daß Deutschland auch diese Prü­fung glücklich bestehen werde. Als Folge dieses großen Umschwunges der Volksstimmung ergab sich das allgemeine Bestreben, das Errungene schnell zu befestigen, das Gefühl der Zusammenge­hörigkeit von Nord und Süd trotz Mainlinie zu kräftigen und sich auf die kommenden Kämpfe vor­zubereiten.

Diese gehobene Stimmung machte sich durch erhöhte Thätigkeit auf allen Gebieten des Lebens geltend und blieb auch nicht ohne Rückwirkung auf unsere geschäftlichen Arbeiten. Magnetelek­trische Minenzünder, elektrische Distanzmesser, elektrische Schiffssteuerung, um mit Sprengla­dung ausgerüstete Boote ohne Bemannung feindlichen Schiffen entgegenzusteuern, sowie zahlrei­che Verbesserungen der Militärtelegraphie waren Kinder dieser bewegten Zeit.

Ich will hier nur auf eine in diese Zeit fallende, nicht militärische Erfindung näher eingehen, da sie die Grundlage eines großen neuen Industriezweiges geworden ist und fast auf alle Gebiete der Technik belebend und umgestaltend eingewirkt hat und noch fortdauernd einwirkt, ich meine die Erfindung der dynamo-elektrischen Maschine.

Bereits im Herbst des Jahres 1866, als ich bemüht war die elektrischen Zündvorrichtungen mit Hülfe meines Cylinderinductors zu vervollkommnen, beschäftigte mich die Frage, ob man nicht durch geschickte Benutzung des sogenannten Extrastromes eine wesentliche Verstärkung des In­ductionsstromes hervorbringen könnte. Es wurde mir klar, daß eine elektromagnetische Maschine, deren Arbeitsleistung durch die in ihren Windungen entstehenden Gegenströme so außerordentlich geschwächt wird, weil diese Gegenströme die Kraft der wirksamen Batterie beträchtlich vermin­dern, umgekehrt eine Verstärkung der Kraft dieser Batterie hervorrufen müßte, wenn sie durch eine äußere Arbeitskraft in der entgegengesetzten Richtung gewaltsam gedreht würde. Dies mußte der Fall sein, weil durch die umgekehrte Bewegung gleichzeitig die Richtung der inducirten Ströme umgekehrt wurde. In der That bestätigte der Versuch diese Theorie, und es stellte sich dabei heraus, daß in den feststehenden Elektromagneten einer passend eingerichteten elektromagnetischen Maschine immer Magnetismus genug zurückbleibt, um durch allmähliche Verstärkung des durch ihn erzeugten Stromes bei umgekehrter Drehung die überraschendsten Wirkungen hervorzubringen.

Es war dies die Entdeckung und erste Anwendung des allen dynamo-elektrischen Maschinen zu Grunde liegenden dynamo-elektrischen Princips. Die erste Aufgabe, welche dadurch praktisch gelöst wurde, war die Construction eines wirksamen elektrischen Zündapparates ohne Stahlmagne­te, und noch heute werden Zündapparate dieser Art allgemein verwendet. Die Berliner Physiker, unter ihnen Magnus, Dove, Rieß, du Bois-Reymond, waren äußerst überrascht, als ich ihnen im Dezember 1866 einen solchen Zündinductor vorführte und an ihm zeigte, daß eine kleine elektro­magnetische Maschine ohne Batterie und permanente Magnete, die sich in einer Richtung ohne allen Kraftaufwand und in jeder Geschwindigkeit drehen ließ, der entgegengesetzten Dre­hung einen kaum zu überwindenden Widerstand darbot und dabei einen so starken elektrischen Strom erzeugte, daß ihre Drahtwindungen sich schnell erhitzten. Professor Magnus erbot sich so­gleich, der Berliner Akademie der Wissenschaften eine Beschreibung meiner Erfindung vorzule­gen, dies konnte jedoch der Weihnachtsferien wegen erst im folgenden Jahre, am 17. Januar 1867, geschehen.

Meine Priorität in der Aufstellung des dynamo-elektrischen Principes ist später, als sich dieses bei seiner weiteren Entwickelung als so überaus wichtig herausstellte, von verschiedenen Seiten ange­fochten worden. Zunächst wurde Professor Wheatstone in England fast durchgehends als gleichzei­tiger Erfinder anerkannt, weil er in einer Sitzung der Royal Society am 15. Februar 1867, in der mein Bruder Wilhelm meinen Apparat vorführte, gleich darauf einen ähnlichen Apparat zeigte, der sich von dem meinigen nur durch ein anderes Verhältniß der Drahtwindungen des feststehenden Elektromagnetes zu denen des gedrehten Cylindermagnetes unterschied. Demnächst trat Herr Varley mit der Behauptung auf, er hätte schon Anfang des Herbstes 1866 einen eben solchen Appa­rat bei einem Mechaniker in Bestellung gegeben, auch später eine »provisional specification« darauf eingereicht. Es ist aber schließlich doch meine erste vollständige theoretische Begründung des Princips in den gedruckten Verhandlungen der Berliner Akademie und die derselben vorherge­gangene praktische Ausführung als für mich entscheidend angenommen. Auch ist der von mir dem Apparat gegebene Name »dynamo-elektrische Maschine« allgemein üblich geworden, wenn ihn auch die Praxis vielfach in »der Dynamo« corrumpirt hat.

Schon in meiner Mittheilung an die Berliner Akademie hatte ich hervorgehoben, daß die Technik jetzt das Mittel erworben hätte, durch Aufwendung von Arbeitskraft elektrische Ströme jeder ge­wünschten Spannung und Stärke zu erzeugen, und daß dies für viele Zweige derselben von großer Bedeutung werden würde. Es wurden von meiner Firma auch sogleich große derartige Maschinen gebaut, von denen eine auf der Pariser Weltausstellung von 1867 ausgestellt wurde, während eine zweite im Sommer desselben Jahres von Seiten des Militärs zu elektrischen Beleuchtungsver­suchen bei Berlin benutzt wurde. Diese Versuche fielen zwar ganz befriedigend aus, es stellte sich aber der Uebelstand heraus, daß die Drahtwindungen der Anker sich schnell so stark erhitzten, daß man das erzeugte elektrische Licht nur kurze Zeit ohne Unterbrechung leuchten lassen konnte. Die in Paris ausgestellte Maschine kam gar nicht zur Prüfung, da in dem meiner Firma zugewiesenen Raume keine Krafttransmission vorhanden war, und die Jury, der ich selbst angehörte, die Ausstel­lungen ihrer Mitglieder, die »hors concours« waren, keiner Prüfung unterzog. Um so mehr Aufsehen erregte eine von einem englischen Mechaniker ausgestellte Imitation meiner Maschine, die von Zeit zu Zeit ein kleines elektrisches Licht erzeugte. Durch den mir beim Schluß der Aus­stellung ertheilten Orden der Ehrenlegion glaubte man mich hinlänglich anerkannt zu haben.

In späterer Zeit, als die Dynamo-Maschine nach wesentlichen Verbesserungen, namentlich durch Einführung des Pacinottischen Ringes und des von Hefnerschen Wickelungssystemes die weiteste Anwendung in der Technik gefunden, und Mathematiker wie Techniker Theorien derselben entwi­ckelten, da erschien es fast selbstverständlich und kaum eine Erfindung zu nennen, daß man durch gelegentliche Umkehr der Drehungsrichtung einer elektromagnetischen Maschine zur dynamo-elektrischen gelangte. Dem gegenüber läßt sich sagen, daß die nächstliegenden Erfindungen von principieller Bedeutung in der Regel am spätesten und auf den größten Umwegen gemacht werden. Uebrigens konnte man nicht leicht zufällig zur Erfindung des dynamo-elektrischen Princips gelan­gen, weil elektromagnetische Maschinen nur bei ganz richtigen Dimensionen und Windungsver­hältnissen »angehen«, d.h. bei umgekehrter Drehung ihren Elektromagnetismus fortlaufend selbstt­hätig verstärken.

In diese Zeitperiode fällt auch meine Erfindung des Alkoholmeßapparates, der ein äußerst schwie­riges Problem sehr glücklich löste und daher seiner Zeit viel Aufsehen erregte. Die Aufgabe bestand darin, einen Apparat herzustellen, der fortlaufend und selbstthätig die Menge des absolu­ten Alkohols registrirt, der in dem ihn durchströmenden Spiritus enthalten ist. Mein Apparat löste diese Aufgabe so vollständig, daß er die auf die gebräuchliche Normaltemperatur reducirte Alko­holmenge ebenso genau angab, als sie durch die exactesten wissenschaftlichen Controlmessungen nur bestimmt werden konnte. Die russische Regierung verwendet diesen Apparat seit fast einem Vierteljahrhundert als Grundlage für die Erhebung der hohen Abgabe, welche auf die Erzeugung von Spiritus gelegt ist, und viele andere Staaten Europas haben ihn später auch für diesen Zweck adoptirt. Abgesehen von einigen wichtigen praktischen Verbesserungen, die von meinem Vetter Louis Siemens herrühren, wird der Apparat noch jetzt in der ursprünglichen Form als ein wesentli­ches Fabrikationsobjekt von einer in Charlottenburg dazu errichteten Specialfabrik hergestellt. Eine Nachahmung desselben ist bisher nirgends erfolgreich gewesen, obschon er nicht durch Paten­tirung geschützt ist.

Der große Umfang, den die Firma Siemens & Halske nach und nach annahm, verlangte natürlich eine entsprechende Organisation der Verwaltung und die Beihülfe tüchtiger technischer und admi­nistrativer Beamten. Mein Jugendfreund William Meyer, der seit dem Jahre 1855 die Stellung eines Oberingenieurs und Prokuristen in der Firma bekleidete, hatte durch sein bedeutendes Organisati­onstalent nicht nur dem Berliner Geschäft, sondern auch dessen Filialen in London, Petersburg und Wien äußerst werthvolle Dienste geleistet. Leider erkrankte er nach elfjähriger Thätigkeit im Ge­schäft an schwerem Leiden und starb nach längerem Siechthum, tief von mir als persönlicher Freund und treuer Mitarbeiter betrauert.

Nicht lange darauf, im Jahre 1868, zog sich mein alter Freund und Socius Halske aus der Firma zurück. Die günstige Entwickelung des Geschäfts – es wird dies Manchem auf den ersten Blick nicht recht glaublich erscheinen – war der entscheidende Grund, der ihn dazu veranlaßte. Die Erklärung liegt in der eigenartig angelegten Natur Halskes. Er hatte Freude an den tadellosen Ge­staltungen seiner geschickten Hand, sowie an allem, was er ganz übersah und beherrschte. Unsere gemeinsame Thätigkeit war für beide Theile durchaus befriedigend. Halske adoptirte stets freudig meine constructiven Pläne und Entwürfe, die er mit merkwürdigem mechanischen Taktge­fühl sofort in überraschender Klarheit erfaßte, und denen er durch sein Gestaltungstalent oft erst den rechten Werth verlieh. Dabei war Halske ein klardenkender, vorsichtiger Geschäftsmann, und ihm allein habe ich die guten geschäftlichen Resultate der ersten Jahre zu danken. Das wurde aber anders, als das Geschäft sich vergrößerte und nicht mehr von uns Beiden allein geleitet werden konnte. Halske betrachtete es als eine Entweihung des geliebten Geschäftes, daß Fremde in ihm an­ordnen und schalten sollten. Schon die Anstellung eines Buchhalters machte ihm Schmerz. Er konnte es niemals verwinden, daß das wohlorganisirte Geschäft auch ohne ihn lebte und arbeitete. Als schließlich die Anlagen und Unternehmungen der Firma so groß wurden, daß er sie nicht mehr übersehen konnte, fühlte er sich nicht mehr befriedigt und entschloß sich auszuscheiden, um seine ganze Thätigkeit der Verwaltung der Stadt Berlin zu widmen, die ihm persönliche Befriedigung gewährte. Halske ist mir bis zu seinem, im vorigen Jahre eingetretenen Tode ein lieber, treuer Freund geblieben und hat bis zuletzt stets reges Interesse für das von ihm mitbegründete Geschäft bewahrt. Sein einziger Sohn nimmt als Prokurist heute lebhaften Antheil an der Leitung des jetzi­gen Geschäftes.

Der Nachfolger Meyers wurde der frühere Leiter des hannöverschen Telegraphenwesens, Herr Karl Frischen, der nach der Annexion Hannovers in den Dienst des norddeutschen Bundes übergetreten war und mehrere Jahre hindurch die früher von Meyer bekleidete Stellung als Obertelegraphenin­genieur der Staatstelegraphenverwaltung inne gehabt hatte. Das Geschäft gewann in Herrn Fri­schen eine hervorragende technische Kraft, die sich bereits durch viele eigene Erfindungen hervor­gethan hatte.

Ferner kam der Firma setzt zu statten, daß sich unter ihren jüngeren Beamten, die ihre Schule im Dienste derselben gemacht hatten, tüchtige Verwaltungsbeamte und Constructeure herausgebil­det hatten. Ich will unter ihnen nur Herrn von Hefner-Alteneck nennen, dem seine Leistungen als Vorstand unseres Constructionsbureaus einen Weltruf eingetragen haben.

Unterstützt von so tüchtigen Mitarbeitern konnte ich mich mehr und mehr auf die obere Leitung des Geschäftes beschränken und die Details mit vollem Vertrauen den Beamten überlassen. So er­hielt ich größere Muße, mich mit wissenschaftlichen und solchen socialen Aufgaben zu beschäfti­gen, die mir besonders am Herzen lagen.

Mein häusliches Leben erfuhr eine vollständige Umgestaltung durch meine am 13. Juli 1869 er­folgte Wiederverheirathung mit Antonie Siemens, einer entfernten Verwandten, dem einzigen Kinde des verdienten und in der landwirthschaftlichen Technik wohlbekannten Professors Karl Siemens in Hohenheim bei Stuttgart. Ich habe in Tischreden und bei ähnlichen Veranlassungen oft scherzhaft gesagt, daß diese Verheirathung mit einer Schwäbin als eine politische Handlung zu be­trachten sei, da die Mainlinie nothwendig überbrückt werden müßte, und dies zunächst am besten dadurch geschähe, daß möglichst viele Herzensbündnisse zwischen Nord und Süd geschlossen würden, denen die politischen dann von selbst bald nachfolgen würden. Ob mein Patriotismus hier­bei nicht wesentlich durch die liebenswürdigen Eigenschaften dieser Schwäbin, die wieder warmen Sonnenschein in mein etwas verdüstertes, arbeitsvolles Leben gebracht hat, beeinflußt worden ist, will ich hier nicht näher untersuchen.

Am 30. Juni 1870, als die telegraphische Nachricht in Charlottenburg eintraf, Kaiser Napoleon habe die deutsche Grenze bei Saarbrücken überschritten und der folgenschwere Krieg zwischen Deutschland und Frankreich sei damit eröffnet, schenkte meine Frau mir ein Töchterchen, dem zwei Jahre später noch ein Sohn folgte. Der Tochter gab ich den Namen Hertha in Folge eines Ge­lübdes, sie so zu nennen, wenn das deutsche Kriegsschiff dieses Namens, auf das die franzö­sische Flotte in allen Meeren Jagd machte, sich nicht fangen lassen würde. Meine vier älteren Kinder waren zur Zeit der Kriegserklärung Frankreichs im Bade Helgoland und mußten mit der ganzen Badegesellschaft eiligst flüchten, um nicht durch die Blockade an der Rückkehr gehindert zu werden. Als ein Beweis der tiefen, muthigen Bewegung, die das ganze deutsche Volk ergriffen hatte, kann eine Depesche meines ältesten, damals sechszehn Jahre alten Sohnes Arnold aus Kux­haven gelten, des Inhalts »ich muß mit«. Das ging zum Glück nicht, da vor vollendetem siebzehn­ten Jahre Niemand ins preußische Heer aufgenommen wird.

Der Krieg gegen Frankreich ging wie der von 1866 schnell, mit gewaltigen, für Deutschland sieg­reichen Kämpfen vorüber. Das freudige Bewußtsein, daß das ganze Deutschland zum ersten Male im Laufe seiner Geschichte brüderlich unter denselben Fahnen kämpfte und siegte, ließ die schwe­ren Opfer, mit denen die ruhmvoll errungenen Siege erkauft werden mußten, erträglicher erschei­nen und milderte die tiefe Trauer und das Leid, welches der Krieg im Gefolge hatte. Es war eine große erhebende Zeit, die bei Allen, welche sie erlebten, unvergeßliche Eindrücke hinterlassen hat, und die auch in den kommenden Generationen das Gefühl dankbarer Verehrung nicht erlöschen lassen wird, welches die Nation den großen leitenden Männern schuldet, die ihre schmachvolle Zersplitterung und Uneinigkeit beendeten und sie einig und mächtig machten.

Obwohl ich der politischen Thätigkeit seit dem Jahre 1866 gänzlich entsagt hatte, wendete ich den öffentlichen Angelegenheiten doch fortgesetzt rege Theilnahme zu. Eine Frage, der ich schon früher besonderes Interesse gewidmet hatte, war die des Patentwesens. Es war mir längst klar ge­worden, daß eines der größten Hindernisse der freien und selbstständigen Entwicklung der deut­schen Industrie in der Schutzlosigkeit der Erfindungen lag. Zwar wurden in Preußen sowohl wie auch in den übrigen größeren Staaten Deutschlands Patente auf Erfindungen ertheilt, aber ihre Ertheilung hing ganz von dem Ermessen der Behörde ab und erstreckte sich höchstens auf drei Jahre. Selbst für diese kurze Zeit boten sie nur einen sehr ungenügenden Schutz gegen Nachah­mung, denn es lohnte sich nur selten, in allen Zollvereinsstaaten Patente zu nehmen, und dies war auch schon aus dem Grunde gar nicht angängig, weil jeder Staat seine eigene Prüfung der Erfin­dung vornahm und manche der kleineren Staaten überhaupt keine Patente ertheilten. Die Folge hiervon war, daß es als ganz selbstverständlich galt, daß Erfinder zunächst in anderen Ländern, na­mentlich in England, Frankreich und Nordamerika, ihre Erfindungen zu verwerthen suchten. Die junge deutsche Industrie blieb daher ganz auf die Nachahmung der fremden angewiesen und be­stärkte dadurch indirect noch die Vorliebe des deutschen Publicums für fremdes Fabrikat, indem sie nur Nachahmungen und auch diese großentheils unter fremder Flagge auf den Markt brachte.

Ueber die Werthlosigkeit der alten preußischen Patente bestand kein Zweifel; sie wurden in der Regel auch nur nachgesucht, um ein Zeugniß für die gemachte Erfindung zu erhalten. Dazu kam, daß die damals herrschende absolute Freihandelspartei die Erfindungspatente als ein Ueberbleibsel der alten Monopolpatente und als unvereinbar mit dem Freihandelsprincip betrachtete. In diesem Sinne erging im Sommer 1863 ein Rundschreiben des preußischen Handelsministers an sämmtli­che Handelskammern des Staates, in welchem die Nutzlosigkeit, ja sogar Schädlichkeit des Patent­wesens auseinandergesetzt und schließlich die Frage gestellt wurde, ob es nicht an der Zeit wäre, dasselbe ganz zu beseitigen. Ich wurde hierdurch veranlaßt, an die Berliner Handelskammer, das Aeltestencollegium der Berliner Kaufmannschaft, ein Promemoria zu richten, welches den diame­tral entgegengesetzten Standpunkt einnahm, die Nothwendigkeit und Nützlichkeit eines Patentge­setzes zur Hebung der Industrie des Landes auseinandersetzte und die Grundzüge eines rationellen Patentgesetzes angab.

Meine Auseinandersetzung fand den Beifall des Collegiums, obschon dieses aus lauter entschiede­nen Freihändlern bestand; sie wurde einstimmig als Gutachten der Handelskammer ange­nommen und gleich zeitig den übrigen Handelskammern des Staates mitgetheilt. Von diesen schlossen sich diejenigen, welche ein zustimmendes Gutachten zur Abschaffung der Patente noch nicht eingereicht hatten, dem Berliner Gutachten an, und in Folge dessen wurde von der Abschaf­fung Abstand genommen.

Dieser günstige Erfolg ermuthigte mich später zur Einleitung einer ernsten Agitation zur Einfüh­rung eines Patentgesetzes für das deutsche Reich auf der von mir aufgestellten Grundlage. Ich sandte ein Cirkular an eine größere Zahl von Männern, bei denen ich ein besonderes Interesse für die Sache voraussetzen konnte, und forderte auf, einen »Patentschutzverein« zu bilden, mit der Aufgabe, ein rationelles deutsches Patentgesetz zu erstreben. Der Aufruf fand allgemeinen An­klang, und kurze Zeit darauf trat der Verein unter meinem Vorsitze ins Leben. Ich gedenke gern der anregenden Verhandlungen dieses Vereins, dem auch tüchtige juristische Kräfte wie Professor Klostermann, Bürgermeister Andre und Dr. Rosenthal angehörten. Das Endresultat der Debatten war ein Patentgesetzentwurf, der im wesentlichen auf der in meinem Gutachten von 1863 aufge­stellten Grundlage ruhte. Diese bestand in einer Voruntersuchung über die Neuheit der Erfindung und darauf folgender öffentlicher Auslegung der Beschreibung, um Gelegenheit zum Einspruche gegen die Patentirung zu geben; ferner Patentertheilung bis zur Dauer von fünfzehn Jahren mit jährlich steigenden Abgaben und vollständiger Publikation des ertheilten Patentes; endlich Einset­zung eines Patentgerichtes, das auf Antrag jederzeit die Nichtigkeit eines Patentes aussprechen konnte, wenn die Patentfähigkeit der Erfindung nachträglich mit Erfolg bestritten wurde.

Diese Grundsätze gewannen allmählich auch beim Publicum Beifall, und selbst die Freihandels­partei strenger Observanz fand sich durch die volkswirthschaftliche Grundlage der Patenterthei­lung beruhigt, die darin lag, daß der Patentschutz als Preis für die sofortige und vollständige Veröf­fentlichung der Erfindung erschien, wodurch die neuen, der patentirten Erfindung zu Grunde lie­genden Gedanken selbst industrielles Gemeingut wurden und auch auf anderen Gebieten be­fruchtend wirken konnten. Es dauerte aber doch noch lange, ehe die Reichsregierung sich ent­schloß, gesetzgeberisch in der Angelegenheit vorzugehen. Ich vermuthe, daß eine Eingabe, die ich als Vorsitzender des Patentschutzvereins an den Reichskanzler richtete, bei der Entscheidung für den Erlaß eines Reichspatentgesetzes wesentlich mitgewirkt hat. In dieser Eingabe betonte ich den niederen Stand und das geringe Ansehen der deutschen Industrie, deren Produkte überall als »billig und schlecht« bezeichnet würden, und wies gleichzeitig darauf hin, daß ein neues festes Band für das junge deutsche Reich erwachsen würde, wenn Tausende von Industriellen und Ingenieuren aus allen Landestheilen in den Reichsinstitutionen den lange ersehnten Schutz für ihr geistiges Eigenthum fänden.

Im Jahre 1876 wurde eine Versammlung von Industriellen sowie von Verwaltungsbeamten und Richtern aus ganz Deutschland zusammenberufen, welche ihren Berathungen den Gesetzentwurf des Patentschutzvereins zu Grunde legte und ihn auch im wesentlichen als Grundlage beibehielt. Der aus diesen Berathungen hervorgegangene Gesetzentwurf wurde vom Reichstage mit einigen Modifikationen angenommen und hat in der Folgezeit außerordentlich viel dazu beigetragen, die deutsche Industrie zu kräftigen und ihren Leistungen Achtung im eigenen Lande wie im Auslande zu verschaffen. Unsere Industrie ist seitdem auf dem besten Wege, die Charakteristik »billig und schlecht«, die Professor Reuleaux den Leistungen derselben auf der Ausstellung in Philadelphia 1876 noch mit Recht zusprach, fast in allen ihren Zweigen abzustreifen.

Ich will jetzt meine Mittheilungen über die Entwicklung der von uns begründeten Geschäfte da fortsetzen, wo ich die Wandlungen beschrieb, welche unser Londoner Haus nach den unglückli­chen Kabelunternehmungen zwischen Spanien und Algerien im Jahre 1864 durchzumachen hatte. Die seit jener Zeit vom Berliner Geschäfte getrennte Firma »Siemens Brothers« hatte sich unter Bruder Wilhelms Leitung schnell und regelmäßig entwickelt, sowohl als Fabrikations- wie als Unternehmungsgeschäft. Da Wilhelm gleichzeitig auch in dem privatim von ihm betriebenen Ingenieur-Geschäft große Erfolge hatte, und seine Zeit und Kräfte dadurch sehr in Anspruch ge­nommen waren, so wurde in ihm Ende der sechsziger Jahre der Wunsch rege, daß Bruder Karl die specielle Leitung des Londoner Telegraphen-Geschäftes übernehmen möchte. Karl ging darauf ein, da er seit dem Ablaufen der russischen Remonteverträge keinen großen Wirkungskreis mehr in Rußland fand.

In dieselbe Zeit fiel auch der Entschluß Halskes, sich aus der Berliner Firma zurückzuziehen, und wir drei Brüder beschlossen daher eine gänzliche Umformung der geschäftlichen Verbindung unse­rer verschiedenen Firmen. Es wurde ein Gesammtgeschäft gebildet, welches sie alle umfaßte. Jede Firma behielt ihre selbstständige Verwaltung und Rechnungsführung, ihr Gewinn und Verlust wurde aber auf das Gesammtgeschäft übertragen, dessen Inhaber und alleinige Theilnehmer wir drei Brüder waren. Das Petersburger Geschäft wurde einem tüchtigen Beamten unterstellt, während Karl zur Uebernahme der speciellen Leitung der Londoner Firma nach England ging.

Wie großartig sich das jetzt »Siemens Brothers & Co.« genannte Londoner Haus in der nun folgen­den Periode entwickelte, ist in dem schon erwähnten Buche des Herrn Pole über meinen Bruder Wilhelm ausführlich dargestellt. Ich beschränke mich daher hier auf einige Mittheilungen über meine und meines Bruders Karl persönliche Mitwirkung dabei.

Als Karl im Jahre 1869 nach London übersiedelte, war die Fabrik in Charlton bereits in voller Thä­tigkeit als mechanische Werkstätte zur Anfertigung von elektrischen Apparaten aller Art; auch ein Umkabelungswerk war mit ihr verbunden, in welchem schon ansehnliche Kabellinien hergestellt waren. Der bei den Prüfungen der englischen Regierungskabel von mir aufgestellte Grundsatz, daß ein Kabel nur dann Garantie der Dauer geben könnte, wenn es in allen Stadien seiner Fabrikation mit wissenschaftlicher Gründlichkeit und Schärfe geprüft würde, hatte gute Früchte getragen, und das damals ausgearbeitete System der Kabelprüfungen hatte sich in der Folge vorzüglich be­währt.

Der ausgezeichnete Erfolg der Malta-Alexandria Linie, die wir nach diesem System für die engli­sche Regierung prüften, hatte unsern technischen Credit in England wesentlich gehoben, und viel­leicht aus diesem Grunde machte uns die einzige Fabrik, welche damals in England nach meiner Methode nahtlos mit Guttapercha umpreßte Drähte herstellte, Schwierigkeiten bei der Lieferung von gereinigter Guttapercha, die wir von ihr bezogen. Wir entschlossen uns daher, selbst eine Gut­taperchafabrik anzulegen, und führten dies auch mit bestem Erfolge durch. Auf diese Weise wurde es uns erst möglich, selbst große Kabelanlagen zu übernehmen und damit das Monopol des inzwi­schen gebildeten großen Kabelringes zu brechen, der darauf ausging, die gesammte submarine Te­legraphie zu monopolisiren. In der That gelang es meinen Brüdern eine Gesellschaft ins Leben zu rufen, die uns die Anfertigung und Legung eines unabhängigen, directen Kabels zwischen Irland und den Vereinigten Staaten in Auftrag gab. Das erforderliche Kapital wurde auf dem Continente zusammengebracht, da der englische Markt uns durch die übermächtige Concurrenz verschlossen war.

Bruder Wilhelm bewies sein großes Constructionstalent durch den Entwurf eines eigens für Kabel­legungen bestimmten großen Dampfers, der von uns »Faraday« getauft wurde. Bruder Karl über­nahm das Kommando desselben bei der Legung des Kabels. Ich hielt Karl für besonders befähigt zu dieser Aufgabe, da er ruhig überlegend, dabei ein guter Beobachter und entschieden in seinen Entschlüssen war. Ich selbst ließ es mir nicht nehmen, auf dem mit dem Tiefseekabel befrachteten Faraday bis zum Ausgangspunkte der Legung Ballinskellig Bai an der Westküste Irlands mitzufah­ren und dort die Leitung der Operationen der Landstation während der Legung zu übernehmen.

Es war ziemlich günstiges Wetter und alles ging gut von statten. Der schwierige steile Abfall der irischen Küste zu großer Meerestiefe war glücklich überwunden und den elektrischen Prüfungen zufolge der Zustand des Kabels untadelhaft. Da trat plötzlich ein kleiner Isolationsfehler ein, so klein, daß nur außerordentlich empfindliche Instrumente, wie wir sie anwendeten, ihn constati­ren konnten. Nach bisheriger Kabellegungspraxis würde man diesen Fehler unberücksichtigt gelas­sen haben, da er ohne jeden Einfluß auf die telegraphische Zeichenbildung war. Doch wir wollten eine ganz fehlerfreie Kabelverbindung herstellen und beschlossen daher, das Kabel bis zu dem Fehler, der noch dicht hinter dem Schiffe liegen mußte, wieder aufzunehmen. Dies ging auch zu­nächst trotz der großen Meerestiefe von 18000 Fuß ganz gut von statten, wie uns vom Schiffe fort­laufend telegraphirt wurde. Plötzlich flog aber die Skala unseres Galvanometers aus dem Gesichts­felde – das Kabel war gebrochen! Gebrochen in einer Tiefe, aus der das Ende wieder aufzufischen ganz unmöglich erschien.

Es war ein harter Schlag, der unser persönliches Ansehen wie unsern geschäftlichen Credit schwer bedrohte. Die Nachricht durchlief noch in derselben Stunde ganz England und wurde mit sehr ver­schiedenen Empfindungen aufgenommen. Niemand glaubte an die Möglichkeit, aus so großer Tiefe ein abgerissenes Kabelende wieder aufzufischen, und auch Bruder Wilhelm rieth telegra­phisch, das verlegte Kabel aufzugeben und die Legung von neuem zu beginnen. Ich war aber über­zeugt, daß Karl, ohne den Versuch der Auffischung gemacht zu haben, nicht zurückkehren würde, und beobachtete ruhig die steten Schwankungen der Skala des Galvanometers, um Anzeichen zu finden, die auf Bewegung des Kabelendes durch den Suchanker hindeuteten. Solche Anzeichen traten auch häufig ein, ohne weitere Folgen zu haben, und es vergingen zwei bange Tage ohne irgend welche Nachricht vom Schiffe. Auf einmal heftige Spiegelschwankung! Das Ende des Kupferdrahtes mußte metallisch berührt sein. Dann mehrere Stunden lang schwaches, regelmäßiges Zucken des Spiegelbildes der Skala, woraus ich auf stoßweises Heben des Kabelendes durch die Ankerwinde schloß. Doch stundenlange, darauf folgende Ruhe ließ die Hoffnung wieder sinken. Da wiederum starke Spiegelschwankung durch Schiffsstrom, die mit nicht enden wollendem Jubel des Stationspersonals begrüßt wurde. Das Unglaubliche war gelungen. Man hatte aus einer Tiefe, die die Höhe des Montblanc über dem Meeresspiegel übertraf, in einer einzigen Operation das Kabel gefunden und, was noch viel mehr sagen will, ungebrochen zu Tage gebracht. Es mußten viele günstige Verhältnisse zusammentreffen, um dies möglich zu machen. Guter sandiger Meeresgrund, gutes Wetter, zweckmäßige Einrichtungen für das Suchen und Heben des Kabels und ein gutes, leicht lenkbares Schiff mit einem tüchtigen Kapitän fanden sich hier glücklich zusammen und machten mit Hülfe von viel Glück und Selbstvertrauen das unmöglich Erscheinende möglich. Bruder Karl bekannte mir aber später, daß er während des ununterbrochenen Niederlassens des Suchankers, der sieben Stunden brauchte, um den Meeresgrund zu erreichen, was ihm erst eine klare Anschauung von der Größe der bekannten Meerestiefe gegeben habe, doch die Hoffnung auf guten Erfolg schon verloren hatte und dann selbst von diesem überrascht wurde.

Nach glücklich erfolgter Beseitigung des Fehlers und Wiederherstellung der Verbindung mit dem Lande ward die Legung einige Tage ohne Störung fortgesetzt. Dann meldete das Schiff rauhes Wetter, und bald darauf trat wieder ein kleiner Fehler im Kabel auf, den man jedoch bis zur Errei­chung flachen Wassers an der Newfoundland Bank liegen ließ, um ihn dann bei besserem Wetter aufzusuchen und zu beseitigen. Die Wiederaufnahme erwies sich hier aber als sehr schwierig, da der Meeresgrund felsig und das Wetter dauernd schlecht war. Es ging dabei viel Kabel verloren, und der Faraday mußte unvollendeter Sache nach England zurückkehren, um neues Kabel und Kohlen an Bord zu nehmen. Doch auch die folgende Expedition führte nur zur engen Begrenzung, aber noch nicht zur Beseitigung des Fehlers, und es bedurfte einer dritten, um die Kabelverbindung vollständig fehlerfrei herzustellen.

Diese unsre erste transatlantische Kabellegung war nicht nur für uns außerordentlich lehrreich, sondern führte überhaupt erst zur vollen Klärung und Beherrschung der Kabellegungen im tiefen Wasser. Wir hatten gezeigt, daß man auch bei ungünstigem Wetter und in schlechter Jahreszeit Kabel legen und repariren kann, und zwar auch bei großen Meerestiefen und mit einem ein­zigen, freilich gut eingerichteten und hinlänglich großen Schiffe. Die Kabelverluste, die wir bei den Reparaturen gehabt hatten, führte Bruder Karl auf die Unzweckmäßigkeit der Construction des Kabels zurück, welche die bei dem ersten gelungenen transatlantischen Kabel gewählte war. Es wurden bei dieser zur Verringerung des specifischen Gewichtes des Kabels Stahldrähte zur Um­hüllung und zum Schutze des Leiters verwendet, welche mit Hanf oder Jute umsponnen waren. Diese drillten das Kabel bei starkem Zuge und bildeten dann auf dem Meeresboden Kabelwülste, die das Aufnehmen sehr erschwerten oder ganz verhinderten. Wir haben nach dem Vorschlage Karls später nur eine geschlossene Stahldrahthülle verwendet und dadurch alle Schwierigkeiten be­seitigt, die unsre erste Tiefseekabellegung so sehr erschwerten.

Auf die weiteren technischen Verbesserungen der Kabellegungsmethode in tiefem Wasser, zu denen uns diese Legung führte, kann ich hier nicht eingehen. Ich will nur anführen, daß meine, schon bei der Legung des Cagliari-Bona Kabels im Jahre 1857 aufgestellte Legungstheorie sich vollständig bewährt hat. Ich habe diese Theorie, wie bereits erwähnt, in einer der Berliner Akade­mie der Wissenschaften und der Society of Telegraph Engineers and Electricians in London vorge­legten Abhandlung weiter entwickelt und mathematisch behandelt und glaube, daß sie damit so ziemlich ihren Abschluß gefunden hat.

Die Legung dieses unseres ersten transatlantischen Kabels führte für uns Brüder viele aufregende Momente mit sich, von denen einer mich in einem sehr ungünstigen Zeitpunkte traf und tief er­griff.

Ich war im Jahre 1874 von der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin zu ihrem or­dentlichen Mitgliede erwählt, eine Ehre, die bisher nur Gelehrten von Fach zu Theil geworden war, und beabsichtigte an dem dazu festgesetzten Tage meine observanzmäßige Antrittsrede in der Fest­sitzung der Akademie zu halten, als ich beim Fortgehen von Hause eine Depesche aus London bekam des Inhaltes, daß nach einer Kabelnachricht der Faraday zwischen Eisbergen zer­quetscht und mit seiner ganzen Besatzung untergegangen sei. Es erforderte nicht geringe Selbstbe­herrschung von meiner Seite, niedergedrückt von dieser schrecklichen Kunde, doch meinen nicht verschiebbaren Vortrag zu halten! Nur wenige intime Freunde hatten mir die gewaltige Erregung angesehen. Freilich hoffte ich vom ersten Augenblicke an, daß es ein Liebeswerk unsrer Gegner wäre, diese Schreckenskunde in Amerika, woher sie telegraphirt wurde, erdichten zu lassen. Und so stellte es sich bald heraus. Es war nirgends ein fester Anhalt für die Herkunft der Nachricht zu finden, und nach Verlauf etlicher banger Tage meldete sich der Faraday wohlbehalten aus Halifax; er war durch starken Nebel längere Zeit in offener See festgehalten.

Die glückliche Vollendung des amerikanischen Kabels hob das Londoner Geschäft mit einem Schlage auf eine viel höhere Stufe des englischen Geschäftslebens. Die Prüfung der elektrischen Eigenschaften des Kabels durch die höchste Autorität auf diesem Gebiete, durch Sir William Thomson, hatte ergeben, daß es durchaus fehlerfrei war und eine sehr hohe Sprechfähigkeit besaß. Von großer Bedeutung war es, daß der Kabelring, der sich unter Sir William Penders Ausspielen gebildet hatte, jetzt durchbrochen war. Freilich wurde der Versuch gemacht, ihn wiederherzustel­len, indem das von uns verlegte Kabel nachträglich dem Ringe eingefügt wurde. Dies gereichte uns aber zum Vortheil, denn es bildete sich bald eine andere und zwar eine französische Gesellschaft, welche ein »ringfreies« Kabel durch unsere Firma legen ließ. Auch dieses wurde nach kurzer Frist vom Globe, wie der Kabelring benannt war, angekauft, doch wurde hierdurch amerikanisches Ka­pital der Kabeltelegraphie zugeführt. Bruder Wilhelm erhielt im Jahre 1881 ein Kabeltelegramm, in welchem der bekannte Eisenbahnkönig Mr. Gould ein Doppelkabel nach Amerika bestellte, wel­ches ganz wie das letzte von uns gelegte – das französische sogenannte Pouger-Quertier Kabel – beschaffen sein sollte. Es ist ein Zeichen des hohen Ansehens, dessen sich unsre Firma auch jen­seits des Oceans erfreute, daß Herr Gould es ablehnte, einen Abgesandten zum Kontraktabschlüsse zu empfangen, »da er volles Vertrauen zu uns habe«, und dies durch Anweisung einer hohen Anzahlung bekräftigte. Es war dies um so bemerkenswerther, da Mr. Gould als sehr vorsichtiger und scharfer Geschäftsmann in Amerika bekannt ist und es sich hier um viele Millionen handelte. Jedenfalls hatte er aber richtig speculirt, denn sein unbeschränktes Vertrauen nöthigte meine Brüder zur Stellung möglichst günstiger Bedingungen und zur besten Ausführung. Auch die Gouldschen Kabel sind nach etlichen Concurrenzkämpfen mit dem Globe vereinigt, doch wieder durchbrach Amerika das Kabelmonopol. Im Jahre 1884 bestellten die bekannten Amerikaner Maket und Bennet bei Siemens Brothers zwei Kabel zwischen der englischen Küste und New-York, welche binnen Jahresfrist tadellos angefertigt und gelegt wurden und bis jetzt ihre Unabhängigkeit vom Kabelringe bewahrt haben.

Diese sechs transatlantischen Kabel sind sämmtlich durch den Dampfer Faraday gelegt, der sich dabei als ein ausgezeichnetes Kabellegungsschiff bewährt und als solches den concurrirenden Firmen zum Vorbilde gedient hat. Die Doppelschraube mit gegen einander geneigten Axen, welche bei ihm zuerst zur Anwendung kam, hat dem großen Schiffe von 5000 Tons Rauminhalt einen bis dahin unerreichten Grad von Beweglichkeit gegeben, der es möglich machte, die Kabellegungs- und Reparaturarbeiten in allen Jahreszeiten und auch bei ungünstigem Wetter auszuführen.

Bruder Karl war bereits im Jahre 1880 nach Petersburg zurückgekehrt, nachdem vorher auf seine Veranlassung das Londoner Geschäft in eine Art Familien-Aktiengesellschaft verwandelt war. Bruder Wilhelm ward leider schon im Jahre 1883 durch einen ganz unerwarteten schnellen Tod uns und seiner rastlosen Thätigkeit entrissen. Als leitender Direktor der Londoner Firma wurde von uns unser langjähriger Beamter Herr Löffler eingesetzt, dem in neuerer Zeit ein jüngeres Familien­mitglied, Herr Alexander Siemens, folgte.

Meine Ernennung zum ordentlichen Mitgliede der Berliner Akademie der Wissenschaften war nicht nur sehr ehrenvoll für mich, der ich nicht zur Klasse der Berufsgelehrten gehörte, sie hatte auch einen tiefgehenden Einfluß auf mein späteres Leben. Wie mein Freund du Bois-Rey­mond, der als präsidirender »Sekretarius« der Akademie meine Antrittsrede beantwortete, richtig hervorhob, gehörte ich nach Beanlagung und Neigung in weit höherem Maaße der Wissenschaft als der Technik an. Naturwissenschaftliche Forschung war meine erste, meine Jugendliebe, und sie hat auch Stand gehalten bis in das hohe Alter, dessen ich mich jetzt – erfreue kann ich wohl kaum sagen. Daneben habe ich freilich immer den Drang gefühlt, die naturwissenschaftlichen Errungen­schaften dem praktischen Leben nutzbar zu machen. Ich drückte das auch in meiner Antrittsrede aus, indem ich den Satz entwickelte, daß die Wissenschaft nicht ihrer selbst wegen bestehe zur Be­friedigung des Wissensdranges der beschränkten Zahl ihrer Bekenner, sondern daß ihre Aufgabe die sei, den Schatz des Wissens und Könnens des Menschengeschlechtes zu vergrößern und dassel­be dadurch einer höheren Kulturstufe zuzuführen. Es war bezeichnend, daß Freund du Bois in der Beantwortung meiner Rede mich schließlich willkommen hieß »im Kreise der Akademie, welche die Wissenschaft nur ihrer selbst wegen betriebe«. In der That darf wissenschaftliche Forschung nicht Mittel zum Zweck sein. Gerade der deutsche Gelehrte hat sich von jeher dadurch ausgezeich­net, daß er die Wissenschaft ihrer selbst wegen, zur Befriedigung seines Wissensdranges betreibt, und in diesem Sinne habe auch ich mich stets mehr den Gelehrten wie den Technikern beizählen können, da der zu erwartende Nutzen mich nicht oder doch nur in besonderen Fällen bei der Wahl meiner wissenschaftlichen Arbeiten geleitet hat. Der Eintritt in den engen Kreis der hervorragends­ten Männer der Wissenschaft mußte mich daher in hohem Maaße erheben und zu wissenschaftli­chem Thun anspornen. Dazu kam noch, daß die Satzungen der Akademie einen wohlthätigen Zwang auf mich ausübten. Jedes Mitglied muß in einer feststehenden Reihenfolge der Akademie einen Vortrag halten, der dann in ihren Verhandlungen gedruckt wird. Da es sehr unangenehm war, sich dieser Verpflichtung zu entziehen, so zwang sie mich zum Abschluß und zur Publi­kation von Arbeiten, die ich unter anderen Umständen vielleicht anderen, interessanter er­scheinenden nachgesetzt oder ganz unvollendet gelassen hätte. Während ich daher bis zu meiner Aufnahme in die Akademie nur selten zur Publikation einer wissenschaftlichen Arbeit kam und mich in der Regel mit der durch sie erworbenen Vermehrung meines Wissens begnügte, nicht ohne mich später darüber zu ärgern, wenn meine Resultate von Anderen ebenfalls gefunden und dann veröffentlicht wurden, mußte ich jetzt jährlich eine oder zwei Arbeiten abschließen und publiciren. Diesen Verhältnissen ist es auch zuzuschreiben, daß ich in meinen akademischen Vorträgen weni­ger Gegenstände meines Specialfaches, der elektrischen Technik, als Themata allgemein naturwis­senschaftlichen Inhalts behandelte. Theils waren es vereinzelte Gedanken und Betrachtungen, die sich bei mir im Laufe des Lebens angesammelt hatten, welche jetzt zusammengefaßt und wissen­schaftlich bearbeitet wurden, theils neue Erscheinungen, die mein besonderes Interesse erregten und mich zur speciellen Untersuchung veranlaßten. Ich werde auf diese rein wissenschaftlichen Publikationen am Schlusse dieser Erinnerungen noch einmal zurückkommen.

Obwohl ich mich seit meiner Aufnahme in die Akademie erheblich mehr als früher mit rein wis­senschaftlichen Aufgaben beschäftigte, die in keiner Beziehung zu meinem geschäftlichen Berufe standen, versäumte ich deshalb nicht, diesem auch ferner die nöthige Zeit zu widmen. Die Oberlei­tung der Berliner Firma und die damit verbundenen technischen Arbeiten nahmen sogar gewöhn­lich meine ganze Tagesarbeitszeit in Anspruch. Durch die große Vielseitigkeit und weite räumliche Ausdehnung, welche die Thätigkeit der Firma allmählich gewonnen hatte, wurde meine Aufgabe sehr erschwert, und wenn mir auch tüchtige Mitarbeiter einen wesentlichen Theil der Last abnah­men, blieb es doch für mich eine ruhelose, arbeitsvolle Thätigkeit.

Es war mir schon früh klar geworden, daß eine befriedigende Weiterentwicklung der stetig wach­senden Firma nur herbeizuführen sei, wenn ein freudiges, selbstthätiges Zusammenwirken aller Mitarbeiter zur Förderung ihrer Interessen erwirkt werden könnte. Um dieses zu erzielen, schien es mir erforderlich, alle Angehörigen der Firma nach Maaßgabe ihrer Leistungen am Ge­winne zu betheiligen. Da meine Brüder diese Anschauung theilten, so verschaffte sich dieser Grundsatz in allen unseren Geschäften Geltung. Festbegründet wurden dahingehende Einrichtun­gen bei der Feier des fünfundzwanzigjährigen Geschäftsjubiläums der Berliner Mutterfirma im Herbst des Jahres 1872. Wir bestimmten damals, daß regelmäßig ein ansehnlicher Theil des Jahres­gewinnes zu Tantiemen für Beamte und Prämien für Lohnarbeiter, sowie zu Unterstützungen der­selben in Nothfällen zurückgestellt werden sollte. Ferner schenkten wir den sämmtlichen Mitarbei­tern der Firma ein Kapital von 60000 Thalern als Grundstock für eine Alters- und Invaliditäts-Pen­sionskasse mit der Verpflichtung des Geschäftes, der von den Betheiligten direct gewählten Kas­senverwaltung jährlich fünf Thaler für jeden Arbeiter und zehn Thaler für jeden Beamten zu zahlen, wenn diese ein Jahr lang ohne Unterbrechung im Geschäfte gearbeitet haben.

Diese Einrichtungen haben sich in den fast zwanzig Jahren ihres Bestehens außerordentlich be­währt. Beamte und Arbeiter betrachten sich als dauernd zugehörig zur Firma und identificiren die Interessen derselben mit ihren eigenen. Es kommt selten vor, daß Beamte ihre Stellung wechseln, da sie ihre Zukunft im Dienste der Firma gesichert sehen. Auch die Arbeiter bleiben dem Geschäft dauernd erhalten, da die Pensionshöhe mit der ununterbrochenen Dienstzeit steigt. Nach dreißig­jährigem, continuirlichem Dienst tritt die volle Alterspensionirung mit zwei Drittel des Lohnes ein, und daß dies von praktischer Bedeutung ist, beweist eine stattliche Zahl von Alterspensionären, die noch gesund und kräftig sind und neben ihrer Pension ihren Arbeitslohn unverkürzt weiter beziehen. Doch fast mehr noch als die Aussicht auf eine Pension bindet die mit der Pensionskasse verbundene Wittwen-und Waisen-Unterstützung die Arbeiter an die Firma. Es hat sich herausgestellt, daß diese Unterstützung ein noch dringenderes Bedürfniß ist als die Invaliditätspension, da den Arbeiter das unsichere Loos seiner Angehörigen nach seinem Tode in der Regel schwerer drückt als sein eigenes. Der alternde Arbeiter liebt fast immer seine Arbeit und legt sie ohne wirkliches, ernstes Ruhebedürfniß nicht gern nieder. Daher hat auch die Pensionskasse der Firma trotz liberaler Anwendung der Pensionsbestimmungen durch die Arbeiter selbst nur den kleineren Theil ihrer Einnahmen aus den Zinsen des Kassenkapitals und den Beiträgen der Firma für Pensionen verbraucht, der größere Theil konnte zu Wittwen- und Waisen-Unterstützungen, sowie zur Vermehrung des Kapitalstocks der Kasse verwendet werden, der dazu bestimmt ist, bei etwaiger Aufgabe des Geschäftes die Pensionsansprüche der Arbeiter sicher zu stellen.

Man hat dieser Einrichtung den Vorwurf gemacht, daß sie den Arbeiter zu sehr an die betreffende Arbeitsstelle binde, weil er bei seinem Abgange die erworbenen Anrechte verliere. Es ist dies ganz richtig, wenn die darin liegende Härte auch dadurch sehr gemildert wird, daß bei Arbeiterentlas­sungen wegen mangelnder Arbeit jeder entlassene Arbeiter einen Schein erhält, der ihm ein Vor­recht zum Wiedereintritt vor fremden Arbeitern giebt. Freilich die Freiheit zu streiken wird dem Arbeiter durch die Pensionsbestimmungen wesentlich beschränkt, denn bei seinem freiwilligen Austritte verfallen statutenmäßig seine Altersrechte. Es liegt aber auch im beiderseitigen Interesse, daß sich ein fester Arbeiterstamm der Fabrik bildet, denn nur dadurch wird diese befähigt, die Ar­beiter auch in ungünstigen Zeiten zu erhalten und ihnen auskömmlichen Lohn zu zahlen. Jede grö­ßere Fabrik sollte eine solche Pensionskasse bilden, zu der die Arbeiter nichts beitragen, die sie aber trotzdem selber verwalten, natürlich unter Controle der Firma. Auf diese Weise ließe sich der Streik-Manie, welche die Industrie und besonders die Arbeiter selbst schwer schädigt, am besten entgegentreten.

Es ist allerdings etwas hart, daß die Bestimmungen der allgemeinen staatlichen Alterspension auf die bereits bestehenden oder noch zu gründenden Privatpensionskassen keine Rücksicht nehmen, die betreffenden Fabriken also doppelt für die Pensionirung ihrer Arbeiter zahlen müssen. Indessen ist das friedliche Verhältniß zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, welches durch die Pri­vatpensionskassen gesichert wird, sowie eine ständige Arbeiterschaft von so großem Werthe, daß eine solche Mehrausgabe gut angebracht ist.

Der durch die beschriebenen Einrichtungen erzeugte Corpsgeist, der alle Mitarbeiter der Firma Siemens & Halske an diese bindet und für das Wohl derselben interessirt, erklärt zum großen Theil die geschäftlichen Erfolge, die wir erzielten.

Es führt mich dies auf die Frage, ob es überhaupt dem allgemeinen Interesse dienlich ist, daß sich in einem Staate große Geschäftshäuser bilden, die sich dauernd im Besitze der Familie des Be­gründers erhalten. Man könnte sagen, daß solche großen Häuser dem Emporkommen vieler kleine­ren Unternehmungen hinderlich sind und deshalb schädlich wirken. Es ist das gewiß auch in vielen Fällen zutreffend. Ueberall, wo der Handwerksbetrieb ausreicht, die Fabrikation exportfähig zu er­halten, wirken große concurrirende Fabriken nachtheilig. Ueberall dagegen, wo es sich um die Ent­wicklung neuer Industriezweige und um die Eröffnung des Weltmarktes für bestehende handelt, sind große centralisirte Geschäftsorgane mit reichlicher Kapitalansammlung unentbehrlich. Solche Kapitalansammlungen lassen sich heutigen Tages für bestimmte Zwecke allerdings am leichtesten in der Form von Aktiengesellschaften herbeiführen, doch können diese fast immer nur reine Er­werbsgesellschaften sein, die schon statutenmäßig nur die Erzielung möglichst hohen Gewinnes im Auge haben dürfen. Sie eignen sich daher nur zur Ausbeutung von bereits vorhandenen, erprobten Arbeitsmethoden und Einrichtungen. Die Eröffnung neuer Wege ist dagegen fast immer mühevoll und mit großem Risiko verknüpft, erfordert auch einen größeren Schatz von Specialkenntnissen und Erfahrungen, als er in den meist kurzlebigen und ihre Leitung oft wechselnden Aktiengesell­schaften zu finden ist. Eine solche Ansammlung von Kapital, Kenntnissen und Erfahrungen kann sich nur in lange bestehenden, durch Erbschaft in der Familie bleibenden Geschäftshäusern bilden und erhalten. So wie die großen Handelshäuser des Mittelalters nicht nur Geldgewinnungsanstalten waren, sondern sich für berufen und verpflichtet hielten, durch Aufsuchung neuer Verkehrs­objecte und neuer Handelswege ihren Mitbürgern und ihrem Staate zu dienen, und wie dies Pflichtgefühl sich als Familientradition durch viele Generationen fortpflanzte, so sind heutigen Tages im angebrochenen naturwissenschaftlichen Zeitalter die großen technischen Geschäftshäuser berufen, ihre ganze Kraft dafür einzusetzen, daß die Industrie ihres Landes im großen Wettkampfe der civilisirten Welt die leitende Spitze, oder wenigstens den ihr nach Natur und Lage ihres Landes zustehenden Platz einnimmt. Unsere staatlichen Einrichtungen beruhen fast überall noch auf dem mittelalterlichen Wehrsystem, wonach der Landbesitz fast ausschließlich als Träger und Erhalter der Staatskraft angesehen und geehrt wurde. Unsere Zeit kann diese Beschränkung nicht mehr als richtig anerkennen, nicht im Besitze – welcher Art er auch sei – ruhen heute und künftig die staats­erhaltenden Kräfte, sondern in dem Geiste, der ihn beseelt und befruchtet. Wenn auch zuzugeben ist, daß ererbter Grundbesitz durch Tradition und Erziehung die Inhaber fester an den Staat bindet und daher staatserhaltender ist als häufig wechselnder Grund- und leicht beweglicher Kapitalbe­sitz, so genügt er heutigen Tages doch nicht mehr, um den Staat vor Verarmung und Verfall zu schützen. Dazu ist heute das zielbewußte Zusammenwirken aller geistigen Volkskräfte nöthig, deren Erhaltung und Fortentwicklung eine der wichtigsten Aufgaben des modernen Staates ist.

Wenn mir die Thatsache, daß ich meine Lebensstellung der eigenen Arbeit verdanke, auch stets eine gewisse Befriedigung gewährt hat, so habe ich doch immer dankbar anerkannt, daß mir der dahin führende Weg durch die Aufnahme in die preußische Armee und dadurch in den Staat des großen Friedrich geebnet wurde. Ich betrachte die Kabinetsordre Friedrich Wilhelm III., die mir den Eintritt in die preußische Armee gestattete, als die Eröffnung der einzigen für mich damals ge­eigneten Bahn, auf der meine Thatkraft sich entfalten konnte. Vielfach habe ich in meinem späte­ren Leben Gelegenheit gehabt zu erkennen, wie wahr der Ausspruch meines Vaters gewesen ist, daß trotz aller Unzufriedenheit mit der damaligen preußischen Politik der heiligen Alliance, doch Preußen der einzige feste Punkt in Deutschland und der einzige Ankergrund für die Wünsche deutscher Patrioten sei. Ich habe daher auch meine, ich kann wohl sagen angestammte Liebe zum deutschen Vaterlande stets in erster Linie Preußen zugewandt und bin ihm und seinen fünf Köni­gen, unter deren Herrschaft ich lebte, immer treu und dankbar ergeben gewesen. Es waren nicht allein die Kenntnisse, die ich mir auf den preußischen Militärschulen erwerben konnte und die dort erlangte geistige Ausbildung, welche mir das spätere Fortkommen im Leben erleichterten, es war auch die in Preußen so angesehene Lebensstellung als Officier, welche mich dabei wesentlich unterstützte.

Preußen war, wie ich schon an anderer Stelle hervorhob, bis zur Mitte dieses Jahrhunderts noch wesentlich Militär- und Beamtenstaat, nur mit dem Adel und ländlichen Grundbesitz waren beson­dere Ehrenrechte verknüpft. Eine eigentliche Industrie fehlte gänzlich, trotz aller Anstrengungen, die erleuchtete Beamte wie Beuth machten, um eine solche aus dem wenig entwickelten Handwer­ke heranzubilden. Da ferner der Handel des Landes sehr beschränkt war, so fehlte auch ein wohlha­bender, gebildeter Mittelstand als Gegengewicht für Militär, Beamte und adligen Grundbesitz. Unter diesen Umständen war es in Preußen von großem Werthe, als Officier zur Hofgesellschaft zu gehören und in allen Gesellschaftskreisen Zutritt zu haben.

Es ist am preußischen Hofe gebräuchlich, daß diese Zugehörigkeit jedes, also auch des bürgerli­chen Officiers zur Hofgesellschaft fortlaufend geübt wird. So wurde ich schon im Winter des Jahres 1838 als junger Officier der Artillerie- und Ingenieurschule zu großen Festen im königli­chen Schlosse befohlen, und seit der Zeit, also über ein halbes Jahrhundert hindurch, war es mir häufig vergönnt, diese großen Schloßgesellschaften zu besuchen, die ein Spiegelbild der Berliner Gesellschaft darstellen und deutlich den gewaltigen Umschwung kund gaben, den Preußen und mit ihm ganz Deutschland während dieser Zeit durchgemacht hat. Auf diesen Gesellschaften habe ich vielfach Gelegenheit gehabt, den Königlichen Herrschaften persönlich näher zu treten.

Wie schon erwähnt, hatte ich bereits in einer früheren Periode meines Lebens Ursache, dem Prin­zen von Preußen für das Wohlwollen Dank zu schulden, mit dem er mich in Petersburg aus einer drückenden Lage befreite. Ich habe diesen Dank auch stets im Herzen getragen, kam aber leider durch die Politik dazu, den Monarchen erzürnen zu müssen, indem ich als Abgeordneter meiner damaligen Ueberzeugung gemäß gegen die Armeereorganisation stimmte. Als die Kriegserklärung gegen Oesterreich wirklich erfolgt war und die glänzenden Siege des reorganisirten preußischen Heeres die Zweckmäßigkeit der durch die Reorganisation bewirkten Verstärkung der Armee klar erwiesen hatten, war ich zwar eifrig bemüht, die nachtheiligen Folgen des parlamentarischen Wi­derstandes gegen die Reorganisation beseitigen zu helfen, und kämpfte erfolgreich für die Bewilli­gung der so großherzig von dem siegreich heimkehrenden Herrscher beantragten Indemnitätserklä­rung, doch glaubte ich kaum, je wieder auf das mir früher erwiesene Wohlwollen des Monarchen hoffen zu dürfen. Um so freudiger war ich überrascht, als mir nach dem Schluß der Pariser Weltausstellung von 1867 mit dem französischen croix d’honneur zugleich auch der preußische Kronenorden ertheilt wurde.

Der Kaiser gab diesem erneuten Wohlwollen aber einige Jahre später einen noch weit entschiede­neren Ausdruck mit einer Herzensgüte, die kaum größer zu denken ist. Ich war bereits eine Reihe von Jahren Mitglied des Aeltestencollegiums der Berliner Kaufmannschaft und wurde nach dem herrschenden Brauche von dem Vorsitzenden des Collegiums zur Ernennung als Commerzienrath vorgeschlagen, ohne daß ich etwas davon wußte. Der Kaiser hatte die Ernennung auch vollzogen und der Polizeipräsident war so freundlich, mich aufzusuchen und mir die erfreuliche Nachricht von dieser kaiserlichen Gnadenbezeugung persönlich zu überbringen. Mir sagte der Titel Commer­zienrath aber nicht zu, da ich mich mehr als Gelehrten und Techniker wie als Kaufmann betrachte­te und fühlte. Der Polizeipräsident, der mir das Unbehagen bald anmerkte, wollte diesen Grund nicht gelten lassen und fragte mich, was er dem Kaiser, der mir doch eine Gnade hätte erweisen wollen, denn sagen sollte. Da entschlüpfte mir die Bemerkung, Premierlieutenant, Doctor phil. honoris causa und Commerzienrath vertrügen sich nicht, das mache ja Leibschmer­zen! Der Polizeipräsident versprach mir schließlich, dem Kaiser die Bitte vorzutragen, meine Er­nennung zum Commerzienrath nicht publiciren zu lassen, und verabredete mit mir einen Ort, wo ich ihn auf dem an demselben Abende stattfindenden Hofballe erwarten solle. Er kam denn auch dort mit heiterem Gesichte zu mir und berichtete, er habe dem Kaiser meine Bedenken wegen der Leibschmerzen mitgetheilt; der Kaiser habe sehr darüber gelacht und gemeint, er fühle selbst schon so etwas, ich solle mir nur eine andere Gnade dafür ausbitten, wenn er mich anreden würde. Dies war mir nun leider nicht möglich. Einen meiner Lebensrichtung mehr entsprechenden Titel gab es in Preußen für Nichtbeamte nicht, und dem Rathe des Präsidenten, mir einen höheren Orden zu er­bitten, konnte ich unmöglich Folge leisten, da man einen solchen, wie ich ihm sagte, dankend an­nimmt, aber nicht darum bittet. Den Polizeipräsidenten verdroß diese Ablehnung, und da der Kaiser bald darauf an mir vorüberging, ohne mich anzureden, glaubte ich schon, mir aufs neue seine Ungnade zugezogen zu haben. Umsomehr erfreute ja beschämte es mich fast, als mir der Po­lizeipräsident mittheilte, er habe dem Kaiser gesagt, daß ich nichts von ihm zu erbitten wüßte, und derselbe habe darauf erwiedert »dann stellen Sie ihn meiner Frau vor«.

In Folge einer Personenverwechslung fand diese Vorstellung damals nicht statt, und ich unterließ es auch später, mich auf dem üblichen Wege der Kaiserin vorstellen zu lassen, da es mir widerstrebte, mich an die hohen Herrschaften heranzudrängen, wie das ja so vielfach geschieht. Daß dies nicht unbemerkt geblieben war, erfuhr ich später durch die Kaiserin selbst. Während der Wiener Weltausstellung von 1873 ließ diese sich die deutschen Preisrichter vorstellen, zu denen auch ich gehörte. Nach Beendigung der Vorstellung rief sie mich noch einmal zu sich heran und sagte »Mit Ihnen, Herr Siemens, habe ich noch ein Hühnchen zu pflücken, Sie drücken sich vor uns, das soll Ihnen aber künftig nicht mehr gelingen«. In der That hat die hohe Frau mir späterhin oft Zei­chen ihrer Anerkennung und Huld gegeben, indem sie unsere Fabriken besuchte oder mich zu Vor­trägen über elektrische Themata aufforderte.

Einer dieser Vorträge, die ich im kaiserlichen Palais halten mußte, hatte dadurch eine besondere Bedeutung, daß der Großherzog von Baden mir am Tage vorher mit der Aufforderung, den Vortrag zu halten, ein ganz festes Programm für Umfang und Inhalt desselben übersandte, welches der Kaiser selbst ihm diktirt hatte. Das Thema lautete »Wesen und Ursache der Elektricität und ihre Anwendung im praktischen Leben«. Es war nicht leicht, den theoretischen Theil des Programmes zu erfüllen, da unsere Kenntniß vom Wesen der Elektricität noch sehr gering ist, aber schon die Aufstellung eines solchen Programmes zeigt, welch tiefgehendes Interesse der Kaiser den Natur­wissenschaften widmete, deren große Bedeutung für die weitere Entwicklung der menschlichen Kultur er vollständig erkannte.

Auch die Kronprinzlichen Herrschaften haben stets das regste Interesse an dem allmählichen Auf­blühen und den wissenschaftlichtechnischen Leistungen unseres Institutes an den Tag gelegt und unsere Fabriken häufig durch ihren Besuch geehrt. Dieser huldvollen und wohlwollenden Anerken­nung meiner Bestrebungen verdanke ich auch die Aufnahme in die Liste der Gnadenerweise, die Kaiser Friedrich bei seiner Thronbesteigung vornahm. Ohne die übliche Vorfrage war ich in diesel­be aufgenommen und erfuhr meine Nobilitirung zu meiner großen Ueberraschung erst durch die Zeitungen.

Wenn ich auch durch meine wissenschaftlichen Arbeiten und meine geschäftliche Thätigkeit sehr in Anspruch genommen war, so verlor ich doch nie das Interesse an den Fragen des öffentlichen Lebens. Ich war ein thätiges Mitglied vieler wissenschaftlichen und technischen Gesellschaf­ten, betheiligte mich sowohl geschäftlich wie persönlich an den großen Ausstellungen und wurde von der Regierung häufig zu Specialcommissionen für wissenschaftliche und technische Fragen herangezogen. Von dieser vielseitigen Thätigkeit will ich hier nur einige Punkte hervorheben, die mir der Anführung werth erscheinen.

Als das Reichspatentgesetz im wesentlichen meinen Vorschlägen entsprechend ins Leben trat, erging an mich die Aufforderung, dem zu bildenden Patentamte wenigstens für eine Reihe von Jahren als Mitglied beizutreten. Ich that dies gern, um dahin wirken zu können, daß die Ausfüh­rungspraxis mit den angenommenen Grundsätzen des Patentgesetzes in Einklang blieb. Auf diese Weise erhielt ich die Qualität als Reichsbeamter und wurde als solcher vom Fürsten Bismarck für die Verleihung des Titels »Geheimer Regierungsrath« vorgeschlagen. Ich nahm denselben auch dankend an, da die Führung eines Titels in Preußen allgemein gebräuchlich ist und meine Colle­gen, die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften, diesen größtentheils führten.

Im Vereine zur Beförderung des Gewerbfleißes, der von Beuth, dem Vater der preußischen Indus­trie, ins Leben gerufen wurde und sich unter dem langjährigen Präsidium des Ministers Delbrück große Verdienste um die industrielle Entwicklung Deutschlands erworben hat, war ich ein thätiges Mitglied und eine Reihe von Jahren Stellvertreter des Vorsitzenden.

An der Gründung des elektrotechnischen Vereins durch den Staatssecretär Dr. von Stephan bin ich wesentlich betheiligt gewesen. Ich war der erste active Präsident des Vereins und habe viele meiner technischen Arbeiten zuerst durch Vorträge in diesem Vereine publicirt. Nach dem Vorgange des Berliner elektrotechnischen Vereins wurden an vielen Orten ähnliche Vereine begründet; auch der verdienstvolle, von meinem Bruder Wilhelm ins Leben gerufene ältere Verein der telegraph Engi­neers in London erweiterte jetzt Titel und Programm durch Annahme der Elektrotechnik als Ver­einszweck. Die Bildung des Berliner Vereins ist als die Geburt der Elektrotechnik als gesonderten Zweiges des Technik zu betrachten; der Name Elektrotechnik selbst tritt im Titel des Vereins zum ersten Male auf. Durch Annahme der später von mir beantragten Resolution »die Regierungen zu ersuchen, an allen technischen Hochschulen Professuren der Elektrotechnik zu errichten, damit die jüngeren Techniker Gelegenheit erhielten, den Nutzen kennen zu lernen, den die Elektrotechnik ihrem Specialfach bringen könnte«, hat der Verein sich um die schnelle Entwicklung der Elektro­technik in allen ihren Zweigen sehr verdient gemacht, denn der Resolution wurde fast überall Folge geleistet. Auch durch seine Bestrebungen, ein internationales elektrisches Maaßsystem zu gewin­nen, hat sich der Verein große Verdienste erworben. Die Anregung dazu ging von dem Congresse aus, der sich an die internationale elektrische Ausstellung von 1881 in Paris knüpfte. Dieser richte­te an die französische Regierung die Aufforderung, auf diplomatischem Wege das Zusammentreten einer internationalen Delegirten-Conferenz zu erwirken, deren Aufgabe die Feststellung eines wis­senschaftlich geordneten Maaßsystems für die Elektrotechnik sein sollte.

Eine solche Conferenz, zu der von dem deutschen Reiche Helmholtz, Wiedemann, Clausius, Kirchhoff und ich deputirt waren, trat im folgenden Jahre in Paris zusammen und entschied sich im Princip für das absolute Maaßsystem Wilhelm Webers, mit der Modifikation, daß das c.g.s.-Maaß, für das man sich in England bereits entschieden hatte, als Widerstandsmaaß adoptirt wurde. Bei der geringen Genauigkeit aber, mit der bis dahin die Webersche absolute Widerstandseinheit prak­tisch dargestellt werden konnte, wurde beschlossen, als Grundlage der Bestimmungen die von mir vorgeschlagene Quecksilbereinheit anzunehmen und die Gelehrten aller Staaten aufzufordern, das Verhältniß der modificirten Weberschen c.g.s.-Einheit zu der damals schon weit verbreiteten Sie­mens-Einheit durch Versuche festzustellen. Als Mittel aus allen in Folge dessen vorgenommenen Bestimmungen ergab sich für dieses Verhältniß der Werth 1,06 und demgemäß wurde von der im Jahre 1884 stattfindenden Schlußconferenz ein Quecksilberfaden von 1 qmm Querschnitt und 106 mm Länge bei 0° C. unter dem Namen »Ohm« als internationale, gesetzliche Widerstandseinheit festgesetzt. In ähnlicher Weise wurden auch für die übrigen Einheiten des Systems die Namen verdienter Physiker gewählt; zu bedauern ist dabei, daß der Name Wilhelm Webers, des Schöpfers dieses absoluten Maaßsystems, nicht berücksichtigt wurde, obwohl man ihm diese Ehre doch in erster Linie hätte erweisen sollen, wenn man sein System adoptirte. Für mich war es ein kleiner Triumph, daß eine Reproduction meiner Quecksilbereinheit, die Lord Raleigh nach einer von der meinigen etwas abweichenden Methode vornahm, doch bis auf ein Zehntausendstel mit den von meiner Firma ausgegebenen Maaßetalons übereinstimmte.

Es war freilich etwas hart für mich, daß meine mit so vieler Mühe und Arbeit zu Stande gebrachte Widerstandseinheit, die überhaupt erst vergleichbare elektrische Messungen ermöglicht hatte, dann über ein Decennium in der ganzen Welt benutzt und von der internationalen Telegraphenconferenz als gesetzliches internationales Widerstandsmaaß für die Telegraphie angenommen war, nun plötz­lich unter meiner eigenen Mitwirkung beseitigt werden mußte. Die großen Vorzüge eines theore­tisch begründeten, consequent durchgeführten und allgemein angenommenen Maaßsystems mach­ten dieses der Wissenschaft und dem öffentlichen Interesse gebrachte Opfer aber nöthig.

Meine schriftstellerische Thätigkeit beschränkte sich im Allgemeinen auf die Darstellung meiner wissenschaftlichen und technischen Arbeiten und die Beschreibung der von mir construirten Me­chanismen. Oefters mußte ich aber auch Angriffe, welche direct oder indirect gegen meine Firma oder gegen mich persönlich gerichtet waren, durch Entgegnungen zurückweisen. Es war dies um so nöthiger, als meine Firma nie annoncirte und nur durch gute Leistungen Reclame machte. Unbe­gründete Angriffe auf ihre Leistungen durften daher nicht ohne directe Zurückweisung bleiben, was häufig nur durch Berufung auf das Preßgesetz zu ermöglichen war, da die Zeitungen gewöhn­lich mehr Sympathie für die regelmäßigen Einsender einträglicher Annoncen hatten.

Ich will von solchen Berichtigungen hier nur eine im April 1877 der Elberfelder Zeitung ge­sandte hervorheben, da sich ein allgemeineres Interesse an sie knüpft. Der anonyme Schriftsteller, der mich zu dieser Berichtigung veranlaßte, hatte die dynamoelektrischen Maschinen des Herrn Gramme in Paris gerühmt, den er als den verdienstvollen Erfinder der dynamo-elektrischen Ma­schine und der elektrischen Beleuchtung hinstellte, und für dessen Anerkennung er die deutsche Gerechtigkeitsliebe mit hochtönenden Worten in Anspruch nahm, ohne der deutschen Betheiligung an diesen Erfindungen überhaupt nur Erwähnung zu thun. Ich hob in meiner Entgegnung zunächst das unzweifelhafte Verdienst Grammes an der Entwicklung der dynamo-elektrischen Maschine hervor, welches in der Combinirung des Pacinottischen Ringes mit meinem dynamoelektrischen Principe bestand, konnte dann aber nicht unterlassen, dem Appell an die deutsche Gerechtigkeitsliebe zu Gunsten fremder Verdienste die umgekehrte Richtung zu geben, indem ich darauf hinwies, daß der Deutsche immer geneigt sei, das Fremde, Weitherkommende mehr anzuerkennen als das Einheimische. Dies sei, führte ich aus, ein großes Hinderniß für die Entwicklung der deutschen Industrie, da dieselbe durch die Vorliebe für fremdes Fabrikat vielfach gezwungen würde, ihre besseren Leistungen unter fremder Flagge auf den Weltmarkt zu schicken, woher es käme, daß das deutsche Fabrikat überall mit Unrecht als mittelmäßige, billige Waare charakterisirt würde.

Ich habe schon bei früherer Gelegenheit hierauf hingewiesen und namentlich die geradezu selbst­mörderische Gewohnheit, die besseren deutschen Fabrikate als englische, französische oder gar amerikanische auf den Markt zu bringen, als unpatriotisch und unwürdig gekennzeichnet. Es ist schwer zu entscheiden, ob die Schuld hauptsächlich am deutschen Publicum oder an den deutschen Gewerbetreibenden liegt, jedenfalls ist es eine Wechselwirkung zwischen dem Vorurtheil des erste­ren und der Kurzsichtigkeit der letzteren, die nur ihren augenblicklichen Vortheil im Auge haben. Seit der Begründung des neuen deutschen Reiches und dem damit verbundenen nationalen Auf­schwunge ist ja unzweifelhaft eine Besserung in dieser Hinsicht eingetreten, aber es fehlt noch sehr viel an der vollständigen Ausrottung des Uebels. Unsern Gewerbetreibenden mangelt noch zu sehr das stolze Bewußtsein, nur gute Waare zu liefern, und unserm Publicum die Erkennt­niß, daß gute Waare auch bei höherem Preise die billigste ist. Erst aus der Wechselwirkung beider entwickelt sich der Nationalstolz auf die Leistungen der eigenen Industrie, der die beste Schutz­wehr für dieselbe bildet. Wie stark das Gefühl der Ueberlegenheit der eigenen Leistungen über alle fremden sich in England entwickelt hat, empfand ich recht schlagend, als ich einst mit Bruder Wil­helm der Ausladung eines Schiffes zusah, das zum ersten Male aus einem norwegischen Hafen Eis nach London brachte. Das Eis war in prachtvollen, würfelförmigen Blöcken am Ufer gelagert und wurde mit offenbarem Interesse von Kauflustigen betrachtet. Mein Bruder knüpfte mit einem der­selben eine Unterhaltung an, indem er das schöne Aussehen der Blöcke lobte. »O yes«, sagte darauf der Angeredete, ein herkulischer Schlächtermeister, »it looks very well, but it has not the english nature«. Selbst das englische Eis mußte nothwendig kälter sein als das fremde. Dieses Vor­urtheil für die heimische Waare, das jeder Engländer besitzt und das seine Wahl stets beeinflußt, befestigt den Stolz des englischen Handwerkers und Fabrikanten auf die Güte seiner Arbeit und läßt dadurch vielfach das Vorurtheil zur Wahrheit werden.

Von meinen sonstigen populären Publikationen will ich hier nur meine Vorträge »Die Elektricität im Dienste des Lebens« vom Jahre 1879 und »Das naturwissenschaftliche Zeitalter« vom Jahre 1886 anführen.

In ersterem Vortrage entwickelte ich den damaligen Stand der Elektrotechnik und knüpfte daran Betrachtungen über die mit Zuversicht zu erwartenden weiteren Fortschritte derselben, welche sich daraus ergeben würden, daß die Elektricität jetzt mit Hülfe der dynamo-elektrischen Maschine auch schwere Arbeit leisten könnte, während sie bis dahin nur durch die Schnelligkeit ihrer Bewe­gung nützlich gewesen wäre, indem sie Nachrichten und Signale übermittelte, dirigirte und com­mandirte, jedoch die Ausführung der schweren Arbeit selbst anderen Naturkräften überließ.

Der Vortrag »Ueber das naturwissenschaftliche Zeitalter«, den ich in der Eröffnungssitzung der Gesellschaft der Naturforscher und Aerzte im Herbst des Jahres 1886 zu Berlin hielt, behandel­te das Thema der Veränderung der socialen Zustände durch die schnell wachsende Herrschaft des Menschen über die Naturkräfte. Ich setzte auseinander, daß die auf naturwissenschaftlicher Grund­lage ruhende Technik dem Menschen die bisherige schwere körperliche Arbeit, die ihm zur Erhal­tung seines Lebens von der Natur auferlegt sei, mehr und mehr abnähme, daß die Lebensbedürfnis­se und Genußmittel durch immer geringere körperliche Arbeitsleistung herzustellen seien, also bil­liger und damit allen Menschen zugänglicher würden, daß ferner durch die Kraftvertheilung und das nothwendige Herabgehen des Zinsfußes das Uebergewicht der großen Fabriken über die Ein­zelarbeit mehr und mehr aufgehoben würde und mithin die praktischen Ziele der Socialdemokratie ohne gewaltsamen Umsturz des Bestehenden allein durch die ungestörte Entwicklung des natur­wissenschaftlichen Zeitalters erreicht werden würden. Auch suchte ich in meinem Vortrage den Nachweis zu führen, daß das Studium der Naturwissenschaften in seiner weiteren Ausbildung und Verallgemeinerung die Menschheit nicht verrohen und idealen Bestrebungen abwendig machen würde, sondern sie im Gegentheil zu demüthiger Bewunderung der die ganze Schöpfung durch­dringenden und unfaßbaren Weisheit führen, sie also veredeln und bessern müsse. Es erschien mir nützlich, für diese meine Ueberzeugung gerade an jener Stelle öffentlich einzutreten, da der uner­schütterliche Glaube an die segensreichen Folgen der ungestörten Entwicklung des naturwissen­schaftlichen Zeitalters allein im Stande ist, die alle menschliche Kultur bedrohenden fanatischen Angriffe von rechts und links erfolgreich zu bekämpfen.

Es genügt aber nicht, die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Technik ungestört fortschreiten zu lassen, es ist vielmehr nothwendig, sie nach Möglichkeit zu fördern. Dafür geschieht in Deutschland allerdings schon viel durch das hochentwickelte System des naturwissenschaftlich-technischen Unterrichtes, für welchen auf den zahlreichen Universitäten und polytechnischen Lehr­anstalten die denkbar besten Einrichtungen getroffen sind. Es fehlte aber an jeder Organisati­on zur Unterstützung wissenschaftlicher Forschungsthätigkeit, also zur Erweiterung des Gebietes unserer Naturerkenntniß, von der auch der technische Fortschritt abhängig ist. In Preußen hatte man schon vor Jahren die Nothwendigkeit eines Institutes erkannt, welches die wissenschaftliche Unterstützung der Technik und namentlich der Präcisionsmechanik zur Aufgabe hätte, und eine Commission, zu der auch ich berufen wurde, hatte den Plan für ein solches Institut ausgearbeitet, das an das neue, im Bau begriffene Polytechnikum zu Charlottenburg angeschlossen werden sollte. Dies war aber keine Lösung der Aufgabe, die wissenschaftliche Forschungsthätigkeit selbst zu för­dern.

Die Nothwendigkeit eines Institutes, das nicht dem Unterrichte, sondern ausschließlich der natur­wissenschaftlichen Forschung diente, hatte sich bei den Conferenzen über die Feststellung interna­tionaler elektrischer Maaße in Paris recht schlagend herausgestellt. Es fand sich in ganz Deutsch­land kein geeigneter Platz, um die schwierigen Arbeiten der exacten Darstellung der Weberschen absoluten Widerstandseinheit auszuführen. Die Laboratorien der Universitäten sind ihrer Bestim­mung gemäß für Unterrichtszwecke eingerichtet und dafür in der Regel auch ganz in Anspruch ge­nommen. Die deutschen Gelehrten haben sie zwar trotzdem in den Mußestunden, die der Lehrbe­ruf ihnen ließ, zur Ausführung ihrer Forschungsarbeiten benutzt und damit auch Großes geleistet, doch waren für umfangreiche, grundlegende Arbeiten weder die Arbeitsräume und ihre Einrichtung noch die Mußestunden der Gelehrten selbst ausreichend. Mein Vorschlag, dem geplanten Institute zur wissenschaftlichen Unterstützung der Technik ein zweites anzugliedern, welches ausschließlich der naturwissenschaftlichen Forschung dienen sollte, fand zwar viel Sympathie, doch hielt man die Durchführung des Planes unter den obwaltenden Verhältnissen für unmöglich. Es fehlte ein geeignetes, hinlänglich großes und Erschütterungen durch den Fuhrwerksverkehr nicht preisgegebenes Grundstück, und es erschien auch sehr schwierig, dem beträchtlichen Geldaufwande für die Errichtung und die spätere Erhaltung eines solchen Institutes Aufnahme in den preußischen Etat zu verschaffen.

Ich hatte bereits in meinem Testamente eine ansehnliche Geldsumme dafür bestimmt, zur Förde­rung der naturwissenschaftlichen Forschung verwendet zu werden, doch wäre bis zu meinem viel­leicht noch ziemlich fernen Tode kostbare Zeit verloren gegangen, und namentlich wäre dann die günstige Gelegenheit versäumt, durch Verbindung des geplanten, für die wissenschaftliche For­schung bestimmten Institutes mit dem im Princip schon festgestellten wissenschaftlich-technischen ein großes und dem Zeitbedürfniß entsprechendes Unternehmen ins Leben zu rufen. Deshalb ent­schloß ich mich, meinen Tod nicht abzuwarten, sondern der Reichsregierung das Anerbieten zu machen, ihr ein großes, für den Zweck völlig geeignetes Grundstück oder den entsprechenden Ka­pitalbetrag für ein der naturwissenschaftlichen Forschung gewidmetes Reichsinstitut zur Verfü­gung zu stellen, wenn das Reich die Baukosten tragen und die künftige Unterhaltung des Institutes übernehmen wollte. Mein Vorschlag wurde von der Reichsregierung angenommen, vom Parlamen­te bestätigt, und es ist auf dieser Grundlage die physikalischtechnische Reichsanstalt in Charlotten­burg erwachsen, die unter der Leitung des ersten Physikers unserer Zeit, des Geheimraths von Helmholtz, jetzt eine deutsche Heimstätte für die wissenschaftliche Forschung bildet.

Charlottenburg, im Juni 1892.

Ich hoffte im vorigen Jahre diese Erinnerungen in Harzburg abzuschließen, wurde aber durch eine Erkrankung meiner Frau und viele andere Störungen daran verhindert. Im Herbste hatte ich selbst einen schweren Influenzaanfall zu überstehen, der mich nöthigte, den Winter im Süden zu verbrin­gen. Von meiner Frau und jüngsten Tochter begleitet, begab ich mich im Dezember nach Corfu. Zwar ist dort für Kranke nicht viel Fürsorge getroffen und das Klima ist im Januar und Februar un­gefähr das eines regnerischen norddeutschen Sommers, aber die herrliche Lage und die schöne Umgebung der Stadt gewähren auch um diese Jahreszeit hohen Genuß. Corfu zehrt noch heute von den Wohlthaten, welche die englische Oberherrschaft früher der Insel gebracht hat. Die von den Engländern erbauten schönen Straßen, obwohl zum Theil schon verfallen, gewähren noch immer gute Verbindung zwischen den wichtigsten Punkten der Insel, auch die englische Wasserleitung, welche die Stadt Corfu zu einem gesunden Orte gemacht hat, ist glücklicherweise noch in Thätig­keit. Bis vor kurzem lebte der Corfiote in alter phäakischer Behaglichkeit von den Einnahmen, welche die zahllosen alten Oelbäume der Insel ihm gewährten; er nahm sich nicht einmal die Mühe, die Früchte regelrecht zu ernten, sondern wartete ab, bis sie von selbst zur Erde fielen und sammelte dann die noch gut erhaltenen. Neuerdings hat aber das Petroleum die Oelpreise sehr hin­abgedrückt, und die Sorgen ums tägliche Brod fangen nun auch im Phäakenlande an, sich fühlbar zu machen. Man wendet daher dem Weinbau jetzt größere Aufmerksamkeit zu, der zwar viel mehr Arbeit kostet, dafür aber auch weit lohnender ist als der Oelbau. Mit Bedauern sieht man in manchen Gegenden der Insel die alten malerischen Oelbäume fallen, die der einträglicheren Weinkultur Platz machen müssen. Fast die einzigen Fremden, die sich dauernd in Corfu aufhalten, sind französische Händler, die allen Wein aufkaufen. Die große Menge rothen Farbstoffes, die der korfiotische Wein enthält, mag ihn wohl sehr geeignet zur Fabrikation echten Bordeaux machen. In früheren Zeiten durfte kein Wein aus der Insel exportirt werden, da die Corfioten ihren Wein selbst trinken wollten. So ändern sich uralte Gewohnheiten in unserer nichts Unveränderliches duldenden Zeit!

Ende Februar, als die Obstbäume zu blühen begannen, verließen wir Corfu und gingen nach Neapel, wo wir besseres Wetter und mehr Unterhaltung zu finden hofften. Aber die Apenninen waren noch tief verschneit, selbst der liebe Vesuv trug einen leichten Schneemantel und in Neapel regnete es noch viel anhaltender und stärker als in Corfu. Dafür erfreuten wir uns dort des ange­nehmen Verkehrs mit Freund Dohrn und seiner liebenswürdigen Familie. Vier Wochen später gingen wir nach Amalfi, aber erst in Sorrent lachte uns endlich der lang ersehnte blaue italienische Himmel. Dort spürte ich zuerst die Rückkehr meiner Kräfte, als ich auf einem Spaziergange mit meiner Frau durch das Bestreben einen schönen Aussichtspunkt zu gewinnen, zum höchsten Punkte der Umgebung, dem Kloster Deserto, geführt wurde. Meine Hoffnung, dem Vesuv noch­mals einen Besuch abstatten zu können und vielleicht noch einmal einen Einblick in die Quellen seiner wechselnden Thätigkeit zu gewinnen, blieb des ungünstigen Wetters wegen leider unerfüllt. Es hat mir aber viel Freude gemacht ihn wiederzusehen, denn man hängt an Personen und Sachen, denen man Dank schuldet. Hatte mir doch der Vesuv bei einer im Jahre 1878 ausgeführten Bestei­gung durch seine regelmäßig wiederkehrenden explosionsartigen Auswürfe so unzweifelhafte Fin­gerzeige über die Ursache seiner Thätigkeit gegeben, daß der Kreis meiner Vorstellungen über die Gestaltung des Erdinneren und die in demselben thätigen Kräfte dadurch sehr erweitert wurde.

Anfang Mai kehrten wir in die Heimath zurück, leider hatte ich aber noch zweimal heftige Fieber­anfälle zu erleiden. Nachdem ich auch sie nun glücklich über wunden habe, hoffe ich, daß die Krankheitsperiode meines Alters damit beendet ist und mir noch ein ruhiger und heiterer Lebens­abend im Kreise meiner Lieben beschieden sein wird.

Meiner Geschwister habe ich im Vorhergehenden schon häufig gedacht, bei dem großen Einfluß, den sie auf meinen Lebensgang ausübten, fühle ich mich aber gedrungen, ihr Leben noch kurz im Zusammenhange zu schildern.

Zunächst will ich meines uns leider so früh durch den Tod entrissenen Bruders Wilhelm gedenken. Wie dieser sich in einem ihm fremden Lande, das er ohne alle Bekanntschaften und Empfehlungen mit sehr beschränkten Mitteln betrat, zu einer hoch angesehenen Lebensstellung hinaufgearbeitet hat, das hat eine so berufene englische Feder wie die des Mr. Pole verständlich geschildert. Es haben ja viele Ausländer und darunter auch Deutsche ihr Glück in England gemacht, aber dies war meist einseitig und beruhte auf besonderen Glücksfällen, zu denen auch eine vereinzelte Erfindung von großer materieller Bedeutung in der Regel zu zählen ist. Wilhelm erreichte mehr, er gewann die öffentliche Meinung Englands dafür, ihn schon bei Lebzeiten und in noch hervorragenderer Weise nach seinem Tode als einen der leitenden Führer zu feiern, denen das Land den großen Auf­schwung seiner Technik durch Verbreitung und Anwendung naturwissenschaftlicher Kenntnisse verdankt. Durch unausgesetzte Thätigkeit in dem hochentwickelten Vereinsleben, das in England den früheren Mangel einer guten technischen Vorbildung mit bestem Erfolge ersetzt hat, trug Wil­helm viel dazu bei, die englische Technik auf das Niveau der fortgeschrittenen Naturwissenschaft zu erheben, und es gereicht England zur Ehre, dieses Verdienst auch bei einem Nichtenglän­der vorurtheilslos anerkannt zu haben. Wesentlich unterstützt wurde Wilhelm bei seinem Wirken durch die ununterbrochene innige Verbindung mit seinen Brüdern und durch seine Verheirathung mit der liebenswürdigen Miß Gordon aus angesehener schottischer Familie, die es ihm erleichterte, auch im englischen Gesellschaftsleben festen Fuß zu fassen.

Wilhelm starb am 19. November 1883 in seinem sechszigsten Lebensjahre an einem langsam ent­wickelten und wenig beachteten Herzleiden. Sein fast plötzlich erfolgter Tod ereilte ihn auf der Höhe seiner Lebensthätigkeit. Es waren auf Wilhelm schon alle Ehren gehäuft, die für einen Ge­lehrten und Techniker in England zu erreichen sind. Er war wiederholt Präsident der hervorra­gendsten wissenschaftlichen und technischen Gesellschaften, so auch der erste Präsident der von ihm selbst begründeten Society of telegraph engineers and electricians. Die höchsten, von diesen Gesellschaften ertheilten Anerkennungen und Preise wurden ihm zuerkannt, die Universitäten von Cambridge und Oxford promovirten ihn zu ihrem Ehrendoctor, und die Königin von England ver­lieh ihm als Sir William Siemens die Ritterwürde. Sein Tod wurde in ganz England als ein nationa­ler Verlust betrauert und von allen Zeitungen in diesem Sinne beklagt. Das Begräbniß ward in der Westminster Abtei feierlich begangen. Ein Jahr nach seinem Tode fand daselbst unter persönlicher Theilnahme der hervorragendsten englischen Naturforscher und Techniker die Einweihung eines Kirchenfensters statt, das die wissenschaftlichen und technischen Vereine Englands ihm zu Ehren gestiftet hatten. Seine tiefgebeugte Gattin hat sich auf ihren schönen Landsitz Sherwood bei Tun­bridge Wells zurückgezogen, den ihr die Fürsorge ihres Gatten hinterlassen hatte, und betrauert dort den Verlust ihres Lebensglückes. Wir Brüder und namentlich ich, für den Wilhelm noch mehr als Bruder war, empfanden seinen unerwarteten Tod als einen harten Schlag, den das bald darüber verflossene Jahrzehnt wohl mildern, aber nicht überwinden konnte.

Von meinen Brüdern Hans und Ferdinand, die Landwirthe geworden waren, hatte sich Hans später der landwirthschaftlichen Technik zugewandt und den Betrieb einer Spiritusbrennerei in Mecklenburg übernommen. Zwar spann er dabei nicht viel Seide, fand aber Gelegenheit sich zu verlieben und zu verloben. Nach seiner Verheirathung erwarb er mit meiner Beihilfe eine Flaschen­glashütte bei Dresden, die er bis zu seinem im Jahre 1867 erfolgten Tode betrieb. Ferdinand lebt noch heute auf seinem Rittergute Piontken in Ostpreußen. Er hat sich im Jahre 1856 wieder verlobt und dann verheirathet; eine seiner beiden Töchter ist die Gattin meines Sohnes Wilhelm und hat mir schon vor Jahren den ersten Enkel bescheert.

Mein Bruder Friedrich hatte sich in den fünfziger Jahren lebhaft an den Bemühungen Wilhelms um die Verbesserung seiner Regenerativ-Dampfmaschinen und Verdampfungsapparate betheiligt. Im Jahre 1856 kam er auf die glückliche Idee, das bis dahin noch wenig erfolgreiche Regenera­tivsystem auch für pyrotechnische Zwecke und insbesondere für Flammöfen anzuwenden. Eine Reihe von Patenten, die er zum Theil allein, zum Theil gemeinsam mit Wilhelm auf eine vervollkommnete Form der Regenerativ-Gasöfen in verschiedenen Ländern nahm, bildete die Grundlage eines von Wilhelm und ihm begründeten Ofenbaugeschäftes. Um dieses in Deutschland und Oesterreich zu betreiben, siedelte er kurz nach seiner Verheirathung, im Jahre 1864, nach Berlin über. Im Jahre 1867 übernahm er dann nach dem Tode unseres Bruders Hans dessen Flaschenglashütte bei Dresden und erhob sie durch seine technische Begabung und Thatkraft bald zu einer Musterhütte für die Glasfabrikation. Durch Einführung des Regenerativofen-Systems und später des Ofenbetriebes mit freier Flammenführung gab er den Anstoß zu einem epochemachenden Umschwunge der Pyrotechnik und insbesondere der Glasindustrie. In neuerer Zeit hat er die Dresdener Hütte und die zu ihr gehörigen Hütten in Böhmen einer Aktiengesellschaft übertragen, da sie ihm nicht Stoff genug für erfinderische Thätigkeit mehr boten. Heute ist er eifrig mit der Vervollkommnung seines regenerativen Heizprocesses und der Stahlfabrikation beschäftigt. Auch auf einem ganz abgelegenen Gebiete, dem der Gasbeleuchtung, hat er große Verbesserungen eingeführt, indem er das Princip der selbstthätigen Vorwärmung bei den Gasbrennern zur Anwendung brachte und auf diese Weise die Leuchtkraft des Gases um ein mehrfaches vergrößerte. Er hat dadurch den Sieg des elektrischen Lichtes über die Gasbeleuchtung bedeutend erschwert, was unserer brüderlichen Eintracht aber keinen Abbruch thut. Nach Wilhelms Tode übernahm er auch dessen Ingenieurgeschäft in England und hat es mit bestem Erfolge fortgeführt. Eine liebenswürdige Frau und eine reizende Kinderschaar werden ihn hoffentlich noch lange Jahre beglücken und dadurch für weiteres rastloses Streben kräftigen.

Karl hatte in Rußland einen seinen Fähigkeiten sehr entsprechenden Wirkungskreis gefunden und durch die glückliche Durchführung unserer großen russischen Unternehmungen zur festen Begrün­dung und financiell gesunden Entwicklung unseres Geschäftes sehr wesentlich beigetragen. Als aber im Jahre 1867 unsere russischen Remonte-Contracte abliefen und die russische Regierung die weiteren Telegraphenanlagen in eigener Regie ausführte, schien die Petersburger Firma von der er­langten Bedeutung herabsteigen zu müssen. Da nun um dieselbe Zeit Karls Frau leidend wurde und ein Klimawechsel für sie dringend nöthig erschien, so verlegte Karl seinen Wohnsitz nach Tiflis und übernahm die Leitung der dort begründeten Filiale sowie unseres, schon zu größerer Ausdehnung herangewachsenen Bergwerks Kedabeg. Leider verschlimmerte sich der Zustand seiner Frau aber immer mehr, auch ein längerer Aufenthalt in Wien und Berlin stellte ihre Gesund­heit nicht wieder her; sie starb im Jahre 1869 zu Berlin und ließ Karl mit einem Sohne und zwei Töchtern zurück. Ich schlug Karl jetzt vor, ganz in Berlin zu bleiben und sich an der Leitung der Berliner Firma zu betheiligen. Wir planten auch schon, weil wir beide Wittwer waren, uns ein ge­meinsames Haus zu bauen, da trat Wilhelm mit dem Wunsche hervor, Karl möchte nach London übersiedeln. Karl ging auf diesen Vorschlag ein und leitete dann bis zum Jahre 1880 gemeinsam mit Wilhelm die Geschäfte der Firma Siemens Brothers & Co. Er erwies sich in London ebenso wie in Petersburg als weitsichtiger Geschäftsmann und als tüchtiger Organisator und Leiter großer Unternehmungen. Die in Charlton bei Woolwich angelegte Fabrik wurde auf sein Betreiben bedeutend erweitert, namentlich das Kabelwerk sehr vergrößert und ein eigenes Guttaperchawerk eingerichtet. Nach mehrjährigem Aufenthalte in England fing aber Karls, früher immer sehr kräfti­ge Gesundheit an schwächer zu werden; er konnte auf die Dauer das feuchte englische Klima nicht vertragen. Dazu kam, daß sich bei seinen Kindern eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrem Ge­burtslande Rußland entwickelte. Aus diesen Gründen ging Karl im Jahre 1880 mit ihnen nach Petersburg zurück und übernahm wieder die Leitung des dortigen Geschäftes, das er bald zu neuer Blüthe brachte. Seine beiden Töchter haben sich in Rußland verheirathet; sein Sohn unterstützt ihn bei der Geschäftsleitung, soweit ihm ein Augenleiden, mit dem er leider behaftet ist, dies gestattet. Karls eigene Gesundheit hat sich seit dem Verlassen Englands wieder gekräftigt. Er selbst wie die von ihm geleitete Firma, die sich jetzt hauptsächlich mit der Einrichtung elektrischer Beleuchtungsanlagen und Kraftübertragungen beschäftigt, stehen in Rußland in hohem Ansehen.

Die jüngsten Brüder Walter und Otto sind beide in Tiflis gestorben und ruhen dort in einem ge­meinsamen Grabe. Walter starb, wie ich schon mittheilte, in Folge eines unglücklichen Sturzes mit dem Pferde. Er war ein schöner, stattlicher Mann mit angenehmen Umgangsformen, die ihn im Kaukasus schnell beliebt machten; uns Brüdern hat er stets die größte Anhänglichkeit bewiesen. Otto erlag etliche Jahre später seiner schwachen Gesundheit, die er nicht immer genügend berück­sichtigte. Er war ein braver, sehr talentvoller Mensch, besaß aber nicht immer die nöthige Selbstbe­herrschung und Charakterstärke und hat daher uns älteren Brüdern oft Sorge gemacht. Als er sich in London, wo er unter Wilhelms Leitung zum Techniker ausgebildet werden sollte, eine bedenkli­che Lungenkrankheit zugezogen hatte, ließen wir ihn auf einem guten Segelschiffe eine Reise um die Welt machen, in der Hoffnung, daß ihn dies kuriren würde. Er kam auch anscheinend ganz gesund in Australien an, konnte dort aber der Versuchung nicht widerstehen, sich einer Expe­dition anzuschließen, die den Continent durchqueren wollte, um die Spuren des verschollenen Rei­senden Leichhardt aufzusuchen. Doch war er den Strapazen nicht gewachsen und wäre in dem wüsten Inneren des Landes beinahe an den Folgen eines Blutsturzes zu Grunde gegangen. Als er nach einer Reihe von weiteren Abenteuern nach England zurückkehrte, schickten wir ihn nach dem Kaukasus, der sich Lungenkranken schon oft als heilsam erwiesen hatte. In der That schien ein län­gerer Aufenthalt in Kedabeg ihn völlig wiederhergestellt zu haben. Nach Walters plötzlichem Tode trat er in dessen Funktionen ein. Im Hause des Fürsten Mirsky, Gouverneurs des Kaukasus, lernte er die Wittwe des im Krimkriege gefallenen Generals Fürsten Mirsky, eines Bruders des Gouverneurs, kennen und lieben. Leider löste sein Tod schon nach wenigen Jahren die Verbindung des glücklichen Paares.

Unsere Schwester Mathilde, die Gattin des Professors Himly, ist im Sommer 1878 in Kiel gestor­ben, als liebevolle und treue Schwester von uns betrauert. Schwester Sophie hat leider schon vor Jahren ihren Gemahl, der zuletzt Anwalt beim Reichsgericht in Leipzig war, verloren.

Ueber mein eigenes Leben in den letzten Jahren bleibt mir noch anzuführen, daß ich seit dem Beginn des Jahres 1890 die Geschäftsleitung der Firma Siemens & Halske zu Berlin, Charlotten­burg, Petersburg und Wien den bisherigen Socien, meinem Bruder Karl und meinen Söhnen Arnold und Wilhelm überlassen habe und nur noch als Commanditist an der Firma betheiligt bin. Es gereicht mir zur großen Freude hier bezeugen zu können, daß meine Söhne sich ihrer schweren und verantwortlichen Stellung vollständig gewachsen gezeigt haben, ja daß mein Ausscheiden of­fenbar der Firma einen neuen, jugendlichen Aufschwung gegeben hat. Dies ist um so anerkennens­werther, als auch meine alten Gehülfen in der technischen Oberleitung, die Herren Frischen, von Hefner und Lent ausgeschieden sind, von denen der erste leider durch den Tod seiner Thätigkeit entrissen wurde. Es geht eben den Geschäftshäusern wie den Staaten, sie bedürfen von Zeit zu Zeit einer Verjüngung ihrer Leitung, um selbst jung zu bleiben. Das Londoner Geschäft und meine Privatunternehmungen wurden durch mein Ausscheiden aus der Firma Siemens & Halske nicht berührt und geben mir auch ferner hinreichende technische Beschäftigung.

Meine Kinder erster Ehe sind sämmtlich glücklich verheirathet. Mein Erstgeborner, Arnold, heirat­hete die Tochter meines Freundes von Helmholtz und hat bereits ebenso wie sein Bruder durch zwei Enkel für den Familienstamm gesorgt.

Wenn ich zum Schluß mein Leben überblicke und die bedingenden Ursachen und treibenden Kräfte aufsuche, die mich über alle Hindernisse und Gefahren hinweg zu einer Lebensstellung führten, welche mir Anerkennung und innere Befriedigung brachte und mich überreichlich mit den materiellen Gütern des Lebens versah, so muß ich zunächst anerkennen, daß das glückliche Zu­sammentreffen vieler Umstände dazu mitgewirkt hat und ich überhaupt dem glücklichen Zufall viel dabei zu danken habe. Ein solches glückliches Zusammentreffen war es schon, daß mein Leben gerade in die Zeit der schnellen Entwicklung der Naturwissenschaften fiel und daß ich mich beson­ders der elektrischen Technik schon zuwandte, als sie noch ganz unentwickelt war und daher einen sehr fruchtbaren Boden für Erfindungen und Verbesserungen bildete. Andererseits habe ich aber im Leben auch vielfach mit ganz ungewöhnlichem Mißgeschick zu kämpfen gehabt. William Meyer, mein lieber Jugendfreund und treuer Genosse, bezeichnete diesen steten Kampf mit ganz unerwarteten Schwierigkeiten und unglücklichen Zufällen, die mir bei meinen Unternehmungen anfangs in der Regel entgegentraten, deren Ueberwindung mir aber meist mit großem Glücke gelang, recht drastisch mit dem studentischen Ausspruche, ich hätte »Sau beim Pech«. Ich muß die Richtigkeit dieser Auffassung anerkennen, glaube aber doch nicht, daß es nur blindes Schicksals­walten war, wodurch die Wellenlinie von Glück und Unglück, auf der sich unser Leben bewegt, mich so häufig den angestrebten Zielen zuführte. Erfolg und Mißerfolg, Sieg und Nieder­lage hängen im menschlichen Leben vielfach ganz von der rechtzeitigen und richtigen Benutzung sich darbietender Gelegenheiten ab. Die Eigenschaft, in kritischen Momenten schnell entschlossen zu sein und ohne lange Ueberlegung das Richtige zu thun, ist mir während meines ganzen Lebens so ziemlich treu geblieben, trotz des etwas träumerischen Gedankenlebens, in das ich vielfach, ich könnte fast sagen gewöhnlich versunken war. In unzähligen Fällen hat mich diese Fähigkeit vor Schaden bewahrt und in schwierigen Lebenslagen richtig geleitet. Freilich gehörte immer eine ge­wisse Erregung dazu, um mir die volle Herrschaft über meine geistigen Eigenschaften zu geben. Ich bedurfte ihrer nicht nur, um meinem Gedankenleben entrissen zu werden, sondern auch zum Schutze gegen meine eigenen Characterschwächen. Zu diesen rechne ich vornehmlich eine allzu große Gutmüthigkeit, die es mir ungemein schwer machte, eine an mich gerichtete Bitte abzuschla­gen, einen erkannten Wunsch nicht zu erfüllen, ja überhaupt Jemand etwas zu sagen oder zu thun, was ihm unangenehm oder schmerzlich sein mußte. Zu meinem Glücke stand dieser, besonders für einen Geschäftsmann und Dirigenten vieler Leute sehr störenden Eigenschaft die andere gegen­über, daß ich leicht erregt und in Zorn versetzt werden konnte. Dieser Zorn, der immer leicht in mir aufstieg, wenn meine guten Absichten verkannt oder mißbraucht wurden, war stets eine Erlö­sung und Befreiung für mich, und ich habe es oft ausgesprochen, daß mir Jemand, mit dem ich Un­angenehmes zu verhandeln hatte, keinen größeren Dienst erweisen könnte, als wenn er mir Ursache gäbe, zornig zu werden. Uebrigens war dieser Zorn in der Regel nur eine Form geistiger Erregung, die ich niemals aus der Gewalt verlor. Obwohl ich in jüngeren Jahren von meinen Freunden mit dem Spitznamen »Krauskopf« benannt wurde, womit sie einen gewissen Zusammenhang zwischen meinem krausen Haar und krausen Sinn andeuten wollten, so hat mich mein leicht aufbrausender Zorn doch nie zu Handlungen verleitet, die ich später hätte bereuen müssen. Zum Leiter großer Unternehmungen war ich auch in anderen Beziehungen nur mangelhaft geeignet. Es fehlte mir dazu das gute Gedächtniß, der Sinn für Ordnung und die consequente, unnachsichtige Strenge. Wenn ich trotzdem große Geschäftshäuser begründet und mit ungewöhnlichem Erfolge geleitet habe, so ist dies ein Beweis dafür, daß mit Thatkraft gepaarter Fleiß vielfach unsere Schwächen überwindet oder doch weniger schädlich macht. Dabei kann ich mir selbst das Zeugniß geben, daß es nicht Gewinnsucht war, die mich bewog, meine Arbeitskraft und mein Interesse in so ausgedehntem Maaße technischen Unternehmungen zuzuwenden. In der Regel war es zunächst das wissenschaftlich-technische Interesse, das mich einer Aufgabe zuführte. Ein Geschäftsfreund hänselte mich einmal mit der Behauptung, ich ließe mich bei meinen Unternehmungen immer von dem allgemeinen Nutzen leiten, den sie bringen sollten, fände aber schließlich immer meine Rechnung dabei. Ich erkenne diese Bemerkung innerhalb gewisser Grenzen als richtig an, denn solche Unternehmungen, die das Gemeinwohl fördern, werden durch das allgemeine Interesse getragen und erhalten dadurch größere Aussicht auf erfolgreiche Durchführung. Indessen will ich auch die mächtige Einwirkung nicht unterschätzen, welche der Erfolg und das ihm entspringende Bewußtsein, Nützliches zu schaffen und zugleich Tausenden von fleißigen Arbeitern dadurch ihr Brot zu geben, auf den Menschen ausübt. Dieses befriedigende Bewußtsein wirkt anregend auf unsere geistigen Eigenschaften und ist wohl die Grundlage des sonst etwas bedenklichen Sprichworts. »Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch den Verstand dazu«.

Eine wesentliche Ursache für das schnelle Aufblühen unserer Fabriken sehe ich darin, daß die Ge­genstände unserer Fabrikation zum großen Theil auf eigenen Erfindungen beruhten. Waren diese auch in den meisten Fällen nicht durch Patente geschützt, so gaben sie uns doch immer einen Vor­sprung vor unsern Concurrenten, der dann gewöhnlich so lange anhielt, bis wir durch neue Verbes­serungen abermals einen Vorsprung gewannen. Andauernde Wirkung konnte das allerdings nur in Folge des Rufes größter Zuverlässigkeit und Güte haben, dessen sich unsere Fabrikate in der ganzen Welt erfreuten.

Außer dieser öffentlichen Anerkennung meiner technischen Leistungen sind mir persönlich sowohl von den Herrschern der größeren Staaten Europas wie von Universitäten, Akademien, wis­senschaftlichen und technischen Instituten und Gesellschaften Ehrenbezeugungen in so reichem Maaße erwiesen worden, daß mir kaum noch etwas zu wünschen übrig bleibt.

Ich begann die Niederschrift meiner Erinnerungen mit dem biblischen Ausspruche »Unser Leben währet siebenzig Jahr und wenn es hochkommt, so sind es achtzig Jahr«, und ich denke, sie wird gezeigt haben, daß auch der Schluß des Denkspruches »und wenn es köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen« sich an mir bewährt. Denn mein Leben war schön, weil es wesentlich erfolgreiche Mühe und nützliche Arbeit war, und wenn ich schließlich der Trauer darüber Aus­druck gebe, daß es seinem Ende entgegengeht, so bewegt mich dazu der Schmerz, daß ich von meinen Lieben scheiden muß und daß es mir nicht vergönnt ist, an der vollen Entwicklung des na­turwissenschaftlichen Zeitalters erfolgreich weiter zu arbeiten.

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