Die silberne Verlobung

Vor einigen zwanzig Jahren sah die Chausseestraße in Berlin anders aus als jetzt. Vom Oranienburger Tore aus reihte sich an ihrer rechten Seite eine große Maschinenfabrik an die andere in fast ununterbrochener Reihenfolge. Den Reigen eröffnete die weltberühmte Lokomotivenfabrik von Borsig mit den von Strack erbauten schönen Säulengängen, dann folgten Egells, Pflug, Schwartzkopff, Wöhlert und viele andere von geringerem Umfang. In den Straßenlärm hinein tönte überall schallendes Geräusch und das dumpfe Pochen mächtiger Dampfhämmer erschütterte weithin den Boden, daß in den Wohnhäusern gegenüber die Fußböden zitterten, die Gläser klirrten und die Lampenkuppeln klapperten. Zu gewissen Stunden war die Straße ein Flußbett mächtiger Ströme von schwärzlichen Arbeitern, die aus all den Fabriktoren in sie einmündeten, und es gab eine Zeit, da in ihr jährlich mehr Lokomotiven gebaut wurden, als im ganzen übrigen Deutschland zusammengenommen. Diese Zeit ist längst vorüber und fast alle diese mächtigen Fabriken sind verschwunden; das ungeheure Steigen des Bodenwertes und die notwendig hohen Arbeitslöhne in einer Stadt, in der das Leben immer teurer wurde, haben ihnen den Garaus gemacht. Teils wurden sie nach auswärts verlegt in billigere Gegenden, wo der große Raum, den solche Fabriken beanspruchen, nicht Millionen, sondern nur Hunderte wert war, teils gingen sie auch zugrunde. Die Gebäude wurden abgebrochen, und die großen Plätze, auf denen sich damals eine mächtige Tätigkeit regte, sind jetzt bedeckt mit Straßen und jenen zellenreichen, himmelhohen Bienenstöcken, die man Mietskasernen nennt.

Ich lernte diese Gegend in jener früheren Zeit gut kennen, denn ich wohnte dort und habe auf dem technischen Büro einer jener großen Fabriken einundeinhalbes Jahr gearbeitet. Es war meine erste Stellung in Berlin. Der große Zeichensaal, in dem ich mit vielen anderen damals hauste, ist nun auch schon längst verschwunden, aber wie deutlich steht er mir noch vor Augen. Er lag an der Straße und erhielt seine Beleuchtung an beiden Langseiten durch eine stattliche Reihe von Fenstern, die ihr Licht auf viele große Zeichentische warfen. An jedem dieser Tische klapperte ein etwas stubenfarbiger Jüngling gar eifrig mit Reißschiene und Dreieck, und unablässig vernahm man das leise scharrende Geräusch der Bleistifte und Reißfedern. Von einem dieser Tische zu dem anderen begaben sich die Vorstände der verschiedenen Abteilungen, des Maschinenbaues, des Brückenbaues und des Lokomotivenbaues, und führten weise und erläuternde Gespräche mit ihren Untergebenen, tadelten gern und lobten selten. Fast nie ließ sich der Fabrikbesitzer in dem Zeichensaal sehen, denn diese ganze Art von Arbeit war dem rein praktischen Mann, der sich vom Schlossergesellen emporgearbeitet hatte, unsympathisch und erschien ihm, da es ja ohne das leider nicht ging, mehr als ein notwendiges Übel. Nur zuweilen, wenn er einen guten Bekannten oder einen großen Kunden persönlich in der Fabrik herumführte, tauchte der kleine, rundliche, stets grau gekleidete Mann mit diesem in der Tür des Saales auf und sagte mit einer zusammenfassenden Armbewegung: »Det sind nu meine Malersch.« Dann verschwand er wieder.

Die ganze Mitte dieses Saales wurde durch einen ungeheuren Tisch eingenommen, der zugleich als Schrank für die vielen Zeichnungen diente, die sich in einer großen Fabrik ansammeln. Aus seinen Seiten konnte man bis zum Boden herunter unzählige Fächer herausziehen, die angefüllt waren mit ölfleckigen und von Arbeiterfingern schwarz betupften Blättern aller Art und Größe, und auf der mächtigen Fläche dieses Tisches konnte man sie ausbreiten und besichtigen. Zuweilen hockte auch auf ihm ein besonders langbeiniger Zeichner, dem die Aufgabe zugefallen war, das Triebrad einer Schnellzugmaschine oder ein Schwungrad in natürlicher Größe zu entwerfen, für welches Zeichnungsmonstrum natürlich ein gewöhnlicher Tisch zu klein war. Er arbeitete daran mit einem Stangenzirkel von unabsehbarer Länge, einer überlebensgroßen Reißschiene und entsprechendem Dreieck. Bald kniete er auf dem Blatte, daß sein spitzes Hinterteil wie ein Gebirgsgipfel in die Luft ragte, bald lag er mit dem Bauch darauf wie ein Krokodil, das sich sonnt, bald auf der Seite gleich einem Seehund und schien sich bei dieser Art von Arbeit ganz besonders wohl zu fühlen.

Die drei Abteilungsvorstände nebst dem über dem Ganzen schwebenden Oberingenieur hausten für gewöhnlich in zwei seitwärts gelegenen, ineinandergehenden Zimmern und bildeten dort den Generalstab. Außerdem aber war in einem dieser Zimmer noch ein Mann untergebracht, der weder zu den gewöhnlichen Zeichnern und Konstrukteuren noch zu den befehlenden Geistern gehörte, sondern gleichsam eine Mittelstellung zwischen beiden einnahm. Er hieß Johannes Gram, und obwohl er eben siebenundvierzig Jahre alt war, so sprach von ihm jedermann doch nie anders als von dem »alten Gram«. Es gibt eben Menschen, die als alte Männer geboren werden. Ruchlose Spötter nannten ihn auch wohl, wenn er nicht dabei war, »das Neunauge«, denn es ging ein Gerücht, daß er außer seinen zwei gewöhnlichen noch sieben Hühneraugen besitze. Dieser Meinung entsprach auch der vorsichtig schleichende Gang, mit dem er den ganzen Tag in dem großen Büro herumschurrte und bald an diesem, bald an jenem Tisch weise und lehrreiche Gespräche führte, die sich nicht immer auf die vorliegende Arbeit, sondern auf alle möglichen Gegenstände bezogen, denn Herr Johannes Gram war ein Mann von allerlei Interessen. Nur für die Arbeit war er nicht allzusehr eingenommen, und sehr selten kam ein Blatt von seinem Zeichentisch hinaus in die Werkstatt. Jedoch, hatte er bald hier bald dort den ganzen Tag mit angenehmen Gesprächen zugebracht, auch bisweilen wohl einen Gang in das Kontor oder in die Werkstatt unternommen, so war es ganz sicher, daß sich so gegen dreiviertel sieben Uhr mit einemmal sein Gewissen regte. Dann unterbrach er sich plötzlich in der anregendsten Unterhaltung, sah nach der Uhr, schwenkte einigemal wie in großer Verwunderung über die eilige Flucht der Zeit seine Hand auf und nieder und ging so eilig wie er konnte in sein Zimmer an den Zeichentisch. Dann flog die Reißschiene, dann klapperte das Dreieck, dann fuhren in verspätetem Eifer die Linien über das Blatt, und wenn ihn dann um sieben Uhr jemand aufforderte, mit nach Hause zu gehen, hatte er nur eine abwehrende Handbewegung für ihn. So wütete er noch zehn bis fünfzehn Minuten weiter, bis sich das ganze Büro geleert hatte, und schlich dann ebenfalls in sein einsames Junggesellenheim.

Man wird sich fragen, wie bei der straffen Einrichtung eines solchen technischen Büros, wo von jedem einzelnen eine angestrengte Tätigkeit gefordert wird, eine solche Erscheinung möglich war. Ja, der alte Gram bildete eben eine Ausnahme. Er gehörte sozusagen zum Inventar des Büros und war von Anfang an dort gewesen, länger als irgendein anderer. Er hatte manche Herrscher und viele Beherrschte kommen und gehen sehen, er aber war geblieben, und ohne den alten Gram konnte man sich das Büro gar nicht vorstellen. Der Oberingenieur schalt zuweilen halb scherzhaft auf das »alte Fossil«, allein ihn wegen seiner Bummelei zur Rede zu stellen oder ihn gar zu entlassen, fiel ihm nicht ein. Er wußte wohl, daß dieser Mann in seiner Art unentbehrlich war. Denn in ihm vereinigte sich die ganze Geschichte der Fabrik, und von allem, was die Vergangenheit betraf, wußte er Bescheid zu geben. Fragte man nach irgendeiner Zeichnung, der alte Gram hatte sie auf den ersten Griff. Wollte man von einem Laufkran, einer Wasserhaltungsmaschine, einer Ölpresse etwas wissen, die vor Jahren gebaut waren, so kannte er alle ihre Eigentümlichkeiten und wußte, wie sie sich bewährt und welche Fehler und Vorzüge sie gezeigt hatten. Er nahm teil an den Beratungen des Generalstabs und sprach öfter dabei ein entscheidendes Wort, er war stets bereit, jedem der jüngeren Leute bei seiner Arbeit mit Rat und Tat beizustehen, und so verzieh man ihm, daß er in das Alter gekommen war, wo man nicht gern mehr den ganzen Tag mit dem Bauch auf dem Zeichentisch liegt.

Johannes Gram war mein Landsmann. Ich hatte ihn schon vor Jahren in Güstrow kennengelernt, wo er auf einer Reise kurze Zeit verweilte und das technische Büro, in dem ich beschäftigt war, besuchte. Er imponierte mir damals sehr. Denn er kam doch aus einer großen berühmten Fabrik der großen Stadt Berlin und war, was ich einst werden wollte, ein alter, erfahrener Ingenieur. Zudem zeichnete er sich dadurch aus, daß um seinen Mund fast stets ein ironisch-sarkastisches Lächeln spielte. Ich hielt ihn deshalb für einen weltüberlegenen Geist, vor dessen Augen die Menschheit nur ein Mückenschwarm ist, der im Sonnenschein spielt. Ich dachte es mir köstlich, seines Umganges gewürdigt zu werden und von seiner Weisheit Vorteil zu ziehen. Wenn er mit seinen wasserblauen Augen über die Brille hinweg mich mit diesem vernichtenden Lächeln anblickte, so kam ich mir außerordentlich gering und kleinstädtisch vor und sagte mir, daß ich noch viel an mir zu arbeiten hätte, um auf eine solche Höhe zu gelangen. Ach, ich wußte damals nicht, daß dies überlegene Lächeln weiter nichts war als eine leere Maske, hinter der sich eine abgrundtiefe, wehrlose Gutmütigkeit zu verbergen trachtete, und daß der Inhaber dieser künstlichen Grimasse kaum eine Ahnung von Ironie und Sarkasmus besaß. Ich dachte mir damals, dieser Mann müsse ungemein witzig sein, wenn er nur wolle, allein auch dies war eine gewaltige Täuschung, denn ich habe nie mehr als einen einzigen Witz von ihm gehört, den er noch dazu alljährlich an einem bestimmten Tag wiederholte. Am 22. Dezember nämlich, wenn eben der kürzeste Tag gewesen war, ging er in der Abenddämmerung im Büro herum und knüpfte überall ein kleines Gespräch an. Am Schluß dieses begann er sanft die Hände umeinander zu reiben, sah mit listigem Blick in den Abendhimmel und sagte mit einem Ausdruck unendlicher Schlauheit:

»Ja, ja, man merkt doch schon, wie die Tage länger werden.«

Dem Umstand der Landsmannschaft verdankte ich es, daß mein alter Wunsch in Erfüllung ging und ich seines Umganges besonders gewürdigt wurde, allerdings, ohne daß ich die geträumten Vorteile daraus zog. Er unterhielt sich mit mir gern über Mecklenburg, ein Land, das nach seiner Meinung ein Eldorado war, ein Ort, wo Milch und Honig fließt, wo es die größten Beefsteaks, die köstlichsten Schinken, die dicksten Mettwürste, die längsten Spickaale, die fettesten Gänse und die besten Äpfel gab, welche letzte Tatsache allerdings auf Wahrheit beruht. Eine Lieblingsgeschichte von dem übrigens gänzlich bedürfnislosen und für die eigene Person mit dem magersten Futter zufriedenen Mann war, wie er auf der vorhin erwähnten Reise in eine kleine Stadt gekommen sei und sich in seinem Gasthause ein kaltes Abendbrot bestellt habe. »Ich dachte mir natürlich«, sagte er, »es würde so ’n Teller voll Aufschnitt geben wie in Berlin, aber als ich in das Speisezimmer kam, da war da ein Tisch gedeckt wie für ein Dutzend ausgehungerte Kürassiere. Da lag ein Spickaal drauf, so lang wie mein Arm und auch so dick, und kalte junge Brathühner und ’n Tönnchen mit Neunaugen und eins mit Anchovis und kalter Hammelbraten und Koteletts und Ölsardinen und marinierte Heringe und Schinken und Wurst und Rauchfleisch und vier Sorten Käse, darunter Schafskäse, wofür ich mein Leben lasse, und noch mehr Sachen – ich konnte nicht alles auswendig lernen. Und das alles für mich allein, weil ich zufällig an dem Tag der einzige Gast in dem Hotel war. Es überwältigte mich ordentlich, als ich mich an den Tisch setzte, und ich hätte beinah weinen mögen, daß ich kein Esser bin. Ja, Mecklenburg ist ein schönes Land.«

Als er mir diese Geschichte zum drittenmal erzählt hatte, denn er gehörte zu den Leuten, die sparsam mit ihren Geschichten sind und möglichst oft von ihnen Gebrauch machen, da sah er eine Weile ganz verklärt vor sich hin und dann schien sich allmählich ein Gedanke in ihm auszubilden. Er begann nach seiner Gewohnheit die Hände umeinander zu reiben, sah mich über die Brille hinweg an, wozu er unbeschreiblich ironisch lächelte, und sagte mit einer gewissen vorsichtigen Schüchternheit:

»Möchten Sie wohl heute einmal bei mir echt mecklenburgisch zu Abend essen?«

Ich muß gestehen, daß ich erschrak, wie man immer erschrickt, wenn etwas ganz Unerwartetes geschieht. Sollten diese üppigen mecklenburgischen Tage schlemmerische Gewohnheiten in ihm erzeugt haben? Doch das stimmte ja gar nicht zu seiner sonstigen mehr als einfachen Lebensweise, zu seinem Frühstück, bestehend aus zwei trockenen Semmeln und einem Scheibchen Wurst und seinem Mittagstisch zu sechs Silbergroschen mit Schwarzbrot nach Belieben. Außerdem war es, soviel ich wußte, noch niemals vorgekommen, daß er jemanden eingeladen hatte; er galt allgemein für sehr knauserig und wurde gern mit seinen ersparten Schätzen geneckt, was er übrigens durchaus nicht mochte. Doch zerstreute er bald meine Besorgnisse, indem er fortfuhr:

»Natürlich so üppig geht es bei mir nicht her, ›so fett fiedelt Lux nich‹*, nein, bei mir gibt es Pellkartoffeln mit Hering und Speckstippe, was für jeden guten Mecklenburger ein feines Gericht ist, und wo auch andere Nationen was für über haben. Wollen Sie?«

Ich fühlte mich natürlich sehr geehrt und sagte selbstverständlich zu. In diesem Augenblick sah der alte Gram nach der Uhr und bemerkte, daß es halb sieben war. Da er nun wegen dieser Einladung nicht wie gewöhnlich seine zehn bis fünfzehn Minuten nachsitzen konnte, so erwachte sein Gewissen heute ein wenig früher als sonst, er eilte unter den gewöhnlichen Ausdrücken hoher Verwunderung über die Flüchtigkeit der Zeit in sein Zimmer, und bald hörte ich an einem starken Schurren seiner Reißschiene und dem Klappern des Dreiecks, daß er mächtig an der Arbeit war.

Als ich um sieben Uhr kam, ihn abzuholen, hatte er sich bereits fertiggemacht, und wir begaben uns gemeinschaftlich zu seiner Wohnung, die in der Gartenstraße gelegen war. Unterwegs machte er einige Einkäufe, erstand in einem Keller nach sorgfältiger Auswahl zwei silberblanke Heringe und holte sich aus einem Gemüseladen eine Handvoll Zwiebeln. Er zeigte sie mir und sagte: »Als ich das erstemal in Berlin Zwiebeln kaufte, bekam ich nicht so viele. Ich war damals noch nicht lange hier und ging in den Keller und forderte etwas zaghaft für sechs Pfennige Zwiebeln. Die Frau sah eine Weile nachdenklich aus, dann nickte sie, weil sie wohl dahinterkam, was ich eigentlich wollte, und hatte unterdes auch wohl festgestellt, daß ich nicht von hier wäre. Ich bekam zwei kleine Dingerchen, die kaum zu sehen waren. Im Lauf der Zeit bin ich nun dahinter gekommen, wie man Zwiebeln kaufen muß. Jetzt gehe ich kühn und zuversichtlich in den Keller und fordere mit starker Stimme: ›Forn Sechser Bollen!‹ Sehen Sie, dann gibt’s so viele!« schloß er und schaute mit wahrhaft mephistophelischem Grinsen auf seine gefüllte Hand.

Er wohnte in der Gartenstraße in einem häßlichen Haus. Die schmutzige Treppe und der Geruch nach aufgewärmtem Kohl, der dort herrschte, erweckten keine besonderen Erwartungen, um desto größer war meine Überraschung, als ich in sein sauberes und freundliches Wohnzimmer trat, das zwar einfach, aber nett und sehr reichlich mit Möbeln ausgestattet war. An den Fenstern standen schöne Blumen; es sah bei ihm so ordentlich und sauber aus wie bei einer alten Jungfer. Die Wohnung bestand aus zwei Zimmern, einem Kämmerchen und einer vollständig eingerichteten Küche, in die wir uns jetzt begaben. Meine Überraschung wuchs, denn ich hatte ihm nie mehr als das gewohnte etwas unwirtliche Chambregarniezimmer zugetraut. Und in dieser Küche fehlte nichts, was in eine zwar einfach, aber ordentlich eingerichtete Küche gehört. Das nötige Geschirr hing an den Wänden oder blinkte durch die Glasfenster des Küchenschrankes, und alles war sauber und ordentlich gehalten.

Der alte Gram zog sich seinen Hausrock an und band eine mächtige Küchenschürze vor. Sodann machte er sehr geschickt Feuer auf dem Herd, und ehe er begann die Kartoffeln zu waschen, von denen ein kleiner Vorrat vorhanden war, holte er ein weißgescheuertes Brett von der Wand, aus dem Küchenschrank ein Messer und aus der Speisekammer ein Stück Speck, legte alles auf den Küchentisch zu den Zwiebeln und fragte: »Würden Sie sich wohl getrauen, diesen Speck in viertelzöllige Würfel und diese Zwiebeln in feine Löckchen zu zerschneiden?«

»O natürlich«, sagte ich sehr zuversichtlich, »ich koche selbst und mache mir fast jeden Abend meine Karbonade oder mein Beefsteak.«

»Ei, ei, sehr interessant«, sagte er, »wie machen Sie denn das Beefsteak? Vielleicht kann man da noch etwas lernen. Es gibt verschiedene Methoden.«

»Zunächst«, antwortete ich, »kaufe ich mir ein halbes Pfund Schabefleisch.«

»Üppig, üppig!«, meinte er, »anderthalb Viertel ist schon sehr reichlich.«

»Sodann lege ich dies Fleisch zu Hause auf ein Blatt weißes, starkes Papier und halte es gegen den Ofen.«

»Warum gegen den Ofen?« fragte er höchst verwundert.

»Nun, auf dem Tische bauzt es so, daß man es im ganzen Hause hören kann, denn nun nehme ich meinen Stiefelknecht und wamse das Fleisch so furchtbar durch, daß es nur noch in den Fetzen zusammenhängt. Das schadet nichts, denn in der Pfanne zieht sich alles wieder zusammen.«

»Das stimmt«, sagte er befriedigt, »aber was den Stiefelknecht betrifft – Stiefelknecht ist gut!« Und er grinste vor Vergnügen wahrhaft teuflisch.

»Ich benutze ihn nur zu diesem Zwecke«, sagte ich entschuldigend; »zum Stiefelausziehen habe ich einen anderen. Sodann salze ich das Fleisch und mache auf meinem Spiritusschnellkocher in einer kleinen Weißblechpfanne wenig Butter braun, so braun, daß sie nicht im geringsten mehr schreit, sondern ganz mausestill ist. Denn das Beefsteak soll nicht schmoren, sondern braten, und so muß erst alles Wasser heraus aus der Butter. Dann bekommt nämlich das Fleisch einen so mordsmäßigen Schreck, wenn ich es nun plötzlich in das heiße Fett lege, daß es sich sofort mit einer Haut überzieht, die den Saft nicht auslaufen läßt.«

Der alte Gram nickte sehr wohlwollend zu der Fülle meiner Kenntnisse.

Ich aber fuhr fort: »Ist es nun auf der einen Seite gut, dann hebe ich es eine Weile heraus, bis die Butter zum zweitenmal still wird, und nun kommt die andere Seite dran. Ist auch diese gut, lege ich das Beefsteak auf einen Teller, und nun mache ich etwas mehr Butter braun als das erstemal. Da hinein kommen die Zwiebeln, die ich schön braun brate. Diese Sauce muß so heiß werden, daß das Beefsteak schreit, wenn sie drüber gegossen wird. Dieses sieht dann, mit krausen Zwiebellöckchen bedeckt, schön dunkel, glänzend und appetitlich aus und nicht blaß und hellgrau, in ausgetretenem Safte schwimmend, wie Dilettanten es zurechtzuschmoren pflegen.«

»Alle Achtung«, sagte der alte Gram und legte die Hand militärisch an seine Schläfe, »Sie dürfen heute Speckstippe machen.«

Unterdes war er nicht müßig gewesen, hatte seine Kartoffeln gewaschen und aufgesetzt, und nun machte er sich im Wohnzimmer zu schaffen, während ich mich meiner angewiesenen Arbeit mit großer Hingebung widmete und wahrhaft ideale Speckwürfel und Zwiebellöckchen zustande brachte. Als er nun seine Kartoffeln gekocht, das Wasser abgegossen und sie zum Abdampfen auf den warmen Herd gestellt hatte, brachte ich dann auch eine Speckstippe zustande, die die Küche mit einem wahrhaft bezaubernden Duft erfüllte und den alten Gram, der gerade wieder aus dem Wohnzimmer kam, zu lüsternem Schnuppern verführte.

Wir trugen auf. Der alte Gram hatte sauber den Tisch gedeckt und es sah wirklich nicht aus wie in einer Junggesellenwirtschaft. Als nun von den Kartoffeln nur noch ein Haufen Pellen, von den Heringen ein paar traurige Gräten und von der bewundernswürdigen Speckstippe gar nichts mehr da war, sagte der Gastgeber: »Ich könnte nun wohl von der Tochter meiner Aufwärterin, die hier auf demselben Flur wohnt, ein paar Flaschen Bier herumholen lassen, aber es war heut‘ ein kühler Tag und der Regen klatscht schon wieder an die Fenster. Ich denke, wir machen uns ein Grögchen!«

Ich hatte nichts dagegen, obwohl wir Anfang Juli hatten, denn ich stammte aus einer Gegend in der Nähe des Seestrandes, wo man den »ostpreußischen Maitrank« auch im Sommer fleißig genießt, und wo man die Geschichte erzählt, daß ein bei solchem Anblick erstaunter Fremdling auf seine Frage: »Aber Leute, was trinkt ihr denn im Winter?« die Antwort erhalten habe: »Viel Grog!«

Das erwärmende und belebende Getränk machte meinen Wirt noch mitteilsamer, als er heute schon war. Beim zweiten Glas merkte ich, daß er sich mit dem Gedanken trug, mir etwas anzuvertrauen, allein er kam nicht hinaus über die Anfänge und Andeutungen, die ich nicht verstand. Endlich schien er Mut zu fassen, sah mich eine Weile forschend an und sagte dann: »Ist es Ihnen nicht aufgefallen, wie vollständig eingerichtet ich bin?«

»Jawohl«, antwortete ich, »eine förmliche kleine Aussteuer«.

»Ja, Aussteuer, das ist das richtige Wort, und Sie haben noch nicht alles gesehen.« Damit öffnete er die Tür zu seinem geräumigen Schlafzimmer und ließ mich hineinschauen. Ich sah dort in der beginnenden Abenddämmerung eine gute und vollständige Einrichtung für zwei Personen. Das andere Bett stand an der Wand dem seinen gegenüber, war hoch mit überzähligen Kissen bepackt und mit einem Laken zugedeckt, das sorgfältig an den Seiten eingestopft war.

»Wohl für Logierbesuch«, sagte ich, indem ich auf das zweite Bett deutete.

»Logierbesuch?« fragte er verwundert. »Ich habe nie Logierbesuch. Sie wissen übrigens doch, daß ich verlobt bin?«

Ich hatte allerdings gehört, daß er damit geneckt wurde. Es gab öde Spötter, die behaupteten, er heirate nur nicht, weil es zu teuer sei, nach dem Muster jenes Geizhalses, der aus Angst vor den Begräbniskosten nicht sterben konnte und uralt wurde.

»Ah so«, sagte ich, »dann steht die Hochzeit wohl bald bevor und dies ist die Aussteuer Ihrer Braut?«

»Es ist meine Aussteuer«, sagte er fast mit etwas stolzer Betonung, »und wann die Hochzeit sein wird, das weiß Gott. Es ist ein Hindernis da. – Der Alte will nicht. – Wir warten -«, schloß er resigniert.

»Ihre Braut ist doch mündig?« fragte ich.

Er mußte unwillkürlich lächeln. »Ja mündig ist sie wohl, aber wo denken Sie hin. Ohne den Willen des Vaters? Dabei ist kein Segen.«

Wir waren in das Wohnzimmer zurückgekehrt und setzten uns wieder. Es dunkelte, der Regen prickelte ans Fenster und auf dem Tisch sang leise der Wasserkessel über einer kleinen Spiritusflamme. Die Dämmerung schien ihm Mut zu machen, er rückte ein paarmal auf seinem Stuhl hin und her und begann dann:

»Sie sind mein Landsmann. Sie sind nicht wie die anderen und lachen nicht immer über Dinge, die einem gar nicht lächerlich sind. Es mag wohl sein, daß den Leuten manches an mir schnurrig erscheint. Aber ich bin von Jugend auf allein meinen Weg gegangen und niemand hat mir beigestanden. Andere können sich wehren, aber das ist mir nicht gegeben. Wenn ich harte Worte höre oder häßliches Gelächter, so macht es mich stumm und traurig, und ich habe ein Gefühl, als ob ich mich verkriechen möchte. Aber wenn man auch jahrelang in der Einsamkeit hinlebt und sich daran gewöhnt, als ob es nicht anders sein könnte, so bleibt einem doch immer die Sehnsucht, sich einmal auszusprechen mit einem, der Anteil nimmt und nicht mit anderen sein Gespött darüber treibt. Sie wundern sich vielleicht, daß ich von Einsamkeit rede, da ich doch den ganzen Tag mit Menschen verkehre und mich den ganzen Tag mit ihnen unterhalte – ach, dabei kann man doch sehr einsam sein.«

Er machte eine Pause, rührte ein wenig in seinem Glas, trank ein Schlückchen und fuhr dann fort:

»Ich bin jetzt achtunzwanzig Jahre in Berlin. Zuerst besuchte ich das Gewerbeinstitut und als ich dies verlassen hatte, fand ich gleich eine Stelle in der Fabrik, wo ich noch bin. Ich war damals zweiundzwanzig Jahre alt und ein bißchen lebenslustiger als jetzt und verkehrte in einer Familie, deren einer Sohn mein Kollege war. Eines Tages im Juli war unter mehreren bekannten Familien eine Landpartie nach der alten Fischerhütte am Schlachtensee im Grunewald verabredet, und ich war auch eingeladen. Wir fuhren in einem Kremser, der natürlich, wie das immer ist bei solchen Gelegenheiten, gepreßt voll war. Als ich endlich Platz gefunden hatte und mich umsah, da durchfuhr es mich wie ein Schreck und gab mir einen Schlag auf das Herz, denn mir schräg gegenüber saß ein Mädchen, das ich wohl kannte, hier aber nicht erwartet hatte. Zwar hatte ich sie nie gesprochen, desto öfter aber gesehen, denn solange ich in Berlin war, seit drei Jahren, wohnte ich ihr gegenüber. Als ich zuerst auf sie aufmerksam wurde, war sie vierzehn Jahre alt und noch ein Kind, das kurze Kleider trug. Trotzdem besorgte sie die ganze Wirtschaft des Vaters, der, obwohl ihm das ganze Haus gehörte, nur eine kleine Wohnung inne hatte und sich kein Mädchen hielt. Wenn ich an meinem Schreibtisch am Fenster bei der Arbeit saß, konnte ich, da die Straße nicht breit war, einen Teil der gegenüberliegenden Wohnung übersehen und hatte meine Freude daran, mit welchem Fleiß und Ernst und welcher hausmütterlichen Verständigkeit das Kind bei der Arbeit war. Auch auf der Straße sah ich sie zuweilen, wenn sie mit wichtiger Miene und einem großen Korb auf den Markt ging, wo sie trotz ihrer Jugend geschickt einzukaufen wußte und mächtig zu handeln verstand wie eine Alte. Niemals sah ich sie müßig, denn wenn alle andere Arbeit, wie Reinemachen, Fegen, Scheuern, Einholen und Kochen besorgt war, saß sie am Fenster und nähte oder strickte mächtige graue Strümpfe für den Alten oder zarte weiße für sich. Ich dachte mir, das müsse einmal eine ganz ausgezeichnete Hausfrau geben, und stellte mir vor, so müsse meine Mutter als Kind gewesen sein. Auch sie sah öfter zu mir herüber, und wenn ich ihr auf der Straße begegnete, da merkte ich, daß sie mich kannte. So waren drei Jahre vergangen, sie war siebzehn Jahre alt geworden, und nun saß sie mir mit einemmal ganz unerwartet gegenüber und wir wurden beide rot, ohne recht zu wissen warum. Ich muß nur gleich sagen, daß sie nicht hübsch war, aber doch mochte man sie gerne ansehen, weil so eine angenehme Güte in ihrem Gesicht war. Sie schien sich nicht behaglich zu fühlen, da sie ganz gegen ihre Gewohnheit nichts zu tun hatte, aber es dauerte nicht lange, da hatte sie sich ein zweijähriges Kind geholt, das mit bei der Partie war und immer schrie, obwohl, oder vielmehr weil es von seiner unverständigen Mutter fleißig zur Ruhe geknufft und geschüttelt wurde. Bei ihr war es gleich still, sah sie mit großen Augen von unten auf an und benahm sich sehr gnädig. Sie behielt es den ganzen Weg lang und machte ihm was vor und benahm sich sehr niedlich und mütterlich. Auf der alten Fischerhütte wurde natürlich zunächst mächtig viel Kaffee gekocht und der mitgebrachte Kuchen ausgepackt. Als man damit fertig war, beschloß man, im Walde gesellschaftliche Spiele zu spielen. Ich war dazwischen an den See gegangen und hatte mich dort ein wenig umgesehen. Denn meine Vaterstadt liegt an einem großen See, und darum habe ich so gern den kräuterigen Geruch am Seeufer und höre gern, wie die kleinen Wellen ans Land plätschern und das Rohr dazu raschelt. Als ich wieder zurückkam, war die Gesellschaft schon weg. Einer mußte aber doch bei den Sachen bleiben und dazu hatte sich das junge Mädchen, mein Gegenüber, erboten, was ihr natürlich wieder ähnlich sah. Das kleine Kind hatten sie auch bei ihr gelassen. Es saß auf der Erde, hatte in der einen Hand ein Stück Kuchen, in der anderen einen alten Blechlöffel und spielte ganz stillvergnügt mit Sand. Ich weiß nicht, woher ich den Mut nahm, aber ich fragte sie, ob ich ihr ein wenig Gesellschaft leisten dürfe. Und dann haben wir uns allerlei erzählt, daß wir uns eigentlich schon drei Jahre kennen und was für ein Geschäft ich hätte und wie eigen ihr Vater wäre, und wo ich her wäre, und ob ich auch noch Eltern hätte. Dabei strickte sie emsig einen weißen Strumpf und ich sah zu, denn wenn Mädchen oder Frauen stricken, das habe ich immer gern gesehen. Für mich ist der Strumpf ein fast unbegreifliches Kunstwerk und ich denke mir, die Frau, die den ersten Strumpf erfunden hat, muß ganz unglaublich klug und geschickt gewesen sein. Wie dem Mädchen die Finger gingen! Zwar sehr zart waren diese natürlich nicht, dazu mußten sie zu viel arbeiten, aber fix und zierlich sah es doch aus, wie sie die blanken Stricknadeln so emsig tanzen ließ. Dann aber wurde die Unterhaltung spärlicher, denn sie war an den Hacken gekommen und mußte aufpassen. Da durfte ich sie nicht stören und sah ruhig zu, wie sie zählte und strickte.

Nachher kam die Gesellschaft aus dem Walde zurück und es ging wieder laut und lärmend her, die Herren tranken Weißbier mit Luft* und die Damen mit Himbeer; es wurde gekegelt, geschaukelt und mit Ringen nach dem Ziel geworfen und was solcher Vergnügungen mehr sind. Bei der Nachhausefahrt gelang es mir, den Platz neben ihr zu erhalten, worüber ich sehr glücklich war und mir wünschte, daß die Fahrt recht lange dauern möge. Es war schon dunkel, und da es ein wenig regnete, hatte der Kutscher auch die Außenleder heruntergelassen, so daß es niemand sah, daß ich ihre kleine arbeitsharte Hand in der meinen hielt. Darüber war sie gar nicht böse, nur einmal sagte sie leise: ›Lassen Sie nur die Handschuhe nicht fallen.‹ Denn diese hielt sie in derselben Hand. Nachher hatten wir noch einen weiten Weg, und da wir in derselben Gegend wohnten, brachte ich sie nach Hause. Ich begreife noch heute nicht, woher ich die Kühnheit nahm, aber es war so einsam auf der Straße und vor ihrer Haustür lag so ein tiefer Schatten, und es kam so ganz von selbst, daß wir uns beim Abschied küßten. Nachher konnte ich vor Glück lange nicht einschlafen.

Seit diesem Tage betrachteten wir uns als miteinander verlobt, obwohl es noch niemand wissen durfte, da an eine Heirat noch lange nicht zu denken war. Denn ich hatte damals nur zwanzig Taler monatlich. Aber wir waren beide noch sehr jung und konnten warten. Es war das Beispiel Jakobs, was mich veranlaßte, mir gleich sieben Jahre vorzunehmen. So lange hatte dieser gedient um Rahel und dann noch nicht einmal die Rechte bekommen. So war ich denn fleißig und sparte, soviel es bei dem knappen Gehalt möglich war. Doch dieses stieg allmählich und ich konnte bald mehr zurücklegen. Nach sieben Jahren hatte ich eine Einnahme von fünfhundert Talern jährlich und über tausend hatte ich zurückgelegt. Wie das möglich war bei der knappen Einnahme, werden Sie kaum begreifen, aber ich brachte es fertig, indem ich jede unnütze Ausgabe vermied. Nun dachte ich, dürfte ich es wagen, denn ich konnte nötigenfalls sogar auf eine Aussteuer verzichten. Ich war jetzt neunundzwanzig Jahre alt und meine Braut vierundzwanzig, das war ein gutes Alter zum Heiraten. Wir trafen uns jeden Sonnabend, wenn der Vater regelmäßig seinen Kegelklub besuchte und nicht vor elf Uhr nach Hause kam. Wir gingen dann spazieren, in der guten Jahreszeit vor dem Schönhauser Tor, wo die Windmühlen stehen und noch Kornfelder sind, im Winter aber in der Stadt und unterhielten uns von der Zukunft. Als ich ihr nun bei solcher Gelegenheit sagte, daß ich nächstens kommen und mit ihrem Vater sprechen wolle, da erschrak sie doch sehr. ›Wenn es nur gut abläuft‹, meinte sie, ›er hat solchen Stolz als Hausbesitzer‹. Das war nun eigentlich gar nicht nötig, denn er gehörte damals noch zu der Sorte, denen jede leerstehende Wohnung schlaflose Nächte macht und die von dem geringen Überschuß, der ihnen nach Auszahlung der Hypothekenzinsen bleibt, sich mühsam durchbringen. Er hatte einen einträglichen kleinen Grünkramhandel betrieben und machte es wie viele in Berlin. Als er ebensoviel erworben hatte, daß er die notwendige Anzahlung leisten konnte, kaufte er ein Haus und setzte sich damit zur Ruhe, ging in einem blau flanellenen Schlafrock, einer gestickten Hausmütze und auf Filzparisern mit einer langen Pfeife herum und dachte Tag und Nacht darüber nach, wie er seine Mieten höherschrauben könne.

Ich faßte aber dennoch Mut, ging mit großem Herzklopfen zu ihm und trug ihm mein Anliegen vor, was mir nicht leicht wurde, denn er betrachtete mich die ganze Zeit über mit schrecklichen Blicken und wurde immer röter vor Wut und paffte fürchterlich aus seiner langen Pfeife. Dann brach er los und gab es mir: Wenn er seine Töchter jemandem geben wolle, dann wäre die Aussteuer seine Sache. Mit meinen sechs Dreiern die einzige Tochter von einem Hausbesitzer zu angeln, das könnte mir wohl passen. Was ich denn weiter wäre als so ’n studierter Schlossergesell, der sich Wunder was einbilde, wenn er sich Ingenieur schimpfen ließe. Und brauchte viele harte Worte, worauf ich nicht antworten konnte, wodurch seine Wut noch immer größer wurde. Vielleicht, wenn ich ihm in derselben Weise hätte antworten können, wäre die Sache noch zurechtgekommen, da mir das aber versagt ist, so redete er sich schließlich so in Zorn, daß er mich sozusagen hinauswarf. Das gute Mädchen hatte im Nebenzimmer alles gehört; sie drückte mir auf dem Korridor im Vorübergehen schnell die Hand und sagte: ›Ich warte, ich warte auf dich und wenn es zwanzig Jahre dauert.‹

Den Mut, noch einmal um sie anzuhalten, habe ich seitdem nicht wieder gefunden und wir warten noch immer. Am Sonnabend werden es nun fünfundzwanzig Jahre, seit wir uns an der alten Fischerhütte getroffen haben. Wir kommen noch immer jeden Sonnabend zusammen und gehen miteinander die alten Wege. Zu sagen haben wir uns nicht viel mehr, aber wir freuen uns doch, daß wir beieinander sind. Da mein Gehalt in dieser Zeit immer ein wenig stieg, so habe ich mir jetzt über zehntausend Taler erspart und die Aussteuer steht fix und fertig da, so daß wir jeden Augenblick heiraten könnten.«

Der alte Gram schwieg, rührte wieder in seinem Glas und trank den Rest des kalt gewordenen Grogs aus. Der Regen prickelte einförmig auf dem Fensterblech, es war ganz dunkel geworden und nur die kleine Spiritusflamme unter dem leise singenden Kessel verbreitete einen matten Schein.

Ich dachte ihn zu ermutigen, wenn ich sagte: »Aber lieber Herr Gram, jetzt steht denn doch die Sache ganz anders. Sie haben ein sehr nettes kleines Vermögen und wenn Sie jetzt kommen würden… Ihre Braut ist doch auch schon ziemlich alt – zweiundvierzig Jahre – da wird es doch am Ende hohe Zeit, wenn…«

Obwohl ich es wegen der Dunkelheit nicht sehen konnte, so fühlte ich doch sozusagen das unbeschreibliche Grinsen, das ihm um die Lippen spielte.

»O ne, ne, ne!« sagte er, während er die Hand abwehrend in der Nähe seines Ohres schwenkte, »O ne, ne, ne! Bei dem Alten haben sich die Zeiten auch verändert. Sein Haus ist mächtig im Preise gestiegen, er hat es mit großem Vorteil verkauft und hat nun ein neues, sehr schönes Haus in guter Gegend und ist ein gemachter Mann mit ’ner dicken, goldenen Uhrkette und trinkt jeden Mittag seine Flasche Rotspon. Wir sind noch ebensoweit auseinander wie früher. Ne, ne, ne, wir warten, wir sind daran gewöhnt. Der Alte kann ja auch nicht ewig… doch sowas soll man ja nicht einmal denken.«

Diese bemerkenswerten Geständnisse machte mir der alte Gram gerade um die Zeit, als ich meinen alten Freund Leberecht Hühnchen, der damals ebenfalls in der Gartenstraße wohnte, zum erstenmal wieder aufgesucht hatte. Als ich am folgenden Tage zufällig mit ihm zusammentraf, konnte ich nicht umhin, ihm die Geschichte dieser fünfundzwanzigjährigen Verlobung zu erzählen, da ich wußte, daß sie seiner Teilnahme gewiß sei.

»Die armen einsamen Menschen«, sagte er, »sie haben alles in sich verschlossen und niemanden gefunden, der sich ihrer angenommen hätte. Solche Menschen müssen einen Freund haben, der für sie handelt. Ich will nicht Hühnchen heißen, wenn dieser Freund nicht jetzt gefunden ist. Aber was nun zunächst zu geschehen hat, das ist dir hoffentlich ebenso klar als mir, Teuerster! Was?« Dabei sah er mich an und leuchtete mit den Augen, wie nur er es konnte.

Da ich nicht ahnte, welchen kühnen Sprung sein findiger Geist wieder gemacht hatte und wo er hinaus wollte, so sagte ich gar nichts und blickte ihn nur verwundert an.

»Du weißt, was auf der Hülse meines Bürobleistiftes eingegraben ist«, sagte er dann, »mein Wahlspruch: ›Man muß die Feste feiern, wie sie fallen!‹ Denkst du denn, ich werde mir die Feier einer silbernen Verlobung entgehen lassen? Ein Fest von ganz unbeschreiblicher Seltenheit, gegen das eine diamantene Hochzeit einfach verschwindet. Denke nur, welche Treue und Ausdauer dazu gehört – Gummielastikum ist ja gar nichts dagegen. Soll dieser seltene Tag unbeachtet in den Orkus sinken? Nein, das sei ferne von mir.«

»Ja«, sagte ich sehr zweifelhaft, »aber wie und wo? Und wenn der alte Gram und seine Braut nicht wollen?«

»Das Wie laß meine Sorge sein«, rief Leberecht Hühnchen, »und wo? Natürlich bei mir. Mir schwebt schon so was vor wie Engel mit goldenen Flügeln, italienische Nacht und Erdbeerbowle. Großartige Pläne durchkreuzen mein Gehirn. Und wenn sie nicht wollen, da müssen sie breitgeschlagen werden. Du mußt dem alten Gram mit Sirenengesang so lange in den Ohren liegen, bis er mürbe ist. Denke doch nur, wie günstig die Sache liegt. Der bemerkenswerte Tag fällt gerade auf einen Sonnabend, wo das väterliche Ungetüm dem Gambrinus und dem Gott des Spieles (wie heißt er doch eigentlich?) opfert. Sollen die beide guten Leute an diesem seltenen Festtag etwa wieder vor dem Schönhauser Tore zwischen prosaischen Kornfeldern und herzlosen Windmühlen herumspazieren? Nein, sie sollen diesen Abend verbringen unter freundlicher Teilnahme mitfühlender Seelen, sie sollen an diesem Abend wissen, daß sie nicht allein sind, und daß die innigsten Wünsche ihrer neuen Freunde gerichtet sind auf eine nahe Erfüllung ihres späten Glücks. Siehst du, so denk‘ ich mir das.«

Obwohl ich sehr wohl die Schwierigkeit erkannte, den alten Einsiedler zu diesem Besuch bei völlig unbekannten Leuten zu bewegen, so wußte ich doch, daß Hühnchen, wie man in Süddeutschland sagt, mich nicht auslassen würde, und machte mich, allerdings mit wenig Hoffnung, an die Arbeit. Ich fing die Sache mit der möglichsten Vorsicht an und umkroch das feste Lager seiner Vorurteile mit diplomatischer Schlauheit, wie ein Indianer auf dem Kriegspfade. Als ich ihn so weit hatte, daß er in der Theorie zugab, eine Feier dieser fünfundzwanzigjährigen Verlobung in befreundetem Kreise würde keine üble Sache sein, da änderte ich meine Taktik, als er meinte, dieser befreundete Kreis fehle leider, denn seine Braut und ich seien die einzigen Menschen, die nicht über ihn lachten. Da begann ich listig das Lob meines Freundes Hühnchen zu singen, von dem ich ihm schon vorher manches erzählt hatte. Ich schilderte ihm den Abend in Hannover, wo wir auf dem gebirgigen Sofa Tee tranken und uns für dreißig Pfennig einen vergnügten Abend machten, und weckte mit der Darstellung dieser freudigen Genügsamkeit einen Widerhall in seiner eigenen, bedürfnislosen Seele. Ich sprach von dem menschenfreundlichen Sinn der Familie Hühnchen und von dem ständigen Sonnenschein, der in ihr herrschte, ich schlug die Harfe zu ihrem Ruhm, so gut ich konnte, und schließlich rückte ich mit meinen Vorschlag heraus. Da fing aber der alte Gram an, sich mächtig zu wehren. Drei Tage lang kämpften wir miteinander und wohl hundertmal hörte ich in dieser Zeit sein abwehrendes: »O ne, ne, ne!«

Schließlich mußte ich doch Hühnchen zur Hilfe rufen. Wir spannen ein Komplott. Der alte Gram wurde von mir auf das berühmte Stiefelknechtbeefsteak eingeladen, und als wir gerade im besten Schmausen waren, kam Hühnchen »ganz zufällig« drüber zu und war sehr erfreut, die werte Bekanntschaft zu machen. Ihm persönlich widerstand der alte Einsiedler keine Viertelstunde lang, vor diesem Sonnenschein schmolzen seine Bedenken wie Butter dahin, und nach kurzer Zeit erklärte er sich unter einem Grinsen, um das ihn der alte Luzifer selber hätte beneiden können, zu allem bereit.

Ich war der erste, der am Abend des fünfzehnten Juli, etwas vor der festgesetzten Zeit, acht Uhr, in Hühnchens Wohnung eintraf. Ich fand ihn allein, eifrig beschäftigt mit der Herstellung von Erdbeerbowle in einem mächtigen Glaspokal, der mir sonderbar bekannt vorkam, obwohl ich wußte, daß er als Bowlengefäß mir bis dahin noch nicht begegnet war. Er war hergestellt aus rot überfangenem Kristallglas. Nach einem bestimmten Muster waren in diesen roten Überzug Kreise eingeschliffen, die in dem darunterliegenden durchsichtigen Glas konkave Vertiefungen bildeten und alles, was sich ringsum befand, unzähligemal in komischer Verkleinerung widerspiegelten. »Setze dich, Teuerster!« sagte Hühnchen, »du mußt einstweilen mit mir allein vorlieb nehmen. Frau Lore ist in ihrem Atelier und dichtet Butterbrote. Keine derben Berlinischen Schinkenstullen, wofür Mutter Gräbert im Vorstädtischen Theater berühmt ist, nein, zarte mecklenburgische Laubblätter, mit viel drauf und von einer Abwechslung, die nicht ohne Studium erreicht worden ist. Zwölf verschiedene Arten hat sie herausgebracht. Die Kinder sind aus geheimnisvollen Gründen überhaupt nicht sichtbar.«

Ich grübelte immer noch über den sonderbaren Glaspokal nach – das Ding kannte ich doch. Mit einemmal wurde ich auf ein Plätschern aufmerksam, das aus einer dunklen Ecke tönte. Ich trat näher und fand dort eine Waschschüssel, in der zwei Goldfische schwammen, und in demselben Augenblick brach ich in ein schallendes Gelächter aus. Hühnchen erkannte sofort den Grund und machte eines von seinen allerpfiffigsten Gesichtern. »Allzeit erfindungsreich zu sein«, sagte er, »ist die Haupteigenschaft eines guten Ingenieurs. Ein solch opulentes Gerät wie eine Bowle befindet sich nicht bei unserer einfachen Aussteuer. Jedoch besitzen wir dies köstliche Goldfischglas – die gute Tante Julchen vermachte es uns, es dient unseren Goldfischen zur pomphaften Wohnung. Ich denke, die bescheidenen und einfachen Tiere treten es uns für diesen feierlichen Zweck gerne ab. Sie sind zwar stumm, aber könnten sie sprechen, so würden sie, denke ich, sagen: O bitte, Herr Hühnchen, es soll uns eine Ehre und ein Vergnügen sein.«

Ich war unterdes auf den Balkon hinausgetreten, auf dessen winzigem Raum Hühnchen seine Blumenzucht betrieb. An den Gitterstäben rankten Winden empor und rechts und links stand ein blühender Oleander. An der Handleiste des Geländers waren durch Drähte eine Reihe von Töpfen mit Linaria cymbalaria angebracht, deren blühende Ranken weit herniederhingen. Daß diese genügsame Felsenpflanze Hühnchens Liebling war, konnte man sich wohl erklären; sie, die aus der kümmerlichsten Mauerritze mit einer Fülle von zierlichen Ranken und niedlichen Blüten hervorquillt, war ein Bild seines eigensten Wesens. Jedoch dies alles war mir bekannt und fiel mir nicht auf, aber neu waren mir zwei kleine, bunte Papierlaternen, die an den Oleandern hingen. Hühnchen stand plötzlich hinter mir: »Vorbereitungen zur italienischen Nacht!« sagte er. Er wollte noch mehr Erklärungen geben, wurde aber unterbrochen, da Frau Lore mit einer mächtigen Schüssel aus der Küche kam, auf der eine gewaltige Kuppel der verschiedenartigsten Butterbrote prangte, während zugleich die Türglocke ging und den alten Gram mit seiner Jubelbraut ankündigte. Mit rührender Herzlichkeit wurden sie von den beiden guten Leuten empfangen, so daß die erste Befangenheit sich bald verlor. Der alte Gram war in einen etwas fadenscheinigen, aber wohlgebürsteten, schwarzen Anzug gekleidet, der schon vor zehn Jahren nicht mehr modern war, und grinste ungemein; seine Braut, ein schüchternes, ältliches, unscheinbares Wesen, trug ihr »Schwarzseidenes«, dem man ansah, daß es schon wer weiß wie oft durch irgendeine kleine, geschickte Änderung in bescheidener Weise den Ansprüchen der Mode gefolgt war. Mit großer Mühe wurde das Brautpaar auf den Ehrenplatz genötigt; Hühnchen war unterdes verschwunden. Nach kurzer Zeit kam er zurück und ließ die Tür zum Nebenzimmer hinter sich auf. Frau Lore hatte sich ans Klavier gesetzt und spielte etwas Feierliches, das Brautpaar sah ängstlich und erwartungsvoll aus. Dann traten Hühnchens Kinder ein. Hans und Frieda, im Alter von sechs und fünf Jahren. Sie trugen lange, weiße Gewänder und goldene Flügel, die der erfindungsreiche Hühnchen sehr kunstvoll aus Pappe und Goldbronze angefertigt hatte, und stellten, wie sie nachher selbst verkündigten, die Liebe und die Treue dar. Die Liebe trug einen roten Gürtel und einen Rosenkranz, die Treue einen blauen und einen Kranz von Vergißmeinnicht. Sie sprachen mit ihren frischen Kinderstimmen einige wohlgemeinte Verse von Liebe und Treue, die immer beieinander sein müßten und die sich hier bewährt hätten durch fünfundzwanzig Jahre. Sie wären gekommen auf goldenen Flügeln von ihren himmlischen Höhen, um diesen guten Menschen selber zu danken und ihnen den baldigen Lohn zu wünschen für geduldiges Ausharren in Liebe und Treue, und brächten als ein Zeichen ihrer höchsten Gunst der Braut den Kranz und dem Bräutigam den Strauß von Immergrün. Möge er sich bald in zartblühende Myrten verwandeln und dereinst nach weiteren fünfundzwanzig Jahren in echtem Silberglanze schimmern.

So zählten die beiden Kinder ihre Verse gewissenhaft ab und blieben nicht einmal stecken, was Hühnchen sichtlich mit großem Stolze erfüllte. Der alte Gram aber bot einen wunderlichen Anblick dar, denn diese kleine Huldigung hatte ihn überrumpelt und er war ihr sichtlich nicht gewachsen. Während er die Hand seiner Braut unausgesetzt streichelte, starrte er krampfhaft vor sich hin, und unter seiner Brille hervor rannen wie kleine, runde Perlen, eine hinter der anderen, die Tränen über seine Wangen, und dazu lächelte er so fürchterlich ironisch, wie noch nie in seinem ganzen Leben.

Nachher war es hübsch zu sehen, wie die beiden verkümmerten, ältlichen Leute jeder eins der hübschen Engelskinder auf den Schoß nahmen und mit welken Lippen die festen Rosenmündchen küßten und lieb mit ihnen waren, so gut sie es vermochten.

Dann aber, nachdem der innere Mensch sein Teil erhalten hatte, kam der äußere an die Reihe, und dem Inhalt des Goldfischglases und den von Frau Lore köstlich »gedichteten« Butterbroten ward alle Ehre angetan. Als es dunkelte, zündete Hühnchen heimlich seine beiden Papierlaternen an, und wir genossen die Reize der italienischen Nacht. Dabei kam noch ein von Hühnchen gemaltes Transparent zum Vorschein, zwei Herzen an einen höchst dauerhaften Pfeil gespießt, darüber eine große 25 und darunter das mathematische Zeichen der Unendlichkeit ~. »Sehr sinnreich! Was?« meinte Hühnchen zu mir.

Der alte Gram wurde ganz ausgelassen und gesprächig. Zum erstenmal in seinem Leben war er mit seiner alten Liebe unter freundlichen, teilnehmenden Menschen, und sein einsames, verschüchtertes Gemüt schwelgte in der für ihn so seltenen Empfindung, die durch das Goethesche Wort ausgedrückt wird: »Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.« Unausgesetzt rieb er leise seine knochigen Hände umeinander, und sein ständiges ironisches Lächeln bekam einen deutlichen Stich ins Liebenswürdige. Als Hühnchen eine kleine komische Rede hielt, lachte er sich fast um Verstand und Besinnung und in der Freude seines Herzens trank er, um doch etwas zu tun, vielleicht öfter, als er es gewohnt war, sein Glas leer. Er brachte sogar eine ganz manierliche kleine Rede auf die Familie Hühnchen zustande, wobei er sich zum Schluß allerdings ein wenig verhedderte, sich aber durch einen kühnen Sprung in ein plötzliches dreimaliges Hoch glücklich rettete.

Zuletzt, als der Pegelstand in dem Goldfischglas sich sehr bedenklich dem Nullpunkt näherte, wurde er gerührt, und dann übermannte es ihn. Plötzlich legte er den Kopf auf den Tisch und fing an, ganz erbärmlich zu schluchzen. Die erschrockene Braut fragte verwundert: »Johannes, was ist dir?« Hühnchen sprach zu ihm und versuchte ihn zu begütigen, allein anfangs war nichts aus ihm herauszubringen. Endlich schluchzte er mühsam hervor: »Daß es – daß es – so gute – so gute – Menschen gibt.«

Es gelang uns, ihn allmählich zu beruhigen, doch fand er seine Heiterkeit nicht wieder, er blieb ein Gemisch aus Wehmut und Scham, und selbst das stereotype Lächeln, das ihn, wie ich glaube, sonst auch im Schlaf nicht verließ, war verschwunden.

Jedoch die Zeit war abgelaufen, die der Jubelbraut zur Verfügung stand, und unter gerührtem Dank und vielen Händedrücken entfernte sie sich mit ihrem leidlich getrösteten, aber noch sehr weich gestimmten Johannes.

»So, das war der erste Streich und der zweite folgt sogleich!« sagte Hühnchen und rieb sich befriedigt die Hände. »Ich denke, ehe acht Tage vergehen, werden wir schon ein Stück weiter sein. Ich plane große Dinge und kühne Taten. Doch das ist einstweilen noch Geheimnis. Zunächst wollen wir den Goldfischen wieder zu ihrem Rechte verhelfen.«

Somit tranken wir unter heiteren Gesprächen und in behaglicher Wiederholung der Hauptmomente dieses seltenen Festes den Rest der Bowle aus, und nachdem wir den freudig plätschernden Goldfischen ihre rechtmäßige Wohnung wieder eingeräumt hatten, begab ich mich sehr befriedigt von diesem Abend durch die warme Sommernacht nach Hause.

Es war an einem Sonntagnachmittag, acht Tage später, als Hühnchen plötzlich in meine Wohnung gestürmt kam, ganz rot vor freudiger Aufregung. »Weißt du, wie mir zumute ist?« sagte er. »Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt! Ja, wenn ich nicht wüßte, daß solches dir entsetzlich ist, würde ich dir einen furchtbaren Kuß geben. Sie haben sich! Sie kriegen sich! Und ich allein habe es gemacht. Ich komme soeben her. In den Armen liegen sich beide, und weinen vor Schmerzen und Freude. Und selbst das alte Ungetüm von Vater schnuckte ganz gerührt. Er ist übrigens gar nicht so schlimm, wie der alte Hasenfuß ihn sich immer gedacht hat. Ich glaube, wäre er ihm nur früher ordentlich zuleibe gegangen, so säße er längst im warmen Nest und hätte sieben Kinder oder mehr. Doch ich will nach der Reihe erzählen. Ich kenne nämlich einen von den alten Hechten aus dem bewußten Kegelklub. Von dem ließ ich mich für gestern abend einschmuggeln mit der Absicht, mich an den widerborstigen Hausbesitzer und Brautvater heranzuschlängeln. Das gelang mir auch. Ich hatte mich auf eine Anzahl von meinen besten und lustigsten Geschichten eingeübt, die gab ich ihm so nach und nach zum besten und gewann seine Gunst dadurch. Er lachte darüber, daß er beinah den Schlag kriegte, und hatte die Gnade, zu bemerken, ich sei die ›putzigste Kruke‹, die ihm jemals vorgekommen sei. Ja, ich zog meine gemeinsten Saiten auf und bewunderte den Verstand und die Umsicht, mit der er es zum Hausbesitzer in einer so vornehmen Gegend gebracht habe. Ich ließ zart durchblicken, daß Hausbesitzer in meinen Augen ungefähr so etwas wie Halbgott bedeute. Er fing an, mich für einen sehr verständigen Menschen zu halten und schenkte mir immer mehr sein Vertrauen. Ich mußte mit von seiner Weißen trinken, und er bestellte mir eine Strippe* dazu. Zuletzt hatten wir uns so angefreundet, daß ich ihn nach Hause begleitete. Das war es, was ich erreichen wollte, denn ich wußte, er hatte einen ziemlich weiten Weg, auf dem sich manches sagen ließ. Er stützte sich auf meinen Arm und schurrte langsam auf seinen Zeugschuhen neben mir her. ›Sie haben noch junge Beene‹, sagte er, ›mit meine ollen Stelzen will et ooch nich mehr recht‹. Dies brachte mich auf körperliche Pflege, und ich fragte nach seiner Familie: ›Meine Olle is schon seit neinundzwanzig Jahre dot – ick habe bloß eene Dochter, die wart’t mir uff.‹ ›Nicht verheiratet?‹ fragte ich. ›Nee‹, sagte er, ›se is wohl nich for de Mannsleute. Anträge hat se ja gehatt, aber se wollte ja nich. Vor lange Jahre war mal eener bei mir, so’n Inschenjör, den mochte se, aber er hatte nischt. Schien mir ’ne olle Nulpe zu sind, denn als ick ’n bißken Deutsch mit ihn redete, da tat er ‚t Maul nich mehr uff und lief weg und kam nich mehr wieder. Und nu is meine Dochter schon in ‚t olle Register.‹ ›Wie hieß der Mann?‹ fragte ich. ›Nu, et war so wat wie Kummer.‹ ›Vielleicht Gram?‹ fragte ich. ›Richtig, Jram!‹ sagte er, ›nu det is ja Hose wie Jacke‹. ›Den Mann kenn‘ ich‹, erwiderte ich, ›ein sehr ordentlicher und sparsamer Mann, hat sich von seinem Gehalt seit jener Zeit über zehntausend Taler gespart‹. ›Zehndausend Daler is nich ville‹, meinte er, ›aber et is wat.‹ Ich ließ nun einstweilen den alten Gram fallen und sprach mein höchstes Bedauern darüber aus, daß seine Tochter nicht verheiratet sei, verbreitete mich mit wahrhaft glänzender Beredsamkeit über die Bestimmung des Weibes und schilderte Großvaterfreuden in dem glänzendsten Licht. Der Alte knurrte bloß. Endlich sagte er, als ich gar nicht nachließ: ›Ja, det is nu allens janz scheen, aber wat nich is, det is nich.‹ ›Aber es kann noch werden!‹ rief ich begeistert, nahm einen mächtigen Anlauf und ging mit Hurra vor. Mit übernatürlicher Geschicklichkeit, die mich heute noch mit Staunen füllt, brachte ich ihm alles bei und ließ ihn gar nicht zu Wort kommen, so hageldicht fielen meine Beweisgründe. Ich traf mindestens zwanzig Nägel auf zwanzig Köpfe. Dann merkte ich, wie es bei ihm mit Grundeis ging. Endlich knurrte er: ›Zehndausend Daler sind nich ville, aber et is wat. Un de Betty hat schonst det vierte Mal jenullt. – ’ne olle Nulpe ist er aber doch!‹

Das war die weiße Fahne, und ich zögerte nicht, die Kapitulationsbedingungen festzustellen. Erst wollte er sich noch lange besinnen und Bedenkzeit haben, aber damit kam er nicht durch. ›Fünfundzwanzig Jahre und eine Woche haben die jungen Leute gewartet‹, sagte ich, ›das ist genug‹. Und so haben wir denn heute vormittag alles abgemacht. In vier Wochen ist Hochzeit! Hurra!«

Und in vier Wochen war wirklich Hochzeit, wir sind beide dabei gewesen. Und jetzt, da ich dies schreibe, ist der »alte Gram« wirklich der alte Gram und durch seine Tochter schon Großvater, und sein Sohn besucht das Polytechnikum. Und nächstes Jahr wollen wir seine silberne Hochzeit feiern. Ich denke, wir wollen dann ebenso lustig sein, wie bei der silbernen Verlobung.

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]