Dostojewskij

Eine Parallele drängt sich auf: der heitere, sonnige Tag Puschkins und die blitzdurchzuckte Nacht Lermontows, apollinische Harmonie und dämonische Zerrissenheit. Turgenjew und Dostojewskij. Schon äußerlich: der gepflegte Grandseigneur mit dem gütigen Antlitz, und der einstige Zuchthäusler mit dem schweren Blick. Turgenjew bezauberte alle durch sein liebenswürdiges Wesen, der schroffe und gallige Dostojewskij stieß fast alle ab. Im Kapitel über Lermontow zitierten wir die Worte, die Kaiser Nikolai I. gesagt haben soll, als er die Kunde vom Tode dieses Dichters erhielt. Nach dem Tode Dostojewskijs schrieb aber Turgenjew an Ssaltykow: »Wenn man bloß bedenkt, daß alle russischen Bischöfe Totenmessen für diesen unsern Marquis de Sade zelebriert haben …«

Andere Zeitgenossen haben uns noch viel schroffere Urteile hinterlassen. (Leo Tolstoi dagegen schrieb zur gleichen Zeit: »Als er starb, begriff ich erst, daß er mir der nächste, teuerste und notwendigste Mensch gewesen war.«) Während die Verwandtschaft zwischen Turgenjew und Puschkin eine vollkommene ist, läßt sich eine solche zwischen Dostojewskij und Lermontow trotz äußerer Parallelen nicht konstruieren. Lermontow war ein Meteor, der sich zufällig in die irdische Atmosphäre verirrt hatte, Dostojewskij aber eine echte Ausgeburt der Erde, und zwar der russischen Erde.

In einer anderen Beziehung allerdings, der literaturgeschichtlichen, ist auch Dostojewskij ein Meteor: er hängt mit den literarischen Richtungen seiner Zeit durch nichts zusammen, er ist der einzige Nichtrealist in einer Periode der unumschränkten Herrschaft des Realismus. Wenn auch seine ersten Werke einen Einfluß Gogols verraten, scheinen doch alle früheren Errungenschaften der russischen Literatur für ihn nicht zu existieren: er fängt gleichsam von vorn an und errichtet nach eigenen Gesetzen einen zyklopischen Bau, der alles, was Generationen vor ihm geschaffen haben, bei weitem überragt. Aber auch abgesehen von seinen äußeren Merkmalen nimmt das Werk Dostojewskijs eine ganz einzigartige Stellung innerhalb der gesamten Weltliteratur ein. Am treffendsten wurde diese Stellung wohl von dem russischen Philosophen Wassilij Rosanow definiert, dessen Worte wir hier gekürzt wiedergeben.

»Drei Phasen können wir in der seelischen Entwicklung eines jeden Menschen wie auch jedes Volkes unterscheiden; nicht jeder macht alle drei Phasen durch, aber überall, wo die Entwicklung abgeschlossen ist, sind sie deutlich zu erkennen: ursprüngliche, unmittelbare Reinheit, Verfall und Wiedergeburt. Alles, was geboren wird und seinen natürlichen Abschluß erlangt hat, kann keiner der drei Phasen entgehen. In der Weltgeschichte bilden das Verbrechen, die Sünde, der Verfall stets die zentrale Erscheinung, deren Sinn aber nur relativ ist: das Sündhafte ist ein Vergehen gegen etwas Vorangegangenes, was besser war; es ist ein Zustand, aus dem man sich zu einer Wiedergeburt erheben muß. Nur in die mittlere der drei Phasen fallen Strahlen aus den beiden benachbarten, und der Mensch sieht daher das hellste Licht außerhalb der Grenzen seines irdischen Seins: in der vorirdischen Existenz und im Leben nach dem Tode. Das Wesen der Sünde setzt stets die Wiedergeburt voraus, und der Mensch erfaßt nur in der tiefsten Finsternis die wichtigste Wahrheit seines Seins. Das Eindringen in dieses Gesetz, und zwar nicht nur mit dem Verstande, sondern auch mit Herz und Gewissen bildet die ureigenste Sphäre des geistigen Erlebnisses Dostojewskis, eine Sphäre, die mit ihm kein zweiter Dichter teilt. Während alle andern großen Dichter vorwiegend die erste Phase in der Entwicklung der Völker und der Gesellschaft behandeln, haben alle Werke Dostojewskijs die zweite Phase zum Gegenstand und weisen auf die Wege hin, die aus ihr in die dritte – zur Wiedergeburt führen. Sie führen den Leser irgendwohin und drohen ihm, obwohl sie nur zu schildern scheinen. Sie versetzen uns alle in eine Atmosphäre des Grauens und der Finsternis, und in diese spielen Strahlen einer noch ungeahnten Helle und Reinheit hinein; der Ruf zu diesem Licht ist neben der Darstellung der Finsternis das Grundthema Dostojewskijs in allen seinen Werken.«

Nicht nur das Werk, auch das ganze Leben Dostojewskijs ist eine Finsternis, in die Strahlen überirdischen Lichts eindringen, ein Kampf zwischen Licht und Finsternis. Er hat die tiefsten Abgründe der Sünde erlebt und auch die hellsten Strahlen der Wiedergeburt geschaut. Auf diesem ewigen Ringen beruht die beispiellose Zwiespältigkeit seines Wesens, die ja auch, wie die Psychiatrie lehrt, eine Begleiterscheinung der Epilepsie ist, der ›heiligen Krankheit‹, an der Dostojewskij gleich vielen anderen Großen litt. Auch jeder einzelne epileptische Anfall setzt sich aus den Zuständen höchster Seligkeit und tiefster Qual zusammen. Über das Wesen der Epilepsie Dostojewskijs ist übrigens wenig bekannt. Man weiß auch nicht, ob sie ihn erst im Zuchthaus befallen hat, wie er es selbst in seiner Bittschrift an den Kaiser Alexander II. behauptet, oder ob er an ihr schon als Kind krankte. Wir hörten sogar die Ansicht eines der größten lebenden Seelenforscher, daß es keine echte Epilepsie gewesen sei, sondern nur eine Scheinform, wie der Dichter sie seinem Smerdjakow zuschreibt. Die für den Epileptiker charakteristische Zwiespaltung der Persönlichkeit, die Dostojewskij schon in seiner frühen, noch Gogol nachempfundenen Novelle Doppelgänger in grotesker Form behandelt hat, kann man auch in seinen großen Romanen wiederfinden, wenn man sich die Frage stellt: wer ist eigentlich der Held? Wer ist der Held in Verbrechen und Strafe, [Fußnote] Raskolnikow oder Swidrigailow? Wem gab der Dichter seine Seele ein? Stellenweise hat man den Eindruck, daß in Swidrigailow viel von Dostojewskij selbst stecke, dann wieder, daß er sich mit Raskolnikow identifiziere. Er ist nämlich beides, seine Seele ist gespalten und in einen Raskolnikow und einen Swidrigailow zerlegt. So ist es auch mit den Karamasows: Aljoschas lichte Seele ist zweifellos ein Teil der Seele Dostojewskijs. Aber dasselbe gilt auch von dem »wollüstigen Insekt«, dem alten Karamasow: »wir sind alle Fjodor Pawlowitsch Karamasows«, schrieb er in sein Tagebuch. In ihm ist zugleich der Aufruhr Iwan Karamasows und die Demut Sossimas. Er ist auch Dmitrij Karamasow (nach Ansicht des Kritikers Wolynskij – der eigentliche Held des Romans) und vereinigt in sich die Anbetung Sodoms mit der Anbetung der Madonna. Dostojewskij sprach auch selbst von seinem Zwiespalt (in einem Briefe aus dem Jahre 1880): »Dieser Zug ist allen Menschen eigen … allen Menschen, die nicht ganz gewöhnlich sind. Er verursacht große Qualen und zugleich ein großes Wonnegefühl.«

Der Kampf, der in Dostojewskij bis an sein Ende tobte, hatte schon früh begonnen. Hinweise darauf finden wir in seinen Jugendbriefen. Als Siebzehnjähriger schrieb er seinem Bruder: »Dem Menschen ist dieser einzige Seelenzustand beschieden: die Atmosphäre seiner Seele besteht aus einer Vermengung des Himmlischen mit dem Irdischen … unsere Erde erscheint mir als ein Fegefeuer für himmlische Geister, die von sündigen Gedanken getrübt worden sind.« Dostojewskijs Leben war aber auch in einem anderen Sinne ein Fegefeuer, das den in ihm lodernden Brand auch von außen schürte. Auf dieses Leben kommen wir nun zu sprechen.

Fjodor Michailowitsch Dostojewskij wurde am 11. November 1821 als Sohn eines Anstaltsarztes zu Moskau geboren. Die Familie lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen, und die Kindheit Dostojewskijs war ziemlich freudlos. Alle kindlichen Spiele waren verpönt, ein um so größeres Gewicht wurde auf die religiöse Erziehung gelegt. Ein Literaturlehrer am Knabenpensionat zu Moskau, in das er mit dreizehn Jahren kam, weckte in ihm eine Begeisterung für Puschkin, die bis an sein Lebensende anhielt. Im Jahre 1837 starb die Mutter, und Dostojewskij kam nach Petersburg auf die Militär-Ingenieurschule. Hier blieb er sechs Jahre. Während dieser Zeit las er sehr viel und begeisterte sich besonders für Balzac, Hugo, E. T. A. Hoffmann und Schiller; die Vorliebe für diesen letzteren behielt er gleich der für Puschkin sein ganzes Leben lang. 1841 versuchte sich Dostojewskij als Dramatiker; die Versuche ( Maria Stuart und Boris Godunow) sind uns nicht erhalten geblieben. 1843 absolvierte er als Militär-Ingenieur die Schule und übersetzte im gleichen Jahre den Roman Eugenie Grandet von Balzac. Im folgenden Jahr schreibt er an seinem ersten Roman Arme Leute. Dieses Erstlingswerk, das den wahren Dostojewskij nur ahnen läßt, hatte ungeheuren Erfolg; Nekrassow veröffentlichte es in seiner Zeitschrift, Bjelinskij war begeistert und prophezeite Dostojewskij die Zukunft »eines großen Künstlers«. Die folgenden Werke: Roman in neun Briefen, Doppelgänger, Herr Prochartschin enttäuschten aber den großen Kritiker; im Jahre 1848 schrieb Bjelinskij an einen Freund: »Jedes neue Werk von ihm ist ein neuer Sturz … Schön sind wir mit dem Genie Dostojewskij hereingefallen!«

Im kritischen Jahre 1848 hatten sich in Petersburg, zum Teil unter dem Einfluß der Pariser Februarrevolution, geheime politische Kreise gebildet, und einem dieser Kreise, in dem die Ideen Fouriers gepredigt wurden und in dessen Mittelpunkt ein gewisser Petraschewskij stand, schloß sich auch Dostojewski; an. Im März 1849 wurde er mit den andern verhaftet und vor Gericht gestellt. Die Anklage lautete: »Teilnahme an verbrecherischen Plänen und Verbreitung eines Privatbriefes voller frecher Ausdrücke gegen die orthodoxe Kirche und die höchste Gewalt.« Es handelte sich um den bewußten Brief Bjelinskijs an Gogol anläßlich dessen Briefwechsel mit den Freunden. Alle Verurteilten wurden auf den Ssemjonowskij-Platz gebracht, wo man ihnen das Todesurteil verlas. Eine halbe Stunde stand Dostojewskij auf dem Schafott und sah den Tod vor Augen. Was er in dieser halben Stunde erlebt hat, wissen wir nicht; aber eines ist sicher: diese halbe Stunde gab ihm das Recht und die Kraft, Leben und Tod mit anderen Augen anzusehen als andere Sterbliche. Erst als er diese namenlose Pein überstanden hatte, kam die Begnadigung zu vier Jahren Zwangsarbeit in Sibirien. Der Kaiser selbst hatte die teuflische Komödie mit der Verlesung des Todesurteils erfunden.

Die vier Jahre im Zuchthaus von Omsk (1850–1854) waren in Wirklichkeit viel schrecklicher, als er sie aus Zensurrücksichten später geschildert hat. Aber sie waren die beste Schule für die Entwicklung seines ›grausamen‹ Talents. Im Zuchthaus sah er den Menschen aller Konventionen entkleidet, nackt, aber selbst auf der tiefsten Stufe des Falles als Ebenbild Gottes. Mit welchen Gefühlen er seine Verurteilung aufnahm und sein schweres Kreuz trug, ersehen wir aus folgender von seinem Freund, dem Dichter Apollon Maikow, mitgeteilten Anekdote: Ein hoher Beamter, der Dostojewskij vor seiner Verbannung gekannt hatte und mit ihm nach vielen Jahren in Petersburg in Gesellschaft zusammenkam, ließ die Bemerkung fallen: »Wie ungerecht war doch Ihre Verbannung.« – »Nein, sie war gerecht«, entgegnete Dostojewskij kurz. »Uns hätte auch das russische Volk verurteilt. Dies begriff ich erst dort, im Zuchthaus. Wer kann es wissen: vielleicht wollte mich der Höchste selbst ins Zuchthaus bringen, damit ich dort etwas erfahre: das Wichtigste erfahre, ohne das man nicht leben kann, ohne das die Menschen einander auffressen müßten; dieses Wichtigste eben sollte ich dort finden, denn es ist vorerst nur im Volke verborgen, und wenn auch das Volk aus Dieben, Mördern und Säufern besteht; ich sollte es dort finden und den andern mitteilen, damit sie auch nur ein bißchen besser werden, damit sie wenigstens einsehen, daß sie dem Abgrunde zustreben, – auch das genügt schon. Es lohnte schon wegen dieses einen ins Zuchthaus zu kommen.« Sein Leben lang war er überzeugter Verteidiger des Regimes, das ihn ins Zuchthaus geschickt hatte, und pries auch, wie Iwan Aksakow bezeugt, gelegentlich den Kaiser Nikolai, dem er jene halbe Stunde auf dem Ssemjonowskij-Platz zu verdanken hatte, worüber ein zufällig anwesender Engländer sich nicht wenig wunderte…

Nach Abbüßung der Strafe mußte Dostojewskij noch vier Jahre in Sibirien bleiben. 1857 heiratete er eine schwindsüchtige Witwe, mit der er sieben Jahre, anscheinend in unglücklicher Ehe, zusammenlebte. Nach Rußland zurückgekehrt, nahm er die schriftstellerische Tätigkeit wieder auf und schrieb in den Jahren 1859-1862 die Novellen Onkelchens Traum, Das Gut Stepantschikowo, den Roman Erniedrigte und Beleidigte und die berühmten Aufzeichnungen aus dem Totenhause (1862). Schilderungen von so düsterer Größe, wie z.B. die der Badestube (im letzteren Werk), hatte es in der russischen Literatur noch nicht gegeben. Der Erfolg des Totenhauses war auch sehr groß. Um die gleiche Zeit gründete Dostojewskij mit seinem Bruder Michaïl die Zeitschrift Wremja (›Zeit‹), die mit Erbitterung den ›Nihilismus‹ bekämpfte und in Opposition zu der gesamten liberalen Presse trat. (In der Wremja erschien übrigens Turgenjews Novelle Visionen.) Die Zeitschrift wurde 1863 von der Regierung wegen eines Artikels Strachows, aus dem man eine beim Verfasser gar nicht vorhandene Sympathie für das aufrührerische Polen herauslas, eingestellt. Auf einen Schlag war Dostojewskijs materielle Existenz vernichtet. Im Sommer 1863 ging er ins Ausland (wo er schon ein Jahr vorher gewesen war); in Baden-Baden, wo damals das Roulette blühte, packte ihn der Dämon der Spielleidenschaft, der ihn sein ganzes Leben nicht mehr losließ. Diese Leidenschaft verursachte zum Teil die Geldnot, mit der er immer zu kämpfen hatte und die ihn zu übereilter Produktion anspornte; aber es soll nicht verschwiegen werden, daß diese Geldnot zuweilen auch Einbildung war. Unter dem Eindruck der Erlebnisse am Baden-Badener Spieltisch entstand der Plan zu dem kleinen Roman Der Spieler, der auch abgesehen vom Spiel viel Autobiographisches enthält und erst 1866 erschien. Nach Rußland zurückgekehrt, gründete er 1864 eine neue Zeitschrift Epoche, die nach kurzer Zeit wegen finanzieller Schwierigkeiten einging. Im gleichen Jahre verlor er seine erste Frau, seinen Bruder Michaïl und seinen Freund, den Dichter Apollon Grigorjew. Es war eines der schwersten Jahre seines Märtyrerlebens.

Im Sommer 1865 begann Dostojewskij den Roman Verbrechen und Strafe. Die ersten Kapitel entstanden im Ausland, der Schluß in einer Sommerfrische bei Moskau. Das Werk erschien 1867 und wurde sofort berühmt; zufällig hatte kurz vor seinem Erscheinen ein Moskauer Student einen Wucherer ermordet, und verschiedene Umstände der Tat und die Psychologie des Täters erinnerten an das Verbrechen Raskolnikows. Verbrechen und Strafe ist wohl das Hauptwerk Dostojewskijs; alle seine anderen Werke sind nach Ansicht des schon zitierten Rosanow nur Kommentare zu diesem einen. Noch kein Dichter der Weltliteratur hatte die Menschenseele in der ›zweiten Phase‹ mit solch überzeugender Kraft geschildert. Der Leser kann unmöglich die inneren Erlebnisse Raskolnikows nur als Außenstehender verfolgen; er muß, ob er will oder nicht, auch selbst in die tiefste Hölle hinabsteigen, muß selbst das Verbrechen verüben und dann das schwere Kreuz tragen. Er liest gleichsam die Geschichte einer von ihm selbst verübten Tat, die er schon vergessen hat und die ihm der Dichter mit zwingender Kraft ins Gedächtnis ruft, und trägt die Folgen dieser Tat. Das überirdische Licht der Erlösung, dessen Randstrahlen die rührende Gestalt der Ssonja Marmeladowa verklären, wird darin nur von fern gezeigt. Der Roman entstand unter den ungünstigsten äußeren Bedingungen, in steten Kämpfen mit der Redaktion des Russischen Boten, die vom Autor immerfort Änderungen und Milderungen verlangte. Die Wiedergeburt Raskolnikows versprach Dostojewskij in einem neuen Roman zu schildern, der jedoch nie geschrieben wurde.

Im Jahre 1867 heiratete der Sechsundvierzigjährige die viel jüngere, kaum der Schule entwachsene Stenographin Anna Snitkina. (Das Thema: alter Mann – blutjunge Frau kehrt bei Dostojewskij übrigens oft wieder, am grausamsten in der Erzählung Die Sanfte.) Die Schulden häuften sich, und Dostojewskij ging, um sich vor den Gläubigern zu retten, mit seiner jungen Frau ins Ausland, wo er vier Jahre (1867-1871) blieb und abwechselnd in Dresden, Genf und Florenz lebte. In diesen Jahren entstand der Roman Idiot, der 1868 erschien. Der Idiot war sein Lieblingswerk. Er ist viel phantastischer und scheint von den Aufregungen der Wirklichkeit weniger beeinflußt als alles andere, was er geschrieben. Fürst Myschkin, der ›Idiot‹, ist eine Verkörperung der lichten Wahrheit, deren Schimmer Dostojewskij schon in den Zuchthäuslern erkannt hatte, der Wahrheit, ohne die die ganze Welt »dem Abgrunde zustrebt«. Diese Wahrheit formuliert Myschkin, der in vielem an Iwan den Narren, den Helden der russischen Volksmärchen, erinnert, in folgenden Worten: »Mitleid ist das wichtigste, vielleicht das einzige Gesetz des menschlichen Seins.« Seine Einfalt ist zugleich höchste Weisheit, und Dostojewskij legte ihm viele seiner eigenen Gedanken, namentlich über die junge Generation in den Mund. Die eigentümliche Phantastik des Idioten kehrt übrigens noch einmal im Träume eines lächerlichen Menschen (1879) wieder, einer bisher noch zu wenig beachteten Erzählung, in der der ganze Dostojewskij in nuce enthalten ist.

Im Ausland faßte Dostojewskij den Plan zu einem großen Roman, der »Atheismus« heißen sollte, jedoch ungeschrieben blieb (der Plan zu diesem Werk, der später zum Teil in den Karamasows verwirklicht wurde, ist uns erhalten geblieben), und begann Die Teufel. An diesem Roman schrieb er auch 1871 in Petersburg, nach seiner Rückkehr aus dem Ausland. Das Buch erregte bei seinem Erscheinen das größte Aufsehen und ist in Rußland auch heute noch das am meisten umstrittene Werk Dostojewskijs. Natürlich ist es viel mehr als ein Pamphlet gegen den Nihilismus; es ist eine Apokalypse der russischen Revolution, voller Prophezeiungen, die erst heute in Erfüllung gehen. Dostojewskijs Haß gegen den Nihilismus entspringt nicht einer konservativen Gesinnung im landläufigen Sinne des Wortes: sein Glaube an die künftige allgemeine Glückseligkeit im Sinne des christlichen Gottesreiches war so tief und glühend, daß ihm alle Versuche, ein Gottesreich auf Erden ohne Gott einzurichten, als ein Frevel erschienen. An den Nihilisten stieß ihn nicht nur ihr krasser Materialismus ab, sondern auch der Internationalismus, die Verleugnung jeder nationalen Tradition. In dieser Verleugnung sieht er das Grundwesen des Nihilismus und sogar ein allen Russen eigenes Übel: »Wir wollen Rußland retten, indem wir es verleugnen… Wir alle sind Nihilisten, uns hat nur die neue, originelle Form, in der er aufgetreten ist, erschreckt«, schrieb Dostojewskij in sein Tagebuch. Die Teufel sind zwar der einzige Roman Dostojewskijs, in dem man eine Art Milieuschilderung erblicken kann, haben aber mit der realen Wirklichkeit ebensowenig zu tun wie alle seine anderen Werke: die beiden Werchowenskijs, Kirillow, Schatow, der mit dem Swidrigailow in Verbrechen und Strafe verwandte Stawrogin (dessen erschütternde Beichte erst 1922 aus dem Nachlaß des Dichters veröffentlicht wurde und von dem neuerdings vermutet wird, daß Dostojewskij in ihm den berühmten Bakunin habe darstellen wollen), sind keine Karikaturen, wie gewisse Nebenfiguren in Turgenjews Väter und Söhne, auch nicht homerische Übertreibungen in Gogolschem Stile, sondern ausgesprochen apokalyptische Gestalten. Dostojewskij kannte in keinem Dinge Maß: »Immer und überall gehe ich bis zur letzten Grenze, mein ganzes Leben lang habe ich den Strich überschritten«, sagte er von sich selbst. So konnte er auch in seinem Haß nicht maßhalten und verdammte zugleich mit den Auswüchsen der nihilistischen Bewegung auch die lichten Gestalten voll Aufopferung und Menschenliebe, die in ihr zweifellos vorhanden waren.

Die Teufel weckten natürlich einen heftigen Protest nicht nur bei den Nihilisten, sondern auch den Gemäßigt-Liberalen. Die russische Kritik kann das Buch Dostojewskij auch heute noch nicht verzeihen. Nun stand er als erzreaktionär und Feind jedes freiheitlichen Gedankens da. Dieser Ruf festigte sich noch mehr, als Dostojewskij sich der Publizistik zuwandte und (1873) eine eigene Abteilung Tagebuch eines Schriftstellers in der konservativen Zeitschrift Grashdanin zu redigieren begann. Das Tagebuch (das er in den Jahren 1876-1877 als eigene Zeitschrift wieder aufnahm) ist eine Reihe von Feuilletons über alle möglichen politischen Tagesfragen, literarische und sonstige Erscheinungen, die Dostojewskij gerade interessierten. Wenn nichts Aktuelles vorlag, gab er seinen Lesern eine Erzählung (so erschienen die Erzählungen Bobok, Traum eines lächerlichen Menschen und Die Sanfte im Tagebuch). In einzelnen Aufsätzen wurden verschiedene russische und fremde Schriftsteller behandelt, und Dostojewskij zeigt sich als ungemein tiefer und kluger Kritiker. Am wichtigsten sind die politischen Aufsätze, in denen er die gleichen Ansichten verfocht, die den Teufeln zugrunde liegen. Auch hier überschreitet er wie immer alle Grenzen und äußert Ansichten, die nur von den verstocktesten Verteidigern des alten Regimes freudig begrüßt wurden. Dostojewskij, für den »Mitleid das wichtigste und einzige Gesetz des Seins« war, predigt in seinem Tagebuch Haß gegen Andersstämmige, verteidigt den Krieg und sucht sogar (in einem in seinem Notizbuch enthaltenen Entwurf) die Todesstrafe für Verbrechen gegen den Staat zu rechtfertigen. Von seinen politischen Freunden auf der Rechten trennt ihn aber in Wirklichkeit der gleiche Abgrund wie von seinen Feinden auf der äußersten Linken; die Stockkonservativen, die Rußland zur besseren Konservierung der alten Ordnung am liebsten hätten einfrieren lassen und deren hervorragendster Vertreter Pobjedonoszew war, waren Menschen mit eiskalten, starren Seelen, während in Dostojewskij ein nie verlöschender Brand tobte; vor dieser ewig brennenden Seele hatten selbst die Feinde Respekt.

Im Jahre 1874 machte sich Dostojewskij an den neuen Roman Podróstok (wörtlich ›Der Halbwüchsige‹), der im nächsten Jahre erschien und von der liberalen Kritik viel günstiger aufgenommen wurde, aber niemals die Berühmtheit der anderen Romane Dostojewskijs erreichte. Er ist auch wirklich sein schwächstes Werk, obwohl auch darin erstaunliche Stellen zu finden sind, wie z. B. der Traum Werssilows vom Morgen des ersten Tages des europäischen Menschen. Der Roman blieb ein Torso, da Dostojewskij sich schon mit den Plänen zu einem größeren Werk trug – den Brüdern Karamasow – an dem er 1878/79 schrieb. Die Brüder Karamasow, mit dem Untertitel ›Geschichte einer Sippe‹, sind das umfangreichste und am breitesten angelegte Werk Dostojewskijs. Wir lernen hier vier Brüder kennen, die, wie verschieden sie auch sind, das gleiche Blut des alten Karamasow, des ›wollüstigen Insekts‹, in den Adern haben; sie sind gleichsam vier Projektionen eines einzigen Wesens, welches große Ähnlichkeit mit Dostojewskij selbst hat. (Das ›wollüstige Insekt‹ Dostojewskijs stammt übrigens von Schiller: die Zeile im Lied an die Freude »Wollust ward dem Wurm gegeben« lautet in der von Dostojewskij zitierten Übertragung Tjutschews: »Den Insekten – die Wollust«.) Architektonisch betrachtet, zeigt der Roman mancherlei Mängel, dafür schwingt sich der Genius Dostojewskijs stellenweise zu einer Höhe auf, die nur wenige Dichter erreicht haben. Er läßt uns wieder in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele hineinblicken, zeigt uns neben der schwärzesten Finsternis das milde, lockende Licht der Wiedergeburt, läßt uns die Predigt Sossimas vernehmen, bei der man an den heiligen Franziskus denken muß, und dann wieder die gotteslästerlichsten Reden, die je ein Menschenohr vernommen. Die Brüder Karamasow sind kein nach überlieferten Gesetzen aufgebauter Roman, sondern ein zyklopischer Bau, sogar nur das Fundament eines geplanten, doch nicht zur Ausführung gelangten Baues: der zweite Band, in dem vermutlich der im ersten Band etwas blaß geratene Aljoscha die Hauptrolle spielen sollte, wurde nie geschrieben (ein Entwurf dazu soll sich im unveröffentlichten Nachlaß befinden). Die Iwan Karamasow in den Mund gelegte ›Legende vom Großinquisitor‹ hielt Dostojewskij selbst für den Höhepunkt seines Schaffens, und mit Recht; eine Auseinandersetzung zwischen Mensch und Gott von dieser Größe und Wucht kann man höchstens noch in der Bibel, im Buche Hiob, finden. »Kompendium der Welt«, hatte Goethe von Napoleon gesagt; »Kompendium der Menschenseele« könnte man mit größerem Recht von den Brüdern Karamasow sagen. Der äußere Erfolg des Romans war gewaltig; das Wort ›Karamasowschtschina‹ (Karamasowtum) ging ebenso in den Sprachgebrauch über wie vor ihm das nach dem Titel des Romans von Gontscharow gebildete Wort ›Oblomowschtschina‹ (Oblomowerei).

Noch ein letztes Mal erregte Dostojewskij alle Gemüter durch seine im Juni 1880 zu Moskau anläßlich der Enthüllung des Puschkindenkmals gehaltene Rede. Er versuchte an der Erscheinung Puschkins zu beweisen, daß das tiefste Wesen des Russentums, als dessen echtesten Vertreter er Puschkin hinstellte, im ›Allmenschentum‹, in der Fähigkeit, mit seinem Geiste das Denken und Fühlen aller Völker zu durchdringen und zu umfassen, liege. In diesem Sinne seien alle Russen Westler, und das Westlertum eine spezifisch russische Erscheinung. Da ihm die Gestalt Puschkins nur als Vorwand diente, sein nationales Bekenntnis abzulegen, ist die Charakteristik des Dichters mangelhaft und einseitig geraten. Es war weniger der Inhalt der Rede als die ekstatische Art des Vortrages, was die Zuhörer, vor allem Dostojewskijs Gegner entzündete. Die Slawophilen dagegen waren enttäuscht; so viel Feuer konnten sie nicht ertragen, auch paßte ihnen, was Dostojewskij über das Allmenschentum des Russen sagte, nicht recht in das Konzept. Nach Petersburg zurückgekehrt, erkrankte Dostojewskij an einem Lungenemphysem und starb ziemlich plötzlich am 9. Februar, noch nicht volle sechzig Jahre alt. Sein Begräbnis gestaltete sich zu einer gewaltigen Kundgebung, an der viele Tausende teilnahmen.

Die Kunstmittel Dostojewskijs erscheinen oft primitiv; jeder Roman setzt gleich mit der höchsten Spannung ein, die keine weitere Steigerung vermuten läßt; die Handlung umfaßt einen kurzen Zeitraum von Tagen oder Wochen; alle handelnden Personen sprechen die gleiche Sprache, und auf die Schilderung ihrer äußeren Erscheinung ist gar keine Sorgfalt verwendet. Naturschilderungen werden wir bei Dostojewskij vergebens suchen. Seine Romane erscheinen, mit einem Worte, ›schlecht gemacht‹. Ein bedeutender russischer Dichter sagte uns aber einmal: »Dostojewskijs Romane sind schlecht gemacht? Man kann auch sagen, daß der Elefant schlecht konstruiert sei.« Dostojewskij schuf eben nach eigenen Gesetzen, ohne die vor ihm gemachten Errungenschaften der Technik und der Sprache zu berücksichtigen. Alle sprechen bei ihm die gleiche Sprache, aber es ist immer die Sprache Dostojewskijs, denn in jedem von ihnen steckt er selbst. Um das Äußere der Menschen kümmerte er sich nicht viel, um so tiefer drang er aber in ihre Seelen ein. Landschaftsbilder fehlen bei ihm gänzlich, aber er war Großstadtmensch und verstand dafür die eigentümliche Atmosphäre Petersburgs zu schildern wie kein anderer. Es wurde vielfach behauptet, Dostojewskij hätte bei seiner schnellen Produktion nicht Zeit gehabt, seine Manuskripte zu überarbeiten; seine Manuskripte zeigen aber, daß er am Stil und Bau nicht weniger arbeitete als ein Tolstoi oder Flaubert. Erst die jüngste Generation fand Verständnis für die eigentümliche herbe Schönheit seines Stils und versucht den Gesetzen nachzuspüren, nach denen der bei oberflächlicher Betrachtung als chaotischer Haufen erscheinende Riesenbau Dostojewskijs konstruiert ist.

Russen sind in bezug auf Gesinnung sonst die intolerantesten Menschen, und nicht nur ein Dichter, sondern auch ein Opernsänger, dessen politische Gesinnung dem Geschmack der liberalen und radikalen Jugend nicht entspricht, kann kaum durchdringen. So wird man bei einem Durchschnittsrussen kaum Anerkennung für die großen Slawophilen, z. B. für einen Konstantin Leontjew finden. Dostojewskij bildet darin eine Ausnahme; auch bei seinen Lebzeiten kam zu ihm die Jugend (wie später zu Tolstoi) mit ihren Gewissensnöten, und nach dem Tode wurde er von allen Russen respektiert. Lehrer und Prophet war er jedoch nicht. Tolstoi schrieb an Strachow (1883) nach Erscheinen des Dostojewskijbuches dieses letzteren, man dürfe nicht einen Menschen zum Propheten und Heiligen erklären, der »in der höchsten Glut des inneren Kampfes zwischen Gut und Böse gestorben«. Auch die Russen von heute bringen Dostojewskij nicht ungetrübte Liebe entgegen. Charakteristisch sind folgende Sätze des Dichters und Kritikers Andrej Belyj: »Wir müssen Dostojewskij mit ganzer Seele lieben, obwohl kein Dichter in uns soviel Haß weckt wie er. Niemand hat in die verborgensten Tiefen unseres Lebens so tiefe Furchen gerissen, aber diese Furchen gehen oft durch einen steinigen und sumpfigen Boden, so daß die Samenkörner der Wahrheit, die in diese Furchen fallen, nutzlos zugrunde gehen müssen. Darum scheint uns zuweilen, Dostojewskij hätte zwecklose Räume unserer Seele gepflügt, und seine große Mühe ist oft fruchtlos… Dostojewskij kannte das ganze Grauen unserer Seele und blickte oft in sie zu einer Zeit hinein, wo wir sie vor jedem Blicke verbergen wollten … Und wenn er das Grauen aufdeckt, blinzelt er uns mit beißendem, stechendem Hohn zu, vor dem sich das Herz zusammenkrampft. Darum können wir Dostojewskij oft nicht lieben; er ist unser Doppelgänger und vielen Seelen verwandt. Er versteht, aufzudecken und hinzuweisen, und darin liegt seine große Kraft. Aber er versteht nicht, zu überwinden.«

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