Dreißigstes Kapitel – Die Sicherheitsbrigade

Zur Zeit der Verhaftung Fossards existierte die Sicherheitsbrigade bereits, und seit 1812, daß heißt dem Jahre ihrer Errichtung, war ich nicht mehr Geheimagent. Der Name Vidocq war populär geworden, und gar zu viele kannten mich von Ansehen. Die erste Tat, die mich meiner Verborgenheit entzog, war gegen die ständigen Versammlungsorte der gewerbsmäßigen Verbrecher gerichtet. Eines Tages hatte Henry die Absicht ausgedrückt, eine Razzia bei Dénoyez zu machen; das war eine Spelunke, die von üblem Gesindel jeder Sorte besucht wurde. Yvrier, einer der Polizeioffiziere, ließ dabei die Bemerkung fallen, dazu brauche man mindestens ein Bataillon.

„Ein Bataillon,“ rief ich aus, „warum nicht gleich die ‚große Armee‘? Ich wenigstens mach’ es mit acht Mann!“

Yvrier wurde ganz rot vor Zorn und sagte, ich redete Unsinn.

Aber ich bestand auf meinen Vorschlag, und erhielt Order zu handeln. Der Kreuzzug, den ich unternahm, war gegen Diebe, entsprungene Arrestanten und einen großen Teil Deserteure der Kolonialarmee gerichtet. Ich versah mich mit Handschellen und zog in Begleitung von zwei Hilfsbeamten und acht Gendarmen ab. Bei Dénoyez trete ich mit zwei Gendarmen in das Lokal. Ich fordere die Musik auf, zu schweigen, sie gehorcht; aber zugleich entsteht ein fürchterlicher Radau, und man schreit: „Raus! Raus mit ihm!“ Es ist keine Zeit zu verlieren, den Schreiern muß ein Schnippchen geschlagen werden, bevor sie noch vom Worte zur Tat übergehen.

Sofort ziehe ich mein Papier hervor und fordere im Namen des Gesetzes alle Anwesenden, mit Ausnahme der Frauen, auf, hinauszugehen. Zuerst macht man einige Schwierigkeiten, aber nach wenigen Minuten fügen sich selbst die Halstarrigsten, und der Auszug beginnt. Ich stelle mich dann am Ausgang auf, und jedem Individuum, das mir als Verbrecher bekannt ist, male ich mit Kreide ein Kreuz auf den Rücken: ein Zeichen für die Gendarmen, die draußen warten. Einer nach dem andern wird ergriffen und gefesselt. Auf die Art wurden zweiunddreißig Personen festgenommen. Der Zug wurde auf die nächste Wache, und von da auf die Präfektur geleitet.

Die Kühnheit dieses Streiches machte viel Aufsehen unter dem Volk, das die Gerichtssäle füllt; in kurzem wußten alle Einbrecher und sonstiges üble Gesindel, daß es einen Spion namens Vidocq gab. Die Verwegensten nahmen sich vor, mich bei der ersten Begegnung mausetot zu machen. Manch einer versuchte es auch wirklich, aber sie erlitten die schmählichste Niederlage, und ihr Mißerfolg setzte mich in ein so furchtbares Ansehen, daß in der Folge dieses Ansehen selbst auf die Mitglieder dieser Brigade abfärbte.

Denn bald nach der Aushebung der Verbrecherversammlung hatte ich meine eigene Brigade bekommen. Zu Anfang hatte ich nur vier Agenten, dann sechs, später zehn und schließlich zwölf. Im Jahre 1817 habe ich auch nicht mehr Agenten gehabt, und doch bewirkte ich mit dieser Handvoll Menschen in der Zeit vom 1. Januar bis zum 31. Dezember nicht weniger als siebenhundertzweiundsiebzig Verhaftungen und neununddreißig Haussuchungen, bei denen gestohlene Gegenstände zum Vorschein kamen.

Von dem Moment an, als die Diebe erfuhren, daß ich zum leitenden Mann der Sicherheitspolizei ernannt werden sollte, hielten sie sich für verloren. Was sie am meisten beunruhigte, war, daß sie mich von Menschen umgeben sahen, die früher unter ihnen gelebt und mit ihnen „gearbeitet“ hatten, und infolgedessen sie gut kannten. Die Verhaftungen, die ich im Jahre 1813 anstellte, waren nicht so zahlreich gewesen wie die des Jahres 1817, aber doch beträchtlich genug, um ihnen Angst einzuflößen.

In den Jahren 1814 und 1815 wurde ein Schwarm Pariser Diebe von den englischen Gefangenenpontons befreit, wo sie gehalten waren, und kehrte in die Hauptstadt zurück. Sie nahmen bald ihr früheres Gewerbe wieder auf. Das waren lauter Leute, die ich nie gesehen hatte, und so schmeichelten sie sich der Hoffnung, leicht meiner Wachsamkeit zu entgehen, zudem gingen sie mit einer Energie und Kühnheit sondergleichen ans Werk. In einer einzigen Nacht wurden in der Vorstadt Saint-Germain zehn Einbruchsdiebstähle begangen, sechs Wochen lang hörte man von nichts anderem reden als von Heldentaten dieser Art. Henry wußte sich gegen diese Bande nicht zu helfen und war der Verzweiflung nahe. Er lag ewig auf der Lauer, aber auch ich konnte nichts entdecken. Endlich konnte mir ein ehemaliger Dieb, den ich verhaftet hatte, einige Angaben machen, und in weniger als zwei Monaten hatte ich eine Bande von zweiundzwanzig Dieben hinter Schloß und Riegel, dann eine von achtundzwanzig, eine dritte von achtzehn und einige andere von zwölf, zehn, acht, ohne die einzelnen Diebe zu zählen und die große Menge der Hehler, die die Bevölkerung der Zuchthäuser vermehrten. Damals erlaubte man mir, in meine Brigade vier neue Agenten einzustellen; sie wurden aus der Zahl der Diebe rekrutiert, die den Vorteil hatten, die neuen Ankömmlinge früher gekannt zu haben.

Drei dieser Vertrauten: Goreau, Florentin und Coco-Lacour, die seit langem in Bicêtre saßen, baten inständig um Anstellung; sie behaupteten, vollkommen bekehrt zu sein und schwuren hoch und heilig, daß sie ehrlich vom Ertrag ihrer Arbeit leben wollten, das heißt, von dem Gehalt, das ihnen die Polizei aussetzen würde. Sie waren schon in früher Jugend auf die Bahn des Verbrechens geraten, und deshalb meinte ich, wenn sie wirklich entschlossen seien, ihre Lebensweise zu ändern, so könnten sie so wichtige Dienste leisten wie niemand sonst. Ich unterstützte ihr Gesuch, und, obwohl man mir entgegenhielt, wie leicht ein Rückfall ihrerseits möglich sei, bewirkte ich doch nach vieler Mühe unter Berufung auf den großen Nutzen, den sie leisten könnten, ihre Befreiung. Am meisten war man gegen Coco-Lacour eingenommen, denn er wurde – mit Recht oder Unrecht – beschuldigt, während seiner Amtierung als Geheimagent beim Generalinspektor Veyrat Silberzeug gestohlen zu haben. Aber Coco-Lacour war der einzige, der mein Vertrauen nicht getäuscht hat. Die beiden anderen zwangen mich nur zu bald, sie davonzujagen; später erfuhr ich, daß sie in Bordeaux von neuem verurteilt wurden. Was Coco betrifft, so kam er mir so vor, als ob er Wort halten wollte; ich irrte mich auch nicht. Da er sehr intelligent und nicht ungebildet war, so zeichnete ich ihn aus und erhob ihn zu meinem Sekretär. Bei Gelegenheit einiger Verweise, die ich ihm machte, verließ er meinen Dienst. Gegenwärtig steht nun Coco-Lacour an der Spitze der Sicherheitspolizei und wartet auf die Möglichkeit, seinerseits seine Memoiren zu veröffentlichen; vielleicht wird es interessant sein, zu sehen, durch welche Abgründe er gehen mußte, bevor er den Posten erlangte, den ich so lange einnahm. Sein Leben zeigt, daß er auf alle Nachsicht Anspruch hat; seine gänzliche Sinnesänderung mag als Beweis dafür dienen, daß auch der verdorbenste Mensch sich noch bessern kann. Die Dokumente, auf Grund deren ich die Hauptmomente aus dem Leben meines Amtsnachfolgers herausheben will, sind absolut authentisch. Da sind einige Abschnitte aus seinem Leben, die auf der Polizeipräfektur verzeichnet sind. Ich schlage die Register der Sicherheitspolizei auf und lese:

„Lacour, Marie-Barthélémy, elf Jahre alt, wohnhaft in der Rue du Lycée, wegen versuchten Diebstahls am 9. Ventose des Jahres 9 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt; elf Tage später vom Korrektionstribunal zu einem Monat Gefängnis verurteilt.“

„Derselbe, am 2. Prairial des folgenden Jahres verhaftet und in Untersuchungshaft gebracht, wegen versuchten Diebstahls von Spitzen in einem Laden. In Freiheit gesetzt noch am selben Tage durch den Polizeileutnant des zweiten Bezirks.“

„Derselbe, auf Anordnung des Polizeipräfekten am 23. Thermidor des Jahres 11 in Bicêtre eingeschlossen; am 28. Pluviose des Jahres 11 in Freiheit gesetzt und auf die Präfektur gebracht.“

„Derselbe, auf Anordnung des Polizeipräfekten am 6. Germinal des Jahres 11 in Bicêtre eingeliefert; am 22. Floréal des folgenden Jahres auf die Gendarmerie zurückgebracht und nach Le Hâvre abgeschickt.“

„Derselbe, siebzehn Jahre alt, bekannter Gauner, mehrmals als solcher verhaftet, tritt im Juli 1807 als Freiwilliger in die Kolonialtruppen. Am 31. desselben Monats in die Gendarmerie eingeliefert, um an seinen Bestimmungsort gebracht zu werden. In demselben Jahre von der Insel Rhé geflüchtet.“

„Derselbe Lacour, genannt Coco (Barthélémy) oder Louis, Barthélémy, einundzwanzig Jahre alt, geboren zu Paris, Juwelenhändler, wohnhaft Faubourg Saint-Antoine Nr. 297. Am 1. Dezember 1809 in Untersuchungshaft eingeliefert, als des Diebstahls verdächtig, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt durch die Gerichtssitzung vom 18. Januar 1810, als Deserteur den Marinebehörden übergeben.“

„Derselbe, am 22. Januar 1812 als unverbesserlicher Dieb in Bicêtre eingeliefert. Am 3. Juli auf die Präfektur gebracht.“

Lacours Jugend bot ein trauriges Beispiel von dem Unglück einer schlechten Erziehung. Alles, was ich nach seiner Befreiung über ihn ermitteln konnte, bewies, daß er von Natur aus gut veranlagt war. Unglücklicherweise waren seine Eltern arm. Sein Vater, Schneider und Portier in der Rue du Lycée, beschäftigte sich nicht besonders viel mit ihm in den ersten Jahren seines Lebens, die so oft für das Schicksal des Menschen maßgebend sind. Ich glaube außerdem, daß Coco früh Waise wurde. Aber so viel ist wenigstens gewiß, daß er sozusagen auf dem Schoß der Nachbarinnen, der Huren und Modistinnen von Paris Royal aufwuchs. Sie fanden ihn niedlich, überhäuften ihn mit Süßigkeiten und Liebkosungen und brachten ihm zugleich auch das bei, was sie „Schmiß“ nannten. So sorgten diese Damen für seine Kindheit, überall schleppten sie ihn mit: er war ihre Erholung, ihr Spielzeug; ließen ihnen ihre Amtspflichten keine Zeit für dieses unschuldige Spielzeug, so trieb sich klein Coco in dem Garten des Palais Royal herum und mische sich unter die Tagediebe, die, zwischen Lutschpfropfen und Kreisel, die Vorschule des Verbrechens sind. Es ist überflüssig, zu sagen, welcher Art die Fortschritte waren, die Coco machte, – Coco, der von Dirnen erzogen und von Verbrecherlehrlingen unterrichtet wurde. Sein Lebensweg war voller Klippen.

Endlich nahm ihn eine Frau, die sich wahrscheinlich zu seiner Rettung berufen fühlte, zu sich. Das war die Dame Maréchal, die auf der Place des Italiens ein Bordell hielt. Dort wurde Coco zwar sehr gut genährt, aber Entgegenkommen war die einzige moralische Eigenschaft, die seine Wirtin in ihm entwickelte. Er wurde auch entgegenkommend: er war entgegenkommend gegen jedermann, er paßte sich den Bedürfnissen des Etablissements an, mit dessen Einzelheiten er aufs genaueste vertraut war.

Der junge Lacour hatte bestimmte Ausgehtage und -stunden, und er wußte sie, wie es scheint, gut zu benützen, denn noch während seines Aufenthalts bei Madame Maréchal war er als einer der geschicktesten Spitzendiebe bekannt, und kurze Zeit darauf brachten ihm rasch aufeinander folgende Verhaftungen den Ruf eines erstklassigen Hochnehmers ein. Die vier, fünf Jahre Bicêtre, wo er auf administrativen Befehl als gefährlicher und unverbesserlicher Dieb eingeschlossen war, machten ihn nicht besser. Aber da lernte er wenigstens das Handwerk des Strumpfstrickers und erhielt einige Bildung. Einschmeichelnd, geschmeidig, mit einer sanften Stimme und weiblichem, wenn auch nicht schönem Gesicht, gefiel er einem gewissen Mulner, der zu sechzehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war und begnadigt wurde, seine Strafe in Bicêtre absitzen zu dürfen. Dieser Mulner, der Bruder eines Bankiers in Antwerpen, besaß immerhin Kenntnisse. Zum Zeitvertreib wurde er Cocos Lehrer und er muß sich wohl mit Liebe seiner Aufgabe gewidmet haben, denn in kurzer Zeit konnte er Mulners Sprache fließend sprechen und schreiben. Herrn Mulners Gunst war nicht die einzige Gabe, die Coco seinem angenehmen Äußeren zu verdanken hatte. Während seiner Gefangenschaft nahm sich seiner auch ein Mädchen, die sogenannte deutsche Else, an, die in ihn rein vernarrt war. Dieses Mädchen, das ihm wirklich das Leben rettete, soll von ihm nur Undank erfahren haben.

Als Lacour mein Sekretär geworden war, konnte er absolut nicht begreifen, warum seine Geliebte, die nacheinander Obsthändlerin und Wäscherin und vorher sogar noch etwas anderes gewesen war, bloß wegen der ehrenvollen Position, die er jetzt einnahm, einen etwas feineren Beruf ergreifen sollte. Wir gerieten über diesen Punkt in Streit, und anstatt mir nachzugeben, zog er es vor, sein Amt niederzulegen. Er wurde Hausierer und verkaufte auf den Straßen Taschentücher. Aber bald, so wurde mir berichtet, fühlte er sich zu dem geistlichen Orden hingezogen und trat unter das Banner der Jesuiten. Von nun ab stand er bei einigen Beamten im Geruch der Heiligkeit. Lacour besitzt die ganze Untertänigkeit, die ihn in ihren Augen empfehlen mußte. Folgende Tatsache kann ich verbürgen: Zur Zeit seiner Verheiratung legte ihm der Beichtvater eine der schwersten Bußen auf; Lacour erfüllte sie in ihrem ganzen Umfang. Einen ganzen Monat lang stand er bei Tagesgrauen auf und ging barfuß von der Rue Saint-Anne bis zum Calvarienberge. Das war der einzige Ort, wo er seine Frau sehen durfte, die ebenfalls Buße tat.

Nach der Versetzung seines Beichtigers verdoppelte Lacour noch seinen Eifer. Er wohnte damals in der Rue Zacharie, zu seinem Kirchspiel gehörte die Kirche Saint-Séverin, aber er ging trotzdem jeden Sonntag zur Messe in die Notre-Dame, wo der Zufall ihn jedesmal gerade dem neuen Präfekten und dessen Familie gegenüber brachte. Man kann natürlich Lacours Sinnesänderung nur anerkennen, zu bedauern freilich bleibt, daß sie nicht zwanzig Jahre früher stattgefunden hat. Aber schließlich – besser spät als niemals!

Lacours Benehmen ist sehr sanft, und wenn er nicht hie und da ein Gläschen über den Durst tränke, hätte man ihm keine andere Passion nachsagen können, als den Fischfang. Er wirft seine Angel in der Gegend der Pont-Neuf aus; auch jetzt noch widmet er diesem stummen Vergnügen täglich einige Stunden. An seiner Seite sieht man gewöhnlich eine Dame, die den Wurm ansteckt: es ist Frau Lacour, die in früheren Zeiten noch ganz andere Köder darbot. Lacour war gerade mit diesem unschuldigen Vergnügen beschäftigt, das er mit Seiner Majestät dem König von England und dem Dichter Coupigny teilt, als ihn die hohen Ehren ereilten. Die Abgesandten des Herrn Delavau fanden ihn bei der Angelrute, wie die Gesandten des römischen Senats einstmals Cincinnatus am Pfluge trafen. So gibt es in dem Leben großer Männer stets Vergleichspunkte: vielleicht verkaufte auch Frau Cincinnatus an die Töchter ihrer Zeit Kramwaren. Die legitime Hälfte des Herrn Coco-Lacour betreibt nämlich jetzt ein Geschäft – doch genug von meinem Nachfolger, ich kehre zu der Geschichte der Sicherheitsbrigade zurück.

Diese erhielt im Laufe der Jahre 1823 und 1824 ihre größte Ausdehnung. Die Zahl der Agenten, aus denen sie sich zusammensetzte, wurde auf Parisots Vorschlag auf zwanzig, ja sogar achtundzwanzig erhöht, dazu kamen noch acht Personen, die an Stelle der Besoldung öffentliche Spielhäuser unterhalten durften. Mit diesem so winzigen Personal mußten über zwölfhundert Entlassene aus den Zuchthäusern und Gefängnissen und ähnliche Individuen beaufsichtigt, ferner vier- bis fünfhundert Verhaftungen sowohl im Namen des Polizeipräfekten wie der Gerichtsbehörden vorgenommen, Nachforschungen angestellt, allerhand Gänge besorgt, die im Winter so beschwerlichen verschiedenartigen Nachtrunden gemacht werden. Außerdem mußte die Sicherheitsbrigade die Polizeikommissare bei Haussuchungen und beim mündlichen Verhör unterstützen, die öffentlichen Versammlungen in und außerhalb der Stadt besuchen und die Eingänge zu den Theatern, die Boulevards, die Schenken vor den Toren und alle anderen Orte, wo sich Beutelschneider und Spitzbuben ein Rendezvous geben, überwachen. Welche Tätigkeiten mußten nicht diese achtundzwanzig Personen entwickeln, um so vielen Pflichten auf einem so großen Spielraum und an so verschiedenen Stellen zu gleicher Zeit zu genügen! Meine Agenten besaßen gewissermaßen das Talent sich zu vervielfältigen, und ich verstand es, Eifer und Pflichttreue in ihnen zu wecken und zu unterhalten: stets ging ich mit dem Beispiel voran.

Bis zum Moment meines Rücktritts hat die Sicherheitspolizei – die einzig notwendige Polizei, diejenige, die den größten Teil des Budgets beanspruchen sollte – hat die Sicherheitspolizei nie mehr als dreißig Mann in ihrem Dienste gehabt, und nie mehr als fünfzigtausend Franken jährlich gekostet, von denen fünftausend auf mich persönlich kamen. Ich sage, die Sicherheitspolizei ist die einzig notwendige. Denn die politische Polizei ist es nicht. Ich werde in Zukunft über die politische Polizei nicht schweigen können. Ich werde alle großen und kleinen Triebwerke der Maschinerie zeigen, die nicht für das allgemeine Wohl da ist, sondern nur für das Interesse dessen, der sie tüchtig schmiert. Denn politische Polizei heißt: eine Einrichtung, hervorgerufen durch den Wunsch, sich auf Kosten des Staates zu bereichern, dessen Unruhe man beständig künstlich in Atem hält. Politische Polizei ist gleichbedeutend mit dem Bedürfnis, Geheimgelder aus dem Budget zu beziehen; mit dem Bedürfnis gewisser Beamten, sich selbst als unentbehrlich zu zeigen, indem der Staat in angeblicher Gefahr gezeigt wird. Vielleicht bin ich so glücklich, den geringen Nutzen jener Agenten zu zeigen, welche immer Attentate verhindern, die niemand unternimmt, Verbrechen vereiteln, die sie nie vorhergesehen haben, und die Komplotte nur unschädlich machen, wenn sie sie selbst geleitet haben.

Die politischen Polizeispione sind mir stets verhaßt gewesen, und zwar aus zwei Gründen. Nämlich: Wenn sie ihre Aufgabe nicht erfüllen, dann sind sie Betrüger; wenn sie sie aber erfüllen, dann sind sie Schurken.

Ach, man hatte wahrhaftig keine Geheimnisse vor mir, als ich an der Spitze der Polizeiabteilungen stand. Ich sah alle Minen und Konterminen. Alle Springfedern der Polizeien und Gegenpolizeien sind mir bekannt. Diejenigen, die mich alles sehen und hören ließen, betrachteten mich als ihresgleichen.

Denn … aßen wir nicht aus derselben Schüssel? –

Vor meiner Zeit sahen Ausländer und Provinzbewohner Paris als das größte wüste Raubnest an, wo man Tag und Nacht auf der Hut sein müsse, wo jeder Ankommende gewissermaßen ein Lösegeld zu bezahlen hatte. Aber seitdem werden in jedem anderen Departement mehr und furchtbarere Verbrechen begangen als in dem Paris umfassenden Seine-Departement. Ebenso bleiben in den anderen Departements mehr Schuldige unerkannt, mehr Schuldige unbestraft.

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