Drittes Kapitel – Die fliegende Armee

Den Generaladjutanten fand ich in Tournai nicht mehr. Er war nach Brüssel abgereist, und ich schickte mich sofort an, ihm zu folgen. Am anderen Morgen nahm ich die Post. Auf den ersten Blick erkannte ich unter den Reisenden drei Männer, die in Lille den ganzen Tag in Kneipen zugebracht und ein ziemlich verdächtiges Leben geführt hatten. Zu meinem größten Erstaunen sah ich sie mit Uniformen von verschiedenen Korps bekleidet. Der eine trug die Epauletten des Oberstleutnants, der andere Hauptmanns-, und der dritte Leutnantsepauletten. Ich dachte bei mir, wo mögen die wohl das alles herhaben, sie haben doch nie gedient? Und ich verlor mich in Mutmaßungen. Sie schienen zuerst ein wenig verwirrt über unser Zusammentreffen. Aber bald faßten sie sich und bezeugten mir ein freundschaftliches Erstaunen darüber, mich so als ganz einfachen Soldaten anzutreffen. Ich erklärte ihnen, daß ich durch die Auflösung der Landsturmbataillone meinen Rang verloren habe. Aber da begann der Oberstleutnant mir seine Protektion zuzusichern. Ich nahm sie auch an, obwohl ich nicht recht wußte, was ich von diesem Protektor denken sollte. Was mir klar wurde, war immerhin, daß er bei Kasse war, und daß er für alle an der Wirtstafel bezahlte. In solchen Augenblicken spielte er dann den eifrigen Republikaner, der aber doch durchblicken lassen wollte, er gehöre zu irgendeiner alten Familie.

In Brüssel hatte ich nicht mehr Glück als in Tournai. Der Generaladjutant, den ich doch erreichen mußte, schien fast vor mir auf der Flucht zu sein, denn er hatte sich soeben nach Lüttich begeben. Ich reise also dahin und rechne darauf, dieses Mal wenigstens keine vergebliche Fahrt zu machen. Ich komme an; mein Mann hatte sich am Abend vorher nach Paris auf den Weg gemacht, wo er vor dem Konvent erscheinen mußte. Seine Abwesenheit sollte nur vierzehn Tage dauern. Ich warte, niemand kommt. Ein Monat vergeht, immer noch niemand. Das Geld nimmt rapide bei mir ab. Ich muß mich entschließen, nach Brüssel zurückzugehen, wo ich am leichtesten die Mittel, mich aus der Verlegenheit zu ziehen, zu finden hoffte. Ich will mit der Aufrichtigkeit reden, die ich mir vorgenommen habe, in dieser ganzen Lebensgeschichte zu bezeugen. Ich muß also erklären, daß ich in der Wahl dieser Mittel nicht mehr allzu peinlich zu sein begann; meine Erziehung hatte mich ja bisher nicht zu einem Menschen mit viel Skrupeln machen können, und die schauerliche Garnisongesellschaft, mit der ich seit meiner Kindheit verkehrte, hätte auch die allerglücklichste Veranlagung zugrunde gerichtet.

Ich tat also meinem Zartgefühl nicht allzu große Gewalt an, als ich in Brüssel zu einer galanten Frau meiner Bekanntschaft zog. Sie war früher von dem General van der Nott ausgehalten worden, aber sie war nach und nach ganz in die Spähre der Öffentlichkeit gesunken. Müßig, wie alle jene, die in eine solche zweideutige Lebenshaltung geworfen sind, brachte ich ganze Tage und Nächte im türkischen Café und im Café de la Monnaie zu, wo sich vor allem Hochstapler und gewerbsmäßige Spieler versammelten. Diese Leute gaben sehr viel aus, spielten teufelsmäßig hoch. Und da sie keine einigermaßen wahrnehmbare Hilfsquelle hatten, begriff ich nicht, woher sie ein solches Leben führen konnten. Ein junger Mann, mit dem ich bekannt geworden war, und den ich darüber ausfragte, schien ganz erstaunt über meine Unerfahrenheit zu sein, und ich hatte alle mögliche Mühe, ihn davon zu überzeugen, daß ich wirklich so ein Neuling war, wie ich es behauptete. „Die Leute, die Sie hier alle Tage sehen,“ sagte er mir also, „sind Gauner. Diejenigen, die nur einmal hier auftauchen, sind die Wurzen, die nicht mehr wiederkommen, wenn sie einmal ihr Geld verloren haben.“ Nach diesen Unterweisungen bemerkte ich eine Menge Dinge, die mir bis dahin ganz entgangen waren: Ich sah ganz unglaubliche Tricks und Kunstgriffe; und, was beweisen könnte, daß ich damals noch Sinn für das Anständige hatte, ich fühlte mich oft versucht, dem Unglücklichen, den man gerade plünderte, einen Wink zu geben. Was mir darauf passierte, zeigt, daß die Schwindler meine Absicht erraten hatten. Eines Abends spielte man im türkischen Café eine Partie um fünfzehn Louisdor. Die Wurzen verliert hundertfünfzig Louisdor, verlangt Revanche für den anderen Tag und geht. Kaum ist er aus dem Zimmer, als der Gewinner – den ich noch heute alle Tage in Paris sehe – auf mich zugeht und mir im allergleichgültigsten Ton sagt: „Wir haben Glück gehabt. Sie hatten recht, auf meiner Seite zu sein. Ich habe zehn Partien gewonnen. Vier Kronen haben Sie gesetzt, macht also zehn Louisdor. Hier sind sie!“ Ich entgegnete ihm, er sei im Irrtum, ich gehöre gar nicht zu seiner Gesellschaft und hätte nicht gesetzt. Aber statt aller Antwort steckte er mir die zehn Louisdor in die Hand und kehrte mir den Rücken. „Nehmen Sie,“ sagte der junge Mann zu mir, der mich in die Geheimnisse der Spielhölle eingeweiht hatte, und der neben mir stand. „Nehmen Sie und gehen Sie mir jetzt nach.“ Ich tat mechanisch, was er mir sagte, und als wir auf der Straße waren, teilte mir mein Mentor mit: „Man hat bemerkt, daß Sie dem Gang der Partien folgen. Die Leute fürchten, daß Sie in einer Laune den Schwindel aufdecken, und da es kein Mittel gibt, Sie einzuschüchtern, weil man weiß, daß Sie einen starken Arm und eine leichte Hand haben, so hat man sich entschlossen, Ihnen Ihren Teil vom Kuchen zu geben. Seien Sie also ohne Sorgen wegen Ihrer Einkünfte. Dazu sind die beiden Cafés da, und Sie können aus ihnen, wie ich, täglich vier bis sechs Kronen ziehen!“ Was sollte ich auf so gewichtige Gründe einwenden? Ich konnte gerade nur das Geld behalten, und das tat ich auch.

Diese kleinen Dividenden, zu denen noch einige hundert Taler von meiner Mutter kamen, setzten mich instand, eine Rolle zu spielen, und der Emilie meine Dankbarkeit zu beweisen; denn gegen ihre Anhänglichkeit war ich doch nicht fühllos geblieben. Unsere Sachen waren also in gutem Zuge. Da wurde ich eines Abends im Theatre du Parc von einigen Polizeiagenten angehalten, die verlangten, daß ich meine Papiere zeige. Das wäre für mich ein ziemlich gefährliches Ding gewesen. Ich antwortete, ich hätte keine. Man führte mich in Haft ab, und am anderen Morgen beim Verhör merkte ich, daß man mich nicht kannte oder daß man mich verwechselte. Ich erklärte also, ich heiße Rousseau, gebürtig aus Lille. Ich sei nach Brüssel zu meinem Vergnügen gekommen und hätte nicht geglaubt, Papiere nötig zu haben. Dann verlangte ich auf meine Kosten nach Lille gebracht zu werden, in Begleitung von zwei Gendarmen. Das gestand man mir zu, und mit Hilfe einiger Kronen war meine Eskorte auch damit einverstanden, daß die arme Emilie mich begleiten durfte.

Brüssel hinter mir zu haben, das war schon gut. Aber es war noch wichtiger, nicht in Lille anzukommen, wo ich unweigerlich als Deserteur erkannt werden mußte. Ich mußte um jeden Preis entwischen, und das war auch die Meinung Emiliens. Ich sagte ihr also einen Plan, den wir ausführten, als wir in Tournai ankamen. Ich sagte zu den Gendarmen, bevor wir uns am Tage nach unserer Ankunft in Lille verlassen würden – denn ich würde ja gleich in Freiheit gesetzt werden – wollte ich mich bei ihnen noch mit einem guten Abendessen verabschieden. Sie waren ohnehin schon entzückt von meinem offenen Wesen und meiner Heiterkeit, und so nahmen sie das Anerbieten von ganzem Herzen an. Am Abend lagen sie endlich, trunken von Bier und Branntwein, unterm Tisch, und sie glaubten mich im selben Zustande. Währenddessen stieg ich mit Hilfe meiner Bettücher vom Fenster des zweiten Stocks herunter. Emilie folgte mir und wir verschwanden auf Nebenwegen, wo man nicht einmal von ferne daran dachte, uns zu suchen. So kamen wir in die Vorstadt Notre-Dame von Lille. Da kaufte ich mir eine Ordonnanzmütze des Jägerregiments zu Pferde und trieb die Vorsicht so weit, mir aufs linke Auge ein Pflaster von schwarzem Taffet zu kleben, das mich unkenntlich machte. Dennoch hielt ich es nicht für klug, allzulange in einer Stadt zu bleiben, die so in der Nähe meines Geburtsortes lag, und so reisten wir nach Gent. Aber in Gent geschah es durch einen ziemlich romantischen Zufall, daß Emilie ihren Vater wiederfand, und er bestimmte sie, wieder zu ihrer Familie zurückzukehren. Immerhin willigte sie erst ein, mich zu verlassen, nachdem wir ausdrücklich abgemacht hatten, daß ich sie treffen würde, sobald meine Angelegenheiten, die ich in Brüssel zu haben behauptete, erledigt seien.

Die Angelegenheiten, die ich in Brüssel hatte: das war der Wiederbeginn meiner Ausbeutetätigkeit im türkischen Café und im Café de la Monnaie. Aber, um mich in dieser Stadt bewegen zu können, hätte ich Papiere gebraucht, die bezeugten, daß ich wirklich Rousseau war, gebürtig aus Lille, wie ich es seinerzeit im Verhör behauptet hatte. Ein Hauptmann von den belgischen Karabiniers, namens Labbre, machte sich anheischig, für fünfzehn Louisdor die nötigen Papiere zu besorgen. Nach drei Wochen brachte er mir auch wirklich einen Geburtsschein, einen Paß und eine amtliche Bestätigung auf den Namen Rousseau. Alles war mit einer Vollkommenheit verfertigt, wie ich sie noch nie bei einem Fälscher gesehen habe. Mit diesen Papieren tauchte ich nun wirklich wieder in Brüssel auf, und der Platzkommandant von Brüssel, ein alter Kamerad von Labbre, nahm es auf sich, meine Sache ins reine zu bringen.

Voller Ruhe ging ich ins türkische Café. Die ersten Leute, die ich im Saal bemerkte, waren jene Offiziere von eigenen Gnaden, mit denen ich schon, wie man sich erinnern wird, auf der Reise zusammengetroffen war. Sie empfingen mich ausgezeichnet, und da sie bei der Erzählung meiner Abenteuer ahnten, daß meine Situation nicht gerade glänzend sei, so schlugen sie mir vor, den Rang als Leutnant bei den Jägern zu Pferde einzunehmen – ohne Zweifel, weil sie bei mir eine Mütze dieses Regiments sahen. Eine so vorteilhafte Ernennung durfte man nicht zurückweisen. Es wurde also mein Signalement in einer feierlichen Sitzung aufgenommen; und als ich dem Komitee bemerkte, daß der Name Rousseau nur angenommen sei, sagte mir der würdige Oberstleutnant, ich sollte den Namen nehmen, der mir am besten gefiele. Man kann offenbar die Gefälligkeit nicht weiter treiben. Ich entschied mich also, den Namen Rousseau beizubehalten und auf diesen Namen bekam ich nicht nur ein Offizierspatent, sondern auch eine Marschroute vom sechsten Jägerregiment, auf der bemerkt war, daß der Leutnant Rousseau mit seinem Pferde reise und Anspruch auf Wohnung und Verpflegung habe.

So gehörte ich denn nun also zu jener berühmten „Fliegenden Armee“. Die Fliegende Armee setzte sich aus lauter Offizieren ohne Patent und ohne Regiment zusammen, die mit falschem Rang und falschen Marschrouten die Militärintendanten um so leichter betrogen, als zu jener Zeit in den Militärverwaltungen die schrecklichste Unordnung herrschte. Fest steht jedenfalls, daß wir auf einer Rundreise, die wir in den Niederlanden machten, überall unsere Rationen erhoben, ohne daß die geringste Einwendung dagegen gemacht worden wäre. Indessen bestand damals die Fliegende Armee aus nicht weniger als zweitausend Abenteurern, die lebten, wie die Fische im Wasser. Und das ulkigste ist, die Leute gaben sich selbst ein so rasches Avancement, als es die Umstände nur erlaubten; ein Avancement, dessen Folgen immer einträglich waren, denn es bewirkte die Vergrößerung der Rationen. So rückte ich mit der Zeit zum Husarenhauptmann auf, einer unserer Kameraden wurde Bataillonschef; was mich aber am meisten aus der Fassung brachte, das war die Ernennung von Auffray, unserem Oberstleutnant, zum Brigadegeneral. Und wenn nun auch die Wichtigkeit des Ranges und die Art von öffentlicher Stellung, die man durch so eine Veränderung erhält, den Betrug viel schwerer aufrechterhalten ließen, so war es gerade eine Kühnheit des Wagnisses, die schließlich jeden Verdacht beseitigte.

Als wir wieder in Brüssel waren, ließen wir uns unsere Quartierscheine aushändigen, und ich kam zu einer reichen Witwe ins Quartier, der Frau Baronin von J… Man nahm mich auf, wie man zu jener Zeit die Franzosen in Brüssel aufnahm, das heißt mit offenen Armen. Ein sehr schönes Zimmer wurde mir vollkommen zur Verfügung gestellt, und meine Wirtin, die entzückt über meine Zurückhaltung war, gab mir auf die liebenswürdigste Art zu verstehen, daß, wenn die Stunden ihrer Mahlzeit mir paßten, auch jedesmal ein Gedeck für mich aufgelegt sei. Ich konnte unmöglich so verbindlichen Anerbietungen widerstehen; ich erschöpfte mich in Danksagungen, und noch am selben Tage mußte ich beim Diner erscheinen; an der Tafel saßen außer der Baronin – die vielleicht eben Fünfzigerin geworden war – noch drei alte Damen. Diese Gesellschaft war entzückt über die zuvorkommenden Manieren des Husarenhauptmanns. In Paris hätte man in einer solchen Gesellschaft sicher gemerkt, daß ich mich etwas linkisch benahm; aber in Brüssel hielt man mein Benehmen für vollkommen, da man ja annahm, ich sei ein junger Mann, dessen frühzeitiger Eintritt in das Militär notwendigerweise seiner Erziehung habe schaden müssen. Die Baronin hatte zweifellos einige Gedanken der Art, da sie mir hie und da kleine Aufmerksamkeiten erwies, die mir stark zu denken gaben.

Einige Male war ich abwesend, um mit meinem General zu speisen, dessen Einladungen ich, wie ich mir sagte, nicht abschlagen konnte; und so wollte sie durchaus, daß ich ihn ihr mit meinen anderen Freunden vorstelle. Anfangs war’s mir nun nicht gerade angenehm, meine Genossen bei der Baronin einzuführen; sie sah Gesellschaft bei sich und es hätte leicht sein können, daß wir bei ihr jemanden trafen, der unsere kleinen Schwindeleien entdeckte. Aber die Baronin bestand darauf, und so fügte ich mich; nur bezeugte ich den Wunsch, daß der General, der eine Art Inkognito wahren wolle, in ganz kleinem Kreise empfangen würde. Er kam also eines Tages: Die Baronin, die ihn neben sich setzte, ließ ihm eine so vorzügliche Aufnahme zuteil werden, und sprach so lange zu ihm mit leiser Stimme, daß ich ganz geärgert wurde. Um dieses Tete-a-tete zu stören, kam ich auf die Idee, den General aufzufordern, er solle uns doch etwas singen und sich am Klavier dazu begleiten. Ich wußte sehr genau, daß er außerstande war, auch nur eine einzige Note zu lesen, aber ich rechnete auf die üblichen Bitten der Gesellschaft, um ihn wenigstens während einiger Augenblicke zu beschäftigen. Aber mein Kunstgriff gelang nur halb: Der Oberstleutnant, der mit dabei war, sah, daß man den General drängte, und so erbot er sich dienstfertig, ihn zu ersetzen. Und wirklich setzte er sich auch ans Klavier und sang einige Stücke mit ziemlich viel Geschmack, so daß er das Lob aller davontrug – während ich ihn zu allen Teufeln wünschte.

Aber endlich kam auch diese endlose Soiree zu einem Schluß und jeder begab sich nach Hause; in meinem Kopfe wälzte ich Rachepläne gegen meinen Rivalen, der mir, ich will nicht sagen die Liebe, aber doch die Aufmerksamkeiten der Baronin entzogen hatte. Ganz befangen in dieser Idee begab ich mich am anderen Tage gleich nach dem Aufstehen zu dem General; er war recht erstaunt darüber, mich so früh zu sehen. „Weißt du,“ sagte er mir, ohne mir Zeit zu lassen, das Gespräch anzuknüpfen, „weißt du, mein Freund, was die Baronin ist … –“ „Wer spricht von der Baronin?“ unterbrach ich ihn brüsk, „hier handelt es sich nicht darum, was sie ist oder nicht ist.“ – „Um so schlimmer,“ entgegnete er. „Wenn du mit mir nicht von ihr sprechen willst, dann habe ich dir nichts zu sagen.“ So fuhr er noch einige Zeit fort, mich zu reizen, bis er mir schließlich mitteilte, daß seine Unterhaltung mit der Baronin sich nur auf mich allein bezogen habe, und daß er meine Angelegenheiten dermaßen gefördert habe, daß er die Baronin sogar nunmehr für geneigt halte, mich zu … zu heiraten.

Ich glaubte zuerst, mein armer Kamerad habe den Verstand verloren. Eine der vornehmsten und reichsten Frauen des Landes sollte einen Abenteurer heiraten, von dem sie weder Familie, noch Vermögen, noch Vergangenheit kannte? Das konnte auch den Leichtgläubigsten stutzig machen. Ueberdies sollte ich mich wirklich in eine Gaunerei einlassen, die früher oder später entdeckt werden und mich verderben mußte? War ich nicht schließlich richtig und gesetzlich in Arras verheiratet? Diese Einwände und noch andere mehr, die mir eine Art von Gewissensbissen eingaben, um mich davon abzuhalten, jene herrliche Frau, die mich mit Freundschaftsbezeugungen überhäufte, zu täuschen – diese Einwände, sage ich, machten auf meinen Partner nicht den geringsten Eindruck. Er antwortete mir:

„Alles, was du mir da sagst, ist ja sehr schön; ich bin ganz deiner Meinung, und um meiner natürlichen Neigung für die Anständigkeit zu folgen, fehlt mir bloß eine Rente von zehntausend Livres. Aber ich sehe keinen Grund, hier Skrupel zu haben. Was will die Baronin? Einen Mann, und einen Mann, der ihr gefällt. Bist du nicht dieser Mann? Hast du nicht die Absicht, sie so rücksichtsvoll wie möglich zu behandeln, wie jemanden, der uns nützlich ist und über den wir uns nie zu beklagen gehabt haben. Du sprichst mir von der Verschiedenheit der Vermögen; aber darauf sieht die Baronin nicht. Dir fehlt nur eine Sache, damit du ganz für sie paßt: nämlich Titel! Gut, ich verleihe dir welche … Ja, ich verleihe dir welche! … Du brauchst mich gar nicht so mit großen Augen anzusehen, hör’ nur zu, damit ich nicht zweimal zu reden brauche … Du kennst doch sicher irgendeinen Edelmann aus deinem Lande, der in deinem Alter steht … Dieser Edelmann bist du, deine Eltern sind ausgewandert; sie sind jetzt in Hamburg. Du bist nach Frankreich zurückgekehrt, um durch eine Mittelsperson dein Vaterhaus wieder zurückkaufen zu lassen, denn du willst da einen Schatz, der unter dem Parkett des Salons verborgen ist, in aller Muße heben. Als das Schreckensregiment begann, war eure Familie gehindert, dieses Vermögen mit sich zu führen. Du warst schon wieder ins Land gekommen, warst als Holzfäller verkleidet, da wurdest du von demselben Mann, der dich in deinem Unternehmen unterstützen sollte, denunziert, wurdest von den Behörden der Republik verfolgt und warst schon nahe daran, den Kopf aufs Schafott zu tragen, als ich dich auf der Landstraße halbtot vor Angst und Entbehrung fand. Da ich ein alter Freund deiner Familie bin, erlangte ich für dich ein Offizierspatent bei den Husaren auf den Namen Rousseau, und wir wollten warten, bis sich Gelegenheit böte, deine vornehmen Eltern in Hamburg wiederzutreffen … Die Baronin weiß das alles schon … Ja, alles … nur deinen Namen nicht; den habe ich ihr nicht genannt, unter dem Vorwande der Diskretion, aber in Wahrheit, weil ich selbst noch nicht weiß, welchen du annehmen wirst. Das ist eine Sache, die ich dir selbst überlassen muß.

Also, es ist alles erledigt, du bist nun Edelmann, und dagegen hilft eine Einrede mehr. Sprich mir nicht von deinem Stück von Frau. Du läßt dich in Arras unter dem Namen Vidocq scheiden, und du heiratest in Brüssel unter dem des Grafen von B … Aber hör’ mich nun an: Bis jetzt sind unsere Angelegenheiten ganz gut gegangen; aber das alles kann sich jeden Augenblick ändern. Wir sind schon gelegentlich auf einige Kriegsintendanten gestoßen, die etwas neugierig waren. Wir könnten da welchen begegnen, die weniger leicht zu behandeln sind, die uns die Lebensmittel abschneiden und uns in Dienst auf die „Kleine Marine von Toulon“ schicken, nämlich das Bagno. Du verstehst mich. Das Angenehmste, was dir dabei passieren kann, ist, daß du wieder Tornister und Kuhfuß in deinem alten Regiment aufnehmen mußt, immerhin unter der Gefahr, als Deserteur füsiliert zu werden. Aber wenn du dich verheiratest, dann sicherst du dir im Gegenteil eine schöne Existenz, und du versetzt dich in die Lage, deinen Freunden nützlich sein zu können. Übrigens, da wir gerade bei diesem Kapitel sind, machen wir doch einmal unsere kleinen Verträge: Deine Frau hat hunderttausend Gulden Rente; du wirst jedem von uns eine Pension von tausend Talern aussetzen, im voraus zahlbar. Und ich kriege überdies noch eine Prämie von dreißigtausend Franken dafür, daß ich einen Grafen aus einem Bäckerssohn gemacht habe.“

Ich war schon ziemlich mürbe; aber diese Rede, in der der General mir sehr geschickt alle Schwierigkeiten meiner Lage auseinandergesetzt hatte, siegte vollends über meinen Widerstand – der ja, um die Wahrheit zu sagen, nicht allzu hartnäckig gewesen war. Ich willigte also in alles ein. Wir begeben uns zur Baronin und der Graf von B … fällt ihr zu Füßen. Während ich diese Szene spiele, dringe ich, was man kaum glauben wird, so gut in den Geist meiner Rolle ein, daß ich mich einen Augenblick lang selbst täusche, was, wie man sagt, den Lügnern manchmal begegnet. Die Baronin ist entzückt von den Äußerungen und den Gefühlsworten, die die Situation mir eingibt. Der General trägt den Triumph meiner Erfolge davon, und alle sind in gehobener Stimmung. Hier und da entschlüpften mir ja freilich einige Ausdrücke, die etwas nach Kneipe rochen, aber der General hatte die Baronin schon sorglich darauf aufmerksam gemacht, daß die politischen Wirren schuld an der sonderbaren Vernachlässigung meiner Erziehung trügen, und mit dieser Erklärung war sie zufrieden.

Man setzt sich zu Tisch; das Diner geht glücklich vorüber. Beim Dessert raunt mir die Baronin ins Ohr: „Ich weiß, mein Freund, Ihr Vermögen ist in den Händen der Jakobiner. Aber Ihre Eltern, die in Hamburg sind, könnten sich doch in Verlegenheit befinden. Machen Sie mir das Vergnügen, ihnen einen Wechsel über dreitausend Gulden zu senden; den wird Ihnen morgen früh mein Bankier zustellen.“ Ich begann ihr meinen Dank zu sagen, aber sie unterbrach mich und verließ den Tisch, um sich in den Salon zu begeben. Ich ergreife den Augenblick, um dem General zu sagen, war mir eben passiert ist. „Ha! Du Dummerjahn,“ sagte er, „glaubst du, du sagst mir damit etwas Neues? … Ich habe doch überhaupt die Baronin erst auf den Gedanken gebracht, deine Eltern könnten Geld nötig haben … Für den Moment sind aber diese Eltern wir … Unsere Kapitalien nehmen ab, und irgendeinen Streich wagen, um sich Geld zu verschaffen, daß hieße mutwillig das Gelingen unserer großen Sache aufs Spiel setzen … Ich übernehme es, den Wechsel einzulösen … Gleichzeitig habe ich der Baronin beigebracht, daß du doch etwas Geld vor der Hochzeit brauchst, um ein bißchen nach etwas auszusehen, und es ist schon abgemacht, daß du von jetzt bis zur Eheschließung fünfhundert Gulden monatlich bekommst.“ Und wirklich fand ich diese Summe am anderen Morgen auf meinem Schreibtisch, und auf dem Schreibtisch hatte man auch ein kleines Kästchen mit kostbarer Ziselierung und Edelsteinen hingestellt.

Indessen der Geburtsschein des Grafen von B …, dessen Namen ich ja angenommen hatte, und den der General ebenso wie die anderen Papiere hatte fabrizieren lassen wollen, dieser Geburtsschein kam nicht an. Die Baronin, deren Verblendung jenen Personen, die nicht wissen, wie weit die Leichtgläubigkeit Betrogener und die Frechheit der Betrüger gehen kann, unglaublich vorkommen muß, willigte nunmehr ein, mich unter dem Namen Rousseau zu heiraten. Ich hatte dafür alle Papiere, um mich ausweisen zu können. Mir fehlte nur noch die Einwilligung meines Vaters, und nichts war leichter, als sich so etwas zu besorgen, nämlich mit Hilfe von Labbre, den wir ja bei der Hand hatten. Aber obwohl die Baronin eingewilligt hatte, mich unter einem Namen zu heiraten, der, wie sie wohl wußte, nicht der meinige war, so konnte es doch geschehen, daß sie abgeneigt war, Mitwisser und Mitschuldiger bei einer Fälschung zu sein, die zur Entschuldigung nicht mehr die Rettung meines Lebens hatte. Wir stritten uns noch herum, um aus dieser Verlegenheit einen Ausweg zu finden. Da erfuhren wir, der Personalstand der Fliegenden Armee sei in dem eroberten Landstrich so beträchtlich geworden, daß die Regierung endlich die Augen aufmachte und die strengsten Maßregeln zur Unterdrückung dieses Unfugs erließ. Wir legten also die Uniformen ab und glaubten, daß wir nun nichts mehr zu fürchten hätten. Aber die Nachforschungen wurden derartig energisch abgehalten, daß der General Hals über Kopf die Stadt verlassen mußte und nach Namur ging, weil er glaubte, dort weniger aufzufallen. Ich erklärte der Baronin die plötzliche Abreise damit, daß ich ihr sagte, der General sei in Ungelegenheiten geraten, weil er mir, da ich unter falschem Namen lebte, Gefälligkeiten erwiesen habe. Dieser Vorfall flößte der Baronin die größten Besorgnisse für mich selbst ein, und ich konnte sie nicht eher beruhigen, als bis ich nach Breda abreiste, wohin sie mich durchaus begleiten wollte.

Es würde mir schlecht stehen, wenn ich den Sentimentalen spielen wollte, und es hieße den Ruf von Feingefühl und Takt, den man mir doch im allgemeinen so ziemlich zubilligt, bloßstellen, wenn ich hier mit schönen Gefühlen protzen wollte. Man kann mir also hier glauben, wenn ich einfach erkläre, daß soviel Zuneigung mich rührte. Die Stimme der Gewissensbisse, für die man mit neunzehn Jahren nie ganz und gar taub ist, regte sich. Ich sah den Abgrund, in den ich diese prachtvolle Frau, die sich so großmütig gegen mich zeigte, hineinziehen mußte. Ich sah voraus, wie sie bald mit Abscheu den Deserteur, Landstreicher, den Bigamisten, den Fälscher zurückstoßen würde, und diese Vorstellung bewog mich, ihr alles zu gestehen. Ich war nun fern von jenen, die mich in diese Intrige verwickelt hatten – eben waren sie übrigens in Namur verhaftet worden; und so wurde ich in meinem Entschluß noch bestärkt. Eines Abends, als wir gerade das Nachtessen beendet hatten, entschied ich mich, das Geheimnis zu verraten. Ich ging nun nicht auf die Einzelheiten meiner Abenteuer ein, sondern ich sagte der Baronin, daß Umstände, die ich ihr unmöglich erklären könnte, mich gezwungen hätten, in Brüssel unter diesen beiden Namen, welche sie kannte, und die nicht die meinigen seien, aufzutreten. Ich setzte nun hinzu, daß jetzt die Ereignisse mich zwängen, die Niederlande zu verlassen, ohne eine Verbindung schließen zu können, die mein Glück gemacht hätte; aber daß ich ewig das Gedächtnis an die Bezeugungen der Güte, die sie für mich gehabt habe, bewahren würde.

Ich sprach lange und, da die Erregung über mich kam, so sprach ich mit einer Wärme und einer Leichtigkeit, an die ich seitdem nicht habe denken können, ohne zu staunen. Es schien mir, daß ich nur fürchtete, die Antwort der Baronin zu hören. Sie hörte mich an, unbeweglich mit bleichen Wangen, mit starrem Auge, wie eine Nachtwandlerin, ohne mich zu unterbrechen. Dann sah sie mich an mit einem Blick des Entsetzens; sie erhob sich brüsk, lief in ihr Zimmer und schloß sich ein. Ich habe sie nicht wiedergesehen … Sie mußte natürlich über diesen Rattenkönig von Betrügereien sehr unglücklich sein, aber ebenso hatte vermutlich das freiwillige Geständnis, das ich ihr eben abgelegt hatte, ihre Unruhe etwas beschwichtigt. Und die Beruhigung gewann offenbar auch bei ihr die Oberhand, denn am anderen Tage, als ich aufstand, übergab mir mein Wirt eine Kassette mit fünfzehntausend Franken in Gold, die ihm die Baronin vor ihrer Abreise um ein Uhr morgens für mich übergeben hatte. Auch das letztere vernahm ich mit angenehmen Gefühlen; denn ihre Gegenwart drückte auf mich. Nun hielt mich ja nichts mehr in Breda zurück. Ich packte meine Koffer, und einige Stunden später war ich auf dem Wege nach Amsterdam.

Mein Aufenthalt in Amsterdam war von sehr kurzer Dauer. Ich brannte darauf, endlich Paris wiederzusehen. Ich erhob den Betrag der zwei Wechsel, die einen Teil des Geldes der Baronin ausmachten, und am 2. März 1796 hielt ich meinen Einzug in diese Stadt, wo mein Name eines Tages soviel Lärm machen sollte. Zuerst wechselte ich meine Dukaten in französisches Geld und verkaufte eine Menge von kleinen Edelsteinen und Luxussachen, die ich nicht mehr brauchte, denn ich hatte die Absicht, mich in irgendeinem Flecken in der Umgebung niederzulassen und irgendeinen Beruf zu ergreifen. Aber es sollte nicht zur Ausführung dieses Planes kommen.

Eines Abends schlug mir einer jener Herren, die man stets in den Hotels findet, wo sie Bekanntschaft mit den Reisenden machen, vor, mich in ein Haus zu führen, in dem man spielte. Aus Mangel an anderer Beschäftigung ließ ich mich hinführen und vertraute dabei auf meine Erfahrung aus dem türkischen Café und dem Café de la Monnaie. Aber bald bemerkte ich, daß die Spitzbuben von Brüssel nur schäbige Lehrlinge waren im Vergleich zu den alten Praktikern, mit denen ich nun spielte. Heutigentags hat der Bankhalter im Spiel den Vorteil, daß bei gleichen Karten er gewinnt, und weiter den ungeheueren Vorteil, daß er immer im Spiel ist. Sonst sind aber die Chancen mit denen der anderen beinahe gleich. Aber zu der Zeit, von der ich spreche, da hatte die Polizei noch jene Privatspielhöllen geduldet, die man Krawattenfabriken nennt. Und dort begnügte man sich nicht damit, die Karten nach den verschiedenen Farben zu mischen, sondern die Eingeweihten hatten unter sich noch Verständigungszeichen, die so kombiniert waren, daß ein Fremder notwendigerweise hereinfallen mußte. Zwei Abende machten mich um ungefähr hundert Louisdor leichter, und daran hatte ich so ziemlich genug. Aber es stand geschrieben, daß das Geld der Baronin kein Bleibens bei mir haben sollte. Dem Schicksal kam eine sehr hübsche Frau zu Hilfe, die ich an einer Table d’hote traf, wo ich manchmal aß. Rosine, wie sie hieß, zeigte zuerst eine musterhafte Uneigennützigkeit. Schon seit einem Monat war ich ihr erklärter Liebhaber, und sie hatte mir nur Diners, Theater, Wagen, Stoffe, Handschuhe, Bänder, Blumen und dergleichen gekostet, lauter Sachen, die in Paris „so gut wie nichts kosten“ … wenn man sie nicht bezahlt.

Ich war immer verliebter in Rosine und verließ sie keinen Augenblick. Eines Morgens, als ich mit ihr frühstücke, finde ich sie sorgenvoll. Ich bestürme sie mit Fragen, sie weicht mir aus, und endlich gesteht sie mir, daß sie von einigen Kleinigkeiten, die sie ihrer Modistin und ihrem Tapezierer schuldig sei, beunruhigt werde. Ich biete mit Eifer meine Dienste an. Sie weist sie mit außerordentlicher Seelengröße zurück, und ich kann nicht einmal die Adresse der beiden Gläubiger bekommen. Viele honette Leute hätten die Sache auf sich beruhen lassen, aber ich, als ein wahrer Paladin, hatte keinen Augenblick Ruhe, bis mir Divine, die Kammerfrau, die kostbaren Adressen gegeben hatte. Von der Rue Vivienne, wo Rosine wohnte – sie ließ sich übrigens Madame de Saint-Michel nennen – laufe ich zu dem Tapezierer in der Rue de Cléry. Ich nenne den Zweck meines Besuchs. Sofort werde ich mit Liebenswürdigkeiten überschüttet, wie das unter solchen Umständen üblich ist. Man überreicht mir die Rechnung, und zu meiner Bestürzung sehe ich, daß sie zwölfhundert Franken beträgt. Nun war ich schon zu weit gegangen, um wieder umkehren zu können; ich bezahle also. Bei der Modistin dieselbe Szene, dieselbe Entwicklung, nur mit einem Unterschied von etwa hundert Franken. Nun, das konnte schon den Kühnsten etwas abkühlen. Aber noch war das letzte Wort nicht gesprochen. Einige Tage nachdem ich die Gläubiger bezahlt hatte, wurde ich veranlaßt, für zweitausend Franken Schmucksachen zu kaufen! Aber alle anderen Ausgaben gingen trotzdem und unabhängig davon weiter. Ich sah wohl etwas verwirrt, wie mein Geld dahinging, aber da ich immer vor dem Moment der Untersuchung meiner Kasse zurückschrecke, schiebe ich das von Tag zu Tag auf. Endlich gehe ich doch daran und finde, daß ich in zwei Monaten die bescheidene Summe von vierzehntausend Franken herausgeschmissen habe. Diese Entdeckung brachte mich auf ernsthafte Gedanken. Rosine bemerkte sogleich mein verändertes Wesen. Sie ahnte, daß meine Finanzen auf dem Tiefstande angelangt seien. Die Weiber haben in dieser Hinsicht eine Witterung, die sie selten täuscht. Ohne nun gerade mir gegenüber Kälte zu bezeugen, zeigte sie sich doch etwas mehr reserviert. Und da ich ihr darüber mein Erstaunen äußerte, so antwortete sie mir mit einer gemachten Grobheit, daß „Privatangelegenheiten ihr schlechte Laune verursachten“. Das war eine Falle; aber ich war durch mein erstes Eingreifen in ihre „Angelegenheiten“ schon so gewitzigt worden, daß ich mich nicht mehr hineinmischen wollte, und so bat ich sie mit einer gemacht gerührten Miene, sich doch nur in Geduld zu fassen. Darüber wurde sie nur noch mürrischer. Einige Tage vergingen so unter Murren. Endlich platzte die Bombe.

In der Folge einer ganz unbedeutenden Diskussion sagte sie zu mir im allerimpertinentesten Tone, sie „liebe es nicht, gekränkt zu werden, und diejenigen, die sich mit ihrer Art nicht abfinden könnten, die sollten doch zu Hause bleiben“. Das war deutlich gesprochen. Aber ich hatte die Schwäche, es nicht verstehen zu wollen. Neue Geschenke verschafften mir für einige Tage eine Zärtlichkeit, über die ich mich trotzdem nicht hätte täuschen dürfen. Nun kannte Rosine den ganzen Vorteil, den man aus meiner blinden Ergebenheit ziehen konnte, und so kam sie bald wieder mit der Bitte um die Summe eines Wechsels von zweitausend Franken, den sie unter Gefahr der Gefängnisstrafe einlösen mußte. Rosine im Gefängnis! Dieser Gedanke war mir unerträglich, und ich war schon im Begriff, neue Opfer zu bringen, als der Zufall mir einen Brief in die Hände spielte, der mir die Augen öffnete.

Es war von dem „Brotliebsten“ Rosinens, der von Versailles aus, wo er hingesetzt worden war, fragte, wann denn der Trottel verschwinden würde, damit endlich er wieder auf der Bildfläche erscheinen können. Ich hatte dieses angenehme Briefchen gerade den Händen von Rosinens Portier entrissen. Ich steige sofort hinauf zu ihr; sie war ausgegangen. Voll von Wut und Erniedrigung zu gleicher Zeit konnte ich nicht an mich halten. Ich war gerade im Schlafzimmer: mit einem Fußtritt schmeiße ich ein Tischchen mit Porzellan um, dann fliegt der Spiegel, den eine Psyche hält, in Splitter. Divine, die Kammerfrau, die mich nicht aus den Augen gelassen hatte, wirft sich auf die Knie und fleht mich an, dieses Benehmen zu lassen, das mir noch teuer zu stehen kommen konnte. Ich sehe sie an, ich zögere einen Moment, und ein Rest von Vernunft läßt mir aufdämmern, daß sie recht haben könnte. Ich bestürme sie mit Fragen; und dieses arme Mädchen, das ich immer sanft und gutmütig gefunden hatte, erklärt mir das ganze Verhalten ihrer Herrin. Es war einer von den Berichten, die sich in Paris täglich wiederholen.

Als Rosine mich kennen lernte, war sie schon seit zwei Monaten ohne „Kavalier“. Nach den Ausgaben, die sie mich machen sah, hielt sie mich für sehr reich, und sie beschloß die Umstände auszunutzen. Ihr Geliebter, der, dessen Brief ich in die Hand bekommen hatte, hatte sich mir ihr besprochen, nach Versailles zu gehen und dort so lange zu wohnen, bis man mit meinem Geld Schluß gemacht haben würde. Das war auch der Geliebte gewesen, den man wegen des Wechsels bedrohte, und ihn hatte ich so edelmütig ausgelöst. Die Schulden bei der Modistin und beim Möbelhändler waren auf ähnliche Art Schwindel.

Während ich meine Dummheit verwünschte, war ich doch immerhin erstaunt, daß ich die Dame, die mir so nett mitgespielt hatte, nicht nach Hause kommen sah. Aber Divine sagte mir, wahrscheinlich sei sie von der Portiersfrau benachrichtigt worden, daß ich den Brief aufgegriffen habe; sie würde wohl sobald nicht wiederkommen. Die Vermutung bestätigte sich. Als Rosine von der Katastrophe erfuhr, die sie hinderte mir auch die letzte Feder auszurupfen, war sie sofort im Wagen nach Versailles gefahren, um dort einen „Bekannten“ zu treffen. Die paar Flitter, die sie in der gemieteten Wohnung zurückließ, waren nicht so viel wert, daß sie der Miete von zwei Monaten, die Rosine dem Hauswirt schuldete, entsprochen hätten. Und dieser Hauswirt kam gerade, als ich gehen wollte, und zwang mich noch rasch das Porzellan und die Psyche zu bezahlen, an der ich meine erste Wut ausgelassen hatte. Diese harten Angriffe hatten meine ohnehin schon zerrütteten Finanzen vollends ruiniert. Vierzehnhundert Franken!!! Das war alles, was mir von den Dukaten der Baronin geblieben war. Ich bekam eine gewisse Angst vor der Hauptstadt, die mir so verderblich gewesen war, und ich beschloß, wieder nach Lille zu gehen, denn da kannte ich ja alle Verhältnisse, und dort konnte ich wenigstens Hilfsmittel finden, die ich in Paris vergebens gesucht hatte.

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