Elftes Kapitel – Neue Berufe

Nachdem ich Nantes verlassen hatte, marschierte ich hintereinander einen Tag und zwei Nächte, ohne in irgendeinem Dorfe haltzumachen: meine Vorräte ermöglichten mir das. Ich marschierte aufs Geratewohl, aber mein Streben ging nach Paris oder nach der Meeresküste, wo ich an Bord eines Schiffes aufgenommen zu werden hoffte. So erreichte ich die ersten Häuser einer Stadt, die vor kurzem der Schauplatz einer Schlacht gewesen zu sein schien. Der größte Teil der Häuser war nichts als ein Haufen rauchgeschwärzter Trümmer; alle Häuser rings um den Marktplatz lagen vollständig zerstört. Übriggeblieben war nur noch der Kirchturm, dessen Uhr immer noch die Stunden schlug für die Einwohner, die nicht mehr da waren. Dieser trostlose Anblick hatte zugleich etwas Bizarres. Auf dem Stück einer Mauer, das von einem Wirtshaus übriggeblieben war, war noch zu lesen: „Gute Unterkunft für Fußgänger und Reiter“. Soldaten tränkten ihre Pferde im Weihkessel einer Kapelle, etwas weiter tanzten ihre Kameraden nach den Tönen der Orgel mit den Bauernweibern, die Verlassenheit und Elend zwangen, sich für ein Kommißbrot den Revolutionssoldaten hinzugeben. Nach den Spuren dieses Zerstörungskrieges hätte man glauben können, man befinde sich inmitten der Savannen von Amerika oder in der Oase einer Wüste, wo barbarische Völkerschaften in blinder Wut einander zerfleischt hatten. Und doch waren es auf beiden Seiten nur Franzosen gewesen, aber jede Art von Fanatismus war hier zum Vorschein gekommen. Ich befand mich in der Vendée in der Stadt Cholet.

Der Inhaber einer elenden, im Gebüsch versteckten Schenke, in der ich einkehrte, fragte mich, ob ich zum Markte wolle, der nächsten Tag in Cholet sei. Ich bejahte diese Frage, obwohl es mich recht wunderte, daß inmitten dieser Ruinen noch Märkte stattfanden und die Landleute der Gegend noch etwas zu verkaufen hatten. Aber bald klärte mich der Wirt auf, daß auf diesen Märkten nichts feilgeboten werde als Vieh aus entlegenen Provinzen. Obwohl man noch nichts getan hatte, um die Verwüstungen des Krieges im Lande wieder gutzumachen, so war doch der Friedenserlaß durch General Hoche schon ziemlich sicher, und die republikanischen Soldaten standen nur noch im Lande, um die Royalisten im Zaume zu halten, die noch rebellisch werden konnten.

Am frühen Morgen fand ich mich auf dem Marktplatz ein. Um mir die Gelegenheit zunutze zu machen, ging ich auf eine Ochsenhändler zu, dessen Äußeres mir gefiel, und bat ihn, mich einen Augenblick anzuhören. Er sah mich zuerst mit einem gewissen Mißtrauen an, denn er hielt mich vielleicht für einen Spion, aber ich zerstreute bald seinen Argwohn, indem ich ihm versicherte, daß es sich um eine rein persönliche Angelegenheit handle.

Wir traten in ein Zelt, wo Schnaps verkauft wurde. Ich erzählte ihm in aller Kürze, daß ich von der sechsunddreißigsten Brigade desertiert sei, um meine Eltern, die in Paris wohnten, zu besuchen; mir läge viel daran, eine Stellung zu bekommen, damit ich ungeschoren nach der Hauptstadt gelangen könnte. Der gute Mann sagte, er könne mir leider keine Stellung anbieten, wenn ich aber einen Trupp Ochsen nach Sceaux (bei Paris) treiben wolle, so würde er mich gerne mitnehmen. Kein Anerbieten konnte mit größerer Bereitwilligkeit angenommen werden. Ich trat sofort mein Amt an, und leistete meinem neuen Brotherrn alle kleinen Dienste, die in meiner Macht standen.

Am Nachmittag schickte er mich mit einem Brief zu einer Person in die Stadt. Da fragte man mich, ob mein Herr mich beauftragt habe, etwas in Empfang zu nehmen. Ich antwortete mit „nein“.

„Es ist schließlich gleich,“ sagte jene Person, ich glaube, es war ein Notar … „Sie können ihm den Beutel mit dreihundert Franken überbringen.“

Ich lieferte meinem Herrn treulich diese Summe ab; natürlich flößte ihm meine Handlungsweise ungeheures Vertrauen ein.

Wir waren drei Wochen unterwegs, da rief er mich zu sich.

„Louis,“ sagte er zu mir, „kannst du schreiben?“

„Ja.“

„Rechnen? …“

„Ja.“

„Buch führen?“

„Ja.“

„Gut. Da ich einen Umweg machen muß, um in Sainte-Gauburge junge Ochsen zu kaufen, so kannst du mit Jacques und Saturnin diesen Trupp nach Paris bringen. Du sollst Aufseher sein.“

Er gab mir die nötigen Anweisungen und reiste ab.

In Anbetracht des höheren Postens, den ich nun einnahm, reiste ich nicht mehr zu Fuß. Das verbesserte meine Lage merklich, denn die Ochsentreiber, die zu Fuß gehen, ersticken entweder im Staube, den die Tiere aufwirbeln, oder müssen bis an die Knie im Schmutz waten. Ich wurde außerdem besser bezahlt und erhielt bessere Nahrung. Aber ich mißbrauchte die Vorteile meiner Stellung nicht, wie ich es von den anderen Aufsehern, die desselben Weges reisten, geschehen sah. Während das Viehfutter sich unter ihren Händen in Geflügel und Hammelkeule verwandelte, oder von ihnen an die Gastwirte verkauft wurde – verdarben die armen Tiere zusehends.

Ich benahm mich viel anständiger. Als ich in Verneuil mit meinem Herrn wieder zusammentraf, machte er mir die schönsten Komplimente über den Zustand meiner Ochsen. In Sceaux waren meine Tiere zwanzig Franken und darüber pro Kopf mehr wert, als die anderen Ochsen; dabei hatte ich mindestens neunzig Franken weniger Ausgaben unterwegs gemacht, als die übrigen Aufseher. Mein Herr war entzückt und gab mir eine Belohnung von vierzig Franken. Er sprach von mir bei den Viehhändlern wie von einem Aristides der Ochsentreiber. Ich war gewissermaßen das Tagesgespräch auf dem Viehmarkte von Sceaux; meine Kollegen waren wütend und hätten mich am liebsten totgeschlagen. Einer von ihnen, ein Bursche aus der Nieder-Normandie, der durch Kraft und Geschicklichkeit bekannt war, versuchte sogar, mir den Geschmack an meinem Metier zu verderben und die öffentliche Unzufriedenheit an mir zu rächen. Aber was vermochte ein Bauerntölpel gegen einen Schüler des großen Gouppy! … Der Niedernormanne unterlag in einem denkwürdigen Faustkampf.

Mein Herr, der immer zufriedener mit mir war, wollte mich durchaus noch auf ein Jahr als Aufseher behalten. Er versprach mir sogar einen kleinen Anteil am Reingewinn. Ich hatte keine Nachrichten von meiner Mutter bekommen; aber in dieser Situation hätte ich alles gehabt, was ich in Paris suchte; ein reichliches Auskommen, ein Kostüm, welches mich schließlich so gut verbarg, daß ich nicht entdeckt zu werden fürchtete. Bei einigen Abstechern nach Paris ging ich sogar absichtlich an einigen meiner alten Bekannten vorbei, ohne erkannt zu werden. Aber als ich eines Abends durch die Rue Dauphine ging, klopfte mir jemand auf die Schulter: mein erster Gedanke war zu fliehen, aber eine Reihe von Wagen versperrte mir gerade den Weg. Ich drehte mich um, und der erste Blick überzeugte mich, daß es blinder Schrecken gewesen war. Derjenige, der mir solch einen Schreck eingejagt hatte, war ein Hauptmann vom dreizehnten Jägerregiment aus Lille, Villedieu. Er trug keine Uniform, aber das wundere mich nicht weiter, denn Offiziere tragen bei einem Aufenthalt in Paris meistenteils Zivil. Was mich aber erstaunte, war seine besorgte Miene und seine auffallende Blässe. Da er den Wunsch äußerte, außerhalb der Stadt mit mir zu speisen, so nahmen wir einen Wagen und fuhren nach Sceaux.

Im „Großen Hirschen“ bestellten wir ein Separatzimmer. Kaum waren wir allein, als Villedieu die Tür zuschloß, den Schlüssel in die Tasche steckte und mit Tränen in den Augen zu mir sprach:

„Oh, mein Freund, ich bin ein verlorener Mann! … Ich werde gesucht … Du mußt mir irgendwie ähnliche Kleider wie deine verschaffen … Oder wenn du Lust hast … ich habe Geld … wir reisen zusammen nach der Schweiz. Ich weiß, wie geschickt du bist, wie oft du geflüchtet bist. Nur du allein kannst mir helfen! …“

Diese Eröffnung war nicht besonders beruhigend für mich. Ich hatte schon mit meiner eigenen Person Sorgen genug, und nun sollte die Verbindung mit einer von der Polizei gesuchten Person meine Verhaftung noch beschleunigen. Diese Betrachtung, die ich für mich anstellte, bestimmte mich, mit Villedieu eine Komödie zu spielen.

Ich ließ mir von ihm seine Geschichte erzählen. Sie lief darauf hinaus, daß er aus Liebe zu einer Frau in die Affäre einer Räuberbande verwickelt worden war. Als er mit seinem Bericht zu Ende war, rief er:

„Als ich dir begegnete, wollte ich gerade eine alte Bekannte besuchen, um mich zu verstecken, oder die Mittel zu bekommen, ins Ausland zu flüchten. Aber jetzt bin ich beruhigt, denn ich habe Vidocq gefunden!“

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