Du hast’s getan

Ich will jetzt den Ödipus des Rätsels spielen, das ganz Rattelburg so lange Zeit in Aufregung hielt. Ich will, ja, ich allein kann Ihnen die geheime Maschinerie erklären, die das Wunder zustande brachte – das einzig dastehende, das wahrhaftige, das eingestandene, das unbestrittene und unbestreitbare Wunder, das allem Unglauben unter den Rattelburgern ein für allemal ein Ende machte und alle Weltlichgesinnten und alle, die es gewagt hatten, skeptisch zu sein, zu der Strenggläubigkeit unserer Großmutter bekehrte.
Das Ereignis, von dem ich um keinen Preis im Tone unschicklicher Leichtfertigkeit reden möchte, trug sich im Sommer des Jahres 18.. zu. Herr Barnabas Schüttelwert, einer der wohlhabendsten und angesehensten Bürger des Städtchens, wurde seit ein paar Tagen vermißt, und zwar unter Umständen, die das Schlimmste befürchten ließen. Er hatte eines Samstagmorgens in aller Frühe Rattelburg zu Pferde verlassen, um, wie man wußte, die etwa fünfzehn Meilen entfernte Stadt B. zu besuchen und am Abend desselben Tages zurückzukehren. Zwei Stunden nach seinem Aufbruch kam sein Pferd ohne ihn und seinen Sattelranzen zurück. Das Tier war überdies verwundet und mit Kot bedeckt. Dies alles erregte natürlich bei den Freunden des Vermißten große Aufregung, und als er am Sonntagmorgen noch nicht zurückgekehrt war, wollte sich der ganze Flecken aufmachen, um nach seinem Leichnam zu suchen.
Der Eifrigste und der Energischste bei den späteren Nachforschungen war der Busenfreund des Herrn Schüttelwert – ein Herr Karl Biedermann – oder, wie man ihn allgemein nannte, das ›alte Karlchen‹ Biedermann. Mag man es nun für ein wunderbares Zusammentreffen halten, oder mag der Name selbst einen unbemerkbaren Einfluß auf den Charakter seines Trägers ausüben, jedenfalls steht fest, daß es noch nie eine Person mit Vornamen ›Karl‹ gegeben hat, die nicht offenherzig, mannhaft, ehrlich und gutmütig gewesen ist, die nicht eine volle, klare, wohltuende Stimme gehabt hat und ein Auge, das einem stets gerade ins Gesicht schaut, als wollte es sagen: ›Ich habe ein gutes Gewissen; ich fürchte niemanden und bin keiner niederen Handlung fähig.‹ Und deshalb werden wohl auch in Zukunft alle sorglosen, herzlichen Herren, die gemütvoll auf der Weltbühne umherspazieren, Karl genannt werden müssen.
Dem ›alten Karlchen‹ Biedermann war es denn auch gar nicht schwer gefallen, die Bekanntschaft aller ehrenwerten Leute des Fleckens zu machen, obwohl er sich erst seit ungefähr sechs Monaten in Rattelburg aufhielt und ganz fremd dorthin gekommen war. Da war nicht einer, dem ein Wort von ihm nicht wie tausend gewesen wäre; und was gar die Frauen anbetrifft, so läßt sich überhaupt nicht sagen, was sie alles getan hätten, um ihm einen Gefallen zu erweisen. Und dies alles, weil er ›Karl‹ getauft worden war und mithin jenes offene Gesicht besaß, das, wie das Sprichwort sagt, ›der beste Empfehlungsbrief ‹ ist.
Ich habe schon erwähnt, daß Herr Schüttelwert einer der angesehensten und zweifellos der reichste Einwohner von Rattelburg war. Das ›alte Karlchen‹ Biedermann stand auf so vertrautem Fuße mit ihm, daß man sie für Brüder hätte halten können. Die beiden alten Herren waren Nachbarn, und obgleich Herr Schüttelwert das ›alte Karlchen‹ sehr selten oder vielleicht nie besuchte und, wie jedermann wußte, nie bei ihm speiste, hinderte dies die beiden Freunde doch nicht, außerordentlich intim miteinander zu sein, denn das ›alte Karlchen‹ ließ keinen Tag vorübergehen, ohne sich drei- oder viermal nach dem Befinden seines Nachbarn zu erkundigen. Häufig blieb er dann gleich zum Frühstück oder zum Tee da, und sein Mittagsmahl nahm er fast täglich bei Herrn Schüttelwert ein. Wieviel Wein die beiden Tischgenossen dann jedesmal vertilgten, würde nur sehr schwer zu bestimmen sein. Des ›alten Karlchens‹ Lieblingsgetränk war Chateau Margaux, und es schien Herrn Schüttelwerts Herzen wirklich gut zu tun, wenn er sah, wie der alte Knabe behaglich ein Glas nach dem anderen schlürfte, so daß er eines Tages, als der Wein drinnen war und natürlicherweise den Witz nach außen trieb, seinem alten Freund auf den Buckel klopfte und sagte: »Weißt du was, altes Karlchen? Du bist wahrhaftigen Gotts der famoseste alte Kerl, den ich mein Lebtag getroffen habe; und da du so gern ein bißchen schlemmst, soll mich der Geier holen, wenn ich dir nicht eine ganz große Kiste Chateau Margaux verehre. Ich will des Teufels sein« (Herr Schüttelwert hatte leider die betrübliche Angewohnheit, zu fluchen, obwohl er nur selten über »Ich will des Teufels sein!« oder »Verflucht und zugenäht!« oder »Hol mich der Kuckuck!« hinausging) »ich will des Teufels sein«, sagte er also, »wenn ich nicht schon heute nachmittag in der Stadt eine doppelte Kiste vom Besten, der zu haben ist, für dich bestelle! Kein Wort, mein Sohn, ich will es! Das ist abgemacht! Und nun paß auf! Eines schönen Morgens wird die Kiste ankommen, vielleicht gerade dann, wenn du sie am wenigsten erwartest!« Ich erwähne diesen kleinen Zug der Freigebigkeit des Herrn Schüttelwert nur, um Ihnen eine Vorstellung von der Vertraulichkeit zu geben, die zwischen den beiden Freunden herrschte.
Also an dem fraglichen Sonntagmorgen, als es nicht länger mehr zweifelhaft sein konnte, daß Herrn Schüttelwert irgend etwas zugestoßen sei, sah ich niemand so im Innersten beunruhigt und erschrocken, wie das ›alte Karlchen‹ Biedermann. Als er zuerst erfuhr, daß das Pferd ohne seinen Herrn und ohne seines Herrn Satteltasche zurückgekommen war, ganz blutüberströmt von dem Pistolenschuß, der dem Tier durch und durch gegangen war, ohne es zu töten – als er das hörte, wurde er zuerst so bleich, als sei der Vermißte sein eigener, lieber Bruder oder sein Vater gewesen. Es überfiel ihn, und er zitterte am ganzen Leibe, als habe er einen Anfall von kaltem Fieber.
Zuerst überwältigte ihn der Schmerz so sehr, daß er weder etwas tun noch überhaupt den Plan fassen konnte, Licht in die Sache zu bringen; eine lange Zeit bemühte er sich, den übrigen Freunden Herrn Schüttelwerts auszureden, schon jetzt Nachforschungen anzustellen, da es ihm das beste scheine, noch etwas damit zu warten – sagen wir mal, ein oder zwei Wochen oder ein oder zwei Monate -, man könne ja fürs erste abwarten, ob nicht von selbst etwas herauskäme oder ob nicht vielleicht Herr Schüttelwert selbst wiederkäme und die Gründe auseinanderlegte, die ihn bewogen hatten, sein Pferd in diesem Zustande heimzuschicken. Sie haben wohl selbst oft bei Leuten, die ein recht schwerer Kummer niederdrückt, diese Neigung zum Aufschieben und Zeitnehmen bemerkt. Ihre Geisteskräfte scheinen ganz erschlafft zu sein, so daß sie einen Abscheu davor haben, irgendwie handelnd vorzugehen, und am allerliebsten ruhig in ihrem Bette liegen und ›ihren Kummer nähren‹, wie die alten Damen sich ausdrücken, das heißt – über ihre Traurigkeit unaufhörlich nachgrübeln.
Die Leute von Rattelburg aber hatten eine so hohe Meinung von der Weisheit und der Umsicht des ›alten Karlchen‹, daß die meisten geneigt waren, ihm zuzustimmen und keine weiteren Nachforschungen anzustellen, »bis von selbst etwas herauskäme«, wie der alte, ehrliche Herr sich ausgedrückt hatte; und ich glaube, am Ende würde man wohl allgemein bei diesem Entschlusse geblieben sein, wenn nicht Herrn Schüttelwerts Neffe, ein junger Mann von ziemlich leichtfertigen Gewohnheiten und auch sonst schlechtem Charakter, in verdächtiger Weise dagegengeredet hätte. Dieser Neffe, ein Herr Pfennigfeder, wollte nichts von Aufschieben hören und bestand hartnäckig darauf, sofort Nachforschungen nach dem »Leichnam des ermordeten Mannes« anstellen zu lassen. Diesen Ausdruck wandte er an; und Herr Biedermann bemerkte sofort, daß das, gelinde gesagt, ein sehr sonderbarer Ausdruck gewesen sei, und diese Bemerkung des ›alten Karlchen‹ übte ebenfalls eine große Wirkung auf die Menge aus, und man hörte jemanden recht nachdrücklich fragen: wie es komme, daß dem jungen Herrn Pfennigfeder die Umstände, die mit dem Verschwinden seines reichen Onkels zusammenhingen, so genau bekannt seien, daß er sich berechtigt fühle, deutlich und unzweideutig zu behaupten, sein Onkel sei ein »ermordeter Mann«. Hierauf fielen in der Menge und besonders zwischen dem ›alten Karlchen, und Herrn Pfennigfeder ein paar spitze Bemerkungen. Dies letztere war absolut nichts Neues, denn seit drei oder vier Monaten lebten die beiden auf gespanntestem Fuße miteinander. Es war sogar so weit gekommen, daß Herr Pfennigfeder den Freund seines Onkels in dessen Hause, in dem auch er selbst wohnte, zu Boden geschlagen hatte, weil er sich dort zu große Frechheiten gestattet haben sollte. Wie es hieß, hatte sich das ›alte Karlchen‹ bei dieser Gelegenheit durch außerordentliche Mäßigung und christliche Liebe ausgezeichnet. Er erhob sich nach dem Schlag, ordnete seine Kleider wieder, machte jedoch nicht den geringsten Versuch, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Er murmelte nur etwas von »summarischer Rache bei der nächsten passenden Gelegenheit« – aber das war wohl nur eine sehr natürliche und leicht entschuldbare Äußerung seines gerechten Zornes, die nichts auf sich hatte und sofort wieder vergessen worden war.
Wie dem nun aber auch sei, für unsere Geschichte hat es nichts zu sagen – jedenfalls kamen die Leute von Rattelburg, hauptsächlich durch die überzeugende Beredsamkeit des Herrn Pfennigfeder, endlich zu dem Entschluß, die Umgegend zu durchstreifen, um eine Nachsuche nach dem vermißten Herrn Schüttelwert abzuhalten. Ich sage also, sie kamen im allgemeinen zu diesem Entschluß. Und nachdem sie ihn einmal gefaßt hatten, nahm man es als ganz selbstverständlich an, daß die Sucher sich in Trupps verteilen sollten, um die Gegend recht gründlich durchsuchen zu können. Ich erinnere mich jedoch nicht mehr, durch welche scharfsinnige Logik das ›alte Karlchen‹ die Versammlung überzeugte, dies sei das Unklugste, was man tun könne. Jedenfalls überzeugte er alle – Herrn Pfennigfeder ausgenommen -, daß es das beste sei, wenn die Bürger en masse eine sorgfältige und gründliche Nachsuchung anstellten; er selbst, das ›alte Karlchen‹, wolle den Zug anführen.
Man konnte sich in der Tat, wie schon eingangs erwähnt, keinen besseren Pionier bei diesen Nachforschungen denken als Herrn Biedermann. Jeder wußte, daß er ein Luchsauge hatte; aber, obgleich er die guten Rattelburger in zahlreiche abgelegene Löcher und Winkel und auf Wege führte, von denen kein Mensch bisher eine Ahnung gehabt hatte, und die Nachforschungen eine ganze Woche lang Tag und Nacht fortsetzte, ließ sich nicht die geringste Spur von Herrn Schüttelwert entdecken. Doch möchte ich das Wort ›Spur‹ nicht wörtlich verstanden haben, denn eine Spur von einiger Bedeutung wurde immerhin gefunden. Die eigentümlichen Hufspuren des Pferdes, auf dem der arme Herr fortgeritten war, waren auf der Straße, die zur Stadt führte, drei Meilen weit nach Osten zu verfolgen. Dann führten sie auf einen kleinen Abweg, der durch ein Wäldchen ging und sich später wieder mit dem Hauptweg vereinigte und ungefähr eine halbe Meile abschnitt. Man ging den Hufspuren nach und kam endlich an einen Sumpf mit stagnierendem Wasser, der, von Brombeergebüschen halb verdeckt, rechts vom Wege lag. Jenseits des Sumpfes verlor sich jede Spur. Es schien, als habe hier ein Kampf stattgefunden, und aus verschiedenen Zeichen ließ sich ersehen, daß ein großer, schwerer Körper, viel größer und schwerer als der eines Mannes, von dem Pfad aus in den Sumpf geschleift worden war. Dieser letztere wurde zweimal sorgfältig durchsucht, ohne daß man etwas gefunden hätte, und man war schon nahe daran, die Nachforschungen als hoffnungslos aufzugeben, als die Vorsehung Herrn Biedermann auf den Gedanken brachte, das Wasser des Sumpfes vollständig abzulassen.
Dieser Vorschlag wurde mit Freuden begrüßt und das ›alte Karlchen‹ mit zahllosen Komplimenten über seinen Scharfsinn und seine Umsicht überhäuft. Da viele von den Bürgern in der Befürchtung, vielleicht einen Leichnam ausgraben zu müssen, Spaten mitgebracht hatten, wurde der Sumpf mit leichter Mühe und bald trocken gelegt. Kaum war der Boden sichtbar, da entdeckte man mitten im Schlamm, der zurückblieb, eine schwarze Weste aus Seidensammet, die jeder Anwesende sofort als das Eigentum des Herrn Pfennigfeder erkannte. Die Weste war vielfach zerrissen und mit Blut bedeckt, und mehrere der Anwesenden erinnerten sich genau, daß ihr Eigentümer sie am Morgen der Abreise des Herrn Schüttelwert getragen hatte, während andere sich bereit erklärten, nötigenfalls eidlich zu bezeugen, daß Herr Pfennigfeder das fragliche Kleidungsstück während des Restes jenes denkwürdigen Tages nicht mehr getragen habe; und endlich konnte niemand behaupten, daß er die Weste an irgendeinem Tage nach dem Verschwinden des Herrn Schüttelwert am Leibe des Herrn Pfennigfeder gesehen habe.
Nun begannen die Sachen für Herrn Pfennigfeder bös auszusehen, und der Verdacht, den man nun einmal gegen ihn hatte, wurde fast zur Gewißheit, als man bemerkte, daß er tödlich erbleichte und auf die Frage, was er denn zu seiner Entschuldigung vorzubringen habe, nicht ein Wort antworten konnte. Nun fielen auch die wenigen Freunde, die er sich bei seinem ausschweifenden Lebenswandel noch erhalten hatte, wie ein Mann von ihm ab und verlangten sogar noch eindringlicher als seine alten, erklärten Feinde seine sofortige Festnahme.
Dagegen zeigte sich der Edelmut Herrn Biedermanns in desto strahlenderem Lichte. Er verteidigte Herrn Pfennigfeder mit warmer, inniger Beredsamkeit und spielte mehr als einmal darauf an, wie er dem wilden jungen Manne, ›dem Erben des würdigen Herrn Schüttelwert‹, die Beleidigung, die dieser ihm, Herrn Biedermann, ohne Zweifel in der Hitze der Leidenschaft zuzufügen für gut befunden, längst vergessen und vergeben habe. Er verzeihe ihm, sagte er, aus tiefstem Herzen, und was ihn, Herrn Biedermann selbst, anbeträfe, so sei er nicht nur weit davon entfernt, diese leider höchst verdächtigenden Umstände zum Nachteil des Herrn Pfennigfeder auszubeuten, er wolle im Gegenteil sein möglichstes tun und seine ganze bescheidene Beredsamkeit aufwenden, um – um – um, soweit er es nur mit seinem Gewissen vereinbaren könne, diese wirklich so außerordentlich bedenkliche Sache in ihren schlimmsten Zügen zu mildern.
In dieser Weise, die sowohl seinem Herzen wie auch seinem Verstande alle Ehre machte, redete Herr Biedermann wohl eine halbe Stunde oder noch länger; doch warmherzige Personen sind in ihren Bemerkungen selten mäßig genug. In dem übereifrigen, hitzigen Bemühen, einem Freund beizustehen, lassen sie sich zu allen möglichen Schnitzern und unangebrachten A-tempo-Hieben oder zu Ungeschicklichkeiten verleiten, die, obwohl sie in der besten Absicht von der Welt geschehen, das Vorurteil gegen den Verteidigten eher bestärken als zerstreuen.
Diese Wirkung hatte auch die ganze Beredsamkeit des ›alten Karlchen‹, denn obgleich er sich in allem Ernst für den Verdächtigten ins Zeug gelegt hatte, geschah es dennoch, daß jede Silbe, die er äußerte, den Argwohn, der sich gegen Herrn Pfennigfeder nun einmal erhoben hatte, nur noch bestärkte und die Wut der Menge gegen ihn aufstachelte.
Der Redner hatte den merklichen Fehler gemacht, den Verdächtigten den »Erben des würdigen Herrn Schüttelwert« zu nennen. Daran hatten die Rattelburger bis jetzt noch gar nicht gedacht. Man erinnerte sich nur gewisser Drohungen, die der Onkel, der außer seinem Neffen keine anderen lebenden Verwandten mehr besaß, vor ein oder zwei Jahren verkündet hatte: er wolle Herrn Pfennigfeder enterben, und hatte seit der Zeit die Enterbung als eine abgemachte Sache angesehen, doch die Bemerkung des ›alten Karlchen‹ richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf diesen Punkt und stellte ihnen die Möglichkeit vor Augen, daß diese Drohungen eben nichts als Drohungen gewesen sein könnten. Und daraufhin stellte man sich sofort die natürliche Frage: Cui bono? – eine Frage, die den jungen Mann fast noch schwerer belastete als die gefundene Weste.
Und hier muß man mir, wenn man mich nicht mißverstehen will, gestatten, eine kleine Abschweifung zu machen und zu bemerken, daß die kurze lateinische Phrase, die ich soeben anwandte, immer falsch übersetzt und mißverstanden worden ist. In allen bekannten Romanen sind die beiden lateinischen Worte ›cui bono?‹ mit ›zu welchem Zwecke‹ oder ›zu welchem Ende‹ übersetzt worden. Ihre wirkliche Bedeutung ist jedoch ›zu wessen Nutzen‹. Cui, wem; bono, zum Nutzen. Es ist eine rein juristische Phrase und genau anwendbar bei Fällen wie dem vorliegenden, bei denen es sich darum handelt, die Wahrscheinlichkeit der Täterschaft aus der Wahrscheinlichkeit des dem mutmaßlichen Täter aus der Tat erwachsenden Vorteils herzuleiten. In unserem Fall deutete die Frage ›Cui bono‹? ganz entschieden auf Herrn Pfennigfeder. Sein Onkel hatte ihm, nachdem er zuerst ein Testament zu seinen Gunsten gemacht hatte, mit Enterbung gedroht. Doch die Drohung war nicht ausgeführt worden und das ursprüngliche Testament anscheinend unverändert geblieben. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte man dem Verdächtigten kein anderes Motiv als Rache unterschieben können, doch sprach die Möglichkeit, bei dem Onkel noch einmal wieder zu Gnaden zu kommen, entschieden gegen eine solche Annahme. Da jedoch das Testament nicht umgestoßen war, die Drohung einer Enterbung aber noch immer über dem Haupt des Neffen schwebte, so wird uns plötzlich das stärkste Motiv zu einer solchen Greueltat klar: wenigstens schlossen die würdigen, scharfsinnigen Einwohner von Rattelburg in dieser Weise.
Herr Pfennigfeder wurde also auf der Stelle festgenommen und von der Menge, die sonst so gut wie keine Nachforschungen mehr anstellte, in die Stadt zurückgeführt. Unterwegs geschah noch etwas, das den Argwohn gegen ihn steigern mußte. Man bemerkte, daß Herr Biedermann der in seinem Eifer immer ein Stückchen Weges vor der Menge herlief, plötzlich einen kleinen Gegenstand aus dem Gras aufhob und, nachdem er ihn schnell untersucht hatte, einen halben Versuch machte, ihn in seiner Tasche verschwinden zu lassen. Doch, wie gesagt, die Handlung wurde bemerkt und infolgedessen verhindert, und der aufgehobene Gegenstand stellte sich als ein spanisches Messer heraus, das ein Dutzend Personen sofort als Eigentum des Herrn Pfennigfeder erkannten. Überdies waren die Anfangsbuchstaben seines Namens in den Griff graviert. Das Messer war geöffnet, und seine Klinge wies Blutspuren auf.
Nun stand die Schuld des Neffen wohl außer allem Zweifel, und sofort nach der Ankunft in Rattelburg wurde er vor den Untersuchungsrichter geführt.
Hier nahmen die Dinge ebenfalls eine für ihn überaus ungünstige Wendung. Als man den Angeklagten fragte, wo er sich an dem Morgen, an dem Herr Schüttelwert verschwunden sei, aufgehalten habe, hatte er wahrhaftig die Frechheit, zu gestehen, daß er an demselben Morgen mit seiner Büchse draußen gejagt habe und zwar in unmittelbarer Nähe des Sumpfes, in dem man seine blutbesudelte Weste dank dem Scharfsinn des Herrn Biedermann aufgefunden hatte.
Nun trat das ›alte Karlchen‹ vor und bat mit Tränen in den Augen darum, vernommen zu werden. Er sagte, daß sein strenges Pflichtgefühl Gott und den Menschen gegenüber ihm nicht gestatte, noch länger zu schweigen.
Bisher habe ihm die aufrichtigste Zuneigung zu dem jungen Manne, ungeachtet der üblen Behandlung, die er ihm, Herrn Biedermann, hätte angedeihen lassen, bewogen, alle nur erdenklichen Einwendungen zu machen, um den Verdacht, der ja leider schwer auf Herrn Pfennigfeder laste, zu entkräften; doch sprächen jetzt die Umstände zu überzeugend, zu verdammend gegen ihn – Herrn Pfennigfeder nämlich; nun dürfe er nicht länger zurückhalten und müsse alles sagen, sollte auch sein – Herrn Biedermanns – Herz darunter brechen.
Und nun setzte er deutlich auseinander, wie an dem Nachmittag des Tages vor dem Verschwinden des Herrn Schüttelwert dieser würdige alte Herr seinem Neffen in seiner – Herrn Biedermanns – Gegenwart gesagt habe, der Zweck der Reise, die er morgen unternehmen werde, sei der, bei der Farmerbank eine ungewöhnlich hohe Geldsumme zu deponieren, und daß bei dieser Gelegenheit der besagte Herr Schüttelwert dem besagten Neffen deutlich seinen unabänderlichen Entschluß kundgetan habe, das ursprüngliche Testament für nichtig erklären zu lassen und ihn ›mit einem Ei und einem Butterbrot‹ abzuspeisen.
Er, der Zeuge, fordere nun den Angeklagten in feierlicher Weise auf, auszusagen, ob er, der Zeuge, in allen wesentlichen Punkten die Wahrheit gesagt habe oder nicht.
Zum großen Erstaunen aller Anwesenden gab Herr Pfennigfeder die Wahrheit dieser Aussagen ohne die geringste Einschränkung zu.
Der Untersuchungsrichter hielt es nun für seine Pflicht, etliche Polizisten in das Haus des Herrn Schüttelwert zu schicken, damit sie das Zimmer des Angeklagten einer genauen Durchsuchung unterzögen. Von dieser Haussuchung kamen sie fast umgehend wieder mit der wohlbekannten stahlbeschlagenen Brieftasche aus rotbraunem Leder zurück, die, wie jeder wußte, Herr Schüttelwert seit Jahren bei sich getragen hatte. Ihr wertvoller Inhalt jedoch war verschwunden, und vergebens bemühte sich der Untersuchungsrichter, aus dem Angeklagten herauszubringen, welchen Gebrauch er von dem Geld gemacht oder wo er es verborgen habe. Er leugnete hartnäckig, von der Sache auch nur das geringste zu wissen. Die Polizeidiener hatten außerdem noch in dem Bett des Unglückseligen auf dem Strohsack eins seiner Hemden und ein Halstuch gefunden, beides mit den Anfangsbuchstaben seines Namens gezeichnet und mit dem Blut des Opfers auf das gräßlichste besudelt.
Kaum war dies alles festgestellt, so wurde auch gemeldet, daß das Pferd des Ermordeten soeben infolge der erhaltenen Verletzung verendet sei. Herr Biedermann schlug sofort die Sezierung des Tieres vor, damit man, wenn möglich, die Kugel fände. Man folgte seinem Rat und fand, als hätte sich alles vereinigt, um die Schuld des Angeklagten restlos zu beweisen, nach langem Suchen in dem Brustkasten des Pferdes eine ungewöhnlich große Kugel, die bei näherer Untersuchung genau in den Lauf der Büchse des Herrn Pfennigfeder paßte, während sie für die Büchsen aller übrigen Einwohner von Rattelburg und Umgegend zu groß war. Um die Sache noch klarer zu machen, stellte sich überdies heraus, daß die Kugel außer der gewöhnlichen noch eine kleine Naht hatte, die mit der anderen einen rechten Winkel bildete, und diese zweite Naht entsprach genau einer zufälligen Erhöhung in dem Kugelgießer, den der Angeklagte selbst als sein Eigentum anerkannte.
Nach Auffindung dieser Kugel hielt der Richter alle weiteren Schuldbeweise für überflüssig und erklärte, daß der Angeklagte vor die nächsten Assisen gestellt werden würde. Jede Bürgschaft – Herr Biedermann mit seinem warmen Herzen hatte sich erboten, dieselbe in beliebiger Höhe zu leisten – müsse er unbedingt zurückweisen. Dieser Edelmut des ›alten Karlchen‹ stimmte auf das schönste zu dem ehrenhaften, liebenswürdigen Betragen, dessen er sich während der ganzen Zeit seines Aufenthalts in Rattelburg befleißigt hatte. Im vorliegenden Fall ließ sich der würdige Herr so von seiner warmen Herzensgüte fortreißen, daß er, als er sich anbot, Bürgschaft für seinen jungen Freund zu leisten, ganz vergessen zu haben schien, daß er auf Gottes weiter Erde eigentlich kein festes Besitztum im Werte auch nur eines Dollars hatte.
Es war nicht schwer, vorauszusehen, wie der Urteilsspruch lauten werde. Unter den lauten Verwünschungen der Rattelburger wurde Herr Pfennigfeder vor die Geschworenen gestellt, und die Kette der überzeugenden Schuldbeweise, die Herrn Biedermanns zartes Gewissen noch durch einige weitere belastende Aussagen verstärkte, wurde für völlig ausreichend befunden, die Schuldfrage zu bejahen; der Angeklagte wurde, ohne daß die Geschworenen auch nur ihre Sitze verließen, ›des vorsätzlichen Mordes‹ schuldig befunden. Darauf wurde dann über den Unglücklichen das Todesurteil ausgesprochen. Man brachte ihn in das Gefängnis zurück, bis die unerbittliche Rache des Gesetzes ihren Lauf nehmen sollte.
Das ›alte Karlchen‹ hatte sich jedoch durch sein wahrhaft edelmütiges Betragen den Herzen der ehrlichen Bürger von Rattelburg nur noch teurer gemacht. Noch mehr als sonst wurde er ihr erklärter Liebling, und um die reichliche Gastfreundschaft, die man ihm erwies, wenigstens in etwas zu erwidern, war er, wie er einmal durchblicken ließ, gezwungen, die sehr sparsamen Gewohnheiten, die ihm seine Armut bis jetzt auferlegt habe, daranzugeben. Er gab kleine Gesellschaften, bei denen es lustig herging – nur wurde die Heiterkeit natürlicherweise hin und wieder ein wenig gedämpft, wenn man sich gelegentlich des widrigen, trüben Loses erinnerte, dem der Neffe des vielbetrauerten Busenfreundes des großherzigen Gastgebers entgegenging.
Eines schönen Tages wurde der alte edelmütige Herr durch den Empfang des folgenden Briefes auf das angenehmste überrascht:

Herrn Karl Biedermann, Wohlgeboren,
Rattelburg,
von H., F., B. & Cie.

Chat. Mar. A – Nr. 1. – 6 Dtz. Flaschen (1/2 Groß)
Herrn Karl Biedermann,
Wohlgeboren.
Sehr geehrter Herr!
Infolge einer Bestellung, die unserer Firma vor etwa zwei Monaten durch unseren Geschäftsfreund Herrn Barnabas Schüttelwert gemacht wurde, haben wir die Ehre, heute morgen eine doppelte Kiste Chateau Margaux an Ihre Adresse abgehen zu lassen. Qualität Antilope. Violettes Siegel. Kiste numeriert und wie obenstehend markiert.
Wir verbleiben, sehr geehrter Herr,
Ihre ergebensten Diener

Stadt B., 21. Juni 18.. Hoggs, Frogs, Bogs & Cie.
P. S. Die Kiste wird Ihnen einen Tag nach Empfang dieses Briefes per Fracht zugehen. Unsere Empfehlungen an Herrn Schüttelwert.
H., F., B. & Cie.

Seit dem Tode des Herrn Schüttelwert hatte Herr Biedermann jede Hoffnung aufgegeben, den versprochenen Chateau Margaux jemals zu bekommen, und sah die Sache jetzt fast als eine Fügung der gütigen Vorsehung an. Er war im höchsten Grade entzückt und lud im Übermaß seiner Freude für den nächsten Abend eine große Gesellschaft ein, die ihm helfen sollte, das Geschenk des guten alten Herrn Schüttelwert seiner Bestimmung zu übergeben. Doch erwähnte er den ›guten alten Herrn Schüttelwert‹ bei seinen Einladungen mit keinem Worte. Er dachte viel darüber nach und kam zu dem Schluß, daß es wirklich besser sei, nichts zu sagen. Also, wie gesagt, er erzählte nichts von einem Geschenk, sondern bat seine Freunde nur, ihm zu helfen, ein paar Flaschen ganz besonders guten Weines, den er schon vor ein paar Wochen in der Stadt bestellt habe und der morgen eintreffen müsse, austrinken zu helfen. Ich habe mich selbst oft gefragt, warum das ›alte Karlchen‹ beschlossen hatte, nicht zu sagen, daß es den Wein von seinem alten Freunde zum Geschenk erhalten habe. Ich konnte wirklich nicht klug daraus werden, obgleich mir einleuchtete, daß er jedenfalls einen wichtigen Grund zum Schweigen hatte.
Der Abend kam und mit ihm eine hoch ehrenwerte Gesellschaft; das halbe Städtchen war im Hause des Herrn Biedermann erschienen – auch ich befand mich unter den Eingeladenen. Doch zum größten Verdrusse des Wirtes kam die Kiste Chateau Margaux erst an, als man dem leckeren Abendmahl schon alle Ehre angetan hatte. Es war eine ungeheuer große Kiste, und da man bereits in ausgezeichneter Stimmung war, wurde unter allgemeinem Beifall beschlossen, sie auf die Tafel hinaufzuheben und dort ihres Inhaltes zu entledigen.
Gesagt, getan. Ich half mit, und im Nu stand die Kiste auf dem Tisch, mitten zwischen Flaschen und Gläsern, denen dabei bös mitgespielt wurde. Das ›alte Karlchen‹, das schon ziemlich angeheitert und puterrot im Gesicht war, setzte sich mit einer Miene komischer Würde an die Spitze der Tafel, schlug wie ein Besessener mit einer festen Karaffe auf den Tisch und befahl jedermann, sich ruhig zu verhalten, »bis der Schatz gehoben« sei.
Das Lachen und Schreien dauerte noch ein wenig an, endlich wurde es ruhig, ja, wie es bei dergleichen Gelegenheiten oft geschieht, es trat Totenstille ein. Man forderte mich auf, den Deckel zu öffnen, und ich kam diesem Wunsche »mit unendlichem Vergnügen« nach. Ich steckte einen Meißel zwischen Deckel und Kiste und schlug einige Male leicht mit dem Hammer darauf.
Der Deckel flog plötzlich mit Heftigkeit in die Höhe – und im selben Augenblick richtete sich, dem Wirt gerade gegenüber, der blutige, schon halb verweste Leichnam des ermordeten Herrn Schüttelwert in sitzender Stellung aus der Kiste auf. Er blickte Herrn Biedermann ein paar Augenblicke lang mit seinen verglasten Augen starr und kummervoll an. Dann sprach er langsam, aber deutlich und nachdrücklich die drei Worte: »Du hast’s getan!« und fiel, als sei er nun zufriedengestellt, aus der Kiste heraus und streckte seine Glieder auf dem Tisch aus.
Die Szene, die folgte, spottet jeder Beschreibung. In grauenhaftem Entsetzen stürzte alles auf die Türen und Fenster zu, und selbst einige der stärksten Männer wurden vor bloßem Schreck ohnmächtig. Doch nach dem ersten wilden Ausbruch des Grauens richteten sich aller Augen auf Herrn Biedermann. Wenn ich tausend Jahre alt würde, könnte ich nie die Todesangst vergessen, die sich auf seinem eben noch so triumphierenden, strahlenden, nun geisterhaft verzerrten Gesicht widerspiegelte.
Mehrere Minuten lang saß er wie versteinert, seine vollständig ausdruckslos gewordenen Augen schienen nach innen gewandt und in der Anschauung seiner elenden, heuchlerischen Seele ganz versunken zu sein. Endlich wurden sie sich der äußeren Welt wieder bewußt, es blitzte in ihnen auf, und im selben Augenblick sprang er von seinem Stuhl und fiel mit Kopf und Schultern schwer auf den Tisch, so daß er den Leichnam berührte, und legte ein ausführliches Geständnis des grausigen Verbrechens ab, um dessentwillen man Herrn Pfennigfeder eingekerkert und zum Tode verurteilt hatte.
Er erzählte im wesentlichen folgendes:
Er folgte seinem Opfer bis in die Nähe des Sumpfes, dort schoß er mit einer Pistole auf das Pferd und erschlug den Reiter mit dem Griff der Pistole, eignete sich die Brieftasche an und schleppte das Pferd, das er für tot hielt, mit vieler Mühe in die Brombeerbüsche, die den Sumpf umstanden. Den Leichnam des Herrn Schüttelwert befestigte er auf seinem eigenen Pferd, um ihn, weit von dem Tatort, im Wald zu verbergen.
Die Weste, das Messer, die Brieftasche, ja sogar die Kugel hatte er selbst an die Stellen gebracht, an denen man sie gefunden hatte, in der Absicht, sich an Herrn Pfennigfeder zu rächen. Auch hatte er die Entdeckung des blutgeröteten Halstuches und Hemdes herbeigeführt.
Gegen Ende dieser haarsträubend gräßlichen Aussagen wurde die Stimme des schuldigen Elenden unsicher und hohl. Als er endlich fertig war, erhob er sich, schwankte ein paar Schritte vom Tisch zurück und fiel tot zu Boden.
Die Mittel, die dieses rechtzeitige Geständnis herbeiführten, waren trotz ihrer großen Wirksamkeit äußerst einfache. Herrn Biedermanns übermäßige Biederkeit hatte mich angeekelt und gleich anfangs Verdacht bei mir erregt. Ich war dabei gewesen, als Herr Pfennigfeder ihn geschlagen hatte, und der teuflische Ausdruck, der damals, wenn auch nur für einen Augenblick, sein Gesicht verzerrte, hatte mich überzeugt, daß er die Drohung, sich zu rächen, reichlich ausführen werde. So war es mir also möglich, die Manöver des ›alten Karlchen‹ in einem ganz anderen Licht zu erblicken, als es die guten Rattelburger taten. Ich sah sofort, daß alle belastenden Entdeckungen direkt oder indirekt von Herrn Biedermann ausgingen. Was mir jedoch die Augen über den wahren Sachverhalt öffnete, war der Umstand, daß Herr Biedermann in dem Kadaver des Tieres eine Kugel fand. Ich hatte nicht, wie die Rattelburger, vergessen, daß der Körper des Pferdes ein Loch aufwies, durch das die Kugel eingedrungen, und ein anderes, durch das sie wieder hinausgegangen war. Wenn man dennoch eine Kugel fand, war es klar, daß die Person, die sie gefunden hatte, diese vorher dort versteckt haben mußte. Das blutige Tuch und das Hemd bestärkten ebenfalls meine Annahme, denn bei genauer Prüfung stellte sich heraus, daß das vermeintliche Blut guter Bordeaux war. Als ich dies alles recht bedachte und auch die Ausgaben und ungewohnte Freigebigkeit des Herrn Biedermann bemerkte, wuchs mein Argwohn stündlich, doch sprach ich zu niemanden darüber.
Mittlerweile stellte ich eifrige Nachforschungen nach dem Leichnam des Herrn Schüttelwert an und suchte aus naheliegenden Gründen an Orten, die möglichst weit von denen, die Herr Biedermann mit seiner Schar durchstöbert hatte, entfernt waren. Nach einigen Tagen kam ich an einen alten, versiechten Brunnen, dessen Öffnung durch Brombeergestrüpp verborgen war, und auf seinem Boden fand ich, was ich suchte. Ich hatte jedoch auch zufällig die Unterhaltung der beiden Freunde mit angehört, in der das ›alte Karlchen‹ Herrn Schüttelwert durch allerlei Schmeichelei zu überreden gewußt hatte, ihm eine Kiste Chateau Margaux zu versprechen. Diesen Umstand benutzte ich. Ich verschaffte mir ein steifes Stück Fischbein, stieß es in den Hals des Leichnams hinab und legte ihn in eine alte Weinkiste, derart, daß sich der Körper mit dem Fischbein beugen mußte. Dann drückte ich den Deckel kräftig nieder und nagelte ihn an. Ich konnte also erwarten, daß er, sobald man die Nägel entfernte, aufspringen und der Leichnam in die Höhe schnellen würde.
Danach markierte und numerierte ich die Kiste, schrieb die Adresse und den Brief unter dem Namen des Weinhändlers, mit dem Herr Schüttelwert in Verbindung gestanden hatte; meinem Diener gab ich den Befehl, die Kiste zu einer genau angegebenen Zeit in das Haus des Herrn Biedermann zu schaffen; und die Worte, die der Leichnam sprechen sollte, beschloß ich selbst so wirkungsvoll wie möglich hervorzubringen: infolge meines Talentes als Bauchredner durfte ich mir’s schon zutrauen. Im übrigen aber überließ ich alles dem bösen Gewissen des Mörders.
Weiter habe ich nichts zu erzählen. Höchstens, daß Herr Pfennigfeder auf der Stelle freigelassen wurde: er erbte das Vermögen seines Onkels und zog aus seiner schlimmen Erfahrung manche gute Lehre, begann einen neuen Lebenswandel, wurde ein anderer und lebte noch lange glücklich und zufrieden.

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]