Die Venus von Ille

Ich kletterte die letzte Berglehne des Canigou hinunter, und obwohl die Sonne bereits hinabgesunken war, sah ich noch deutlich in der Niederung die Häuser der kleinen Stadt Ille, die das Ziel meiner Reise war.

»Ihr wißt doch«, sagte ich zu dem Katalanen, der mir seit dem Vortage als Führer diente, »Ihr wißt doch bestimmt, wo Monsieur de Peyrehorade wohnt?«

»Und ob ich‘s weiß!« rief er. »Ich kenne sein Haus wie mein eignes; und wenn‘s nicht schon so duster wäre, zeigte ich‘s Euch. Es ist das schönste in Ille. Er hat Geld, ja, der Monsieur de Peyrehorade; und seinen Sohn verheirateter mit einer, die noch viel mehr hat.«

»Und wird diese Heirat bald vor sich gehen?« fragte ich ihn.

»Bald? Kann sein, daß schon die Fiedler zur Hochzeit bestellt sind. Vielleicht heute abend, vielleicht morgen, übermorgen, was weiß ich! In Puygarrig wird diesmal ge-hochzeitet; denn die Mademoiselle de Puvgarrig wird vom Herrn Sohn heimgeführt. Da wird‘s hoch hergehen, ja!« Ich war an Herrn de Peyrehorade von meinem Freunde Herrn de P*** empfohlen. Das sei, hatte er mir gesagt, ein höchst erfahrener Kenner der Altertümer und zudem von bewährter Gefälligkeit. Er würde sich ein Vergnügen daraus machen, mir sämtliche Ruinen im Umkreise von zehn Meilen zu zeigen. So rechnete ich denn bereits mit ihm für die Besichtigung der Gegend von Ille, die mir als reich an Denkmälern aus Antike und Mittelalter bekannt war. Diese Heirat, von der ich nun zum erstenmal hörte, brachte alle meine Pläne durcheinander.

»Ich werde als Störenfried erscheinen«, sagte ich mir. Aber ich wurde erwartet; angemeldet, wie ich von Herrn de P*** einmal war, mußte ich mich wohl auch einstellen.

»Wetten wir, Herr«, sagte mein Führer zu mir, als wir schon in der Ebene waren, »wetten wir um eine Zigarre, daß ich errate, was Ihr beim Herrn de Peyrehorade wollt?«

»Das«, gab ich zur Antwort und hielt ihm eine Zigarre hin, »das zu erraten, ist kein großes Kunststück. Um diese Zeit, wenn man noch dazu seine sechs Stunden Marsch über den Canigou hinter sich hat, ist die große Hauptsache – das Abendessen.«

»Schon, aber morgen …? Also ich mochte wetten. Ihr kommt nach Ille, um Euch das Götzenbild anzusehen? Ich hab‘ das gleich rausgekriegt, wie ich Euch die Heiligen von Serrabona hab‘ abkonterfein sehn.«

»Das Götzenbild! Was für ein Götzenbild?« Das Wort hatte mich neugierig gemacht.

»Was? Man hat Euch in Perpignan nicht erzählt, wie der Herr de Peyrehorade ein Götzenbild aus der Erde herausgeholt hat?«

»Eine Statue aus gebrannter Erde, aus Ton wollt Ihr sagen?« »Nein, nein! So eine, ja, aber hübsch gediegen aus Kupfer, da ist was dran und was draus zu schlagen an dicken Sou-Stücken. Die wiegt Euch so viel wie eine Kirchenglocke. Ordentlich tief aus dem Erdreich, unter einem Olivenbaum vor, haben wir sie rausgeholt.« »Ihr wart also bei der Entdeckung dabei?«

»Jawohl, Herr. Vierzehn Tage mag‘s her sein, da sagte der Herr de Peyrehorade zu uns, zu Jean Coll und mir, wir sollten einen alten Olivenbaum ausreuten, der vom letzten Jahr her erfroren war; denn der Winter damals ist bitterböse gewesen, wie Ihr wißt. Und wie wir da so schanzen, da wuchtet doch der Jean Coll hast du was kannst du drauflos und die Hacke tief in den Boden, und ich hör‘ bimm… als ob er an eine Glocke geschlagen hätte. ,Was ist das?‘ sag‘ ich. Wir wuchten weiter, und da kommt doch eine schwarze Hand zum Vorschein, wie eine Totenhand, die sich aus der Erde herausreckt. Mich, mich packt die Angst. Ich renn‘ zum Herrn hin und sag ihm: ,Tote, Patron, sind unterm Olivenbaum! Der Pfarrer muß her…‘ ,Was für Tote?‘ sagt er. Er kommt mit, und kaum hat er die Hand gesehn, da schreit er schon: ,Eine Antike! Eine Antike!‘ – Ihr hättet gedacht: der hat einen Schatz gefunden. Und sieh‘ einer an, da geht er auch schon wie närrisch drauflos, mit der Hacke, mit den Händen, und schaffte nahezu soviel wie wir zwei.«

»Und was habt Ihr zu guter Letzt gefunden?« »Ein Weibsbild, das groß und schwarz und – mit Verlaub zu sprechen – mehr als halb nackt war, Herr, und ganz aus Kupfer; und der Herr de Peyrehorade hat uns gesagt, das war eine Göttin aus der Heidenzeit… aus der Zeit Karls des Großen, oder was…!« »Ich bin im Bilde… Irgendeine guttätige Heilige Jungfrau von Bronze aus einem zerstörten Kloster.« »Eine guttätige Heilige Jungfrau! Jawohl…! Das hätt‘ ich gleich weggekriegt, wenn das eine guttätige Heilige Jungfrau gewesen wäre. Ein Götzenbild ist das, sag‘ ich Euch; das sieht man der ganz genau am Gesicht an. Die hält Euch mit ihren weißen Augen starrfest, als ob sie die Euern auskratzen wollte. Man schlägt die Augen nieder, ja, wenn man die anschaut!« »Weiße Augen? Zweifellos sind sie in die Bronze eingelegt. Möglicherweise wird das eine römische Statue sein.« »Römisch! Jetzt hab‘ich‘s. Der Herr de Peyrehorade sagte: das ist eine Römerin. Ah, ich hab‘s doch genau gesehn, Ihr seid ein Gelehrter wie er!« »Ist sie ganz? Gut erhalten?«

»Oh, Herr, an der ist kein Fehler. Die ist noch schöner und besser verfertigt als die Büste vom Louis-Philippe, die aus bemaltem Gips, im Rathause. Aber trotz allem, mir paßt das Gesicht dieses Götzenweibs nicht. Die sieht böse aus… und die ist‘s auch.« »Böse! Was hat sie Euch denn Böses angetan?« »Mir nicht, genaugenommen; aber Ihr werdet gleich sehen. Wir hatten uns mit Händen und Füßen ins Zeug gelegt, um sie hochzukriegen, und auch der Herr de Peyrehorade zog am Seil mit, wenn er auch nicht mehr Kraft hat als ein Hühnchen, der werte Mann! Mit größter Mühe stemmen wir die nun hoch. Ich langte mir ein Ziegelstück, um sie festzukeilen, da, bumms! Hast du nicht gesehn, stürzt sie mit voller Wucht nach hinten über. Ich rufe noch: ,0bacht da hinten!‘ Gleichwohl nicht schnell genug, denn der Jean Coll hat keine Zeit mehr gehabt, sein Bein wegzuziehn…«

»Und hat‘s ihm was getan?«

»Glatt durch war‘s, wie ein Rebpfahl, sein armes Bein! Herr du mein…! Ich, als ich das sah, ich bin fuchsteufelswild geworden. Mit der Hacke wollte ich das Götzenweib zusammenschlagen, aber der Herr de Peyrehorade hat mich zurückgehalten. Dem Jean Coll hat er wohl Schmerzensgeld gegeben; aber der liegt noch immer im Bett, die vierzehn Tage lang, seit ihm das passiert ist; und der Doktor sagt, er wird nie wieder mit dem Bein losstapfen können wie mit dem andern. Das ist doch ein Jammer, wo er unser bester Läufer war und, nach dem Herrn Sohn, der verschlagenste Ballspieler. Der Herr Alphonse de Peyrehorade ist recht traurig drüber gewesen; denn mit dem Coll zusammen hat er immer das Spiel gemacht. War das schön anzuschaun, wie die sich die Bälle immer wieder zuspielten! Paff! Paff! Nie streifte bei denen auch nur einer den Boden.«

Unter solchem Geplauder waren wir bis nach Ille hineingekommen, und bald stand ich Monsieur de Peyrehorade gegenüber. Er war ein kleiner, noch munterer und rüstiger alter Herr, gepudert, mit roter Nase, wohllaunigem und spottlustigem Gesicht. Noch ehe er den Brief von Herrn de P*** aufmachte, hatte er mich im Handumdrehen an einer wohlbeschickten Tafel untergebracht und mich seiner Frau und seinem Sohne vorgestellt: als Leuchte von einem Archäologen, der die alte Gaugrafschaft Roussillon der Vergessenheit entreißen sollte, in die sie die Gleichgültigkeit der Gelehrten versinken ließ. Während ich mit gutem Appetit zulangte – denn nichts regt ihn besser an als scharfe Bergluft – betrachtete ich mir meine Gastgeber näher. Über Herrn de Peyrehoradc habe ich schon ein paar Worte gesagt; hinzufügen muß ich noch, daß er die Lebendigkeit selber war. Er sprach, aß, sprang auf, lief zu seiner Bibliothek, schleppte mir Bücher heran, zeigte mir Stiche, schenkte mir zu trinken ein; nie kam er auch nur für zwei Minuten zur Ruhe. Seine Frau, die etwas reichlich in die Breite gegangen war, wie die meisten Katalanerinnen, wenn sie die Vierzig hinter sich haben, machte auf mich den Eindruck einer ausgeprägten Kleinstädterin, bei der sich alles um ihre Wirtschaft dreht. Obwohl das Abendessen für wenigstens sechs Leute ausgereicht hätte, lief sie in die Küche, ließ Tauben schlachten, Miliassen backen und machte – ich weiß nicht wie viele – Töpfe Eingemachtes auf. Im Nu war die Tafel überladen mit Tellern und Flaschen, und ich wäre ganz bestimmt an Verdauungsbeschwerden eingegangen, wenn ich von allem, was man mir anbot, auch nur gekostet hätte. Trotzdem gab es bei jeder Platte, die ich vorübergehen ließ, neue Entschuldigungen. Man drückte die Befürchtung aus, ich fühle mich wohl recht unbehaglich in Ille. In der Provinz habe man doch so wenig Einkaufsquellen, und die Pariser seien so verwöhnt!

Mitten in all dem geschäftigen Gehen und Kommen seiner Eltern saß Monsieur Alphonse de Peyrehorade da und rührte sich kaum mehr als ein Bildstock. Es war ein großer junger Mann in der Mitte der Zwanziger, mit schönen und regelmäßigen, aber ausdruckslosen Gesichtszügen. Seine Gestalt und seine kraftgeschwellten Körperformen rechtfertigten ganz den Ruf eines unermüdlichen Ballspielers, in dem er rings in der Gegend stand. Er war an jenem Abend sehr geschniegelt angezogen, genau nach dem Kupferstichmuster in dem neuesten Hefte des Modejournals. Aber es schien mir so, als fühle er sich unbequem in seinen Kleidern; er saß in seinem Samtkragen steif wie ein Pfahl da und drehte sich nur wie aus einem Stück gedrechselt. Seine derben, sonnenverbrannten Hände, seine kurzen Fingernägel stachen sonderbar ab von seinem Anzuge. Das waren Bauernhände, die aus den Ärmeln eines Stutzers hervorkamen. Übrigens richtete er, obwohl er mich, den Pariser, höchst neugierig vom Kopf bis zu den Füßen musterte, nur ein einziges Mal das Wort an mich; das geschah, als er mich fragte, wo ich meine Uhrkette erstanden hätte.

»Und nun zur Hauptsache, mein lieber Gast!« sagte Herr de Peyrehorade zu mir, als es mit dem Abendessen gemach aufs Ende zuging. »Sie gehören mir. Sie sind bei mir zu Hause. Ich lasse Sie nicht eher wieder los, bis Sie alles gesehen haben, was wir an Merkwürdigem in unseren Bergen hier haben. Sie sollen unser Roussillon kennenlernen und ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie ahnen nicht, was wir Ihnen alles zu zeigen haben. Phönizische, keltische, römische, arabische, byzantinische Denkmäler, alles sollen Sie zu sehen bekommen, von A bis Zet. Überallhin werde ich Sie führen und Ihnen nicht einen Backstein erlassen…«

Ein Hustenanfall nötigte ihn, eine Pause zu machen. Ich benutzte sie, um ihm zu sagen, ich wäre untröstlich darüber, ihm in das so hochbedeutsame Familienereignis Unordnung hineinzubringen. Wollte er mir aber gütigst seine vortrefflichen Ratschläge mit auf den Weg geben für die Ausflüge, die ich vorhabe, dann könnte ich, ohne daß er sich die Mühe mache, mich zu begleiten…

»Ach so! Sie wollen damit sagen: die Heirat dieses Burschen da…«, fiel er mir laut in die Rede. »Kleinigkeit, wird übermorgen erledigt. Sie feiern mit uns, im Familienkreise, denn die Zukünftige hat noch Trauer um eine Tante, eine Erbtante. Darum also keine große Feier weiter, keinerlei Ball… Eigentlich schade… Sie hätten unsere Katalanerinnen tanzen sehen sollen… Sie sind hübsch, und kann sein, es hätte Sie auch gelüstet, in die Fußtapfen meines Alphonse zu treten. ,Eine Heirat‘, heißt es, .macht die andere…!‘ Samstag, wenn die beiden erst glücklich ein Paar sind, bin ich wieder frei, und dann machen wir uns auf die Beine. Entschuldigen Sie bitte, daß ich Ihnen das langweilige Vergnügen einer Provinzhochzeit verschaffe. Für einen Pariser, der mit Festen übersättigt ist… und noch dazu eine Hochzeit ohne Ball! Immerhin, Sie werden eine Braut zu Gesicht bekommen… eine Braut… na. Sie werden mir über die schon selber noch berichten… Aber Sie sind ja ein gesetzter Mann, und Sie sehen die Frauen nicht mehr groß an. Ich habe Ihnen was Besseres noch als das zu zeigen. Sie sollen von mir was vor Augen geführt kriegen…! Für morgen hebe ich Ihnen eine ganz gewaltige Überraschung auf.«

»Mein Gott«, sagte ich zu ihm, »es ist schon schwer, einen Schatz im Hause zu hüten, ohne daß die Öffentlichkeit haargenau darüber im Bilde ist. Ich glaube, ich kann die Überraschung schon erraten, die Sie für mich haben. Wenn es sich aber dabei um Ihre Statue handelt, dann war die Beschreibung, die mein Führer mir von ihr lieferte, ganz dazu angetan, meine Neugier anzustacheln und mich auf ein Wunder gefaßt zu machen.«

»Aha! Vom Götzenbilde hat er Ihnen was vorgeschwatzt. Sie nennen hier nämlich so meine schöne Venus Tur… Aber ich will Ihnen nichts vorweg erzählen. Sie sollen sie sehen, morgen, am hellichten Tage, und dann werden Sie mir sagen, ob ich recht habe, sie für ein Meisterstück zu halten. Potzblitz, gelegener konnten Sie nicht auf der Bildfläche auftauchen! Da gibt‘s Inschriften, die ich armer Unwissender mir auf meine Weise erkläre… ein Pariser Gelehrter freilich…! Sie werden vielleicht die Nase rümpfen über meine Deutungsversuche… ich habe nämlich eine Denkschrift verfaßt… ich, so wie ich hier zu Ihnen rede… ich verstaubter Antiquitätensammler aus der Provinz, ich bin da vorgestoßen… Ich will die Presse dröhnen lassen… Wenn Sie die Güte hätten, mich zu lesen und zu berichtigen, so könnte ich die Hoffnung hegen… Zum Beispiel bin ich sehr wißbegierig darauf, wie Sie jene Inschrift auf dem Sockel verdolmetschen wollen:

CAVE…

Doch will ich vorderhand keine Erklärung von Ihnen verlangen. Morgen erst, morgen erst! Heute kein Wort über die Venus!«

»Du tust recht daran, Peyrehorade«, sagte sein Ehegespons, »dein Götzenbild beiseite zu lassen. Du solltest lieber Augen dafür haben, daß du unsern Besuch damit ganz vom Essen abhältst. Geh mir, der Herr Merimée hat in Paris sehr viel schönere Statuen als deine gesehen. In den Tuilerien gibt es ihrer dutzendweise, und auch welche aus Bronze.«

»Da sieht man wieder mal die Einfalt, die heilige Einfalt der Provinz!« unterbrach sie ihr Eheherr. »Eine bewundernswerte Antike mit dem abgeschmackten Figurenzeug eines Coustou in einen Topf zu werfen!

,Wie schwatzt ohne Ehrerbietung

Von den‘Göttern meine Hausfrau!‘

Wissen Sie, meine Frau wollte, daß ich meine Bildsäule einschmelzen lassen sollte, damit unsre Kirche eine Glocke daraus kriegte. Sie hätte sich nämlich furchtbar gern zur Stifterin aufgeschwungen. Ein Meisterwerk von Myron, Verehrtester!«

»Meisterwerk! Meisterwerk! Ein schönes Meisterwerk hat sie fertiggebracht! Einem Menschen das Bein kaputt zu schlagen!«

»Frau, siehst du das?« sagte Herr de Peyrehorade sehr bestimmt und streckte ihr sein rechtes Bein entgegen, das in einem Seidenstrumpf mit bunten Mustern steckte. »Wenn

meine Venus mir dies Bein hier zertrümmert hätte, mir würde es nicht leid darum sein.«

»Mein Gott! Peyrehorade, wie kannst du bloß so etwas sagen! Zum Glück geht es dem Manne besser… Und doch kann ich‘s noch immer nicht über mich bringen, eine Statue wie die da anzuschauen, die soviel Unheil anrichtet. Armer Jean Coll!«

»Von Venus verwundet, Verehrtester!« sagte Herr de Peyrehorade und brach dabei in schallendes Lachen aus.

»Von Venus verwundet – und der Lumpenkerl beklagt sich noch!

Veneris nec praemia noris!

Wen hätte Venus nicht verwundet?« Monsieur Alphonse, der Französisch besser verstand als Latein, blinkerte wiederholt verständnisvoll mit dem Augenlid und sah mich an, als ob er mich fragte: ,Na, Pariser, hast du verstanden?‘

Das Abendessen war vorüber. Seit einer Stunde bereits aß ich nicht mehr. Ich war müde, und ich konnte nicht länger ein immer wieder mich ankommendes Gähnen zurückhalten. Madame de Peyrehorade wurde es zuerst gewahr und machte die Bemerkung, es sei Zeit, zu Bett zu gehen. Hierauf hoben neue Entschuldigungen an über das schlechte Nachtlager, das ich vorfände. Wie in Paris würde ich es hier nicht haben. In der Provinz sei man so schlimm dran! Mit den Roussillonern müsse man schon Nachsicht haben… Ich konnte mit noch so schönen Worten einwenden: nach der Herumkletterei in den Bergen wäre eine Schütte Stroh für mich eine köstliche Schlummerstatt – immer wieder bekam ich die Bitte zu hören, es armen Landbewohnern nicht zu verübeln, wenn sie mich nicht so gut hegen und pflegen könnten, wie sie gern wollten. Endlich geleitete mich Herr de Peyrehorade in das mir zugedachte Gemach hinauf. Die Treppe, deren obere Stiegen aus Holz waren, mündeten mitten auf einen Flur, von dem mehrere Zimmer abgingen.

»Da rechts«, bedeutete mir mein Gastgeber, »das sind die Gelasse, die ich der zukünftigen Madame Alphonse de Peyrehorade eingeräumt habe. Ihr Zimmer, Verehrtester, liegt dazu ganz entgegengesetzt am andern Gangende. Sie haben doch wohl das Gefühl dafür«, setzte er mit überpfiffigem Gesicht hinzu, »Sie haben doch wohl das Gefühl dafür, daß man frischbackene Eheleute für sich stecken muß. Sie richten sich häuslich am einen Ende ein, die beiden am andern.«

Wir traten in einen hübsch ausgestatteten Raum ein. Der erste Gegenstand, auf den mein Blick sich richtete, war ein Bett von gut sieben Fuß Länge, gut sechs Fuß Breite und einer solchen Liegehöhe, daß man eines Schemels bedurfte, um sich hinaufzuschwingen. Nachdem mein gastfreundlicher Hausherr mich auf die Stelle hingewiesen hatte, wo sich die Klingel befand, und sich sodann eigens darüber vergewissert hatte, daß die Naschdose aufgefüllt war, die Fläschchen mit Kölnischwasser alle richtig auf dem Ankleidetische standen, nachdem er mich zu wiederholten Malen noch gefragt hatte, ob es mir auch an nichts gebräche, wünschte er mir eine gute Nacht Und ließ mich allein.

Die Fenster waren zu. Ehe ich mich auszog, machte ich eins auf, um die frische Nachtluft zu atmen – ein köstlicher Genuß nach langer Abendtafelei. Drüben ragte der Canigou in die Lüfte empor. Wohl zu jeder Zeit bietet er einen wunderbaren Anblick dar, aber an jenem Abend erschien er mir, hell wie er unterm gleißenden Mondlicht dalag, als der schönste Bergzug der Welt. Ich verweilte einige Minuten in der Betrachtung seines zauberhaften Umrisses und wollte gerade mein Fenster wieder zumachen, als ich nach unten sah und gut vierzig Schritt vom Hause ab die Statue auf einem Sockel gewahrte. Sie stand in dem Winkel einer lebenden Hecke, die den nicht großen Garten von einem völlig ebenen, weiten Geviert schied, das, wie ich später erfuhr, der Ballspielplatz der Stadt war. Dieses dem Herrn de Peyrehorade gehörige Grundstück war von ihm, auf seines Sohnes drängendes Betreiben hin, der Gemeinde überlassen worden.

Von der Entfernung aus, in der ich stand, war es mir schwer, das Aussehen und die Haltung der Statue deutlich zu erkennen; ich konnte lediglich ihre Höhe abschätzen, die mich etwa sechs Fuß dünkte. In diesem Augenblicke zogen zwei halbwüchsige Bengel aus dem Ort über den Spielplatz, ziemlich nahe an der Hecke vorbei, und pfiffen dabei das hübsche Roussilloner Lied: »Ihr prächtigen Bergeshöhen…« Als sie bei der Statue waren, hielten sie an und besahen sie sich; der eine fuhr sie sogar mit lauter Stimme grob an. Er redete katalanisch; aber ich war schon‚ lange genug in Roussillon, um annähernd herauszubekommen, was‘er sagte.

»Da bist du ja, Metze! (Der katalanische Ausdruck war noch viel kräftiger.) Da bist du, schau her!« sagte er. »Also du hast dem Jean Coll das Bein zerschmissen! Wenn du meine wärst, haute ich dir eins ins Genick.«

»Pah, mit was?« witzelte der andere. »Die ist aus Kupfer und so hart, daß dem Stephan seine Feile drüber aus dem Leim gegangen ist, wie er die da bloß einmal ankratzen wollte. Das ist mordshart, das Kupfer aus der Heidenzeit.«

»Wenn ich mein Stemmeisen da hätte« – offenbar war er Schlosserlehrling –, »würd‘ ich ihr fix die großen weißen Augen rausspringen lassen, wie eine Mandel aus der Schale. Da ist für mehr als hundert Sous Silber drin!«

Sie schlenderten weiter.

»Halt, ich muß dem Götzenweib doch Gutnacht wünschen«, sagte der größere der beiden Lehrburschen und blieb plötzlich wieder stehen.

Er bückte sich und langte wahrscheinlich nach einem Stein. Ich sah, wie er mit seinem Arm weit ausholte und etwas losschleuderte, und sogleich gab das Erz einen helltönenden Klang von sich. Im selben Augenblick fuhr sich der junge Kerl mit der Hand an den Schädel und stieß einen Wehelaut aus.

»Sie hat ihn auf mich znrückgeschmissen!« brüllte er. Und meine beiden Tunichtgute nahmen die Beine unter den Arm und suchten das Weite. Es lag auf der Hand, daß der Stein vom Metall zurückgeprallt war und dem Schlingel den Schimpf heimgezahlt hatte, der von ihm der Göttin angetan war.

Ich mußte von Herzen darüber lachen und schloß das Fenster.

»Wieder ein Vandale, den Venus gestraft hat! Möchten doch alle Zerstörer unserer alten Denkmäler so eins auf den Schädel kriegen]«

Über diesem frommen Wunsche schlief ich ein. Es war hellichter Tag, als ich aufwachte. Neben meinem Bett standen auf der einen Seite Monsieur de Peyrehorade im Schlafrock, auf der ändern Seite, als Sendbote der Hausherrin, ein dienstbarer Geist mit einer Tasse Schokolade in der Hand.

»Los, hoch, Mann aus Paris! Da schau mir einer die Faulpelze aus der Hauptstadt an!« sprudelte mein Wirt lustig heraus, während ich eilig in meine Sachen führ. »Acht Uhr ist‘s, und noch in den Federn! Ich, ich bin schon seit sechs auf den Beinen. Dreimal bin ich bereits heraufgeklettert; auf Zehenspitzen hab‘ ich mich an Ihr Bett herangepirscht: kein Seelenton, kein Lebenszeichen! Das zu lange Schlafen in Ihrem Alter, das bekommt Ihnen ganz und gar nicht. Und meine Venus haben Sie auch noch nicht besichtigt! Los, heidi, verleiben Sie sich diese Tasse Schokolade ein! Aus Barcelona!… Trinkechte Pascherware… Schokolade, wie man sie in Paris nicht kriegt! Sammeln Sie Kräfte, denn wenn Sie erst vor meiner Venus stehn, wird man Sie nicht mehr davon losreißen können.«

In fünf Minuten war ich fertig, das heißt: halb rasiert, mit dem Zuknöpfen schlecht zu Rande gekommen und inwendig von der Schokolade verbrannt, die ich kochend hinuntergestürzt hatte. Ich stieg eilends in den Garten hinab und fand mich einer wundervollen Antike gegenüber. Das war wahrhaftig eine Venus, und eine von zauberhafter Schönheit. Ihr Oberkörper war nackt, wie die Alten die erhabenen Gottheiten darzustellen gewohnt waren; die rechte, zur Höhe des Busens erhobene Hand war einwärts gekehrt, den Daumen und die beiden ersten Finger hatte sie ausgestreckt, die andern beiden leicht gekrümmt. Die der Hüfte genäherte Linke hielt das Gewand, das den unteren Teil des Leibes bedeckte. Die ganze Haltung der Statue erinnerte an die des Morraspielers, den man, warum weiß ich nicht recht, als Germanicus bezeichnet. Vielleicht hatte man auch die Göttin bei dem berühmten Fingerspiel abbilden wollen.

Wie dem auch sei, dem Blick konnte sich unmöglich etwas Vollkommeneres darbieten als der Leib dieser Göttin; nichts Lieblicheres, Wollüstigeres als ihre Körperformen, nichts Reizenderes und Edleres als ihre Gewandung. Ich hatte mich auf irgendeine Arbeit aus der Verfallszeit Ostroms gefaßt gemacht; ich bekam ein Meisterwerk zu sehen aus der Blütezeit der antiken Bildhauerkunst. Was besonders stark auf mich wirkte, das war die vollendete Natürlichkeit der Formen, die derart köstlich waren, daß man hätte glauben können, sie seien einem lebenden Modell nachgeformt, wenn wirklich die Natur je so vollkommene Vorbilder hervorzubringen vermöchte.

Das über die Stirn hoch zurückgestrichene Haar schien ehedem vergoldet gewesen zu sein. Der Kopf, der klein war, wie der fast jeder griechischen Statue, war leicht nach vorn geneigt. Was das Antlitz betrifft, so wird mir wohl nie gelingen, mit Worten seinen seltsamen Wesensausdruck wiederzugeben, dessen Gepräge keinem der antiken Standbilder auch nur annähernd ähnelte, deren ich mich irgend entsinne. Darin war kein Zug von jener ruhigen und strengen Schönheit, die, planvoll und bewußt, die griechischen Bildhauer als hoheitsvolle Unbewegtheit ihren Gestalten verleihen. Hier, im Gegenteil, bemerkte ich zu meiner Überraschung die unverkennbare Absicht des Künstlers, die Bosheit zu verkörpern, die bis an die Tücke reicht. Der gesamte Ausdruck dieses Gesichtes war leicht gespannt: die Augen etwas ausweichend, die Mundwinkel ein wenig gekräuselt, die Nüstern kaum merklich gebläht. Verachtung, feiner Hohn, Grausamkeit waren auf diesem dennoch unglaublich schönen Antlitz zu lesen. Wahrhaftig, je länger man dieses herrliche Bronzcweib anschaute, um so stärker kam einen zugleich ein beklemmendes Gefühl darüber an, daß eine so zauberhafte Schönheit sich mit so völliger Gefühllosigkeit vereinen konnte.

»Wenn das Urbild je gelebt hat«, sagte ich zu Herrn de Peyrehorade, »und ich möchte bezweifeln, daß der Himmel je solch ein Weib hervorgebracht hat, wie tief bedaure ich dann ihre Liebhaber! Sie hat eine Lust daran haben müssen, einen nach dem andern an Verzweiflung zugrunde gehen zu lassen. In ihren Zügen ist etwas Blutdürstiges, und gleichwohl habe ich noch nie etwas so Schönes gesehen.«

»Es ist ganz Venus: wie sie ihre Beute festhält…!«, zitierte mit erhobener Stimme Monsieur de Peyrehorade, befriedigt über meine Begeisterung.

Jener Ausdruck höllischen Hohnes wurde vielleicht noch erhöht durch den Gegensatz zwischen ihren aus Silber eingelegten, gleißendenAugen und der schwärzlichgrünen Patina, mit der die Zeit die ganze Gestalt überzogen hatte. Diese hellglänzenden Augen erweckten einen gewissen Anschein wirklichen Lebens. Mir kam die Äußerung meines Führers wieder in den Sinn: daß man vor ihr die Augen senken müsse. Das stimmte tatsächlich fast, und ich konnte mich einer Anwandlung von Ärger über mich selbst nicht erwehren, als nun auch mir vor diesem Bronzegesicht etwas unbehaglich wurde.

»Jetzt, da Sie alles im einzelnen gehörig bestaunt haben, mein lieber Fachgenosse in der Altertümerei«, sagte mein Gastgeber, »können wir ja, wenn es Ihnen gefällig ist, einen wissenschaftlichen Meinungsaustausch darüber eröffnen. Was sagen Sie zu der Inschrift, auf die Sie noch gar nicht Ihr Augenmerk gerichtet haben?« Er zeigte auf den Sockel der Statue, und ich las dort die Worte:

CAVE AMANTEM.

»Quid dicis, doctissime?« fragte er mich händereibend. »Wir wollen einmal sehen, ob wir uns in der Sinndeutung dieses cave amantem begegnen!«

»Nun«, erwiderte ich, »es liegt etwas Doppeldeutiges darin. Man kann übersetzen: ,Sei auf der Hut vor dem, der dich liebt, mißtraue den Liebhabern!‘ Aber ich weiß nicht, ob cave amantem in diesem Sinne gutes Latein wäre. Wenn ich die teuflische Miene der Dame da sehe, würde ich vielmehr denken, der Künstler habe den Beschauer vor dieser grausigen Schönheit warnen wollen. Ich mochte daher übersetzen: .Nimm dich in acht, wenn sie dich liebt!‘«

»Hm!« äußerte sich Monsieur de Peyrehorade. »Ja, eine Deutung, die man zulassen könnte. Aber, seien Sie nicht ungehalten darüber, ich ziehe die erste Übersetzung vor, worüber ich allerdings noch Näheres ausführen muß. Sie kennen doch den Liebhaber der Venus?«

»Es sind ihrer mehrere vorhanden.«

»Ja, aber der erste war und ist Vulkan. Hat man nicht sagen wollen: ,Trotz aller deiner Schönheit, trotz deinem Von-oben-herab-Sehen wirst du einen Schmied, einen wüsten Hinkefuß, zum Liebhaber kriegen‘? Eine tiefsinnige Lehre, Verehrtester, für das gefallsüchtige Weibervolk!«

Ich konnte mich eines Lächelns nicht enthalten, so sehr an den Haaren herbeigezogen kam mir diese Erklärung vor. »Eine fürchterliche Sprache ist es schon, das Latein, mit seiner Bündigkeit«, bemerkte ich, um nicht in offenen Widerspruch mit meinem Antikenkenner zu geraten, und tat ein paar Schritte nach rückwärts, um die Statue besser betrachten zu können.

»Einen Augenblick, Herr Fachgenosse!« sagte Monsieur de Peyrehorade und hielt mich am Arme fest. »Sie haben noch nicht alles beaugenscheinigt. Es ist noch eine andere Inschrift da. Klettern Sie auf den Sockel und schauen Sie am rechten Arme nach!« Indem er das sagte, half er mir bereits hinauf.

Ohne allzu viele Umstände hängte ich mich an den Hals der Venus und fing an, mich mit ihr näher vertraut zu machen. Einen Augenblick sogar sah ich ihr auf Nasenlänge ins Gesicht und fand es, so dicht davor, noch boshafter und noch schöner. Dann erkannte ich auch, daß auf dem Arm einige Zeichen eingeritzt waren, in antiker Schrägschrift, wie mich bedünkte. Nur mit Hilfe des Vergrößerungsglases bekam ich das Folgende heraus, während Herr de Peyrehorade laut Wort um Wort, das ich entzifferte, mit dem Tonfall und dem Gebärdenspiel der Billigung mir nachsprach. Ich las also:

VENERI TVRBVL…

EVTYCHES MYRO

IMPERIO FECIT

Nach dem Worte TVRBVL in der ersten Zeile waren, wie mir schien, etliche Lettern verwischt; aber TVRBVL war vollkommen deutlich zu lesen.

»Was soviel bedeutet wie…?« fragte mich mein Wirt strahlend und arglistig lächelnd zugleich, denn er dachte wohl, daß ich nicht so leicht mit diesem TVRBVL zurechtkommen würde.

»Ein Wort darin kann ich mir noch nicht erklären«, sagte ich zu ihm. »Alles übrige ist einfach: ,Der Venus hat Eutyches Myron auf ihr Geheiß hin dieses dargebracht…‘« »Fabelhaft! Aber TVRBVL, was fangen Sie damit an? Was heißt TVRBVL?«

»TVRBVL macht mir einiges zu schaffen. Vergebens suche ich nach irgendeinem bekannten Beinamen der Venus, der mir auf die Sprünge helfen könnte. Wir wollen doch mal schauen – was würden Sie sagen zu: TVRBVLENTA? Venus, der Beunruhigenden, der Verstörenden… Sie können daraus ersehen, wie sehr mich nach wie vor ihr boshafter Gesichtsausdruck beschäftigt. TVRBVLENTA, das ist gar kein so übler Beiname für die Venus«, setzte ich etwas kleinlaut hinzu, denn ich war selbst nicht sehr befriedigt von meiner Auslegung.

»Venus turbulenta! Die ruhestörende Venus! Aha! Sie glauben also, meine Venus ist eine Venus aus dem Tingeltangel? Keineswegs, mein Herr! Das ist eine Venus aus hochanständiger Gesellschaft. Aber ich will Ihnen gleich dies TVRBVL… erklären. Sie müssen mir aber mindestens versprechen, meine Entdeckung nicht vor der Drucklegung meiner Denkschrift unter die Leute zu bringen. Auf diesen glücklichen Fund sozusagen, sehen Sie, bilde ich mir etwas ein… Uns arme Provinzler müßt Ihr auch wohl mal ein paar Ähren auf dem Felde der Ehre stoppeln lassen. Ihr habt schon reichlich eingeheimst, meine Herren Gelehrten aus Paris!«

Von der Höhe des Sockels herunter, auf dem ich noch immer wie hingepflanzt stand, versprach ich ihm hoch und heilig, daß ich niemals die Nichtswürdigkeit begehen würde, ihm seine Entdeckung zu stibitzen.

»TVRBVL…, Verehrtester«, sagte er, wobei er noch näher herantrat und die Stimme dämpfte, damit niemand, außer mir, es etwa vernehme, »lesen Sie: TVRBVLNERAE!« »Jetzt bin ich genau so klug wie vorher.«

»Hören Sie zu! Eine Wegstunde von hier, am Fuße des Gebirges, da liegt ein Dorf, das heißt Boulternere. Das ist eine Entstellung des lateinischen TVRBVLNERA. Nichts landläufiger als solche Silbenverdrehungen! Boulternere, mein Verehrtester, war einstmals eine römische Stadt. Das hat mir immer schon geschwant, aber ich habe nie den Beweis dafür erbringen können. Jetzt sehen Sie ihn vor sich stehn, den Beweis! Die Venus da war die Ortsgöttin der alten Stadt Boulternere. Und der Name Boulternere, dessen antiken Ursprung ich eben dargelegt habe, ist der Beweis für etwas noch viel Merkwürdigeres, dafür nämlich, daß Boulternere, ehe es zu einer Römerstadt wurde, eine Niederlassung der Phönizier gewesen ist!« Er machte eine kleine Pause, um Luft zu holen und sich an meiner Überraschung zu weiden. Ich konnte mir gerade noch einen mächtigen Lachreiz verbeißen.

»Tatsächlich«, fuhr er fort, »TVRBVLNERA ist reines Phönizisch, TVR, sprechen sie TUR aus… TUR und SUR ist dasselbe, nicht wahr? SUR ist der phönizische Name für Tyr; den Sinn des Worts brauche ich Ihnen wohl nicht ins Gedächtnis rufen. BUL ist Baal; Bai, Bei, Bul… nicht ins Gewicht fallende Unterschiede der Aussprache. Was NERA betrifft, bin ich etwas mehr in Schwulitäten. Weil ich kein phönizischesWort dafür aufstöbern kann, verlockt es mich, anzunehmen, daß es vom griechischen neros, feucht, sumpfig, herkommt. Das wäre also ein Wortbastard. Um nerós zu rechtfertigen, werde ich Ihnen in Boulternere zeigen, wie die Gebirgsbäche dort faule Lachen bilden. Anderseits auch könnte die Endung NERA erst viel später angehängt worden sein, zu Ehren der Nera Pivesuvia, der Frau des Tetricus, die der alten Stadt Turbul irgendwelche Wohltat erwiesen haben dürfte. Aber wegen der Pfuhle bin ich mehr für die sprachliche Herleitung von nerós.«

Offensichtlich befriedigt, nahm er eine Prise Schnupftabak.

»Aber lassen wir die Phönizier und kommen wir auf die Inschrift zurück! Ich verdolmetsche mithin: ,Der Venus von Boulternere eignet Myron auf ihr Geheiß diese Statue zu, sein Werk.‘«

Ich hütete mich wohlweislich, seine Etymologie mit unter die Lupe zu nehmen, aber ich wollte auch meinerseits ein Pröbchen meines Scharfsinns zum besten geben und sagte zu ihm:

»Halt, mein Herr! Myron hat irgend etwas gestiftet, aber ich sehe durchaus nicht ein, daß es diese Statue gewesen sein muß.«

»Wie denn!« ereiferte er sich. »War Myron nicht ein berühmter griechischer Bildhauer? Seine Begabung wird sich in seiner Sippe fortgepflanzt haben. Einer seiner Nachkommen wird der Schöpfer dieser Statue sein. Das ist doch klar wie das Sonnenlicht!«

»Dahingegen«, gab ich zurück, »erblicke ich auf dem Arm ein dunkles Löchelchen. Ich denke mir, es wird dazu dagewesen sein, irgend etwas festzuhalten, einen Armreif zum Beispiel, den jener Myron der Venus als Sühneopfer dargebracht hat. Myron war ein unglücklicher Liebhaber! Venus war fürchterlich gereizt gegen ihn; er besänftigte sie dadurch, daß er ihr ein goldenes Armband zum Weihgeschenk machte. Beachten Sie, daß fecit äußerst häufig für consecravit gebraucht wird. Das sind sinnverwandte Ausdrücke, Synonyme. Ich könnte Ihnen mehr als ein Beispiel dafür zeigen, wenn ich den Grüter oder noch besser den Orellius zur Hand hätte. Es ist natürlich, daß einem Liebenden die Venus im Traum erscheint, daß er sich einbildet, sie heische von ihm ein Goldarmband für ihre Statue. Myron machte ihr eins zum Weihgeschenk… Später haben die Barbaren oder wohl irgendein frevlerischer Erzspitzbube…«

»Ah, daran sieht man so recht, daß Sie Romane gemacht haben!« fuhr mein Wirt laut dazwischen und reichte mir zum Herunterkommen die Hand. »Nein, Verehrtester, das ist ein Werk aus der Schule des Myron. Sehen Sie doch bloß die Arbeit an, und Sie werden zu der gleichen Ansicht kommen!«

Da ich mir zum Grundsatz gemacht habe, den dickköpfigen Altertumskundlern nie bis zum äußersten meine Meinung entgegenzuhalten, senkte ich mit der Miene der Über-zeugtheit mein Haupt und sagte:

»Es ist ein herrliches Stück!«

»Da, Herrgott noch einmal!« rief laut Herr de Peyre-horade. »Wieder ein Vandalenstreich! Da muß einer nach meiner Statue einen Stein geworfen haben!«

Er war soeben einen hellen Fleck dicht über dem Busen der Venus gewahr worden. Eine ähnliche Spur bemerkte ich an den Fingern der rechten Hand, die, wie ich damals vermutete, von dem Stein im Fluge gestreift worden waren, oder aber beim Aufschlage war ein Stück von ihm gesplittert und von der Hand dann zurückgeprallt. Ich erzählte meinem gastfreundlichen Hausherrn von dem Bubenstreich, dessen Zeuge ich gewesen war, und von der Strafe, die ihm sozusagen im Handumdrehen gefolgt war. Er lachte sehr darüber und wünschte dem Schlosserlehrling, den er mit Diomedes verglich, das, was dem griechischen Helden einst geschah: den Anblick aller seiner in weiße Vögel verwandelten Kumpane.

Die zum Frühstück rufende Glocke unterbrach dieses klassische Zwiegespräch, und wie am Abend zuvor wurde ich genötigt, für vier zu essen. Danach erschienen die Pächter des Monsieur de Peyrehorade, und während er ihnen Audienz erteilte, schleppte mich sein Sohn zu einer Kalesche hin, die er in Toulouse für seine Braut gekauft hatte; ich sollte sie beaugenscheinigen. Ich bewunderte sie, das versteht sich von selbst. Dann betrat ich mit ihm den Pferdestall, in dem er mich eine halbe Stunde festhielt, um mir seine Gäule herauszustreichen, mir ihre Stammbäume zu entwickeln, mir die Preise aufzuzählen, die sie auf den Rennen im Departement davongetragen hatten. Schließlich kam er noch darauf, mir etwas von seiner Zukünftigen zu erzählen; er wurde durch eine graue Stute darauf gebracht, die er für sie bestimmt hatte.

»Wir werden sie heut zu sehn bekommen«, sagte er. »Ich weiß nicht, ob Sie sie hübsch finden werden. Ihr seid verwöhnt in Paris. Aber hier und in Perpignan findet sie jeder entzückend. Und das Beste, sie bringt mächtig viel mit. Ihre Tante in Prades hat ihr ganzes Vermögen ihr vermacht. Oh, ich werde sehr glücklich sein!«

Mich berührte es höchst unangenehm, einen jungen Mann zu sehen, auf den offensichtlich die Mitgift seiner Zukünftigen mehr Eindruck machte als ihre schönen Augen.

»Sie kennen sich in Schmuckstücken aus«, fuhr Monsieur Alphonse fort. »Wie finden Sie das hier? Den Ring schenk ich ihr morgen!«

Mit diesen Worten zog er vom ersten Glied seines kleinen Fingers einen schweren, mit Brillanten besetzten Ring, der zu zwei ineinander verschlungenen Händen gestaltet war;

ein Sinnbild, das mich überaus reizend anmutete. Die Arbeit war alt, aber ich schätzte, man hatte ihn überholt, um die Diamanten einzulassen. Innen stand in altväterischen Lettern zu lesen: ,SEMPR AB TI‘. Das heißt: .Immer mit dir‘.

»Ein hübscher Ring ist das«, sagte ich. »Nur haben die hinzugefügten Brillanten ihm wohl etwas von seiner Eigenart genommen!«

»Oh! So ist er viel schöner«, erwiderte er lächelnd. »Für Zwölf hundert Franken Diamanten stecken da drin. Meine Mutter hat ihn mir verehrt. Es war ein uraltes Erbstück in unserm Geschlechte… aus der Troubadourzeit her. Er hatte meiner Großmutter seine Dienste geleistet; die hat ihn von ihrer Großmutter überkommen. Gott weiß, wann das Ding da gebosselt ist.«

»In Paris ist es üblich«, sagte ich zu ihm, »einen ganz schlichten Ring zu schenken, der gewöhnlich aus zwei verschiedenen Metallen gehämmert ist, etwa Gold und Platin. Da, der andere Ring, den Sie noch am Finger haben, der wäre sehr passend. Der hier mit seinen Diamanten und seinen hervortretenden Händen ist so unförmig, daß man keinen Handschuh wird darüberziehen können.«

»Oh! Madame Alphonse mag damit zu Rande kommen, wie sie will. Ich glaube, sie wird immerhin sehr zufrieden sein, wenn sie ihn bekommt. Zwölfhundert Franken am Finger, das ist doch ein angenehmes Gefühl. Den kleinen Ring da«, setzte er mit einem selbstgefälligen Blick auf den glatten Reif an seiner Hand hinzu, »den hat mir eine Frau aus Paris geschenkt, zu Fastnacht. Ah! Da habe ich mir mal so richtig was leisten können, in Paris, vor zwei Jahren! Ja, da lebt sich‘s lustig…!« Und er seufzte bedauernd.

An diesem Tage sollten wir in Puygarrig zu Mittag speisen, bei den Eltern der Braut; wir bestiegen die offene Kutsche und fuhren zum Schlosse, das etwa anderthalb Wegstunden von Ille entfernt liegt. Ich wurde als Freund der Familie vorgestellt und aufgenommen. Über das Mahl will ich mich nicht weiter verbreiten, auch nicht über die Unterhaltung, die sich daran anschloß und an der ich mich wenig beteiligte. Herr Alphonse, der neben seiner Zukünftigen saß, flüsterte ihr aller Viertelstunden irgend etwas ins Ohr. Sie, ihrerseits, schlug kaum die Augen auf, und jedesmal, wenn ihr Auserwählter auf sie einsprach, wurde sie sittsam rot, gab ihm aber unbefangen Antwort.

Mademoiselle de Puygarrig war achtzehn Jahre; ihre ranke, zarte Gestalt stach stark ab von dem derben Knochenbau ihres stämmigen Bräutigams. Sie war nicht nur schön, sondern geradezu hinreißend. Ich bewunderte die vollendete Natürlichkeit aller ihrer Antworten. Ihr gütiges Gesicht, dem ein leichter Schimmer von Boshaftigkeit nicht ganz fehlte, erinnerte mich unwillkürlich an die Venus meines Gastfreundes. Während dieses Vergleichs, den ich im stillen anstellte, fragte ich mich, ob die überragende Schönheit, die man der Statue doch wohl zuerkennen mußte, nicht zum großen Teil ihrem raubtierhaften Ausdrucke entspräche; denn Willenskraft, selbst in den schlimmsten Leidenschaften, erregt in uns immer Staunen und eine Art unfreiwilliger Bewunderung.

»Wie schade«, dachte ich bei mir, als wir von Puygarrig wieder wegfuhren, »daß ein so liebenswertes Wesen reich ist und daß es die Mitgift ist, die einen Menschen zu ihm hinzieht, der seiner nicht wert ist!«

Während wir nach Ille zurückrollten, wußte ich nicht so recht, was ich zu Frau de Peyrehorade sagen sollte, an die ich schicklicherweise ab und zu ein Wort richten zu müssen glaubte.

»Sie sind wirklich Freigeister hier im Roussillon!« fuhr es mir heraus. »An einem Freitage, Madame, feiern Sie eine Hochzeit! Wir in Paris wären da viel abergläubischer;

kein Mensch würde bei uns an einem solchen Tage eine Frau heimzuführen wagen.« »Mein Gott, reden Sie mir nicht davon!« erwiderte sie mir. »Wenn‘s nur nach mir gegangen wäre, dann wäre bestimmt ein anderer Tag dafür ausgesucht worden. Aber Peyrehorade hat‘s so haben wollen, und da mußte man ihm nachgeben. Mir macht das dennoch große Bange. Wenn ein Unglück geschähe? Es muß doch wohl was dran sein; warum haben denn alle Leute Angst vor dem Freitag?«

»Freitag!« rief ihr Mann aus. »Der Tag der Venus! Ein guter Tag für eine Hochzeit! Sie sehen, liebwerter Fachgenosse, ich habe nur meine Venus im Sinn. Auf Ehre, ihretwegen bin ich auf den Freitag verfallen. Morgen, wenn Sie mitmachen wollen, vor der Trauung, werden wir ihr noch ein kleines Opfer darbringen. Wir werden ihr zwei Wildtauben opfern; und wenn ich wüßte, wo Weihrauch aufzutreiben wäre…«

»Pfui, Peyrehorade!« unterbrach ihn, im höchsten Ton der Empörtheit, seine Gattin. »Einem Götzenbild Weihrauch streuen! Das wäre ja Teufelsdienst. In welchen Geruch kämen wir weit und breit?«

»Mindestens«, sagte Herr de Peyrehorade, »wirst du mir doch gestatten, ihr einen Kranz von Rosen und Lilien aufs Haupt zu setzen: Manibus date lilia plenis! Sie sehen, Verehrtester, die Verfassung ist eitles Wortgerede. Religionsfreiheit haben wir nicht!« Die Festordnung für den kommenden Tag wurde folgendermaßen geregelt: Punkt zehn Uhr hatte jedes fix und fertig und in vollem Staat dazustehen. Nach der Schokolade würde die Wagenfahrt nach Puygarrig angetreten. Die standesamtliche Trauung sollte in der Bürgermeisterei des Dorfes vollzogen werden, die kirchliche Feier in der Schloßkapelle. Daran schlösse sich ein Frühstück. Nach dem Frühstück dürfte jeder seine Zeit verbringen, wie er Lust hätte, bis sieben Uhr. Um sieben Uhr abends würde nach Ille, zu Herrn de Peyrehorade zurückgefahren, in dessen Hause die beiden Familien vereint zu Abend speisen sollten. Das übrige ergäbe sich von selbst. Da man nicht tanzen durfte, war man willens, soviel wie möglich zu schnabulieren.

Bereits ab acht Uhr saß ich, den Bleistift in der Hand, vor der Venus und fing zum zwanzigsten Male den Kopf der Statue an, ohne daß ich den eigentümlichen Ausdruck darin herausbekommen konnte. Monsieur de Peyrehorade lief rund um mich herum, gab mir Ratschläge und trug mir immer wieder seine phönizischen Etymologien vor. Darauf legte er Bengalrosen auf dem Sockel der Statue nieder und wünschte in halb ernstem, halb heiterem Tone der Göttin Gunst auf das junge Paar herab, das nun unter seinem Dache leben sollte. Gegen neun Uhr ging er ins Haus, um an seine Toilette zu denken, und gleichzeitig zeigte sich Herr Alphonse auf der Bildfläche in einem enganliegenden neuen Frack, weißen Handschuhen, Lackstiefeletten, kostbaren Hemdknöpfen, eine Rose im Knopfloch.

»Sie werden doch auch meine Frau porträtieren?« sagte er, während er sich über meine Zeichnung herabbog. »Sie ist auch bildhübsch.«

In diesem Augenblicke fing auf dem schon erwähnten Ballspielplatz eine Partie an, die Herrn Alphonses Aufmerksamkeit auf der Stelle anzog. Auch ich wandte mich, müde und an der Wiedergabe dieses verteufelten Gesichts verzweifelnd, von meinem Zeichnen bald ab und schaute den Spielern zu. Es waren einige am Vorabend angekommene Maultiertreiber darunter, Leute aus Aragonien und Navarra, fast alle von bewundernswerter Geschicklichkeit. Die Iller wurden denn auch, wenngleich sie durch Herrn Alphonses Anwesenheit und beratende Zurufe angefeuert wurden, ziemlich im Handumdrehen von diesen neuen Kämpen geschlagen. Die einheimischen Zuschauer waren bestürzt. Herr Alphonse sah auf seine Uhr. Es war erst halb zehn. Seine Mutter war noch nicht frisiert. Es gab kein Zögern mehr für ihn: er riß seinen Frack herunter, verlangte eine Jacke und forderte die Spanier zum Spiele heraus. Lächelnd und doch etwas überrascht sah ich seinem Tun zu.

»Jetzt heißt‘s, die Ehre des Landes herausreißen!« rief er. Da fand ich ihn wahrhaftig schön. Die Leidenschaft hatte ihn gepackt. Sein Äußeres, das ihn eben noch so stark in Anspruch genommen hatte, galt ihm nichts mehr. Vor ein paar Minuten noch hätte er nicht einmal den Kopf leicht gedreht, weil sich dabei seine Halsbinde hätte verschieben können. Nun dachte er nicht mehr an seine kunstvoll gekräuselten Haare und an seine wohlgefältelte Hemdbrust. Und seine Braut…? Ja, wenn es nötig gewesen wäre, hätte er, glaube ich, die Hochzeiterei aufschieben lassen. Ich sah ihn eiligst in ein Paar Sandalen fahren, die Ärmel hochkrempeln und sich mit selbstsicherer Miene an die Spitze der besiegten Partei stellen, wie Cäsar, als er bei Dyrrhachium seine Soldaten zu neuem Kampf zusammenraffte. Ich war mit einem Satz über der Hecke und suchte mir einen bequemen Platz im Schatten eines Zürgelbaums, so, daß ich das Feld nach beiden Seiten hin gut überblickte. Entgegen dem allgemeinen Erwarten verfehlte Herr Alphonse den ersten Ball; der kam allerdings ganz flach über den Boden und überraschend kräftig geschossen von einem Aragonier, der wohl der Führer der Spanier war. Es war ein Mann in den Vierzigern, hager und nervig, sechs Fuß groß; seine olivengelbe Haut hatte fast die gleiche dunkle Tönung wie die Bronze der Venus. Voller Wut warf Herr Alphonse seinen Schläger zu Boden. »Das macht der verfluchte Ring da«, stieß er hervor. »Der drückt am Finger und läßt mich einen sicheren Ball verfehlen !«

Er zog nicht ohne Mühe den Diamantring vom Finger. Ich ging hinzu, um ihn ihm abzunehmen; aber er kam mir zuvor, lief zur Venus hin, schob ihr den Reif über den Ringfinger und nahm seinen Stand an der Spitze der Iller wieder ein.

Er war blaß, aber ruhig und entschlossen. Von da an tat er keinen einzigen Fehlschlag mehr, und die Spanier bekamen eine gründliche Abfuhr. Ein prächtiges Schauspiel war die Begeisterung der Zuschauer: die einen erhoben ein nie abreißendes Freudengeschrei und schleuderten ihre Mützen hoch in die Luft; die andern drückten ihm unterdessen die Hände und nannten ihn den Stolz des Landes. Hätte er einen feindlichen Einfall zurückgeschlagen, ich mochte bezweifeln, ob er dazu lebhafter und ehrlicher beglückwünscht worden wäre. Die Mißstimmung der Besiegten setzte seinen glänzenden Triumph noch um einiges herauf.

»Wir werden noch ganz andere Partien austragen, mein Lieber!« sagte er im Tone der Überlegenheit laut zu dem Aragonier. »Aber dann gebe ich Euch einige Punkte vor!« Ich hätte lieber gehabt, Herr Alphonse wäre bescheidener aufgetreten, und mich überkam ein peinliches Gefühl bei dieser Demütigung seines Gegners.

Den baumhohen Spanier wurmte die tiefe Kränkung heftig. Ich sah, wie er unter seiner dunklen Haut fahl wurde. Mit düsterem Blick und zusammengebissenen Zähnen sah er auf sein Schlagholz; dann sagte er mit erstickter Stimme ganz leise: »Me lo pagaras!«

Die Stimme von Monsieur de Peyrehorade fuhr störend in den Siegesrausch seines Sohnes hinein. Mein gastlicher Hausherr, der sich sehr gewundert hatte, ihn nicht beim Anschirren an der neuen Kalesche die Aufsicht führen zu sehen, bekam ein noch viel erstaunteres Gesicht, als er ihn schweißübergossen, den Ballschläger in der Hand vor sich sah. Herr Alphonse eilte ins Haus, wusch sich Gesicht und Hände, fuhr wieder in seinen neuen Frack und in seine Lackschuhe, und fünf Minuten später rollten wir in scharfem Trabe auf der Landstraße nach Puygarrig hin. Alle Ballspieler der Stadt und ein mächtiger Haufen Zuschauer rannten unter Freudengebrüll hinter uns her. Nur mit knapper Not konnten unsere kräftigen Zugpferde ihren Vorsprung vor diesen unentwegten Katalanen behaupten.

Wir waren in Puygarrig, und der Hochzeitszug sollte sich gerade nach der Bürgermeisterei in Bewegung setzen, da schlug sich Herr Alphonse vor die Stirn und raunte mir zu:

»So eine dumme Sache! Ich habe den Ring vergessen! Er steckt der Venus am Finger – der Teufel soll sie holen! Sagen Sie‘s mindestens meiner Frau Mama nicht! Vielleicht merkt sie gar nichts.«

»Sie könnten doch jemanden hinschicken!« riet ich ihm.

»Ach was! Mein Diener ist ja in Ille geblieben. Und auf die Leute hier ist mir kein rechter Verlaß. Zwölfhundert Franken an Diamanten! Das könnte mehr als einen verlocken . . . Übrigens, was dächten die Leute hier von meiner Zerfahrenheit? Sie würden mächtig über mich herziehen. Ich hieße bei ihnen nicht mehr anders als der Mann der Venus . . .Vorausgesetzt: daß man das Ding mir nicht wegstiehlt! Zum Glück jagt das Götzenbild meinen Kerlen heillose Bange ein. Keiner traut sich an sie auf Greifweite heran. Ach was, tut nichts; ich hab‘ einen andern Ring!«

Beide Trauungen, die standesamtliche wie die kirchliche, wurden unter dem herkömmlichen Gepränge vollzogen; und Mademoiselle de Puygarrig bekam den Ring einer Pariser Putzmacherin übergestreift, ohne zu ahnen, daß ihr Bräutigam ihr ein Liebespfand aufopferte. Dann setzte man sich zu Tisch, aß, trank, sang sogar, alles mit reichlicher Ausdauer. Ich litt für die junge Frau unter der derblauten Lustigkeit, die rund um sie ausbrach; doch hielt sie gefaßter durch, als ich erwartet hätte, und ihre Befangenheit war weder linkisch noch geziert.

Es kann schon sein, daß der Mut wächst, je schwieriger die Lage wird.

Als es Gott dem Herrn wohlgefällig war, dem Frühstück ein Ende zu setzen, war es vier Uhr geworden. Die Herren machten einen Spaziergang durch den prächtigen Park oder schauten auf der Schloßwiese dem Tanz der festlich gewandeten Bäuerinnen aus Puygarrig zu. Auf die Art verbrachten wir ein paar Stunden. Währenddem schlossen sich die Damen dicht um die Neuvermählte, die sie ihre Brautgeschenke bewundern ließ. Dann wechselte sie ihren Staat, und ich sah, wie sie ihr schönes Haar unter eine Haube und einen Federhut steckte; denn die Frauen haben nie Eiligeres zu tun, als so schnell wie möglich die schmucken Zeichen der Würde anzulegen, die der Ahnenbrauch ihnen zu tragen verwehrt, solange sie noch Fräulein sind.

Es ging stark auf acht Uhr, als man sich zur Abfahrt nach Ille bereitmachte. Aber vorher kam es noch zu einem erschütternden Auftritt. Die Tante der Mademoiselle de Puygarrig, die ihr die Mutter ersetzte, eine hochbetagte und sehr gottergebene Dame, sollte nicht mit uns zur Stadt fahren. Beim Abschied hielt sie denn ihrer Nichte eine rührende Predigt, die einen Sturzbach von Tränen und nicht endenwollende Umarmungen auslöste. Monsieur de Peyrehorade verglich diese Trennung mit dem Raub der Sabinerinnen. Gleichwohl kam es doch noch zur Abfahrt, und den ganzen Weg über gab sich jeder die redlichste Mühe, die junge Frau zu zerstreuen und zum Lachen zu bringen; aber es war vergebliche Liebesmühe.

In Ille erwartete uns das Abendessen – und was für eins! War mir schon die laute Freude am Morgen auf die Nerven gegangen, wieviel peinlicher berührten mich nun erst die Zweideutigkeiten und Scherze, die auf das neuvermählte Paar, und vor allem die junge Frau, gemünzt waren. Der junge Ehemann, der, bevor man sich an die Festtafel setzte, auf einen kurzen Augenblick die Gesellschaft verlassen hatte, war bleich und eisig ernst. Alle Augenblicke trank er Wein, alten Collioure, der fast so stark wie Branntwein ist. Ich saß neben ihm und fühlte mich verpflichtet, ihn davor zu warnen:

»Seien Sie auf der Hut! Es heißt, der Wein …«

Ich weiß nicht, was für albernes Zeug ich zu ihm sagte, um nicht aus dem Rahmen der allgemeinen Festesstimmung zu fallen. Er stieß mich ans Knie und sagte sehr leise zu mir:

»Wenn vom Tisch aufgestanden wird… dann möchte ich Ihnen etwas sagen.«

Sein feierlicher Ton machte mich stutzig. Ich sah ihn aufmerksamer an und bemerkte eine sonderbare Veränderung in seinen Zügen.

»Fühlen Sie sich unpäßlich?« fragte ich ihn.

»Nein.«

Und er trank von neuem.

Unterdessen streckte ein elfjähriges Kind, das unter den Tisch gekrochen war, unter allgemeinem Gejohle und Händeklatschen der Tafelrunde ein weißes und rosa Band entgegen, das es der jungen Frau vom Knöchel abgebunden hatte. Das .Brautstrumpfband‘ wird dies genannt. Es wurde sofort in kleine Streifen zerschnitzelt und an die jungen Herren verteilt, die sich das Knopfloch damit verzierten, uraltem Brauch nach, der sich in etlichen den altväterischen Sitten huldigenden Familien noch erhält. Für die junge Frau war das ein Anlaß, bis unter die Augen zu erröten . . . Ihre Verwirrung erreichte aber den Gipfel, als Monsieur de Peyrehorade, nachdem er um Silentium gebeten hatte, ihr ein paar katalanische Verse sang, aus dem Stegreif, wie er sagte. Sie lauteten so, wenn ich alles recht erfaßt habe:

»Was ist bloß, ihr Freunde, mit mir?

Der Wein, den ich in mich geschoppelt,

Hat der denn den Blick mir verdoppelt?

Es sind ja zwei Venusen hier .. .«

Jäh schaute sich der junge Ehemann nach allen Seiten mit verstörtem Gesicht um, was alle zum Lachen brachte. Herr de Peyrehorade fuhr fort:

»Ja, zwiefach ist Venus im Haus:

Die eine – gleich Trüffeln erbuddelt;

Die andre – vom Himmel getrudelt,

Grad teilte sie‘s Gürtelband aus!«

,Ihr Strumpfband‘ – wollte er sagen.

»Du hast Venus doppelt zur „Wahl!

Die röm‘sche, die katalan‘sche?

Er nimmt sich die heimatland‘sche,

Der Lausbub hat Glück wieder mal!

Die Röm‘rin ist schwarz; aber weiß,

Aber weiß ist die Katalanin.

Die eine ist kalt …

Doch wie ’n Span in

Der Brust brennt die andere heiß …!«

Dieser Schlußeinfall rief ein solches Hurra, so tobende Beifallsstürme und so schallendes Gelächter hervor, daß ich glaubte, die Decke würde uns über dem Kopf einstürzen. In der Tafelrunde blieben nur drei Gesichter ernst: die des jungen Paares und meins. Ich hatte heftigen Kopfschmerz; und dann macht mich eine Hochzeit, warum weiß ich nicht recht, stets trübsinnig. Diese hier erfüllte mich überdies mit Widerwillen.

Nachdem der Amtsgehilfe des Bürgermeisters auch noch ein paar Strophen gesungen hatte, und ziemlich gepfefferte, muß ich schon sagen, wechselte man in den Salon hinüber, um den Aufbruch der Braut zu genießen, die nun in ihr Schlafgemach geführt werden sollte, denn es ging auf Mitternacht zu.

Herr Alphonse zog mich in eine Fensternische und sagte zu mir mit weggewandten Augen:

»Sie werden über mich lachen … Aber ich weiß nicht, was mit mir los ist … ich bin behext! Der Teufel hol mich .. .!«

Mein erster Gedanke war, er fühle sich von jener Art Ungemach behelligt, auf das Montaigne und Madame de Sévigné mit den Worten anspielen:

,Das ganze Reich der Liebe ist voller tragischer Geschichten …‘

Ich glaubte bisher, solcherlei Mißgeschick stieße nur Leuten von Geist zu.

»Sie haben zuviel Collioure getrunken, mein lieber Monsieur Alphonse«, sagte ich zu ihm. »Ich hatte Sie vor ihm gewarnt.«

»Ja, kann sein! Aber da ist noch was viel Entsetzlicheres…« , In seiner Stimme war etwas Abgerissenes. Nach meinem Dafürhalten hatte er einen Mordsrausch. »Sie wissen doch, mein Ring …«, setzte er, nach einer Pause, wieder an. »Na und – ist er gestohlen?«

»N-nein!«

»Dann haben Sie ihn also?«

»N-nein … ich … ich krieg‘ ihn nicht vom Finger dieser verdeubelten Venus runter!« »Schön! Sie haben eben nicht stark genug gezogen!«

»Doch … Aber die Venus … die hat den Finger gekrümmt.«

Er stierte mich mit verstörtem Blick an und hielt sich dabei am Fensterriegel fest, um nicht umzufallen.

»Was sind das für Märchen!« redete ich auf ihn ein. »Sie haben den Ring zu weit hintergeschoben. Morgen bekommen Sie ihn mit einer Zange herunter. Aber geben Sie acht und beschädigen Sie nicht die Statue.«

»N-nein, ich sag‘ Ihnen doch! Der Finger der Venus ist einwärts gebogen, krumm gemacht; sie krampft die Hand zusammen, verstehen Sie mich …? Sie ist jetzt meine Frau, ganz offensichtlich, weil ich ihr meinen Ring übergestreift habe … Sie will ihn nicht mehr hergeben …«

Mich schauerte plötzlich, und ich bekam für einen Augenblick eine Gänsehaut. Da stieß er einen schweren Seufzer aus, der mir eine dicke Wolke Weindunst entgegenwehte, und alle meine Erregung entschwand.

»Der armselige Schlucker«, dachte ich bei mir, »ist vollkommen betrunken.«

»Sie sind im Altertum zu Hause, werter Herr«, lallte der junge Mann in weinerlichem Tone fort. »Sie kennen sich in den Bildsäulen aus… Vielleicht ist irgendeine Sprungfeder drin, irgendeine Teufelei, von der ich nichts weiß… Wenn Sie mal nachschauten…?«

»Gerne«, sagte ich. »Kommen Sie mit!«

»N-nein! Mir ist‘s lieber, Sie gingen allein hin!«

Ich verließ den Salon.

Während des Abendessens war das Wetter umgeschlagen, und ein heftiger Regenguß setzte ein. Ich wollte gerade umkehren, um mir einen Schirm geben zu lassen, da hielt eine Überlegung mich davon ab. Ein Riesendämlack wäre ich doch, sagte ich mir, wollte ich das Gerede eines Betrunkenen nachprüfen gehen! Womöglich gar hat er einen schlechten Scherz mit mir vorgehabt, um diesen hochwohllöblichen Provinzlern Gelegenheit zu geben, zu lachen; und das mindeste, was dabei für mich herauskommen könnte, wäre, bis auf die Knochen naß zu werden und einen anständigen Schnupfen zu erwischen. Von der Haustür aus warf ich einen Blick auf die regentriefende Statue und stieg dann zu meinem Zimmer hinauf, ohne noch einmal den Salon zu betreten. Ich legte mich nieder; aber der Schlummer wollte sich lange nicht einstellen. Alle Geschehnisse des Tages zogen wieder vor meinem inneren Blicke vorüber. Mir kam dies so schöne und so reine junge Mädchen nicht aus dem Sinn, das einem rohen Trunkenbold preisgegeben war. Was für eine scheußliche Sache, sagte ich mir, ist doch die herkömmliche Heiraterei! Ein Bürgermeister bindet sich eine Schärpe in den Landesfarben um, ein Pfarrer eine Stola – und schon ist das anständigste Mädchen der Welt dem Minotaurus ausgeliefert! Was können denn wohl zwei Wesen, die einander nicht lieben, sich in einem solchen Augenblicke sagen, für den zwei Liebende ihr ganzes Dasein hingeben würden? Bringt ein Weib je Liebe für einen Mann auf, den es ein einziges Mal gemein gesehen hat? Die ersten Eindrücke verwischen sich nicht, und sicherlich verdient es dieser Monsieur Alphonse, gehaßt zu werden… Während meines Selbstgesprächs, das ich nur im knappen Auszuge wiedergebe, war ein Getöse an mein Ohr gedrungen: Kommen und Gehen im Hause, Türenschlagen, Fortrollen von Wagen. Dann schien es mir, als ob ich auf der Treppe die leichten Schritte mehrerer weiblicher Wesen vernommen hätte, die dem meinem Gemach entgegengesetzten Flurende zustrebten. Wahrscheinlich war es das Geleit der Neuvermählten, die man ins Brautbett führte. Dann war man wieder die Treppe hinuntergetrippelt. Die Tür hatte sich hinter der jungen Frau de Peyrehorade geschlossen. Wie muß dem armen Mädchen, dachte ich bei mir, wirr und traurig ums Herz sein! Mißlaunig drehte ich mich in meinem Bette um. In einem Hause, in dem sich eine Hochzeit vollzieht, spielt ein Junggeselle eine alberne Rolle. Eine Weile herrschte Stille, als schwere Tritte sie störten, die treppauf stapften. Die hölzernen Stufen krachten laut.

»Dieses Trampeltier!« begehrte es in mir auf. »Ich wette, der fällt auf der Treppe um.«

Alles wurde wieder ruhig. Ich griff nach einem Buch, um meine Gedanken abzulenken. Es war ein statistisches Jahrbuch des Departements, dessen besondere Zierde eine Denkschrift des Monsieur de Peyrehorade über die Druidensteine im Bezirk von Prades war. Über der dritten Seite fielen mir die Augen zu.

Ich schlief schlecht und wachte ein paarmal auf. Es konnte gegen fünf Uhr morgens sein, und ich lag schon länger als zwanzig Minuten wach, als der Hahn krähte. Der Tag dämmerte herauf. Da vernahm ich deutlich dieselben schweren Tritte, dasselbe Krachen der Stiegen, wie ich es vor dem Einschlafen gehört hatte. Das kam mir sonderbar vor. Gähnend versuchte ich, dahinterzukommen, weshalb Herr Alphonse so früh schon wieder aufstehe. Irgend etwas, das nach Wahrscheinlichkeit aussah, konnte ich als Grund dafür nicht entdecken. Ich wollte gerade wieder die Augen zumachen, als meine Aufmerksamkeit von neuem durch seltsames Gestampfe erregt wurde, in das sich bald das Gebimmel von Zimmerklingeln und der Lärm von heftig aufgerissenen Türen mischte; dazwischen klangen verworrene Schreie zu mir herauf.

»Mein Süffel wird irgendwie fahrlässig mit dem Feuer umgegangen sein!« ging es mir durch den Sinn, während ich aus dem Bett sprang.

Schnell kleidete ich mich an und trat auf den Flur hinaus. Vom ändern Ende her scholl mir Geschrei und Gejammer entgegen, und eine Stimme, die einem durch die Seele fuhr, überschrillte alle anderen: »Mein Sohn! Mein Sohn!« Offenbar war Herrn Alphonse ein Unglück zugestoßen. Ich lief zum Hochzeitsgemach. Es war voller Leute. Beim Eintreten bot sich meinen Augen ein schauerliches Schauspiel: der junge Mann lag halbbekleidet quer über das Bett hingestreckt, dessen Holzgestell zertrümmert war. Er war leichenfahl und regte sich nicht. Ihm zur Seite weinte und schrie seine Mutter. Herr de Peyrehorade war fieberhaft tätig, rieb ihm die Schläfen mit Kölnischem Wasser ein oder hielt ihm allerhand Riechsalze unter die Nase. Verlorene Liebesmühe! Sein Sohn war schon lange tot. Am andern Zimmerende, auf einem Sofa, wand sich die junge Frau in entsetzlichen Krämpfen. Sie schrie wie ein Tier, und zwei derbfäustige Mägde hatten die größte Mühe, sie festzuhalten.

»Mein Gott!« rief ich. »Was ist denn geschehen?« Ich ging auf das Bett zu und richtete den Körper des unglückseligen jungen Mannes etwas empor; er war bereits starr und kalt. Seine zusammengepreßten Zähne und sein schwarz angelaufenes Gesicht drückten furchtbarste Ängste aus. Es war nur zu offensichtlich, daß er ein gewaltsames Ende gefunden und einen fürchterlichen Todeskampf durchgemacht hatte. Immerhin fand sich keinerlei Blutspur an seinen Kleidern. Ich schob sein Hemd auseinander und sah auf seiner Brust eine fahlblaue Druckstelle, die über die Rippen hin nach dem Rücken zu führte. Man hätte glauben mögen, er wäre von einem Eisenringe umpreßt worden. Mein Fuß trat auf etwas Hartes, das auf dem Teppiche lag; ich bückte mich und erblickte den Brillantring. Ich zog Herrn de Peyrehorade und seine Frau mit in ihr Zimmer fort und ließ auch die junge Frau dahinbringen.

»Sie haben da noch eine Tochter«, sagte ich zu ihnen, »der müssen Sie Ihre Sorge zuwenden!« Dann ließ ich sie allein. Es war, schien mir, nicht zu bezweifeln, daß Herr Alphonse einem Mordanschlage zum Opfer gefallen war, dessen Täter Mittel und Wege gefunden hatten, sich nachts in die Brautkammer einzuschleichen. Jene tödlichen Brustquetschungen und ihre ringsum verlaufende Richtung verursachten mir immerhin reichliches Kopfzerbrechen, denn ein Knüppel oder eine Eisenstange konnte sie nicht hervorgebracht haben. Plötzlich fiel mir ein, daß ich hatte erzählen hören, wie in Valencia die ,Bravos‘ sich länglicher, mit feinem Sand gefüllter Ledersäcke bedienen, um die Leute, für deren Ermordung sie gedungen werden, aus der Welt zu schaffen. Sofort kam mir auch der aragonische Maultiertreiber und seine Drohung wieder ins Gedächtnis; dennoch wagte ich kaum, es für möglich zu halten, daß der für eine bedeutungslose Witzelei so furchtbare Rache hätte üben können. Ich ging das ganze Haus ab und suchte überall nach Spuren eines gewaltsamen Eindringens, fand aber nirgends den mindesten Anhalt dafür. Ich ging in den Garten hinunter, um nachzusehen, ob die Mörder von dorther eingestiegen wären; ich entdeckte jedoch auch dort kein sicheres Anzeichen. Der Regen hatte in der vorhergehenden Nacht zudem den Erdboden derart aufgeweicht, daß selbst deutliche Fußabdrücke gar nicht in ihm erhalten geblieben wären. Immerhin stellte ich etliche tiefe, von Schritten herrührende Löcher fest; sie verlieren in entgegengesetzter Richtung zueinander, aber auf einer Linie, und zwar gingen sie aus von dem Winkel der Hecke, die den Garten vom Ballspielplatz schied, und endeten bei der Haustür. Das konnten die Schritte des Herrn Alphonse sein, als er hinausgegangen war, um seinen Ring vom Finger der Statue zu holen. Andererseits war die Hecke an jener Stelle minder dicht als sonst; an jenem Durchschlupf hätte es sein müssen, wo die Mörder herübergewechselt waren. Während ich so an der Statue vorbei hin und her schritt, hielt ich für einen kurzen Augenblick inne, um sie zu betrachten. Dieses Mal, muß ich gestehen, konnte ich nicht ohne Grauen den Ausdruck höhnischer Bosheit in ihrem Antlitz anschauen; und da mir der Kopf noch erfüllt war von den schauerlichen Auftritten, deren Zeuge ich hatte sein müssen, schien es mir, als sähe ich eine höllische Gottheit sich über das Unheil, das über dieses Haus hereingebrochen war, freuen. Ich suchte wieder mein Zimmer auf und blieb da bis Mittag. Dann stieg ich hinunter und erkundigte mich bei meinen Gastgebern. Sie waren etwas ruhiger geworden. Mademoiselle de Puygarrig, ich müßte von Rechts wegen sagen: die verwitwete Madame Alphonse, war wieder zu Bewußtsein gekommen. Sie hatte sogar dem Staatsanwalt aus Perpignan Rede und Antwort gestanden, der, auf einer Dienstreise unterwegs, sich gerade in Ille aufhielt, und dieser Beamte hatte ihre Aussage entgegengenommen. Er verlangte auch die meine. Ich berichtete ihm, was ich wußte, und verhehlte ihm auch nicht meinen Verdacht gegen den aragonischen Maultiertreiber. Er ordnete dessen sofortige Festnahme an.

»Haben Sie etwas aus Madame Alphonse herausbekommen?« fragte ich den Staatsanwalt, als meine Aussage schriftlich festgelegt und unterzeichnet war.

»Das unglückliche junge Geschöpfchen ist um seinen Verstand gekommen«, sagte er mit traurigem Lächeln zu mir. »Verrückt, völlig verrückt! Sie erzählte das Folgende:

Sie war, sagte sie, seit ein paar Minuten im Bett, bei zugezogenen Bettvorhängen, als sich ihre Kammertür auftat und jemand hereinkam. Madame Alphonse lag ganz hinten im Bett und hatte ihr Gesicht der Wand zugekehrt. Sie regte sich nicht, in der Überzeugung, ihr Mann sei es. Im nächsten Augenblick kreischte das Bett laut in allen Fugen wie unter einer ungeheuren Last. Sie hatte mächtige Angst, traute sich aber nicht, den Kopf zu drehen. Fünf Minuten, zehn Minuten vielleicht – über die Zeitdauer kann sie sich keine Rechenschaft geben – verstrichen so. Dann machte sie unwillkürlich eine Bewegung, oder aber die Person, die neben ihr im Bett lag, machte eine, und sie fühlte die Berührung mit etwas Eiskaltem. Das sind ihre eigenen Worte! Sie drückte sich noch mehr an die Wand und schlotterte an allen Gliedern. Kurz hernach ging die Tür ein zweites Mal auf, und jemand trat ein und sagte: ,Guten Abend, mein Frauchen!‘ Gleich darauf wurden die Bettvorhänge auseinandergezogen. Sie vernahm einen erstickten Schrei. Die Person an ihrer Seite setzte sich auf und schien die Arme auszustrecken. Da wandte sie das Gesicht hin … und erblickte, so sagt sie, ihren Mann auf den Knien vor dem Bett, mit dem Kopf in Kissenhöhe, in den Armen eines grünschillernden Ungetüms, das ihn mit eherner Gewalt umpreßt hielt. Sie sagt – und sie hat es mir an die zwanzigmal wiederholt, die arme kleine Frau! – sie bleibe dabei: sie habe sie wiedererkannt… erraten Sie wen? Die bronzene Venus, die Statue des Monsieur de Peyrehorade… Seit die hier aufgetaucht ist, träumt jeder von ihr… Doch ich will die arme Geistesgestörte weiter berichten lassen. Bei diesem Anblicke schwanden ihr die Sinne; und wahrscheinlich war ihr schon etliche Augenblicke zuvor der Verstand geschwunden. Sie vermag ganz und gar nicht zu sagen, wie lange sie bewußtlos geblieben ist. Als sie wieder zu sich gekommen war, sah sie immer noch das Gespenst, oder die Statue, wie sie stets sagt, regungslos neben sich, Beine und Leib im Bett, Brust und Arme vorgestreckt, und mit ihnen ihren Mann umklammernd, der sich nicht rührte. Ein Hahn krähte. Da stieg die Statue aus dem Bette, ließ den Leichnam fallen und schritt hinaus. Madame Alphonse hängte sich an den Klingelzug– und das übrige ist Ihnen bekannt.«

Der Spanier wurde vorgeführt. Er war gelassen und verteidigte sich mit viel Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart. Im übrigen leugnete er nicht die Äußerung, die ich gehört hatte, erklärte aber geradeheraus, er habe damit nichts anderes sagen wollen, als daß er am nächsten Tage, ausgeruht wie er dann wäre, dem Sieger eine Partie abgewonnen hätte. Wie ich mich erinnere, fügte er noch hinzu:

»Ein Aragonier wartet nicht, wenn er schwer beleidigt worden ist, bis zum andern Morgen, um sich zu rächen, Hätte ich angenommen, Monsieur Alphonse wollte mich beschimpfen, dann hätte ich ihm an Ort und Stelle mein Messer in den Leib gerannt!«

Man verglich seine Schuhsohlen mit den Fußeindrücken im Garten; seine Schuhe waren viel größer. Schließlich versicherte der Wirt des Gasthofes, in dem der Mann wohnte: der habe die ganze Nacht damit hingebracht, eins von seinen Muli, das sich was geholt habe, abzureiben und ihm Latwergen einzugeben. Übrigens war der Aragonier auch sonst gut beleumdet und in der ganzen Gegend, in die er alle Jahre seines Handels wegen kam, wohlbekannt. Man ließ ihn also unter Entschuldigungen wieder seiner Wege ziehen. Ich vergaß noch die Aussage eines Bedienten, der als letzter Herrn Alphonse lebend gesehen hatte. Das war in dem Augenblicke, als er die Treppe zu seiner Frau hinaufging. Der junge Herr hatte ihn angerufen und ihn mit unruhigem Gebaren gefragt, ob er wüßte, wo ich wäre. Der Bediente erwiderte hierauf, er hätte mich nirgends gesehen. Da habe Monsieur Alphonse geseufzt und sei länger als eine Minute stumm stehengeblieben. Zum Schluß habe er gesagt: »Also denn los! Den wird wohl auch der Teufel geholt haben!«

Ich fragte diesen Mann, ob Herr Alphonse seinen Diamantring getragen habe, als er mit ihm sprach. Der Diener kam nicht gleich mit der Antwort heraus; endlich sagte er, er glaube nicht, doch habe er im übrigen keinerlei Acht darauf gegeben.

»Wenn er diesen Ring am Finger gehabt hätte«, fügte er sich berichtigend hinzu, »hätte ich das sicher bemerkt, denn ich war der Meinung, er hätte ihn Madame Alphonse gegeben.«

Während ich diesen Mann ausfragte, verspürte ich lebhaft etwas von dem abergläubischen Schrecken, den die Aussage der Madame Alphonse im ganzen Hause verbreitet hatte. Lächelnd blickte mich der Staatsanwalt an, und ich hütete mich wohl, tiefer in die Einzelheiten einzudringen.

Wenige Stunden nach der Beisetzung des Herrn Alphonse war ich zur Abfahrt von Ille fertig. Der Wagen von Monsieur de Peyrehorade sollte mich nach Perpignan bringen. Trotz seines geschwächten Zustandes wollte mich der bedauernswerte alte Herr bis zur Tür seines Gartens begleiten. Schweigend schritten wir dahin; mühsam schlurfte er, auf meinen Arm gestützt, neben mir her. Im Augenblick des Abschieds warf ich einen letzten Blick zur Venus hinüber. Ich hatte die deutliche Vorahnung, daß mein gastfreundlicher Wirt, wennschon er weder das Grauen noch den Haß je teilte, die das Bildwerk einem Teile seiner Familie einflößte, doch willens wäre, sich eines Gegenstands zu entledigen, der ihm immerwährend ein gräßliches Unglück ins Gedächtnis rufen würde. Meine Absicht war, ihn dahin zu bringen, die Göttin in einem Museum aufstellen zu lassen. Noch zauderte ich, so unmittelbar auf die Sache einzugehen, da wandte Herr de Peyrehorade wie unbewußt den Kopf nach der Richtung, in die er mich unablässig blicken sah. Er gewahrte die Statue und brach sofort in Tränen aus. Ich umarmte ihn, und ohne daß ich noch gewagt hätte, ein Wort darüber zu ihm zu sagen, stieg ich in den Wagen.

Seit meiner Abreise habe ich nichts davon erfahren, daß durch neuerliche Entdeckungen Licht über jenes geheimnisvolle Ereignis gekommen wäre. Einige Monate nach seinem Sohne starb Monsieur de Peyrehorade. Er hat mir testamentarisch seinen gesamten handschriftlichen Nachlaß vermacht, den ich eines Tages vielleicht noch veröffentlichen werde. Die Denkschrift über die Inschriften auf der Venus habe ich nirgends darunter gefunden.

Nachschrift: Mein Freund Herr de P*** teilt mir soeben aus Perpignan mit, daß die bronzene Venus nicht mehr existiere. Nach dem Ableben ihres Eheherrn war es Madame de Peyrehorades allerdringendstes Anliegen, das Götzenweib zur Glocke umgießen zu lassen, und in dieser neuen Gestalt dient sie nun der Kirche von Ille. Aber, schließt Herr de P*** daran, es scheint, als verfolge ein böses Geschick alle, denen dies Erz zufällt. Seit diese Glocke in Ille läutet, sind rings die Rebstöcke zweimal erfroren.

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