Die sechs Napoleonbüsten

Es war nichts Ungewöhnliches, wenn Inspektor Lestrade von Scotland Yard sich des Abends bei uns einfand. Seine Besuche waren Holmes schon aus dem Grunde nicht unangenehm, weil er dadurch mit den Vorgängen im Hauptpolizeiamt in Fühlung blieb. Er hörte die Erzählungen Lestrades aufmerksam an und gab ihm aus seinem reichen Schatz von Kenntnissen und Erfahrungen gerne einen Wink oder eine Andeutung, ohne selbst handelnd einzugreifen.

Eines Abends nun war Lestrade, nachdem er die üblichen Bemerkungen über die Witterung und die letzten Zeitungsneuigkeiten gemacht hatte, auffallend still und beschränkte sich darauf, nachdenklich an seiner Zigarre zu ziehen. Holmes sah ihn scharf an.

»Sonst nichts los?« fragte er nach einer Weile.

»Nichts von Bedeutung, Herr Holmes.«

»Nur ‚raus mit der Sprache!«

Lestrade lachte.

»Nun, Herr Holmes, Leugnen hat Ihnen gegenüber ja doch keinen Zweck; ich hab‘ tatsächlich etwas auf dem Herzen, aber ’s ist ’ne so dumme Geschichte, daß ich Sie eigentlich nicht damit belästigen wollte. Auf der anderen Seite ist die Sache doch wieder merkwürdig, und meines Wissens haben Sie ja gerade für das Außergewöhnliche eine besondere Vorliebe. Freilich schlägt es nach meinem Dafürhalten mehr in Dr. Watsons Fach als in unseres.«

»Also ‚was Krankhaftes?« fragte ich.

»Ja, ‚was Verrücktes,« antwortete er, »sogar ‚was besonders Verrücktes. Können Sie sich vorstellen, daß es heute noch einen Menschen gibt, der von einem solchen Haß gegen Napoleon I. erfüllt ist, daß er alle Büsten von ihm, deren er habhaft werden kann, in Stücke zerschlägt?«

Holmes sank teilnahmlos in seinen Stuhl zurück.

»Das ist nichts für mich,« sagte er.

»Das hab‘ ich mir auch gedacht. Aber immerhin, wenn jemand nächtlicherweile einbricht und fremde Büsten stiehlt und vernichtet, so muß sich außer dem Arzt auch die Polizei mit ihm beschäftigen.«

Holmes setzte sich wieder aufrecht.

»Einbruch! Das klingt schon interessanter. Erzählen Sie weiter.«

Lestrade zog sein amtliches Notizbuch aus der Tasche, um an der Hand seiner Aufzeichnungen die Einzelheiten in sein Gedächtnis zurückzurufen.

»Der erste Fall hat sich vor vier Tagen ereignet,« fuhr er fort. »Es war bei Morse Hudson, der einen Verkaufsladen für Bilder und Büsten in der Kenningtonstraße hat. Der Verkäufer hatte den vorderen Verkaufsraum einen Augenblick verlassen, als er plötzlich einen starken Krach hörte. Er stürzte rasch herbei und fand eine Gipsfigur Napoleons, die mit mehreren anderen Kunstwerken auf dem Ladentisch gestanden hatte, zertrümmert am Boden liegen. Er lief schnell ’naus auf die Straße, konnte aber, trotzdem ihm verschiedene Leute erklärten, sie hätten einen Mann aus dem Laden herauskommen sehen, weder diesen Menschen selbst erblicken, noch einen Anhaltspunkt zu seiner Ermittlung finden. Es schien sich, um einen jener sinnlosen Akte von Zerstörungswut zu handeln, wie sie von Zeit zu Zeit vorkommen; und als solcher wurde er auch dem diensttuenden Polizisten gemeldet. Der Wert der Figur betrug nur wenige Schillinge, und die ganze Sache erschien zu unbedeutend, um eine eingehendere Untersuchung einzuleiten. Der zweite Fall war jedoch schon ernster und auch eigentümlicher. Er hat sich erst vergangene Nacht zugetragen.

»In der Kenningtonstraße, nur ein paar Hundert Meter von dem Hudsonschen Geschäft entfernt, wohnt ein sehr bekannter praktischer Arzt namens Barnicot, der eine sehr ausgedehnte Praxis südlich der Themse hat. Seine Wohnung und sein Hauptsprechzimmer befinden sich in der Kenningtonstraße, außerdem hält er aber noch in einem Hause der Lower Brixton-Straße, zwei Meilen entfernt, Sprechstunden ab. Dieser Dr. Barnicot ist ein begeisterter Verehrer Napoleons und besitzt eine Menge Bilder, Bücher und sonstige Andenken von dem französischen Kaiser. Vor kurzem hat er auch bei Hudson zwei Gipsbüsten des berühmten Napoleonkopfes von dem französischen Bildhauer Devine gekauft. Die eine derselben stellte er im Eingang seines Hauses in der Kenningtonstraße auf, die andere auf dem Kaminsims seines Sprechzimmers in der Lower Brixton-Straße. Als Dr. Barnicot heute früh nun herunter kam, fand er zu seiner Ueberraschung, daß während der Nacht in seiner Wohnung eingebrochen, aber weiter nichts gestohlen worden war als die Napoleonbüste in der Vorhalle. Sie war hinausgetragen und mit Gewalt gegen die Gartenmauer geworfen worden, wo man die Bruchstücke noch liegen sehen konnte.

Holmes rieb sich die Hände.

»Das ist entschieden merkwürdig,« sagte er.

»Ich dachte mir, daß Sie’s interessieren würde. So lassen Sie mich weiter erzählen, die Sache ist noch nicht zu Ende. Mittags ging Dr. Barnicot in sein zweites Sprechzimmer, und, siehe da, dort war das Fenster geöffnet und die Trümmer der zweiten Büste lagen am Boden umher; sie war an ihrem Standorte vollständig in Stücke zerschlagen worden. In beiden Fällen hat der Verbrecher oder Geisteskranke keine Spur zurückgelassen, die uns auch nur den geringsten Anhaltspunkt zu seiner Ergreifung liefern könnte. Das sind die Tatsachen, Herr Holmes.«

»Sie sind eigenartig, ganz seltsam,« sagte Holmes. »Können Sie mir vielleicht angeben, ob die beiden Büsten des Dr. Barnicot genau ebenso waren wie die bei Hudson zerschlagene?«

»Es waren ganz gleiche Nachbildungen desselben Modells.«

»Dieser Umstand spricht gegen die Annahme, daß der Täter von einem allgemeinen Haß gegen Napoleon geleitet worden sei. Denn wenn man bedenkt, wieviel Hundert Statuen des großen Kaisers in London stehen, ist es äußerst unwahrscheinlich, daß ein wahnsinniger Bilderstürmer zufällig gerade hintereinander drei Stück von demselben Modell erwischen sollte.«

»Das habe ich mir auch gesagt,« antwortete Lestrade. »Andererseits ist Hudson der Büstenlieferant für diesen ganzen Stadtteil, und diese drei Köpfe waren die einzigen dieser Art und hatten schon jahrelang in seinem Laden gestanden. Daher ist es, obwohl es, wie Sie ganz richtig bemerken, in London Hunderte von Napoleonbüsten gibt, doch nicht unwahrscheinlich, daß in diesem Bezirk nur diese drei existierten. Ein Fanatiker aus jener Gegend könnte also sehr wohl damit sein allgemeines Zerstörungswerk angefangen haben. Wie denken Sie darüber, Herr Dr. Watson?«

»Bei dieser Krankheitsform ist alles möglich,« erklärte ich. »Es handelt sich offenbar um jene geistige Störung, die die neuere Psychopathie als ›fixe Idee‹ bezeichnet. Dieselbe äußert sich oft nur in unmerklichen Anzeichen, und der Kranke kann sonst vollkommen normal sein. Bei einem Mann, der sich stark in die Lektüre Napoleonischer Geschichte vertieft oder dessen Familie womöglich infolge der Kriege Unbill erlitten hat, könnte sich leicht eine solche ›fixe Idee‹ gebildet haben, unter deren Einfluß er zu jeder Gewalttat in dieser Richtung fähig wäre.«

»Deine medizinischen Ausführungen vermögen meinem Laienverstand nicht recht einzuleuchten, mein lieber Watson,« sagte Holmes kopfschüttelnd. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie auch die stärkste ›fixe Idee‹ deinen interessanten Kranken in den Stand setzen sollte, die zwei Büsten des Dr. Barnicot ausfindig zu machen.«

»Nun, wie erklärst du dir’s denn?«

»Ich kann die Sache überhaupt noch nicht ganz durchschauen. Ich wollte vorläufig nur soviel bemerken, daß dieser exzentrische Herr nach einer ganz bestimmten Methode vorgeht und mit Ueberlegung handelt. So hat er zum Beispiel im Wohnhaus des Dr. Barnicot, wo ein Geräusch die Familie hätte wecken können, die Büste mit hinausgenommen und erst draußen zerschlagen, wohingegen er sie in dem anderen Sprechzimmer, wo diese Gefahr geringer war, gleich an Ort und Stelle zertrümmert hat. Die ganze Sache ist scheinbar sehr geringfügig, wenn ich aber bedenke, daß meine berühmtesten Fälle immer einen wenig versprechenden Anfang hatten, so wage ich nichts mehr als unbedeutend anzusehen. Erinnerst du dich noch, Watson, wie die furchtbare Tragödie der Familie Abernetty zuerst in Gestalt eines kaum wahrnehmbaren Eindrucks, den an einem heißen Sommertage ein Stengelchen Petersilie auf der Butter hinterlassen hatte, zu meiner Kenntnis gelangte? Ich kann mich also einstweilen nicht mit einem erhabenen Lächeln über die Sache hinwegsetzen, Lestrade, und Sie werden mich sehr verbinden, wenn Sie mir von irgend welchen neuen Vorfällen in dieser sonderbaren Angelegenheit sofort Mitteilung machen.«

Diese Nachricht traf rascher ein und lautete ernster, als sich mein Freund gedacht haben mochte. Als ich am nächsten Morgen noch mit Ankleiden beschäftigt war, klopfte es an die Tür meines Schlafzimmers und herein trat Holmes mit einem Telegramm in der Hand. Er las es laut vor:

»Sofort kommen, Pittstraße 131, Kensington. –

Lestrade.«

»Was mag denn los sein?« fragte ich.

»Weiß auch nicht – irgend ‚was. Aber ich vermute, es ist die Fortsetzung der Geschichte von den Statuen. In diesem Falle würde unser Freund Bilderstürmer den Schauplatz seiner Tätigkeit in ein anderes Viertel verlegt haben. Das Frühstück steht schon auf dem Tisch, Watson, und die Droschke vor der Tür.«

Nach einer halben Stunde waren wir bereits in der Pittstraße, einer kleinen, ruhigen Straße, ganz in der Nähe der belebtesten Londoner Geschäftsgegend. Nr. 131 war eins der schmucklosen, alten Häuser, wo man möglichst unromantisch wohnt. Als wir vorfuhren, fanden wir das Gitter vor dem Hause von einer neugierigen Menge umlagert. Holmes gab ein Zeichen mit der Pfeife.

»Wahrhaftig, Watson, es ist zum mindesten ein Mordversuch gemacht worden, sonst würde kein Berichterstatter hier sein; sieh ‚mal, wie er sich vorbeugt und beinahe den Hals ausreckt! ’s deutet alles auf eine Gewalttat hin. Und was soll das heißen? Die oberen Treppenstufen sind naß und die unteren trocken. Ah, dort am Fenster sehe ich Lestrade, er wird uns bald den nötigen Aufschluß geben können.«

Er empfing uns mit ernster Miene und geleitete uns in ein Empfangszimmer, in dem ein unsauber aussehender älterer Herr in einem Schlafrock aufgeregt auf- und abging. Lestrade stellte ihn uns als den Eigentümer des Hauses – Herrn Horace Harker vom »Zentral-Presse-Syndikat« vor.

Dann sagte er: »Es handelt sich um die alte Geschichte von den Napoleonbüsten. Sie schienen sich gestern abend dafür zu interessieren, Herr Holmes, und daher glaubte ich, es würde Ihnen nicht unangenehm sein, die Fortsetzung zu erfahren. Die Sache hat schon eine ernstere Wendung genommen.«

»Wie weit hat sie sich denn entwickelt?«

»Bis zum Mord. – Herr Harker, wollen Sie diesen Herren den Vorgang genau erzählen?«

Der Mann im Schlafrock wandte sich uns zu. Er war gänzlich niedergeschlagen.

»Es ist eine der eigentümlichsten Begebenheiten,« begann er, »ich habe mich mein Lebtag damit beschäftigt, alle möglichen Neuigkeiten zu erfahren und journalistisch zu verwerten, und jetzt, wo sich bei mir selbst ein Aufsehen erregender Fall ereignet hat, bin ich nun derartig verwirrt, daß ich keinen Satz ordentlich zusammenbringen kann. Wenn das in einem fremden Haus passiert wäre, würde ich im Abendblatt zwei Spalten darüber gebracht haben. Aber so bin ich ganz unfähig, erzähle die Sache anderen und muß untätig zusehen, wie sie sie ausschlachten. Wenn Sie aber diese rätselhafte Angelegenheit aufklären, Herr Holmes, – ich kenne Ihren Namen, – so habe ich eine hinreichende Entschädigung für meinen Bericht.«

Holmes setzte sich und hörte zu.

»Der springende Punkt bei der ganzen Sache scheint mir die Napoleonbüste zu sein, die ich vor etwa vier Monaten für dieses Zimmer angeschafft habe. Ich erstand sie für ein billiges Geld bei den Gebrüdern Harding, die zwei Häuser von der Station High Street ihr Geschäft haben. Meine journalistische Tätigkeit nötigt mich, vielfach die Nacht über aufzubleiben, und ich schreibe häufig bis zum frühen Morgen. Das war auch vergangene Nacht wieder der Fall. Ich saß wie gewöhnlich in meinem Studierzimmer hinten im obersten Stock; es mochte gegen drei Uhr sein, da hörte ich von unten ein Geräusch. Ich horchte auf, aber es regte sich nichts weiter, und ich dachte daher, der Lärm wäre von außen gekommen. Doch kaum fünf Minuten später, Herr Holmes, drang ein schreckliches Geschrei an mein Ohr – das furchtbarste, das ich je gehört habe. Es wird mir mein Leben lang in den Ohren gellen. Eine oder zwei Minuten saß ich, vom Schreck wie angenagelt, auf meinem Stuhl, dann ergriff ich den Ofenhaken und lief die Treppe hinunter. Als ich in dieses Zimmer hier trat, stand das Fenster weit offen, und meine Büste war verschwunden. Wie ein Dieb sich an einem solchen Ding vergreifen konnte, war mir unverständlich, denn es war ein einfacher Gipsabguß ohne besonderen Wert.

»Wie Sie selbst sehen können, war nur ein Mann mit sehr langen Beinen imstande, durch einen Sprung durch das offene Fenster die obere Treppenstufe zu erreichen. Als ich nun die Haustüre öffnete und hinaustrat, fiel ich in der Dunkelheit beinahe über eine Leiche. Ich lief zurück und holte ein Licht. Auf dem obersten Treppenstein lag ein Mann mit angezogenen Knien und weit geöffnetem Munde, er hatte eine klaffende Wunde am Hals und schwamm in seinem Blute – sein Bild wird mir noch im Traum erscheinen. Ich gab schnell einen Notpfiff und muß dann in Ohnmacht gefallen sein, denn ich kann mich auf nichts mehr besinnen, bis ich die Schutzleute erblickte, die mir zu Hilfe geeilt und über mich gebeugt waren.«

»Und wer war der Ermordete?« fragte Holmes.

»Wir haben noch keine Zeit gehabt, seine Persönlichkeit festzustellen,« antwortete Lestrade. »Sie werden ihn in der Leichenhalle sehen. Er ist ein großer, kräftiger Mann mit sonngebräuntem Gesicht und kann höchstens dreißig Jahre alt sein. Er ist zwar ärmlich gekleidet, macht aber doch nicht den Eindruck, als ob er dem Arbeiterstand angehöre. Neben ihm in einer Blutlache lag ein schwedisches Messer mit Horngriff. Ob der Mord damit ausgeführt ist, weiß ich nicht. Die Kleidungsstücke des Toten zeigten keinen Namenszug, und in den Taschen fanden wir weiter nichts als einen Apfel, einen Strick, einen Plan von London und eine Photographie. Ich habe sie hier.«

Es war allem Anschein nach eine Momentaufnahme. Sie stellte einen lebhaften, flinken Mann dar mit affenartigen Zügen und tierischen Augenbrauen, sodaß die untere Gesichtspartie wie bei einem Pavian aussah.

»Und was ist aus der Büste geworden?« fragte Holmes, nachdem er die Photographie genau betrachtet hatte.

»Darüber haben wir erst kurz vor Ihrer Ankunft Mitteilung bekommen. Sie ist in dem Vorgarten eines unbewohnten Hauses in der Campdonstraße gefunden worden. Sie ist in Stücke zerschlagen. Ich will eben hingehen und sie in Augenschein nehmen. Wenn Sie mitkommen wollen – –?«

»Gewiß. Ich will mich nur erst hier einen Augenblick umsehen.« Er untersuchte das Fenster und das Gärtchen. »Der Kerl hat entweder außergewöhnlich lange Beine, oder ist ein ausgezeichneter Springer,« sagte er. »Vom Garten aus war es sehr schwer, das Fenster zu erreichen und zu öffnen. Der Rückweg war verhältnismäßig einfach. Wollen Sie auch mitkommen, Herr Harker, um die Ueberreste der Büste zu sehen?«

Der untröstliche Journalist hatte sich mittlerweile an den Schreibtisch, gesetzt.

»Ich muß doch noch versuchen, die Sache auszunutzen,« erwiderte er, »wenn auch jedenfalls die ersten Ausgaben der Abendblätter schon ausführliche Berichte bringen werden. Es ist eben mein gewohntes Pech! Wissen Sie noch, wie der Posten in Doncaster erschossen wurde? Damals war ich der einzige Zeitungsmann am Tatort, und meine Zeitung die einzige, in der nichts über den Vorfall stand, weil ich auch zu erschüttert war, um schreiben zu können. Und jetzt werde ich sogar mit der Meldung eines Mordes, der vor meiner eigenen Haustür passiert ist, zu spät herauskommen.«

Als wir hinausgingen, hörten wir seine Feder kratzend über das Papier fahren.

Die Stelle, wo die Bruchstücke der Büste gefunden worden waren, war nur ein paar hundert Meter entfernt. Hier sahen wir zum ersten Male die Scherben der Büste des großen Kaisers, der einen so furchtbaren Haß in der Seele des Unbekannten erregt zu haben schien. Holmes hob einige auf und unterwarf sie einer genauen Untersuchung. Die Spannung auf seinem Gesicht und sein ganzes Benehmen verrieten mir, daß sie nicht ganz ergebnislos gewesen war, daß er wenigstens eine Spur gefunden haben mußte.

»Nun?« fragte Lestrade.

Holmes zuckte die Achseln.

»Wir sind noch weit vom Ziel,« sagte er. »Immerhin – nun, immerhin haben wir einige Hinweise, denen wir folgen können. Der Besitz dieser Gipsbrocken war dem merkwürdigen Verbrecher mehr wert als ein Menschenleben. Das ist ein Punkt. Weiter besteht die auffällige Tatsache, daß er die Büste nicht im Hause oder unmittelbar davor zertrümmert hat, wenn es ihm überhaupt lediglich auf ihre Vernichtung angekommen ist.«

»Er ist wahrscheinlich von dem anderen Burschen überrascht worden und wußte kaum, was er tat.«

»Jawohl, das ist nicht unmöglich. Ich möchte aber doch nicht verfehlen, Ihr Augenmerk besonders aus die Lage dieses Grundstücks zu richten.«

Lestrade sah meinen Freund an.

»Das Haus ist nicht bewohnt; er wußte also, daß er in diesem Garten nicht gestört würde.«

»Allerdings, aber in dieser selben Straße liegt noch ein leeres Haus, an dem er vorbei mußte, um hierher zu kommen. Warum hat er die Büste nicht in jenem Vorgarten zerbrochen, mußte doch jeder Schritt weiter die Gefahr, gesehen zu werden, erhöhen?«

»Ich bin am Ende meines Witzes,« antwortete Lestrade.

Holmes deutete auf die Straßenlaterne über uns.

»Hier konnte er sehen, dort nicht. Das wird wohl der Grund gewesen sein.«

»Wirklich! Das ist richtig,« sagte Lestrade. »Nun fällt mir auch wieder ein, daß Dr. Barnicots Büste in der Nähe der Lampe zerschlagen worden ist. Aber was schließen Sie aus diesem Umstand, Herr Holmes?«

»Man darf ihn nicht vergessen – muß ihn stets im Auge behalten. Vielleicht werden wir im späteren Verlauf der Sache darauf zurückkommen müssen. Welche Schritte beabsichtigen Sie nun weiter zu tun, Herr Lestrade?«

»Am besten wird es meiner Ansicht nach sein, zunächst die Leiche zu identifizieren. Das wird keine Schwierigkeiten machen. Wenn wir dann wissen, wer er ist und wer seine Genossen sind, werden wir auch leicht herausbekommen, was er vergangene Nacht in der Pittstraße getan hat, mit wem er hier zusammengestoßen ist und wer ihn auf der Treppe des Herrn Harter erstochen hat. Meinen Sie das nicht auch?«

»Das hört sich nicht übel an; aber doch ist es nicht genau der Weg, den ich einschlagen würde, um der Sache auf den Grund zu kommen.«

»Wie würden Sie’s denn machen?«

»Oh, lassen Sie sich durch mich in keiner Weise beeinflussen! Es ist besser, wenn jeder von uns seinen eigenen Weg geht. Wir können dann hinterher vergleichen und einander ergänzen.«

»Gut,« sagte Lestrade.

»Wenn Sie in die Pittstraße zurückgehen und Herrn Harker sehen, können Sie ihm sagen, ich wäre zu dem sicheren Schluß gelangt, daß ein gefährlicher, blutdürstiger Irrsinniger mit Napoleon-Wahnvorstellungen ihm nächtlicherweile einen Besuch abgestattet hatte. Er kann dieses Urteil in seinem Artikel gut verwerten.«

Lestrade sah Holmes erstaunt an.

»Das ist doch nicht Ihre ernstliche Ueberzeugung?«

Mein Freund lächelte.

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Auf alle Fälle wird sie Herrn Harker und den Abonnenten des »Zentral-Presse-Syndikats« interessant sein. Nun, lieber Watson, wir wollen aufbrechen. Wir haben heute ein langes und ziemlich anstrengendes Tagewerk vor uns. Sie, Herr Lestrade, würde ich gerne, wenn Sie’s irgendwie möglich machen können, heute abend um sechs Uhr in der Bakerstraße wieder sprechen. Bis dorthin möchte ich die Photographie, die bei dem Toten gefunden worden ist, bei mir behalten. Möglicherweise muß ich Sie um Ihr Geleit zu einer kleinen Expedition in der kommenden Nacht ersuchen. Wenn meine Vermutungen sich als richtig erweisen, wird es sich nicht umgehen lassen. Bis dahin, adieu und viel Glück!«

Sherlock Holmes und ich wanderten zusammen nach der Hochstraße, wo wir den Laden der Gebrüder Harding besuchten, von denen die Büste gekauft worden war. Ein junger Mann erklärte uns, daß Herr Harding erst am Nachmittag wieder ins Geschäft zurückkehren würde und er selbst nicht in der Lage sei, uns Aufschluß zu geben, weil er erst vor kurzem eingetreten sei. Holmes war anfangs etwas verstimmt, dann sagte er aber:

»Nun ja, Watson, wir können nicht erwarten, daß alles gleich nach Wunsch geht. Wir müssen eben am Nachmittag wieder nachfragen. Wie du ohne Zweifel bereits geahnt haben wirst, bin ich im Begriff, den Ursprung dieser Büsten zu ermitteln. Auf diese Weise könnte man womöglich herausbekommen, ob es eine besondere Bewandtnis damit hat, und daraus vielleicht ihr merkwürdiges Geschick erklären. Wir wollen deshalb jetzt zu Hudson in der Kenningtonstraße fahren und sehen, ob wir dort irgendwelchen Bescheid bekommen.«

Nach einer Stunde befanden wir uns in jenem Geschäft dem Besitzer gegenüber. Er war ein kleiner, dicker Mann mit rotem Gesicht und von hitzigem Temperament.

»Jawohl, mein Herr. Auf meinem Ladentisch,« antwortete er eifrig auf Holmes‘ Frage. »Ich weiß wirklich nicht, wozu wir Steuern und Abgaben zahlen, wenn jeder Schurke eindringen und unentdeckt und ungestraft einem die Waren zerstören darf. Allerdings, Dr. Barnicot hat die beiden Statuen bei mir gekauft. ’s ist ’ne Schande! ’ne Nihilistentat, denk‘ ich mir. Nur ein Anarchist kann solche Statuen vernichten! Rote Republikaner! Von wem ich die Büsten bezogen habe? Ich seh‘ zwar nicht ein, was das mit der Sache zu tun hat, wenn Sie’s aber durchaus wissen wollen: ich hab‘ sie von Gelder & Co. in Church Street, Stepney. Es ist ’ne bekannte Firma, schon seit zwanzig Jahren. Wieviel ich hatte? Drei – eins und zwei ist drei – die eine, die in meinem eigenen Laden am hellichten Tag zerschlagen worden ist, und die zwei, die ich an Dr. Barnicot verkauft hatte. Ob ich die Photographie kenne? Nein, die kenn‘ ich nicht. Ja, ich kenn‘ sie doch. Ei, ’s ist Beppo! Er war ’n Italiener, der sich im Geschäft nützlich machte. Er konnte anstreichen, vergolden, einrahmen und dergleichen mehr. Er ist vorige Woche von mir fortgegangen, und ich hab‘ seitdem nichts wieder von ihm gehört. Nein, ich weiß weder wo er hergekommen, noch wo er hingegangen ist. Ich war nicht unzufrieden mit ihm, so lange er hier war. Als die Büste heruntergeworfen wurde, war er zwei Tage von mir weg.«

»Mehr konnten wir vernünftigerweise nicht verlangen, von Herrn Hudson zu hören,« sagte mein Freund zu mir, als wir hinaustraten. »Dieser Beppo spielt sowohl in Kennington wie in Kensington eine gewisse Rolle, es dürfte sich also eine Fahrt von zehn Meilen wohl lohnen. Wir wollen nun ohne Verzug nach Stepney zu Gelder fahren, wo die Büsten fabriziert worden sind. Es sollte mich sehr wundern, wenn wir dort keinen nennenswerten Aufschluß bekämen.«

Unser Weg führte durch das vornehme London, durch die Hotel- und Theatergegend, durch das Zeitungs- und Geschäftsviertel und endlich durch das Hafenviertel, bis wir in einem Themse-Stadtteil von ungefähr 100 000 Einwohnern ankamen, wo in schwarzgeräucherten Mietskasernen die Ausgestoßenen Europas hausen. Hier fanden wir in einer breiten Nebenstraße, wo einst reiche Kaufleute gewohnt hatten, die Bildhauerei, die wir suchten. Draußen im Hof befanden sich viele Denkmäler und Statuen, im Innern des Gebäudes waren in einem großen Saal etwa fünfzig Arbeiter mit Aushauen und Formen beschäftigt. Der Werkmeister, ein großer, blonder Deutscher, empfing uns höflich und gab Holmes auf alle Fragen klare Antworten. Aus seinen Büchern ging hervor, daß von einer Marmorkopie des Devineschen Napoleonkopfes Hunderte von Gipsnachbildungen angefertigt worden waren, daß aber die drei, die vor etwa einem Jahre an Morse Hudson gegangen waren, aus einem gemeinschaftlichen Teig für sechs Abgüsse stammten, von denen die anderen drei die Gebrüder Harding in Kensington geliefert erhielten. Es lag kein Grund vor, daß diese sechs von denen irgend einer anderen Serie verschieden sein sollten. Er konnte auch nicht einsehen, weshalb sie jemand gerne vernichten möchte – er mußte bei dem Gedanken wirklich lachen. Der Fabrikpreis betrug sechs Schilling, der Händler nehme zwölf und darüber. Die Herstellung geschah so, daß von dem Modell von jeder Gesichtshälfte ein Abguß gemacht und dann diese beiden Profile zusammengesetzt wurden, womit die Büste fertig war. Dann kamen die nassen Büsten zum Trocknen auf einen Tisch im Flur und endlich ins Magazin. Die Hauptarbeit wurde von Italienern verrichtet. Soweit setzte er uns alles ganz ruhig auseinander.

Als er aber die Photographie sah, ging eine plötzliche Veränderung mit ihm vor, er zog die Stirn in Falten und wurde rot vor Wut und Zorn.

»Ah, dieser Schurke!« rief er. »Ja, in der Tat, ich erkenne ihn wieder. Wir waren immer eine geachtete Firma, und das einzigemal, wo die Polizei bei uns war, war es auch wegen dieses Schufts. Es ist jetzt ein Jahr her. Er hatte auf der Straße einen Landsmann mit dem Messer gestochen, kam dann zur Arbeit hierher, die Polizei folgte ihm auf den Fersen und nahm ihn fort. Beppo hieß er – den Zunamen habe ich nie gekannt. Gott behüte mich davor, daß ich je wieder ’nen Menschen mit ’nem solchen Affengesicht einstelle. Aber er war ’n tüchtiger Arbeiter, einer von den besten.«

»Wieviel Strafe hat er damals bekommen?«

»Der Verletzte ist nicht gestorben, und so ist er mit einem Jahr davongekommen. Ich glaube, daß er jetzt wieder ‚raus ist; er hat sich aber noch nicht wieder hier sehen lassen. Ein Vetter von ihm steht noch in unseren Diensten, ich nehme an, daß der Ihnen Näheres sagen kann.«

»Nein, nein,« rief Holmes. »Sagen Sie seinem Vetter um Gottes willen kein Wort – kein Wort, ich bitte Sie darum. Die Sache ist von größter Wichtigkeit, und je weiter ich sie verfolge und je mehr ich darüber nachdenke, um so wichtiger erscheint sie mir. – Als Sie im Buch nachsahen, wann diese Büsten verkauft worden sind, bemerkte ich. daß es am dritten Juni vergangenen Jahres gewesen ist. Wissen Sie vielleicht noch das Datum von Beppos Verhaftung?«

»Aus der Lohnliste läßt es sich ungefähr ersehen,« antwortete der Werkmeister. »Jawohl,« fuhr er fort, nachdem er eine Zeitlang nachgeblättert hatte, »zum letztenmal hat er am zwanzigsten Mai Lohn bekommen.«

»Ich danke Ihnen,« sagte Holmes. »Ich glaube nicht, daß ich Sie noch weiter zu bemühen brauche.« Nachdem er der Vorsicht halber nochmals gebeten hatte, über unsere Nachforschungen strengstes Schweigen zu beobachten, entfernten wir uns und lenkten unsere Schritte nach Westen zurück.

Es war bereits am späten Nachmittag, als wir endlich Zeit fanden, in einem Restaurant einen Imbiß zu nehmen. Am Eingang desselben erblickten wir ein Extrablatt mit der Ueberschrift: › Schreckenstat in Kensington. Mord eines Irrsinnigen.‹ Holmes ließ sich eines geben, um es beim Essen zu lesen. In zwei Spalten war in höchst sensationeller Weise das ganze Ereignis in den grellsten Farben geschildert. Ein paarmal mußte Holmes lachen. »Unser Freund Harker hat seine Sache noch gut gemacht – sehr gut, Watson; hör‘ ‚mal folgende Stelle:

»Zu unserer Befriedigung können wir feststellen, daß in diesem Fall keinerlei Meinungsverschiedenheit besteht, denn Herr Lestrade, einer der erfahrensten Beamten von Scotland Yard und der bekannte Privat-Detektiv Sherlock Holmes sind ganz unabhängig von einander zu dem übereinstimmenden Ergebnis gelangt, daß die verschiedenen auffälligen Vorkommnisse der letzten Tage, die nun ein so tragisches Ende genommen haben, eher die Tat eines Irrsinnigen als eines überlegenden Verbrechers sind. Den Umstanden nach kann nur ein Geisteskranker der Täter sein.«

»Die Presse,« fügte er dann selbst hinzu, »ist eine sehr schätzenswerte Einrichtung, wenn man sie zu benutzen versteht. – Und nun wollen wir, sobald du mit dem Essen fertig bist, wieder nach Kensington zurück und sehen, was wir bei den Gebrüdern Harding über die Sache in Erfahrung bringen können.«

Der Gründer dieses großen Kaufhauses war ein lebhafter kleiner Herr, körperlich und geistig gewandt.

»Jawohl, mein Herr, ich habe den Bericht schon in den Abendblättern gelesen. Herr Harter ist ein Kunde von mir. Wir haben ihm den Kopf vor einigen Monaten geliefert. Wir hatten drei von Gelder & Co., sie find alle verkauft. An wen? Das können wir Ihnen an der Hand unserer Bücher ganz leicht sagen. Jawohl, hier habe ich’s schon: eine an Herrn Harker, eine an Herrn Josiah Brown in Chiswick und eine an Herrn Sandeford in Reading – wollen Sie sich, bitte, selbst überzeugen? Nein, das Gesicht auf der Photographie habe ich nie gesehen. Man würde es wegen seiner auffallenden Häßlichkeit schwerlich vergessen, ich habe kaum jemals ein häßlicheres Bild gesehen. Ob bei uns irgendwelche Italiener in Diensten stehen? Ja, wir haben einige als Arbeiter und als Putzer. Dieselben konnten gut einen Einblick in das Verkaufsbuch nehmen, wenn sie Lust dazu hatten. Wir haben keinen Grund, es unter Verschluß zu halten. Ja, ja, es ist allerdings ’ne eigentümliche, verzwickte Sache. Ich will hoffen, daß Ihre Nachforschungen von Erfolg sind, und daß Sie mir dann ‚mal Nachricht geben.«

Holmes hatte sich, während Herr Harding mit ihm sprach, einige Notizen gemacht, und ich konnte ihm ansehen, daß ihn der Verlauf der Angelegenheit vollauf befriedigte. Er sagte freilich nichts, sondern bemerkte nur, daß wir zu unserer Verabredung mit Lestrade zu spät kommen würden, wenn wir uns nicht sehr beeilten. Als wir in der Bakerstraße ankamen, war der Inspektor denn auch schon da und schritt ungeduldig in unserem Zimmer auf und ab. An seiner wichtigen Miene war zu erkennen, daß seine Arbeit an diesem Tage nicht vergeblich gewesen war.

»Nun?« fragte er. »Glück gehabt, Herr Holmes?«

»Wir haben heute ein gutes Stück Arbeit hinter uns, und zwar erfolgreiche,« antwortete mein Freund. »Wir haben sowohl die Verkäufer wie die Fabrikanten der Büsten aufgesucht. Ich kann ihre Spuren nun von Anfang an verfolgen.«

»Der Büsten!« rief Lestrade, »Ja, ja, Sie haben Ihre eigenen Methoden, und es kommt mir nicht zu, etwas dagegen zu sagen, doch glaube ich, ein besseres Tagewerk verrichtet zu haben als Sie. Ich habe die Leiche identifiziert.«

»Was Sie sagen!?«

»Und den Grund zum Verbrechen gefunden.«

»Ausgezeichnet!«

»Wir haben nämlich einen Inspektor Saffron Hill, einen genauen Kenner des italienischen Viertels. Aus einem Wahrzeichen der katholischen Kirche, das der Ermordete um den Hals trug, und aus seiner braunen Gesichtsfarbe schloß ich, daß er ein Italiener sei; und Hill, den ich hinzuzog, erkannte die Leiche sofort wieder. Er heißt Pietro Benucci, stammt aus Neapel und ist einer der gefährlichsten Burschen in London. Er ist Mitglied der Maffia, wie Sie wissen ein Geheimbund, der den Mord auf sein Banner geschrieben hat. Die Sache klärt sich nun folgendermaßen auf: Sein Mörder ist auch ’n Italiener und gehört ebenfalls der Maffia an. Dieser hat sich aber gegen die Vorschriften vergangen, und Pietro ist mit seiner Verfolgung betraut worden. Die Photographie, die wir bei der Leiche gefunden haben, ist wahrscheinlich die des Mörders; Pietro hat sie bekommen, um keinen Falschen niederzustechen. Er hat ihn nun verfolgt, in ein Haus einbrechen sehen, ihm draußen aufgelauert und in dem entstandenen Handgemenge selbst den Todesstoß bekommen. Was sagen Sie dazu, Herr Holmes?«

Holmes klatschte beifällig in die Hände.

»Großartig, Herr Lestrade, großartig!« rief er. »Aber ich habe Ihre Erklärung von der Zerstörung der Büsten nicht recht verstanden.«

»Der Büsten?! Spuken Ihnen die Büsten immer noch im Kopf ‚rum? Das ist ganz nebensächlich; gewöhnlicher Diebstahl, sechs Monate Gefängnis im höchsten Fall. In erster Linie müssen wir doch den Mörder suchen, und ich kann Ihnen sagen, daß ich alle Fäden bereits in der Hand halte.«

»Und was gedenken Sie nun zunächst zu tun?«

»Das ist sehr einfach. Ich werde mit Hill ins italienische Viertel gehen, den Mann mit Hilfe unserer Photographie ausfindig machen und ihn wegen Mordes verhaften. Wollen Sie mitkommen?«

»Ich denke nicht. Ich glaube, wir können unser Ziel auf noch einfachere Weise erreichen. Ich kann’s zwar nicht mit Bestimmtheit sagen, weil alles davon abhängt – nun, weil alles von einem Punkte abhängt, der sich unserer Kontrolle vollständig entzieht. Aber ich hege große Hoffnung – in der Tat, ich möchte zwei gegen eins wetten – daß, wenn Sie sich heute nacht uns anschließen, ich Ihnen behilflich sein kann, ihn dingfest zu machen.

»Im italienischen Viertel?«

»Nein; in Chiswick ist eine Adresse, wo wir ihn, glaube ich, eher finden werden. Wenn Sie heute nacht mit mir nach Chiswick kommen wollen, Lestrade, verspreche ich Ihnen, Sie morgen ins italienische Viertel zu begleiten; die Verzögerung kann ja nichts schaden. Nun werden uns allen ein paar Stunden Schlaf gut tun, und ich schlage vor, nicht vor elf Uhr aufzubrechen, denn wir werden aller Voraussicht nach vor Tagesanbruch nicht zurückkommen. Sie können mit uns essen, Lestrade, und sich dann auf dem Sofa etwas ausruhen. Du kannst einstweilen nach einem Extraboten klingeln, Watson, denn ich muß vorher noch einen sehr wichtigen Brief wegschicken.«

Holmes durchstöberte den ganzen Abend die alten Zeitungen in unserer Rumpelkammer. Als er endlich herunter kam, machte er ein triumphierendes Gesicht, sagte aber keinem von uns beiden ein Wort über das Ergebnis seiner Tätigkeit. Ich für meinen Teil, der ich den Methoden, womit er die verschiedenen Irrwege dieses verwickelten Falles aufgespürt hatte, genau gefolgt war, verstand sehr wohl, wenn ich auch das Endziel seines Strebens noch nicht erkennen konnte, daß er diesen eigenartigen Verbrecher bei dem Diebstahl der zwei übrig gebliebenen Büsten abfassen wollte, von denen sich die eine, wie ich mich erinnerte, in Chiswick befand. Zweifellos sollte er von uns auf frischer Tat ertappt werden, und ich wunderte mich über die Schlauheit, womit mein Freund eine falsche Fährte in die Abendblätter lanciert hatte, um den Kerl in dem Wahn zu lassen, daß er sein Handwerk ruhig fortsetzen könnte. Es überraschte mich daher auch nicht, als mir Holmes den guten Rat gab, mich mit einem Revolver zu versehen. Er selbst hatte seine geladene Pistole, seine Lieblingswaffe, zu sich gesteckt.

Um elf stand ein Wagen vor unserem Haus. Wir fuhren in demselben bis zur Hammersmith-Brücke, wo der Kutscher halten mußte. Wir gingen von hier noch eine kurze Strecke zu Fuß und kamen dann in eine Straße von niedlichen Häusern mit hübschen Vorgärten. Am Eingang eines derselben konnten wir im Scheine einer Straßenlaterne den Namen ›Laburnum-Villa‹ lesen. Die Bewohner waren offenbar schon zu Bett gegangen, denn es war alles dunkel, nur durch ein kleines rundes Fenster über der Haustür fiel schwaches Licht auf den Gartenweg. Ein dichter hölzerner Zaun, der das Grundstück von der Straße trennte, warf seinen schwarzen Schatten nach innen. Hier versteckten wir uns.

»Ich fürchte, wir können lange warten,« flüsterte Holmes. »Wir müssen froh sein, daß es nicht regnet. Ich glaube, wir dürfen nicht einmal rauchen, um uns die Zeit zu vertreiben. Aber wir haben die doppelte Aussicht, unsere Mühe belohnt zu sehen.«

Unsere Wache war jedoch nicht von so langer Dauer, wie Holmes vermutet hatte. Nach gar nicht langer Zeit, ohne daß wir vorher auch nur einen Laut gehört hatten, ging plötzlich die Gartentüre auf und eine geschmeidige dunkele Gestalt bewegte sich, so gewandt und flink wie ein Affe, auf dem Gartenpfad nach dem Haus zu. Wir sahen sie durch den Lichtschein huschen und im Schatten des Hauses verschwinden. Es trat eine längere Pause ein, und es war so still, daß wir den Atem anhalten mußten, dann drang ein knarrendes Geräusch an unsere Ohren. Das Fenster wurde aufgemacht. Eine neue Ruhepause – und der Kerl stieg ein. Wir sahen einen Moment den Schein einer Laterne. Was der Einbrecher suchte, schien er nicht gefunden zu haben, denn bald darauf bemerkten wir denselben Lichtschein durch ein anderes Fenster und noch durch ein drittes.

»Jetzt müssen wir uns an das offene Fenster schleichen,« flüsterte uns Lestrade zu. »Wir wollen ihn packen, wenn er ‚rausklettert.«

Ehe wir aber seiner Aufforderung nachkommen konnten, war der Kerl schon wieder herausgesprungen. Als er in den Lichtschein des Haustürfensters kam, sahen wir, daß er etwas Weißes unter dem Arm hatte. Er blickte sich verstohlen um. Die Ruhe auf der leblosen Straße machte ihn sicher. Er legte seinen Raub auf die Erde, und im nächsten Augenblick hörten wir einen scharfen Schlag, dem ein Klirren und Rasseln folgte. Der Mann hatte uns den Rücken zugekehrt und war derart in seine Arbeit vertieft, daß er nicht merkte, wie wir über den Rasen krochen. Wie ein Tiger sprang ihm Holmes mit einem gewaltigen Satz in den Nacken, und im Nu hatten Lestrade und ich seine Hände erfaßt und ihm die Schellen angelegt. Als wir ihn auf den Rücken legten, stierte uns ein häßliches, fahles Gesicht mit verzerrten, wütenden Zügen entgegen. Ich erkannte an der affenartigen Bildung desselben sofort den Mann auf der Photographie.

Holmes kümmerte sich weiter nicht um unseren Gefangenen. Er hockte auf der Haustreppe und prüfte in der sorgfältigsten Weise die Trümmer des weißen Gegenstandes, den der Dieb gestohlen und zerschlagen hatte. Es war eine ebensolche Büste Napoleons gewesen, wie wir bereits am Morgen eine gesehen hatten, und sie war in gleicher Weise in Stücke zerbrochen. Holmes hielt jeden Teil einzeln gegen das Licht, aber keiner unterschied sich irgendwie von einem beliebigen anderen Stück Gips. Er war gerade mit seiner Untersuchung fertig, als im Hausflur ein neues Licht auftauchte und gleich darauf die Haustür geöffnet wurde. Es schien der Eigentümer des Grundstückes, ein jovialer, wohlbeleibter Herr, in Hemd und Hosen.

»Herr Josiah Brown?« sagte Holmes.

»Zu dienen, mein Herr; und Sie sind gewiß Herr Sherlock Holmes? Ich empfing Ihren Brief, den Sie mir durch einen Sonderboten zusandten, und handelte genau nach Ihren Vorschriften. Wir verschlossen sämtliche Türen im Innern des Hauses und warteten ruhig der Dinge, die da kommen sollten. Nun, es freut mich, daß Sie den Kunden erwischt haben. Ich darf Sie wohl einladen, herein zu kommen und eine kleine Stärkung zu sich zu nehmen.«

Lestrade wollte jedoch seinen Mann möglichst schnell in Sicherheit bringen. Daher wurde unser Aufenthalt nicht lange ausgedehnt. Als nach einigen Minuten unser Wagen kam, stiegen wir alsbald ein und fuhren zusammen nach London. Unser Gefangener gab keinen Ton von sich; er stierte uns unheimlich an, und als ich zufällig einmal mit der Hand in den Bereich seiner Zähne kam, schnappte er darnach wie ein wildes Tier. Die Untersuchung auf der Polizeiwache nahm ziemlich viel Zeit in Anspruch, sie förderte aber weiter nichts zutage als ein paar Schilling Geld und ein langes, dolchartiges Messer mit Scheide, was allerdings insofern von Bedeutung war, als sich noch frische Blutspuren daran befanden.

»Alles weitere wird sich schon finden,« sagte Lestrade, als wir uns trennten. »Hill kennt die ganze Gesellschaft, er wird auch diesen kennen. Sie werden sehen, daß meine Theorie von der Maffia richtig ist und die ganze Sache erklärt. Vorläufig spreche ich Ihnen meinen besten Dank aus für die rasche und kunstgerechte Ergreifung des Mordgesellen. Ganz klar ist mir die Geschichte übrigens augenblicklich doch noch nicht.«

»Zu längeren Auseinandersetzungen ist es etwas zu spät geworden,« erwiderte Holmes. »Außerdem ist ein Punkt auch für mich noch nicht vollständig aufgeklärt. Der Fall scheint es jedoch zu lohnen, daß man ihn bis zum letzten Ende verfolgt. Wenn Sie morgen abend um sechs Uhr wieder in meine Wohnung kommen wollen, glaube ich Ihnen zeigen zu können, daß Sie die Sache auch jetzt noch nicht begriffen haben; sie ist in mancher Beziehung ohne Beispiel in der Kriminalgeschichte. Wenn ich dir je die Erlaubnis erteile, meine kleinen Erlebnisse weiter zu veröffentlichen, wird voraussichtlich die Erzählung von den sechs Napoleonbüsten ein besonders interessantes Kapitel in deinem Buche bilden, lieber Watson.«

Als Lestrade am Abend zu uns kam, war er in der Lage, über unseren Gefangenen viele Angaben zu machen. Sein Vorname sei wahrscheinlich Beppo, der Zuname sei noch nicht bekannt. Er sei ein bekannter Taugenichts in der italienischen Kolonie, aber vordem ein geschickter und fleißiger Bildhauer gewesen. Er sei eben auf Abwege geraten und schon zweimal mit Gefängnis vorbestraft – einmal wegen Diebstahls und einmal wegen einer Stecherei. Er könne perfekt Englisch. Seine Gründe zur Vernichtung der Büsten seien noch unbekannt, und er verweigere jede Auskunft darüber. Die Polizei habe jedoch ermittelt, daß er diese Büsten sehr wohl selbst angefertigt haben könne, weil er solche Arbeiten bei Gelder & Co. ausgeführt habe. Holmes hörte diese Mitteilungen, obwohl sie uns meistenteils bekannt waren, freundlich an, aber ich kannte ihn zu gut, um deutlich zu sehen, daß er mit seinen Gedanken anderswo war. Trotzdem er seine gewöhnliche Miene zur Schau trug, merkte ich ihm eine gewisse Ungeduld und Erwartung an. Endlich sprang er vom Stuhl auf, seine Augen glänzten. Es hatte geklingelt. Gleich darauf vernahmen wir Schritte, und ein ältlicher Herr mit gerötetem Gesicht und grauem Backenbart wurde hereingeführt. Er hatte in der rechten Hand eine große, altmodische Reisetasche, die er vorsichtig auf den Tisch setzte.

»Bin ich hier recht bei Herrn Sherlock Holmes?«

Mein Freund verbeugte sich lächelnd und sagte: »Sie sind gewiß Herr Sandeford aus Reading?«

»Jawohl, mein Herr; ich habe mich leider etwas verspätet, aber die Züge lagen ungünstig. Sie schrieben mir wegen einer Büste, die sich in meinem Besitz befindet.«

»Gewiß.«

»Ich habe Ihren Brief mitgebracht. Sie schreiben: ›Ich beabsichtige, eine Kopie von Devines Napoleon zu kaufen, und würde Ihnen für die Ihrige zehn Pfund zahlen.‹ Stimmt das?«

»Allerdings.«

»Ihr Brief hat mich etwas überrascht. Ich konnte mir nicht denken, woher Sie wissen sollten, daß ich ein solches Ding hatte.«

»Natürlich müssen Sie darüber erstaunt gewesen sein. Die Erklärung ist jedoch sehr einfach. Herr Harding, der Inhaber der Firma Gebrüder Harding, teilte mir mit, daß Sie die letzte derartige Büste bekommen hätten, und gab mir gleichzeitig Ihre Adresse.«

»So verhält sich also die Sache! Hat er Ihnen auch den Preis gesagt?«

»Nein; das hat er nicht getan.«

»Nun, ich bin ein ehrlicher, wenn auch kein reicher Mann. Ich habe fünfzehn Schilling bezahlt; ich will Ihnen das nicht verheimlichen, ehe ich die zehn Pfund annehme.«

»Ihre Rechtschaffenheit macht Ihnen alle Ehre, Herr Sandeford, aber nachdem ich Ihnen nun ‚mal diese Summe geboten habe, will ich auch dabei bleiben.«

»Gut, Sie sind sehr nobel. Ich habe den Kopf Ihrem Wunsche gemäß gleich mitgebracht. Hier ist er!« Er machte die Reisetasche auf, und heraus kam eine getreue Nachbildung des Devineschen Napoleon aus Gips, wie wir sie in ihren Stücken schon ein paarmal gesehen hatten.

Holmes zog ein Papier aus der Tasche und legte eine Zehnpfundnote auf den Tisch.

Wollen Sie, bitte, dieses Schreiben in Gegenwart dieser Zeugen unterzeichnen, Herr Sandeford? Es besagt nur, daß Sie jedwedes Recht, das Sie an der Büste haben, auf mich übertragen. Ich bin ein vorsichtiger Mann, wie Sie sehen; und man weiß nie, was sich später aus einer Sache entspinnt. – Danke, Herr Sandeford; hier ist Ihr Geld. Ich wünsche Ihnen einen schönen guten Abend.«

Sobald unser Besucher hinaus war, zeigte mein Freund ein eigentümliches Verhalten. Er nahm aus einer Schublade ein reines Tuch und breitete es auf dem Tisch aus. Dann stellte er seine eben erworbene Büste darauf. Zum Schluß nahm er seine Pistole und gab einen scharfen Schuß auf das Haupt Napoleons ab. Die Figur zerbrach in Stücke, die Holmes begierig betrachtete. Im nächsten Moment stieß er einen Freudenschrei aus und hob ein Stück in die Höhe, in dem ein runder, dunkeler Gegenstand steckte, wie eine Rosine in einem Kuchen

»Meine Herren!« rief er triumphierend, »darf ich Ihnen die berühmte schwarze Perle der Borgia zeigen?«

Lestrade und ich waren eine Weile sprachlos, dann aber brachen wir ganz unwillkürlich in lautes Beifallklatschen aus, wie ein Theaterpublikum, wenn die Lösung des Stückes kommt. Eine flüchtige Röte überflog meines Freundes bleiche Wangen und er verbeugte sich wie der dramatische Künstler, der für den Beifall des Auditoriums dankt. In solchen Augenblicken war er nicht mehr die denkende, fühllose Maschine, sondern verriet die allgemein menschliche Liebe für Bewunderung und Beifall. Wenn er auch als stolzer und zurückhaltender Mann öffentliches Lob verabscheute, so konnte er doch durch die unwillkürliche Beifallskundgebung eines Freundes tief erschüttert werden.

»Ja, meine Herren,« sagte er, »es ist die berühmteste Perle der Welt, und ich habe Glück gehabt, ihre Spur durch eine Reihe logischer Schlüsse vom Schlafzimmer des Fürsten Calonna im Dacre-Hotel, wo sie abhanden kam, bis in das Innere dieser letzten von sechs Napoleonbüsten von Gelder & Co. in Stepney verfolgt zu haben. Sie werden sich noch des Aufsehens erinnern, Lestrade, welches das Verschwinden dieses kostbaren Kleinods damals erregte, und wie die Londoner Polizei sich vergeblich bemühte, es wieder zu finden. Ich wurde auch zurate gezogen, vermochte aber damals ebensowenig Licht in das Dunkel zu bringen wie die übrigen. Der Verdacht fiel auf die Zofe der Gräfin, eine junge Italienerin. Es konnte ihr aber nur nachgewiesen werden, daß ein Bruder von ihr in London lebte; ein engerer Zusammenhang war jedoch nicht zu finden. Das Mädchen hieß Lucretia Venucci, und dieser Pietro, der in der vorgestrigen Nacht ermordet worden ist, ist kein anderer als ihr Bruder. Ich habe in den alten Zeitungen nach den Daten gesucht und daraus ersehen, daß die Perle gerade zwei Tage vor Beppos Verhaftung verschwunden war – er wurde damals wegen einer Messeraffäre verfolgt und in der Werkstatt bei Gelder & Co. im selben Moment ergriffen, als diese Büsten hergestellt wurden. Sie werden nun das Folgende, wenn auch in anderer Reihenfolge als ich, ohne Schwierigkeiten begreifen können. Beppo hatte die Perle in seinem Besitz, vielleicht hatte er sie von Pietro gestohlen, vielleicht war er auch sein Komplize, womöglich gar der Zwischenträger zwischen Pietro und seiner Schwester. Ob die eine oder die andere Annahme richtig ist, tut nichts zur Sache.

»Es kommt nur darauf an, daß er die Perle hatte, und zur Zeit, als ihn die Polizei verfolgte, bei sich trug. Er lief in die Werkstatt, er wußte, daß er in etlichen Minuten eine Durchsuchung zu gewärtigen hatte, bei der man die Perle finden würde, da sah er sechs Napoleonbüsten im Gang zum Trocknen stehen. Eine derselben war noch weich. Ohne Besinnen machte Beppo, ein geschickter Arbeiter, ein kleines Loch in die feuchte Gipsmasse, steckte rasch die Perle hinein und machte die Oeffnung durch ein paar kunstgerechte Fingerbewegungen wieder zu. Es war ein vortreffliches Versteck. Kein Mensch konnte die Perle an dieser Stelle vermuten und finden. Beppo mußte nun ein Jahr ins Gefängnis, währenddessen die sechs Büsten über ganz London zerstreut wurden. Er wußte selbstverständlich nicht, in welcher der Schatz verborgen war. Er konnte ihn nur finden, wenn er sie nacheinander zerschlug, denn einfaches Schütteln half nichts, weil die Perle in dem nassen Gips wahrscheinlich festgeklebt war – wie es tatsächlich auch der Fall ist. Beppo begab sich mit anerkennenswertem Eifer und der nötigen Zähigkeit auf die Suche. Durch einen Vetter, der bei Gelder arbeitet, erfuhr er die Namen der Käufer jener Büsten. Es gelang ihm, bei Morse Hudson Beschäftigung zu finden, wo er drei davon auskundschaftete. Die Perle war nicht drin. Mit Hilfe eines italienischen Angestellten von Harding brachte er in Erfahrung, wo die drei anderen hingekommen waren. Die eine hatte Harker bekommen. Dorthin folgte ihm sein Genosse Pietro, um ihn wegen des Verlustes der Perle zur Rechenschaft zu ziehen, wurde aber im Verlauf des darüber entbrannten Streites erstochen.«

»Wenn Beppo sein Genosse war, warum hatte Pietro dann seine Photographie in der Tasche?« warf ich ein.

»Um ihn aufzufinden, wenn er sich bei dritten Personen nach ihm erkundigen wollte. Einen anderen Grund kann es wohl kaum gehabt haben. Nach dieser Tat mußte Beppo meiner Berechnung nach seine Nachforschungen eher beschleunigen als verzögern, denn er hatte zu befürchten, daß die Polizei das Geheimnis durchschaue, und er mußte deshalb die Perle auf jeden Fall eher wiederzuerlangen suchen, als die Polizei seiner habhaft werden konnte. Selbstverständlich wußte ich nicht, ob er sie nicht schon in der Harkerschen Büste gefunden hatte, ja ich wußte nicht einmal genau, ob es sich um diese Perle handelte; nur soviel war mir klar, daß er etwas in der Büste gesucht hatte, denn sonst würde er sie nicht an verschiedenen Häusern vorbei gerade in den Garten getragen haben, wo eine Laterne Licht verbreitete. Da Harkers Büste eine von dreien war, so standen meine Chancen wie zwei zu eins, wie ich gestern abend schon sagte. Es waren noch zwei Büsten übrig, und es war anzunehmen, daß er zuerst die in der Stadt befindliche holen würde.. Ich schickte daher an die Bewohner dieses Hauses einen Brief, worin ich sie auf das Bevorstehende aufmerksam machte, und wir begaben uns dann selbst dorthin und hatten das beste Resultat. Nun wurde es mir natürlich zur Gewißheit, daß es sich um die Borgia-Perle handelte. Der Name des Ermordeten bildete das Verbindungsglied zwischen den zwei Fallen. Es war nun nur noch eine einzige Gipsfigur vorhanden – die in Reading – in dieser mußte die Perle sein. Ich habe diese letzte Büste in Ihrer Gegenwart ihrem Besitzer abgekauft – und hier ist die Perle.«

Wir waren eine Weile stumm.

»Ich habe Sie schon viele Fälle behandeln sehen, Herr Holmes,« sagte dann Lestrade, »mehr Scharfsinn und Umsicht haben Sie aber, so viel ich mich entsinnen kann, noch bei keinem an den Tag gelegt. Wir sind nicht eifersüchtig auf Sie in Scotland Yard. Nein, im Gegenteil, wir sind stolz auf Sie, und wenn Sie morgen zu uns hinunterkommen, wird Ihnen jeder, vom ältesten Inspektor bis zum jüngsten Schutzmann, mit Freuden die Hand schütteln und gratulieren.«

»Ich danke Ihnen,« sagte Holmes, »ich danke Ihnen!« Er drehte sich um und schien mir stärker gerührt zu sein als je zuvor. Einen Augenblick später war er aber schon wieder der kalte, geschäftsmäßige Denker. »Lege die Perle in den Schrank, Watson,« sagte er, »und nimm die Akten über den Conk-Singleton-Münzprozeß heraus. Adieu, Herr Lestrade! Wenn Sie wieder mal eine kleine Aufgabe haben, bin ich gern bereit, soweit es in meinen Kräften steht, Ihnen bei der Lösung behilflich zu sein.«

 

 

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