Dreiundzwanzigstes Kapitel – Spitzel

Die Namen des Baron Pasquier und des Herrn Henry werden nie aus meinem Gedächtnis verschwinden. Diese beiden edlen Männer wurden meine Retter! Wieviel Dank bin ich ihnen schuldig! Sie haben mir mehr als das Leben geschenkt, für sie würde ich es tausendmal opfern, und man wird mir hoffentlich glauben, wenn ich sage, daß ich oft genug mein Leben aufs Spiel setzte, um von ihnen ein Wort, einen Blick der Anerkennung zu erhalten.

Ich atmete wieder, ich gehe frei umher, ich fürchte nichts mehr. Als Geheimagent habe ich vorgeschriebene Pflichten, und der verehrte Herr Henry gibt mir meine Instruktion; denn auf seinen Schultern ruht fast der ganze Sicherheitsdienst der Hauptstadt. Den Verbrechen zuvorkommen, die Verbrecher entdecken und sie der Staatsgewalt überliefern – das waren die Hauptpunkte, auf die sich die mir anvertrauten Funktionen zurückführen ließen. Die Aufgabe war nicht leicht zu erfüllen. Herr Henry übernahm es, meine ersten Schritte zu lenken. Er räumte mir die Schwierigkeiten aus dem Wege, und wenn ich in der Folge als Polizeimann eine gewisse Berühmtheit erlangt habe, so habe ich das den Ratschlägen und Unterweisungen des Herrn Henry zu verdanken …

Sobald ich in meiner Eigenschaft als Geheimagent installiert war, begann ich Pflaster zu treten, um Ausschau zu halten. Diese Ausflüge, bei denen ich eine Menge Beobachtungen machte, nahmen etwa zwanzig Tage in Anspruch. In dieser Zeit bereitete ich mich auf die Arbeit vor: es war mein Terrainstudium.

Eines Tages wurde ich zu dem Divisionschef bestellt. Es handelte sich darum, einen gewissen Watrin aufzuspüren, der Münzen und Banknoten fabrizierte und sie in Umlauf brachte. Watrin war bereits verhaftet gewesen, aber man hatte ihn nicht festzuhalten gewußt. Henry gab mir alle nötigen Informationen, die mich auf eine Spur bringen konnten, aber leider bezogen sich diese Informationen lediglich auf die ehemaligen Gewohnheiten Watrins. Mir wurden die Orte genannt, die er zu besuchen pflegte, aber es war kaum anzunehmen, daß er sobald wieder dahinkommen würde, denn in seiner gegenwärtigen Lage gebot die Vorsicht, alle diese Orte zu meiden. Mir blieb also nur die Hoffnung übrig, auf irgendeinem Umweg zu ihm zu gelangen. Da erfuhr ich, daß er in einem Hause auf dem Boulevard Montparnasse, wo er früher gewohnt hatte, Sachen zurückgelassen hatte. Man nahm an, daß er früher oder später sich dort einfinden würde, um sie zu holen, oder jemanden nach ihnen schicken würde. Das war auch meine Ansicht. Ich richtete infolgedessen alle meine Nachforschungen auf diesen Punkt; nachdem ich mir die Wohnung angesehen hatte, hielt ich mich Tag und Nacht in der Nähe versteckt, um alle Kommenden und Gehenden zu überwachen. Diese Überwachung mochte eine Woche gedauert haben. Endlich beschloß ich, den Hausbesitzer mit ins Einverständnis zu ziehen und ihn zu interessieren, und so mietete ich bei ihm eine Wohnung, in der ich mich mit Annette einrichtete. Meine Gegenwart konnte keinen Verdacht mehr erregen.

Ich mochte dort etwa vierzehn Tage gewohnt haben, als ich eines Abends, gegen elf Uhr, erfahre, Watrin sei in Begleitung noch eines anderen Individuums eingetroffen. Ich war etwas unwohl und hatte mich früher als sonst zu Bett gelegt. Ich stehe rasch auf, rase die Treppe hinunter, aber trotz aller Vorsichtsmaßregeln erwische ich nur Watrins Kameraden. Ich hatte kein Recht, ihn zu verhaften, aber ich glaubte, durch Einschüchterung würde ich von ihm wichtige Mitteilungen herauslocken können. Ich fasse ihn, bedrohe ihn, und er gesteht mir zitternd, er sei Schuhmacher, und Watrin wohne bei ihm in der Rue des Mauvais-Garçons Saint-Germain, Nummer vier. Mehr brauchte ich nicht. Ich hatte über dem Hemd nur einen leichten Rock angezogen; ohne mich weiter anzukleiden, eile ich vor das bezeichnete Haus und komme gerade in dem Moment an, da jemand das Haus verlassen will. Fest davon überzeugt, daß es Watrin ist, will ich ihn greifen; er entschlüpft mir, ich stürze hinter ihm her die Treppe hinauf. Im Augenblick, da ich ihn packen will, schleudert mich ein Fußtritt in die Brust zwanzig Stufen hinab. Ich springe wieder auf und verfolge ihn so lebhaft, daß er, um mir zu entkommen, sich gezwungen fühlt, durch ein Flurfenster in seine Wohnung zu schlüpfen. Ich klopfe an die Tür und fordere ihn auf, zu öffnen, er weigert sich.

Annette war mir gefolgt. Ich heiße sie, die Polizei holen, und während sie geht, tue ich so, als ob ich ebenfalls die Treppe hinunterginge. Er fällt auch wirklich auf diese Finte herein, will sich vergewissern, ob ich wirklich fort sei und steckt den Kopf zum Fenster hinaus. Darauf wartete ich bloß. Ich packe ihn am Haar, er erfaßt mich auf dieselbe Art, und so entsteht ein heftiger Kampf.

Er stemmt sich gegen die Mauer, die uns trennt, und setzt mir einen hartnäckigen Widerstand entgegen. Ich merke jedoch, daß er schwach wird; ich sammele meine Kräfte zu einem letzten Angriff, nur noch seine Füße sind im Zimmer, noch eine Anstrengung, und ich habe ihn neben mir. Ich ziehe an ihm mit aller Kraft, und er fällt mir in den Korridor. Ihm das Messer entreißen, mit dem er bewaffnet war, ihn fesseln und zum Hause hinausbringen, war die Sache eines Augenblicks. Nur von Annette begleitet, brachte ich ihn auf die Polizeipräfektur. Dort beglückwünschte mich zuerst Henry und dann der Präfekt selbst, der mir auch eine Belohnung in Geld geben ließ.

Watrin war ein Mann von seltener Geschicklichkeit; trotz seines groben Handwerks hatte er Fälschungen angefertigt, die von ungemeiner Handfertigkeit zeugten. Er wurde zum Tode verurteilt und erhielt Aufschub in dem Moment, da er das Schafott bereits bestiegen hatte. Das Gerüst war schon errichtet gewesen, es wurde wieder entfernt, und den Zuschauern wurde der Spaß verdorben. Ganz Paris kann sich dessen noch erinnern. Es hieß damals, er wollte wichtige Enthüllungen machen; da er aber nichts zu sagen hatte, so wurde die Hinrichtung einige Tage später vollzogen.

Watrin war mein erster Fang. Das war von großer Wichtigkeit. Der Erfolg dieses ersten Versuches erweckte den Neid der Beamten und der ihnen untergebenen Agenten. Die einen wie die anderen intrigierten nun gegen mich, aber vergebens. Sie verziehen es mir nicht, daß ich geschickter gewesen war, als sie; die Vorgesetzten dagegen waren mit mir sehr zufrieden, und ich verdoppelte noch meinen Eifer, um ihr Vertrauen immer mehr zu gewinnen.

Um jene Zeit war gerade eine große Anzahl von falschen Fünffrankstücken in Umlauf gebracht worden. Einige davon wurden mir gezeigt. Bei näherer Besichtigung glaubte ich in ihnen die Arbeit meines Angebers Bouhin und dessen Freundes, des Doktors Terrier, zu erkennen. Ich beschloß, mir Gewißheit darüber zu verschaffen. Ich belauschte die Schritte der beiden. Da sie mich aber kannten, konnte ich, um keinen Verdacht zu erregen, mich nicht zu weit vorwagen, und so war es ziemlich schwer, den nötigen Aufschluß zu erhalten. Doch schließlich überzeugte ich mich davon, daß ich mich nicht geirrt hatte, und die beiden Falschmünzer wurden verhaftet, als sie gerade bei ihrer Arbeit waren. Kurze Zeit darauf wurden sie zum Tode verurteilt und hingerichtet.

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