Die Sorgen mit den Unterseekabeln

Die erfolgreiche Anwendung der mit Guttapercha umpreßten Kupferdrähte zu unterirdischen Leitungen legte es nahe, dieselben auch zu unterseeischen Telegraphenleitungen zu benutzen. Daß Seewasser keinen nachtheiligen Einfluß auf die Guttapercha ausübte, hatten die bei den Minenanlagen im Kieler Hafen benutzten isolirten Leitungen bewiesen, die nach Verlauf von zwei Jahren noch ganz unverändert waren.

Den ersten Versuch einer Verbindung zweier Meeresküsten durch Guttaperchaleitungen machte schon im Jahre 1850 Mr. Brett, der sich eine Concession für eine submarine Telegraphenverbindung zwischen Dover und Calais hatte ertheilen lassen. Die von ihm gelegte, unbeschützte Leitung hielt, wie zu erwarten war, nicht viel länger als die Zeit der Legung, wenn sie überhaupt je wirklich brauchbar war. Sie wurde im folgenden Jahre von den Herren Newall und Gordon durch eine mit Eisendrähten armirte Leitung ersetzt, die längere Zeit gut functionirte. Dies war der Ausgangspunkt der Untersee-Telegraphie, welche sich schnell zu einem der wichtigsten Verkehrsmittel entwickeln sollte.

Mit der den Engländern eigenthümlichen Beharrlichkeit in der Durchführung von Unternehmungen wurde nach diesem ersten glücklichen Erfolge gleich eine ganze Reihe anderer Kabellegungen geplant und in Angriff genommen, bevor noch die wissenschaftliche und technische Grundlage für dieselben feststand. Mißerfolge konnten daher nicht ausbleiben. Die Legung selbst machte im flachen Wasser der Nordsee keine Schwierigkeiten. Die Herstellung der isolirten Leitungen war in England von der Guttapercha-Compagnie in die Hand genommen, die meine Umpressungsmethode ungehindert anwenden durfte, weil ich meine Erfindungen nicht durch Patente geschützt hatte. Da diese Gesellschaft durch den ihr zur Verfügung stehenden englischen Markt immer die besten Guttaperchaqualitäten verwenden konnte, so wäre sie in der Lage gewesen, ausgezeichnet gut isolirte Leitungen herzustellen, wenn die elektrische Prüfung und Controle der Fabrikation mit gleicher Sorgfalt geschehen wäre, wie sie bei uns obwaltete. Wissenschaftliche Kenntnisse und Methoden hatten aber damals in der englischen Industrie noch ebensowenig Eingang gefunden wie in der unsrigen. Man begnügte sich damit, zu constatiren, daß Strom durch die Leitung ging und die telegraphischen Instrumente befriedigend arbeiteten. Noch in viel späterer Zeit wurden meine Methoden einer systematischen Prüfung der Leitungen von den englischen Praktikern für »scientific humbug« erklärt! Trotzdem gelang es der Firma Newall & Co. im Jahre 1854 während des Krimkrieges, einen nicht armirten, nur mit umpreßter Guttapercha isolirten Leitungsdraht von Varna nach Balaclava in der Krim zu legen, und sie hatte das Glück, daß derselbe bis zur Eroberung von Sebastopol im September 1855, etwa ein Jahr lang, brauchbar blieb.

Bei dieser ungefähr 600 Kilometer langen Linie stellten sich schon Sprechschwierigkeiten durch die Flaschenladung der Leitung ein, die den Engländern trotz meiner Publicationen im Jahre 1850 noch unbekannt geblieben war. Als die in England gebräuchlichen Nadeltelegraphen auf der Linie den Dienst versagten, bestellten Newall & Co. bei meiner Firma Sprechapparate, mit denen sich der Betrieb auch gut ausführen ließ. Es war dabei ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß in den beiden feindlichen Lagern Sebastopol und Balaclava Berliner Apparate mit auf einander folgenden Fabrikationsnummern arbeiteten.

Inzwischen hatte Mr. Brett im September 1855 im Auftrage der Mediterranean Extension Telegraph Company den Versuch gemacht, zwischen der Insel Sardinien und der Stadt Bona in Algier ein schweres Kabel mit vier Leitern zu legen. Er benutzte dabei dieselben Legungseinrichtungen, wie in der Nordsee, hatte aber das Mißgeschick, daß seine Bremseinrichtungen bei Eintritt tiefen Wassers nicht ausreichten und in Folge dessen das ganze Kabel unaufhaltsam in die Tiefe hinabrollte. Da auch ein zweiter Versuch im Jahre 1856 fehlschlug, so trat er von der Unternehmung zurück, die dann von Newall & Co. wieder aufgenommen wurde. Diese schlossen mit meiner Firma einen Vertrag über die Lieferung der elektrischen Einrichtungen und forderten mich auf, die elektrischen Prüfungen bei und nach der Legung zu übernehmen.

Diese erste Tiefseekabellegung war für mich ebenso interessant als lehrreich. Anfang September des Jahres 1857 ging ich mit einem Gehülfen und den nöthigen elektrischen Apparaten in Genua an Bord einer Sardinischen Corvette, welche die Expedition begleiten und uns nach Bona bringen sollte, wo der mit dem Kabel beladene Dampfer uns erwartete. Es war eine interessante Gesellschaft, die sich auf dem Kriegsschiffe zusammenfand. Außer den englischen Unternehmern und Kabelfabrikanten, Mr. Newall und Mr. Liddell, waren mehrere italienische Gelehrte, Telegraphenbeamte und Seeofficiere an Bord, unter ihnen der gelehrte Admiral Lamarmora, ein sehr liebenswürdiger und kenntnißreicher Officier, Bruder des bekannten Generals Lamarmora; ferner mehrere französische Telegraphenbeamte, die im Auftrage ihrer Regierung der Kabellegung beiwohnen sollten, darunter der bekannte Ingenieur Delamarche.

Schon auf der Fahrt nach der Insel Sardinien, die von herrlichem, ruhigem Wetter begünstigt war, wurden in diesem Comité die Methoden erörtert, welche bei der Legung angewendet werden sollten, um dem Mißgeschick der vorhergegangenen Versuche zu entgehen. Die Herren Newall und Liddell setzten auseinander, sie hätten bei der Legung ihrer Leitung nach der Krim gefunden, daß man nur schnell gehen und das Kabel ohne Widerstand auslaufen lassen müsse, dann sinke es langsam ohne Spannung zu Boden. Sie hätten zwar zur Vorsicht ein kräftiges Bremsrad angebracht, um das Kabel zurückhalten zu können, doch würde das bei schnellem Gange des Schiffes kaum nöthig sein. Diese Theorie des Herrn Liddell begegnete dem entschiedenen Widerstande des Herrn Delamarche, der den unglücklichen Legungsversuchen des Herrn Brett beigewohnt und nun die Theorie adoptirt hatte, das Kabel müsse in tiefem Wasser eine Kettenlinie bilden und unter allen Umständen reißen.

Ich hatte ursprünglich nicht die Absicht, mich in den mechanischen Theil der Legung einzumischen, es schien mir aber so ganz unmöglich, ein schweres Kabel, das ein Gewicht von wenigstens 2 Kilogramm pro Meter im Wasser hatte, durch Tiefen von mehr als 3000 Meter, wie sie auf der Strecke von Sardinien bis Bona vorkamen, in der von den Herren Newall und Liddell beabsichtigten Weise zu legen, daß ich ernstlichen Widerspruch dagegen erhob. Andrerseits konnte ich die Befürchtungen des Herrn Delamarche nicht theilen, und es kam daher zu einer heftigen Debatte zwischen mir und den Herren Liddell und Delamarche, in der ich die Legungstheorie entwickelte, die später allgemein adoptirt wurde. Sie besteht darin, das Kabel an Bord des legenden Schiffes durch Bremsvorrichtungen mit einer Kraft zurückzuhalten, die dem Gewichte eines senkrecht zum Boden hinabreichenden Kabelstückes im Wasser entspricht. Bei gleichmäßig schnellem Fortgange des Schiffes sinkt das Kabel dann in einer graden Linie, deren Neigung von der Schiffsgeschwindigkeit und der Geschwindigkeit des Sinkens eines horizontalen Kabelstücks im Wasser abhängt, zur Tiefe hinab. Ist das sinkende Kabelstück nicht vollständig durch die Bremskraft balancirt, so findet gleichzeitig ein Hinabgleiten des Kabels auf der schiefen Ebene, die es selbst bildet, statt, man kann daher durch die Größe der Bremsung den nöthigen Mehrverbrauch an Kabel zur spannungslosen Ueberwindung von Unebenheiten des Bodens bestimmen.

Diese einfache Theorie fand den einstimmigen Beifall der Schiffsgesellschaft; auch Mr. Newall schloß sich zuletzt meiner Anschauung an und ersuchte mich, ihm bei den Vorbereitungen zu der Legung nach meiner Theorie behülflich zu sein. Das war aber schwer zu extemporiren. Die Bremse, die wir nach der Ankunft in Bona auf dem schon vor uns dort eingetroffenen Kabelschiffe vorfanden, erwies sich als viel zu schwach, um das Gewicht des Kabels bei größerer Tiefe zu äquilibriren. Ferner war die Dampfkraft des Schiffes zu gering, um die große Kraft, mit der das Kabel auf der schiefen Ebene hinabzugleiten bestrebt war, zu überwinden. Endlich fehlte jede Einrichtung, um diese Kraft zu messen und danach die Größe der nöthigen Bremsung zu bestimmen. Ich ließ zunächst vom Zimmermann ein einfaches Dynamometer herrichten, das ermöglichte, an der Größe der Durchbiegung eines von zwei Rollen begrenzten Kabelstückes durch den Druck einer belasteten mittleren Rolle die Größe der augenblicklichen Spannung des auslaufenden Kabels zu erkennen. Ferner ließ ich das Bremsrad möglichst verstärken und mit einer kräftigen Wasserkühlung ausrüsten. Endlich veranlaßte ich den Kapitän des Kriegsschiffes, dieses vor das Kabelschiff zu spannen, um die nöthige Kraft zur Ueberwindung des vom Kabel ausgeübten Rückzuges zu gewinnen.

So zur Noth ausgerüstet, begannen wir die Legung des Abends von Bona aus. Solange das Wasser flach war, ging alles gut, und man fand meine Vorkehrungen bereits überflüssig. Nach einigen Stunden, als die größeren Tiefen begannen, zeigte sich aber schon, daß die zu erzielende Bremskraft nicht ausreichte. Wir verlegten zuviel Kabel und hatten, als der Morgen graute, bereits mehr als ein Drittel des ganzen Kabels verbraucht, obschon noch nicht ein Fünftel des Weges zurückgelegt war. Es war noch gerade möglich, mit dem Kabelende eine flache Stelle in der Nähe der Insel Sardinien zu erreichen, wenn das Kabel von jetzt ab ganz ohne Mehrausgabe verlegt werden konnte. Auf Bitten des Herrn Newall übernahm ich es, dies zu versuchen, unter der Bedingung, daß mir die Leitung ganz überlassen würde. Ich belastete nun die Bremse mit allen Gewichten, die auf dem Schiffe zu finden waren. Sogar gefüllte Wassergefäße aus der Küche wurden dazu requirirt. Endlich genügte die Last, ohne daß die Bremse brach. Wir legten jetzt nach Angabe der Messungen ohne »slack«, wie die Engländer sagen, d.h. ohne mehr Kabel zu verbrauchen, als der überschrittenen Bodenlänge entsprach. Das Kabel war dabei dem Brechpunkte immer ziemlich nahe, wie sich dadurch zeigte, daß mehrfach einer der dicken Umspinnungsdrähte brach, wodurch immer eine große Gefahr für das Kabel herbeigeführt wurde. Doch wurde stets durch schnelles Eingreifen ein Bruch des Kabels verhütet, und als die Sonne sank und das Kabelende im Schiffe nahezu erreicht war, zeigte mein Dynamometer glücklicherweise flach Wasser an, und wir waren am Ziele!

Die Freude war allgemein und groß, und selbst Mr. Liddell gratulirte mir zu dem errungenen Erfolge.

Es war dies das erste Kabel, das durch tiefes Wasser, d.h. Meerestiefen über 1000 Faden glücklich gelegt ist. Man hat später so schwere Kabel mit vielen Leitern für längere Kabellinien in tiefem Wasser nicht wieder verwendet, weil die Schwierigkeit des Legens zu groß ist, und weil lange, dicht neben einander liegende Leitungen sich durch Induction gegenseitig stören. Um so lehrreicher, freilich auch um so aufregender und anstrengender war diese Legung für mich. Das Kabel muß Tag und Nacht ohne jede Ruhepause, die bei tiefem Wasser immer gefährlich ist, aus dem Schiffsbehälter, in welchem es um einen in der Mitte feststehenden Conus sorgfältig gelagert ist, um das Bremsrad herum und unter der Rolle des Dynamometers hindurch in die Tiefe hinabrollen. Jede Stockung auf diesem Wege bringt dasselbe in große Gefahr, da die Fortbewegung des Schiffes nicht schnell genug aufgehoben werden kann. Dabei muß fortwährend das Verhältniß der Bremskraft zur Meerestiefe und zu der Geschwindigkeit, mit der das Schiff über den Meeresgrund fortschreitet, sorgfältig regulirt werden, da sonst entweder großer, unnöthiger Mehrverbrauch von Kabel oder andrerseits die Gefahr einer Spannung des Kabels am Boden eintritt. Ferner muß eine ununterbrochene Messung der elektrischen Eigenschaften der isolirten Leitungen stattfinden, damit man das Auftreten eines Fehlers beim fortlaufenden Eintauchen neuer Kabeltheile ins Meer sogleich entdeckt. Es muß in einem solchen Falle die Legung sofort unterbrochen und das zuletzt gelegte Stück Kabel wieder zurückgenommen werden, um den Fehler zu beseitigen.

Die stete geistige Spannung und das Bewußtsein, daß jeder begangene Fehler den Verlust des ganzen Kabels zur Folge haben kann, macht eine Tiefsee-Kabellegung für das damit beschäftigte Personal, namentlich aber für den verantwortlichen Leiter des Unternehmens zu einer sehr angreifenden und bei längerer Dauer aufreibenden Arbeit. Ich konnte mich gegen Ende dieser Legung, bei der ich mir keinen Augenblick der Ruhe und Erholung gönnen durfte, nur durch häufigen Genuß starken, schwarzen Kaffees aufrecht erhalten und brauchte mehrere Tage zur Wiedererlangung meiner Kräfte.

Diese Kabellegung führte mich zum ersten Male in südliche Gegenden. Während der ganzen Zeit hatten wir herrliches Wetter, und ich genoß die Reize des Mittelmeers mit seinem tiefblauen Wasser, seinen blendend weißen Wellenköpfen und seiner erquickenden Luft, die man gar nicht tief genug einathmen konnte, in vollen Zügen auf der schönen Fahrt von Genua nach Cagliari und von dort nach Bona in Algerien. Einen überraschenden Anblick gewährte das hochgelegene, feste Schloß von Cagliari, das von hochstämmigen, gerade in voller Blüthe stehenden Aloëstauden völlig umgürtet war. Auf Rath des freundlichen Kapitäns der Corvette blieben wir nicht im Hafen, sondern nächtigten des Fiebers wegen auf dem Hofe der Schloßruine. Diese herrliche Nacht unter italienischem Sternenhimmel, hoch über dem am felsigen Ufer im Mondschein brandenden Meere, ist mir nie wieder aus dem Sinn gekommen.

Die während der Legung ausgeführten elektrischen Prüfungen zeigten, daß die Isolation sämmtlicher Leiter des Kabels mangelhaft war, doch genügte sie bei dreien derselben nach Vollendung der Linie im folgenden Jahre den contractlichen Bedingungen, die nur verlangten, daß der Stromverlust einen gewissen Procentgehalt nicht übersteigen sollte. Der vierte Leiter war mit einem größeren Fehler behaftet, und die Abnahme des Kabels wurde daher verweigert. Es gelang aber durch eine passende elektrische Behandlung – andauernden Betrieb mit ausschließlich positivem Strom – den Fehler soweit zu verkleinern, daß das Kabel abgenommen werden mußte.

Die Erfahrungen, die ich bei der Legung des Kabels zwischen Cagliari und Bona machte, verschafften mir in der That Ueberzeugung, daß sich Unterseekabel bei richtiger Construction und sorgfältiger Fabrikation durch alle Meerestiefen legen lassen würden, und daß sie dann auch langen und sicheren Dienst verhießen. Ich bemühte mich daher eifrig, die noch vorhandenen Schwierigkeiten zu beseitigen. Zu dem Ende war es nöthig, eine systematische Ueberwachung der Kabelfabrikation einzurichten, die Sicherheit gewährte, daß in dem ganzen, im Schiffsraume aufgespeicherten Kabel kein Fehler vorhanden sei. Dies ließ sich nur dadurch erreichen, daß man die Untersuchungsinstrumente empfindlich genug machte, um die Isolirungsfähigkeit der verwendeten Guttapercha selbst messen und in Zahlenwerthen angeben zu können. Wenn man dann den Isolationswiderstand der mit dieser Guttapercha bekleideten Leitungsdrähte in gleicher Weise in Zahlen bestimmte, so waren sie fehlerfrei isolirt, falls das gemessene Resultat mit dem der Rechnung übereinstimmte. War der Leitungswiderstand des fertigen Kabels nicht größer und der Isolationswiderstand desselben nicht kleiner, als die Rechnung ergab, so konnte man das Kabel für fehlerlos erklären.

Es war nicht zu erwarten, daß sich so exacte Prüfungen durch Strommessungen erzielen lassen würden. Auch zu den Bestimmungen der Lage von Fehlern, für die ich schon im Jahre 1850 die nöthigen Formeln gefunden und publicirt hatte, reichten die ungenauen Strommessungen nicht aus. Man mußte also zu Widerstandsmessungen übergehen, doch fehlte es dazu noch an guten, praktischen Meßmethoden und namentlich an einem festen Widerstandsmaaße. Endlich war bis dahin die Kenntniß der physikalischen Eigenschaften der Flaschendrähte, wie ich die unterirdischen Leitungen wegen ihrer Eigenschaft, als große Leydener Flaschen zu wirken, benannt hatte, noch zu wenig entwickelt, um ohne Gefahr eines Mißerfolges lange Unterseelinien zu planen.

Ich war mit dem Studium dieser Fragen seit 1850 eifrig beschäftigt. Meine Arbeiten fielen in die Zeit, in welcher der große Forscher Faraday die gelehrte Welt mit seinen grundlegenden Entdeckungen in bewunderndes Erstaunen setzte. In Deutschland wollten aber damals manche, mit den herrschenden Theorien nicht vereinbare Anschauungen Faradays, namentlich die der elektrischen Vertheilung durch Molekularinduction, noch keinen rechten Glauben finden. Dies bewog mich, die Frage der elektrostatischen Induction, die für die Telegraphie nach meinen früheren Erfahrungen von so außerordentlicher Bedeutung war, ohne Rücksicht auf bestehende Theorien zu studiren. Ich gelangte schließlich zu einer vollständigen Bestätigung der Faradayschen Ansichten, für deren Richtigkeit es mir glückte, neue Beweise beizubringen. Durch meine angestrengte technische Thätigkeit leider vielfach in meinen Arbeiten unterbrochen, konnte ich meine Versuche erst im Frühjahr 1857 abschließen und legte dann ihre Ergebnisse in einem in Poggendorffs Annalen veröffentlichten Aufsatze »Ueber die elektrostatische Induction und die Verzögerung des Stromes in Flaschen drähten« nieder.

Es war mir durch diese Untersuchungen klar geworden, daß man nur bei Anwendung kurzer Wechselströme Aussicht hätte, auf längeren Kabellinien schnell zu correspondiren. In einem 1857 publicirten Aufsatze »Der Inductionsschreibtelegraph von Siemens & Halske« beschrieb ich die mechanischen Hilfsmittel zur Durchführung dieser Aufgabe. Sie bestanden wesentlich aus einem magnetisch polarisirten Relais, welches so construirt war, daß der durch einen kurzen Stromimpuls an den Contact gelegte Anker so lange an diesem liegen blieb, bis ein kurzer Strom entgegengesetzter Richtung ihn zum isolirten Anschlage zurückführte. Die kurzen Wechselströme wurden in der secundären Spirale eines Inductors erzeugt, indem durch die primären Windungen desselben die Telegraphirströme geleitet wurden.

Als die Herren Newall & Co. noch in demselben Jahre – 1857 – eine Kabellinie von Cagliari nach Malta und Corfu legten, versah ich die Stationen dieser Linie mit solchen Inductionsschreibtelegraphen. Auf der Insel Malta wurde eine Translationsstation errichtet, welche ermöglichte, auf dem dünnen Kabel direct zwischen Cagliari und Corfu mit befriedigender Geschwindigkeit zu correspondiren. Um die gute Isolation dieser Linie sowie anderer, die im östlichen Theile des mittelländischen Meeres verlegt werden sollten, sicher zu stellen, übernahm meine Firma die elektrische Prüfung der isolirten Leitungen in dem Kabelwerk der Herren Newall & Co. in Birkenhead. Als Assistent wurde mir hierfür ein talentvoller junger Mann, Mr. F. Jenkin, zugewiesen, der sich später einen Namen als Elektriker gemacht hat.

Eine sehr interessante Aufgabe brachte mir die Kabellinie durch das rothe und indische Meer von Suez bis Kurrachee in Indien, deren Ausführung der Firma Newall & Co. übertragen war. Meine Firma übernahm für letztere die elektrische Ueberwachung dieser Kabellegung sowie die Lieferung und Aufstellung der nöthigen Apparate. Die größte der bis dahin gelegten Kabellinien, die Linie von Sardinien nach Corfu, war ungefähr 700 Seemeilen lang, bot also kaum einen Anhalt für die Construction und den Betrieb einer Linie von 3500 Seemeilen Länge wie die geplante Kabellinie nach Indien. Nach den dort gemachten Erfahrungen war es möglich, durch Wechselströme Linien von 700 Seemeilen Länge mit Sicherheit und hinlänglicher Leistungsfähigkeit zu betreiben. Es waren danach zwischen Suez und Kurrachee vier bis fünf Zwischenstationen anzulegen, die mit selbstthätiger Translation ausgerüstet werden mußten, um ohne lästige und störende Handübertragung arbeiten zu können. Die Einrichtung dieser Translationsstationen hatte bei langen, submarinen Linien besondere Schwierigkeiten, da die im Kabel zurückbleibende Ladung Störungen herbeiführte, wenn man nicht, wie bei der Corfulinie, mit secundären Strömen telegraphiren wollte. Gegen letztere Art des Betriebes sprachen aber praktische Gründe, die namentlich in der größeren Complicirtheit der ganzen Einrichtung bestanden.

Ich construirte daher ein neues System von Sprechapparaten, das später mit dem Namen »Rothes Meersystem« bezeichnet ist. Es wurden dabei nicht durch Induction erzeugte Wechselströme, sondern Batterieströme wechselnder Richtung benutzt. Dies bedingte, daß beim Schluß eines jeden Wortes eine Unterbrechung der zweiten, entmagnetisirenden Batterie und eine Entladung des Kabels eintreten mußte, bevor dieses mit dem Relais wieder leitend verbunden wurde. Hierzu dienten besondere, einfache Einrichtungen, welche in der Beschreibung des Systems, die ich 1859 unter dem Titel »Apparate für den Betrieb langer Unterseelinien« in der deutsch-österreichischen Telegraphen-Zeitschrift erscheinen ließ, ausführlich beschrieben sind. Es wurden auf dem ersten Theile der Linie zwischen Suez und Aden, die im Frühjahr 1859 ge legt wurde, solche Translationsstationen in Cosseir und Suakim angelegt. Sie functionirten sehr sicher und gut, so daß sich durch den mit Entladungscontact versehenen Morsetaster so schnell wie auf Landlinien zwischen den Endstationen correspondiren ließ, während man sich bei Ausschluß der Translationsstationen nur sehr langsam auf der 1400 Seemeilen langen Linie verständigen konnte.

Ich gelangte aber während meines Aufenthaltes in Aden durch ein besonderes Hülfsmittel dahin, auch auf der directen Linie schnell und sicher zu sprechen und die zwischenliegenden Translationsstationen überflüssig zu machen. Durch das Studium der elektrischen Eigenschaften unterirdischer Leitungen war mir klar geworden, daß man alle Nebenströme, welche die telegraphischen gebenden Kabelende bestimmte, der Kabelcapacität entsprechende positive und negative Elektricitätsmengen plötzlich zuführte und ebenso an der Empfangsstation nur bestimmten Elektricitätsmengen den Austritt aus dem Kabel gestattete. Anfangs glaubte ich dies durch Einschaltung einer Polarisationsbatterie erzielen zu können, welche so große Elementenzahl und so geringe Elektrodenfläche hätte, daß die zur Umladung der Batterie erforderliche Elektricitätsmenge eben noch zur Bewegung des Relaisankers ausreichte. Ich hatte mir eine solche Polarisationsbatterie von 150 Platinaelementen mitgebracht, fand aber, daß der Widerstand der Batterie beinahe so viel schadete, als die Polarisationswirkung nutzte. Da kam mir das glückliche Ereigniß zu Hülfe, daß der etwa 150 Seemeilen lange Ueberrest des Kabels von Aden aus verlegt wurde, um später bei der Fortsetzung des Linienbaues verwendet zu werden. Es war dies ein elektrischer Condensator, der ohne den schädlichen Leitungswiderstand der Polarisationsbatterie dasselbe leisten mußte, was ich von dieser erwartete. Ich ließ daher das entferntere Kabelende nach erfolgter Auslegung isolirend schließen und schaltete darauf das Kabel als Erdverbindung ein. Das Resultat war über alle Erwartung glänzend. Man konnte jetzt Morseschrift ohne jede Schwierigkeit nicht nur direct von Suez empfangen, sondern zu meiner Ueberraschung auch dorthin geben, ohne die Sprechgeschwindigkeit einzuschränken.

Dies war die erste Anwendung des Condensators in der Kabeltelegraphie, ohne den es nicht möglich sein würde, auf den langen atlantischen Linien so schnell und sicher zu sprechen, wie es jetzt die ausgezeichneten Thomsonschen Spiegelgalvanometer erlauben. Anstatt isolirter Kabelenden wendet man heute Papier- oder Glimmercondensatoren an, die man damals noch nicht besaß.

Für die Legung selbst hatte ich eine systematische Methode zur Controle der elektrischen Eigenschaften des Kabels eingeführt, welche alle Unsicherheiten und Mißverständnisse ausschloß. Es wurde am Ausgangsorte der Legung eine Uhr aufgestellt, die in bestimmten Zeitabschnitten das Kabelende selbstthätig isolirte, darauf mit der Erdleitung und endlich mit dem Telegraphenapparate verband. Das Schiff konnte daher ohne Mitwirkung der Landstation alle Messungen ausführen, und dasselbe galt von der Landstation, die ihre Messungsresultate fortlaufend dem Schiffe telegraphirte, so daß dieses stets die erforderlichen Data besaß, um nach meinen Fehlerbestimmungsformeln die Lage eines plötzlich eintretenden Fehlers berechnen zu können. Diese Ueberwachungsmethode erwies sich als höchst nothwendig, denn die berüchtigte hohe Temperatur des rothen Meeres erweichte die Guttapercha sehr und führte häufig Fehler herbei. Trotz aller Sorgfalt, welche man auf ihre Beseitigung verwendete, stellte sich nach der Ankunft in Aden heraus, daß ein – glücklicherweise beträchtlicher, also leicht auffindbarer – Fehler im Kabel vorhanden war, der das Sprechen mit der letzten Station Suakim unmöglich machte. Die Fehlerbestimmung von Aden aus ergab, daß der Fehler ziemlich in dessen Nähe, d.h. in der Meerenge von Bab-el-Mandeb lag. Obgleich Mr. Newall und seine Ingenieure kein rechtes Vertrauen zu meiner Bestimmung der Fehlerlage hatten, wurde das Kabel doch dicht hinter der von mir angegebenen Stelle aufgefischt und geschnitten, worauf sich zur allgemeinen Ueberraschung und Freude ergab, daß der nach Suakim führende Theil des Kabels fehlerfrei war! Der Fehler lag ziemlich genau an der berechneten Stelle und wurde durch Einfügung eines kurzen Stückes neuen Kabels beseitigt.

Der »scientific humbug« war durch diesen glücklichen Erfolg mit einem Schlage zu Ehren gekommen. Es war dies dadurch ermöglicht, daß ich bei dieser Legung die Strommessungen durchweg durch Widerstandsmessungen ersetzt hatte. Ein festes Maaß des elektrischen Leitungswiderstandes gab es damals noch nicht. Jacobi hatte zwar versucht ein rein empirisches Maaß allgemein als Widerstandsmaaß einzuführen, indem er Stücke Kupferdrahtes von gleichem Widerstande an Gelehrte und Mechaniker versandte und empfahl, diesen Widerstand allgemein als Einheit anzunehmen. Doch stellte sich bald heraus, daß die Widerstände sich änderten und wiederholte Copirung die Aenderungen noch um viele Procente vergrößerte. Meine Firma hatte bis dahin den Widerstand einer deutschen Meile Kupferdrahtes von 1 mm Durchmesser als Einheit angenommen und Widerstandsskalen auf Grundlage dieser Einheit hergestellt. Es zeigte sich aber, daß das Kupfer selbst bei möglichster Reinheit wesentlich verschiedenen specifischen Widerstand hatte und auch seinen Widerstand im Laufe der Zeit änderte. Die Webersche absolute Einheit als Grundmaaß anzunehmen verbot der damalige Stand der elektrischen Meßkunst, der noch keine Uebereinstimmung in den verschiedenen Darstellungen dieser Einheit erzielen ließ. Unter diesen Umständen entschloß ich mich, das reine Quecksilber zur Grundlage eines reproducirbaren Widerstandsmaaßes zu machen, und schlug vor, den Widerstand eines Quecksilberprismas von 1 qmm Querschnitt und 1 m Länge beim Gefrierpunkte des Wassers als Widerstandseinheit anzunehmen. Ich werde auf dieses Widerstandsmaaß bei der Beschreibung meiner betreffenden Arbeiten noch zurückkommen und will hier nur bemerken, daß die von meiner Firma angefertigten, nach dem Gewichtssystem geordneten Widerstandsskalen der Quecksilbereinheit sich bereits bei der Legung des Kabels von Suez nach Aden als sehr nützlich erwiesen und zum ersten Male sichere Fehlerbestimmungen ermöglichten. –

Die Kabellegung im rothen Meere war für mich auch reich an interessanten persönlichen Erlebnissen. Schon am Tage nach der Einschiffung in Triest, in den ersten Tagen des April, war ich so glücklich, ein prächtiges Zodiakallicht am Abendhimmel zu sehen. Die Gelehrten stritten sich damals und streiten sich auch heute noch über den Grund dieser Erscheinung. Ich glaube, diejenigen haben Recht, welche in dem Zodiakallichte einen Beweis dafür erblicken, daß die in der äquatorialen Zone mit gesteigerter Geschwindigkeit aufsteigende, an Wasserdämpfen reiche Luft über dieser Zone einen hohen Ring bildet, der durch die Wirkung der Centrifugalkraft noch erhöht wird. Die Erscheinung entsprach vollständig den in physikalischen Lehrbüchern befindlichen Abbildungen und dauerte bis zum völligen Erlöschen etwa eine Stunde.

Nach angenehmer, ruhiger Fahrt trafen wir bei prachtvollem Wetter in Corfu ein, wo wir mehrere Stunden anhielten und Zeit hatten, die interessante Stadt und ihre herrliche Umgebung kennen zu lernen. Damals gehörten die ionischen Inseln noch den Engländern. Als ich nach einer Reihe von Jahren Corfu wieder besuchte, war es inzwischen in griechischen Besitz übergegangen, und die Stadt kam mir gegen früher recht heruntergekommen und ärmlich vor.

Bei schönstem Wetter durchschifften wir das an Erinnerungen so reiche adriatische und mittelländische Meer, landeten bei Alexandria und fuhren auf der erst kurz vorher eröffneten Eisenbahn nach Kairo, wo wir einige Tage Aufenthalt nahmen, um dem mit dem Kabel beladenen Schiffe Agamemnon, welches den Weg um das Kap der guten Hoffnung machen mußte, die nöthige Zeit zur Ankunft in Suez zu geben. Ich benutzte diese Gelegenheit zur Besichtigung der Stadt, die durch ihre reichen historischen Erinnerungen und als Berührungspunkt der Kulturen Europas und Asiens mich und meine Ingenieure im höchsten Grade interessirte. Als wir am 14. April die Cheops-Pyramide besuchten, hatten wir das Glück, auf ihrer Spitze eine interessante physikalische Erscheinung zu beobachten, über die ich später unter dem Titel »Beschreibung ungewöhnlich starker elektrischer Erscheinungen auf der Cheops-Pyramide bei Kairo während des Wehens des Chamsin« in Poggendorffs Annalen berichtet habe.

Schon während unseres Eselrittes von Kairo zur Pyramide erhob sich ein außergewöhnlich kalter Wüstenwind, der von einer eigenthümlichen, röthlichen Färbung des Horizontes begleitet war. Während unseres Aufstieges oder vielmehr unseres Transportes durch die Araber, die stets bei den Gizehpyramiden lagern und es sich nicht nehmen lassen, die Besucher derselben auf die über ein Meter hohen Stufen hinauszuheben oder besser hinauszuwerfen, nahm der Wind eine sturmartige Stärke an, so daß es einigermaaßen schwer fiel, sich auf der abgeplatteten Spitze der Pyramide aufrecht zu erhalten. Der Wüstenstaub war dabei so stark geworden, daß er als weißer Nebel erschien und uns den Anblick des Erdbodens gänzlich entzog. Er stieg allmählich immer höher empor und hüllte nach einiger Zeit auch die Spitze ein, auf der ich mich mit meinen zehn Ingenieuren befand. Dabei hörte man ein merkwürdiges, zischendes Geräusch, welches keine Folge des Windes selbst sein konnte. Einer der Araber machte mich darauf aufmerksam, daß beim Aufheben seines ausgestreckten Fingers über seinen Kopf ein scharfer, singender Ton entstand, der aufhörte, sobald er die Hand senkte. Ich fand dies bestätigt, als ich selbst einen Finger über meinen Kopf emporhob; zugleich verspürte ich im Finger eine prickelnde Empfindung. Daß es sich hierbei um eine elektrische Erscheinung handelte, ergab sich daraus, daß man einen gelinden elektrischen Schlag bekam, wenn man aus einer Weinflasche zu trinken versuchte. Durch Umhüllung mit feuchtem Papier verwandelte ich eine solche, noch gefüllte Flasche mit einem metallisch belegten Kopfe in eine Leydener Flasche, die stark geladen wurde, wenn man sie hoch über den Kopf hielt. Man konnte dann aus ihr laut klatschende Funken von etwa 1 cm Schlagweite ziehen. Dies bestätigte die von Reisenden schon früher beobachteten elektrischen Eigenschaften des Wüstenwindes in ganz unzweifelhafter Weise.

Im weiteren Verlaufe unserer Experimente fand ich Gelegenheit, den Beweis zu führen, daß die Elektricität auch als wirksame Vertheidigungswaffe zu gebrauchen ist. Die Araber hatten die aus unsern Weinflaschen hervorbrechenden Blitze gleich mit offenbarem Mißtrauen betrachtet. Sie hielten dann eine kurze Berathung, und auf ein gegebenes Signal wurde ein jeder meiner Begleiter von den drei Mann, die ihn hinaufbefördert hatten, gepackt, um gewaltsam wieder hinabtransportirt zu werden. Ich stand gerade auf dem höchsten Punkte der Pyramide, einem großen Steinwürfel, der in der Mitte der Abplattung lag, als der Scheik des Arabertribus sich mir näherte und mir durch unsern Dolmetscher sagen ließ, der Tribus hätte beschlossen, wir sollten sofort die Pyramide verlassen. Als Grund gab er auf Befragen an, wir trieben offenbar Zauberei, und das könnte ihrer Erwerbsquelle, der Pyramide, Schaden bringen. Als ich mich weigerte, ihm Folge zu leisten, griff er nach meiner linken Hand, während ich die rechte mit der gut armirten Flasche – in offenbar beschwörender Stellung – hoch über den Kopf hielt. Diesen Moment hatte ich abgewartet und senkte nun den Flaschenkopf langsam seiner Nase zu. Als ich sie berührte, empfand ich selbst eine heftige Erschütterung, aus der zu schließen der Scheik einen gewaltigen Schlag erhalten haben mußte. Er fiel lautlos zu Boden, und es vergingen mehrere, mich schon ängstlich machende Sekunden, bis er sich plötzlich laut schreiend erhob und brüllend in Riesensprüngen die Pyramidenstufen hinabsprang. Als die Araber dies sahen und den fortwährenden Ruf »Zauberei« des Scheiks hörten, verließen sie sämmtlich ihre Opfer und stürzten ihm nach. In wenigen Minuten war die Schlacht entschieden und wir unbedingte Herren der Pyramide. Jedenfalls ist Napoleon der »Sieg am Fuße der Pyramiden« nicht so leicht geworden wie mir der meinige auf ihrer Spitze!

Da das Wehen des Chamsin bald aufhörte und die Sonne die gefährdete Pyramide wieder hell beleuchtete, so erholten sich auch die Araber von ihrem Schreck und kletterten wieder zu uns in die Höhe, um der erhofften »Bakschisch« nicht verlustig zu gehen. Der Zauberei hielten sie uns aber offenbar auch beim friedlichen Abschiede noch für verdächtig.

Auch an kleinen Abenteuern zur See fehlte es bei dieser Kabellegung nicht. Das Wetter war durchweg windstill und schön, wie es im rothen Meere, wo Regenfall zu einer großen Seltenheit gehört, stets zu sein pflegt. Nur die erschlaffende Hitze war störend. Mein Reisethermometer zeigte bei Tage fast immer 30° und bei Nacht 31° Réaumur, eine Temperatur, die man zwar mit voller nordischer Kraft längere Zeit ohne Schwierigkeit erträgt, die auf die Dauer aber doch recht lästig wird. Am Tage lebt man in stetem Kampfe mit der Sonne, vor deren Strahlen Kopf und Rücken sorgfältig geschützt werden müssen. Nachts fehlt die erhoffte Kühlung gänzlich. Zwar die Sternenpracht des südlichen Himmels bei der in Wirklichkeit ägyptischen Finsterniß der Nächte ist erhebend – aber sie ersetzt doch nicht die ersehnte Kühlung.

Eines Nachts, als ich in meinem »test-room« die Isolation des Kabels zwischen Cosseir und Suakim überwachte, hörte ich plötzlich lautes Schreien und heftige Bewegung an Bord. Der an der Schiffsspitze mit fortgesetzten Tiefensondirungen betraute Mann war über Bord gegangen. Da das ganze Deck mit Gaslicht hell beleuchtet war, so konnten viele der dort beschäftigten Leute den laut um Hülfe rufenden Mann im Wasser sehen und ihm Rettungsringe zuwerfen, die überall an Bord bereit gehalten wurden. Das Schiff wurde angehalten und Boote wurden ausgesetzt, die für eine unbehaglich lange Zeit im nächtlichen Dunkel verschwanden. Endlich kamen sie triumphirend zurück. Der Mann hatte sich schwimmend über Wasser gehalten und war so glücklich gewesen, von keinem der vielen Haifische ergriffen zu sein, die sich im dortigen Meere tummeln und besonders gern weiße Menschen verzehren sollen, während sie die schwarzen nur selten belästigen. Er zitterte heftig, als er an Bord kam, und hatte noch sein offenes Messer in der Hand. Nach seinem Geschick befragt, erzählte er, daß er von einer Menge Haifische umringt worden wäre, aber glücklicherweise hätte sein Messer ziehen und sich mit ihm vertheidigen können, bis die Boote zu seiner Rettung erschienen wären. Uns allen gruselte es bei der lebendigen Schilderung seiner Gefahren und Kämpfe. Da kam der Bootsmann in den Kreis, der sich um den Mann gebildet hatte, um dem Kapitän zu melden, daß einige der Kautschukringe, die man dem Verunglückten nachgeworfen, wieder aufgefunden seien, und daß merkwürdiger Weise mehrere derselben Messerstiche aufwiesen. Der Mann hatte die weißen Ringe in seiner Todesangst für weiße Haifischbäuche gehalten – der Hai legt sich bekanntlich auf den Rücken, wenn er schnappen will.

Der Haifisch spielt im Matrosenleben der heißen Zone eine große Rolle, da er dem Schiffsvolke das erquickende Seebad verleidet. Der Matrose haßt denselben daher leidenschaftlich und martert ihn mit Vergnügen, wenn es ihm gelingt, eines solchen habhaft zu werden. Ich war Zeuge, wie mit einem kleinen Anker, auf dessen Zacken Fleischstücke aufgespießt waren, zwei mächtige, mindestens zwölf Fuß lange Haie gefangen und an Bord gezogen wurden. Es war ziemlich gefährlich, ihnen zu nahen; sie hatten gewaltige Kraft und ein so zähes Leben, daß sie noch lange, nachdem ihnen sämmtliche Eingeweide genommen waren, mit den Schwänzen um sich schlugen.

Als wir im Hafen von Suakim vor Anker lagen, war es streng verboten zu baden, da sich in der Nähe sehr viele Haifische umhertummelten. Eines Abends saßen wir nach Sonnenuntergang, der dort sehr schnell völlige Dunkelheit im Gefolge hat, wie gewöhnlich beim »dinner« auf dem Schiffsdecke, als plötzlich »shark« von mehreren Stimmen gerufen wurde und gleichzeitig der Hülferuf eines Menschen erscholl. Die Boote wurden niedergelassen, und man sah deutlich in dem vom Schiffe ausgehenden Lichte sich etwas im Wasser bewegen, was für einen Haifisch gehalten wurde. Es liefen daher mehrere nach ihren Revolvern, die immer bereit lagen, da es ein üblicher Sport war, während der Fahrt des Schiffes nach ins Wasser geworfenen leeren Sodawasserflaschen zu schießen. Glücklicherweise zeigte sich vor Beginn der Kanonade, daß der vermeintliche Haifisch ein Matrose war, der dem Verbote entgegen ein Bad nahm und von seinen Kameraden durch den »shark«-Ruf in Angst versetzt war.

In Suakim angekommen, erhielten wir alsbald den Besuch der Höchstgebietenden des Ortes, des türkischen Paschas und des Ortschefs. Es waren zwei höchst würdige Gestalten, die sich mit orientalischer Grandezza bewegten und ängstlich jeden Schein vermieden, als ob sie sich über irgend etwas wunderten. Es wurde ihnen ein Teppich ausgebreitet und Tschibuk und Kaffee servirt. Sie rauchten und tranken mit Würde, ohne sich nach uns umzusehen, die wir sie umstanden. Da sagte mein Freund, unser Oberingenieur William Meyer, der die Expedition begleitete: »Sieh mal, Werner, was der Lange mit dem schönen weißen Bart für ein famoser Kerl ist, den könnte man in Berlin für Geld sehen lassen!« Zu unserer Ueberraschung drehte sich der Betreffende langsam nach uns um und sagte im schönsten Berliner Dialekt: »Jh, Sie sprechen deutsch?« Auf unsere Antwort, daß wir Deutsche wären, uns aber wunderten, daß er deutsch sprechen könne, antwortete er: »Ich bin ja aus Berlin. Besuchen Sie mich!« Dann drehte er würdevoll seinen Kopf zurück und nahm weiter keine Notiz von uns. Meyer besuchte ihn am nächsten Tage und lernte einen ganz umgänglichen Mann in ihm kennen, wenn er sich nicht in türkischer Begleitung befand. Er war als Schneidergeselle vor 50 Jahren von Berlin aus in die Welt gegangen, wollte nach Indien, erlitt aber im rothen Meere bei Suakim Schiffbruch, blieb dort, wurde Muhamedaner und schließlich Stadthaupt. Dabei war er ein reicher Mann geworden. Er zeigte meinem Freunde alle seine Besitzthümer, nur den Harem wollte er ihm trotz aller Bitten nicht zeigen und verbat sich zuletzt ernstlich, über seine Frauen zu sprechen.

Als wir in Aden unsre Geschäfte beendet hatten, wollte ich mit Meyer auf dem nächsten Dampfer der Peninsular & Oriental Company, der Alma, so schnell als möglich nach Europa zurückkehren. Dasselbe beabsichtigten die Herren Newall und Gordon. Als der Dampfer eintraf, war er aber voll besetzt, und man verweigerte uns die Aufnahme. Erst durch eine von Herrn Newall erwirkte Ordre des Gouverneurs von Aden erlangten wir dieselbe, freilich nur als Deckpassagiere, da keine Kajüten mehr frei waren. Wir nahmen hieran keinen Anstoß, denn wir hatten während unsres mehrmonatlichen Aufenthaltes auf dem rothen Meere stets angekleidet auf dem Deck geschlafen, weil die Hitze unter Deck unerträglich war.

An Bord fanden wir eine wirklich luxuriöse Einrichtung und elegantes, fast üppig zu nennendes geselliges Leben, das mit unserm Dasein in der letzten Zeit stark contrastirte. Herren und Damen wechselten am Tage wiederholt ihre eleganten Toiletten, und zwei Musikchöre lösten sich ab, um die Langweiligkeit der Seefahrt zu bekämpfen. Wir kamen uns in unsern abgerissenen Gewändern recht ungehörig für diesen seinen Kreis vor, und die uns treffenden Blicke der Damen schienen auch voll Verwunderung über einen so unpassenden Zuwachs der Schiffsgesellschaft zu sein. Doch wurden wir von dem ersten Lieutenant dem Höchstgestellten der Reisegesellschaft, dem englischen Gesandten für China vorgestellt, der den französisch-englischen Krieg mit China soeben glücklich zu Stande gebracht hatte. Derselbe gab uns gnädige Audienz, wobei er mit uns in eines Jeden Muttersprache einige Worte wechselte, da er stolz auf seine ausgebreitete Sprachkenntniß war und sie gern zeigte. Nach Einbruch der Nacht suchte sich Jedermann auf dem Deck einen Lagerplatz aus, aber unsre Ruhe wurde noch lange durch die Damen gestört, die sich nicht entschließen konnten, in ihre heißen Kajüten hinabzusteigen.

Wir hatten erst einige Stunden geschlafen, als wir auf eine rauhe Weise aus unseren Träumen geweckt wurden. Ein heftiger Stoß machte das ganze Schiff erzittern, ihm folgten zwei andere, noch heftigere, und als wir entsetzt aufgesprungen waren, fühlten wir auch schon, wie das Schiff sich zur Seite neigte. Ich hatte glücklicherweise meine Stiefel nicht ausgezogen, nur Hut und Brille abgelegt. Als ich mich nach diesen umsah, bemerkte ich meinen Hut bereits auf dem Wege zum niedersinkenden Schiffsbord und folgte ihm unfreiwillig in gleicher Richtung. Von allen Seiten erscholl ein wilder, angsterfüllter, ohrenzerreißender Aufschrei, dann ein allgemeines Gepolter, da alles auf Deck Befindliche den Weg in die Tiefe antrat. Instinctiv strebte Jeder dem höheren Schiffsbord zu, die Meisten vermochten ihn zu erreichen. Mir ging es schlechter, da ich beim Suchen nach Hut und Brille Zeit verlor. Schon strömte das Wasser über die Bordkante und mahnte mich an die eigene Rettung zu denken. Das Deck war in wenigen Sekunden in eine so schräge Lage gekommen, daß es nicht mehr möglich war, auf ihm emporzuklimmen. Doch die Noth macht riesenstark! Ich stellte Stühle und Tische so übereinander, daß ich ein im hellen Mondschein sichtbares Schiffstau, das vom hochliegenden Bord herunterhing, erreichen und an ihm emporklimmen konnte.

Dort oben fand ich fast die ganze Schiffsgesellschaft schon versammelt und mit bewundernswürdiger Ruhe die Entwicklung des Dramas erwartend. Da drangen durch die Stille der Nacht schwache weibliche Hülferufe und eine Stimme erklärte, daß noch viele Damen in den zur Hälfte bereits überflutheten Kabinen wären. Alles war bereit, bei ihrer Rettung mitzuwirken, aber es war schwierig, sie zu bewerkstelligen, weil das schon mehr als 30° schiefliegende, glatte Deck keinen Halt mehr darbot. Jetzt leistete mein Schiffstau gute Dienste. Ein mit der Schiffslocalität vertrauter Seemann ließ sich an ihm zum Kabineneingange hinab und befestigte eine Dame daran, die wir dann emporzogen. Das ging aber zu langsam, denn noch harrte eine große Anzahl der Rettung. Es wurde daher mit Hülfe anderer Schiffstaue eine lebendige Kette gebildet, durch welche die armen, großentheils in ihrem Lager von dem durch die offenen Kabinenfenster eingeströmten Wasser überraschten, zitternden Damen von Hand zu Hand hinausbefördert wurden. Wenn irgend wo ein Hinderniß eintrat, ertönte das Commando »Halt!«, und es mußte dann Jeder seine Last solange tragen, bis die Beförderung wieder in Gang kam. Bei einem solchen Halt erkannte ich beim Mondesscheine in der sich ängstlich an mich schmiegenden, von Wasser triefenden Dame die stolze, junge Kreolin, die wir noch vor wenigen Stunden in dem Verehrerkreise, den ihre Schönheit um sie gebildet hatte, aus bescheidener Ferne bewundert hatten.

Das schnelle Sinken des Schiffs nach dem Aufstoßen auf einen verdeckten Korallenfelsen erklärte sich durch den schon erwähnten Umstand, daß die Kajütenfenster sämmtlich geöffnet waren, das Wasser daher ungehindert Eingang in den Schiffsraum fand. Das Schiff lag bald ganz auf der Seite, und die große Frage, an der jetzt Leben und Tod alles Lebendigen auf ihm hing, war die, ob es eine Ruhelage finden oder kentern und uns sämmtlich in die Tiefe schleudern würde. Ich errichtete mir eine kleine Beobachtungsstation, mit deren Hülfe ich die weitere Neigung des Schiffes an der Stellung eines besonders glänzenden Sternes verfolgen konnte, und proklamirte von Minute zu Minute das Resultat meiner Beobachtungen. Alles lauschte mit Spannung diesen Mittheilungen. Der Ruf »Stillstand!« wurde mit kurzem, freudigem Gemurmel begrüßt, der Ruf »Weitergesunken!« mit vereinzelten Schmerzenslauten beantwortet. Endlich war kein weiteres Sinken mehr zu beobachten, und die lähmende Todesfurcht machte energischen Rettungsbestrebungen Platz.

Wir konnten im Scheine des Mondes und des hell glänzenden Sternenhimmels deutlich erkennen, daß wir auf einen größeren, an einer Stelle ziemlich hoch aus dem Wasser herausragenden Felsen zugefahren waren, der jetzt nur noch einige hundert Meter von uns entfernt lag. Die an Bord der Leeseite befestigten Rettungsboote konnten mit Ueberwindung einiger Schwierigkeiten flott gemacht werden, und jetzt wurden nach alt englischer Seepraxis zuerst die Frauen und Kinder ans Land geschafft. Es war das zwar sehr unpraktisch, da die armen Geschöpfe auf dem Lande in einer verzweifelt hülflosen Lage waren, doch wurde der Grundsatz mit voller Consequenz durchgeführt.

Als wir, William Meyer und ich, bei Anbruch des Tages an die Reihe kamen, fanden wir die Damen fast ohne Ausnahme in einem höchst bedauernswerthen Zustande, da sie nur nothdürftig bekleidet und größtentheils ohne Schuhzeug waren. Der vielleicht noch niemals von einem menschlichen Fuß betretene Felsen war durchweg mit scharfen Korallenspitzen besetzt, welche die unbekleideten Füße blutig ritzten. Hier that Hülfe am nöthigsten. Ich gehörte zu den Glücklichen, die Schuhzeug besaßen, und hatte auch mein Taschenmesser behalten. Mit dem nächsten Boote kehrte ich daher nach dem Wrack zurück und fischte mir eine dicke Matte von Linoleum und eine andere von dünnerem Stoff heraus, mit denen ich nun am Ufer eine Sandalenwerkstatt eröffnete. Mein Freund, der nicht so glücklich war, Stiefel gerettet zu haben, erhielt zuerst ein Paar Sandalen und übernahm es dann dankbar, die bewegungslos am Boden kauernden Damen mit solchen auszurüsten. Er erinnerte sich noch nach Jahren mit Freude der dankbaren Blicke aus schönen Augen, die ihm dieser Samariterdienst eintrug.

Doch was nun? Es saßen jetzt am Morgen des Pfingstsonntages etwa 500 Personen auf dem nackten Korallenfelsen von vielleicht einem Hektar Größe, der über acht Seemeilen außerhalb des gewöhnlichen Kurses der Schiffe lag. Wir waren in der schönen, stillen Nacht, in der Steuermann und »lookout« wahrscheinlich sanft entschlummert waren, in das berüchtigte Korallenfeld gerathen, das südlich von den Harnischinseln liegt und von allen Schiffen ängstlich gemieden wird. Auf zufällige Rettung Trinkwasser ein langes Abwarten der Hülfe unmöglich machte. Das Schiff ging zwar nicht völlig unter, und wir konnten Lebensmittel aller Art in hinlänglicher Menge bergen, aber der Wasserbehälter hatte sich mit Seewasser gefüllt und die Destillirblase, mit der das nöthige süße Wasser überdestillirt wurde, war nicht zu heben. Das noch in den Kabinen befindliche Wasser bildete daher unsern einzigen Besitz, von dessen sparsamer Verwendung es abhing, wie lange wir den Kampf ums Dasein noch fortführen konnten.

Doch es drohte noch eine andere große Gefahr. Die Schiffsbesatzung bestand bei den schönen und großen Dampfern der Peninsular & Oriental Company, die den Dienst zwischen Suez und Indien damals versah, fast nur aus eingeborenen Leuten, da Europäer dem Klima des rothen Meeres nicht lange zu widerstehen vermögen. Unter den etwa 150 Personen, welche die Bemannung der Alma bildeten, befanden sich daher außer den Schiffsofficieren nur drei oder vier Europäer. Der Kapitän war krank und soll bald nach dem Schiffbruch in Folge der Aufregung gestorben sein. Die Officiere hatten durch die schlechte Schiffsführung ihr Ansehen eingebüßt und vermochten die Disciplin unter der Mannschaft nicht mehr aufrecht zu erhalten. Diese fing daher an zu meutern, versagte den Gehorsam, erbrach die geborgenen Koffer der Reisenden und benahm sich rücksichtslos gegen die Damen. In dieser Noth vollzog sich ein Akt freiwilliger Staatenbildung. Die thatkräftigsten der jüngeren Männer, zu denen namentlich eine Anzahl auf der Heimreise von Indien begriffener englischer Officiere gehörten, bemächtigten sich der alten Gewehre mit Bayonnet, die wohl mehr zur Dekoration als zu ernstlichem Gebrauche auf dem Schiffe waren, und proklamirten das Standrecht. Ein sich widersetzender, trunkener Matrose wurde niedergestoßen und auf der Höhe des felsigen Hügels ein Galgen als Zeichen unsrer Macht errichtet. Dorthin wurden auch alle geborgenen Lebensmittel geschafft und ein Wachtzelt aufgeschlagen, vor dem ein Posten patrouillirte. Das wirkte beruhigend und hielt die Schiffsmannschaft in Gehorsam.

Vor allen Dingen war es nöthig, Schutz gegen die Sonne zu schaffen, die um diese Jahreszeit Mittags senkrecht auf die Insel niederstrahlte. Es begann daher eine eifrige Thätigkeit, um mit Hülfe der Segel und Raaen Zelte zu bauen. Ferner wurde eine Küche eingerichtet, und die Lebensmittel, namentlich das Wasser sowie die Vorräthe an Bier und Wein wurden in Sicherheit gebracht. Hierbei that sich besonders Mr. Gisborne, der leitende Ingenieur der Kabellegung hervor, der eine Art Diktatur auf der Insel ausübte. Mr. Newall war gleich bei Anbruch des Tages mit einem der drei Boote, die uns zur Verfügung standen, nach Mokka, dem nächsten Orte an der arabischen Küste, gefahren, um Hülfe zu suchen. Er fand sie dort aber nicht – vielleicht weil in Folge des kurz vorher stattgefundenen Bombardements von Djedda durch die Engländer die Stimmung gegen die Europäer sehr ungünstig war – und fuhr daher weiter nach der Straße von Bab-el-Mandeb, in der Hoffnung, dort einem Schiffe zu begegnen. Es war diese Fahrt auf einem gebrechlichen, offenen Boote ein kühnes Unternehmen, aber unsere einzige Hoffnung hing daran! Und in der That, es glückte dank einem ausgezeichneten Fernrohr, das ich mir zu dieser Reise von Steinheil in München hatte bauen lassen.

Als nämlich das englische Kriegsschiff, welches einige Tage nach uns Aden verließ, um die Zwischenstationen zu besuchen und unsere dort stationirten Ingenieure abzuholen, am frühen Morgen die Straße von Bab-el-Mandeb passirt hatte, stand unser Ingenieur Dr. Esselbach mit meinem Fernrohr auf Deck und musterte die unendlich sich ausdehnende Meeresfläche. Da erblickte er einen weißen Punkt, den er für das Segel eines europäischen Bootes hielt, weil die Eingeborenen nur braune Segel führen. Er machte die Schiffsofficiere und schließlich den Kapitän selbst darauf aufmerksam, der sich durch mein Fernrohr von der Richtigkeit der Beobachtung überzeugte und den Kurs sofort auf den weißen Punkt richtete. Zu großer Ueberraschung Aller entwickelte sich dann aus diesem Punkte das den Seeleuten wohlbekannte Boot des Passagierdampfers, und schon aus weiter Ferne erkannte man Herrn Newall an seinem charakteristischen langen weißen Barte.

Inzwischen hatte sich das Leben auf dem Korallenfelsen in erwarteter Weise weitergesponnen. Von 9 Uhr Morgens bis 4 Uhr Nachmittags mußten wir ruhig unter den Zeltdächern liegen, um der Sonnengluth besser widerstehen zu können und das Bedürfniß nach Getränken nicht zu sehr zu wecken. Darauf wurde gekocht und so gut es anging dinirt, wobei in den ersten Tagen jeder eine kleine Flasche pale Ale bekam, da das Wasser für Frauen und Kinder reservirt wurde. Den Wein, der auch vorhanden war, konnte Niemand vertragen; er erhitzte das Blut derartig, daß diejenigen erkrankten, die es versuchten, ihn zu trinken. Die ersten beiden Tage ging alles so leidlich, dann aber begann eine große Abspannung und verzweifelte Stimmung Platz zu greifen. Treue alte Diener verweigerten kleine Dienstleistungen, wenn ihnen auch Goldstücke dafür geboten wurden. Selbst die Schafe und Hunde, die man ans Land gebracht hatte, verloren allen Lebensmuth. Sie drängten sich mit unwiderstehlicher Gewalt unter die Zeltdächer und ließen sich lieber tödten als den unbarmherzigen Sonnenstrahlen wieder preisgeben. Nur die Schweine übertrafen an Ausdauer selbst den Menschen; sie umkreisten unausgesetzt suchend die Insel, bis sie im Kampfe um ihr Dasein todt zu Boden fielen.

Am dritten Tage gelang es einer kleinen Zahl von uns, die noch so viel Kraft und Selbstüberwindung besaßen, um bei niedrigem Sonnenstande Arbeiten auszuführen, die äußere Schiffswand zu durchbrechen und sich den Eingang in die Eiskammer des Schiffes zu eröffnen. Es fand sich in ihr freilich kein Eis mehr vor, aber noch eine mäßige Quantität kalten Wassers. Dasselbe wurde ebenfalls den zahlreichen Frauen und Kindern reservirt, doch erhielt jeder Mitarbeiter als Lohn ein Glas frisches, kühles Wasser. Noch nach vielen Jahren habe ich mich dieses erquickenden Trunkes bei quälendem Durst und trockenem Gaumen oft dankbar erinnert.

Als auch der vierte Tag ohne Aussicht auf Erlösung verging, bemächtigte sich selbst der Muthigsten dumpfe Verzweiflung. Ein Dampfschiff, dessen Rauch wir in weiter Ferne erblickt, war vorübergefahren, ohne uns zu entdecken. Am folgenden Morgen hieß es wieder, »Dampfschiff in Sicht!«, aber der Ruf erweckte diesmal nur schwache Hoffnung. Doch der Rauch kam näher und die schon schlummernden Lebensgeister erwachten aufs neue. Das Schiff näherte sich uns bald, bald entfernte sich’s wieder; die Hoffnung begann sich zu regen, daß es uns suche. Da endlich schien es unsre Signale zu bemerken, es nahm den Kurs direkt auf die Insel. Kein Zweifel mehr! die Rettung nahte und ihre Gewißheit machte auch die beinahe schon Todten wieder lebendig. Wir erkannten unser Begleitschiff bei der Kabellegung und Newall, unsern Retter, an seinem Bord.

Es waren unvergeßliche Scenen, die sich jetzt abspielten. Auf dem Schiffe herrschte rege Thätigkeit zur Ausführung der Landung. Niemand schien Notiz zu nehmen von dem vielhundertstimmigen Freudenjubel, der der Schiffsmannschaft entgegen tönte. Der Anker rasselte nieder und die Boote schossen ins Wasser. Sie trugen Tonnen voll Wasser und flache Holzgefäße, die dann durch kräftige Matrosenhände auf dem Lande aufgestellt und mit Wasser gefüllt wurden. Man wußte durch Mr. Newall, daß uns das Wasser mangelte, und wollte zunächst unsern Durst stillen. Es stürzte sich auch sofort Alles auf die großen Holzgefäße und suchte mit der hohlen Hand Wasser aus ihnen zu schöpfen. Aber das ging langsam und Andere drängten nach. Da wurde einfach der Kopf niedergebeugt und mit gierigen Zügen das köstliche Naß geschlürft. Auch die Thiere hatten das Wasser gespürt und drängten sich mit unwiderstehlicher Kraft heran, obgleich sie Tagelang schon wie todt unter den Zeltdächern gelegen hatten. Ein großer Hammel schob alles bei Seite und steckte seinen Kopf zwischen dem einer schönen Blondine und dem eines Negers in das Faß, ohne daß diese sich stören ließen. Es waren Bilder, die gewiß Allen unvergeßlich geblieben sind, die sie gesehen haben.

Da die Zahl von etwa fünfhundert Passagieren und Schiffsvolk für den Transport durch das kleine Kriegsschiff zu groß war, wurde von seinem Kapitän beschlossen, die Schiffsmannschaft mit einer Matrosenwache des Kriegsschiffes auf der Insel zurück zu lassen und wegen ihrer Meuterei in strenger Zucht zu halten, die sämmtlichen Passagiere aber an Bord zu nehmen und nach Aden zurückzubringen. So kamen wir, in fürchterlicher Enge auf dem Deck des kleinen Schiffes zusammengepreßt, wieder in Aden an, wo man schon mit Unruhe die telegraphische Nachricht unsrer Ankunft in Suez erwartet hatte. Auf Befehl des Gouverneurs von Aden mußte der nächste indische Passagierdampfer trotz seiner Ueberfüllung noch fast die ganze Zahl der Schiffbrüchigen aufnehmen. Wir ertrugen aber gern die Beschwerden dieser Ueberfahrt und der weiteren von Alexandria nach Marseille und dankten Gott, daß wir nicht ein tragisches Ende auf dem einsamen Korallenfelsen der Harnisch-Inseln gefunden hatten.

Weder in Kairo noch in Alexandria hatten wir Muße, unsere sehr defecte äußere Erscheinung zu verbessern. Fast Alle hatten ihr gesammtes Gepäck beim Schiffbruch verloren, auch fehlte es den Meisten an Geldmitteln. Erst in Paris, wohin es unaufhaltsam ging, bot sich Gelegenheit zu neuer Ausrüstung. Wir mußten sämmtlich den Weg über Marseille nehmen, da der Hafen von Triest durch die Franzosen blockirt war, und die Reise über Italien des Krieges in der Lombardei wegen nicht anging. Die Nachricht der französischen Kriegserklärung und des Todes von Alexander von Humboldt hatte ich während der Kabellegung mitten im rothen Meere erhalten. Auch die späteren großen politischen Ereignisse waren uns durch das Kabel mitgetheilt worden, so daß wir in steter Kenntniß der Weltereignisse geblieben waren.

Es hätte übrigens nicht viel gefehlt, so wäre ich mit Meyer in Malta sitzen geblieben. Der Kapitän des französischen Passagierdampfers erklärte bestimmt, er dürfe keine Passagiere ohne Paß nach Marseille bringen, wir müßten uns daher in Malta mit Pässen versehen, wenn wir die unsrigen beim Schiffbruch verloren hätten. Da der Kapitän uns den betreffenden Konsuln als in Alexandria übernommene Schiffbrüchige vorstellte, so erhielten alle Uebrigen ohne jede Schwierigkeit Konsulatspässe ausgefertigt; nur der preußische Konsul – ein mit diesem Amte betrauter, dort ansässiger Geschäftsmann – erklärte, daß er dazu nicht autorisirt sei, da wir keine vorschriftsmäßige Legitimation vorweisen könnten. Erst nach sehr heftigen Scenen gab er nach, und wir konnten das Schiff noch eben vor der Abfahrt erreichen.

Die indische Linie wurde im folgenden Jahre von Aden bis Kurrachee verlängert, wobei William Meyer die Leitung der elektrischen Arbeiten übernahm. Leider blieb die Linie nicht lange in brauchbarem Zustande. Im Rothen-Meer-Kabel waren schon während der Fortsetzung der Linie nach Indien Isolationsfehler aufgetreten, welche die Correspondenz erschwerten. Unsre Elektriker nahmen zwar eine Reparatur vor, bei der sie alle groben Fehler beseitigten, doch traten immer neue auf, die schon im nächstfolgenden Jahre die ganze Linie unbrauchbar machten, weil das Kabel im rothen Meere durch Korallenbildung am Boden festgehalten wurde und daher nicht mehr zu heben und zu repariren war. Der Grund dieses traurigen Ereignisses war einmal darin zu suchen, daß die Unternehmer das Kabel nicht im tiefen Wasser, in der Mitte des Meeres, sondern nahe der nubischen Küste, an der die Zwischenstationen lagen, im flachen Wasser niederlegten, wo die Korallenbildung auf dem Meeresboden sehr schnell vorschreitet. Man war aber damals auch noch nicht zu der Ueberzeugung gekommen, daß bei Unterseekabeln nicht die Billigkeit, sondern die Güte in erster Linie anzustreben ist. Man überlegte nicht, daß jeder Fehler, wenn er nicht reparirt werden kann, das ganze Kabel entwerthet, und daß aus jedem kleinen Isolationsfehler mit der Zeit ein großer wird. Fast alle in der ersten Zeit von den Engländern gelegten unterseeischen Kabel, sowohl die im Kanal, im mittelländischen und rothen Meere, wie auch das erste atlantische Kabel, welches im Sommer 1858 nach einem verfehlten Versuche im vorhergegangenen Jahre durch den Ingenieur Whitehouse gelegt wurde, gingen zu Grunde, weil man bei der Construction und Herstellung, sowie bei den Prüfungen und der Legung sich nicht von richtigen Grundsätzen hatte leiten lassen.

In Erkenntniß dieser Thatsache übertrug die englische Regierung unsrer Londoner Firma im Jahre 1859 die Controle der beabsichtigte. Bei diesen Prüfungen wurde zum ersten Male ein consequentes, rationelles Prüfungssystem angewendet, welches Sicherheit gab, daß das vollendete Kabel fehlerlos war, wenn die Leitungsfähigkeit des Kupferleiters und der Isolationswiderstand des isolirenden Ueberzuges den specifischen Leitungswiderständen der benutzten Materialien vollständig entsprachen. Es ergab sich, daß die Isolirung dieser neuen Kabel über zehn Mal so groß war, als man sie bis dahin bei Unterseekabeln erreicht hatte.

Mein Bruder Wilhelm und ich haben den der englischen Regierung über die Ausführung dieser Prüfungen und die dabei angewendeten Methoden und Formeln erstatteten Bericht im Juli 1860 in einem von Wilhelm gehaltenen Vortrage unter dem Titel »Umriß der Principien und des praktischen Verfahrens bei der Prüfung submariner Telegraphenlinien auf ihren Leitungszustand« der British Association mitgetheilt und unsere Erfahrungen dadurch zum Gemeingut gemacht.

Seit dieser Zeit sind keine fehlerhaft isolirten Kabel mehr verlegt, und die Dauer derselben hat sich überall da als befriedigend erwiesen, wo nicht locale Gründe oder äußere Gewalt Zerstörungen bewirkten. Solche localen, zerstörenden Ursachen fanden sich bei Kabellegungen in flachem Wasser – sowohl im mittelländischen wie auch im schwarzen Meere – in einem kleinen Thiere, welches zur Klasse der den Holzschiffen so gefährlichen Holzwürmer (Xylophaga) gehört. Bei den in den Jahren 1858 und 1859 von der Firma Newall & Co. im östlichen Theile des mittelländischen Meeres gelegten Kabeln ohne Eisenhülle wurde schon in dem Jahre der Legung ein großer Theil der Hanfumspinnung des mit Guttapercha isolirten Leiters zerfressen. Dabei hatten die Thierchen aber auch vielfach die Guttapercha selbst angegriffen, und es fanden sich zahlreiche Stellen, wo sie sich bis zum Kupfer durchgefressen und dadurch die Isolation gänzlich zerstört hatten. Sogar eine Eisenumhüllung schließt eine Zerstörung der im flachen Wasser liegenden Kabel durch den Holzwurm nicht vollständig aus, da Stellen, an denen ein gebrochener Draht abgesprungen ist, ihm Zugang verschaffen, und da auch die junge Brut die schmalen Zwischenräume zwischen den Schutzdrähten passiren und dann innerhalb der Schutzhülle sich zu gefährlicher Größe entwickeln kann. Bruder Wilhelm hatte zur Beseitigung dieser Gefahr für flaches Wasser ein besonderes Kabel construirt, bei dem Längsfäden von bestem Hanf, die um den durch Guttapercha oder Kautschuk isolirten Leiter gelagert waren, dem Kabel die nöthige Tragfähigkeit geben sollten, während eine Lage schuppenartig übereinandergreifender Kupferblechstreifen die Kabelseele vor dem Holzwurm zu schützen bestimmt war. Ein derartiges Kabel erhielt unsre Londoner Firma, die inzwischen in Charlton bei Woolwich eine ansehnliche Werkstatt für mechanische Arbeiten und eine eigene Kabelfabrik angelegt hatte, im Jahre 1863 von der französischen Regierung für die Strecke von Cartagena nach Oran in Auftrag. Der damalige Generaldirektor des französischen Telegraphenwesens, M. de Vougie, hatte bereits wiederholt eine kostspielige Kabellegung von der französischen zur algerischen Küste versucht, ohne dadurch eine befriedigende telegraphische Verbindung erzielt zu haben. Er wollte jetzt eine solche auf billigstem Wege über Spanien durch ein ganz leichtes Kabel zu Stande bringen und beauftragte uns mit der Anfertigung und Legung eines kupferarmirten Kabels zwischen Cartagena und Oran.

Die französische Regierung hatte sich die Beschaffung des Dampfers sowie die Bemannung und Führung desselben durch Angehörige der kaiserlichen Marine vorbehalten. Der Generaldirektor, der mir von der Pariser Ausstellung des Jahres 1855 her, bei der wir beide als Jury-Mitglieder functionirt hatten, wohlbekannt war, beabsichtigte selbst der Legung beizuwohnen. Wilhelm und ich wollten gemeinschaftlich die Leitung übernehmen, und so trafen wir denn im Dezember 1863 in Madrid zusammen, wohin ich von Moskau, wo ich mich gerade aufgehalten, über Petersburg, Berlin und Paris fast ohne Unterbrechung in fünf Tagen gefahren war.

Mein Bruder hatte sich inzwischen – im Jahre 1859 – mit der Schwester des schon mehrfach genannten Mr. Gordon, einer geistvollen und liebenswürdigen Dame, verheirathet. Er brachte seine Frau mit nach Madrid, da sie die Mühen und etwa mit der Legung verbundene Gefahren durchaus mit ihm theilen wollte. In Madrid war es unangenehm kalt und windig, so daß ich eine Verbesserung im Klima seit dem Verlassen Moskaus eigentlich nicht bemerken konnte. Wir reisten bald weiter nach Aranjuez, Valenzia und Alicante, ohne auch da eine behaglichere Temperatur zu finden. Der Winter war ungewöhnlich kalt in Spanien, und es machte einen überraschenden Eindruck, auf dem ganzen Wege von Alicante bis Cartagena Dattelpalmen und mit goldigen Früchten reich beladene Orangenbäume mit Schnee belastet zu sehen. Auch in Cartagena, wo wir einige Tage auf das Kabelschiff warten mußten, war es in den kamin- und ofenlosen Häusern so bitterkalt, daß meine Schwägerin später oft behauptet hat, mein aus Rußland mitgebrachter Pelz, hätte sie in Spanien vor dem Erfrieren geschützt. Erst in Oran thauten wir wieder auf. Die nöthigen Vorbereitungen waren bald getroffen, und wir gaben uns der Hoffnung hin, die ganze Legung in wenigen Tagen vollenden zu können. Doch »zwischen Lipp‘ und Kelches Rand, schwebt der finstern Mächte Hand« – nach vierwöchentlichen Mühen und Ueberstehung großer Gefahren hatten wir das Kabel verloren und mußten noch froh sein, nicht Schaden an Leben und Gesundheit erlitten zu haben.

Vom kühlen Standpunkte des vorgeschrittenen Alters aus beurtheilt, war diese Kabellegung ein großer Leichtsinn, da Kabel, Schiff und Legungsmethode durchaus unzweckmäßig waren. Als Entschuldigung dafür, daß wir sie trotzdem unternahmen, kann nur Folgendes angeführt werden: wir wollten unter allen Umständen ein eigenes Kabel legen, weil wir sahen, daß unsre Erfindungen und Erfahrungen ohne jede Rücksicht auf uns und sogar ohne unsre unzweifelhaften Verdienste um die Entwicklung der submarinen Telegraphie auch nur zu erwähnen von den englischen Unternehmern verwerthet wurden, und ferner, und wohl hauptsächlich, weil die von Bruder Wilhelm erfundene Kabelconstruction und Auslegevorrichtung so durchdacht und interessant waren, daß wir es nicht über das Herz bringen konnten, sie unbenutzt zu lassen.

Das Kabel würde in jeder Hinsicht ausgezeichnet gewesen sein, wenn es seit seiner Fabrikation unverändert geblieben wäre. Wir mußten uns aber leider überzeugen, daß seine Festigkeit, obwohl die Hanffäden durch Tränken mit Tanninlösung gegen das »Verstocken« vermeintlich geschützt waren, sich sehr verringert hatte. Trotz seines geringen Gewichtes war es kaum noch haltbar genug, um durch die großen Meerestiefen zwischen der algerischen und spanischen Küste mit einiger Sicherheit gelegt zu werden. Noch schlimmer fast war es, daß mein Bruder für die Kabellegung einen neuen Mechanismus erfunden hatte, der hier zum ersten Male probirt werden sollte. Derselbe bestand darin, daß das Kabel auf eine große Trommel mit stehender Axe gewickelt wurde, die zur Auf- und Abwickelung des Kabels durch eine besondere kleine Dampfmaschine gedreht werden mußte. Mir schien diese, von meinem Bruder sehr genial durchgeführte Einrichtung doch recht bedenklich, denn die gleichmäßige Drehung einer so schweren Trommel war, namentlich bei bewegter See, mit Schwierigkeiten verknüpft, deren Umfang sich noch nicht übersehen ließ, und die durch die Trommeldrehung abgewickelten Kabellängen konnten nur dann richtig bemessen werden, wenn man Schiffsgeschwindigkeit, Meerestiefe und Strömungen jederzeit genau kannte. Da das Wetter aber ruhig und schön war, und ich zudem einen elektrisch betriebenen Geschwindigkeitsmesser construirt hatte, der seine erste Probe bestehen sollte, und der, wie ich hoffte, die Schiffsgeschwindigkeit immer sicher angab, so beschlossen wir, trotz der eingetretenen Schwächung der Tragfähigkeit des Kabels den Versuch zu wagen.

Leider erwiesen sich meine Befürchtungen als gerechtfertigt. Nachdem das schwere Uferkabel gelegt und die Auslegung des mit ihm verbundenen leichten Kupferkabels vielleicht eine Stunde lang ohne Störung fortgegangen war, so daß meine Hoffnung auf guten Erfolg bereits merklich stieg, riß das Kabel plötzlich und sank in die schon ansehnliche Tiefe hinab, ohne daß ein besonderer Grund dafür zu erkennen gewesen wäre. Es war unmöglich, das ausgelegte Kabel wieder aufzunehmen, da es durch mächtige Steingerölle am Meeresboden festgehalten wurde. Wir hatten in Folge dessen keinen hinlänglichen Ueberschuß an Kabel mehr, um eine Legung nach Cartagena unternehmen zu können, beschlossen daher den kürzeren Weg nach Almeria einzuschlagen und zunächst hinüber zu fahren, um eine passende Landungsstelle dort aufzusuchen.

Die Fahrt nach Almeria bei herrlichem Wetter und spiegelblanker See war entzückend. Die Stadt wird durch eine bergige Landzunge verdeckt, die sich weit in die See hinausstreckt. Für uns war diese schöne Lage allerdings recht ungünstig, denn sie nöthigte uns, einen so weiten Umweg um das vorspringende Kap zu machen, daß die geringere lineare Entfernung von Oran dadurch beinahe wieder ausgeglichen wurde. Wir landeten aber, um Vorräthe einzunehmen, und genossen die Gastfreundlichkeit der Ortsbewohner, die es sich nicht nehmen ließen, uns feierlich zu empfangen und uns zu Ehren ein Fest in den Räumen des Theaters zu improvisiren. Was uns auf diesem Feste am meisten überraschte, war die klassische Schönheit der Frauen, deren Gesichtszüge unzweifelhaft maurischen Typus zeigten. Besonders ein junges Mädchen fiel uns auf, das durch einstimmiges Votum unsrer, aus allen westeuropäischen Nationen zusammengesetzten Schiffsgesellschaft für das Ideal weiblicher Schönheit erklärt wurde.

Wir ahnten an diesem genußreichen Abende nicht, daß der nächste Tag uns Gefahren bringen sollte, die überstanden zu haben mir noch heute wunderbar erscheint.

Um das Folgende recht verstehen zu können, muß man sich vergegenwärtigen, daß unser Schiff nicht für Kabellegungen gebaut, sondern von der französischen Regierung erst ad hoc auf dem englischen Markte beschafft war. Es war ein englischer Küstenfahrer, dessen frühere Bestimmung gewesen, Kohlenschiffe nach London zu ziehen. Diese Schiffe sind nicht für hohe See gebaut; sie haben einen flachen Boden, keinen Kiel und auch keinen erhöhten Schiffsschnabel zum Brechen der Wellen. Der innere Raum dieses so sehr ungünstig gebauten Schiffes war nun zum größten Theil von einer mächtigen hölzernen Trommel mit stehender eiserner Axe ausgefüllt, auf die das ganze Kabel gewickelt war, die Belastung war daher für hohen Seegang sehr ungünstig vertheilt. Doch das Wetter war unausgesetzt schön und das Meer ruhig. Dies änderte sich etwas, als wir nach der Abfahrt von Almeria das Kap umschifft hatten und das offene Meer vor uns sahen. Es blies eine mäßige Brise von Südwest und schwarze Wolkenhaufen lagerten hinter der Landzunge längs der Küste. Dabei fiel uns auf, daß die nächste dieser dunklen, tiefgehenden Wolken einen langen Rüssel zum Meere hinabsenkte und das Meer unter ihm in wilder Bewegung war, so daß es im fortdauernden Sonnenscheine wie ein glänzendes, vielgeklüftetes Eisfeld erschien. Unser Schiff fuhr nach unserer Schätzung etwa zwei Seemeilen an diesem hochaufschäumenden Felde vorbei, das vielleicht eine halbe Seemeile breit war, während die Tiefe sich nicht schätzen ließ. Auffallend war, daß der Rüssel, der oben mit der Wolke breit verwachsen war, sich dann aber schnell verjüngte, nicht ganz mit der bewegten Wasserfläche in Berührung kam, sondern durch einen klar erkennbaren Zwischenraum von ihr getrennt blieb; auch war keine besondere Erhebung der schäumenden Wasserfläche unter ihm zu erkennen, sondern die ganze Fläche schien gleichmäßig haushoch über das Meeresniveau erhoben zu sein. Dabei machte das Rüsselende eine unzweifelhafte Kreisbewegung über der weißen Meeresstelle, so daß es ungefähr alle zehn bis zwanzig Minuten auf denselben Punkt zurückkehrte.

Leider konnten wir die Beobachtung dieses interessanten Schauspiels, einer sogenannten Wasserhose, nicht lange fortsetzen, da sich diese ziemlich schnell in östlicher Richtung an der Küste hinzog und wir auch durch eine andere merkwürdige Erscheinung von ihr abgezogen wurden. Das Schiff gerieth nämlich plötzlich in so heftige Schwankungen, daß wir uns nur mit Mühe aufrecht zu erhalten vermochten. Es waren kurze, hohe Wellenzüge, sogenannte todte See, in die wir gerathen waren. Offenbar passirten wir den Weg, den die Wasserhose genommen hatte. Dem Kapitän waren die heftigen Schwankungen des Schiffes bei der ihm wohl bekannten Bauart desselben zwar sehr bedenklich, er behielt aber den Kurs in Richtung der Wellenthäler bei, in der Hoffnung, bald wieder in ruhigeres Fahrwasser zu kommen. Da fielen mir dumpfe, kurze Schläge auf, die das ganze Schiff bei jeder Schwankung erzittern machten. Wie ein Blitz durchzuckte mich der Gedanke, »die Trommel hat sich gelöst und wird bald mit unwiderstehlichen Schlägen das Schiff zertrümmern«. Ich stürzte in die Kajüte zu meinem Bruder, der bereits schwer mit der Seekrankheit kämpfte, nur er kannte die Construction der Trommel und die Art ihrer Befestigung genau, er allein konnte uns also vielleicht noch retten. Ich fand ihn schon auf den Füßen – todtenbleich, aber gefaßt. Auch er hatte sofort die Ursache der gefahrdrohenden Schläge erkannt, und das hatte genügt, um jede Spur der Seekrankheit zu verscheuchen. Im Schiffsraume sah er in der That, daß die Trommelaxe ihr oberes Lager gelöst hatte, und daß die zum Schutze der Lager und der Trommel selbst sorgfältig vorbereiteten und angebrachten Werkstücke aus besonders hartem Holze fehlten. Die französischen Schiffszimmerleute wollten anfangs keine Kenntniß von ihrem Verbleib haben, als aber die Schläge sich verstärkten und mein Bruder ihnen zurief, wir wären Alle verloren, wenn die Hölzer nicht sofort gebracht würden, kam ihnen die Erinnerung, und die Hölzer wurden zur Stelle geschafft. Die Leute hatten das ihnen unbekannte, feste Holz bewundert und die Stücke für überflüssig gehalten.

Bei den heftigen Schwankungen wollte es aber nicht gelingen, die Hölzer wieder in die vorgeschriebene Lage zu bringen, inzwischen verstärkten sich die Schläge so, daß Alle von Furcht ergriffen wurden, das Schiff werde sie nicht länger ertragen. Da rief uns mein Bruder durch die offen stehende Deckluke zu, »die Schwankungen sind zu groß, steuert gegen den Wind!«. Der Kapitän gab auch sogleich das betreffende Commando, und das Schiff drehte gegen die Wellen. Einen Augenblick darauf sah ich zu meinem Erstaunen, wie die Schiffsspitze unter Wasser tauchte und die Wellen bereits über den vorderen Theil des Deckes spülten. Ich erkannte sogleich den Grund der Erscheinung. Das Schiff war in voller Fahrgeschwindigkeit zu plötzlich gegen den Wind gedreht, und als eine Welle einmal die Schiffsspitze überspült und hinuntergedrückt hatte, behielt es die geneigte Lage bei und wurde durch seine Geschwindigkeit auf der schiefen Ebene hinab in die Tiefe getrieben. In diesem kritischen Augenblicke übernahm ich unwillkürlich selbst das Commando und rief in den nahen Maschinenraum ein lautes »Stop!«, wie der Kapitän es zu thun pflegte. Glücklicherweise gehorchten die Maschinisten augenblicklich. Doch die Schiffsgeschwindigkeit konnte sich nur langsam verringern. Wir standen Alle auf dem erhöhten Hinterdecke des Schiffes und sahen, wie das Vorderdeck immer kürzer wurde und das Meer sich immer mehr unserm Standpunkte näherte. Dann brandete es an dem erhöhten Hinterdeck, und es bildete sich ein mächtiger Strudel, in dem das Wasser durch die offne Deckluke in den Bauch des Schiffes strömte. Unser Ende schien zu nahen. Da wurde der Strudel schwächer und nach einigen weiteren, bangen Momenten erschien die Schiffsspitze wieder über Wasser, und wir schöpften neue Lebenshoffnung, denn auch die heftigen Schwankungen und die verhängnißvollen Schläge hatten jetzt aufgehört.

Mein Bruder, der im Schiffsraume das Herannahen der Gefahr nicht hatte beobachten können, wurde durch das plötzlich über ihn und die Trommel sich ergießende Meerwasser völlig überrascht. Um so größer war seine Freude, als der Einsturz des Seewassers aufhörte und es ihm bald darauf möglich wurde, die Holzstützen anzubringen und dadurch die gefährlichen Schläge der Trommelaxe zu beseitigen. Der Kapitän ging jetzt vorsichtig wieder in den Kurs auf Oran über. Das Schiff machte zwar noch immer bedenklich große Schwankungen, aber man gewöhnte sich daran und war froh, daß die Trommel sich nicht wieder rührte. Die große Aufregung hatte bei Allen die Seekrankheit vertrieben, und als es dunkel wurde, suchte Jeder sein Lager auf und bald herrschte allgemeine Ruhe.

Ich hatte noch nicht lange geschlafen, als mich lautes Commando und Schreckensrufe auf Deck jäh erweckten; unmittelbar darauf legte sich das Schiff in einer Weise auf die Seite, wie ich es sonst nie erlebt habe und auch heute noch kaum für möglich halten kann. Die Menschen wurden aus ihren Betten geworfen und rollten auf dem ganz schräg stehenden Fußboden der großen Kajüte in die gegenüberliegenden Kabinen. Ihnen folgte Alles, was beweglich auf dem Schiffe war, und gleichzeitig erlosch alles Licht, da die Hängelampen gegen die Kajütendecke geschleudert und zertrümmert wurden. Dann erfolgte nach kurzer Angstpause eine Rückschwankung und noch einige weitere von nahezu gleicher Stärke. Es gelang mir gleich nach den ersten Stößen das Deck zu gewinnen. Ich erkannte im Halbdunkel den Kapitän, der auf meinen Zuruf nur nach dem Hinterdeck zeigte mit dem Rufe »voilà la terre!«. In der That schien eine hohe, in der Dunkelheit schwach leuchtende Felswand hinter dem Schiffe zu stehen. Der Kapitän hatte, als er sie gesehen, das Schiff ganz plötzlich gewendet und dadurch waren die gewaltigen Schwankungen hervorgerufen. Er meinte, wir müßten abgetrieben sein und befänden uns dicht vor den Felsen des Cap des lions. Plötzlich rief eine Stimme im Dunkeln »La terre avance!«, und wirklich stand die hohe, unheimlich leuchtende Wand jetzt dicht hinter dem Schiff und rückte mit einem eigenthümlichen, brausenden Geräusche heran. Dann kam ein Moment so schrecklich und überwältigend, daß er nicht zu schildern ist. Es ergossen sich über das Schiff gewaltige Fluthen, die von allen Seiten heranzustürmen schienen, mit einer Kraft, der ich nur durch krampfhaftes Festhalten an dem eisernen Geländer des oberen Decks widerstehen konnte. Dabei fühlte ich, wie das ganze Schiff durch heftige, kurze Wellenschläge gewaltsam hin und her geworfen wurde. Ob man sich über oder unter Wasser befand, war kaum zu unterscheiden. Es schien Schaum zu sein, den man mühsam athmete. Wie lange dieser Zustand dauerte, darüber konnte sich später Niemand Rechenschaft geben. Auch die in der Kajüte gebliebenen hatten mit den heftigen Stößen zu kämpfen, die sie hin und her warfen, und waren zu Tode erschreckt durch das prasselnde Geräusch der auf das Deck niederfallenden Wassermassen. Die Zeitangaben schwankten zwischen zwei und fünf Minuten. Dann war ebenso plötzlich, wie es begonnen hatte, alles vorüber, aber die leuchtende Wand stand jetzt vor dem Schiffe und entfernte sich langsam von ihm.

Als nach kurzer Zeit die ganze Schiffsgesellschaft sich mit neu gestärktem Lebensmuthe auf dem Schiffsdecke zusammenfand und die überstandenen Schrecken und Wunder besprach, meinten die französischen Officiere, das unglaublichste Wunder sei doch gewesen, daß unsere Dame gar nicht geschrieen habe. Die echt englische, mit steigender Gefahr wachsende Ruhe meiner Schwägerin schien den lebhaften Franzosen ganz unbegreiflich.

Wie wir später hörten, war die Wasserhose, die wir bei Almeria beobachtet hatten, an der spanischen Küste ostwärts hinabgegangen, hatte sich dann zur afrikanischen hinübergezogen, und wir hatten sie offenbar auf diesem Wege gekreuzt. Daß wir mit unserm so wenig seetüchtigen und so unzweckmäßig belasteten Schiffe dies gefährliche Experiment glücklich bestanden, ist mir ganz unbegreiflich. Als die Wasserhose über uns fortgegangen, blieb das Meer noch einige Zeit in wilder Bewegung und war, soweit man beobachten konnte, mit schäumenden Wellenköpfen bedeckt. Da sahen wir eine Naturerscheinung von einer Pracht und Großartigkeit, wie sie die kühnste Phantasie sich kaum ausmalen kann. Soweit das Auge reichte, erglühte das ganze Meer in dunkelrothem Lichte. Es sah aus, als wenn es aus geschmolzenem, rothglühendem Metall bestände, und namentlich die Schaumköpfe der Wellenzüge strahlten so helles Licht aus, daß man alle Gegenstände deutlich erkennen und selbst die kleinste Schrift lesen konnte. Es war ein schaurigschöner Anblick, der mir noch heute, nachdem über ein Vierteljahrhundert darüber hingegangen ist, ganz deutlich vor Augen steht! Wir befanden uns an einer Stelle des Meeres, die von Leuchtthierchen dicht bevölkert war. Ein Glas, welches ich mit Meerwasser füllte, leuchtete im Dunkeln hell auf, wenn man das Wasser heftig bewegte. Die wilde, strudelnde Bewegung, in die das Wasser durch die Wasserhose versetzt war, hatte die sämmtlichen Leuchtthierchen, die man bei Tage auch mit unbewaffnetem Auge noch deutlich erkennen konnte, in Aufregung versetzt, und ihrer allgemeinen gleichzeitigen Leuchtthätigkeit verdankten wir den wunderbaren Anblick des glühenden Meeres.

In Oran, wo wir einige Stunden später ohne weitere Störung zu thun wäre. Nach genauer Berechnung hatten wir noch Kabel genug, um Cartagena zu erreichen, wenn das Kabel mit dem geringsten Mehrverbrauche ausgelegt wurde, der erforderlich war, um es ohne Spannung auf dem nicht ganz ebenen Meeresboden zu lagern. Mein Bruder war durch die glücklich überstandenen Gefahren kühner geworden und wollte die Legung ohne Weiteres mit den vorhandenen Einrichtungen noch einmal versuchen. Ich widersetzte mich dem aber, weil ich alles Vertrauen zu der Trommel und dem mit ihr belasteten Schiffe verloren hatte. Wir kamen denn auch endlich zu dem Entschluß, das Kabel umzukoilen und die Legung auf die gewöhnliche Weise mit Conus und Dynamometer auszuführen.

Als die mühsame und zeitraubende Umwickelung des Kabels vollendet, und die verhängnißvolle Trommel beseitigt war, schritten wir zu dem zweiten Legungsversuche. Das Wetter war wieder prachtvoll, und die Legung ging ohne alle Schwierigkeit vor sich. Die Meerestiefe erwies sich aber größer, als in den französischen Meereskarten angegeben war, und wir mußten das Dynamometer bedenklich stark belasten, um nicht zu viel Kabel auszulegen. Ich controlirte den Verbrauch an Kabel durch mein elektrisches Log, das sich bis dahin immer gut bewährt hatte. So ging es ohne Störung, bis wir die hohe Küste bei Cartagena schon deutlich vor Augen hatten. Plötzlich versagte mein Log – wie sich später herausstellte, weil seine Schraube sich in Seetang verwickelt hatte. Da meine letzte Rechnung aber ergeben, daß wir Kabel gespart hatten und mit Ueberschuß in Cartagena ankommen würden, so ging ich zu meinem Bruder und forderte ihn auf, das Dynamometer weniger zu belasten, um gesicherter gegen den Bruch des Kabels zu sein. Er war darüber sehr erfreut und wollte mir nur erst zeigen, wie schön und gleichmäßig das Kabel bei der jetzigen Belastung abliefe, da sahen wir auf einmal, wie das Kabel ganz sanft auseinanderging. Das Bremsrad stand augenblicklich still, das abgerissene Ende verschwand in der Tiefe und damit eine für unsre damaligen Verhältnisse große Geldsumme, da wir die Kabellegung auf eigenes Risiko übernommen hatten. Doch was uns augenblicklich mehr noch als der Geldverlust ergriff, war das erlittene technische Fiasko. Die Arbeit von Monaten, alle Mühen und Gefahren, die nicht wir allein, sondern auch alle unsre Begleiter des Kabels wegen erlitten hatten, waren in einem Augenblicke, einiger verstockter Hanffäden wegen, unwiederbringlich verloren. Dazu das unangenehme Gefühl, Gegenstand des Mitleids der ganzen Schiffsgesellschaft zu sein! Es war eine harte Strafe für unsere Waghalsigkeit.

Als wir wenige Stunden nach dem Kabelbruche in Cartagena landeten, waren wir über einen Monat lang ohne Nachrichten aus Europa geblieben. In Almeria hatten wir bei unserm flüchtigen Besuche auch nicht viel mehr gehört, als daß der Krieg mit Dänemark wegen der Herzogthümer Schleswig und Holstein entbrannt wäre. Im Hotel zu Cartagena fanden wir nun französische und englische Zeitungen, und damit stürmten alle die großen politischen Neuigkeiten des letzten Monats aus dem Vaterlande auf uns ein. Es war ein ganz merkwürdiger Umschwung in den Zeitungsartikeln über Deutschland seit der Kriegserklärung und den kriegerischen Erfolgen gegen das von England begünstigte Dänemark eingetreten. Wir waren bisher gewohnt, in englischen und französischen Zeitungen viel wohlwollendes Lob über deutsche Wissenschaft, deutsche Musik und deutschen Gesang, sowie auch daneben mitleidige Aeußerungen über die gutmüthigen, träumerischen und unpraktischen Deutschen zu lesen. Jetzt waren es wuthentbrannte Artikel über die eroberungssüchtigen, die kriegslustigen, ja die blutdürstigen Deutschen! Ich muß gestehen, daß mir dies keinen Verdruß, sondern große Freude bereitete. Meine Selbstachtung als Deutscher stieg bei jedem dieser Ausdrücke bedeutend. So lange waren die Deutschen nur passives Material für die Weltgeschichte gewesen. Jetzt konnte man zum ersten Male schwarz auf weiß in der Times lesen, daß sie selbstthätig in den Lauf derselben eingriffen und dadurch den Zorn derer erregten, die sich bisher für allein dazu berechtigt gehalten hatten. Im Verkehr mit Engländern und Franzosen hatte ich während der Kabellegungen vielfach schmerzliche Gelegenheit gehabt, mich davon zu überzeugen, in wie geringer Achtung die Deutschen als Nation bei den andern Völkern standen.

Ich hatte lange politische Debatten mit ihnen, die immer darauf hinauskamen, daß man den Deutschen das Recht und die Fähigkeit absprach, einen unabhängigen, einigen Nationalstaat zu bilden. »Nun was wollen die Deutschen denn eigentlich?« fragte mich nach einer längeren Unterhaltung über die seit dem französisch-österreichischen Kriege wieder lebendiger gewordenen nationalen Bestrebungen in Deutschland der uns begleitende Generaldirektor der französischen Telegraphen, der als ehemaliger Verbannungsgenosse des Kaisers Napoleon in Frankreich hochangesehene M. de Vougie. – »Ein einiges Deutsches Reich«, war meine Antwort. »Und glauben Sie«, entgegnete er, »daß Frankreich es dulden würde, daß sich an seiner Grenze ein ihm an Volkszahl überlegener, einheitlicher Staat bildete?« – »Nein«, war meine Antwort, »wir sind überzeugt, daß wir unsre Einheit gegen Frankreich werden vertheidigen müssen«. »Welche Idee«, sagte er, »daß Deutschland einig gegen uns kämpfen würde. Baiern, Würtemberg, ganz Süddeutschland werden mit uns gegen Preußen kämpfen«. »Diesmal nicht«, antwortete ich, »der erste französische Kanonenschuß wird Deutschland einig machen; darum fürchten wir den französischen Angriff nicht, sondern erwarten ihn guten Muthes«. M. de Vougie hörte das kopfschüttelnd an; es schien ihm doch die Idee aufzudämmern, daß die Pandorabüchse der Nationalitätenfragen, die sein Gebieter im Kriege mit Oesterreich für Italien geöffnet hatte, sich schließlich gegen Frankreich wenden könnte. Wie ich drei Jahre später, als die Frage der Annexion Lauenburgs an Preußen die Gemüther beschäftigte, mich bei dem Generaldirektor in Paris anmelden ließ, rief er mir in Erinnerung an unsre politischen Gespräche schon von Weitem entgegen »Eh bien, Monsieur, vous voulez manger le Lauenbourg?« – »Oui, Monsieur«, rief ich zurück, »et j’espère que l’appetit viendra en mangeant!« Er ist in der That stark gewachsen, dieser Appetit, und auch befriedigt, und an meine Prophezeiung wird M. de Bougie gedacht haben, als er mit seinem Kaiser den siegreich in Frankreich einziehenden deutschen Truppen weichen mußte. Der erste französische Kanonenschuß hatte in der That ganz Deutschland einig gemacht.

Das Cartagena-Oran-Kabel war ein unglückliches für uns. Als das verlorene Kabel durch ein neuangefertigtes, etwas verstärktes ersetzt war, begab sich mein Bruder noch in demselben Jahre wiederum nach Oran. Alle Einrichtungen waren unter Benutzung der bei den früheren Legungen gemachten Erfahrungen aufs beste getroffen, das Kabel neu und hinreichend stark, die Bedienungsmannschaft geübt, das Wetter günstig – kurz, es war ein Mißerfolg diesmal gar nicht anzunehmen. Ich erhielt auch zur erwarteten Zeit aus Cartagena die ersehnte Depesche, daß das Kabel glücklich gelegt und bereits Depeschen zwischen Oran und Paris gewechselt seien. Leider folgte dieser Depesche nach wenigen Stunden schon eine andere, nach der das Kabel aus unbekannten Gründen nahe der spanischen Küste gebrochen war. Eine genauere Untersuchung ergab, daß der Bruch an der Stelle eingetreten war, wo die spanische Küste plötzlich bis zu großer Meerestiefe steil abfällt. Die Ueberschreitung solcher Abfälle, so wie überhaupt gebirgigen Meeresgrundes ist immer sehr gefährlich. Lagert sich das Kabel derart, daß es über zwei Felsen fortgeht, die sich so hoch über den Meeresgrund erheben, daß es über ihnen hängen bleibt, ohne den Boden zu berühren, so nimmt es die Form einer Kettenlinie an, deren Spannung so groß werden kann, daß es reißt. Eine solche Kettenlinie hat das Kabel jedenfalls am Fuße des steilen Abfalls gebildet, denn der Riß erfolgte erst nach einigen Stunden, nachdem das Kabel sich fest gelagert hatte.

Ein Aufnehmen des Kabels wurde versucht, blieb aber ohne Erfolg, da der Grund felsig, das Meer sehr tief und das Kabel für diese Tiefe nicht haltbar genug war. Kurz, wir hatten auch das zweite Kabel vollständig verloren und mußten noch froh sein, durch den Umstand, daß officielle Depeschen zwischen Oran und Paris factisch befördert waren, von der Verpflichtung entbunden zu sein, noch einen Legungsversuch zu machen.

Die großen Verluste, welche diese Kabellegungen uns brachten, bewirkten eine kleine Krisis in unsern geschäftlichen Beziehungen. Mein Associé Halske fand kein Gefallen an solchen mit Gefahren auch, daß die Unternehmungslust meines Bruders Wilhelm uns in dem großartig angelegten englischen Geschäftsleben in Geschäfte verwickeln könnte, denen unsre Mittel nicht gewachsen wären. Er verlangte daher die Auflösung unsres englischen Hauses. William Meyer trat als Geschäftsführer der Firma auf Halskes Seite. Obgleich ich die Gewichtigkeit der vorgebrachten Gründe anerkennen mußte, konnte ich mich doch nicht entschließen, meinen Bruder Wilhelm in einer so kritischen Lage im Stich zu lassen. Wir kamen also überein, daß das Londoner Haus vollständig von dem Berliner getrennt und von mir privatim mit Wilhelm übernommen werden sollte. Dies geschah, und das Londoner Geschäft nahm jetzt die Firma Siemens Brothers an. Bruder Karl in Petersburg trat demselben ebenfalls als Theilnehmer bei. Zwischen den nun selbstständigen drei Firmen in Berlin, Petersburg und London wurden Verträge abgeschlossen, welche die gegenseitigen Beziehungen regelten.

Ich will schon hier bemerken, daß auch das im Jahre 1869 von der Londoner Firma im schwarzen Meere gelegte kupferarmirte Kabel gleicher Construction wie das Cartagena-Oran-Kabel nicht von langer Dauer war. Es wurde als Theil der Indo-Europäischen Linie, von der später die Rede sein wird, zwischen Kertsch und Poti parallel dem Ufer von meinem Bruder Wilhelm mit bestem Erfolge gelegt, aber schon im Jahre nach der Legung durch ein Erdbeben an vielen Stellen gleichzeitig zerstört. Bei den Versuchen, dasselbe wieder aufzunehmen, stellte sich heraus, daß dies nicht möglich war, da es großentheils mit Geröll und Erdboden bedeckt war. Dies und der Umstand, daß die Unterbrechung des Telegraphendienstes gerade in dem Augenblick stattfand, wo an der Küstenstation Suchum-Kalé eine starke Erderschütterung verspürt wurde, lieferten den Beweis, daß die Zerreißung des Kabels wirklich durch das Erdbeben bewirkt war. Es ist dies auch sehr erklärlich, da dem Meere durch zahlreiche Wasserläufe immer Erdreich und Geröll zugeführt werden, die sich auf der Uferböschung ablagern; von Zeit zu Zeit muß ein Nachrutschen dieser Massen stattfinden, wobei ein darin eingebettetes Kabel nothwendig zerrissen wird. Durch ein Erdbeben mußte dieser Vorgang gleichzeitig an allen Stellen eingeleitet werden, wo durch neue Ablagerungen das Gleichgewicht schon gestört war.

Aus diesen und ähnlichen Vorgängen haben wir die Lehre gezogen, daß man Submarinkabel niemals auf dem Abhange steiler Böschungen verlegen soll, namentlich aber nicht da, wo durch einmündende Flüsse dem tiefen Meere oder Binnensee Erdreich und Steingeröll zugeführt werden.

Wir können die Zeit der im Vorhergehenden beschriebenen Kabellegungen als unsre eigentlichen Lehrjahre für derartige Unternehmungen betrachten. Anstatt des gehofften Gewinnes haben uns dieselben viel Sorgen, persönliche Gefahren und große Verluste gebracht, aber sie haben uns den Weg geebnet für die Erfolge, die unsre Londoner Firma später bei ihren großen und glücklich durchgeführten Kabelunternehmungen gehabt hat. Ich werde auf diesen zweiten Abschnitt unserer Kabellegungen später zurückkommen, aber nur kurz darauf eingehen, weil ich persönlich geringeren Antheil an den damit zusammenhängenden Arbeiten genommen habe.

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