8. Du bist nicht mein Freund

«Wohin kann ich dich bringen?» fragte ich, als wir wieder am Boden waren und das Gepäckband hinter uns hatten.

«Ich werde die S-Bahn nehmen,» sagte sie. « Ich will noch in die Redaktion. Das geht schneller.»

Wir sahen uns lange an, und in ihren Augen las ich die Frage: Gibt es einen Platz für mich in deinem Leben? Eine seltsame Mischung aus Abschiedsschmerz und Neuanfang stand zwischen uns. Sie berührte leicht meinen Arm und sagte: «Es war schön mit dir, Bodo. Sehr schön.» Dann wandte sie sich ab und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, ihr Köfferchen tragend zu den Rolltreppen ins Tiefgeschoss. Ich blickte ihr nach, bis sie im Boden versunken war. Was ist Zukunft?

Wie üblich irrte ich wieder eine Weile im Parkhaus umher, bis ich meinen Wagen gefunden hatte. Dann donnerte ich zu Raff. Wir würden beide sehr sauer sein. Auf diesen Krach freute ich mich schon.

«Na, das wird aber auch höchste Zeit,» meckerte er und blickte vorwurfsvoll auf die Uhr, als ich ins Büro marschiert kam.

«Seien Sie froh, dass sie mich überhaupt noch zu Gesicht bekommen,» schnauzte ich zurück.

«Was soll das nun wieder heißen?»

«Fragen Sie das lieber mal Ihren Auftraggeber.»

«Wie?!»

«Er hat Sie beschissen, und mich hätte das um ein Haar ins Gefängnis oder unter die Erde gebracht.»

«Wollen Sie damit zart andeuten, dass Sie diesen, äh, Söderbaum nicht zu fassen gekriegt haben?»

«Ganz im Gegenteil, ich habe ihm sogar noch zur Flucht geholfen.»

«Sie haben WAS?!» dabei kam er fast über den Schreibtisch gekrochen. So gefällt er mir am besten.

«Es war nie geplant, dass er wieder nach Deutschland kommen sollte. Die Jungs vom spanischen oder irgendeinem anderen Geheimdienst wollten ihn umlegen und mir die Sache in die Schuhe schieben. Und dann hätten sie mich je nach Stimmungslage entweder im Gefängnis verschwinden lassen oder gleich mit umgebracht. Die Sache war hübsch eingefädelt, dumm nur dass ich nicht der übliche tumbe Knochenbrecher aus der Schuldeneintreiberbranche bin, sondern noch über ein paar intakte Gehirnzellen verfüge. Mit dem Geerds von Hartmann-Finanz hätten sie das zum Beispiel machen können. Aber nicht mit mir, nicht mit Bodo Lünch — Pech gehabt!»

Entkräftet ließ Raff sich in seinen Stuhl zurückfallen und wollte es immer noch nicht glauben und sagte: «Ich glaube, Sie sind übergeschnappt, Lünch.»

Ich lächelte ihn böse an und zählte auf: «Der Kontaktmann, den mir Ihr Spezi aufgeschrieben hat, hat sich noch nicht mal die Mühe gemacht zu verbergen, dass er zum Geheimdienst gehört. Er hatte das gleiche Foto von Söderbaum wie ich. Und vorhin hat er sich am Flughafen noch ganz artig und offiziell von mir verabschiedet. Für mich heißt das, Ihr Kumpel hat versucht, Sie in irgendeine dreckige Geheimdienstgeschichte reinzuziehn. Söderbaum sollte kalt gemacht werden, und ich wäre so oder so von der Bildfläche verschwunden, es hätte ausgesehen wie ein Betriebsunfall. In Wirklichkeit ist es nie um irgendwelche Schmiergeldmillionen gegangen, sondern um ganz was anderes. — Wie gefällt Ihnen das?»

Natürlich gefiel es ihm überhaupt nicht. Nicht dass es ihn persönlich getroffen hätte, wenn ich auf der Strecke geblieben wäre. So zart besaitet ist er nun auch wieder nicht. Aber das hätte bedeutet, dass er sich nach einem neuen Inkassomann hätte umtun müssen, und gute Leute auf diesem Sektor stehen nicht an jeder Ecke rum. Das heißt, er hätte bei einer anderen Firma einen guten Mann loseisen müssen. Das hätte eine Menge Geld gekostet und Zeit, in der ihm Zinsen durch die Lappen gegangen wären und sich wohl auch der eine oder andere Schuldner auf Nimmerwiedersehen verkrümelt hätte. Mit anderen Worten: eine wirtschaftliche Katastrophe. Außerdem ist Raff nun wirklich nicht der Mann, der es ausstehen kann benutzt und reingelegt zu werden. Langsam dämmerte ihm das ganze Ausmaß des Desasters. Mühsam beherrscht erkundigte er sich: «Und was ist mit diesem Söderbaum?»

«Der gehört jetzt zum Gefolge eines postkommunistischen Ölbarons aus Baku. Wieso und warum — keine Ahnung. Möglicherweise geht’s noch nicht mal um Öl bei dieser Sache.»

Seine Brauen gingen hoch. «Sondern?»

«Weiß ich doch nicht. Ist mir auch piepegal. Darüber soll sich jemand anderes den Kopf zerbrechen — wenn’s überhaupt noch jemanden interessiert.»

Ich holte die Papierserviette mit der Spesenabrechnung hervor und schob sie ihm hin. «Das habe ich von Ihrem Kumpel zu kriegen plus Fünfzigtausend. Ich denke, dass ist ein fairer Preis gemessen an dem, was mich die Sache hätte kosten können. Und wenn er nicht subito und bis auf den letzten Cent zahlt, können Sie ihm schon mal meinen Besuch ankündigen.» Ein historischer Moment, es war das erste Mal, dass der Alte widerspruchslos eine Spesenabrechnung von mir entgegennahm. Ich sagte noch: «So, und jetzt muss ich mich wieder an die Arbeit machen, von der mich dieser Scheißtrip abgehalten hat.» Damit war ich draußen.

Irgendwie hatte die Sache doch auch ihr Gutes, noch nie hatte ich den Alten so geknickt gesehen. Allein diesen Anblick war’s schon wert.

Es war Zeit für Hinner Piependonk. Also quälte ich mich durch den Feierabendverkehr zu seinem Hauptquartier. Ich schenkte mir die fünf Treppen zu seinem Denkerstübchen und nahm gleich Kurs auf die Kneipe vorne an der Straßenecke, in der er immer die blaue Stunde zu begehen pflegt. Er hockte auf seinem Stammplatz in der Ecke und philosophierte in seinen Kaffee spezial, das ist Kaffee mit Cognac nach Art des Hauses oder besser Cognac mit Kaffee.

«Na, Bodo, schönes Wochenende gehabt?» begrüßte er mich mit dem gewohnten trüben Lächeln.

«Ganz nett. Und bei dir?»

Er legte die Hände flach neben die große Tasse auf den Tisch. «Arbeit, Arbeit, Arbeit — nichts als Arbeit.»

«Ist doch schön, wenn der Laden brummt,» grinste ich.

«Hast du eine Ahnung. Und dann dieser Kostendruck…»

«Lass gut sein, der Kaffee geht auf mich.»

«Du willst was von deinen Tippelbrüdern hören?»

«Wäre ein Gedanke,» nickte ich.

«Schwierig, wirklich ganz schwierig.»

«Wo ist das Problem?»

«Sie sind ein reisefreudiges Völkchen. Das ist das Problem. Einen konnte ich auftreiben, das heißt zwei…»

«Wie viele denn nun?»

«Der eine liegt im Krankenhaus. Im Koma. Ist im Suff an der Hauptwache über seine Beine gestolpert und die Treppen runtergefallen. Voll auf den Kopf. Schädelbasisbruch.»

«Tragisch. Und der andere?»

«Betreibt seine Geschäfte auf dem Eisernen Steg. Nach Hause hat er’s nicht weit, hat sich direkt unter dem Steg ein Schlafplätzchen eingerichtet.» Er gab mir die Fotokopie des Personalausweises, die ich ihm gegeben hatte zurück und sagte: «Das ist der hier.»

«Und wie heißt er bei seinen Kumpels?»

«Blauer Hans.»

«Weil er immer besoffen ist?»

«Nein, wegen seiner blauen Augen. Ich glaube, das hat mit Hans Albers zu tun.»

Ich blätterte ihm das Honorar für seine harte Arbeit hin. Er strich es ein und erkundigte sich: «Soll ich weiter machen?»

Ich gab ihm noch zwei weitere Tage, und im Hinausgehen beglich ich am Tresen seine Zeche, soweit sie bisher aufgelaufen war. Dann fuhr ich erst mal nach Hause, um zu duschen, mich umzuziehen und ein wenig vom Wochenende zu entspannen.

Ich musste vor dem Fernseher ganz schön weggeduselt sein, denn es war kurz vor zwölf, als ich wieder zu mir kam. Ich machte mir einen starken Kaffee, dann zog ich aus, um beim Blauen Hans einen Hausbesuch zu machen. Es war nicht schwer, ihn zu finden. Er wohnte alleine unter der Brücke, schnarchte zusammengerollt auf ein paar Lagen Pappkarton und schlief den Schlaf des Gerechten. Ich stieß ihn mit dem Fuß an und leuchtete ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht. «Wach auf, Amigo!»

Grunzend wälzte er sich auf die andere Seite. Ich musste noch zweimal anklopfen, bis endlich Leben in die Bude kam. Dann blinzelte er halb über die Schulter in den Lichtkegel, scharrte mit den Füßen, hustete und fragte mit dicker Stimme: «Was willst du, Kumpel?»

«Na was wohl — Geld natürlich!» antwortete ich fröhlich. Das brachte ihn wieder ganz zu sich, aber nicht unbedingt so, wie ich mir das eigentlich vorgestellt hatte.

Blitzschnell fuhr seine Hand in einen Jutesack neben seinem Kopf, hielt etwas und schwenkte es zu mir herum. Er gellte: «Bleib mir bloß vom Leib, du, du… !»

Ich richtete die Lampe auf das Ding in seiner Hand. Es war eine Signalpistole. Respektvoll wich ich einen Schritt zurück.

Ächzend brachte er sich auf die Beine und zielte linkisch auf mich, die Waffe dicht vor seiner Nase haltend. «Komm bloß nicht näher.»

Ich sagte «Pass bloß auf, mit dem Ding kann man einem ein Loch in den Bauch brennen.» Und als ich dabei unbedacht eine leichte Vorwärtsbewegung machte, nahm er die zweite Hand an die Waffe und drohte: «Ich schieße. Ich schieße wirklich.»

Das war nicht meine größte Sorge, viel mehr Kummer bereitete mir, dass er mit seinen zittrigen Fingern vielleicht aus Versehen den Abzug drückte. Ich versuchte es mit dem dümmsten und ältesten Trick der Welt und warnte ihn: «Vorsicht, dein Schnürsenkel ist offen.» In neun von zehn Fällen klappt er immer noch. Bei ihm auch. Er senkte den Blick, und mit dem Blick senkte sich die Waffe. Ich stürzte mich auf ihn und entwand sie seinen zittrigen, schwachen Säuferhänden ohne große Mühe.

Ich überprüfte sie. Sie war geladen und schussbereit. Ich sagte: «Wo hast du die her?»

Er erinnerte sich. «Hab mal am Yachthafen auf ’nem Boot übernachtet, da war sie in ’ner Kiste.»

Ich steckte sie ein und sagte sachlich: «Setzen wir uns.»

Wir ließen uns auf seinen Pappkartons nieder. Der herbe Geruch, den er um sich verbreitete, war geradezu schon eine Antiquität. Instinktiv rückte ich ein Stück von ihm ab. Er sagte: «Ich habe kein Geld.»

«Was hast du damit gemacht?»

«Womit?»

«Na, mit den drei Mille, die du dir bei meinem Boss gepumpt hast.»

«Drei Mille?»

«Schon vergessen?» Ich holte den Vertrag raus, knipste die Lampe an und las ihm das Datum vor.

«Drei Mille? Ich soll mir drei Mille geliehen haben? War ich denn so besoffen?»

Das machte mich stutzig. Raff hatte mir nichts davon gesagt, dass der Kreditnehmer besoffen vor ihm erschienen wäre. Und einem Besoffenen hätte er auch gar kein Geld rübergeschoben, so weit geht seine demokratische Kreditphilosophie nun auch wieder nicht. Das hat aber mehr damit etwas zu tun, dass im Stadium der Trunkenheit geschlossene Verträge wegen mangelnder Geschäftsfähigkeit unwirksam sind. Und nichts hasst Raff mehr als unwirksame Verträge. Wir gingen die Sache durch. Punkt für Punkt. Heraus kam, dass er den Vertrag tatsächlich nicht abgeschlossen haben konnte, weil er an diesem Tag zur Ausnüchterung im Poizeigewahrsam geweilt hatte. In seinen Habseligekeiten fand sich sogar noch der Entlassungsschein.

Ich fragte: «Und warum haben wir dann deine Unterschrift und eine Kopie von deinem Ausweis? — Wem hast du die Flebbe verhökert?»

«Meinen Ausweis? Den hab ich nicht verhökert. Den hab ich hier.» Er zerrte sich einen Brustbeutel aus dem Kragen und fingerte die Karte heraus.

Ich sah ihn mir an. Es war das Original von unserer Kopie. Ich verglich die Unterschrift mit der auf dem Kreditvertrag. Beiden gemeinsam war, dass sie unleserliches Gekrakel waren, eine große Ähnlichkeit bestand allerdings nicht.

«Ich brauch das Ding ja immer — wegen der Polente,» brabbelte der Blaue Hans neben mir vor sich hin und schnaubte: «Verhökern — von wegen! Bin ich vielleicht blöde?»

«Dann hast du ihn eben verliehen, vermietet, was weiß ich,» stellte ich fest.

«Vermietet?» In seiner Erinnerung kam dunkel ein Bild hoch. «Vermietet. — Ja-ah. Oder…?»

Ich drängte ihn nicht. Der Alkohol hatte Löcher in sein Gehirn gefressen. Da musste der Funke erst mal überspringen, und das brauchte seine Zeit.

«Vermietet…,» raunte er wieder. Eine Runde hatten wir also schon hin uns gebracht.

«Ja, da kam doch einer…»

«Und?» munterte ich ihn auf.

Ratlos blickte er mich an. «Der wollte…,» er brach ab. «Nee, das wollte er nicht.»

«Also da ist einer zu dir gekommen,» griff ich ihm unter die Arme.

«Ja.»

«Wie sah er aus?»

«Das weiß ich nicht mehr,» erklärte mit Gewissheit.

«Was wollte er?»

«Er hatte Wein für mich, ’ne ganze Kiste Wein.»

«Und dafür hast du ihm das Papierchen überlassen.»

«Das weiß ich nicht mehr.»

«Was war das für Wein?»

«Roter. Guter.»

«Woher?»

«Hm.»

«Hast du noch was davon?»

Er lachte amüsiert auf. «Was meinst du, wie lange ich für ’ne Kiste brauche?»

«Ich weiß nur, dass wir deine Personalien und deine Unterschrift unter einem Kreditvertrag über drei Mille haben.»

«Was sollte ich denn mit drei Mille?»

«Keine Ahnung, bei uns kriegt jeder Kredit, ganz egal, was er damit vorhat.» Das war nicht unbedingt die Wahrheit, klang aber gut und würde sich in seinem Gedächtnis sowieso nicht lange halten.

Ihm fiel etwas ein. «Die Nachttischlampe!»

«Was?»

Er streckte sich zum Kopfende seines Nachtlagers aus und langte sich eine Flasche, auf die er eine Kerze gesteckt hatte und hielt sie mir hin. «Die ist übrig geblieben.»

Ich puhlte die erstarrten Wachstropfen ab und studierte das Etikett. Rotwein aus Moldawien. Keine Importware. Das Etikett war ganz in Moldawisch oder wie der Slang da unten heißt. Das war immerhin ein erster handfester Hinweis, und ich musste mich nicht nur auf die Erinnerungsfetzen aus seinem im Alkohol schwimmenden Gehirn verlassen. Ich stand auf.

Schüchtern hielt er mir die offene Hand hin. «Kann ich meine Knarre wieder haben?»

«Du spinnst wohl. Dafür braucht man einen Waffenschein, das Ding würde dich nur in den Knast bringen.»

Gewohnt, nicht zu kriegen, was er haben wollte, ließ er die Hand sinken und bettete sich auf seinen Kartons zurecht.

Ich sagte: «Gute Nacht, mein Freund.»

Er drehte sich weg und antwortete leise: «Bist nicht mein Freund. Aber trotzdem: Gute Nacht.»

Ich steckte ihm einen Fünfziger in die Manteltasche und knurrte: «Sollst mir ja nichts umsonst geben, Alter.»

Rasch ging ich weg. Ob ich nicht doch ’ne sentimentale Ader habe? Nennen Sie es, wie Sie wollen. Jungs wie er stehen mit dem Rücken an der Wand, ihr ganzes kurzes Säuferleben lang. Und trotzdem wollen sie von niemandem etwas, außer dass man sie in Ruhe lässt. Ich bin überzeugt, die Welt wäre ein besserer Platz, wenn sie nur aus Leuten seiner Sorte bestünde. Das ist meine Meinung. Wenn das für Sie Sentimentalität ist — bitte. Für mich ist es Politik. Außerdem würde ich mir den Fünfziger von Raff natürlich wieder zurückholen, darauf können Sie Gift nehmen.

Als ich zu meiner Corvette zurückkam, stand auf der Motorhaube dick mit Weiß gepinselt ‚Sau!‘, und ich sah zwei Burschen über die Straße rennen. Das letzte Mal, als ich diese Rücken gesehen hatte, waren sie rosa gewesen. Sie sprangen in einen Wagen, fuhren hastig an und rasten davon. Sofort nahm ich die Verfolgung auf. Sie fuhren einen uralten S-Klasse-Daimler, der lahm in den Federn hing. Anscheinend war der Jag nicht Vollkasko versichert gewesen. Aber nobel geht die Welt zugrunde. Drei Kreuzungen weiter mussten sie an einer roten Ampel auf der mittleren Spur halten. Ich rollte rechts neben sie. Es war eine laue Nacht, die Seitenscheiben waren geöffnet. Ich grinste sie an und verkündete fröhlich: «Ihr habt ’nen Platten.»

Der Kleine auf dem Beifahrersitz beugte sich heraus und schaute. «Wo?»

Mit der konfiszierten Signalpistole zeigte ich auf ihr rechtes Vorderrad, feuerte sie ab und sagte: «Na da!»

Die Leuchtkugel brannte ein Loch in den Reifen, der Wagen sackte ab und im Radkasten entstand ein hübsches heißes Feuerchen, das sofort auf den Motorraum übergriff. Der Kleine zeterte: «O, du verdammter, du verdammter…»

Die Ampel sprang auf Grün, und ich rief noch: «Schönen Gruß vom Blauen Hans!» Dann legte ich einen Kavalierstart hin, der sich gewaschen hatte, und beobachtete im Rückspiegel, wie sie aus ihrer Rostlaube herauskamen, die Motorhaube aufrissen und hilflos um die hoch schlagenden Flammen herumtanzten. Ein Bild für Götter. Als letzten Gruß zeigte ich ihnen noch den bewussten Finger aus dem Fenster. Dann trat ich das Gaspedal durch und sie waren meinen Blicken entschwunden. Womit würden sie als nächstes kommen? Mit einem Opel Kadett, Baujahr 72, zweitürige Ausführung, weiß, 45 PS?

Irgendwie kam ich in die Nähe von Kerstins Wohnung. Es war halb zwei, aber was ist das unter Liebenden?

Ich klingelte zweimal kurz, und prompt knackte die Sprechanlage. «Ja?»

Ich beugte mich zu ihr hinunter und sprach: «Rapunzel, Rapunzel, lass herab dein Haar.»

Der Türsummer ging. Ich fuhr hinauf. Das Mädchen oben war blond, hatte blaugraue Augen und eine gute Figur. Aber sie war nicht Kerstin. Ich fragte: «Wo ist Kerstin?»

Sie sah mich mit neugierigen Augen an und sagte: «Sie müssen Bodo sein. Ich bin Lisa, ihre Schwester. Sie ist weggefahren.»

«Für länger?»

«Ich glaube ja.»

«Und wohin?»

«Das hat sie nicht gesagt.»

Ich nahm ihr das nicht ab, ließ es aber auf sich beruhen und sagte nur: «Schade, ich hätte mir gerne mal ihre Puppen angesehen.»

Sie wusste nicht, wovon ich sprach, und ich ging wieder.

Was ist los mit dir, Bodo? Normalerweise halten deine Liebschaften noch nicht mal bis zum Frühstück am nächsten Morgen, und das hat dir doch immer gut gefallen so. Irgendwas war hier anders. Irgend etwas war passiert.

Ich fuhr nach Hause und schlief schlecht in dieser Nacht. Es war irgendwie leer in meinem Bett. Am nächsten Morgen brauchte ich eine Weile, um zu begreifen dass Kerstin nicht mal nur kurz ins Bad gegangen war, sondern gar nicht da war. Wo war sie? Warum war sie nicht hier bei mir? Mir fiel ihre Frage wieder ein, ob wir zusammenbleiben würden. Ich war mit meinen Gedanken anderswo gewesen und hatte ‚morgen‘ gesagt. ‚Morgen‘ war gestern gewesen, und ich hatte nichts gesagt, und sie hatte nicht mehr gefragt. War es das? Hmhm, Bodo Lünch und die Weiber — ein einziges Durcheinander, kann ich Ihnen vielleicht sagen.

Ich brachte die Corvette zu Charly. Er sollte mal sehen, ob gegen die Sauerei auf der Motorhaube etwas zu machen war, oder ob ich Raff gleich eine Neulackierung in Rechnung stellen musste. Zu Fuß machte ich mich dann daran, den Vollstreckungsbezirk Innenstadt abzugrasen. Für die Firma Raff ist das nicht gerade die erste Geschäftslage, nur Kleinvieh, es geht fast immer nur um ein paar Hunderter. Kein lukratives Geschäft, besonders nicht für mich. Aber wir müssen Präsenz zeigen — bei allen Kunden. Bis Mittag hatte ich so einem Frittenbudenbesitzer, einem Kioskinhaber, einer Friseurmeisterin, einer Floristin, einem Antiquar, einem Bordellwirtschafter und einem Taxiunternehmer mit nur einer Karre auf die Zehen getreten, und sie alle hatten es mir mit Geld vergolten, jeder nach seinen Schulden und seinem Vermögen. Ich war gerade in einem Stehcafé mit einem Espresso zugange, als Charly mich anklingelte. Er hatte es geschafft, die Corvette war wieder die alte. Sofort machte ich mich auf den Weg, um das gute Stück abzuholen. Blitzblank gewienert stand sie auf dem Hinterhof, auf dem Charly in einem alten Wohnwagen haust. Auf der Motorhaube war kein Fitzelchen Farbe mehr, das da nicht hingehörte. Sagte ich schon, dass Charly ein Künstler ist? Die Sache war mir einen Hunderter wert. Charly steckte ihn gleichgültig weg und erkundigte sich angelegentlich: «Und was macht die Puppe vom Samstag?»

«Du willst sie mir doch nicht ausspannen, oder?»

Er äugte lüstern durch seine dicken Brillengläser. «Einen Versuch, wär’s schon wert.»

Ich sagte: «Ich glaube, du musst dir mal ’ne neue Brille kaufen. Die Tante war dreiundachtzig, hatte ein Holzbein und keinen einzigen Zahn mehr im Mund — nicht mal ’nen künstlichen.»

«Das ist nicht nett von dir,» schmollte er.

«Wieso soll ich nett zu dir sein?»

Er grinste breit. «Na weil ich der einzige bin, der gut zu deinem Baby ist.» Mit dem Kopf zeigte er auf die Corvette.

Das stimmte. Ich glaube fast, er ist der einzige, der sie wirklich versteht. Ich zuckte die Achseln. «Na gut, wenn du auf Pflegestufe eins stehst…»

Auf diese Art blödelten wir noch zwei, drei Runden, dann setzte ich mich in den Wagen und sauste zu Raff.

Der saß brütend hinter seinem Schreibtisch und machte einen seltsam gedämpften Eindruck.

Nachdem er mich einen Moment gedankenverloren angestarrt hatte, griff er in die Schublade, holte einen Scheck heraus und schob ihn mir hin. «Ihr Honorar für Mallorca.»

Ich prüfte die Summe. Sie stimmte bis auf den letzten Cent. Tonlos erläuterte Raff: «Die Deckung ist überprüft.»

Er musste seinem Spezi ganz schön die Hölle heiß gemacht haben, wenn der so eine Summe mit so einem Tempo rausgerückt hatte. Trotzdem schien ihn dieser Erfolg nicht recht zu befriedigen. Ich konnte mir vorstellen, dass das mit seinem Selbstverständnis zusammenhing. Schließlich hatte er sich bis dato immer für den größten Menschenkenner aller Zeiten gehalten, und jetzt hatte ihn einer seiner wenigen Kumpels dermaßen hinters Licht geführt, und er hatte es nicht mal gemerkt und musste sich von seinem einfachen Angestellten Bodo Lünch die Augen öffnen lassen. So was kann natürlich schon ganz schön an einem nagen. Ich fing an, mir Sorgen um den Alten zu machen. Allerdings nicht so viel, um nicht gleich wieder zum Geschäftlichen zu kommen. Zunächst blätterte ich ihm die Vormittagseinnahmen auf den Tisch. Dann lehnte ich mich zurück und erklärte: «Gestern Nacht wurde meine Corvette in Ausübung meines Amtes beschmiert. Die Reinigung — günstigstes Angebot — hat mich zwei Hunderter gekostet.» Und das Unglaubliche geschah: Raff zweigte den Betrag vom abgelieferten Geld ab und schob ihn mir hin. Kein hartes Wort, nicht der kleinste Hickhack, er vergaß sogar, mich dafür quittieren zu lassen. Die Lage war ernster, als ich gedacht hatte. Und die Frage, die mir auf der Zunge lag, würde sie nicht gerade verbessern. Dennoch stellte ich sie: «Und was ist mit den Pennerkrediten? Gibt es noch mehr Leichen im Keller?»

Mechanisch griff er nach einem Aktenhefter und reichte ihn mir. Noch mal mindestens dreißig Namen. Sauber. Ich sagte: «Es gibt eine erste Spur…»

«So? Was denn für eine?»

«Eine Rotweinflasche.»

«Eine was?»

«…Rotweinflasche.»

Endlich wachte er aus seiner Erstarrung auf und polterte los: «Herrgott, lassen Sie sich doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!»

Das war schon fast wieder der alte Raff. Ich grinste ihn an und berichtete von meinem Besuch beim Blauen Hans.

«Und das nennen Sie eine Spur?» fuhr er mich an. Langsam kam das alte Schlachtschiff wieder in Fahrt. Unter Volldampf gefiel es mir entschieden am besten. Wie hätte ich mit einem sedierten Raff auch die hingebungsvollen Grabenkämpfe ausfechten können, die ihn jung und mich bei Laune hielten?

Ich sagte: «Natürlich muss ich erst noch ein paar von den anderen Fällen überprüfen. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass hier irgendwer mit einem Trick gegen uns arbeitet.»

«Und wer soll das sein?» wollte er ungehalten wissen.

«Keine Ahnung. Muss ich erst noch rausfinden.»

«Jetzt entwickeln Sie bloß mal keinen Verfolgungswahn. Nur weil Sie in dieser Mallorca-Sache mal ein bisschen durchgeblickt haben, müssen Sie längst noch nicht hinter jeder Ecke eine Verschwörung wittern. Da hat sich eine Horde Stadtstreicher zusammengetan und einen Lastzug voll Aldi-Rotwein gekauft und sich in den Säuferhimmel gesoffen, so wird’s gewesen sein.» So leichtgläubig konnte er nur sein, wenn es ihm gerade in den Kram passte. Zweimal war er geleimt worden, erst diese Mallorca-Sache und jetzt höchstwahrscheinlich auch noch mit einem ziemlichen dreisten und plumpen Kreditschwindel, bei dem ihm Personalausweise vorgelegt worden waren von Leuten, die er gar nicht vor sich hatte. Das war bitter. Eigentlich hackt er immer auf mir herum, aber über das Geschäft als solches können wir uns normalerweise immer ganz vernünftig unterhalten. An diesem Tag war er aber nicht einmal dazu in Stimmung. Deshalb hörte ich auf, mich mit ihm herumzustreiten und verabschiedete mich und machte mich daran, weitere Beweise für mein kleines Theorem zu sammeln. (Sehr viel später musste ich übrigens feststellen, dass ich ihm den Fünfziger für den Blauen Hans gar nicht wieder abgeknöpft hatte — ob das was zu bedeuten hatte?)

Aus dem Telefonbuch suchte ich mir sämtliche Asyle, Unterkünfte, Heime und sonstige Einrichtungen heraus, die das Füllhorn ihrer Mildtätigkeit über die Tippelbruderschaft ausschütteten. Alle Adressen auf der neuen Liste von Raff entsprachen dem bekannten Muster. Bis auf eine. Diese nahm ich mir vor, mit den anderen würde ich Piependonk noch ein wenig in Lohn und Brot setzen.

Ein Häuschen draußen vor der Stadt in einem großen Garten, nicht mehr in allerbestem Zustand, aber hübsch von Weinlaub überwachsen — wohnt so ein Penner? Ich glaubte schon an einen Fehler in Raffs Liste, als ich Geerds aus dem Haus treten und den Gartenweg entlangkommen sah. Ich glaube, ich habe ihn schon mal erwähnt. Er ist Eintreiber bei Hartmann-Finanz, einem Konkurrenzunternehmen von uns, das zu den ernster zu nehmenden in der Branche gehört. Kai-Uwe Geerds ist eine Bohnenstange von Mensch, noch einen Kopf größer als ich. Ansonsten ist er körperlich nicht sonderlich eindrucksvoll. Berüchtigt sind allerdings seine plötzlichen Ausbrüche exzessiver Gewalttätigkeit, mit denen er die Leute immer wieder überrascht, weil sie so was bei einem so phlegmatischen langen Elend gar nicht vermuten. Widerspenstige Kunden pflegt er zu schockieren, indem er von einem Moment auf den anderen umschaltet von seiner üblichen öligen Freundlichkeit auf eine irre Orgie der Gewalt und alles kurz und klein schlägt, was ihm gerade in die Quere kommt. Ich habe schon Wohnungen gesehen, in denen er sich ausgetobt hatte — abbruchreif, kann ich nur sagen, und die Inhaber reif für die Klapsmühle. Trotzdem ist seine Rückholquote alles andere als berauschend. Er eignet sich zwar gut zum Einsatz als biblische Plage, aber mehr als Angst und Schrecken verbreiten kann er nicht. Und Angst allein reicht nicht, um den Leuten Beine zu machen. Man muss ihnen auch Richtung, Drall und Geschwindigkeit geben, dann rollt der Rubel. Allerdings braucht man dazu etwas, woran es Geerds nun völlig gebricht: Köpfchen und Vorstellungsvermögen.

Er öffnete das quietschende Gartentörchen und blickte grinsend auf mich herab. «Na, Bodo so früh schon auf Kundenbesuch?»

«Ich wusste gar nicht, dass du aufs Land gezogen bist,» konterte ich und grinste nicht.

«Was? — Ach so,» er blickte sich in dem verwilderten, fast verwunschenen Garten um, «nee, das wär nix für mich. Zu ruhig und so weiter.»

Ja, ein Temperamentsbolzen wie er brauchte das pulsierende Leben in der Stadt, mit seinen Lichtern, Zerstreuungen und den vielen Mädels. Apropos Geerds und die Mädels, bei Gelegenheit werde ich Ihnen mal die Geschichte von Kai-Uwe und Yolande auf der Damentoilette erzählen, damit Sie wissen, wie es nicht geht. — Das heißt, nur falls es Sie interessiert.

«Stimmt es, was man hört?» fragte ich.

«Was hört man denn?»

«Dass Hartmann seine Klitsche verkleinern muss und seinen Außendienst abschafft.» Das hatte ich mir gerade aus den Fingern gesogen, es würde ihm für den Rest des Tages zu denken geben und darüber hinaus bei der Konkurrenz noch eine nette kleine betriebsinterne Diskussion auslösen, was der Firma Raff nur recht sein konnte.

Er machte große Augen. «Bist du sicher?»

«Was ist schon sicher in dieser Welt?» sagte ich achselzuckend und schob mich an ihm vorbei.

Nachdenklich ging er mit seinem sonderbar hüpfenden Gang zu seinem Opel Manta, faltete seine einsachtundneunzig hinters Steuer, zündete sich eine Kippe an und juckelte davon. Manta — muss ich noch mehr sagen?

Ich klingelte. Die Tür ging auf, eine Frau schaute heraus. Sie war noch nicht alt, machte aber schon einen sehr verhärmten, grauen Eindruck. Ich erkundigte mich nach dem Herrn des Hauses.

Müde, fast überdrüssig sagte sie: «Mein Bruder? Der wohnt nicht hier.»

«Nach meinen Unterlagen ist er aber hier gemeldet.»

«Schon, aber wohnen tut er hier nicht.»

«Wo denn?»

Sie zögerte und blickte an mir vorbei. Ich erriet ungefähr, was sie dachte, und sagte: «Ich nehme an, der Kollege vorhin hat sich auch nach ihm erkundigt.»

Sie nickte.

«Er wollte Geld von ihm, stimmt’s?»

«Alle wollen Geld von ihm, immer nur Geld.»

«Ich will kein Geld von ihm,» erklärte ich fröhlich.

Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie blickte mich an. Ihre Augen waren immer noch hübsch. «Was wollen Sie dann vom ihm?»

«Das ist eine längere Geschichte. Sie läuft im Wesentlichen darauf hinaus, dass der Schlamassel, in dem er gerade steckt, zur Abwechslung mal nicht sein eigener ist, und dass ich ihm da raushelfen will, um einen anderen Schlamassel aus der Welt zu schaffen.»

Das sagte ihr nicht viel. Sehr wahrscheinlich hatten sich schon alle Schuldeneintreiber der Gegend bei ihr die Klinke in die Hand gegeben und allen möglichen Unfug verzapft, warum und wieso sie unbedingt mit ihm ins Gespräch kommen müssten. Es war Zeit für das Bodo-Lünch-Weichspülprogramm. Ich dämpfte die Stimme und säuselte: «Warum machen Sie uns nicht einen guten Tee, und wir setzen uns hinten in den Garten und genießen das schöne Wetter und plaudern ein wenig.» Es funktioniert nicht immer, ich hab dabei schon mal eine Haustür mit Sicherheitglaseinlage auf die Nase gekriegt. Man steckt einfach nicht drin. Hier klappte es aber, und sie ließ mich ein. Sie ging voran in die Küche, setzte Wasser auf, und ein Viertelstündchen später saßen wir auf rostigen Gartenstühlen mit Holzlattung, die offensichtlich schon lange nicht mehr benutzt worden waren, nippten an unseren Tassen und lauschten dem Vogelgezwitscher in den wild wuchernden Bäumen und Büschen, die das hohe Gras umstanden, das einmal der Rasen gewesen war.

Das Innere des Hauses war düster, alt und muffig — eine richtige Gruft. Vermutlich von den Eltern übernommen, und nie aus diesen Mauern rausgekommen — es gibt schon Schicksale.

Ich kam langsam wieder aufs Geschäftliche zu sprechen und erklärte: «Wir sind bei uns in der Firma zur Zeit einem groß angelegten Kreditbetrug auf der Spur, bei dem die Personalien von Wohnsitzlosen missbraucht werden. Könnte man ihren Bruder auch als Wohnsitzlosen bezeichnen?»

Sie strich sich eine Strähne ihres grauen Haares aus der Stirn und murmelte: «Ich glaube ja.»

«Wie ist es dazu gekommen?»

Sie schreckte aus ihren Gedanken auf. «Wie bitte?»

«Ich meine, was hat ihn dazu veranlasst, das alles hier hinter sich zu lassen und auf der Straße zu leben?»

Es war mehr oder weniger die übliche Geschichte, ich kann sie bald nicht mehr hören. Viel versprechende Karriere vor sich gehabt. Von Frau verlassen. Alkohol. Job verloren. Seine von den Eltern geerbte Haushälfte bis unter den Dachfirst mit Hypotheken belastet. Braves Schwesterchen rackert sich ab, um ihn auszuzahlen beziehungsweise die Hypotheken abzutragen. Brüderchen zieht unbeschwert hinaus in die weite Welt. Und das Leben ist vorüber.

Ich stopfte mir ein Pfeifchen.

Sie sah mir dabei zu, ihre vergrämten Züge glätteten sich etwas, und sie sagte: «Das ist schön. Vater hat auch Pfeife geraucht.»

Ich sagte ihr nicht, was ich davon hielt. Tote soll man ruhen lassen, sie haben verdammt noch mal ein Recht darauf. Aber irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass hier sogar am helllichten Tag Geisterstunde herrschte. Ich machte ein paar Züge und erkundigte mich: «Haben Sie eine Ahnung, wo er sich aufhält?»

«Mein Vater?» fragte sie verwirrt.

Der hielt sich höchst wahrscheinlich auf dem Friedhof auf, so viel hatte ich schon mitgekriegt (das heißt, wenn er nicht gerade in diesen Gemäuern spukte). Ich sagte milde: «Ich meine, Ihr Bruder.»

«Nein.» Sie schüttelte den Kopf.

«Haben Sie das vorhin auch dem Kollegen gesagt?»

«Dem habe ich gar nichts gesagt. Der war so…»

«…scheißfreundlich?» griff ich ihr unter die Arme.

Sie wurde rot und lächelte scheu. «Na ja, so ähnlich.»

Kai-Uwe Pomadencharme Geerds wie er leibte und lebte. Der Bursche wird es wirklich nie lernen. Ich sagte: «Ich brauche Anhaltspunkte, wo ich ihn finden kann. Überlegen Sie mal genau.»

Sie erinnerte sich, dass sie die letzten Nachrichten von ihrem Bruder über einen Angestellten der Hausmeisterei im Frankfurter Hof erhalten hatte, allerdings schon vor zwei, drei Jahren. Mehr hatte sie nicht für mich.

Zum Abschied stand sie an die Haustür geschmiegt und sagte: «Sie werden ihm doch nichts tun?»

«Ganz im Gegenteil, er ist so etwas wie die letzte Rettung für mich. Ich werden ihn hüten wie meinen Augapfel.» Etwas übertrieben vielleicht, aber durchaus mit einem Körnchen Wahrheit.

Im übrigen glaubte ich nicht, dass sie mir Theater vorgespielt und ihr Bruderherz uns die ganz Zeit vom Dachboden oder aus einem Kellerfenster heimlich beobachtet hatte. Sie hatte nicht mehr die Kraft dazu.

Ich versprach ihr, von mir hören zu lassen, wenn es etwas Neues gäbe. Da können Sie mal sehen, so harmonisch können Hausbesuche von Bodo Lünch verlaufen.

Es stimmte mich nicht sehr hoffnungsvoll, dass mein einziger Anhaltspunkt ein Bursche war, der vor zwei, drei Jahren mal in einem Hotel gearbeitet hatte. In dieser Branche dreht sich das Personalkarusell mit Höchstgeschwindigkeit, und es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Zwei, drei Jährchen sind da eine kleine Ewigkeit. Trotzdem fuhr ich direkt hin und hatte Glück. Er war zwar nicht mehr da. Aber man erinnerte sich seiner und wusste, dass er als Hausmeister in einem städtischen Männerwohnheim arbeitete — na ja, wenn man sich beruflich verbessern kann…

Dort stöberte ich ihn in seinem Hausmeisterkabuff im Heizungskeller auf. Er saß bei seinem Feierabendbierchen und machte einen ganz zufriedenen Eindruck. Offensichtlich betrieb er nebenher noch einen schwunghaften kleinen Bierhandel, wie die an der Wand aufgestapelten Bierkisten erkennen ließen. Als er entdeckte, dass ich niemand war, der ihm amtlicherseits Ärger machen wollte, war er einem kleinen Schwätzchen durchaus nicht abgeneigt. Ich sagte ungefähr dasselbe Sprüchlein auf wie bei der Schwester seines Kumpels, und er antwortete mir mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt, dass er ihn seit seiner Zeit im Frankfurter Hof selber nicht mehr gesehen hätte. Er arbeitete in einem Pennerwohnheim und sein Pennerkumpel war zumindest vor zwei Monaten noch in der Stadt gewesen, als seine Personalien für den Kreditantrag benutzt worden waren, und er hatte ihn schon lange nicht mehr gesehen? Nun ja, die Welt ist zwar ein Dorf, andererseits kann man sich schon mal aus den Augen verlieren. Man kann auch an den Weihnachtsmann glauben, oder an den Klapperstorch, oder daran das die Eintracht noch mal Deutscher Meister wird. Man kann — muss aber nicht. Ich hätte ihn mit seiner kleinen illegalen Bierhandlung für Alkoholabhängige in städtischer Obhut unter Druck setzen können, oder mit dem nackten Hintern auf einen Ölbrenner. Ich konnte mich aber auch auf die Lauer legen und der Dinge harren, die da kamen. Eigentlich ist das Eckenstehen ein Aufgabengebiet, das ich immer gerne an Piependonk delegiere, er ist der Plattfuß von uns beiden. Aber da er schon anderweitig beschäftigt war, musste ich diesmal selber ran. Ich verzog mich in meine Mühle, rutschte tief in den Sitz, und beobachtete rauchend den Eingang der Herberge. Zwei Häuser weiter wuchteten und kanteten Möbelpacker gerade ein Klavier durch die Tür. Die Jungs wussten, wo man hinlangen musste. Und dann das ganze auch noch womöglich vier Treppen hochstemmen — es gibt sie wirklich noch, die richtig harte Arbeit. Im Objekt meiner Begierde tat sich nicht viel. Ab und zu kam ein Kunde angeschlurft und ging rein. Ab und zu kam einer raus und entfernte sich ohne großen Tatendrang. Mir fiel auf, wie schlecht man sie auseinanderhalten konnte mit ihren roten, aufgedunsenen Alkoholikergesichtern und den verfilzten Bärten. Einer sah aus wie der andere. Meinen Mann hätte ich allerdings bestimmt erkannt, laut Personalausweis war er gerade mal einsfünfundsechzig groß, aber so ein Zwerg war nicht unter den ein- und ausgehenden Gästen dieses Hotels. Der Hausmeister erschien, blieb stehen mit herausgestrecktem Bauch und im Bewusstsein vollbrachter Taten — was immer diese auch sein mochten –, blickte die Straße hinauf und hinunter, wählte seine Richtung und walzte gewichtig davon. Ich beschloss, ein bisschen an ihm dran zu bleiben, startete den Motor und rollte leise brabbelnd hinter ihm her. Er überquerte zwei Kreuzungen und bog schließlich in eine Seitenstraße ab. Dort stieg er in einen Wagen und fuhr los. Bei dem Schlitten handelte es sich um einen 5er BMW, schwarz, neuestes Modell mit allem Pipapo. So ein Schlitten ist unter 40000 Mücken nicht zu haben. Der Bursche wurde langsam richtig interessant für mich. Immer schön mit Abstand folgte ich ihm. Vor einem Büro, das Wetten auf Fußballspiele annahm, parkte er in der zweiten Reihe, ging hinein und erschien wieder, sorgfältig ein Bündel Scheine in seinen Geldbeutel einsortierend — Fußballexperte, wie? Weiter ging’s zur Alten Oper, wo er kurz am Straßenrand hielt und sich durchs Seitenfenster mit einer Zigeunerin unterhielt, die auf dem Vorplatz zusammen mit einem kleinen Mädchen Passanten anbettelte. Danach kurvte er durchs Nordend, suchte eine Parklücke, fand eine, stellte den Wagen ab und ging um die Ecke und betrat eine Kneipe. Ich konnte ihm nicht folgen ohne aufzufallen, also ging ich in Warteposition und — wartete. Nach einem Viertelstündchen tauchte er aus der Kneipe wieder auf. Er befand ich in Begleitung eines untersetzten Südländers. Die beiden wechselten noch einige Worte und gingen in entgegengesetzte Richtungen davon. Der Südländer stieg in einen Wagen und fuhr davon. Ich merkte mir das Kennzeichen. Der schwarze BMW rollte an mir vorbei, ich hängte mich wieder dran. So gelangten wir zum Hauptfriedhof. Er schloss den Wagen ab und schlenderte durchs Haupttor. Ich tat es ihm nach, nahm einen Parallelweg und beobachtete ihn durch die Büsche. Er trat zu einem Penner, der auf einer Bank saß. Sie wechselten einige Worte, er steckte ihm etwas zu und ging wieder weg. Ich ließ ihn ziehen, kam hinter der alten Eibe vor, hinter der ich in Deckung gegangen war, und besuchte den Alten und ließ mich neben ihm auf der Bank nieder. Er war nicht der Mann, den ich suchte, dazu war er zu alt und zu groß. Aber da es sicher nicht zu den Obliegenheiten eines Hausmeisters in einem Pennerasyl gehört, sich um die Gäste seines Hauses zu kümmern, schon gar nicht außerhalb desselben, schien mir hier ein viel versprechender Ansatzpunkt vorzuliegen. Die Sonne stand schon tief, ich legte den Kopf in den Nacken, schaute in die Baumkronen hinauf und meinte: «Schöner Tag heute…»

Der Alte sagte nichts dazu. Ich blickte ihn an und plauderte weiter: «Ich dachte immer, Saufen und Betteln würde an Orten wie diesem gar nicht gerne gesehen…»

Der Alte zeigte mir ein trübes, fast mitleidiges Lächeln. «Ich bin nicht beruflich hier, wenn Sie das meinen.»

«Sondern?»

Er nickte zu dem Grab auf der anderen Seite des Weges hin. «Meine Frau.»

Das Grab war nicht sehr gepflegt, und der Grabstein ein unregelmäßiger Sandsteinklotz, der aussah wie ein zufällig aus der Erde ragender eiszeitlicher Findling. Ich sagte: «Tut mir leid.»

«Braucht es nicht. Ist schon zweiunddreißig Jahre her.»

«Aber immer noch nicht vorbei, was?»

«Das geht nie vorbei.»

Dazu fiel mir nichts ein. Ich hatte noch an keinem Grab geweint, weder zweiunddreißig Jahre lang, noch sonst irgendwie.

Ich erkundigte mich: «Was wollte der Mann, der gerade bei Ihnen war?»

Stumm blickte er vor sich hin.

«Was hat er Ihnen gegeben?»

Wieder keine Antwort.

«Vielleicht einen Personalausweis?»

«Na und,» murmelte er. «Ist das vielleicht strafbar?»

«Nicht solange er sich nicht zum Beispiel damit Geld auf Ihren Namen ausleiht.»

«Das glauben Sie?» fragte er matt.

«Was soll ich denn glauben?»

«Er ist der Hausmeister in dem Wohnheim, in dem ich ab und zu mal schlafe. Er hat ihn gefunden. Muss ihn wohl verloren haben. Und weil er weiß, dass ich ihn brauche, weil es sonst immer schnell Ärger mit der Polizei geben kann, hat er ihn mir gleich vorbeigebracht. Nett, nicht?»

«Und woher wusste er, wo er Sie finden kann?»

«Ich bin immer hier,» sagte er einfach.

Ich fragte ihn nach dem Mann, den ich suchte. Er kannte ihn nicht. Ich beschrieb ihn. Er kannte ihn trotzdem nicht. Ich fragte: «Darf man Ihren Namen erfahren?»

«Der ist kein Geheimnis, da drüben steht er,» sagte er und nickte zu dem Grabstein hinüber.

Neben dem Namen und den Lebensdaten der Frau stand: ‚Walter Laube‘ und darunter ‚1938 –‚ Es war schon vor langer Zeit dort eingemeißelt worden. Sie war vor zweiunddreißig Jahren gestorben. Er auch. Aber seine Liebe nicht, oder seine Sehnsucht nach ihr, oder wie immer man das nennen will.

Ich stand auf und sagte: «Ich wünsche Ihnen…» Ich brach ab, alles, was ich sagen hätte können, kam mir plötzlich lächerlich vor. Ich fing neu an: «Entschuldigen Sie das ‚Saufen und Betteln‘ vorhin…»

Er wehrte mit einer kleinen Handbewegung ab. «Machen Sie sich deswegen keine Sorgen, junger Mann. Ab und zu trinke ich ein Schlückchen. Und gelegentlich bin ich auch gezwungen, mal jemand um etwas Geld bitten. Aber nicht hier.»

Warum fühlte ich mich so unwohl, als ich zum Ausgang ging? Es gibt Menschen, die zieht es aus den unterschiedlichsten Gründen magisch hin zu Friedhöfen. Ich zähle nicht zu ihnen. Ich hasse Friedhöfe.

Dieser Fall schien ein bisschen anders gelagert zu sein. Einen Walter Laube konnte man nicht einfach mal so mit einer Kiste Rotwein außer Gefecht setzen, um dann mit seinem Ausweis Kredite zu ergattern. Um ihn richtig besoffen zu machen hätte es schon wesentlich stärkerer Mittel bedurft, etwa die Aussicht auf seine baldige Himmelfahrt und ein Wiedersehen mit seiner geliebten Greta. Aber es ging es doch auch viel einfacher. Man konnte auf sein Zimmer schleichen, wenn er schnarchte und von Greta träumte, ihm den Ausweis aus seinen Sachen stibitzen, damit das Erforderliche tun und ihm das Ding ein, zwei Tage später zurückbringen und großzügig behaupten, man habe ihn gefunden. Und er würde einem noch dankbar sein dafür.

Ich fuhr zu Piependonk. Aber in seiner Stammkneipe war er nicht und auch nicht in seinem Büro. Ich warf ihm Raffs neue Liste durch den Briefschlitz und eine Notiz, dass der Auftrag bis auf weiteres verlängert sei. Dann eilte ich ins Hauptquartier.

«Haben Sie jemanden, der Autonummern überprüfen kann?» fragte ich den Alten gleich zur Begrüßung und legte ihm die Nummer hin von dem südländischen Typen, mit dem sich der Hausmeister in der Kneipe im Nordend getroffen hatte. Ich kenne da zwar auch jemanden, aber mit der Mieze bin ich mal zu intim geworden, ohne ihre weiteren Erwartungen zu erfüllen. Und es wäre sicher schwierig geworden, diesen Kanal wieder zu aktivieren. Frauen mögen es nun mal nicht, wenn man sie nur ihres Geldes wegen liebt, oder weil sie bei der Zulassungsstelle arbeiten. Aber warum sollte man sie sonst lieben?

Raff blickte auf den Zettel nieder. «Hat das mit diesen, äh, dubiosen Krediten zu tun?»

«Hat es. Und so wie es aussieht, zieht die Sache Kreise.»

«Geht’s vielleicht etwas genauer?» drängte er ungehalten.

«Hartmann scheint auch Ausfälle in dieser Richtung zu beklagen zu haben. Ich traf vorhin den Geerds bei einem Kunden, der auf Ihrer Liste steht. Sie sind also offensichtlich nicht der einzige, der geleimt worden ist.»

Er sandte mir einen strafenden Blick über den Schreibtisch. «Mich hat noch nie jemand geleimt.»

«Ja, weil Sie den guten alten Bodo Lünch haben, der solche Sachen immer wieder ausbügelt,» konterte ich forsch.

«Ich glaube, die heiße Sonne da unten in Mallorca hat Ihnen doch etwas geschadet.»

«Kann ich nicht behaupten. Im Gegenteil, die klare Luft da unten schärft den Blick für so manche Dinge.»

«Ah ja? Und wofür zum Beispiel?»

«Für logische Zusammenhänge. Wenn man Sie geleimt hat und den Hartmann auch, dann höchstwahrscheinlich auch noch weitere Kreditfirmen. Ich finde, es wäre an der Zeit für eine kleine Rundfrage in der Branche, wer und unter welchen Umständen faule Kredite an Land gezogen hat. Meinen Sie nicht auch?» Eine rhetorische Frage. Raffs Einstellung zur Konkurrenz ist entschieden wettbewerbsorientiert. Keinerlei Zusammenarbeit und Gespräche nur, wenn es darum geht, die Geschäftsaktivitäten anderer Firmen zu übernehmen.

Und entsprechend fiel seine Antwort aus: «Schlagen Sie sich das aus dem Kopf. Was gehen mich die Ausfälle fremder Leute an?»

«Hier geht es um einen systematischen Angriff auf die Kreditbranche,» behauptete ich.

«Machen Sie sich nicht lächerlich!» schnaubte er.

«Hat bei Ihnen ein gewisser Walter Laube einen Kredit beantragt?»

«Wer soll das sein?»

«Auch einer von diesen Strohmännern.»

«Nein, hat er nicht.»

«Könnten Sie feststellen, ob er bei einer anderen Firma vorstellig geworden ist?»

«Den Teufel werde ich tun!»

Ich seufzte. «Sie machen mir die Arbeit nicht gerade leichter.»

«Was für eine Arbeit? Im Augenblick sehe ich nur, dass Sie rumsitzen und Maulaffen feil halten!»

«Vergessen Sie die Autonummer nicht,» trug ich ihm auf, weil ich wusste, wie sehr er es hasste, wenn ich ihn um etwas ersuchte.

Und dann war ich auch schon wieder draußen und fragte mich, was ich mit dem angebrochenen Abend machen sollte. Da Piependonk nichts von sich hören ließ, beschloss ich, etwas für meine Bildung zu tun und besuchte einen Vortrag in der Volkshochschule zum Thema Kunst und Wissenschaft in den indianischen Hochkulturen Mittelamerikas vor 1492. Das ist geflunkert, es ging nicht um Hochkulturen, sondern um Oberweiten. Und der Vortag fand auch nicht in den Räumen der Volkshochschule statt, sondern im Blow-up in der Kaiserstraße, einer Tabledance-Bar, in der sie einen prima Kaffee machen. Manchmal frage ich mich, ob der Alte die neue Zeit noch versteht. Strukturen, Netzwerke, Organisationen, das ist es, womit man es jetzt zu tun hat, und nicht mehr nur mit einzelnen Würstchen, die man sich mal ordentlich zur Brust nimmt und damit das Problem aus der Welt schafft. Ob mir das Angst macht? Nicht die Bohne, aber in einer anderen Welt, muss man eben zu anderen Mitteln greifen. Und das hat der Alte einfach noch nicht kapiert, glaube ich. Und ich bin mir gar nicht sicher, ob er diese Kurve überhaupt jemals kriegen wird. Grimmige alte Knacker wie er, die sich ganz für sich allein durchs Leben wursteln, sind eine aussterbende Spezies. Der moderne Mensch braucht Hilfstruppen.

Ein Mädchen, das aussah wie Agneta von Abba schob sich neben mich an die Bar. «Na, so allein?»

Ich blickte sie an und sagte langsam: «Nein, meine Mutti ist bloß gerade mal raus zum Nasepudern.»

«Ah, der Herr sind nicht in Stimmung?»

«In Stimmung wozu?»

«Vergiss es, Alter.»

«Schon passiert.»

Sie wandte sich ab, ging aber nicht weg. Nach einer Weile drehte sie sich wieder zu mir und fing wieder an: «Soll ich dir einen ausgeben?»

Ich knurrte: «Heute scheint wirklich alles andersrum zu sein. Aber bitte, warum nicht? Ich lasse mich gerne von Frauen aushalten.»

«Musst du noch Milch trinken, oder darf’s schon ’ne Cola sein?»

Zu dem Mädchen hinter dem Tresen sagte ich: «Vorgestern in Palma hab ich ’nen Conchita Dingsbums-Cocktail getrunken, kannst du den?»

«Du kannst ’ne Bloody Mary haben,» sagte sie mit einem müden Grinsen. Sie war eine Blondine, die sich auf Schwarz getrimmt hatte. Ich sag’s ja, an diesem Tag war alles andersrum.

Ich verzog das Gesicht und forderte sie auf: «Bring zwei Whisky.»

«Du warst auf Mallorca?» fragte Agneta neugierig. Wenigstens tat sie so.

«Ja. Dienstlich.»

«Was ist das denn für ein toller Dienst, den du da schiebst?»

«Geheimdienst,» antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. War das denn so falsch?

«Du flunkerst.»

Ich nahm meinen Whisky entgegen, trank und stellte befriedigt fest: «Und wie.»

«Kleine Mädchen hinters Licht führen, ist das vielleicht die feine englische Art?»

«Wohin soll man kleine Mädchen denn führen?» erkundigte ich mich und linste lüstern in ihr Dekolleté, das einen sehr anregenden Anblick bot, wirklich sehr anregend. Ich fragte mich, ob sie zum Haus gehörte oder freischaffend war, beispielsweise eine BWL-Studentin, die sich ihr Bafög ein wenig aufbesserte. Das sollte doch eigentlich herauszufinden sein.

«Hey, nicht so hitzig, junger Mann.»

Drei Japaner kamen hereingeschneit. Einer fragte das Mädchen hinter dem Tresen, ob es hier Karaoke gäbe.

Sie polierte lächelnd ein Glas und teilte ihm verheißungsvoll mit: «Nein, nur nackte Mädchen und süße Träume.»

Der Japaner übersetzte es sein Kumpels. Die blickten sich um. Die Dancetables waren gerade wegen einer kleinen Kostümpause leer. Sie beratschlagten kurz, fanden, dass dies auch ohne Karaoke eine nettes Plätzchen sei und vereinnahmten einen Tisch mit schöner Aussicht.

Agneta beobachtete sie und meinte: «Lustige kleine Männer.»

Ich grinste. «Warum gehst du nicht hin und lädst sie auf ’ne Runde Sake ein?»

Sie musterte mich über ihr Whiskyglas hinweg, aus dem sie noch nicht getrunken hatte. «Dir ist ’ne Laus über die Leber gelaufen, stimmt’s?»

«Woher willst du das wissen, du kennst mich doch gar nicht.»

Mein Handy meldete sich. Es war nicht der Alte, es war Piependonk, der mir fröhlich mitteilte, dass er noch zwei weitere Kunden ausfindig gemacht hatte.

«Warst du schon im Büro?»

«Also hör mal, ich lauf mir den ganzen Tag die Hacken ab. Da braucht der Mensch auch mal was anderes als das Büro.» Im Hintergrund hörte ich Kneipengeräusche.

«Wollte damit ja nur schüchtern andeuten, dass da ein ganzer Haufen neue Arbeit für dich liegt. Besser, du nimmst dir in der nächsten Zeit keinen Urlaub.»

«Wieviel Arbeit?» erkundigte er sich geschäftsmäßig.

«Schwer zu sagen, aber für eine weitere Woche mindestens, wenn du so rumtrödelst wie bisher.»

«Mach keine blöden Witze.»

«Ich mache keinen blöden Witze.»

«Ich meine wegen dem ‚rumtrödeln‘.»

Ich grinste mein Handy an. «Ich auch.»

«Dreihundert pro Tag plus alle Spesen,» kam es prompt zurück.

«Hundertfünfzig und keinen Cent obendrauf.»

«Zweihundert plus Verpflegungspauschale.»

Es ging wirklich zu wie auf dem hinterletzten arabischen Basar. Ich sagte: «Hundertfünfundsiebzig.»

«Plus Verpflegungspauschale.»

«Plus ’n Fünfer für ’nen Döner.»

«Halsabschneider.»

«Heißt das ‚ja‘?»

«Meinetwegen.»

«Zieh nicht wieder so lange um die Häuser und sei morgen pünktlich im Büro. Um neun bin ich da.»

«Womit soll ich denn um die Häuser ziehn, bei diesem Hungerlohn?» beklagte er sich.

«Mach’s wie ich, und lass dir ab und zu mal einen ausgeben, das kommt billiger,» riet ich ihm und zwinkerte dabei Agneta zu.

«Nicht alle sind so talentierte Blutsauger wie du, Bodo.»

Ich wieherte. «Wäre ja auch noch schöner!»

«Und denk dran, bei Sonnenaufgang musst du wieder im Sarg liegen,» ermahnte er mich und legte auf.

Er hat schon Humor, der Hinner. Aber im Grunde mopst er sich bloß, dass er den falschen Beruf ergriffen hat und nicht in meiner Branche eingestiegen ist.

Drei Dancegirls kamen hereingestöckelt, kletterten auf ihre Podeste und machten mit ihrer Show weiter. Laserblitze zuckten, die Musik wurde lauter gedreht. Ich wandte mich wieder meinem Glas zu.

Agneta wunderte sich: «Bist du nicht wegen der Mädchen hier?»

«Welche Mädchen?»

«Na, die Dancegirls. Alle Kerle außer dir verschlingen sie mit den Augen,» sie kicherte, «und die Japaner ganz besonders.»

«Nö.»

«Warum dann?»

«Weil ich sie mich in der Oper nicht mehr reingelassen haben.»

«Du gehst in die Oper?»

«Ich singe da. Gefangenenchor von Nabucco. Ich bin der siebenundneunzigste Gefangene. Aber weil ich zu spät war, haben sie mich nicht mehr auf die Bühne gelassen und ich konnte wieder abschwirren.»

Lächelnd schüttelte sie den Kopf. «Aus dir soll einer schlau werden.»

«Willkommen im Club, dann sind wir schon zu zweit.» Ich hob mein Glas. «Trinken wir?»

«Worauf?»

«Auf das, was wir noch nicht wissen.»

«Warum nicht? — Wenn es was Schönes ist.»

«Das kann ich nicht garantieren.»

Wir plauderten und süffelten. Es war noch ein ganz netter Abend. Aber ob sie BWL studierte, habe ich nicht herausgefunden. Ich habe vergessen, danach zu fragen.

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