Ein Abend in Highstreet

 

Ich habe schon in einem früheren Kapitel hervorgehoben, wie das Straßenleben Alt-Edinburgs etwas Südländisches hat. Man geht nicht vor die Tore, um sich im Freien, im Grünen zu vergnügen, man schlendert nur zwischen Canongate und Edinburg-Castle auf und ab, gesellt sich zu dieser oder jener Gruppe, lauscht einen Augenblick, spricht auch wohl und schreitet zur nächsten Ecke weiter, um dort ein ähnliches Treiben vorzufinden wie das, was man soeben verlassen hat. Die Gin-Shops und Whisky-Läden (übrigens von ziemlich dürftigem Aussehen und nicht zu vergleichen mit ähnlichen Etablissements in London) laden überall zum Eintritt ein, und die Temperanzprediger, die sich allabendlich vor einem auf und ab gehenden Publikum, das die Stummelpfeife im Munde und die Hände in den Hosentaschen hat, hören lassen, scheinen mir nicht in der Lage, den verführerischen Eckläden eine erhebliche Konkurrenz zu machen. Wie dem aber auch sei, das Straßenpredigertum im allerweitesten Sinne, der öffentliche Bekehrungsversuch für diesen oder jenen moralischen oder kirchlichen Zweck, ist einer der hervorstechendsten Züge des Alt-Edinburger Lebens, insonderheit der High-Street. Wir werden gleich sehen, daß die Mäßigkeitsapostel dabei keine ausschließliche Herrschaft üben und sich’s gefallen lassen müssen, mit den verschiedensten andern Elementen das Terrain zu teilen.

Es mochte 9 Uhr sein; wir stiegen, wie so oft, von Canongate her die malerische Hügelstraße hinan und erfreuten uns an dem auf und ab wogenden Treiben der Volksmenge. Als wir Tron-Church beinah erreicht hatten, sahen wir fünfzig oder hundert Menschen an einer wenig erleuchteten Straßenecke stehen und vernahmen bald im Näherkommen die Töne einer pathetischen, beschwörenden Stimme. Wir drängten uns durch den ziemlich engen Kreis und standen einem blassen, hektisch und ärmlich aussehenden Manne gegenüber, der nicht müde wurde, zu Eintracht, Versöhnung und christlicher Liebe zu ermahnen. Wir folgten seinem Vortrage zehn Minuten lang, bis endlich der äußerste Mangel an Fortschritt und Entwicklung es unmöglich machte, noch länger auszuhalten. Er sprach im Sinne einer »Evangelischen Allianz«, was man hätte hinnehmen können, wenn nur die Mahnung selbst etwas mehr als eine bloße Phrasenhäufung gewesen wäre. Er zog seine Sätze ab wie ein Bankhalter seine Karten, mischte den Talon und begann von neuem. Die Sätze lagen anders, aber dieselben Karten. Wir sahen deutlich, daß der Mann längst fertig war und nur weiter sprach, um das Volk, das noch einen Schlußtrumpf zu erwarten schien, nicht unbefriedigt nach Hause gehen zu lassen. Ich zweifle aber, daß dieser Schluß in anderer Form zur Erkenntnis der Aushaltenden gekommen ist als in der schließlichen Totalerschöpfung des Redners.

Wir schritten High-Street weiter hinauf bis zur Stelle, wo Blair-Street auf den kleinen Platz, der Tron-Church umgibt, ausmündet. Hier, in halber Zurückgezogenheit, von der Straße aus sichtbar und doch nicht direkt von ihrem Lärm berührt, hatte ein dicker, alter Herr eine Kanzel, in Form eines Schulkatheders, bestiegen und predigte zu seinem Publikum. Das Auditorium war fast zahlreicher wie das, von dem wir eben kamen, aber minder aufmerksam; man kam und ging, sprach und kicherte; es war ersichtlich ein altes Lied, das man an dieser Stelle vernahm. Der alte Herr plädierte für Mäßigkeit. Kein Zweifel, er gab sich die größte Mühe, aber auf den Gesichtern war weder Zustimmung noch Erbauung zu lesen. Was er sprach, war weder gut noch schlecht, er malte mit grellen Farben das bekannte Doppelbild: »Die wohlgekleidete Familie am Teetisch, daneben der Trunkenbold, der seine Frau schlägt«, und ersetzte durch Stimmittel, was ihm an sonstigen Gaben gebrach; aber alles scheiterte, wenn nicht an der Verbrauchtheit der Mittel, so doch an der völligen Ungeeignetheit der Persönlichkeit. Der alte Herr glich einem behäbigen Farmer, jener wohlgenährten John-Bull-Type, die der »Punch« so oft zu bringen pflegt, und wenn er sich zu Port und Sherry auch nicht wie Hahnemann zum Kaffee verhielt (der ihn allen Patienten verbot, während ihm selber »nichts darüber ging«), so bestritt doch sein Erscheinen aufs äußerste, daß er bei Tee und Schmalbier alt geworden sei. Man konnte nicht umhin, sich seine Vergangenheit als eine lange Reihe von Diners vorzustellen, und die Feuerräder seiner Beredsamkeit verpufften wirkungslos in der Luft. Mit uns verließen ein Dutzend Leute den Platz, darunter drei Soldaten: ein riesiger Dragoner mit zwei »young hands« von der Sussex-Miliz am Arm. Sie bogen vom Platz aus in High-Street ein und verschwanden lachend in den Hof eines alten unsauberen Hauses, an dessen halberleuchteten Wänden zu lesen war: »Money lent here; highest prices paid for jewellery, watches etc.«

Die beste Probe von Straßenpredigertum war uns aber noch vorbehalten. Als wir ziemlich die Ecke erreicht hatten, wo sich High-Street um die Kirche von St. Giles herum zu einem Platz erweitert, sahen wir die Straße durch eine gedrängt stehende Menschenmenge halb abgesperrt. Als wir in den Kreis traten, überraschte uns ein Doppelbild, zwei Figuren, von denen es schwer zu sagen war, welche mehr Anspruch hatte, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln. Der eine, ein etwas pockennarbiger Mann von etwa 50 Jahren, balancierte auf einer breiten Fußbank und sprach mit lauter Stimme, nur innehaltend, wenn er den Hut abnahm, um sich den Schweiß der Arbeit von der Stirn zu wischen. Neben ihm, den Rücken an den Laternenpfosten gelehnt, stand ein Siebziger von fast patriarchalischem Ansehn. Er war blind und von noblen Gesichtszügen; sein weißes Haar, das bis auf die Schultern herabhing, bewegte sich leis im Winde; dazu spielte um seinen Mund jener leise Zug von Humor und List, dem man so oft an alten Judenköpfen zu begegnen pflegt. Beide Männer waren in der Tat Juden, aber jener Sekte zugehörig, die unter dem Namen der »Christ-Israeliten« in Amerika und England eine Art von Notorität erlangt hat. Die Kleidung beider Männer war gleich und trug dazu bei, den Reiz des Bildes zu erhöhen. Olivenfarbene Weste und Beinkleider, dunkelblaue Röcke mit großen Knöpfen, schwere Schuhe und weiße, niedrige Felbelhüte, dazu Berloques und allerhand Uhrbehang, der bei dem Mann auf der Fußbank wie ein Schlüsselbund klapperte, während er bei dem Alten in ruhigen Pendelschwingungen sich hin und her bewegte. Was war nun der Inhalt der mit immer wachsender Stimme herausgepolterten Rede? Nichts als Verteidigung seiner Sekte und seiner Person gegen die Angriffe einer in Leeds erscheinenden Zeitung. Die Leeds-Times (wie ich vermute, mit nur allzu großem Recht), hatte fünfzehn Monate früher Gelegenheit genommen, den ganzen Christ-Israelitismus als eine großartige Prellerei und denselben John Wroe, der da eben vor uns stand, als einen Vater der Lüge abzukonterfeien, und dieser eine Zeitungsartikel hatte nun seit Jahresfrist ein Motiv abgeben müssen, um mit christ-israelitischen Traktätchen alle drei Königreiche durchreisen und zum tausendsten Male versichern zu können, daß John Wroe ein ehrenhafter Mann und der Christ-Israeritismus eine erhabene Sache sei. »Sie finden das alles in unserm Büchelchen (Handbewegung nach dem Blinden hin, der die Exemplare durch seine Finger gleiten läßt), Sie finden darin all und jedes, Stück ein Penny; die letzten Exemplare, die wir haben, Stück für Stück ein Penny.« Dann eine kleine Pause, um das Verkaufsresultat zu kontrollieren und dann aufs neue wieder ein Hinausschreien in die Welt, daß Christus gesagt habe: ‚Liebet eure Feinde‘; daß der Redakteur der Leeds-Times ein wahrer Judas sei, John Wroe ihm aber vergebe, da geschrieben stehe: ‚Segnet, die euch fluchen‘ Eh‘ eine Viertelstunde um war, war ein Dutzend Exemplare verkauft. Dann brach man auf, um die Fußbank an einen andern Platz zu tragen.

Für einen Fremden, der zum ersten Male High-Street hinaufgeht, ist es freilich unterhaltend, einer Reihe solcher und ähnlicher Szenen zu begegnen; aber wenn die Frage nach dem Wert und der sittlichen Berechtigung derselben aufgeworfen wird, so möchte sich doch wenig zugunsten solchen Treibens sagen lassen. In England und Schottland existieren diese Dinge mal und müssen als die unvermeidliche Schattenseite von Rechten und Freiheiten hingenommen werden, deren helles, segensreiches Licht nur noch von Blinden bezweifelt wird. Aber die Schattenseiten hören um deshalb nicht auf zu sein, was sie sind. Nach meinem Gefühl geht ein blasphemischer Zug durch diese ganze Art von schaustellerischem Christentum. Ohne einem Kirchenmonopol das Wort reden und das Recht einer christlichen Ansprache an allerhand Examina binden zu wollen, erscheint es mir doch andrerseits mehr als fraglich, ob es wünschenswert sei, das Wort Gottes verzerrt, verworren, verfälscht, von zum Teil unsaubern Händen an allen Straßenecken verhökert und im Stile John Wroes ausgeboten zu sehen.

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