Elternhaus und Heimatdorf. Die ersten Schuljahre.

Ehe ich sechs Jahre alt war, nahm mein Vater mich in die Dorfschule. Ich erinnere mich, daß ich früh lesen und schreiben konnte, aber nicht, wie ich diese Künste gelernt habe. Viel hatte ich dem Unterricht zu danken, den ich außer der Schule zu Hause empfing. Ich hatte kaum ein Jahr lang die Dorfschule besucht, als mein Vater sein Schulmeisteramt aufgab. Dasselbe war elend bezahlt und konnte die Familie, die unterdessen um zwei Mitglieder, meine Schwestern Anna und Antoinette, gewachsen war, nicht mehr ernähren. Mein Vater fing nun eine Eisenwarenhandlung an, für die ein Teil unseres Hauses, der früher als Kuhstall gedient hatte, den Ladenraum lieferte. Es war nur ein kleines Geschäft, aber mein Vater hoffte doch, daß dessen Ertrag hinreichen werde, die Ausführung gewisser ehrgeiziger Zukunftspläne zu ermöglichen. Wie so manche, die einen Wissens- und Bildungsdrang in sich fühlen, dem nur geringe Befriedigung geworden ist, so hegte er den Wunsch, daß seinen Kindern durch eine gute Erziehung dasjenige werden solle, was ihm selbst das Schicksal versagt hatte. Mich bestimmte er schon frühzeitig zum „Studieren“ – das heißt, ich sollte, sobald ich das erforderliche Alter erreicht, das Gymnasium und später die Universität besuchen und mich einem gelehrten Fachstudium widmen. Da ich jedoch von dem Gymnasialalter noch mehrere Jahre entfernt war, so blieb ich vorläufig noch in der Dorfschule.

Aber die Erziehung, die über das dort übliche Maß hinausging, begann doch sehr früh. Wir Kinder sollten alle Musik lernen, ich zuerst; und so wurde denn, als ich eben sechs Jahre alt war, ein altes kleines Klavier angeschafft, das keine Pedale und keine Dämpfung hatte und auch sonst noch mit vielfachen Mängeln behaftet war, aber doch noch genügte, um mir zu den anfänglichen Fingerübungen zu dienen. Mir kam das Instrument sehr schön vor, und ich sah es mit einer gewissen Ehrfurcht an. Nun galt es, einen Musiklehrer zu finden. Zuerst wurde der Organist, der den Kirchendienst besorgte, ins Auge gefaßt. Aber der war ein „Naturmusiker“ – nicht ohne Ohr für Harmonie, aber kaum imstande, die einfachste Komposition in Noten zu entziffern. Die Dorfleute hatten sich an seine Leistungen in der Messe und der Vesper gewöhnt; und wenn auch in seinen Präludien und Interludien zuweilen eigentümliche Verwicklungen eintraten, so störte das weiter nicht. Nun dachte unser Familienrat, der die Musiklehrerfrage beriet, den Organisten, der noch in einem entfernten Grade zu unserer Vetternschaft gehörte, in dieser Sache ehrenhalber nicht ganz übergehen zu können. Aber er war vernünftig genug, mit völliger Wahrung seiner eigenen Würde zu sagen, daß er das, was er von Musik verstehe, anderen nicht beibringen könne, was ihm auch bereitwillig geglaubt wurde. So wurde denn beschlossen, daß ich wöchentlich zweimal nach der etwa anderthalb Stunden Wegs entfernten kleinen Stadt Brühl gehen müsse, wo es einen musikalisch recht gut geschulten Organisten Namens Simons gab. Der Weg führte durch einen großen Wald, „die Ville“ genannt; aber er war eine wohlgepflegte, breite Chaussee, auf der eine Postkutsche ging, und wenn es sich günstig traf, so erleichterte mir der Postillon zuweilen meine musikalische Wanderung, indem er mich bei sich auf dem Bock sitzen ließ.

Nach einiger Zeit wurde mir mein jüngerer Bruder Heribert als musikalischer Mitschüler beigegeben, und damit trat auch eine Erweiterung meiner Studien ein. Während nämlich mein Bruder bei dem vortrefflichen Herrn Simons seine Klavierstunde hatte, benützte ich die freie Zeit, um bei dem Pfarrkaplan in Brühl, einem gestreng aussehenden „geistlichen Herrn“, die Anfangsgründe des Lateinischen zu lernen. So wanderten wir denn zweimal die Woche zusammen nach Brühl und zurück. Unterwegs vergnügten wir uns damit, zweistimmige Lieder zu singen, und da wir beide mit richtigem Gehör begabt waren und es uns an Stimme nicht fehlte, so mag es ziemlich gut geklungen haben. Wenigstens erregten wir die Aufmerksamkeit der Leute, die des Weges kamen. Es geschah uns sogar einmal, daß eine Reisegesellschaft, um uns zuzuhören, ihren Wagen halten ließ, ausstieg, uns zum Niedersitzen unter den Bäumen einlud und uns dann mit allerlei guten Dingen aus ihrem Proviantkorb zu bestimmen suchte, unser ganzes Repertoir herzusingen.

Mein Bruder Heribert, fünfzehn Monate jünger als ich, war ein reizender Junge; blauäugig und blond, heiteren Temperaments und von der liebenswürdigsten Gemütsart. Das Stillsitzen und aus Büchern lernen gefiel ihm weniger, als sich mit Blumen und Tieren zu beschäftigen. Mein Vater dachte daher, während ich ein Gelehrter werden sollte, aus ihm einen Kunstgärtner zu machen. Wir Brüder hingen sehr aneinander, und meine Mutter hat mir im späteren Leben oft erzählt, es sei eine wahre Freude gewesen, uns zusammen zu sehen, wie wir, gleichgekleidet und in vielen Dingen als Brüder erkennbar, uns miteinander umhertummelten und in unseren ernsteren Beschäftigungen sowohl als unseren Spielen und Freuden die beste Kameradschaft hielten. An wilden Knabenstreichen fehlte es auch nicht, aber es gab doch keine von bösartiger Natur. Das Schlimmste, das uns passierte, machte damals auf mich einen tiefen Eindruck und ist mir lebhaft in der Erinnerung geblieben.

Der alte Halfen von Buschfeld, einem nah bei Liblar gelegenen Gut, starb, und da er zu unserer weit verzweigten Verwandtschaft gehörte, so hatten wir Brüder bei dem Leichenbegängnis brennende Wachskerzen zu tragen. Nach dem Begräbnis gab es dann, dem Brauch gemäß, in Buschfeld einen großen Leichenschmaus, an welchem die Verwandten teilnahmen, sowie diejenigen, die bei dem Begräbnis besonders tätig gewesen waren. Solch eine ernste Feier entwickelte sich aber nicht selten zu einem recht heiteren Gelage; und so war es auch diesmal, da das Essen lange dauerte und der vortreffliche Wein den Gästen sehr behagte. Nun fiel es einem leichtsinnigen Onkel ein, meinen Bruder Heribert und mich bei dieser Gelegenheit im Weintrinken üben zu wollen. Er füllte also wieder und wieder unsere Gläser und nötigte uns, sie zu leeren. Die Folge war, daß wir zuerst sehr lustig wurden und dann bewußtlos von unseren Stühlen unter den Tisch glitten; worauf man das arme jugendliche Brüderpaar tief schlafend auf einen mit Stroh gefüllten Karren lud und nach Hause fuhr. Als wir wieder aufwachten und hörten, was geschehen war, schämten wir uns herzlich. Ich weiß nicht, ob ich damals schon einen förmlichen Beschluß faßte, mich niemals wieder so schlecht zu betragen. Aber gewiß ist, daß der Eindruck, den diese Begebenheit auf mich machte, nie verwischt wurde. Ich nahm von da an einen tiefen Ekel vor der Betrunkenheit mit mir ins Leben; und obgleich ich seitdem Wein oder Bier getrunken habe, wann es mir gefiel, so ist doch in der Tat jener Rausch bei dem Leichenschmaus in Buschfeld bis zu dieser Stunde mein einziger geblieben.

Von geistiger Anregung gab es im Dorfe nicht viel, aber doch immerhin etwas – besonders im Hause und im weiteren Kreise der Familie. Meine Mutter hatte nicht mehr Bildung genossen, als sie in der Dorfschule und im Verkehr mit den Ihrigen hatte finden können. Aber sie war eine Frau von ausgezeichneten natürlichen Eigenschaften – in hohem Grade verständig, leicht und klar auffassenden Geistes, und lebhaften Interesses für alles, was Interesse verdiente. Aber ihre wahre Bedeutung lag in ihrem sittlichen Wesen. Ich kenne keine Tugend, die sie nicht besaß. Nichts hätte ihr dabei fremder sein können, als ein sich überhebendes Selbstbewußtsein, denn sie war fast zu bescheiden und anspruchslos. Jene felsenfeste Rechtschaffenheit, die so ist, wie sie ist, weil sie nicht anders sein kann, war in ihr mit der wohlwollendsten Milde des Urteils über andere gepaart. Ihre Uneigennützigkeit bewies sich in jeder Probe als wahrhaft heldenmütiger Aufopferung fähig. Fremdes Leiden fühlte sie tiefer als ihr eigenes, und ihre stete Sorge war um das Glück derer, die sie umgaben. Kein Unglück konnte ihren Mut brechen, und die ruhige Heiterkeit ihres reinen Gemüts überdauerte alle Schläge des Schicksals. Als sie in hohem Alter starb, hatte sie im letzten Augenblicke ihres Bewußtseins noch ein fröhliches Lächeln für ihre Kinder und Enkel, die sie umstanden. Sie war von schlanker, wohlgebauter, mittelgroßer Gestalt, und ihre Gesichtszüge erinnerten ein wenig an die des Großvaters. Wir Kinder bewunderten immer ihr weiches, welliges, goldbraunes Haar. Ob sie in ihrer Blütezeit hätte für schön gelten können, weiß ich nicht; aber wir sahen in ihrem Angesicht den Inbegriff von Liebe, Güte und Anmut. Die Umgangsformen der „gebildeten Welt“ kannte sie nicht; aber sie besaß jene edle Natürlichkeit, die den Mangel an Bildung vergessen läßt. Ihre Handschrift war ungeschickt und ihre Orthographie keineswegs tadellos. Von Literatur wußte sie nicht viel, und mit Grammatik und Stilübungen hatte man sie wenig behelligt. Aber manche der Briefe, die sie mir zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Lebenslagen schrieb, waren nicht nur voll von edlen Gedanken und Empfindungen, sondern auch von seltsam schwunghafter Schönheit im Ausdruck. Die unbewußte Größe ihrer Seele hatte da ihre ureigene Sprache gefunden. Der Einfluß ihres Wesens konnte nicht anders als beständig erhebend und fördernd wirken, wenn sie mir auch in der Erwerbung von Kenntnissen und der daraus entspringenden geistigen Fortentwicklung nur wenig zu helfen vermochte.

Um so eifriger ließ sich mein Vater dies angelegen sein. An den weiß getünchten Wänden unserer kleinen, äußerst bescheiden möblierten Wohnstube, die auch als Speisezimmer diente, hingen, in hübsche Rahmen gefaßt, die Bildnisse von Schiller, Goethe, Wieland, Körner, Tasso und Shakespeare; denn die Dichter, und neben ihnen Geschichtsschreiber und Männer der Wissenschaft, waren meines Vaters Helden, von deren Schöpfungen und Verdiensten er mir früh mit Vorliebe erzählte. Wenn auch die Schule seines Geburtsdorfes und später das Lehrerseminar ihn nicht viel gelehrt hatten, so war doch sein Lerntrieb angespornt worden, und er hatte manches mit Eifer und mehr oder weniger Nutzen gelesen. In der Tat, er las so ziemlich alles, was ihm in die Hände fiel, und so gab er auch mir zum Lesen außerhalb des Schulunterrichts jede mögliche Gelegenheit und Ermutigung. Er selbst hatte sich einige Bücher gesammelt, unter denen sich die Beckersche Weltgeschichte, wohlfeile Ausgaben einiger deutscher Klassiker und Übersetzungen ausgewählter Werke von Voltaire und Rousseau befanden. Aber dieser Lehrstoff lag noch jenseits meines kindlichen Begriffsvermögens, und so mußte denn eine Leihbibliothek aushelfen, die von einem Buchbinder in Brühl geführt wurde. Von dort bezogen wir zuerst eine Reihe sogenannter „Volksbücher“, die ziemlich gut erzählte alte Sagen enthielten, vom Kaiser Oktavianus, von den vier Heimonskindern, vom hörnernen Siegfried, vom starken Roland und einige der beliebten Jugendschriften des „Verfassers der Ostereier“, von dessen für Kinder geschriebenen Rittergeschichten ich noch einige dem Inhalt nach hersagen könnte. Aber dann ging mir eine neue Welt auf. Der alte Gärtner des Grafen, der „Herr Gärtner“, wie wir ihn nannten, der meine Leselust bemerkt hatte, sagte mir eines Tages, daß er ein Buch habe, das mir wohl gefallen würde, und er wolle es mir schenken. Es war die Campesche Bearbeitung jenes herrlichsten aller Jugendbücher, des Robinson Crusoe. Es kann wohl ohne Übertreibung gesagt werden, daß dem Robinson Crusoe die Jugend aller zivilisierten Völker mehr glückliche Stunden verdankt als irgend einem Buch, das jemals geschrieben worden ist. Dieses Glück genoß ich in vollen Zügen. Ich sehe das Buch noch vor mir, wie ich es mit Gier ergriff, sobald meine Schulstunden vorüber waren; ich sehe die abgenutzten Kanten des Einbandes; ich sehe die Holzschnitte, die in den Text gedruckt waren; ich sehe den Tintenfleck, der zu meinem großen Ärger eines dieser Bilder verunstaltete. Ich sehe mich selbst noch, wie ich in meiner Begeisterung dem Schullehrer von dem wunderbaren Buch erzählte und ihn bat, es den gesamten Schulkindern vorzulesen, was er auch tat an zwei Nachmittagen in jeder Woche; und da er merkwürdigerweise das Buch noch nicht gekannt hatte, so wuchs sein eigenes Interesse daran dergestalt, daß die Vorlesungsstunden immer länger wurden, bis der regelmäßige Unterricht fast darunter gelitten hätte. Nächst dem Robinson Crusoe begeisterten mich „der Landwehrmann“, eine volkstümliche Geschichte der „Befreiungskriege“ von 1813, 1814 und 1815, für die zuerst mein Interesse durch die Erzählungen meines Vaters und Großvaters geweckt worden war – eine Lektüre, aus der ich als kindlich feuriger deutscher Patriot hervorging. Ferner fand sich im Pfennigmagazin manches Unterhaltende und Wissenswerte, das mir mein Vater durch seine Erklärungen verständlich machte. Und endlich führte er mich auch in die höhere Literatur ein, indem er mir, als ich von den Masern genesend, noch das Zimmer hüten mußte, eine Reihe Schillerscher Gedichte und zuletzt gar die „Räuber“ vorlas.

Aber es gab noch andere anregende Familieneinflüsse außerhalb des engsten Kreises. Meine Mutter hatte vier Brüder. Der älteste, Ohm Peter, wie wir Kinder ihn nannten, hatte während der letzten Jahre der napoleonischen Herrschaft in einem französischen Grenadierregiment gedient und war reich an Erinnerungen aus jener merkwürdigen Zeit. Nach dem Kriege heiratete er eine „Halfens Tochter“ und wurde selbst „Halfen“ auf einem großen Bauerngut, dem „Münchhofe“ in Lind, eine halbe Stunde Wegs von Köln. Körperlich und geistig glich er von den Brüdern meinem Großvater am meisten, und wir Kinder liebten ihn herzlich. Der zweite war Ohm Ferdinand. Er stand den großen Torfgruben, die der Graf Metternich besaß, und welche die Umgegend mit Brennmaterial versahen, als Verwalter vor und lebte in Liblar in behaglichen Verhältnissen. Im preußischen Militärdienst hatte er es bis zum Landwehrleutnant gebracht, und wir Kinder staunten ihn an, wenn er in seiner bunten Uniform, den Degen an der Seite und den Tschako mit hohem Federbusch auf dem Kopf – Pickelhauben gab es damals noch nicht –, zu den periodischen Musterungen und Manövern auszog. Er hatte manches gelesen und war der Aufgeklärte, der Voltairianer der Familie. Auch gehörte er einer Freimaurerloge in Köln an, und die Dorfleute erzählen sich mit Grauen, wie in den geheimen nächtlichen Versammlungen der Freimaurer der leibhaftige Teufel in Gestalt eines schwarzen Ziegenbocks erscheine und die Mitglieder der Loge sich ihm mit Leib und Seele verschreiben mußten. Die Tatsache, daß Ohm Ferdinand Sonntags nicht zur Kirche ging, schien in dieser Beziehung die schlimmsten Gerüchte zu bestätigen. Seine Gattin, eine Frau von vortrefflichem Charakter und tüchtige Wirtschafterin, hatte die eigentümliche Liebhaberei, sich über den Personalbestand und die Schicksale der europäischen Fürstengeschlechter aufs genaueste unterrichtet zu halten, und wir hörten sie oft mit erstaunlicher Klarheit die verwickeltsten Familienbeziehungen auseinandersetzen und merkwürdige Geschichten über die „hohen Herrschaften“ erzählen.

Der dritte Bruder war Ohm Jacob, der als junger Mann nach der kleinen Festungsstadt Jülich, sieben Wegstunden von Liblar, gezogen war, dort eine Kaufmannstochter geheiratet und sich dem kaufmännischen Beruf gewidmet hatte. Er war ungewöhnlich schön von Angesicht und Gestalt und dazu eine feine, liebenswürdige und im besten Sinne vornehme Natur. Seine vortrefflichen Eigenschaften und sein einnehmendes Wesen gewannen ihm bald die Achtung und Zuneigung der Gemeinde, und er wurde zum Bürgermeister der Stadt ernannt, ein Amt, das er viele Jahre mit tadellosem Anstand und zu allgemeiner Zufriedenheit versah. Jedes Jahr reiste er zur Messe nach Frankfurt, von wo er uns, stets über Liblar zurückkehrend, allerlei hübsche Sachen mitbrachte und interessante Erzählungen über die merkwürdigen Menschen und Dinge, die er dort gesehen und gehört.

Der vierte und jüngste Bruder war Ohm Georg, der, wie schon erwähnt, bei den Kürassieren in Berlin gedient hatte und dann meinen Großvater in der Ackerwirtschaft vertrat. Er hatte als Soldat drei Jahre in der Hauptstadt gelebt und somit auch weit über den Schatten des heimatlichen Kirchturms hinausgeblickt. Er war ebenfalls ein hübscher Mann und hatte den ritterlichen Zug der Familie. Jeder der vier Brüder war über sechs Fuß groß und zusammen bildeten sie eine Gruppe von seltener Stattlichkeit. Auch durch ihre Intelligenz und die Weite ihrer Lebensanschauungen zeichneten sie sich aus vor den gewöhnlichen Landleuten ihrer Umgebung. Ihnen schlossen sich als Geistesverwandte zwei Schwäger an, mein Vater und „Ohm Rey“, der Mann einer Schwester meiner Mutter, ein geistig sehr geweckter und dabei lebenslustiger Mann, der in dem Bauerndorfe Herrig, eine gute Stunde Wegs von Liblar, ein ansehnliches Ackergut als Eigentum besaß. Dieser Kreis fand sich häufig, ganz oder teilweise, in heiterer Geselligkeit zusammen. Aber die gesellige Unterhaltung beschränkte sich nicht auf die landesüblichen Vergnügungen, obgleich es daran nicht fehlte, noch auch auf die Verhandlung alltäglicher Geschäfte. Diese Männer lasen ihre Zeitungen, interessierten sich für das, was in der Welt vorging, und besprachen unter sich, wenn auch nicht mit besonderer Sachkenntnis, aber doch mit eifriger Teilnahme, die Ereignisse, die nah und fern die Menschheit bewegten. Solchen Gesprächen wohnte ich nicht selten, an meines Vaters Stuhl gelehnt, oder unbemerkt in einem Winkel kauernd, als stummer aber begieriger Zuhörer bei. Manche der davon empfangenen Eindrücke sind mir im Gedächtnis geblieben. Da hörte ich denn von den Kämpfen des Abdel-Kader in Algier und des Helden Schamyl im Kaukasus, von den wiederholten Attentaten auf den König Louis Philipp in Frankreich; von dem Karlistenkrieg in Spanien und den Generälen, deren Namen mir so wunderbar musikalisch klangen; von der Verhaftung des Erzbischofs von Köln wegen jesuitischer Umtriebe gegen die preußische Regierung, ein Ereignis, das mich besonders aufregte, usw. Von dem, was ich so hörte, war mir vieles zuerst wenig mehr als bloßer Schall. Aber ich ließ es dann nicht an Fragen fehlen, die mir mein Vater oder Ohm Ferdinand, so gut es ging, beantworten mußte. Obgleich dadurch der Geist des Knaben nur wenig klares Verständnis gewann, so wurde doch schon früh in ihm das Gefühl geweckt, daß wir in unserm kleinen Dorfe ein Teil einer großen Welt seien, deren Kämpfe uns angingen und unsere Aufmerksamkeit und Teilnahme verlangten. Und dieses Interesse blieb mir von jener Zeit an. Auch hörte ich in diesem Familienkreise zuerst von Amerika sprechen. Eine Bauernfamilie von Liblar, namens Trimborn, entschloß sich, nach den Vereinigten Staaten auszuwandern. Noch steht mir das Bild lebhaft vor Augen, wie eines Nachmittags ein mit Kisten und Hausgerät beladener Lastwagen sich von Trimborns Hause in Bewegung setzte, wie die Familie von den Dorfleuten Abschied nahm, wie eine große Schar den Auswanderern bis vor das Dorf das Geleit gab, und wie dann der Wagen auf dem Wege nach Köln im Walde verschwand. Eine andere uns befreundete Familie namens Kribben, aus einem benachbarten Dorf, folgte bald den Trimborns, um sich in Missouri niederzulassen, wo ich sie viele Jahre später wiedersah, und wo einer der Söhne ein hervorragender Mann wurde. Unterdessen wurde von meinem Vater und meinen Oheimen Amerika eifrig besprochen. Da hörte ich denn zum ersten Male von dem unermeßlichen Lande jenseits des Ozeans, seinen ungeheuren Wäldern, seinen großartigen Seen und Strömen, von der jungen Republik, wo es nur freie Menschen gäbe, keine Könige, keine Grafen, keinen Militärdienst und, wie man in Liblar glaubte, keine Steuern. Alles was über Amerika Gedrucktes aufgetrieben werden konnte, wurde mit Begierde gelesen, und so sah ich im Pfennigmagazin zum erstenmal das Bildnis Washingtons, den mein Vater den edelsten aller Menschen in der Geschichte der Welt nannte, da er als Feldherr im Kriege für die Befreiung seines Volkes große Heere kommandiert und dann, statt sich zum König zu machen, all seine Gewalt freiwillig niedergelegt und wieder als einfacher Landwirt den Pflug in die Hand genommen habe. An diesem Beispiele erklärte mein Vater mir, was ein „Freiheitsheld“ sei. Dann schwärmten die Männer unseres Familienkreises nach Herzenslust in jener Blockhausromantik, die für die Phantasie des mit dem amerikanischen Leben unbekannten Europäers, besonders des Deutschen, so großen Zauber gehabt hat, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre auch von ihnen der Beschluß der Auswanderung schon damals gefaßt worden. Obgleich es nicht so bald dazu kam, so blieb doch Amerika in der Familie ein beliebter Gesprächsgegenstand, der durch die Ankunft von Briefen der Trimborns und Kribbens, die mit Sehnsucht erwartet und mit Eifer gelesen wurden, immer erneuertes Interesse gewann.

Auch unter den älteren Leuten außerhalb der Familie fand ich einen Freund, der mir allerlei Anregungen gab, und zwar einen recht sonderbaren. Sein Name war Georg van Bürck, und da er früher einmal Schuhmachermeister gewesen war, so wurde er gewöhnlich „Meister Jurges“ genannt. Sein Handwerk hatte er wegen einer Augenschwäche aufgeben müssen. Dann ernährte er sich als Botengänger und wurde von meinem Vater so häufig beschäftigt, daß er bei uns fast wie ein Zugehöriger aus- und einging, obgleich er selbst eine Frau und mehrere Kinder hatte, mit denen er ein kleines Haus in unserm Dorf bewohnte. Meister Jurges war damals ein Mann von mittleren Jahren, lang und hager, mit schmalem, freundlichem Gesicht, dem der weißliche Schein eines erblindeten Auges einen eigentümlichen Ausdruck gab. Er war einer von den Leuten, die bei guten natürlichen Anlagen nur geringen Unterricht genossen haben, bei denen aber das wenige genügt, um ihr Denkbedürfnis aus dem Geleise des in ihrer Lebenssphäre Althergebrachten und Alltäglichen herauszuheben. Er hatte allerlei Gedrucktes, das ihm in die Hände gefallen war, gelesen, und wenn er auch manches davon nicht verstand, so machte er sich doch seine eigenen Gedanken darüber. Es kamen ihm mancherlei drollige Einfälle, die er mit einer gewissen Sprachgewandtheit und zuweilen gar in recht pikanten Ausdrücken zum besten gab, und da seine Gemütsart kaum hätte gutartiger und gefälliger sein können, so mochte alle Welt ihn gern leiden.

Wie die ganze Bewohnerschaft des Dorfes und der Umgegend war er katholisch; aber in manchen Dingen stimmte er mit der Kirche nicht überein und meinte, wenn wir nur glauben und gar nicht selbständig denken sollten, wozu habe uns dann der allweise Schöpfer den Verstand gegeben? Besonders kritisierte er die Predigten des Pastors der Pfarre Liblar mit großer Lebhaftigkeit und Schärfe. Auch mit dem Apostel Paulus hatte er manche Meinungsverschiedenheiten. Obgleich ich noch ein bloßes Kind war, machte er mich zum Vertrauten seiner religiösen Zweifel und philosophischen Betrachtungen; er glaubte nämlich, da ich „studieren“ solle, so müßte ich mir über solche Dinge möglichst früh eine Meinung bilden, und man könne daher füglich mit mir darüber reden. Mit besonderem Ernste warnte er mich, nur ja nicht „auf Geistlich“ zu studieren, wie man sich am Niederrhein ausdrückte – d. h., nicht Theologie zu studieren mit der Absicht, Priester zu werden –, „denn“, sagte er, „die geistlichen Herren müssen zu viel Dinge sagen, an die sie selbst nicht glauben.“ Und dann ging er mit großer Beredsamkeit auf die in den Evangelien erzählten Wunder los, die ihm durchaus nicht in den Kopf wollten.

Aber zuweilen schien sich Meister Jurges doch zu erinnern, daß ich noch ein Kind war. Er nahm mich dann auf seine Knie und erzählte mir Märchen oder Gespenstergeschichten, wie man sie eben Kindern erzählt; er versäumte jedoch nie hinzuzusetzen, daß diese Geschichten alle erdichtet seien, und daß ich nur ja keine davon glauben solle. Ich versprach ihm dies, verlangte aber noch mehr. Die Kinderseele hat ein noch frisches und reines Bedürfnis für das Wunderbare, und wenn auch die Furcht an und für sich ein unbequemes, unangenehmes Gefühl ist, so haben doch die Schauer, welche der Gedanke an das Ungeheure, Übernatürliche hervorbringt, einen seltsamen Reiz. Die Dorfleute, unter denen ich lebte, waren meist noch in hohem Grade abergläubisch. Sehr viele davon glaubten noch steif und fest, daß es Hexen gebe, die mit dem Teufel in sehr intimen Beziehungen ständen; und von zwei oder drei alten Frauen im Dorfe wurde im geheimen gemunkelt, daß es mit ihnen nicht richtig sei. Auch hörte ich einige unserer Nachbarn erzählen, daß sie selbst „Feuermänner“ auf dem Felde hätten einherwandeln sehen. Diese Feuermänner seien „arme Seelen“, wegen irgend besonderer Missetaten dazu verdammt, des Nachts in brennender Gestalt umzugehen. Nun wußte ich wohl, von meinen Gesprächen mit meinen Eltern, mit meinen Oheimen und mit Meister Jurges, daß es keine Hexen gebe, und daß die „Feuermänner“ bloße Irrwische seien, die sich in den Dünsten des Moorlandes bildeten; aber ich fand doch eine geheime Lust des Grauens daran, die alten Frauen zu betrachten, die der Hexerei verdächtig waren, und die Sumpfstellen zu besuchen, wo man die fürchterlichen Feuermänner gesehen haben wollte; und dabei ließ ich meiner Einbildungskraft freien Lauf und dachte mir allerlei wunderbare Geschichten aus.

Meinem Freunde Meister Jurges verdankte ich auch meine erste Vorstellung von einem Philosophen. Im Dorfe stand ein altes Gebäude, das einst offenbar ein viel vornehmeres Wohnhaus gewesen war, als die, welche es umgaben. Es war ansehnlich größer, das Gebälk des Fachwerkes war viel künstlicher gefügt und geschmückt, und sein Eingang von einem Überbau gedeckt, der, auf vier hölzernen Pfeilern ruhend, in die Straße hineinragte. Zu der Zeit, von der ich spreche, war das Haus unbewohnt und verfallen. Der Eingang hatte keine Tür mehr und stand den Dorfkindern offen, die sich auf den morschen Böden und Treppen frei umhertrieben und die wüsten Kammern und dunklen Winkel besonders gut zum Versteck- oder Räuberspiel fanden. Der unheimliche alte Bau interessierte mich lebhaft und von Meister Jurges erhielt ich den ersten Aufschluß über seine letzten Besitzer und Bewohner. Es waren zwei Brüder gewesen, alte Junggesellen, namens Krupp, damals schon seit einer Reihe von Jahren tot. Der ältere davon hieß Theodor, im Volksmunde „Krupps Duhres“ und war, wie mir Meister Jurges erzählte, ein höchst sonderbarer Herr. Er trug sein Haar noch in einen Zopf geflochten und auf seinem Kopfe einen altmodischen dreieckigen Hut. Da er nur ein Auge hatte, so gebrauchte er eine Brille mit nur einem Glase, und diese Brille war unter der vorderen Ecke seines Hutes befestigt, so daß er das Glas vor seinem sehenden Auge hatte, sobald er den Hut aufsetzte. Er besaß eine große Menge von Büchern und war ein grundgelehrter Mann. Oft ging er in Gedanken vertieft umher mit den Händen auf dem Rücken, ohne jemanden anzusehen. Die Kirche besuchte er nicht und als er starb, wollte er von der letzten Ölung nichts wissen. „Krupps Duhres“, so schloß Meister Jurges seine Beschreibung, „war ein Philosoph.“ Ich fragte meinen Vater, der auch von Krupps Duhres wußte und alles bestätigte, was Meister Jurges mir erzählt hatte, ob jener sonderbare Mann wirklich ein Philosoph gewesen sei. Mein Vater meinte, das sei wohl außer Zweifel. Dies war meine erste Vorstellung von einem Philosophen und im späteren Leben ist mir das Bild des dreieckigen Hutes mit der daran befestigten einäugigen Brille noch oft im Gedächtnis aufgestiegen, wenn ich von Philosophie oder Philosophen reden hörte.

Mein Freund Meister Jurges hatte zuweilen Anwandlungen, die auf mich einen tiefen Eindruck machten. Es geschah ihm wohl – nicht oft, aber doch dann und wann –, daß er in fröhlicher Gesellschaft etwas mehr trank, als er sollte. Aber seine Anheiterung – Rausch konnte man es kaum nennen – hatte nichts Tierisches, Abstoßendes an sich. Sie machte ihn nur munterer und vermehrte den Sprudel seiner originellen Einfälle. Eines Tages war ich bei einer solchen Gelegenheit gegenwärtig. Meister Jurges hielt mit seinen launigen Bemerkungen die Gesellschaft in der heitersten Stimmung. Da hörten wir eine Wanduhr schlagen. Meister Jurges unterbrach sich plötzlich mitten in einem Satze, sprang auf und rief in feierlich ernstem Ton: „Ah, schon wieder eine Stunde dem Tode näher.“ Aber in der nächsten Minute, nach kurzem Schweigen, setzte er sich wieder hin und führte das Gespräch weiter, eben so lustig wie vorher. Mein Vater, dem ich diesen Vorfall erzählte, sagte mir, daß er schon mehrmals ähnlichen Szenen beigewohnt habe. Meister Jurges habe eine Ahnung, er werde nicht alt werden; er mache sich allerlei Gedanken darüber, wie es wohl mit dem Leben nach dem Tode beschaffen sein möge, und was ihn so innerlich beschäftige, komme zuweilen auf diese sonderbare Weise zum Ausbruch.

Mich behelligte er mit diesen trüben Vorgefühlen nicht. Vor mir entwickelte er nur die heiteren Seiten seines Charakters und seiner Lebensphilosophie, obgleich er dieses pomphafte Wort nie gebrauchte. Er versuchte häufig, mir zu zeigen, wie wenig dazu gehörte, um glücklich zu sein, – und zum Beweis ließ er sein eigenes Beispiel dienen. Er war doch ein recht armer Mann nach den gewöhnlichen Begriffen der Welt. Das Schicksal hatte ihn nicht nur nicht begünstigt, sondern eher hart geschlagen. Er leugnete nicht, daß er in sich den Stoff zu etwas Besserem fühle als zum Schuster, aber nur dazu hätten seine Eltern ihn machen können. Dann habe die Augenkrankheit ihm gar die Tauglichkeit zum Schusterhandwerk geraubt, und er habe ein Botengänger werden müssen, um für die Seinigen das tägliche Brot zu erwerben. Aber was würde es helfen, wenn er sich nun mit finstern Grübeleien quälte über das, was er hätte werden sollen und nicht geworden sei? Die Welt sei auch dem armen Botengänger noch schön. Ihm sei das Glück geworden, mit Menschen umgehen zu dürfen, die mehr gelernt hätten und geschulter seien als er. Jeder neue Gedanke, den er aussprechen höre und verstehen könne, sei ihm ein großer Genuß. Er dürfe nur mehr an die Freuden denken, die ihm das Leben geschenkt, als an die Leiden, die es ihm gebracht habe, um sich glücklich zu fühlen. Man brauche in der Tat nicht mehr zum irdischen Glück als ein gutes Gewissen und Genügsamkeit. Wenn ich im späteren Leben einmal von Armut gedrückt oder von unverdienten Schicksalsschlägen getroffen werden sollte, so möge ich nur an meinem Freund, den Botengänger Jurges, denken. – Solche Lehren gab er mir bei jeder Gelegenheit, aber stets mit allerlei Scherzen und drolligen Beschreibungen vermischt, welche die Ermahnung nie zu langweiligen Predigten werden ließen. Auch suchte er meine Ambition zu wecken und anzuspornen, indem er mir in glühenden Farben das Glück der gelehrten Erziehung beschrieb, die mir werden sollte; und dann ließ er in der Schilderung der Zukunft, die sich mir auftue, seiner Phantasie vollends die Zügel schießen.

Seine Ahnung eines frühen Todes hatte Meister Jurges leider nicht betrogen. Mein guter Freund überlebte jene Zeit nicht lange. Während ich auf dem Gymnasium war, starb er an der Schwindsucht. Ich habe ihm stets ein warmes Andenken bewahrt.

Der Eindruck dessen, was er mir über religiöse Dinge gesagt, wurde durch andere Vorkommnisse verstärkt. Ich kam wirklich zu dem Entschluß, soweit ein Kind einen solchen fassen kann, daß, wenn ich studierte, es nicht „auf Geistlich“ sein sollte. Freilich rechnete bei der katholischen Bevölkerung am Niederrhein eine Familie, die einen „geistlichen Herrn“ zu ihren Mitgliedern zählte, sich das zu großer Ehre. Aber dies galt doch meist nur von dem weiblichen Teil unseres Kreises. Während die Frauen der Kirche frommgläubig anhingen, waren die Männer all mehr oder minder von dem „freisinnigen Zeitgeist“ berührt, und mein Ohm Ferdinand, der Voltairianer, ließ es sogar an kühnen Spöttereien nicht fehlen. Diese wirkten allerdings auf mein kindliches Gemüt keineswegs anziehend. Es schien mir verwegen, von den Dingen, die mir in Kirche und Schule und von der Mutter als hoch und heilig eingeprägt wurden, in leichtfertigen Redensarten zu sprechen. Mein Vater, der zwar, wie schon erzählt, ebenfalls seinen Voltaire und Rousseau gelesen hatte und unter seinen Büchern besaß, verfiel auch niemals in diesen Ton. Ebensowenig gab er sich Mühe, mich ableitenden Einflüssen gegenüber bei der Strenggläubigkeit festzuhalten.

Im Religionsunterricht wie auf der Kanzel hatte ich den Pastor wiederholt sagen hören, die katholische sei die allein seligmachende Religion und alle Andersgläubigen, Protestanten, Juden und Heiden, seien unrettbar dem ewigen Höllenfeuer verfallen. Protestanten gab es nun in unserem Dorfe und der Umgegend keinen einzigen. In der Tat konnten wir Kinder uns einen „Calviner“, wie dort die Protestanten gewöhnlich genannt wurden, kaum vorstellen; und als einmal ein durchreisender Fremder, ein preußischer Beamter, mir als Protestant bezeichnet wurde, betrachtete ich ihn zuerst mit halb furchtsamer, halb mitleidiger Scheu, und war dann sehr erstaunt, in ihm einen sehr würdig und angenehm aussehenden Mann zu finden. Einen Juden hatten wir im Dorf, der das Metzgerhandwek betrieb, und von dem wir und unsere Nachbarn einen großen Teil unseres Fleischbedarfs bezogen. Aber sonst kam man nicht mit ihm in Berührung. Dagegen sah ich einen anderen Juden namens Aaron, der in einem benachbarten Dorf wohnte, nicht selten in unserm Hause, und ich bemerkte, daß mein Vater sich bei jedem seiner Besuche in freundschaftlicher Weise mit ihm über allerlei Dinge unterhielt. Das wunderte mich. Aber mein Vater sagte mir, der alte Aaron, dessen Gesicht mir in der Tat immer besonders ernst und würdevoll vorgekommen war, sei nicht allein ein guter und rechtschaffener, sondern auch ein sehr kluger und aufgeklärter, ja, ein weiser Mann – rechtlicher, tugendhafter und weiser als mancher Christ. – Die Frage, ob nun auch ein so guter Mann wie Aaron durchaus zum ewigen Höllenfeuer verdammt sein werde, gab mir viel zu denken. Ich konnte mir das mit der Allgerechtigkeit Gottes nicht zusammenreimen. Bald machte mich mein Vater mit Lessings „Nathan der Weise“ bekannt, und die Lehre der Duldsamkeit, welche diese Dichtung so anziehend darstellt, und die mein Vater mir passend erläuterte, gewährte mir große Befriedigung, ohne daß ich mir bewußt gewesen wäre, wie bedenklich sie einen der Grundpfeiler des allein seligmachenden Glaubens erschütterte.

Ein anderes Ereignis brachte weitere Erschütterung. Der Dorfschullehrer, der in meines Vaters Stelle getreten war, nahm sich mit einer Schülerin, einer Verwandten unserer Familie, unerlaubte Freiheiten heraus. Das Mädchen erzählte zu Hause, was vorgefallen war. Die Mutter und Geschwister – der Vater war gestorben – suchten den Lehrer zur Rechenschaft zu ziehen; der Lehrer leugnete, und die ganze Gemeinde spaltete sich in zwei Parteien – auf der einen Seite der Lehrer, unterstützt vom Pastor, dem gräflichen Hause und einem großen Teil der Dorfbevölkerung, auf der andern Seite unsere Familie mit einigen Freunden. Der Streit wurde sehr bitter, wie das bei solchen Dorfkriegen oft der Fall ist, und führte zu heftigen Zänkereien – einmal gar zu einem förmlichen Auflauf mit hartnäckigem und keineswegs unblutigem Prügelgefecht, dem der einzige Polizist nicht steuern konnte. „Es ist Revolution im Dorf“, sagten die Leute. Das war das erstemal, daß ich dies Wort „Revolution“ hörte. Auf der Gegenseite zeichnete sich besonders der Pastor durch das Herumtragen ehrenrühriger Verleumdungen gegen Mitglieder unserer Familie aus. Dies ging so weit, daß selbst meine Mutter, die sanfteste aller Frauen, in große Aufregung geriet, und eines Tages hörte ich sie, die Frömmigkeit und Wahrheitsliebe selbst, den Pastor persönlich zur Rede stellen und ihm ins Gesicht sagen, er sei ein böser Mensch – worauf der geistliche Herr beschämt davon schlich. In meiner Vorstellung war der Priester als Diener, Vertreter und Wortführer Gottes ein heiliger Mann gewesen. Und nun aus dem Munde meiner Mutter, die nur die Wahrheit sagen konnte, zu hören, daß der Pastor gelogen habe und ein böser Mensch sei – das war eine gefährliche Offenbarung. Es beunruhigte mich sehr, den Predigten des Pastors keinen unbedingten Glauben mehr schenken zu können, und wenn ich, was zuweilen geschah, bei der Messe als Chorknabe diente und denselben Mann in der heiligen Handlung begriffen vor mir sah, so ergriff mich oft ein großes Unbehagen. Sonst gingen jedoch meine religiösen Observanzen fort wie vorher.

Der ärgerliche Parteizwist über den Schullehrer hatte weitere böse Folgen, die sich anfangs nicht voraussehen ließen. Der Schullehrer, der im Unrecht war, mußte zwar weichen, aber der Zank seinetwegen störte die Beziehungen zwischen meinem Großvater und seinem Pachtherrn, die bis dahin stets sehr freundlich gewesen waren. Das damalige Stammhaupt des gräflichen Hauses Wolf-Metternich war älter als mein Großvater, eine stattliche Gestalt, sechs Fuß hoch und noch ungebeugt von den Jahren, Haupthaar und Backenbart silberweiß. Er war auch ein guter Herr, ein „Edelmann vom alten Schlage“, stolz darauf, alte Diener und alte, wohlhabende und zufriedene Pächter zu haben. Die Pachtzinse waren billig, und gab es einmal schlechte Ernten, so zeigte sich der Graf zu einer Ermäßigung bereit. Waren die Ernten besonders reichlich, so freute er sich über seiner Pächter Wohlstand und schraubte die Pachtzinse nicht hinauf. Der alte Rentmeister, dessen ich mich wohl erinnere, sah zwar grimmig genug aus, führte aber die Geschäfte im Geiste seines Herrn. So waren denn bis dahin die geschäftlichen Angelegenheiten ihren Gang gegangen in beiderseits befriedigender Gemütlichkeit. Überdies war das Verhältnis zwischen dem alten Grafen und meinem Großvater befestigt gewesen durch die gemeinsame Erinnerung an die harten und gefahrvollen Jahre der französischen Zeit, während welcher der Graf unter zuweilen sehr schwierigen Umständen die Sorge für seinen Stammsitz meinem Großvater hatte überlassen müssen.

Freilich mußte der Standesunterschied zwischen dem Grafen und dem Pächter immer im Auge behalten werden. Mein Großvater war ein nach damaligen Begriffen ziemlich wohlhabender Mann, der sich wohl einige Bequemlichkeit hätte gestatten können. Aber ich hörte im Familienkreise nicht selten darüber sprechen, daß, wenn dieses oder jenes geschähe, es im gräflichen Hause wie eine Anmaßung erscheinen und Ärgernis erregen möchte. So durfte der Halfen, um damit zur Stadt, oder zu Besuchen, oder zu den festlichen Gelegenheiten des Landes zu fahren, sich eine zweirädrige Chaise halten, aber keinen vierrädrigen Wagen. So mochten auch die Frau und die Töchter des Halfen hübsche Mützen und Hauben tragen, mit immer so kostbaren Spitzen geziert, aber keine städtischen Damenhüte. Der Graf pflegte, wenn er seine Treibjagden hielt, meinen Großvater und seine Söhne, sowie die Honoratioren des Dorfs, z. B. meinen Vater, dazu einzuladen. Ich erinnere mich deutlich, den stattlichen alten Herrn gesehen zu haben, wie er zu Fuß mit seiner Gesellschaft in den Wald zog – er selbst im grauen Jagdrock, mit einem altmodischen Feuersteingewehr bewaffnet – denn solch neuen Erfindungen, wie Perkussionsschlössern und Zündhütchen, traute er nicht. Seine nicht adligen Gäste behandelte er dann aufs freundlichste. Aber als mein Großvater selbst in der Nähe eine Feldjagd pachtete, um seine eigenen Hasen und Rebhühner zu schießen, so hieß es, man sei doch im gräflichen Hause im Zweifel, ob der Burghalfen damit nicht ein wenig zu weit gegangen sei. Indes blieb es bei dem heimlichen Zweifel bewenden. Im ganzen war die gräfliche Familie dem Burghalfen und den Seinigen stets höchst liebenswürdig gewesen. Die alte Gräfin galt zwar für stolz, aber auch dies verhinderte nicht, daß man ohne besondere Förmlichkeit miteinander verkehrte. Wir Kinder wurden freundlich zum Weihnachtsbaum eingeladen und beschenkt; und wenn es in der Familie meines Großvaters einen Krankheitsfall gab, so zeigte die gräfliche Familie stets die wärmste und werktätigste Sorge, wie für Menschen, denen man mit freundschaftlichem Interesse zugetan ist. Auch machten sich die Söhne des Grafen nicht selten mit den Söhnen des Burghalfen zu tun, und bei festlichen Gelegenheiten tanzten sie lustig mit den Töchtern.

In dieses althergebrachte gute Einvernehmen klang der Streit über den Schullehrer, an welchem die gräfliche Familie – ich weiß nicht mehr warum – einen lebhaften Anteil nahm, wie ein jäher, häßlicher Mißton hinein. Und wie es zu geschehen pflegt, wenn die Übelnehmerei einmal begonnen hat, so fanden sich auch bald andere Veranlassungen zu gegenseitiger Unzufriedenheit. Dann starb der alte Graf und zu derselben Zeit auch der brave alte Rentmeister. Die „Gracht“ ging auf den ältesten Sohn des Grafen, den Majoratsherrn über, und damit begann ein neues Regiment. Der junge Graf war zwar ein Mann gutartigen Charakters, aber die ehrwürdigen Grundsätze in bezug auf alte Pächter und alte Diener saßen ihm nicht in Fleisch und Blut, wie seinem Vater. Die vornehme patriarchalische Einfachheit, die früher im „Hause“ geherrscht hatte, kam ihm ein wenig unzeitgemäß und langweilig vor. Er hatte mehr Vergnügen an seinen englischen Rennpferden und flotten Jockeys, als an den fetten, schweren Braunen, die früher die Familienkarosse gezogen hatten, mit einem grauhaarigen, schläfrigen Kutscher auf dem Bock. Ihn knüpfte auch keine gemeinsame Erinnerung an die schwere „französische Zeit“ mit dem Burghalfen zusammen, und somit wurden die Beziehungen zwischen ihnen mehr zu einem bloßen Interessenverhältnis. Er stellte einen neuen Rentmeister an, einen jungen Mann von durchaus unsentimentalen Lebensanschauungen und brüsken Manieren, und als dieser ihm auseinandersetzte, daß sich aus den Gütern ein bedeutend höherer Ertrag herausschlagen ließe, so war das bei den gesteigerten Bedürfnissen nicht unwillkommen. Unter solchen Umständen verschärften sich die Mißhelligkeiten zwischen dem Grafen und dem Burghalfen leicht. Kurz – der unmittelbaren Veranlassung erinnere ich mich nicht mehr –, die Pachtung wurde gekündigt, und ein oder zwei Jahre später mußte mein Großvater mit den Seinigen die Burg verlassen. Was sein Nachfolger in der Pachtung von dem Haus- und Ackergerät und dem Viehstande nicht übernehmen wollte, das wurde in dem Hofe versteigert. Die Versteigerung dauerte mehrere Tage, und ich erinnere mich, daß ich ihr einmal auf ein paar Stunden beiwohnte und wie häßlich mir die Späße des Auktionators in die Ohren klangen – denn ich fühlte einen tiefen Groll in meinem jungen Herzen, als ob da ein großes Unrecht geschähe. Meine Großeltern bewohnten nun ein Haus im Dorf, aber sie überlebten den Abzug aus der Burg nicht ein Jahr. Die Großmutter starb zuerst und der Großvater zwölf Tage nach ihr. Viele aufrichtige Tränen wurden ihnen nachgeweint.

Mittlerweile war auch mit mir eine Veränderung vorgegangen. Mit dem Eintritt in mein neuntes Jahr hielt mein Vater dafür, daß ich der Dorfschule in Liblar entwachsen sei. Er schickte mich daher zur Elementarschule in Brühl, die mit dem dortigen Lehrerseminar in Verbindung stand und als eine Musterschule galt. Die Schulzimmer befanden sich in einem alten Franziskanerkloster, das auch das Seminar beherbergte, und ich erinnere mich mit Grauen der Qual, die mein empfindliches musikalisches Gehör aushielt, als mein Vater, um mich dem Hauptlehrer Grönings vorzustellen, mich durch einen langen Gang des alten Gebäudes führte und aus jeder Fensternische die Fingerübungen eines Seminaristen auf der Violine hervorklangen, so daß ich wohl ein Dutzend dieser Instrumente zugleich hörte. Der Elementarunterricht, den ich unter der Leitung des Herrn Grönings, eines wohlunterrichteten, methodisch strengen Mannes und ausgezeichneten Lehrers empfing, war vortrefflich, und daneben wurden die lateinischen Stunden beim Kaplan und die musikalischen bei dem guten Herrn Simons fortgesetzt. Nun mußte ich mich auch schon früh daran gewöhnen, unter fremden Menschen zu leben. Im Winter wohnte ich die Woche hindurch in Brühl im bescheidenen Hause einer Metzgerswitwe; nur Samstags nachmittags ging ich nach Liblar, und zwar in Begleitung meines Bruders Heribert, der an diesem Tage morgens nach Brühl kam, um seine Klavierstunden zu nehmen. Dann hatte ich den Sonntag im elterlichen Hause, um Montags früh wieder abzumarschieren. Im Sommer hingegen machte ich den Weg von Liblar nach der Schule in Brühl und zurück jeden Wochentag.

Da traf uns ein schweres Schicksal. An einem trüben Wintermittag, als ich aus der Schule kommend in mein Kosthaus in Brühl eintrat, war ich erstaunt, meinen Vater da zu finden. Ich las Unglück in seinen Augen. Mehrmals versagte ihm die Stimme, indem er mir mitteilte, daß mein Bruder Heribert nach sehr kurzer Krankheit an einer Lungenentzündung gestorben sei. Erst am vergangenen Montag hatte ich ihn in blühender Gesundheit verlassen. Das war ein furchtbarer Schlag. Mein Vater und ich wanderten durch den Wald nach Hause, einander bei den Händen haltend und sprachlos still vor uns hin weinend. Lange konnte ich mich über diesen bitteren Verlust nicht trösten. Noch Monate nach dem Tode meines Bruders, wenn ich mich im Walde allein befand, rief ich laut seinen Namen aus und bat Gott, daß, wenn er ihn mir nicht wiedergeben könnte, er mir wenigstens den Geist des Gestorbenen möge erscheinen lassen.

Dann fühlte ich das Bedürfnis, auf meinem einsamen Wege zwischen Brühl und Liblar meine Gedanken zu beschäftigen, und so gewöhnte ich mir an, im Gehen zu lesen. Mein Vater half mir dabei. Da sein literarisches Urteil sich einigermaßen durch die Überlieferung bestimmen ließ, und er pflichtschuldigst Klopstock zu den großen deutschen Dichtern zählte, die man „gelesen haben müsse“, so glaubte er, Klopstocks Messiade werde für mich unter den Umständen eine passende Lektüre sein, und er gab mir das Exemplar, das er besaß. Die ganze Messiade zu lesen, wird heutzutage für eine kaum zu bestehende Prüfung menschlicher Ausdauer gehalten, und es gibt wohl nur noch wenige Deutsche, die sich in Wahrheit rühmen können, ohne Notwendigkeit das Ungeheure geleistet zu haben. Ich bin einer der Wenigen. Ich las die sämtlichen zwanzig Gesänge zwischen Brühl und Liblar durch, nicht allein mit Standhaftigkeit, sondern einen großen Teil wenigstens auch mit tiefem Interesse. Freilich traf ich unter den pomphaften Hexametern auf manche, die mir sehr geheimnisvoll klangen. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, daß ich wohl noch zu jung sei, diese großartige Schöpfung ganz zu verstehen. Anderes berührte mich als erhaben schön, und mein naiver Kindersinn war dann wahrhaft erbaut. Bei meinen späteren Literaturstunden habe ich mich nie wieder zu so andächtiger Wertschätzung Klopstocks aufschwingen können. Nachdem ich mit der Messiade fertig war, ließ mein Vater mich sogar einen ansehnlichen Teil von Tiedges „Urania“, einem Werk, auf das er große Stücke hielt, auswendig lernen, und mit einer Reihe von Gedichten Gellerts, Herders, Bürgers, Langbeins, Körners und anderer wurde ich auf ähnliche Weise bekannt. So war ich denn, als die Zeit für meinen Eintritt in die unterste Klasse des Gymnasiums kam, im Punkte der Belesenheit wie in anderen Richtungen anständig vorbereitet.

Die in meinem heimatlichen Dorfe und in Brühl verlebten Jahre meiner Kindheit waren durch Schicksalsschläge verdunkelt worden, von denen ich einige schon erwähnt habe – die Lähmung meines Großvaters, den Abzug von der Burg, den Tod der Großeltern und das frühzeitige Hinscheiden meines Bruders. Ich muß noch ein Vorkommnis hinzufügen, das zwar von geringerer Bedeutung war, aber in einer wahrheitsgetreuen Erzählung nicht verschwiegen werden darf. Mein Vater, der mich sehr liebte und seinen Stolz auf mich gesetzt hatte, hielt streng darauf, daß ich als Schüler meine Pflicht tat. Am Ende jeder Woche mußte ich ihm von jedem meiner Lehrer in Brühl ein schriftliches Zeugnis über mein Verhalten bringen. Diese Zeugnisse waren immer gut. Nur einmal hatte ich mich durch ein gar zu schönes Räuberspiel mit meinen Schulgenossen in Brühl verleiten lassen, die Vorbereitung meiner lateinischen Lektion zu versäumen, und dieses Verbrechen wurde vom Kaplan in meinem Zeugnisbuche ordnungsmäßig vermerkt. Schämte ich mich meines Fehlers, oder fürchtete ich meines Vaters Strenge – kurz, als ich Samstags nach Hause kam, suchte ich meinen Vater glauben zu machen, der Kaplan habe mein Zeugnis zu schreiben vergessen, oder etwas dergleichen. Mein unsicheres Wesen überzeugte meinen Vater sogleich, daß da etwas nicht richtig sei, und ein paar Fragen brachten mich dazu, den wahren Sachverhalt zu gestehen. Da entspann sich denn folgendes Gespräch: „Du hast Deine Pflicht versäumt und Du hast mir die Wahrheit verbergen wollen. Verdienst Du nicht Schläge?“

„Ja, aber ich bitte, laß uns in den Kuhstall gehen, wo uns niemand sehen und hören kann.“

Diese Bitte wurde mir gewährt. In der Einsamkeit des Kuhstalls erhielt ich meine Züchtigung, die jedoch nicht schwer ausfiel, und niemand erfuhr etwas davon. Auch verzieh mir dann mein Vater und behandelte mich wie zuvor. Aber das bittere Bewußtsein der durch eigene Schuld verdienten Demütigung schleppte ich doch noch eine Weile mit mir herum als eine schwere Last und lange wollte ich den Kuhstall, den Schauplatz meiner Schmach, nicht mehr betreten, wenn ich nicht mußte.

Aber bei alledem war meine Kindheit im ganzen doch eine sonnige, glückliche Zeit gewesen, bei der die Erinnerung gerne verweilt, und deren weitere Beschreibung in etwas breiter Ausführlichkeit mir verziehen werden muß. Ich schätze mich glücklich, meine früheste Jugend auf dem Lande verlebt zu haben, wo der Mensch nicht allein der Natur, sondern auch dem Menschen näher steht, als in dem Häuserpferch und dem Gedränge der Stadt. Ebenso schätze ich mich glücklich, in einfachen, bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen zu sein, die den Mangel nicht kannten, aber auch nicht den Überfluß; die keine Art von Luxus zum Bedürfnis werden ließen; die es mir natürlich machten, genügsam zu sein und auch die kleinsten Freuden zu schätzen; die meine Genußfähigkeit vor dem Unglück bewahrten, durch frühe Sättigung abgestumpft zu werden; die ein sympathisches Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Armen und Niedrigen im Volk lebendig und warm erhielten, ohne das Streben nach höheren Zielen zu entmutigen.

Unser Dorf war so klein, daß wenige Schritte uns in das Feld und den Wald führten, und daß man jeden Bewohner wie einen nahen Nachbarn kannte. Obgleich, immer seitdem ich lesen konnte, meine Bücher mir viel zu tun machten, so hatte ich doch meinen vollen Anteil an den Spielen der Bauern- und Handwerkerkinder des Dorfs, deren Gesichter und Namen mir jetzt noch klar gegenwärtig sind. Mein intimster Freund war der jüngste der drei Söhne unseres wohlhabendsten Kaufmanns im Dorfe, Joseph Winterschladen, ein Knabe von hübschem Äußern, liebenswürdiger Gemütsart und guten Fähigkeiten. Wir waren genau gleichen Alters, und da auch er „studieren“ sollte, so fühlten wir, als ob uns auch dasselbe Schicksal bestimmt sei und hingen sehr aneinander. Als ich im Jahre 1889 Liblar besuchte, sahen wir uns zum ersten mal seit unserer frühen Jugendzeit wieder. Er hatte die juristische Laufbahn verfolgt, war Landgerichtsrat geworden, hatte dem Vaterlande in den Kriegen von 1866 gegen Österreich und 1870 gegen Frankreich mit Ehren als Reserveoffizier gedient, zuletzt als Ulanen-Major, und sich als Lohn seiner Tapferkeit das eiserne Kreuz gewonnen. Nach dem Kriege fungierte er als Richter im Elsaß und zog sich dann nach seinem Heimatsdorfe Liblar zurück, wo er als wohlhabender alter Junggeselle ein stattliches und mit einer gewissen Eleganz eingerichtetes Haus bewohnte, genau auf der Stelle, auf der vor vielen Jahren der sonderbare Philosoph Krupps Duhres gehaust hatte. Dort begrüßte mich der liebe Freund meiner Kinderjahre, nun ein bejahrter und beleibter Herr, strahlend von freudiger Herzlichkeit. Rasch wurde für mich und meine Kinder und einige Verwandte, die mich begleiteten, ein Mahl improvisiert, und als dann der gute alte Freund seinen Arm um meinen Nacken legte und in seinem besten Wein auf mein und der Meinigen Wohl trank, da füllten sich seine Augen, und die meinigen nicht weniger.

Aber auch unter den andern Dorfkindern hatte ich gute Kameraden, mit denen ich mich lustig umhertrieb, Vogelnester aufsuchte, Fische und Bachkrebse fing, Räuber- und Soldatenspiele aufführte und all den Schabernack anstellte, an dem Knaben eben Gefallen finden. Mein Vater liebte Tiere und Blumen; so pflegte er in dem Garten am Hause neben Obst und Gemüse einige hübsch angelegte Beete mit seltenen Blumensorten, und in allen Räumen des Hauses hingen Käfige mit Singvögeln der verschiedensten Art, Finken und Meisen, Amseln und Wachteln, für die er uns Kinder zu interessieren suchte. Er bildete mich auch im Vogelfang aus, besonders im Schlingenstellen für den Fang der schmackhaften Krammetsvögel, die im Herbst ihrem Strich durch die Gegend nahmen. Diese Schlingen wurden zu Hunderten im Walde die einsamen Jagdwege entlang gestellt, und so ging ich denn während der Herbstferien wochenlang jeden Tag des Morgens kurz vor Sonnenaufgang und wieder in der Abenddämmerung in die Tiefe des Waldes, um die Vögel, die sich mittlerweile in den Schlingen gefangen, einzusammeln und die Schlingen in Ordnung zu stellen. Auf jenen einsamen Gängen, auf denen das Reh, der Fuchs und der Hase an mir vorüberhuschten, lernte ich dann den Wald lieben und fühlte den ganzen Zauber der Waldeinsamkeit mit der geheimnisvollen Stille unter dem Laubdach und dem wunderbaren Flüstern des Windes in den hohen Wipfeln. Bald war es mir weniger um den Vogelfang zu tun, als um den Genuß des Verweilens im tiefen Walde, und selbst auf meinem Wege nach und von der Schule in Brühl vermied ich zuletzt die breite Straße und ging rechts oder links davon durchs Holz, wo immer ich einen Pfad finden konnte. Diese Liebe für den Wald hat mich niemals verlassen und oft im spätern Leben bei dem Anblick einer schönen Landschaft oder des Meeres habe ich mir die Frage gestellt, ob nicht das, was ich im Walde gesehen, doch schöner war, als dies alles.

Der Sommer war für uns die Zeit der Feste. Schon im Mai fand die „Kirmeß“ in Lind bei Ohm Peter statt, und im Spätherbst die Kirmeß in Herrig bei Ohm Rey; und dazwischen lagen noch mehrere Kirmessen auf andern „Höfen“ bei Vettern und Basen. Dann zog die ganze Familie aus bis zu den jüngsten Kindern hinunter. Da bei solchen Gelegenheiten die zweirädrige Chaise nicht ausreichte, so wurde denn der „Kirmeßkarren“ herausgebracht, ein gewöhnlicher Karren, über den man zum Schutz gegen Sonne und Regen auf großen Reifen ein Leintuch spannte. Als Sitze dienten einige querüber befestigte Bretter, oder auch nur Strohbündel und die Zahl der Menschen, die der Kirmeßkarren fassen konnte, schien ohne Grenzen zu sein. Das Pferd oder, wenn die Wege schlecht waren, die Pferde, prangten im besten und blanksten Messingzeug, und das Fuhrwerk wurde mit grünen Zweigen geschmückt. Schon die Fahrt war uns Kindern ein Fest. Dann fanden wir bei der Kirmeß einen Schwarm von verwandten Knaben und Mädchen, die, wie wir, während der festlichen Tage volle Freiheit genossen. Bei dem Mittagsmahl, an welchem die älteren Gäste gewöhnlich vier bis sechs Stunden saßen, hielten wir es nicht lange aus. Nur wenn zur Unterhaltung der Schmausenden sich ein Taschenspieler produzierte, wie zum Beispiel Janchen von Amsterdam, der auf den Höfen jener Gegend eines großen Rufes als Tausendkünstler genoß, ließen wir uns auch wohl länger fesseln. Dann ging’s zu den Krambuden auf den Straßen des Dorfs, die mit ihren Honigkuchen, wohlfeilen Spielzeugen und Drehbrettern bei der Kirmeß niemals fehlten, und abends „an die Musik“, wie man dort das zum Tanz gehen nannte. Vom Tanzen zogen sich die älteren Gäste und die Kinder gewöhnlich zurück – die älteren, um ihr Kartenspiel zu beginnen, das häufig bis zum Sonnenaufgang des nächsten Tages dauerte – und die Kinder, um sich zur Ruhe zu begeben. Aber diese Ruhe war wieder ein Fest besonderer Art. Da das Haus bei solchen Gelegenheiten immer mehr Gäste hatte, als es in seinen Betten unterbringen konnte, so wurde den sämtlichen Knaben ein Zimmer angewiesen – der ganze Fußboden mit Stroh und das Stroh mit Leintüchern, Wolldecken und Kissen bedeckt. Wenn eine solche Schlafstelle einem Dutzend Knaben als Schauplatz ihres Wirkens angewiesen wurde, so begann natürlich für sie der Hauptspaß des Tages, der denn auch unter dem heitersten Lärmen fortgesetzt wurde, bis einer nach dem andern vor Müdigkeit umsank und einschlief.

Der größte Tag des ganzen Jahres aber war uns Kindern in Liblar der Pfingstmontag, an dem das jährliche Vogelschießen stattfand. Wie großartig erschien mir damals jenes Fest, das in Wahrheit kaum bescheidener hätte sein können. Aber diese Aufregungen! Am Nachmittage des Samstags vor Pfingsten sah man fünf oder sechs Männer durchs Dorf schreiten, die auf ihren Schultern eine starke, gegen vierzig Fuß lange Stange trugen, an deren eisenbeschlagener Spitze der hölzerne zum Abschießen bestimmte Vogel befestigt war. Die Dorfjugend schloß sich sogleich dem Zuge an, der sich langsam nach einem Platz vor dem Dorf bewegte, auf dem einige Ulmen und Linden standen. Auf einen dieser Bäume wurde dann, nachdem wir Knaben den Vogel mit blühendem Ginster geschmückt hatten, die Stange hinaufgehißt und zwischen den Ästen hoch darüber hinausragend mit Seilen befestigt. – Zu einer regelrechten in einem Balkengestell stehenden Vogelstange hatte nämlich die Gemeinde Liblar es damals noch nicht gebracht. – Da dies alles mit Händen getan wurde, so war es eine schwere und nicht ganz ungefährliche Arbeit, der wir Kinder mit ängstlicher Spannung folgten. Mir wäre es bei einer solchen Gelegenheit einmal beinahe ans Leben gegangen. Die Stange entschlüpfte beim Festbinden dem Seil, das sie halten sollte, und schlug einen der Männer von dem Ast, auf dem er saß. Ich stand gerade unter dem Baum, hörte plötzlich über mir ein starkes Krachen und einen Schrei „Jesus Maria“, sprang zur Seite und sah den Körper des Mannes genau auf die Stelle fallen, auf der ich gestanden hatte. Er würde mich vielleicht erdrückt oder doch schwer verletzt haben, wäre ich nicht davongesprungen. Der Arme brach sein Rückgrat und starb kurz nachdem man ihn ins Dorf getragen. Gewöhnlich ging jedoch das „Vogelaufsetzen“ ohne Unfall ab, und wir Kinder zogen dann mit Sträußen von blühendem Ginster in den Händen fröhlich nach Hause mit dem Bewußtsein, bei einem wichtigen Werk mitgeholfen zu haben, und im Vorgefühl des Größeren, das noch kommen sollte.

Wie langsam verging der Pfingstsonntag den Erwartungsvollen! Aber am Montag begann die Lust um so früher. Schon mit Tagesanbruch ging der Tambour, ein kleiner, etwas säbelbeiniger Mann, der mir damals schon recht alt vorkam – sein Name war Heinrich Hahn, gewöhnlich „Hahnen Drickes“ genannt –, durch das Dorf, die Reveille schlagend. Geschlafen wurde dann nicht mehr, aber erst am Nachmittag kam der Vorstand der Sankt Sebastianus Brüderschaft – so hieß die Schützengesellschaft, der fast alle erwachsenen Einwohner des Dorfes, männliche und weibliche angehörten – nach unserem Hause, wo damals die Fahne und die andern Kostbarkeiten der Gesellschaft aufbewahrt wurden, um diese von dort nach dem Hause des Schützenkönigs vom vorigen Jahre zu bringen. Endlich setzte sich der Zug in Bewegung; voran Hahnen Drickes, der Trommler, mit einem Blumenstrauße und bunten Bändern geschmückt; dann mit der Fahne, die das in grellen Farben gemalte Bild des mit unglaublich vielen Pfeilen durchschossenen heiligen Sebastianus trug, Meister Schäfer, ein Schneider, ein weißhaariger, spindeldürrer Mann, der „junge Fänt“ (Fähnrich) genannt, weil sein Vater auch schon die Fahne geschwungen hatte; dann zwei „Hauptmänner“, die altertümliche Spieße trugen, auch mit Sträußen und Bändern geschmückt; dann zwischen zwei Vorstehern der Gesellschaft der vorjährige Schützenkönig mit einer aus künstlichen Blumen und Flittergold gemachten Krone auf dem Hut und einer schweren silbernen Kette um den Hals. An dieser Kette war eine Menge fast handgroßer silberner Schilder befestigt, die Namen der Schützenkönige wohl eines Jahrhunderts tragend, und von diesen der Brüderschaft geschenkt. Die Zahl dieser Schilder war so groß, daß sie Schultern, Rücken und Brust des Mannes bedeckten und ihm ein sehr stattliches Aussehen gaben. Dem König folgten nun die Schützen mit ihren Büchsen, dann der Rest der Bevölkerung, alt und jung, zu beiden Seiten oder hinterher. Sobald der Zug auf dem Schießplatz angekommen, marschierte er dreimal um den Baum, der die Vogelstange trug; dann machte er halt, man kniete nieder und betete ein Vaterunser. Darauf schlug der Trommler einen Wirbel, der alte Schützenkönig hing Krone und Schilderkette an einem Baumstamm auf, die weiblichen Mitglieder der Gesellschaft und die Alten, die nicht selbst schießen konnten, wählten sich gegenwärtige Schützen als Vertreter, und das Schießen begann. Hahnen Drickes beobachtete jeden Schuß mit pflichtgetreuer Aufmerksamkeit, denn nach jedem Treffer hatte er einen Wirbel zu schlagen. Wenn dieser Wirbel recht kräftig war, so belohnte der glückliche Schütze den Trommler wohl mit einem Glase Wein, und es muß zugestanden werden, daß gewöhnlich von der Menge dieser Gläser das Gesicht des braven Drickes immer röter und sein Trommelschlag immer wilder wurde. Die Menge, die sich mittlerweile den Krambuden und Schanktischen zugewendet hatte, drängte sich wieder um die Schützen zusammen, wie der hölzerne Vogel anfing zu splittern. Von Minute zu Minute stieg die Aufregung, alte Fernröhre wurden hervorgeholt, um die schwachen Stellen da oben zu entdecken, und die Spannung wurde atemlos, wenn, wie es zuweilen geschah, nur noch ein kleiner Holzfetzen an der eisernen Spitze der Vogelstange hing und der nächste wohlgezielte Schuß das Schicksal des Tages entscheiden mußte. Fiel endlich das letzte Stück, dann schlug Hahnen Drickes den furchtbarsten aller Trommelwirbel, die Menge umdrängte mit lärmenden Hochrufen den Sieger, die Vorsteher befestigten dem neuen Schützenkönig die Krone auf dem Hut und hingen ihm die Schilderkette um die Schultern, und nun war auch für den Schneider Schäfer, den „jungen Fänt“ der Augenblick gekommen, zu zeigen, was der Fähnrich von Liblar zu tun vermochte. Er schwang die Fahne um sich her, daß die Umstehenden erschreckt zurückwichen, schwang sie über seinen Kopf, schwang sie wie ein Rad um seinen Leib, schwang sie um seine Beine, schwang sie auf und nieder und hin und her zu der Begleitung von Hahnen Drickes rasender Trommelmusik, bis ihm die Adern am Kopf zu springen drohten. Ich habe ihm mehrmals mit Erstaunen zugeschaut und gedacht, Größeres könne in diesem Fach wohl nie geleistet werden – obgleich ich mich der kopfschüttelnden Bemerkung eines alten Bauern erinnere, der dieses Schauspiel gedankenvoll beobachtete: „Dat es noch nicks jän der ohle Fänt.“ (Das ist noch nichts gegen den alten Fähnrich.) Dann marschierte man wieder dreimal um die Vogelstange – diesmal ohne Gebet – und der Zug setzte sich nach dem Dorfe zurück in Bewegung, Tambour und Fahne voran, Hahnen Drickes mit seinen Säbelbeinen die wunderlichsten Zickzacklinien ziehend und auf seinem Instrument die seltensten Rhythmen hervorzaubernd, während der junge Fänt, nun auch in gehobenster Stimmung, im Gehen seine Kraftstücke wieder und wieder versuchte, und die Schützen den Triumphmarsch durch fortwährendes Büchsenknallen verherrlichten. Und stolz war der Knabe, dem ein Schütze sein Gewehr anvertraute, um dabei mitzuwirken. Dann kam das „Königsessen“ in einem Wirtshaus, bei welchem der neue Schützenkönig den alten und die Vorsteher der Brüderschaft mit Schinken, Weißbrot und Wein bewirtete, und endlich abends ein Tanz, zu dem ursprünglich nur die Trommel aufgespielt hatte, zu meiner Zeit aber schon durch ein Orchester ersetzt, das aus wenig mehr als einer Violine, einer Klarinette und einem Brummbaß bestand.

Mir ist das Fest des Vogelschießens mit all seinen Einzelheiten so lebhaft im Gedächtnis geblieben, weil es mich zum ersten Male die Regung eines wirklichen Ehrgeizes kennen lehrte. Es war das große öffentliche Kampfspiel der Welt, in der ich lebte; und wenn ich den Sieger in dem Kampfe sah mit der glänzenden Schilderkette geschmückt, wie ihn die jubelnde Menge umdrängte und mit Hochrufen ins Dorf zurückführte, so kam es mir vor, als werde es etwas Großes sein, diese Ehre auch einmal für mich zu erringen. Mehr als einmal sollte mir dieses Glück werden in späterer Zeit, als ich es nicht mehr so hoch anschlug.

War so der Sommer an Freuden reich, so war es der Winter nicht weniger. Er brachte nicht allein Eisbahn und Schneeballkämpfe, sondern mir auch den ersten Kunstgenuß. Von allen freudigen Aufregungen meiner Kindheit übertraf keine die, in welche die Ankunft des Puppentheaters in Liblar mich versetzte; die Begierde, mit welcher ich den Ausrufer begleitete, der mit Trommelschlag die Bewohner des Dorfes an die Türen lockte, um dem verehrten Publikum das bevorstehende Schauspiel anzukündigen; die Angst, es möchte mir nicht erlaubt werden, das Theater zu besuchen; die Ungeduld, bis die große Stunde endlich kam. Die Bühne war in einem kleinen Saal aufgeschlagen, wo es sonst zuweilen Tanzvergnügen gab. Die Sitzpreise reichten von vier Pfennigen für Kinder auf dem geringsten Platz bis zu einem Kastenmännchen, 2½ Silbergroschen, für die vordersten Bänke. Einige Talgkerzen bildeten die Beleuchtung. Aber die Mitte des dunklen Vorhanges, der uns die Mysterien der Bühne verbarg, war mit einer Rosette von Ölpapier in verschiedenen Farben geschmückt, die, von hinten mit einer Lampe beleuchtet, hell und bunt erglänzte und mir den Eindruck des Geheimnisvoll-Wunderbaren gab. Ein Schauer der Erwartung überlief mich, als endlich eine Schelle dreimal erklang, tiefe Stille im Saal eintrat, und sich der Vorhang erhob. Die Szene war mit mehr oder minder perspektivischen Kulissen eingerichtet und die Figuren wurden von oben mit Drähten geführt. Das erste Stück, das ich sah, war „die schöne Genovefa“. Es war ein herrliches Stück. Die schöne Genovefa ist die Gemahlin des Landgrafen Siegfried. Der Graf will ins heilige Land ziehen, um das Grab Christi den Ungläubigen abzunehmen. Er übergibt die Sorge für die Burg und die Gräfin seinem Burgvogt Golo, dem er volles Vertrauen schenkt. Kaum ist der Graf davongeritten, als der böse Golo den Gedanken faßt, sich selbst zum Landgrafen zu machen und die schöne Genovefa zu heiraten. Die schöne Genovefa stößt ihn mit Abscheu zurück. Da läßt der böse Golo sie in ein tiefes Burgverließ werfen und befiehlt einem Knechte, sie zu töten. Der Knecht verspricht es, erbarmt sich aber der schönen Genovefa und führt sie aus ihrem Kerker in einen großen einsamen Wald, während er dem bösen Golo sagt, daß der Mord vollbracht sei. Die schöne Genovefa nährt sich im Walde von Kräutern und Beeren und findet Obdach in einer Felsenhöhle. Da gebiert sie ein Knäblein, den Sohn des Landgrafen Siegfried. Dem Kinde gibt sie den Namen Schmerzenreich. Als sie nun die Gefahr, mit dem Kinde verhungern zu müssen, vor sich sieht und der Verzweiflung nahe ist, da betet sie inbrünstig zu Gott um Rettung, und siehe, es kommt eine Hirschkuh mit vollem Euter und bietet hinreichende Nahrung für Mutter und Kind. Täglich erscheint die treue Hirschkuh wieder, und Schmerzenreich wächst allmählich auf zu einem kräftigen Knaben. Plötzlich kommt der Landgraf Siegfried vom heiligen Lande zurück, zum großen Schrecken des bösen Golo, der gehofft hatte, sein Herr werde in der Ferne den Tod finden. Da die andern Burgleute ihn sofort wiedererkennen, so übergibt Golo ihm das Schloß und erzählt ihm eine abscheuliche Lügengeschichte über Genovefa, die verdientermaßen gestorben sei. Der Graf ist tief betrübt. Er zieht zur Jagd in den Wald hinaus und stößt auf eine Hirschkuh, die er verfolgt, und die ihn immer tiefer in die Einsamkeit lockt bis zur der Felsenhöhle, in welcher die schöne Genovefa mit Schmerzenreich wohnt. Die Gatten erkennen sich wieder, die Wahrheit kommt an den Tag, die schöne Genovefa und[2] Schmerzenreich werden im Triumph in die Burg zurückgebracht und der schändliche Golo wird verdammt, in demselben Kerker, in den er einst Genovefa geworfen, des bittern Hungertodes zu sterben.

Das Puppentheater führte noch zwei andere Stücke vor, eins vom Prinzen Eugen – ein Heldenstück, in welchem große Schlachten geschlagen und die papiernen Türken reihenweise niedergeschossen wurden – und ein Feen- und Zauberstück mit allerlei erstaunlichen Verwandlungen. Diese Dinge waren recht hübsch, aber mit der Genovefa ließen sie sich nicht vergleichen. Der Eindruck, den die Genovefa auf mich machte, war überwältigend. Ich vergoß heiße Tränen bei dem Abschied des Grafen Siegfried von seiner Gemahlin, und noch mehr bei ihrem Wiedersehen; ich konnte kaum einen Jubelschrei unterdrücken als die Gatten wieder in ihre Burg einzogen und den schändlichen Golo seine wohlverdiente Strafe erreichte. Ich glaube nicht, daß jemals in meinem Leben bei der Betrachtung eines Schauspieles meine Phantasie tätiger, die Illusion vollständiger und die Wirkung auf Geist und Gemüt unmittelbarer und mächtiger gewesen ist. Diese Puppe mit dem Federhut war mir der leibhaftige Graf Siegfried, diese mit dem roten Gesicht und dem schwarzen Bart der böse Golo, diese im weißen Kleide mit den gelben Haaren die schöne Genovefa und jenes kleine rötliche Ding mit den zappelnden Beinen die wahrhafte Hirschkuh. Dies blieb so, als ich im folgenden Winter die schöne Genovefa wieder sah. Ich wußte nun, wie die Sache auslaufen würde, und als ich den Grafen Siegfried von seiner Gemahlin Abschied nehmen sah, um ins heilige Land zu ziehen, konnte ich mich kaum enthalten, ihm zuzurufen, er möge doch ja nicht fortgehen, da sonst etwas ganz Entsetzliches passieren werde. Wie glücklich ist doch jener naive Zustand, in dem man so voll genießt, da sich die Einbildung so rückhaltlos der Illusion hingibt, ohne im geringsten durch eine kritische Neigung gestört zu werden.

Gerade diese meine Genußfähigkeit empfing schon früh einen bösen Stoß. Als ich, etwa neun Jahre alt, in Brühl zur Schule ging, hielt sich dort eine wandernde Truppe auf, die leichtere Schauspiele und Komödien aufführte. Ihr Hauptstück war Körners „Hedwig, die Banditenbraut“. Mein Oheim Ferdinand, der einmal in Brühl über Nacht bleiben mußte, führte mich hin. Es war das erstemal, daß ich wirkliche lebende Menschen auf der Bühne sah. Die Hauptrolle, die des Bösewichts Rudolph, wurde mit all den zähnefletschenden Fratzen gespielt, deren man sich auf einem solchen Landtheater versehen konnte; da ich das jedoch damals noch für bare Münze nahm, so blieb ein starker Eindruck nicht aus. Aber unwillkürlich fühlte ich mich zum Nachdenken angeregt über das, was vor meinen Augen vorging, und ich konnte nicht zu einer so befriedigenden Illusion kommen, wie früher im Puppentheater mit seiner schönen Genovefa. Diese zur Kritik neigende Stimmung empfing einen furchtbaren Anstoß, als ich die Banditenbraut, jetzt in Gesellschaft meines Vaters, zum zweiten Male sah. Im letzten Akt soll, dem Text nach, Hedwig den über eine Falltür gebückten Bösewicht Rudolph mit einem Flintenkolben niederschmettern. Auf der Bühne in Brühl war dies jedoch so geändert worden, daß Hedwig den Bösewicht nicht mit der Flinte erschlagen, sondern erschießen sollte. Als nun in der Vorstellung die Schauspielerin in der Rolle der Hedwig die Flinte abdrückt, versagt das Schloß mit einem leisen Klick. Rudolph bleibt über die Falltür gebückt stehen in der Hoffnung, möglichst bald getötet zu werden. Die Hedwig spannt den Hahn noch einmal und drückt ab, aber wieder umsonst. Die arme Schauspielerin steht ratlos da. Im Zuschauerraum die tiefste Stille der Erwartung. Nun kommt hinter den Kulissen ein Ruf hervor in dem lauten Flüsterton, der ein ganzes Haus füllt, und in unverkennbar reinstem Brühler Dialekt: „Hau en met dä Kollef op dä Kop! Hau en!“ (Hau ihn mit dem Kolben auf den Kopf! Hau ihn!) worauf Hedwig die Flinte gemächlich umdreht und Rudolph, der geduldig mehrere Minuten lang auf einen jähen Tod gewartet hatte, mit dem Kolben auf den Kopf schlägt. Rudolph stürzt hin, das Publikum bricht in ein wieherndes Gelächter aus und der erschlagenen Bösewicht, wie er auf der Bühne liegt, kann sich nicht enthalten, daran teilzunehmen.

Im Zuschauerraum wollte das Lachen nicht aufhören. Ich hätte lieber weinen mögen. Auf mich hatte dieser Vorfall eine wahrhaft verblüffende Wirkung. Mit der reinen Hingabe an die Illusion und so auch mit der reinen Lust an dramatischen Darstellungen war es nun zu Ende, wenigstens bis mir künstlerische Leistungen einer höheren Art entgegentraten; und diese kamen glücklicherweise bald während meiner Schulzeit auf dem Gymnasium in Köln.

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