Die Wahl zum Senator

Ich weilte zufällig in Frankfurt am Main, als aus Amerika verlautete, daß die förmliche Anklage gegen Präsident Johnson in den Vereinigten Staaten viel Aufsehen und Erregung verursache. Ein Freund von mir, Herr Marcuse, der lange in New York gelebt hatte, nahm mich mit zur Börse, wo ich sofort von einer großen Menge Bankiers und Makler umdrängt wurde, die mich jedenfalls als Autorität auf dem Gebiete der amerikanischen Angelegenheiten betrachteten und mich eifrig befragten, ob die Anklage gegen den Präsidenten wohl revolutionäre Unruhen im Gefolge haben könnte. Die Frankfurter Börse war von jeher der Hauptmarkt in Deutschland für die von unserer Regierung während des Bürgerkrieges und nachher aufgenommenen Anleihen gewesen; die Sorge wegen der politischen Lage in den Vereinigten Staaten war also begreiflich. Ich drückte der mich umgebenden Menge meine feste Überzeugung aus, daß, wie auch das Anklageverfahren gegen den Präsidenten entschieden würde, nicht die geringste Gefahr eines Ausbruches revolutionärer Unruhen vorläge. Meine kleine Rede schien denn auch ihre Wirkung getan zu haben; »Amerikaner«, die während des Morgens »schwach« gewesen waren, wurden sofort »fest«. Herr Marcuse sah mich mit ironischem Lächeln von der Seite an und sagte: »Na, Sie werden auch nie ein reicher Mann«.

»Warum nicht?« fragte ich.

»Weil Sie Ihre guten Gelegenheiten verpassen«, antwortete er. »Ist es Ihnen denn gar nicht eingefallen, daß die Nachrichten aus den Vereinigten Staaten die amerikanischen Papiere zum Sinken gebracht hatten, daß sie nach Ihrer kleinen Ansprache wieder steigen würden und daß, wenn Sie mir nur vorher einen Wink gegeben hätten, wir beide ein hübsches Sümmchen hätten verdienen können?«

Noch oft erzählte er diese Geschichte und neckte mich mit dem verfehlten »Geschäft«.

Als ich wieder in den Vereinigten Staaten eintraf, war das Anklageverfahren gegen Präsident Johnson beendet, und er war freigesprochen. Es hatten allerdings keine Aufstände und sonstige Störungen stattgefunden, aber das ganze Volk war von dem Geschehenen noch gewaltig erregt. Heutzutage kann kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß die Dinge, deren der Präsident beschuldigt wurde, in gewöhnlichen ruhigen Zeiten, wo die Urteilskraft nicht von der Leidenschaft oder der Furcht vor großen, dem Volkswohl drohenden Gefahren verwirrt ist, gar nicht ausgereicht hätten, um eine solche Anklage zu begründen. Aber in den Tagen, von denen ich erzähle, herrschte noch immer wie ein Fieber der Groll aus dem Bürgerkriege und die nervöse Angst, daß die mit so furchtbaren Opfern an Blut und Geld erkauften Ergebnisse auf irgend eine Weise wieder verloren gehen könnten. Unter solchen Umständen ist es schwer, ein kühles und nüchternes Urteil zu bewahren. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich sage, daß die große Mehrzahl der loyalen Unionsfreunde, sowohl im Norden wie im Süden, den Präsidenten als einen Hochverräter ansahen, dessen Absicht es sei, die Staatsregierung wieder ganz in die Hände der Rebellen zu legen. Ihr Wunsch war, ihn der Macht ganz beraubt zu sehen, nicht wegen der Dinge, die er getan hatte, sondern wegen seiner zukünftigen oder auch nur möglichen Handlungen. Die republikanischen Senatoren, die für Johnsons Freisprechung gestimmt und ihn am Ruder erhalten hatten, handelten zweifelsohne gewissenhaft, gerecht und patriotisch; aber obwohl einige von ihnen, wie z. B. Fessenden, Grimes, Trumbull, Henderson u. a. m., zu den edelsten, weisesten und in jeder Hinsicht verdienstvollsten Mitgliedern jener Körperschaft zählten, wurden sie doch als Helfershelfer bei einem neuen Verrat heruntergemacht, und zwar nicht nur von lärmenden Demagogen, sondern auch von patriotisch gesinnten Staatsbürgern, die sonst ruhig und vernünftig waren. Wenn wir nachträglich den Gedankengang und die Handlungen jener Tage betrachten, können wir wohl die leidenschaftliche Erregung bedauern, von welcher sich so viele gute Staatsbürger hinreißen ließen, und die vielen gefährlichen Vorgänge, die dem Wesen eines vulkanischen südamerikanischen Staates mehr entsprochen hätten als dem unsrigen; aber wir sollten gerechterweise nicht vergessen, daß gleich nach einem so bedeutenden bürgerlichen Konflikt, als die schwer erkauften Ergebnisse des Krieges noch in der Wage schwebten und sogar durch die Haltung des ersten exekutiven Beamten des Staates schwer bedroht wurden, die politische Lage entschieden anormal war und wohl geeignet, übertriebene Befürchtungen von Gefahren, welche besondere Sicherheitsmaßregeln verlangten, hervorzurufen. Um so verdienstlicher war die Haltung der republikanischen Senatoren, die unter so schwierigen Verhältnissen ihr ruhiges Gleichgewicht bewahrten und, unter Gefährdung ihrer ganzen politischen Zukunft, fest und treu ihre Überzeugungen von Recht und Gerechtigkeit gegenüber dem wildleidenschaftlichen Druck der Partei hochhielten. Zugleich darf auch nicht vergessen werden, daß viele, welche die Anklage des Präsidenten billigten und ihn für schuldig erklärten, das nicht in blindem Gehorsam gegen das wüste Geschrei der Menge taten, sondern in aufrichtigem Pflichtgefühl gegenüber den Erfordernissen der augenblicklichen ganz besonderen Lage.

Kurz nach meiner Rückkehr nach St. Louis wurde der republikanische Staatskonvent abgehalten; sein Zweck war die Wahl von Abgeordneten zum republikanischen Nationalkonvent, welcher am 20. Mai in Chicago tagen sollte. Ich wurde zunächst zum Abgeordneten ernannt, und dann erwählte mich die Abordnung von Missouri in ihrer ersten Versammlung zum Vorsitzenden. In Chicago harrte meiner eine Überraschung, die von Politikern meist als eine angenehme empfunden wird. Das republikanische Nationalkomitee teilte mir durch seinen Vorsitzenden, Marcus L. Ward, mit, daß es mich zum zeitweiligen Vorsitzenden des republikanischen Nationalkonvents erwählt hätte. Das war eine ganz unerwartete Ehre, die ich mit der schuldigen dankbaren Anerkennung annahm. Ich hielt eine kurze Ansprache, so kurz wie sie bei solchen Gelegenheiten möglich ist, die gut aufgenommen wurde; und nach den üblichen Eingangsverhandlungen gab ich mein Amt an den ständigen Vorsitzendem General Joseph R. Hawley aus Connecticut, ab.

Daß General Grant als republikanischer Präsidentschaftskandidat nominiert werden würde, war so gut wie beschlossen. Über den Kandidaten für die Vizepräsidentschaft entspann sich ein recht matter Wettkampf, der mit der Wahl des Präsidenten des Repräsentantenhauses, Schuyler Colfax, endete. Zu jener Zeit war er überall sehr beliebt und schien eine große Zukunft zu haben; leider litt er später auf den gefährlichen Riffen der Börsenspekulation Schiffbruch.

Die Präsidentschafts-Wahlkampagne von 1868 verlief ohne besondere Erregung oder Begeisterung. Der republikanische Kandidat General Grant war damals auf der Höhe seines Ansehens und seiner Beliebtheit. Er hatte sich nie in der Politik betätigt und sich nie irgendeiner politischen Partei angeschlossen. Ob er irgendwelche feste Ansichten in politischer Hinsicht hegte, und welcher Art sie waren, wußte niemand sicher zu sagen. Aber man war bereit, ihn, so wie er war, zum Präsidenten zu erwählen. Es ist sehr wahrscheinlich und auch oft behauptet worden, daß, wenn es den Demokraten gelungen wäre, ihn als Kandidaten »einzufangen«, er auch von jener Partei mit derselben Bereitwilligkeit aufgestellt worden wäre. Grant war einer der schlagendsten Beweise in der ganzen Weltgeschichte dafür, daß ein Kriegsheld leicht von der Volksphantasie mit allen möglichen Vorzügen und Tugenden ausgestattet wird. In unbedingtem guten Glauben nahm das Volk an, daß der Mann, der so große Heere erfolgreich geführt, solch glänzende Feldzüge geplant und herrliche Siege erfochten hatte, notwendigerweise auch tüchtig, klug und energisch genug sein müsse, um die Führung bei der Lösung irgendeines schwierigen Problems der Staatsregierung übernehmen zu können. Man meinte, daß einer, der sich auf dem Schlachtfelde als großer Stratege erwiesen habe, sich am grünen Tisch auch als großer Staatsmann erweisen müsse. Grant kam eine solche Ansicht im höchsten Grade zugute, weil er neben seinem Kriegslorbeer sich auch den Ruf der Klugheit, der Großmut und des feinen Taktes erworben hatte, besonders durch seine Verhandlungen mit Lee über die Kapitulation der südstaatlichen Armee und durch sein ruhiges Ausgleichen der Differenzen, welche das übereilte Vorgehen Shermans in den Unterhandlungen mit Johnston, dem General der Konföderierten zur Folge gehabt hatten. Im großen und ganzen nahm das Volk die Kandidatur General Grants als die eines verdienstvollen und vertrauenswürdigen Mannes gut auf.

Andrerseits mußte die demokratische Partei nicht nur den traditionellen Tadel tragen, daß einige ihrer Hauptführer mit der Sezession sympathisierten, was zu jener Zeit noch schwer ins Gewicht fiel, sondern sie brachte es fertig, durch die Haltung ihres Konvents einen besonders ungünstigen Eindruck hervorzubringen. In ihren Wahlreden wurden beinahe Gewaltmaßregeln angeraten, um die Wiederabschaffung der vom Kongreß angenommenen Rekonstruktionsgesetze herbeizuführen, und ferner wurde verlangt, daß ein großer Teil der Staatsschuld in entwertetem Papiergeld (Greenbacks) bezahlt werden sollte. Das unsichere Umhertappen nach einem Kandidaten und die Art, wie die Kandidatur schließlich dem schwachen und liebenswürdigen Horatio Seymour widerwillig aufgezwungen wurde, boten ein fast komisches Bild der Hilflosigkeit. Andrerseits klangen die wütenden Reden des feurigen Frank Blair, des demokratischen Kandidaten für die Vizepräsidentschaft, wie das wilde Lärmen eines Tobsüchtigen, der wieder eine Revolution heraufbeschwören wollte, während das Volk nach Frieden lechzte. Die Demokraten gingen offenbar einer Niederlage entgegen.

Während der Wahlkampagne wurde ich oft aufgefordert, Reden zu halten, und hatte stets große und begeisterte Zuhörerschaft.

Die Wahl Grants war, wie gesagt, gesichert. Allgemein hatte man das Gefühl, daß, wenn Grant den Präsidentenstuhl einnahm, die Regierung in guten Händen sein würde.

Mir brachte der Sieg der republikanischen Partei eine unerwartete Ehre, die ich, während ich mich an der Wahlkampagne beteiligte, nicht vorhergesehen hatte. Einer der Senatoren der Vereinigten Staaten, John B. Henderson von Missouri, hatte bei dem Anklageverfahren gegen Präsident Johnson für dessen Freisprechung gestimmt. Es war ein Mann von außerordentlichen Fähigkeiten und von ehrenhaftem Charakter, aber – er hatte für Freisprechung Andrew Johnsons gestimmt. Durchaus ehrenhafte und prinzipientreue Gründe hatten ihn dazu bestimmt, aber er hatte sich dabei in Gegensatz zu den Meinungen und Gefühlen seiner meisten Wähler gesetzt und dem von vielen Republikanern aus seinem Staate auf ihn ausgeübten Drucke widerstanden. Da seine Amtsdauer als Senator gerade ablief, war diese große Gruppe von Wählern seiner Wiederwahl abhold. Seine Aussichten waren sehr gering, und seine besten Freunde erkannten offen die Unmöglichkeit an, ihm sein Amt zu erhalten. Alle republikanischen Senatoren, die für Johnsons Freisprechung gestimmt hatten, befanden sich mehr oder weniger im Widerspruch mit der republikanischen Partei ihrer eigenen Staaten. Aber in Missouri ist republikanische Gesinnung etwas anderes als sonst irgendwo. In diesem Staate hatte sich ein großer Teil der Bevölkerung der Sezession angeschlossen. Die beiden Parteien waren im Bürgerkrieg nicht genau geographisch getrennt gewesen. Daher hatte der Bürgerkrieg hier etwa den Charakter eines Nachbarschaftskrieges – nicht nur Staat gegen Staat und Distrikt gegen Distrikt, sondern Haus gegen Haus. Im Innern von Missouri dauerte darum auch nach Beendigung des Bürgerkrieges ein Guerillakrieg fort. Während der Wahlkampagne von 1868 mußte ich im Wagen durch eine etwas einsame Gegend von Springfield im Südwesten von Missouri nach Sedalia reisen, einem Gebiete, wo nicht wenige zerstörte und verbrannte Häuser von dem Guerillakriege redeten, der dort getobt hatte. Da wurde ich sogar von ängstlichen Freunden darauf aufmerksam gemacht, daß meine Reise gefährlich sein könne, und mir und meinen Begleitern wurde geraten, auf der Fahrt stets geladene Revolver zur Hand zu haben, um auf alle Fälle gerüstet zu sein. Diese Vorsichtsmaßregel erwies sich glücklicherweise als überflüssig. Die grimmige Feindschaft des bürgerlichen Konflikts dauerte in Missouri viel länger als in den nördlichen Staaten, und irgendwelche dem »Hochverräter« Andrew Johnson erwiesene Gunst erschien der großen Masse der Republikaner in Missouri einfach unverzeihlich.

Die unmittelbare Folge von Hendersons Haltung war, daß sein Kollege im Senat, Charles D. Drake, einen beherrschenden und für den Augenblick unbestrittenen Einfluß in der Partei erlangte. Senator Drake war ein tüchtiger Jurist und unfraglich ein ehrenwerter Mann, aber er war engherzig in seinen Ansichten, dogmatisch und außerordentlich intolerant. Er wollte der republikanische »Boss«, der unumschränkte Parteiführer des Staates sein. Allerdings nicht um eine Organisation zu schaffen, die ihn und seine Anhänger bereichern sollte: Bestechlichkeit und Unlauterkeit waren seinem Wesen ganz fremd. Aber er wollte die anerkannte Autorität sein, seiner Partei ihre Politik vorschreiben und die Staatsämter des Bundes in Missouri unter Kontrolle haben. Dieser Ehrgeiz beherrschte bei ihm alle anderen Rücksichten und Gefühle. Seine äußere Erscheinung war nicht imposant, aber sobald man sich ihm näherte, fühlte man, wie sehr er sich seiner Macht bewußt war. Er war klein von Wuchs, aber er trat fest auf, beinah demonstrativ fest. Sein Antlitz war von grauem Haar und einem kurzen stoppeligen Bart umrahmt und mit schweren Augenbrauen charakteristisch gezeichnet; sein Ausdruck war meist streng, sogar verdrießlich. Seine Stimme war rauh und unmelodisch, seine Sprache langsam und herrisch, seine Rede begleitete stets eine gebieterische Handbewegung. Ich weiß nicht, zu welcher religiösen Gemeinschaft er sich bekannte, aber man hatte den Eindruck, daß ihn keine Religion befriedigen würde, die nicht ein lustig flammendes Höllenfeuer unterhielt, in dem Ketzer und Sünder braten müßten. Es hieß, daß er im Kreise seiner Familie und seiner Freunde vergnügt und freundlich wäre, aber in der Politik war er streng und unerbittlich. Ich bezweifle eigentlich, daß er als Führer bei dem Gros der Republikaner in Missouri je wirklich beliebt war, aber sicher ist, daß die meisten Mitglieder seiner Partei, besonders in den Landgebieten gewaltigen Respekt vor ihm hatten.

Natürlich wünschte Drake an Stelle Hendersons einen Kollegen in den Senat zu bekommen, der mit seinen Ansichten übereinstimmte und sein Verhalten nach seinen Wünschen gestalten würde. Er wählte General Ben Loon aus dem westlichen Teil des Staates, einen Mann von vortrefflichem Charakter und von achtungswerten, aber nicht außergewöhnlichen Fähigkeiten. Senator Drake ließ wie eine Art Dekret von seiner Seite bekannt geben, daß Loon in den Senat zu wählen sei, und obgleich der Vorschlag keine besonders herzliche Zustimmung im Staate hervorrief, wäre er wahrscheinlich daraufhin erwählt worden, wenn nicht eine andere Kandidatur dazwischen gekommen wäre. Das trug sich folgendermaßen zu:

Ich war Mitglied eines kleinen Klubs, der aus einigen politischen Gesinnungsgenossen bestand, die etwa alle vierzehn Tage gemeinschaftlich zu Mittag aßen und dann die Tagesereignisse besprachen. Bei einer dieser Zusammenkünfte, bald nach der Präsidentschafts-Wahlkampagne von 1868, kam die Unterhaltung auf die bevorstehende Wahl eines Nachfolgers für Senator Henderson und die Kandidatur von Drakes Günstling, General Loon. Wir waren alle einig in unserer Abneigung gegen Drakes Art der Politik; wir waren auch darüber einig, daß es uns unlieb war, durch die Wahl von General Loon einen Abklatsch und nur einen Abklatsch von Drake in den Senat treten zu sehen. Aber wie war das zu verhindern? Wir erkannten alle bedauernd die Unmöglichkeit einer Wiederwahl Hendersons an. Und wen könnte man General Loon als Kandidaten gegenüberstellen? Einer aus unserer Tafelrunde wandte sich zu mir und sagte: »Sie!« – Sofort stimmten alle begeistert und mit Händeklatschen ein. Mir schien es undenkbar, daß ich, ein verhältnismäßiger Neuling in Missouri, zum Senator erwählt werden sollte, wo es so viele Männer gab, die vor wenigen Jahren Führer in der großen Staatskrisis gewesen waren, und ich brannte durchaus nicht darauf, mich einer, wie ich meinte, sicheren Niederlage auszusetzen. Aber meine Genossen bestanden darauf, und endlich willigte ich ein, daß Oberst William M. Grosvenor, welcher Chefredakteur des »Globe Democrat« und ein Mitglied unserer Tafelrunde war, in seinem Blatte, der leitenden republikanischen Zeitung in St. Louis, erst mal die öffentliche Meinung sondieren sollte. Überraschend groß war dann die Menge der republikanischen Zeitungen im Staate, welche die Notiz freundlich unterstützten, und bald war ich in der Lage eines anerkannten Senats-Kandidaten, für den seine politischen «Freunde« agitieren. Die vielen in der letzten Wahlkampagne von mir gehaltenen Wahlreden hatten mir anscheinend, besonders im Landgebiete, mehr Freunde erworben, als ich selbst wußte. Doch wären meine Aussichten auf Erfolg nur gering gewesen, wenn mein Hauptgegner, Senator Drake, nicht selbst auf dem Kampfplatz erschienen wäre.

Als er erfuhr, daß meine Kandidatur immer kräftigere Unterstützung fand, eilte er von Washington nach Jefferson City, der Hauptstadt von Missouri, um das Gewicht seines persönlichen Einflusses bei der Legislatur des Staates gegen mich in die Wagschale zu werfen. An seiner Seite erschien General Loon. Es war dann ganz gerechtfertigt, daß auch ich mit einigen meiner Freunde zur Stelle war. Das Haupt meiner Geschäftsführung blieb Oberst Grosvenor, der Chefredakteur des »Globe Democrat« ein außerordentlich gescheiter, lebhafter, tätiger und energischer junger Mann. Ich hätte keinen tatkräftigeren, besseren und treueren Vorkämpfer und keinen geschickteren Taktiker als Geschäftsführer haben können. Meine Gegner waren in ihren Unterredungen mit den Mitgliedern der Legislatur von größter Rücksichtslosigkeit. Sie klagten mich an, ich sei ein fremder Eindringling, ein gewerbsmäßiger Revolutionär, ein »deutscher Ungläubiger«, ein gewohnheitsmäßiger Trinker und was weiß ich alles. Unser Feldzugsplan war höchst einfach: Kein Wort gegen meinen Mitbewerber General Loon, keinen Champagner, keinen Whisky, nicht einmal Zigarren, keine lärmenden Kundgebungen, keine Versprechungen in bezug auf Stellen, noch sonstige Vergünstigungen für den Fall, daß ich gewählt wurde. Dafür erließen wir aber eine Herausforderung an General Loon und auch an Senator Drake, am Tage vor dem Caucus – der Vorversammlung der Wähler zur Ernennung eines Senatskandidaten – eine öffentliche Diskussion mit mir zu halten. Inzwischen sollten Oberst Grosvenor und meine übrigen Freunde sich unter die Mitglieder der Legislatur mischen, darauf achten, was ihnen gesagt wurde, und was sie sagten, und mir solche zuführen, die mich zu sprechen wünschten. So dauerte die Wahlkampagne einige Tage; im Norden erregte sie Aufsehen, und in den Zeitungen wurde viel Vorteilhaftes für mich darüber geschrieben. Überall wurde ein freundlicher Eifer zu meinen Gunsten entwickelt. Mein Freund Sigismund Kaufmann in New York depeschierte mir, daß, wenn ich Geld für meine Wahlkampagne brauche, er mir 10 000 Dollars zur Verfügung stellen könne. Ich telegraphierte ihm meinen Dank. Für Geld hatte ich keine Verwendung. Ich vertraute auf die öffentliche Debatte.

Senator Drake nahm die Herausforderung für sich und General Loon an. Es wurden zwei Versammlungen an zwei aufeinander folgenden Abenden vorgesehen. Am ersten Abend sollte ich eine Rede von gewisser Zeitdauer halten, am zweiten Abend sollten Loon und Drake antworten, und ich sollte ein Schlußwort sprechen. Diese Ankündigung verbreitete sich rasch über die Vereinigten Staaten, und von nah und fern, vom Lande und aus den Städten strömten so viele Freunde der beiden Kandidaten herzu, welche Zeugen des nach ihrer Ansicht großen Ereignisses sein wollten, daß die Hotels der Staatshauptstadt überfüllt waren, und jede Neuankunft die hochgespannte Erwartung noch vermehrte.

In Erinnerung an die Debatte zwischen Lincoln und Douglas in Quincy, Illinois, bei der ich vor Jahren zugegen gewesen war, hielt ich meine Eröffnungsrede in einem maßvollen, sogar etwas matten Defensivtone. Meine besten Trümpfe sparte ich mir für meine Schlußrede auf und hob vorerst nur in etwas herausfordernder Weise ein paar scharfe Punkte hervor, von denen ich wünschte, daß Drake am anderen Abend auf sie eingehen sollte. Die Wirkung meiner Rede war nach zwei Seiten hin befriedigend. Meine Freunde und Anhänger waren von der Höflichkeit und Mäßigung, mit welcher ich meine Ansichten dargelegt und gewisse Angriffe zurückgewiesen hatte, angenehm berührt. Andererseits triumphierte Drake schon im voraus und konnte sein Siegesbewußtsein nicht verhehlen. Vor einer großen Menge sagte er mit lauter Stimme: »Der Mann ist mir als großer Redner geschildert, so eine Art Cicero und Demosthenes in einer Person. Und was haben wir gehört? Recht alltägliches Geschwätz. Meine Herren, morgen um diese Zeit wird General Carl Schurz so tot sein wie Julius Cäsar«. – Als ich diese Worte hörte, wußte ich, daß seine Rede so gehässig, gebieterisch und selbstherrlich sein würde, wie ich sie mir nur wünschen konnte, und daß er sich damit in meine Hände geben würde.

Am folgenden Abend war der große Versammlungssaal zum Ersticken voll. General Loon, mein Mitbewerber, sprach erst. Der Ton seiner Ansprache war ganz anständig, aber der Inhalt war unbedeutend. Er erntete nur den Beifall, der einem achtungswerten Redner gezollt wird, welcher nicht zu lang und nicht beleidigend spricht, selbst wenn er so leise redet, daß er fast unverständlich bleibt. Senator Drake bestieg die Rednerbühne mit herausfordernder Miene, als ob er der Mann sei, alle Gegner bald abzuschlachten. Nach ein paar Worten über seine Haltung in der Negerfrage nahm er mich vor. Wer wäre ich eigentlich, der ich mir herausnähme, mich als Senatskandidaten aufstellen zu lassen? Er möchte wohl mal ein wenig meine bisherige Laufbahn untersuchen, ob er nicht allerlei Ungünstiges von mir fände, – aber dazu müßte er zu weit reisen, nach Deutschland und nach allen möglichen Orten in unserem Lande. So lange Reisen zu machen habe er aber keine Zeit, wenn die Untersuchung auch noch so interessant und lehrreich ausfallen könnte. Diese Andeutung wurde von den Zuhörern mit starken Zeichen des Mißfallens aufgenommen, welche Drake jedoch nur zu noch größerer Energie anstachelten. Er ging jetzt zu einem heftigen Angriff auf die Deutschen in Missouri über, für deren politischen Charakter und deren Haltung in öffentlichen Dingen er mich verantwortlich machte. Er klagte sie an als eine Schar Unwissender, die nicht einmal Englisch könnten, nur ihre deutschen Zeitungen läsen und unter der Führung von bestochenen und intriganten Cliquen ständen. Er nannte sie Ränkeschmiede und Störenfriede, aus die kein Verlaß sei, und deren Zugehörigkeit zur republikanischen Partei dieser Partei mehr schadete als nützte. Endlich, nachdem er seiner Verachtung für die Zeitungen und die politischen Kreise, die meine Kandidatur unterstützten, genügend Ausdruck gegeben hatte, schloß er mit einer großartigen Lobrede auf General Loon und auf sich selbst, deren Länge die Zuhörer etwas zu ermüden schien, denn der Redner wurde aus allen Teilen des Saales durch mehrfache Rufe nach mir unterbrochen. Die unmittelbare Wirkung von Drakes Rede war sichtlich ihm selbst und seinem Kandidaten schädlich. Besonders hatten seine scharfen Worte gegen die Deutschen und gegen den großen Teil der republikanischen Partei, welcher meine Wahl vertrat, mißfallen; denn viele Mitglieder der Legislatur bedachten, ein wie großer und wichtiger Teil ihrer Wähler gerade jene Deutschen waren, und wie sehr ihre politische Stellung von eben jenen Zeitungen abhing .

Als ich die Rednerbühne betrat, wurde ich mit lauten Beifallsäußerungen empfangen. Es gelang mir sofort, mich auch mit meinen Gegnern in launige Beziehungen zu setzen, indem ich mich vorstellte als »einen Knaben David, der allein und ohne andere Waffe als seine Schleuder und ein paar glatte Steine in seiner Hirtentasche den Kampf mit zwei schwerbewaffneten Goliaths zugleich aufnehmen müsse« – Die Zuhörer lachten und äußerten wieder Beifall. Dann tat ich Loons »harmlose« Rede mit ein paar höflichen Phrasen ab und »ging vom Sekundanten, zum eigentlichen Gegner über«. – Große Heiterkeit folgte auf diese Worte; Loon errötete heftig und sah recht blamiert aus. Dann ergriff ich vollen Ernstes die Offensive gegen Drake. Zur größten Belustigung meiner Zuhörer verspottete ich mit beißender Ironie seinen arroganten Anspruch, der Vater der neuen Verfassung zu sein, mit welcher Missouri gesegnet war. Dann wandte ich mich seinem Angriff gegen die Deutschen zu. Ich fragte, wer denn zu Beginn des Krieges die feindlichen Truppen, die in Camp Jacksons vereinigt waren, gefangen genommen und so St. Louis und den Staat der Union gerettet hätte, und wer auf allen blutigen Schlachtfeldern von Missouri immer voran gewesen wäre? Die ganze Versammlung schrie: »Die Deutschen! Die Deutschen!« Ich fragte dann weiter, wo Mr Drake in jenen kritischen Tagen denn gewesen sei, und ich gab selbst die Antwort: da er vor dem Kriege ein Demokrat und Vertreter der Sklaverei gewesen war, saß er damals ruhig in seinem Rechtsanwaltsbureau und rechnete nach, wann er sich wohl mit voller Sicherheit offen für die Union erklären könnte, und unterdessen vergossen die Deutschen ihr Blut für diese selbe Union. Dies war ein Hieb, der saß. Mein unglückliches Opfer sprang in nervöser Erregung auf und bat meinen Freund General McNeil, der zugegen war, ihm zu bestätigen, daß er, der General selbst, ihm geraten habe, ruhig zu Hause zu bleiben, da er dort bessere Dienste tun könnte als zwanzig Mann im Felde. Daraus erwiderte McNeil sofort: »Ja, aber das war lange nach dem Anfang des Krieges«. Auf diese Antwort sank Drake in seinen Stuhl zurück, während die Versammlung in lautes Gelächter ausbrach. Nach einiger Zeit erhob er sich wieder und erklärte, es sei unrecht von mir, ihm irgendwelche Feindschaft gegen die Deutschen zuzuschreiben, er sei ein Freund der Deutschen. Sofort entgegnete ich, dann müßte man also das, was er heute abend von den Deutschen gesagt hätte, als eine charakteristische Probe von Senator Drakes Freundschaft ansehen. Stürmische Heiterkeit brauste durch die Versammlung. Aber der schärfste Pfeil sollte noch abgeschossen werden. Ich unterzog des Senators Laufbahn als Parteiführer einer eingehenden Betrachtung, ich erwähnte, wie er gegen jeden Republikaner, der seinem Wort nicht unbedingt folgen wollte, seinen Bannfluch schleuderte und auf diese Weise manchen treuen Anhänger der Partei entfremdet und schließlich daraus vertrieben hätte, und wie er nun jeden Menschen und jede Zeitung, – sogar die mächtigste im ganzen Staat – welche meine Kandidatur unterstützte, aus der Partei drängen wollte. Fast auf jeden Satz folgte Beifall. Ihren Höhepunkt erreichte jedoch meine Rede, als ich schilderte, wie Drake als Parteiführer in seiner Anhängerschaft so aufräumte, daß er schließlich »in einer ungeheuren Öde dastehen würde, verlassen und allein in einsamer Selbstvergötterung«. Nun wurde die Heiterkeit so groß und der Beifall so laut und so andauernd, daß ich minutenlang warten mußte, ehe ich weitersprechen konnte. Ich endete meine Rede in friedlichem Tone. Es wäre die Rede davon gewesen, sagte ich, daß meine Wahl eine unhaltbare Situation schaffen würde, nämlich die, daß zwei Senatoren aus demselben Staate sich fortwährend zankten. Ich befürchtete jedoch nichts dergleichen. Ich wäre fest überzeugt, wenn wir je verschiedener Meinung wären, würde Senator Drake ebensogut meine Meinung anerkennen, wie ich die seinige achten würde. Unsere Parole würde heißen: »Laßt uns Frieden halten!«

Als ich geendet hatte, brachen die Beifallsstürme abermals unaufhaltsam los, und alle stürzten sich auf mich zum Händedruck; es war das schlimmste Gedränge dieser Art, das ich je erlebt habe. Mit der größten Schwierigkeit mußte ich mich nach meinem Gasthofe durchkämpfen. Als ich zu Bett gegangen war, lag ich noch lange wach und hörte das jubilierende Lärmen meiner Freunde auf der Straße. Die erste Nachricht, die mir am andern Morgen gebracht wurde, war die, daß Drake die gestrige Versammlung vor ihrem Schluß verlassen hatte, in sein Hotel geeilt war und seine Rechnung und Wäsche, die er zum Waschen herausgegeben, gefordert hatte. Als man ihm mitteilte, daß seine Hemden und Kragen noch nicht trocken seien, bestand er darauf, daß sie ihm sofort gebracht würden, einerlei ob trocken oder naß; und dann war er schleunigst nach dem Bahnhofe geeilt, um den Nachtzug nach Osten noch zu erreichen. Die Parteidiktatur war vorüber, und ihr Ende wurde durch die Flucht des Diktators verkündet.

Am selben Tage fand die Wahlvorversammlung der republikanischen Mitglieder der Legislatur statt. Ich wurde im ersten Stimmgang zum Senatskandidaten ernannt, und aus Antrag wurde die Ernennung einstimmig beschlossen. Es folgte meine Wahl durch die Legislatur. Kein politischer Sieg wurde je reinlicher errungen. Meine ganzen Wahlunkosten beliefen sich auf meine Hotelrechnung, und ich war absolut unbelastet von irgendwelchen Versprechen von Gönnerschaft oder Vergünstigungen. Am 4. März 1869 nahm ich meinen Sitz im Senate der Vereinigten Staaten ein. Mein Kollege Senator Drake führte mich freundlicherweise an den Stuhl des Senatspräsidenten, wo ich meinen Amtseid ablegte.

Deutlich erinnere ich mich meiner Gefühle, als ich meinen Sitz einnahm, – sie erdrückten mich fast! Ich hatte die höchste öffentliche Stellung erreicht, welche meine ehrgeizigsten Träume mir nur je hätten verheißen können. Ich war noch jung, eben erst vierzig. Jahre alt. Nur wenig mehr als sechzehn Jahre waren vergangen, seitdem ich in Amerika gelandet war, ein Heimatloser, ein aus dem großen Schiffbruch der revolutionären Bewegung in Europa Geretteter. Damals wurde ich mit großherziger Gastfreundschaft von dem amerikanischen Volke aufgenommen, das mir ebenso freigebig wie den eigenen Kindern die vielen günstigen Gelegenheiten der neuen Welt eröffnete. Und nun war ich ein Mitglied des höchsten gesetzgebenden Körpers der größten Republik. Würde ich je imstande sein, diesem Lande meine Dankesschuld abzutragen und die Ehren, mit denen ich überhäuft worden war, zu rechtfertigen? Um dies zu erfüllen, konnte mein Begriff von Pflicht nicht hoch genug gespannt werden. Im tiefsten Herzen leistete ich einen feierlichen Eid, wenigstens ehrlich danach zu streben, jene Pflicht zu erfüllen, dem Grundsatz, »sa1us populi suprema lex« gewissenhaft treu zu bleiben, niemals weder einzelnen Mächtigen noch der großen Menge niedrig zu schmeicheln, nötigenfalls ganz allein meine Ansicht von Wahrheit und Recht zu vertreten und für meine Hingabe an die Republik kein persönliches Opfer je zu schwer zu achten.

ENDE

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