Einundzwanzigstes Kapitel – Die Hetze

Ich wurde also zum Hehler! Ich war zwar Verbrecher wider Willen, aber ich war’s doch, denn ich leistete dem Verbrechen Hilfe.

Man kann sich kaum vorstellen, in welcher Hölle ich lebte. Ich war in beständiger Erregung; Gewissensbisse und Angst – alles peinigte mich zu gleicher Zeit. In der Nacht, am Tage, in jedem Augenblick war ich auf dem Sprung. Ich schlief nicht, ich verlor den Appetit, meine Geschäfte interessierten mich nicht mehr – alles wurde mir zum Ekel. Nein, nicht alles – hatte ich doch an meiner Seite Annette und meine Mutter.

Mich marterte die Familie Chevalier, die mich aussaugte; mich quälte Blondy, der mir immerzu Geld erpreßte; ich war entsetzt über all die entsetzliche Unabänderlichkeit meiner Lage und schämte mich tief, von den gemeinsten Kreaturen der Erde mich treten lassen zu müssen. Ich litt maßlos darunter, daß ich die Kette nicht brechen konnte, die mich unwiderruflich an den Abhub der Menschheit fesselte – so fühlte ich mich der Verzweiflung nahe und wälzte acht Tage lang in meinem Kopfe die düsteren Pläne. Blondy, dieser gottverdammte Blondy, erregte meine Wut am wildesten. Ich hätte ihn erwürgen mögen, aber ich mußte ihn bei mir empfangen und ihn gut behandeln. Bei meinem wilden und heftigen Charakter war so viel Geduld geradezu ein Wunder, aber ich hatte sie Annette zu verdanken.

Eines Tages erschien bei mir Blondy mit Duluc und noch einem Individuum, namens Saint-Germain, den ich in Rouen kennen gelernt hatte, wo er wie viele andere vorübergehend den Ruf eines ehrlichen Mannes genoß. Saint-Germain, für den ich der Kaufmann Blondel war, war über die Begegnung ziemlich erstaunt, aber zwei Worte von Blondy genügten, um ihm den Schlüssel zu der Geschichte zu geben: an Stelle der Verwunderung trat Zutraulichkeit, und Saint-Germains Gesicht, der bei meinem Anblick zuerst die Stirn runzelte, heiterte sich wieder auf.

Blondy erzählte, daß sie alle drei in die Umgegend von Senlis reisen wollten und bat mich, ihnen den Korbwagen zu leihen, mit dem ich auf die Märkte zu fahren pflegte. Ich war glücklich, auf diese Weise die Brüder loszuwerden und beeilte mich, ihnen einen Zettel an den Mann zu geben, bei dem der Wagen untergestellt war. Das Fuhrwerk mitsamt dem Geschirr wurde ihnen übergeben, und sie fuhren ab. Zehn Tage lang blieb ich ohne Nachricht von ihnen. Eines Morgens tauchte endlich Saint-Germain bei mir auf. Er sah sehr verstört aus und schien todmüde zu sein.

„So,“ sagte er zu mir, „unsere Freunde sind verhaftet.“

„Verhaftet!“ rief ich im Übermaß einer Freude, die ich nicht bemeistern konnte, aber ich faßte mich bald wieder und fragte mit geheuchelter Teilnahme nach den näheren Umständen. Saint-Germain erzählte nur kurz, Blondy und Duluc seien nur deshalb verhaftet, weil sie ohne Papiere reisten. Ich glaubte ihm kein Wort und zweifelte keinen Augenblick daran, daß sie irgendeinen Streich ausgeführt hätten. Was mich in meinem Verdacht bestärkte, war der Umstand, daß auf meinen Vorschlag, ihnen Geld zu schicken, Saint-Germain mir erwiderte, sie brauchten keines. Bei der Abreise von Paris besaßen sie alle drei fünfzig Franken; mit dieser bescheidenen Summe hätten sie wohl kaum Ersparnisse machen können. Wie reimte sich das damit, daß sie kein Geld brauchten? Der erste Gedanke, der mir in den Kopf kam, war, daß sie einen beträchtlichen Diebstahl begangen hätten, den sie mir verheimlichten; aber bald entdeckte ich, daß es sich um ein weit schwereres Verbrechen handelte.

Zwei Tage nach der Rückkehr Saint-Germains hatte ich den Einfall, nach dem Wagen zu sehen, den er mitgebracht hatte. Zunächst fiel mir auf, daß das Schild abgenommen und ein anderes an seiner Stelle war. Bei der Besichtigung des Inneren fand ich auf dem weißen und blauen Zwillichfutter rote, frisch ausgewaschene Flecken. Als ich den Kasten öffnete, um den Schraubenschlüssel zu holen, fand ich ihn voll Blut, als ob eine Leiche darin gesteckt hätte. Nun war alles klar. Die Wirklichkeit war viel entsetzlicher als meine Vermutungen. Ich zögerte keinen Augenblick. Da mir vielleicht noch mehr als den Mördern daran lag, die Spuren zu vernichten, fuhr ich die folgende Nacht den Wagen an das Ufer der Seine. In der Nähe von Bercy, an einem einsamen Orte, füllte ich den Wagen mit Stroh und trockenem Holz und steckte ihn in Brand. Ich entfernte mich erst, als alles in Asche verwandelt war.

Als ich am nächsten Morgen Saint-Germain meine Beobachtungen mitteilte, ohne ihm übrigens zu sagen, daß ich den Wagen verbrannt hatte, gestand er mir endlich, was darin gewesen war: die Leiche eines Fuhrmanns, der zwischen Louvres und Dammartin von Blondy ermordet worden war, bis sich Gelegenheit bot, ihn in einen Brunnen zu werfen. Saint-Germain, einer der schlimmsten Schurken, die ich je gesehen habe, sprach von diesem Vorfall, als ob es sich um die unschuldigste Sache von der Welt handelte. Mit einem Lächeln auf den Lippen und dem gleichgültigsten Ton berichtete er mir die kleinsten Einzelheiten. Er flößte mir Entsetzen ein; ich hörte ihm in einer Art Betäubung zu. Als er mir aber erklärte, daß ich ihm die Schlüssel von einer Wohnung verschaffen müßte, deren Besitzer ich kannte, da erreichte mein Entsetzen seinen Höhepunkt. Ich versuchte einige Einwände zu machen.

„Was geht mich all das an?“ rief er. „Wozu die dummen Rücksichten? Nur weil du ihn kennst! … Ein Grund mehr dafür! Du kennst die Leute, so kannst du mich führen, und wir teilen … Vorwärts!“ fügte er hinzu. „Da gibt’s keine Ausreden, ich brauche den Schlüsselabdruck.“

Ich tat, als ob ich seinen Worten nachgab.

„Diese Skrupel … Schweige doch!“ rief er, „du bist zum Kotzen. Also einverstanden, wir machen halbpart.“

Großer Gott! Welches Kompaniegeschäft! Es war nicht der Mühe wert, mich über Blondys Unglück zu freuen: ich kam aus dem Regen in die Traufe. Blondy konnte noch manchmal Vernunft annehmen, Saint-Germain aber nie; auch war er weit anspruchsvoller in seinen Forderungen. Da ich nun jeden Moment erwarten mußte, preisgegeben zu sein, so beschloß ich, mich an Henry, den Chef der Sicherheitspolizei von Paris, zu wenden. Ich ging zu ihm, setzte ihm meine Situation auseinander und erbot mich, falls man mir erlauben würde, frei in Paris zu leben, wichtige Mitteilungen über eine große Anzahl entsprungener Sträflinge zu machen, deren Aufenthaltsort und Absichten ich kannte.

Henry empfing mich ziemlich wohlwollend, aber nach kurzem Überlegen erklärte er, daß er sich mir gegenüber in keine Verbindlichkeiten einlassen könne.

„Das soll Sie aber nicht abhalten, mir Mitteilungen zu machen,“ fuhr er dann fort, „man wird dann sehen, inwiefern sie von Wert sind, und vielleicht …“

„Ach, ich bitte Sie inständigst: kein ‚vielleicht‘. Ich riskiere mein Leben. Sie wissen nicht, wessen die Subjekte, die ich Ihnen nennen will, fähig sind. Wenn ich ins Bagno zurückgebracht würde, nachdem die gerichtliche Untersuchung meine Verbindung mit der Polizei ergeben hätte, so bin ich verloren.“

„In diesem Fall wollen wir nicht weiter darüber reden.“ Und er entließ mich, ohne sich auch nur nach meinem Namen zu erkundigen.

Der Mißerfolg dieses Versuches schmerzte mich tief. Ich erwartete jeden Tag, daß Saint-Germain kommen und mich an mein gegebenes Wort erinnern werde. Ich wußte nicht mehr, was ich anfangen sollte. Sollte ich am Ende die Person benachrichtigen, die wir gemeinsam bestehlen wollten? Wenn es möglich gewesen wäre, mich Saint-Germains Gesellschaft zu entziehen, so wäre ein solcher Entschluß gefahrlos gewesen; aber ich hatte versprochen, mitzumachen, und es schien keine Möglichkeit zu geben, mich unter irgendeinem Vorwand diesem Versprechen zu entziehen. Ich erwartete ihn also, wie man ein Todesurteil erwartet. In dieser Aufregung verging eine Woche; zwei, drei Wochen gingen dahin. Ich begann aufzuatmen. Als zwei Monate verflossen waren, beruhigte ich mich ganz. Ich glaubte nun, er sei, ebenso wie seine Kameraden, verhaftet worden.

Am 3. Mai 1809 erwache ich im Morgengrauen durch einige Schläge an die Tür meines Ladens. Ich gehe hinunter und will öffnen, als ich leise sagen höre: „Er ist ein kräftiger Mann, wir müssen vorsichtig sein!“ Über den Grund dieses frühen Besuches konnte nun kein Zweifel bestehen. Ich steige in aller Eile in mein Zimmer hinauf, Annette wird von dem Vorfall benachrichtigt, sie macht das Fenster auf und während sie die Agenten in ein Gespräch verwickelt, schleiche ich im Hemd durch eine Luke hinaus und erreiche die obere Etage. Im vierten Stock finde ich eine Tür halboffen und gehe hinein. Ich sehe mich um, ich lausche – ich bin allein. In einem Alkoven steht ein Bett, das mit einem scharlachroten Lappen verhängt ist. Ich schlüpfe unter die Matratze. Kaum habe ich mich zugedeckt, da tritt jemand ins Zimmer. Man spricht, ich erkenne die Stimmen. Es ist ein junger Mann, namens Fossé, dessen Vater Kupferschmied ist. Der Vater lag im Nebenzimmer zu Bett. Ein Gespräch entwickelt sich:

Erste Szene.

Der Vater, die Mutter, der Sohn.

Der Sohn: Papa, man sucht den Kleiderhändler … er soll verhaftet werden. Das ganze Haus ist in Aufregung … Da, die Glocke … Sie läuten beim Uhrmacher.

Die Mutter: Laß sie läuten, kümmre dich nicht darum; anderer Angelegenheiten gehen uns nichts an; (zum Vater) Mann, zieh’ dich an; sie können hierher kommen.

Der Vater (gähnend; höchstwahrscheinlich kratzte er sich dabei die Stirne): Der Teufel soll sie holen! Was wollen sie denn beim Kleiderhändler?

Der Sohn: Ich weiß nicht, Papa; aber es sind eine Menge Leute da, eine Menge Spitzel und Gendarmen mit dem Kommissar.

Der Vater: Vielleicht ist überhaupt nichts los.

Die Mutter: Was kann der Kleiderhändler bloß angestellt haben?

Der Vater: Was wer gemacht hat … was er gemacht hat? Na … er wird englische Stoffe bei sich gehabt haben!

Die Mutter: Wegen geschmuggelter Stoffe? Da muß ich wirklich lachen. Deswegen verhaftet man einen Menschen doch nicht!

Der Vater: Na, wofür haben wir denn den Einfuhrzoll? für Pflaumen?

Der Sohnr: Einfuhrzoll? Was ist denn das, Vater? Ist das für die Schiffer?

Die Mutter: Ja, was ist denn das, klär’ uns doch auf!

Der Vater: Das heißt, auf den Kleiderhändler werden sie gleich einfahren!

Die Mutter: Ach du lieber Gott! der arme Mann! der wird sicher verhaftet … Ach, wenn das bloß von mir abhängen würde … Solche Verbrecher, die nichts begangen haben, wie schrecklich … ich glaube, ich würde ihn sogar bei mir im Hemd verstecken.

Der Vater: Na, weißt du, der hat einen tüchtigen Umfang!

Die Mutter: Ganz gleich, ich würde ihn verstecken … Wenn er nur hier wäre … Du besinnst dich doch auf den Deserteur? …

Der Vater: Still doch! Sie kommen ja schon!

Zweite Szene.

Die Vorigen. Der Kommissar. Gendarmen. Spitzel.

Der Kommissar und seine Begleiter haben bis jetzt das ganze Haus von unten bis oben durchsucht. In diesem Moment kommen sie auf dem Treppenflur des vierten Stockwerks an.

Der Kommissar: Ah, die Tür ist offen … bitte, entschuldigen Sie die Störung, aber es geschieht im Staatsinteresse … Sie haben da einen ganz gefährlichen Menschen zum Nachbarn, einen Kerl, der fähig ist, Vater und Mutter zu ermorden!

Die Frau: Was, Herr Vidocq?

Der Kommissar: Ja, Vidocq. Ich fordere Sie auf, falls Sie oder Ihr Mann ihm Asyl gegeben haben, es mir ohne Umschweife mitzuteilen!

Die Frau: Aber, Herr Kommissar, Sie können überall nachsuchen, wo es Ihnen paßt … wir sind die Rechten, jemandem Asyl zu geben! …

Der Kommissar: Ich kann Ihnen nur sagen, darin ist das Gesetz besonders streng. Mit diesem Paragraphen läßt sich nicht spaßen, Sie würden sich den schwersten Strafen aussetzen. Bei einem zum Tode Verurteilten kriegen Sie nicht weniger als …

Der Mann (lebhaft): Aber wir haben ja nichts zu befürchten, Herr Kommissar!

Der Kommissar: Oh, das bezweifle ich ja gar nicht. Sie müssen mir nun gestatten, eine kleine Haussuchung vorzunehmen, es ist bloß der Form wegen. (Wendet sich an seine Begleiter) Meine Herren, sind die Ausgänge gut bewacht?

(Nach einer ziemlich genauen Untersuchung des hinteren Zimmers kommt der Kommissar wieder in das Zimmer, wo ich bin.)

„Und hier, in diesem Bett?“ sagt er, und schiebt den damastenen Vorhang zur Seite, während ich fühle, wie sich zu meinen Füßen ein Ende der Matratze hob. Dann ließ man die Matratze wieder nachlässig fallen.

„Keine Spur von Vidocq! Verflucht noch einmal, er hat sich wirklich unsichtbar gemacht,“ brummte der Kommissar, „und wir müssen darauf verzichten …“

Man kann sich gar nicht vorstellen, von welcher ungeheuren Last diese Worte mich befreiten. Endlich zog sich die ganze Bande zurück. Die Frau begleitete sie hinaus, und ich war allein mit dem Vater, dem Sohn und einem kleinen Mädchen, die keine Ahnung hatten, daß ich so nahe bei ihnen war. Ich hörte, wie sie mich bedauerten. Aber bald hörte man die Schritte der Frau, sie sprang eilig die Treppe herauf; sie war ganz außer Atem. Meine Angst sollte wieder losgehen.

Dritte Szene.

Der Mann, die Frau und der Sohn.

Die Frau: O lieber Gott! Wieviel Menschen sich da unten in der Straße angesammelt haben … Höre mal, dein Herr Vidocq war eigentlich immer ein hochmütiger Tagedieb; für einen Schneidermeister hielt er doch zu oft eher die Arme untergeschlagen als die Beine.

Der Mann: Du bist auch wie die anderen. Du hast eine böse Zunge. Aber was soll er denn überhaupt getan haben? Ich bin zwar durchaus nicht neugierig, aber …

Die Frau: Was er getan hat? … Wenn es von einem Menschen heißt, er ist wegen Mordes zum Tode verurteilt! Na, da könntest du ja was von dem kleine Schneider da drüben hören … Der Mann: Ach, das ist ja nur Brotneid!

Die Frau: Und von der Portiersfrau von Nummer siebenundzwanzig, die sagt, sie hat ihn alle Abend mit einem dicken Stock in der Hand ausgehen sehen, und so gut verkleidet, daß sie ihn überhaupt nicht erkannt hat.

Der Mann: Sagt das die Portiersfrau?

Die Frau: Und daß er dann den Leuten in den Champs-Elysées aufgelauert hat.

Der Mann: Das ist mir zu dumm.

Die Frau: So, das ist dir zu dumm? Ist vielleicht der Schnapsbrenner drüben auch dumm – er sagt, daß alles mögliche Diebesgesindel da unten hingekommen ist, und er hat den Vidocq oft mit ganz verdächtigen Subjekten zusammen gesehen.

Der Mann: So, mit verdächtigen Subjekten … aber …

Die Frau: Aber, aber … immer aber! Jedenfalls hat doch der Kommissar unten im Kaufmannsladen gesagt, es sei ein ganz schlimmer Kerl und ein großer Verbrecher, dem man lange nicht auf die Spur habe kommen können.

Der Mann: Und das glaubst du? Du bist doch noch immer zu naiv. Das ist doch nur ein Trick von dem Kommissar. Ich lasse mir das nie einreden. Der Vidocq ist ein hochanständiger Mensch! Übrigens, das alles geht uns doch gar nichts an, wir haben unsere Arbeit allein. Los, es ist schon die höchste Zeit. Schnell, schnell, an die Arbeit!

Die Sitzung hat ein Ende: die ganze Familie Fossé verschwindet und ich bleibe eingeschlossen da und denke an die gemeinen Verdächtigungen der Polizei; damit mir die Nachbarn nicht Hilfe leisten, stellt sie mich als gemeinen Verbrecher hin. Seither habe ich diese Taktik oft anwenden sehen, deren Erfolg sich immer auf niedere Verleumdung stützt; diese empörende Taktik, diese plumpe Taktik … die so oft verhindert, daß die Leute bei einer Verhaftung mithelfen, denn einen Dieb hält man fest, aber vor einem großen Verbrecher, den die Aussicht aufs Schafott vermutlich zur Verzweiflung bringt, hat man Angst.

Ich mochte so etwa zwei Stunden eingeschlossen gewesen sein. Ich hörte kein Geräusch mehr im Hause oder auf der Straße; die Menge verlief sich. Ich begann mich sicherer zu fühlen, als ein lächerlicher Umstand meine Lage wieder komplizierte. Ein dringendes Bedürfnis kündigte sich durch so heftiges Bauchgrimmen an, daß ich, nachdem ich vergeblich das ganze Zimmer nach einem nötigen Gefäß abgesucht hatte, in der größten Verlegenheit war. Endlich entdeckte ich einen eisernen Topf. Es war höchste Zeit, ich öffne ihn und … Kaum bin ich fertig, höre ich den Schlüssel im Schlosse rasseln. Schnell decke ich mich wieder zu und gleite in meinen Schlupfwinkel zurück. Leute treten ein; es ist Frau Fossé mir ihrer kleinen Tochter, einen Augenblick später kommen Vater und Sohn.

Letzte Szene.

Veter, Mutter, die Kinder und ich.

Vater: Na, ist die Suppe von gestern noch nicht aufgewärmt?

Mutter: Kaum ist er da, so lärmt er schon. Deine Suppe wird gleich aufs Feuer gesetzt … Was drängst du denn so!

Vater: Glaubst du, die Kinder haben keinen Hunger?

Mutter: Ach Gott, ich habe doch nicht zehn Hände … Sie können warten, ebenso gut wie ich. Anstatt zu brummen, solltest du lieber das Feuer anblasen.

Vater (bläst): Dein Topf ist wohl eingefroren … aber nein, ich glaube, er riecht … Hörst du?

Mutter: Nein, aber ich rieche … es ist nicht anders möglich, jemand hat …

Vater: Es ist der Kohl von gestern … oder bist du’s? François kichert, ich wette, er ist’s gewesen. Sohn: Papa ist immer so, er schiebt stets die Schuld auf andere.

Vater: Ja, siehst du, man erkennt die Affen am Geruch. Ich weiß, du bist ein unsicherer Kantonist. O Gott, wie es stinkt! Was soll denn das? Glaubst du, du bist in einem Pferdestall? (Mit erhöhter Stimme) Bist du einem Pferdestall? (Zu seiner Frau) Am Ende bist du’s, was?

Mutter: Bist du bei Sinnen? Immer soll ich’s sein … Der verdammte Gestank hört gar nicht auf.

Vater: Es wird immer toller.

Das kleine Mädchen: Mama, es stinkt.

Mutter: Verfluchter Deckel. Ich habe mich verbrannt.

Alle zusammen: O Gott! Was für ein Gestank!

Mutter: Das ist ja die reine Pest. Es ist ja nicht auszuhalten. Fossé, mache einmal das Fenster auf.

Vater: Siehst du, Mutter, das ist wieder ein Streich von deinem Söhnchen.

Sohn: Papa, ich schwöre dir, nein.

Vater: Schweig, unnützer Bengel … Man merkt’s ja … kannst du nicht auf den Abtritt gehen? … Es fällt dir wohl schwer, die Treppe hinauszusteigen? … Hast du am Ende Angst, dich zu überanstrengen? … Du fängst früh an, dich zu schonen … Warte, ich will’s dir beibringen …

Sohn: Aber Papa …

Vater: Rede nicht … Siehst du diesen Stock? Er soll deinen Rücken kennen lernen … Komm her … Hörst du, komm her … Was, du leugnest noch?

Sohn (weinend): Aber ich bin’s nicht gewesen.

Vater: Dir ist alles zuzutrauen. Wie sagt man? Erst der Lügner, dann der Dieb.

Mutter: Warum sprichst du nicht die Wahrheit?

Vater: Aber nein, er will lieber von mir verdroschen werden … Schön, er soll’s haben … Du willst also dein Teil abkriegen? Frau, mach’ das Fenster zu, wegen der Nachbarn. Mutter: Oh, der arme François! der arme François!

Kein Zweifel mehr, es sollte an die Exekution gehen. Ohne Zaudern werfe ich Matratze, Tücher und Decken ab, schlage jäh den Damastvorhang zurück und erscheine mit einem Male vor der erstaunten Familie. Man kann sich leicht das Staunen dieser braven Leute vorstellen. Während sie sich schweigend anstarren, erzähle ich ihnen so kurz wie möglich, wie ich mich bei ihnen eingeschlichen, wie ich … und wo weiter. Es ist unnütz, hinzuzufügen, daß das Abenteuer mit dem Topfe viel belacht wurde und von der Züchtigung keine Rede mehr war. Der Mann und die Frau waren ganz verwundert, daß ich in meinem Versteck nicht erstickt sei. Sie sprachen mir ihr Mitleid aus und mit einer Herzlichkeit, die unter dem einfachen Volke nicht selten ist, boten sie mir eine Erfrischung an. Die war nach einem so anstrengenden Morgen wohl angebracht.

Nach dem Empfang, den mir die Familie Fossé angedeihen ließ, zu urteilen, mußte ich annehmen, daß ich in gute Hände geraten sei. Fossé übernahm die Sorge um meine Sicherheit. Nach einigen Nachforschungen teilte er mir mit, daß die Polizei, die fest überzeugt war, daß ich das Quartier nicht verlassen haben konnte, das Haus und alle Straßen der Umgegend besetzt hatte. Er erfuhr auch, daß eine neue Haussuchung unternommen werden sollte. Aus all dem schloß ich, daß es dringend ratsam war, zu verschwinden, denn es war anzunehmen, daß man diesmal das Oberste zu unterst kehren würde.

Wie viele Handwerker in Paris pflegte die Familie Fossé in einer benachbarten Weinschenke zur Nacht zu speisen, in die sie ihr eigenes Essen mitnahmen. Es wurde verabredet, daß ich auf den Abend warten sollte, um mit der Familie abzuziehen. Etwas Geld, das ich für alle Fälle von meinem Nachttisch mitgenommen hatte, reichte für ein Beinkleid, ein Paar Stiefel, Strümpfe, Jacke und eine blaue baumwollene Mütze, die die Verkleidung vollendete. Als die Stunde zum Abendessen gekommen war, verließ ich mit der ganzen Familie das Zimmer. Zur Vorsicht trug ich auf dem Kopfe eine riesige Schüssel mit Hammelfleisch und Bohnen, deren appetitlicher Duft den Zweck der Expedition genügend bezeichnete. Und doch schlug mir das Herz, als ich mich auf dem Treppenabsatz der zweiten Etage plötzlich vor einem Polizeiagenten sah, den ich zuerst nicht bemerkt hatte.

„Ihr könnt Eure Kerze auslöschen,“ schrie er barsch Fossé an.

„Warum denn?“ fragte Fossé, der die Kerze mitgenommen hatte, um allen Verdacht zu entfernen.

„Da gibt’s nichts zu reden!“ rief der Spitzel, und blies selbst das Licht aus. Ich hätte ihn dafür umarmen mögen.

Endlich befanden wir uns auf der Straße vor dem Hause. An der Straßenecke nahm mir Fossé die Schüssel ab, und wir trennten uns. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, ging ich ganz langsam bis zur nächsten Straße, und von da rannte ich aus aller Leibeskraft in der Richtung zum Boulevard du Temple.

Vom Boulevard bis zur Rue de l’Echiquier ist der Weg nicht weit. Wie eine Bombe fiel ich nun Chevalier ins Haus. Seine Bestürzung, mich frei zu sehen, bestätigte meinen Verdacht zu Genüge. Chevalier versuchte zunächst unter einem Vorwand sich zu entfernen, aber ich verschloß die Tür, streckte den Schlüssel in die Tasche, packte ein Messer vom Tisch und erklärte meinem Schwager, wenn er nur muckste, so wäre es um ihn und die Seinigen geschehen. Diese Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht; ich befand mich unter Leuten, die mich kannten und denen die Wut meiner Verzweiflung einen ziemlichen Schreck einflößen mußte. Die Weiber waren mehr tot als lebendig, Chevalier stand unbeweglich und wie versteinert da. Mit zitternder Stimme fragte er, was ich wolle.

„Du sollst es gleich erfahren,“ antwortete ich.

Zunächst verlangte ich den Anzug, den ich ihm einen Monat vorher geschenkt hatte, und erhielt ihn auch. Dann ließ ich mir ein Hemd, Stiefel und einen Hut geben. All die Gegenstände waren ja mit meinem Gelde angeschafft worden, ich ließ mir nur meine Auslagen zurückerstatten. Chevalier gehorchte mit saurer Miene.

Ein Fenster, das nach dem Garten ging, war mit zwei eisernen Stangen vergittert. Ich befahl Chevalier, eine davon zu entfernen. Da er sich dabei recht ungeschickt benahm, so legte ich selbst Hand mit an, ohne daß er bemerkte, daß das Messer, das ihm soviel Furcht einflößte, dabei aus meiner Hand in die seine gewandert war. Nach beendeter Prozedur nahm ich die Waffe wieder zu mir.

„Und jetzt,“ sagte ich zum ihm und den Frauen, die immer noch vor Schreck zitterten, „jetzt könnt ihr alle zu Bett gehen.“

Ich war zum Schlafen nicht aufgelegt. Ich warf mich in einen Sessel und verbrachte so eine unruhige Nacht.

Bei Tagesgrauen ließ ich Chevalier wecken und fragte ihn, ob er bei Geld sei. Auf seine Antwort, er besitze nur etwas Kleingeld, hieß ich ihn die vier silbernen Bestecke nehmen, die er meiner Freigebigkeit zu verdanken hatte, ließ ihn noch Ausweispapiere zu sich stecken und befahl ihm, mir zu folgen. Ich bedurfte eigentlich seiner nicht mehr, aber es wäre gefährlich gewesen, ihn zu Hause zurückzulassen, denn er hätte die Polizei auf meine Spur bringen können, bevor ich in Sicherheit war. Chevalier gehorchte. Vor den Frauen hatte ich weniger Angst. Da ich einen wertvollen Bürgen mit mir nahm, und sie im übrigen nicht ganz die Gesinnung dieses Mannes teilten, so begnügte ich mich damit, sie einzuschließen. Durch die stillsten Straßen der Stadt gelangten wir in die Champs-Elysées. Es war vier Uhr morgens. Wir begegneten niemandem. Die Bestecke nahm ich zu mir.

Wir trieben uns lange in der Umgegend von Chaillot herum. Chevalier, der nicht begriff, wie all das enden sollte, schritt mechanisch an meiner Seite einher. Er war ganz vernichtet und wie gelähmt. Um acht Uhr ließ ich ihn in einen Wagen steigen und begleitete ihn nach der Gegend des Bois de Boulogne, wo er in meiner Gegenwart unter seinen Namen die vier Bestecke versetzte und hundert Franken dafür erhielt. Diese Summe steckte ich zu mir, und befriedigt darüber, daß ich ihm im Ganzen wieder abnahm, was er mir nach und nach abgezapft hatte, stieg ich mit ihm wieder in den Wagen und brachte ihn bis zur Place de la Concorde. Dort stieg ich aus. Aber vorher schärfte ich ihm folgendes ein:

„Merk’ dir wohl, sei verschwiegener denn je. Sollte ich aus irgendeinem Grunde wieder verhaftet werden, so nimm dich in acht!“

Ich hieß den Kutscher ihn langsamen Schrittes nach der Rue de l’Echiquier Nummer dreiundzwanzig zurückfahren, und, um sicher zu sein, daß er keine andere Richtung einschlug, blieb ich eine Weile stehen und verfolgte ihn mit den Blicken. Dann nahm ich einen Wagen und fuhr zu einem Trödler, bei dem ich meine Kleider in die eines Handwerkers eintauschte. In diesem neuen Kostüm setzte ich meinen Weg nach der Esplanade des Invalides fort und sah mich um, ob ich nicht irgendeine Uniform kaufen könnte. Ein Stelzfuß, an den ich mich gewandt hatte, nannte mir einen Althändler in der Rue Saint-Dominique, wo ich eine vollständige Ausrüstung finden könnte. Der Althändler war sehr geschwätzig.

„Ich bin nicht neugierig,“ sagte er (die übliche Einleitung zu indiskreten Fragen), „aber Sie haben doch alle Glieder beieinander. Sicher ist die Invalidenuniform nicht für Sie selbst?“

„Ja doch!“ antwortete ich, und als ich seine Verwunderung merkte, fügte ich hinzu, ich müsse in einem Theaterstück auftreten.

„In welchem Stück denn?“

„In der ‚Kindlichen Liebe‘ –“

Nach Abschluß des Kaufes begab ich mich nach Passy und vollendete bei einem mir befreundeten Zimmermeister die Metamorphose. In fünf Minuten war ich in einen gebrechlichen Invaliden verwandelt. Der eine Arm wurde vermittelst eines Riemens am Hosengürtel festgebunden und war nicht zu sehen; ein paar Lappen, die in den oberen Teil des Ärmels gesteckt wurden, erhöhten noch die Illusion; eine Pomade schließlich, mit der ich mir Haare und Bart färbte, machte mich völlig unkenntlich. Ich war nun so sicher, der Polizei ein Schnippchen geschlagen zu haben, daß ich noch am selben Abend mich in das Quartier Saint-Martin wagte. Dort erfuhr ich, daß die Polizei nicht nur immer noch meine Wohnung besetzt hielt, sondern daß sie auch ein Inventar meines Ladens und Mobiliars aufgenommen hatte. Aus der Anzahl der Agenten, die kamen und gingen, mußte ich schließen, daß die Nachforschungen nach mir mit verdoppelter Intensität abgehalten wurden. Es war ein außerordentlicher Fall für jene Zeit, da die Polizei nicht besonders viel Eifer entwickelte, wenn es sich nicht gerade um eine politische Verhaftung handelte. Durch all diese Anstalten erschreckt, hätte es jeder andere sicher für geboten gehalten, Paris – wenigstens eine Zeitlang – zu meiden. Es war gewiß ratsam, den Sturm vorbeiziehen zu lassen, aber ich konnte mich nicht entschließen, Annette allein zu lassen, inmitten dem Ungemach, das ihr ihre Treue zu mir verursachte. Sie hatte wirklich viel auszustehen: fünfundzwanzig Tage wurde sie auf der Präfektur in Haft zurückgehalten; man drohte ihr, sie ins Gefängnis Saint-Lazare überzuführen, wenn sie nicht meinen Aufenthaltsort nennen würde. Aber selbst, wenn man ihr das Messer auf die Brust gesetzt hätte, würde mich Annette nicht verraten haben.

Ich wohnte in der Rue Tiquetonne bei einem Weißgerber namens Bouhin. Dieser wollte mir um ein mäßiges Entgelt einen Paß verschaffen, der auf mich stimmte. Sein Signalement paßte so ziemlich auf mich. Ich freute mich schon auf dieses Papier, das für meine Freiheit bürgte. Da vertraute mir eines Tages Bouhin ein Geheimnis an, das mich erschauern ließ. Dieser Mensch war nämlich Falschmünzer und um mir eine Probe seiner Kunst zu zeigen, warf er acht Fünffrankstücke vor mir auf den Tisch, die seine Frau noch am selben Tage ausgab. Man kann sich denken, wie mich die Eröffnung Bouhins beunruhigte.

Sein Paß konnte für mich also nur eine schlechte Empfehlung sein, denn bei dem gefährlichen Gewerbe, das er trieb, mußte früher oder später gegen Bouhin ein Haftbefehl ergehen. Es wurde mir überhaupt klar, daß ich Paris so bald wie möglich verlassen müßte.

Es war an einem Dienstag. Ich wollte am nächsten Tage abreisen, aber da erfuhr ich, daß Annette am Ende der Woche auf freien Fuß gesetzt werden sollte, und beschloß meine Abreise bis zu ihrer Befreiung zu verschieben. Freitag morgen gegen drei Uhr höre ich an der Haustür klopfen. Die Art des Klopfens, die frühe Stunde, alle Umstände lassen mich vermuten, daß man mich verhaften will. Ohne Bouhin etwas zu sagen, eile ich die Treppe hinauf. Oben angelangt, schwinge ich mich aufs Dach und verstecke mich hinter einem Schornstein.

Meine Ahnung hatte mich nicht getäuscht – im Nu war das Haus von Polizeiagenten voll, die alles durchwühlten. Man war überrascht, mich nicht zu finden. Da die Kleider neben meinem Bette vermuten ließen, daß ich im Hemd geflohen sei, so ließ man das Dach absuchen, und so wurde ich entdeckt und ergriffen. Abgesehen von einigen Püffen, die ich von den Polizisten erhielt, bot im übrigen meine Verhaftung nichts Bemerkenswertes. Auf der Präfektur wurde ich von Henry selbst vernommen. Er erinnerte sich der Versuche, die ich einige Monate vorher unternommen hatte, und versprach, sein Möglichstes zu tun, um meine Lage zu erleichtern. Trotz alledem wurde ich in Untersuchungshaft gebracht und von da ins Staatsgefängnis; von dort sollte in einigen Tagen ein Zug mit Bagnosträflingen abgehen.

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