Dreizehntes Kapitel – Das Schiff der Sträflinge

Es verstrichen acht Tage, während deren ich den Rekrutierungskommissar nur ein einziges Mal sah. Dann wurde ich mit einem Transport von Arrestanten und Deserteuren nach Lille befördert. Es war sehr zu befürchten, daß ich in dieser Stadt, in der ich schon so oft gewesen war, erkannt würde. Kaum erfuhr ich, daß wir dorthin gebracht würden, so ergriff ich solche Vorsichtsmaßregeln, daß selbst die Gendarmen, die mich früher transportiert hatten, mich nicht wiedererkannt hatten. Ich bedeckte mein Gesicht mit einer dicken Schicht von Schmutz und Ruß, und blies meine Backen so auf, daß ich einem jener Posaunenengel auf den Kirchenfresken glich, die zum jüngsten Gericht trompeten.

So zugerichtet kam ich ins Militärgefängnis „Égalité“ an, wo ich einige Tage bleiben sollte. Um die Langeweile der Haft zu verkürzen, riskierte ich es ein paarmal, in die Kantine zu gehen: ich hoffte dadurch irgendeine Möglichkeit zur Flucht zu finden. Das Zusammentreffen mit einem Matrosen, den ich von der „Barras“ her kannte, schien mir eine günstige Vorbedeutung zur Ausführung meines Vorhabens zu sein. Nach beendeter Mahlzeit zog ich mich auf meine Zelle zurück. Ich mochte dort etwa drei Stunden verbracht haben, in Nachdenken versunken, wie ich die Freiheit erlangen könnte, als der Matrose bei mir eintrat und mich aufforderte, mit ihm das Mittagessen zu verzehren, das ihm seine Frau gerade gebracht hatte. Der Matrose war also verheiratet. Mir kam der Gedanke, daß seine Frau mir vielleicht Frauenkleider oder irgendeine andere Verkleidung verschaffen könnte. Noch ganz voll von diesem Gedanken komme ich in die Kantine hinunter und trete an den Tisch. Plötzlich vernehme ich einen Schrei, eine Frau wird ohnmächtig, die Frau meines Kameraden … ich will ihr helfen, aber da kann ich einen Schrei nicht zurückhalten … Himmel, es ist ja Francine! … Und über meine Unvorsichtigkeit erschrocken, versuche ich meine erste Bewegung zu unterdrücken. Die erstaunten Zuschauer dieser Szene umringen mich, man bestürmt mich mit Fragen. Nach einem kurzen Schweigen antworte ich, indem ich das Märchen erfinde, ich hätte in ihr meine Schwester zu erkennen geglaubt.

Dieser Vorfall blieb jedoch ohne Folgen. Am nächsten Tage zogen wir bei Sonnenaufgang weiter. Ich war bestürzt, als ich sah, daß man, statt den gewöhnlichen Weg über Lens zu nehmen, die Richtung nach Douai einschlug. Weshalb diese Anordnung? Ich glaubte zuerst, Francine hätte schuld daran, aber bald erfuhr ich, daß man ganz einfach die vielen Widerspenstigen, die in Combai im Gefängnis saßen, in Arras abladen wollte.

Francine, die ich in so unberechtigter Weise verdächtigt hatte, erwartete mich an der ersten Haltestelle … Ungeachtet der Gendarmen wollte sie mich durchaus sprechen und umarmen. Sie weinte viel, ich ebenfalls. Mit wieviel Bitternis warf sie sich ihre Untreue vor! Ihre Reue war aufrichtig; ich verzieh ihr von Herzen. Als ich auf Befehl der Gendarmen mich von ihr trennen mußte, ließ sie mir zweihundert Franken in Gold in die Hand gleiten.

Endlich waren wir in Douai. Nun sind wir vor der Tür des Departementsgefängnisses. Ein Gendarm zieht die Klingel. Wer macht da auf? Dutilleul, derselbe Aufseher, der mich nach den Folgen meines Fluchtversuches einen Monat lang gepflegt hatte. Er scheint mich aber nicht zu bemerken. In der Kanzlei treffe ich noch eine bekannte Gestalt, den Gerichtsdiener Hurtrel, aber er ist dermaßen betrunken, daß ich die Hoffnung hegen darf, er habe das Gedächtnis verloren.

Drei Tage lang bleibt alles ruhig, aber am vierten werde ich vor den Untersuchungsrichter geführt, und man fragt mich in der Gegenwart von Dutilleul und Hurtrel, ob ich nicht Vidocq sei. Ich beharre darauf, daß ich August Duval heiße; man könne sich davon überzeugen, wenn man nach Lorient schreibe, ferner beweise es der Umstand, daß ich in Ostende festgenommen worden sei, denn ich sei der Desertion angeklagt. Meine Beredsamkeit scheint auf den Richter Eindruck zu machen, er zögert. Hurtrel und Dutilleul aber bestehen darauf, daß sie sich nicht irren. Bald darauf erscheint Staatsanwalt Rausson und behauptet, mich ebenfalls zu erkennen, da ich mich aber nicht aus der Fassung bringen lasse, so bleibt noch ein Zweifel bestehen; und um sich Klarheit zu verschaffen, bedient man sich einer List.

Eines Morgens wird mir gemeldet, jemand wolle mich in der Kanzlei sprechen. Ich gehe hinunter und finde meine Mutter, die man aus Arras hat kommen lassen. Die arme Frau will mir in die Arme stürzen … Ich übersehe die Falle … Ich stoße meine Mutter sanft zurück und sage zu dem Untersuchungsrichter, der anwesend ist, es wäre würdelos, der armen Frau Hoffnungen über ein Wiedersehen mit ihrem Sohne zu machen, wenn es fragwürdig sei, ob ihr Sohn zur Stelle sei. Unterdessen tut meine Mutter, der ich von ferne ein Zeichen gebe, als ob sich mich aufmerksam musterte und erklärt schließlich, sie hätte sich durch eine außerordentliche Ähnlichkeit täuschen lassen. Darauf entfernt sie sich, und schimpft auf die Leute, die ihr diese falsche Freude bereitet hatten.

Richter und Aufseher werden endlich irre, als ein Brief aus Lorient ankam. Darin wurde als sicheres Merkmal zur Ermittlung der Identität des Individuums in Douai angegeben, daß der aus dem Hospital zu Quimper geflüchtete Duval am linken Arm eine Tätowierung habe. Ich wurde wieder vor den Richter geführt. Hurtrel triumphierte schon und wollte bei der Untersuchung zugegen sein. Ich schlug den Ärmel meines Rockes zurück und zeigte die Zeichnung, die aufs Tipfelchen mit der aus Lorient eingelaufenen Beschreibung übereinstimmte. Alle fielen wie aus den Wolken; was die Lage noch komplizierte, war, daß die Behörde von Lorient mich als Deserteur der Staatsmarine zurückforderte.

So vergingen vierzehn Tage, ohne daß über mein Schicksal irgendeine Entscheidung getroffen worden wäre. Endlich aber, der schlechten Behandlung müde, durch die man mich zu einem Geständnis zwingen wollte, schrieb ich an den Gerichtspräsidenten, ich sei wirklich Vidocq. Was mich zu diesem Entschluß bestimmte, war der Umstand, daß ich mit einem nach Bicêtre abgehenden Transport mitgeschickt zu werden hoffte; das geschah auch wirklich. Aber gegen alle meine Berechnung bot sich unterwegs nicht die geringste Gelegenheit zur Flucht, – so strenge wurden wir überwacht.

Am 2. April 1799 hielt ich zum zweitenmal meinen Einzug in Bicêtre. Dort fand ich viele alte Bekannte wieder. Unter anderem traf ich in Bicêtre den Kapitän Labbre, der, wie man sich wohl noch erinnert, mir in Brüssel die Papiere verschafft hatte, mit dessen Hilfe ich die Baronin d’J… betrog. Er war zu sechszehn Jahren Zuchthaus wegen eines beträchtlichen Diebstahls in Gent verurteilt worden.

Nach dem Einschmieden stellte man mich an die Spitze des ersten Zuges neben einen der berühmtesten Diebe von Paris und der Provinz. Er hieß Jossas, war aber unter dem Namen Marquis de Saint-Amand de Faral bekannt, den er gewöhnlich führte. Es war ein Mann von sechsunddreißig Jahren, von angenehmen Äußeren und – wenn’s nötig war – von feinstem Umgangston. Sein „Reisekostüm“ glich dem Anzug eines eleganten Lebemannes, der soeben aus dem Bett gestiegen ist und in sein Boudoir geht. Er trug eine silbergraue Trikothose, eine mit Astrachan besetzte Weste und ein Käppchen von derselben Farbe, darüber hatte er einen weiten Mantel, der mit scharlachrotem Sammet gefüttert war. Seine Lebensweise stand mit seiner Haltung im Einklag: auf jeder Station ließ er sich die besten Speisen kommen und bewirtete stets drei oder vier Personen vom Zuge.

Jossas hatte so gut wie keine Bildung genossen; aber er war in früher Jugend bei einem reichen Oberst in Dienst getreten, den er auf Reisen begleitete. So hatte er so gute Manieren angenommen, daß er sich in jeder Gesellschaft bewegen konnte. Weil er zu den vornehmsten Gesellschaftskreisen Zutritt hatte, nannten ihn seine Spießgesellen auch „Passe-partout“. Er hatte sich so in seine Rolle hineingelebt, daß er selbst im Bagno, als man ihn an die doppelte Kette gelegt hatte, mitten unter den elendesten Geschöpfen, noch im Sträflingskittel sein feines Benehmen beibehielt. Er hatte ein herrliches Necessaire und verwandte jeden Morgen eine Stunde auf seine Toilette; besonders pflegte er seine Hände, die wirklich schön waren.

Man kennt von Jossas eine Menge Diebstähle, die alle die feine Beobachtungsgabe und den erfinderischen Geist zeigen, die ihm in hohem Grade eigen waren. In der Gesellschaft gab er sich für einen Kreolen aus Havanna aus, und, obwohl er öfters Leute aus dieser Stadt traf, so ließ er sich nichts durchgehen, was ihn hätte verraten können. Einige Male trieb er es so weit, daß ihm von angesehenen Familien die Hand ihrer Töchter angeboten wurde. Er erkundigte sich dann nebenbei, wo die Mitgift aufbewahrt wurde und verschwand mit dem Gelde in dem Moment, da der Ehekontrakt unterzeichnet werden sollte. Am merkwürdigsten ist ein Streich, dem ein Bankier aus Lyon zum Opfer fiel.

Er verschaffte sich Zutritt im Hause unter dem Vorwand, Geldgeschäfte machen zu wollen, und wurde dort in kurzer Zeit so intim, daß es ihm gelang, Abdrücke von allen Schlössern zu nehmen. Ihm fehlte nur noch der Kassenschlüssel. Der Geldschrank war unter doppeltem Schloß in der Wand eingemauert, so daß an sein Erbrechen nicht gedacht werden konnte; außerdem trug der Kassierer den Kassenschlüssel stets bei sich. Aber all diese Hindernisse schreckten Jossas nicht ab. Er freundete sich mit dem Kassierer an und schlug ihm eines Tages vor, einen Ausflug nach Collondes zu machen. Sie fuhren im Kabriolett ab. In der Nähe von Saint-Rambert erblickten sie an einer Böschung eine Frau, der aus Mund und Nase Ströme von Blut flossen; an ihrer Seite stand ein Mann, der sich nicht zu helfen wußte. Jossas spielte den Gefühllosen. Er sagte, um das Blut zu stillen, genüge es, der Kranken einen Schlüssel auf den Rücken zu legen. Aber niemand hatte Schlüssel bei sich mit Ausnahme des Kassierers. Er gab zuerst seinen Hausschlüssel her, der genügte nicht. Ganz entsetzt über die Blutströme bot der Kassierer schließlich auch den Kassenschlüssel hin, den man mit viel Erfolg der Patientin auf das Kreuz legte. Es ist leicht zu erraten, daß sich da eine Wachsplatte befand. Die ganze Szene war abgekartet. Drei Tage danach war die Kasse leer.

Wie ich bereits sagte, spielte Jossas den großen Herrn und ging mit dem Gelde höchst verschwenderisch um. Er war außerordentlich mildtätig, und ich könnte von ihm Züge eines grotesken Edelmutes berichten, die zu prüfen ich den Moralisten überlasse. Eines Tages drang er in eine Wohnung in der Rue du Hazard, wo, wie man sagte, gute Beute zu machen war. Die Schäbigkeit des Mobiliars verblüffte ihn – aber vielleicht war der Eigentümer der Wohnung ein Geizhals? Er sucht weiter, wühlt alles durcheinander, bricht alles auf und und findet im Geldschrank nichts als ein Bündel Versatzscheine vom Leihhaus … Da holt er aus der Tasche fünf Louisdore, legt sie auf den Kamin, schreibt auf einen Zettel: „Ersatz für die verdorbenen Möbel“ und zieht sich zurück, indem er sorgfältig die Türen hinter sich abschließt, damit andere, weniger rücksichtsvolle Diebe das von ihm Verschonte nicht wegstibitzen.

Die Reise nach Bicêtre, die Jossas mit uns machte, war für ihn die dritte. Er entfloh noch zweimal, wurde aber eingefangen und starb endlich 1805 im Bagno zu Rochefort.

Bei unserer Ankunft in Montereau war ich Zeuge einer Szene, die man kennen sollte, weil sie sich wiederholen kann. Ein Sträfling namens Mauger hatte einen jungen Mann aus dieser Stadt gekannt, von dem seine Verwandten annahmen, er sei zu Zuchthaus verurteilt worden. Mauger veranlaßte nun seinen Nachbar im Zuge, das Gesicht mit einem Taschentuch zu bedecken, und sagte zu den Leuten, die herbeigelaufen kamen, der Mann mit dem Tuch vor dem Gesicht sei der betreffende. Wir setzten unseren Weg fort, aber als wir eine Viertelmeile von Montereau entfernt waren, holte uns jemand ein und übergab dem Hauptmann eine Summe von fünfzig Franken „für den Mann mit dem Tuch vor dem Gesicht“. Dieses Geld wurde abends an die Beteiligten ausgeliefert, ohne daß jemand die Ursache der Freigebigkeit ahnte.

In Sens gab Jossas ein anderes Schauspiel zum besten. Er hatte einen gewissen Sergent zu sich bestellt, dem das Gasthaus „Zum Taler“ gehörte. Kaum erblickte ihn der Mann, als er sich in Klagen erging.

„Wie!“ rief er mit Tränen in den Augen. „Sie sind’s, Herr Marquis! … Sie, der Bruder meines ehemaligen Herrn! … Ich glaubte, Sie wären schon wieder längst in Deutschland … O Gott, o Gott, welch ein Jammer!“

Jossas hatte sich nämlich bei einem Aufenthalt in Sens für einen heimlich zurückgekehrten Emigranten und den Bruder eines Grafen ausgegeben, bei dem Sergent als Koch gedient hatte. Jossas erklärte ihm, er sei in dem Augenblick, da er mit einem nachgemachten Paß über die Grenze kommen wollte, angehalten und als Fälscher verurteilt worden. Der brave Gastwirt beschränkte sich nicht auf Tränen allein. Er ließ dem noblen Galeerensklaven ein Diner servieren, an dem auch ich teilnahm, – mit einem Appetit, der zu meiner schlimmen Lage gar nicht paßte. Außer einer furchtbaren Bastonade – die zwei Sträflinge erhielten, weil sie in Beaume zu flüchten versuchten – begegnete uns nichts Außergewöhnliches bis Châlons. Hier wurden wir auf ein großes, mit Stroh beladenes Schiff gebracht, das ganz mit dichtem Segeltuch überdacht war. Hob ein Sträfling einen Zipfel des Tuches in die Höhe, um einen Blick auf die Landschaft zu werfen oder um Luft zu schöpfen, so regnete es Stockschläge auf seinen Rücken. Als wir uns der Insel Barbe näherten, sagte Jossas zu mir:

„Hier sollst du wieder etwas erleben.“

Ich erblickte am Kai der Saône einen eleganten Wagen, der auf die Ankunft unseres Schiffes zu warten schien. Kaum war das Schiff in Sicht, so streckte eine Frau den Kopf aus dem Schlage und schwenkte ein weißes Taschentuch. „Sie ist’s,“ sagte Jossas und erwiderte das Zeichen.

Als das Schiff angelegt hatte, stieg die Dame aus dem Wagen und mischte sich unter den Haufen der Zuschauer. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, denn sie war tief verschleiert. Sie blieb von vier Uhr nachmittags bis zum Abend da. Als die Menge sich verlaufen hatte, schickte Jossas den Leutnant zu ihr herüber und dieser kam bald mit einer Wurst zurück, in der fünfzig Louisdore versteckt waren. Ich erfuhr, daß Jossas das Herz dieser Dame als Marquis gewonnen hatte. Er hatte ihr durch einen Brief seine Verurteilung mitgeteilt, wahrscheinlich hat er sie diesmal ebenso erklärt wie dem Gastwirt von Sens. Diese Art von Intrigen kommt heute selten vor, zu jener Zeit war sie infolge der Revolutionszerrüttung und der sozialen Desorganisation gang und gäbe. Die verschleierte Dame kam am nächsten Tag wieder und blieb bis zum Augenblick unserer Abfahrt da. Jossas war entzückt: er hatte nicht nur seine Finanzen aufgebessert, sondern wußte nun auch eine Zuflucht für den Fall, daß er flüchten würde.

Wir waren beinahe am Ziel unserer Fahrt, als wir zwei Meilen vor Pont-Saint-Esprit von einem der auf der Rhône so gefährlichen Stürme überrascht wurden. Ein fernes Donnerrollen kündete es an. Bald fiel der Regen in Strömen; Windstöße, wie man sie sonst nur in den Tropen kennt, stürzten die Häuser um, rissen Bäume mit der Wurzel aus und peitschten die Wogen so hoch, daß sie jeden Augenblick unser Fahrzeug zu verschlingen drohten.

Das Schiff bot ein furchtbares Schauspiel dar. Beim Aufleuchten der Blitze konnte man zweihundert Menschen sehen, die gefesselt waren, gleichsam, damit ihnen auch die letzte Rettungsmöglichkeit genommen sei; sie konnten nur durch Schreie ihre Angst vor dem Tode kundgeben, den die Gewichte an den Füßen unentrinnbar machten.

Was die allgemeine Verwirrung noch vermehrte, war die Mutlosigkeit der Schiffsleute. Sie schienen an uns zu verzweifeln. Die Wache war beinahe im Begriff, das Schiff zu verlassen, denn es füllte sich im Nu mit Wasser. Nun nahm die Sachlage eine andere Wendung. Man stürzte sich auf die Stockmeister mit den Rufen: „Nieder, nieder mit allen!“ Die Dunkelheit und die Verwirrung des Moments ließen auf Ungestraftheit rechnen. Die Unerschrockensten unter den Sträflingen standen auf erklärten, niemand dürfe das Schiff verlassen, bevor man gelandet sei. Der Leutnant Thierry war der einzige, der den Kopf nicht verlor. Er versicherte, es bestände durchaus keine Gefahr, und weder er noch seine Leute dächten daran, das Schiff zu verlassen. Man glaubte es ihm um so eher, als der Sturm nachließ. Es wurde Tag, die spiegelglatte Oberfläche des Stromes hätte die stürmische Nacht vollends vergessen lassen können, wenn nicht die schlammigen Wogen Kadaver von Tieren, ganze Bäume und Trümmer von Möbeln und Häusern mit sich geführt hätten.

Dem Sturme entronnen, kamen wir in Avignon an und wurden ins Gefängnis gebracht. Hier begann die Rache der Stockmeister: sie konnten unsere sogenannte Meuterei nicht vergessen und erinnerten uns zunächst durch fürchterliche Stockprügel daran; dann aber hinderten sie das Publikum, unter den Sträflingen milde Gaben auszuteilen.

„Diesen Freibeutern wollen Sie Almosen geben?“ rief einer von ihnen, namens Vater Lami, zwei Damen zu, die sich uns nähern wollten. „Das ist rausgeworfenes Geld …“

Der Rest der Reise verlief ohne Zwischenfälle. Nach qualvollen siebenunddreißig Tagen langten wir endlich in Toulon an.

Nachdem die fünfzehn Wagen im Hafen angekommen waren, wurden die Sträflinge ausgeschifft. Ein Beamter nahm sie in Empfang und geleitete sie in den Hof des Bagno. Während der Überfahrt beeilten sich diejenigen, die Kleider von einigem Wert anhatten, sie zu verkaufen oder sie an das Publikum zu verschenken. Sobald die Bagnokleidung ausgeteilt war und uns die Handketten angelegt wurden, wie ich es schon in Brest erlebt hatte, brachte man uns an Bord eines entmasteten Schiffes, das als Bagnokanzlei diente. Hier nahmen die sogenannten „Payots“ (das heißt, Sträflinge, die den Schreiberdienst versahen) unser Signalement auf. Diejenigen, die entflohen waren, wurden an die doppelte Kette gelegt. Ein Fluchtversuch verlängerte die Strafe um drei Jahre.

Ich wurde in den Saal Nummer drei gebracht, wo die verdächtigsten Sträflinge sich befanden. Aus Furcht, sie könnten Gelegenheit zum Entfliehen finden, ließ man sie nie auf Arbeit gehen. Immer an die Bank geschmiedet, die kahlen Bretter als Lager, erschöpft von der schlechten Behandlung, dem Mangel an Nahrung und Bewegung – boten sie einen jämmerlichen Anblick.

Alles, was ich über die Mißstände im Bagno von Brest gesagt habe, gilt auch für Toulon. Hier herrschte dieselbe Verwirrung unter den Sträflingen, dieselbe Brutalität der Stockknechte, dieselbe Unterschlagung des Staatseigentums; nur bot sich hier den Sträflingen, die im Arsenal und im Magazin beschäftigt wurden, bedeutend mehr Gelegenheit, zu stehlen. Eisen, Blei, Kupfer, Hanf, Pech, Teer, Öl, Rum, Zwieback und Pökelfleisch nahm jeden Tag ab. Das gestohlene Gut fand um so eher seine Hehler, als die Sträflinge unter den Matrosen und den freien Arbeitern im Hafen tätige Mithelfer hatten.

Im Saal Nummer drei fand ich die größten Verbrecher vereinigt, die das Bagno aufweisen konnte. Dort sah ich einen gewissen Vidal, der selbst den Zuchthäuslern Entsetzen einjagte! … Schon mit vierzehn Jahren war er mit einer Räuberbande, deren Verbrechen er teilte, verhaftet worden; sein jugendliches Alter allein hatte ihn vom Schafott gerettet. Er wurde zu vierundzwanzig Jahren Gefängnis verurteilt; aber kaum war er im Gefängnis, da tötete er während eines Zankes mit einem Messerstich einen seiner Kameraden. Seine Gefängnisstrafe wurde infolgedessen in vierundzwanzig Jahre Zwangsarbeit umgewandelt. Er hatte sich einige Jahre im Bagno befunden, da wurde ein Sträfling zum Tode verurteilt. Da es gerade keinen Scharfrichter in der Stadt gab, beeilte sich Vidal, seine Dienste anzubieten. Sein Anerbieten wurde angenommen, die Hinrichtung fand statt, aber Vidal mußte in besondere Verwahrung genommen werden, da seine Mitgefangenen ihn sonst mit den Ketten erschlagen hätten. Aber alle Drohungen hinderten ihn nicht, bald darauf sein abscheuliches Amt noch einmal zu vollziehen. Ferner gab er sich dazu her, den Verurteilten körperliche Züchtigungen zu verabfolgen. Als 1794 in Toulon sich ein Revolutionstribunal gebildet hatte, wurde Vidal beauftragt, dessen Befehle zu vollziehen. Er glaubte sich sogar frei, aber als der Terror vorbei war, setzte man ihn wieder ins Zuchthaus, wo er sehr streng bewacht wurde.

An dieselbe Bank mit Vidal war ein Jude Deschamps angekettet, einer der Teilnehmer am berühmten Kronjuwelendiebstahl, der im September 1792 während mehrerer Nächte im Hause des heutigen Marineministeriums begangen wurde und deren Beute sich auf 25 Millionen Franken belaufen haben sollte.

Deschamps, dem die Initiative dieses Diebstahls gehörte, war als erster in die Galerie eingestiegen. Zuerst hatte er nur zwei Gehilfen, die auf Wache standen: Bernard Salles und Dacosta; in der dritten Nacht kamen mehrere andere hinzu, darunter einige gewerbsmäßige Diebe von hohem Kaliber, die man freundlichst eingeladen hatte, teilzunehmen. Das Hauptquartier war damals ein Billardlokal in der Rue de Rohan; man machte übrigens aus der Sache so wenig ein Geheimnis, daß am Tage nach dem ersten Diebstahl einer der Diebe, Paumettes, während er mit Weibern in der Rue d’Argenteuil speiste, auf den Tisch eine Handvoll Diamantrosen und kleiner Brillanten warf. Die Hauptanführer des Diebstahls wurden erst entdeckt, als einer von ihnen, Durand, wegen Fabrikation von falschen Assignaten verhaftet wurde und, um Begnadigung zu erwirken, die Sache angab. Durch diese Angaben fand man auch den „Regenten“[1]. Man fand ihn in Tours im Rock einer Frau namens Lelièvre eingenäht, die wegen des Krieges nicht nach England herüberkonnte und daher den Stein in Bordeaux an einen Freund von Dacosta, an einen Juden, verkaufen wollte. Man dachte zuerst, den Stein in Paris zu veräußern, aber sein Wert, der auf zwölf Millionen geschätzt wurde, hätte Verdacht erregen können. Ebenso hatte man von dem Plan Abstand genommen, den Stein zerteilen zu lassen, denn man hätte durch den Steinschneider verraten werden können.

Der größte Teil dieser Diebesbande wurde jedoch nach und nach festgenommen.

Im Saale Nummer drei war ich von Deschamps nur durch einen gewerbsmäßigen Einbrecher Louis Mulot getrennt. Dieser war der Sohn des bekannten Cornu, der lange Zeit der Schrecken der Normandie war. Als Viehhändler verkleidet, trieb er sich auf Jahrmärkten herum, merkte sich die Kaufleute, die große Geldsummen bei sich hatten, lauerte ihnen dann auf und ermordete sie. Er war in dritter Ehe mit einem jungen und hübschen Mädchen aus Bernai verheiratet. Anfänglich verheimlichte er ihr sein furchtbares Gewerbe, aber bald mußte er entdecken, daß sie seiner in allem würdig war. Von nun an beteiligte er sie an allen seinen Unternehmungen. Sie bereiste als Hausiererin ebenfalls die Jahrmärkte, freundete sich mit den reichen Bauern an, und mehr als einer von ihnen fand den Tod bei einem galanten Stelldichein. Sie wurden mehrmals verdächtigt, jedoch vermochten sie jedesmal ein Alibi beizubringen, dank den ausgezeichneten Pferden, mit denen sie versorgt waren.

Im Jahre 1794 bestand die Familie Cornu aus Vater, Mutter, drei Söhnen, zwei Töchtern und den Liebhabern der Töchter. Die Kinder wurden von frühester Jugend auf an die Verbrechen gewöhnt, indem man sie zur Spionage verwendete oder sie ausschickte, Feuer an einen Heuschober zu legen. Das jüngste der Mädchen, Florentine, die zuerst einen Widerwillen gegen das Verbrechen äußerte, wurde dadurch abgebrüht, daß man sie zwei Stunden lang in ihrer Schürze den Kopf einer Pächtersfrau aus der Gegend von Argentan tragen ließ …

Später kam sie über alle Skrupel hinweg. Sie hatte zum Liebhaber den Raubmörder Capelu, der 1802 in Paris hingerichtet wurde. Als die Familie sich in eine Wegelagererbande verwandelte, die die Gegend zwischen Caën und Falaise unsicher machte, da war es Florentine, die den unglücklichen Bauern Gegenstände abpreßte, indem sie ihnen eine brennende Kerze unter die Achselhöhle hielt oder brennenden Zunder zwischen die Zehen legte.

Cornu wurde in der Nähe von Vernon verhaftet, in dem Moment, als er in einem Gutshof einbrechen wollte. Er wurde nach Rouen gebracht, vor das Kriminalgericht gestellt und zum Tode verurteilt. In der Zeit, da er auf die Entscheidung des Appellationsgerichts wartete, kam seine Frau, die freigeblieben war, jeden Tag zu ihm, brachte ihm Lebensmittel und tröstete ihn. „Aber höre doch,“ sagte sie eines Tages zu ihm, als sie ihn düsterer als gewöhnlich sah, „höre, Joseph, man könnte glauben, du hättest Angst vor dem Tode … Benimm dich doch wenigstens nicht blöd, wenn du auf dem Karren sitzt … Was sollten sonst die Brüder von dir denken …“

„Gewiß,“ sagte Cornu, „das alles wäre ja ganz nett, wenn es sich nur nicht um den Kopf handelte!“

„Rede doch keinen Quatsch, Joseph! Ich bin ja nur ein Weib, aber ich würde aufs Schafott wie zur Messe steigen, besonders an deiner Seite, mein armer Joseph! Ja, ja, so wahr ich Margareth heiße, ich würde nur zu gerne mit dir sterben.“

„Na, gewiß doch!“ erwiderte Cornu.

„Ganz gewiß,“ beteuerte Margareth. „Aber warum stehst du auf, Joseph? Wo willst du hin?“

„Nirgends,“ entgegnete Cornu. Er ging auf einen Wächter zu, der an der Korridortür stand, und rief ihm zu: „Roche, lassen Sie einmal den Aufseher kommen, ich möchte den Staatsanwalt sprechen.“

„Was!“ rief die Frau, „den Staatsanwalt! Du willst doch nicht aus der Schule plaudern? Aber Joseph, was sollen unsere Kinder von dir denken!“ Cornu schwieg, bis der Beamte kam. Dann gab er seine Frau an, und die Unglückliche wurde auf Grund seiner Aussagen zum Tode verurteilt und mit ihm zugleich hingerichtet.

Jedesmal, wenn Mulot, dem ich diese Einzelheiten verdankte, diese Geschichte erzählte, lachte er Tränen. Dennoch, meinte er, dürfe man mit der Guillotine keinen Scherz treiben. Er vermied lange Zeit alles, was ihm das Los seines Vaters, seiner Mutter, eines seiner Brüder und seiner Schwester Florentine – sie alle waren in Rouen hingerichtet worden – eintragen konnte. Wenn er von ihnen und ihrem Tode sprach, meinte er oft:

„Das kommt davon, wenn man mit dem Feuer spielt. Ich falle nicht darauf rein!“

In der Tat, sein Treiben war weniger gefährlicher Natur: er beschränkte sich auf eine Spezialität von Diebstahl, in der er exzellierte. Seine älteste Schwester, die er nach Paris mitgenommen hatte, assistierte ihm. Als Wäscherin verkleidet, mit einem Korb über dem Arm, pflegte sie Häuser aufzusuchen, die keinen Portier hatten, klopfte an allen Türen, und wenn sie sich überzeugt hatte, daß die Mieter nicht zu Hause waren, teilte sie es ihrem Bruder Mulot mit. Dieser eilte sofort, als Schlossergeselle verkleidet, herbei, mit einem Bund Nachschlüssel in der Hand und hatte im Handumdrehen das verflixteste Schloß geöffnet. Um allen Verdacht zu zerstreuen, wohnte die Schwester mit vorgebundener Schürze, das bescheidene Häubchen auf dem Kopf, und mit der Miene des Dienstmädchens, das den Schlüssel verloren hat, der Operation bei. Mulot war also, wie man steht, vorsichtig genug; dennoch wurde er ertappt und bald darauf zu Zwangsarbeit verurteilt.

* * *

↑ Diamant aus der Krone Frankreichs, der vom Regenten Philipp von Orléans gekauft wurde; einer der größten Diamanten jener Zeit. Anmerkung d. Übers.

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