Drei Begegnungen

 

 Passa quei‘ colli e vieni al­le­gra­men­te,

Non ti curar di tanta com­pa­gnia –

Vieni, pen­san­do a me se­gre­ta­men­te –

Ch’io t’ac­com­pa­gna per tutta la via.

I.

Vor Jah­ren jagte ich mit be­son­de­rer Vor­lie­be in der Nähe des Kirch­dor­fes Glin­no­je, das etwa zwan­zig Werst von mei­nem Gute ent­fernt liegt. Es ist wohl das beste Jagd­ge­biet im gan­zen Land­krei­se. Nach­dem ich alle Fel­der und Ge­bü­sche nach Wild ab­ge­sucht hatte, ging ich noch re­gel­mä­ßig gegen abend zum Moor­grun­de – es war der ein­zi­ge Moor­grund in der gan­zen Ge­gend – und begab mich erst von dort zu mei­nem gast­freund­li­chen Wirte, dem Dorf­schul­zen von Glin­no­je, bei dem ich in der Jagd­zeit immer Quar­tier nahm. Vom Moor hatte ich bis zum Dorfe kaum zwei Werst zu gehen; der Weg führ­te durch eine Nie­de­rung, und nur auf der hal­ben Stre­cke mußte ich über einen nicht sehr hohen Hügel stei­gen. Auf die­sem Hügel liegt ein klei­ner Land­sitz, der aus einem un­be­wohn­ten Herr­schafts­haus und einem Gar­ten be­steht. Ich kam fast immer wäh­rend des Son­nen­un­ter­gangs vor­bei, und das von den Strah­len der Abend­son­ne über­gos­se­ne Haus mit den ver­na­gel­ten Fens­ter­lä­den er­in­ner­te mich je­des­mal an einen blin­den Greis, der aus sei­nem Käm­mer­chen her­vor­ge­kro­chen war, um sich in der Sonne zu wär­men. Der arme Greis sitzt so al­lein an der Stra­ße; statt des Son­nen­lich­tes sieht er schon längst nur ewi­ges Dun­kel; er fühlt aber noch die Sonne auf sei­nem Ge­sicht, das er zu ihr wen­det, und auf sei­nen er­wärm­ten Wan­gen. Das Haus sah so aus, als ob darin schon lange nie­mand ge­wohnt hätte; doch im win­zi­gen Hof­ge­bäu­de wohn­te ein frei­ge­las­se­ner Leib­ei­ge­ner, ein hoch­ge­wach­se­ner Greis mit sil­ber­wei­ßem Haar und aus­drucks­vol­lem, doch immer un­be­weg­li­chem Ge­sicht. Er saß meis­tens auf der Bank vor dem ein­zi­gen Fens­ter sei­nes Häus­chens und blick­te nach­denk­lich und be­küm­mert in die Ferne; so oft er mich sah, erhob er sich von der Bank und ver­beug­te sich vor mir mit jener lang­sa­men Fei­er­lich­keit, die nur den Leib­ei­ge­nen der alten Zeit, die zur Ge­ne­ra­ti­on un­se­rer Groß­vä­ter und nicht zu der un­se­rer Väter ge­hö­ren, eigen ist. Ich ver­such­te manch­mal, ihn in ein Ge­spräch zu zie­hen, er war aber un­ge­wöhn­lich wort­karg: das ein­zi­ge, was ich von ihm er­fah­ren konn­te, war, daß das Gut, in dem er wohn­te, der En­ke­lin sei­nes frü­he­ren Herrn ge­hör­te, einer Witwe, die noch eine jün­ge­re Schwes­ter hatte; daß die bei­den ir­gend­wo »hin­ter dem Meere« wohn­ten und das Gut nie­mals auf­such­ten; daß er selbst nur den einen Wunsch hatte, bald­mög­lichst sein Leben zu be­schlie­ßen: »Ich kaue und kaue mei­nen Bis­sen Brot, und manch­mal är­gert es mich, daß ich so lange daran kauen muß.« Die­ser Greis hieß Luk­janytsch.

Ein­mal jagte ich län­ger als ge­wöhn­lich; es gab be­son­ders viel Wild, ich schoß gut, auch war das Wet­ter ganz be­son­ders für die Jagd ge­eig­net – vom frü­hen Mor­gen an war der Tag still, trüb, gleich­sam vom Abend durch­drun­gen. Ich war weit vom Dorfe ab­ge­kom­men, und als ich den be­kann­ten Land­sitz er­reich­te, war es nicht nur ganz dun­kel ge­wor­den, son­dern auch der Mond war schon auf­ge­gan­gen, und die Nacht be­herrsch­te den Him­mel. Ich mußte am Gar­ten vor­bei; rings­um­her war eine selt­sa­me Stil­le …

Ich durch­quer­te die brei­te Land­stra­ße, bahn­te mir vor­sich­tig den Weg durch die staub­be­deck­ten Bren­nes­seln hin­durch, lehn­te mich an die nie­de­re Hecke und sah in den Gar­ten hin­ein. Der nicht sehr große Gar­ten lag vor mir re­gungs­los, ganz vom sil­ber­nen Mond­licht über­flu­tet und gleich­sam be­ru­higt, feucht und duf­tend; er war nach alter Mode an­ge­legt und be­stand aus einer läng­li­chen Ra­sen­flä­che, die von schnur­ge­ra­den Wegen durch­schnit­ten war; die Wege tra­fen sich in ihrer Mitte bei einem run­den Beet, auf dem As­tern wu­cher­ten; hohe Lin­den­bäu­me um­rahm­ten das Ganze wie mit gleich­mä­ßi­gem Band. Die­ses Band war nur an einer Stel­le auf der Stre­cke von etwa zwei Klaf­tern durch­bro­chen, und durch diese Öff­nung konn­te man ein Stück des nied­ri­gen Her­ren­hau­ses sehen; zwei Fens­ter des Hau­ses waren zu mei­nem größ­ten Er­stau­nen er­leuch­tet. Hie und da stan­den auf der Ra­sen­flä­che junge Ap­fel­bäu­me, und durch ihre dün­nen Zwei­ge hin­durch blau­te der milde Nacht­him­mel und flu­te­te das ein­schlä­fern­de Mond­licht; vor jedem der Ap­fel­bäu­me lag auf dem silb­rig schim­mern­den Rasen sein Schat­ten. Auf der einen Seite des Par­kes waren die Lin­den vom Mond­licht über­gos­sen und stan­den bleich und grün da; auf der an­de­ren Seite waren sie schwarz und un­durch­sich­tig; in ihrem dich­ten Laub erhob sich ab und zu ein selt­sa­mes ver­hal­te­nes Ge­flüs­ter; es war mir, als ob sie mich in ihren Schat­ten auf die sich zwi­schen ihnen ver­lie­ren­den Gar­ten­we­ge lo­cken woll­ten. Der ganze Him­mel war vol­ler Ster­ne; ihr blau­es, mil­des Licht ergoß sich ge­heim­nis­voll über die Erde, auf die sie still, doch ge­spannt her­ab­zu­bli­cken schie­nen. Leich­te Wölk­chen zogen ab und zu an der Mond­schei­be vor­bei und ver­wan­del­ten ihren ru­hi­gen Glanz in einen ver­schwom­me­nen doch hel­len Ne­bel­fleck … Alles schlief. Die durch und durch warme, durch und durch duf­ten­de Luft war re­gungs­los; ab und zu er­zit­ter­te sie so leise, wie das von einem her­ab­ge­fal­le­nen Zweig er­schüt­ter­te Was­ser … In allen Din­gen lag eine ei­gen­tüm­li­che Sehn­sucht, eine Er­war­tung … Ich beug­te mich über die Hecke: ge­ra­de vor mir erhob sich aus dem ver­wil­der­ten Gras eine Mohn­blu­me auf ihrem schlan­ken Sten­gel; ein gro­ßer run­der Tau­trop­fen glänz­te matt auf dem Boden des Blü­ten­kel­ches. Alles schlief, alles träum­te einen süßen Traum; alles stand re­gungs­los da, blick­te nach oben und war­te­te … Wor­auf war­te­te diese warme, wache Nacht?

Sie war­te­te auf einen Laut; diese lau­schen­de Stil­le war­te­te auf eine le­ben­di­ge Stim­me, – doch alles schlief. Die Nach­ti­gal­len hat­ten schon lange zu schla­gen auf­ge­hört … und das plötz­li­che Sum­men eines vor­bei­flie­gen­den Kä­fers, das Schnap­pen der Fi­sche im Setz­tei­che hin­ter den Lin­den am an­de­ren Ende des Gar­tens, das Zwit­schern eines ver­schla­fe­nen Vo­gels, ein Schrei in wei­ter Ferne, so weit, daß kein Ohr un­ter­schei­den konn­te, ob es ein Mensch, ein Tier oder ein Vogel war, – ein kur­zes ra­sches Ge­tra­be auf der Stra­ße: alle diese schwa­chen Töne ver­tief­ten nur die Stil­le … Mein Herz war von einem ei­gen­tüm­li­chen Ge­fühl er­füllt; es war wie eine Er­war­tung und zu­gleich wie die Er­in­ne­rung an ein ent­schwun­de­nes Glück; ich wagte mich nicht zu rüh­ren, ich stand un­be­weg­lich vor dem re­gungs­lo­sen, vom Mond­licht und Tau über­gos­se­nen Gar­ten und blick­te, ohne selbst zu wis­sen warum, un­ver­wandt auf die bei­den Fens­ter, die röt­lich durch das wei­che Dun­kel schim­mer­ten. Und plötz­lich er­tön­te im Hause ein Ak­kord, – er er­tön­te und roll­te wie eine Woge durch die Stil­le … Die un­heim­lich klin­gen­de Luft ant­wor­te­te mit einem lau­ten Echo … Ich fuhr un­will­kür­lich zu­sam­men.

Dem Ak­kord folg­te eine weib­li­che Stim­me … Ich horch­te ge­spannt auf und … wie soll ich nur mein Er­stau­nen schil­dern? – vor zwei Jah­ren hatte ich in Ita­li­en, in Sor­rent das­sel­be Lied und die­sel­be Stim­me ge­hört … Ja, ja …

Vieni pen­san­do a me se­gre­ta­men­te …

Ja, ich habe die Töne er­kannt … Es war da­mals so ge­we­sen: Nach einem län­ge­ren Spa­zier­gang am Mee­res­stran­de kehr­te ich heim. Ich ging mit schnel­len Schrit­ten die Gasse ent­lang; die Nacht war schon längst her­ein­ge­bro­chen, – eine herr­li­che süd­li­che Nacht, keine stil­le und me­lan­cho­li­sche wie bei uns, son­dern eine helle, strah­len­de und üp­pi­ge Nacht, schön wie eine glück­li­che Frau in der Blüte ihres Al­ters; das Mond­licht war un­ge­wöhn­lich hell; die gro­ßen strah­len­den Ster­ne schie­nen sich auf dem dunk­len Him­mel zu be­we­gen; die schwar­zen Schat­ten hoben sich scharf auf der vom Mond­licht fast gelb ge­färb­ten Erde ab. Zu bei­den Sei­ten der Stra­ße zogen sich Gar­ten­mau­ern hin; Oran­gen­bäu­me er­ho­ben hin­ter ihnen ihre krum­men Äste, mit schwe­ren gol­de­nen Früch­ten be­la­den, die bald aus dem dich­ten Laube her­vor­schim­mer­ten und bald un­ver­hüllt, im vol­len Mond­lich­te, glüh­ten. Auf vie­len Bäu­men leuch­te­ten zarte weiße Blü­ten; die Luft war von einem star­ken, fast un­er­träg­li­chen, doch un­be­schreib­lich süßen Duft er­füllt. Wäh­rend ich so nach Hause ging, waren mir alle diese Wun­der, offen ge­sagt, nicht mehr neu; ich hatte nur den einen Wunsch, – mög­lichst schnell mein Hotel zu er­rei­chen. Und plötz­lich er­klang aus einem klei­nen Pa­vil­lon, der sich über einer Gar­ten­mau­er erhob, eine weib­li­che Stim­me. Sie sang ein Lied, das ich nicht kann­te, doch in den Tönen lag etwas so sehr Lo­cken­des, die Stim­me selbst schien von einer so lei­den­schaft­li­chen und glück­li­chen Er­war­tung, die wohl auch in den Wor­ten des Lie­des lag, durch­drun­gen, daß ich un­will­kür­lich ste­hen blieb und den Kopf hob. Im Pa­vil­lon waren zwei Fens­ter; doch die Ja­lou­si­en waren her­ab­ge­las­sen, und durch die schma­len Spal­ten drang ein ganz schwa­cher Licht­schein. Die Stim­me wie­der­hol­te noch zwei­mal die Worte »Vieni, vieni« und hielt inne; dann ließ sich noch ein lei­ses Klir­ren von Sai­ten ver­neh­men, als ob eine Gi­tar­re auf einen Tep­pich ge­fal­len wäre, ein Kleid rausch­te, ein Die­len­brett knarr­te … Die hel­len Licht­strei­fen in einem der Fens­ter er­lo­schen: je­mand war von innen ans Fens­ter ge­tre­ten und hatte sich gegen das Fens­ter­kreuz ge­lehnt. Ich trat zwei Schrit­te zu­rück. Plötz­lich knarr­te das Fens­ter, der Laden wurde auf­ge­klappt; eine schlan­ke Frau­en­gestalt, ganz weiß ge­klei­det, steck­te für einen Au­gen­blick ihren rei­zen­den Kopf her­aus und rief, die Arme gleich­sam nach mir aus­stre­ckend: »Sei tu?« Ich war ganz ver­wirrt und wußte nicht, was ich sagen soll­te, doch die Un­be­kann­te schrie in die­sem Au­gen­blick schwach auf und prall­te zu­rück; der Laden wurde wie­der zu­ge­schla­gen, und der Licht­schein wurde auf ein­mal mat­ter, als ob man die Lampe in ein an­de­res Zim­mer ge­tra­gen hätte. Ich blieb un­be­weg­lich ste­hen und konn­te lange nicht zu mir kom­men. Das Ge­sicht der Frau, das ich in die­sem kur­zen Au­gen­blick ge­se­hen hatte, war un­be­schreib­lich schön. Es war viel zu schnell mei­nen Bli­cken ent­schwun­den, als daß ich mir jeden ein­zel­nen Zug hätte mer­ken kön­nen; doch der ganze Ein­druck war un­ge­mein stark und tief … Ich hatte schon da­mals das Ge­fühl, daß ich die­ses Ge­sicht nie ver­ges­sen werde … Das Mond­licht über­goß die Wand des Pa­vil­lons und fiel ge­ra­de auf jenes Fens­ter, in dem ich sie er­blickt hatte; mein Gott! – wie wun­der­bar glänz­ten im Mond­licht ihre gro­ßen dunk­len Augen! Wie herr­lich fie­len ihre halbauf­ge­lös­ten, schwar­zen Flech­ten auf die runde Schul­ter herab! Wie viel ver­schäm­te Zärt­lich­keit lag in der leich­ten Nei­gung ihres Ober­kör­pers, wie viel Lie­bes­sehn­sucht in ihrer Stim­me, als sie mich an­rief, – wie hell klang das ra­sche Flüs­tern! Nach­dem ich noch recht lange an die­ser Stel­le ge­stan­den hatte, trat ich etwas zur Seite, in den Schat­ten der ge­gen­über­lie­gen­den Mauer und blick­te von dort aus ver­ständ­nis­los und etwas blöde auf den Pa­vil­lon. Ich lausch­te … lausch­te ge­spannt und auf­merk­sam … Ich glaub­te hin­ter dem dun­kel ge­wor­de­nen Fens­ter bald ein lei­ses Atmen zu hören, bald ein selt­sa­mes Ra­scheln und ein lei­ses La­chen. Plötz­lich hörte ich in der Ferne Schrit­te … sie kamen immer näher; am Ende der Stra­ße zeig­te sich ein Mann von glei­chem Wuch­se wie ich; er kam mit schnel­len Schrit­ten zu der Pfor­te, die in der Mauer dicht neben dem Pa­vil­lon an­ge­bracht war und die ich vor­her nicht be­merkt hatte, klopf­te zwei­mal, ohne sich um­zu­bli­cken, mit dem ei­ser­nen Ring, war­te­te eine Weile, klopf­te noch ein­mal und stimm­te leise an: »Ecco ri­den­te …« Die Pfor­te ging auf und er schlüpf­te laut­los hin­ein. Ich fuhr auf, schüt­tel­te den Kopf, spreiz­te die Arme aus­ein­an­der, drück­te mir den Hut in die Stir­ne und ging ziem­lich miß­ver­gnügt nach Hause. Am nächs­ten Tage ging ich bei der gräß­li­chen Son­nen­g­lut wohl zwei Stun­den lang in der Stra­ße am Pa­vil­lon auf und ab, doch ohne jeden Er­folg. Am glei­chen Abend ver­ließ ich aber Sor­rent, ohne Tas­sos Haus be­sich­tigt zu haben.

Mag sich nun der Leser das Er­stau­nen vor­stel­len, das mich er­griff, als ich in der Step­pe, in einer der gott­ver­ges­sens­ten Ge­gen­den Ruß­lands die glei­che Stim­me und das glei­che Lied wie­der­er­kann­te … Jetzt wie da­mals war es in der Nacht; wie da­mals er­klang die Stim­me ganz plötz­lich aus einem er­leuch­te­ten un­be­kann­ten Zim­mer; wie da­mals war ich ganz al­lein. Das Herz klopf­te mir und ich frag­te mich, ob das Ganze nicht ein Traum sei. Da er­klang das letz­te »Vieni« … Wird denn auch jetzt das Fens­ter auf­ge­hen? Wird sich wie­der eine Frau­en­gestalt zei­gen? Das Fens­ter ging auf. In sei­nem Rah­men er­schien eine Frau. Ich er­kann­te sie so­fort, ob­wohl ich fünf­zig Schritt von ihr ent­fernt war, ob­wohl der Mond in die­sem Au­gen­blick von einem leich­ten Wölk­chen ver­deckt war. Es war sie, meine Un­be­kann­te aus Sor­rent. Dies­mal streck­te sie aber nicht wie da­mals ihre ent­blöß­ten Arme vor sich aus, son­dern hielt sie auf dem Fens­ter­brett ge­kreuzt und blick­te stumm und un­be­weg­lich in den Gar­ten. Ja, sie war es, es waren ihre un­ver­geß­li­chen Züge, ihre un­ver­gleich­li­chen Augen. Sie trug wie­der ein wei­tes wei­ßes Ge­wand, schien aber etwas vol­ler als in Sor­rent. Ihr gan­zes Wesen at­me­te Sie­ges­be­wußt­sein und Liebe, tri­um­phie­ren­de, ru­hi­ge, glück­li­che Schön­heit. Sie blieb ziem­lich lange un­be­weg­lich am Fens­ter ste­hen, blick­te dann ins In­ne­re des Zim­mers zu­rück, rich­te­te sich plötz­lich auf und rief drei­mal mit lau­ter und hel­ler Stim­me: »Addio!« Die herr­li­chen Töne ihrer Stim­me hall­ten weit durch die Nacht, zit­ter­ten lange nach und er­star­ben über den Lin­den des Gar­tens, im Felde hin­ter mir und über­all. Alles um mich her wurde für ei­ni­ge Au­gen­bli­cke von die­ser Frau­en­stim­me er­füllt, alles wi­der­hall­te die Stim­me, sie selbst schien in allen Din­gen zu tönen … Sie schloß das Fens­ter, und nach ei­ni­gen Au­gen­bli­cken er­losch auch das Licht im Hause.

Als ich wie­der zu mir kam – ich muß ge­ste­hen, daß es noch eine ganze Weile dau­er­te – ging ich so­fort am Gar­ten ent­lang zum ver­sperr­ten Tor und blick­te über den Zaun. Im Hofe konn­te ich nichts Au­ßer­ge­wöhn­li­ches wahr­neh­men; in einer Ecke stand unter einem Schup­pen ein Rei­se­wa­gen. Der Vor­der­teil des Wa­gens war mit Stra­ßen­kot be­spritzt und schien im Mond­lich­te grell­weiß. Die Läden des Hau­ses waren wie immer ge­schlos­sen. Ich ver­gaß vor­her zu sagen, daß ich vor die­sem Tage eine ganze Woche nicht in Glin­no­je ge­we­sen war. Ich ging über eine halbe Stun­de ganz ver­dutzt vor dem Zaune auf und ab, so daß ich zu­letzt die Auf­merk­sam­keit des alten Hof­hun­des auf mich lenk­te; er bell­te mich aber nicht an, son­dern sah mich un­ge­wöhn­lich iro­nisch mit sei­nen zu­sam­men­ge­knif­fe­nen halb­b­lin­den Augen an. Ich ver­stand den Wink und zog mich zu­rück. Ich war aber noch nicht eine halbe Werst ge­gan­gen, als ich plötz­lich hin­ter mir den Huf­schlag eines Pfer­des hörte … Nach ei­ni­gen Au­gen­bli­cken spreng­te ein Rei­ter auf einem Rap­pen an mir vor­bei; für einen kur­zen Au­gen­blick wand­te er mir sein Ge­sicht zu, so daß ich unter der tief in die Stir­ne ge­drück­ten Mütze eine Ad­ler­na­se und einen schö­nen dich­ten Schnurr­bart sehen konn­te; er schwenk­te vom Wege nach rechts ab und ver­schwand so­fort im Walde. »Das ist er also,« sagte ich mir mit einem ei­gen­tüm­li­chen Ge­fühl. Ich glaub­te ihn er­kannt zu haben; seine Figur er­in­ner­te wirk­lich an die des Un­be­kann­ten, den ich zu Sor­rent in die Gar­ten­pfor­te ein­tre­ten ge­se­hen hatte. Nach einer hal­ben Stun­de war ich schon in Glin­no­je. Ich weck­te mei­nen Quar­tier­wirt und be­gann ihn so­fort aus­zu­fra­gen, wer im Nach­bars­gu­te an­ge­kom­men sei. Als er end­lich be­griff, was ich von ihm woll­te, ant­wor­te­te er mir, daß die Guts­her­rin­nen ein­ge­trof­fen seien.

»Was für Guts­her­rin­nen?« frag­te ich un­ge­dul­dig.

»Nun, die Herr­schaf­ten,« ant­wor­te­te er sehr träge.

»Ja, was für Herr­schaf­ten?«

»Nun, wie Herr­schaf­ten eben sind …«

»Sind sie Rus­sin­nen?«

»Was denn sonst? Selbst­ver­ständ­lich Rus­sin­nen.«

»Nicht Aus­län­de­rin­nen?«

»Wie?«

»Sind sie schon lange hier?«

»Nein, erst seit kur­zem.«

»Blei­ben sie lange hier?«

»Das weiß ich nicht.«

»Sind sie reich?«

»Auch das weiß ich nicht. Viel­leicht sind sie reich.«

»Ist nicht auch ein Herr mit ihnen ge­kom­men?«

»Ein Herr?«

»Ja, ein Herr!«

Der Schul­ze seufz­te auf.

»O Gott!« sagte er gäh­nend. »N–n–nein, ein Herr ist nicht dabei … Ich glau­be nicht, daß einer dabei ist. Ich weiß es nicht!« fügte er plötz­lich hinzu.

»Was gibt es hier noch für Nach­barn in der Nähe?«

»Was für Nach­barn? Nun, es sind eben ver­schie­de­ne da.«

»Ver­schie­de­ne? Und wie hei­ßen sie?«

»Wer – die Guts­her­rin­nen oder die Nach­barn?«

»Die Guts­her­rin­nen.«

Der Schul­ze seufz­te wie­der auf.

»Wie sie hei­ßen?« mur­mel­te er. »Gott weiß, wie sie hei­ßen! Die Äl­te­re heißt, glau­be ich, Anna Fjo­do­row­na, und die Jün­ge­re … Nein, ich weiß nicht, wie die Jün­ge­re heißt.«

»Weißt du we­nigs­tens, wie sie mit ihrem Fa­mi­li­en­na­men hei­ßen?«

»Fa­mi­li­en­na­men?«

»Ja, mit dem Fa­mi­li­en­na­men, dem Zu­na­men.«

»Zu­na­men … Ja so. Das weiß ich bei Gott nicht.«

»Sind sie noch jung?«

»Nein, das nicht.«

»Wie alt?«

»Ja, die Jün­ge­re wird so über die Vier­zig sein.«

»Es ist alles nicht wahr, was du mir sagst.«

Der Schul­ze schwieg eine Weile.

»Nun, Sie wer­den es wohl bes­ser wis­sen. Ich weiß von nichts.«

»Von dir werde ich wohl doch nichts an­de­res zu hören be­kom­men!« rief ich ge­är­gert aus.

Da ich aus Er­fah­rung wußte, daß man von einem Rus­sen, wenn er schon ein­mal an­ge­fan­gen hat, sol­che Ant­wor­ten zu geben, nichts her­aus­be­kom­men kann (ich hatte üb­ri­gens den Mann aus dem tiefs­ten Schla­fe ge­weckt, er war noch ganz ver­schla­fen und fiel bei jeder Ant­wort, die er mir gab, ein wenig vorn über, wäh­rend seine Augen kind­li­ches Er­stau­nen aus­drück­ten und er of­fen­bar große Mühe hatte, die vom Honig des ers­ten Schlum­mers zu­sam­men­ge­kleb­ten Lip­pen auf­zu­rei­ßen), – so gab ich alle wei­te­ren Ver­su­che auf. Ich ver­zich­te­te auf das Abend­brot und ging in meine Scheu­ne schla­fen.

Ich konn­te lange nicht ein­schla­fen. »Wer ist sie?« frag­te ich mich in einem fort: »Eine Rus­sin? Wenn sie eine Rus­sin ist, warum spricht sie ita­lie­nisch?… Der Schul­ze be­haup­tet, sie sei nicht mehr jung … Er lügt … Und wer ist jener Glück­li­che?… Ich kann wirk­lich nichts be­grei­fen … Welch ein selt­sa­mes Aben­teu­er! Ist es mög­lich, so zwei­mal hin­ter­ein­an­der … Ich muß aber be­stimmt er­fah­ren, wer sie ist und wozu sie her­ge­kom­men ist …« Unter sol­chen wir­ren, ab­ge­ris­se­nen Ge­dan­ken schlief ich sehr spät ein und hatte son­der­ba­re Träu­me … Bald schien es mir, ich irre ir­gend­wo in einer Wüste, in der drü­ckends­ten Mit­tags­glut herum und sehe über den glü­hend hei­ßen gel­ben Sand einen gro­ßen Schat­ten hu­schen … Ich hebe den Kopf und sehe meine Schö­ne in den Lüf­ten flie­gen. Sie ist ganz weiß, hat große weiße Flü­gel und lockt mich zu sich. Ich stür­ze ihr nach, sie schwebt aber leicht und schnell vor­bei, ich kann mich nicht von der Erde er­he­ben und stre­cke ver­geb­lich meine gie­ri­gen Arme nach ihr aus … »Addio!« ruft sie mir noch zu und ent­schwin­det. – Warum habe ich keine Flü­gel … »Addio …« Und von allen Sei­ten klingt es: »Addio!« Jedes Sand­körn­chen schreit und piepst: »Addio …« Das »i« klingt mir als un­er­träg­li­cher, schnei­den­der Tril­ler ins Ohr … Ich be­mü­he mich, es wie eine Mücke zu ver­scheu­chen, ich suche sie mit den Augen … Sie ist aber schon zu einem Wölk­chen ge­wor­den und steigt lang­sam zur Sonne empor; die Sonne zit­tert, schwankt, lacht und streckt ihr lange gol­de­ne Fäden ent­ge­gen … Nun ist sie schon ganz von die­sen Fäden um­spon­nen und löst sich in ihnen auf; ich schreie aber wie be­ses­sen: »Das ist nicht die Sonne, das ist nicht die Sonne, das ist die ita­lie­ni­sche Spin­ne; wer hat sie über die rus­si­sche Gren­ze ge­las­sen? Ich werde sie an­zei­gen: ich habe mit ei­ge­nen Augen ge­se­hen, wie sie in frem­den Gär­ten Oran­gen ge­stoh­len hat …« Bald träum­te mir, ich gehe einen schma­len Berg­pfad hin­auf … Ich habe es sehr eilig: ich muß mög­lichst schnell ir­gend­ein Ziel er­rei­chen, wo mich ein un­er­hör­tes Glück er­war­tet; plötz­lich er­hebt sich vor mir ein rie­sen­gro­ßer, stei­ler Fel­sen. Ich suche einen Durch­gang, ich suche rechts, ich suche links, kann aber kei­nen Durch­gang fin­den! Und plötz­lich er­klingt hin­ter dem Fel­sen die Stim­me: »Passa, passa quei‘ colli …« Die Stim­me ruft und lockt mich; sie wie­der­holt immer den glei­chen trau­ri­gen Ruf. Ich bin von Sehn­sucht er­faßt, ich werfe mich un­ru­hig hin und her, will we­nigs­tens einen schma­len Spalt fin­den … Doch wehe! Von allen Sei­ten er­hebt sich die stei­le Gra­nit­wand … »Passa quei‘ colli«, wie­der­holt weh­mü­tig die Stim­me. Mein Herz ver­geht vor Sehn­sucht, ich stür­ze mich mit der Brust gegen den glat­ten Stein und krat­ze wü­tend mit den Nä­geln an ihm … Plötz­lich öff­net sich vor mir ein dunk­ler Gang. Ich kann vor Freu­de kaum atmen und eile vor­wärts … »Un­sinn!« ruft mir je­mand zu, »du kommst nicht durch …« Vor mir steht Luk­janytsch; er winkt mir mit den Hän­den und droht … Ich durch­su­che eilig die Ta­schen, will ihn be­ste­chen, kann aber keine ein­zi­ge Münze fin­den … »Luk­janytsch,« sage ich ihm, »laß mich durch, ich werde dich spä­ter be­loh­nen.« – »Sie irren, Si­gno­re,« ant­wor­tet mir Luk­janytsch mit einem selt­sa­men Aus­druck: »Ich bin kein Leib­ei­ge­ner; er­ken­nen Sie doch in mir den be­rühm­ten fah­ren­den Rit­ter Don Qui­xo­te von La Man­cha. Mein gan­zes Leben lang habe ich meine Dul­ci­nea ge­sucht und sie nicht fin­den kön­nen. Ich werde nicht lei­den, daß Sie die Ih­ri­ge fin­den …« Und wie­der ruft die Stim­me bei­na­he wei­nend: »Passa quei‘ colli …« – »Aus dem Weg, Si­gno­re!« rufe ich wü­tend aus und stür­ze mich auf ihn … Doch die lange Lanze des Rit­ters trifft mich ins Herz … ich falle tot hin, ich liege auf dem Rü­cken … kann mich nicht rüh­ren … und da sehe ich: sie kommt mit einer Lampe in der Hand, sie hebt die Lampe mit einer schö­nen Ge­bär­de über den Kopf, blickt sich im Fins­tern um, schleicht vor­sich­tig zu mir heran und beugt sich über mich … »Da ist er also, der Narr!« sagt sie ver­ächt­lich lä­chelnd: »Er ist’s, der er­fah­ren woll­te, wer ich sei …« Das heiße Öl der Lampe tropft mir auf mein ver­wun­de­tes Herz … »Psy­che!« brin­ge ich müh­sam her­vor und er­wa­che …

Ich hatte sehr schlecht ge­schla­fen und war schon beim ers­ten Mor­gen­grau­en auf den Bei­nen. Ich klei­de­te mich schnell an, nahm mein Jagd­ge­wehr und begab mich di­rekt zum Land­sitz. Meine Un­ge­duld war so groß, daß ich das mir be­kann­te Tor noch wäh­rend des Son­nen­auf­gan­ges er­reich­te. Rings­her­um san­gen die Ler­chen, und auf den Bir­ken schrien die Doh­len, doch im Hause schien noch alles in tie­fem Mor­gen­schlaf zu lie­gen. Sogar der Hund schnarch­te noch am Zaune. Von Er­war­tung und Un­ge­duld ge­quält und bei­na­he er­bost ging ich im tau­be­deck­ten Grase auf und ab und blick­te im­mer­fort auf das nie­de­re un­an­sehn­li­che Haus, das in sei­nen Mau­ern jenes ge­heim­nis­vol­le Wesen barg … Plötz­lich knarr­te leise die Gar­ten­pfor­te und auf der Schwel­le er­schien Luk­janytsch. Er war mit einem merk­wür­di­gen ge­streif­ten Halb­rock be­klei­det, und sein lang­ge­zo­ge­nes Ge­sicht er­schien mir mür­ri­scher als je. Er sah mich nicht ohne Er­stau­nen an und woll­te die Pfor­te gleich wie­der schlie­ßen.

»Du, mein Lie­ber!« rief ich ihm schnell zu.

»Was su­chen Sie hier um diese frühe Stun­de?« frag­te er mich ge­dehnt und dumpf.

»Sag mir bitte, man sagt, daß eure Her­rin an­ge­kom­men sei?«

Luk­janytsch schwieg eine Weile.

»Ja, sie ist an­ge­kom­men …«

»Al­lein?«

»Mit der Schwes­ter.«

»Hat­ten sie nicht ges­tern abend Be­such?«

»Nein.«

Mit die­sen Wor­ten zog er wie­der die Pfor­te an sich.

»Warte, warte, mein Lie­ber … einen Au­gen­blick …«

Luk­janytsch hüs­tel­te und krümm­te sich vor Kälte.

»Was wol­len Sie denn ei­gent­lich?«

»Sage mir bitte, wie alt ist deine Gnä­di­ge?«

Luk­janytsch sah mich miß­trau­isch an.

»Wie alt die Gnä­di­ge ist? Ich weiß nicht. Sie wird wohl über die Vier­zig sein.«

»Über die Vier­zig! Und die Schwes­ter?«

»Etwas jün­ger als vier­zig.«

»Ist’s mög­lich! Ist sie schön?«

»Wer? Die Schwes­ter?«

»Ja, die Schwes­ter.«

Luk­janytsch lä­chel­te.

»Ich weiß nicht, das kommt auf den Ge­schmack an. Ich finde sie nicht schön.«

»Wieso?«

»Sie ist schon gar zu un­an­sehn­lich. Ein wenig kränk­lich.«

»So! Und ist außer den bei­den nie­mand her­ge­kom­men?«

»Nie­mand. Wer soll­te denn noch her­kom­men?«

»Es kann ja nicht sein!… Ich …«

»Ach Herr! Sie wer­den mit Ihren Fra­gen wohl nie auf­hö­ren,« sagte der Alte ge­är­gert. »Es ist auch zu kalt! Adieu!«

»Warte noch … Da hast du was!…« Ich reich­te ihm einen Vier­tel­ru­bel, den ich für ihn vor­be­rei­tet hatte; meine Hand stieß aber an die Pfor­te, die er mir vor der Nase zu­schlug. Das Sil­ber­stück fiel zu Boden und roll­te mir vor die Füße.

– Du alter Schwind­ler! – sagte ich mir. – »Don Qui­xo­te von La Man­cha! Man hat dir wohl be­foh­len, zu schwei­gen … Warte nur, mich wirst du nicht an­füh­ren …«

Ich gab mir das Wort, die Sache um jeden Preis auf­zu­klä­ren. Etwa eine halbe Stun­de ging ich noch un­schlüs­sig auf und ab. End­lich be­schloß ich, mich zu­nächst im Dorfe zu er­kun­di­gen, wem ei­gent­lich das Gut ge­hö­re und wer au­gen­blick­lich darin wohne; dann woll­te ich wie­der zu­rück­keh­ren und nicht eher fort­ge­hen, als bis ich die Sache auf­ge­klärt haben würde. – Die Un­be­kann­te muß doch frü­her oder spä­ter das Haus ver­las­sen, und da werde ich sie end­lich bei Ta­ges­licht als einen le­ben­di­gen Men­schen und nicht als Ge­spenst sehen. – Bis zum Dorfe moch­te es eine Werst sein, ich begab mich aber schnell und rüs­tig dort­hin: in mei­nem Blute sie­de­te es, ich war un­ge­wöhn­lich kühn und ent­schlos­sen; die fri­sche Mor­gen­luft wirk­te auf mich nach der un­ru­hi­gen Nacht stär­kend und zu­gleich auf­re­gend. Im Dorfe er­fuhr ich von zwei Bau­ern, die ge­ra­de an ihre Feld­ar­beit gin­gen, alles, was ich über­haupt er­fah­ren konn­te: näm­lich, daß das Gut eben­so wie das Dorf, in dem ich mich be­fand, Mi­ch­ailow­sko­je hieß, daß es der Ma­jor­swit­we Anna Fjo­do­row­na Schly­ko­wa ge­hö­re, daß diese noch eine un­ver­hei­ra­te­te Schwes­ter Pel­age­ja Fjo­do­row­na Ba­da­je­wa habe, daß beide reich seien, auf ihrem Gute fast nie leb­ten, meis­tens her­um­reis­ten, daß sie bei sich außer zwei­en leib­ei­ge­nen Dienst­mäd­chen und einem Koch nie­mand hät­ten und daß Anna Fjo­do­row­na in die­sen Tagen mit ihrer Schwes­ter aus Mos­kau an­ge­kom­men sei; sonst sei aber nie­mand mit­ge­kom­men … Die­ser letz­te­re Um­stand mach­te mich etwas ver­dutzt: ich konn­te ja nicht an­neh­men, daß auch der Bauer den Auf­trag hatte, über die Un­be­kann­te zu schwei­gen. Eben­so un­mög­lich war auch die An­nah­me, daß die fünf­und­vier­zig­jäh­ri­ge Witwe Anna Fjo­do­row­na Schly­ko­wa und jene rei­zen­de junge Frau, die ich ges­tern ge­se­hen hatte, eine und die­sel­be Per­son seien. Auch Pel­age­ja Fjo­do­row­na zeich­ne­te sich, wie sie mir ge­schil­dert wurde, kei­nes­wegs durch Schön­heit aus; beim blo­ßen Ge­dan­ken, daß die Frau, die ich in Sor­rent ge­se­hen hatte, den pro­sai­schen Namen Pel­age­ja und dazu noch Ba­da­je­wa tra­gen soll­te, zuck­te ich die Ach­seln und lach­te höh­nisch. Und doch, dach­te ich, habe ich sie erst ges­tern abend mit ei­ge­nen Augen in die­sem Hause ge­se­hen, ja, mit ei­ge­nen Augen! Ge­är­gert, ge­reizt, doch in mei­ner Ab­sicht noch mehr ge­fes­tigt, woll­te ich so­fort zum Gut zu­rück­keh­ren; doch ich sah auf die Uhr: es war noch nicht sechs. Daher be­schloß ich zu war­ten. Im ge­heim­nis­vol­len Hause schlief wohl noch alles; wenn ich aber schon jetzt in der Ge­gend her­um­ir­ren woll­te, konn­te ich leicht un­nö­ti­ger­wei­se Ver­dacht er­we­cken; auch stand ich ge­ra­de vor einem Ge­büsch, und hin­ter die­sem war ein Es­pen­ge­hölz zu sehen … Ich muß zu mei­ner Ehre sagen, daß trotz der gro­ßen Er­re­gung, in der ich mich be­fand, die edle Jagd­lei­den­schaft in mir noch nicht völ­lig ver­stummt war. »Viel­leicht stoße ich auf ein Nest,« sagte ich mir, »und so wird die Zeit schnel­ler ver­strei­chen.« Ich ging ins Ge­büsch. Offen ge­sagt war ich recht zer­streut und be­ob­ach­te­te wenig die Re­geln der Kunst: ich be­hielt nicht stän­dig mei­nen Hund im Auge, ver­gaß über man­chem Strauch mit der Zunge zu schnal­zen, damit dar­aus mit gro­ßem Lärm ein Au­er­hahn her­aus­flie­ge, und sah jeden Au­gen­blick auf die Uhr, was schon durch­aus un­er­laubt ist. End­lich zeig­te die Uhr über acht. »Es ist Zeit!« sagte ich mir laut und woll­te schon den Weg nach dem Land­sit­ze ein­schla­gen, als plötz­lich kaum zwei Schrit­te vor mir im dich­ten Grase ein rie­sen­gro­ßer Au­er­hahn auf­tauch­te; ich schoß auf den herr­li­chen Vogel und ver­wun­de­te ihn am Flü­gel; er fiel bei­na­he um, über­wand aber den Schmerz, schlug die Flü­gel und ver­such­te sich über die Es­pen­wip­fel zu er­he­ben, doch die Kraft ver­sag­te ihm, und er fiel wie ein Stein ins Di­ckicht. Auf eine sol­che Jagd­beu­te zu ver­zich­ten, wäre doch ganz un­ver­zeih­lich ge­we­sen; ich ging also ins Di­ckicht, gab mei­ner Hün­din ein Zei­chen, und nach ei­ni­gen Au­gen­bli­cken hörte ich ein ver­zwei­fel­tes Flü­gel­schla­gen: der un­glück­li­che Au­er­hahn war be­reits unter den Tat­zen mei­ner Diana. Ich hob ihn auf, steck­te ihn in die Jagd­ta­sche, sah mich um und – blieb wie an­ge­wur­zelt ste­hen …

Der Wald, in den ich ge­ra­ten war, war so dicht, daß ich nur mit gro­ßer Mühe die Stel­le er­reich­te, wo der Vogel hin­ge­fal­len war; in nicht allzu gro­ßer Ent­fer­nung schlän­gel­te sich durch den Wald ein Fahr­weg, und auf die­sem kamen ge­ra­de Seite an Seite und im Schritt meine Schö­ne und der Mann, der mich ges­tern ein­ge­holt hatte, ge­rit­ten; ich er­kann­te den Mann am Schnurr­bart. Sie rit­ten lang­sam und schwei­gend und hiel­ten ein­an­der an den Hän­den; die Pfer­de gin­gen im Schritt, schwank­ten träge von der einen Seite auf die an­de­re und reck­ten die schö­nen Köpfe. Nach­dem ich mich vom ers­ten Schreck – ja, es war ein Schreck: eine an­de­re Be­zeich­nung kann ich für das Ge­fühl, das sich mei­ner plötz­lich be­mäch­tig­te, gar nicht fin­den … nach­dem ich mich vom ers­ten Schreck er­holt hatte, hef­te­te ich auf sie mei­nen trun­ke­nen Blick. Wie schön sie war! Wie herr­lich hob sich ihre schlan­ke Ge­stalt vom sma­ragd­grü­nen Hin­ter­grund ab! Wei­che Schat­ten, zarte Lich­ter husch­ten leise über ihr lan­ges grau­es Reit­kleid, über ihren fei­nen, leicht­ge­beug­ten Hals, über ihr zar­tes Ge­sicht, ihre glän­zen­den schwar­zen Haare, die in üp­pi­gen Flech­ten unter dem nie­de­ren Hut her­vor­quol­len. Wie soll ich aber jenen Aus­druck voll­kom­me­ner, lei­den­schaft­li­cher, stum­mer Se­lig­keit schil­dern, den alle ihre Züge at­me­ten! Ihr Köpf­chen schien von der Last die­ser Se­lig­keit ge­beugt; aus den dunk­len, halb­ge­schlos­se­nen Augen sprüh­ten feucht­glän­zen­de gol­de­ne Fun­ken; sie blick­ten nir­gends hin, diese se­li­gen Augen, die fei­nen Brau­en senk­ten sich über sie. Ein un­be­stimm­tes kind­li­ches Lä­cheln, das Lä­cheln gren­zen­lo­ser Freu­de schweb­te um ihre Lip­pen; der Über­fluß von Glück hatte sie gleich­sam er­mü­det, sie schien bei­na­he ge­bro­chen, eben­so wie unter einer allzu üppig auf­ge­gan­ge­nen Blüte oft der Sten­gel zu­sam­men­bricht; ihre bei­den Hände ruh­ten kraft­los: die eine in der Hand ihres Be­glei­ters, die an­de­re auf dem Schopf des Pfer­des. Ich hatte Zeit ge­habt, sie zu be­ob­ach­ten und mir genau einen jeden ihrer Züge zu mer­ken; aber auch seine Züge präg­te ich mir ein … Er war ein schö­ner gro­ßer Mann mit nicht rus­si­schem Ge­sicht. Er sah auf sie selbst­be­wußt, be­frie­digt und, wie ich in sei­nen Augen lesen konn­te, nicht ohne einen ge­wis­sen ge­hei­men Stolz. Er be­trach­te­te sie mit Wohl­ge­fal­len, der Schur­ke; er wei­de­te sich an ihrem An­blick, war wohl sehr mit sich selbst zu­frie­den, schien aber zu­gleich ei­gen­tüm­lich ge­rührt … Und in der Tat: wel­cher Mann ver­dient wohl die Hin­ge­bung eines so schö­nen Ge­schöp­fes, wel­che noch so schö­ne Seele wäre wert, einer an­de­ren Seele ein sol­ches Glück zu schen­ken?… Ich muß ge­ste­hen, daß ich ihn be­nei­de­te!… In­des­sen waren die bei­den bis zu mir her­an­ge­kom­men; mein Hund sprang aus dem Ge­sträuch und bell­te sie an. Die Un­be­kann­te zuck­te zu­sam­men, sah sich rasch um, und als sie mich er­blick­te, ver­setz­te sie ihrem Pferd einen hef­ti­gen Schlag mit der Reit­peit­sche. Das Pferd schnaub­te, bäum­te sich, warf beide Vor­der­bei­ne empor und flog im Ga­lopp dahin … Der Mann gab im glei­chen Au­gen­blick sei­nem Rap­pen die Spo­ren, und, als ich nach ei­ni­gen Au­gen­bli­cken den Wald­rand er­reicht hatte, rit­ten die bei­den schon in gol­den schim­mern­der Ferne über das Feld, sich an­mu­tig in ihren Sät­teln wie­gend … sie rit­ten aber nicht in der Rich­tung zum Land­sit­ze.

Ich blick­te ihnen nach … Die Sonne über­goß sie noch zum letz­ten Male mit ihren Strah­len, bevor sie hin­ter dem Hügel ver­schwan­den. Ich blieb noch eine Weile ste­hen, kehr­te dann lang­sam in den Wald zu­rück, setz­te mich am Wege und be­deck­te das Ge­sicht mit den Hän­den. Ich wußte, daß es nach der Be­geg­nung mit einem Un­be­kann­ten ge­nügt, die Augen zu schlie­ßen, um sich so­fort sein Bild zu ver­ge­gen­wär­ti­gen; ein jeder kann die Rich­tig­keit die­ser Wahr­neh­mung auf der Stra­ße nach­prü­fen. Je be­kann­ter uns ein Ge­sicht ist, um so schwie­ri­ger wird es, es sich auf diese Weise zu ver­ge­gen­wär­ti­gen, um so ver­schwom­me­ner zeigt sich uns sein Bild; an ein be­kann­tes Ge­sicht kön­nen wir uns wohl er­in­nern, kön­nen es uns aber nicht ver­ge­gen­wär­ti­gen … unser ei­ge­nes Ge­sicht kön­nen wir uns aber ganz un­mög­lich vor­stel­len … Wir ken­nen wohl jeden ein­zel­nen Zug un­se­res Ge­sich­tes, kön­nen uns aber dar­aus kein gan­zes Bild auf­bau­en. Ich setz­te mich also hin und schloß die Augen, – und so­fort sah ich die Un­be­kann­te vor mir, ihren Be­glei­ter, die Pfer­de, und alles … Be­son­ders deut­lich sah ich das lä­cheln­de Ge­sicht des Man­nes. Ich be­trach­te­te es auf­merk­sa­mer … es ver­wisch­te sich und ver­schwand in einem blau­ro­ten Nebel, und gleich dar­auf zer­rann auch ihr Bild und woll­te nicht wie­der­kom­men. – Ich erhob mich. »Nun, jetzt habe ich sie we­nigs­tens ge­se­hen, habe beide deut­lich ge­se­hen,« sagte ich mir, »nun bleibt mir nur noch die Namen zu er­fah­ren.« Ja, die Namen! Welch eine klein­li­che, un­nö­ti­ge Neu­gier! Ich schwö­re aber, es war nicht Neu­gier, die mich so be­weg­te: es er­schien mir ein­fach un­sin­nig, nach die­sen selt­sa­men zu­fäl­li­gen Be­geg­nun­gen nicht we­nigs­tens ihre Namen zu er­fah­ren. Mein frü­he­res un­ge­dul­di­ges Er­stau­nen war üb­ri­gens ver­schwun­den: ich hatte nur ein selt­sam trau­ri­ges ver­wor­re­nes Ge­fühl, des­sen ich mich ein wenig schäm­te … Es war Neid …

Ich be­eil­te mich nicht, zum Land­sit­ze zu­rück­zu­keh­ren. Offen ge­sagt, schäm­te ich mich, so hart­nä­ckig einem frem­den Ge­heim­nis nach­zu­spü­ren. Auch hatte mich das Er­schei­nen des Lie­bes­paa­res bei Ta­ges­licht, so selt­sam es auch war, ich will nicht sagen be­ru­higt, so doch etwas ab­ge­kühlt … Ich fand in die­sem Er­leb­nis­se nichts Über­na­tür­li­ches, nichts Wun­der­ba­res mehr … nichts, was einem un­er­füll­ba­rem Traum ähn­lich wäre …

Ich mach­te mich wie­der an die Jagd, wenn auch mit grö­ße­rem Eifer als vor­hin, so doch ohne rech­te Be­geis­te­rung. Ich stieß auch auf eine Au­er­hahn­fa­mi­lie, die für etwa an­dert­halb Stun­den meine Auf­merk­sam­keit in An­spruch nahm … Die jun­gen Vögel woll­ten auf meine Lock­pfif­fe lange nicht ant­wor­ten, wahr­schein­lich pfiff ich nicht »ob­jek­tiv« genug. – Die Sonne stand schon ziem­lich hoch (die Uhr zeig­te auf zwölf), als ich meine Schrit­te wie­der nach dem Land­sit­ze rich­te­te. Ich ging nicht zu schnell. Da blick­te mich plötz­lich vom Hügel aus das klei­ne Haus an … Mein Herz be­gann wie­der zu beben. Ich kam näher … und sah, nicht ohne eine heim­li­che Freu­de, Luk­janytsch wie ge­wöhn­lich auf der Bank vor sei­nem Häus­chen sit­zen. Das Tor war ge­schlos­sen … die Fens­ter­lä­den auch.

»Grüß Gott, Onkel!« rief ich ihm noch aus der Ferne zu. »Willst dich wohl wie­der in der Sonne wär­men?«

Luk­janytsch wand­te mir sein ha­ge­res Ge­sicht zu und lüf­te­te stumm die Mütze.

Ich trat näher.

»Grüß Gott, Onkel,« wie­der­hol­te ich so freund­lich, wie ich es nur konn­te, um ihn mil­der zu stim­men. »Hast du ihn denn noch nicht ge­se­hen?« fügte ich hinzu, als ich mei­nen neuen Vier­tel­ru­bel noch immer auf der Erde lie­gen sah.

Ich zeig­te auf die Sil­ber­mün­ze, die aus dem kur­zen Grase halb her­vor­lug­te.

»Hab ihn schon ge­se­hen.«

»Warum hast du ihn nicht auf­ge­ho­ben?«

»Das Geld ge­hört nicht mir, darum hab‘ ich es nicht auf­ge­ho­ben.«

»Du bist doch wirk­lich merk­wür­dig, mein Lie­ber!« ent­geg­ne­te ich etwas ver­le­gen. Ich hob die Münze auf und reich­te sie ihm: »Nimm, es ist ein Trink­geld für dich!«

»Vie­len Dank,« ent­geg­ne­te Luk­janytsch mit ru­hi­gem Lä­cheln. »Ich brauch‘ es nicht, kann auch ohne das Geld aus­kom­men. Vie­len Dank.«

»Ich will dir gern noch mehr geben!« sagte ich etwas ver­stimmt.

»Wofür denn? Ma­chen Sie sich keine Mühe, ich danke Ihnen für die Freund­lich­keit, habe auch so an mei­nem Brot genug zu bei­ßen. Und selbst mit dem werde ich nicht fer­tig.«

Mit die­sen Wor­ten stand er auf und streck­te die Hand nach der Pfor­te aus.

»Warte, warte noch, Alter,« sagte ich bei­na­he ver­zwei­felnd. »Wie wort­karg du doch heute bist … Sag mir we­nigs­tens, ist deine Gnä­di­ge schon auf­ge­stan­den?«

»Die Gnä­di­ge sind auf­ge­stan­den.«

»Und … ist sie jetzt zu Hause?«

»Nein, sie sind nicht zu Hause.«

»Macht sie ir­gend­wo Be­su­che?«

»Nein, sie sind nach Mos­kau ab­ge­reist.«

»Nach Mos­kau? Heute früh war sie ja noch hier?«

»Ja, sie waren noch hier.«

»Hat auch hier über­nach­tet?«

»Ja, sie haben hier über­nach­tet.«

»Und war erst seit kur­zem an­ge­kom­men?«

»Ja, seit kur­zem.«

»Wie ist es nur mög­lich, mein Lie­ber?«

»Ja, vor etwa einer Stun­de sind die Gnä­di­ge wie­der nach Mos­kau ab­ge­reist.«

»Nach Mos­kau!«

Ich sah ganz ver­dutzt auf Luk­janytsch: das hatte ich, offen ge­sagt, nicht er­war­tet …

Auch Luk­janytsch sah mich an … Ein grei­sen­haf­tes ver­schmitz­tes Lä­cheln lag auf sei­nen tro­cke­nen Lip­pen und leuch­te­te schwach in sei­nen trau­ri­gen Augen.

»Ist sie mit der Schwes­ter ab­ge­reist?« frag­te ich ihn schließ­lich.

»Mit der Schwes­ter.«

»Also ist jetzt nie­mand im Hause?«

»Nie­mand.«

– Die­ser Alte be­trügt mich, – ging es mir durch den Kopf. – Nicht um­sonst lä­chelt er so ver­schmitzt. –

»Hör‘ ein­mal, Luk­janytsch,« sagte ich ihm, »willst du mir einen Ge­fal­len er­wei­sen?«

»Ja, was wün­schen Sie?« sagte er ge­dehnt; meine Fra­gen är­ger­ten ihn of­fen­bar.

»Du sagst, daß im Hause jetzt nie­mand ist; kannst du mir das Haus zei­gen? Ich wäre dir dafür sehr dank­bar.«

»Sie wol­len also die Zim­mer sehen?«

»Ja, die Zim­mer.«

Luk­janytsch wurde nach­denk­lich.

»Mit Ver­gnü­gen,« sagte er nach einer Pause. »Kom­men Sie, bitte, mit …«

Er beug­te sich und trat über die Schwel­le der Pfor­te. Ich folg­te ihm. Wir gin­gen durch den klei­nen Hof und stie­gen die bau­fäl­li­gen Stu­fen zum Flur hin­auf. Der Alte stieß die Tür auf; an der Türe war gar kein Schloß; eine Schnur mit einem Kno­ten steck­te aus dem Schlüs­sel­loch her­vor … Wir tra­ten in das Haus. Es be­stand aus fünf oder sechs klei­nen Zim­mern; so­viel ich bei dem spär­li­chen Lich­te, das durch die Rit­zen in den Fens­ter­lä­den drang, sehen konn­te, waren die Möbel in allen Zim­mern sehr ein­fach und alt. In einem der Zim­mer (des­sen Fens­ter in den Gar­ten gin­gen) stand ein klei­nes alt­mo­di­sches Kla­vier … Ich hob den ver­bo­ge­nen De­ckel und schlug die Tas­ten an: ein un­an­ge­neh­mer, zi­schen­der Ton er­klang und er­starb, sich gleich­sam über meine Frech­heit be­kla­gend. Nichts wies dar­auf hin, daß in die­sem Hause erst eben Men­schen ge­wohnt hat­ten; selbst die Luft in den Zim­mern war un­ge­wöhn­lich dumpf und tot; nur ei­ni­ge Pa­pier­fet­zen, die auf dem Boden lagen und noch ganz frisch und weiß aus­sa­hen, lie­ßen dar­auf schlie­ßen, daß sie erst seit kur­zem her­ge­kom­men waren; ich hob einen der Fet­zen auf. Es war ein Stück von einem zer­ris­se­nen Brie­fe; auf der einen Seite stand in einer tem­pe­ra­ment­vol­len weib­li­chen Hand­schrift: »se taire?«, auf der an­de­ren Seite konn­te ich das Wort: »bon­heur« ent­zif­fern … Auf einem run­den Tisch­chen am Fens­ter stand in einem Was­ser­gla­se ein wel­ker Blu­men­strauß, und da­ne­ben lag ein zer­knit­ter­tes grü­nes Bänd­chen … Die­ses Bänd­chen nahm ich mir als An­denken mit. – Luk­janytsch öff­ne­te eine enge, mit Ta­pe­ten ver­kleb­te Türe und sagte:

»Das hier ist das Schlaf­zim­mer, da­hin­ter die Mäd­chen­kam­mer; mehr Zim­mer gibt’s hier nicht …«

Wir gin­gen durch den Kor­ri­dor zu­rück.

»Und was ist das da für ein Zim­mer?« frag­te ich, auf eine brei­te, weiße Türe mit einem Vor­hän­ge­schloß zei­gend.

»Das da?« ant­wor­te­te Luk­janytsch mit dump­fer Stim­me. »Das ist nichts.«

»Wieso nichts?«

»Nichts … Eine Rum­pel­kam­mer …« Und er ging ins Vor­zim­mer.

»Eine Rum­pel­kam­mer? Kann ich sie sehen?…«

»Ich be­grei­fe nicht, was Sie da so in­ter­es­siert,« ent­geg­ne­te Luk­janytsch un­zu­frie­den. »Was wol­len Sie sehen? Es sind ja nur Kof­fer darin und altes Ge­schirr … eine Rum­pel­kam­mer und nichts wei­ter.«

»Ich will sie aber doch sehen, zeig‘ sie mir bitte, Alter,« sagte ich, ob­wohl ich mich in­ner­lich mei­ner un­an­stän­di­gen Be­harr­lich­keit schäm­te. »Siehst du, ich möch­te … ich möch­te, auch bei mir im Dorfe ein sol­ches Haus …«

Ich schäm­te mich noch mehr und konn­te den an­ge­fan­ge­nen Satz nicht zu Ende brin­gen.

Luk­janytsch stand, den grau­en Kopf ge­senkt, und sah mich etwas ei­gen­tüm­lich mit krau­ser Stir­ne an.

»Zeig‘ sie mir doch,« wie­der­hol­te ich.

»Nun, von mir aus,« sagte er end­lich. Er holte den Schlüs­sel aus der Ta­sche und mach­te sehr un­gern die Türe auf.

Ich blick­te in die Kam­mer hin­ein. Es war da wirk­lich nichts Be­mer­kens­wer­tes. An den Wän­den hin­gen alte Bild­nis­se mit dunk­len, bei­na­he schwar­zen Ge­sich­tern und bösen Augen. Auf dem Boden lag ver­schie­de­nes Ge­rüm­pel.

»Nun, haben Sie sich satt­ge­se­hen?« frag­te mich mür­risch Luk­janytsch.

»Ja, danke!« er­wi­der­te ich eilig.

Er schlug die Türe zu. Ich ging ins Vor­zim­mer und aus dem Vor­zim­mer in den Hof.

Luk­janytsch ge­lei­te­te mich hin­aus, mur­mel­te: »Leben Sie wohl!« und begab sich in sein Häus­chen.

»Und wer war die Dame, die ges­tern hier zu Be­such war?« rief ich ihm nach. »Sie ist mir erst heute früh im Ge­hölz be­geg­net.«

Ich hoff­te, ihn durch diese un­er­war­te­te Frage zu ver­ir­ren und von ihm eine un­über­leg­te Ant­wort zu be­kom­men. Der Alte lach­te aber nur und schlug die Türe hin­ter sich zu.

Ich kehr­te nach Glin­no­je zu­rück. Ich schäm­te mich wie ein Junge, den man aus­ge­schol­ten hat.

– Nein, – sagte ich zu mir: – ich werde das Rät­sel wohl nicht lösen kön­nen. Also geb‘ ich’s auf! Will nicht mehr daran den­ken. –

Nach einer Stun­de war ich schon auf dem Wege nach Hause; ich war er­regt und er­bost.

Es ver­ging eine Woche. Wie sehr ich mich auch be­müh­te, die Er­in­ne­rung an die Un­be­kann­te, an ihren Be­glei­ter und an meine Be­geg­nun­gen mit ihnen mir aus dem Kopfe zu schla­gen, sie kamen immer wie­der und be­läs­tig­ten mich so hart­nä­ckig und zu­dring­lich wie eine Flie­ge an einem Som­mer­nach­mit­tag … Auch Luk­janytsch, mit sei­nen ge­heim­nis­vol­len Bli­cken und zu­rück­hal­ten­den Reden, mit sei­nem küh­len und trau­ri­gen Lä­cheln kam mir immer wie­der in den Sinn. Sogar das Haus, so oft ich daran dach­te, – sogar das Haus schien mich durch seine halb­ge­schlos­se­nen Fens­ter schlau und stumpf an­zu­bli­cken, als woll­te es mich ne­cken und mir sagen: Und doch wirst du nichts er­fah­ren! Ich hielt es schließ­lich nicht aus: an einem schö­nen Tag fuhr ich wie­der nach Glin­no­je und begab mich von da zu Fuß … wohin? Der Leser kann es leicht er­ra­ten.

Ich muß ge­ste­hen, als ich mich dem ge­heim­nis­vol­len Land­sit­ze nä­her­te, spür­te ich eine hef­ti­ge Er­re­gung. Das Haus schien in sei­nem Äu­ße­ren ganz un­ver­än­dert: die­sel­ben ge­schlos­se­nen Fens­ter, das­sel­be trau­ri­ge und ein­sa­me Bild; doch auf der Bank vor dem Hof­ge­bäu­de saß statt des alten Luk­janytsch ein mir un­be­kann­ter Bau­ern­bur­sche von etwa zwan­zig Jah­ren, in einem lang­schö­ßi­gen Kaf­tan aus Baum­woll­zeug und in rotem Hemde. Er saß auf der Bank, den lo­cki­gen Kopf auf die Hand ge­stützt und schlum­mer­te; von Zeit zu Zeit fuhr er im Schla­fe zu­sam­men.

»Grüß Gott, Bru­der!« rief ich laut.

Er sprang so­fort auf und sah mich starr mit er­schro­cke­nen Augen an.

»Grüß Gott, Bru­der,« wie­der­hol­te ich, »wo ist der Alte?«

»Was für ein Alter?« frag­te mich der Bur­sche ge­dehnt.

»Luk­janytsch.«

»Ach so, Luk­janytsch!« Er blick­te zur Seite. »Sie wol­len also Luk­janytsch?«

»Ja, Luk­janytsch. Ist er zu Hause?«

»N–ein,« sagte der Bur­sche nach einer Pause. »Er ist … wie soll ich … wie soll ich es Ihnen sagen …«

»Ist er etwa krank?«

»Nein.«

»Was ist denn mit ihm los?«

»Er ist nicht mehr da.«

»Wo ist er denn?«

»Ja, es ist ihm … ein Un­glück zu­ge­sto­ßen.«

»Ist er ge­stor­ben?« frag­te ich er­staunt.

»Er hat sich er­hängt.«

»Er­hängt!« rief ich er­schro­cken aus und schlug die Hände zu­sam­men.

Wir blick­ten ein­an­der an.

»Ist es lange her?« frag­te ich schließ­lich.

»Heute sind es fünf Tage. Ges­tern wurde er be­er­digt.«

»Warum hat er sich er­hängt?«

»Gott weiß warum. Er war ja ein frei­er Mensch, kein Leib­ei­ge­ner mehr, er bekam sein Ge­halt, er kann­te keine Not, die Herr­schaft be­han­del­te ihn wie einen Ver­wand­ten. Wir haben ja eine so sel­ten gute Herr­schaft, Gott schen­ke ihr lan­ges Leben! Man kann gar nicht be­grei­fen, was ihm ge­sche­hen war. Der Böse hat ihn wohl ver­führt.«

»Wie hat er es denn ge­macht?«

»Ganz ein­fach. Hat sich halt er­hängt.«

»Und hat man ihm vor­her nichts an­ge­merkt?«

»Wie soll ich es Ihnen sagen … Etwas Be­son­de­res war an ihm nicht zu sehen. Er war ja immer fins­ter und miß­trau­isch. Oft be­gann er zu kräch­zen und zu stöh­nen und zu sagen, daß es ihm so trau­rig zu­mu­te sei. Nun, er war ja auch nicht mehr jung. In der letz­ten Zeit schien er wirk­lich etwas nach­denk­li­cher als sonst. Manch­mal kam er zu uns ins Dorf; ich bin näm­lich sein Neffe. – ›Komm doch mal zu mir, Wass­ja,‹ sagte er, ›und über­nach­te bei mir!‹ – ›Warum denn, On­kel­chen?‹ – ›Ich fürch­te mich al­lein zu sein, es ist so lang­wei­lig und ein­sam.‹ – Ich ging also ab und zu zu ihm hin. Manch­mal ging er in den Hof hin­aus, sah auf das Haus, schüt­tel­te den Kopf und seufz­te … Auch vor jener Nacht, das heißt bevor er sich er­häng­te, kam er zu uns und rief mich zu sich. Ich ging auch wirk­lich mit. Wie wir an­ka­men, saßen wir noch eine Weile auf der Bank vor sei­nem Häus­chen; dann stand er auf und ließ mich al­lein. Ich war­te­te; als er lange nicht kom­men woll­te, ging ich in den Hof und rief: – ›On­kel­chen, he On­kel­chen!…‹ – Der Onkel gab keine Ant­wort. Da denke ich mir: wo ist er nur hin­ge­gan­gen, viel­leicht in das Herr­schafts­haus? Es war aber schon Abend ge­wor­den. Ich ging also ins Haus. Es war schon dun­kel ge­wor­den. Wie ich an der Rum­pel­kam­mer vor­bei­kom­me, höre ich, daß dort je­mand hin­ter der Türe kratzt; ich mache die Türe auf; rich­tig, da sitzt er in der Kam­mer beim Fens­ter. ›Was ma­chen Sie hier, On­kel­chen?‹ frage ich ihn. Er dreht sich plötz­lich um und schreit mich wü­tend an; seine Augen lau­fen aber nur so hin und her und leuch­ten wie bei einem Kater. ›Was willst du? Siehst du denn nicht, daß ich mich ra­sie­re?‹ Und seine Stim­me klingt dabei so hei­ser. Mir stan­den plötz­lich die Haare zu Berge, und es wurde mir, ich wußte selbst nicht warum, so ängst­lich zu­mu­te … Da­mals hat­ten ihn wohl schon die Teu­fel in ihrer Ge­walt. ›Im Fins­tern?‹ frage ich ihn, mir beben aber dabei die Knie. – ›Es ist gut,‹ sagt er mir, – ›geh nur.‹ Ich ging, auch er kam aus der Kam­mer her­aus und ver­schloß die Türe. Wir kamen wie­der in sein Häus­chen, und meine Angst war auf ein­mal wie weg­ge­bla­sen. ›Was haben Sie, On­kel­chen,‹ frag­te ich ihn, ›in der Kam­mer ge­macht?‹ Er fuhr zu­sam­men. ›Schweig und küm­me­re dich nicht um frem­de Sa­chen.‹ Mit die­sen Wor­ten legte er sich auf die Ofen­bank. In der Ecke brennt aber eine Nacht­lam­pe. So liege ich da, bin ge­ra­de beim Ein­schla­fen … plötz­lich höre ich, wie die Türe leise auf­geht … ganz wenig geht sie auf. Der Onkel lag aber mit dem Rü­cken gegen die Tür; Sie wer­den sich wohl er­in­nern, daß er schwer­hö­rig war. Und doch hörte er, wie die Türe auf­ging, und sprang plötz­lich auf … ›Wer ruft mich da? Wer? Er will mich holen!‹ Mit die­sen Wor­ten lief er wie er war ohne Mütze in den Hof … Ich dach­te mir noch: ›Was hat er nur?‹ schlief aber so­fort wie­der ein. Wie ich am nächs­ten Mor­gen er­wa­che, ist Luk­janytsch nicht da. Ich ging aus dem Hause, rief nach ihm, bekam aber keine Ant­wort. Ich frage den Wäch­ter: ›Hast du nicht mei­nen Onkel ge­se­hen?‹ – ›Nein,‹ sagt er mir, ›ich hab‘ ihn nicht ge­se­hen.‹ – ›Es ist doch merk­wür­dig,‹ sage ich, ›daß er nir­gends zu sehen ist!‹ Es wurde uns bei­den ganz bange zu­mu­te. ›Komm doch, Fe­dos­se­jitsch, komm doch,‹ sage ich, ›wol­len wir im Herr­schafts­hau­se nach­schau­en.‹ – ›Komm, Was­si­lij Ti­mo­fe­jitsch,‹ sagt er drauf und ist dabei weiß wie Kalk. Wir gin­gen ins Haus … und wie ich an der Kam­mer vor­bei­kom­me, sehe ich, daß das Vor­hän­ge­schloß an der Türe auf­ge­macht ist; ich will die Türe auf­sto­ßen, sie ist aber von innen zu­ge­rie­gelt … Fe­dos­se­jitsch lief so­fort von außen herum und sah ins Fens­ter. ›Was­si­lij Ti­mo­fe­jitsch!‹ schreit er, ›die Beine hän­gen, die Beine …‹ Ich laufe so­fort zum Fens­ter. Und es sind wirk­lich seine Beine, Luk­janytschs Beine. Er hatte sich mit­ten im Zim­mer er­hängt … Wir schick­ten gleich nach der Po­li­zei … Man nahm ihn aus der Schlin­ge her­aus: zwölf Kno­ten waren im Strick.«

»Und was sagte die Po­li­zei?«

»Die Po­li­zei? Die sagte nichts. Sie dach­ten lange nach, was da für eine Ur­sa­che ge­we­sen war. Es gab aber keine Ur­sa­che. Man ent­schied also, daß er es im Wahn­sin­ne getan hatte, und dabei blieb’s. In der letz­ten Zeit hatte er auch wirk­lich oft über Kopf­schmer­zen ge­klagt …«

Ich sprach noch etwa eine halbe Stun­de mit dem Bur­schen und ging schließ­lich heim, ver­stimmt und ver­wirrt. Ich muß ge­ste­hen, daß ich das alte Haus nicht ohne eine ge­hei­me aber­gläu­bi­sche Angst an­se­hen konn­te … Nach einem Monat reis­te ich ab, und alle die schreck­li­chen Ein­drü­cke und ge­heim­nis­vol­len Be­geg­nun­gen gin­gen mir all­mäh­lich aus dem Kopf.

II.

Drei Jahre ver­gin­gen. Diese Zeit ver­brach­te ich zum größ­ten Teil in Pe­ters­burg und im Aus­lan­de; und wenn ich auch ei­ni­ge Male mein Land­gut auf­ge­sucht hatte, so war es doch nur für we­ni­ge Tage, so daß ich kein ein­zi­ges Mal Ge­le­gen­heit hatte, nach Glin­no­je oder Mi­ch­ailow­sko­je zu kom­men. Auch meine Schö­ne sah ich nicht wie­der, eben­so­we­nig ihren Be­glei­ter. Nach drei Jah­ren kam ich aber ganz zu­fäl­lig mit Frau Schly­ko­wa und ihrer Schwes­ter, Fräu­lein Pel­age­ja Ba­da­je­wa, der­sel­ben Pel­age­ja, die ich bis dahin, offen ge­sagt, für eine er­dich­te­te Per­son ge­hal­ten hatte, in Mos­kau in einer Abend­ge­sell­schaft zu­sam­men. Beide Damen waren nicht mehr jung, doch von recht an­ge­neh­mem Äu­ße­ren; im Ge­spräch zeig­ten sie Geist und hei­te­res Tem­pe­ra­ment; sie hat­ten große Rei­sen ge­macht und of­fen­bar mit Nut­zen; beide be­nah­men sich höchst un­ge­zwun­gen und schie­nen lus­tig. Doch keine von ihnen er­in­ner­te auch im ent­fern­tes­ten an jene Un­be­kann­te. Ich wurde ihnen vor­ge­stellt. Ich kam mit Frau Schly­ko­wa ins Ge­spräch (ihre Schwes­ter un­ter­hielt sich ge­ra­de mit einem zu­ge­reis­ten Geo­lo­gen). Ich er­klär­te ihr, daß ich das Ver­gnü­gen hätte, ihr Guts­nach­bar im N–schen Krei­se zu sein.

»Wirk­lich? Ich be­sit­ze dort tat­säch­lich ein klei­nes Gut,« er­wi­der­te sie, »in der Nähe von Glin­no­je.«

»Gewiß, gewiß,« ent­geg­ne­te ich, »ich kenne Ihr Mi­ch­ailow­sko­je. Kom­men Sie manch­mal hin?«

»Ich? Sehr sel­ten.«

»Waren Sie nicht vor drei Jah­ren dort?«

»Ich muß mich erst be­sin­nen … Ich glau­be, ja. Rich­tig, ich war wirk­lich da.«

»Al­lein oder mit Ihrer Fräu­lein Schwes­ter?«

Sie sah mich an.

»Mit mei­ner Schwes­ter. Wir blie­ben acht Tage dort. Wir hat­ten ge­schäft­lich zu tun. Sind üb­ri­gens mit kei­nem Men­schen zu­sam­men­ge­kom­men.«

»Hm … Ich glau­be, daß es dort nicht viel Guts­nach­ba­ren gibt, mit denen man ver­keh­ren kann.«

»Nein, nicht viel. Auch macht mir sol­cher Ver­kehr wenig Spaß.«

»Sagen Sie doch,« sagte ich, »ich glau­be, daß dort im glei­chen Jahr ein Un­glück pas­siert ist. Luk­janytsch …«

Frau Schly­ko­wa tra­ten Trä­nen in die Augen.

»Haben Sie ihn ge­kannt?« frag­te sie mich mit gro­ßem In­ter­es­se. »Die­ses Un­glück! Er war ein so schö­ner, guter Greis … Und den­ken Sie sich: ohne jede Ur­sa­che …«

»Ja, ja,« mur­mel­te ich, »wirk­lich schreck­lich …«

Die Schwes­ter der Frau Schly­ko­wa trat zu uns heran. Sie war wohl der ge­lehr­ten Er­ör­te­run­gen des Geo­lo­gen über die For­ma­ti­on der Wolg­au­fer über­drüs­sig ge­wor­den.

»Denke dir nur, Pau­li­ne,« sagte Frau Schly­ko­wa, »der Herr hat un­sern Luk­janytsch ge­kannt!«

»Wirk­lich? Der arme Alte!«

»Ich bin öf­ters in der Ge­gend von Mi­ch­ailow­sko­je zur Jagd ge­we­sen, und ge­ra­de um die Zeit, als Sie dort waren, also vor drei Jah­ren,« be­merk­te ich wie ne­ben­bei.

»Ich?« ent­geg­ne­te Pel­age­ja etwas ver­le­gen.

»Nun ja, na­tür­lich!« fiel ihr die Schwes­ter ins Wort. »Weißt du es nicht mehr?«

Sie blick­te ihr scharf in die Augen.

»Ach ja, gewiß!« ant­wor­te­te plötz­lich Pel­age­ja.

– He he, – sagte ich mir – ich glau­be kaum, daß du da­mals in Mi­ch­ailow­sko­je ge­we­sen bist, meine Liebe! –

»Wol­len Sie uns nicht etwas vor­sin­gen, Pel­age­ja Fjo­do­row­na?« sagte plötz­lich ein schlan­ker jun­ger Mann mit blon­dem Lo­cken­kopf und trü­ben süß­li­chen Augen.

»Ich weiß wirk­lich nicht,« er­wi­der­te Fräu­lein Ba­da­je­wa.

»Sie sin­gen?« rief ich leb­haft aus und erhob mich von mei­nem Plat­ze. »Um des Him­mels Wil­len … sin­gen Sie uns etwas vor.«

»Was soll ich denn sin­gen?«

»Ken­nen Sie viel­leicht,« sagte ich, indem ich mir Mühe gab, mög­lichst gleich­gül­tig und un­be­fan­gen zu er­schei­nen, »ken­nen Sie viel­leicht ein ita­lie­ni­sches Lied, das mit den Wor­ten be­ginnt: Passa quei‘ colli?«

»Ich kenne es,« ant­wor­te­te Pel­age­ja ganz un­schul­dig. »Wol­len Sie, daß ich es Ihnen vor­sin­ge? Mit Ver­gnü­gen.«

Sie ging ans Kla­vier. Ich bohr­te mei­nen Blick durch­drin­gend wie Ham­let in Frau Schly­ko­wa. Es schien mir, daß sie beim ers­ten Ton des Lie­des etwas zu­sam­men­fuhr; sie hörte üb­ri­gens das Lied bis zum Ende ruhig an. Fräu­lein Ba­da­je­wa sang recht nett. Als das Lied zu Ende war, er­scholl das üb­li­che Hän­de­klat­schen. Man bat sie, sie möch­te noch etwas sin­gen; doch beide Schwes­tern ver­stän­dig­ten sich mit einem stum­men Blick und bra­chen auf. Als sie das Zim­mer ver­lie­ßen, glaub­te ich das Wort »im­por­tun« zu hören.

»Ganz recht!« sagte ich mir. Ich bin mit ihnen nie wie­der zu­sam­men­ge­kom­men.

Es ver­ging noch ein Jahr. Ich war in­zwi­schen nach Pe­ters­burg ge­zo­gen. Im Win­ter be­gan­nen die Mas­ken­bäl­le. Als ich eines Abends gegen elf Uhr das Haus eines Freun­des ver­ließ, über­kam mich plötz­lich eine un­ge­mein düs­te­re Stim­mung, und ich be­schloß, um mich zu zer­streu­en, den Mas­ken­ball im Adels­klub auf­zu­su­chen. Lange irrte ich zwi­schen den Säu­len und den Spie­geln herum, mit jenem be­schei­de­nen und zu­gleich viel­sa­gen­den Ge­sichts­aus­druck, den, wie ich be­merkt habe, ich weiß nicht warum, bei ähn­li­chen Ge­le­gen­hei­ten selbst die an­stän­digs­ten Men­schen an­neh­men. Lange irrte ich so herum, fer­tig­te ab und zu mit einem Scherz man­chen zu­dring­li­chen Do­mi­no in zwei­fel­haf­ten Spit­zen und nicht ganz sau­be­ren Hand­schu­hen ab, der mich mit krei­schen­der Stim­me an­rief und sprach noch sel­te­ner selbst einen sol­chen an; lange ließ ich das Heu­len der Blas­in­stru­men­te und das Win­seln der Gei­gen über mich er­ge­hen. Schließ­lich hatte ich diese Lan­ge­wei­le satt, ich bekam Kopf­schmer­zen und be­schloß, nach Hause zu fah­ren; und doch … und doch blieb ich noch da. Mir war eine Frau in schwar­zem Do­mi­no auf­ge­fal­len, die an eine Säule ge­lehnt stand. Ich ging so­fort auf sie zu, blieb vor ihr ste­hen und … wer­den es mir meine Leser glau­ben wol­len?… ich er­kann­te in ihr meine Un­be­kann­te. Woran ich sie er­kann­te: ob am Blick, den sie mir zer­streut durch die läng­li­chen Schlit­ze in der Maske zu­warf, oder an der herr­li­chen Form ihrer Schul­tern und Arme, an ihrer gan­zen un­ge­wöhn­lich ma­jes­tä­ti­schen Er­schei­nung, oder sagte es mir plötz­lich eine in­ne­re Stim­me, – ich weiß es nicht; je­den­falls hatte ich sie er­kannt. Ich ging ei­ni­ge Male mit be­ben­dem Her­zen an ihr vor­über. Sie rühr­te sich nicht. Ihre ganze Hal­tung drück­te un­ge­wöhn­li­che, hoff­nungs­lo­se Trau­er aus, und ich mußte un­will­kür­lich an die Worte einer spa­ni­schen Ro­man­ze den­ken:

Soy un cua­dro de tris­te­za,

Ar­ri­ma­do a la pared …

Bin ein trau­ri­ges Ge­mäl­de

An­ge­lehnt an eine Wand …

Ich trat hin­ter die Säule, an der sie lehn­te, beug­te mich zu ihrem Ohr und raun­te ihr zu:

»Passa quei‘ colli …«

Sie er­beb­te am gan­zen Kör­per und wand­te sich rasch nach mir um. Un­se­re Augen kamen ein­an­der so nahe, daß ich deut­lich er­ken­nen konn­te, wie sich ihre Pu­pil­len vor Angst er­wei­ter­ten. Sie blick­te mich ganz be­stürzt an, die eine Hand etwas vor­ge­streckt.

»Am 6. Mai 184* in Sor­rent, um zehn Uhr abends, in der Stra­ße della Croce,« sagte ich lang­sam, ohne die Augen von ihr zu wen­den, »dann in Ruß­land, im N’schen Gou­ver­ne­ment, im Dorfe Mi­ch­ailow­sko­je, am 22. Juli 184* …«

Ich sagte das alles fran­zö­sisch. Sie rück­te von mir weg, und maß mich von Kopf bis zu den Füßen mit einem er­staun­ten Blick. Dann flüs­ter­te sie mir zu: »venez!…« und ging mit ra­schen Schrit­ten aus dem Saal; ich folg­te ihr.

Wir gin­gen schwei­gend. Ich kann gar nicht wie­der­ge­ben, was ich emp­fand, als ich so an ihrer Seite ging. Es war mir, als ob ein herr­li­ches Traum­bild plötz­lich zur Wirk­lich­keit ge­wor­den wäre, als ob die Sta­tue der Gala­thea zum er­staun­ten Pyg­ma­li­on als le­ben­de Frau vom So­ckel her­ab­ge­stie­gen wäre. Ich trau­te mei­nen Augen nicht und wagte kaum zu atmen.

Wir gin­gen durch ei­ni­ge Zim­mer … Schließ­lich blieb sie in einem der Räume ste­hen und setz­te sich auf einen klei­nen Divan vor ein Fens­ter. Ich setz­te mich an ihre Seite.

Sie wand­te mir lang­sam ihr Ge­sicht zu und be­trach­te­te mich eine Weile mit auf­merk­sa­men Bli­cken.

»Kom­men Sie … von ihm?« frag­te sie schließ­lich.

Ihre Stim­me klang schwach und un­si­cher …

Diese Frage mach­te mich etwas ver­le­gen.

»Nein … nicht von ihm,« ant­wor­te­te ich stot­ternd.

»Ken­nen Sie ihn?«

»Ja, ich kenne ihn,« ant­wor­te­te ich mit ge­heim­nis­vol­ler und wich­ti­ger Miene. Ich woll­te meine Rolle zu Ende spie­len. »Ich kenne ihn.«

Sie sah mich miß­trau­isch an, woll­te mir wohl etwas sagen, sagte aber nichts und blick­te zu Boden.

»Sie haben ihn in Sor­rent er­war­tet,« fuhr ich fort, »Sie waren mit ihm in Mi­ch­ailow­sko­je zu­sam­men­ge­kom­men, sind dort mit ihm ein­mal aus­ge­rit­ten …«

»Wie konn­ten Sie …« fing sie an.

»Ich weiß alles, alles,« un­ter­brach ich sie.

»Ihr Ge­sicht kommt mir etwas be­kannt vor,« fuhr sie fort, »doch nein …«

»Nein, Sie ken­nen mich nicht.«

»Was wol­len Sie also von mir?«

»Ich weiß alles,« wie­der­hol­te ich.

Ich wußte sehr wohl, daß ich den guten An­fang hätte bes­ser aus­nüt­zen und im glei­chen Sinne fort­fah­ren sol­len, daß meine Wie­der­ho­lun­gen »Ich weiß alles« auf die Dauer lä­cher­lich wirk­ten; meine Auf­re­gung war aber so groß, die un­er­war­te­te Be­geg­nung hatte mich so ver­wirrt, daß ich gar nicht wußte, was ich ihr noch wei­ter sagen soll­te. Au­ßer­dem wußte ich auch in der Tat nichts mehr. Ich fühl­te, daß ich vor ihr auf ein­mal ganz dumm da­stand und daß ich aus dem ge­heim­nis­vol­len all­wis­sen­den Wesen, als wel­ches ich ur­sprüng­lich er­schei­nen mußte, mich all­mäh­lich in einen blöde lä­cheln­den Idio­ten ver­wan­del­te; konn­te aber nichts mehr da­ge­gen tun.

»Ja, ich weiß alles,« sagte ich noch ein­mal.

Sie sah mich an, stand schnell auf und woll­te fort.

Das war aber zu grau­sam. Ich er­griff sie bei der Hand.

»Um Got­tes­wil­len,« be­gann ich, »set­zen Sie sich und hören Sie mich an …«

Sie dach­te eine Weile nach und setz­te sich schließ­lich wie­der auf den Divan.

»Ich habe Ihnen so­eben ge­sagt,« fuhr ich, mich er­ei­fernd, fort, »daß ich alles weiß; das ist Un­sinn. Ich weiß nichts, ab­so­lut nichts. Weder wer Sie sind, noch wer er ist; und wenn Sie sich über die Worte wun­dern, die ich Ihnen vor­hin bei der Säule zu­ge­raunt habe, so schrei­ben Sie doch alles einem Zu­fall zu, einem merk­wür­di­gen, un­be­greif­li­chen Zu­fall, der mich zwei­mal wie zum Scherz Ihnen in den Weg ge­führt und zu einem un­frei­wil­li­gen Zeu­gen von Din­gen ge­macht hat, die Sie viel­leicht ge­heim hal­ten wol­len …«

Und ich er­zähl­te ihr, ohne ir­gend etwas zu ver­heim­li­chen, alles: von mei­nen Be­geg­nun­gen mit ihr in Sor­rent und in Ruß­land, von mei­nen er­folg­lo­sen Nach­for­schun­gen in Mi­ch­ailow­sko­je und selbst von mei­nem Ge­spräch mit Frau Schly­ko­wa und deren Schwes­ter zu Mos­kau.

»Jetzt wis­sen Sie alles,« fuhr ich fort, als ich mit dem Be­richt fer­tig war. »Ich will Ihnen gar nicht sagen, welch einen tie­fen und er­schüt­tern­den Ein­druck Sie auf mich ge­macht haben: Sie zu sehen und von Ihnen nicht be­zau­bert zu wer­den, ist ganz un­mög­lich … An­de­rer­seits brau­che ich gar nicht zu sagen, wel­cher Art die­ser Ein­druck war. Be­sin­nen Sie sich doch nur, unter wel­chen Ver­hält­nis­sen ich Sie beide Male sah … Glau­ben Sie mir, ich gebe mich nicht gerne wahn­sin­ni­gen Hoff­nun­gen hin, be­grei­fen Sie aber jene un­ge­wöhn­li­che Er­re­gung, die sich mei­ner heute abend be­mäch­tigt hat, und ent­schul­di­gen Sie mir die plum­pe List, die ich an­wand­te, um Ihre Auf­merk­sam­keit, wenn auch nur für einen kur­zen Au­gen­blick, auf mich zu len­ken …«

Sie hörte mei­nen ver­wor­re­nen Er­klä­run­gen mit ge­senk­tem Kopfe zu.

»Was wol­len Sie also von mir?« frag­te sie schließ­lich.

»Ich?… Ich will nichts … Ich bin oh­ne­hin glück­lich … Ich re­spek­tie­re frem­de Ge­heim­nis­se.«

»Wirk­lich? Bis­her hatte ich ei­gent­lich den Ein­druck … Ich will Ihnen, üb­ri­gens, keine Vor­wür­fe ma­chen. An Ihrer Stel­le würde wohl ein jeder so ge­han­delt haben. Auch hat uns das Schick­sal gar zu be­harr­lich unter so un­ge­wöhn­li­chen Um­stän­den ein­an­der zu­ge­führt … Das gibt Ihnen viel­leicht ein ge­wis­ses An­recht auf meine Of­fen­her­zig­keit. Hören Sie also: ich ge­hö­re nicht zu jenen un­ver­stan­de­nen und un­glück­li­chen Frau­en, die auf Mas­ken­bäl­le gehen, um mit dem ers­ten Bes­ten von ihren Lei­den zu reden und nach mit­füh­len­den See­len zu su­chen … Ich brau­che kei­nes Men­schen Mit­ge­fühl; mein Herz ist längst tot, und ich bin her­ge­kom­men, um es end­gül­tig zu be­gra­ben.«

Sie führ­te ihr Ta­schen­tuch an die Lip­pen.

»Ich hoffe,« fuhr sie mit ei­ni­ger Über­win­dung fort, »daß Sie meine Worte nicht als ge­wöhn­li­che Mas­ken­bal­ler­güs­se auf­fas­sen. Sie müs­sen ein­se­hen, daß es mir ganz an­ders zu­mu­te ist …«

Und wirk­lich glaub­te ich in ihrer Stim­me, wie an­ge­nehm und ein­schmei­chelnd sie auch klang, etwas Un­heim­li­ches zu hören.

»Ich bin Rus­sin,« fuhr sie rus­sisch fort; bis­her hatte sie fran­zö­sisch ge­spro­chen, »ob­wohl ich in Ruß­land wenig ge­lebt habe … Mei­nen Namen brau­chen Sie nicht zu wis­sen … Anna Fjo­do­row­na ist meine alte Freun­din; ich war wirk­lich ein­mal in Mi­ch­ailow­sko­je unter dem Namen ihrer Schwes­ter … Da­mals durf­te ich mit ihm noch nicht öf­fent­lich zu­sam­men­kom­men … Es waren auch oh­ne­hin Ge­rüch­te über uns im Um­lauf … es gab noch ver­schie­de­ne Hin­der­nis­se, er war noch nicht frei … Diese Hin­der­nis­se sind nun be­sei­tigt … Da hat aber er, des­sen Namen ich hätte tra­gen sol­len, mit dem Sie mich ge­se­hen haben, mich ver­las­sen.«

Sie ließ hoff­nungs­los die Arme sin­ken und schwieg eine Weile … Dann frag­te sie mich:

»Ken­nen Sie ihn wirk­lich nicht? Ist er Ihnen nie be­geg­net?«

»Wirk­lich nie.«

»Er hat sich fast immer im Aus­land auf­ge­hal­ten. Jetzt ist er üb­ri­gens hier … Das ist meine ganze Ge­schich­te,« setz­te sie hinzu. »Wie Sie sehen, ist an ihr nichts Ge­heim­nis­vol­les, nichts Au­ßer­ge­wöhn­li­ches.«

»Und Sor­rent?« wand­te ich schüch­tern ein.

»Ich hatte ihn in Sor­rent ken­nen ge­lernt,« ant­wor­te­te sie lang­sam und wurde wie­der nach­denk­lich.

Wir schwie­gen beide. Eine selt­sa­me Un­ru­he be­mäch­tig­te sich mei­ner. Ich saß an ihrer Seite, an der Seite jener Frau, deren Bild so oft meine Ge­dan­ken be­herrscht und mich so schmerz­voll be­wegt und er­regt hatte, – ich saß an ihrer Seite, doch mein Herz blieb kühl, be­klom­men. Ich wußte, daß die­ses Ge­spräch zu nichts füh­ren würde, daß zwi­schen mir und ihr ein un­über­brück­ba­rer Ab­grund lag, daß wir uns nach die­ser Be­geg­nung nie wie­der sehen wür­den. Den Kopf etwas vor­ge­beugt, beide Hände nach­läs­sig auf die Knie ge­senkt, saß sie gleich­gül­tig da. Ich kenne nur zu gut diese nach­läs­si­ge Ge­bär­de des un­heil­ba­ren Schmer­zes, diese Gleich­gül­tig­keit des nicht wie­der gut­zu­ma­chen­den Un­glücks! Mas­kier­te Paare zogen an uns vor­bei; die Töne eines »ein­tö­ni­gen und wahn­sin­ni­gen« Wal­zers klan­gen bald leise wie aus der Ferne und bald dröh­nend in un­se­re Ohren; die lus­ti­ge Ball­mu­sik mach­te auf mich einen trau­ri­gen, schwe­ren Ein­druck. Ist denn diese Frau – dach­te ich – die glei­che, die mir einst am Fens­ter jenes fer­nen Land­hau­ses im Glan­ze ihrer sieg­haf­ten Schön­heit er­schie­nen war?… – Und doch schien sie von der Zeit un­be­rührt. Der un­te­re Teil ihres Ge­sichts, den die Spit­zen der Maske offen lie­ßen, war zart wie bei einem Kinde; ihr ent­ström­te aber ein Hauch von Kälte wie einer Sta­tue … Gala­thea war auf ihr Post­a­ment zu­rück­ge­kehrt und durf­te es nie wie­der ver­las­sen.

Plötz­lich rich­te­te sie sich auf, sah ins an­de­re Zim­mer und erhob sich.

»Geben Sie mir den Arm,« sagte sie mir, »kom­men Sie schnell …«

Wir kehr­ten in den Saal zu­rück. Sie ging so schnell, daß ich ihr nur mit Mühe fol­gen konn­te. Vor einer Säule blieb sie ste­hen.

»War­ten wir hier eine Weile,« flüs­ter­te sie mir zu.

»Su­chen Sie je­mand?…«

Sie ach­te­te aber nicht mehr auf mich und rich­te­te ihren star­ren Blick mit­ten in die Menge. Ihre gro­ßen schwar­zen Augen blick­ten ver­träumt und zu­gleich dro­hend durch die Schlit­ze im schwar­zen Samt.

Auch ich blick­te in der glei­chen Rich­tung, und so­fort wurde mir alles klar. Im schma­len Gange zwi­schen den Säu­len und der Wand ging er, der Mann, den ich mit ihr im Walde ge­se­hen hatte. Ich er­kann­te ihn so­fort: er hatte sich gar nicht ver­än­dert. Sein blon­der Schnurr­bart war noch eben­so schön, und in sei­nen brau­nen Augen leuch­te­te noch immer die glei­che selbst­be­wuß­te und ru­hi­ge Hei­ter­keit. Er ging nicht schnell, wieg­te sich in den Hüf­ten und er­zähl­te etwas einer Dame im Do­mi­no, die er am Arme führ­te. Als er an uns vor­über­ging, hob er plötz­lich den Kopf und blick­te zu­erst auf mich und dann auf sie, mit der ich stand; of­fen­bar er­kann­te er so­fort ihre Augen, denn plötz­lich zuck­ten seine Brau­en; er kniff seine Augen zu­sam­men, und über seine Lip­pen husch­te ein kaum wahr­nehm­ba­res, doch un­ge­mein fre­ches Lä­cheln. Er neig­te sich zu sei­ner Dame und flüs­ter­te ihr etwas ins Ohr; sie wand­te sich so­fort um, und ihre blau­en Augen streif­ten uns mit einem schnel­len Blick; dann ki­cher­te sie leise und droh­te ihrem Be­glei­ter mit ihrem klei­nen Händ­chen. Er zuck­te leicht die Ach­seln, und sie schmieg­te sich ko­kett an ihn …

Ich wand­te mich zu mei­ner Un­be­kann­ten. Sie blick­te dem sich ent­fer­nen­den Paare nach; plötz­lich riß sie ihren Arm aus dem mei­nen los und stürz­te zur Türe. Ich woll­te ihr nach­ei­len, sie dreh­te sich aber um und warf mir einen sol­chen Blick zu, daß ich ste­hen blieb und mich tief vor ihr ver­beug­te. Ich be­griff, daß es roh und dumm ge­we­sen wäre, sie wei­ter zu ver­fol­gen.

»Sag‘ mir doch, mein Lie­ber,« frag­te ich nach einer Vier­tel­stun­de einen mei­ner Be­kann­ten, ein le­ben­di­ges Adreß­buch von Pe­ters­burg, »wer ist jener schlan­ke, hüb­sche Herr mit dem blon­den Schnurr­bart?«

»Die­ser?… Ir­gend ein Aus­län­der, ein ziem­lich rät­sel­haf­tes In­di­vi­du­um, das sich sehr sel­ten an un­se­rem Ho­ri­zont zeigt. Warum in­ter­es­siert er dich?«

»Ich habe nur so ge­fragt …«

Ich kehr­te nach Hause zu­rück. Seit­dem sah ich sie nie wie­der. Wenn ich den Namen des Man­nes, den sie ge­liebt hatte, wüßte, so könn­te ich wohl auch leicht her­aus­brin­gen, wer sie war; ich woll­te es aber nicht tun. Ich habe vor­hin ge­sagt, daß diese Frau mir wie ein Traum­bild er­schie­nen war; so zog sie auch wie ein Traum­bild vor­über und ver­schwand auf Nim­mer­wie­der­sehn.

 

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