Eine schlaflose Nacht

Auf unserer Neckarreise in Heilbronn angekommen, stiegen wir in der nämlichen Herberge ab, wo vor drei- bis vierhundert Jahren der alte Haudegen, Götz von Berlichingen, nach seiner Befreiung aus der Gefangenschaft im Turm, gewohnt hat. Wir, mein Reisegefährte Harris und ich, wurden sogar in dem Zimmer des tapfern Ritters einquartiert. Reste der damaligen Tapeten klebten noch an den Wänden, die vierhundertjährigen Möbel waren mit wunderlich verschnörkeltem Schnitzwerk bedeckt, und einige Gerüche in dem Zimmer mochten wohl tausendjährig sein. Der Wirt zeigte uns auch den Haken in der Mauer, an dem der grimme alte Götz beim Zubettgehen seine eiserne Hand aufzuhängen pflegte. –

Nach einem Abendspaziergang durch die altertümliche Stadt begaben wir uns früh zur Ruhe, da wir bei Tagesanbruch unsere Wanderung fortsetzen wollten.

Ich wälzte mich im Bett umher, während Harris sofort eingeschlafen war. Daß es geradezu eine Unverschämtheit ist, wenn jemand gleich einschläft, ist vielleicht zu viel gesagt, aber rücksichtslos ist es gewiß. Ich lag brütend über dieser Unbill wach und bemühte mich vergebens, in Schlaf zu kommen. Ohne jegliche Ansprache fühlte ich mich anfangs im Dunkeln sehr einsam und verlassen; bald begannen jedoch tausenderlei Gedanken mir durch den Kopf zu schwirren, von denen einer den andern in rasender Eile verdrängte. Nach Verlauf einer Stunde war ich von dieser Gedankenjagd ganz schwindelig und fühlte mich todmüde und abgehetzt.

Meine Ermüdung war so groß, daß sie momentan über meine nervöse Erregung siegte; denn, während ich mir einbildete, völlig wach zu sein, mußte ich dennoch vorübergehend, auf Augenblicke, der Bewußtlosigkeit verfallen sein. Ich bemerkte dies, indem ich wiederholt durch das Gefühl, rücklings in einen Abgrund zu sinken, jählings aufgeschreckt wurde. Dies wiederholte sich sechs bis achtmal, worauf die Bewußtlosigkeit das Übergewicht über meinen Geist soweit bekam, daß ich in einen Schlummer verfiel, der tiefer und tiefer wurde und sich gewiß zum solidesten und genußreichsten Schlaf entwickelt hätte, wenn – – doch, was war das? Ich rief alle meine Lebensgeister wieder wach und begann zu lauschen: Mir war’s, als ob ich aus unermeßlicher Ferne einen Ton vernähme, der näher kam, – war es das Heulen des Sturms? – jetzt wurde es deutlicher – war es das Knarren und Raspeln irgend einer Maschine? Nun klang es noch vernehmlicher – war es der gemessene Tritt eines heranziehenden Heeres? Immer kleiner wurde die Entfernung, und jetzt war es mitten im Zimmer: – es war nur eine Maus, die am Holzwerk nagte. Und um solcher Kleinigkeit willen hatte ich die ganze Zeit über den Atem angehalten! –

So ärgerlich mir das war, es ließ sich nicht mehr ändern, – aber nun wollte ich auch gleich einschlafen, um die verlorene Zeit wieder einzubringen. Das war jedoch leichter gedacht als gethan. Ohne es zu wissen und zu wollen, begann ich auf das Geräusch zu horchen, das die Maus mit ihren Nagezähnen machte, und bald verursachte mir diese Beschäftigung die gräßlichsten Qualen. Wäre nur das Tier wenigstens bei seiner Arbeit geblieben! – aber es setzte von Zeit zu Zeit aus, und ich wartete und lauschte gespannt, bis es anfing weiter zu nagen – ein unerträglicher Zustand!

Wer mir die Maus umbrächte, dem setzte ich innerlich Zur Belohnung zuerst 5,6, 7 – 10 Dollars aus und verstieg mich endlich zu Summen, die weit über meine Mittel gingen! Ich klappte das Ohrläppchen über das Ohr und preßte die Hände dagegen, ich steckte die Finger hinein – alles vergebens! – durch die Hindernisse hindurch schien ich nur noch schärfer zu hören.

In rasender Wut griff ich zuletzt zu dem Auskunftsmittel, auf das von Adam her schon jeder Mensch verfallen ist – ich beschloß einen Wurf zu wagen! Ich griff nach meinen Wanderschuhen und erhob mich im Bette, um zu horchen, von wo das Geräusch herkäme. Ich konnte es aber nicht herausbringen; die Stelle, woher das Geräusch kam, war so undefinierbar wie bei einer im Grase zirpenden Grille. So schleuderte ich denn meinen Schuh mit kräftiger Hand auf gut Glück hinaus. Er schlug gerade über Harris Kopf an die Wand und fiel auf ihn herunter, – ich war erstaunt, daß ich so weit werfen konnte, denn das Bett stand am entgegengesetzten Ende des großen Zimmers.

Harris wachte auf und das freute mich; da er aber nicht ärgerlich wurde, that es mir wieder leid. Er blieb nicht lange wach und das war gut; aber nun begann die Maus von neuem, was mich ganz in Harnisch brachte. Ich wollte Harris nicht noch einmal wecken, da aber das Nagen fortdauerte, konnte ich es nicht mehr aushalten und benutzte den zweiten Schuh als Wurfgeschoß. Diesmal flog er gegen den Spiegel – es waren zwei im Zimmer, natürlich zerbrach der größere. Harris erwachte abermals, ließ aber keinen Laut der Klage hören, was mir sehr leid that. Ich beschloß, lieber alle Qualen zu erdulden, als ihn zum drittenmal im Schlaf zu stören.

Schließlich zog sich die Maus vom Schauplatz zurück und ich war im Begriff einzuschlummern, als ich eine Uhr schlagen hörte. Ich zählte die Schläge und wollte mich eben wieder aufs Ohr legen, da schlug die zweite Uhr, und während ich zählte, begannen die beiden großen Engel an der Rathausuhr auf ihren Posaunen wunderbar melodische reiche und volle Töne zu blasen. Etwas so überirdisch Zartes und Geheimnisvolles hatte ich nie gehört! Als sie dann aber auch die Viertelstunden bliesen, dachte ich, das sei des Guten zu viel. Kaum schlummerte ich einen Moment, so weckte mich ein neuer Lärm und beim jedesmaligen Erwachen vermißte ich mein Deckbett und mußte es erst vom Boden aufheben, wie das bei den schmalen deutschen Betten nicht gut anders möglich ist.

Kein Wunder, daß sich meine Schläfrigkeit endlich ganz verlor, und ich zu der Überzeugung kam, daß in dieser Nacht an Schlaf für mich nicht mehr zu denken war. Dabei schüttelte ich mich wie im Fieber und litt den brennendsten Durst. – So ging es wirklich nicht länger; ich beschloß aufzustehen, mich anzuziehen, am Brunnen auf dem großen Platz Kühlung zu suchen und meinen Durst zu löschen. Dann wollte ich bei einer Zigarre im Freien den Morgen erwarten.

Ich konnte mich sehr gut im Dunkeln ankleiden, ohne Harris zu wecken; meine Schuhe hatte ich zwar nach der Maus geschleudert, aber für die Sommernacht genügten auch die Pantoffeln. Leise stand ich auf und kam allmählich in die Kleider; nur eine Socke war verloren gegangen, – ich konnte sie nirgends entdecken, und doch mußte ich sie haben.

Ich kniete nieder, und den einen Pantoffel am Fuß, den andern in der Hand, suchte ich nun rund auf dem Boden umher; – vergebens. Ich suchte weiter und weiter, indem ich fortrutschte. Dabei krachten die Dielen und so oft ich an einen Gegenstand stieß, entstand ein Lärm, zehnfach größer, als er bei Tage gewesen wäre. Ich wartete jedesmal erst mit angehaltenem Atem, um mich zu überzeugen, daß Harris weiter schlief, ehe ich vorwärts kroch. Trotz alles Suchens fand ich die Socke nicht, sondern stieß nur von einem Möbel ans andere. War das Zimmer wirklich so reich möbliert gewesen, als ich zu Bette ging, oder waren vielleicht seitdem einige Familien eingezogen? Überall standen mir Stühle im Wege, und statt sie im Vorbeikriechen nur zu streifen, stieß ich jedesmal mit dem Kopf dagegen.

Langsam aber sicher begann mir die Geduld zu reißen, und ich glaube wirklich, daß ich von Zeit zu Zeit einen leisen Fluch ausstieß, um mir das Herz zu erleichtern. Endlich schwur ich im höchsten Zorn, ohne die Socke auszugehen, stand auf und schritt, wie ich meinte, geradeswegs zur Thüre – statt dessen starrte mir plötzlich mein gespenstisches Ebenbild aus dem unzerbrochenen Spiegel entgegen. Ich schrak zusammen, und erkannte zugleich, daß ich verirrt sei und die Richtung gänzlich verloren habe. Ich geriet darüber in einen solchen Zorn, daß ich mich auf den Boden setzen und etwas packen mußte, um einen fürchterlichen Ausbruch explodierender Leidenschaft hintanzuhalten.

Wenn im Zimmer nur ein Spiegel gewesen wäre, so hätte ich mich daran vielleicht zurechtfinden können; aber es waren zwei da und zwei waren ebenso schlimm wie hundert; abgesehen davon, daß die beiden sich an den entgegengesetzten Enden des Zimmers befanden. Ich konnte an einem schwachen Schimmer die Fenster erkennen, aber da ich dieselben in meiner Verdrehtheit ganz wo anders vermutete, so wurde ich nur um so verwirrter.

Beim Aufstehen stieß ich einen Regenschirm um; der Fall auf den harten teppichlosen Boden klang wie ein Pistolenschuß. Ich hielt den Atem an und biß auf die Lippen – Harris rührte sich nicht. Ich versuchte mehreremale den Regenschirm an die Wand zu stellen, – aber plums, lag er jedesmal wieder unten, sobald ich die Hand losließ.

Ich bin von guter Erziehung, aber wäre es nicht so schwarz, feierlich und unheimlich in dem riesigen Zimmer gewesen, so würde ich – glaube ich – etwas gesagt haben, das man nicht in ein Sonntagsschulbuch hätte setzen dürfen, ohne den Absatz desselben zu schädigen. Wären meine Verstandeskräfte nicht bereits durch die ausgestandenen Qualen erschöpft gewesen, so hätte ich etwas Gescheiteres gethan. als zu versuchen, einen Regenschirm bei Nacht auf einen gewichsten deutschen Stubenboden zu stellen. Das eine tröstete mich noch – Harris rührte sich nicht.

Der Regenschirm konnte mich auch nicht orientieren, da mehrere ganz gleiche herumstanden. So tastete ich mich denn an der Wand hin, um zur Thüre zu gelangen. Dabei stieß ich ein Bild herunter – kein großes, aber es machte einen Höllenlärm! – Harris rührte sich nicht, wenn ich aber noch mehr Angriffe auf Bilder ausführte, mußte er sicherlich wach werden. Ich beschloß mein Vorhaben aufzugeben und statt nach dem Ausweg zu suchen, zu dem Tisch in der Mitte zurückzukehren, mit dem ich schon mehrmals zusammengestoßen war. Von dort wollte ich dann eine Entdeckungsreise nach meinem Bett antreten; hatte ich das erst gefunden, so war der Wasserkrug nicht weit, ich konnte meinen verzehrenden Durst löschen und mich wieder hinlegen. Ich kroch auf allen Vieren, weil das schneller ging und ich dabei weniger umzuwerfen hoffte. Bald fand ich den Tisch – das heißt, ich stieß mit dem Kopf dagegen – rieb mir die Beule etwas, richtete mich in die Höhe, streckte die Hände aus und tastete umher, bis ich an einen Stuhl kam; dann berührte ich die Wand, wieder einen Stuhl, dann ein Sofa, einen Alpenstock und wieder ein Sofa. Das brachte mich in Verwirrung – es war doch nur ein Sofa im Zimmer gewesen! Ich suchte abermals den Tisch auf, begann meine Wallfahrt von neuem und fand mehrere Stühle.

Nun erst fiel mir ein, woran ich schon längst hätte denken sollen, daß der große Tisch ja so rund war wie der vom König Artus und seiner Tafelrunde, mir also in Bezug auf die Richtung durchaus nicht behilflich sein konnte. So wanderte ich denn aufs Geratewohl durch unbekannte Regionen, bis ich einen Leuchter vom Kaminsims stieß; ich wollte den Leuchter festhalten und brachte eine Lampe zum Fallen; ich wollte die Lampe halten und stieß den Wasserkrug um, der krachend zu Boden stürzte, während ich zu mir sagte: »So, habe ich dich endlich; ich wußte wohl, du könntest nicht weit sein!«

Gleich darauf schrie Harris: »Räuber, Diebe, – das Wasser geht, mir bis an den Hals!« Er war ganz außer sich.

Auf den Krach hin wurde das ganze Haus lebendig. Mit Lichtern und im Nachtgewand stürzten die Gäste von allen Seiten ins Zimmer, auch der Wirt und die Dienstmagd drängten sich mit herein.

Ich stand vor Harris‘ Bett, eine Meile von dem meinigen entfernt. Das Zimmer hatte nur ein einziges Sofa, das an der Wand stand, und einen einzigen Stuhl, der frei umherstand, und – um diesen hatte ich mich die halbe Nacht herumgedreht, wie ein Planet um die Sonne und war auf meiner Kometenbahn nur allzuoft mit ihm zusammengestoßen.

Meine Thaten in der schlaflosen Nacht waren bald erzählt; Wirt und Gäste zogen sich hierauf wieder in ihre Gemächer zurück, während wir unsere Vorbereitungen zum Frühstück trafen, da der Morgen schon zu dämmern anfing. Wie ich einen verstohlenen Blick auf meine Schrittuhr warf, fand ich, daß ich fünfzehn Kilometer zurückgelegt hatte, was mich indessen nicht verdroß, da ich ja zum Zweck einer Fußwanderung die Reise unternommen hatte.

Als der Wirt am andern Tage erfuhr, daß wir auf einer Fußtour durch Europa begriffen seien, behandelte er uns sehr rücksichtsvoll. Er ließ sich die Sachen, die ich während der Nacht zerschlagen hatte, nur zum Selbstkostenpreis bezahlen, stärkte uns reichlich mit Speise und Trank, und um uns zum Abschied die größte Ehre zu erweisen, ließ er uns mit Götz von Berlichingens Pferd und Wagen zum Thor, von Heilbronn hinausfahren.

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]