Die Räuber

Abenteuer zweier Freunde auf einem Schlosse in Böhmen

Zwei junge Leute, mögen sie Hartmann und Willibald genannt werden, hatte von Kindheit auf ein gleicher Sinn verbunden. Beide in Berlin hausend, pflegten, von jugendlicher Lebenslust beseelt, jedes Jahr wenigstens auf kurze Zeit dem drückenden Dienstgeschäfte, das sie belastete, zu entfliehen und gemeinschaftlich irgendeine Reise zu unternehmen. Wie es den Norddeutschen überhaupt eigen, sehnten sie sich stets nach dem Süden, und so hatten sie schon das südliche Teutschland in manchen Richtungen durchstrichen, die herrliche Rheinfahrt gemacht und die vorzüglichsten Städte gesehen. Dasmal war es ihnen aber gelungen, das Dienstjoch abzuschütteln auf längere Zeit als gewöhnlich, und nun sollte der Plan ausgeführt werden, mit dem sie sich längst herumgetragen. Italienische Luft wollten sie einatmen, wenigstens bis Mailand vordringend. Sie wählten den Weg über Dresden, Prag und Wien nach dem Wunderlande, dessen Erscheinungen so mancher im träumenden Sinn hegt, wie ein buntes romantisches Märlein.

Das Herz ging ihnen erst recht auf in frischem Lebensmut, als sie hinaus waren aus dem Tore der Residenz, wie es denn zu geschehen pflegt, daß wir das schöne Ziel der Reise erst dann recht lebendig vor Augen erblicken, wenn der Wagen hinausrollt ins Freie. Alle kleinlichen Sorgen des Lebens liegen hinter uns, vorwärts, vorwärts strebt der fröhliche Sinn, weit wird die Brust, und wunderbare Ahnungen erwachen, wenn jauchzender Posthornschall hinausruft in die blaue Ferne. Glücklich ohne irgendeinen Unfall hatten die Freunde Prag erreicht, und nun sollt‘ es fortgehen in einem Strich Tag und Nacht bis nach Wien, wo sie einige Tage zu verweilen gedachten. Gleich hinter Prag vernahmen sie dumpfe Gerüchte von auf offner Straße vorgefallenen Räubereien, ja von einer Bande, die die Wege unsicher machen sollte. Da sich indessen nicht das mindeste ereignete, das jene Gerüchte bestätigt haben sollte, so achteten sie nicht weiter darauf. Der Abend begann schon zu dämmern, als sie nach Sudonieschitz kamen. Hier riet ihnen der Posthalter, ihre Reise wenigstens auf der Stelle nicht fortzusetzen, da vor ein paar Tagen das seit vielen Jahren Unerhörte geschehen. Zwischen Wesseli und Wittingau sei nämlich der Postwagen von Raubgesindel angefallen, der Postillon erschossen, zwei Passagiere schwer verwundet und diese sowie der Wagen rein ausgeplündert worden. Schon sei das Militär, das die waldichte Gegend durchstreifen solle, in Bewegung, und er, der Posthalter, hoffe andern Tages nähere Nachricht zu erhalten, die abzuwarten sie gut tun würden. Willibald zeigte sich geneigt, den Rat des Posthalters zu befolgen; Hartmann dagegen, der stets gern beherzt und solche Gefahr nicht achtend erschien, bestand darauf, weiter zu reisen, da sie noch vor Einbruch der Nacht das nur vier Stunden entfernte Tabor erreichen könnten, und es überdem gar nicht denkbar, daß das Raubgesindel, schon vom Militär verfolgt, den Mut haben solle, bis in diese Gegend vorzudringen, vielmehr anzunehmen sei, daß es sich in seine Schlupfwinkel geflüchtet. Als nun Willibald die Pistolen in schußfertigen Stand setzte und das Doppelgewehr lud, lachte Hartmann und meinte, Willibald schicke sich schlecht zur Reise nach Italien, da solch ein Abenteuer, wie das gefürchtete, dort jedem Reisenden begegnet sein müsse, um den wahren Charakter in die Reisebeschreibung zu bringen. Willibald ließ sich aber gar nicht abhalten, auch Hartmanns Pistolen, die dieser zwar zu seinem Schutz mitgenommen, aber ungeladen sehr sorgfältig im Reisekoffer verschlossen, hervorzuholen und zu laden, indem er seinerseits meinte, daß, reise man Abenteuern entgegen, es auch dienlich sei, sich zeitig genug darauf vorzubereiten, sie zu bestehen.

Immer dunkler und dunkler zogen die Abendwolken auf, die Freunde waren begriffen im lebhaftesten Gespräch und dachten an keine Gefahr, als plötzlich ein Schuß fiel und aus dem dicken Gebüsch einige Kerle von wildem Ansehn sprangen, wovon der eine den Pferden in die Zügel fiel, während ein zweiter sich bemühte, den Postillon hinunterzuziehen von seinem Sitz. Indem es aber dem Postillon gelang, sich durch einen Peitschenschlag ins Gesicht des Räubers von dem Angriff zu befreien, hatte Willibald mit seinem guten Doppelgewehr den andern so richtig aufs Korn gefaßt, daß er wohlgetroffen niederstürzte. Hartmann wollte seine Pistolen auf den Räuber abdrücken, der auf den Wagen zusprang, fühlte sich aber in demselben Augenblick von einem Schuß verwundet. Willibald schoß den zweiten Lauf seines Gewehrs auf diesen Räuber ab, indem der Postillon die Pferde anpeitschte und fortjagte in gestrecktem Galopp. Nun hörten sie hinter sich Schuß auf Schuß fallen und ein wildes wütendes Geschrei. »Ho ho,« jauchzte der Postillon auf, als sie eine gute Strecke davon waren, »ho, ho, nun ist’s gut, nun ist’s gut, die Jäger des Herrn Grafen sind heran!«

Alles war der Vorgang eines Moments, und überrascht von der bedrohlichen Gefahr, stets gespannt, eines wiederholten Angriffs gewärtig, kamen sie erst zur Besinnung, als der Postillon schon anhielt auf der neuen Station. Unerachtet die Kugel nur Hartmanns rechten Arm gestreift, blutete die Wunde doch so stark und schmerzte so heftig, daß an Weiterreisen gar nicht zu denken war. Ein elendes Wirtshaus, das kaum die gewöhnlichste Bequemlichkeit darbot, kein ordentlicher Wundarzt in der Nähe, alles dieses setzte die Freunde in nicht geringe Verlegenheit, die bei Willibald zur ängstlichsten Sorge wurde, als nach dem Verbande, den ein elender Bartscherer ungeschickt genug angelegt, Hartmann in ein nicht gar leichtes Wundfieber verfiel. Willibald verwünschte Hartmanns Herzhaftigkeit oder vielmehr seinen Leichtsinn, der sie nun plötzlich festbannte in ein verwünschtes Loch, so daß bloß dieser Aufenthalt nun doch, da sie dem mörderischen Angriff glücklich entrannen, Hartmanns Leben in Gefahr setzte und vielleicht gar die ganze Reise vereitelte. –

Am andern Morgen, als eben Hartmann erklärte, daß er zur Not die Reise fortsetzen könne, und Willibald hin und her überlegte, was nun geratner sei, zu bleiben oder zu reisen, ohne zum Entschluß zu kommen, wandte sich die Sache unvermutet ganz anders.

Seitwärts, von dem Mulda-Fluß durchströmt, lag nämlich die reiche weitläuftige Herrschaft des Grafen Maximilian von C., und von diesem an die Freunde abgesandt, erschien ein Diener, der sie auf das dringendste einlud, sich auf das Schloß des Grafen zu begeben, das nur wenige Stunden entlegen. Der Herr Graf, fügte der Diener hinzu, habe vernommen, daß die Herrn Reisenden auf seinem Gebiet von Raubgesindel angefallen und der eine von den Herrn bei tapferer Gegenwehr sogar verwundet worden. Zu spät wären seine Jäger herbeigeeilt, um die Gefahr ganz abzuwenden oder wenigstens den Herren beizustehen. Für seine Pflicht halte es daher der Herr Graf, die Herrn Reisenden so lange aufzunehmen in seinem Schlosse, bis der verwundete Herr völlig hergestellt sein werde und seine Reise fortsetzen könne.

Die Freunde mußten diese Einladung für eine besondere Gunst des Schicksals halten und nahmen daher um so weniger Anstand, ihr zu folgen.

Dem reitenden Diener war eine große, wohl ausgepolsterte, mit vier schönen Pferden bespannte Kutsche, in der sich noch eine Menge weicher Kissen befanden, gefolgt. In diese wurde von den andern noch mitgekommenen Dienern Hartmann mit einer Behutsamkeit gepackt, als sei er verwundet auf den Tod, und jeder harte Stoß könne in der Tat ihm augenblicklich das Leben kosten. Hartmann machte, als ihn die Leute in den Wagen trugen, unerachtet er recht gut zu Fuße, solch ein grämliches leidendes Gesicht, als sei er selbst überzeugt von der großen Gefahr seines Zustandes, worüber denn Willibald im Innern recht herzlich lachen mußte. – Fort ging es nun in sehr leisem Trab, Willibald folgte der Krankenkutsche in dem Reisewagen.

Es schien, als habe der Graf die Ankunft der Freunde gar nicht erwarten können, denn schon am äußern Portal des Schlosses wurden sie von ihm empfangen.

Graf Maximilian von C. war ein stattlicher Herr in den siebziger Jahren, das zeigte sein schneeweißes Haar und sein tiefgefurchtes Antlitz. Dem Alter trotzte aber die jugendliche Raschheit in der Bewegung, die starke wohltönende Sprache und das milde Feuer, das in den großen sprechenden Augen strahlte. Eben ein ganz besonderer Blick dieser Augen mußte jeden gleich für den alten Herrn einnehmen, denn in ihm ging alle herzliche Gemütlichkeit eines lebensfrohen Jünglings auf.

Der Graf bewies bei dem Empfang der Freunde einen gastlichen Eifer, der ihnen als ganz ungewöhnlich auffallen mußte. Selbst ergriff er Hartmanns Arm und half ihn die Treppe heraufführen. Sogleich sollte in seiner Gegenwart der Wundarzt des Schlosses Hartmanns Wunde verbinden. Der Wundarzt besorgte das mit geschickter kunstgeübter Hand und erklärte dann, daß die Wunde auch nicht im mindesten gefährlich sei, daß das Fieber nur dem ersten ungeschickten Verbande zuzuschreiben, daß eine einzige ruhige Nacht auch dieses vertreiben und die Wunde in gar kurzer Zeit völlig heil sein werde.

Während die Freunde sich nun an den Erfrischungen erlabten, die der Graf herbeibringen lassen, gab sich Willibald ganz der frohen Laune hin, die die unerwartet günstige Wendung des bedrohlichen Zufalls, der wahrhaft gemütliche Empfang und die Aussicht, die wenigen Tage, deren Hartmanns Genesung bedurfte, recht behaglich zuzubringen, in ihm geweckt. Ein Gleiches tat Hartmann, soweit es sein krankhafter Zustand erlaubte, und versicherte, daß er nun erst den größten Schmerz seiner Wunde fühle. Dieser Schmerz sei aber eigentlich nur psychisch und bestehe in der tiefen Betrübnis, nicht von dem Tokaier genießen zu dürfen, der so herrlich in den blankgeschliffnen Gläsern perle. Auch dieser Betrübnis, meinte der alte Graf, müsse abgeholfen werden, und fragte den Wundarzt auf Gewissen, ob Hartmann nicht wenigstens ein halbes Glas jenes feurigen Weins genießen dürfe. Als nun der Wundarzt, wiewohl kopfschüttelnd, einwilligte, da erhob der alte Herr sein gefülltes Glas und rief lachend: »Wahrhaftig, die Räuber sollen leben, insofern sie nicht von meinen Jägern oder von den herumstreifenden Husaren niedergeschossen oder niedergehauen sind, denn ihnen verdanke ich eine große Wohltat. Ja! ihr lieben wackern Herrn – doch nein, nicht Herrn, ihr lieben wackern Freunde. Denn befreundet seid ihr mir in euerm Wesen ganz und gar, und mir geht bei euch das Herz so auf, als hätt‘ ich schon mit euch seit langer, langer Zeit die frohsten Tage verlebt, ja, eine wahre Wohltat ist es für mich, daß ich euch aufzunehmen in meinem Schlosse Gelegenheit fand.« – Nach manchem fröhlichen Gespräch hin und her, nach manchen drolligen Schwänken, die dieser, jener, ja selbst der alte Graf vorgebracht, so daß das anhaltende laute Gelächter auf ein lustiges Gelag muntrer Jünglinge zu deuten schien, meinte der Wundarzt, es sei Zeit, dem Kranken Ruhe zu gönnen. Willibald bat es sich aus, bei dem Freunde bleiben zu dürfen, und so mußte der alte Herr, der sich ungern von den Freunden trennte, sich mit dem Versprechen begnügen, daß beide folgenden Tages unfehlbar bei der Mittagstafel erscheinen würden. – Er beteuerte, daß ihm die Zeit bis dahin gewaltig lang werden und er dem säumenden Koch Exekution in die Küche schicken würde, damit er die Tafel beschleunige. –

Die Freunde verwunderten sich höchlich über die jugendliche Lebendigkeit des alten Grafen, sowie über den so ausnehmend gastlichen Empfang, dessen sie sich als gänzlich Fremde erfreut, und rühmten das in Gegenwart des jungen Menschen, der sich zu ihrer Bedienung eingestellt. »Ach!« sprach dieser mit gutmütigem treuherzigen Ton, »ach meine lieben gnädigen Herren, das ist nicht immer so! Der gnädige Herr Graf, ja, der ist gar zu gern froh und vergnügt und dabei die Gnade und Güte selbst gegen jedermann, aber er kann es ja nur, wenn fremde Gäste kommen, aber die kommen selten, beinahe gar nicht, denn keiner mag – Nun, wenigstens sind solche fröhliche liebe Gäste, wie Sie es sind, und wie sie eben recht passen für unsern gnädigen Herrn Grafen, hier nicht gewesen seit Gedenken. Ach! wenn nur nicht –«

Der junge Mensch stockte, die Freunde blickten ihn schweigend an, gespannt durch das Geheimnisvolle, was in der Rede lag.

Da fuhr der junge Mensch fort: »Nun, warum sollt‘ ich es denn nicht sagen, es ist hier im Schlosse nicht alles so, wie es sein sollte, es gibt viel Kummer und Gram, und soviel unsereins mit seinem schwachen Verstande begreifen kann und davon erfahren hat, mag wohl Grund genug dazu vorhanden sein. – Sie bleiben gewiß noch lange Zeit hier, meine gnädigen Herren, unser gnädiger Herr Graf wird solche liebe Gäste nicht so bald von sich lassen, da werden Sie schon selbst recht gut merken, wo der Has‘ im Pfeffer liegt.«

»Ich wette,« sprach Hartmann, als der Diener sich entfernt, »ich wette, daß der Hase, der hier im Pfeffer liegt, ein sehr böses Tier ist.« –

Andern Tages, als die Freunde sich zur Mittagstafel einfanden, stellte ihnen der Graf einen sehr wohlgebildeten Jüngling von edler Gestalt mit den Worten vor: »Mein Sohn Franz!« – Er war erst kürzlich von weiten Reisen zurückgekehrt, und dem langen Aufenthalt in Paris schrieben die Freunde die Blässe seines übrigens männlich schönen Antlitzes und die tiefliegenden Augen zu. Er mochte das Leben genossen haben. Man schien noch auf eine Person zu warten, bald öffneten sich denn auch die Türen, und ein junges Frauenzimmer von ausnehmender Schönheit trat hinein. Es war die Nichte des Grafen, Gräfin Amalie von T. Außer diesen Personen nahmen noch der Wundarzt und der Kapellan des Schlosses, ein Geistlicher von ehrwürdigem Ansehn, an der Tafel teil.

Der alte Graf, in seiner Heiterkeit beharrend, wiederholte den Freunden, wie er den Zufall preise, der sie ihm zugeführt, und diese nahmen gar keinen Anstand, all ihrer guten Laune, ebenso wie Tages vorher, den Zügel schießen zu lassen, so daß, da auch der Geistliche sich als ein gemütlicher lebensfroher Mann bewies, das Gespräch unter diesen vier Personen sich frisch und lebendig bewegte. Der Wundarzt gehörte zu den Leuten, die mehr ergötzbar als ergötzlich sind. Ohne besonders zu sprechen, lachte er über alles Drollige, was vorkam, und wenn er denn recht herzlich gelacht, fuhr er mit der Nasenspitze beinahe bis in den Teller hinein, um gnädige Verzeihung bittend, daß er das Komische fühle und belache an hochgräflicher Tafel. Dagegen beharrte Graf Franz, nicht eine Miene verziehend, im finstern Ernst, und nur dann und wann flossen einige unbedeutende Worte über seine Lippen. Gräfin Amalie schien gar nicht an der Tafel zu sein, denn, als werde eine ihr ganz fremde Sprache gesprochen, achtete sie nicht im mindesten auf das Gespräch und sprach selbst nicht ein einziges Wörtlein. Willibald, der Platz neben der Gräfin genommen, besaß ein ungemeines Talent, schweigsame Damen zum Reden zu bringen oder wenigstens zum Hören. Dieses Talent wollte er nun geltend machen, indem er das Wort an die Gräfin richtete, diese, jene Saite anschlagend, die sonst wohl widerklingt in dem weiblichen Gemüt. Doch alles umsonst, die Gräfin blickte ihn mit ihren großen schönen, aber etwas toten Augen an und wandte sich, ohne ihn einer Antwort zu würdigen, wieder von ihm ab, um ins Leere zu schauen. Willibald glaubte in Hartmanns Gesicht deutlich zu lesen: »Du bist ein Tor, gib dir keine Mühe mit der stolzen Närrin, der unter uns es gar nicht recht ist.« – Es wurde auf das Wohl des Kaiserhauses getrunken, und die Gräfin, die noch keinen Tropfen Weins über die Lippen gebracht, konnte nun nicht umhin ihr Glas zu ergreifen und mit dem Nachbar anzustoßen, was sie mit Widerwillen zu tun schien. Willibald, noch nicht von ihr ablassend, bemerkte, daß es seltsame Verstimmungen des Gemüts gebe, die, unauflöslich scheinend, doch auch bei Frauen der Kraft des feurigen Geistes wichen, der dem edlen Wein entsteige. Ja, dieser Geist wandle jene Verstimmung oft um in die liebenswürdigste Laune. Darum wage er die Gräfin zu bitten, den Versuch zu machen, ob jener Erfahrungssatz richtig, und das Glas zu leeren. – Die Gräfin schaute ihn an, wie von seiner Äußerung plötzlich überrascht und ergriffen, dann sprach sie halb leise mit einem Ton, der von tiefem Schmerz zeugte: »Verstimmt? – verstimmt finden Sie mich? – heilige Jungfrau! ist es möglich, daß ein zerbrochenes Instrument stimme! – Nun,« fuhr sie dann gelassener fort, »Sie mögen es gut meinen, mein Herr, aber mich erhitzt der Wein, und ich finde nichts aberwitziger als die sogenannten Gesundheiten, an denen Herz und Gemüt keinen Teil haben und mit denen man nur den Tribut einer gewissen herkömmlichen Schicklichkeit abträgt.« »So,« sprach Willibald, »so lassen Sie, gnädige Gräfin, uns dann die Gläser leeren auf das, was wir recht tief und unvertilgbar in Herz und Gemüt tragen.« Da färbten sich plötzlich die Wangen der Gräfin in hohem Rot, düstres Feuer blitzte aus ihren Augen, sie ergriff das Glas und leerte es, nachdem sie mit Willibald angestoßen, mit einem langen Zuge. Graf Franz, der beiden schrägüber saß, hatte kein Auge von ihnen verwandt, auch er ergriff sein Glas, leerte es und stieß es so heftig auf den Tisch nieder, daß es klirrend zersprang in hundert Stücke.

Alles schwieg betroffen, der alte Graf schien mit gesenktem Blick sich trübem Nachdenken zu überlassen. Während die Freunde bedeutende Blicke wechselten und sich ihrerseits nun gar nicht berufen fühlten, das gutmachen zu wollen, was das unbewußte Hineintappen in ein Geheimnis verdorben, nahm der Geistliche wieder das Wort, und indem er anscheinend sehr ernst begann, wußte er geschickt ganz unerwartet in irgendeinen überaus drolligen Schwank einzulenken. Der Wundarzt, der allein gar keinen Begriff davon zu haben, was vorgegangen, und ängstlich umherblickend zu fragen schien, warum in aller Welt es denn plötzlich so still geworden, lachte ganz unmäßig, bückte sich dann ein Mal übers andere bis zum Teller und brach zuletzt in die Worte aus: »Pardonnieren Ew. Exzellenz, aber es ist unmöglich – es schadet der Lunge, sämtlichen Intestinis – man darf es nicht zurückhalten, man muß ein bißchen losplatzen.« Der alte Graf erwachte wie aus einem tiefen Traum, schaute in das kirschbraune Antlitz des Wundarztes und brach denn auch aus in ein lautes Gelächter. Nun lebte das Gespräch zwar wieder auf, aber es blieb ein erzwungenes, mühsam erhaltenes Leben, so daß die Freunde froh waren, als die Tafel aufgehoben wurde. Gräfin Amalia entfernte sich schnell, und nun erst schien, mit Ausschluß des Wundarztes, allen eine drückende Last entnommen.

Auch Graf Franz war heiter geworden. Er lustwandelte, während der alte Graf sich auf sein Zimmer begab, um wie gewöhnlich zu ruhen, mit den Freun den durch den Park.

»In der Tat,« sprach er, nachdem manches Wort gewechselt, zu Willibald mit scherzendem, doch etwas scharfem Ton, »in der Tat, mein Vater hat mir nicht zuviel von Ihrem gesellschaftlichen Genie gesagt. Es ist Ihnen etwas gelungen, was Ihnen selbst wohl gar nicht so schwierig bedünken mag, was ich meinesteils bis jetzt aber für ganz unausführbar halten mußte. – Ich meine, Sie vermochten die Gräfin dahin zu bringen, daß sie mit Ihnen, der ihr gänzlich fremd, den sie zum erstenmal sah, sprach. Noch mehr, daß sie auf Ihren Anlaß allem jungfräulichen Sprödetun entgegen ein ganzes Glas Wein mit einem Zuge leerte. – Kennten Sie alle wunderbare Seltsamkeiten der teuren Gräfin so genau als ich, Sie würden sich gar nicht verwundern, wenn ich Sie mit Ihrer Erlaubnis für eine Art Schwarzkünstler halte.«

»Doch,« erwiderte Willibald lachend, »doch hoffe ich, von der guten harmlosen Gattung, die ihren Zauberstab schwingen, nur um Ergötzliches zutage zu fördern.«

Überzeugt, daß es bei der Eifersüchtelei des jungen Grafen geraten, nicht tiefer einzugehen in das Kapitel, wandten die Freunde das Gespräch auf andere Dinge, und es wurde der Gräfin und ihrer wunderbaren Seltsamkeiten nicht ferner gedacht.

Als am Abend, nach froh, beinahe üppig verlebtem Tage, die Freunde sich allein auf ihrem Zimmer befanden, sprach Hartmann: »Sag‘ einmal, Willibald, fällt dir denn in diesem Schlosse nicht etwas über alle Maßen auf?«

»Daß,« erwiderte Willibald, »daß ich nicht wüßte. Mir kommt vielmehr hier im Schlosse alles ziemlich ordinär vor, und es gibt nichts Geheimnisvolles, worauf die gestrigen Reden des jungen Menschen zu deuten schienen. Der junge Graf ist verliebt in die Gräfin, die ihn nicht leiden kann, und der alte Herr, der beider Heirat wünscht, ist darüber verdrießlich und weiß nicht, wie er es anfangen soll, sie zusammenzubringen. Das ist alles!« –

»Ho ho,« rief Hartmann, »das ist nicht alles! – Merkst du denn nicht, daß wir mit beiden Füßen recht in der Mitte der Schillerschen ›Räuber‹ stehen? – Der Schauplatz ist ein altes Schloß in Böhmen, mithin die Dekoration richtig. Als spielende Personen treten auf: Maximilian, regierender Graf, Franz sein Sohn, Amalia seine Nichte. – Nun! und Karl mag der Hauptmann der Räuber sein, die uns anfielen. Es freut mich sehr, die Begebenheit endlich einmal in der wirklichen Welt anzutreffen, die Schillern zu dem Trauerspiel Anlaß gab, um mit Gewißheit zu erfahren, was für ein Ende Karl Moor nimmt, ob er von Schweizer erstochen wird oder sich den Gerichten ausliefert. Fraglich ist nur, ob wir als zufälliger Chorus es zulassen dürfen, daß Graf Franz den Vater in den alten Turm sperrt, der, wie du weißt, am Ende des Parks steht, vorzüglich da es vorderhand an Hermann, dem Raben, fehlt, der ihn füttert.«

Willibald lachte sehr über Hartmanns närrischen Gedanken, meinte aber doch, daß in der Tat ein merkwürdiges Spiel des Zufalls hier die wichtigsten Personen aus jenem Trauerspiel, wenigstens dem Namen nach, bis auf den Haupthelden zusammengebracht, so daß nur noch ein Hermann und ein alter Daniel fehle.

»Wer weiß,« erwiderte Hartmann, »ob nicht schon morgen uns beide erscheinen. Was aber den Haupthelden betrifft, so gehört der vorderhand nicht ins Schloß, und doch ist’s mir so, als würde auch nun nächstens ein seltsam gekleideter Mann mit sonnverbranntem, wildem Antlitz kommen und sentimentalerweise rufen: ›Du weinst, Amalia?‹ –«

Die Freunde spannen nach ihrer Weise aus, wie nun alles sich begeben und fügen müsse, und wetteiferten in allerlei, jenes große, aber entsetzliche Trauerspiel parodierenden Ideen, und sie stritten noch dann, als jeder schon sich zu Bette begeben, so daß der Morgen zu dämmern begann, als sie endlich einschliefen.

Andern Tages hieß es, Gräfin Amalia leide an heftigern Kopfschmerz und werde ihr Zimmer nicht verlassen. Graf Franz war ganz erheitert, gar nicht mehr derselbe, der er gestern gewesen, und auch dem alten Grafen schien eine große Last entnommen.

So kam es, daß das Gespräch bei der Mittagstafel sich in rücksichtsloser Lebendigkeit frei und unbefangen bewegte, ohne auf irgendeine Weise verstört zu werden. Als bei dem Nachtisch ein seltner feuriger Wein kredenzt wurde und der alte Graf die Freunde fragte, ob man in Berlin wohl dergleichen trinke, da meinte Hartmann, daß er sich zwar nicht erinnere, dergleichen getrunken zu haben, daß er dagegen bei irgendeinem Feste einen uralten Rheinwein genossen, der, wie es ihm schien, alles übertroffen, was er bisher von seltenen Weinen gekannt. »Hoho,« rief der alte Graf, indem sein Antlitz vor Freude glänzte, »hoho, wir wollen sehen, was mein Keller vermag. Daniel,« rief er dann einem Diener zu, »Daniel soll einmal ein paar Flaschen von dem hundertjährigen Rheinwein hinaufschaffen und den Kristallpokal dazu!« –

Man kann denken, daß die Freunde sich ein wenig seltsam getroffen fühlten bei dem Namen Daniel. Bald darauf trat ein eisgrauer Mann mit gekrümmtem Rücken hinein und brachte den Wein sowie den Pokal herbei; da konnten sie ihren Blick nicht von der Gestalt wegbringen. Hartmann sah seinen Freund Willibald mit einer Miene an, als wollte er fragen: »Nun, hab‘ ich nicht recht gehabt?« Da entschlüpften Willibald die Worte: »In der Tat, das ist höchst merkwürdig!«

Als nach der Tafel die Freunde mit dem Grafen Franz allein geblieben und ganz heiter über dieses und jenes gesprochen, brach der Graf plötzlich ab und fragte, erst Hartmann, dann Willibald scharf fixierend, was ihnen denn so aufgefallen, so merkwürdig gedünkt bei der Erscheinung des alten Daniels. – »Gewiß,« fuhr er fort, als die Freunde betroffen schwiegen, »gewiß rief der alte treue Diener unsers Hauses einer Ähnlichkeit halber irgendein merkwürdiges Ereignis aus Ihrem Leben in Ihr Gedächtnis zurück, und ist dies Ereignis mitteilbar, so geben Sie mir Gelegenheit, das Talent, gut und lebendig zu erzählen, das Sie beide in hohem Grade besitzen, aufs neue zu bewundern; ich bitte Sie recht herzlich darum.«

Hartmann meinte, daß Daniels Erscheinung sie keineswegs an ein merkwürdiges Ereignis aus ihrem Leben, wohl aber an einen närrischen Einfall erinnert, der aber viel zu närrisch und dabei zu unbedeutend sei, um noch einmal wiederholt zu werden.

Als nun aber der Graf nicht nachließ, sondern immer mehr in die Freunde drang, ihm die Ursache ihres plötzlichen Erstaunens bei der Mittagstafel zu entdecken, da sprach Willibald: »Können Ihnen denn die innern Gedanken der Fremdlinge, die ein Zufall Ihnen zuführte, von so großem Belange sein? – Doch Sie wollen wissen, was in uns vorging, als der alte Daniel hineintrat, nun, es sei! – Doch sagen Sie mir vorher, sollten Sie an der Aufführung irgendeines dramatischen Werks teilnehmen, würde es Ihnen nicht verdrießlich, ja höchst fatal sein, einen schlechten Charakter darstellen zu müssen?«

»Wenn,« erwiderte der Graf lachend, »wenn die Rolle sonst interessant ist und Gelegenheit gibt, das Talent zu entwickeln, wie es denn bei Bösewichtern gewöhnlich der Fall zu sein pflegt, ich würde und könnte mich eben nicht sträuben.«

»Nun dann,« fuhr Willibald fort, »mein Freund Hartmann meinte gestern scherzend, hier in einem alten prächtigen Schloß wären die eben auch in einem Schloß spielenden Hauptpersonen der Schillerschen Räuber versammelt, bis auf Hermann und den alten Daniel; als nun bei der Tafel wirklich solch ein alter Diener namens Daniel –«

Willibald stockte, da er wahrnahm, daß furchtbare Totenblässe des Grafen Antlitz überzog, daß er wankend sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte.

»Verzeihen Sie,« sprach er mit bebenden Lippen, »verzeihen Sie, meine Herrn, eine Art von Schwindel – ich fühle mich plötzlich krank!« – Sich mit Mühe ermannend, verließ der Graf das Zimmer.

»Was ist das, was geht hier vor?« sprach Hartmann.

»Hm,« erwiderte Willibald, »toller Spuk, Teufeleien! – Ich glaube, du hattest recht, als du meintest, der Hase, der hier im Pfeffer liege, sei ein böses Tier. Entweder ist Graf Franz wirklich auf irgendeine Weise schuldbelastet, oder der Gedanke an jenes entsetzliche Verhältnis Amaliens in den Schillerschen ›Räubern‹, woran ich ihn sehr unvorsichtigerweise erinnerte, zerschnitt so tötend sein Herz. – Ich hätte schweigen sollen; wer konnte aber auch wissen –«

»Nur,« unterbrach Hartmann den Freund, »nur jedenfalls mußte es den Grafen kränken, sich plötzlich in der Rolle jenes höllischen Bastards zu sehen, und schon deshalb hättest du nicht mit der Wahrheit herausrücken, sondern auf der Stelle irgendeine andere Ursache unsers Erstaunens angeben sollen. Gar keine Lust spüre ich übrigens, tiefer in das Geheimnis, das hier obwaltet, dringen zu wollen, und da meine Wunde beinahe ganz geheilt, halte ich für das Geratenste, den alten Grafen zu bitten, daß er uns morgenden Tages fortschaffen lasse bis zur nächsten Station.«

Willibald meinte dagegen, es sei doch besser, noch ein paar Tage zu verweilen, damit Hartmanns gänzliche Genesung keinen Rückfall und neue Störung der Reise befürchten lasse.

Die Freunde gingen in den Park. Als sie sich einem entfernten Pavillon näherten, hörten sie, wie in dem selben ein Mann zornig sprach, und dazwischen Klagetöne eines Weibes. Sie glaubten die Stimme des jungen Grafen zu erkennen und vernahmen, als sie dicht an die Türe getreten waren, ganz deutlich die Worte: »Wahnsinnige, ich weiß, daß du mich verabscheuest, weil ich dich anbete, weil mein ganzes Wesen nur in dir lebt, atmet! – Aber ihn trägst du im Herzen, ihn, den Verruchten, der Schande auf Schande über uns häuft. Fliehe, betörtes Weib, fliehe hin, suche ihn auf, den Abgott deiner Liebe, er wartet deiner in der Räuberhöhle oder im finstern Kerker! – Doch nein, nein, jenem höllischen Teufel zum Trotz lasse ich dich nicht aus meinen Armen.«

»Bösewicht – Hilfe! Hilfe!« – so kreischte die weibliche Stimme laut auf.

Willibald stieß ohne weiteres die Türe ein. Gräfin Amalia riß sich aus den Armen des jungen Grafen und entfloh mit der Schnelligkeit des aufgescheuchten Rehs.

»Ha!« rief der Graf den Freunden mit entsetzlicher Stimme entgegen, indem seine Augen funkelten in wilder Glut, »ha! – Ihr kommt eben recht! – Ja, ich bin Franz! ich will es sein! ich muß es sein – ich –«

Plötzlich war seine Stimme erstickt, und mit dem kaum vernehmbaren Wort: »Helfer!« – sank er nieder.

So zweideutig den Freunden der ganze Auftritt auch erschien, so sehr sie überzeugt waren, daß der Graf in seinem Tun wirklich jenem satanischen Bösewicht ähnlich, doch mußten sie einsehen, daß es Pflicht war, ihm beizustehen. Sie richteten den Grafen auf, setzten ihn in einen Lehnsessel, und Hartmann bestrich seine Stirne mit einem kräftigen Spiritus, den er bei sich zu tragen pflegte.

Mühsam erholte sich der Graf und sprach, beider, Willibalds und Hartmanns Hand erfassend, mit einem Ton, der von dem tiefsten herzzerreißendsten Jammer zeugte: »Sie haben recht! – ein Trauerspiel, ebenso entsetzlich als jenes, an das die Namen unsers Hauses Sie erinnerten, wird vielleicht hier bald aufgeführt! – Ja, ich bin Franz, den Amalia verabscheut! – Aber nicht, bei Gott, bei allen Heiligen, nicht jener Verworfene, dessen Gestalt dem Dichter aus der Hölle selbst aufstieg. Nein, nur ein Unglücklicher, den ein schwarzes Verhängnis erfaßt, dem schmerzliebsten qualvollsten Tode geweiht hat – und dies Verhängnis ruht unvertilgbar in seiner eigenen Brust. – Verlassen Sie mich, erwarten Sie mich in Ihrem Zimmer.«

Wirklich trat bald, nachdem die Freunde zurückgekehrt waren in ihr Gemach, Graf Franz ebenfalls hinein. Er schien sich ganz erholt, ganz gefaßt zu haben und begann mit leisem ruhigen Ton: »Der Zufall hat Sie in den Abgrund blicken lassen, in dem ich wohl rettungslos untergehen werde. Ich nenne es nicht unbedachtsam, nein, dasselbe finstere Geschick, das bedrohlich über mir schwebt, zwang Sie dazu, mich an die seltsame Ähnlichkeit der Gestaltung unseres Hauses mit der in jenem schauderhaften Trauerspiel zu erinnern, an die ich, so sehr sie ins Auge springen mag, doch früher niemals gedacht. Es war, als reichten Sie mir den Schlüssel dar zu dem furchtbaren Geheimnis, das sich mir nun auftun würde, und nicht der Zufall, nein, eben jenes finstre Geschick habe Sie hergeführt, mich zu stürzen in den Abgrund. Wie mich die Ursache Ihres Erstaunens bei der Tafel, der ganze Aufschluß deshalb im Innern zermalmte, wird Ihnen nicht entgangen sein. Erfahren und erstaunen Sie noch mehr über das rätselhafte Wirken des wallenden Geistes, daß ich wirklich einen älteren Bruder habe, Karl geheißen. Doch nicht jener entsetzliche, aber wahrhaft große Räuberhauptmann ist jener Karl – nein. – Schwer, sehr schwer wird es mir, von der Schmach zu sprechen, die unser Haus befleckt, aber das, was sich vor Ihren Augen soeben begab, zwingt mich dazu, und das vollste Vertrauen hege ich, daß Sie alles, was ich Ihnen entdecke, bewahren werden als ein tiefes Geheimnis. – Schon in früher Jugend bewies Karl bei einer vorzüglich schönen Gestaltung die seltensten Fähigkeiten des Geistes, ja in allem, was er begann, eine schimmernde Genialität. Um so entsetzlicher schien es daher, daß ebenso früh sich sein entschiedener Hang zu Ausschweifungen, ja zu Abscheulichkeiten jeder Art aussprach. Dies war unserm Hause, den glorreichen Ahnen so fremd, daß mein Vater den Fluch einer grausen Tat darin erblicken wollte. – O Gott! – man sagte, Karl, der Erstgeborne, sei die Frucht eines bösen Frevels, dem meine Mutter unterlag. Auch Amalia soll ihre Geburt einem schändlichen Truge verdanken, der einer vom Wahnsinn der Liebe zum Verbrechen hingerissenen Frau den Mann in die Arme führte, den meine Mutter einst liebte, und den sie meinem Vater aufzuopfern gezwungen. – Sie sehen, daß für einen handfesten Psychologen es hier viel zu deuteln gibt, keinen von Ihnen mag ich aber dafür halten. Lassen Sie mich schweigen von der ununterbrochenen Reihe von Bosheiten und schlechten Streichen, die, dem Vater zu steter Qual, Karls ganze Laufbahn auf einer fremden Universität beschmutzten. – Endlich gelang es dem Vater, ihm Militärdienste zu verschaffen. Er brachte es bis zum Hauptmann: es ging ins Feld; da – bestahl er die Kriegskasse, wurde infam kassiert und nach der Festung geschafft. – Er entsprang, und wir hörten nichts mehr von ihm. – Man schrieb mir vor einiger Zeit, daß man aus guter Quelle wisse, der infam kassierte Graf Karl von C. sei als Hauptmann einer Räuberbande im Elsaß eingefangen worden und werde nächstens hingerichtet werden. Ich habe dafür gesorgt, daß der Vater nichts davon erfährt, nichts erfahren kann, die ser letzte Schlag würde ihn augenblicklich töten. – Und diesen Verworfenen liebt die Gräfin, liebt ihn mit einer grenzenlosen wahnsinnigen Inbrunst. Zwölf Jahre war Amalia alt, als Karl das väterliche Haus verließ, in dem die vater- und mutterlose Nichte aufgenommen worden. Finden Sie es möglich, daß ein Kind in solcher Liebe entbrennen, daß diese Liebe, eine unverlöschbare Flamme, ihr ganzes Wesen ergreifen konnte? Ein satanisches Geheimnis ist diese Liebe, und die Schauer der Hölle durchbeben mich oft, wenn ich Amalia erblicke, in Gram, in Schmerz aufgelöst, verzehrt von den Qualen einer Sehnsucht, die alles, was Tugend, was Jungfräulichkeit heißen mag, frech verhöhnt! – Sie wollen von mir selbst hören? – Nun, mit eben der Inbrunst, mit all dem Wahnsinn, wie Amalia den verruchten Bruder liebt, ja! – ebenso liebte ich schon, da ich kaum zum Jünglinge gereift, das Kind von zwölf Jahren. Älter geworden, von ihr verworfen, glaubte ich eine Leidenschaft, die mir verderblich werden mußte, besiegen zu können, indem ich sie preisgab aller anlockenden Lust der Welt. Ich durchreiste Frankreich, Italien, aber ihr Bild – ihr Bild, glaubt‘ ich es verblichen, strahlte immer wieder auf in neuem Glanz! – Tötendes Gift gärte in meinem Innern! – Nirgends Ruhe, nirgends Rast! – Wie der Nachtvogel immer enger und enger die Flamme umkreist und endlich in der Glut seines Sehnens sein Grab findet, so kam ich, mit dem festen Vorsatz, Amalien niemals wiederzusehen, ihr doch immer näher und näher, bis ich, dem Willen des Vaters nur scheinbar nachgebend, zurückkehrte in das Schloß. Mein Vater sieht meine Qual, er verabscheut Amaliens unwürdige Neigung, er glaubt, daß ihr verwirrter Sinn endlich gesunden werde – trostlose Hoffnung! – Und doch, indem ich mich selbst als einen Wahnsinnigen betrachte, kann ich nicht lassen von der, die, in meinem Wesen lebend, mein Wesen zerstört! – Und doch! nie bin ich bei dieser steten unnennbaren Qual so wie von den Gedanken der Hölle zerrissen worden, als in dem verhängnisvollen Augenblick, da Sie das fürchterliche Bild jenes Trauerspiels mir vor Augen brachten, und ich dann Amalia, die ich in ihren Zimmern glaubte, in dem Pavillon einsam fand. Alle Wut der brünstigsten Liebe erwachte in mir, und zu ihr gesellte sich der wilde Zorn der Verzweiflung. – Es ist vorüber, ich reiße mich los mit Gewalt, – man spricht von dem Ausbruch eines neuen Krieges – ich nehme Dienste.«

»Was sagst,« sprach Willibald, als die Freunde sich allein befanden, »was sagst du zur dem allem?« »Ich meine,« erwiderte Hartmann, »daß dem Herrn Grafen Franz gar nicht zu trauen ist. Er ist ganz gewiß in seiner Leidenschaft ein wilder Mensch, und ich bedaure die reizende Gräfin Amalia aus dem Grunde meines Herzens. – Wenigstens war es sehr seltsam oder vielmehr unzart, daß der Graf, nur um sich des Auftritts in dem Pavillon halber zu entschuldigen, uns in die Geheimnisse des Hauses einweihte und vor unsern Augen den Namen des Bruders an den Schandpfahl schlug.«

In dem Augenblick entstand auf dem Schloßhofe ein großer Tumult. Die Jäger des Grafen nebst einigen Husaren brachten eine gute Anzahl eingefangener, zum Teil schon verwundeter Räuber ein. Menschen von wildem, zum Teil ganz fremdem Ansehen, die, gelang es, sie zum Reden zu bringen, welches schwer hielt, da sie auf alle Fragen trotzig schwiegen, nur ein gebrochenes Deutsch und ein verdorbenes, kaum verständliches Italienisch sprachen. Andere konnten die zigeunerische Abkunft gar nicht verleugnen und sprachen fertig böhmisch. Mit Recht konnte man daraus schließen, daß das Räubergesindel von der italienischen Grenze herübergekommen und sich in Böhmen durch Zigeunerhorden verstärkt haben müßte. Als man die Räuber nach ihrem Hauptmann fragte, lachten sie laut auf und sagten, der sei in guter Ruhe und Sicherheit, der sei nicht so leicht zu fangen, als man wohl denke. Wirklich hatte sich, wie die Jäger erzählten, ein Trupp der Räuber mit der Wut der Verzweiflung durchgeschlagen und war, da die Nacht eingebrochen, im Dickicht des Waldes entkommen. – »Ein Grund mehr,« sprach der Graf anmutig lächelnd zu den Freunden, »warum ich Sie noch durchaus nicht von mir lassen kann. Jede Gefahr muß erst aus dem Wege geräumt sein.«

Abends war Willibald aus der Gesellschaft, die wie gewöhnlich aus den beiden Grafen, dem Geistlichen und dem Wundarzt bestand, – Amalia fehlte – verschwunden. Schon wollte man ihn aufsuchen, als er eintrat. Hartmann merkte es dem Freunde an, daß ihm etwas ganz Seltsames begegnet sein müsse, und es war dem wirklich so. Kaum waren die Freunde auf ihrem Zimmer allein, als Willibald losbrach: »Nein, es ist die höchste Zeit, daß wir forteilen. Das unheimlich Seltsame häuft sich zu sehr, und es will mich bedünken, daß wir dem Räderwerk, das hier ein besonderes böses Verhängnis zu treiben scheint, zu nahe kommen und, von dem Schwungrad ergriffen, unaufhaltsam hineingeschleudert werden könnten ins Verderben. – Du weißt, daß ich dem alten Grafen etwas mitzuteilen versprochen von meiner Schreiberei. Als ich nun mit dem Manuskript, das ich hervorgesucht aus dem Koffer, in der Hand, herabkomme, gerate ich in meiner Zerstreuung in den großen Saal auf der linken Seite, der, wie du weißt, mit großen Gemälden behängt ist. Der Rubens, den wir schon neulich bewunderten, zieht mich aufs neue an. Indem ich nun aber davor stehe und ihn betrachte, geht eine Seitentür auf, und Gräfin Amalia tritt hinein. Du meinst, noch ganz verstört, ganz außer sich über das, was sich vor ein paar Stunden begeben? – Nichts weniger als das! – Ganz heiter und unbefangen tritt sie auf mich zu und beginnt von den Gemälden und den verschiedenen Meistern, die hier versammelt, zu sprechen, indem sie sich vertraulich in meinen Arm hängt und langsam den Saal mit mir hinabwandelt. ›Doch‹, ruft sie endlich aus, als wir uns am Ende des Saals befinden, ›doch, gibt es etwas Langweiligeres, als so viel zu sprechen von toten Bildern? Hat das frische Leben so wenig Anspruch an uns, daß wir uns davon abwenden? –‹

Und damit öffnet sie die Türe, und wir durchwandeln zwei, drei Zimmer, bis wir endlich in ein mit dem ausgesuchtesten Geschmack dekoriertes Gemach treten.

›Ich begrüße Sie in meiner Behausung‹, spricht Amalia und nötigt mich, neben ihr Platz zu nehmen auf dem Sofa.

Du magst dir es vorstellen, daß mir in der Nähe des reizenden Weibes, die sonst mir schroff und kalt erschienen, jetzt die Anmut, die Lieblichkeit selbst war, ganz seltsamlich zumute wurde. Ich gedachte eben in den schönsten Redensarten ganz ausnehmend liebenswürdig zu sein und rüstete mich, irgendeinen leuchtenden Geistesblitz abzuschießen, als mir die Gräfin mit einem Blick in die Augen starrte, vor dem ich augenblicklich verstummte.

Sie nahm meine Hand und fragte: ›Finden Sie mich schön?‹ – Sowie ich die Lippen öffnen wollte, zur Antwort, sprach sie weiter: ›Ich verlange keine Schmeichelei, die mir in diesem Augenblick nur zu abgeschmackt erscheinen müßte. Mir genügt ein einfaches Ja oder Nein!‹ – ›Ja!‹ erwiderte ich nun, und ich möchte wohl wissen, wie dieses Ja! geklungen haben mag, das ich schnell ausstieß in einer Art von seltsamer Bestürzung.

›Könnten Sie mich lieben?‹ fragte die Gräfin weiter, indem mir ihr Blick sagte, daß sie auch wieder nichts anders verlange als ein einfaches Ja oder Nein.

Der Teufel nehme sich anders, ich habe kein weißes kaltes Blut, keine philisterige Fischnatur. ›Ja!‹ rief ich und drückte ihre Hand, die noch immer die meine faßte, an die bebenden Lippen und küßte sie einmal über das andere mit einer Inbrunst, die ihr gar keinen Zweifel lassen mußte, wie jenes Ja! recht aus dem tiefen Herzen gekommen.

›Nun dann‹, rief die Gräfin wie aufjauchzend vor Freude, ›so reißen Sie mich aus meinem Verhältnis, das mir täglich, stündlich den qualvollsten Tod gibt. – Sie sind Fremde – Sie gehen nach Italien – ich folge Ihnen – entführen Sie mich dem Verhaßten – retten Sie mich zum zweitenmal! –‹

Wie ein jäher Blitz traf mich jetzt der Gedanke, wie unbesonnen ich dem Eindruck des Augenblicks der aufgeregten Sinnlichkeit nachgegeben. Ich fuhr zusammen, die Gräfin schien das gar nicht zu bemerken, sondern fuhr ruhiger fort: ›Nicht verschweigen will ich Ihnen, daß mein ganzes Wesen einem andern gehört und ich daher auf eine ganz uneigennützige Tugend rechne, wie sie wohl kaum zu finden. Doch – ebensowenig will ich leugnen, daß es unter gewissen Umständen möglich sein würde, Ihnen den höchsten Lohn der Liebe zu gönnen – und ich würde reich lohnen! – Ist nämlich jener, den ich im Herzen trage seit meiner Kindheit, nicht mehr unter den Lebendigen, so – Sie bemerken, daß ich, da ich dies auszusprechen vermag, mich selbst bis in das Innerste hinein geprüft habe, und daß meine Entschlüsse nicht von der jähen Aufregung eines entsetzlichen Augenblicks erzeugt wurden. Übrigens weiß ich, daß Sie und Ihr Freund die Verhältnisse hier im Schloß mit der Exposition eines gewissen furchtbaren Trauerspiels verglichen haben. Es liegt darin etwas Seltsames, Verhängnisvolles.‹

Was um aller Welt willen der Gräfin sagen? – Welche Antwort lag im ganzen Reiche des Möglichen? – Die Gräfin riß mich aus der Verlegenheit, indem sie sehr ruhig sprach: ›Jetzt nichts weiter – verlassen Sie mich – wir sprechen weiter zur gelegenen Zeit.‹ –

Schweigend küßte ich der Gräfin die Hand und entfernte mich nach der Türe. Da eilte die Gräfin mir nach, warf sich wie in heller Liebesverzweiflung mir in die Arme, glühende Küsse brannten auf meinen Lippen, sie rief mit einem Ton, der meine Brust zerfleischte: ›Rette mich!‹ – Halb betäubt, bestürmt von den widersprechendsten Gefühlen, wurde es mir unmöglich, zu euch zurückzukehren. Ich lief hinab in den Park. Es war mir, als habe ich das höchste Liebesglück gewonnen, als müßt‘ ich, rücksichtslos mich hinopfernd, tun, was die Gräfin geboten, bis ich, ruhiger geworden, den Wahnsinn eines solchen verderblichen Unternehmens einsah. – Du hast bemerkt, daß Graf Franz mich, ehe wir in unser Zimmer hinaufgingen, beiseite nahm und heimlich mit mir redete. – Nun, nichts anders gab er mir zu verstehen, als daß er unterrichtet sei von der Neigung, die die Gräfin zu mir gefaßt. ›Ihr‹, so sprach der Graf, ›Ihr ganzes Wesen, Ihre ganze Art zu sein erfüllt mich mit dem unbedingtesten Zutrauen, darum darf ich Ihnen sagen, daß ich mehr ahne, als Sie wohl denken mögen. – Sie sprachen die Gräfin. – Hüten Sie sich vor Armidens sinnbetörender Verlockung – seltsam muß Ihnen das aus meinem Munde klingen – doch, das ist eben der böse Fluch, der mich verfolgt, daß ich mir meines Wahnsinns bewußt bin und mich nicht herauszureißen vermag aus dem heillosen Zustande, der mich verdirbt, und den ich dennoch zu lieben gezwungen.‹ –

Du siehst, Freund Hartmann, daß ich mich jetzt hier in solch toller verwirrter Lage befinde, die die schnelle Abreise unbedingt notwendig macht.«

Hartmann war nicht wenig erstaunt über alles das, was sich mit seinem Freunde Willibald begeben, und beide, nachdem sie noch manches über die Lage der Dinge auf dem Schlosse hin und her gesprochen, waren einstimmig der Meinung, daß sich hier wohl alles aus gewissen bedrohlichen Abgründen der menschlichen Natur entwickelt haben müsse.

Mit den ersten Strahlen der Sonne erwachten die Freunde aus dem Schlaf. Blütendüfte hauchten durch das geöffnete Fenster, und draußen in Wald und Flur war alles Leben und Lust. Die Freunde beschlossen, noch vor dem Frühstück einen Gang durch den Park zu machen. Als sie nun in den entfernteren Teil kamen, der an den Forst grenzte, vernahmen sie ein eifriges Gespräch und erblickten bald darauf den alten Daniel und einen großen, stattlich gekleideten Mann, die gar wichtige Dinge abzuhandeln schienen. Endlich gab der Fremde dem Alten ein kleines Papier und ging, von Daniel begleitet, waldeinwärts, wo in geringer Entfernung ein Jäger mit zwei Reitpferden stand. Beide, der Jäger und der Fremde, schwangen sich auf und jagten in vollem Galopp davon. Als Daniel zurückkehrte, stieß er gerade auf die Freunde. Er fuhr erschrocken zusammen, dann sprach er aber lächelnd: »Ei, ei, schon so früh auf, meine Herrn? – Nun, da war eben der fremde Herr Graf hier, der unser Nachbar werden will. Er hat sich hier ein wenig umgesehen, ich habe ihn überall herumführen müssen. Sowie er nun sein Schloß bezogen, will er einsprechen bei unserem gnädigen Herrn Grafen und um gute freundliche Gastfreundschaft bitten.« –

Auch dieser Fremde, das Erschrecken Daniels wollte den mißtrauisch gewordenen Freunden gar bedenklich vorkommen.

Mit vieler Mühe errangen die Freunde vom alten Grafen das Versprechen, daß sie andern Morgens fortgeschafft werden sollten, dafür wollte er aber diesen Tag nicht aus ihrer Gesellschaft kommen. Das war, was Willibald, der Amalien fürchtete wie ein scheues Kind, nur wünschen konnte. Der Morgen verging heiter und froh, als man sich bereitete zur Tafel zu gehen, fehlte Gräfin Amalia. »Der Kopfschmerz wird sich wieder eingestellt haben,« sprach der alte Graf verdrießlich. Da ging die Türe auf, Gräfin Amalia trat herein, und den Freunden stockte der Atem. Auf das köstlichste war sie in dunkelroten Samt gekleidet, ein funkelnder Gürtel umschloß fest den schlanken Leib, und ebensolch ein prächtiger Schmuck erhöhte den Reiz des blendenden Nackens, während reiche Spitzen den schwellenden Busen nur halb verbargen. Die dunklen Locken waren mit Perlenschnüren und Myrten durchflochten, Handschuhe und Fächer vollendeten den festlichen Putz. Sie strahlte in solchem Glanz der Schönheit, daß ein tiefes Schweigen von der Überraschung selbst derer zeugte, die sie wohl schon öfters so geschmückt gesehen.

»Mein Himmel,« begann der alte Graf, »was bedeutet das, Amalia, du bist ja geschmückt, als solltest du, eine frohe Braut, vor den Altar treten.«

»Bin ich denn keine glückliche Braut?« sprach Amalia mit einem unnennbaren Ausdruck, kniete nieder vor dem Grafen und beugte ihr Haupt, als flehe sie um seinen Segen.

Ganz verklärt vor Freude, hob der Graf sie auf, küßte sie auf die Stirne und sprach dann: »O Amalia, wäre es möglich? Franz – glücklicher Franz!« – Graf Franz näherte sich mit wankendem Schritt. Man sah ihm die Angst des bangen Zweifels an. Amalia schauerte zusammen, dann ließ sie dem Grafen willig ihre Hand, die er mit feurigen Küssen bedeckte.

Bei der Tafel blieb sie still und ernst, wenig teilnehmend daran, was eben gesprochen, aber sichtlich weich gestimmt und sich hinneigend den Worten Willibalds, der wie gewöhnlich ihr Nachbar, und dem übrigens zumute war, als sitze er auf glühenden Kohlen. Seltsame Blicke warf Graf Franz herüber auf das Paar, und Willibald mußte fürchten, daß Amaliens unerklärliches Beginnen, der wahnsinnige Gedanke, sich plötzlich als Braut zu schmücken, um ihm mehr Aufmerksamkeit zu beweisen als jemals, noch einen argen Strich durch die Lebensrechnung machen und zu einem heillosen Zweikampf nötigen werde. – Es kam aber anders! – Als die Tafel aufgehoben, nahm sie Willibalds Arm und eilte, während die andern noch im Gespräch begriffen, so schnell von dannen, daß sie sich plötzlich in dem entfernten Zimmer mit Willibald allein befand. – Sie wankte, wollte niedersinken, da schloß Willibald sie in seine Arme, und außer sich selbst, ganz Liebeslust, drückte er heiße Küsse auf die schönsten Lippen; da lispelte die Gräfin: »Laß mich, o laß mich – entschieden ist mein Schicksal – du kamst zu spät – o wärst du früher gekommen – doch jetzt – o Gott!«

Ein Tränenstrom stürzte ihr aus den Augen, und sie verließ das Zimmer in demselben Augenblick, als Graf Franz eintrat. Willibald rüstete sich, einen harten Auftritt zu bestehen und jeder Beleidigung des Eifersüchtigen mit dem Mut, mit der Kraft des Mannes zu begegnen. Doch nicht wenig verwundert war er, als der Graf in heftiger Bewegung auf ihn zutrat und mit einem Ton, mit einem Blick, der genugsam davon zeugte, wie sein ganzes Innres zerrissen, fragte: »So wie ich höre, reisen Sie morgen früh mit Ihrem Freunde ab?« – »Allerdings, Herr Graf,« erwiderte Willibald sehr ruhig und gelassen. »Schon zu lange haben wir hier verweilt, und ein böses Verhängnis könnte uns ganz ohne unsere Schuld in manches verwickeln, das sich hier auf dem Schlosse zu großem Unheil gestalten möchte.«

»Sie haben recht,« sprach der Graf tief gerührt, indem heiße Tränen aus seinen Augen perlten, »Sie haben recht, mein Herr. – Nicht mehr darf ich Sie vor Armidens Zauberreize warnen. Rinaldo reißt sich los mit männlichem Mut! – Sie verstehen mich ganz. – Ich habe Sie beobachtet mit eifersüchtigem Mißtrauen – ich spreche Sie frei von aller Schuld – o! – wäre es denn eine Schuld gewesen – doch still, nichts mehr davon. So viel ist gewiß, daß irgendein unheilschwangres Geheimnis waltet, aber die Kunst der Hölle gehört dazu, es zu erraten.« –

Die übrige Gesellschaft versammelte sich, der Geistliche wurde abgerufen. Als er wiederkam, sprach er leise mit dem alten Grafen, dieser erwiderte halblaut: »Sie ist eine überspannte Närrin, man lasse sie gehen!« – Die Freunde erfuhren nachher von dem Geistlichen, daß Amalia seinen Zuspruch verlangt und ihm allerlei seltsame Zweifel über die Sünde, ewige Strafe u.s.w. aufgeworfen, dann, als er ihr unruhiges, ganz verstörtes Gemüt beschwichtigt, so gut als er es vermocht, aber erklärt, wie sie sich durchaus krank fühle und den ganzen Abend in ihrem Zimmer eingeschlossen bleiben werde. – Des Abschieds der Freunde halber floß der edle Wein noch reichlicher als sonst und ließ die schwärmerische Amalia vergessen samt ihrer Krankheit, die, wie der alte Graf aus Erfahrung wissen wollte, auf leerer Einbildung beruhe. Alles, vorzüglich Willibald, der sich bei dem Gedanken der nahen Abreise aller Sorge entnommen und so leicht und froh fühlte wie ein freigelassener Vogel, war und blieb bei der heitersten und unbefangensten Laune. Ja, der Scherz stieg beinahe bis zur Ausgelassenheit, der Wundarzt hörte nicht auf um Verzeihung zu bitten seines Lachens halber und wollte immer wieder dazwischen fragen, ob denn die gnädige Gräfin heute wirklich getraut worden. Der Geistliche schnitt ihm dann aber gleich das Wort ab, und es war possierlich genug anzuschauen, wie er ganz verblüfft dasaß mit offnem Munde und gar nicht begreifen konnte, warum er nichts wissen solle von der Hochzeit, die seines Bedünkens gefeiert würde, wiewohl im stillen ohne Braut. – Nur Graf Franz schien, von bösen Ahnungen gepeinigt, in steter Unruhe. Bald verließ er den Gartensaal, in dem man versammelt, bald kehrte er wieder zurück, sah aus dem Fenster, trat vor die Türe etc. Man trennte sich in später Nacht.

Andern Morgens vernahmen die Freunde ein ungewöhnliches Hin- und Herlaufen im Schlosse, Stimmen durcheinander, Waffengeräusch u.s.w. Sie traten an das Fenster und sahen, wie eben Graf Franz bewaffnet an der Spitze der Jäger fortsprengte. Der Diener, der sonst jeden Morgen hinaufkam mit dem Frühstück, blieb aus. Irgendein bedrohliches Ereignis ahnend, stiegen die Freunde herab. Sie begegneten lauter blassen verstörten Gesichtern, niemand stand Rede.

Endlich gewahrten sie den Geistlichen, der aus den Zimmern des alten Grafen trat. Von ihm erfuhren sie alles. – Gräfin Amalia war spurlos verschwunden! – Als sie des Morgens nicht, wie sie sonst zu tun pflegte, dem Kammermädchen klingelte, ging dieses nach ihrem Zimmer. Sie fand die Türe verschlossen, und da sie auf alles Klopfen, auf alles Rufen keine Antwort erhielt, geriet sie in große Angst und Besorgnis. Sie lief herab, schrie laut, daß Gräfin Amalia tot sei oder wenigstens in tiefer Ohnmacht liege, und bald war das ganze Schloß versammelt vor dem Zimmer der Gräfin. Man stieß die Türe ein, Amalia war entflohen, entflohen in demselben prächtigen Anzuge, den sie Tages vorher getragen. Sie hatte sich nicht entkleiden lassen und es selbst nicht getan, da man sonst den Anzug im Zimmer hätte finden müssen. – Auf dem Marmortisch vor dem Spiegel lag ein kleiner Zettel, auf dem die wenigen Worte von Amaliens Hand standen: »Die Braut eilt in die Arme des Bräutigams.«

Ganz unbegreiflich schien es, wie Amalia hatte unbemerkt entfliehen können. Bei Tage war das ganz unmöglich, da sich innerhalb und außerhalb dem Schlosse eine Menge Menschen bewegten, die gewiß die Gräfin, noch dazu in ihrem ungewöhnlichen reichen Anzuge, bemerkt haben würden. Floh die Gräfin zur Nachtzeit, so war es wieder nicht zu erklären, wie sie aus dem Schlosse hatte kommen können, dessen Tor man am Morgen fest verschlossen fand. An eine Flucht durch das Fenster war bei der beträchtlichen Höhe des Stocks, in dem sich der Gräfin Zimmer befand, nicht zu denken. Offenbar mußte irgend jemand im Schlosse der Gräfin zur Flucht behilflich gewesen sein.

Hartmann erzählte nun, wie sie am gestrigen Morgen im Park den alten Daniel mit einem Fremden eifrig sprechend getroffen hätten, der dann rasch waldeinwärts fortgesprengt.

Der Geistliche wurde sehr aufmerksam, ließ sich die Gestalt des Fremden, seinen Gang, sein ganzes Wesen auf das genaueste beschreiben und versank in tiefes Nachdenken. »Es ist,« sprach er dann halb leise, »es ist ein schwarzer Argwohn, der in mir aufkeimen will. – Sollte dieser alte Diener – Muster der Redlichkeit – sollte jener Verruchte selbst? – Nein, es ist nicht möglich! – Und doch – die Beschreibung des Fremden – das Gespräch mit Daniel in einer Tageszeit, wo er sich ganz unbeobachtet glauben konnte – nun! – bald klärt sich ja alles auf. Ist Graf Franz so glücklich, die Gräfin aufzufinden, sie zurückzubringen –«

»Das,« rief Willibald lebhaft, »das wolle Gott verhüten! Mag Graf Franz die Gräfin für tot, für ewig verloren halten. Den durchbohrendsten Gram lindert die Zeit, und selbst der Tod, der unüberwindliche Leiden endigt, ist Wohltat für den, dessen Inneres irgendeine heillose Gestaltung des Lebens zerreißt mit namenloser Qual. Mag das entsetzliche Verhältnis, der Kampf der brünstigsten Liebe und des tiefsten Abscheues, aus derselben unreinen Flamme roher Sinnlichkeit geboren, mag dieser furchtbare Kampf, in dem das Edelste untergeht, nie mehr dieses Haus verstören!« –

»Ach,« sprach der Geistliche, indem er die Augen gen Himmel hob, »ach, es ist wohl dem so, ich kann Ihnen nicht widersprechen.«

Die Freunde bestanden darauf, nun ohne weiteres auf der Stelle abzureisen. Der Geistliche versprach für Pferde zu sorgen, da alles in Verwirrung, und hielt Wort. Nach einer halben Stunde stand der gepackte Reisewagen vor der Türe.

Der alte Graf hatte durch den Geistlichen den Freunden ein herzliches Lebewohl sagen lassen, da er sich außerstande fühle, sie mündlich zu sprechen.

Als indessen die Freunde im Begriff waren in den Wagen zu steigen, trat der alte Graf aus der Türe. Stolz trug er sein Haupt erhoben, veredelt schienen die Züge seines Antlitzes, fester war sein Schritt. Überwunden hatte er den jähen Schmerz, und nun konnte das Leid neu seinen heldenmütigen Geist nur beleben mit neuer Kraft.

Er umarmte die Freunde herzlich und sprach dann mit der ernsten Würde des in sich abgeschlossenen Mannes: »Ihre Erscheinung war der letzte Lichtpunkt in meinem Leben, Amaliens Flucht der erste Schlag des Wetters, das nun über mein Haus einbricht und es vernichtet. Im Alter, wenn das Feuer der Phantasie erloschen, gelten Ahnungen mehr als in der Jugend. – Haben Sie Dank für die heitern Augenblicke, die ihr frischer lebensmutiger Geist mir gewährte. Beten Sie, daß der Herr bald vollende, was er über mich beschlossen.«

Der Graf drückte schnell eine Träne aus dem Auge, als er von den Freunden schied, und auch diese verließen das Schloß in der tiefsten Rührung.

Mitten im nahen Walde trafen sie auf einen Trupp gräflicher Jäger, die auf einer von Baumzweigen geflochtenen Bahre den Grafen Franz nach dem Schlosse brachten. Ein Schuß, der ganz unerwartet aus dem dichten Gebüsche fiel, hatte ihn in die Brust getroffen; er schien rettungslos verloren. – »O fort – fort von diesem Schauplatz des Jammers!«

So riefen die Freunde, und rasch ging es weiter.

Zwei Briefe

Mehrere Jahre waren verflossen. Hartmann, in seiner diplomatischen Laufbahn vorgerückt, ging in Aufträgen seiner Obern nach Rom und dann nach Neapel. Von hier aus erhielt Willibald, der in Berlin zurückgeblieben, einen Brief folgenden Inhalts:

Hartmann an Willibald

Neapel, den ………

Ich schreibe Dir, mein teuerster Willibald, in der vollsten Bewegung meiner ganzen Seele! – An einen Moment in unserm Leben bin ich erinnert worden, der Dich so erfaßte, daß Du lange nicht das seltsame Gefühl von Lust und Schmerz, von Liebe und Verachtung verwinden konntest. – Doch ohne weitere Vorrede zur Sache.

Gestern besuchte ich den reizendsten romantischsten Punkt dieser Gegend, nämlich das Kamaldulenser-Kloster in der Nähe des Posilippo.

Der Prior war artig genug, mich an einen Mönch zu weisen, der ein Deutscher war, und den er vom Gelübde des Schweigens dispensierte.

Je länger der Mönch mit mir sprach, desto bekannter wurde mir der Ton seiner Stimme, und auch in den Zügen seines würdigen Antlitzes lag etwas Bekanntes, schon Gesehenes, das nur der lange weiße Bart zweifelhaft zu machen schien. Der Mönch betrachtete mich mit einer forschenden Aufmerksamkeit, die offenbar zeigte, daß auch ich ihm bekannt vorkam.

Endlich erwähnte ich, als der Mönch mich fragte, ob ich zum ersten Male in Italien sei, unserer Reise von Berlin über Prag und Wien nach Mailand. – »So,« rief der Mönch, »so täuscht mich doch wohl nicht die Erinnerung, die mir gleich zu Sinn kommen wollte, als ich Sie nur erblickte. – Wir sahen uns schon in Böhmen auf dem Schlosse des Grafen Maximilian von C.« –

Der Mönch war kein anderer als jener würdige Geistliche, der Schloßkapellan des Grafen von C., und Du kannst denken, wie mir mit einem Zauberschlage das helle lebendige Bild jener verhängnisvollen Momente auf dem Schlosse vor Augen trat. Eifrig bat ich den Mönch mir zu sagen, wie sich fernerhin alles begeben, und meinte, daß, führe mich meine Rückreise durch Böhmen, ich gewiß die Gastfreundschaft des alten Grafen, sei er noch am Leben, zum zweitenmal in Anspruch nehmen werde. – »Ach,« sprach der Mönch, indem er den tränenschweren Blick zum Himmel richtete, »ach! – alles ist dahin! – verschwunden alle Pracht und Herrlichkeit! – Das Geflügel der Nacht nistet in den Ruinen, wo sonst Freiheit thronte und Gastfreundschaft in schimmernden Prunkgemächern!« –

Geahnt haben wir wohl beide den Untergang der vor verhängnisvollen Geheimnissen bedrohten Familie; höre indessen, wie nach der Erzählung des Mönchs sich alles begeben.

Graf Maximilian behielt die Fassung des männlich starken Geistes, als ihm der auf den Tod verwundete Sohn gebracht wurde, und diesen Mut lohnte der Ausspruch des Wundarztes, der, nachdem er mit dem Geschick des vollendeten Meisters die Kugel herausgebracht, erklärte, daß die Verwundung allerdings sehr gefahrvoll, Rettung indessen nicht nur möglich, sondern, käme nicht irgendein anderes Übel hinzu, mit vieler Wahrscheinlichkeit vorauszusehen sei. Daß die Büchsenkugel nicht die Brust des Grafen durchbohrt, das sonst bei der Richtung des Schusses ein Wunder zu nennen, ließ den Wundarzt vermuten, daß der Mörder in gar beträchtlicher Ferne geschossen. Daraus ließ sich denn auch erklären, daß der Mörder Zeit genug gehabt hatte, zu entfliehen, da die Jäger, so sorgsam sie auch den ganzen Wald durchstreiften, doch nicht eine einzige verdächtige Person antrafen. Überhaupt schien jenes Raubgesindel, das die ganze Gegend ringsumher unsicher machte, nach der Niederlage, die es zuletzt erlitten, sich wieder über die Grenze zurückgezogen zu haben, denn man hörte durchaus nichts mehr von den kühnen Raubstreichen, die sonst beinahe jeden Tages vorgefallen.

Der Wundarzt hatte die Verwundung des Grafen ganz richtig beurteilt. Sehr bald war er außer aller Gefahr, und die sanfte Trauer, die tiefe Schwermut, die sein Gemüt erfüllte, hatte seinen in Feuer und Flamme aufsprühenden Geist gebrochen und war eben deshalb seiner völligen Genesung zuträglich. Beide, der alte Graf und Graf Franz, hatten Amalia, die wie durch Zauberei spurlos verschwunden, ganz aufgegeben. Sie durften nicht einmal irgendeine Vermutung wagen, wohin, mit welches Hilfleistung sie entflohen. Alles nur irgend Denkbare wurde bei näherer Beleuchtung zum leeren Hirngespinst, und so war es auch unmöglich, irgendeine Maßregel zu ersinnen, die dahin hätte führen können, die Spur der Entflohenen zu finden und zu verfolgen. – Die Stille des Grabes herrschte nun in dem Schlosse, und nur vorübergehende helle Augenblicke, die der Geistliche manchmal herbeizuführen wußte, unterbrachen die tiefe Trauer, in die beide, Vater und Sohn, versunken. Nur der Trost, den die Kirche zu spenden vermag, stärkte den alten Grafen, als der entsetzliche Schlag ihn traf, den abzuwenden Graf Franz sich vergebens bemüht hatte. Graf Maximilian erfuhr durch Zufall, daß sein Sohn Karl wirklich vor mehrerer Zeit als Haupt einer Räuberbande im Elsaß eingefangen und zur Hinrichtung verurteilt, aber von seinen Spießgesellen, die das Gefängnis, worin er eingeschlossen, erbrachen, indessen mit Gewalt befreit worden war. – Sein Name wurde an den Galgen geschlagen. Er hatte seinen Familiennamen richtig angegeben, man ließ jedoch den Grafentitel hinweg. –

Schlaflos lag Graf Maximilian in einer Nacht, gequält von dem Gedanken, in welche Schmach der heillose Sohn die würdigste Familie, die ihre Abstammung von Königen herleitete, versenkt, und wie Amaliens verbrecherischer Wahnsinn auch den letzten Funken jeder Hoffnung irgendeines irdischen Wohls verlöscht. Da vernahm er leise Tritte vor den Fenstern des Schlosses, und dann war es, als würde die Haupttüre behutsam geöffnet. Dann wurde alles still, bald ließ sich aber, wie aus der untersten Tiefe herauf, ein seltsames klirrendes Getön hören, als würden Eisen gehandhabt. – Der Graf zog an der Glocke, die hineinging in Daniels, von des Grafen Schlafgemach nicht weit entfernte Kammer. Doch der Graf mochte klingeln, soviel er wollte, kein Daniel erschien. Da stand der Graf auf, warf sich in die Kleider, zündete am Nachtlicht eine Kerze an und stieg herab, um selbst die Ursache des Geräusches zu erforschen. In Daniels Kammer schaute er vorbeigehend hinein und überzeugte sich, daß Daniel, da das Bett unberührt, sich noch gar nicht niedergelegt hatte. Als der Graf in den geräumigen Säulenflur trat, gewahrte er, wie ein Mensch schnell zum Portal herauswischte. – Rechts und links war eine Reihe Zimmer gelegen, in die man aus dem Säulenflur hineintrat. Die Reihe an der rechten Seite endigte mit einem kleinen gewölbten Kabinett, dessen Türe von starkem Eisen war, so wie vor dem einzigen Fenster sich ein starkes Gitterwerk befand. Mitten in dem steinernen Boden dieses Kabinetts war eine eiserne Falltüre mit starken eisernen Querbänden angebracht. Sie führte hinab in ein sehr tiefes Gewölbe, wo der bedeutende in gemünztem Golde, in prächtigen goldnen und silbernen Gerätschaften, in Juwelen und andern Kleinodien bestehende Familienschatz aufbewahrt wurde. Die Türe des ersten Zimmers an dieser rechten Seite stand offen, der Graf trat schnell hinein, durchschritt die ganze Reihe, und ihm stockte der Atem, als er die Türe des letzten Kabinetts ohne Gewalt geöffnet fand. Behutsam trat der Graf hinein. »Wartet nur noch etwas. Es ist eine verwünschte Arbeit, aber ich werde gleich fertig sein.« So sprach leise der Mensch, der auf der Falltüre kniete und emsig an den eisernen Querbänden feilte.

»Heda!« rief der Graf mit starker Stimme. Da fuhr der Mensch erschrocken auf und wandte sich um. – Es war Daniel. Geisterbleich starrte Daniel den Grafen an und dieser ihn, getroffen von dem Blitzesschlag der entsetzlichsten Überraschung.

»Verruchter Hund,« brach endlich der Graf los, »was machst du da?«

Krampfhaft zuckte Daniel zusammen, indem er mit bebenden Lippen lallte: »– Ge-rech-tes E-r-bt-e-il selbst« – Als nun aber der Graf nähertrat, da raffte er ein Brecheisen von der Erde auf und hielt es dem Grafen drohend entgegen. »Fort mit dir, Bestie, die ich gehegt und gepflegt! – Grauer heuchlerischer Bösewicht!« So rief der Graf in aufflammendem Zorn, packte, mächtig und stark wie er noch war, seiner hohen Jahre unerachtet, den Alten bei der Gurgel und schleppte ihn durch die Gemächer bis in den Flur, wo er die Schloßglocke stark anzog. Aufgeschreckt aus dem Schlaf, strömte alles herbei, um ein Schauspiel zu sehen, von dem jeder erstarrte. »Schließt ihn in Ketten und schmeißt ihn in den Turm!« rief der Graf der Dienerschaft zu. Doch sowie sie den Alten, der entstellt, lautlos mehr an der Faust des Grafen hing als stand, packen wollten, mußten sie auf den Wink des Grafen einhalten. Er schien einige Augenblicke auf einen Entschluß zu sinnen. Dann sprach er mit ruhiger ernster Größe: »Werft den alten Bösewicht zum Schlosse hinaus, und läßt er sich wieder sehen, so hetzt ihn fort mit Hunden!« –

Es geschah, wie der Graf geboten.

Die sichtbaren Spuren dessen, was sich begeben, überhoben den Grafen der Mühe einer weitläuftigen Erzählung, in zwei Worten wußte die Dienerschaft alles.

Man vermißte in dem Augenblicke zwei der treusten Jäger des Grafen, Paul und Andres. Schon hegte der alte Graf den Argwohn, daß auch sie ihn getäuscht hätten auf die schwärzeste Weise, daß auch sie teilhätten an Daniels unternommener verbrecherischer Tat, als sie am frühen Morgen, mit Staub und Schweiß bedeckt, zum Schloßtor hereinsprengten.

Während die andern den ertappten Bösewicht anstarrten, waren sie schnell auf den Hof gelaufen, weil sie Pferdegetrappel zu vernehmen glaubten. In der Tat gewahrten sie auch im Schimmer der Nacht einen leeren, von zwei Reutern begleiteten Wagen, der in geringer Entfernung nicht gar zu schnell sich fortbewegte. Eilig sattelten sie nun ihre Pferde, nahmen Büchse und Hirschfänger und sprengten dem Wagen nach. Sowie sich die Reuter, die den Wagen begleiteten, verfolgt sahen, spornten sie die Pferde an, und fort ging es in gestrecktem Galopp. Der Morgen war angebrochen, als an einer tiefen Schlucht Wagen und Reuter plötzlich den Jägern aus den Augen verschwanden, während aus dem dicken Gebüsch mehrere Schüsse fielen. Dies nötigte die Jäger, die sich von einer ihnen überlegenen Bande umringt glauben mußten, zur schnellen Rückkehr.

Nur zu gewiß schien es, daß der alte Daniel in Einverständnis getreten war mit Bösewichtern, die es auf die Beraubung des Grafen abgesehen hatten. Und doch blieb es dem Grafen, blieb es allen ein unerklärliches Rätsel, wie es geschehen konnte, daß ein so alter, wenigstens dem Anscheine nach der Familie so treuergebener Diener als Daniel sich hätte zu solchem Verbrechen verführen lassen können. Nur der Geistliche meinte, daß oft, wenn er Daniel unbemerkt beobachtet, sich ihm wohl Spuren eines zerrissenen, mit sich und aller Welt unzufriedenen Gemüts gezeigt, und daß er in der letzten Zeit den Alten sogar in heftiger Aufwallung gegen einen Kamerad äußern gehört, der Herr habe nichts von dem gehalten, was er ihm versprochen, wenn er so lange gedient haben würde als jetzt, und der Herr sei überhaupt sehr strenge und hart und lediglich selbst schuld an dem Unglück des ältesten Herrn Grafen.

»Der Undankbare,« sprach der alte Graf, »o! der Undankbare! Vermehrt habe ich sein Gehalt bis über das Doppelte, ihn gehalten nicht wie meinen Diener, sondern wie meinen Freund. Aber durch Wohltaten der Art werden gemeine Naturen nur übermütig, und man entfremdet sie sich, statt sie fester an sich zu ziehen. – Nun wird es mir klar, daß alles das, was ich für gutmütige Einfalt hielt, das innere Wohlbehagen an den Streichen war, die nur einem tief verderbten Gemüt zu Gebote stehen. Mit Affenliebe hing der Bösewicht an dem, den ich verwerfen mußte mit empörtem Herzen. – Bei allen Bosheiten, die er schon als Knabe beging hier auf dem Schlosse, war der Alte Helfershelfer, indessen wie gesagt, ich schrieb das eben einer dummen Gutmütigkeit zu, die der Knabe, welcher schon damals eine Gewalt über die Menschen übte, die mir Entsetzen erregte, leicht zu übertölpeln, wußte. – Oft konnte der Alte seinen Mißmut nicht bergen, wenn ich der heillosen Verschwendung jenes Verworfenen Einhalt tun mußte, und in der tiefsten Ehrfurcht, in der treuesten Anhänglichkeit, die er mir dann doppelt zu erweisen sich bemühte, sehe ich jetzt die Bestrebungen der durchdachtesten schwärzesten Heuchelei.« – Es bemerkte ferner der Geistliche, wie es nun wohl mit höchster Wahrscheinlichkeit anzunehmen sei, daß Daniel Amaliens Flucht befördert habe. Sehr leicht konnte Daniel sich die Schlüssel des Portals und des äußern Schloßtors verschaffen, sehr leicht konnte er unter irgendeinem Vorwande die lästige Dienerschaft, von der einer Amalien auf dem Wege aus ihrem Zimmer herab durch Haustüre und Tor hinaus ins Freie hätte bemerken können, entfernen, und so das bewerkstelligt werden, was ohne Hilfe eines solchen vertrauten Dieners unmöglich gewesen. Der Geistliche gedachte ferner der Zusammenkunft Daniels mit einem fremden Mann im Park zur ungewöhnlichen Frühstunde und der seltsamen Ahnung, die ihn damals ergriffen. Er schloß damit, daß es doch besser gewesen sein würde, den alten Bösewicht einzusperren, um durch seine Geständnisse volles Licht in der Sache zu erhalten.

»Eben,« sprach der Graf mit entschiedenem Ernst, »eben dieses Licht scheue ich und flehe zu dem Allmächtigen, daß forthin alles in tiefe Nacht versunken bleiben möge. Eine innere Stimme sagt mir, daß jenes Licht der Blitz sein würde, der mein Haupt, meinen Stamm zerschmettert.« –

Nach dem, was den beiden Jägern bei der Verfolgung des wahrscheinlich zur Fortschaffung des geraubten Familienschatzes abgesendeten Wagens und der beiden Reuter begegnete, war es gewiß, daß der Wald wieder voll Raubgesindel steckte. Allerlei fremde Leute ließen sich auch in den Dörfern, ja ganz in der Nähe des Schlosses sehen, die sich zwar durch Pässe bald als verabschiedete Soldaten, bald als Laboranten, bald als herumziehende Krämer u.s.w. auswiesen, deren ganzes Ansehen aber verdächtig genug war, um ihnen ein ganz anderes schlimmes Gewerbe zuzutrauen.

Demunerachtet blieb lange Zeit hindurch alles ruhig, bis endlich wieder das Gerücht ging von verübten Räubereien in der Gegend von Potschateck, sowie auch die Nachricht kam, daß sich, trotz der Wachsamkeit der aufgestellten Posten, eine große Zigeunerbande über die mährische Grenze hinein ins Land gezogen haben solle.

Andres, einer von den Jägern, die damals die Räuber verfolgt hatten, bestätigte diese Nachricht. Er hatte dicht an der Schlucht, in die damals der Wagen mit den Reutern verschwand, einen wiewohl nicht starken Zigeunertrupp bemerkt, Männer, Weiber, Kinder, denen aber auch noch andere beigesellt.

Gewiß war es, daß eine neue Bande sich sammelte, und ratsam war es, sie im Entstehen zu vertilgen. Die Jäger der nächsten Reviere in der Herrschaft wurden aufgeboten, und schon in der folgenden Nacht setzte sich Graf Franz, von innerem unwiderstehlichem Drange getrieben, an ihre Spitze, um das Gesindel zu überfallen und zu vertilgen.

Schon aus der Ferne leuchtete ein dicht am Rande der Schlucht hochaufloderndes Feuer.

Graf Franz schlich leise mit seinen Jägern heran, und sie gewahrten einen Trupp von zwölf bis fünfzehn Zigeunerweibern und Mädchen mit mehreren Kindern. Es wurde gekocht und gebraten, gesungen und getanzt, während ungefähr sechs Männer, auf ihre Büchsen gestützt, den Trupp zu bewachen schienen. Plötzlich stürzten die Jäger mit lautem Geschrei auf sie ein, da ergriffen aber auch Weiber und Mädchen die geladenen Büchsen und schossen gleich den Männern auf die Jäger, die indessen, von dem Gebüsch begünstigt, besser trafen, so daß, während kein einziger von ihnen verwundet wurde, vier von den Männern und mehrere von den Weibern niederstürzten, die andern verschwanden in der Schlucht.

Als nun die Jäger auf dem Kampfplatz untersuchten, wer von den Gestürzten vielleicht nur verwundet, erhob sich eine dicht verschleierte Gestalt vom Boden und wollte entfliehen. Graf Franz trat ihr entgegen. Laut aufkreischend wollte bei seinem Anblick das Weib niedersinken. Ein Jäger hielt sie in seinen Armen aufrecht, indem er den Schleier lüftete, der ihr Antlitz bedeckte. – Als sähe er ein entsetzliches Gespenst, starrte der Graf die Entschleierte an! – Es war Amalia! – In dem Augenblick riß sie sich mit der Kraft der wütendsten Verzweiflung aus den Armen des Jägers, zog plötzlich ein großes Messer hervor und stürzte auf den Grafen los! – Der Förster, der neben ihm stand, umfaßte die Wahnsinnige, entwaffnete sie und sprach, während sie von den Jägern festgehalten wurde, mit wehmütigem Tone zum Grafen: »Was sollen wir tun? – Was ist zu tun möglich?« – Da war es, als erwachte der Graf nun erst aus krampfhafter Erstarrung; er rief mit wildem furchtbarem Ton: »Binden – nach dem Schlosse bringen!« schwang sich auf das Pferd, das die Jäger herbeigebracht, und jagte fort durch den Wald.

»Verworfenes Geschöpf! also zu Mördern und Dieben flohst du aus dem Hause des Vaters, aus den Armen der Liebe. Nein – nicht noch mehr Schmach sollst du über dieses greise Haupt bringen, Klostermauern sollen dich und deinen verbrecherischen Wahnsinn verbergen vor der Welt!« So rief der alte Graf in dem Ingrimm der tiefsten Empörung, als Amalia vor ihn gebracht wurde. Doch atmete diese nicht, für kein lebendes Wesen war sie zu achten. Auch nicht die leiseste Bewegung ihres Antlitzes, nicht das kleinste Zucken des Mundes, nicht ein Blick der todesstarren Augen bewies, daß sie etwas vernahm oder gewahrte, was gesprochen wurde, oder was sich begab. Kein Laut kam über ihre Lippen. Führte man sie, so ging sie, ließ man sie stehen, so stand sie; sie glich durchaus einem Automat. Der Graf ließ sie in ein entferntes einsames Zimmer sperren und gedachte sie in wenigen Tagen nach einem entfernt gelegenen Kloster fortschaffen zu können.

Vergebens bemühte sich der Geistliche, Amalien zum Reden zu bewegen. Sie beharrte in ihrem Schweigen; und ebensowenig gelang es, ihr Speise und Trank einzunötigen. Beide, der Geistliche und der Wundarzt, stimmten darin überein, daß Amaliens Zustand keineswegs physische Krankheit, vielmehr psychisch angestrengter Wille sei, und daß sie zu sterben beschlossen. –

Graf Franz war ruhiger und gefaßter, als man es hätte erwarten sollen, er schien sich dem dunkel waltenden Verhängnis ganz ergeben zu haben und nichts mehr zu fürchten, nichts mehr zu hoffen. –

In der vierten Nacht darauf, nachdem sich dieses begeben, brach endlich das furchtbare Wetter los, welches das Stammhaus der edlen Grafen von C. vernichtete. –

Gerade um die Mitternachtstunde, als alles auf dem Schlosse in tiefem Schlafe lag, wurde das Schloßtor gesprengt, und hinein unter wildem Mordgeschrei drang die Räuberhorde, schoß in die Fenster, erbrach die Türen, ermordete die einzeln herbeieilenden Diener. – Kaum hatte Graf Franz seine Pistolen geladen, als er die Räuber schon in den Gemächern neben seinem Schlafgemach toben und seinen Namen rufen hörte. Er hielt sich für verloren. Doch – das Fenster seines Schlafgemachs ging nach dem Garten heraus, an der Mauer war ein Spalier befindlich, an diesem Spalier schwang er sich hinab, rannte in der finstern Nacht nach dem Fürstenhause, dessen Fenster ihm aus der Ferne entgegenleuchteten. Freudige Hoffnung beflügelte seine Schritte; als er ankam, fand er die Jäger schon im Aufbruch, während schauerlich das dumpfe Sturmgeläute von den Dörfern herüberklang. Der Förster hatte das starke Schießen von der Gegend des Schlosses her gehört, hellen Fackelschein gesehen, den Räuberanfall vermutet und sogleich Lärm gemacht. – Rasch ging’s nun nach dem Schlosse. – Sowie der Hauptmann der Horde, den eine majestätische Gestalt, ein stolzes Ansehn auszeichnete, in das Zimmer des alten Grafen trat, drückte dieser ein Pistol auf ihn ab und fehlte. Er wollte das zweite abdrücken, doch laut aufkreischend: – »Karl! Karl! hier bin ich – hier ist dein Weib!« – stürzte Amalie herbei und in des Räubers Arme. –

Das Pistol fiel dem alten Grafen aus der Hand, entsetzt schrie er auf: »Karl – Sohn!«

Da trat der Räuber mit frechem verhöhnendem Stolz vor ihn hin und sprach: »Ja! – der Sohn, den du verstießest, muß so von dir sein Erbe fordern, du grauer Sünder.« –

»Verruchter Bösewicht!« schrie der Graf, schäumend vor Zorn.

»Schweige,« sprach der Räuber, »ich weiß, wer ich bin, und wie ich es geworden! Was säetest du in verderblicher Brunst giftiges Unkraut und wunderst dich nun, daß Unkraut aufgegangen und keine Blumen? – Verführtest du nicht meine Mutter? – Gab sie nicht mit Abscheu dir die Hand, die du dem Heißgeliebten entrissest? – Und dir zum Trotz will ich herrschen auf meinem blutigen Räuberthron mit dieser, die mich liebt, wie niemals dein Weib dich geliebt hat, und die du verkuppeln wolltest.« –

»Ausgeburt der Hölle!« schrie der Graf und faßte Amalien, um sie fortzureißen von der Brust des Räubers. Da rief dieser aber mit entsetzlicher Stimme: »Die Hand weg von meinem Weibe!« und schwang den gezogenen Säbel drohend über des Vaters Haupt. – Das war der Augenblick, als Graf Franz, glücklich mit den Jägern durchgedrungen, herbeirannte, des Vaters Gefahr sah, anlegte, schoß. – Mit zerschmettertem Haupt stürzte der Räuber zur Erde. »Es ist dein Bruder Karl!« kreischte der alte Graf und sank leblos hin neben dem Getöteten! – In dumpfer Betäubung, wie vom Blitz gelähmt, starrte Graf Franz die Toten an. –

Blut floß in den Gängen des Schlosses. Kein einziger von den Dienern des Grafen war, der nicht schwer verwundet dalag oder tot. Auch den braven Wundarzt fand man auf dem Flur mit vielen Stichen ermordet, nicht weit von ihm lag aber auch der verruchte Daniel mit zerschmettertem Haupte. Von den Räubern entkam keiner. Die, welche im Schlosse nicht von den Jägern getötet wurden und sich durch die Flucht retten wollten, fielen den bewaffneten Bauern, die in Scharen herbeigezogen, in die Hände.

Noch während des Gefechts, als sie sich verloren sahen, hatten die Bösewichter das Schloß in Brand gesteckt, das nun an allen Ecken in Flammen aufloderte.

Mit Mühe rettete man den alten, nur ohnmächtigen Grafen sowie den in völlige Apathie versunkenen Grafen Franz aus dem Feuer, das, da ihm zu steuern unmöglich, das ganze Schloß bis auf den Grund verheerte. – Amalia war nirgends zu finden, man glaubte, sie sei in den Flammen umgekommen.

Graf Maximilian starb wenige Tage darauf in den Armen des Geistlichen, der dann den Ort des Schreckens verließ und sich zu den Kamaldulensern in Neapel begab.

Graf Franz wandte mittelst einer gerichtlichen Schenkung die Herrschaft einem armen hoffnungsvollen Jüngling zu, der zu einem Zweige der gräflichen Familie gehörte. Er selbst verließ mit einer geringen Summe das Land, und wahrscheinlich änderte er seinen Namen, da man nichts weiter von ihm gehört hat.

Dem Zartgefühl des neuen Herrn macht es Ehre, daß er da nicht hausen wollte, wo sich das Entsetzliche begab. Das neue Schloß wurde an dem andern Ufer der Mulda erbaut. – –

Es ist mir ganz unmöglich, nach der Erzählung des Mönchs noch von mir, von andern Dingen zu sprechen, Du wirst das selbst fühlen, mein Willibald, daher für heute nichts weiter etc.

Willibald an Hartmann

Töplitz, den……

Ich kann, ich darf es Dir nicht sagen, welchen Eindruck Dein Brief auf mich gemacht hat! – Verhängnisvoll ist es zu nennen, daß Du in einem fernen fremden Lande den Geistlichen aus jenem Schlosse trafst, Verhängnisvolleres war mir vorbehalten! – In wenigen Worten erfährst Du alles: –

Gestern früh machte ich hier – Warum ich in Töplitz bin, frägst Du? – Nun! – mein gewöhnliches Rheuma, das mir die Glieder lähmt, vorzüglich aber meine fatale, alle Geisteskraft hemmende – Hypochondrie, ja, so nennen es die Ärzte, unerachtet mir der Name verhaßt ist und für meinen Zustand auch gar nicht zu passen scheint, ja, das alles hat mich hergebracht. Also, gestern früh, da ich mich ungewöhnlich frisch und stark fühlte, unternahm ich eine weitere Ausflucht als gewöhnlich. Ich war in eine wildverwachsene Bergschlucht geraten, da gewahre ich plötzlich ein Frauenzimmer von hoher schlanker, jugendlicher Gestalt, in einem schwarzseidenen, mit Samtborten, nach altdeutscher Art zugeschnittenen Kleide und einem sehr zierlichen reichen Spitzenkragen, das wenige Schritte vor mir herwandelte. Die Erscheinung einer einsamen, sauber gekleideten Dame hier in der öden Wildnis hatte in der Tat etwas sehr Seltsames. Ich dachte, hier sei es wohl nicht unschicklich sie anzureden, und eilte ihr nach. Dicht hinter ihr war ich schon, als sie sich umschaute. Ich bebte erschrocken zurück, sie floh, laut aufkreischend, ins Gebüsch und war in einem Moment verschwunden. – Nicht das bleiche, von Gram und auch wohl von beginnendem Alter entstellte Antlitz, das doch noch Spuren hoher Schönheit trug, nur der unheimliche Blick der dunkles Feuer sprühenden Augen war es, vor dem ich zurückbebte. Nicht für ratsam hielt ich es, der Fremden zu folgen, und zwar aus doppeltem Grunde. Einmal war ich geneigt, nach jenem Blicke die Fremde für eine Wahnsinnige zu halten, dann aber lief ich Gefahr, mich ganz zu verirren, da es mir jetzt schon Mühe genug kosten mußte, den nächsten Weg zur Heimat zurück zu finden. – Als ich an der Wirtstafel mein Abenteuer erzählte, sagte mir mein Nachbar, der schon seit vielen Jahren Töplitz jeden Sommer zu besuchen pflegte, daß jene Frau allerdings eine Wahnsinnige und von vielen Personen in Töplitz sehr wohl gekannt sei. – Vor mehreren Jahren ließ sich nämlich eine junge Person in der Gegend von Töplitz sehen, die bald in zerlumpten Kleidern bei den Bauern bettelte, bald, besser gekleidet, Juwelen von nicht ganz geringem Werte feilbot und dann wieder in den Bergen verschwand. Das abergläubige Volk hielt sie für ein Waldweib, für eine Berghexe und bat einen Geistlichen aus Töplitz, den bösen Geist zu bannen. Der Geistliche versprach das, während er ganz anderes im Sinne trug. – Bald geschah es auch, daß er in der Gegend, wo die Person sich zu zeigen pflegte, wandelnd, sie wirklich traf und von ihr angebettelt wurde. Der Geistliche, ein Mann von hellem Verstande, von richtigem psychologischen Blick, merkte aus den ersten Reden, daß er eine Wahnsinnige vor sich habe. Es gelang ihm, ihr Zutrauen zu gewinnen, und unerachtet er sich das, was sie ihm über ihren Stand, ihre Herkunft, ihr jetziges Verhältnis sagte, gar nicht zusammen zu reimen wußte, so ging er doch darauf endlich mit vieler Geschicklichkeit ein. Des Geistlichen Zuspruch schien ihr wohlzutun, sie versprach, an derselben Stelle sich wieder einzufinden, und hielt Wort. – Endlich nach mehreren Unterredungen kam es so weit, daß die Wahnsinnige ihm willig nach Töplitz folgte, wo er sie bei einem Hausbesitzer, dessen Besitztum entfernter lag, unterbrachte und ihm auch ein Kästchen mit Juwelen einhändigte, das sie im Walde vergraben. Der Geistliche war von der vornehmen Abkunft der Wahnsinnigen überzeugt, er ließ daher eine öffentliche Aufforderung an etwanige Verwandte ergehen, in der er ihre Person sowie die ihm anvertrauten Juwelen auf das genaueste beschrieb. – Nicht lange dauerte es, so erschien der junge Graf Bogislav von F. in Töplitz und erklärte, nachdem er lange Zeit sich mit der Wahnsinnigen unterhalten, daß sie eine Verwandte seines Hauses sei, für die er, da sie sich von ihrem jetzigen Aufenthalt durchaus nicht trennen wolle, ein ansehnliches Jahrgeld zahlen werde. – Mein Nachbar schloß damit, daß er mir riet, die Bekanntschaft der Wahnsinnigen zu machen, die nur auf ihren einsamen Spaziergängen scheu, sonst aber sehr mild und gut sei. – Ich ging heute nachmittags hin. – Die Wirtsleute schienen auf dergleichen Besuche vorbereitet zu sein, sie sagten mir, daß die Gräfin gleich zurückkehren werde von ihrem einsamen Spaziergang. Wirklich trat bald darauf die Dame ganz in demselben Anzuge, wie sie mir gestern im Walde begegnete, in das Gemach, begrüßte mich ohne alles Befremden mit dem vornehmsten Anstande und nötigte mich, wohl wissend, daß nur ihr mein Besuch gelte, Platz zu nehmen. Ohne Spur des Wahnsinns sprach sie von gleichgültigen Dingen, bis ich, selbst weiß ich nicht, wie mir das einkam, äußerte, daß es mir nicht gelungen, ihren wahren Familiennamen zu erfahren. Da heftete sie ihren Blick fest auf mich und sprach mit dem Ton der tiefsten Trauer: »Wie, mein Herr? – sollten Sie mich nicht kennen? sollten Sie mich nicht schon oft unter den Schrecknissen des fürchterlichsten Verhängnisses erblickt haben, nicht schon oft von dem ungeheuern Geschick erschüttert worden sein, das mich so grimmig erfaßte? – Ja, ich bin jene unglückliche Amalia, Gräfin von Moor, aber die schwärzeste Verleumdung ist es, daß mein Karl mich selbst getötet haben solle. Nur scheinbar tat er das, um die wilde Horde zu beschwichtigen. – Es war nur ein Theaterdolch, den er mir auf die Brust setzte.« – Dies letzte sprach die Gräfin ganz leise und beinahe lächelnd. Dann fuhr sie im vorigen Tone fort: »Schweizer und Kosinski, die edlen Menschen, haben mich gerettet. Sie sehen, mein Herr, ich lebe, und kein Leben ist ohne Hoffnung. Der Kaiser wird, er muß den Grafen Karl von Moor begnadigen, er darf das aber nicht eher tun, bis Graf Franz gestorben. Der hat aber drei Leben. Zweimal ist er schon gestorben – ich selbst (dicht herangerückt, zischelte mir die Gräfin dies ins Ohr) – ich selbst – diese Hand hat ihn einmal getötet. Nun lebt er noch das dritte Leben, ist das geendet auf gewaltsame Weise, wie es bald geschehen wird, so ist alles gut. Karl kommt wieder, erhält den Besitz der ihm entrissenen Herrschaft in Böhmen, und auch meine entsetzliche Qual ist vorüber. Als mein Oheim starb, berührte ich mit dieser Hand, die dem Sohn das zweite Leben raubte, das linke Auge, und da blieb es offen, und alle vermochten es nicht zuzudrücken – und er schaut mich noch immer mit diesem Auge an.« – Die Gräfin versank in tiefes Nachdenken, fuhr dann aber plötzlich auf und rief, indem jenes düstre Feuer des Wahnsinns aus ihren Augen blitzte, mir zu: »Finden Sie mich schön? – Könnten Sie mich lieben? – o, ich kann Ihre Liebe reich lohnen! – Entführen Sie mich dem Verhaßten. – Rette, o rette mich!« –

Die Gräfin wollte sich an meine Brust stürzen, da faßte sie aber der Hauswirt bei den Armen und sprach halb leise: »Gnädige Gräfin – gnädige Gräfin, er ist da! es ist die höchste Zeit. – Sie müssen fort.« – »Du hast recht, guter Daniel,« erwiderte sie ebenso – »ja ganz recht – fort, fort!« Und damit sprang sie schnell fort aus dem Gemach.

Ich bebte, wie vom Fieberfrost geschüttelt, stammelte unverständliche Worte! – »Sie sind erschrocken, mein Herr,« sprach der Wirt lächelnd, »aber es hat jetzt nicht mehr das mindeste zu bedeuten. Sonst, ehe ich aus ihren Reden mir es erlauscht hatte, wie ich mich zu benehmen, geriet sie jedesmal, wenn sie geschrieen: ›Rette, rette mich!‹ in Wut; jetzt aber packt sie schnell ihre Juwelen ein und läuft unter allerlei wirren, wunderlichen Reden umher, bis sie in tiefen Schlaf verfällt, aus dem sie in ihrem gewöhnlichen ruhigen Zustande erwacht.« –

Als ich nach Hause kam, fand ich Deinen Brief! – Kein Wort mehr. –

O Hartmann! mein innigst geliebter Freund, »wir stehen mitten in Schillers ›Räubern‹«, sprachst Du damals, aber der Gedanke, der nichts weiter schien als ein Scherz, berührte den Pendul des verderblichen Räderwerks, das mich, den Leichtsinnigen, erfaßte, und dessen das Innerste zerfleischende Kraft ich noch fühle. – Lebe wohl etc.

Als Hartmann seinen Freund endlich in Berlin wiedersah, fand er ihn zwar geheilt von der verderblichen Stimmung, die auch physischem Leid zuzuschreiben; beide, Willibald und Hartmann, gedenken aber noch jetzt, sind sie am späten Abend traulich beisammen, oft jenes entsetzlichen Trauerspiels in Böhmen, dessen ersten Akt ein seltsames Verhängnis sie mitspielen ließ, und in ihrem innersten Gemüt erbeben dann tiefe Schauer.

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