Dostojewski

„Daß du nicht en­den kannst, das macht dich groß.“

Goe­the, West­öst­li­cher Di­van

EIN­KLANG

Es ist schwer und ver­ant­wor­tungs­voll, von Fe­dor Mi­chailo­witsch Dos­t­o­jew­ski und sei­ner Be­deu­tung für un­se­re in­ne­re Welt wür­dig zu spre­chen, denn die­ses Ein­zi­gen Wei­te und Ge­walt will ein neu­es Maß.

Ein um­schlos­se­nes Werk, ei­nen Dich­ter ver­mein­te ers­tes Na­hen zu fin­den und ent­deckt Gren­zen­lo­ses, ei­nen Kos­mos mit ei­gen krei­sen­den Ge­stir­nen und an­de­rer Mu­sik der Sphä­ren. Mut­los wird der Sinn, die­se Welt je­mals rest­los zu durch­drin­gen: zu fremd ist ers­ter Er­kennt­nis ih­re Ma­gie, zu weit ins Un­end­li­che ver­wölkt ihr Ge­dan­ke, zu fremd ih­re Bot­schaft, als daß die See­le un­ver­mit­telt auf­schau­en könn­te in die­sen neu­en wie in hei­mat­li­chen Him­mel. Dos­t­o­jew­ski ist nichts, wenn nicht von in­nen er­lebt. Im tiefs­ten müs­sen wir die ei­ge­ne Kraft des Mit­füh­lens und Mit­lei­dens erst prü­fen und stäh­len zu ei­ner neu­en ge­stei­ger­ten Emp­fäng­lich­keit: bis zu den un­ters­ten ge­heims­ten Wur­zeln un­se­res We­sens müs­sen wir gra­ben, um die Zu­sam­men­hän­ge mit sei­ner erst phan­tas­ti­schen und dann wun­der­voll wah­ren Mensch­lich­keit zu ent­de­cken. Nur dort, ganz im Un­ters­ten, im Ewi­gen und Un­ab­än­der­li­chen un­se­res Seins, Wur­zel in Wur­zel, kön­nen wir uns Dos­t­o­jew­ski zu ver­bin­den hof­fen; denn wie fremd scheint äu­ße­rem Blick die­se rus­si­sche Land­schaft, die, wie die Step­pen sei­ner Hei­mat, weg­lo­se und wie we­nig Welt von un­se­rer Welt! Nichts Freund­li­ches um­frie­det dort lieb­lich den Blick, sel­ten rät ei­ne sanf­te Stun­de zur Rast. Mys­ti­sche Däm­me­rung des Ge­fühls, träch­tig von Blit­zen, wech­selt mit ei­ner fros­ti­gen, oft ei­si­gen Klar­heit des Geis­tes, statt war­mer Son­ne flammt vom Him­mel ein ge­heim­nis­voll blu­ten­des Nord­licht. Ur­welt­land­schaft, mys­ti­sche Welt hat man mit Dos­t­o­jew­skis Sphä­re be­tre­ten, ur­alt und jung­fräu­lich zu­gleich, und sü­ßes Grau­en schlägt ei­nem ent­ge­gen wie vor je­der Nah­heit ewi­ger Ele­men­te. Bald schon sehnt sich Be­wun­de­rung gläu­big zu ver­wei­len, und doch warnt ei­ne Ah­nung das er­grif­fe­ne Herz, hier dür­fe es nicht hei­misch wer­den für im­mer, müs­se es doch wie­der zu­rück in un­se­re wär­me­re, freund­li­che­re, aber auch en­ge­re Welt. Zu groß ist, spürt man be­schämt, die­se er­ze­ne Land­schaft für den täg­li­chen Blick, zu stark, zu be­klem­mend die­se bald ei­si­ge, bald feu­ri­ge Luft für den zit­tern­den Atem. Und die See­le wür­de flie­hen vor der Ma­jes­tät sol­chen Grau­ens, wä­re nicht über die­ser un­er­bitt­lich tra­gi­schen, ent­setz­lich ir­di­schen Land­schaft ein un­end­li­cher Him­mel der Gü­te ster­nen­klar aus­ge­spannt, Him­mel auch un­se­rer Welt, doch hö­her ins Un­end­li­che ge­wölbt in sol­chem schar­fen geis­ti­gen Frost, als in un­se­ren lin­den Zo­nen. Be­ru­hig­ter Auf­blick aus die­ser Land­schaft zu ih­rem Him­mel spürt erst die un­end­li­che Trös­tung die­ser un­end­li­chen ir­di­schen Trau­er, und ahnt im Grau­en die Grö­ße, im Dun­kel den Gott.

Nur sol­cher Auf­blick zu sei­nem letz­ten Sin­ne ver­mag un­se­re Ehr­furcht vor dem Wer­ke Dos­t­o­jew­skis in ei­ne bren­nen­de Lie­be zu ver­wan­deln, nur der in­ners­te Ein­blick in sei­ne Ei­gen­heit das Tief­brü­der­li­che, das All­mensch­li­che die­ses rus­si­schen Men­schen uns klar­zu­tun. Aber wie weit und wie la­by­rin­thisch ist die­ser Nie­der­stieg bis zum in­ners­ten Her­zen des Ge­wal­ti­gen; macht­voll in sei­ner Wei­te, schreck­haft durch sei­ne Fer­ne, wird dies ein­zi­ge Werk in glei­chem Ma­ße ge­heim­nis­vol­ler, als wir von sei­ner un­end­li­chen Wei­te in sei­ne un­end­li­che Tie­fe zu drin­gen su­chen. Denn über­all ist es mit Ge­heim­nis ge­tränkt. Von je­der sei­ner Ge­stal­ten führt ein Schacht hin­ab in die dä­mo­ni­schen Ab­grün­de des Ir­di­schen, je­der Auf­schwung ins Geis­ti­ge rührt mit sei­ner Schwin­ge bis an Got­tes Ant­litz. Hin­ter je­der Wand sei­nes Wer­kes, je­dem Ant­litz sei­ner Men­schen, je­der Fal­te sei­ner Ver­hül­lun­gen liegt die ewi­ge Nacht und glänzt das ewi­ge Licht: denn Dos­t­o­jew­ski ist durch Le­bens­be­stim­mung und Schick­sals­ge­stal­tung al­len Mys­te­ri­en des Seins rest­los ver­schwis­tert. Zwi­schen Tod und Wahn­sinn, Traum und bren­nend kla­rer Wirk­lich­keit steht sei­ne Welt. Über­all grenzt sein per­sön­li­ches Pro­blem an ein un­lös­ba­res der Mensch­heit, je­de ein­zel­ne be­lich­te­te Flä­che spie­gelt Un­end­lich­keit. Als Mensch, als Dich­ter, als Rus­se, als Po­li­ti­ker, als Pro­phet: über­all strahlt sein We­sen von ewi­gem Sinn. Kein Weg führt an sein En­de, kei­ne Fra­ge bis in den un­ters­ten Ab­grund sei­nes Her­zens. Nur Be­geis­te­rung darf ihm na­hen, und auch sie nur de­mü­tig in der Be­schä­mung, ge­rin­ger zu sein als sei­ne ei­ge­ne lie­ben­de Ehr­furcht vor dem Mys­te­ri­um des Men­schen.

Er selbst, Dos­t­o­jew­ski, hat nie­mals die Hand ge­rührt, um uns an sich her­an­zu­hel­fen. Die an­de­ren Bau­meis­ter des Ge­wal­ti­gen in un­se­rer Zeit of­fen­bar­ten ih­ren Wil­len. Wag­ner leg­te ne­ben sein Werk die pro­gram­ma­ti­sche Er­läu­te­rung, die po­le­mi­sche Ver­tei­di­gung, Tol­stoi riß al­le Tü­ren sei­nes täg­li­chen Le­bens auf, je­der Neu­gier Zu­tritt, je­der Fra­ge Re­chen­schaft zu ge­ben. Er aber, Dos­t­o­jew­ski, ver­riet sei­ne Ab­sicht nie an­ders als im voll­en­de­ten Werk, die Plä­ne ver­brann­te er in der Glut der Schöp­fung. Schweig­sam und scheu war er ein Le­ben lang, kaum das Äu­ßer­li­che, das Kör­per­li­che sei­ner Exis­tenz ist zwin­gend be­zeugt. Freun­de be­saß er nur als Jüng­ling, der Mann war ein­sam: wie Ver­min­de­rung sei­ner Lie­be zur gan­zen Mensch­heit schien es ihm, ein­zel­nen sich hin­zu­ge­ben. Auch sei­ne Brie­fe ver­ra­ten nur Not­durft der Exis­tenz, Qual des ge­fol­ter­ten Kör­pers, al­le ha­ben sie ver­schlos­se­ne Lip­pen, so sehr sie Kla­ge und Not­ruf sind. Vie­le Jah­re, sei­ne gan­ze Kind­heit sind von Dun­kel um­schat­tet, und schon heu­te ist er, des­sen Blick man­che in un­se­rer Zeit noch bren­nen sa­hen, mensch­lich et­was ganz Fer­nes und Un­sinn­li­ches ge­wor­den, ei­ne Le­gen­de, ein He­ros und ein Hei­li­ger. Je­nes Zwie­licht von Wahr­heit und Ah­nung, das die er­ha­be­nen Le­bens­bil­der Ho­mers, Dan­tes und Shake­speares um­wit­tert, ent­ir­discht uns auch sein Ant­litz. Nicht aus Do­ku­men­ten, son­dern ein­zig aus wis­sen­der Lie­be läßt sich sein Schick­sal ge­stal­ten.

Al­lein al­so und füh­rer­los muß man hin­ab in das Herz die­ses La­by­rinths zu tas­ten su­chen und den Fa­den Ari­ad­nes, der See­le, vom Knäu­el der ei­ge­nen Le­bens­lei­den­schaft ab­lö­sen. Denn je tie­fer wir uns in ihn ver­sen­ken, des­to tie­fer füh­len wir uns selbst. Nur wenn wir an un­ser wah­res all­mensch­li­ches We­sen hin­an­ge­lan­gen, sind wir ihm nah. Wer viel von sich selbst weiß, weiß auch viel von ihm, der oder kei­ner das letz­te Maß al­ler Mensch­lich­keit ge­we­sen. Und die­ser Gang in sein Werk führt durch al­le Pur­ga­to­ri­en der Lei­den­schaft, durch die Höl­le der Las­ter, führt über al­le Stu­fen ir­di­scher Qual: Qual des Men­schen, Qual der Mensch­heit, Qual des Künst­lers und der letz­ten, der grau­sams­ten, der Got­tes­qual. Dun­kel ist der Weg, und von in­nen muß man glü­hen in Lei­den­schaft und Wahr­heits­wil­len, um nicht in die Ir­re zu ge­hen: un­se­re ei­ge­ne Tie­fe erst müs­sen wir durch­wan­dern, ehe wir uns in die sei­ne wa­gen. Er sen­det kei­ne Bo­ten, ein­zig das Er­leb­nis führt Dos­t­o­jew­ski zu. Und er hat kei­ne Zeu­gen, kei­ne an­de­ren als des Künst­lers mys­ti­sche Drei­ein­heit in Fleisch und Geist: sein Ant­litz, sein Schick­sal und sein Werk.

DAS ANT­LITZ

Sein Ant­litz scheint zu­erst das ei­nes Bau­ern. Lehm­far­ben, fast schmut­zig fal­ten sich die ein­ge­sun­ke­nen Wan­gen, zer­pflügt von viel­jäh­ri­gem Leid, dürs­tend und ver­sengt spannt sich mit vie­len Sprün­gen die ris­si­ge Haut, der je­ner Vam­pir zwan­zig­jäh­ri­gen Siech­tums Blut und Far­be ent­zo­gen. Rechts und links star­ren, zwei mäch­ti­ge Stein­blö­cke, die sla­wi­schen Ba­cken­kno­chen her­aus, den her­ben Mund, das brü­chi­ge Kinn über­wu­chert wir­rer Busch von Bart. Er­de, Fels und Wald, ei­ne tra­gisch ele­men­ta­re Land­schaft, das sind die Tie­fen von Dos­t­o­jew­skis Ge­sicht. Al­les ist dun­kel, ir­disch und oh­ne Schön­heit in die­sem Bau­ern- und bei­na­he Bett­ler­ant­litz; flach und farb­los, oh­ne Glanz dun­kelt es hin, ein Stück rus­si­sche Step­pe auf Stein ver­sprengt. Selbst die Au­gen, die tief ein­ge­senk­ten, ver­mö­gen aus ih­ren Klüf­ten nicht die­sen mür­ben Lehm zu er­leuch­ten, denn nicht nach au­ßen schlägt klar und blen­dend ih­re ge­ra­de Flam­me, gleich­sam nach in­nen ins Blut hin­ein bren­nen zeh­rend ih­re spit­zen Bli­cke. Wenn sie sich schlie­ßen, stürzt der Tod so­fort über dies Ge­sicht, und die ner­vö­se Hoch­span­nung, die sonst die mür­ben Zü­ge zu­sam­men­hält, sinkt nie­der ins le­thar­gisch Un­be­leb­te.

Wie sein Werk ruft dies Ant­litz erst das Grau­en vom Rei­gen der Ge­füh­le auf, dem sich zö­gernd Scheu und dann lei­den­schaft­lich, in wach­sen­der Be­zau­be­rung, Be­wun­de­rung ge­sellt. Denn nur die ir­di­sche Nie­de­rung, die fleisch­li­che, sei­nes Ant­lit­zes däm­mert hin in die­ser düs­ter-er­ha­be­nen na­tur­haf­ten Trau­er. Aber wie ei­ne Kup­pel, weiß­strah­lend und ge­wölbt, hebt sich ra­gend über dem en­gen bäu­ri­schen Ge­sicht die auf­stre­ben­de Run­dung der Stir­ne: aus Schat­ten und Dun­kel steigt blank und ge­häm­mert der geis­ti­ge Dom: har­ter Mar­mor über den wei­chen Lehm des Flei­sches, das wüs­te Di­ckicht des Haa­res. Al­les Licht strömt in die­sem Ant­litz nach oben, und blickt man in sein Bild, so fühlt man im­mer nur sie, die­se brei­te mäch­ti­ge, kö­nig­li­che Stir­ne, sie, die im­mer strah­len­der leuch­tet und sich zu wei­ten scheint, je mehr das al­tern­de Ant­litz in Krank­heit ver­grämt und ver­geht. Wie ein Him­mel steht sie hoch und un­er­schüt­ter­lich über der Hin­fäl­lig­keit des ge­bres­ti­gen Kör­pers, Glo­rie von Geist über ir­di­scher Trau­er. Und auf kei­nem Bil­de leuch­tet dies hei­li­ge Ge­häu­se des sieg­haf­ten Geis­tes glor­rei­cher als von je­nem des To­ten­betts, da die Li­der schlaff über die ge­bro­che­nen Au­gen ge­fal­len sind, die ent­färb­ten Hän­de, fahl und doch fest, das Kreuz gie­rig um­fas­sen (je­nes ar­me klei­ne Holz­kru­zi­fix, das einst ei­ne Bäue­rin dem Zucht­häus­ler schenk­te). Da strahlt sie wie von mor­gens die Son­ne über näch­ti­ges Land nie­der auf das ent­seel­te Ant­litz und kün­det mit ih­rem Glanz die glei­che Bot­schaft wie al­le sei­ne Wer­ke: daß der Geist und der Glau­be ihn er­lös­ten vom dump­fen nie­de­ren und kör­per­li­chen Le­ben. In letz­ter Tie­fe ist im­mer Dos­t­o­jew­skis letz­te Grö­ße: und nie spricht sein Ant­litz stär­ker als aus sei­nem Tod.

DIE TRA­GÖ­DIE SEI­NES LE­BENS

„Non vi si pen­sa quan­to sangue cos­ta.“

Dan­te

Im­mer ist bei Dos­t­o­jew­ski Grau­en der ers­te Ein­druck und der zwei­te dann Grö­ße. Auch sein Schick­sal scheint an­fangs dem flüch­ti­gen Blick so grau­sam und ge­mein, wie sein Ant­litz bäue­risch und ge­wöhn­lich. Zu­erst emp­fin­det man es nur als ei­ne sinn­lo­se Mar­ter, denn mit al­len In­stru­men­ten der Qual fol­tern die­se sech­zig Jah­re den hin­fäl­li­gen Kör­per. Die Fei­le der Not reibt sei­ner Ju­gend und sei­nem Al­ter die Sü­ße weg, die Sä­ge des kör­per­li­chen Schmer­zes knirscht in sein Ge­bein, die Schrau­be der Ent­beh­rung wühlt ihm hart bis an den Le­bens­nerv, die bren­nen­den Dräh­te der Ner­ven zu­cken und zer­ren un­auf­hör­lich durch sei­ne Glie­der, der fei­ne Sta­chel der Wol­lust reizt un­er­sätt­lich sei­ne Lei­den­schaft. Kei­ne Qual ist ge­spart, kei­ne Mar­ter ver­ges­sen. Ei­ne sinn­lo­se Grau­sam­keit, ei­ne blind­wü­ti­ge Feind­se­lig­keit scheint dies Schick­sal vor­erst. Rück­schau­end nur be­greift man, daß es sich so hart zum Ham­mer ge­schmie­det, weil es Ewi­ges aus ihm mei­ßeln woll­te, daß es ge­wal­tig war, um ei­nem Ge­wal­ti­gen ge­mäß zu sein. Denn nichts mißt es dem Maß­lo­sen ge­mäch­lich zu, nir­gends äh­nelt sein Le­bens­gang dem gut ge­pflas­ter­ten brei­ten Bür­ger­steig al­ler an­de­ren Dich­ter des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts, im­mer fühlt man hier ei­nes fins­tern Schick­sals­got­tes Lust, sich stark an dem Stärks­ten zu ver­su­chen. Alt­tes­ta­men­ta­risch, he­ro­isch und in nichts neu­zeit­lich und bür­ger­lich ist Dos­t­o­jew­skis Schick­sal. Ewig muß er mit dem En­gel rin­gen wie Ja­kob, ewig sich ge­gen Gott em­pö­ren und ewig sich beu­gen wie Hi­ob. Nie läßt es ihn si­cher wer­den, nie trä­ge, im­mer muß er den Gott spü­ren, der ihn straft, weil er ihn liebt. Nicht ei­ne Mi­nu­te darf er ras­ten im Glück, da­mit sein Weg bis ins Un­end­li­che ge­he. Manch­mal scheint der Dä­mon sei­nes Schick­sals schon in­ne­zu­hal­ten in sei­nem Zorn und ihm zu ver­stat­ten, wie al­le an­de­ren die ge­mei­ne Stra­ße des Le­bens zu ge­hen, aber im­mer wie­der reckt sich die ge­wal­ti­ge Hand und stößt ihn ins Di­ckicht zu­rück, in die bren­nen­den Dor­nen. Schleu­dert es ihn hoch, so ists nur, um ihn in tie­fe­re Ab­grün­de hin­ab­zu­stür­zen, ihn die gan­ze Wei­te der Ek­sta­se und Ver­zweif­lung zu leh­ren; es hebt ihn auf in Hö­hen des Hof­fens, wo an­de­re schwach zer­schmel­zen in Wol­lust, und wirft ihn in Schlün­de des Lei­dens, wo al­le an­dern zer­schel­len in Schmerz: und eben wie Hi­ob zer­schmet­tert es ihn im­mer in den Au­gen­bli­cken der höchs­ten Si­cher­hei­ten, nimmt ihm Frau und Kind, be­lädt ihn mit Krank­heit und schän­det ihn mit Ver­ach­tung, da­mit er nicht in­ne­hal­te, mit Gott zu rech­ten und ihm durch sei­ne un­auf­hör­li­che Em­pö­rung und sei­ne un­auf­hör­li­che Hoff­nung nur mehr ge­won­nen sei. Es ist, als hät­te sich die­se Zeit lau­er Men­schen ge­ra­de die­sen ei­nen auf­ge­spart, um zu zei­gen, wel­che ti­ta­ni­schen Ma­ße in Lust und Qual auch un­se­rer Welt noch mög­lich sei­en, und er, Dos­t­o­jew­ski, scheint dumpf den ge­wal­ti­gen Wil­len über sich zu spü­ren. Denn nie­mals wehrt er sich ge­gen sein Schick­sal, nie­mals hebt er die Faust. Der Kör­per, der wun­de, bäumt sich kon­vul­si­visch in Zu­ckun­gen em­por, aus sei­nen Brie­fen bricht manch­mal wie Blut­sturz ein hei­ßer Schrei, aber der Geist, der Glau­be, zwingt die Re­vol­te nie­der. Der mys­tisch Wis­sen­de in Dos­t­o­jew­ski spürt das Hei­li­ge die­ser Hand, den tra­gisch frucht­ba­ren Sinn sei­nes Schick­sals. Aus sei­nem Leid wird Lie­be zum Lei­den, und mit der wis­sen­den Glut sei­ner Qual um­flammt er sei­ne Zeit, sei­ne Welt.

Drei­mal schwingt ihn das Le­ben em­por, drei­mal reißt es ihn nie­der. Früh schon atzt es ihn mit der sü­ßen Spei­se des Ruhms: sein ers­tes Buch schenkt ihm ei­nen Na­men; aber rasch faßt ihn die har­te Kral­le und schleu­dert ihn wie­der zu­rück ins Na­men­lo­se: ins Zucht­haus, in die Kat­or­ga, nach Si­bi­ri­en. Wie­der taucht er, nur noch stär­ker und mu­ti­ger, em­por: sei­ne Me­moi­ren aus dem To­ten­hau­se rei­ßen Ruß­land in ei­nen Tau­mel. Der Zar selbst netzt das Buch mit sei­nen Trä­nen, die rus­si­sche Ju­gend steht in Flam­men für ihn. Er grün­det ei­ne Zeit­schrift, sei­ne Stim­me tönt zum gan­zen Vol­ke, die ers­ten Ro­ma­ne ent­ste­hen. Da bricht im Wet­ter­sturz sei­ne ma­te­ri­el­le Exis­tenz zu­sam­men, Schul­den und Sor­gen peit­schen ihn aus dem Land, Krank­heit beißt sich in sein Fleisch, ein No­ma­de, irrt er durch ganz Eu­ro­pa, ver­ges­sen von sei­ner Na­ti­on. Aber zum drit­ten­mal, nach Jah­ren der Ar­beit und Ent­beh­rung, taucht er aus den grau­en Ge­wäs­sern na­men­lo­ser Not: die Re­de zu Pusch­kins Ge­dächt­nis be­zeugt ihn als den ers­ten Dich­ter, den Pro­phe­ten sei­nes Lan­des. Un­aus­lösch­lich ist nun sein Ruhm. Aber ge­ra­de jetzt schlägt ihn die ei­ser­ne Hand nie­der, und die ver­zück­te Be­geis­te­rung sei­nes gan­zen Vol­kes schäumt ohn­mäch­tig ge­gen ei­nen Sarg. Das Schick­sal be­darf sei­ner nicht mehr, der grau­sam wei­se Wil­le hat al­les er­reicht, aus sei­ner Exis­tenz das Höchs­te ge­won­nen an geis­ti­ger Frucht: acht­los wirft es nun die lee­re Hül­se des Kör­pers hin.

Durch die­se sinn­vol­le Grau­sam­keit wird Dos­t­o­jew­skis Le­ben zum Kunst­werk, sei­ne Bio­gra­phie zur Tra­gö­die. Und in wun­der­vol­ler Sym­bo­lik nimmt sein künst­le­ri­sches Werk die ty­pi­sche Form des ei­ge­nen Schick­sals an. Es gibt da ge­heim­nis­vol­le Iden­ti­tä­ten, mys­ti­sche Zu­sam­men­hän­ge, wun­der­ba­re Spie­ge­lun­gen, die nicht zu deu­ten und zu er­klä­ren sind. Schon der An­be­ginn sei­nes Le­bens ist Sym­bol: Fe­dor Mi­chailo­witsch Dos­t­o­jew­ski wird im Ar­men­haus ge­bo­ren. Mit der ers­ten Stun­de ist ihm so schon die Stel­le sei­ner Exis­tenz an­ge­wie­sen, ir­gend­wo im Ab­seits, im Ver­ach­te­ten, na­he dem Bo­den­satz des Le­bens und doch mit­ten im mensch­li­chen Schick­sal, nach­bar­lich von Lei­den, Schmerz und Tod. Nie­mals bis zum letz­ten Ta­ge (er starb in ei­nem Ar­bei­ter­vier­tel, in ei­ner Win­kel­woh­nung des vier­ten Stocks) ist er die­ser Um­gür­tung ent­ron­nen, al­le die sechs­und­fünf­zig schwe­ren Jah­re sei­nes Le­bens bleibt er mit Elend, Ar­mut, Krank­heit und Ent­beh­rung im Ar­men­haus des Le­bens. Sein Va­ter, Mi­li­tär­arzt wie der Schil­lers, ist ad­li­ger Ab­stam­mung, sei­ne Mut­ter aus Bau­ern­blut: bei­de Quel­len des rus­si­schen Volks­tums strö­men so be­fruch­tend in sei­ne Exis­tenz zu­sam­men, streng­gläu­bi­ge Er­zie­hung wen­det schon früh sei­ne Sinn­lich­keit zur Ek­sta­se. Dort im Mos­kau­er Ar­men­haus, in ei­nem en­gen Ver­schlag, den er mit sei­nem Bru­der teilt, hat er die ers­ten Jah­re sei­nes Le­bens ver­bracht. Die ers­ten Jah­re: man wagt nicht zu sa­gen: sei­ne Kind­heit, denn die­ser Be­griff ist ir­gend­wo aus sei­nem Le­ben ver­schol­len. Nie­mals hat er von ihr ge­spro­chen, und Dos­t­o­jew­skis Schwei­gen war im­mer Scham oder stol­ze Angst vor frem­dem Mit­leid. Ein grau­er lee­rer Fleck ist dort in sei­ner Bio­gra­phie, wo sonst bei Dich­tern bun­te Bil­der lä­chelnd auf­stei­gen, zärt­li­che Er­in­ne­run­gen und ein sü­ßes Be­dau­ern. Und doch meint man ihn zu ken­nen, blickt man tie­fer in die bren­nen­den Au­gen der Kin­der­ge­stal­ten, die er schuf. Wie Kol­jä muß er ge­we­sen sein, früh­reif, phan­ta­sie­voll bis zur Hal­lu­zi­na­ti­on, voll je­ner fla­ckern­den, un­si­che­ren Glut, et­was Gro­ßes zu wer­den, voll je­nes ge­walt­sa­men und kna­ben­haf­ten Fa­na­tis­mus, über sich selbst hin­aus­zu­wach­sen und „für die gan­ze Mensch­heit zu lei­den“. Wie die klei­ne Nje­to­scha Nes­wa­no­wa muß er kelch­voll ge­we­sen sein mit Lie­be und zu­gleich der hys­te­ri­schen Angst, sie zu ver­ra­ten. Und wie je­ner Il­jutsch­ka, der Sohn des be­trun­ke­nen Haupt­manns, voll Scham über häus­li­che Kläg­lich­kei­ten und den Jam­mer der Ent­beh­run­gen, aber doch im­mer be­reit, sei­ne Nächs­ten vor der Welt zu ver­tei­di­gen.

Wie er dann, ein Jüng­ling, aus die­ser fins­te­ren Welt vor­tritt, ist die Kind­heit schon weg­ge­löscht. In die ewi­ge Frei­statt al­ler Un­be­frie­dig­ten, das Asyl der Ver­nach­läs­sig­ten ist er ge­flo­hen, in die bun­te und ge­fähr­li­che Welt der Bü­cher. Er hat un­end­lich viel da­mals mit sei­nem Bru­der ge­mein­sam ge­le­sen, Tag um Tag und Nacht für Nacht – schon da­mals trieb er, der Un­er­sätt­li­che, je­de Nei­gung bis zum Las­ter em­por –, und die­se phan­tas­ti­sche Welt ent­fernt ihn noch mehr von der Wirk­lich­keit. Voll stärks­ter Be­geis­te­rung zur Mensch­heit ist er doch bis ins Krank­haf­te men­schen­scheu und ver­schlos­sen, Glut und Eis zu­gleich, ein Fa­na­ti­ker ge­fähr­lichs­ter Ein­sam­keit. Sei­ne Lei­den­schaft tappt wirr um­her, geht in die­sen „Kel­ler­jah­ren“ al­le dunk­len We­ge der Aus­schwei­fung, aber im­mer ein­sam mit Ekel in al­ler Lust, Schuld­ge­fühl bei je­dem Glück und im­mer mit ver­bis­se­nen Lip­pen. Aus Geld­not, nur um der paar Ru­bel wil­len, geht er zum Mi­li­tär: auch dort fin­det er kei­nen Freund. Ein paar dump­fe Jüng­lings­jah­re kom­men. Wie die Hel­den al­ler sei­ner Bü­cher lebt er in ei­nem Win­kel ein tro­glo­dy­ti­sches Da­sein, träu­mend, sin­nend, mit al­len ge­hei­men Las­tern des Den­kens und der Sin­ne. Sein Ehr­geiz weiß noch kei­nen Weg, er lauscht auf sich selbst und be­brü­tet sei­ne Kraft. Er spürt sie mit Wol­lust und Grau­en tief un­ten gä­ren, er liebt sie und fürch­tet sie, er wagt nicht, sich zu rüh­ren, um dies dump­fe Wer­den nicht zu zer­stö­ren. Ein paar Jah­re ver­harrt er in die­sem schwar­zen, form­lo­sen Pup­pen­stand von Ein­sam­keit und Schwei­gen, Hy­po­chon­drie fällt ihn an, ei­ne mys­ti­sche Angst zu ster­ben, ein Grau­en oft vor der Welt, oft vor sich selbst, ein ur­mäch­ti­ger Schau­er vor dem Cha­os in der ei­ge­nen Brust. In den Näch­ten über­setzt er, um sei­nen ver­wirr­ten Fi­nan­zen auf­zu­hel­fen (sein Geld zer­floß, ty­pisch ge­nug, in den ge­gen­sätz­li­chen Nei­gun­gen, in Al­mo­sen und Aus­schwei­fun­gen), Bal­zacs Eu­ge­nie Gran­det und Schil­lers Don Car­los. Aus dem trü­ben Dunst die­ser Ta­ge bal­len sich lang­sam ei­ge­ne For­men, und end­lich reift aus die­sem ver­ne­bel­ten traum­haf­ten Zu­stand von Angst und Ek­sta­se sein ers­tes dich­te­ri­sches Werk, der klei­ne Ro­man „Ar­me Leu­te“.

1844, mit vier­und­zwan­zig Jah­ren, hat er die­se meis­ter­haf­te Men­schen­stu­die ge­schrie­ben, er, der Ein­sams­te, „mit lei­den­schaft­li­cher Glut, ja fast un­ter Trä­nen“. Sei­ne tiefs­te De­mü­ti­gung, die Ar­mut, hat es ge­zeugt, sei­ne höchs­te Ge­walt, die Lie­be zum Leid, das un­end­li­che Mit­lei­den es ge­seg­net. Miß­trau­isch be­trach­tet er die be­schrie­be­nen Blät­ter. Er ahnt dar­in ei­ne Fra­ge an das Schick­sal, die Ent­schei­dung, und nur müh­sam ent­schließt er sich, Ne­kra­s­off, dem Dich­ter, das Ma­nu­skript zur Prü­fung an­zu­ver­trau­en. Zwei Ta­ge ver­ge­hen oh­ne Ant­wort. Ein­sam grüb­le­risch sitzt er nachts zu Hau­se, ar­bei­tet, bis die Lam­pe ver­qualmt. Plötz­lich um vier Uhr mor­gens wird hef­tig an der Klin­gel ge­ris­sen, und Dos­t­o­jew­ski, dem er­staunt Öff­nen­den, stürzt Ne­kra­s­off in die Ar­me, um­halst, küßt ihn und ju­belt ihm zu. Er und ein Freund hat­ten ge­mein­sam das Ma­nu­skript ge­le­sen, die gan­ze Nacht ge­horcht, ge­ju­belt und ge­weint, und am En­de hielt es bei­de nicht: sie muß­ten ihn um­ar­men. Es ist Dos­t­o­jew­skis ers­te Le­bens­se­kun­de, die­se Klin­gel nachts, die ihn zum Ruhm ruft. Bis in den hel­len Mor­gen tau­schen die Freun­de Glück und Ek­sta­se in hei­ßen Wor­ten. Dann eilt Ne­kra­s­off zu Bje­lin­ski, dem all­mäch­ti­gen Kri­ti­ker Ruß­lands. „Ein neu­er Go­gol ist er­stan­den“, ruft er schon an der Tü­re, das Ma­nu­skript wie ei­ne Fah­ne schwin­gend. „Bei euch wach­sen die Go­gols wie die Pil­ze“, brummt der Miß­traui­sche, durch so viel Be­geis­te­rung ver­är­gert. Aber als Dos­t­o­jew­ski ihn am nächs­ten Tag be­sucht, ist er ver­wan­delt. „Ja, be­grei­fen Sie denn selbst, was Sie da ge­schaf­fen ha­ben“, schreit er voll Er­re­gung den ver­wirr­ten jun­gen Men­schen an. Grau­en über­fällt Dos­t­o­jew­ski, ein sü­ßer Schau­er vor die­sem neu­en plötz­li­chen Ruhm. Wie im Traum geht er die Trep­pe hin­ab, an der Stra­ßen­ecke bleibt er tau­melnd ste­hen. Zum ers­ten­mal fühlt er und wagt doch nicht, es zu glau­ben, daß all dies Dunk­le und Ge­fähr­li­che, das ihm das Herz auf­trieb, ein Ge­wal­ti­ges ist und viel­leicht das „Gro­ße“, von dem sei­ne Kind­heit wirr ge­träumt, die Un­sterb­lich­keit, das Lei­den für die gan­ze Welt. Er­he­bung und Zer­knir­schung, Stolz und De­mut schwan­ken wirr durch sei­ne Brust, er weiß nicht, wel­cher Stim­me er glau­ben soll. Trun­ken tau­melt er über die Stra­ße, und in sei­ne Trä­nen mi­schen sich Glück und Schmerz.

So me­lo­dra­ma­tisch ge­schieht Dos­t­o­jew­skis Ent­de­ckung zum Dich­ter. Auch hier ahmt die Form sei­nes Le­bens die sei­ner Wer­ke ge­heim­nis­voll nach. Hier wie dort ha­ben die ro­hen Kon­tu­ren et­was von der ba­na­len Ro­man­tik ei­nes Schau­er­ro­mans, die Schick­sals­schlä­ge et­was Kind­lich-Pri­mi­ti­ves, und nur die in­ne­re Grö­ße und Wahr­heit reißt sie em­por zum Gran­dio­sen. In Dos­t­o­jew­skis Le­ben ist oft der An­satz Me­lo­dram, aber im­mer wird es zur Tra­gö­die. Es ist ganz auf Span­nung ge­stellt: in ein­zel­ne Se­kun­den, oh­ne Über­gang, sind die Ent­schei­dun­gen kom­pri­miert, mit zehn oder zwan­zig sol­cher Se­kun­den der Ek­sta­se oder des Nie­der­stur­zes sein gan­zes Schick­sal fi­xiert. Epi­lep­ti­sche Aus­brü­che des Le­bens – ei­ne Se­kun­de Ek­sta­se und ohn­mäch­ti­ger Zu­sam­men­bruch – könn­te man sie nen­nen. Hin­ter je­der Ek­sta­se steht schon dro­hend die graue Däm­me­rung des er­schlaf­fen­den Ge­fühls, und aus lan­gem Ge­wölk ballt sich be­hut­sam der neue mör­de­ri­sche Le­bens­blitz. Je­der Auf­schwung ist be­zahlt durch Nie­der­sturz und die­se ei­ne Se­kun­de der Be­gna­dung mit vie­len hoff­nungs­lo­sen Stun­den des Ro­bots und der Ver­zweif­lung. Der Ruhm, die­ser fun­keln­de Reif, den ihm Bje­lin­ski in je­ner Stun­de aufs Haupt drückt, ist auch gleich­zei­tig schon der ers­te Ring ei­ner Fuß­ket­te, an der Dos­t­o­jew­ski klir­rend sein Le­ben lang die schwe­re Ku­gel der Ar­beit schleppt. Die „Hel­len Näch­te“, sein ers­tes Buch, bleibt auch das letz­te, das er als frei­er Mann ein­zig um der schöp­fe­ri­schen Freu­de wil­len schuf. Dich­ten be­sagt für ihn von nun ab auch: er­wer­ben, zu­rück­er­stat­ten, ab­zah­len, denn je­des Werk, das er seit­her be­ginnt, ist vor der ers­ten Zei­le schon mit Vor­schuß ver­pfän­det, das noch un­ge­bo­re­ne Kind in die Skla­ve­rei des Ge­wer­bes ver­kauft. Für im­mer ist er jetzt in das Ba­g­no der Li­te­ra­tur ge­mau­ert, ein Le­ben lang gel­len die ver­zwei­fel­ten Schreie des Ein­ge­sperr­ten nach Frei­heit, aber erst der Tod bricht sei­ne Ket­ten. Noch ahnt der Be­gin­ner nicht die Qual in der ers­ten Lust. Ein paar No­vel­len sind rasch voll­en­det, und schon plant er ei­nen neu­en Ro­man.

Da hebt das Schick­sal war­nend den Fin­ger. Er will nicht, sein wach­sa­mer Dä­mon, daß ihm das Le­ben zu leicht wer­de. Und da­mit er es er­ken­nen ler­ne in al­len sei­nen Tie­fen, sen­det ihm der Gott, der ihn liebt, sei­ne Prü­fung.

Wie­der wie da­mals in der Nacht gellt die Klin­gel, Dos­t­o­jew­ski öff­net er­staunt, aber dies­mal ists nicht die Stim­me des Le­bens, ein ju­beln­der Freund, Bot­schaft des Ruhms, son­dern Ruf des To­des. Of­fi­zie­re und Ko­sa­ken drin­gen in sein Zim­mer, der Auf­ge­stör­te wird ver­haf­tet, sei­ne Pa­pie­re ver­sie­gelt. Vier Mo­na­te schmach­tet er in ei­ner Zel­le der Sankt-Pauls-Fes­tung, oh­ne das Ver­bre­chen zu ah­nen, des­sen man ihn be­schul­digt: Teil­nah­me an den Dis­kus­sio­nen ei­ni­ger auf­ge­reg­ter Freun­de, die man über­trie­ben die Pe­tra­schew­sky­sche Ver­schwö­rung ge­nannt hat, ist sein gan­zes De­likt, sei­ne Ver­haf­tung zwei­fel­los ein Miß­ver­ständ­nis. Den­noch blitzt plötz­lich die Ver­ur­tei­lung nie­der zur här­tes­ten Stra­fe, zum To­de durch Pul­ver und Blei.

Wie­der drängt sich sein Schick­sal in ei­ne neue Se­kun­de, die engs­te und reichs­te sei­ner Exis­tenz, ei­ne un­end­li­che Se­kun­de, in der sich Tod und Le­ben die Lip­pen rei­chen zum bren­nen­den Kuß. Im Mor­gen­grau­en wird er mit neun Ge­fähr­ten aus dem Ge­fäng­nis ge­holt, ein Ster­be­hemd ihm um­ge­wor­fen, die Glie­der an den Pfahl ge­schnürt und die Au­gen ver­bun­den. Er hört sein To­des­ur­teil le­sen und die Trom­meln knat­tern – sein gan­zes Schick­sal ist zu­sam­men­ge­preßt in ei­ne Hand­voll Er­war­tung, un­end­li­che Ver­zweif­lung und un­end­li­che Le­bens­gier in ein ein­zi­ges Mo­le­kül Zeit. Da hebt der Of­fi­zier die Hand, winkt mit dem wei­ßen Tu­che und ver­liest die Be­gna­di­gung, das To­des­ur­teil in si­bi­ri­sches Ge­fäng­nis ver­wan­delnd.

In ei­nen Ab­grund oh­ne Na­men stürzt er jetzt hin­ab aus sei­nem ers­ten jun­gen Ruhm. Vier Jah­re lang um­gren­zen fünf­zehn­hun­dert ei­che­ne Pfäh­le sei­nen gan­zen Ho­ri­zont. An ih­nen zählt er mit Ker­ben und mit Trä­nen Tag um Tag die vier­mal drei­hun­dert­fünf­und­sech­zig Ta­ge ab. Sei­ne Ge­nos­sen sind Ver­bre­cher, Die­be und Mör­der, sei­ne Ar­beit Ala­bas­ter­schlei­fen, Zie­gel­t­ra­gen, Schnee­schau­feln. Die Bi­bel wird das ein­zig ver­stat­te­te Buch, ein räu­di­ger Hund und ein flü­gel­lah­mer Ad­ler sei­ne ein­zi­gen Freun­de. Vier Jah­re weilt er im „To­ten­haus“, in der Un­ter­welt, Schat­ten zwi­schen Schat­ten, na­men­los und ver­ges­sen. Als sie ihm dann die Ket­te von den wun­den Fü­ßen ab­schmie­den und die Pfäh­le hin­ter ihm lie­gen, ei­ne brau­ne mor­sche Mau­er, ist er ein an­de­rer: sei­ne Ge­sund­heit zer­stört, sein Ruhm zer­stäubt, sei­ne Exis­tenz ver­nich­tet. Nur sei­ne Le­bens­lust bleibt un­ver­sehrt und un­ver­sehr­bar: hel­ler als je flammt aus dem schmel­zen­den Wachs sei­nes zer­kne­te­ten Kör­pers die hei­ße Flam­me der Ek­sta­se. Ein paar Jah­re noch muß er in Si­bi­ri­en ver­blei­ben, halb­frei und oh­ne die Ver­stat­tung, ei­ne Zei­le zu ver­öf­fent­li­chen. Dort in der Ver­ban­nung, in bit­ters­ter Ver­zweif­lung und Ein­sam­keit geht er je­ne selt­sa­me Ehe mit sei­ner ers­ten Frau ein, ei­ner kran­ken und ei­gen­ar­ti­gen, die sei­ne mit­lei­di­ge Lie­be un­wil­lig er­wi­dert. Ir­gend­ei­ne dunk­le Tra­gö­die der Auf­op­fe­rung ist in die­sem sei­nen Ent­schluß für im­mer der Neu­gier und Ehr­furcht ver­bor­gen, nur aus ei­ni­gen An­deu­tun­gen in den „Er­nied­rig­ten und Be­lei­dig­ten“ ver­mag man den schweig­sa­men He­ro­is­mus die­ser phan­tas­ti­schen Op­fer­tat zu ah­nen.

Ein Ver­ges­se­ner, kehrt er nach Pe­ters­burg zu­rück. Sei­ne li­te­ra­ri­schen Gön­ner ha­ben ihn fal­len ge­las­sen, sei­ne Freun­de sich ver­lo­ren. Aber mu­tig und kraft­voll ringt er sich aus der Wel­le, die ihn nie­der­warf, wie­der ans Licht. Sei­ne „Er­in­ne­run­gen aus dem To­ten­hau­se“, die­se un­ver­gäng­li­che Schil­de­rung ei­ner Sträf­lings­zeit, rei­ßen Ruß­land aus der Le­thar­gie gleich­gül­ti­gen Mit­er­le­bens. Mit Grau­en ent­deckt die gan­ze Na­ti­on, daß ganz atem­nah un­ter der fla­chen Schicht ih­rer ru­hi­gen Welt ei­ne an­de­re wal­tet, ein Pur­ga­to­ri­um al­ler Qua­len. Bis in den Kreml em­por schlägt die Flam­me der An­kla­ge, der Zar schluchzt über dem Bu­che, von tau­send Lip­pen klingt Dos­t­o­jew­skis Na­me. In ei­nem ein­zi­gen Jahr ist sein Ruhm wie­der er­baut, hö­her und dau­er­haf­ter als je. Ge­mein­sam mit sei­nem Bru­der grün­det der Auf­er­stan­de­ne ei­ne Zeit­schrift, die er selbst fast al­lein schreibt, dem Dich­ter ge­sellt sich der Pre­di­ger, der Po­li­ti­ker, der „Pra­ecep­tor Rus­siae“. Stür­misch tönt der Wi­der­hall, die Zeit­schrift hat wei­tes­te Ver­brei­tung, ein Ro­man wird voll­en­det, heim­tü­ckisch, mit vie­len blin­zeln­den Bli­cken lockt ihn das Glück. Dos­t­o­jew­skis Schick­sal scheint für im­mer ge­si­chert.

Aber noch ein­mal sagt der dunk­le Wil­le, der über sei­nem Le­ben wal­tet: Es ist zu früh. Denn ei­ne ir­di­sche Qual ist ihm noch fremd, die Mar­ter des Exils und die fres­sen­de Angst der täg­li­chen, er­bärm­li­chen Nah­rungs­sor­gen. Si­bi­ri­en und die Kat­or­ga, die grau­en­haf­tes­te Ver­zer­rung Ruß­lands, sie war im­mer­hin noch Hei­mat ge­we­sen, nun soll er noch die Sehn­sucht des No­ma­den nach dem Zel­te ken­nen ler­nen um der ur­mäch­ti­gen Lie­be zum ei­ge­nen Volk wil­len. Noch ein­mal muß er zu­rück ins Na­men­lo­se, noch tie­fer hin­ab in das Dun­kel, ehe er der Dich­ter, der He­rold sei­ner Na­ti­on sein darf. Wie­der zuckt ein Blitz nie­der, ei­ne Se­kun­de der Ver­nich­tung: die Zeit­schrift wird ver­bo­ten. Wie­der ist es ein Miß­ver­ständ­nis und gleich mör­de­risch wie das ers­te. Und nun fällt, Wet­ter­schlag auf Wet­ter­schlag, das Grau­en mit­ten in sein Le­ben. Sei­ne Frau stirbt, kurz nach ihr sein Bru­der und gleich­zei­tig sein bes­ter Freund und Hel­fer. Zwei­er Fa­mi­li­en Schul­den hän­gen sich blei­ern an ihn und krüm­men sein Rück­grat un­ter un­er­träg­li­cher Last. Noch wehrt er sich ver­zwei­felt, ar­bei­tet Tag und Nacht wie im Fie­ber, schreibt, re­di­giert, druckt selbst, nur um Geld zu er­spa­ren, die Eh­re, die Exis­tenz zu ret­ten, aber das Schick­sal ist stär­ker als er. Wie ein Ver­bre­cher flüch­tet er vor sei­nen Gläu­bi­gern ei­nes Nachts hin­aus in die Welt.

Nun be­ginnt je­ne jah­re­lan­ge ziel­lo­se Wan­de­rung durch das eu­ro­päi­sche Exil, je­ne grau­en­haf­te Ab­schnü­rung von Ruß­land, dem Blut­quell sei­nes Le­bens, die är­ger sei­ne See­le be­eng­te als die Pfäh­le der Kat­or­ga. Furcht­bar ist es aus­zu­den­ken, wie der größ­te rus­si­sche Dich­ter, der Ge­ni­us sei­ner Ge­ne­ra­ti­on, der Bo­te ei­ner Un­end­lich­keit, mit­tel­los, hei­mat­los, ziel­los von Land zu Land irrt. Mit Mü­he fin­det er Her­ber­gen in klei­nen nie­de­ren Zim­mern, die der Dunst der Ar­mut füllt, der Dä­mon der Epi­lep­sie krallt sich an sei­ne Ner­ven, Schul­den, Wech­sel, Ver­pflich­tun­gen peit­schen ihn von Ar­beit zu Ar­beit, Ver­le­gen­heit und Scham jagt ihn von Stadt zu Stadt. Blinkt ein Strahl Glück in sein Le­ben, so schiebt das Schick­sal so­gleich neue dunk­le Wol­ken vor. Ein jun­ges Mäd­chen, sei­ne Ste­no­gra­phin, war sei­ne zwei­te Frau ge­wor­den, aber das ers­te Kind, das sie ihm schenkt, rafft die Ent­kräf­tung, die Not des Exils schon nach we­ni­gen Ta­gen fort. War Si­bi­ri­en das Pur­ga­to­ri­um, der Vor­hof sei­nes Lei­dens, so ist Frank­reich, Deutsch­land, Ita­li­en si­cher­lich sei­ne Höl­le. Kaum wagt man sich die­se tra­gi­sche Exis­tenz zu ver­ge­gen­wär­ti­gen. Aber im­mer in Dres­den, wenn ich durch die Stra­ßen ge­he, vor­bei an ir­gend­ei­nem nie­de­ren und schmut­zi­gen Haus, so faßt michs an, ob er da nicht ir­gend­wo wohn­te, zwi­schen klei­nen säch­si­schen Krä­mern und Hand­lan­gern, oben im vier­ten Stock, ein­sam, un­end­lich ein­sam in die­ser frem­den Ge­schäf­tig­keit. Kei­ner hat ihn ge­kannt in all die­sen Jah­ren. Ei­ne Stun­de weit in Naum­burg wohnt Fried­rich Nietz­sche, der ein­zi­ge, der ihn ver­ste­hen könn­te, Ri­chard Wag­ner, Heb­bel, Flau­bert, Gott­fried Kel­ler, die Zeit­ge­nos­sen sind da, aber er weiß von ih­nen nichts und sie nichts von ihm. Wie ein gro­ßes ge­fähr­li­ches Tier, strup­pig und in ab­ge­tra­ge­nen Klei­dern, schleicht er aus sei­ner Ar­beits­höh­le scheu auf die Stra­ße, im­mer den glei­chen Weg, in Dres­den, in Genf, in Pa­ris: ins Café, in ei­nen Klub, um nur rus­si­sche Zei­tun­gen zu le­sen. Ruß­land will er spü­ren, Hei­mat, den blo­ßen An­blick der cy­ril­li­schen Let­tern, den flüch­ti­gen Atem des hei­mi­schen Wor­tes. Manch­mal setzt er sich, nicht aus Lie­be zur Kunst (ewig blieb er der by­zan­ti­ni­sche Bar­bar, der Bil­der­stür­mer), son­dern um sich zu wär­men, in die Ga­le­rie. Er weiß nichts von den Men­schen, die um ihn sind, er haßt sie nur, weil sie nicht Rus­sen sind, haßt die Deut­schen in Deutsch­land, die Fran­zo­sen in Frank­reich. Sein Herz horcht nach Ruß­land, nur sein Kör­per ve­ge­tiert teil­nahms­los in die­ser frem­den Welt. Kein Ge­spräch, kei­ne Be­geg­nung hat ir­gend­ei­ner der deut­schen, fran­zö­si­schen oder ita­lie­ni­schen Dich­ter be­zeugt. Nur im Bank­haus ken­nen sie ihn, wo er bleich tag­täg­lich an den Schal­ter kommt und mit vor Er­re­gung zit­tern­der Stim­me fragt, ob nicht end­lich der Wech­sel aus Ruß­land ge­kom­men sei, die hun­dert Ru­bel, für die er sich tau­send­fach in Wor­ten vor nied­ri­gen und frem­den Men­schen in die Knie ge­stürzt. Schon la­chen die An­ge­stell­ten über den ar­men Nar­ren und sei­ne ewi­ge Er­war­tung. Auch im Pfand­leih­haus ist er ste­ter Gast: al­les hat er dort ver­setzt, ein­mal so­gar sei­ne letz­te Ho­se, um nur ein Te­le­gramm nach Pe­ters­burg sen­den zu kön­nen, ei­nen je­ner mar­ker­schüt­tern­den Schreie, wie sie im­mer wie­der gel­lend in sei­nem Brie­fe wie­der­keh­ren. Das Herz krampft sich zu­sam­men, liest man die spei­chel­le­cke­risch, hün­disch de­mü­ti­gen­den Brie­fe die­ses Ge­wal­ti­gen, in de­nen er um zehn er­be­te­ner Ru­bel wil­len fünf­mal den Hei­land an­ruft, die­se ent­setz­li­chen Brie­fe, die keu­chen, heu­len und win­seln für ei­ne er­bärm­li­che Hand­voll Geld. Die Näch­te hin­durch ar­bei­tet er und schreibt, wäh­rend sei­ne Frau ne­ben­an in den We­hen stöhnt, wäh­rend die Epi­lep­sie schon die Kral­le spannt, ihm das Le­ben aus der Keh­le zu pres­sen, wäh­rend die Haus­frau mit der Po­li­zei um ih­re Mie­te droht und die Heb­am­me um ih­re Be­zah­lung keift – schreibt er „Ras­kol­ni­koff“, den „Idio­ten“, die „Dä­mo­nen“, den „Spie­ler“, die­se mo­nu­men­ta­len Wer­ke des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts, die­se uni­ver­sel­len Ge­stal­tun­gen un­se­rer gan­zen see­li­schen Welt. Die Ar­beit ist sei­ne Ret­tung und sei­ne Qual. In ihr lebt er in Ruß­land, in der Hei­mat. In der Ru­he schmach­tet er in Eu­ro­pa, in der Kat­or­ga. Im­mer tie­fer stürzt er sich dar­um in sei­ne Wer­ke hin­ein. Sie sind das Eli­xier, das ihn trun­ken macht, sie sind das Spiel, das sei­ne Ner­ven, die ge­pei­nig­ten, zu höchs­ter Lust an­spannt. Und zwi­schen­durch zählt er, wie einst die Pfäh­le des Zucht­hau­ses, gie­rig die Ta­ge: Heim­keh­ren kön­nen als Bett­ler, aber nur heim­keh­ren! Ruß­land, Ruß­land, Ruß­land ist der ewi­ge Schrei sei­ner Not. Aber noch darf er nicht zu­rück, noch muß er der Na­men­lo­se blei­ben um des Wer­kes wil­len, der Mär­ty­rer all die­ser frem­den Stra­ßen, der ein­sa­me Dul­der oh­ne Schrei und Kla­ge. Noch muß er beim Ge­würm des Le­bens woh­nen, ehe er auf­steigt in die gro­ße Herr­lich­keit des ewi­gen Ruhms. Schon ist sein Kör­per aus­ge­höhlt von den Ent­beh­run­gen, im­mer häu­fi­ger schmet­tern die Keu­len­schlä­ge der Krank­heit auf sein Ge­hirn, daß er ta­ge­lang be­täubt lie­gen bleibt, mit ver­dun­kel­ten Sin­nen, um sich mit ers­ter Kraft tau­melnd wie­der an den Schreib­tisch zu schlep­pen. Fünf­zig Jah­re ist Dos­t­o­jew­ski alt: aber er hat die Qual von Jahr­tau­sen­den er­lebt.

Da sagt end­lich, im letz­ten, drän­gends­ten Au­gen­blick sein Schick­sal: Es ist ge­nug. Gott wen­det Hi­ob wie­der sein Ant­litz zu: Mit zwei­und­fünf­zig Jah­ren darf Dos­t­o­jew­ski wie­der zu­rück nach Ruß­land. Sei­ne Bü­cher ha­ben für ihn ge­wor­ben, Tur­gen­jeff, Tol­stoi sind ver­schat­tet. Ruß­land blickt nur mehr auf ihn. Das „Ta­ge­buch ei­nes Schrift­stel­lers“ macht ihn zum He­rold sei­nes Vol­kes, und mit letz­ter Kraft und höchs­ter Kunst voll­en­det er sein Tes­ta­ment an die Zu­kunft der Na­ti­on: „Die Ka­ra­ma­s­off“. Und nun ent­schlei­ert sein Schick­sal end­gül­tig ihm den Sinn und schenkt dem Ge­prüf­ten ei­ne Se­kun­de höchs­ten Glücks, die ihm wei­sen soll, daß der Sa­me sei­nes Le­bens in un­end­li­cher Saat auf­ge­gan­gen ist. End­lich ist in ei­nem Au­gen­blick Dos­t­o­jew­skis sein Tri­umph so zu­sam­men­ge­drängt wie einst sei­ne Qual, ei­nen Blitz schickt ihm sein Gott, aber dies­mal nicht ei­nen, der ihn nie­der­schlägt, son­dern ei­nen, der ihn wie sei­ne Pro­phe­ten mit feu­ri­gem Wa­gen ins Ewi­ge ent­rückt. Zum hun­derts­ten Ge­burts­tag Pusch­kins sind die gro­ßen Dich­ter Ruß­lands ent­bo­ten, die Fest­re­de zu hal­ten. Tur­gen­jeff, der West­ler, der Dich­ter, der ein Le­ben lang ihm den Ruhm usur­pier­te, hat den Vor­rang und spricht un­ter lau­er und freund­li­cher Zu­stim­mung. Am nächs­ten Tag ist das Wort Dos­t­o­jew­ski ge­ge­ben, und er faßt es in dä­mo­ni­scher Trun­ken­heit wie ei­nen Don­ner­keil. Mit Flam­men der Ek­sta­se, die aus sei­ner lei­sen, hei­se­ren Stim­me plötz­lich wie ein Ge­wit­ter bricht, ver­kün­det er die hei­li­ge Mis­si­on der rus­si­schen All­ver­söh­nung, wie hin­ge­mäht stür­zen die Zu­hö­rer an sei­ne Knie. Der Saal er­bebt un­ter der Ex­plo­si­on des Ju­bels, Frau­en küs­sen ihm die Hän­de, ein Stu­dent bricht ohn­mäch­tig vor ihm zu­sam­men, al­le an­de­ren Red­ner ver­zich­ten auf das Wort. Ins Un­end­li­che wächst die Be­geis­te­rung und feu­rig ent­brennt die Glo­rie über dem Haupt mit der Dor­nen­kro­ne.

Dies woll­te sein Schick­sal noch: in ei­ner glü­hen­den Mi­nu­te die Er­fül­lung sei­ner Mis­si­on, den Tri­umph des Wer­kes zei­gen. Dann wirft es – die rei­ne Frucht ist ge­ret­tet – die ver­dorr­te Hül­se sei­nes Kör­pers hin. Am 10. Fe­bru­ar 1881 stirbt Dos­t­o­jew­ski. Ein Schau­er geht durch Ruß­land. Ein Au­gen­blick wort­lo­ser Trau­er. Aber dann flu­tets her­an, aus den ferns­ten Städ­ten rei­sen gleich­zei­tig und doch oh­ne Ver­ein­ba­rung De­pu­ta­tio­nen, ihm die letz­te Eh­re zu er­wei­sen. Aus al­len Win­keln der tau­send­häu­se­ri­gen Stadt schäumt jetzt – zu spät! zu spät! – die ek­sta­ti­sche Lie­be der Men­ge her­an, al­les will den To­ten se­hen, den sie ein Le­ben lang ver­ges­sen. Die Schmie­de­stra­ße, in der er auf­ge­bahrt ist, braust schwarz von Men­schen, fins­te­re Mas­sen schwem­men in schau­ern­dem Schwei­gen die Stie­gen des Ar­bei­ter­hau­ses em­por und fül­len die en­gen Räu­me bis hart an den Sarg. Nach ein paar Stun­den ist der Blu­men­schmuck ver­schwun­den, un­ter den man ihn ge­bet­tet, weil hun­dert Hän­de sich ein­zel­ne Blü­ten als kost­ba­re Re­li­quie mit­neh­men. So sti­ckig wird die Luft des en­gen Rau­mes, daß die Ker­zen kei­ne Nah­rung mehr ha­ben und ver­lö­schen. Im­mer drän­gen­der flu­ten die Mas­sen her­an, Wel­le auf Wel­le ge­gen den To­ten. Von ih­rem An­sturm schwankt der Sarg und will hin­stür­zen: mit den Hän­den müs­sen ihn die Wit­we, die er­schreck­ten Kin­der auf­recht hal­ten. Der Po­li­zei­prä­si­dent will das öf­fent­li­che Lei­chen­be­gäng­nis ver­bie­ten, bei dem die Stu­den­ten die Ket­ten des Sträf­lings hin­ter sei­nem Sar­ge zu tra­gen pla­nen, aber er wagt es schließ­lich nicht ge­gen ei­ne Be­geis­te­rung, die sonst mit Waf­fen sich die Teil­nah­me er­zwun­gen hät­te. Und bei dem Lei­chen­zu­ge wird plötz­lich Dos­t­o­jew­skis hei­li­ger Traum für ei­ne Stun­de zum Ge­scheh­nis: das ei­ni­ge Ruß­land. Wie in sei­nem Werk durch das bru­der­se­li­ge Ge­fühl al­le Klas­sen und Stän­de Ruß­lands, so sind die Hun­dert­tau­sen­de hin­ter dem Sarg durch ih­ren Schmerz ei­ne ein­zi­ge Mas­se; jun­ge Prin­zen, prunk­vol­le Po­pen, Ar­bei­ter, die Stu­den­ten, Of­fi­zie­re, La­kai­en und Bett­ler, sie al­le un­ter ei­nem we­hen­den Wald von Fah­nen und Ban­nern kla­gen mit ei­ner Stim­me um den teu­ren To­ten. Die Kir­che, in der man ihn ein­ge­seg­net, ist ein ein­zi­ger Blu­men­hain, und vor sei­nem of­fe­nen Gra­be ver­ei­ni­gen sich al­le Par­tei­en zu ei­nem Schwur der Lie­be und Be­wun­de­rung. So schenkt er sei­ner Na­ti­on mit sei­ner letz­ten Stun­de ei­nen Au­gen­blick der Ver­söh­nung und hält mit dä­mo­ni­scher Kraft noch ein­mal die zur Ra­se­rei ge­spann­ten Ge­gen­sät­ze sei­ner Zeit zu­sam­men. Und wie ein gran­dio­ser Sa­lut für den To­ten springt hin­ter sei­nem letz­ten Weg die furcht­ba­re Mi­ne auf: die Re­vo­lu­ti­on. Drei Wo­chen spä­ter wird der Zar er­mor­det, der Don­ner des Auf­stan­des rollt, Blit­ze der Züch­ti­gung durch­zu­cken das Land: Wie Beet­ho­ven stirbt Dos­t­o­jew­ski im hei­li­gen Auf­ruhr der Ele­men­te, im Ge­wit­ter.

SINN SEI­NES SCHICK­SALS

Ein Meis­ter bin ich wor­den

Zu tra­gen Lust und Leid,

Und mei­ne Lust zu lei­den,

Ward mir zur Se­lig­keit.

Gott­fried Kel­ler

Ein un­auf­hör­li­cher Kampf ist zwi­schen Dos­t­o­jew­ski und sei­nem Schick­sal, ei­ne Art lie­be­vol­ler Feind­schaft. Al­le Kon­flik­te spitzt es ihm schmerz­haft zu, al­le Kon­tras­te dehnt es ihm zum Zer­rei­ßen schmerz­haft aus­ein­an­der; es tut ihm weh, das Le­ben, weil es ihn liebt, und er liebt es, weil es ihn so stark faßt, denn im Lei­den er­kennt die­ser Wis­sends­te die stärks­te Mög­lich­keit des Ge­fühls. Nie gibt das Schick­sal ihn frei, im­mer knech­tet es ihn aufs neue, um die­sen ei­nen gläu­bi­gen Men­schen sich zum ewi­gen Blut­zeu­gen sei­ner Macht und Herr­lich­keit zu er­schaf­fen. Wie Ja­kob ringt es mit ihm, die un­end­li­che Nacht sei­nes Le­bens bis zum Mor­gen­rot des To­des und läßt ihn nicht aus der Um­kramp­fung, ehe er es nicht ge­seg­net hat. Und Dos­t­o­jew­ski, der „Got­tes­knecht“, be­greift die Grö­ße die­ser Bot­schaft und fin­det höchs­tes Glück dar­in, der ewig Be­zwun­ge­ne un­end­li­cher Mäch­te zu sein. Mit fie­bern­den Lip­pen küßt er sein Kreuz: „Es gibt für den Men­schen kein not­wen­di­ge­res Ge­fühl, als sich vor dem Un­end­li­chen beu­gen zu kön­nen.“ In die Knie ge­bro­chen un­ter der Last sei­nes Schick­sals, hebt er fromm die Hän­de und be­zeugt die hei­li­ge Grö­ße des Le­bens.

In die­ser Leib­ei­gen­schaft des Schick­sals ist Dos­t­o­jew­ski durch De­mut und Er­kennt­nis der gro­ße Über­win­der al­les Lei­dens ge­wor­den, der mäch­tigs­te Meis­ter und Um­wer­ter seit den Ta­gen des Tes­ta­ments. Nur durch die Ge­walt­tä­tig­kei­ten sei­nes Schick­sals ward er selbst ge­wal­tig, und die Ham­mer­schlä­ge, die auf den Am­boß sei­ner Exis­tenz fal­len, schmie­den erst sei­ne in­ne­re Kraft. Je tie­fer sein Kör­per stürzt, des­to hö­her schwingt sich sein Glau­be, je mehr er als Mensch er­lei­det, um so se­li­ger er­kennt er den Sinn und die Not­wen­dig­keit des Welt­lei­dens. Amor fa­ti, die hin­ge­ge­be­ne Lie­be zum Schick­sal, die Nietz­sche als das frucht­bars­te Ge­setz des Le­bens preist, läßt ihn in je­der Feind­lich­keit nur die Fül­le füh­len, je­de Heim­su­chung als Heil. Wie Bi­leam ver­wan­delt je­der Fluch sich dem Aus­er­wähl­ten zum Se­gen, je­de Er­nied­ri­gung in Er­hö­hung. In Si­bi­ri­en, Ket­ten an den Fü­ßen, ver­faßt er ei­nen Hym­nus an den Za­ren, der ihn un­schul­dig zum To­de ver­ur­teilt, in uns un­ver­ständ­li­cher De­mut küßt er im­mer wie­der die Hand, die ihn züch­tigt; wie La­za­rus noch fahl vom Sar­ge er­ste­hend, ist er im­mer be­reit, Zeug­nis für die Schön­heit des Le­bens ab­zu­le­gen, und aus sei­nem täg­li­chen Ster­ben, aus sei­nen Krämp­fen und epi­lep­ti­schen Zu­ckun­gen, noch Schaum vor dem Mun­de, rafft er sich auf, den Gott zu lob­prei­sen, der ihm die­se Prü­fung ge­sandt. Al­les Lei­den zeugt in sei­ner auf­ge­ta­nen See­le neue Lie­be zum Lei­den, un­er­sätt­li­chen, lech­zen­den fla­gel­lan­ti­schen Durst nach neu­en Mär­ty­rer­kro­nen. Schlägt ihn das Schick­sal hart, so stöhnt er, blu­tend zu­sam­men­stür­zend, schon nach neu­en Schlä­gen. Je­den Blitz, der ihn trifft, fängt er auf und ver­wan­delt, was ihn ver­bren­nen soll­te, in see­li­sches Feu­er und schöp­fe­ri­sche Ek­sta­se.

Ge­gen ei­ne sol­che dä­mo­ni­sche Ver­wand­lungs­kraft des Er­leb­nis­ses ver­liert das äu­ße­re Schick­sal gänz­lich sei­ne Herr­schaft. Was Stra­fe und Prü­fung scheint, wird dem Wis­sen­den Hil­fe, was den Men­schen in die Knie stür­zen soll, rich­tet den Dich­ter erst ei­gent­lich auf. Was ei­nen Schwä­che­ren zer­malmt hät­te, stählt die­sem Ek­sta­ti­ker nur die Kraft. Das Jahr­hun­dert, das gern mit Sinn­bil­dern spielt, gibt ei­ne Pro­be sol­cher Dop­pel­wir­kung glei­chen Er­leb­nis­ses. Ei­nen an­de­ren Dich­ter un­se­rer Welt, Os­car Wil­de, streift ähn­li­cher Blitz. Bei­de stür­zen sie, Schrift­stel­ler von Na­men, Ade­li­ge von Rang, ei­nes Ta­ges aus der bür­ger­li­chen Sphä­re ih­rer Exis­tenz ins Zucht­haus hin­ab. Aber der Dich­ter Wil­de wird in die­ser Prü­fung zer­malmt wie in ei­nem Mör­ser, der Dich­ter Dos­t­o­jew­ski aus ihr erst ge­formt wie Erz in feu­ri­gem Tie­gel. Denn Wil­de, der noch so­zi­al emp­fin­det, mit dem äu­ße­ren In­stinkt des Ge­sell­schafts­men­schen, fühlt sich ge­schän­det durch das bür­ger­li­che Brand­mal, und das Furcht­bars­te an Er­nied­ri­gung wird ihm je­nes Bad in Rea­ding Gaol, wo sein ge­pfleg­ter Edel­manns­leib in das von zehn an­de­ren Sträf­lin­gen schon be­schmutz­te Was­ser hin­ab muß. Ei­ne ganz pri­vi­le­gier­te Klas­se, die Kul­tur der Gent­le­men, schau­ert in sei­nem Grau­en vor der phy­si­schen Ver­men­gung mit dem Ge­mei­nen. Dos­t­o­jew­ski, der neue Mensch über al­len Stän­den, brennt die­ser Ge­mein­sam­keit ent­ge­gen mit schick­sals­trun­ke­ner See­le, zum Pur­ga­to­ri­um sei­nes Stol­zes wird ihm das glei­che schmut­zi­ge Bad. Und in der de­mü­ti­gen Hil­fe­leis­tung ei­nes schmie­ri­gen Tar­t­aren er­lebt er ek­sta­tisch das christ­li­che Mys­te­ri­um der Fuß­wa­schung. Wil­de, in dem der Lord den Men­schen über­lebt, lei­det bei den Sträf­lin­gen un­ter der Furcht, sie möch­ten ihn für ih­res­glei­chen neh­men, Dos­t­o­jew­ski lei­det nur so lan­ge, als Die­be und Mör­der ihm noch die Bru­der­schaft ver­wei­gern, denn er fühlt je­den Ab­stand, je­de Nicht-Bru­der­schaft als Ma­kel, als Un­zu­läng­lich­keit sei­ner Mensch­lich­keit. Wie Koh­le und Dia­mant glei­ches Ele­ment, so ist dies Dop­pel­schick­sal ei­nes und doch ein an­de­res für die­se bei­den Dich­ter. Wil­de ist fer­tig, wie er aus dem Zucht­haus kommt, Dos­t­o­jew­ski be­ginnt erst, Wil­de ver­brennt zur wert­lo­sen Schla­cke in glei­cher Glut, die Dos­t­o­jew­ski zu fun­keln­der Här­te formt. Wil­de wird ge­züch­tigt wie ein Knecht, weil er sich wehrt, Dos­t­o­jew­ski tri­um­phiert über sein Schick­sal durch Lie­be zu sei­nem Schick­sal.

Solch ein Um­wand­ler sei­ner Heim­su­chun­gen ist Dos­t­o­jew­ski, solch ein Um­wer­ter al­ler Er­nied­ri­gun­gen, daß nur ein här­tes­tes Schick­sal ihm ge­mäß war. Denn ge­ra­de aus den äu­ße­ren Ge­fah­ren sei­ner Exis­tenz hat er die höchs­ten in­ne­ren Si­cher­hei­ten ge­won­nen, sei­ne Qua­len wer­den ihm Ge­winn, sei­ne Las­ter Stei­ge­run­gen, sei­ne Hem­mun­gen Auf­trie­be. Si­bi­ri­en, die Kat­or­ga, die Epi­lep­sie, die Ar­mut, die Spiel­wut, die Wol­lüs­tig­keit, all die­se Kri­sen sei­ner Exis­tenz wer­den durch ei­ne dä­mo­ni­sche Um­wer­tungs­kraft frucht­bar in sei­ner Kunst, denn wie die Men­schen ih­re kost­bars­ten Me­tal­le aus den schwär­zes­ten Tie­fen der Berg­wer­ke, zwi­schen den Ge­fah­ren schla­gen­der Wet­ter, tief un­ter der spa­zier­gän­ge­ri­schen Flä­che des ge­si­cher­ten Le­bens, so ge­winnt der Künst­ler sei­ne flam­mends­ten Wahr­hei­ten, sei­ne letz­ten Er­kennt­nis­se im­mer nur aus den ge­fähr­lichs­ten Ab­grün­den sei­ner Na­tur. Künst­le­risch ge­se­hen ei­ne Tra­gö­die, ist das Le­ben Dos­t­o­jew­skis mo­ra­lisch ei­ne Er­run­gen­schaft oh­ne­glei­chen, weil Tri­umph des Men­schen über sein Schick­sal, ei­ne Um­wer­tung der äu­ße­ren Exis­tenz durch die in­ne­re Ma­gie.

Oh­ne Bei­spiel vor al­lem der Tri­umph geis­ti­ger Le­bens­kraft über ei­nen sie­chen, ge­bres­ti­gen Kör­per. Ver­ges­sen wir nicht, daß Dos­t­o­jew­ski ein Kran­ker war, daß die­ses eher­ne un­ver­gäng­li­che Werk aus ge­bors­te­nen hin­fäl­li­gen Glie­dern, aus zu­cken­den und glü­hend fla­ckern­den Ner­ven ge­won­nen ist. Mit­ten durch sei­nen Kör­per war ge­fähr­lichs­tes Lei­den ge­pfählt, ewig ge­gen­wär­ti­ges grau­en­haf­tes Sinn­bild des To­des: die Fall­sucht. Dos­t­o­jew­ski war Epi­lep­ti­ker die gan­zen drei­ßig Jah­re sei­ner Künst­ler­schaft. Mit­ten im Werk, auf der Stra­ße, im Ge­spräch, selbst im Schlaf krallt sich plötz­lich die Hand des „wür­gen­den Dä­mons“ um sei­ne Keh­le und schmet­tert ihn so jäh, Schaum vor dem Mun­de, zu Bo­den, daß der über­rasch­te Kör­per sich im Fal­le blu­tig schlägt. Das ner­vö­se Kind spürt schon in selt­sa­men Hal­lu­zi­na­tio­nen, in grau­en­haf­ten psy­chi­schen An­span­nun­gen das Wet­ter­leuch­ten der Ge­fahr, zum Blitz wird aber „die hei­li­ge Krank­heit“ erst im Zucht­haus ge­schmie­det. Dort preßt sie die un­ge­heue­re Über­span­nung der Ner­ven ur­mäch­tig her­aus, und wie je­des Un­glück, wie Ar­mut und Ent­beh­rung, bleibt die Kör­per­not Dos­t­o­jew­ski treu bis in die letz­te Stun­de. Selt­sam aber: nie­mals lehnt sich der Ge­mar­ter­te mit ei­nem Wort ge­gen die Prü­fung auf. Nie klagt er über sein Ge­bre­chen wie Beet­ho­ven über sei­ne Taub­heit, By­ron über sei­nen ver­kürz­ten Fuß, Rous­se­au über sein Bla­sen­lei­den, ja nir­gends ist be­zeugt, daß er je­mals ernst­lich da­ge­gen Hei­lung ge­sucht ha­be. Ge­trost darf man das Un­wahr­schein­li­che als ge­wiß neh­men, daß er mit je­ner un­end­li­chen Amor fa­ti die­se sei­ne Krank­heit lieb­te, als Schick­sal lieb­te wie je­des sei­ner Las­ter und Ge­fah­ren. Die Spür­sucht des Dich­ters bän­digt das Lei­den des Men­schen: Dos­t­o­jew­ski wird Herr sei­nes Lei­dens, in­dem er es be­lauscht. Die äu­ßers­te Ge­fahr sei­nes Le­bens, die Epi­lep­sie, er ver­wan­delt sie in ein höchs­tes Ge­heim­nis sei­ner Kunst: ei­ne nie ge­kann­te ge­heim­nis­vol­le Schön­heit saugt er aus die­sen Zu­stän­den, die wun­der­voll in den Au­gen­bli­cken tau­meln­den Vor­ge­fühls ge­sam­mel­te Ichek­sta­se. In un­ge­heu­er­lichs­ter Ab­bre­via­tur ist hier der Tod mit­ten im Le­ben er­lebt und in die­ser ei­nen Se­kun­de vor dem je­des­ma­li­gen Ster­ben, die stärks­te, be­rau­schends­te Es­senz des Seins, die pa­tho­lo­gisch ge­stei­ger­te An­span­nung des „Sich­selbst­emp­fin­dens“. Wie ein ma­gi­sches Sym­bol bringt ihm das Schick­sal im­mer wie­der sei­nen in­ten­sivs­ten Le­bens­au­gen­blick, die Mi­nu­te am Se­menow­ski-Platz ins Blut zu­rück, als soll­te er nie­mals den grau­si­gen Kon­trast zwi­schen dem All und dem Nichts in sei­nem Ge­fühl ver­ler­nen. Auch hier schnürt im­mer Dun­kel den Blick, auch hier stürzt wie Was­ser aus über­vol­ler, ge­beug­ter Scha­le die See­le dem Kör­per aus, schon zit­tert sie mit ge­spann­ten Flü­geln zu Gott em­por, schon spürt sie über­ir­di­sches Licht auf den ent­kör­per­ten Schwin­gen, Strahl und Gna­de ei­ner an­de­ren Welt, schon sinkt die Er­de, schon tö­nen die Sphä­ren – da stürzt ihn der Don­ner des Er­wa­chens wie­der zer­bro­chen ins ge­mei­ne Le­ben hin­ab. Im­mer wenn Dos­t­o­jew­ski die­se ei­ne Mi­nu­te be­schreibt, das traum­haf­te Glücks­ge­fühl, das sei­ne un­er­hör­te Scharf­sich­tig­keit be­ob­ach­tend be­seelt, wird sei­ne Stim­me lei­den­schaft­lich in Rück­er­in­ne­rung und der Au­gen­blick des Grau­ens zum Hym­nus: „Ihr ge­sun­den Men­schen, ihr ahnt nicht,“ pre­digt er be­geis­tert, „wel­ches Won­ne­ge­fühl den Epi­lep­ti­ker ei­ne Se­kun­de vor dem An­fall durch­dringt. Mo­ham­med er­zählt im Ko­ran, er sei im Pa­ra­dies ge­we­sen in der kur­zen Frist, da sein Krug um­stürz­te und das Was­ser aus­rann, und al­le klu­gen Nar­ren­köp­fe be­haup­ten, er sei ein Lüg­ner und Be­trü­ger. Das ist aber nicht wahr, er lügt nicht. Si­cher war er im Pa­ra­dies wäh­rend ei­nes epi­lep­ti­schen An­falls, ei­ner Krank­heit, an der er wie ich sel­ber litt. Ich weiß nie, ob die­se Won­ne­se­kun­de Stun­den dau­ert, aber glaubt mir, al­le Freu­de des Le­bens möch­te ich nicht da­für ein­tau­schen.“

In die­ser glü­hen­den Se­kun­de geht Dos­t­o­jew­skis Blick über das Ein­zel­ne der Welt hin­aus und um­faßt in lo­dern­dem All­ge­fühl die Un­end­lich­keit. Aber was er ver­schweigt, ist die bit­te­re Züch­ti­gung, mit der er je­de die­ser krampf­haf­ten An­nä­he­run­gen an Gott be­zahlt. Ein grau­en­haf­ter Zu­sam­men­bruch klirrt die kris­tal­le­nen Se­kun­den in rei­ßen­de Scher­ben, mit zer­bro­che­nen Glie­dern und stump­fen Sin­nen stürzt er, ein an­de­rer Ika­rus, in die ir­di­sche Nacht zu­rück. Das Ge­fühl, noch ge­blen­det vom un­end­li­chen Licht, tas­tet sich müh­sam im Ge­fäng­nis des Kör­pers zu­recht, wie Wür­mer krie­chen die Sin­ne blind am Bo­den des Seins, die eben mit se­li­gen Schwin­gen Got­tes Ant­litz um­fin­gen. Dos­t­o­jew­skis Zu­stand nach je­dem An­fall ist ein fast idio­ti­sches Däm­mern, des­sen gan­zes Grau­en er sich selbst im Fürs­ten My­sch­kin mit fla­gel­lan­ti­scher Deut­lich­keit aus­ge­malt hat. Er liegt im Bett mit zer­schla­ge­nen, oft zer­sto­ße­nen Glie­dern, die Zun­ge ge­horcht nicht dem Laut, die Hand nicht der Fe­der, mür­risch und nie­der­ge­schla­gen wehrt er sich ge­gen al­le Ge­mein­schaft. Die Hel­lig­keit des Ge­hirns, das tau­send Ein­zel­hei­ten eben in har­mo­ni­scher Ver­kür­zung um­faß­te, ist zer­schellt, er weiß sich der nächs­ten Din­ge nicht mehr zu er­in­nern, der Le­bens­fa­den, der ihn der Um­welt, der ihn sei­nem Werk ver­bin­det, ist zer­ris­sen. Ein­mal, nach ei­nem An­fall wäh­rend der Nie­der­schrift der „Dä­mo­nen“, fühlt er mit Grau­en, daß ihm nichts mehr be­wußt ist von all den Ge­scheh­nis­sen der ei­ge­nen Er­fin­dung, selbst den Na­men des Hel­den hat er ver­ges­sen. Erst müh­sam lebt er sich wie­der in die Ge­stal­tung hin­ein, treibt die er­schlaf­fen­den Vi­sio­nen mit drän­gen­dem Wil­len wie­der zu vol­ler Glut auf, bis – bis ihn eben ein neu­er An­fall hin­schmet­tert. So, das Grau­en der Fall­sucht im Rü­cken, den bit­te­ren Nach­ge­schmack des To­des auf den Lip­pen, ge­hetzt von Not und Ent­beh­rung, sind sei­ne letz­ten, die ge­wal­tigs­ten Ro­ma­ne ent­stan­den. Auf der Kip­pe zwi­schen Tod und Wahn­sinn, nacht­wand­le­risch si­cher, steigt sein Schaf­fen noch ge­wal­tig em­por, und aus die­sem stän­di­gen Ster­ben er­wächst dem ewig Auf­er­stan­de­nen je­ne dä­mo­ni­sche Kraft, das Le­ben gie­rig zu um­klam­mern, um ihm sein Höchs­tes an Ge­walt und Lei­den­schaft zu ent­pres­sen.

Die­ser Krank­heit, die­sem dä­mo­ni­schen Ver­häng­nis dankt Dos­t­o­jew­skis Ge­nie so viel (Me­reschkow­ski hat die An­ti­the­se blen­dend durch­ge­führt) als Tol­stoi sei­ner Ge­sund­heit. Sie hat ihn em­por­ge­schwun­gen zu kon­zen­trier­ten Ge­fühls­zu­stän­den, wie sie dem nor­ma­len Emp­fin­den nicht ge­ge­ben sind, hat ihm ge­heim­nis­vol­len Blick ver­lie­hen in die Un­ter­welt des Ge­füh­les und die Zwi­schen­rei­che der See­le. Das gran­di­os Dop­pel­gän­ge­ri­sche sei­nes We­sens, dies Wach­sein im hit­zigs­ten Traum, das Nach­schlei­chen des In­tel­lekts in die letz­ten La­by­rin­the des Ge­fühls, hat ihn be­fä­higt, zum ers­ten Ma­le den pa­tho­lo­gi­schen Ge­scheh­nis­sen ih­re Me­ta­phy­sik zu ge­ben, und voll zu schil­dern, was sonst das ana­ly­ti­sche Skal­pell der Wis­sen­schaft nur un­voll­kom­men am ab­ge­stor­be­nen kli­ni­schen Fall er­tas­tet. Wie Odys­seus, der Viel­ge­wan­der­te, Bot­schaft vom Ha­des, so bringt er, der ein­zig wach Wie­der­keh­ren­de, pein­lichs­te Be­schrei­bung aus dem Land der Schat­ten und Flam­men und be­zeugt mit sei­nem Blut und dem kal­ten Schau­er sei­ner Lip­pen die Exis­tenz un­ge­ahn­ter Zu­stän­de zwi­schen Le­ben und Tod. Dank sei­ner Krank­heit ge­lingt ihm das Höchs­te der Kunst, das Stendhal ein­mal for­mu­lier­te, „d’in­ven­ter des sen­sa­ti­ons inédites“, Ge­füh­le, die bei uns al­le im Keim vor­han­den sind und nur in­fol­ge der küh­len Kli­ma­tik un­se­res Blu­tes nicht zu vol­ler Rei­fe kom­men, in vol­ler tro­pi­scher Ent­fal­tung dar­zu­stel­len. Die Fein­hö­rig­keit des Kran­ken läßt ihn die letz­ten Wor­te der See­le er­lau­schen, ehe sie ins De­li­ri­um sinkt, die ge­stei­ger­te Fein­füh­lig­keit mißt mit stärks­tem Aus­schlag die zar­tes­ten Vi­bra­tio­nen der Sin­ne, und ei­ne mys­ti­sche Scharf­sich­tig­keit in den Se­kun­den des Vor­ge­fühls zeugt bei ihm se­he­ri­sche Ga­be des zwei­ten Ge­sichts, die Ma­gie des Zu­sam­men­hangs. O wun­der­ba­re Ver­wand­lung, frucht­bar in al­len Kri­sen des Her­zens! Der Künst­ler Dos­t­o­jew­ski zwingt sich al­le Ge­fahr in Be­sitz um, und auch der Mensch ge­winnt nur neue Grö­ße aus neu­em Maß. Denn für ihn be­deu­ten Glück und Leid, die End­punk­te des Ge­fühls, ei­ne un­gleich ge­stei­ger­te In­ten­si­tät, er mißt nicht mit den ge­mei­nen Wer­ten des durch­schnitt­li­chen Le­bens, son­dern mit den sie­den­den Gra­den sei­ner ei­ge­nen Phre­ne­sie. Das Ma­xi­mum an Glück, ei­nem an­dern ist es Ge­nuß ei­ner Land­schaft, Be­sitz ei­ner Frau, Ge­fühl der Har­mo­nie, im­mer aber durch ir­di­sche Zu­stän­de ver­stat­te­ter Be­sitz. Bei Dos­t­o­jew­ski sind die Sie­de­punk­te des Emp­fin­dens schon im Un­er­träg­li­chen, im Töd­li­chen. Sein Glück ist Spas­ma, der schäu­men­de Krampf, sei­ne Qual die Zer­schmet­te­rung, der Kol­laps, der Zu­sam­men­bruch: im­mer aber blitz­ar­tig kom­pri­mier­te es­sen­ti­el­le Zu­stän­de, die im Ir­di­schen kei­ne Dau­er ha­ben kön­nen, die sol­che Hit­ze­gra­de er­rei­chen, daß kaum ei­ne Se­kun­de sie in ih­ren Hän­den hal­ten kann und schmerz­haft sin­ken las­sen muß. Wer im Le­ben stän­dig den Tod er­lebt, kennt ein ur­mäch­ti­ge­res Grau­en als der Nor­ma­le, wer die kör­per­lo­se Schwe­be ge­fühlt, ei­ne hö­he­re Lust als ein Kör­per, der nie die har­te Er­de ließ. Sein Be­griff von Glück meint die Ver­zü­ckung, sein Be­griff von Qual die Ver­nich­tung. Dar­um hat auch das Glück sei­ner Men­schen nichts von ei­ner ge­stei­ger­ten Hei­ter­keit, son­dern es flim­mert und brennt wie Feu­er, es zit­tert von ver­hal­te­nen Trä­nen und schwült von Ge­fahr, es ist ein un­er­träg­li­cher, un­dau­er­haf­ter Zu­stand, ein Lei­den mehr als ein Ge­nie­ßen. Sei­ne Qual wie­der­um hat et­was, das den ge­mei­nen Zu­stand von dump­fer wür­gen­der Angst, von Last und Grau­en schon über­brückt hat, ei­ne eis­kal­te, bei­na­he lä­cheln­de Klar­heit, ei­ne teuf­li­sche Gier der Bit­ter­keit, die kei­ne Trä­ne kennt, ein tro­cke­nes kol­lern­des La­chen und ein dä­mo­ni­sches Grin­sen, in dem wie­der­um bei­na­he schon Lust ist. Nie war vor ihm die Ge­gen­sätz­lich­keit des Ge­füh­les ähn­lich weit auf­ge­ris­sen, nie die Welt so schmerz­haft weit ge­spannt als zwi­schen die­sem neu­en Pol der Ek­sta­se und Zer­nich­tung, die er jen­seits al­ler ge­wohn­ten Ma­ße von Glück und Lei­den ge­stellt hat.

In die­ser Po­la­ri­tät, die ihm das Schick­sal auf­ge­prägt hat, und nur aus ihr ist Dos­t­o­jew­ski zu ver­ste­hen. Er ist das Op­fer ei­nes zwie­späl­ti­gen Le­bens und – als lei­den­schaft­li­cher Be­ja­her sei­nes Schick­sals – dar­um Fa­na­ti­ker sei­nes Kon­tras­tes. Die Heiß­glut sei­nes künst­le­ri­schen Tem­pe­ra­ments ent­steht ein­zig aus der fort­wäh­ren­den Rei­bung die­ser Ge­gen­sät­ze und, statt sie zu ver­ei­nen, reißt der Maß­lo­se in ihm den ein­ge­bo­re­nen Zwie­spalt im­mer wei­ter aus­ein­an­der zu Him­mel und Höl­le: nie ver­heilt die klaf­fen­de Wun­de im bren­nen­den geis­ti­gen Fie­ber des Schaf­fens. Dos­t­o­jew­ski, der Künst­ler, ist das voll­kom­mens­te Ge­gen­satz­pro­dukt, der größ­te Dua­list der Kunst und viel­leicht der Mensch­heit. Sym­bo­lisch bringt eins sei­ner Las­ter die­sen Ur­wil­len sei­ner Exis­tenz in sicht­ba­re Form: sei­ne krank­haf­te Lie­be zum Glücks­spiel. Der Kna­be schon ist lei­den­schaft­li­cher Kar­ten­spie­ler, aber erst in Eu­ro­pa lernt er den Teu­fels­spie­gel sei­ner Ner­ven ken­nen: das Rouge et Noir, das Rou­lett, die­ses in sei­nem pri­mi­ti­ven Dua­lis­mus so grau­sam ge­fähr­li­che Spiel. Der grü­ne Tisch in Ba­den-Ba­den, die Spiel­bank in Mon­te Car­lo sind sei­ne stärks­ten Ek­sta­sen in Eu­ro­pa: mehr als die Six­ti­ni­sche Ma­don­na, die Plas­ti­ken Mi­che­lan­ge­los, die Land­schaf­ten des Sü­dens, Kunst und Kul­tur al­ler Welt hyp­no­ti­sie­ren sie sei­nen Nerv. Denn hier ist Span­nung, Ent­schei­dung – Schwarz oder Rot, ge­rad oder un­ge­rad, Glück oder Ver­nich­tung, Ge­winn oder Ver­lust – in ei­ne ein­zi­ge Se­kun­de des rol­len­den Ra­des ge­preßt, Span­nung kon­zen­triert zu je­ner schmerz­haft-lust­vol­len Blitz­form des sprin­gen­den Ge­gen­sat­zes, die ein­zig sei­nem Cha­rak­ter ent­spricht. Die sanf­ten Über­gän­ge, die Aus­glei­che, die mat­ten Stei­ge­run­gen sind sei­ner fieb­ri­schen Un­ge­duld un­er­träg­lich, er mag nicht Geld ver­die­nen auf deut­sche, auf „Wurst­ma­cher­art“, durch Um­sicht, Spar­sam­keit und Be­rech­nung, ihn reizt der Zu­fall, die Hin­ga­be an das Gan­ze. Die Form sei­nes äu­ßern Schick­sals ahmt vor dem grü­nen Ti­sche der Wil­le in ste­ter Her­aus­for­de­rung be­wußt-un­be­wußt nach: die Ab­bre­via­tur der Ent­schei­dun­gen in ei­ne ein­zi­ge Se­kun­de, die zur Spit­ze ge­schärf­te Sen­sa­ti­on, die ih­re glü­hen­de Na­del tief in den Nerv bohrt, ge­heim­nis­voll ähn­lich der Se­kun­de im Vor­ge­fühl und Nie­der­bruch des epi­lep­ti­schen Blit­zes, und je­ner un­ver­geß­li­chen Se­kun­de vom Se­menow­ski-Platz. Wie das Schick­sal mit ihm spiel­te, so spielt er nun mit dem Schick­sal: er reizt den Zu­fall zu künst­li­chen Span­nun­gen, und ge­ra­de wenn er ge­si­chert ist, wirft er im­mer mit zit­tern­der Hand sei­ne gan­ze Exis­tenz auf den grü­nen Tisch. Dos­t­o­jew­ski ist nicht Spie­ler aus Geld­hun­ger, son­dern aus un­er­hör­tem „un­an­stän­di­gem“, aus Ka­ra­ma­s­off­schem Le­bens­durst, der al­les in den stärks­ten Es­sen­zen will, aus krank­haf­ter Sehn­sucht nach Schwind­lig­keit, aus je­nem „Turm­ge­fühl“, der Lust, sich über den Ab­grund zu beu­gen. Denn er liebt den Ab­grund, die Tie­fe des Le­bens, das Dä­mo­ni­sche des Zu­falls, er liebt in fa­na­ti­scher De­mut die Mäch­te, die stär­ker sind als sei­ne Ei­gen­macht, und lockt mit ewi­ger Rei­zung im­mer wie­der ih­ren mör­de­ri­schen Blitz auf sein Haupt. Dos­t­o­jew­ski pro­vo­ziert im Glücks­spiel das Schick­sal: was er ein­setzt, ist nicht Geld und im­mer sein letz­tes Geld, son­dern da­mit sei­ne gan­ze Exis­tenz; was er ihm ab­ge­winnt, ist äu­ßers­ter Ner­ven­rausch, töd­li­che Schau­er, Ur­angst, das dä­mo­ni­sche Welt­ge­fühl. Selbst im gol­de­nen Gift hat Dos­t­o­jew­ski nur neu­en Durst nach dem Gött­li­chen ge­trun­ken.

Selbst­ver­ständ­lich, daß er die­se Lei­den­schaft wie je­de an­de­re über al­les Maß hin­aus bis zum Äu­ßers­ten, bis hin­ein in das Las­ter trieb. Halt­zu­ma­chen, Vor­sicht, Be­denk­lich­keit wa­ren die­sem Ti­ta­nen­tem­pe­ra­ment fremd: „Über­all und in al­lem mein gan­zes Le­ben lang ha­be ich die Gren­ze über­schrit­ten.“ Und dies, Gren­zen zu über­schrei­ten, ist künst­le­risch sei­ne Grö­ße wie mensch­lich sei­ne Ge­fahr: er macht nicht halt vor den Zäu­nen der bür­ger­li­chen Mo­ral, und nie­mand weiß ge­nau zu sa­gen, wie weit sein Le­ben die ju­ri­di­sche Gren­ze über­schrit­ten hat, wie­viel von den ver­bre­che­ri­schen In­stink­ten sei­ner Hel­den in ihm selbst Tat ge­wor­den ist. Ein­zel­nes ist be­zeugt, doch wohl das Ge­rin­ge­re nur. Als Kind hat er be­tro­gen im Kar­ten­spiel, und wie sein tragi­scher Narr Mar­me­la­dow in „Schuld und Süh­ne“ aus Gier nach Brannt­wein die Strümp­fe sei­ner Frau, so stiehlt auch Dos­t­o­jew­ski der sei­nen Geld und ein Kleid aus dem Schrank, um es im Rou­lett zu ver­spie­len. Wie weit sei­ne sinn­li­chen Aus­schwei­fun­gen aus den „Kel­ler­jah­ren“ ins Per­ver­se hin­über­zit­tern, wie­viel von den „Spin­nen der Wol­lust“ Swid­ri­ga­ilow, Sta­w­ro­gin und Fe­dor Ka­ra­ma­sow sich auch bei ihm in se­xu­el­len Ver­stö­run­gen aus­leb­te, wa­gen die Bio­gra­phen nicht zu er­ör­tern. Sei­ne Nei­gun­gen und Per­ver­si­tä­ten, auch sie wur­zeln je­den­falls in der ge­heim­nis­vol­len Kon­trast­gier von Ver­derbt­heit und Un­schuld, aber es ist nicht we­sen­haft, die­se Le­gen­den und Kon­jek­tu­ren (so deut­sam sie sind) zu er­ör­tern. Wich­tig ist nur, nicht zu ver­ken­nen, daß dem Hei­land, dem Hei­li­gen, dem Al­joscha in Dos­t­o­jew­ski-Ka­ra­ma­sow der Ge­gen­spie­ler des Wol­lüst­lings, des über­reiz­ten Se­xu­al­men­schen, der schmut­zi­ge Fe­dor im Blu­te ver­schwis­tert war.

Nur dies ist ge­wiß: Dos­t­o­jew­ski war auch in sei­ner Sinn­lich­keit Über­schrei­ter des bür­ger­li­chen Ma­ßes und dies nicht im lin­den Sinn Goe­thes, der einst in dem be­rühm­ten Wor­te sag­te, daß er die An­la­gen zu al­len Schänd­lich­kei­ten und Ver­bre­chen le­ben­dig in sich emp­fän­de. Denn Goe­thes gan­ze ge­wal­ti­ge Ent­wick­lung be­deu­tet nichts als ei­ne ein­zi­ge, un­ge­heue­re An­stren­gung, die­se ge­fähr­lich wu­chern­den Kei­me in sich aus­zu­ro­den. Der Olym­pi­er will zur Har­mo­nie, sei­ne höchs­te Sehn­sucht ist Zer­stö­rung al­les Ge­gen­sat­zes, Er­käl­tung des Blu­tes, die ru­he­vol­le Schwe­be der Kräf­te. Er ver­schnei­det die Sinn­lich­keit in sich, er rot­tet un­ter stärks­ten Blut­ver­lus­ten für sei­ne Kunst al­le ge­fähr­li­chen Kei­me all­mäh­lich um der Sitt­lich­keit wil­len aus, al­ler­dings mit dem Ge­mei­nen auch viel von sei­ner Kraft ver­nich­tend. Dos­t­o­jew­ski aber, lei­den­schaft­lich in sei­nem Dua­lis­mus wie in al­lem, was ihm vom Le­ben zu­ge­fal­len, will nicht em­por zur Har­mo­nie, die für ihn Star­re ist, er bin­det nicht sei­ne Ge­gen­sät­ze ins Gött­lich-Har­mo­ni­sche, son­dern spannt sie aus­ein­an­der zu Gott und Teu­fel und hat da­zwi­schen die Welt. Er will un­end­li­ches Le­ben. Und Le­ben ist ihm ein­zig elek­tri­sche Ent­la­dung zwi­schen den Po­len des Kon­tras­tes. Was Keim in ihm war, das Gu­te und das Schlech­te, das Ge­fähr­li­che und das För­dern­de, muß em­por, al­les wird an sei­ner tro­pi­schen Lei­den­schaft Blü­te und Frucht. Wild läßt er sein Las­ter auf­wu­chern, un­ge­hemmt sei­ne In­stink­te, selbst die ver­bre­che­ri­schen, hin­ein ins Le­ben ja­gen. Er liebt sei­ne Las­ter, sei­ne Krank­heit, das Spiel, sei­ne Bos­heit und selbst die Wol­lust, weil sie ei­ne Me­ta­phy­sik des Flei­sches ist, ein Wil­le des Ge­nus­ses ins Un­end­li­che hin­ein. Goe­the will zum An­ti­kisch-Apol­li­ni­schen, Dos­t­o­jew­ski zum Bac­chan­ti­schen. Er will nicht Olym­pi­er, nicht gottähn­lich, son­dern nur star­ker Mensch sein. Sei­ne Mo­ral geht nicht auf Klas­si­zi­tät, auf ei­ne Norm, son­dern ein­zig auf In­ten­si­tät. Rich­tig le­ben heißt für ihn: stark le­ben und al­les le­ben, bei­des zu­gleich, das Gu­te und das Schlech­te, und bei­des in sei­nen stärks­ten, be­rau­schends­ten For­men. Des­halb hat Dos­t­o­jew­ski nie ei­ne Norm ge­sucht, son­dern im­mer nur die Fül­le. Ne­ben ihm steht Tol­stoi in­mit­ten sei­nes Wer­kes be­un­ru­higt auf, hält in­ne, läßt die Kunst und quält sich ein Le­ben lang, was gut sei, was bö­se, ob er rich­tig le­be oder falsch. Tol­stois Le­ben ist dar­um di­dak­tisch, ein Lehr­buch, ein Pam­phlet, das Dos­t­o­jew­skis ein Kunst­werk, ei­ne Tra­gö­die, ein Schick­sal. Er han­delt nicht zweck­mä­ßig, nicht be­wußt, er prüft sich nicht, er ver­stärkt sich nur. Tol­stoi klagt sich al­ler Tod­sün­den an, laut und vor al­lem Vol­ke. Dos­t­o­jew­ski schweigt, aber sein Schwei­gen sagt mehr von So­dom, als al­le An­kla­gen Tol­stois. Dos­t­o­jew­ski will sich nicht be­ur­tei­len, nicht ver­än­dern, nicht ver­bes­sern, nur im­mer ei­nes: sich ver­stär­ken. Ge­gen das Bö­se, ge­gen das Ge­fähr­li­che sei­ner Na­tur leis­tet er kei­nen Wi­der­stand, im Ge­gen­teil, er liebt sei­ne Ge­fahr als An­trieb, er ver­göt­tert sei­ne Schuld um der Reue wil­len, sei­nen Stolz für die De­mut. Kind­lich wä­re es dar­um, das Dä­mo­ni­sche sei­nes We­sens zu ver­schwei­gen (das dem Gött­li­chen so na­he ver­schwis­tert ist), ihn mo­ra­lisch zu „ent­schul­di­gen“ und für die klei­ne Har­mo­nie des bür­ger­li­chen Ma­ßes zu ret­ten, was die ele­men­ta­re Schön­heit des Maß­lo­sen hat.

Wer den Ka­ra­ma­s­off schuf, die Ge­stalt des Stu­den­ten aus der „Ju­gend“, den Sta­w­ro­gin der „Dä­mo­nen“, den Swid­ri­ga­ilow des „Ras­kol­ni­koff“, die­se Fa­na­ti­ker des Flei­sches, die­se gro­ßen Be­ses­se­nen der Wol­lust, die­se wis­sen­den Meis­ter der Un­zucht, dem wa­ren im Le­ben auch die nied­rigs­ten For­men der Sinn­lich­keit per­sön­lich be­wußt, denn ei­ne geis­ti­ge Lie­be zur Aus­schwei­fung ist von­nö­ten, um die­sen Ge­stal­ten ih­re grau­sa­me Rea­li­tät zu ge­ben. Sei­ne un­ver­gleich­li­che Reiz­bar­keit kann­te die Ero­tik in ih­rem dop­pel­ten Sinn, kann­te die der fleisch­li­chen Trun­ken­heit, wo sie in den Schlamm tau­melt und Un­zucht wird, bis zu ih­ren feins­ten geis­ti­gen Ab­stie­gen, wo sie zur Bos­heit, zum Ver­bre­chen er­starrt, er kann­te sie un­ter al­len ih­ren Mas­ken, und mit wis­sends­tem Blick lä­chelt er in ih­re Ra­se­rei. Und er kennt sie in ih­ren edels­ten For­men, wo die Lie­be fleisch­los wird, Mit­leid, se­li­ges Er­bar­men, Welt­bru­der­schaft und stür­zen­de Trä­ne. All die­se ge­heim­nis­vol­len Es­sen­zen wa­ren in ihm und nicht nur in flüch­ti­gen che­mi­schen Spu­ren, wie bei je­dem wahr­haf­ten Dich­ter, son­dern in den reins­ten, kräf­tigs­ten Ex­trak­ten. Mit se­xu­el­ler Er­re­gung und ei­ner fühl­ba­ren Vi­bra­ti­on der Sin­ne ist je­de Aus­schwei­fung bei ihm ge­schil­dert und vie­les wohl mit Lust er­lebt. Da­mit mei­ne ich aber nicht (Blut­frem­de mö­gen es so ver­ste­hen), daß Dos­t­o­jew­ski ein Wüst­ling war, ei­ner, der sich freu­te am Fleisch­li­chen, ein Le­be­mann. Er war nur lust­süch­tig, wie er qual­süch­tig war, ein Leib­ei­ge­ner des Trie­bes, Skla­ve ei­ner her­ri­schen geis­ti­gen und kör­per­li­chen Neu­gier, die ihn mit Ru­ten ins Ge­fähr­li­che hin­ein­peitsch­te, ins Dor­nen­di­ckicht der ab­sei­ti­gen We­ge. Sei­ne Lust, auch sie ist nicht ba­na­les Ge­nie­ßen, son­dern Spiel und Ein­satz der gan­zen sinn­li­chen Le­bens­kraft, das im­mer wie­der und wie­der Emp­fin­den­wol­len der ge­heim­nis­vol­len ge­wit­te­ri­gen Schwü­le der Epi­lep­sie, Kon­zen­tra­ti­on des Ge­füh­les in ein paar ge­spann­te Se­kun­den ge­fähr­li­cher Vor­lust und dann der dump­fe Nie­der­sturz in die Reue. Er liebt in der Lust nur das Flim­mern von Ge­fahr, das Spiel der Ner­ven, dies Na­tur­haf­te in­ner­halb des ei­ge­nen Kör­pers, er sucht in ei­ner selt­sa­men Mi­schung von Be­wußt­heit und dump­fer Scham in je­der Lust das Ge­gen­spiel, den Bo­den­satz der Reue, in der Schän­dung die Un­schuld, im Ver­bre­chen die Ge­fahr. Dos­t­o­jew­skis Sinn­lich­keit ist ein La­by­rinth, in dem sich al­le We­ge ver­schlin­gen, Gott und das Tier sind nach­bar­lich in ei­nem Flei­sche, und man ver­ste­he in die­sem Sinn das Sym­bol der Ka­ra­ma­s­off, daß Al­joscha, der En­gel, der Hei­li­ge ge­ra­de der Sohn Fe­dors, der grau­sa­men „Spin­ne der Wol­lust“ ist. Wol­lust zeugt die Rein­heit, das Ver­bre­chen die Grö­ße, Lust das Lei­den und das Lei­den wie­der Lust. Ewig be­rüh­ren sich die Ge­gen­sät­ze: zwi­schen Him­mel und Höl­le, Gott und Teu­fel spannt sich sei­ne Welt.

Gren­zen­lo­se, rest­lo­se wis­send-wehr­lo­se Hin­ga­be an sein zwie­späl­ti­ges Schick­sal, amor fa­ti ist dar­um Dos­t­o­jew­skis letz­tes und ein­zi­ges Ge­heim­nis, der schöp­fe­ri­sche Feu­er­quell sei­ner Ek­sta­se. Eben weil das Le­ben ihm so ge­wal­tig zu­ge­mes­sen war, weil es ihm Un­er­meß­lich­kei­ten des Ge­füh­les im Lei­den auf­tat, hat er das grau­sam-gü­ti­ge, gött­lich-un­ver­ständ­li­che, ewig un­er­lern­ba­re, ewig mys­ti­sche Le­ben ge­liebt. Denn sein Maß ist die Fül­le, die Un­end­lich­keit. Nie woll­te er sei­nen Le­bens­gang mil­de­ren Wel­len­schlags, ein­zig sich selbst noch kon­zen­trier­ter, in­ten­si­ver, und dar­um biegt er nie in­ne­ren und äu­ße­ren Ge­fah­ren aus, sind sie doch Mög­lich­kei­ten der Sen­sa­ti­on, Ent­zün­dun­gen des Nervs. Was Keim war in ihm, Keim des Gu­ten und des Bö­sen, je­de Lei­den­schaft, je­des Las­ter hat er auf­ge­stei­gert durch Be­geis­te­rung und Selbst­ek­sta­se, nichts aus­ge­ro­det an Ge­fahr in sei­nem wis­sen­den Blut. Rest­los gibt sich der Spie­ler in ihm als Ein­satz an das lei­den­schaft­li­che Spiel der Mäch­te, denn nur im Rol­len von Schwarz und Rot, Tod oder Le­ben, spürt er taum­lig-süß die gan­ze Wol­lust sei­ner Exis­tenz. „Du hast mich hin­ein­ge­stellt, du wirst mich wie­der hin­aus­füh­ren“, ist mit Goe­the sei­ne Ant­wort an die Na­tur. „Cor­ri­ger la for­tu­ne“, das Schick­sal zu ver­bes­sern, aus­zu­bie­gen, ab­zu­schwä­chen, fällt ihm nicht bei. Nie sucht er Voll­en­dung, Ab­schluß, En­de in ei­ner Ru­he, nur Stei­ge­rung des Le­bens im Lei­den, im­mer hö­her li­zi­tiert er sein Ge­fühl zu neu­en Span­nun­gen, denn nicht sich will er ge­win­nen, son­dern die höchs­te Sum­me des Ge­fühls. Er will nicht wie Goe­the zum Kris­tall er­star­ren, kalt mit hun­dert Flä­chen das be­weg­te Cha­os spie­gelnd, son­dern Flam­me blei­ben, selbst­zer­stö­rend, täg­lich sich ver­nich­tend, um täg­lich sich neu auf­zu­bau­en, ewig sich wie­der­ho­lend, aber im­mer mit ge­stei­ger­ter Kraft und aus ge­spann­te­rem Ge­gen­satz. Er will nicht das Le­ben meis­tern, son­dern das Le­ben füh­len. Nicht der Herr sein, son­dern der fa­na­ti­sche Leib­ei­ge­ne sei­nes Schick­sals. Und nur so, als der „Got­tes­knecht“, der Hin­ge­bends­te al­ler, konn­te er der Wis­sends­te al­les Mensch­li­chen wer­den.

Dos­t­o­jew­ski hat die Herr­schaft über sein Schick­sal an das Schick­sal zu­rück­ge­ge­ben: da­durch wird sein Le­ben ge­wal­tig über die zu­fäl­li­ge Zeit. Er ist der dä­mo­ni­sche Mensch, un­ter­tan den ewi­gen Mäch­ten, und in sei­ner Ge­stalt er­steht mit­ten im kla­ren do­ku­men­ta­ri­schen Licht un­se­rer Epo­che noch ein­mal der schon ver­gan­gen ge­glaub­te Dich­ter mys­ti­scher Zei­ten, der Se­her, der gro­ße Ra­sen­de, der Schick­sals­mensch. Et­was Ur­zeit­li­ches und He­roi­sches liegt in die­ser ti­ta­ni­schen Ge­stalt. Stei­gen die an­de­ren li­te­ra­ri­schen Wer­ke wie be­blüm­te Ber­ge aus den Nie­de­run­gen der Zeit, Zeu­gen ei­ner ge­stal­ten­den Ur­kraft zwar noch, aber schon ge­sänf­tigt in Dau­er und zu­gäng­lich selbst in ih­ren Hö­hen, wo sie mit wei­ßer Schnee­kro­ne ins Un­end­li­che rei­chen, so scheint die Kup­pe sei­ner Schöp­fung, phan­tas­tisch und grau, ein vul­ka­ni­sches un­frucht­ba­res Ge­stein. Aber aus dem Kra­ter sei­ner zer­ris­se­nen Brust reicht Glut bis zum un­ters­ten feu­rig-flüs­si­gen Kern un­se­rer Welt: hier sind noch Zu­sam­men­hän­ge mit al­ler An­fän­ge An­fang, mit dem Ele­men­ta­ren der Ur­kraft, und schau­dernd spü­ren wir in sei­nem Schick­sal und Werk die ge­heim­nis­vol­le Tie­fe al­ler Mensch­lich­keit.

DIE MEN­SCHEN DOS­T­O­JEW­SKIS

„O glau­bet nicht an die Ein­heit des Men­schen.“

Dos­t­o­jew­ski

Vul­ka­nisch er selbst, vul­ka­nisch dar­um sei­ne Hel­den, denn je­der Mensch be­zeugt im letz­ten nur den Gott, der ihn er­schuf. Sie sind nicht fried­lich ein­ge­ord­net in un­se­re Welt, über­all rei­chen sie mit ih­rem Emp­fin­den bis zu den Ur­pro­ble­men hin­ab. Der mo­der­ne Ner­ven­mensch in ih­nen ist ge­paart dem We­sen des An­fangs, das nichts vom Le­ben weiß als sei­ne Lei­den­schaft, und mit den letz­ten Er­kennt­nis­sen stam­meln sie gleich­zei­tig die ers­ten Fra­gen der Welt. Ih­re For­men sind noch nicht aus­ge­kühlt, ihr Ge­stein nicht ge­schich­tet, ih­re Phy­sio­gno­mi­en nicht ge­glät­tet. Ewig un­voll­en­det sind sie und dar­um dop­pelt le­ben­dig. Denn der voll­en­de­te Mensch ist ja gleich­zei­tig schon der ab­ge­schlos­se­ne, und bei Dos­t­o­jew­ski drängt al­les ins Un­end­li­che hin­aus. Ihm er­schei­nen Men­schen nur in­so­lan­ge als Hel­den und künst­le­risch ge­stal­tungs­wert, als sie mit sich ent­zweit sind, pro­ble­ma­ti­sche Na­tu­ren: die Voll­en­de­ten, die Aus­ge­reif­ten schüt­telt er von sich ab wie der Baum sei­ne Frucht. Dos­t­o­jew­ski liebt sei­ne Men­schen nur, so­lan­ge sie lei­den, so­lan­ge sie die ge­stei­ger­te, zwie­späl­ti­ge Form sei­nes ei­ge­nen Le­bens ha­ben, so­lan­ge sie Cha­os sind, das sich in Schick­sal ver­wan­deln will.

Stel­len wir sei­ne Hel­den vor ein an­de­res Bild, um sie in ih­rer wun­der­vol­len Son­der­heit bes­ser zu ver­ste­hen. Ver­glei­chen wir. Ru­fen wir ei­nen Hel­den Bal­zacs als den Ty­pus fran­zö­si­schen Ro­mans in uns auf, so ent­steht un­be­wußt ei­ne Vor­stel­lung von Ge­rad­li­nig­keit, Um­grenzt­heit und in­ne­rer Ge­schlos­sen­heit. Ein Be­griff, deut­lich wie ei­ne geo­me­tri­sche Fi­gur und ge­setz­voll wie sie. Al­le Men­schen Bal­zacs sind aus ei­ner ein­zi­gen, durch die see­li­sche Che­mie ge­nau be­stimm­ba­ren Sub­stanz ge­fer­tigt. Sie sind Ele­men­te und ha­ben al­le we­sen­haf­ten Ei­gen­schaf­ten ei­nes sol­chen, al­so auch ty­pi­sche For­men der Re­ak­ti­on im Mo­ra­li­schen und Psy­chi­schen. Sie sind kaum Men­schen mehr, son­dern bei­na­he schon mensch­ge­wor­de­ne Ei­gen­schaft, Prä­zi­si­ons­ma­schi­nen ei­ner Lei­den­schaft. Für je­den Na­men kann man bei Bal­zac als Kor­re­lat ei­ne Ei­gen­schaft set­zen: Ras­ti­gnac ist gleich Ehr­geiz, Go­ri­ot ist gleich Auf­op­fe­rung, Vau­trin ist gleich An­ar­chie. In je­dem die­ser Men­schen hat ei­ne do­mi­nie­ren­de Trieb­kraft al­le an­de­ren in­ne­ren Kräf­te an sich ge­ris­sen und in die Rich­tung des zen­tra­len Le­bens­wil­lens ge­drängt. Sie sind cha­rak­te­ro­lo­gisch klas­si­fi­zier­bar, die­se Hel­den, denn ei­ne ein­zi­ge Fe­der des An­triebs ist ih­rer See­le ein­ge­baut, die sie mit ei­nem be­stimm­ten Maß von En­er­gie durch die mensch­li­che Ge­sell­schaft treibt: wie ein Ge­schoß schleu­dert sie je­den die­ser Jüng­lin­ge mit­ten ins Le­ben hin­ein. Im höchs­ten Sinn wä­re man ver­sucht, sie Au­to­ma­ten zu nen­nen um der Prä­zi­si­on wil­len, mit der sie auf je­den ein­zel­nen Le­bens­reiz rea­gie­ren, und wirk­lich wie ei­ne Ma­schi­ne sind sie in ih­rer Kraft­leis­tung und ih­rem Wi­der­stand für den tech­ni­schen Ken­ner be­re­chen­bar. Ist man in Bal­zac ei­ni­ger­ma­ßen ein­ge­le­sen, so kann man die Ant­wort des Cha­rak­ters auf die Tat­sa­che so be­rech­nen, wie die Pa­ra­bel ei­nes Stein­wur­fes aus der Stär­ke ih­res Schwun­ges und der Schwe­re des Steins. Gran­det, der Har­pa­gon, wird in dem Ma­ße gei­zi­ger wer­den, als sei­ne Toch­ter op­fer­wil­lig und he­ro­isch. Und man weiß von Go­ri­ot schon zu den Zei­ten, da er noch in leid­li­chem Wohl­stand lebt und sei­ne Pe­rü­cke sorg­fäl­tig ge­pu­dert ist, daß er ein­mal sei­ne Wes­te für die Töch­ter ver­kau­fen wird und das Sil­ber­ge­schirr zer­bre­chen, sei­nen letz­ten Be­sitz. Er muß not­wen­di­ger­wei­se so han­deln aus der Ein­heit sei­ner Cha­rak­ter­an­la­ge, aus dem Trieb, den sein ir­di­sches Fleisch nur un­voll­kom­men mit ei­ner mensch­li­chen Form um­klei­det. Die Cha­rak­te­re Bal­zacs (und eben­so Vic­tor Hu­gos, Scotts, Di­ckens‘) sind al­le pri­mi­tiv, ein­far­big, ziel­stre­big. Sie sind Ein­hei­ten und dar­um meß­bar auf der Wag­scha­le der Mo­ral. Viel­far­big und tau­send­ge­stal­tig ist in je­nem geis­ti­gen Kos­mos nur der Zu­fall, dem sie be­geg­nen. Bei je­nen Epi­kern ist das Er­leb­nis viel­fäl­tig, der Mensch die Ein­heit, und der Ro­man selbst der Kampf um die Macht ge­gen die ir­di­schen Mäch­te. Die Hel­den Bal­zacs und des gan­zen fran­zö­si­schen Ro­mans sind ent­we­der stär­ker oder schwä­cher als der Wi­der­stand der Ge­sell­schaft. Sie be­zwin­gen das Le­ben, oder sie kom­men un­ter das Rad.

Der Held des deut­schen Ro­mans, als des­sen Ty­pus Wil­helm Meis­ter oder der Grü­ne Hein­rich ge­dacht sei, ist nicht der­ma­ßen sei­ner Grund­rich­tung ge­wiß. Er hat vie­le Stim­men in sich, er ist psy­cho­lo­gisch dif­fe­ren­ziert, ist see­lisch po­ly­phon. Das Gu­te und das Bö­se, das Star­ke und das Schwa­che flie­ßen wirr in sei­ner See­le durch­ein­an­der: sein An­be­ginn ist Ver­wir­rung, und die Ne­bel der Frü­he um­wöl­ken ihm den rei­nen Blick. Er spürt Kräf­te in sich, aber noch un­ge­sam­melt, noch in Wi­der­streit, er ist oh­ne Har­mo­nie, aber doch be­seelt vom Wil­len zur Ein­heit. Das deut­sche Ge­nie zielt nun im letz­ten Sin­ne im­mer auf Ord­nung. Und al­le Ent­wick­lungs­ro­ma­ne ent­wi­ckeln nichts an­de­res in die­sen deut­schen Hel­den als die Per­sön­lich­keit. Die Kräf­te wer­den ge­sam­melt, der Mensch zum deut­schen Ide­al, zur Tüch­tig­keit er­ho­ben, „im Strom der Welt bil­det sich“ nach Goe­thes Wort „der Cha­rak­ter“. Die vom Le­ben durch­ein­an­der­ge­schüt­tel­ten Ele­men­te klä­ren sich in der er­run­ge­nen Ru­he zum Kris­tall, aus den Lehr­jah­ren tritt der Meis­ter, und vom letz­ten Blatt all die­ser Bü­cher, aus dem Grü­nen Hein­rich, dem Hy­pe­ri­on, dem Wil­helm Meis­ter, dem Of­ter­din­gen blickt ein kla­res Au­ge tat­kräf­tig in ei­ne kla­re Welt. Das Le­ben ver­söhnt sich dem Ide­al; nicht mehr ver­schwen­de­risch wirr, son­dern zu höchs­tem Ziel ge­spart wir­ken die nun ge­ord­ne­ten Kräf­te. Die Hel­den Goe­thes und al­ler Deut­schen ver­wirk­li­chen sich zu ih­rer höchs­ten Form, sie wer­den werk­tä­tig und tüch­tig: sie er­ler­nen an Er­fah­run­gen das Le­ben.

Die Hel­den Dos­t­o­jew­skis su­chen aber und fin­den über­haupt kein Ver­hält­nis zum wirk­li­chen Le­ben: das ist ih­re Son­der­heit. Sie wol­len gar nicht in die Rea­li­tät hin­ein, son­dern von al­lem An­fang an über sie hin­aus, ins Un­end­li­che. Ihr Schick­sal exis­tiert für sie nicht in ei­nem äu­ßern, son­dern nur in ei­nem in­nern Sinn. Ihr Reich ist nicht von die­ser Welt. All die Schein­for­men von Wer­ten, Ti­tel, Macht und Geld, al­ler sicht­ba­rer Be­sitz hat für sie Wert we­der als Zweck, wie bei Bal­zac, noch als Mit­tel, wie bei den Deut­schen. Sie wol­len sich in die­ser Welt gar nicht durch­set­zen, nicht be­haup­ten und nicht ord­nen. Sie spa­ren nicht mit sich, son­dern sie ver­schwen­den sich, sie rech­nen nicht und blei­ben ewig un­be­re­chen­bar. Das Un­tüch­ti­ge ih­res We­sens läßt sie zu­erst als mü­ßi­ge und phan­tas­ti­sche Träu­mer er­schei­nen, aber ihr Blick scheint nur leer, weil er nicht nach au­ßen starrt, er zielt mit Glut und Feu­er im­mer nur zu­rück in sich selbst, in die ei­ge­ne Exis­tenz. Der rus­si­sche Mensch geht auf das Gan­ze. Sich selbst wol­len sie füh­len und das Le­ben, aber nicht des­sen Schat­ten und Spie­gel­bild, die äu­ße­re Rea­li­tät, son­dern das gro­ße mys­ti­sche Ele­men­ta­re, die kos­mi­sche Macht, das Exis­tenz­ge­fühl. Wo im­mer man tie­fer sich ein­gräbt ins Werk Dos­t­o­jew­skis, über­all rauscht als un­ters­te Quel­le die­ser ganz pri­mi­ti­ve, fast ve­ge­ta­ti­ve fa­na­ti­sche Le­bens­drang, das Exis­tenz­ge­fühl, dies ganz ur­haf­te Ge­lüst, das nicht Glück will oder Leid, die schon Ein­zel­for­men des Le­bens sind, Wer­tun­gen, Un­ter­schei­dun­gen, son­dern die ganz ein­heit­li­che Lust, wie man sie beim At­men fühlt. Vom Ur­quell wol­len sie trin­ken, nicht aus den Brun­nen der Städ­te und Stra­ßen, die Ewig­keit, die Un­end­lich­keit in sich füh­len und die Zeit­lich­keit ab­tun. Sie ken­nen nur ei­ne ewi­ge, kei­ne so­zia­le Welt. Sie wol­len das Le­ben we­der er­ler­nen, noch be­zwin­gen, gleich­sam nackt wol­len sie es bloß füh­len und füh­len als Ek­sta­se der Exis­tenz.

Welt­fremd aus Welt­lie­be, un­wirk­lich aus Lei­den­schaft zur Wirk­lich­keit, mu­ten Dos­t­o­jew­skis Ge­stal­ten vor­erst et­was ein­fäl­tig an. Sie ha­ben kei­ne Rich­tung ge­ra­de­aus, kein sicht­ba­res Ziel: wie Blin­de tau­meln und tap­pen die­se doch er­wach­se­nen Men­schen in der Welt her­um oder wie Trun­ke­ne. Sie blei­ben ste­hen, se­hen sich um, fra­gen al­le Fra­gen und ren­nen oh­ne Ant­wort wei­ter ins Un­be­kann­te: ganz frisch schei­nen sie in un­se­re Welt ein­ge­tre­ten und ihr noch nicht ein­ge­wöhnt. Und man ver­steht die­se Men­schen Dos­t­o­jew­skis kaum, be­denkt man nicht, daß sie Rus­sen sind, Kin­der ei­nes Vol­kes, das aus ei­ner jahr­tau­send­al­ten bar­ba­ri­schen Un­be­wußt­heit mit­ten in un­se­re eu­ro­päi­sche Kul­tur hin­ein­ge­stürzt ist. Von der al­ten Kul­tur, vom Pa­tri­ar­cha­li­schen los­ge­ris­sen, der neu­en noch nicht ver­traut, ste­hen sie in der Mit­te, al­le an ei­nem Weg­kreuz, und die Un­si­cher­heit je­des ein­zel­nen ist die ei­nes gan­zen Vol­kes. Wir Eu­ro­pä­er woh­nen in un­se­rer al­ten Tra­di­ti­on wie in ei­nem war­men Haus. Der Rus­se des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts, der Dos­t­o­jew­ski-Zeit, hat hin­ter sich die Holz­hüt­te der bar­ba­ri­schen Vor­zeit ver­brannt, aber sein neu­es Haus noch nicht ge­baut. Ent­wur­zel­te, Rich­tungs­lo­se sind sie al­le. Sie ha­ben die Kraft ih­rer Ju­gend, die Kraft der Bar­ba­ren noch in den Fäus­ten, aber der In­stinkt ist ver­wirrt von der Tau­send­falt der Pro­ble­me: die Hän­de voll Stär­ke, wis­sen sie nicht, was zu­erst an­fas­sen. Und so grei­fen sie nach al­lem und ha­ben nie ge­nug. Man füh­le hier die Tra­gik je­des ein­zel­nen Dos­t­o­jew­ski-Men­schen, je­des ein­zel­nen Zwie­spalt und Hem­mung aus dem Schick­sal des gan­zen Vol­kes. Die­ses Ruß­land um die Mit­te des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts weiß nicht wo­hin: nach Wes­ten oder nach Os­ten, nach Eu­ro­pa oder nach Asi­en, nach Pe­ters­burg, der „künst­li­chen Stadt“, in die Kul­tur oder zu­rück auf das Bau­ern­gut, in die Step­pe. Tur­gen­jew stößt sie nach vor­ne, Tol­stoi stößt sie zu­rück. Al­les ist Un­ru­he. Der Za­ris­mus steht un­ver­mit­telt ge­gen­über ei­ner kom­mu­nis­ti­schen An­ar­chie, die Recht­gläu­big­keit, die al­ter­erb­te, springt quer über in ei­nen fa­na­ti­schen und ra­sen­den Athe­is­mus. Nichts steht fest, nichts hat sei­nen Wert, sein Maß in die­ser Zeit: die Ster­ne des Glau­bens bren­nen nicht mehr über ih­ren Häup­tern und das Ge­setz längst nicht mehr in ih­rer Brust. Ent­wur­zel­te ei­ner gro­ßen Tra­di­ti­on, sind die Dos­t­o­jew­ski-Men­schen ech­te Rus­sen, Über­gangs­men­schen, das Cha­os des An­fangs im Her­zen, be­la­den mit Hem­mun­gen und Un­ge­wiß­hei­ten. Im­mer sind sie ver­schreckt und ver­schüch­tert, im­mer füh­len sie sich er­nied­rigt und be­lei­digt, und dies al­les aus dem ein­zi­gen Ur­ge­fühl der Na­ti­on: daß sie nicht wis­sen, wer sie sind. Daß sie nicht wis­sen, ob sie viel sind oder we­nig. Ewig ste­hen sie auf der Kip­pe von Stolz oder Zer­knir­schung, von Selbst­über­schät­zung und Selbst­ver­ach­tung, ewig bli­cken sie sich um nach den an­de­ren, und al­le sind sie ver­zehrt von der ra­sen­den Angst, lä­cher­lich zu sein. Un­ab­läs­sig schä­men sie sich, bald ei­nes ab­ge­tra­ge­nen Pelz­kra­gens, bald ih­rer gan­zen Na­ti­on, aber im­mer schä­men, schä­men sie sich, sind sie be­un­ru­higt, ver­wirrt. Ihr Ge­fühl, ihr über­mäch­ti­ges, hat kei­nen Halt, kei­nen Füh­rer, kein ein­zi­ger hat ein Maß, ein Ge­setz, den Halt ei­ner Tra­di­ti­on, die Krü­cke ei­ner er­erb­ten Welt­an­schau­ung. Al­le sind sie Maß­lo­se und Rat­lo­se in ei­ner un­be­kann­ten Welt. Kei­ne Fra­ge ist für sie be­ant­wor­tet, kein Weg ge­eb­net. Men­schen des Über­gangs, Men­schen des An­fangs sind sie al­le. Je­der ein Cor­tes: hin­ter sich ver­brann­te Brü­cken, vor sich das Un­be­kann­te.

Aber dies ist das Wun­der­ba­re: daß, weil sie Men­schen ei­nes An­fangs sind, in je­dem ein­zel­nen noch ein­mal die Welt be­ginnt. Daß al­le Fra­gen, die bei uns schon zu kal­ten Be­grif­fen er­starrt sind, ih­nen noch im Blu­te glü­hen. Daß un­se­re be­que­men aus­ge­tre­te­nen We­ge mit ih­ren mo­ra­li­schen Ge­län­dern und ethi­schen Weg­wei­sern ih­nen nicht be­kannt sind: im­mer und über­all ge­hen sie durchs Di­ckicht ins Gren­zen­lo­se, ins Un­end­li­che hin­ein. Nir­gends Kirch­tür­me der Ge­wiß­heit, Brü­cken der Zu­ver­sicht: al­les hei­li­ge Ur­welt. Je­der ein­zel­ne fühlt so wie das Ruß­land Le­nins und Trotz­kis, daß er die gan­ze Welt­ord­nung neu auf­bau­en müs­se, und das ist der un­be­schreib­li­che Wert des rus­si­schen Men­schen für Eu­ro­pa, das in sei­ner Kul­tur ver­krus­te­te, daß hier ei­ne un­ver­brauch­te Neu­gier noch ein­mal al­le Fra­gen des Le­bens an die Un­end­lich­keit stellt. Daß, wo wir trä­ge wur­den in un­se­rer Bil­dung, an­de­re noch glü­hend sind. Je­der ein­zel­ne re­vi­diert bei Dos­t­o­jew­ski noch ein­mal al­le Pro­ble­me, rückt sich selbst mit blu­ten­den Hän­den die Grenz­stei­ne von Gut und Bö­se, je­der ein­zel­ne schafft sich sein Cha­os wie­der um zur Welt. Je­der ein­zel­ne ist bei ihm Die­ner, Ver­kün­der des neu­en Chris­tus, Mär­ty­rer und Ver­kün­der ei­nes drit­ten Rei­ches. Noch ist das Cha­os des An­fangs in ih­nen, aber auch Däm­mern des ers­ten Ta­ges, der das Licht auf Er­den schuf, und schon Ah­nung des sechs­ten, der den neu­en Men­schen schafft. Sei­ne Hel­den sind We­ge­bau­er ei­ner neu­en Welt: der Ro­man Dos­t­o­jew­skis ist der My­thos des neu­en Men­schen und sei­ner Ge­burt aus dem Scho­ße der rus­si­schen See­le.

Ein My­thos und be­son­ders ein na­tio­na­ler aber will Gläu­big­keit. Man ver­su­che dar­um nicht, die­se Men­schen durch das kris­tal­le­ne Me­di­um der Ver­nunft zu er­fas­sen. Nur Ge­fühl, das al­lein brü­der­li­che, kann sie ver­ste­hen. Dem com­mon sen­se, dem Eng­län­der, dem Ame­ri­ka­ner, dem prak­ti­schen Men­schen müs­sen die vier Ka­ra­ma­s­offs als vier ver­schie­de­ne Nar­ren er­schei­nen, als Toll­haus die gan­ze tra­gi­sche Welt Dos­t­o­jew­skis. Denn was sonst Al­pha und Ome­ga der ge­sun­den sim­plen, ir­di­schen Na­tur war und ewig sein wird, scheint ih­nen das Gleich­gül­tigs­te auf Er­den, näm­lich: Glück­lich­sein. Schlagt sie auf, die fünf­zig­tau­send Bü­cher, die Eu­ro­pa all­jähr­lich pro­du­ziert, wo­von han­deln sie? Vom Glück­lich­sein. Ein Weib will ei­nen Mann, oder ei­ner will reich wer­den, mäch­tig und ge­ehrt. Bei Di­ckens steht am En­de al­ler Wün­sche das lieb­li­che Cot­ta­ge­haus im Grü­nen mit der mun­te­ren Kin­der­schar, bei Bal­zac das Schloß mit dem Pairs­ti­tel und den Mil­lio­nen. Und bli­cken wir um uns, auf die Stra­ße, in die Bu­ti­ken, in die nie­de­ren Stu­ben, in die hel­len Sä­le, was wol­len die Men­schen dort? Glück­lich sein, zu­frie­den sein, reich sein, mäch­tig sein. Wer will es von Dos­t­o­jew­skis Men­schen? Kei­ner. Nicht ein ein­zi­ger. Sie wol­len nir­gends halt­ma­chen: nicht ein­mal beim Glück. Sie wol­len al­le wei­ter, sie ha­ben al­le je­nes „hö­he­re Herz“, das sich quält. Glück­lich­sein ist ih­nen gleich­gül­tig, Zu­frie­densein ist ih­nen gleich­gül­tig, Reich­sein eher ver­ächt­lich als er­wünscht. Sie wol­len nichts von all dem, die­se Selt­sa­men, was un­se­re gan­ze Mensch­heit will. Sie ha­ben den un­com­mon sen­se. Sie wol­len nichts von die­ser Welt.

Ge­nüg­sa­me al­so, Phleg­ma­ti­ker des Le­bens, In­dif­fe­ren­te oder As­ke­ten? Im Ge­gen­teil. Die Men­schen Dos­t­o­jew­skis sind, ich sag­te es ja, Men­schen ei­nes neu­en An­fangs. Sie ha­ben, bei all ih­rer Ge­nia­li­tät und ih­rem dia­man­te­nen Ver­stand, Kin­der­her­zen, Kin­der­ge­lüs­te: sie wol­len nicht dies oder je­nes, son­dern sie wol­len al­les. Und al­les ganz stark. Das Gu­te und das Bö­se, das Hei­ße und das Kal­te, das Na­he und das Fer­ne. Sie sind Über­trei­ber, sie sind Maß­lo­se. Ich sag­te frü­her: sie wol­len nichts von die­ser Welt. Schlecht ge­sagt. Sie wol­len nichts ein­zel­nes da­von, son­dern al­les, ihr gan­zes Ge­fühl, ih­re gan­ze Tie­fe: das Le­ben. Ver­ges­sen wir nicht, sie sind kei­ne Schwäch­lin­ge, kei­ne Love­lace, kei­ne Ham­lets, kei­ne Wert­hers, kei­ne Rénés – sie ha­ben har­te Mus­keln und ei­nen bru­ta­len Le­bens­hun­ger, die­se Men­schen Dos­t­o­jew­skis, sie sind Ka­ra­ma­s­offs, „Raub­tie­re des Ge­lüsts“, be­gabt mit je­ner „un­an­stän­di­gen fa­na­ti­schen“ Le­bens­gier, die sich an den letz­ten Trop­fen des Kel­ches an­saugt, ehe sie ihn zer­klirrt. Von al­len Din­gen su­chen sie den Su­per­la­tiv, über­all die Rotglut des Emp­fin­dens, wo die ge­mei­nen Le­gie­run­gen des Ge­le­gent­li­chen zer­schmel­zen und nichts bleibt als das feu­er­flüs­si­ge bren­nen­de Welt­ge­fühl; wie die Amok­läu­fer ren­nen sie ins Le­ben hin­ein, von der Be­gier­de in die Reue, von der Reue wie­der in die Tat, vom Ver­bre­chen ins Ge­ständ­nis, vom Ge­ständ­nis in die Ek­sta­se, aber al­le Gas­sen ih­res Schick­sals lang über­all­hin bis zum Letz­ten, bis sie nie­der­stür­zen, Schaum vor den Lip­pen, oder bis ein an­de­rer sie nie­der­schlägt. O die­ser Le­bens­durst je­des ein­zel­nen – ei­ne gan­ze jun­ge Na­ti­on, ei­ne neue Mensch­heit lechzt von ih­ren Lip­pen nach Welt, nach Wis­sen, nach Wahr­heit! Sucht mir doch, zeigt mir ei­nen Men­schen im Werk Dos­t­o­jew­skis, der ru­hig at­met, der ras­tet, der sein Ziel er­reicht hat! Kei­ner, kein ein­zi­ger! Al­le sind sie in die­sem ra­sen­den Wett­lauf zur Hö­he und zur Tie­fe – denn nach Al­joschas For­mel muß, wer die ers­te Stu­fe be­tre­ten hat, bis zur letz­ten hin­stre­ben – nach al­len Sei­ten, in Frost und Brand, grei­fen sie, gie­ren sie, die­se Un­er­sätt­li­chen, die­se Maß­lo­sen, die ihr Maß nur su­chen und fin­den in der Un­end­lich­keit. Wie Pfei­le schnel­len sie sich in ewi­ger Span­nung von der Seh­ne ih­rer Kraft in den Him­mel hin­ein, im­mer in der Rich­tung des Un­er­reich­ba­ren, im­mer zu Ster­nen zie­lend, je­der ei­ne Flam­me, ein Feu­er der Un­ru­he. Und Un­ru­he ist Qual. Dar­um sind die Hel­den Dos­t­o­jew­skis al­le die gro­ßen Lei­den­den. Al­le ha­ben sie ver­zerr­te Ge­sich­ter, al­le le­ben sie im Fie­ber, im Krampf, im Spas­ma. Ein Hos­pi­tal von Ner­ven­kran­ken, hat er­schreckt ein gro­ßer Fran­zo­se Dos­t­o­jew­skis Welt ge­nannt, und wirk­lich, für den ers­ten, den äu­ße­ren An­blick, welch ei­ne trü­be, welch ei­ne phan­tas­ti­sche Sphä­re! Schank­stu­ben voll Brannt­wein­dunst, Ge­fäng­nis­zel­len, Win­kel in Vor­stadt­woh­nun­gen, Bor­dell­gas­sen und Knei­pen, und dort in Rem­brandt­schem Dun­kel ein Ge­wühl von ek­sta­ti­schen Ge­stal­ten, der Mör­der, das Blut sei­nes Op­fers über den er­ho­be­nen Hän­den, der Trun­ken­bold im Ge­läch­ter der Zu­hö­rer, das Mäd­chen mit dem gel­ben Schein im Zwie­licht der Gas­se, das epi­lep­ti­sche Kind, bet­telnd an den Stra­ßen­ecken, der sie­ben­fa­che Mör­der in der Kat­or­ga Si­bi­ri­ens, der Spie­ler zwi­schen den Fäus­ten der Spieß­ge­sel­len, Ro­go­schin, wie ein Tier sich wäl­zend vor dem ver­schlos­se­nen Ge­mach sei­ner Frau, der ehr­li­che Dieb, ster­bend im schmut­zi­gen Bet­te – wel­che Un­ter­welt des Ge­fühls, wel­cher Ha­des der Lei­den­schaf­ten! O, wel­che tra­gi­sche Mensch­heit, welch rus­si­scher, grau­er, ewig däm­mern­der, nie­de­rer Him­mel über die­sen Ge­stal­ten, wel­che Dun­kel­hei­ten des Her­zens und der Land­schaft! Ge­län­de des Un­glücks, Wüs­ten der Ver­zweif­lung, Fe­ge­feu­er oh­ne Gna­de und Ge­rech­tig­keit.

O wie dun­kel, wie ver­wor­ren, wie fremd, wie feind­lich ist sie zu­erst, die­se Mensch­heit, die­se rus­si­sche Welt! Von Lei­den scheint sie über­flu­tet, und die­se Er­de, wie Iwan Ka­ra­ma­s­off so grim­mig sagt, „ge­tränkt von Trä­nen bis zu ih­rem in­ners­ten Kern“. Aber so wie Dos­t­o­jew­skis Ant­litz dem ers­ten Bli­cke düs­ter, leh­mig, ge­drückt, bäu­risch und ge­beugt an­mu­tet, dann aber der Glanz sei­ner Stir­ne, auf­strah­lend über die Ver­sun­ken­heit, das Ir­di­sche sei­ner Zü­ge, sei­ne Tie­fe durch Glau­ben er­leuch­tet, so durch­strahlt auch im Wer­ke das geis­ti­ge Licht die dump­fe Ma­te­rie. Aus Lei­den scheint Dos­t­o­jew­skis Welt ein­zig ge­stal­tet. Und doch ist nur schein­bar die Sum­me al­les Lei­dens in sei­nen Men­schen grö­ßer als in je­dem an­de­ren Wer­ke. Denn, Kin­der Dos­t­o­jew­skis, sind die­se Men­schen al­le Ver­wand­ler ih­res Ge­füh­les, sie trei­ben es und über­trei­ben es von Kon­trast zu Kon­trast. Und das Lei­den, ihr ei­ge­nes Lei­den ist oft ih­re tiefs­te Se­lig­keit. In ih­nen wirkt et­was, das der Wol­lust, der Lust am Glück, tief­sin­nig die Weh­lust, die Lust an der Qual ge­gen­über­stellt: ihr Lei­den ist zu­gleich ihr Glück­lich­sein, sie hal­ten es fest mit den Zäh­nen, wär­men es an ih­rer Brust, sie schmei­cheln es mit den Hän­den, sie lie­ben es mit ih­rer gan­zen See­le. Und sie wä­ren nur dann die Un­glück­lichs­ten, lieb­ten sie es nicht. Die­ser Tausch, der ra­sen­de fre­ne­ti­sche Tausch des Ge­fühls im In­nern, die­se ewi­ge Um­wer­tung des Dos­t­o­jew­ski­schen Men­schen kann viel­leicht nur ein Bei­spiel ganz klar­ma­chen, und ich wäh­le ei­nes, das in tau­send For­men wie­der­kehrt: das Leid, das ei­nem Men­schen in­fol­ge ei­ner Er­nied­ri­gung, ei­ner tat­säch­li­chen oder ein­ge­bil­de­ten, wi­der­fährt. Ir­gend­ei­ner, ein schlich­tes sen­si­ti­ves Ge­schöpf, gleich­gül­tig ob ein klei­ner Be­am­ter oder ei­ne Ge­ne­ral­s­toch­ter, wird be­lei­digt. In sei­nem Stolz ge­kränkt durch ein Wort, ei­ne Nich­tig­keit viel­leicht. Die­se ers­te Krän­kung ist der Pri­märaf­fekt, der den gan­zen Or­ga­nis­mus in Auf­ruhr bringt. Der Mensch lei­det. Er ist ge­kränkt, liegt auf der Lau­er, spannt sich an und war­tet – auf ei­ne neue Krän­kung. Und die zwei­te Krän­kung kommt: al­so ei­gent­lich Häu­fung des Lei­dens. Aber selt­sam, sie tut nicht mehr weh. Zwar der Ge­kränk­te klagt, er schreit, aber sei­ne Kla­ge ist schon nicht mehr wahr: denn er liebt die­se Krän­kung. In die­sem „fort­wäh­rend-sich-sei­ner-Schmach-be­wußt-sein ist ein un­na­tür­li­cher heim­li­cher Ge­nuß“. Für den be­lei­dig­ten Stolz hat er ei­nen neu­en: den des Mär­ty­rers. Und jetzt ent­steht in ihm der Durst nach neu­er Krän­kung, nach mehr und mehr. Er be­ginnt zu pro­vo­zie­ren, er über­treibt, er for­dert her­aus: das Lei­den ist jetzt sei­ne Sehn­sucht, sei­ne Gier, sei­ne Lust: man hat ihn er­nied­rigt, so will er (der Mensch oh­ne Maß) ganz nied­rig sein. Und er gibt es nicht her mehr, sein Lei­den, mit ver­bis­se­nen Zäh­nen hält er es fest: jetzt wird der Hilf­rei­che sein Feind, der Lie­ben­de. So schlägt die klei­ne Nel­ly dem Arzt drei­mal das Pul­ver ins Ge­sicht, so stößt Ras­kol­ni­koff Son­ja zu­rück, so beißt Il­jutsch­ka den from­men Al­joscha in die Fin­ger – aus Lie­be, aus fa­na­ti­scher Lie­be zu ih­rem Lei­den. Und al­le, al­le lie­ben sie das Lei­den, weil sie dar­in das Le­ben, das ge­lieb­te, so stark spü­ren, weil sie wis­sen, „man kann auf die­ser Er­de nur durch Lei­den wahr­haft lie­ben“, und das wol­len sie, das vor al­lem! Es ist ihr stärks­ter Exis­tenz­be­weis: statt des co­gi­to, er­go sum, „ich den­ke, al­so bin ich“, set­zen sie das: „ich lei­de, al­so bin ich“. Und die­ses „Ich bin“ ist bei Dos­t­o­jew­ski und al­len sei­nen Men­schen der höchs­te Tri­umph des Le­bens. Der Su­per­la­tiv des Welt­ge­fühls. Im Ker­ker jauchzt Di­mitry die gro­ße Hym­ne an die­ses „Ich bin“, an die Wol­lust des Seins, und eben um die­ser Lie­be zum Le­ben wil­len ist ih­nen al­len das Lei­den not­wen­dig. Nur schein­bar, sag­te ich, ist dar­um die Sum­me des Lei­dens grö­ßer bei Dos­t­o­jew­ski als bei al­len an­de­ren Dich­tern. Denn wenn es ei­ne Welt gibt, wo nichts un­er­bitt­lich ist, aus je­dem Ab­grund noch ein Weg führt, aus je­dem Un­glück noch Ek­sta­se, aus je­der Ver­zweif­lung noch Hoff­nung, so ist es die sei­ne. Was ist dies Werk an­de­res als ei­ne Rei­he von mo­der­nen Apos­tel­ge­schich­ten, Le­gen­den der Er­lö­sung vom Lei­den durch den Geist? Der Be­keh­run­gen zum Le­bens­glau­ben, der Kal­va­ri­en­gän­ge zur Er­kennt­nis? Der We­ge nach Da­mas­kus mit­ten durch un­se­re Welt?

In Dos­t­o­jew­skis Werk ringt der Mensch um sei­ne letz­te Wahr­heit, um sein all­mensch­li­ches Ich. Ob ein Mord ge­schieht oder ei­ne Frau in Lie­be brennt, al­les das ist Ne­ben­sa­che, Au­ßen­sa­che, Ku­lis­se. Sein Ro­man spielt im in­ners­ten Men­schen, im See­len­raum, in der geis­ti­gen Welt: die Zu­fäl­le, die Er­eig­nis­se, die Schi­ckun­gen des äu­ße­ren Le­bens sind nur Stich­wor­te, Ma­schi­ne­rie, der sze­ni­sche Rah­men. Die Tra­gö­die ist im­mer in­nen. Und sie heißt im­mer: die Über­win­dung der Hem­mun­gen, der Kampf um die Wahr­heit. Je­der sei­ner Hel­den fragt sich, wie Ruß­land selbst: Wer bin ich? Was bin ich wert? Er sucht sich oder viel­mehr den Su­per­la­tiv sei­nes We­sens im Halt­lo­sen, im Raum­lo­sen, im Zeit­lo­sen. Er will sich er­ken­nen als der Mensch, der er vor Gott ist, und er will sich be­ken­nen. Denn je­dem Dos­t­o­jew­ski-Men­schen ist die Wahr­heit mehr als Be­dürf­nis, sie ist ihm ein Ex­zeß, ei­ne Wol­lust und das Ge­ständ­nis sei­ne hei­ligs­te Lust, sein Spas­ma. Im Ge­ständ­nis bricht bei Dos­t­o­jew­ski der in­ne­re Mensch, der All­mensch; der Got­tes­mensch durch den ir­di­schen, die Wahr­heit – und dies ist Gott – durch sei­ne fleisch­li­che Exis­tenz. O die Wol­lust, mit der sie dar­um mit dem Ge­ständ­nis spie­len, wie sie es ver­ber­gen und – Ras­kol­ni­koff vor Por­phy­ri Pe­tro­witsch – im­mer heim­lich zei­gen und wie­der ver­ste­cken, und dann wie­der, wie sie sich über­schrei­en, mehr Wahr­heit be­ken­nen als wahr ist, wie sie in ra­sen­dem Ex­hi­bi­tio­nis­mus ih­re Blö­ßen auf­de­cken, wie sie Las­ter und Tu­gend ver­men­gen – hier, nur hier, im Rin­gen um das wah­re Ich sind die ei­gent­li­chen Span­nun­gen Dos­t­o­jew­skis. Hier, ganz in­nen ist der gro­ße Kampf sei­ner Men­schen, die mäch­ti­gen Epopö­en des Her­zens: hier, wo das Rus­si­sche, das Fremd­ar­ti­ge in ih­nen sich auf­zehrt, hier wird auch ih­re Tra­gö­die erst ganz zur un­se­ren, zur all­mensch­li­chen. Da wird das ty­pi­sche Schick­sal sei­ner Men­schen deut­sam und er­schüt­ternd, und rest­los er­le­ben wir im Mys­te­ri­um der Selbst­ge­burt den My­thos Dos­t­o­jew­skis vom neu­en Men­schen, vom All­men­schen in je­dem Ir­di­schen.

Das Mys­te­ri­um der Selbst­ge­burt: so nen­ne ich in der Kos­mo­go­nie, in der Welt­schöp­fung Dos­t­o­jew­skis die Er­schaf­fung des neu­en Men­schen. Und ich möch­te ver­su­chen, die Ge­schich­te al­ler Na­tu­ren Dos­t­o­jew­skis in ei­ner zu er­zäh­len, als sei­nen My­thos; denn al­le die­se ver­schie­den­ar­ti­gen, hun­dert­fach va­ri­ier­ten Men­schen ha­ben im letz­ten nur ein ein­heit­li­ches Schick­sal. Al­le le­ben sie Va­ri­an­ten ei­nes ein­zi­gen Er­leb­nis­ses: der Men­sch­wer­dung. Ver­ges­sen wir nicht: die Kunst Dos­t­o­jew­skis zielt im­mer auf den Mit­tel­punkt und in der Psy­cho­lo­gie dar­um auf den Men­schen im Men­schen, den ab­so­lu­ten, den abs­trak­ten Men­schen, der weit hin­ter al­len kul­tu­rel­len Schich­tun­gen liegt. Für die meis­ten Künst­ler sind die Schich­tun­gen noch we­sent­lich, die Vor­gän­ge der Durch­schnitts­ro­ma­ne spie­len in so­zia­ler, ge­sell­schaft­li­cher, ero­ti­scher und kon­ven­tio­nel­ler Sphä­re und blei­ben in die­sen Schich­ten ste­cken. Dos­t­o­jew­ski stößt, weil er zen­tral ge­rich­tet ist, im­mer durch zum All­men­schen im Men­schen, zu je­nem Ich, das all­ge­mein­sam ist. Im­mer bil­det er die­sen letz­ten Men­schen und im­mer in ver­wand­ter Form sei­ne Sen­dung. Gleich ist all sei­ner Hel­den An­be­ginn. Als ech­te Rus­sen be­un­ru­higt sie ih­re ei­ge­ne Le­bens­kraft. In den Jah­ren der Pu­ber­tät, des sinn­li­chen und geis­ti­gen Er­wa­chens, ver­düs­tert sich ih­nen der hei­te­re und freie Sinn. Dumpf füh­len sie in sich ei­ne Kraft gä­ren, ein ge­heim­nis­vol­les Drän­gen; ir­gend et­was Ein­ge­sperr­tes, Wach­sen­des und Quel­len­des will aus ih­rem noch un­mün­di­gen Kleid. Ei­ne ge­heim­nis­vol­le Schwan­ger­schaft (es ist der neue Mensch, der in ih­nen keimt, aber sie wis­sen es nicht) macht sie träu­me­risch. Sie sit­zen „ein­sam bis zur Ver­wil­de­rung“ in dump­fen Stu­ben, in ein­sa­men Win­keln und den­ken, den­ken Tag und Nacht über sich nach. Jah­re­lang brü­ten sie oft da­hin in die­ser selt­sa­men Ata­ra­xie, sie ver­har­ren in ei­nem fast bud­dhis­ti­schen Zu­stand der See­len­star­re, sie beu­gen sich tief über den ei­ge­nen Leib, um wie die Frau­en in den frü­hen Mo­na­ten das Klop­fen die­ses zwei­ten Her­zens in sich zu er­lau­schen. Al­le ge­heim­nis­vol­len Zu­stän­de der Be­fruch­te­ten über­kom­men sie: die hys­te­ri­sche Angst vor dem To­de, das Grau­en vor dem Le­ben, krank­haf­te, grau­sa­me Be­gier­den, sinn­li­che per­ver­se Ge­lüs­te.

End­lich wis­sen sie, daß sie be­fruch­tet sind von ir­gend­ei­ner neu­en Idee: und nun su­chen sie das Ge­heim­nis zu ent­de­cken. Sie schär­fen ih­re Ge­dan­ken, bis sie spitz und schnei­dend wer­den wie chir­ur­gi­sche In­stru­men­te, sie se­zie­ren ih­ren Zu­stand, sie zer­re­den ih­re Be­drü­ckung in fa­na­ti­schen Ge­sprä­chen, sie zer­den­ken ihr Ge­hirn, bis es sich in Wahn­sinn zu ent­flam­men droht, sie schmie­den al­le ih­re Ge­dan­ken in ei­ne ein­zi­ge fi­xe Idee, die sie bis ans letz­te En­de den­ken, in ei­ne ge­fähr­li­che Spit­ze, die sich in ih­rer Hand ge­gen sie selbst wen­det. Ki­ril­low, Scha­tow, Ras­kol­ni­koff, Iwan Ka­ra­ma­s­off, al­le die­se Ein­sa­men ha­ben „ih­re“ Idee, die des Ni­hi­lis­mus, die des Al­tru­is­mus, die des na­po­leo­ni­schen Welt­wahns, und al­le ha­ben sie aus­ge­brü­tet in die­ser krank­haf­ten Ein­sam­keit. Sie wol­len ei­ne Waf­fe ge­gen den neu­en Men­schen, der aus ih­nen wer­den soll, denn ihr Stolz will sich ge­gen ihn weh­ren, ihn un­ter­drü­cken. An­de­re wie­der su­chen die­ses ge­heim­nis­vol­le Kei­men, die­sen drän­gen­den gä­ren­den Le­bens­schmerz mit auf­ge­peitsch­ten Sin­nen zu über­ra­sen. Um im Bil­de zu blei­ben: sie su­chen die Frucht ab­zu­trei­ben, wie Frau­en von Trep­pen sprin­gen oder durch Tanz und Gif­te sich vom Un­er­wünsch­ten zu be­frei­en trach­ten. Sie to­ben, um dies lei­se Quel­len in sich zu über­tö­nen, sie zer­stö­ren manch­mal sich selbst, nur um die­sen Keim zu zer­stö­ren. Sie ver­lie­ren sich mit Ab­sicht in die­sen Jah­ren. Sie trin­ken, sie spie­len, sie wer­den aus­schwei­fend und all dies (sie wä­ren sonst nicht Men­schen Dos­t­o­jew­skis) fa­na­tisch bis zur letz­ten Ra­se­rei. Schmerz treibt sie in ih­re Las­ter, nicht ei­ne läs­si­ge Be­gier­de. Es ist nicht ein Trin­ken um Zu­frie­den­heit und Schlaf, nicht das deut­sche Trin­ken um die Bett­schwe­re, son­dern um den Rausch, um das Ver­ges­sen ih­res Wah­nes, ein Spie­len nicht um Geld, son­dern um die Zeit zu er­mor­den, ein Aus­schwei­fen nicht um der Lust wil­len, son­dern um in der Über­trei­bung ihr wah­res Maß zu ver­lie­ren. Sie wol­len wis­sen, wer sie sind; dar­um su­chen sie die Gren­ze. Den äu­ßers­ten Rand ih­res Ich wol­len sie in Über­hit­zung und Ab­kal­tung ken­nen und vor al­lem die ei­ge­ne Tie­fe. Sie glü­hen in die­sen Lüs­ten bis zum Gott em­por, sie sin­ken bis zum Tier hin­ab, aber im­mer, um den Men­schen in sich zu fi­xie­ren. Oder sie ver­su­chen, da sie sich nicht ken­nen, sich we­nigs­tens zu be­wei­sen. Kol­ja wirft sich un­ter ei­nen Ei­sen­bahn­zug, um sich zu „be­wei­sen“, daß er mu­tig ist, Ras­kol­ni­koff er­mor­det die al­te Frau, um sei­ne Na­po­le­ons­theo­rie zu be­wei­sen, sie tun al­le mehr, als sie ei­gent­lich wol­len, nur um an die äu­ßers­te Gren­ze des Ge­fühls zu ge­lan­gen. Um ih­re ei­ge­ne Tie­fe zu ken­nen, das Maß ih­rer Mensch­heit, wer­fen sie sich in je­den Ab­grund hin­ab: von der Sinn­lich­keit stür­zen sie in die Aus­schwei­fung, von der Aus­schwei­fung in die Grau­sam­keit und hin­ab bis zu ih­rem un­ters­ten En­de, der kal­ten, der see­len­lo­sen, der be­rech­ne­ten Bos­heit, aber all dies aus ei­ner ver­wan­del­ten Lie­be, ei­ner Gier nach Er­kennt­nis des ei­ge­nen We­sens, ei­ner ver­wan­del­ten Art von re­li­giö­sem Wahn. Aus wei­ser Wach­heit stür­zen sie sich in die Krei­sel des Irr­sinns, ih­re geis­ti­ge Neu­gier wird zur Per­ver­si­on der Sin­ne, ih­re Ver­bre­chen glü­hen bis zur Kin­der­schän­dung und zum Mord, aber ty­pisch ist für sie al­le die ge­stei­ger­te Un­lust in der ge­stei­ger­ten Lust: #252;ber den erbis in den un­ters­ten Ab­grund ih­rer Ra­se­rei zuckt die Flam­me des Be­wußt­seins der fa­na­ti­schen Reue nach.

Aber je wei­ter hin­ein sie in der Über­trei­bung der Sinn­lich­keit und des Den­kens ra­sen, um so nä­her sind sie schon sich selbst, und je mehr sie sich ver­nich­ten wol­len, um so eher sind sie zu­rück­ge­won­nen. Ih­re trau­ri­gen Bac­cha­na­le sind nur Zu­ckun­gen, ih­re Ver­bre­chen die Krämp­fe der Selbst­ge­burt. Ih­re Selbst­zer­stö­rung zer­stört nur die Scha­le um den in­nern Men­schen und ist Selbstret­tung im höchs­ten Sinn. Je mehr sie sich an­span­nen, je mehr sie sich krüm­men und win­den, um so mehr be­för­dern sie un­be­wußt die Ge­burt. Denn nur im bren­nends­ten Schmerz kann das neue We­sen zur Welt kom­men. Ein Un­ge­heu­res, ein Frem­des muß da­zu tre­ten, muß sie be­frei­en, ir­gend­ei­ne Macht Weh­mut­ter wer­den in ih­rer schwers­ten Stun­de, die Gü­te muß ih­nen hel­fen, die all­mensch­li­che Lie­be. Ei­ne äu­ßers­te Tat, ein Ver­bre­chen, das all ih­re Sin­ne zur Ver­zweif­lung spannt, ist nö­tig, um die Rein­heit zu ge­bä­ren, und hier wie im Le­ben ist je­de Ge­burt um­schat­tet von töd­lichs­ter Ge­fahr. Die bei­den äu­ßers­ten Kräf­te des mensch­li­chen Ver­mö­gens, Tod und Le­ben, sind in die­ser Se­kun­de in­nig ver­schränkt.

Dies al­so ist der mensch­li­che My­thos Dos­t­o­jew­skis, daß das ge­misch­te, dump­fe, viel­fäl­ti­ge Ich je­des ein­zel­nen be­fruch­tet ist mit dem Keim des wah­ren Men­schen (je­nes Ur­men­schen der mit­tel­al­ter­li­chen Welt­an­schau­ung, der frei ist von der Erb­sün­de), des ele­men­ta­ren, rein gött­li­chen We­sens. Die­sen ur­ewi­gen Men­schen aus dem ver­gäng­li­chen Leib des Kul­tur­men­schen in uns zum Aus­trag zu brin­gen, ist höchs­te Auf­ga­be und die wahrs­te ir­di­sche Pflicht. Be­fruch­tet ist je­der, denn kei­nen ver­stößt das Le­ben, je­den Ir­di­schen hat es in ei­ner se­li­gen Se­kun­de mit Lie­be emp­fan­gen, doch nicht je­der ge­biert sei­ne Frucht. Bei man­chem ver­fault sie in ei­ner see­li­schen Läs­sig­keit, sie stirbt ab und ver­gif­tet ihn. An­de­re wie­der ster­ben in den We­hen, und nur das Kind, die Idee, kommt zur Welt. Ki­ril­low ist ei­ner, der sich er­mor­den muß, um ganz wahr blei­ben zu kön­nen, Scha­tow ist ei­ner, der er­mor­det wird, um sei­ne Wahr­heit zu be­zeu­gen.

Aber die an­de­ren, die he­roi­schen Hel­den Dos­t­o­jew­skis, der Sta­retz Sos­si­ma, Ras­kol­ni­koff, Ste­pa­no­witsch, Ro­go­schin, Dmitrij Ka­ra­ma­s­off ver­nich­ten ihr so­zia­les Ich, den dunk­len Rau­pen­stand ih­res in­ne­ren We­sens, um wie Schmet­ter­lin­ge sich der ab­ge­stor­be­nen Form zu ent­schwin­gen, das Be­flü­gel­te aus dem Krie­chen­den, das Er­ho­be­ne aus dem Erd­schwe­ren. Die Um­krus­tung der see­li­schen Hem­mung zer­bricht, die See­le, die All­men­schen­see­le strömt aus, strömt ins Un­end­li­che zu­rück. Al­les Per­sön­li­che, al­les In­di­vi­du­el­le ist in ih­nen ab­ge­tan, da­her auch die ab­so­lu­te Ähn­lich­keit all die­ser Ge­stal­ten im Au­gen­blick ih­rer Voll­en­dung. Al­joscha ist kaum von dem Sta­retz, Ka­ra­ma­s­off kaum von Ras­kol­ni­koff zu un­ter­schei­den, wie sie aus ih­ren Ver­bre­chen mit trä­nen­ge­ba­de­tem Ge­sicht in das Licht des neu­en Le­bens tre­ten. Am En­de al­ler Ro­ma­ne Dos­t­o­jew­skis ist die Ka­thar­sis der grie­chi­schen Tra­gö­die, die gro­ße Ent­süh­nung: über den ver­don­nern­den Ge­wit­tern und der ge­rei­nig­ten At­mo­sphä­re flammt die er­ha­be­ne Glo­rie des Re­gen­bo­gens, das höchs­te rus­si­sche Sym­bol der Ver­söh­nung.

Erst wenn die Hel­den Dos­t­o­jew­skis den rei­nen Men­schen aus sich ge­bo­ren ha­ben, tre­ten sie in die wah­re Ge­mein­schaft. Bei Bal­zac tri­um­phiert der Held, wenn er die Ge­sell­schaft be­zwingt, bei Di­ckens, wenn er sich in die so­zia­le Schicht, in das bür­ger­li­che Le­ben, in die Fa­mi­lie, in den Be­ruf fried­lich ein­ord­net. Die Ge­mein­schaft, die der Held Dos­t­o­jew­skis an­strebt, ist kei­ne so­zia­le mehr, son­dern schon ei­ne re­li­giö­se, er sucht nicht Ge­sell­schaft, son­dern Welt­bru­der­schaft. Und dies Hin­ge­lan­gen zur ei­ge­nen In­ner­lich­keit und da­mit zur mys­ti­schen Ge­mein­sam­keit ist die ein­zi­ge Hier­ar­chie in sei­nem Werk. Ein­zig von die­sem letz­ten Men­schen han­deln al­le sei­ne Ro­ma­ne: das So­zia­le, die Zwi­schen­sta­di­en der Ge­sell­schaft mit ih­rem hal­ben Stolz und schie­fen Haß sind über­wun­den, der Ich­mensch ist zum All­men­schen ge­wor­den, sei­ne Ein­sam­keit, sei­ne Ab­son­de­rung, die nur Stolz war, hat je­der zer­bro­chen, und in un­end­li­cher De­mut und glü­hen­der Lie­be grüßt sein Herz den Bru­der, den rei­nen Men­schen in je­dem an­de­ren. Die­ser letz­te, ge­rei­nig­te Mensch kennt kei­ne Un­ter­schie­de mehr, kein so­zia­les Stan­des­be­wußt­sein: nackt, wie im Pa­ra­dies, hat sei­ne See­le kei­ne Scham, kei­nen Stolz, kei­nen Haß und kei­ne Ver­ach­tung. Ver­bre­cher und Dir­ne, Mör­der und Hei­li­ge, Fürs­ten und Trun­ken­bol­de, sie hal­ten Zwie­spra­che in je­nem un­ters­ten und ei­gent­lichs­ten Ich ih­res Le­bens, al­le Schich­ten flie­ßen in­ein­an­der, Herz zu Herz, See­le in See­le. Nur das ent­schei­det bei Dos­t­o­jew­ski: wie weit ei­ner wahr wird und zum wirk­li­chen Men­schen­tum ge­langt. Wie die­se Ent­süh­nung, die­se Selbst­ge­win­nung zu­stan­de kam, ist gleich­gül­tig. Kei­ne Aus­schwei­fung be­schmutzt, kein Ver­bre­chen ver­dirbt, es gibt kein Tri­bu­nal vor Gott als das Ge­wis­sen. Recht und Un­recht, Gut und Bö­se, die­se Wor­te zer­flie­ßen im Lei­dens­feu­er. Wer wahr ist im Wil­len, der ist ent­sühnt: denn wer wahr ist, ist de­mü­tig. Wer er­kannt hat, ver­steht al­les und weiß, „daß die Ge­set­ze des Men­schen­geis­tes noch so un­er­forscht und ge­heim­nis­voll sind, daß es we­der gründ­li­che Ärz­te noch end­gül­ti­ge Rich­ter gibt“, weiß, es ist kei­ner schul­dig oder al­le, kei­ner darf kei­nes Rich­ter sein, je­der nur Bru­der dem Bru­der. Im Kos­mos Dos­t­o­jew­skis gibt es dar­um kei­ne end­gül­tig Ver­wor­fe­nen, kei­ne „Bö­se­wich­ter“, kei­ne Höl­le und kei­nen un­ters­ten Kreis wie bei Dan­te, aus de­nen selbst Chris­tus die Ver­ur­teil­ten nicht zu er­he­ben ver­mag. Er kennt nur Pur­ga­to­ri­en und weiß, daß der irr­han­deln­de Mensch noch im­mer mehr der see­lisch Glü­hen­de ist und nä­her dem wah­ren Men­schen als die Stol­zen, die Kal­ten und Kor­rek­ten, in de­ren Brust er er­fro­ren ist zu bür­ger­li­cher Ge­setz­mä­ßig­keit. Sei­ne wah­ren Men­schen ha­ben ge­lit­ten, ha­ben dar­um Ehr­furcht vor dem Lei­den und da­mit das letz­te Ge­heim­nis der Er­de. Wer lei­det, ist durch Mit­leid schon Bru­der, und al­len sei­nen Men­schen ist, weil sie nur auf den in­nern Men­schen, auf den Bru­der bli­cken, das Grau­en fremd. Sie be­sit­zen die er­ha­be­ne Fä­hig­keit, die er ein­mal die ty­pisch rus­si­sche nennt, nicht lan­ge has­sen zu kön­nen, und dar­um ei­ne un­be­grenz­te Ver­ste­hens­fä­hig­keit al­les Ir­di­schen. Noch ha­dern sie oft mit­sam­men, noch quä­len sie sich, weil sie sich ih­rer ei­ge­nen Lie­be schä­men, weil sie die ei­ge­ne De­mut für ei­ne Schwä­che hal­ten und noch nicht ah­nen, daß sie die furcht­bars­te Kraft der Mensch­heit ist. Aber ih­re in­ne­re Stim­me weiß im­mer schon um die Wahr­heit. Wäh­rend sie ein­an­der mit Wor­ten schmä­hen und be­fein­den, bli­cken die in­ne­ren Au­gen sich längst se­lig ver­ste­hend an, Lip­pe küßt leid­voll den Bru­der­mund. Der nack­te, der ewi­ge Mensch in ih­nen hat sich er­kannt, und dies Mys­te­ri­um der All­ver­söh­nung in der brü­der­li­chen Er­ken­nung, die­ser or­phi­sche Ge­sang der See­len, ist die ly­ri­sche Mu­sik in Dos­t­o­jew­skis dunk­lem Werk.

REA­LIS­MUS UND PHAN­TAS­TIK

„Was kann für mich phan­tas­ti­scher sein als die Wirk­lich­keit?“

Dos­t­o­jew­ski

Wahr­heit, die un­mit­tel­ba­re Wirk­lich­keit sei­nes be­grenz­ten Seins sucht der Mensch bei Dos­t­o­jew­ski: Wahr­heit, die un­mit­tel­ba­re We­sen­heit des Alls der Künst­ler Dos­t­o­jew­ski selbst. Er ist Rea­list und ist es so kon­se­quent – im­mer geht er ja an die äu­ßers­te Gren­ze, wo die For­men ih­rem Wi­der­spiel: dem Ge­gen­satz so ge­heim­nis­voll ähn­lich wer­den –, daß die­se Wirk­lich­keit je­den an das Mit­tel­maß ge­wöhn­ten täg­li­chen Blick phan­tas­tisch an­mu­tet. „Ich lie­be den Rea­lis­mus bis dort­hin, wo er an das Phan­tas­ti­sche reicht,“ sagt er selbst, „denn was kann für mich phan­tas­ti­scher und un­er­war­te­ter, ja un­wahr­schein­li­cher sein als die Wirk­lich­keit?“ Die Wahr­heit – dies ent­deckt man bei kei­nem Künst­ler zwin­gen­der als bei Dos­t­o­jew­ski – steht nicht hin­ter, son­dern gleich­sam ge­gen die Wahr­schein­lich­keit. Sie ist über die Seh­schär­fe des ge­mei­nen, des psy­cho­lo­gisch un­be­wehr­ten Bli­ckes hin­aus: wie im Was­ser­trop­fen das un­be­waff­ne­te Au­ge noch kla­re spie­geln­de Ein­heit, das Mi­kro­skop aber wim­meln­de Viel­falt, my­ria­den­haf­tes Cha­os von In­fus­ori­en schaut, ei­ne Welt, wo je­ne nur ei­ne Ein­zel­form be­merk­ten, so er­kennt der Künst­ler mit dem hö­he­ren Rea­lis­mus Wahr­hei­ten, die wi­der­sin­nig schei­nen ge­gen die of­fen­ba­ren.

Die­se hö­he­re oder die­se tie­fe­re Wahr­heit zu er­ken­nen, die gleich­sam tief un­ter der Haut der Din­ge liegt und schon nah dem Herz­punkt al­ler Exis­tenz, war Dos­t­o­jew­skis Lei­den­schaft. Er will gleich­zei­tig den Men­schen als Ein­heit und Viel­falt, im Frei­blick und im ge­schärf­ten gleich wahr er­ken­nen, und dar­um ist sein vi­sio­nä­rer und wis­sen­der Rea­lis­mus, der die Kraft ei­nes Mi­kro­skops und die Leucht­stär­ke des Hell­se­hers ver­ei­nigt, wie durch ei­ne Mau­er ge­schie­den von dem, was die Fran­zo­sen als ers­te Wirk­lich­keits­kunst und Na­tu­ra­lis­mus be­nann­ten. Denn ob­zwar Dos­t­o­jew­ski in sei­nen Ana­ly­sen ex­ak­ter ist und wei­ter geht als ir­gend­ei­ner von de­nen, die sich „kon­se­quen­te Na­tu­ra­lis­ten“ nann­ten (wo­mit sie mein­ten, daß sie bis an das En­de gin­gen, wäh­rend Dos­t­o­jew­ski je­des En­de noch über­schrei­tet), ist sei­ne Psy­cho­lo­gie gleich­sam aus ei­ner an­de­ren Sphä­re des schöp­fe­ri­schen Geis­tes. Der ex­ak­te Na­tu­ra­lis­mus von an­no Zo­la kommt ge­ra­des­wegs aus der Wis­sen­schaft her. Um­ge­stülp­te Ex­pe­ri­men­tal­psy­cho­lo­gie, ist er ir­gend­wie an Fleiß und Schweiß, an Stu­di­um und Er­fah­rung ge­bun­den: Flau­bert de­stil­liert in der Re­tor­te sei­nes Ge­hirns 2000 Bü­cher aus der Pa­ri­ser Na­tio­nal­bi­blio­thek, um das Na­tur­ko­lo­rit der „Ten­ta­ti­on“ oder der „Sa­l­am­bo“ zu fin­den, Zo­la läuft drei Mo­na­te, ehe er sei­ne Ro­ma­ne schreibt, wie ein Re­por­ter mit dem No­tiz­buch auf die Bör­se, in die Wa­ren­häu­ser und Ate­liers, um Mo­del­le ab­zu­zeich­nen, Tat­sa­chen ein­zu­fan­gen. Die Wirk­lich­keit ist die­sen Welt­ab­zeich­nern ei­ne kal­te, be­re­chen­ba­re, of­fen­lie­gen­de Sub­stanz. Sie se­hen al­le Din­ge mit dem wa­chen, wä­gen­den, ta­rie­ren­den Blick des Pho­to­gra­phen. Sie sam­meln, ord­nen, mi­schen und de­stil­lie­ren, küh­le Wis­sen­schaft­ler der Kunst, die ein­zel­nen Ele­men­te des Le­bens, und be­trei­ben ei­ne Art Che­mie der Bin­dung und Lö­sung.

Dos­t­o­jew­skis künst­le­ri­scher Be­ob­ach­tungs­pro­zeß da­ge­gen ist vom Dä­mo­ni­schen nicht ab­zu­lö­sen. Ist Wis­sen­schaft je­nen an­de­ren Kunst, so ist die sei­ne Schwarz­kunst. Er treibt nicht ex­pe­ri­men­tel­le Che­mie, son­dern Al­chi­mie der Wirk­lich­keit, nicht As­tro­no­mie, son­dern As­tro­lo­gie der See­le. Er ist kein küh­ler For­scher. Als hei­ßer Hal­lu­zi­nant starrt er nie­der in die Tie­fe des Le­bens wie in ei­nen dä­mo­ni­schen Angst­traum. Aber doch, sei­ne sprung­haf­te Vi­si­on ist voll­kom­me­ner als je­ner ge­ord­ne­te Be­trach­tung. Er sam­melt nicht, und hat doch al­les. Er be­rech­net nicht, und doch ist sein Maß un­fehl­bar. Sei­ne Dia­gno­sen, die hell­se­he­ri­schen, fas­sen im Fie­ber der Er­schei­nung den ge­heim­nis­vol­len Ur­sprung, oh­ne den Puls der Din­ge nur an­zu­tas­ten. Et­was von hell­sich­ti­ger Traumer­kennt­nis ist in sei­nem Wis­sen, et­was von Ma­gie in sei­ner Kunst. Zau­be­risch durch­dringt er die Rin­de des Le­bens und saugt von sei­nen sü­ßen, quel­len­den Säf­ten. Im­mer kommt sein Blick nur aus der ei­ge­nen Tie­fe sei­nes frei­lich all­wis­sen­den Seins, aus dem Mark und Nerv dä­mo­ni­scher Na­tur und über­trifft doch an Wahr­haf­tig­keit, an Rea­li­tät, al­le Rea­lis­ten. Mys­tisch er­kennt er al­les von in­nen. Ein Zei­chen bloß, und schon faßt er faus­tisch die Welt. Ein Blick, und schon wird er zum Bild. Er braucht nicht viel zu zeich­nen, nicht die Kärr­ner­ar­beit des De­tails zu leis­ten. Er zeich­net mit Ma­gie. Man be­sin­ne ein­mal die gro­ßen Ge­stal­ten die­ses Rea­lis­ten: Ras­kol­ni­koff, Al­joscha und Fe­dor Ka­ra­ma­s­off, My­sch­kin, sie, die uns al­len so un­ge­heu­er ge­gen­ständ­lich sind im Ge­fühl. Wo schil­dert er sie? In drei Zei­len viel­leicht um­reißt er ihr Ant­litz mit ei­ner Art zeich­ne­ri­scher Kurz­schrift. Er sagt von ih­nen gleich­sam nur ein Merk­wort, um­schreibt ihr Ge­sicht mit vier oder fünf schlich­ten Sät­zen, und das ist al­les. Das Al­ter, der Be­ruf, der Stand, die Klei­dung, die Haar­far­be, die Phy­sio­gno­mik, all das schein­bar so We­sent­li­che der Per­so­nen­be­schrei­bung ist in bloß ste­no­gra­phi­scher Kür­ze fest­ge­hal­ten. Und doch, wie glüht je­de die­ser Fi­gu­ren uns im Blut. Man ver­glei­che nun mit die­sem ma­gi­schen Rea­lis­mus die ex­ak­te Schil­de­rung ei­nes kon­se­quen­ten Na­tu­ra­lis­ten. Zo­la nimmt, ehe er zu ar­bei­ten an­fängt, ein gan­zes Bor­de­reau von sei­nen Fi­gu­ren auf, er ver­faßt (man kann sie heu­te noch nach­se­hen, die­se merk­wür­di­gen Do­ku­men­te) ei­nen re­gel­rech­ten Steck­brief, ei­nen Pas­sier­schein für je­den Men­schen, der die Schwel­le des Ro­ma­nes über­tritt. Er mißt ihn ab, wie­viel Zen­ti­me­ter er hoch ist, no­tiert, wie­viel Zäh­ne ihm feh­len, er zählt die War­zen auf sei­nen Wan­gen, streicht den Bart nach, ob er rauh oder zart ist, greift je­den Pi­ckel auf der Haut ab, tas­tet die Fin­ger­nä­gel nach, er weiß die Stim­me, den Atem sei­ner Men­schen, er ver­folgt ihr Blut, Erb­schaft und Be­las­tung, schlägt sich ihr Kon­to auf in der Bank, um ih­re Ein­nah­men zu wis­sen. Er mißt, was man von au­ßen über­haupt nur mes­sen kann. Und doch, kaum daß die Ge­stal­ten in Be­we­gung ge­ra­ten, ver­flüch­tigt sich die Ein­heit der Vi­si­on, das künst­li­che Mo­sa­ik zer­bricht in sei­ne tau­send Scher­ben. Es bleibt ein see­li­sches Un­ge­fähr, kein le­ben­di­ger Mensch.

Hier ist nun der Feh­ler je­ner Kunst: die fran­zö­si­schen Na­tu­ra­lis­ten schil­dern ex­akt die Men­schen zu An­fang des Ro­ma­nes in ih­rer Ru­he, gleich­sam in ih­rem see­li­schen Schlaf: ih­re Bil­der sind dar­um bloß von der nutz­lo­sen Treue der To­ten­mas­ken. Man sieht den To­ten, die Fi­gur, nicht das Le­ben dar­in. Aber ge­nau wo je­ner Na­tu­ra­lis­mus en­det, be­ginnt erst der un­heim­lich gro­ße Na­tu­ra­lis­mus Dos­t­o­jew­skis. Sei­ne Men­schen wer­den plas­tisch erst in der Er­regt­heit, in der Lei­den­schaft, im ge­stei­ger­ten Zu­stand. Wäh­rend je­ne ver­su­chen, die See­le durch den Kör­per dar­zu­stel­len, bil­det er den Kör­per durch die See­le: erst wenn die Lei­den­schaft sei­nen Men­schen die Zü­ge strafft und spannt, das Au­ge sich feuch­tet im Ge­fühl, wenn die Mas­ke der bür­ger­li­chen Stil­le, die See­len­star­re, von ih­nen ab­fällt, wird sein Bild erst bild­haft. Erst wenn sei­ne Men­schen glü­hen, tritt Dos­t­o­jew­ski, der Vi­sio­när, an das Werk, sie zu for­men.

Ab­sicht­lich sind al­so und nicht zu­fäl­lig bei Dos­t­o­jew­ski die an­fäng­lich dun­keln und ein we­nig schat­ten­haf­ten Kon­tu­ren der ers­ten Schil­de­rung. In sei­ne Ro­ma­ne tritt man ein wie in ein dunk­les Zim­mer. Man sieht nur Um­ris­se, hört un­deut­li­che Stim­men, oh­ne recht zu füh­len, wem sie zu­ge­hö­ren. Erst all­mäh­lich ge­wöhnt sich, schärft sich das Au­ge: wie auf den Rem­brandt­schen Ge­mäl­den be­ginnt aus ei­ner tie­fen Däm­me­rung das fei­ne see­li­sche Flui­dum in den Men­schen zu strah­len. Erst wenn sie in die Lei­den­schaft ge­ra­ten, tre­ten sie ins Licht. Bei Dos­t­o­jew­ski muß der Mensch im­mer erst glü­hen, um sicht­bar zu wer­den, sei­ne Ner­ven müs­sen ge­spannt sein bis zum Zer­rei­ßen, um zu klin­gen: „Um ei­ne See­le formt sich bei ihm nur der Kör­per, um ei­ne Lei­den­schaft nur das Bild.“ Jetzt erst, da sie gleich­sam an­ge­heizt sind, da in ih­nen der merk­wür­di­ge Fie­ber­zu­stand be­ginnt – al­le Men­schen Dos­t­o­jew­skis sind ja wan­deln­de Fie­ber­zu­stän­de –, setzt sein dä­mo­ni­scher Rea­lis­mus ein, be­ginnt je­ne zau­be­ri­sche Jagd nach den Ein­zel­hei­ten, jetzt erst schleicht er der kleins­ten Be­we­gung nach, gräbt das Lä­cheln aus, kriecht in die krum­men Fuchs­lö­cher der ver­wor­re­nen Ge­füh­le, folgt je­der Fuß­spur ih­rer Ge­dan­ken bis in das Schat­ten­reich des Un­be­wuß­ten. Je­de Be­we­gung zeich­net sich plas­tisch ab, je­der Ge­dan­ke wird kris­tal­len klar, und je mehr sich die ge­jag­ten See­len ins Dra­ma­ti­sche ver­stri­cken, um so mehr glü­hen sie von in­nen, um so durch­sich­ti­ger wird ihr We­sen. Ge­ra­de die un­faß­bars­ten, die jen­sei­tigs­ten Zu­stän­de, die krank­haf­ten, die hyp­no­ti­schen, die ek­sta­ti­schen, die epi­lep­ti­schen ha­ben bei Dos­t­o­jew­ski die Prä­zi­si­on ei­ner kli­ni­schen Dia­gno­se, den kla­ren Um­riß ei­ner geo­me­tri­schen Fi­gur. Nicht die feins­te Nu­an­ce ist dann ver­schwom­men, nicht die kleins­te Schwin­gung ent­glei­tet dann sei­nen ge­schärf­ten Sin­nen: ge­ra­de dort, wo die an­de­ren Künst­ler ver­sa­gen und, gleich­sam ge­blen­det vom über­na­tür­li­chen Licht, den Blick weg­wen­den, dort wird Dos­t­o­jew­skis Rea­lis­mus am sicht­bars­ten. Und die­se Au­gen­bli­cke, wo der Mensch die äu­ßers­ten Gren­zen sei­ner Mög­lich­kei­ten er­reicht, wo Wis­sen schon fast Wahn­witz wird und Lei­den­schaft zum Ver­bre­chen, sie sind auch die un­ver­geß­lichs­ten Vi­sio­nen sei­nes Wer­kes. Ru­fen wir uns das Bild Ras­kol­ni­koffs in die See­le, so se­hen wir ihn nicht als schlen­dern­de Ge­stalt auf der Stra­ße oder im Zim­mer, als ei­nen jun­gen Me­di­zi­ner von 25 Jah­ren, als Men­schen von die­sen und je­nen äu­ße­ren Ei­gen­hei­ten, son­dern in uns er­steht die dra­ma­ti­sche Vi­si­on sei­ner ir­ren Lei­den­schaft, wie er mit zit­tern­den Hän­den, kal­ten Schweiß auf der Stirn, gleich­sam mit ge­schlos­se­nen Au­gen die Trep­pe des Hau­ses hin­auf­schleicht, wo er ge­mor­det hat, und in ge­heim­nis­vol­ler Tran­ce, um sei­ne Qua­len noch ein­mal sinn­lich zu ge­nie­ßen, die ble­cher­ne Klin­gel an der Tü­re der Er­mor­de­ten zieht. Wir se­hen Di­mitri Ka­ra­ma­s­off in den Pur­ga­to­ri­en des Ver­hörs, schäu­mend vor Wut, schäu­mend vor Lei­den­schaft, den Tisch zer­trüm­mern mit sei­nen ra­sen­den Fäus­ten. Im­mer se­hen wir bei Dos­t­o­jew­ski den Men­schen erst bild­haft im Zu­stan­de der höchs­ten Er­regt­heit, am End­punk­te sei­nes Ge­füh­les. So wie Leo­nar­do in sei­nen gran­dio­sen Ka­ri­ka­tu­ren die Gro­tes­ke des Kör­pers, die Ab­nor­mi­tät des Phy­si­schen zeich­net, dort, wo sie über die ge­mei­ne Form her­vor­drängt, so faßt Dos­t­o­jew­ski die See­le des Men­schen im Au­gen­blick des Über­schwangs, gleich­sam in den Se­kun­den, wo sich der Mensch über den äu­ßers­ten Rand sei­ner Mög­lich­kei­ten vor­beugt. Der mitt­le­re Zu­stand ist ihm wie je­der Aus­gleich, wie je­de Har­mo­nie, ver­haßt: nur das Au­ßer­or­dent­li­che, das Un­sicht­ba­re, das Dä­mo­ni­sche reizt sei­ne künst­le­ri­sche Lei­den­schaft zum äu­ßers­ten Rea­lis­mus. Er ist der un­ver­gleich­lichs­te Plas­ti­ker des Un­ge­wöhn­li­chen, der größ­te Ana­tom der reiz­ba­ren und kran­ken See­le, den die Kunst je ge­kannt.

Das In­stru­ment nun, das ge­heim­nis­vol­le, mit dem Dos­t­o­jew­ski in die­se Tie­fe sei­ner Men­schen dringt, ist das Wort. Goe­the schil­dert al­les durch den Blick. Er ist – Wag­ner hat die­se Un­ter­schei­dung am glück­lichs­ten aus­ge­spro­chen – Au­gen­mensch, Dos­t­o­jew­ski Oh­ren­mensch. Er muß sei­ne Men­schen erst spre­chen hö­ren, spre­chen las­sen, da­mit wir sie als sicht­bar emp­fin­den, und ganz deut­lich hat Me­reschkow­ski in sei­ner ge­nia­len Ana­ly­se der bei­den rus­si­schen Epi­ker aus­ge­drückt: bei Tol­stoi hö­ren wir, weil wir se­hen, bei Dos­t­o­jew­ski se­hen wir, weil wir hö­ren. Sei­ne Men­schen sind Schat­ten und Le­mu­ren, so­lan­ge sie nicht spre­chen. Erst das Wort ist der feuch­te Tau, der ih­re See­le be­fruch­tet: sie tun im Ge­spräch, wie phan­tas­ti­sche Blü­ten, ihr In­ne­res auf, zei­gen ih­re Far­ben, die Pol­len ih­rer Frucht­bar­keit. In der Dis­kus­si­on er­hit­zen sie sich, wa­chen sie auf aus ih­rem See­len­schlaf, und erst ge­gen den wa­chen, ge­gen den lei­den­schaft­li­chen Men­schen, ich sag­te es ja schon, wen­det sich Dos­t­o­jew­skis künst­le­ri­sche Lei­den­schaft. Er lockt ih­nen das Wort aus der See­le, um dann die See­le selbst zu fas­sen. Je­ne dä­mo­ni­sche psy­cho­lo­gi­sche Scharf­sich­tig­keit des De­tails bei Dos­t­o­jew­ski ist im letz­ten nichts an­de­res als ei­ne un­er­hör­te Fein­hö­rig­keit. Die Welt­li­te­ra­tur kennt kei­ne voll­kom­me­ne­ren plas­ti­schen Ge­bil­de als die Aus­sprü­che der Men­schen Dos­t­o­jew­skis. Die Wort­stel­lung ist sym­bo­lisch, die Sprach­bil­dung cha­rak­te­ris­tisch, nichts zu­fäl­lig, je­de ab­ge­bro­che­ne Sil­be, je­der weg­ge­sprun­ge­ne Ton die Not­wen­dig­keit selbst. Je­de Pau­se, je­de Wie­der­ho­lung, je­des Atem­ho­len, je­des Stot­tern ist we­sent­lich, denn im­mer hört man un­ter dem aus­ge­spro­che­nen Wort das un­ter­drück­te Mit­schwin­gen: mit dem Ge­spräch flu­tet die gan­ze heim­li­che Er­re­gung der See­le auf. Man weiß aus der Re­de bei Dos­t­o­jew­ski nicht nur, was je­der ein­zel­ne Mensch sagt und sa­gen will, son­dern auch, was er ver­schweigt. Und die­ser ge­nia­le Rea­lis­mus des see­li­schen Hö­rens geht rest­los mit in die ge­heim­nis­volls­ten Zu­stän­de des Wor­tes, in die sump­fi­ge, sto­cken­de Flä­che des trun­ke­nen Ir­re­re­dens, in die be­flü­gel­te, keu­chen­de Ek­sta­se des epi­lep­ti­schen An­fal­les, in das Di­ckicht der lüg­ne­ri­schen Ver­wor­ren­heit. Aus dem Dampf der er­hitz­ten Re­de er­steht die See­le, aus der See­le kris­tal­li­siert sich all­mäh­lich der Kör­per. Oh­ne daß man es selbst weiß, be­ginnt durch den Dunst des Wor­tes, durch den Ha­schi­schrauch der Re­de bei Dos­t­o­jew­ski die Vi­si­on des Spre­chen­den im kör­per­li­chen Bild auf­zu­stei­gen. Was die an­de­ren durch flei­ßi­ges Mo­sa­ik er­zie­len, durch die Far­be, Zeich­nung und Be­schrän­kung, die­ses Bild ballt sich bei ihm vi­sio­när aus dem Wort. Man träumt bei Dos­t­o­jew­ski hell­se­he­risch sei­ne Men­schen, so­bald man sie spre­chen hört. Dos­t­o­jew­ski kann es sich er­spa­ren, sie gra­phisch zu zeich­nen, denn wir sel­ber wer­den in der Hyp­no­se ih­rer Re­de zum Vi­sio­när. Ich will ein Bei­spiel wäh­len. Im „Idio­ten“ geht der al­te Ge­ne­ral, der pa­tho­lo­gi­sche Lüg­ner, ne­ben dem Fürs­ten My­sch­kin her und er­zählt ihm Er­in­ne­run­gen. Er be­ginnt zu lü­gen, glei­tet im­mer tie­fer in sei­ne Lü­gen hin­ein und ver­strickt sich gänz­lich dar­in. Er re­det, re­det, re­det. Über Sei­ten flu­tet sei­ne Lü­ge hin.

Mit kei­ner Zei­le nun schil­dert Dos­t­o­jew­ski sei­ne Hal­tung, aber aus sei­nem Wort, aus sei­nem Stol­pern, sei­nem Sto­cken, sei­ner ner­vö­sen Hast spü­re ich, wie er ne­ben My­sch­kin her­geht, wie er sich ver­strickt hat, se­he, wie er auf­schaut, von der Sei­te den Fürs­ten vor­sich­tig an­blickt, ob er ihm nicht miß­traue, wie er ste­hen bleibt, hof­fend, der Fürst wür­de ihn un­ter­bre­chen. Ich se­he, wie der Schweiß auf sei­ner Stir­ne perlt, se­he, wie sein Ge­sicht, das zu­erst be­geis­ter­te, nun sich im­mer mehr ver­krampft in Angst, se­he, wie er in sich zu­sam­men­kriecht, ein Hund, der fürch­tet, Prü­gel zu be­kom­men, und ich se­he den Fürs­ten, der selbst al­le An­stren­gun­gen des Lüg­ners in sich fühlt und nie­der­hält. Wo ist dies be­schrie­ben bei Dos­t­o­jew­ski? Nir­gends, nicht in ei­ner ein­zel­nen Zei­le, und doch se­he ich je­des Fält­chen in sei­nem Ge­sicht mit lei­den­schaft­li­cher Klar­heit. Ir­gend­wo ist da das Ar­ka­num des Vi­sio­nä­ren in der Re­de, im Ton­fall, in der Stel­lung der Sil­ben, und so ma­gisch ist die­se Kunst der Wie­der­ga­be, daß selbst durch die un­um­gäng­li­che Ver­di­ckung, die ja je­de Über­tra­gung in ei­ne frem­de Spra­che dar­stellt, noch die gan­ze See­le sei­ner Men­schen schwingt. Der gan­ze Cha­rak­ter des Men­schen ist bei Dos­t­o­jew­ski im Rhyth­mus sei­ner Re­de. Und die­se Kom­pri­mie­rung ge­lingt sei­ner ge­nia­len In­tui­ti­on oft in ei­ner win­zi­gen Ein­zel­heit, durch ei­ne Sil­be fast. Wenn Fe­dor Ka­ra­ma­s­off auf das Bri­ef­ku­vert der Gru­schen­ka zu ih­rem Na­men schreibt: „Mein Kü­chel­chen!“ so sieht man das Ant­litz des se­ni­len Wüst­lings, sieht die schlech­ten Zäh­ne, durch die ihm der Spei­chel über die schmun­zeln­den Lip­pen rinnt. Und wenn in den „Er­in­ne­run­gen aus dem To­ten­haus“ der sa­dis­ti­sche Ma­jor beim Stock­prü­geln „Hie-be, Hie-be“ schreit, so ist in die­sem win­zi­gen Apo­stroph sein gan­zer Cha­rak­ter, ein bren­nen­des Bild, ein Keu­chen von Gier, fla­ckern­de Au­gen, das ge­rö­te­te Ge­sicht, das Keu­chen der bö­sen Lust. Die­se klei­nen rea­lis­ti­schen De­tails bei Dos­t­o­jew­ski, die sich wie spit­ze An­gel­ha­ken ins Ge­fühl ein­boh­ren und wi­der­stands­los mit ins frem­de Er­le­ben rei­ßen, sie sind sein er­le­sens­tes Kunst­mit­tel und gleich­zei­tig der höchs­te Tri­umph des in­tui­ti­ven Rea­lis­mus über den pro­gram­ma­ti­schen Na­tu­ra­lis­mus. Dos­t­o­jew­ski ver­schwen­det durch­aus nicht die­se sei­ne De­tails. Er setzt ein ein­zi­ges ein, wo an­de­re Hun­der­te ap­pli­zie­ren, aber er spart sich die­se klei­nen grau­sa­men Ein­zel­hei­ten der letz­ten Wahr­heit mit ei­nem wol­lüs­ti­gen Raf­fi­ne­ment auf, er über­rascht mit ih­nen ge­ra­de im Au­gen­blick der höchs­ten Ek­sta­se, wo man sie am we­nigs­ten er­war­tet. Im­mer gießt er mit un­er­bitt­li­cher Hand den Gal­le­trop­fen Ir­disch­keit in den Kelch der Ek­sta­se, denn für ihn heißt wirk­lich und wahr­haf­tig sein: an­ti­ro­man­tisch und an­ti­sen­ti­men­tal wir­ken. Dos­t­o­jew­ski ist, nie darf man es ei­ne Se­kun­de ver­ges­sen, nicht nur der Ge­fan­ge­ne sei­nes Kon­tras­tes, son­dern auch sein Pre­di­ger. Es ist sei­ne Lei­den­schaft, auch in der Kunst die bei­den En­den des Le­bens, die grau­sams­te, nack­tes­te, käl­tes­te, schmut­zigs­te Wirk­lich­keit mit den edels­ten sub­lims­ten Träu­men zu gat­ten. Er will, daß wir in al­lem Ir­di­schen das Gött­li­che füh­len, im Rea­lis­ti­schen das Phan­tas­ti­sche, im Er­ha­be­nen das Ge­mei­ne, im lau­tern Geist das bit­te­re Salz der Er­de und im­mer all dies gleich­zei­tig. Er will, daß wir zwie­späl­tig ge­nie­ßen, wie er sel­ber zwie­späl­tig emp­fin­det, er will auch hier kei­ne Har­mo­nie, kei­nen Aus­gleich. Im­mer in al­len sei­nen Wer­ken sind die­se schnei­den­den Zer­ris­sen­hei­ten, wo er mit sa­ta­ni­schem De­tail die sub­lims­ten Se­kun­den auf­s­prengt und dem Hei­ligs­ten des Le­bens sei­ne Ba­na­li­tät ent­ge­gen­grinst. Ich er­in­ne­re nur an die Tra­gö­die des „Idio­ten“, um ei­nen sol­chen Au­gen­blick des Kon­tras­tes sicht­lich zu ma­chen. Ro­go­schin hat Na­stass­ja Phil­i­pow­na er­mor­det, nun sucht er My­sch­kin, den Bru­der. Er fin­det ihn auf der Stra­ße, er rührt ihn an mit der Hand. Sie brau­chen nicht mit­ein­an­der zu spre­chen, furcht­ba­re Ah­nung weiß al­les vor­aus. Sie ge­hen über die Stra­ße in das Haus, wo die Er­mor­de­te liegt: ir­gend­ein un­ge­heue­res Vor­emp­fin­den von Grö­ße und Fei­er­lich­keit hebt sich in ei­nem auf, al­le Sphä­ren er­klin­gen. Die bei­den Fein­de ei­nes Le­bens, Brü­der im Ge­fühl, schrei­ten in das Zim­mer zur Er­mor­de­ten. Na­stass­ja Phil­i­pow­na liegt tot. Man spürt, die­se Men­schen wer­den sich nun das Letz­te sa­gen, wie sie ein­an­der ge­gen­über­ste­hen an der Lei­che der Frau, die sie ent­zwei­te. Und dann kommt das Ge­spräch – und al­le Him­mel sind zer­schla­gen von der nack­ten, bru­ta­len, bren­nend ir­di­schen, teuf­lisch geis­ti­gen Sach­lich­keit. Sie spre­chen da­von als ers­tes, als ein­zi­ges – ob die Lei­che rie­chen wird. Und Ro­go­schin er­zählt mit schnei­den­der Sach­lich­keit, er ha­be „gu­te ame­ri­ka­ni­sche Wachs­lein­wand“ ge­kauft und „vier Fläsch­chen ei­ner des­in­fi­zie­ren­den Flüs­sig­keit“ dar­auf ge­gos­sen.

Sol­che De­tails sind es, die ich bei Dos­t­o­jew­ski die sa­dis­ti­schen, die sa­ta­ni­schen nen­ne, weil hier der Rea­lis­mus mehr ist als ein blo­ßer Kunst­griff der Tech­nik, weil er ei­ne me­ta­phy­si­sche Ra­che ist, Aus­bruch ge­heim­nis­vol­ler Wol­lust, ei­ner ge­walt­sa­men iro­ni­schen Ent­täu­schung. „Vier Fläsch­chen!“ das Ma­the­ma­ti­sche der Zahl, „ame­ri­ka­ni­sche Wachs­lein­wand!“ die grau­en­haf­te Prä­zi­si­on des De­tails – das sind ab­sicht­li­che Zer­stö­run­gen der see­li­schen Har­mo­nie, grau­sa­me Re­vol­ten ge­gen die Ein­heit des Ge­fühls. Hier wird Wahr­heit über sich selbst hin­aus schon Ex­zeß, Las­ter und Mar­ter, und die­se ent­setz­li­chen Nie­der­stür­ze aus den Him­meln des Ge­fühls in die schmut­zi­gen Stein­brü­che der Wirk­lich­keit wür­den Dos­t­o­jew­ski un­er­träg­lich ma­chen, wä­re die glei­che Ge­walt des Kon­tras­tes nicht auch im Ge­gen­spiel vor­han­den, ent­stün­de nicht im­mer wie­der auch die un­ge­heue­re see­li­sche Ek­sta­se bei ihm aus den schmut­zigs­ten Win­keln der Wirk­lich­keit. Man er­in­ne­re sich nur an die Welt Dos­t­o­jew­skis. Sie ist, rein so­zi­al ge­nom­men, ein Wurm­loch, knapp an der Gos­se des Le­bens, im­mer in den dump­fes­ten Sphä­ren der Ar­mut und Kläg­lich­keit. Mit ab­sicht­li­cher Be­wußt­heit (er ist der An­ti­ro­man­ti­ker, wie er der An­ti­sen­ti­men­ta­le ist) stellt er sei­ne Sze­ne­rie mit­ten in die Ba­na­li­tät hin­ein. Schmut­zi­ge Kel­ler­lo­ka­le, stin­kend von Bier und Schnaps, dump­fe en­ge „Sär­ge“ von Zim­mern, nur ab­ge­trennt durch Holz­wän­de, nie Sa­lons, Ho­tels, Pa­läs­te, Kon­to­re. Und mit Ab­sicht sind sei­ne Men­schen äu­ßer­lich „un­in­ter­es­sant“, schwind­süch­ti­ge Frau­en, ver­lump­te Stu­den­ten, Nichts­tu­er, Ver­schwen­der, Ta­ge­die­be, nie­mals aber so­zia­le Per­sön­lich­kei­ten. Aber ge­ra­de in die­se dump­fe All­täg­lich­keit stellt er die größ­ten Tra­gö­di­en der Zeit. Aus dem Er­bärm­li­chen steigt das Er­ha­be­ne phan­tas­tisch auf. Nichts wirkt dä­mo­ni­scher bei ihm als die­ser Kon­trast äu­ße­rer Nüch­tern­heit und see­li­scher Trun­ken­heit, räum­li­cher Ar­mut und Ver­schwen­dung des Her­zens. In Schnaps­zim­mern ver­kün­den trun­ke­ne Men­schen die Wie­der­kehr des Drit­ten Rei­ches, sein Hei­li­ger Al­joscha er­zählt die tiefs­te Le­gen­de, wäh­rend ihm ei­ne Dir­ne auf dem Scho­ße sitzt, in Bor­del­len und Spiel­häu­sern ent­fal­ten sich die Apos­to­la­te der Gü­te und Ver­kün­dung, und die er­ha­bens­te Sze­ne Ras­kol­ni­koffs, wo der Mör­der sich nie­der­wirft und vor dem Lei­den der gan­zen Mensch­heit sich beugt, sie spielt im Zim­mer­win­kel ei­ner Dir­ne bei dem stot­tern­den Schnei­der Ka­pernaumow.

Ein un­un­ter­bro­che­ner Wech­sel­strom, kalt oder warm, warm oder kalt, aber nie lau, ganz im Sin­ne der Apo­ka­lyp­se, durch­blu­tet sei­ne Lei­den­schaft das Le­ben. In ei­ner Phre­ne­sie von Kon­tras­ten stellt der Dich­ter hier das Er­ha­be­ne mit dem Ba­na­len ste­tig Stirn an Stirn, von Un­ru­he zu Un­ru­he wirft er die auf­ge­reiz­ten Ge­füh­le. Nie ge­rät man dar­um bei den Ro­ma­nen Dos­t­o­jew­skis zur Rast, nie in die sanf­te, mu­si­ka­li­sche Rhyth­mik des Le­sens, nie läßt er ei­nem ru­hig den Atem rin­nen, im­mer zuckt man wie un­ter elek­tri­schen Schlä­gen be­un­ru­higt auf, hei­ßer, bren­nen­der, un­ru­hi­ger, neu­gie­ri­ger von Sei­te zu Sei­te. So­lan­ge wir in sei­ner dich­te­ri­schen Ge­walt sind, wer­den wir ihm sel­ber ähn­lich. Wie in sich selbst, dem ewi­gen Dua­lis­ten, dem Men­schen am Kreuz­holz des Zwie­spalts, wie in sei­nen Ge­stal­ten, zer­sprengt Dos­t­o­jew­ski auch dem Le­ser die Ein­heit des Ge­fühls.

Das ist ewi­ge Ei­gen­art sei­ner Dar­stel­lung, und es wä­re Her­ab­wür­di­gung, sie mit dem Hand­wer­ker­wort „Tech­nik“ zu be­nen­nen, denn die­se Kunst kommt mit­ten aus Dos­t­o­jew­skis Per­sön­lich­keit, aus dem bren­nen­den Urz­wie­spalt sei­nes Ge­fühls. Sei­ne Welt ist of­fen­ba­re Wahr­heit und Ge­heim­nis, zu­gleich hell­se­he­ri­sche Er­kennt­nis der Wirk­lich­keit, Wis­sen und Ma­gie. Das Un­faß­bars­te scheint ver­ständ­lich, das Ver­ständ­lichs­te un­faß­bar: beu­gen sich die Pro­ble­me schon über den äu­ßers­ten Rand der Mög­lich­kei­ten hin­aus, so stür­zen sie doch nie ins Ge­stalt­lo­se hin­ab. Mit un­er­hör­tes­ter Kraft klem­men die vi­sio­när-rea­len Ein­zel­hei­ten sei­ne Fi­gu­ren im Ir­di­schen fest, nie glei­tet ei­ne ins Schat­ten­haf­te hin­über. Wen Dos­t­o­jew­ski schil­dert, des­sen We­sen hat er vi­sio­när in­ne bis in die letz­te Wirr­nis sei­ner Ner­ven­strän­ge, er tas­tet ihm nach bis in den Mee­res­grund sei­ner Träu­me, durch­fie­bert sei­ne Lei­den­schaft, durch­siebt sei­ne Trun­ken­heit, nie geht ein Atem­zug see­li­scher Sub­stanz bei ihm ver­lo­ren, wird ein Ge­dan­ke über­sprun­gen. Glied um Glied häm­mert er die psy­cho­lo­gi­sche Ket­te um die in der Kunst Ge­fan­ge­nen. Es gibt bei ihm kei­ne psy­cho­lo­gi­schen Irr­tü­mer, kei­ne Ver­kno­tung, die sein vi­sio­nä­rer In­tel­lekt, sei­ne hell­se­he­ri­sche Lo­gik nicht durch­leuch­te­te. Nie ei­nen Feh­ler, ei­nen Ver­stoß ge­gen die in­ne­re Wahr­heit. Wel­che Kunst­bau­ten des Geis­tes und der Vi­si­on sind da er­rich­tet, un­über­seh­bar und un­zer­stör­bar! Der dia­lek­ti­sche Zwei­kampf des Por­phy­ri Pe­tro­witsch mit Ras­kol­ni­koff, die Ar­chi­tek­to­nik der Ver­bre­chen, das lo­gi­sche La­by­rinth der Ka­ra­ma­s­off, das ist geis­ti­ge Ar­chi­tek­to­nik oh­ne­glei­chen, fehl­los wie Ma­the­ma­tik und doch be­rau­schend wie Mu­sik. Sie ver­ei­ni­gen die höchs­ten Kräf­te des Geis­tes mit den se­he­ri­schen der See­le zu ei­ner neu­en, tie­fe­ren Wahr­heit, als die Mensch­heit sie vor­dem ge­kannt.

Aber doch – die Fra­ge muß be­ant­wor­tet sein –, wa­rum wirkt trotz sol­cher dä­mo­ni­scher Voll­en­dung der Wahr­heit Dos­t­o­jew­skis Werk, die­ses ir­di­sches­te al­ler Wer­ke, doch wie­der­um un­ir­disch auf uns, als Welt zwar, aber doch wie ei­ne ne­ben oder über un­se­rer Welt, nur nicht sie selbst? Wa­rum ste­hen wir in­nen mit un­se­rem tiefs­ten Ge­fühl und sind doch ir­gend­wie be­frem­det? Wa­rum brennt in al­len sei­nen Ro­ma­nen et­was wie künst­li­ches Licht und ist Raum dar­in­nen wie aus Hal­lu­zi­na­tio­nen und Träu­men? Wa­rum emp­fin­den wir ihn, die­sen äu­ßers­ten Rea­lis­ten, im­mer mehr als Som­nam­bu­len denn als Dar­stel­ler der Wirk­lich­keit? Wa­rum ist trotz al­ler Feu­rig­keit, ja Über­hitzt­heit doch nicht frucht­ba­re Son­nen­wär­me dar­in, son­dern ir­gend­ein schmerz­haf­tes Nord­licht, blu­tig und blen­dend, wa­rum emp­fin­den wir die­se wahrs­te Dar­stel­lung des Le­bens, die je ge­ge­ben wur­de, doch ir­gend­wie nicht als das Le­ben selbst? Als un­ser ei­ge­nes Le­ben?

Ich ver­su­che zu ant­wor­ten. Das höchs­te Maß der Ver­glei­che ist für Dos­t­o­jew­ski nicht zu ge­ring, und am Er­ha­bens­ten, am Un­ver­gäng­lichs­ten der Welt­li­te­ra­tur kön­nen sie ge­wer­tet wer­den. Für mich ist die Tra­gö­die der Ka­ra­ma­s­offs nicht ge­rin­ger als die Ver­stri­ckun­gen der Ores­tie, die Epik Ho­mers, der er­ha­be­ne Um­riß von Goe­thes Werk. Sie al­le, die­se Wer­ke, sind so­gar ein­fäl­ti­ger, schlich­ter, we­ni­ger er­kennt­nis­reich, we­ni­ger zu­kunfts­träch­tig als die Dos­t­o­jew­skis. Aber sie sind doch ir­gend­wie wei­cher und freund­sa­mer für die See­le, sie ge­ben Er­lö­sung des Ge­fühls, wäh­rend Dos­t­o­jew­ski nur Er­kennt­nis gibt. Ich glau­be: die­se ih­re Ent­span­nung dan­ken sie, daß sie nicht so mensch­lich, nur mensch­lich sind. Sie ha­ben um sich ei­nen hei­li­gen Rah­men von strah­len­dem Him­mel, von Welt, ei­nen Atem von Wie­sen und Fel­dern, ei­nen Stern­blick von Him­mel, wo sich das Ge­fühl, das ver­schreck­te, ent­spannt hin­flüch­tet und be­freit. Im Ho­mer, mit­ten in den Schlach­ten, im blu­tigs­ten Ge­met­zel der Men­schen ste­hen ein paar Zei­len der Schil­de­rung, und man at­met sal­zi­gen Wind vom Meer, das sil­ber­ne Licht Grie­chen­lands glänzt über die Blut­statt, be­se­ligt er­kennt das Ge­fühl den schmet­tern­den Kampf der Men­schen als ei­nen klei­nen nich­ti­gen Wahn ge­gen das Ewi­ge der Din­ge. Und man at­met auf, man ist er­löst von der mensch­li­chen Trü­be. Auch Faust hat sei­nen Os­ter­sonn­tag, schwingt die ei­ge­ne Qual in die zer­klüf­te­te Na­tur, wirft sei­nen Ju­bel in den Früh­ling der Welt. In al­len die­sen Wer­ken er­löst die Na­tur von der Men­schen­welt. Dos­t­o­jew­ski aber fehlt die Land­schaft, fehlt die Ent­span­nung. Sein Kos­mos ist nicht die Welt, son­dern nur der Mensch. Er ist taub für Mu­sik, blind für Bil­der, stumpf für Land­schaft: mit ei­ner un­ge­heue­ren Gleich­gül­tig­keit ge­gen die Na­tur, ge­gen die Kunst ist sein un­er­gründ­li­ches, sein un­ver­gleich­li­ches Wis­sen um den Men­schen be­zahlt. Und al­les Nur-Mensch­li­che hat ei­ne Trü­be von Un­zu­läng­lich­keit. Sein Gott wohnt nur in der See­le, nicht auch in den Din­gen, ihm fehlt je­nes kost­ba­re Korn Pan­the­is­mus, das die deut­schen, das die hel­le­ni­schen Wer­ke so se­lig und so be­frei­end macht. Sei­ne, Dos­t­o­jew­skis, Wer­ke, sie spie­len al­le ir­gend­wie in un­ge­lüf­te­ten Stu­ben, in ru­ßi­gen Stra­ßen, in duns­ti­gen Knei­pen, ei­ne dump­fe mensch­li­che, all­zu mensch­li­che Luft ist dar­in­nen, die nicht klä­rend durch­wühlt wird vom Wind aus den Him­meln und dem Sturz der Jah­res­zei­ten. Man ver­su­che doch ein­mal sich zu ent­sin­nen bei sei­nen gro­ßen Wer­ken, bei „Ras­kol­ni­koff“, dem „Idio­ten“, bei den „Ka­ra­ma­s­offs“, dem „Jüng­ling“, in wel­cher Jah­res­zeit, in wel­cher Land­schaft sie spie­len. Ist es Som­mer, Früh­ling oder Herbst? Viel­leicht ist es ir­gend­wo ge­sagt. Aber man fühlt es nicht. Man at­met es, man schmeckt es, man spürt, man er­lebt es nicht. Sie spie­len al­le nur ir­gend­wo im Dun­kel des Her­zens, das die Blitz­schlä­ge der Er­kennt­nis sprung­haft er­hel­len, im luft­lee­ren Hohl­raum des Hir­nes, oh­ne Ster­ne und Blu­men, oh­ne Stil­le und Schwei­gen. Groß­stadt­rauch ver­dun­kelt den Him­mel ih­rer See­le. Es feh­len ih­nen die Ru­he­punk­te der Er­lö­sung vom Mensch­li­chen, je­ne se­ligs­ten Ent­span­nun­gen, die bes­ten des Men­schen, wenn er den Blick von sich selbst und sei­nen Lei­den ge­gen die fühl­lo­se, lei­den­schafts­lo­se Welt kehrt. Das ist das Schat­ten­haf­te in sei­nen Bü­chern: wie von ei­ner grau­en Wand von Elend und Dun­kel­heit he­ben sich sei­ne Ge­stal­ten ab, sie ste­hen nicht frei und klar in ei­ner wirk­li­chen Welt, son­dern in ei­ner Un­end­lich­keit bloß des Ge­fühls. Sei­ne Sphä­re ist See­len­welt und nicht Na­tur, sei­ne Welt nur die Mensch­heit.

Aber auch sei­ne Mensch­heit selbst, so wun­der­bar wahr­haf­tig je­der ein­zel­ne ist, so fehl­los ihr lo­gi­scher Or­ga­nis­mus, auch sie ist in ih­rer Ge­samt­heit in ei­nem ge­wis­sen Sin­ne un­wirk­lich: et­was von Ge­stal­ten aus Träu­men haf­tet ih­nen an, und ihr Schritt geht im Raum­lo­sen wie der von Schat­ten. Da­mit sei nicht ge­sagt, daß sie ir­gend­wie un­wahr wä­ren. Im Ge­gen­teil: sie sind über­wahr. Denn Dos­t­o­jew­skis Psy­cho­lo­gie ist ei­ne fehl­lo­se, aber sei­ne Men­schen sind nicht plas­tisch, son­dern sub­lim ge­se­hen und durch­fühlt, weil sie ein­zig aus See­le ge­stal­tet sind und nicht aus Kör­per­lich­keit. Dos­t­o­jew­skis Men­schen ken­nen wir al­le nur als wan­deln­des und ge­wan­del­tes Ge­fühl, We­sen aus Ner­ven und See­len, bei de­nen man es fast ver­gißt, daß die­ses Blut durch Fleisch rinnt. Nie rührt man sie ge­wis­ser­ma­ßen kör­per­lich an. Auf den zwan­zig­tau­send Sei­ten sei­nes Wer­kes ist nie ge­schil­dert, daß ei­ner sei­ner Men­schen sitzt, daß er ißt, daß er trinkt, im­mer füh­len, spre­chen oder kämp­fen sie nur. Sie schla­fen nicht (es sei denn, daß sie hell­se­he­risch träu­men), sie ru­hen nicht, im­mer sind sie im Fie­ber, im­mer den­ken sie. Nie sind sie ve­ge­ta­tiv, pflanz­lich, tie­risch, stumpf, im­mer nur be­wegt, er­regt, ge­spannt, und im­mer, im­mer wach. Wach und so­gar über­wach. Im­mer im Su­per­la­tiv ih­res Seins. Al­le ha­ben sie die see­li­sche Über­sich­tig­keit Dos­t­o­jew­skis, al­le sind sie Hell­se­her, Te­le­pa­then, Hal­lu­zi­nan­ten, al­le py­thi­sche Men­schen, und al­le durch­tränkt bis in die letz­ten Tie­fen ih­res We­sens von psy­cho­lo­gi­scher Wis­sen­schaft. Im ge­mei­nen, im ba­na­len Le­ben ste­hen – er­in­nern wir uns nur – die meis­ten Men­schen im Kon­flikt mit­ein­an­der und dem Schick­sal ein­zig dar­um, weil sie sich nicht ver­ste­hen, weil sie ei­nen bloß ir­di­schen Ver­stand ha­ben. Shake­speare, der an­de­re gro­ße Psy­cho­lo­ge der Mensch­heit, baut die Hälf­te sei­ner Tra­gö­di­en auf die­se ein­ge­bo­re­ne Un­wis­sen­heit, auf die­ses Fun­da­ment von Dun­kel, das zwi­schen Mensch und Mensch als Ver­häng­nis, als Stein des An­sto­ßes liegt. Lear miß­traut sei­ner Toch­ter, denn er ahnt ih­ren Edel­mut nicht, die Grö­ße der Lie­be, die sich hier in Scham­haf­tig­keit ver­schanzt, Ot­hel­lo wie­der­um nimmt sich Ja­go als Ein­flüs­te­rer, Cä­sar liebt Bru­tus, sei­nen Mör­der, al­le sind sie dem wah­ren We­sen der ir­di­schen Welt, der Täu­schung ver­fal­len. Bei Shake­speare wird wie im rea­len Le­ben das Miß­ver­ständ­nis, die ir­di­sche Un­zu­läng­lich­keit, zeu­gen­de tra­gi­sche Kraft, die Quel­le al­ler Kon­flik­te. Die Men­schen Dos­t­o­jew­skis aber, die­se Über­wis­sen­den, sie ken­nen kein Miß­ver­ste­hen. Je­der ahnt im­mer pro­phe­tisch den an­de­ren, sie ver­ste­hen ein­an­der rest­los bis in die letz­ten Tie­fen, sie sau­gen sich das Wort aus dem Mun­de, noch ehe es ge­sagt ist, und den Ge­dan­ken noch aus dem Mut­ter­leib der Emp­fin­dung. Sie wit­tern, sie ah­nen ein­an­der al­le im vor­aus, nie ent­täu­schen sie sich, nie stau­nen sie, je­des ein­zel­nen See­le um­faßt in ge­heim­nis­vol­ler Wit­te­rung schon der an­de­ren Sinn. Das Un­be­wuß­te, das Un­ter­be­wuß­te ist bei ih­nen über­ent­wi­ckelt, al­le sind sie Pro­phe­ten, al­le Ah­nen­de und Vi­sio­nä­re, über­la­den von Dos­t­o­jew­ski mit sei­ner ei­ge­nen mys­ti­schen Durch­drin­gung des Seins und des Wis­sens. Ich will ein Bei­spiel wäh­len, um deut­li­cher zu sein. Na­stass­ja Phil­i­pow­na wird von Ro­go­schin er­mor­det. Sie weiß es vom ers­ten Ta­ge, da sie ihn er­blickt, weiß es in je­der Stun­de, in der sie ihm an­ge­hört, daß er sie er­mor­den wird, sie flieht vor ihm, weil sie es weiß, und flüch­tet zu­rück, weil sie ihr ei­ge­nes Schick­sal be­gehrt. Sie kennt das Mes­ser so­gar Mo­na­te vor­aus, das ihr die Brust durch­stößt. Und Ro­go­schin weiß es, auch er kennt das Mes­ser und eben­so My­sch­kin. Sei­ne Lip­pen zit­tern, wenn er ein­mal im Ge­spräch zu­fäl­lig Ro­go­schin mit die­sem Mes­ser spie­len sieht. Und glei­cher­wei­se beim Mor­de Fe­dor Ka­ra­ma­s­offs ist das Wis­sens­un­mög­li­che al­len be­wußt. Der Sta­retz fällt in die Knie, weil er das Ver­bre­chen wit­tert, selbst der Spöt­ter Ra­ki­tin weiß die­se Zei­chen zu deu­ten. Al­joscha küßt sei­nes Va­ters Schul­ter, wie er von ihm Ab­schied nimmt, auch sein Ge­fühl weiß es, daß er ihn nicht mehr sieht. Iwan fährt nach Tcher­ma­schnjä, um nicht Zeu­ge des Ver­bre­chens zu sein. Der Schmutz­fink Smerd­ja­koff sagt es ihm lä­chelnd vor­aus. Al­le, al­le wis­sen sie es, und den Tag und die Stun­de und den Ort aus ei­ner Über­la­den­heit mit pro­phe­ti­scher Er­kennt­nis, die un­wahr­schein­lich ist in ih­rer Zu­viel­fäl­tig­keit. Al­le sind sie Pro­phe­ten, Er­ken­ner, al­le Al­les­ver­ste­her.

Hier wie­der in der Psy­cho­lo­gie er­kennt man je­ne zwie­fa­che Form al­ler Wahr­heit für den Künst­ler. Ob­wohl Dos­t­o­jew­ski den Men­schen tie­fer kennt als ir­gend­ei­ner vor ihm, so ist ihm doch Shake­speare über­le­gen als Ken­ner der Mensch­heit. Er hat das Ge­misch­te des Da­seins er­kannt, das Ge­mei­ne und Gleich­gül­ti­ge ne­ben das Gran­dio­se ge­stellt, wo Dos­t­o­jew­ski ei­nen je­den ins Un­end­li­che stei­gert. Shake­speare hat die Welt im Fleisch er­kannt, Dos­t­o­jew­ski im Geist. Sei­ne Welt ist viel­leicht die voll­kom­mens­te Hal­lu­zi­na­ti­on der Welt, ein tie­fer und pro­phe­ti­scher Traum von der See­le, ein Traum, der die Wirk­lich­keit noch über­flü­gelt: aber Rea­lis­mus, der über sich selbst hin­aus ins Phan­tas­ti­sche reicht. Der Über­rea­list Dos­t­o­jew­ski, der Über­schrei­ter al­ler Gren­zen, er hat die Wirk­lich­keit nicht ge­schil­dert: er hat sie über sich selbst hin­aus ge­stei­gert.

Von in­nen al­so, von der See­le al­lein, ist hier die Welt in Kunst ge­stal­tet, von in­nen ge­bun­den, von in­nen er­löst. Die­se Art von Kunst, die tiefs­te und mensch­lichs­te al­ler, hat kei­ne Vor­fah­ren in der Li­te­ra­tur, we­der in Ruß­land noch ir­gend­wo in der Welt. Die­ses Werk hat nur Brü­der in der Fer­ne. An die grie­chi­schen Tra­gi­ker ge­mahnt manch­mal der Krampf und die Not, die­ses Über­maß von Qual in den Men­schen, die un­ter dem Griff des über­mäch­ti­gen Schick­sa­les sich krüm­men, an Mi­che­lan­ge­lo manch­mal durch die mys­ti­sche, stei­ner­ne, un­er­lös­ba­re Trau­rig­keit der See­le. Aber der wah­re Bru­der Dos­t­o­jew­skis durch die Zei­ten ist Rem­brandt. Bei­de stam­men sie aus ei­nem Le­ben von Müh­sal, Ent­beh­rung, Ver­ach­tung, Aus­ge­sto­ße­ne der Ir­disch­keit, ge­peitscht von den Büt­teln des Gel­des in die tiefs­te Tie­fe des mensch­li­chen Seins hin­ab. Bei­de wis­sen sie um den schöp­fe­ri­schen Sinn der Kon­tras­te, den ewi­gen Streit von Dun­kel und Licht, und wis­sen, daß kei­ne Schön­heit tie­fer ist als die hei­li­ge der See­le, die aus der Nüch­tern­heit des Seins ge­won­nen ist. Wie Dos­t­o­jew­ski sei­ne Hei­li­gen aus rus­si­schen Bau­ern, Ver­bre­chern und Spie­lern, ge­stal­tet sich Rem­brandt sei­ne bib­li­schen Fi­gu­ren von den Mo­del­len der Ha­fen­gas­sen; bei­den ist in den nie­ders­ten For­men des Le­bens ir­gend­ei­ne ge­heim­nis­vol­le, neue Schön­heit ver­bor­gen, bei­de fin­den sie ih­ren Chris­tus im Ab­hub des Volks. Bei­de wis­sen sie von dem stän­di­gen Spiel und Wi­der­spiel der Er­den­kräf­te, von Licht und Dun­kel, das gleich mäch­tig im Le­ben­di­gen wie im Be­seel­ten wal­tet, und hier wie dort ist al­les Licht aus dem letz­ten Dun­kel des Le­bens ge­nom­men. Je mehr man in die Tie­fe der Bil­der Rem­brandts, der Bü­cher Dos­t­o­jew­skis blickt, sieht man das letz­te Ge­heim­nis der welt­li­chen und geis­ti­gen For­men sich ent­rin­gen: All­mensch­lich­keit. Und wo die See­le zu­erst nur schat­ten­haf­te Form, nur trü­be Wirk­lich­keit zu schau­en meint, er­kennt sie, tie­fer bli­ckend, mit er­ken­nen­der Lust ent­run­ge­nes Licht: je­nen hei­li­gen Glanz, der als Mär­ty­rer­kro­ne über den letz­ten Din­gen des Le­bens liegt.

AR­CHI­TEK­TUR UND LEI­DEN­SCHAFT

„Que ce­lui ai­me peu, qui ai­me la me­su­re!“

La Boe­tie

„Al­les treibst du bis zur Lei­den­schaft.“ Das Wort Na­stass­ja Phil­i­pow­nas trifft al­le Men­schen Dos­t­o­jew­skis und trifft vor al­lem ihn, Dos­t­o­jew­ski selbst, mit­ten in die See­le. Nur lei­den­schaft­lich kann die­ser Ge­wal­ti­ge den Phä­no­me­nen des Le­bens ent­ge­gen­tre­ten und dar­um am lei­den­schaft­lichs­ten sei­ner lei­den­schaft­lichs­ten Lie­be: der Kunst. Selbst­ver­ständ­lich, daß der schöp­fe­ri­sche Pro­zeß, die künst­le­ri­sche Be­mü­hung, bei ihm nicht ei­ne ge­ru­hi­ge, ord­nend auf­bau­en­de, kühl be­rech­nend ar­chi­tek­to­ni­sche ist. Dos­t­o­jew­ski schreibt im Fie­ber, wie er im Fie­ber denkt, im Fie­ber lebt. Un­ter der Hand, die die Wor­te in flie­ßen­den klei­nen Per­len­ket­ten (er hat die ner­vö­se Eil­schrift al­ler hit­zi­gen Men­schen) über das Pa­pier rin­nen läßt, häm­mert der Puls in ver­dop­pel­ten Schlä­gen, sei­ne Ner­ven zu­cken im Krampf. Schöp­fung ist ihm Ek­sta­se, Qual, Ent­zü­ckung und Zer­schmet­te­rung, ei­ne zum Schmerz ge­stei­ger­te Wol­lust, ein zur Wol­lust ge­stei­ger­ter Schmerz, das ewi­ge Spas­ma, der im­mer wie­der­hol­te vul­ka­ni­sche Aus­bruch sei­ner über­mäch­ti­gen Na­tur. „Un­ter Trä­nen“ schreibt der Zwei­und­zwan­zig­jäh­ri­ge sein ers­tes Werk „Ar­me Leu­te“, und seit­dem ist je­de Ar­beit ei­ne Kri­se, ei­ne Krank­heit. „Ich ar­bei­te ner­vös, un­ter Qual und Sor­gen. Wenn ich an­ge­strengt ar­bei­te, bin ich auch phy­sisch krank.“ Und tat­säch­lich, die Epi­lep­sie, sei­ne mys­ti­sche Krank­heit, dringt ein mit ih­rem fieb­ri­gen, ent­zünd­li­chen Rhyth­mus, mit ih­ren dunk­len, dump­fen Hem­mun­gen, bis in die feins­ten Vi­bra­tio­nen sei­nes Werks. Im­mer aber schafft Dos­t­o­jew­ski mit dem Gan­zen sei­nes We­sens, im hys­te­ri­schen Fu­ror. Selbst die kleins­ten, schein­bar gleich­gül­ti­gen Par­ti­en sei­nes Wer­kes, wie die jour­na­lis­ti­schen Auf­sät­ze, sind ge­gos­sen und ge­schmol­zen in der feu­ri­gen Es­se sei­ner Lei­den­schaft. Nie schafft er mit dem bloß ab­ge­lös­ten, frei wir­ken­den Teil sei­ner schaf­fen­den Kraft, gleich­sam aus dem Hand­ge­lenk, aus der spiel­haf­ten Leich­tig­keit der Tech­nik, im­mer ballt er sei­ne gan­ze phy­si­sche Er­reg­bar­keit in das Ge­scheh­nis, bis an den letz­ten Nerv sei­nes Le­bens lei­dend und mit­lei­dend in sei­nen Ge­stal­ten. Al­le sei­ne Wer­ke sind gleich­sam ex­plo­siv in ra­sen­den Wet­ter­schlä­gen durch ei­nen un­ge­heu­ren at­mo­sphä­ri­schen Druck her­aus­ge­schwemmt. Dos­t­o­jew­ski kann nicht ge­stal­ten oh­ne in­ne­ren An­teil, und für ihn gilt das be­kann­te Wort über Stendhal: „Lorsqu’il n’avait pas d’émotion, il était sans es­prit.“ Wenn Dos­t­o­jew­ski nicht lei­den­schaft­lich war, war er nicht Dich­ter.

Aber Lei­den­schaft in der Kunst wird eben­so zer­stö­ren­des Ele­ment, als sie bild­ne­ri­sches war. Sie schafft nur das Cha­os der Kräf­te, dem der kla­re Geist erst die ewi­gen For­men er­löst. Al­le Kunst braucht die Un­ru­he als An­trieb der Ge­stal­tung, aber nicht min­der ei­ne über­le­gen-über­leg­te Ru­he der Aus­wä­gung zu ei­ner Voll­en­dung. Dos­t­o­jew­skis mäch­ti­ger, die Wirk­lich­keit dia­man­ten durch­drin­gen­der Geist weiß nun wohl um die mar­mor­ne, eher­ne Küh­le, die das gro­ße Kunst­werk um­wit­tert. Er liebt, er ver­göt­tert die gro­ße Ar­chi­tek­to­nik, er ent­wirft pracht­vol­le Ma­ße, er­ha­be­ne Ord­nun­gen des Welt­bil­des. Aber im­mer wie­der über­flu­tet das lei­den­schaft­li­che Ge­fühl die Fun­da­men­te. Der Zwie­spalt, der ewi­ge zwi­schen Herz und Geist, wirkt auch im Wer­ke und nennt sich hier Kon­trast von Ar­chi­tek­to­nik und Lei­den­schaft. Ver­ge­bens sucht Dos­t­o­jew­ski als Künst­ler ob­jek­tiv zu schaf­fen, au­ßen zu blei­ben, bloß zu er­zäh­len und zu ge­stal­ten, Epi­ker zu sein, Re­fe­rent von Ge­scheh­nis­sen, Ana­ly­ti­ker der Ge­füh­le. Un­wi­der­steh­lich reißt ihn sei­ne Lei­den­schaft in Lei­den und Mit­lei­den im­mer wie­der in die ei­ge­ne Welt. Im­mer ist et­was vom Cha­os des An­fangs selbst in den voll­en­de­ten Wer­ken Dos­t­o­jew­skis, nie die Har­mo­nie er­reicht („Ich has­se die Har­mo­nie“, so schreit Iwan Ka­ra­ma­s­off, der Ver­rä­ter sei­ner ge­heims­ten Ge­dan­ken). Auch hier ist zwi­schen Form und Wil­le kein Frie­de, kein Aus­gleich, son­dern – o ewi­ge Zwei­heit sei­nes We­sens, al­le For­men durch­drin­gend von der kal­ten Scha­le bis zum glü­hends­ten Ker­ne! – ein un­ab­läs­si­ger Kampf zwi­schen au­ßen und in­nen. Der ewi­ge Dua­lis­mus sei­nes We­sens heißt im epi­schen Wer­ke Kampf zwi­schen Ar­chi­tek­tur und Lei­den­schaft.

Nie er­reicht Dos­t­o­jew­ski in sei­nen Ro­ma­nen, was man fach­män­nisch „den epi­schen Vor­trag“ nennt, je­nes gro­ße Ge­heim­nis, be­weg­tes Ge­sche­hen in ru­hi­ger Dar­stel­lung zu bän­di­gen, das von Ho­mer bis Gott­fried Kel­ler und Tol­stoi sich in un­end­li­cher Ah­nen­rei­he von Meis­ter auf Meis­ter ver­erbt. Lei­den­schaft­lich formt er sei­ne Welt, und nur lei­den­schaft­lich, nur er­regt, kann man sie ge­nie­ßen. Nie stellt sich in sei­nen Bü­chern je­nes sanf­te rhyth­mi­sche, ein­wie­gen­de Ge­fühl der Be­hag­lich­keit ein, nie fühlt man sich si­cher und au­ßen ge­gen­über den Ge­scheh­nis­sen, gleich­sam an dem si­che­ren Ufer, Bran­dung und Tu­mult ei­nes er­reg­ten Mee­res schau­spiel­haft be­trach­tend. Im­mer ist man in­nen bei ihm ein­ge­wühlt, ver­strickt in die Tra­gö­die. Wie ei­ne Krank­heit er­lebt man die Kri­se sei­ner Men­schen im Blu­te, wie ei­ne Ent­zün­dung bren­nen die Pro­ble­me im auf­ge­peitsch­ten Ge­fühl. Mit al­len un­se­ren Sin­nen taucht er uns in sei­ne bren­nen­de At­mo­sphä­re, stößt er uns an den Ab­grund­rand der See­le, wo wir keu­chend ste­hen, schwin­de­li­gen Ge­fühls, mit ab­ge­ris­se­nem Atem. Und erst, wenn un­se­re Pul­se ja­gen wie die sei­nen, wir selbst der dä­mo­ni­schen Lei­den­schaft ver­fal­len sind, erst dann ge­hört sein Werk ganz uns, ge­hö­ren wir ihm ganz. Dos­t­o­jew­ski will eben nur an­ge­spann­te, ge­stei­ger­te Men­schen als Mit­emp­fin­der sei­ner Epik, so wie er sie als sei­ne Hel­den wählt. Die Leih­bi­blio­theks­kon­su­men­ten, die be­hag­li­chen Fla­neu­re des Le­sens, die Spa­zier­gän­ger auf den Bür­ger­stei­gen aus­ge­tre­te­ner Pro­ble­me, müs­sen auf ihn und er auf sie ver­zich­ten. Nur der bren­nen­de Mensch, der lei­den­schaft­lich ent­zün­de­te, der glü­hen­de im Ge­fühl, fin­det hin­ab in sei­ne wah­re Sphä­re.

Es läßt sich nicht ver­leug­nen, nicht ver­ber­gen, nicht ver­schö­nern: das Ver­hält­nis Dos­t­o­jew­skis zum Le­ser ist we­der ein freund­schaft­li­ches noch ein be­hag­li­ches, son­dern ei­ne Zwie­tracht voll ge­fähr­li­cher, grau­sa­mer, wol­lüs­ti­ger In­stink­te. Es ist ei­ne lei­den­schaft­li­che Be­zie­hung wie zwi­schen Mann und Weib, nicht wie bei den an­dern Dich­tern ein Ver­hält­nis der Freund­schaft und des Ver­trau­ens. Di­ckens oder Gott­fried Kel­ler, sei­ne Zeit­ge­nos­sen, füh­ren mit sanf­ter Über­re­dung, mit mu­si­ka­li­scher Lo­ckung den Le­ser in ih­re Welt, sie plau­dern ihn freund­lich ins Ge­scheh­nis hin­ein, sie rei­zen nur die Neu­gier, die Phan­ta­sie, nicht aber wie Dos­t­o­jew­ski das gan­ze auf­schäu­men­de Herz. Er, der Lei­den­schaft­li­che, will uns ganz ha­ben, nicht bloß un­se­re Neu­gier, un­ser In­ter­es­se, er be­gehrt un­se­re gan­ze See­le, selbst un­se­re Kör­per­lich­keit. Zu­erst lädt er die in­ne­re At­mo­sphä­re mit Elek­tri­zi­tät, raf­fi­niert stei­gert er un­se­re Reiz­bar­keit. Ei­ne Art Hyp­no­se setzt ein, ein Wil­lens­ver­lust in sei­nen lei­den­schaft­li­chen Wil­len: wie das dump­fe Mur­meln des Be­schwö­ren­den, end­los und sinn­los um­tut er den Sinn mit brei­ten Ge­sprä­chen, reizt mit Ge­heim­nis und An­deu­tun­gen die An­teil­nah­me bis tief nach in­nen. Er dul­det nicht, daß wir zu früh uns hin­ge­ben, er dehnt in wol­lüs­ti­gem Wis­sen die Mar­ter der Vor­be­rei­tung, Un­ru­he be­ginnt in ei­nem lei­se zu ko­chen, aber im­mer wie­der ver­zö­gert er, neue Fi­gu­ren vor­schie­bend, neue Bil­der ent­rol­lend, den Ein­blick in das Ge­scheh­nis. Ein wis­sen­der, ein wol­lüs­ti­ger Ero­ti­ker, hält er sei­ne, hält er un­se­re Hin­ge­bung mit teuf­li­scher Wil­lens­kraft zu­rück und stei­gert da­mit den in­nern Druck, die Ge­reizt­heit der At­mo­sphä­re ins Un­end­li­che. Schick­sal­s­träch­tig fühlt man über sich ein Ge­wölk von Tra­gik (wie lan­ge dau­ert es in Ras­kol­ni­koff, ehe man weiß, daß all die­se sinn­lo­sen see­li­schen Zu­stän­de Vor­be­rei­tun­gen zu sei­nem Mor­de sind, und doch spürt man längst in den Ner­ven Furcht­ba­res vor­aus!), auf dem Him­mel der See­le wet­ter­leuch­tet schau­ri­ge Ah­nung. Aber Dos­t­o­jew­skis sinn­li­che Wol­lüs­tig­keit be­rauscht sich im Raf­fi­ne­ment der Ver­zö­ge­rung, sie pri­ckelt wie Na­del­sti­che klei­ne An­deu­tun­gen in die Haut des Emp­fin­dens. Mit sa­ta­ni­scher Ver­lang­sa­mung stellt Dos­t­o­jew­ski vor sei­nen gro­ßen Sze­nen noch Sei­ten und Sei­ten mys­ti­scher und dä­mo­ni­scher Lang­wei­le, bis er in dem Reiz­men­schen (ein an­de­rer fühlt ja nichts von die­sen Din­gen) ein geis­ti­ges Fie­ber, ei­ne phy­si­sche Qual er­zeugt. Auch das Lust­ge­fühl der Span­nung treibt die­ser Fa­na­ti­ker des Kon­tras­tes bis in den Schmerz hin­ein, und erst dann, wenn im über­heiz­ten Kes­sel der Brust das Ge­fühl schon bro­delt und die Wän­de spren­gen will, dann erst schlägt er ei­nem mit dem Ham­mer auf das Herz, dann zuckt ei­ne je­ner sub­li­men Se­kun­den nie­der, wo wie ein Blitz die Er­lö­sung aus dem Him­mel sei­nes Wer­kes in die Tie­fe un­se­rer Her­zen fährt. Erst wenn die Span­nung un­er­träg­lich ge­wor­den ist, zer­reißt Dos­t­o­jew­ski das epi­sche Ge­heim­nis und löst das zer­spann­te Ge­fühl in wei­che, flu­ten­de, trä­nen­feuch­te Emp­fin­dung.

So feind­lich, so wol­lüs­tig, so raf­fi­niert lei­den­schaft­lich um­stellt, um­faßt Dos­t­o­jew­ski sei­ne Le­ser. Nicht im Ring­kampf zwingt er sie nie­der, son­dern wie ein Mör­der, der stun­den­lang und stun­den­lang sein Op­fer um­kreist, durch­stößt er ei­nem dann plötz­lich mit ei­ner spit­zen Se­kun­de das Herz. So lei­den­schaft­lich ist er im ei­ge­nen Auf­ruhr, daß man zwei­felt, ihn noch ei­nen Epi­ker nen­nen zu dür­fen. Sei­ne Tech­nik ist ei­ne ex­plo­si­ve: er höhlt nicht kärr­n­er­haft, Schau­fel um Schau­fel, die Stra­ße in sein Werk hin­ein, son­dern von in­nen her­auf mit ei­ner ins kleins­te ge­ball­ten Kraft sprengt er die Welt auf und die er­lös­te Brust. Ganz un­ter­ir­disch sind sei­ne Vor­be­rei­tun­gen, gleich­sam ei­ne Ver­schwö­rung, ei­ne blitz­ar­ti­ge Über­ra­schung für den Le­ser. Nie weiß man, ob­wohl man fühlt, daß man ei­ner Ka­ta­stro­phe ent­ge­gen­geht, in wel­chen Men­schen er die Stol­len sei­ner Mi­nen­gän­ge ein­gräbt, von wel­cher Sei­te, in wel­cher Stun­de die furcht­ba­re Ent­la­dung er­folgt. Von je­dem ein­zel­nen führt ein Schacht in den Mit­tel­punkt des Ge­sche­hens, je­der ein­zel­ne ist ge­la­den mit dem Zünd­stoff der Lei­den­schaft. Wer aber den Kon­takt zün­det (zum Bei­spiel, wer von den vie­len, die al­le in­ner­lich von den Ge­dan­ken ver­gif­tet sind, den Fe­dor Ka­ra­ma­s­off tö­tet), das ist mit ei­ner un­er­hör­ten Kunst ver­bor­gen bis zum letz­ten Au­gen­blick, denn Dos­t­o­jew­ski, der al­les ah­nen läßt, ver­rät nichts von sei­nem Ge­heim­nis. Man fühlt nur im­mer das Schick­sal wie ei­nen Maul­wurf un­ter der Flä­che des Le­bens wüh­len, fühlt, wie sich bis hart un­ter un­ser Herz die Mi­ne vor­schiebt, und ver­geht, ver­zehrt sich in un­end­li­cher Span­nung bis zu den klei­nen Se­kun­den, die wie ein Blitz die Schwü­le der At­mo­sphä­re zer­schnei­den.

Und für die­se klei­nen Se­kun­den, für die un­er­hör­te Kon­zen­tra­ti­on des Zu­stan­des be­nö­tigt der Epi­ker Dos­t­o­jew­ski ei­ne bis­her un­ge­kann­te Wucht und Brei­te der Dar­stel­lung. Nur ei­ne mo­nu­men­ta­le Kunst kann solch ei­ne In­ten­si­tät, ei­ne sol­che Kon­zen­tra­ti­on er­zie­len, nur ei­ne Kunst ur­welt­li­cher Grö­ße und my­thi­scher Wucht. Hier ist Brei­te nicht Ge­schwät­zig­keit, son­dern Ar­chi­tek­tur: wie für die Spit­zen der Py­ra­mi­den rie­si­ge Fun­da­men­te, sind für die spit­zen Hö­he­punk­te bei Dos­t­o­jew­ski die ge­wal­ti­gen Di­men­sio­nen sei­ner Ro­ma­ne not­wen­dig. Und wirk­lich, wie die Wol­ga, der Dnjepr, die gro­ßen Strö­me sei­ner Hei­mat, rol­len die­se Ro­ma­ne da­hin. Et­was Strom­haf­tes ist ih­nen al­len zu ei­gen, lang­sam wo­gend rol­len sie un­ge­heue­re Men­gen des Le­bens her­an. Auf ih­ren Tau­sen­den und Tau­sen­den Sei­ten schwem­men sie, ge­le­gent­lich die Ufer des künst­le­ri­schen Ge­stal­tens über­tre­tend, viel po­li­ti­sches Ge­röll und po­le­mi­sches Ge­stein mit sich fort. Manch­mal, wo die In­spi­ra­ti­on nach­läßt, ha­ben sie auch brei­te, san­di­ge Stel­len. Schon schei­nen sie zu ver­sie­gen. In sto­cken­dem Lauf win­den sich müh­sam durch Krüm­mun­gen und Wir­run­gen die Ge­scheh­nis­se wei­ter, die Flut sta­gniert an den Sand­bän­ken der Ge­sprä­che für Stun­den, bis sie wie­der dann die ei­ge­ne Tie­fe und den Schwung ih­rer Lei­den­schaft fin­det.

Aber dann, in der Nä­he des Mee­res, der Un­end­lich­keit, kom­men plötz­lich je­ne un­er­hör­ten Stel­len der Strom­schnel­le, wo sich die brei­te Er­zäh­lung zum Wir­bel zu­sam­men­ballt, die Sei­ten gleich­sam flie­gen, das Tem­po be­ängs­ti­gend wird, die See­le mit­ge­ris­sen in den Ab­grund des Ge­fühls hin­pfeilt. Schon fühlt man die na­he Tie­fe, schon don­nert der Was­ser­sturz her, die gan­ze brei­te schwe­re Mas­se ist plötz­lich in schäu­men­de Ge­schwin­dig­keit ver­wan­delt, und wie die Strö­mung der Er­zäh­lung, gleich­sam ma­gne­tisch vom Ka­ta­rakt an­ge­zo­gen, der Ka­thar­sis zu­schäumt, so sau­sen wir selbst un­will­kür­lich ra­scher durch die­se Sei­ten und stür­zen dann plötz­lich in den Ab­grund des Ge­sche­hens, gleich­sam mit zer­schmet­ter­ten Ge­füh­len.

Und die­ses Ge­fühl, wo gleich­sam die un­ge­heue­re Sum­me des Le­bens in ei­ner ein­zi­gen Zif­fer ge­zo­gen ist, die­ses Ge­fühl äu­ßers­ter Kon­zen­tra­ti­on, qual­voll und schwind­lig zu­gleich, das er selbst ein­mal das „Turm­ge­fühl“ nennt, – den gött­li­chen Wahn­sinn, sich über die ei­ge­ne Tie­fe zu beu­gen und die Se­lig­keit des töd­li­chen Nie­der­stur­zes vor­emp­fin­dend zu ge­nie­ßen – die­ses äu­ßers­te Ge­fühl, in dem man mit dem gan­zen Le­ben auch noch den Tod emp­fin­det, es ist im­mer auch die un­sicht­ba­re Spit­ze der gro­ßen epi­schen Py­ra­mi­den Dos­t­o­jew­skis. Al­le Ro­ma­ne sind viel­leicht nur ge­schrie­ben um die­ser Au­gen­bli­cke der weiß­glü­hen­den Emp­fin­dung wil­len. Zwan­zig oder drei­ßig sol­cher gran­dio­ser Stel­len hat Dos­t­o­jew­ski ge­schaf­fen, und al­le sind sie von so un­ver­gleich­li­cher Ve­he­menz der lei­den­schaft­li­chen Zu­sam­men­bal­lung, daß sie ei­nem nicht nur beim ers­ten Le­sen, da sie ei­nen gleich­sam noch wehr­los über­fal­len, son­dern noch beim vier­ten oder fünf­ten Wie­der­ho­len wie ei­ne Stich­flam­me durch das Herz fah­ren. Im­mer sind in die­sem Au­gen­blick plötz­lich al­le Men­schen des gan­zen Bu­ches in ei­nem Zim­mer ver­sam­melt, im­mer al­le in der äu­ßers­ten In­ten­si­tät ih­res Ei­gen­wil­lens. Al­le Stra­ßen, al­le Strö­me, al­le Kräf­te lau­fen ma­gisch zu­sam­men, lö­sen sich auf in ei­ner ein­zi­gen Ges­te, ei­ner ein­zi­gen Ge­bär­de, ei­nem ein­zi­gen Wort. Ich er­in­ne­re nur an die Sze­ne in den „Dä­mo­nen“, wo die Ohr­fei­ge Scha­tows mit ih­rem „tro­cke­nen Schlag“ das Spinn­web des Ge­heim­nis­ses zer­reißt, wie im „Idio­ten“ Na­stass­ja Phil­i­pow­na die 100000 Ru­bel ins Feu­er wirft, oder die Ge­ständ­nis­sze­ne in „Ras­kol­ni­koff“ und den „Ka­ra­ma­s­off“. In die­sen höchs­ten, schon nicht mehr stoff­li­chen, in die­sen ganz ele­men­ta­ren Mo­men­ten sei­ner Kunst gat­tet sich rest­los Ar­chi­tek­tur und Lei­den­schaft. Nur in der Ek­sta­se ist Dos­t­o­jew­ski der ein­heit­li­che Mensch, nur in die­sen kur­zen Au­gen­bli­cken der voll­en­de­te Künst­ler. Aber die­se Sze­nen sind rein künst­le­risch ein Tri­umph der Kunst über den Men­schen oh­ne­glei­chen, denn erst rück­le­send wird man ge­wahr, mit ei­ner wie ge­nia­len Be­rech­nung al­le An­stie­ge zu die­sem Hö­he­punkt ge­führt sind, mit welch wis­sen­der Ver­tei­lung hier Men­schen und Um­stän­de sich ma­gisch er­gän­zen, wie die un­ge­heu­re Glei­chung, die tau­send­stel­li­ge und ver­schränk­te, sich plötz­lich auf­löst in die kleins­te Zahl, die letz­te, rest­lo­se Ein­heit des Ge­fühls: die Ek­sta­se. Das ist das größ­te künst­le­ri­sche Ge­heim­nis Dos­t­o­jew­skis, al­le sei­ne Ro­ma­ne zu sol­chen Spit­zen hin­auf­zu­bau­en, in de­nen sich die gan­ze elek­tri­sche At­mo­sphä­re des Ge­fühls sam­melt und die den Blitz des Schick­sals mit un­fehl­ba­rer Si­cher­heit in sich auf­fan­gen.

Muß noch be­son­ders auf den Ur­sprung die­ser ein­zig­ar­ti­gen Kunst­form hin­ge­wie­sen sein, die vor Dos­t­o­jew­ski kei­ner be­ses­sen und viel­leicht nie ein Künst­ler in glei­chem Ma­ße be­sit­zen wird? Muß es noch ge­sagt sein, daß die­ses Auf­zu­cken der ge­sam­ten Le­bens­kräf­te zu ein­zi­gen Se­kun­den nichts an­de­res ist, als in Kunst ver­wan­del­te, sinn­fäl­li­ge Form sei­nes ei­ge­nen Le­bens, sei­ner dä­mo­ni­schen Krank­heit? Nie ist das Lei­den ei­nes Künst­lers frucht­ba­rer ge­we­sen als die­se künst­le­ri­sche Ver­wand­lung der Epi­lep­sie, denn nie hat sich vor Dos­t­o­jew­ski in der Kunst ei­ne ähn­li­che Kon­zen­tra­ti­on von Le­bens­fül­le in das engs­te Maß von Raum und Zeit ge­bannt. Er, der am Se­menow­ski­platz ge­stan­den, die Au­gen ver­schnürt, und in zwei Mi­nu­ten sein gan­zes ver­gan­ge­nes Le­ben noch ein­mal durch­leb­te, der bei je­dem epi­lep­ti­schen An­fall in der Se­kun­de zwi­schen dem wan­ken­den Tau­mel und dem har­ten Nie­der­sturz vom Ses­sel auf den Bo­den Wel­ten vi­sio­när durchirrt, nur er konn­te die­se Kunst er­rei­chen, in ei­ne Nuß­scha­le von Zeit ei­nen Kos­mos von Ge­scheh­nis­sen ein­zu­bet­ten. Nur er das Un­wahr­schein­li­che sol­cher ex­plo­si­ver Se­kun­den so dä­mo­nisch ins Wirk­li­che zwin­gen, daß wir die­ser Fä­hig­keit der Über­win­dung von Raum und Zeit kaum ge­wahr wer­den. Wah­re Wun­der der Kon­zen­tra­ti­on sind sei­ne Wer­ke. Ich er­in­ne­re nur an ein Bei­spiel: Man liest den ers­ten Band des „Idio­ten“, der über 500 Sei­ten um­faßt. Ein Tu­mult von Schick­sal hat sich er­ho­ben, ein Cha­os von See­len ist durch­flo­gen, ei­ne Viel­zahl von Men­schen in­ner­lich be­lebt. Man hat mit ih­nen Stra­ßen durch­wan­dert, in Häu­sern ge­ses­sen, und plötz­lich, bei zu­fäl­li­gem Be­sin­nen, ent­deckt man, daß die­se gan­ze un­ge­heu­re Fül­le von Ge­scheh­nis­sen in ei­nem Ab­lauf von kaum zwölf Stun­den vor sich ging, von Mor­gen bis Mit­ter­nacht. Eben­so ist die phan­tas­ti­sche Welt der Ka­ra­ma­s­off in bloß ein paar Ta­ge, die Ras­kol­ni­koffs in ei­ne Wo­che zu­sam­men­ge­ballt, – Meis­ter­stü­cke der Ge­drängt­heit, wie sie ein Epi­ker noch nie und selbst das Le­ben nur in den sel­tens­ten Au­gen­bli­cken er­reicht. Ein­zig die an­ti­ke Tra­gö­die des Ödi­pus et­wa, der in der en­gen Span­ne von Mit­tag bis Abend ein gan­zes Le­ben und das ver­gan­ge­ner Ge­ne­ra­tio­nen zu­sam­men­drängt, kennt die­sen ra­sen­den Nie­der­sturz von Hö­he zu Tie­fe, von Tie­fe zu Hö­he, die­se er­bar­mungs­lo­sen Wet­ter­stür­ze des Ge­schicks, aber auch die­se rei­ni­gen­de Kraft der see­li­schen Ge­wit­ter. Mit kei­nem epi­schen Werk läßt sich die­se Kunst ver­glei­chen, und dar­um wirkt Dos­t­o­jew­ski im­mer in sei­nen gro­ßen Au­gen­bli­cken als Tra­gi­ker, sei­ne Ro­ma­ne gleich­sam wie um­hüll­te, ver­wan­del­te Dra­men; im letz­ten sind die Ka­ra­ma­s­off Geist vom Geis­te der grie­chi­schen Tra­gö­die, Fleisch vom Flei­sche Shake­speares. Nackt steht in ih­nen, wehr­los und klein, der rie­si­ge Mensch un­ter dem tra­gi­schen Him­mel des Schick­sals.

Und selt­sam, in die­sen lei­den­schaft­li­chen Au­gen­bli­cken der Nie­der­stür­ze ver­liert plötz­lich der Ro­man Dos­t­o­jew­skis auch sei­nen er­zäh­le­ri­schen Cha­rak­ter. Die dün­ne epi­sche Um­scha­lung schmilzt ab in der Hit­ze des Ge­fühls und ver­duns­tet; nichts bleibt als der blas­se weiß­glü­hen­de Dia­log. Die gro­ßen Sze­nen in Dos­t­o­jew­skis Ro­ma­nen sind nack­te dra­ma­ti­sche Dia­lo­ge. Man kann sie, oh­ne ein Wort bei­zu­fü­gen oder fort­zu­las­sen, auf die Büh­ne pflan­zen, so fest­ge­zim­mert ist je­de ein­zel­ne Fi­gur, so zur dra­ma­ti­schen Se­kun­de ver­dich­tet sich in ih­nen der brei­te strö­men­de Ge­halt der gro­ßen Ro­ma­ne. Das tra­gi­sche Ge­fühl in Dos­t­o­jew­ski, das im­mer zu End­gül­ti­gem drängt, zur ge­walt­sa­men Span­nung, zur blitz­ar­ti­gen Ent­la­dung, schafft in die­sen Hö­he­punk­ten sein epi­sches Kunst­werk schein­bar rest­los zum dra­ma­ti­schen um.

Was in die­sen Sze­nen an dra­ma­ti­scher, ja thea­tra­li­scher Schlag­kraft ent­hal­ten ist, ha­ben selbst­ver­ständ­lich die eil­fer­ti­gen Thea­ter­hand­wer­ker und Bou­le­vard­dra­ma­ti­ker zu­erst er­kannt, lang vor den Phi­lo­lo­gen, und rasch ei­ni­ge ro­bus­te Thea­ter­stü­cke aus dem „Ras­kol­ni­koff“, dem „Idio­ten“, den „Ka­ra­ma­s­off“ ge­zim­mert. Aber hier hat sich er­wie­sen, wie kläg­lich sol­che Ver­su­che schei­tern, Fi­gu­ren Dos­t­o­jew­skis von au­ßen, von ih­rer Kör­per­lich­keit und ih­rem Schick­sal zu fas­sen, sie aus ih­rer Sphä­re, der See­len­welt, zu he­ben und von der ge­wit­tern­den At­mo­sphä­re der rhyth­mi­schen Reiz­bar­keit ab­zu­lö­sen. Wie ab­ge­schäl­te Baum­stäm­me, nackt und leb­los, wir­ken die­se Fi­gu­ren dra­ma­tisch im Ver­gleich zu ih­rer le­ben­di­gen, rau­nen­den, rau­schen­den Wip­fel­haf­tig­keit, die an die Him­mel rührt und je­de doch mit tau­send ge­hei­men Ner­ven­fä­den im epi­schen Erd­reich wur­zelt. Ihr Ader­werk, breit­fäl­tig ver­äs­telt auf Hun­der­ten von Sei­ten, zieht sei­ne stärks­te bild­ne­ri­sche Kraft aus dem Dun­kel, aus An­deu­tung und Ah­nung. Die Psy­cho­lo­gie Dos­t­o­jew­skis ist kei­ne für grel­les Lam­pen­licht, sie spot­tet ih­rer „Be­ar­bei­ter“ und Ver­ein­fa­cher. Denn in die­ser epi­schen Un­ter­welt gibt es ge­heim­nis­vol­le psy­chi­sche Kon­tak­te, Un­ter­strö­mun­gen und Nu­an­cie­run­gen. Nicht aus sicht­ba­ren Ges­ten, son­dern aus tau­send und tau­send ein­zel­nen An­deu­tun­gen bil­det und formt sich bei ihm ei­ne Ge­stalt, nichts Spinn­web­zar­te­res kennt die Li­te­ra­tur, als dies see­li­sche Netz­werk. Um ein­mal die Durch­gän­gig­keit die­ser sub­ku­ta­nen, gleich­sam un­ter der Haut flie­ßen­den Un­ter­strö­mun­gen der Er­zäh­lung zu emp­fin­den, ver­su­che man zur Pro­be ei­nen Ro­man Dos­t­o­jew­skis in ei­ner der ge­kürz­ten fran­zö­si­schen Aus­ga­ben zu le­sen. Es fehlt an­schei­nend nichts dar­in: der Film der Ge­scheh­nis­se rollt ge­schwin­der ab, die Fi­gu­ren er­schei­nen so­gar agi­ler, ge­schlos­se­ner, lei­den­schaft­li­cher. Aber doch, sie sind ir­gend­wo ver­armt, ih­rer See­le fehlt je­ner wun­der­ba­re iri­sie­ren­de Glanz, ih­rer At­mo­sphä­re die fun­keln­de Elek­tri­zi­tät, je­ne Schwü­le der Span­nung, die erst die Ent­la­dung so furcht­bar und so wohl­tä­tig macht. Ir­gend et­was ist zer­stört, das nicht wie­der zu er­set­zen ist, ein Zau­ber­kreis ge­bro­chen. Und ge­ra­de aus die­sen Ver­su­chen von Kür­zun­gen und Dra­ma­ti­sie­rung er­kennt man den Sinn der Brei­te bei Dos­t­o­jew­ski, die Zweck­haf­tig­keit sei­ner schein­ba­ren Weit­schwei­fig­keit. Denn die klei­nen, flüch­ti­gen, ge­le­gent­li­chen An­deu­tun­gen, die ganz zu­fäl­lig und über­flüs­sig schei­nen, sie ha­ben Er­wi­de­rung hun­dert und hun­dert Sei­ten spä­ter. Un­ter der Ober­flä­che der Er­zäh­lung lau­fen sol­che Lei­tun­gen ver­bor­ge­ner Kon­tak­te, die Mel­dun­gen wei­ter­tra­gen, ge­heim­nis­vol­le Re­fle­xe tau­schen. Es gibt bei ihm see­li­sche Chif­frie­run­gen, ganz win­zi­ge phy­si­sche und psy­chi­sche Zei­chen, de­ren Sinn erst beim zwei­ten, beim drit­ten Le­sen of­fen­bar wird. Kein Epi­ker hat ein gleich­sam so durch­nerv­tes Sys­tem des Er­zäh­lens, ein so un­ter­ir­di­sches Ge­wirr der Be­ge­ben­heit un­ter dem Kno­chen­werk des Ge­scheh­nis­ses, un­ter der Haut des Dia­logs. Und doch, Sys­tem kann man es kaum nen­nen: nur mit der schein­ba­ren Will­kür­lich­keit und doch ge­heim­nis­vol­len Ord­nung des Men­schen selbst läßt sich die­ser psy­cho­lo­gi­sche Pro­zeß ver­glei­chen. Wäh­rend die an­de­ren epi­schen Künst­ler, ins­be­son­de­re Goe­the, mehr die Na­tur als den Men­schen nach­zu­ah­men schei­nen und das Ge­scheh­nis or­ga­nisch wie ei­ne Pflan­ze, bild­haft wie ei­ne Land­schaft ge­nie­ßen las­sen, er­lebt man ei­nen Ro­man Dos­t­o­jew­skis wie die Be­geg­nung mit ei­nem son­der­bar tie­fen und lei­den­schaft­li­chen Men­schen. Dos­t­o­jew­skis Kunst­werk ist urir­disch bei al­ler Ewig­keit, ein zwei­späl­ti­ges, wis­sen­des, er­regt lei­den­schaft­li­ches Ner­ven­we­sen, im­mer ge­go­re­nes Fleisch und Hirn, nie eher­nes Me­tall, rei­nes aus­ge­glüh­tes Ele­ment. Es ist un­be­re­chen­bar und un­er­gründ­bar, wie die See­le es in den Gren­zen ih­rer Kör­per­lich­keit ist, und un­ver­gleich­bar in­ner­halb der For­men der Kunst.

Un­ver­gleich­bar: Be­wun­de­rung sei­ner Kunst, sei­ner see­li­schen Meis­ter­schaft, sie ist jen­sei­tig al­len Ma­ßes, und je tie­fer man sich in sein Werk ver­senkt, des­to un­wahr­schein­li­cher und ge­wal­ti­ger scheint ih­re Grö­ße. Da­mit soll kei­nes­wegs ge­sagt sein, daß die­se Ro­ma­ne an sich al­le voll­en­de­te Kunst­wer­ke wä­ren, ja sie sind es viel we­ni­ger als man­che är­me­re Wer­ke, die en­ge­re Krei­se zie­hen und sich mit Schlich­te­rem be­schei­den. Der Maß­lo­se kann das Ewi­ge er­rei­chen, aber nicht nach­bil­den. Viel ih­rer un­er­hör­ten Ar­chi­tek­to­nik ist von Lei­den­schaft ver­schwemmt, man­che he­roi­sche Kon­zep­ti­on von Un­ge­duld zer­stört. Aber die­se Un­ge­duld Dos­t­o­jew­skis, sie führt von der Tra­gö­die sei­ner Kunst in die sei­nes Le­bens zu­rück. Denn dies war äu­ße­res Schick­sal und nicht in­ne­re Leicht­fer­tig­keit bei ihm eben­so wie bei Bal­zac, daß er ge­trie­ben war vom Le­ben zur Ei­lig­keit und zu sehr ge­hetzt, um die Wer­ke voll­en­det zu ge­stal­ten. Man ver­ges­se nicht, wie die­se Wer­ke ent­stan­den sind. Im­mer war schon der gan­ze Ro­man ver­kauft, wäh­rend Dos­t­o­jew­ski noch das ers­te Ka­pi­tel schrieb, je­de Ar­beit ei­ne Hetz­jagd von Vor­schuß zu neu­em Vor­schuß. „Wie ein al­ter Post­gaul“ ar­bei­tend, auf der Flucht durch die Welt, fehlt es ihm manch­mal an Zeit und Ru­he, die letz­te Fei­le an­zu­le­gen, und er weiß es selbst, der Wis­sends­te al­ler, und emp­fin­det es wie Schuld! „Mö­gen sie doch se­hen, in wel­chem Zu­stan­de ich ar­bei­te. Sie ver­lan­gen von mir schla­cken­lo­se Meis­ter­wer­ke, und aus bit­ters­ter, elends­ter Not bin ich zur Ei­le ge­zwun­gen“, schreit er er­bit­tert auf. Er flucht Tol­stoi und Tur­gen­jew, die, ge­mäch­lich auf ih­ren Gü­tern sit­zend, die Zei­len run­den und ord­nen kön­nen, und de­nen er um nichts sonst nei­disch ist. Kei­ne Ar­mut scheut er per­sön­lich, aber der Künst­ler, er­nied­rigt zum Pro­le­ta­ri­er der Ar­beit, schäumt ge­gen die „Guts­herrn­li­te­ra­tur“ aus der un­bän­di­gen Sehn­sucht des Ar­tis­ten, ein­mal in Ru­he, ein­mal in Voll­en­dung ge­stal­ten zu kön­nen. Je­den Feh­ler in sei­nen Wer­ken kennt er, er weiß, daß nach sei­nen epi­lep­ti­schen An­fäl­len die Span­nung nach­läßt, die straf­fe Hül­le des Kunst­werks gleich­sam un­dicht wird und Gleich­gül­ti­ges ein­strö­men läßt. Oft müs­sen ihn Freun­de oder sei­ne Frau auf gro­be Ver­geß­lich­kei­ten auf­merk­sam ma­chen, die er in je­ner Ver­dunk­lung der Sin­ne nach dem An­fall be­geht, wenn er die Ma­nu­skrip­te liest. Die­ser Pro­le­ta­ri­er, die­ser Tag­löh­ner der Ar­beit, die­ser Skla­ve des Vor­schus­ses, der in der Zeit sei­ner ärgs­ten Not drei gi­gan­ti­sche Ro­ma­ne hin­ter­ein­an­der schreibt, ist in­ner­lich der be­wuß­tes­te Ar­tist. Er liebt fa­na­tisch die Gold­schmie­de­ar­beit, den Fi­li­gran der Voll­en­dung. Noch un­ter der Peit­sche der Not feilt und bos­selt er stun­den­lang an ein­zel­nen Sei­ten, zwei­mal ver­nich­tet er den „Idio­ten“, ob­zwar sei­ne Frau hun­gert und die Heb­am­me noch nicht be­zahlt ist. Un­end­lich ist sein Wil­le zur Voll­en­dung, aber auch die Not ist un­end­lich. Wie­der rin­gen die bei­den ge­wal­tigs­ten Mäch­te um sei­ne See­le, der äu­ße­re Zwang und der in­ne­re. Auch als Künst­ler bleibt er der gro­ße Zer­spal­te­ne der Zwei­heit. Wie der Mensch in ihm ewig nach Har­mo­nie und Ru­he, so dürs­tet der Künst­ler in ihm ewig nach Voll­en­dung. Hier wie dort hängt er mit zer­ris­se­nen Ar­men am Kreu­ze sei­nes Schick­sals.

Auch die Kunst al­so, auch sie, die Ein­zig-Ei­ne, ist nicht Er­lö­sung dem Ge­kreu­zig­ten des Zwie­spalts, auch sie Qual, Un­ru­he, Hast und Flucht, auch sie nicht Hei­mat dem Hei­mat­lo­sen. Und die Lei­den­schaft, die ihn in die Ge­stal­tung treibt, sie jagt ihn über die Voll­en­dung hin­aus. Auch hier wird er über die Voll­en­dung ge­hetzt dem ewig End­lo­sen zu; mit ih­ren ab­ge­bro­che­nen Tür­men, den nicht zu En­de ge­bau­ten (denn die Ka­ra­ma­s­off eben­so wie der Ras­kol­ni­koff ver­spre­chen bei­de ei­nen zwei­ten, nie ge­schrie­be­nen Teil), ra­gen sei­ne Ro­man­bau­ten in den Him­mel der Re­li­gi­on, in das Ge­wölk der ewi­gen Fra­gen. Nen­nen wir sie nicht Ro­man mehr und wer­ten wir sie nicht mit epi­schem Maß: sie sind längst nicht mehr Li­te­ra­tur, son­dern ir­gend­wie ge­hei­me An­fän­ge, pro­phe­ti­sche Vor­klän­ge, Prä­lu­di­en und Pro­phe­ti­en ei­nes My­thus vom neu­en Men­schen. So sehr er die Kunst liebt, Dos­t­o­jew­ski, sie ist ihm nicht das Letz­te, und wie al­le sei­ne er­lauch­ten rus­si­schen Ah­nen emp­fin­det er sie nur als Brü­cke des Be­kennt­nis­ses vom Men­schen zu Gott. Er­in­nern wir uns nur: Go­gol wirft nach den „To­ten See­len“ die Li­te­ra­tur fort und wird Mys­ti­ker, ge­heim­nis­vol­ler Bo­te des neu­en Ruß­lands, Tol­stoi ver­flucht, ein Sech­zig­jäh­ri­ger, die Kunst, die ei­ge­ne und die frem­de, und wird Evan­ge­list der Gü­te und Ge­rech­tig­keit, Gor­ki ver­zich­tet auf den Ruhm und wird Ver­kün­der der Re­vo­lu­ti­on. Dos­t­o­jew­ski hat bis zur letz­ten Stun­de die Fe­der nicht ge­las­sen, aber was er ge­stal­tet, ist längst nicht mehr ein Kunst­werk im ir­di­schen en­gen Sin­ne, son­dern das Evan­ge­li­um des Drit­ten Rei­ches, ir­gend­ein My­thus der neu­en rus­si­schen Welt, ei­ne apo­ka­lyp­ti­sche Ver­kün­dung, dun­kel und rät­sel­haft. Kunst war dem ewig Un­ge­nüg­sa­men nur ein An­fang, und sein En­de war im End­lo­sen. Sie war ihm nur ei­ne Stu­fe und nicht der Tem­pel selbst. In der Voll­kom­men­heit sei­ner Wer­ke ist noch ein Grö­ße­res, das sich in Wor­te nicht mehr ge­stal­tet, und eben weil dies Letz­te in ih­nen nur ge­ahnt und nicht in ver­gäng­li­che Form ge­gos­sen ist, sind sie We­ge zur Voll­en­dung des Men­schen und der Mensch­heit.

DER ÜBER­SCHREI­TER DER GREN­ZEN

„Daß du nicht en­den kannst, das macht dich groß.“

Goe­the

Tra­di­ti­on ist stei­ner­ne Gren­ze von Ver­gan­gen­hei­ten um die Ge­gen­wart: wer ins Zu­künf­ti­ge will, muß sie über­schrei­ten. Denn die Na­tur will kein In­ne­hal­ten im Er­ken­nen. Zwar scheint sie Ord­nung zu for­dern und liebt doch nur den, der sie zer­stört um ei­ner neu­en Ord­nung wil­len. Im­mer schafft sie sich in ein­zel­nen Men­schen durch Über­maß ih­rer ei­ge­nen Kräf­te je­ne Kon­quis­ta­do­ren, die von den hei­mi­schen Län­dern der See­le in die dunk­len Ozea­ne des Un­be­kann­ten hin­aus­fah­ren zu neu­en Zo­nen des Her­zens, neu­en Sphä­ren des Geis­tes. Oh­ne die­se küh­nen Über­schrei­ter wä­re die Mensch­heit in sich ge­fan­gen, ih­re Ent­wick­lung ein Kreis­gang. Oh­ne die­se gro­ßen Bo­ten, in de­nen sie sich gleich­sam selbst vor­aus­eilt, wä­re je­de Ge­ne­ra­ti­on un­kund ih­res We­ges. Oh­ne die­se gro­ßen Träu­mer wüß­te die Mensch­heit nicht um ih­ren tiefs­ten Sinn. Nicht die ru­hi­gen Er­ken­ner, die Geo­gra­phen der Hei­mat, ha­ben die Welt weit ge­macht, son­dern die Des­pe­ra­dos, die über un­be­kann­te Ozea­ne zum neu­en In­di­en fuh­ren: nicht die Psy­cho­lo­gen, die Wis­sen­schaft­ler, ha­ben die mo­der­ne See­le in ih­rer Tie­fe er­kannt, son­dern die Maß­lo­sen un­ter den Dich­tern, die Über­schrei­ter der Gren­zen.

Von die­sen gro­ßen Grenz­über­schrei­tern der Li­te­ra­tur ist Dos­t­o­jew­ski in un­se­ren Ta­gen der größ­te ge­we­sen, und kei­ner hat so viel Neu­land der See­le ent­deckt als die­ser Un­ge­stü­me, die­ser Maß­lo­se, dem nach sei­nem eig­nen Wort „das Un­er­meß­li­che und Un­end­li­che so not­wen­dig war wie die Er­de selbst“. Nir­gends hat er in­ne­ge­hal­ten, „über­all ha­be ich die Gren­ze über­schrit­ten,“ schreibt er stolz und selbst­an­kla­gend in ei­nem Brie­fe, „über­all“. Und un­mög­lich ist es fast, al­le sei­ne Ta­ten auf­zu­zäh­len, die Wan­de­run­gen über die ei­si­gen Gra­te des Ge­dan­kens, die Nie­der­stie­ge zu den ver­bor­gens­ten Quel­len des Un­be­wuß­ten, die Auf­stie­ge, die gleich­sam traum­wand­le­ri­schen Auf­stie­ge zu den schwin­deln­den Gip­feln des Selbst­er­ken­nens. Wo kein ge­wöhn­li­cher Weg war, er hat ihn be­schrit­ten, wo La­by­rinth und Wirr­nis war, am liebs­ten ge­lebt. Nie hat die Mensch­heit zu­vor so tief den Me­cha­nis­mus und die Mys­tik ih­res see­li­schen We­sens er­kannt, sie ist wa­cher und be­wuß­ter ge­wor­den in sei­nem Blick und gleich­zei­tig ge­heim­nis­vol­ler und gött­li­cher in sei­nem Ge­fühl. Oh­ne ihn, den gro­ßen Über­schrei­ter al­les Ma­ßes, wüß­te die Mensch­heit we­ni­ger um ihr ein­ge­bo­re­nes Ge­heim­nis, wei­ter als je bli­cken wir von der Hö­he sei­nes Wer­kes in das Zu­künf­ti­ge hin­ein.

Die ers­te Gren­ze, die Dos­t­o­jew­ski durch­stieß, die ers­te Fer­ne, die er uns auf­tat, war Ruß­land. Er hat sei­ne Na­ti­on für die Welt ent­deckt, un­ser eu­ro­päi­sches Be­wußt­sein er­wei­tert, als ers­ter die See­le des Rus­sen uns als Frag­ment und als ein Kost­bars­tes der Welt­see­le er­ken­nen las­sen. Vor ihm be­deu­te­te Ruß­land für Eu­ro­pa ei­ne Gren­ze: den Über­gang ge­gen Asi­en, ei­nen Fleck Land­kar­te, ein Stück Ver­gan­gen­heit un­se­rer ei­ge­nen bar­ba­ri­schen, über­wun­de­nen Kul­tur­kind­heit. Er aber zeig­te als ers­ter uns die zu­künf­ti­ge Kraft in die­ser Öde, seit ihm füh­len wir Ruß­land als ei­ne Mög­lich­keit neu­er Re­li­gio­si­tät, als ein kom­men­des Wort im gro­ßen Ge­dich­te der Mensch­heit. Er hat das Herz der Welt so rei­cher ge­macht um ei­ne Er­kennt­nis und um ei­ne Er­war­tung. Pusch­kin (der uns ja schlecht zu­gäng­lich ist, weil sein poe­ti­sches Me­di­um in je­der Über­tra­gung die elek­tri­sche Kraft ver­liert) hat uns nur die rus­si­sche Aris­to­kra­tie ge­zeigt, Tol­stoi wie­der­um den ein­fa­chen, pa­tri­ar­cha­li­schen bäu­ri­schen Men­schen, die We­sen der al­ten, ab­ge­teil­ten, ab­ge­leb­ten Welt. Erst er ent­zün­det uns die See­le mit der Ver­kün­dung neu­er Mög­lich­kei­ten, erst er ent­flammt den Ge­ni­us die­ser neu­en Na­ti­on und läßt uns fast sehn­süch­tig wer­den, daß die­ser glü­hen­de Trop­fen Welt­kind­heit und See­len­an­fang sei­nes Rus­sen­vol­kes in die mü­de, sta­gnie­ren­de Welt des al­ten Eu­ro­pa ein­glü­he. Und ge­ra­de in die­sem Krie­ge ha­ben wir ge­fühlt, daß wir al­les, was wir von Ruß­land wuß­ten, nur durch ihn wuß­ten und daß er es uns mög­lich ge­macht, die­ses Fein­des­land auch als Bru­der­land der See­le zu emp­fin­den.

Aber tie­fer noch und be­deut­sa­mer als die­se kul­tu­rel­le Er­wei­te­rung des Welt­wis­sens um die Idee Ruß­lands (denn die­se hät­te viel­leicht schon Pusch­kin er­reicht, wä­re ihm nicht im 37. Jah­re die Du­ell­ku­gel durch die Brust ge­fah­ren) ist je­ne un­ge­heu­re Er­wei­te­rung un­se­res see­li­schen Selbst­wis­sens, die oh­ne Bei­spiel ist in der Li­te­ra­tur. Dos­t­o­jew­ski ist der Psy­cho­lo­ge der Psy­cho­lo­gen. Die Tie­fe des mensch­li­chen Her­zens zieht ihn ma­gisch an, das Un­be­wuß­te, das Un­ter­be­wuß­te, das Un­er­gründ­li­che ist sei­ne wah­re Welt. Seit Shake­speare ha­ben wir nicht so­viel vom Ge­heim­nis des Ge­fühls und den ma­gi­schen Ge­set­zen sei­ner Ver­schrän­kung ge­lernt, und wie Odys­seus, der ein­zi­ge, der vom Ha­des wie­der­kehr­te, von der un­ter­ir­di­schen Welt, er­zählt er von der Un­ter­welt der See­le. Denn auch er, wie Odys­seus, war be­glei­tet von ei­nem Got­te, von ei­nem Dä­mon. Sei­ne Krank­heit, ihn auf­rei­ßend zu Hö­hen des Ge­fühls, die der ge­mei­ne Sterb­li­che nicht er­reicht, ihn nie­der­schmet­ternd in Zu­stän­de der Angst und des Grau­ens, die schon jen­seits des Le­bens lie­gen, lie­ßen ihn erst at­men in die­ser bald fros­ti­gen, bald feu­ri­gen At­mo­sphä­re des Un­be­leb­ten und Über­le­ben­di­gen. Wie die Nacht­tie­re in der Fins­ter­nis se­hen, sieht er in den Däm­mer­zu­stän­den kla­rer wie an­de­re am lich­ten Tag. In den feu­ri­gen Ele­men­ten, wo an­de­re ver­bren­nen, wird ihm erst wah­re, woh­li­ge Wär­me des Ge­fühls; er ist weit über die ge­sun­de See­le hin­aus ge­wach­sen und hat in der kran­ken ge­haust und da­mit im tiefs­ten Ge­heim­nis des Le­bens. Atem­nah hat er dem Wahn­sinn ins Ge­sicht ge­leuch­tet, wie ein Mond­süch­ti­ger ist er si­cher über die Spit­zen des Ge­fühls ge­schrit­ten, von de­nen die Wa­chen­den und Wis­sen­den in Ohn­macht ab­stür­zen. Dos­t­o­jew­ski ist tie­fer in die Un­ter­welt des Un­be­wuß­ten ge­drun­gen als die Ärz­te, die Ju­ris­ten, die Kri­mi­na­lis­ten und Psy­cho­pa­then. Al­les was die Wis­sen­schaft erst spä­ter ent­deck­te und be­nann­te, was sie in Ex­pe­ri­men­ten gleich­sam wie mit ei­nem Skal­pell von to­ter Er­fah­rung los­schab­te, al­le die te­le­pa­thi­schen, hys­te­ri­schen, hal­lu­zi­na­ti­ven, per­ver­sen Phä­no­me­ne, hat er vor­aus ge­schil­dert aus je­ner mys­ti­schen Fä­hig­keit des hell­se­he­ri­schen Mit­wis­sens und Mit­lei­dens. Bis an den Rand des Wahn­sinns (den Ex­zeß des Geis­tes), bis an die Klip­pe des Ver­bre­chens (den Ex­zeß des Ge­fühls) hat er den Phä­no­me­nen der See­le nach­ge­spürt und un­end­li­che Stre­cken see­li­schen Neu­lan­des da­mit durch­schrit­ten. Ei­ne al­te Wis­sen­schaft schlägt mit ihm das letz­te Blatt zu in ih­rem Buch, Dos­t­o­jew­ski be­ginnt in der Kunst ei­ne neue Psy­cho­lo­gie.

Ei­ne neue Psy­cho­lo­gie: denn auch die Wis­sen­schaft der See­le hat ih­re Me­tho­den, auch die Kunst, die vor­erst durch die Zei­ten ei­ne un­end­li­che Ein­heit scheint, ewig neue Ge­set­ze. Auch hier gibt es Wand­lun­gen des Wis­sens, Fort­schrit­te des Er­ken­nens durch im­mer neue Auf­lö­sung und De­ter­mi­nie­rung, und so wie et­wa die Che­mie durch Ex­pe­ri­men­te die An­zahl der Ur­ele­men­te, der an­schei­nend un­teil­ba­ren, im­mer mehr ver­rin­gert hat und im schein­bar Ein­fa­chen noch die Zu­sam­men­set­zun­gen er­kennt, so löst die Psy­cho­lo­gie durch im­mer wei­ter schrei­ten­de Dif­fe­ren­zie­rung die Ein­heit des Ge­fühls in ei­ne Un­end­lich­keit von Trieb und Wi­der­trieb auf. Trotz al­ler vor­aus­schau­en­den Ge­nia­li­tät ei­ni­ger ein­zel­ner Men­schen ist ei­ne Grenz­li­nie zwi­schen der al­ten Psy­cho­lo­gie und der neu­en nicht zu ver­ken­nen. Von Ho­mer und weit bis nach Shake­speare gibt es ei­gent­lich nur die Psy­cho­lo­gie der Ein­li­nig­keit. Der Mensch ist noch For­mel, ei­ne Ei­gen­schaft in Fleisch und Kno­chen: Odys­seus ist lis­tig, Achil­les mu­tig, Ajax zorn­voll, Nes­tor wei­se … je­de Ent­schlie­ßung, je­de Tat die­ser Men­schen liegt klar und of­fen in der Schuß­flä­che ih­res Wil­lens. Und noch Shake­speare, der Dich­ter an der Wen­de der al­ten und der neu­en Kunst, zeich­net sei­ne Men­schen so, daß im­mer ei­ne Do­mi­nan­te die wi­der­strei­ten­de Me­lo­dik ih­res We­sens auf­fängt. Aber ge­ra­de er ist es auch, der den ers­ten Men­schen aus dem see­li­schen Mit­tel­al­ter in un­se­re neu­zeit­li­che Welt vor­aus­sen­det. In sei­nem Ham­let er­schafft er die ers­te pro­ble­ma­ti­sche Na­tur, den Ahn­herrn des mo­der­nen dif­fe­ren­zier­ten Men­schen. Hier ist zum ers­ten Ma­le im Sin­ne der neu­en Psy­cho­lo­gie der Wil­le durch Hem­mun­gen ge­bro­chen, der Spie­gel der Selbst­be­trach­tung in die See­le selbst ge­stellt, der um sich selbst wis­sen­de Mensch ge­stal­tet, der zwie­fach lebt, au­ßen und in­nen zu­gleich, im Han­deln den­kend, im Den­ken sich ver­wirk­li­chend. Hier lebt der Mensch zum ers­ten­mal sein Le­ben, wie wir es füh­len, fühlt, wie wir Ge­gen­wär­ti­gen füh­len, frei­lich noch aus ei­ner Däm­me­rung des Be­wußt­seins her­aus: noch ist er, der Dä­nen­prinz, um­wo­ben vom Re­qui­sit ei­ner aber­gläu­bi­schen Welt, noch wir­ken Zau­ber­trän­ke und Geis­ter auf sei­nen be­un­ru­hig­ten Sinn, statt bloß Wahn und Ah­nung. Aber doch, hier ist er schon voll­en­det, das un­ge­heue­re psy­cho­lo­gi­sche Ge­scheh­nis der Ver­zwei­fa­chung des Ge­fühls. Der neue Kon­ti­nent der See­le ist ent­deckt, die zu­künf­ti­gen For­scher ha­ben freie Bahn. Der ro­man­ti­sche Mensch By­rons, Goe­thes, Shel­leys, Child Ha­rold und Wert­her, den lei­den­schaft­li­chen Wi­der­spruch sei­nes We­sens zur nüch­ter­nen Welt im ewi­gen Ge­gen­satz emp­fin­dend, för­dert durch sei­ne Un­ru­he die che­mi­sche Zer­set­zung der Ge­füh­le. Die ex­ak­te Wis­sen­schaft gibt in­zwi­schen noch man­che wert­vol­le Ein­zel­er­kennt­nis. Dann kommt Stendhal. Er weiß schon mehr als al­le frü­he­ren von der kris­tal­li­ni­schen Bil­dung der Ge­füh­le, der Viel­deu­tig­keit und Ver­wand­lungs­fä­hig­keit der Emp­fin­dun­gen. Er ahnt den ge­heim­nis­vol­len Wi­der­streit der Brust um je­den ein­zel­nen ih­rer Ent­schlüs­se. Aber die see­li­sche Träg­heit sei­nes Ge­nies, die spa­zier­gän­ge­ri­sche Läs­sig­keit sei­nes Cha­rak­ters ver­mö­gen noch nicht die gan­ze Dy­na­mik des Un­be­wuß­ten zu er­hel­len.

Erst Dos­t­o­jew­ski, der gro­ße Zer­stö­rer der Ein­heit, der ewi­ge Dua­list, dringt ein in das Ge­heim­nis. Er oder kei­ner schafft die voll­kom­me­ne Ana­ly­se des Ge­fühls. Bei Dos­t­o­jew­ski ist die Ein­heit des Ge­fühls in ei­ne Mas­se zer­ris­sen, als wä­re sei­nen Men­schen ei­ne an­de­re See­le ein­ge­baut wie all den frü­he­ren. Die kühns­ten See­len­ana­ly­sen al­ler Dich­ter vor ihm schei­nen ir­gend­wie ober­flä­chen­haft ne­ben sei­nen Dif­fe­ren­zie­run­gen, sie wir­ken, wie et­wa ein Lehr­buch der Elek­tro­tech­nik wir­ken mag, das 30 Jah­re alt ist, in dem eben nur die An­fangs­grün­de an­ge­deu­tet und das We­sent­li­che noch nicht ein­mal ge­ahnt ist. Nichts ist in sei­ner See­len­s­phä­re ein­fa­ches Ge­fühl, un­teil­ba­res Ele­ment – al­les Kon­glo­me­rat, Zwi­schen­gangs­form, Durch­gangs­form, Über­gangs­form. In un­end­li­cher Ver­keh­rung und Ver­wir­rung tau­melt und schwankt die Emp­fin­dung zur Tat, ein ra­sen­der Tausch von Wil­le und Wahr­heit schüt­telt die Ge­füh­le durch­ein­an­der. Im­mer meint man, schon am letz­ten Grun­de ei­nes Ent­schlus­ses, ei­nes Be­geh­rens an­ge­langt zu sein, und im­mer wie­der deu­tet es wie­der wei­ter zu­rück in ein an­de­res. Haß, Lie­be, Wol­lust, Schwä­che, Ei­tel­keit, Stolz, Herrsch­gier, De­mut, Ehr­furcht, al­le Trie­be sind in­ein­an­der ver­schlun­gen in ewi­gen Ver­wand­lun­gen. Die See­le ist ei­ne Wirr­nis, ein hei­li­ges Cha­os in Dos­t­o­jew­skis Werk. Es gibt bei ihm Trun­ken­bol­de aus Sehn­sucht nach Rein­heit, Ver­bre­cher aus Gier nach der Reue, Mäd­chen­schän­der aus Ver­eh­rung der Un­schuld, Got­tes­läs­te­rer aus re­li­giö­sem Be­dürf­nis. Wenn sei­ne Men­schen be­geh­ren, tun sie es eben­so aus Hoff­nung auf Zu­rück­ge­sto­ßen­sein wie auf Er­fül­lung. Ihr Trotz, fal­tet man ihn ganz auf, ist nichts an­de­res als ei­ne ver­bor­ge­ne Scham, ih­re Lie­be ein ver­küm­mer­ter Haß, ihr Haß ei­ne ver­bor­ge­ne Lie­be. Ge­gen­satz be­fruch­tet den Ge­gen­satz. Es gibt bei ihm Lüst­lin­ge aus Gier nach dem Lei­den und wie­der Selbst­quä­ler aus Gier nach der Lust, in ra­sen­dem Kreis­lauf dreht sich der Wir­bel ih­res Wol­lens. In der Be­gier­de ge­nie­ßen sie schon den Ge­nuß, im Ge­nuß schon den Ekel, in der Tat ge­nie­ßen sie die Reue und in der Reue wie­der, rück­füh­lend, die Tat. Es gibt gleich­sam ein Oben und Un­ten, ei­ne Ver­viel­fa­chung der Emp­fin­dun­gen bei ih­nen. Die Ta­ten ih­rer Hän­de sind nicht die ih­rer Her­zen, die Spra­che ih­rer Her­zen wie­der nicht die ih­rer Lip­pen, je­des ein­zel­ne Ge­fühl ist so Zer­spal­ten­heit, Viel­falt und Viel­deu­tig­keit. Nie wird es ge­lin­gen, bei Dos­t­o­jew­ski ei­ne Ein­heit des Ge­fühls zu fas­sen, nie ei­nen Men­schen im Netz ei­nes Sprach­be­grif­fes zu fan­gen. Man nen­ne Fe­dor Ka­ra­ma­s­off ei­nen Wüst­ling: der Be­griff scheint ihn zu er­schöp­fen, aber doch, ist nicht Swid­ri­ga­iloff auch ei­ner und je­ner na­men­lo­se Stu­dent in den „Wer­den­den“, und doch: wel­che Welt zwi­schen ih­nen und ih­ren Ge­füh­len! Bei Swid­ri­ga­iloff ist die Wol­lust ei­ne kal­te, see­len­lo­se Aus­schwei­fung, er ist der be­rech­nen­de Tak­ti­ker sei­ner Un­zucht. Ka­ra­ma­s­offs Wol­lust wie­der ist Le­bens­lust, Aus­schwei­fung bis zur Selbst­be­schmut­zung be­trie­ben, ein tie­fer Trieb, sich in das Nie­ders­te des Le­bens noch ein­zu­men­gen, nur weil es Le­ben ist, sein Un­ters­tes, sei­nen Ab­sud noch zu ge­nie­ßen aus ei­ner Ek­sta­se der Vi­ta­li­tät. Je­ner ist Wol­lüst­ling aus Man­gel, der an­de­re aus Ex­zeß des Ge­fühls, was bei die­sem kran­ke Er­re­gung des Geis­tes, ist bei je­nem ei­ne chro­ni­sche Ent­zün­dung. Swid­ri­ga­iloff wie­der ist der Mit­tel­mensch der Wol­lust, der „Las­ter­chen“ hat statt der Las­ter, ein klei­nes schmut­zi­ges Tier­chen, ein In­sekt der Sin­ne, und je­ner, der na­men­lo­se Stu­dent der „Wer­den­den“, wie­der­um ist Per­ver­si­on geis­ti­ger Bos­heit ins Se­xu­el­le. Man sieht, Wel­ten des Ge­fühls ste­hen zwi­schen die­sen Men­schen, die sonst ein ein­zi­ger Be­griff zu­sam­men­faßt, und so wie hier die Wol­lust dif­fe­ren­ziert ist und auf­ge­löst in ih­re ge­heim­nis­vol­len Ver­wurz­lun­gen und Kom­po­nen­ten, so ist bei Dos­t­o­jew­ski je­des Ge­fühl, je­der Trieb im­mer zu­rück­ge­führt in die letz­te Tie­fe, in den Ur­sprung al­ler Kraft­strö­mung, in je­nen letz­ten Ge­gen­satz zwi­schen Ich und Welt, Be­haup­tung und Hin­ga­be, Stolz und De­mut, Ver­schwen­dung und Spar­sam­keit, Ver­ein­ze­lung und Ge­mein­schaft, zen­tri­pe­ta­le und zen­tri­fu­ga­le Kraft, Selbst­stei­ge­rung oder Selbst­ver­nich­tung, Ich oder Gott. Man mag die Ge­gen­satz­paa­re nen­nen, wie es der Au­gen­blick for­dert, im­mer sind es letz­te, sind es Ur­ge­füh­le je­ner Welt zwi­schen Geist und Fleisch. Nie ha­ben wir vor ihm von die­ser wim­meln­den Viel­falt des Ge­fühls, von un­se­rer see­li­schen Ge­mengt­heit so viel ge­wußt.

Am über­ra­schends­ten aber wird die­se Auf­lö­sung des Ge­fühls bei Dos­t­o­jew­ski in der Lie­be. Es ist die Tat sei­ner Ta­ten, daß er den Ro­man, ja die gan­ze Li­te­ra­tur, die seit Hun­der­ten von Jah­ren, seit der An­ti­ke, im­mer nur in die­sem Zen­tral­ge­fühl zwi­schen Mann und Weib, als in den Ur­quell al­les Seins ge­mün­det hat­te, noch tie­fer hin­ab, noch hö­her hin­auf, in letz­te Er­kennt­nis­se ge­führt hat. Lie­be, an­de­ren Dich­tern der End­zweck des Le­bens, das Er­zäh­lungs­ziel des Kunst­wer­kes, ihm ist sie nicht Ur­ele­ment, son­dern nur Stu­fe des Le­bens. Für die an­de­ren dröhnt die glor­rei­che Se­kun­de der Ver­söh­nung, der Aus­gleich al­ler Wi­der­strei­te im Au­gen­bli­cke, wo See­le und Sin­ne, Ge­schlecht und Ge­schlecht sich rest­los in himm­li­sche Ge­füh­le lö­sen. Im letz­ten Grun­de ist bei ih­nen, den an­de­ren Dich­tern, der Le­bens­kon­flikt lä­cher­lich pri­mi­tiv im Ver­gleich zu Dos­t­o­jew­ski. Lie­be rührt den Men­schen an, ein Zau­ber­stab aus gött­li­cher Wol­ke, Ge­heim­nis, die gro­ße Ma­gie, un­er­klär­bar, un­er­läu­ter­bar, letz­tes Mys­te­ri­um des Le­bens. Und der Lie­ben­de liebt: er ist glück­lich, er­langt er die Be­gehr­te, er ist un­glück­lich, er­langt er sie nicht. Wie­der­ge­liebt sein ist der Him­mel der Mensch­heit bei al­len Dich­tern. Aber Dos­t­o­jew­skis Him­mel sind hö­her. Um­ar­mung ist bei ihm noch nicht Ver­ei­ni­gung, Har­mo­nie noch nicht die Ein­heit. Für ihn ist Lie­be nicht ein Glücks­zu­stand, ein Aus­gleich, son­dern er­ho­be­ner Streit, in­ten­si­ve­res Schmer­zen der ewi­gen Wun­de und dar­um ein Lei­dens­mo­ment, ein stär­ke­res Am-Le­ben-lei­den als in den ge­mei­nen Au­gen­bli­cken. Wenn Dos­t­o­jew­skis Men­schen ein­an­der lie­ben, so ru­hen sie nicht. Im Ge­gen­teil, nie sind sei­ne Men­schen mehr durch­schüt­telt von al­lem Wi­der­streit ih­res We­sens als im Au­gen­blick, da Lie­be sich von Lie­be er­wi­dert fühlt, denn sie las­sen sich nicht ver­sin­ken in ih­rem Über­schwang, son­dern su­chen ihn zu über­stei­gern. Sie ma­chen, ech­te Kin­der sei­ner Ent­zwei­ung, nicht halt in die­ser letz­ten Se­kun­de. Sie ver­ach­ten die sanf­te Glei­chung des Au­gen­blicks (den al­le an­de­ren als den schöns­ten er­seh­nen), daß Ge­lieb­ter und Ge­lieb­te sich gleich stark lie­ben und ge­liebt wer­den, weil dies Har­mo­nie wä­re, ein En­de, ei­ne Gren­ze, und sie le­ben nur für das Gren­zen­lo­se. Dos­t­o­jew­skis Men­schen wol­len nicht eben­so lie­ben wie sie ge­liebt wer­den: sie wol­len im­mer nur lie­ben und wol­len das Op­fer sein, der­je­ni­ge, der mehr gibt, der­je­ni­ge, der we­ni­ger emp­fängt, und sie stei­gern ein­an­der in wahn­sin­ni­gen Li­zi­ta­tio­nen des Ge­fühls, bis es gleich­sam ein Keu­chen, ein Stöh­nen, ein Kampf, ei­ne Qual wird, was als sanf­tes Spiel be­gann. In ra­sen­der Ver­wand­lung sind sie dann glück­lich, wenn sie zu­rück­ge­sto­ßen, wenn sie ver­höhnt, wenn sie ver­ach­tet wer­den, denn dann sind sie es ja, die ge­ben, un­end­lich ge­ben und nichts da­für ver­lan­gen, und dar­um ist bei ihm, dem Meis­ter der Ge­gen­sät­ze, der Haß im­mer so ähn­lich der Lie­be und die Lie­be im­mer so ähn­lich dem Haß. Aber auch in den kur­zen In­ter­val­len, da sie ein­an­der gleich­sam kon­zen­triert lie­ben, ist die Ein­heit des Ge­fühls noch ein­mal ge­sprengt, denn nie kön­nen Dos­t­o­jew­skis Men­schen gleich­zei­tig mit den ge­schlos­se­nen Kräf­ten ih­rer Sin­ne und See­le ein­an­der lie­ben. Sie lie­ben mit der ei­nen oder mit der an­de­ren, nie ist Fleisch und Geist bei ih­nen in Har­mo­nie. Man se­he nur auf sei­ne Frau­en: al­le sind sie Kund­rys, gleich­zei­tig in zwei Wel­ten des Ge­füh­les le­bend, mit ih­rer See­le dem hei­li­gen Gral die­nend und gleich­zei­tig wol­lüs­tig ih­ren Leib ver­bren­nend in den Blu­men­hai­nen Ti­tu­rels. Das Phä­no­men der Dop­pel­lie­be, ei­nes der kom­pli­zier­tes­ten bei an­de­ren Dich­tern, ist ein all­täg­li­ches, ein selbst­ver­ständ­li­ches bei Dos­t­o­jew­ski. Na­stass­ja Phil­i­pow­na liebt in ih­rem spi­ri­tu­el­len We­sen My­sch­kin, den sanf­ten En­gel, und liebt gleich­zei­tig mit ge­schlecht­li­cher Lei­den­schaft Ro­go­schin, sei­nen Feind. Vor der Kir­chen­tür reißt sie sich von dem Fürs­ten los in das Bett des an­de­ren, vom Ge­la­ge des Trun­ke­nen stürzt sie zu­rück zu ih­rem Hei­land. Ihr Geist steht gleich­sam oben und sieht er­schreckt zu, was un­ten ihr Kör­per treibt, ihr Kör­per schläft gleich­sam im hyp­no­ti­schen Schlaf, wäh­rend ih­re See­le sich in Ek­sta­se dem an­de­ren zu­wen­det. Und eben­so Gru­schen­ka, sie liebt gleich­zei­tig und haßt ih­ren ers­ten Ver­füh­rer, liebt in Lei­den­schaft ih­ren Di­mitri und mit ih­rer Ver­eh­rung schon ganz un­kör­per­lich Al­joscha. Die Mut­ter des „Jüng­lings“ liebt aus Dank­bar­keit ih­ren ers­ten Mann und gleich­zei­tig aus Skla­ve­rei, aus über­stei­ger­ter De­mut Wer­si­loff. Un­end­lich, un­er­meß­lich sind die Ver­wand­lun­gen des Be­grif­fes, den die an­de­ren Psy­cho­lo­gen un­ter dem Na­men „Lie­be“ leicht­fer­tig zu­sam­men­faß­ten, so wie Ärz­te ver­gan­ge­ner Zei­ten gan­ze Grup­pen von Krank­hei­ten in ei­nen Na­men dräng­ten, für die wir heu­te hun­dert Na­men und hun­dert Me­tho­den ha­ben. Lie­be kann bei Dos­t­o­jew­ski ver­wan­del­ter Haß sein (Alex­an­dra), Mit­leid (Du­nia), Trotz (Ro­go­schin), Sinn­lich­keit (Fe­dor Ka­ra­ma­s­off), Selbst­ver­ge­wal­ti­gung, im­mer aber steht hin­ter der Lie­be noch ein an­de­res Ge­fühl, ein Ur­ge­fühl. Nie ist Lie­be bei ihm ele­men­tar, un­teil­bar, un­er­klär­bar, Ur­phä­no­men, Wun­der: im­mer er­klärt, zer­legt er das lei­den­schaft­lichs­te Ge­fühl. O, un­end­lich, un­end­lich die­se Ver­wand­lun­gen, und je­de ein­zel­ne wie­der in al­len Far­ben schil­lernd, von Käl­te zu Frost er­star­rend und wie­der er­glü­hend, un­end­lich und un­durch­dring­lich wie die Viel­falt des Le­bens. Ich will nur er­in­nern an Ka­te­ri­na Iwa­now­na. Sie sieht Di­mitri auf ei­nem Ball, er läßt sich ihr vor­stel­len, er be­lei­digt sie, und sie haßt ihn. Er nimmt Ra­che, er er­nied­rigt sie, – und sie liebt ihn, oder ei­gent­lich sie liebt nicht ihn, son­dern die Er­nied­ri­gung, die er ihr zu­ge­fügt. Sie op­fert sich ihm auf und meint ihn zu lie­ben, aber sie liebt nur ih­re ei­ge­ne Auf­op­fe­rung, liebt ih­re ei­ge­ne Po­se der Lie­be, und je mehr sie ihn so zu lie­ben scheint, um so mehr haßt sie ihn wie­der. Und die­ser Haß fährt los auf sein Le­ben und zer­stört es, und in dem Au­gen­blick, wo sie es zer­stört hat, wo gleich­sam ih­re Auf­op­fe­rung sich als Lü­ge of­fen­bart, ih­re Er­nied­ri­gung ge­rächt ist, – liebt sie ihn wie­der! So kom­pli­ziert ist bei Dos­t­o­jew­ski ein Lie­bes­ver­hält­nis. Wie es ver­glei­chen mit den Bü­chern, die schon bei der letz­ten Sei­te sind, wenn die bei­den ein­an­der lie­ben und durch al­le Fähr­nis­se des Le­bens sich ge­fun­den ha­ben? Wo die an­de­ren en­den, be­gin­nen erst die Tra­gö­di­en Dos­t­o­jew­skis, denn er will nicht Lie­be, nicht laue Aus­söh­nung der Ge­schlech­ter als Sinn und Tri­umph der Welt. Er knüpft wie­der an die gro­ße Tra­di­ti­on der An­ti­ke an, wo nicht ein Weib zu er­rin­gen, son­dern die Welt und al­le Göt­ter zu be­ste­hen, Sinn und Grö­ße ei­nes Schick­sals war. Bei ihm hebt sich der Mensch wie­der auf, nicht mit dem Blick zu den Frau­en, son­dern mit der of­fe­nen Stir­ne zu sei­nem Gott. Sei­ne Tra­gö­die ist grö­ßer als die von Ge­schlecht zu Ge­schlecht und vom Mann zum Weib.

Hat man nun Dos­t­o­jew­ski in die­ser Tie­fe der Er­kennt­nis, in die­ser rest­lo­sen Auf­lö­sung der Emp­fin­dung er­kannt, so weiß man: es gibt von ihm kei­nen Weg wie­der zu­rück ins Ver­gan­ge­ne. Will ei­ne Kunst wahr­haft sein, so darf sie von nun an nicht die klei­nen Hei­li­gen­bil­der des Ge­fühls auf­stel­len, die er zer­schla­gen, nie mehr den Ro­man in die klei­nen Krei­se der Ge­sell­schaft und Ge­füh­le sper­ren, nie mehr das ge­heim­nis­vol­le Zwi­schen­reich der See­le ver­schat­ten wol­len, das er durch­leuch­tet. Als ers­ter hat er uns die Ah­nung des Men­schen ge­ge­ben, die Wir als ers­te selbst sind, im Ge­gen­satz zu der Ver­gan­gen­heit, dif­fe­ren­zier­ter im Ge­fühl, weil be­la­de­ner mit mehr Er­kennt­nis als al­le frü­he­ren. Nie­mand kann er­mes­sen, um wie viel wir in den fünf­zig Jah­ren seit sei­nen Bü­chern den Dos­t­o­jew­ski­schen Men­schen schon ähn­li­cher ge­wor­den sind, wie vie­le Pro­phe­zei­un­gen sich schon in un­se­rem Blu­te, in un­se­rem Geis­te von sei­ner Ah­nung er­fül­len. Das Neu­land, das er als ers­ter be­schrit­ten, ist viel­leicht schon un­ser Land, die Gren­zen, die er über­wun­den, un­se­re si­che­re Hei­mat.

Un­end­li­ches aus un­se­rer letz­ten Wahr­heit, die wir jetzt er­le­ben, hat er uns pro­phe­tisch auf­ge­tan. Er hat der Tie­fe des Men­schen ein neu­es Maß ge­ge­ben: nie hat ein Sterb­li­cher vor ihm so viel vom un­sterb­li­chen Ge­heim­nis der See­le ge­wußt. Aber wun­der­bar: so sehr er un­ser Wis­sen um uns selbst er­wei­tert, so viel wir an ihm ge­lernt, nie ver­ler­nen wir an sei­ner Er­kennt­nis das ho­he Ge­fühl, de­mü­tig zu sein und das Le­ben als et­was Dä­mo­ni­sches zu emp­fin­den. Daß wir be­wuß­ter wur­den durch ihn, hat uns nicht frei­er ge­macht, son­dern nur ge­bun­de­ner. Denn so we­nig die mo­der­nen Men­schen den Blitz, seit sie ihn als elek­tri­sches Phä­no­men, als Span­nung und Ent­la­dung der At­mo­sphä­re er­ken­nen und be­nen­nen, als min­der ge­wal­tig emp­fin­den wie die vor­he­ri­gen Ge­schlech­ter, so we­nig kann un­se­re er­höh­te Er­kennt­nis des see­li­schen Me­cha­nis­mus im Men­schen die Ehr­furcht vor der Mensch­heit ver­min­dern. Ge­ra­de Dos­t­o­jew­ski, der al­le Ein­zel­hei­ten der See­le uns wis­send zeig­te, die­ser gro­ße Zer­le­ger, die­ser Ana­tom des Ge­füh­les, gibt gleich­zei­tig tie­fe­res, uni­ver­sale­res Welt­ge­fühl als al­le Dich­ter un­se­rer Zeit. Und der so tief den Men­schen ge­kannt wie kei­ner vor ihm, hat wie kei­ner Ehr­fürch­tig­keit vor dem Un­be­greif­li­chen, das ihn ge­stal­tet: vor dem Gött­li­chen, vor Gott.

DIE GOT­TES­QUAL

„Gott hat mich mein gan­zes Le­ben lang ge­quält.“

Dos­t­o­jew­ski

„Gibt es ei­nen Gott oder nicht?“ fährt Iwan Ka­ra­ma­s­off in je­nem furcht­ba­ren Zwie­ge­spräch sei­nen Dop­pel­gän­ger, den Teu­fel, an. Der Ver­su­cher lä­chelt. Er hat kei­ne Ei­le zu ant­wor­ten, die schwers­te Fra­ge ei­nem ge­mar­ter­ten Men­schen ab­zu­neh­men. „Mit grim­mi­ger Hart­nä­ckig­keit“ dringt Iwan nun in sei­ner Got­tes­ra­se­rei auf den Sa­tan ein: er soll, er muß ihm Ant­wort ste­hen in die­ser wich­tigs­ten Fra­ge der Exis­tenz. Aber der Teu­fel schürt nur den Rost der Un­ge­duld. „Ich weiß es nicht“, ant­wor­tet er dem Ver­zwei­fel­ten. Nur um den Men­schen zu quä­len, läßt er ihm die Fra­ge nach Gott un­be­ant­wor­tet, läßt er ihm die Got­tes­qual.

Al­le Men­schen Dos­t­o­jew­skis und nicht als Letz­ter er selbst ha­ben die­sen Sa­tan in sich, der die Got­tes­fra­ge stellt und nicht be­ant­wor­tet. Al­len ist je­nes „hö­he­re Herz“ ge­ge­ben, das fä­hig ist, sich mit die­sen qual­vol­len Fra­gen zu quä­len. „Glau­ben Sie an Gott“, herrscht Sta­w­ro­gin, ein an­de­rer, Mensch ge­wor­de­ner Teu­fel, plötz­lich den de­mü­ti­gen Scha­tow an. Wie ei­nen Brand­stahl stößt er ihm die Fra­ge mör­de­risch ins Herz. Scha­tow tau­melt zu­rück. Er zit­tert, er wird bleich, denn ge­ra­de die Auf­rich­tigs­ten bei Dos­t­o­jew­ski zit­tern vor die­sem letz­ten Be­kennt­nis (und er, wie hat er selbst da­vor ge­bebt in hei­li­gen Ängs­ten). Und erst wie ihn Sta­w­ro­gin mehr und mehr be­drängt, stam­melt er aus blas­sen Lip­pen die Aus­flucht: „Ich glau­be an Ruß­land.“ Und nur um Ruß­lands wil­len be­kennt er sich zu Gott.

Die­ser ver­bor­ge­ne Gott ist das Pro­blem al­ler Wer­ke Dos­t­o­jew­skis, der Gott in uns, der Gott au­ßer uns und sei­ne Er­we­ckung. Als ech­tem Rus­sen, dem größ­ten und we­sen­haf­tes­ten, den dies Mil­lio­nen­volk ge­bil­det, ist ihm nach sei­ner ei­ge­nen De­fi­ni­ti­on die­se Fra­ge um Gott und die Un­sterb­lich­keit die „wich­tigs­te des Le­bens“. Kei­ner sei­ner Men­schen kann der Fra­ge ent­wei­chen: sie ist ihm an­ge­wach­sen als Schat­ten sei­ner Tat, bald ih­nen vor­aus­lau­fend, bald ih­nen als Reue im Rü­cken. Sie kön­nen ihr nicht ent­flie­hen, und der ein­zi­ge, der ver­sucht, sie zu ver­nei­nen, die­ser un­ge­heue­re Mär­ty­rer des Ge­dan­kens, Ki­ril­low, in den „Dä­mo­nen“, muß sich selbst tö­ten, um Gott zu tö­ten – und be­weist da­mit, lei­den­schaft­li­cher als die an­de­ren, sei­ne Exis­tenz und Un­ent­rinn­bar­keit. Man bli­cke doch auf sei­ne Ge­sprä­che, wie die Men­schen ver­mei­den wol­len, von Ihm zu spre­chen, wie sie Ihm aus­wei­chen und aus­bie­gen: sie möch­ten im­mer gern un­ten blei­ben im nie­dern Ge­spräch, im „small talk“ des eng­li­schen Ro­mans, sie re­den von der Leib­ei­gen­schaft, von Frau­en, von der Six­ti­ni­schen Ma­don­na, von Eu­ro­pa, aber die un­end­li­che Schwer­kraft der Got­tes­fra­ge hängt sich an je­des The­ma und zieht es schließ­lich ma­gisch in sei­ne Un­er­gründ­lich­keit. Je­de Dis­kus­si­on bei Dos­t­o­jew­ski en­det beim rus­si­schen Ge­dan­ken oder beim Got­tes­ge­dan­ken – und wir se­hen, daß die­se bei­den Ide­en für ihn ei­ne Iden­ti­tät sind. Rus­si­sche Men­schen, sei­ne Men­schen, kön­nen so wie in ih­ren Ge­füh­len auch in ih­ren Ge­dan­ken nicht halt­ma­chen, sie müs­sen un­ver­meid­lich vom Prak­ti­schen und Tat­säch­li­chen in das Abs­trak­te, vom End­li­chen ins Un­end­li­che, im­mer ans En­de. Und al­ler Fra­gen En­de ist die Got­tes­fra­ge. Sie ist der in­ne­re Wir­bel, der ih­re Ide­en ret­tungs­los in sich reißt, der schwä­ren­de Split­ter in ih­rem Flei­sche, der ih­re See­len mit Fie­ber er­füllt.

Mit Fie­ber. Denn Gott – Dos­t­o­jew­skis Gott – ist das Prin­zip al­ler Un­ru­he, weil er, Ur­va­ter der Kon­tras­te, zu­gleich das Ja und das Nein ist. Nicht wie auf den Bil­dern der al­ten Meis­ter, in den Schrif­ten der Mys­ti­ker ist er die sanf­te Schwe­be über den Wol­ken, se­lig-be­schau­li­ches Er­ho­ben­sein – Dos­t­o­jew­skis Gott ist der sprin­gen­de Fun­ke zwi­schen den elek­tri­schen Po­len der Ur­kon­tras­te, er ist kein We­sen, son­dern ein Zu­stand, ein Span­nungs­zu­stand, ein Ver­bren­nungs­pro­zeß des Ge­fühls, er ist Feu­er, ist die Flam­me, die al­le Men­schen er­hitzt und über­ko­chen macht in Ek­sta­se. Er ist die Gei­ßel, die sie aus sich, aus ih­rem war­men ru­hi­gen Leib, in die Un­end­lich­keit treibt, der sie ver­lockt in al­le Ex­zes­se des Wor­tes und der Tat, sie hin­stürzt in den bren­nen­den Dorn­busch ih­rer Las­ter. Er ist, wie sei­ne Men­schen, wie der Mensch, der ihn schuf, ein un­ge­nüg­sa­mer Gott, den kei­ne An­stren­gung be­wäl­tigt, kein Ge­dan­ke er­schöpft, kei­ne Hin­ga­be be­frie­digt. Er ist der ewig Un­er­reich­ba­re, ist al­ler Qua­len Qual, und mit­ten aus Dos­t­o­jew­skis Brust bricht dar­um Ki­ril­lows Schrei: „Gott hat mich mein gan­zes Le­ben lang ge­quält.“

Das ist Dos­t­o­jew­skis Ge­heim­nis: er braucht Gott und fin­det ihn doch nicht. Manch­mal meint er ihm schon zu ge­hö­ren, und schon um­faßt ihn sei­ne Ek­sta­se, da klirrt sein Ver­nei­nungs­be­dürf­nis ihn wie­der zur Er­de. Kei­ner hat das Got­tes­be­dürf­nis stär­ker er­kannt. „Gott ist mir des­halb not­wen­dig,“ sagt er ein­mal, „weil er das ein­zi­ge We­sen ist, das man im­mer lie­ben kann“, und ein an­de­res Mal: „Es gibt kei­ne un­auf­hör­li­che­re und quä­len­de­re Angst für den Men­schen, als et­was zu fin­den, vor dem er sich beu­gen kann.“ Sech­zig Jah­re lei­det er an die­ser Got­tes­qual und liebt Gott wie je­des sei­ner Lei­den, liebt ihn mehr als al­les, weil er das ewigs­te al­ler Lei­den ist und Lei­dens­lie­be den tiefs­ten Ge­dan­ken sei­nes Sein be­deu­tet. Sech­zig Jah­re kämpft er sich zu ihm und lechzt „wie tro­cke­nes Gras“ nach dem Glau­ben. Das ewig Zer­spreng­te will ei­ne Ein­heit, der ewig Ge­jag­te ei­ne Rast, der ewig Ge­trie­be­ne durch al­le Strom­schnel­len der Lei­den­schaft, der sich Zer­strö­men­de den Aus­gang, die Ru­he, das Meer. So träumt er ihn als Be­ru­hi­gung und fin­det ihn doch nur als Feu­er. Er möch­te selbst ganz klein wer­den, ganz wie die Dump­fen im Geis­te, um in ihn ein­ge­hen zu kön­nen, möch­te glau­ben kön­nen im Köhler­glau­ben, wie die „zehn Pud di­cke Kauf­manns­frau“, möch­te es auf­ge­ben, der Wis­sends­te, der Be­wuß­te zu sein, um der Gläu­bi­ge zu wer­den, wie Ver­lai­ne fleht er: „Don­nez-moi de la simplicité.“ Das Ge­hirn ver­bren­nen im Ge­fühl, hin­strö­men in die Got­tes­ru­he, tier­haft dumpf, das ist sein Traum. O, wie streckt er sich ihm ent­ge­gen, er tobt brüns­tig, er schreit, er wirft die Har­pu­nen der Lo­gik aus, ihn zu fas­sen, legt ihm die ver­we­gens­ten Fuchs­fal­len der Be­wei­se; wie ein Pfeil schießt sei­ne Lei­den­schaft auf, ihn zu tref­fen, ein Lech­zen nach Gott ist sei­ne Lie­be, ei­ne „fast un­an­stän­di­ge Lei­den­schaft“, ein Par­o­xys­mus, ein Über­schwang.

Ist er aber dar­um schon gläu­big, weil er so fa­na­tisch glau­ben will? War Dos­t­o­jew­ski, der be­red­tes­te An­walt der Recht­gläu­big­keit, der Pra­vos­la­vie selbst ein Be­ken­ner, ein poe­ta chris­tia­nis­si­mus? Si­cher­lich in Se­kun­den: da zuckt sein Spas­ma ins Un­end­li­che hin­ein, da krampft er sich ein in Gott, da hält er die Har­mo­nie, die ir­disch ver­sag­te, in Hän­den, da ist er, der Ge­kreu­zig­te sei­nes Zwie­spal­tes, auf­er­stan­den in den al­lei­ni­gen Him­meln. Aber doch: ir­gend et­was bleibt auch dann noch wach in ihm und schmilzt nicht hin im See­len­brand. Wäh­rend er schon ganz auf­ge­löst scheint, ganz über­ir­di­sche Trun­ken­heit, bleibt je­ner grau­sa­me Geist der Ana­ly­se miß­trau­isch auf der Lau­er und mißt das Meer aus, in das er ver­sin­ken will. Der un­er­bitt­li­che Dop­pel­gän­ger wehrt sich ge­gen die Auf­ga­be der Per­sön­lich­keit. Auch im Got­tes­pro­blem klafft der un­heil­ba­re Zwie­spalt, der in je­dem von uns ein­ge­bo­ren ist, aber den kein Ir­di­scher bis­her zu sol­cher Spann­wei­te des Ab­grunds auf­ge­ris­sen wie Dos­t­o­jew­ski. Er ist der Gläu­bigs­te al­ler und der äu­ßers­te Athe­ist in ei­ner See­le, er hat in sei­nen Men­schen die po­lars­ten Mög­lich­kei­ten bei­der For­men gleich über­zeu­gend dar­ge­stellt (oh­ne sich selbst zu über­zeu­gen, oh­ne sich selbst zu ent­schei­den), die De­mut, sich hin­zu­ge­ben, sich, ein Staub­korn, auf­zu­lö­sen in Gott, und an­de­rer­seits das gran­dio­ses­te Ex­trem, sel­ber Gott zu wer­den: „Er­ken­nen, daß ein Gott ist, und gleich­zei­tig er­ken­nen, daß man nicht zum Gott ge­wor­den ist, wä­re ein Un­sinn, durch den man zum Selbst­mord ge­trie­ben wird.“ Und sein Herz ist bei bei­den, beim Got­tes­knecht und beim Got­tes­leug­ner, bei Al­joscha und bei Iwan Ka­ra­ma­s­off. Er ent­schei­det sich nicht in dem un­ab­läs­si­gen Kon­zil sei­ner Wer­ke, bleibt bei den Be­ken­nern und den Hä­re­ti­kern. Sei­ne Gläu­big­keit ist feu­ri­ger Wech­sel­strom zwi­schen dem Ja und Nein, den bei­den Po­len der Welt. Auch vor Gott bleibt Dos­t­o­jew­ski der gro­ße Aus­ge­sto­ße­ne der Ein­heit.

So bleibt er Si­sy­phus, der ewi­ge Wäl­zer des Steins zur Hö­he der Er­kennt­nis, der er im­mer wie­der ent­rollt. Der ewig Be­müh­te zu Gott, den er nie er­reicht. Aber ir­re ich denn nicht: ist Dos­t­o­jew­ski nicht den Men­schen der gro­ße Pre­di­ger des Glau­bens? Geht nicht durch sei­ne Wer­ke der gro­ße or­geln­de Hym­nus an Gott? Be­zeu­gen nicht al­le sei­ne po­li­ti­schen, sei­ne li­te­ra­ri­schen Schrif­ten ein­hel­lig dik­ta­to­risch, un­zwei­fel­haft sei­ne Not­wen­dig­keit, sei­ne Exis­tenz, de­kre­tie­ren sie denn nicht die Recht­gläu­big­keit, ver­wer­fen sie nicht den Athe­is­mus als das äu­ßers­te Ver­bre­chen? Aber man ver­wechs­le hier nicht Wil­le mit Wahr­heit, nicht den Glau­ben mit dem Pos­tu­lat des Glau­bens. Dos­t­o­jew­ski, der Dich­ter der ewi­gen Um­keh­rung, die­ser fleisch­ge­wor­de­ne Kon­trast, pre­digt den Glau­ben als Not­wen­dig­keit, pre­digt ihn um so in­brüns­ti­ger den an­de­ren als – er selbst nicht glaubt (im Sin­ne ei­nes stän­di­gen, si­che­ren, ru­hen­den, ver­trau­en­den Glau­bens, der „ge­klär­te Be­geis­te­rung“ als höchs­te Pflicht for­mu­liert). Von Si­bi­ri­en schreibt er an ei­ne Frau: „Ich will Ih­nen von mir sa­gen, daß ich ein Kind die­ser Zeit bin, ein Kind des Un­glau­bens und des Zwei­fels, und es ist wahr­schein­lich, ja, ich weiß es be­stimmt, daß ich es bis an mein Le­bens­en­de blei­ben wer­de. Wie ent­setz­lich quäl­te mich und quält mich auch jetzt die Sehn­sucht nach dem Glau­ben, die um so stär­ker ist, je mehr ich Ge­gen­be­wei­se ha­be.“ Nie hat er es kla­rer ge­sagt: er hat Sehn­sucht nach dem Glau­ben aus Glau­bens­lo­sig­keit. Und hier ist ei­ne je­ner er­ha­be­nen Um­wer­tun­gen Dos­t­o­jew­skis: eben weil er nicht glaubt und die Qual die­ses Un­glau­bens kennt, weil, nach sei­nem ei­ge­nen Wor­te, er die Qual im­mer nur für sich liebt und Mit­leid hat mit den an­dern – dar­um pre­digt er den an­dern den Glau­ben an ei­nen Gott, den er selbst nicht glaubt. Der Gott­ge­quäl­te will ei­ne gott­se­li­ge Mensch­heit, der schmerz­lich Glau­bens­lo­se die glück­lich Gläu­bi­gen. An das Kreuz sei­nes Un­glau­bens ge­na­gelt, pre­digt er dem Vol­ke die Or­tho­do­xie, er ver­ge­wal­tigt sei­ne Er­kennt­nis, weil er weiß, daß sie zer­reißt und ver­brennt, und pre­digt die Lü­ge, die Glück gibt, den strik­ten, text­li­chen Bau­ern­glau­ben. Er, der „kein Senf­korn Glau­ben hat“, der ge­gen Gott re­vol­tier­te und, wie er selbst stolz sag­te, „den Athe­is­mus mit ähn­li­cher Kraft aus­ge­drückt hat, wie nie­mand in Eu­ro­pa“, er ver­langt die Un­ter­wür­fig­keit un­ter das Po­pen­tum. Um die Men­schen vor der Got­tes­qual zu be­hü­ten, die er wie kei­ner im ei­ge­nen Flei­sche er­lebt, ver­kün­det er die Got­tes­lie­be. Denn er weiß: „Das Schwan­ken, die Un­ru­he des Glau­bens – das ist für ei­nen ge­wis­sen­haf­ten Men­schen ei­ne sol­che Qual, daß es bes­ser ist, sich zu er­hän­gen.“ Er selbst ist ihr nicht aus­ge­wi­chen, als Mär­ty­rer hat er den Zwei­fel auf sich ge­nom­men. Aber der Mensch­heit, der un­end­lich ge­lieb­ten, will er ihn er­spa­ren, wie sein Groß­in­qui­si­tor will er der Mensch­heit die Qual der Ge­wis­sens­frei­heit spa­ren und sie ein­wie­gen in den to­ten Rhyth­mus der Au­to­ri­tät. So schafft er, statt hoch­mü­tig die Wahr­heit sei­nes Wis­sens zu ver­kün­den, die de­mü­ti­ge Lü­ge ei­nes Glau­bens. Er ver­schiebt das re­li­giö­se Pro­blem ins Na­tio­na­le, dem er den Fa­na­tis­mus des gött­li­chen gibt. Und wie sein ge­treu­es­ter Knecht ant­wor­tet er auf die Fra­ge: „Glau­ben Sie an Gott?“ in der auf­rich­tigs­ten Kon­fes­si­on sei­nes Le­bens: „Ich glau­be an Ruß­land.“

Denn das ist sei­ne Flucht, sei­ne Aus­flucht, sei­ne Ret­tung: Ruß­land. Hier ist sein Wort nicht mehr Zwie­spalt, hier wird es Dog­ma. Gott hat ihm ge­schwie­gen: so schafft er sich als Mitt­ler zwi­schen sich und dem Ge­wis­sen selbst ei­nen Chris­tus, den neu­en Ver­kün­der ei­ner neu­en Mensch­heit, den rus­si­schen Chris­tus. Aus der Wirk­lich­keit, aus der Zeit stürzt er sein un­ge­heue­res Glau­bens­be­dürf­nis ei­nem Un­be­stimm­ten ent­ge­gen – denn nur ei­nem Un­be­stimm­ten, ei­nem Gren­zen­lo­sen kann die­ser Maß­lo­se sich ganz hin­ge­ben – in die un­ge­heue­re Idee Ruß­land, in die­ses Wort, das er an­füllt mit al­lem Un­maß sei­ner Gläu­big­keit. Ein an­de­rer Jo­han­nes, ver­kün­digt er die­sen neu­en Chris­tus, oh­ne ihn ge­schaut zu ha­ben. Aber er spricht in sei­nem Na­men, in Ruß­lands Na­men für die Welt.

Die­se sei­ne mes­sia­ni­schen Schrif­ten – es sind die po­li­ti­schen Auf­sät­ze und man­che Aus­brü­che der Ka­ra­ma­s­off – sind dun­kel. Ver­wor­ren ent­taucht ih­nen die­ses neue Chris­tus­ant­litz, der neue Er­lö­sungs- und All­ver­söh­nungs­ge­dan­ke, ein by­zan­ti­ni­sches Ant­litz mit har­ten Zü­gen, stren­gen Fal­ten. Wie von den al­ten rauch­ge­schwärz­ten Iko­nen star­ren frem­de ste­chen­de Au­gen uns an, In­brunst, un­end­li­che In­brunst in sich, aber auch Haß und Här­te. Und furcht­bar ist Dos­t­o­jew­ski selbst, wenn er die­se rus­si­sche Er­lö­sungs­bot­schaft uns Eu­ro­pä­ern wie ver­lo­re­nen Hei­den kün­det. Ein bö­ser, fa­na­ti­scher, mit­tel­al­ter­li­cher Mönch, das by­zan­ti­ni­sche Kreuz wie ei­ne Gei­ßel in der Hand, so steht der Po­li­ti­ker, der re­li­giö­se Fa­na­ti­ker uns ge­gen­über. Wie ein De­li­rant, ein Heim­ge­such­ter in mys­ti­schen Krämp­fen, nicht in sanf­ter Pre­digt kün­det er sei­ne Leh­re, in dä­mo­ni­schen Zorn­aus­brü­chen ent­lädt sich sei­ne maß­lo­se Lei­den­schaft. Mit Keu­len schlägt er je­den Ein­wand nie­der, ein Fie­bern­der, ge­gür­tet mit Hoch­mut, fun­kelnd von Haß, stürmt er die Tri­bü­ne der Zeit. Schaum steht vor sei­nem Mun­de, und mit zit­tern­den Hän­den schleu­dert er den Ex­or­zis­mus über un­se­re Welt.

Ein Bil­der­stür­mer, ein ra­sen­der Iko­n­o­k­last, fällt er her über die Hei­lig­tü­mer der eu­ro­päi­schen Kul­tur. Al­les stampft er nie­der, der gro­ße Tob­süch­ti­ge, von un­se­ren Idea­len, um sei­nem neu­en, dem rus­si­schen Chris­tus, den Weg zu be­rei­ten. Bis zum Irr­witz schäumt sei­ne mos­ko­wi­ti­sche Un­duld­sam­keit. Eu­ro­pa, was ist es? Ein Kirch­hof, mit teu­ern Grä­bern viel­leicht, aber jetzt stin­kend von Fäul­nis, nicht ein­mal Dün­ger mehr für die neue Saat. Die blüht ein­zig aus rus­si­scher Er­de. Die Fran­zo­sen – eit­le Laf­fen, die Deut­schen – ein nied­ri­ges Wurst­ma­cher­volk, die Eng­län­der – Krä­mer der Ver­nünf­te­lei, die Ju­den – stin­ken­der Hoch­mut. Der Ka­tho­li­zis­mus – ei­ne Teu­fels­leh­re, ei­ne Ver­höh­nung Chris­ti, der Pro­tes­tan­tis­mus – ein ver­nünft­le­ri­scher Staats­glau­be, al­les Hohn­bil­der des ein­zig wah­ren Got­tes­glau­bens: der rus­si­schen Kir­che. Der Papst – der Sa­tan in der Tia­ra, un­se­re Städ­te – Ba­by­lon, die gro­ße Hu­re der Apo­ka­lyp­se, un­se­re Wis­sen­schaft – ein eit­les Blend­werk, De­mo­kra­tie – die dün­ne Brü­he wei­cher Ge­hir­ne, Re­vo­lu­ti­on – ein lo­ses Bu­ben­stück von Nar­ren und Ge­narr­ten, Pa­zi­fis­mus – ein Alt­wei­ber­ge­schwätz. Al­le Ide­en Eu­ro­pas ein ver­blüh­ter, ver­welk­ter Blu­men­strauß, gut ge­nug, in die Jau­che ge­schmis­sen zu wer­den. Nur die rus­si­sche Idee ist die ein­zig wah­re, ein­zig gro­ße, ein­zig rich­ti­ge. Im Amok­lauf stürmt der ra­sen­de Über­trei­ber wei­ter, je­den Ein­wand mit dem Dol­che nie­der­sto­ßend: „Wir ver­ste­hen euch, aber ihr ver­steht nicht uns“ – schon bricht je­de Dis­kus­si­on blu­tend zu­sam­men. „Wir Rus­sen sind die All­ver­ste­hen­den, ihr seid die Be­grenz­ten“, de­kre­tiert er. Ruß­land al­lein ist rich­tig und al­les in Ruß­land, der Zar und die Knu­te, der Po­pe und der Bau­er, die Troi­ka und die Iko­ne, und um so rich­ti­ger, je mehr es an­ti­eu­ro­pä­isch, asia­tisch, mon­go­lisch, ta­ta­risch, um so rich­ti­ger, als es kon­ser­va­tiv, rück­stän­dig, un­fort­schritt­lich, un­geis­tig, by­zan­ti­nisch ist. O, wie tobt er sich hier aus, der gro­ße Über­trei­ber! „Sei­en wir Asia­ten, sei­en wir Sar­ma­ten“, jauchzt er auf. „Weg von Pe­ters­burg, dem eu­ro­päi­schen, zu­rück zu Mos­kau, hin­über nach Si­bi­ri­en, das neue Ruß­land ist das Drit­te Reich.“ Dis­kus­si­on dar­über dul­det die­ser gott­trun­ke­ne mit­tel­al­ter­li­che Mönch nicht. Nie­der die Ver­nunft! Ruß­land ist das Dog­ma, das wi­der­spruchs­los zu be­ken­nen ist. „Man ver­steht Ruß­land nicht mit der Ver­nunft, son­dern mit dem Glau­ben.“ Wer ihm nicht in die Knie stürzt, ist der Feind, der An­ti­christ: Kreuz­zug wi­der ihn! Hell schmet­tert er in die Fan­fa­re des Krie­ges. Zer­stampft muß Ös­ter­reich wer­den, der Halb­mond von der Ha­gia So­fia Kon­stan­ti­no­pels ge­ris­sen, Deutsch­land ge­de­mü­tigt, Eng­land be­siegt – ein wahn­wit­zi­ger Im­pe­ria­lis­mus hüllt sei­nen Hoch­mut in mön­chi­sche Kut­te und ruft: ‚Dieu le veut.‘ Um des Got­tes­rei­ches wil­len die gan­ze Welt für Ruß­land.

Ruß­land al­so ist Chris­tus, der neue Er­lö­ser, und wir sind die Hei­den. Nichts er­ret­tet uns Ver­wor­fe­ne aus dem Fe­ge­feu­er un­se­rer Schuld: wir ha­ben die Erb­sün­de be­gan­gen, kei­ne Rus­sen zu sein. Un­se­rer Welt ist kein Raum in die­sem neu­en Drit­ten Reich: erst muß un­se­re eu­ro­päi­sche Welt un­ter­ge­hen im rus­si­schen Welt­rei­che, im neu­en Got­tes­rei­che, dann erst kann sie er­löst wer­den. Wört­lich sagt er: „Je­der Mensch muß vor­erst Rus­se wer­den.“ Dann erst be­ginnt die neue Welt. Ruß­land ist das Gott­trä­ger­volk: erst muß es noch mit dem Schwer­te die Er­de er­obern, dann erst wird es sein „letz­tes Wort“ der Mensch­heit sa­gen. Und die­ses letz­te Wort heißt für Dos­t­o­jew­ski: Ver­söh­nung. Für ihn be­steht das rus­si­sche Ge­nie in der Fä­hig­keit, al­les zu ver­ste­hen, al­le Ge­gen­sät­ze zu lö­sen. Der Rus­se ist der All­ver­ste­her und dar­um der Nach­gie­bi­ge im höchs­ten Sinn. Und sein Staat, der Zu­kunfts­staat, wird die Kir­che sein, die Form der brü­der­li­chen Ge­mein­schaft, der Durch­drin­gung statt der Un­ter­ord­nung. Und es klingt wie ein Pro­log zu den Er­eig­nis­sen die­ses Krie­ges (der in sei­nem An­be­ginn so ge­nährt war von sei­nen Ide­en, wie in sei­nem En­de von je­nen Tol­stois), wenn er sagt: „Wir wer­den die ers­ten sein, die der Welt ver­kün­den, daß wir nicht durch Un­ter­drü­ckung der Per­sön­lich­keit und frem­der Na­tio­na­li­tä­ten das ei­ge­ne Ge­dei­hen er­rei­chen wol­len, son­dern im Ge­gen­teil letz­te­res nur in der frei­es­ten und selb­stän­digs­ten Ent­wick­lung al­ler Na­tio­nen und in der brü­der­li­chen Ver­ei­ni­gung su­chen.“ Le­nin und Trotz­ky sind in die­ser Ver­hei­ßung, gleich­zei­tig aber auch der Krieg, den er, der ewi­ge An­walt des An­span­nens al­ler Ge­gen­sät­ze, so lei­den­schaft­lich ge­prie­sen. All­ver­söh­nung als Ziel, aber Ruß­land als der ein­zi­ge Weg – „von Os­ten her wird die Er­de er­schaf­fen“. Über die Ber­ge des Ural wird das ewi­ge Licht auf­stei­gen und das schlich­te Volk, nicht der wis­sen­de Geist, nicht die eu­ro­päi­sche Kul­tur, mit sei­nen dunk­len Ge­heim­nis­sen der Er­de ver­bun­de­nen Kräf­ten un­se­re Welt er­lö­sen. Statt der Macht wird die werk­tä­ti­ge Lie­be sein, statt des Wi­der­streits der Per­sön­lich­kei­ten das all­mensch­li­che Ge­fühl, der neue, der rus­si­sche Chris­tus wird die All­ver­söh­nung brin­gen, die Auf­lö­sung der Ge­gen­sät­ze. Und der Ti­ger wird ne­ben dem Lam­me wei­den und der Reh­bock ne­ben dem Lö­wen – wie zit­tert Dos­t­o­jew­skis Stim­me, wenn er vom Drit­ten Reich spricht, vom All­ruß­land der Er­de, wie bebt er selbst in der Ek­sta­se der Gläu­big­keit, wie wun­der­bar ist er, der Wis­sends­te al­ler Wirk­lich­kei­ten, in sei­nem mes­sia­ni­schen Traum.

Denn in das Wort Ruß­land, in die Idee Ruß­land hin­ein träumt Dos­t­o­jew­ski die­sen Chris­tus­traum, die Idee der Ver­söh­nung der Ge­gen­sät­ze, die er in sei­nem Le­ben, in der Kunst und selbst in Gott durch sech­zig Jah­re ver­geb­lich ge­sucht. Aber die­ses Ruß­land, wel­ches ist es, das rea­le oder das mys­ti­sche, das po­li­ti­sche oder das pro­phe­ti­sche? Wie im­mer bei Dos­t­o­jew­ski: bei­des zu­gleich. Ver­geb­lich, von ei­nem Lei­den­schaft­li­chen Lo­gik zu ver­lan­gen und von ei­nem Dog­ma sei­ne Be­grün­dung. In den mes­sia­ni­schen Schrif­ten Dos­t­o­jew­skis, den po­li­ti­schen, den li­te­ra­ri­schen Wer­ken, tau­meln die Be­grif­fe wie ra­send durch­ein­an­der. Bald ist Ruß­land Chris­tus, bald Gott, bald das Reich Pe­ters des Gro­ßen, bald das neue Rom, die Ver­ei­ni­gung des Geis­tes und der Macht, Tia­ra und Kai­ser­kro­ne, sei­ne Haupt­stadt bald Mos­kau, bald Kon­stan­ti­no­pel, bald das neue Je­ru­sa­lem. Die de­mü­tigs­ten all­mensch­lichs­ten Idea­le wech­seln brüsk mit macht­gie­ri­gen sla­wo­phi­len Er­obe­rungs­ge­lüs­ten, po­li­ti­sche Ho­ro­sko­pe von ver­blüf­fen­der Treff­si­cher­heit mit phan­tas­ti­schen apo­ka­lyp­ti­schen Ver­hei­ßun­gen. Bald jagt er den Be­griff Ruß­land in die En­ge der po­li­ti­schen Stun­de, bald schnellt er ihn in das Gren­zen­lo­se em­por – auch hier wie im Kunst­werk die glei­che zi­schen­de Mi­schung von Was­ser und Feu­er, von Rea­lis­mus und Phan­tas­tik of­fen­ba­rend. Der Dä­mo­ni­sche in ihm, der ra­sen­de Über­trei­ber, in ein Maß ge­zwun­gen sonst in sei­nen Ro­ma­nen, hier lebt er sich aus in py­thi­schen Krämp­fen: mit der gan­zen In­brunst sei­ner glü­hen­den Lei­den­schaft pre­digt er Ruß­land als das Heil der Welt, die al­lein­ma­chen­de Se­lig­keit. Nie ward ei­ne Na­tio­na­l­idee hoch­mü­ti­ger, ge­nia­ler, wer­ben­der, ver­füh­ren­der, be­rau­schen­der, ek­sta­ti­scher Eu­ro­pa als Wel­t­idee ver­kün­det, wie die rus­si­sche in den Bü­chern Dos­t­o­jew­skis.

Ein un­or­ga­ni­scher Aus­wuchs der gro­ßen Ge­stalt scheint die­ser Fa­na­ti­ker sei­ner Ras­se zu­erst, die­ser mit­leid­lo­se ek­sta­ti­sche rus­si­sche Mönch, die­ser hoch­mü­ti­ge Pam­phle­tist, die­ser un­wahr­haf­ti­ge Be­ken­ner. Aber ge­ra­de er ist not­wen­dig für die Ein­heit von Dos­t­o­jew­skis Per­sön­lich­keit. Wo im­mer wir bei Dos­t­o­jew­ski ein Phä­no­men nicht ver­ste­hen, müs­sen wir sei­ne Not­wen­dig­keit im Kon­trast su­chen. Ver­ges­sen wir nicht: Dos­t­o­jew­ski ist im­mer ein Ja und Nein, die Selbst­ver­nich­tung und Selbst­über­he­bung, der zur Spit­ze ge­trie­be­ne Kon­trast. Und die­ser über­trie­be­ne Hoch­mut ist nur das Wi­der­spiel ei­ner über­trie­be­nen De­mut, sein ge­stei­ger­tes Volks­be­wußt­sein nur das po­la­re Emp­fin­den sei­nes über­reiz­ten per­sön­li­chen Nich­tig­keits­emp­fin­dens. Er spal­tet sich gleich­sam selbst in zwei Hälf­ten: in Stolz und in De­mut. Sei­ne Per­sön­lich­keit er­nied­rigt er: man durch­su­che die zwan­zig Bän­de sei­nes Werks nach ei­nem ein­zi­gen Wor­te der Ei­tel­keit, des Stol­zes, der Über­he­bung! Nur Selbst­ver­klei­ne­rung fin­det man dar­in, Ekel, An­kla­ge, Er­nied­ri­gung. Und al­les, was er an Stolz be­sitzt, gießt er aus in die Ras­se, in die Idee sei­nes Vol­kes. Al­les was sei­ner iso­lier­ten Per­sön­lich­keit gilt, ver­nich­tet er, al­les was dem Un­per­sön­li­chen in ihm, dem Rus­sen, dem All­men­schen gilt, er­hebt er zur Ver­göt­te­rung. Aus dem Un­glau­ben an Gott wird er Got­tes­pre­di­ger, aus dem Un­glau­ben an sich der Ver­kün­der sei­ner Na­ti­on und der Mensch­heit. Auch im Ide­el­len ist er der Mär­ty­rer, der sich selbst an das Kreuz schlägt, um die Idee zu er­lö­sen.

Das ist sein gro­ßes Ge­heim­nis: durch Ge­gen­satz frucht­bar zu wer­den. Ihn aus­span­nen ins Un­end­li­che, da­mit er die gan­ze Welt um­fas­se, und dann die ihm ent­sprin­gen­de Kraft zur Zu­kunft wen­den. Die an­dern Dich­ter schaf­fen ihr Ide­al ge­wöhn­lich aus der Stei­ge­rung ih­rer Per­sön­lich­keit, in­dem sie sich selbst nach­bil­den, ge­rei­nigt, ver­klärt, ver­bes­sert, er­ho­ben, in­dem sie den zu­künf­ti­gen Men­schen ge­wis­ser­ma­ßen als den ge­läu­ter­ten Ty­pus ih­rer selbst be­trach­ten. Dos­t­o­jew­ski, der Ge­gen­satz­mensch, der schöp­fe­ri­sche Dua­list, bil­det sein Ide­al, sei­nen Gott, durch die An­ti­the­se zu sich selbst: er er­nied­rigt sich, den Le­ben­di­gen, zum Ne­ga­tiv. Er will nur der Ton, der Lehm sein, aus dem die neue Form ge­gos­sen wird, sei­nem Links ent­spricht ein Rechts im zu­künf­ti­gen Bil­de, sei­ner Tie­fe ei­ne Er­he­bung, sei­nem Zwei­fel ei­ne Gläu­big­keit, sei­nem Zwie­spalt ei­ne Ein­heit. „Mö­ge ich selbst un­ter­ge­hen, wenn nur die an­dern glück­lich sind“ – das Wort sei­nes Sta­retz ver­wan­delt er in Geist. Er ver­nich­tet sich, um in dem zu­künf­ti­gen Men­schen auf­zu­er­ste­hen.

Das Ide­al Dos­t­o­jew­skis ist dar­um: Zu sein, wie er nicht ist. Zu füh­len, wie er nicht fühlt. Zu den­ken, wie er nicht denkt. Zu le­ben, wie er nicht lebt. Bis in das Kleins­te, Zug um Zug, ist der neue Mensch sei­ner in­di­vi­du­el­len Form ent­ge­gen­ge­setzt, aus je­dem Schat­ten sei­nes ei­ge­nen We­sens ein Licht ge­bil­det, aus je­dem Dun­kel ein Glanz. Aus dem Nein zu sich selbst schafft er das Ja, das lei­den­schaft­li­che zur neu­en Mensch­heit. Bis ins Kör­per­li­che hin­ein setzt sich die­se bei­spiel­lo­se mo­ra­li­sche Ver­ur­tei­lung sei­nes Selbst zu­guns­ten des zu­künf­ti­gen We­sens fort, die Ver­nich­tung des Ich­menschen um des All­men­schen wil­len. Man neh­me sein Bild, sei­ne Pho­to­gra­phie, sei­ne To­ten­mas­ke und le­ge sie ne­ben die Bil­der je­ner Men­schen, in de­nen er sein Ide­al ge­formt: ne­ben Al­joscha Ka­ra­ma­s­off, ne­ben den Sta­retz Sos­si­ma, den Fürs­ten My­sch­kin, die­se drei Skiz­zen zum rus­si­schen Chris­tus, zum Hei­land, die er ent­wor­fen. Und bis ins Kleins­te wird hier je­de Li­nie Ge­gen­satz sa­gen und Kon­trast zu ihm selbst. Dos­t­o­jew­skis Ge­sicht ist düs­ter, er­füllt von Ge­heim­nis­sen und Dun­kel­heit, je­ner Ant­litz ist hei­ter und von fried­li­cher Of­fen­heit, sei­ne Stim­me hei­ser und ab­rupt, die je­ner Men­schen sanft und lei­se. Sein Haar ist wirr und dun­kel, sei­ne Au­gen tief und un­ru­hig – je­ner Ant­litz ist hell und um­rahmt von sanf­ten Sträh­nen, ihr Au­ge glänzt oh­ne Un­ru­he und Angst. Aus­drück­lich sagt er von ih­nen, daß sie ge­ra­de­aus schau­en und ihr Blick das sü­ße Lä­cheln von Kin­dern hat. Sei­ne Lip­pen sind schmal um­kräu­selt von den ra­schen Fal­ten des Hoh­nes und der Lei­den­schaft, sie ver­ste­hen nicht zu la­chen – Al­joscha, Sos­si­ma ha­ben das freie Lä­cheln des selbst­si­chern Men­schen über den wei­ßen Zäh­nen blin­ken. Zug um Zug setzt er so sein ei­ge­nes Bild als Ne­ga­tiv ge­gen die neue Form. Sein Ant­litz ist das ei­nes ge­bun­de­nen Men­schen, des Knech­tes al­ler Lei­den­schaf­ten, be­bür­det von Ge­dan­ken – das ih­re drückt die in­ne­re Frei­heit aus, die Hem­mungs­lo­sig­keit, die Schwe­be. Er ist Zer­ris­sen­heit, Dua­lis­mus, sie die Har­mo­nie, die Ein­heit. Er der Ich­mensch, der in sich Ein­ge­ker­ker­te, sie der All­mensch, der von al­len En­den sei­nes We­sens in Gott über­strömt.

Die­se Schaf­fung ei­nes mo­ra­li­schen Ide­als aus Selbst­ver­nich­tung – nie war sie voll­kom­me­ner in al­len Sphä­ren des Geis­ti­gen und des Sitt­li­chen. Aus Selbst­ver­ur­tei­lung, gleich­sam, in­dem er sich die Adern sei­nes We­sens auf­schnei­det, mit dem ei­ge­nen Blu­te malt er das Bild des zu­künf­ti­gen Men­schen. Er war noch der Lei­den­schaft­li­che, der Kramp­fi­ge, der Mensch der kur­zen ti­ger­haf­ten An­sprün­ge, sei­ne Be­geis­te­rung ei­ne aus der Ex­plo­si­on der Sin­ne oder der Ner­ven auf­schie­ßen­de Stich­flam­me – je­ne sind die sanft, aber ste­tig be­weg­te, keu­sche Glut. Sie ha­ben die stil­le Be­harr­lich­keit, die wei­ter reicht als die wil­den Sprün­ge der Ek­sta­se, sie ha­ben die ech­te De­mut, die nicht die Lä­cher­lich­keit fürch­tet, sie sind nicht wie er die ewig Er­nied­rig­ten und Be­lei­dig­ten, die Ge­hemm­ten und Ver­krümm­ten. Mit je­dem kön­nen sie spre­chen, und je­der fühlt Be­ru­hi­gung an ih­rer Ge­gen­wart – sie ha­ben nicht die ewi­ge Hys­te­rie der Angst, zu krän­ken oder ge­kränkt zu wer­den, sie bli­cken nicht bei je­dem Schritt fra­gend um sich. Gott quält sie nicht mehr, er be­frie­det sie. Sie wis­sen um al­les, aber eben weil sie al­les wis­sen, ver­ste­hen sie auch al­les, sie rich­ten nicht und sie ver­ur­tei­len nicht, sie grü­beln nicht nach den Din­gen, son­dern glau­ben sie dank­bar. Selt­sam: er, der ewig Be­un­ru­hig­te, sieht in dem ge­las­se­nen, ge­klär­ten Men­schen die höchs­te Form des Le­bens, der Zwie­späl­ti­ge pos­tu­liert als letz­tes Ide­al die Ein­heit, der Em­pö­rer die Un­ter­wer­fung. Sei­ne Got­tes­qual ist in ih­nen Got­tes­lust ge­wor­den, sei­ne Zwei­fel Ge­wiß­heit, sei­ne Hys­te­rie Ge­sun­dung, sein Leid ein all­um­fas­sen­des Glück. Das Letz­te und Schöns­te der Exis­tenz ist für ihn, was er selbst, der Be­wuß­te und Über­be­wuß­te, nie ge­kannt und was er dar­um für den Men­schen als das Er­ha­bens­te er­sehnt: Nai­vi­tät, Kind­lich­keit des Her­zens, die sanf­te, die selbst­ver­ständ­li­che Hei­ter­keit.

Se­het sei­ne liebs­ten Men­schen, wie sie schrei­ten: ein sanf­tes Lä­cheln ist auf ih­ren Lip­pen, um al­les wis­sen sie und ha­ben doch kei­nen Stolz, sie le­ben im Ge­heim­nis des Le­bens nicht wie in ei­ner feu­ri­gen Schlucht, son­dern schla­gen es blau wie ei­nen Him­mel um sich. Sie ha­ben die Ur­fein­de der Exis­tenz, sie ha­ben „Schmerz und Angst be­siegt“ und sind dar­um gott­se­lig ge­wor­den in der un­end­li­chen Brü­der­schaft der Din­ge. Sie sind er­löst von ih­rem Ich. Höchs­tes Glück der Er­den­kin­der ist die Un­per­sön­lich­keit – so ver­wan­delt der höchs­te In­di­vi­dua­list die Weis­heit Goe­thes in ei­nen neu­en Glau­ben.

Kein Bei­spiel kennt die Ge­schich­te des Geis­tes ei­ner ähn­li­chen mo­ra­li­schen Selbst­ver­nich­tung in­ner­halb ei­nes Men­schen, ähn­lich frucht­ba­rer Er­schaf­fung des Ide­als aus dem Kon­trast. Mär­ty­rer sei­ner selbst, hat Dos­t­o­jew­ski sich ans Kreuz ge­schla­gen: sein Wis­sen, daß es den Glau­ben be­zeu­ge, sei­nen Kör­per, daß er durch Kunst den neu­en Men­schen zeu­ge, sei­ne Ei­gen­heit um der All­heit wil­len. Er will sei­nen ei­ge­nen Un­ter­gang als Ty­pus, da­mit ei­ne glück­li­che­re bes­se­re Mensch­heit ent­ste­he: al­les Lei­den nimmt er auf sich um das Glück der an­dern wil­len. Und der sich sech­zig Jah­re ge­spannt zur schmerz­haf­tes­ten Wei­te sei­nes Ge­gen­sat­zes, zer­wühlt zu al­len Tie­fen sei­nes We­sens, da­mit er Gott und da­mit den Sinn des Le­bens fin­de – er wirft die ge­häuf­te Er­kennt­nis weg für ei­ne neue Mensch­heit, der er sein tiefs­tes Ge­heim­nis sagt, die letz­te For­mel, sei­ne un­ver­geß­lichs­te: „Das Le­ben mehr lie­ben als den Sinn des Le­bens.“

VI­TA TRI­UM­PHA­TRIX

„Wie es auch war, das Le­ben, es ist schön.“

Goe­the

Wie dun­kel der Weg durch Dos­t­o­jew­skis Tie­fe, wie düs­ter sei­ne Land­schaft, wie drü­ckend sei­ne Un­end­lich­keit, ge­heim­nis­voll ähn­lich sei­nem tra­gi­schen Ant­litz, das al­len Schmerz des Le­bens in sich ge­mei­ßelt! Ab­grün­di­ge Höl­len­krei­se des Her­zens, pur­pur­ne Fe­ge­feu­er der See­le, der tiefs­te Schacht, den ir­di­sche Hand je­mals in die Un­ter­welt des Ge­füh­les hin­ab­stieß. Wie­viel Dun­kel in die­ser Men­schen­welt, wie­viel Lei­den in die­sem Dun­kel! O wel­che Trau­er auf sei­ner Er­de, die­ser Er­de, „die mit Trä­nen ge­tränkt ist bis zu ih­rer un­ters­ten Krus­te“, wel­che Höl­len­krei­se in ih­rer Tie­fe, fins­te­rer als Dan­te, der Se­her, sie vor ei­nem Jahr­tau­send er­schaut. Un­er­lös­te Op­fer ih­rer Ir­disch­keit, Mär­ty­rer ei­ge­nen Ge­füh­les, um­schlun­gen von den Schlan­gen ih­rer Lei­den­schaft, ge­quält von al­len Gei­ßeln des Geis­tes, schäu­mend im Schwall ohn­mäch­ti­ger Em­pö­rung, o wel­che Welt, die­se Welt Dos­t­o­jew­skis! Ver­mau­ert al­le Freu­de, ver­bannt al­le Hoff­nung, oh­ne Ret­tung vor dem Lei­den, das, un­end­lich ge­türm­te Mau­er, um al­le sei­ne Op­fer steht! – Kann kein Mit­leid sie er­lö­sen, sei­ne Men­schen, aus ih­rer ei­ge­nen Tie­fe, sprengt kei­ne apo­ka­lyp­ti­sche Stun­de die­se Höl­le, die ein Got­tes­mensch schuf aus sei­ner Qual?

Tu­mult und Kla­ge strömt aus die­ser Tie­fe, wie nie die Mensch­heit sie er­hört. Nie war mehr Dun­kel­heit über ei­nem Werk. Selbst Mi­che­lan­ge­los Ge­stal­ten sind lin­der in ih­rer Trau­er, und über Dan­tes Tie­fe glänzt der Pa­ra­die­se se­li­ger Schein. Ist wirk­lich das Le­ben nur ewi­ge Nacht in Dos­t­o­jew­skis Werk und Lei­den der Sinn al­les Le­bens? Zit­ternd beugt sich die See­le über den Ab­grund und schau­ert, nur Qual und Kla­ge zu hö­ren von ih­ren Brü­dern.

Aber da schwebt ein Wort aus der Tie­fe, sanft im Ge­tüm­mel und doch hoch sie über­schwe­bend, wie ei­ne Tau­be auf­schwebt über stür­men­dem Meer. Sanft ist es ge­spro­chen, und groß ist sein Sinn, se­lig das Wort: „Mei­ne Freun­de, fürch­tet das Le­ben nicht.“ Und es ist ein Schwei­gen aus die­sem Wort, schau­ernd lauscht die Tie­fe, und sie schwebt, sie über­schwebt al­le Qua­len, die Stim­me, da sie spricht: „Nur durch Qual kön­nen wir das Le­ben lie­ben ler­nen.“

Wer spricht dies tröst­ends­te Wort des Lei­dens? Der Lei­dends­te al­ler, er selbst, Dos­t­o­jew­ski. Noch sind die ge­sprei­te­ten Hän­de ge­schla­gen an das Kreuz sei­nes Zwie­spalts, noch ste­hen die Nä­gel der Qual in sei­nem brü­chi­gen Lei­be, aber de­mü­tig küßt er das Mar­t­er­holz die­ser Exis­tenz, und die Lip­pen sind sanft, wie sie zu den Mit­brü­dern das gro­ße Ge­heim­nis sa­gen: „Ich glau­be, wir al­le müs­sen erst das Le­ben lie­ben ler­nen.“

Und an­bricht der Tag aus sei­nen Wor­ten, apo­ka­lyp­ti­sche Stun­de. Auf­sprin­gen die Grä­ber und Ker­ker: aus der Tie­fe ste­hen sie auf, die To­ten und Ver­schlos­se­nen, al­le, al­le tre­ten sie her­an, Apos­tel sei­nes Wor­tes zu sein, aus ih­rer Trau­er er­he­ben sie sich. Aus den Ker­kern drän­gen sie her, aus der Kat­or­ga Si­bi­ri­ens, klir­rend in Ket­ten, aus Win­kel­stu­ben, Bor­del­len und Klos­ter­zel­len, sie al­le, die gro­ßen Lei­den­den der Lei­den­schaft; noch klebt das Blut an ih­ren Hän­den, noch brennt ihr ge­knu­te­ter Rü­cken, noch sind sie nie­der in Zorn und Ge­brest, aber schon ist die Kla­ge zer­bro­chen in ih­rem Mun­de, und ih­re Trä­nen fun­keln von Zu­ver­sicht. O ewi­ges Wun­der Bi­leams, Fluch wird Seg­nung auf ih­rer bren­nen­den Lip­pe, da sie das Ho­si­an­na des Meis­ters hö­ren, das Ho­si­an­na, das „durch al­le Fe­ge­feu­er des Zwei­fels ge­gan­gen“. Die Fins­ters­ten sind die ers­ten, die Trau­rigs­ten die Gläu­bigs­ten, al­le drän­gen sie vor, dies Wort zu be­zeu­gen. Und aus ih­ren Mün­dern, den rau­hen und ver­lechz­ten, schäumt als gro­ßer Cho­ral der Hym­nus des Lei­dens, der Hym­nus des Le­bens mit der Ur­ge­walt der Ek­sta­se. Al­le, al­le sind sie zur Stel­le, die Mär­ty­rer, das Le­ben zu lob­prei­sen. Di­mitri Ka­ra­ma­s­off, der un­schul­dig Ver­damm­te, Ket­ten an den Hän­den, jauchzt aus der Fül­le sei­ner Kraft: „Al­les Leid wer­de ich über­win­den, um mir nur sa­gen zu kön­nen: ‚ich bin‘. Wenn ich mich auch auf der Fol­ter­bank krüm­me, so weiß ich doch, ‚ich bin‘, an­ge­schmie­det auf die Ga­lee­re, se­he ich noch die Son­ne, und wenn ich sie auch nicht se­he, so le­be ich doch und weiß, daß sie ist.“ Und Iwan, der Bru­der, tritt ihm zur Sei­te und kün­det: „Es gibt kein un­wi­der­ruf­li­ches Un­glück als Tot­sein.“ Und wie ein Strahl dringt die Ek­sta­se der Exis­tenz in sei­ne Brust, und er ju­belt, der Got­tes­leug­ner: „Ich lie­be dich, Gott, denn groß ist das Le­ben.“ Aus den Ster­be­kis­sen hebt sich, ge­fal­te­ter Hand, der ewi­ge Zweif­ler Ste­fan Tro­fi­mo­witsch auf und stam­melt: „O wie ger­ne wür­de ich wie­der le­ben wol­len. Je­de Mi­nu­te, je­der Au­gen­blick muß ei­ne Se­lig­keit des Men­schen sein.“ Im­mer hel­ler, im­mer rei­ner, im­mer er­ho­be­ner wer­den die Stim­men. Fürst My­sch­kin, der Ver­wirr­te, ge­tra­gen von den schwan­ken­den Flü­geln sei­ner schwei­fen­den Sin­ne, brei­tet die Ar­me und schwärmt: „Ich be­grei­fe nicht, wie man an ei­nem Baum vor­über­ge­hen kann, oh­ne glück­lich zu sein, daß er ist und daß man ihn liebt … wie­viel wun­der­vol­le Din­ge gibt es doch auf je­dem Schritt die­ses Le­bens, Din­ge, die selbst der Ver­wor­fens­te noch als wun­der­voll emp­fin­det.“ Der Sta­retz Sos­si­ma pre­digt: „Die Gott und das Le­ben ver­flu­chen, ver­flu­chen sich selbst … Wenn du je­des Ding lie­ben wirst, wird sich dir das Ge­heim­nis Got­tes in al­len Din­gen of­fen­ba­ren, und schließ­lich wirst du die gan­ze Welt mit all­um­fas­sen­der Lie­be um­span­nen.“ Und selbst der „Mensch aus der Win­kel­gas­se“, der klei­ne ver­schüch­ter­te Na­men­lo­se in sei­nem ver­schab­ten Män­tel­chen, drängt her­an und ent­brei­tet die Ar­me: „Das Le­ben ist Schön­heit, nur im Lei­den ist Sinn, o wie schön ist das Le­ben!“ Der „lä­cher­li­che Mensch“ bricht auf aus sei­nem Traum, „das Le­ben, das gro­ße, zu ver­kün­den“, al­le, al­le krie­chen sie wie Ge­würm aus den Win­keln ih­res We­sens, um mit­zu­spre­chen im gro­ßen Cho­ral. Kei­ner will ster­ben, kei­ner das Le­ben las­sen, das hei­lig ge­lieb­te, kei­nes Lei­den ist so tief, daß er es mit dem To­de noch tausch­te, dem ewi­gen Wi­der­part. Und die­se Höl­le, Dun­kel­heit der Ver­zweif­lung, hallt plötz­lich an ih­ren har­ten Wän­den Lob­ge­sang des Schick­sals wi­der, aus Fe­ge­feu­ern ent­brennt fa­na­ti­sche Glut der Dank­bar­keit. Licht, un­end­li­ches Licht strömt ein, der Him­mel Dos­t­o­jew­skis bricht über die Er­de, und rau­schend über al­le dröhnt das letz­te Wort, das Dos­t­o­jew­ski schrieb, das Wort der Kin­der bei der Re­de am gro­ßen Stein, der hei­lig bar­ba­ri­sche Ruf: „Hur­ra das Le­ben!“

O Le­ben, wun­der­ba­res, das du dir mit wis­sen­dem Wil­len Mär­ty­rer schaffst, auf daß sie dich lobsin­gen, o Le­ben, wei­se-grau­sa­mes, das du die Größ­ten dir hö­rig machst mit Lei­den, da­mit sie dei­nen Tri­umph ver­kün­den! Den ewi­gen Schrei Hi­obs, der durch die Jahr­tau­sen­de tönt, da er in der Pla­ge Gott er­kennt, im­mer willst du ihn wie­der hö­ren und der Män­ner Da­ni­els Ju­bel­ge­sang, in­des ihr Leib im feu­ri­gen Ofen brennt. Ewig ent­zün­dest du ihn, klin­gen­de Koh­le, auf der Zun­ge der Dich­ter, die du zu Lei­den­den machst, auf daß sie dir hö­rig wer­den und dich nen­nen in Lie­be! Beet­ho­ven schlägst du im Sin­ne der Mu­sik, daß der Er­taub­te das Brau­sen Got­tes hö­re und, vom To­de be­rührt, dir die Hym­ne der Freu­de dich­te, Rem­brandt jagst du ins Dun­kel der Ar­mut, daß er Licht, dein Ur­licht, in Far­ben sich su­che, Dan­te ver­jagst du vom Va­ter­land, daß er Höl­le und Him­mel im Traum er­schaue, al­le hast du mit dei­nen Gei­ßeln ge­jagt in dei­ne Un­end­lich­keit. Und die­sen, den du wie kei­nen ge­gei­ßelt, auch ihn hast du dir ge­zwun­gen zum Knech­te, und sie­he, von schäu­men­der Lip­pe, hin­fal­lend in Krämp­fen jauchzt er dir Ho­si­an­na zu, das hei­li­ge Ho­si­an­na, das „durch al­le Fe­ge­feu­er der Zwei­fel ge­gan­gen“. O wie siegst du in den Men­schen, die du lei­den läßt, aus Nacht machst du Tag, aus Lei­den die Lie­be, aus der Höl­le holst du dir hei­li­gen Lob­ge­sang. Denn der Lei­dends­te ist der Wis­sends­te al­ler, und wer um dich weiß, muß dich seg­nen: und die­ser, der dich zu­tiefst er­kann­te, sie­he, er hat dich wie kei­ner be­zeugt, er hat dich wie kei­ner ge­liebt!

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]