Die Nase

Am 25. März ereignete sich in Petersburg eine ganz ungewöhnliche, seltsame Begebenheit. Der auf dem Himmelfahrtsprospekt wohnende Barbier Iwan Jakowlewitsch (der Familienname war ihm verlorengegangen, und sogar auf seinem Schilde, das einen Herrn mit einer eingeseiften Wange darstellte, war weiter nichts zu lesen als die Aufschrift: » … und wird zur Ader gelassen«) – also, der Barbier Iwan Jakowlewitsch erwachte ziemlich früh und spürte den Duft frischgebackenen Brotes. Er richtete sich in seinem Bett ein wenig auf und sah, daß seine Frau, eine ziemlich ehrenwerte Dame, die sehr gern Kaffee trank, aus dem Ofen soeben ausgebackene Brote zog.

»Heute, Praskowja Ossipowna, will ich keinen Kaffee«, sagte Iwan Jakowlewitsch; »statt dessen möchte ich warmes Brot mit Zwiebeln essen.« (Das heißt, Iwan Jakowlewitsch wollte gern beides, aber er wußte, daß es vollständig unmöglich war, beides zugleich zu erlangen, denn Praskowja Ossipowna mochte derartige Gelüste durchaus nicht leiden.) Mag der Dummkopf meinetwegen nur Brot essen, um so besser für mich, dachte sein Ehegespons; dann bleibt für mich noch eine Portion Kaffee übrig, und warf ein Brot auf den Tisch.

Iwan Jakowlewitsch zog anstandshalber einen Frack über das Hemd, setzte sich an den Tisch, schüttete sich Salz aus, machte sich zwei Zwiebelköpfe zurecht, nahm das Messer zur Hand, zog ein bedeutsames Gesicht und begann das Brot zu schneiden. Nachdem er das Brot in zwei Hälften geschnitten, sah er mitten hinein – und zu seinem großen Erstaunen erblickte er etwas Weißliches. Iwan Jakowlewitsch stocherte vorsichtig mit dem Messer daran herum und befühlte es mit dem Finger. »Ganz fest!« murmelte er in den Bart, »was mag denn das sein?«

Er steckte die Finger hinein und zog – eine Nase heraus! … Da ließ Iwan Jakowlewitsch die Hände sinken, begann sich die Augen zu reiben und zu tasten: Eine Nase, wirklich eine Nase! und noch obendrein schien es die Nase eines Bekannten zu sein. Entsetzen malte sich auf Iwans Gesicht, aber dieses Entsetzen war noch nichts gegen den Abscheu, der sich seiner Gattin bemächtigte.

»Wo hast du denn diese Nase abgeschnitten, du Vieh?« schrie sie zornig. »Du Halunke! du Trunkenbold! ich selbst werde dich der Polizei anzeigen! Ein solcher Spitzbube! Schon von drei Herren habe ich gehört, daß du während des Rasierens so an der Nase zerrst, daß sie kaum sitzen bleibt!«

Aber Iwan Jakowlewitsch war mehr tot als lebendig; er erkannte, daß diese Nase keinem andern gehören konnte als dem Kollegien-Assessor Kowalow, den er jeden Mittwoch und Sonntag rasierte.

»Wart, Praskowja Ossipowna! ich wickele sie in ein Läppchen und lege sie in die Ecke; da mag sie ein Weilchen liegen bleiben, dann werde ich sie fortschaffen.«

»Nichts da! Was, ich sollte hier in meinem Zimmer eine abgeschnittene Nase haben! So’n vertrockneter Zwieback! Versteht weiter nichts, als nur immer mit dem Rasiermesser über den Riemen zu streichen; aber seine Pflicht tun, das wird er bald gar nicht mehr imstande sein, der Herumtreiber, der Taugenichts! Soll ich etwa bei der Polizei für dich alles verantworten? … Ach du Schmierer, du einfältiger Klotz! Hinaus damit! Hinaus! Bringe sie, wohin du willst! Daß ich sie hier nicht mehr vor Augen habe!«

Iwan Jakowlewitsch stand da wie erschlagen. Er dachte nach und dachte nach – und wußte nicht, was er denken sollte. »Der Teufel mag wissen, wie das zugegangen ist«, sagte er endlich, sich hinter den Ohren krauend; »ob ich gestern abend betrunken nach Hause gekommen bin oder nicht, das weiß ich wirklich nicht mehr, aber allem Anschein nach ist dieses eine ganz ungewöhnliche Begebenheit, denn ein Brot ist doch etwas Gebackenes, und eine Nase etwas anderes. Das verstehe ich nicht!« Iwan Jakowlewitsch verstummte. Der Gedanke, die Polizei könnte bei ihm eine Nase finden und ihn verklagen, nahm ihm alle Besinnung. Schon flimmerte ihm ein roter Kragen mit silbernen Tressen vor den Augen, ein Degen – und er bebte am ganzen Leibe. Schließlich nahm er seine Hosen und Schuhe, zog all das Zeug an, und von den nachdrücklichen Ermahnungen Praskowja Ossipownas begleitet, wickelte er die Nase in einen Lappen und ging hinaus auf die Straße.

Er wollte sie irgendwo heimlich unterschieben: entweder unter den Eckstein am Tor oder sie ganz unbemerkt irgendwo verlieren und dann in einer Querstraße verschwinden. Aber zum Unglück begegnete er immer wieder irgendeinem Bekannten, der gleich mit der Frage begann: »Wohin denn, Iwan Jakowlewitsch?« oder »Wen hast du schon in so früher Morgenstunde rasiert?« usw., so daß Iwan Jakowlewitsch nirgends eine passende Gelegenheit finden konnte. Ein andermal hatte er die Nase bereits fallen lassen, aber ein Wachmann zeigte sie ihm schon von ferne mit seiner Hellebarde und sagte: »Heb es auf, da hast du etwas fallen lassen!« und Iwan Jakowlewitsch blieb nichts anderes übrig, als die Nase wieder aufzuheben und sie in seine Tasche zu stecken. Verzweiflung begann sich seiner zu bemächtigen und das um so mehr, als es auf der Straße immer belebter wurde und man die Kaufläden und Magazine zu öffnen begann.

Da beschloß er, nach der Isaaksbrücke zu gehen: vielleicht glückte es ihm, sie dort in die Newa zu werfen … Aber ich muß mich ein wenig schuldig bekennen, daß ich bis jetzt noch nichts von Iwan Jakowlewitsch, diesem in vielen Beziehungen so ehrenwerten Manne gemeldet habe.

Wie jeder rechtschaffene russische Handwerker war Iwan Jakowlewitsch ein schrecklicher Trunkenbold, und obgleich er täglich fremde Gesichter rasierte, so war doch sein eigenes ewig unrasiert. Sein Frack (einen Rock trug er niemals) war ganz scheckig, das heißt, er war schwarz, aber ganz mit braunen und grauen Flecken besät; der Kragen glänzte, und statt der drei Knöpfe waren nur noch die Fädchen zu sehen. Iwan Jakowlewitsch war ein großer Zyniker, und wenn der Kollegien-Assessor Kowalow, wie das seine Gewohnheit war, beim Rasieren zu ihm sagte: »Deine Hände, Iwan Jakowlewitsch, riechen ja immer!« so antwortete Iwan Jakowlewitsch auf diese Bemerkung: »Wonach sollten sie denn riechen?« – »Das weiß ich nicht, Freundchen, aber sie riechen«, entgegnete der Kollegien-Assessor, und Iwan Jakowlewitsch nahm eine Prise und seifte ihn dafür auf der Wange, der Oberlippe, hinter den Ohren und unter dem Kinn, kurz, überall wo es ihm gefiel, ein.

Dieser ehrenwerte Bürger stand also jetzt auf der Isaaksbrücke. Zunächst schaute er sich um, dann lehnte er sich ans Geländer, als wollte er nur hinuntersehen, um zu sehen, ob viele Fische vorüberschwämmen, und warf ganz heimlich das Läppchen mit der Nase hinab. Es war ihm zumute, als sei ihm mit einemmal eine Zentnerlast vom Herzen genommen, ja Iwan Jakowlewitsch lachte sogar fröhlich auf. Statt nun zu gehen, um Beamtengesichter zu rasieren, wandte er seine Schritte einer Anstalt zu, auf deren Schild »Speisen und Tee« ausgeboten wurden, um ein Glas Punsch zu trinken – als er plötzlich am andern Ende der Brücke einen Polizei-Inspektor von imponierendem Äußern mit großem Backenbart, dreieckigem Hut und Degen an der Seite gewahrte. Er war einer Ohnmacht nahe; der Polizei-Inspektor aber winkte ihm mit der Hand und sprach: »Komm doch mal her, mein Lieber.«

Iwan Jakowlewitsch wußte, was sich gehört, nahm schon von weitem seine Mütze ab, ging auf den Polizei-Inspektor zu und sagte: »Ich wünsche Euer Hochwohlgeboren das beste Wohlbefinden.«

»Ach was Hochwohlgeboren, sage mir, Freundchen, was hast du da gemacht, als du auf der Brücke standest?«

»Bei Gott, gnädiger Herr, ich war auf dem Wege zu meinen Kunden und wollte nur sehen, ob der Fluß schnell fließt.«

»Du lügst, du lügst! Damit kannst du dich nicht herausreden. Antworte nur!«

»Ich will Euer Gnaden zweimal wöchentlich, ja sogar dreimal ohne alle Widerrede rasieren«, antwortete Iwan Jakowlewitsch.

»Nein, Freund, mach keine Geschichten! Mich rasieren schon drei Barbiere, und die rechnen es sich noch zur größten Ehre an. Also heraus damit: Was hast du dort gemacht?«

Iwan Jakowlewitsch erbleichte … Aber hier verschwindet die Begebenheit völlig im Nebel, und was weiter geschah, ist nicht bekannt geworden.

Der Kollegien-Assessor Kowalow wachte ziemlich früh auf, machte »brr brr!« – was er übrigens immer tat, sobald er aufwachte, wenn er sich auch die Ursache nicht zu erklären vermochte. Kowalow reckte sich und ließ sich einen kleinen auf dem Tische stehenden Spiegel geben. Er wollte nach dem Hitzbläschen sehen, das ihm gestern abend auf der Nase entstanden war. Aber zu seinem größten Erstaunen bemerkte er, daß er statt der Nase nur eine vollständig glatte Stelle im Gesicht hatte! Im höchsten Grad erschreckt ließ sich Kowalow Wasser reichen und rieb sich mit einem Handtuch die Augen: Wirklich, er hatte keine Nase mehr! Er begann sich mit den Händen zu befühlen, er kniff sich, um sich zu überzeugen, ob er nicht schliefe. Nein, allem Anschein nach schlief er nicht mehr! Da sprang der Kollegien-Assessor Kowalow aus dem Bett und schüttelte sich – Nein, keine Nase mehr! … Er ließ sich sofort die Kleider geben und eilte dann geradeswegs zu dem Oberpolizeimeister.

Aber zunächst müssen wir unbedingt einiges über Kowalow mitteilen, damit der Leser weiß, was für ein Mann denn dieser Kollegien-Assessor eigentlich ist. Die Kollegien-Assessoren, welche diesen Titel auf Grund von Prüfungszeugnissen erlangen, dürfen durchaus nicht mit jenen Kollegien-Assessoren verglichen werden, die zu ihrem Rang im Kaukasus befördert worden sind. Das sind zwei vollständig verschiedene Arten von Kollegien-Assessoren. Kollegien-Assessoren – aber Rußland ist ein so wunderliches Land, daß, wenn man von einem Kollegien-Assessor spricht, sämtliche andere Kollegien-Assessoren von Riga bis Kamtschatka unfehlbar alles auf ihre eigene Person beziehen; dasselbe gilt übrigens von allen andern Ämtern und Titeln. Kowalow war ein kaukasischerKollegien-Assessor. Er war erst zwei Jahre in dieser Stellung, und so konnte er sie auch jetzt noch nicht vergessen. Um sich aber mehr Ansehen und Bedeutung zu geben, nannte er sich niemals Kollegien-Assessor, sondern stets Major.

»Höre, meine Liebe«, pflegte er zu sagen, wenn er auf der Straße einer alten Frau begegnete, die Vorhemdchen verkaufte, »gehe mal nach meiner Wohnung, sie befindet sich in der Gartenstraße, frage nur: Wohnt hier der Major Kowalow? Jeder wird dir’s zeigen.« Begegnete er aber einem hübschen Mädchen, so gab er ihr außerdem noch einen geheimen Auftrag, indem er hinzufügte: »Frage, mein Herzchen, nach der Wohnung des Majors Kowalow.« Aus diesem Grunde wollen wir von jetzt an den Kollegien-Assessor Major titulieren.

Der Major Kowalow hatte die Gewohnheit, täglich auf dem Newski-Prospekt spazierenzugehen. Der Kragen seines Vorhemdchens war immer außerordentlich sauber und steif gestärkt. Sein Backenbart glich in seinem ganzen Zuschnitt demjenigen, wie ihn gegenwärtig noch die Gouvernements- und Kreisgeometer sowie die Architekten und Regimentsärzte, wie auch Leute, die allerlei Ämter bekleiden, und überhaupt alle diejenigen tragen, die volle rote Wangen haben und sehr gut Boston spielen. Diese Backenbärte gehen mitten über die Wange und direkt auf die Nase zu. Major Kowalow trug eine Menge Karneolpetschafte, auf denen teils Wappen, teils die Wörter Mittwoch, Donnerstag, Montag usw. eingegraben waren. Major Kowalow war nach Petersburg gekommen, um sich eine seinem Range entsprechende Stellung zu suchen, wenn es gelänge, eines Vizegouverneurs; im anderen Falle die eines Exekutors bei irgendeiner wichtigen Abteilung. Major Kowalow war auch nicht abgeneigt zu heiraten, aber nur eine solche Dame, die ihm ein Kapital von Zweimalhunderttausend zubringen würde. Somit kann nun der Leser selbst urteilen, in welcher Situation unser Major sich befand, als er bemerkte, daß er da statt einer gar nicht üblen regelmäßigen Nase eine ganz einfältige, gleichmäßige glatte Stelle hatte.

Zum Unglück war auf der Straße nicht ein einziger Kutscher zu sehen, und so mußte er zu Fuß gehen, wobei er sich in seinen Mantel hüllte, und das Taschentuch vor das Gesicht hielt, sich stellend, als blute ihm die Nase. Aber vielleicht ist’s mir nur so vorgekommen, dachte er und trat in eine Konditorei, um in einem Spiegel nachzusehen. Glücklicherweise war augenblicklich niemand in der Konditorei; Burschen reinigten das Zimmer und stellten Stühle und Tische zurecht. Einige andere trugen mit verschlafenen Gesichtern auf Tabletten noch warme Kuchen herbei; auf Stühlen und Tischen lagen noch die mit Kaffee begossenen gestrigen Zeitungen. »Nun Gott sei Dank, es ist niemand hier«, sagte er, »da kann ich nachsehen.« Und scheu trat er an einen Spiegel und blickte hinein. »Mag der Teufel wissen, was das für eine scheußliche Sache ist«, rief er und spuckte aus; »wenn da wenigstens statt der Nase sonst etwas da wäre, aber nichts, gar nichts!«

Ärgerlich biß er sich in die Lippe, verließ die Konditorei und beschloß, niemanden, ganz wider seine Gewohnheit, auf der Straße anzusehen oder anzulächeln. Da plötzlich stand er wie angewurzelt vor einer Haustür; dort ging etwas ganz Ungewöhnliches vor. An der Einfahrt hielt ein Wagen, der Schlag wurde geöffnet, und heraus trat in gebückter Haltung ein Herr in Uniform und eilte die Treppe hinan. Wie groß war Kowalows Schrecken und Erstaunen, als er bemerkte, daß dieser Herr – seine eigene Nase war. Bei dieser außerordentlichen Erscheinung war es ihm, als ob alles um ihn herum sich drehte; er fühlte, daß er sich kaum auf den Beinen zu halten vermochte; allein er beschloß – am ganzen Leibe bebend, als hätte er das Fieber – unter allen Umständen zu warten, bis die Nase in den Wagen zurückkehren würde. Nach Verlauf von zwei Minuten kam die Nase wirklich wieder heraus. Sie war in goldgestickter Uniform mit großem Stehkragen; sie trug sämischlederne Beinkleider, und an der Seite hing ein Degen. Der mit Federbusch geschmückte Hut ließ vermuten, daß sie den Rang eines Staatsrats bekleide. An allem war zu erkennen, daß sie Besuche machte. Sie sah sich nach beiden Seiten um, rief dem Kutscher zu: »Weiter!« setzte sich in den Wagen und fuhr davon.

Der arme Kowalow hätte beinahe den Verstand verloren. Er wußte nicht, was er von dieser seltsamen Begebenheit denken sollte. Und in der Tat, wie war es möglich, daß die Nase, welche er noch gestern im Gesicht gehabt und die weder gehen noch fahren konnte, in Uniform steckte! Er lief dem Wagen nach, der glücklicherweise in geringer Entfernung vor der Kasankathedrale wieder haltmachte.

Er eilte hinterher, drängte sich durch einen Haufen Bettelweiber mit verbundenen Gesichtern und zwei Öffnungen für die Augen, über die er sich früher so oft lustig gemacht hatte. Es waren nur wenige Men schen zugegen. Kowalow war in so aufgeregtem Zustande, daß er sich zu nichts entschließen konnte, und überall suchten seine Augen nach diesem Herrn. Endlich sah er ihn abseits stehen. Die Nase hatte ihr Gesicht vollständig in ihren großen Stehkragen gesteckt und betete mit größter Andacht.

Wie könnte ich wohl zu ihr gelangen, dachte Kowalow. Alles – die Uniform, der Hut – kurz, alles beweist, daß sie ein Staatsrat ist. Der Teufel mag wissen, wie das zu machen ist.

Er begann um die Nase herumzuhüsteln, aber sie veränderte nicht für eine Minute ihre Stellung.

»Hochgeehrter Herr«, sprach Kowalow, sich Mut machend, »hochgeehrter Herr – –«

»Was wünschen Sie?« antwortete die Nase und wandte sich um.

»Es kommt mir seltsam vor, sehr geehrter Herr … mir scheint … Sie sollten doch ihren Standort kennen … und da finde ich Sie auf einmal … und wo? … urteilen Sie selbst …«

»Verzeihen Sie, ich begreife gar nicht, wovon Sie reden … Erklären Sie sich deutlicher.«

Wie soll ich mich ihr denn noch deutlicher erklären? dachte Kowalow, und neuen Mut fassend, fuhr er fort: »Natürlich … Übrigens bin ich Major. Ohne Nase herumgehen, das werden Sie zugeben, ist unschicklich. So eine Händlerin, die auf der Himmelfahrtsbrücke Apfelsinen verkauft, kann sich ohne Nase behelfen; aber da ich die Absicht habe, und … übrigens bin ich in vielen Häusern mit vornehmen Damen sehr genau bekannt – mit Frau Staatsrätin Tschechtarew und vielen anderen … Sie sehen also selbst … ich weiß nicht, geehrter Herr, was Sie … (hier zuckte der Major die Achseln) … Verzeihen Sie … verträgt sich das mit den Regeln von Pflicht und Ehre – – Sie werden selbst begreifen – –«

»Ich begreife gar nichts«, antwortete die Nase. »Erklären Sie sich deutlicher.«

»Hochgeehrter Herr«, sprach Kowalow im Gefühl seiner eigenen Pflicht, »ich weiß nicht, wie ich Ihre Worte verstehen soll … Mir scheint doch, die ganze Sache ist hier so augenfällig wie möglich … Oder wollen Sie … Aber – Sie sind ja doch – meine eigene Nase!«

Die Nase sah den Major an und runzelte die Stirn.

»Da irren Sie, geehrter Herr; ich bin ich selbst. Und zudem kann es zwischen uns keinerlei enge Beziehungen geben. Nach den Knöpfen ihrer Uniform zu urteilen, müssen Sie bei einem ganz andern Ressort Dienst tun.« Und mit diesen Worten wandte die Nase sich ab.

Kowalow verlor vollständig den Kopf; er wußte nicht, was er tun, und noch weniger, was er denken sollte. In diesem Augenblick hörte er das angenehme Rauschen eines Damenkleides; da kam eine ältliche Dame daher, ganz in Spitzen, und mit ihr eine andere schlanke, angetan mit einem weißen Kleide, das ihre schöngewachsene Gestalt lieblich hervortreten ließ; auf dem Kopf hatte sie einen leichten hellgelben Hut. Hinter den Damen schritt ein langer Heiduck mit langem Backenbart und einem ganzen Dutzend Kragen und öffnete seine Schnupftabaksdose.

Kowalow trat näher, zog den batistnen Kragen seines Vorhemdchens in die Höhe, ordnete seine an der goldenen Uhrkette hängenden Petschafte und wandte, nach allen Seiten hin lächelnd, seine Aufmerksamkeit der zierlichen Dame zu, die sich gleich einer Frühlingsblume leicht verneigte und das weiße Händchen mit den halb durchsichtigen Fingern zur Stirn hob. Das Lächeln auf Kowalows Gesicht verbreitete sich noch, als er unter dem Rande ihres Hutes das runde Kinn und einen Teil der Wange gewahrte, die wie eine Frühlingsrose glühte. Aber plötzlich sprang er zurück, als hätte er sich verbrannt. Er erinnerte sich, daß er ja statt der Nase nur eine glatte Stelle im Gesicht hatte, und die Tränen strömten ihm über die Wangen. Er wandte sich ab, um dem Herrn in der Uniform gerade ins Gesicht zu sagen, daß er nur Staatsrat spiele – daß er ein Schelm und Halunke und weiter nichts sei als seine eigene Nase … Aber die Nase war nicht mehr da; sie war bereits davongefahren, wahrscheinlich, um wieder irgendwo einen Besuch zu machen.

Das brachte Kowalow zur Verzweiflung. Er ging hinaus, blieb einen Augenblick unter der Kolonnade stehen und blickte sich nach allen Seiten um, ob nicht irgendwo die Nase zu sehen sei. Er erinnerte sich sehr wohl, daß sie auf dem Kopfe einen Hut mit Federbusch und eine goldgestickte Uniform anhatte; aber den Mantel hatte er nicht beachtet, und auch die Farbe des Wagens und der Pferde war ihm nicht mehr im Gedächtnis; ja er wußte nicht einmal mehr, ob hinten auf dem Wagen ein Lakai gestanden und in welcher Livree. Zudem fuhren noch so viele Wagen hin und her und obendrein mit solcher Schnelligkeit, daß es schwer war, sie voneinander zu unterscheiden. Und hätte er auch den rechten unter denselben bemerkt – er hatte ja gar kein Mittel, ihn anzuhalten. Es war ein schöner sonnenheller Tag, und auf dem Newski-Prospekt wimmelte es von Menschen. Ein Blütenstrom von Damen ergoß sich über das ganze Trottoir von der Polizeibrücke bis zur Anitschkinbrücke. Da kommt auch sein guter Bekannter, der Hofrat, auf ihn zu, den er Oberstleutnant zu titulieren pflegte namentlich dann, wenn Fremde zugegen waren. Da ist ferner Jaryschkin, der Vorsteher einer Abteilung des Senats, sein intimer Freund, der des Abends beim Boston stets verliert, wenn er Acht spielt. Und da winkt ihn ein anderer Major, der seinen Assessorenrang im Kaukasus erlangt hat, mit der Hand zu sich …

»Ach, hol’s der Teufel!« sagte Kowalow, »heda, Kutscher, fahre mich direkt zum Polizeimeister!«

Kowalow setzte sich in eine Droschke und schrie dem Kutscher zu: »Fahr los, wie der Blitz!«

»Ist der Polizeimeister zu Hause?« schrie er, in den Hausflur tretend.

»Nein, nicht zu Hause«, antwortete der Portier; »soeben ausgegangen.«

»Ach, wie dumm!«

»Ja«, fuhr der Portier fort, »soeben erst fortgegangen; wären Sie nur eine kleine Minute früher gekommen, so hätten Sie ihn vielleicht noch zu Hause getroffen.«

Ohne das Tuch vom Gesicht zu nehmen, setzte sich Kowalow wieder in die Droschke und schrie mit verzweiflungsvoller Stimme: »Fort, weiter!«

»Wohin?« fragte der Kutscher.

»Gradeaus!«

»Wie das – geradeaus? Da kreuzen sich ja zwei Straßen – soll ich rechts oder links fahren?«

Diese Frage nötigte Kowalow wieder nachzudenken. In seiner Lage galt es vor allem, sich an die Polizeiverwaltung zu wenden, nicht als ob er zu der Polizei in direkter Beziehung gestanden hätte, sondern weil ihre Anordnungen viel schneller ausgeführt wer den als die der anderen Behörden. Bei den Vorgesetzten desjenigen Ressorts, bei welchem die Nase angestellt war, Genugtuung zu suchen, wäre ein ganz unvernünftiges Bemühen gewesen, da er aus den eigenen Antworten der Nase bereits den Schluß hatte ziehen können, daß diesem Menschen nichts heilig war und daß er in diesem Falle wieder ebenso lügen könnte, wie er bereits früher gelogen hatte, als er behauptete, daß er ihn, Kowalow, nie gesehen habe. Und so wollte Kowalow dem Kutscher schon den Befehl erteilen, sofort nach dem Polizeiamt zu fahren, als ihm wieder der Gedanke kam, dieser Schelm und Halunke, der sich schon bei der ersten Begegnung in so gewissenloser Weise benommen, könnte ein zweites Mal die Gelegenheit wahrnehmen und aus der Stadt entwischen – und dann waren alle Nachforschungen fruchtlos oder konnten sich doch, wovor Gott behüten möge, einen ganzen Monat lang hinziehen. Da endlich schien der Himmel ihn selbst zu erleuchten. Er beschloß, sich sofort zur Zeitungsexpedition zu begeben, um so schnell wie möglich unter ausführlicher Beschreibung all seiner Eigenschaften die Sache bekannt zu machen, damit jeder, dem er begegnete, ihn sofort anhalten und ihm zuführen oder ihm wenigstens seinen Aufenthaltsort angeben könnte. Nachdem er diesen Plan reiflich erwogen, befahl er dem Kutscher nach der Zeitungsexpedition zu fahren, und hörte auf dem ganzen Wege nicht auf, ihn mit der Faust in den Rücken zu stoßen und ihm zuzurufen: »Schneller, du Tagedieb! Schneller, du Hundsfott!«

»Ach, gnädiger Herr«, sprach der Kutscher mit dem Kopfe schüttelnd und sein Pferd, dessen Haar so lang war wie bei einem Bologneserhündchen, mit den Zügeln schlagend.

Endlich hielt die Droschke an, und nachdem Kowalow ein wenig zu Atem gekommen, eilte er in das kleine Vorzimmer, wo ein grauköpfiger Beamter in einem alten Frack und mit einer Brille auf der Nase an einem Tische saß und mit der Feder zwischen den Zähnen eingenommene Kupfermünzen zählte.

»Wer nimmt hier Bekanntmachungen an?« schrie Kowalow. »Ah! Guten Tag!«

»Ihr Diener!« sprach der grauköpfige Beamte aufblickend und dann die Augen sofort wieder auf den Geldhaufen vor sich senkend.

»Ich möchte eine Bekanntmachung …«

»Bitte, warten Sie noch ein wenig«, sagte der Beamte, mit der Rechten eine Zahl auf das Papier schreibend und mit der Linken zwei Kugeln auf der Rechenmaschine weiterschiebend. Ein Lakai, dessen Goldborten und sonstiges saubere Äußere bewiesen, daß er in einem aristokratischen Hause diente, stand neben dem Tisch mit einem Zettel in der Hand und hielt es für angemessen zu beweisen, daß er ein geselliger Mensch sei. »Wollen Sie’s wohl glauben«, sagte er, »daß das Hündchen keine achtzig Kopeken wert ist – das heißt, ich würde nicht einmal acht dafür geben; aber die Gräfin ist ganz verliebt darein, bei Gott, so verliebt – und da bekommt hundert Rubel, wer es findet. Soll ich Ihnen aufrichtig etwas sagen, nämlich unter uns, die Geschmäcker der Leute sind ganz unvereinbar: wenn man schon Hundeliebhaber ist, so soll man sich einen Hühnerhund halten oder einen Pudel; dann soll’s einem auch nicht leid tun, wenn er fünfhundert oder gar tausend Rubel kostet, dafür muß es aber dann schon ein schöner Hund sein.«

Der würdige Beamte hörte diese Mitteilungen mit bedeutsamer Miene an und berechnete gleichzeitig, wieviel Buchstaben die Anzeige enthalte. Neben dem Lakai stand noch eine ganze Menge von Frauen, Ladendienern und Dienstpersonal mit Zetteln. Der eine hatte einen Kutscher abzugeben, der sich durch Nüchternheit auszeichnet; der andere wünschte eine wenig gebrauchte Kalesche zu verkaufen, die im Jahre 1814 aus Paris gekommen sei; ein neunzehnjähriges Mädchen wurde angeboten, das sich auf Wäsche und andere Arbeiten verstand; eine feste Droschke ohne Federn, ein junger feuriger Apfelschimmel, siebzehn Jahre alt, frischer, aus London eingetroffener Rüben-und Rettichsamen, ein Landhaus mit allem Zubehör, Pferdeställen und einem freien Raum, der sich zur Anlegung eines Birken- oder Tannenhains eigne; noch ein anderer forderte alle diejenigen, welche alte Schuhsohlen zu kaufen wünschten, auf, sich täglich zwischen acht und drei Uhr morgens da und dort einzufinden, um den Preis zu erfragen. Der Raum, in dem diese ganze Gesellschaft sich aufhielt, war sehr klein und die Luft darin außerordentlich dumpf; aber dem Kollegien-Assessor Kowalow vermochte der Geruch nichts anzuhaben, da er sein Taschentuch vors Gesicht gedrückt hatte und seine Nase sich ja Gott weiß wo befand.

»Mein geehrter Herr, erlauben Sie mir, Sie zu bitten – ich habe große Eile«, sagte er endlich mit einiger Ungeduld.

»Sogleich, sogleich! – Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken. – Einen Augenblick! – Ein Rubel vierundsechzig Kopeken!« sprach der grauköpfige Herr, den Dienern und alten Weibern die Zettel ins Gesicht werfend. »Nun, was wünschen Sie denn?« fragte er endlich, sich an Kowalow wendend.

»Ich möchte – –« begann Kowalow, »es ist mir da eine Nichtswürdigkeit, eine Schurkerei angetan worden – und bis jetzt konnte ich es noch nicht herauskriegen. Da möchte ich Sie bitten, in Ihre Zeitung die Bekanntmachung einzurücken, daß derjenige, der mir diesen Schuft dingfest macht, eine ausreichende Belohnung erhalten würde.«

»Darf ich fragen, wie Ihr werter Name ist?«

»Wozu den Namen? Den kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe viele Bekannte, die Staatsrätin Tschechtarew, die Frau des Stabsoffiziers, Pelagia Grigorjewna Podtotschin … die würden es ja sofort erfahren und da sei Gott vor! Sie können ja einfach schreiben: ein Kollegien-Assessor, oder noch besser: ein Herr mit Majorsrang.«

»Und war der davongelaufene Bursche ihr Diener?«

»Was für ein Diener? Das wäre noch keine Schurkerei! Weggelaufen ist mir – meine Nase –«

»Hm! Ein seltsamer Name! Und hat dieser Herr Nasow Ihnen eine große Summe mitgenommen?«

»Nase – damit meine ich – es wird Ihnen unglaublich vorkommen! Meine eigene Nase ist mir abhanden gekommen, und ich weiß nicht, wohin; der Teufel hat mir einen argen Streich spielen wollen!«

»Ja, auf welche Weise ist sie Ihnen denn abhanden gekommen? Die Sache kommt mir doch ein wenig unbegreiflich vor.«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, auf welche Weise; aber die Hauptsache ist, daß sie jetzt in der Stadt herumkutschiert und sich Staatsrat nennt. Und darum möchte ich Sie bitten, bekanntzumachen, daß derjenige, der sie fängt, sie mir so schnell wie möglich zustellen möchte. Sie werden doch wohl begreifen, daß ich einen so hervorragenden Körperteil nicht entbehren kann! Das ist keine kleine Zehe, die sich im Stiefel versteckt – da sieht’s kein Mensch, wenn einem die fehlt. Ich besuche des Donnerstags die Soiree der Staatsrätin Tschechtarew, und die Frau des Stabsoffiziers, Pelagia Grigorjewna Podtotschin, die eine sehr hübsche Tochter hat, ebenfalls eine sehr gute Bekannte von mir, und Sie werden begreifen, daß ich mich jetzt – so kann ich mich doch nicht vor ihnen sehen lassen!«

Der Beamte dachte tief nach, was die fest zusammengepreßten Lippen bewiesen.

»Nein, eine solche Bekanntmachung kann ich in die Zeitung nicht aufnehmen«, sagte er endlich nach langem Schweigen.

»Wie? Warum?«

»Ja, dadurch könnte die Zeitung um ihren Ruf kommen. Wenn da jeder hineinsetzen könnte, seine Nase sei ihm fortgelaufen, dann … Man sagt ohnehin schon, daß allerlei Unsinn und Lügen darin ständen.«

»Aber dies hier ist doch kein Unsinn. Mir scheint, daß darin nichts dergleichen ist.«

»Ja, Ihnen mag das so scheinen. Da hatten wir in der vorigen Woche einen ähnlichen Fall. Kommt da just wie Sie ein solcher Beamter zu uns mit einem Zettel – das Inserat machte zwei Rubel dreiundsiebzig Kopeken –, und die ganze Bekanntmachung bestand darin, daß ein schwarzer Pudel davongelaufen sei. Scheint es, daß etwas Besonderes dabei wäre? Es hat sich aber gezeigt, daß es ein Pasquill war; mit diesem Pudel war ein gewisser Kassierer gemeint – ich erinnere mich nicht mehr welcher Anstalt.«

»Aber ich fahnde hier ja nicht nach einem Pudel, sondern nach meiner eigenen Nase – und das ist doch fast dasselbe wie nach mir selbst.«

»Nein, ein solches Inserat kann ich durchaus nicht annehmen.«

»Aber wenn ich doch wirklich meine Nase verloren habe?«

»Wenn das der Fall ist, so ist es eine Sache, die den Arzt angeht. Es soll ja Ärzte geben, die jede beliebige Nase ansetzen können. Allein ich sehe schon, Sie sind ein lustiger Herr und lieben es, Späße zu machen.«

»Ich schwöre Ihnen – so wahr Gott heilig ist! Übrigens, wenn es schon soweit gekommen ist, kann ich Ihnen ja auch zeigen –«

»Warum sollen Sie sich bemühen!« fuhr der Beamte fort und nahm eine Prise. »Doch, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist«, fügte er neugierig hinzu, »so möchte ich wohl gerne sehen.«

Der Kollegien-Assessor nahm das Tuch vom Gesicht.

»In der Tat, höchst merkwürdig«, sagte der Beamte, »die Nasenstelle ist vollständig glatt, so glatt wie eine frischgebackene Plinse. Es ist kaum zu glauben.«

»Nun, jetzt werden Sie doch wohl nicht mehr streiten wollen? Sie sehen selbst, die Sache muß in die Zeitung. Ich würde Ihnen zu ganz besonderem Dank verpflichtet sein und freue mich, daß dieser Anlaß mir das Vergnügen verschafft hat, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Wie aus diesen Worten zu ersehen, beschloß der Major, es mit der Liebenswürdigkeit zu versuchen.

»Die Veröffentlichung ist schließlich eine Sache ohne Belang«, sagte der Beamte; »nur sehe ich nicht ein, was für einen Nutzen es für Sie haben könnte. Wollen Sie nicht lieber irgend jemandem, der eine gewandte Feder führt, den Vorfall erzählen, damit er ihn als ein seltnes Naturereignis schildert? Er kann dann diesen Aufsatz in der ›Nordischen Biene‹ (hier nahm er sich wieder eine Prise) abdrucken lassen, zur Belehrung der Jugend (hier putzte er sich die Nase) oder auch zur Unterhaltung des Publikums.«

Der Kollegien-Assessor ließ alle Hoffnungen fahren. Er warf einen Blick in ein vor ihm liegendes Zeitungsblatt, das die Ankündigungen der Theatervorstellungen enthielt; schon verbreitete sich über sein Gesicht ein Lächeln, da er den Namen einer Schauspielerin, einer hübschen Person, las. Und er faßte schon in die Tasche, um nachzusehen, ob er eine Fünfrubelnote bei sich habe, da nach seiner Meinung die Stabsoffiziere im Parkett sitzen müssen, aber der Gedanke an die Nase verdarb alles wieder.

Selbst der Beamte schien durch die bedrängte Lage Kowalows gerührt. Um ihm seinen Kummer soviel als möglich zu erleichtern, hielt er es für angemessen, ihm seine Teilnahme auszudrücken: »Wirklich, es geht mir sehr nahe, daß Ihnen diese Anekdote passieren mußte. Wollen Sie nicht ein Prischen nehmen? Das vertreibt das Kopfweh und alle schwermütigen Gedanken; selbst gegen Hämorrhoiden ist der Schnupftabak ein gutes Mittel!« Und mit diesen Worten hielt der Beamte Kowalow seine Tabaksdose hin, auf deren Deckel eine Dame mit Hut abgebildet war.

Diese Unbedachtsamkeit brachte Kowalow um seine Geduld.

»Ich begreife nicht, wie Sie sich einen solchen Scherz erlauben können«, sagte er wütend; »sehen Sie denn nicht, daß mir gerade das fehlt, was zum Prisennehmen unerläßlich ist? Hol‘ der Teufel Ihren Tabak. Ich kann ihn jetzt nicht einmal sehen, nicht nur Ihren schlechten Beresiner, sondern auch wenn man mir sogar Rapé anbieten würde.« Und mit diesen Worten ging er ganz wütend aus der Zeitungsexpedition hinaus und begab sich zu dem Polizei-Inspektor.

Kowalow traf diesen Beamten gerade in dem Augenblick, als er sich reckte, gähnte und sprach: »Ach, jetzt schlaf ich recht hübsch zwei Stündchen!« Und so kam ihm der Besuch des Kollegien-Assessors selbstverständlich durchaus nicht gelegen. Der Polizei-Inspektor war ein großer Freund von allerlei schönen Sachen und Industrieerzeugnissen, aber staatliche Banknoten zog er doch allem andern vor. »Das ist etwas Reelles«, pflegte er zu sagen; »es geht nichts über so einen reellen Schein; er braucht keine Nahrung, nimmt nur wenig Raum ein, findet immer Platz in der Tasche, und fällt er zu Boden, so zerbricht er nicht.«

Der Polizei-Inspektor empfing Kowalow ziemlich trocken und sagte, unmittelbar nach dem Essen sei keine Zeit, gerichtliche Untersuchungen einzuleiten; schon die Natur habe es so eingerichtet, daß man sich dann ein wenig ausruhe (aus welcher Bemerkung der Kollegien-Assessor entnehmen konnte, daß der Polizei-Inspektor mit den Sinnsprüchen der alten Weisen nicht ganz unbekannt war) und daß man einem ordentlichen Menschen nicht die Nase abreiße.

Das war überaus deutlich. Es muß hier bemerkt werden, daß Kowalow ein höchst empfindlicher Mensch war. Er konnte alles verzeihen, was man über ihn selbst sagte, aber niemals das, was sich auf seinen Rang oder seine Stellung bezog. Er ließ sogar gelten, daß die Zensur in Theaterstücken alles das passieren ließ, was auf die Offiziere gemünzt war, aber Stabsoffiziere durften nie angegriffen werden. Der Empfang des Polizei-Inspektors machte ihn so verwirrt, daß er den Kopf schüttelte und, die Arme ein wenig ausbreitend, im Gefühl seiner Würde sagte: »Ich muß gestehen, nach solchen beleidigenden Bemerkungen von Ihrer Seite habe ich nichts mehr hinzuzufügen.« Sprach’s und ging.

Er kam nach Hause, kaum noch seine Beine fühlend. Es dämmerte schon. Seine Wohnung erschien ihm traurig und widerwärtig nach all diesen unglücklichen Bemühungen. Als er in das Vorzimmer trat, erblickte er seinen Diener Iwan rücklings auf dem schmutzigen Ledersofa liegend, wie er sich die Zeit damit vertrieb, daß er nach der Decke spuckte, wobei er glücklich immer ein und dieselbe Stelle traf. Der Gleichmut seines Dieners empörte ihn. Er versetzte ihm mit seinem Hut einen Hieb auf den Kopf und schrie: »Immer machst du Dummheiten, du Schweinigel.«

Iwan sprang jäh in die Höhe, lief was er konnte, um seinem Herrn den Mantel abzunehmen.

In seinem Zimmer angelangt, warf sich der Major müde und kummervoll auf einen Stuhl, seufzte einige Male tief auf und sagte schließlich: »Mein Gott, mein Gott! Ist das ein Unglück! Hätte ich einen Arm oder ein Bein verloren, das alles wäre noch nicht so schlimm; aber ein Mensch ohne Nase – der Teufel weiß, was das ist: Nicht Fisch und nicht Fleisch – man kann ihn einfach nehmen und zum Fenster hinauswerfen. Und hätte ich sie noch im Kriege oder im Duell oder auf eine andere selbstverschuldete Art verloren, aber um nichts und wieder nichts, ohne Not, nicht einen Groschen habe ich dafür bekommen … Aber nein, es ist ja unmöglich!« fuhr er nach einigem Sinnen fort; »ganz undenkbar, daß ich die Nase verloren haben könnte; ganz und gar unwahrscheinlich. Das hat mir geträumt oder ich phantasiere nur; vielleicht habe ich aus Versehen statt des Wassers den Branntwein ausgetrunken, mit dem ich mir nach dem Rasieren das Kinn abwasche. Iwan, der Dummkopf, hat ihn nicht weggestellt, und ich habe ihn sicher getrunken.« Und um sich zu überzeugen, ob er wirklich nicht betrunken sei, kniff sich der Major so empfindlich, daß er selbst aufschrie. Dieser Schmerz überzeugte ihn vollständig, daß er in der Tat ganz wach und nüchtern sei. Langsam näherte er sich dem Spiegel und schloß zuerst die Augen, in der Hoffnung, daß vielleicht seine Nase sich wieder an der alten Stelle befände; aber in demselben Augenblick sprang er zurück und rief aus: »Was für ein niederträchtiger Anblick!«

Es war wirklich unbegreiflich; wenn er irgend etwas anderes, einen Knopf, die Uhr, einen silbernen Löffel verloren hätte! Aber ein solcher Verlust! Und noch in der eigenen Wohnung! … Der Major Kowalow kam, alle Umstände erwägend, auf den Gedanken, ob es der Wahrheit nicht am nächsten liegen möchte, daß niemand anders schuld daran sei als die Frau des Stabsoffiziers Podtotschin, die ihn mit ihrer Tochter zu verheiraten suchte. Und er selbst kokettierte gern mit ihr, ging aber einer endgültigen Erklärung aus dem Wege. Als Frau Podtotschin ihm geradeheraus erklärte, daß sie ihr Töchterchen ihm geben möchte, da zog er sich ganz leise mit seinen Komplimenten zurück, indem er bemerkte, er sei noch zu jung, er müsse erst noch fünf Jahre dienen, um gerade zweiundvierzig Jahre voll zu haben. Und darum hat die Frau des Stabsoffiziers sicher aus Rache den Plan gefaßt, ihn zu schänden, und sich zu diesem Zwecke irgendein paar alte Hexenweiber angeworben, da auf keinerlei Weise angenommen werden konnte, daß ihm die Nase abgeschnitten worden sei: niemand kam zu ihm ins Zimmer; der Barbier Iwan Jakowlewitsch hatte ihn bereits am Mittwoch rasiert, und während des ganzen Mittwochs, ja sogar noch während des Donnerstags war die Nase noch heil gewesen. Dessen erinnerte er sich noch genau und wußte es ganz gut. Zudem würde er ja auch den Schmerz empfunden haben, und ohne Zweifel hätte die Wunde nicht so schnell heilen können. Es gingen ihm allerlei Pläne durch den Kopf; sollte er die Frau des Stabsoffiziers auf dem Rechtswege vor Gericht laden oder sich selbst zu ihr begeben und sie überführen? Er wurde in seinen Gedanken durch das Licht gestört, das durch alle Spalten der Tür hindurchdrang und erkennen ließ, daß Iwan bereits im Vorzimmer die Kerze angezündet hatte. Bald darauf trat Iwan selbst herein, das Licht vor sich tragend und die ganze Stube erleuchtend. Das erste, was Kowalow tat, war, nach dem Taschentuch zu greifen und die Stelle zu verhüllen, wo sich gestern noch die Nase befunden, damit dieser Dummkopf von Diener den Mund nicht so aufsperre, wenn er seinen Herrn in einer so seltsamen Verfassung erblickte.

Iwan war noch nicht wieder in seine Kammer gegangen, als aus dem Vorzimmer eine unbekannte Stimme sich vernehmen ließ, welche rief: »Wohnt hier der Kollegien-Assessor Kowalow?«

»Bitte treten Sie ein, ja, hier wohnt er«, rief Kowalow schnell aufspringend und die Tür öffnend.

Es war ein Polizeibeamter von hübschem Äußeren mit einem nicht zu hellen und nicht zu dunklen Backenbart und ziemlich vollen Wangen, derselbe, welcher zu Beginn unserer Erzählung auf der Isaaksbrücke stand.

»Haben Sie vielleicht beliebt Ihre Nase zu verlieren?«

»Ganz recht.«

»Sie ist jetzt aufgefunden worden.«

»Was sagen Sie?« rief der Major Kowalow. Die Freude lähmte ihm die Zunge. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er den vor ihm stehenden Polizeimann an, auf dessen vollem Gesicht und Lippen hell das flackernde Kerzenlicht zitterte.

»Auf welche Weise?«

»Auf höchst seltsame Weise: sozusagen auf der Landstraße. Sie saß bereits im Postwagen und wollte nach Riga fahren. Der Paß war schon vor längerer Zeit auf den Namen eines Beamten ausgestellt worden. Und ist es nicht merkwürdig, daß ich selbst anfangs sie für einen Herrn hielt? Aber glücklicherweise hatte ich meine Brille bei mir, und da sah ich denn sofort, daß es eine Nase war. Ich bin nämlich kurzsichtig, und wenn Sie selbst vor mir stehen, so sehe ich nur, daß Sie ein Gesicht haben, aber von einer Nase, einem Bart bemerke ich nichts. Meine Schwiegermutter, das heißt, die Mutter meiner Frau, sieht ebenfalls nichts.«

Kowalow war außer sich. »Wo ist sie, wo? Ich eile sofort hin –«

»Sorgen Sie sich nicht. Ich wußte, daß Sie sie brauchen und habe sie gleich mitgebracht. Und merkwürdigerweise ist der Hauptverbrecher bei dieser Sache ein Halunke von Barbier da auf der Himmelfahrtsstraße – jetzt sitzt er bereits auf der Wache. Ich hatte ihn schon lange im Verdacht, daß er ein Trunkenbold und Dieb sei, und noch vorgestern nahm er in einem Laden eine Partie Knöpfe an sich. Ihre Nase ist noch ganz so, wie sie war.« Und damit griff der Polizeibeamte in die Tasche und zog die in Papier gewickelte Nase heraus.

»Ja, ja, das ist sie!« rief Kowalow; »richtig, das ist sie! Werden Sie heute eine Tasse Tee mit mir trinken?«

»Würde mir sehr angenehm sein, aber ich kann wirklich nicht; ich muß von hier sofort nach dem Zuchthaus fahren … alle Lebensmittel sind jetzt furchtbar teuer … bei mir wohnt die Schwiegermutter, das heißt die Mutter meiner Frau, und Kinder; namentlich das älteste erweckt große Hoffnungen – ein kluger Junge; aber es fehlt mir vollständig an Mitteln, um ihm eine gute Erziehung zu geben …«

Als der Polizeibeamte fort war, verharrte der Kollegien-Assessor einige Minuten in einem unbestimmten Geisteszustand; erst nach einigen Minuten war es ihm möglich, wieder zu sehen und zu fühlen – so hatte ihn die unerwartete Freude überwältigt. Vorsichtig nahm er die wiedergefundene Nase in beide Hände, die er ballte, und betrachtete sie noch einmal ganz aufmerksam.

»In der Tat, sie ist’s!« sagte der Major Kowalow zu sich. »Da ist auch das Hitzbläschen an der linken Seite, das sich vorgestern gebildet hat.« Ein Wunder, daß der Major nicht vor Freude auflachte. Aber nichts ist von Dauer hier auf Erden, und so ist auch die Freude im zweiten Augenblick schon nicht mehr so lebendig wie im ersten; im dritten wird sie noch schwächer, und schließlich verfließt sie unbemerkt mit dem gewöhnlichen Zustand der Seele – wie die Ringe auf dem Wasser, die durch das Hineinfallen eines Steines entstanden sind, endlich auf der glatten Oberfläche wieder verschwinden. Kowalow begann nachzudenken und besann sich, daß die Sache ja noch nicht vollständig erledigt war: die Nase war zwar gefunden, aber nun mußte sie wieder an ihren Platz befestigt werden.

»Wenn sie nun nicht festwüchse?«

Bei dieser Frage, die er sich selbst stellte, erbleichte der Major.

Mit einem Gefühl unerklärlichen Schreckens sprang er zum Tisch und rückte den Spiegel näher, damit er die Nase nicht schief aufsetze. Die Hände bebten ihm. Vorsichtig und behutsam hielt er sie an der alten Stelle … o Schrecken! Die Nase hielt nicht! … Er hielt sie vor den Mund, wärmte sie durch seinen Atem ein wenig an und hielt sie wieder an die glatte Stelle zwischen den beiden Wangen, aber die Nase wollte durchaus nicht festhalten.

»Na, na, na! So klettere doch hinauf, du dummes Ding!« sagte er zu ihr. Aber die Nase war wie von Holz und fiel mit einem eigentümlichen Ton so wie ein Pfropfen auf den Tisch. Das Gesicht des Majors begann krampfhaft zu zucken. »Wäre es wirklich möglich, daß sie nicht wieder anwachsen wollte?« sagte er entsetzt zu sich. Aber so oft er sie auch andrückte – alle Bemühungen waren fruchtlos.

Er rief Iwan und schickte ihn zu dem Arzt, der in demselben Hause die schönste Wohnung im ersten Stock inne hatte. Dieser Doktor war ein stattlicher Mann, hatte einen schönen pechschwarzen Backenbart, eine frische gesunde Frau, aß des Morgens frische Äpfel, reinigte sich mit der größten Sorgfalt den Mund, indem er ihn jeden Morgen fast dreiviertel Stunden lang spülte und die Zähne mit fünf verschiedenen Bürstchen putzte. Der Doktor kam unverzüglich. Nachdem er gefragt, wann ihm das Unglück passiert sei, faßte er den Major ans Kinn, hob seinen Kopf und gab ihm mit dem Zeigefinger ein Schnippchen auf dieselbe Stelle, wo früher die Nase gesessen, so daß der Major seinen Kopf mit solcher Heftigkeit zurückzog, daß er mit dem Hinterkopf an die Wand schlug. Der Arzt sagte, das habe nichts zu bedeuten, riet ihm, ein wenig von der Wand wegzutreten, und befahl ihm, den Kopf erst nach rechts zu neigen, befühlte dann die Stelle, wo die Nase gesessen hatte, und sagte »hm!« Dann befahl er ihm, den Kopf nach links zu neigen, und sagte »hm!« Und zum Schluß gab er ihm wieder mit dem Finger ein Schnippchen, so daß Major Kowalow den Kopf emporriß wie ein Pferd, dem man die Zähne besieht. Nachdem der Arzt diese Prüfung angestellt hatte, schüttelte er den Kopf und sagte: »Nein, es ist unmöglich; es ist besser, Sie bleiben so wie Sie sind, denn es könnte noch viel schlimmer werden. Natürlich könnte ich Ihnen die Nase wieder ansetzen; ja, ich könnte sie, wenn’s Ihnen beliebte, jetzt gleich wieder befestigen; aber ich versichere Sie, es würde für Sie nur noch schlimmer werden!«

»Das ist eine schöne Geschichte! Wie sollte ich ohne Nase auf der Welt herumlaufen?« rief Kowalow. »Ärger als es jetzt ist, kann es gar nicht werden. Das ist ja, um des Teufels zu werden! Wo soll ich mich mit einem so niederträchtigen Gesicht sehen lassen? Ich habe sehr distinguierte Bekannte, und noch heut abend muß ich in zwei Familien Besuche machen. Ich habe sehr viele Bekannte: da ist die Staatsrätin Tschechtarew, die Frau des Stabsoffiziers Podtotschin, wiewohl ich mit ihr nach dieser Tat nur noch durch die Polizei verkehren kann … Seien Sie so liebenswürdig«, fuhr Kowalow mit flehender Stimme fort. »Gibt es denn gar kein Mittel? Machen Sie sie irgendwie fest: wenn’s auch nicht schön aussieht – wenn sie nur fest sitzt! Ich kann sie sogar in kritischen Situationen leicht mit der Hand festhalten. Ich will sogar nicht tanzen, damit sie nicht durch irgendeine unvorsichtige Bewegung zu Schaden kommt. Und was die Remuneration für Ihre Besuche anlangt, so seien Sie überzeugt – soweit meine Mittel gehen –«

»Sie können versichert sein«, sprach der Doktor weder mit zu lauter noch zu leiser, aber außerordentlich freundlicher und anziehender Stimme, »daß ich nie aus Gewinnsucht meiner Praxis nachgehe. Das ist ganz gegen meine Grundsätze und meine Kunst. Allerdings nehme ich Geld für meine Besuche, aber nur um meine Patienten nicht zu verletzen. Natürlich könnte ich Ihnen die Nase wieder ansetzen; aber ich versichere Sie bei meiner Ehre – wenn Sie schon meinen Worten nicht glauben wollen – es würde noch weit schlimmer werden. Waschen Sie die Stelle öfters mit kaltem Wasser, und ich versichere Sie, Sie werden auch ohne Nase so gesund sein, als hätten Sie eine Nase. Die Nase selbst aber möchte ich Ihnen raten in eine Flasche mit Spiritus zu legen, oder noch besser: gießen Sie zwei Löffel voll scharfen Branntwein und aufgewärmten Essig darauf – dann bekommen Sie ein hübsches Stück Geld dafür. Ich bin sogar bereit, sie selbst zu nehmen, wenn Sie nicht zuviel dafür verlangen.«

»Nein, nein! Verkaufen? Um keinen Preis!« schrie verzweifelt der Major Kowalow.

»Entschuldigen Sie!« sagte der Doktor mit einer Verbeugung; »ich wollte Ihnen nur nützlich sein … was soll ich tun? Wenigstens haben Sie gesehen, daß ich es aufrichtig meinte.«

Und mit diesen Worten verließ der Doktor in würdevoller Haltung das Zimmer. Kowalow bemerkte nicht einmal sein Gesicht und sah in seiner tiefen Betäubung nur noch die aus den Ärmeln des schwarzen Fracks hervorstehenden schneeweißen Manschetten.

Am folgenden Tage beschloß er, bevor er dem Gericht die Klage einreichte, an die Frau des Stabsoffiziers zu schreiben, ob sie ihm nicht ohne Kampf das zurückgäbe, was ihm gehörte. Der Brief hatte folgenden Inhalt:

»Meine Gnädigste!

Ich kann Ihr eigentümliches Benehmen durchaus nicht begreifen. Seien Sie überzeugt, durch ein solches Vorgehen erreichen Sie nichts und werden mich dadurch nie bewegen, Ihre Tochter zu heiraten. Sie können glauben, daß die Geschichte meiner Nase schon in der ganzen Stadt bekannt ist, wie auch der Umstand, daß Sie und niemand anders in erster Reihe beteiligt sind. Ihr plötzliches Verschwinden und ihre Flucht, der Umstand, daß sie bald in der Gestalt eines Beamten, bald in ihrer eigenen Gestalt sich zeigt, sind weiter nichts als das Resultat der Zauberkünste, welche Sie oder diejenigen geübt haben, die sich mit solch edlen Beschäftigungen befassen. Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen die Mitteilung zu machen, daß, wenn oberwähnte Nase sich nicht heute noch an Ort und Stelle befindet, ich mich genötigt sehen werde, bei den Gerichten Schutz und Genugtuung zu suchen.

Im übrigen mit vollständiger Hochachtung

Ihr ganz ergebener

Platon Kowalow.«

»Sehr geehrter Herr!

Ihr Brief hat mich über die Maßen verwundert. Ich muß Ihnen offen gestehen, das und insbesondere diese ungerechten Vorwürfe Ihrerseits hatte ich durchaus nicht erwartet. Ich teile Ihnen mit, daß ich den Beamten, von dem Sie sprachen, niemals in meinem Hause empfangen habe, weder in seiner eigenen noch in fremder Maske. Allerdings hat Philipp Iwanowitsch Potantschikow mich besucht, und wenn er sich freilich auch um meiner Tochter Hand beworben hat (er ist ein höchst ehrenwerter, nüchterner und hochgelehrter Mann), so habe ich ihm doch niemals die geringste Hoffnung gegeben. Sie erwähnen noch der Nase. Wenn Sie damit meinen, ich hätte Ihnen eine Nase, das heißt eine abschlägige Antwort oder einen sogenannten Korb geben wollen, so wundert es mich im höchsten Grade, daß Sie selbst davon reden, während ich doch, wie Ihnen wohl bekannt, der ganz entgegengesetzten Meinung war, und wenn Sie jetzt in gesetzlicher Weise um meine Tochter werben, so bin ich sofort bereit, Ihrem Wunsche entgegenzukommen, um so mehr, da dies stets der Gegenstand meines lebhaftesten Verlangens war, in welcher Hoffnung ich stets gern zu Ihren Diensten verbleibe

Alexandra Podtotschin.«

»Ja«, sagte Kowalow, als er den Brief gelesen, »sie ist wirklich unschuldig. Es ist nicht möglich. Der Brief ist so geschrieben, wie nur ein vollkommen unschuldiger Mensch schreiben kann.« Der Kollegien-Assessor war in dergleichen Dingen erfahren, weil er wiederholt noch im Kaukasus in amtlichem Auftrage gerichtliche Untersuchungen zu leiten gehabt hatte. »Aber auf welche Weise, mit Hilfe welcher Schicksalstücke ist denn das vor sich gegangen? Nur der Teufel begreift die ganze Geschichte!« rief er endlich und ließ die Hände sinken.

Mittlerweile hatte sich das Gerücht von diesem außergewöhnlichen Ereignis durch die ganze Stadt verbreitet, und zwar, wie das dann immer zu geschehen pflegt, nicht ohne besondere Zusätze. Damals waren alle Geister ganz besonders dem Ungewöhnlichen zugeneigt; das Publikum hatte sich soeben erst mit dem Magnetismus zu beschäftigen angefangen. Zudem war die Geschichte von den tanzenden Stühlen, die in der Marstallstraße gespielt hatte, noch frisch in aller Gedächtnis, und somit brauchte man nicht darüber zu staunen, daß man sich bald darauf erzählte, die Nase des Kollegien-Assessors Kowalow spaziere gegen drei Uhr auf dem Newski-Prospekt umher. Täglich strömte eine große Menge von Neugierigen dorthin. Irgend jemand erzählte, die Nase habe sich in Junkers Ladenräumen gezeigt – und neben Junker entstand ein solches Gedränge und Gewühl von Menschen, daß sogar die Polizei einschreiten mußte. Ein gewisser Spekulant von ehrwürdigem Aussehen mit einem Backenbart, der vor dem Theater allerlei Kuchen verkaufte, fabrizierte sehr schöne hölzerne, dauerhafte Bänkchen, auf denen er die Neugierigen gegen Entrichtung von achtzig Kopeken sich aufstellen ließ. Ein verdienstvoller Oberst verließ deshalb extra früher als gewöhnlich das Haus und drängte sich nur mit großer Mühe durch die Menge; aber zu seinem nicht geringen Verdruß sah er in dem Ladenfenster statt der Nase eine gewöhnliche wollene Jacke, sowie das lithographierte Bild eines jungen Mädchens, das seinen Strumpf glatt zog, nebst einem stutzerhaften Burschen mit ausgeschnittener Weste und kleinem Bärtchen, der sie hinter einem, Baum hervor beobachtete – ein Bild, das schon mehr als zehn Jahre an ein und derselben Stelle hing. Beim Fortgehen sagte er grimmig: »Wie kann man nur mit solchen einfältigen, unwahrscheinlichen Gerüchten die Leute in Aufregung versetzen!« Dann ging die Sage, die Nase des Majors Kowalow spaziere nicht auf dem Newski-Prospekt, sondern im Taurischen Garten umher; sie halte sich dort schon seit langer Zeit auf, und als Chosrew-Mirza dort noch wohnte, sei er über dieses seltsame Naturspiel im höchsten Grade erstaunt gewesen. Eine Anzahl Studenten der chirurgischen Akademie begab sich dorthin. Eine vornehme, ehrwürdige Dame bat in einem besonderen Brief den Inspektor des Taurischen Gartens, ihren Kindern dieses seltene Phänomen zu zeigen, und womöglich belehrende und bildende Erklärungen für die Jugend hinzuzufügen.

Über all diese Vorgänge waren natürlich alle diejenigen unvermeidlichen Besucher aller Bälle der Gesellschaft hocherfreut, die gern die Damen lachen machten und deren Stoff zu jener Zeit völlig erschöpft war. Nur wenige ehrwürdige, wohlgesinnte Leute waren unzufrieden. Ein Herr äußerte sich mit Unwillen dahin, daß er nicht begreife, wie man in dem gegenwärtigen erleuchteten Jahrhundert so unsinnige Erfindungen verbreiten könne, und er sei höchst er staunt, daß die Regierung nicht ihre Aufmerksamkeit darauf lenke. Dieser Herr gehörte, wie hieraus zu ersehen, zu denjenigen, welche die Regierung in alles verwickeln möchten – sogar in ihre eigenen täglichen Streitigkeiten mit ihrer Frau. Gleich darauf – aber hier verhüllen sich alle Ereignisse wieder mit nebelhafter Dunkelheit, und was ferner geschah, ist ganz und gar nicht bekannt geworden.

Vollkommen abgeschmacktes Zeug geschieht doch auf der Welt. Manchmal gibt’s Dinge, die ganz und gar nicht wahrscheinlich sind: plötzlich zeigte sich dieselbe Nase, die im Range eines Staatsrats umhergefahren war und so viel Lärm erregt hatte, just als wäre nichts geschehen, wieder an ihrem Platze, das heißt zwischen den beiden Wangen des Majors Kowalow. Dieses Ereignis trug sich schon am siebenten April zu. Als der Major am Morgen erwachte und plötzlich in den Spiegel blickte, sah er – die Nase! Er betastete sie mit der Hand – richtig die Nase! »Hähä!« sagte Kowalow und hätte vor Freude beinahe in seinem Zimmer barfuß den Trepak getanzt, nur das Erscheinen seines Dieners verhinderte ihn daran. Er befahl diesem, ihm sofort Waschwasser zu geben, und nachdem er sich gewaschen, blickte er noch einmal in den Spiegel – die Nase! Dann rieb er sich mit dem Handtuch ab und schaute nochmals in den Spiegel – die Nase!

»Sieh mal her, Iwan, ich glaube, da ist mir ein Hitzbläschen auf die Nase geflogen«, sprach er und dachte bei sich: Ach, wenn nun aber Iwan sagt: ›Aber gnädiger Herr, Sie haben nicht nur kein Hitzbläschen, sondern nicht einmal eine Nase?‹

Aber Iwan sagte: »Es ist nichts – gar keine Spur von einem Hitzbläschen, die Nase ist ganz rein.«

»Schön, beim Teufel!« sagte der Major und schnalzte mit den Fingern. In diesem Augenblick schaute der Barbier Iwan Jakowlewitsch zur Tür herein, aber so ängstlich wie eine Katze, die gerade Prügel bekommen, weil sie Speck gestohlen hat.

»Zunächst sage mir, ob du saubere Hände hast«, schrie ihm Kowalow schon von weitem zu.

»Sie sind vollständig sauber.«

»Das lügst du!«

»Bei Gott, vollständig sauber, gnädiger Herr!«

»Na, dann gib acht!«

Kowalow setzte sich. Iwan Jakowlewitsch hüllte ihn mit seinem Tuch ein, und im Umsehen hatte er mit Hilfe seines Pinsels das ganze Kinn des Majors und einen Teil der Wangen in Creme verwandelt, wie sie die Kaufleute an ihrem Namenstag auftischen. »Sieh mal an!« sagte Iwan Jakowlewitsch für sich und betrachtete aufmerksam die Nase, und dann hielt er den Kopf nach der Seite, am sie auch von einem andern Standpunkt zu betrachten. »Sieh da, da ist sie, wirklich, denk mal«, fuhr er fort und blickte sie lange an. Endlich erhob er langsam, aber mit denkbar größter Vorsicht zwei Finger, um sie ganz an der Spitze zu erfassen. Das war die Methode Iwan Jakowlewitschs.

»Na, na, na, sieh dich vor!« schrie ihn Kowalow an.

Iwan Jakowlewitsch ließ die Hände sinken und wurde so bestürzt und verwirrt, wie noch nie in seinem Leben. Endlich begann er ganz vorsichtig unter dem Kinn zu rasieren, und obgleich es ihm höchst unbequem und schwer wurde zu rasieren, ohne daß er dabei an dem Riechorgan des Körpers eine Stütze hatte, so gelang es ihm doch schließlich, indem er den einen Finger auf die Wange und den Unterkiefer drückte, sich seiner Aufgabe vollständig zu entledigen und den Major zu rasieren.

Als der Barbier fertig war, kleidete sich Kowalow schnell an, setzte sich in eine Droschke und fuhr geradeswegs nach einer Konditorei. Schon von weitem rief er: »Kellner, eine Tasse Schokolade!« und stand auch schon in demselben Augenblick vor dem Spiegel – er hat eine Nase! Fröhlich trat er zurück und betrachtete mit einem satirischen Gesichtsausdruck und mit den Augen blinzelnd zwei Soldaten, von denen der eine eine Nase hatte, die nicht viel größer war als ein Westenknopf. Dann begab er sich in die Kanzlei derjenigen Abteilung, bei der er sich um die Stelle eines Vizegouverneurs oder, falls eine solche nicht zu erlangen war, um die eines Exekutors bemühte. Als er durch das Empfangszimmer schritt, schaute er in den Spiegel – er hat eine Nase! Dann fuhr er zu einem andern Kollegien-Assessor oder Major, einem großen Witzbold, dem er auf seine Anzüglichkeiten stets zu entgegnen pflegte: »Nun, du kannst mir ja, ich kenne dich doch, du Spötter.« Unterwegs dachte er: Wenn der Major jetzt nicht bei deinem Anblick vor Lachen platzt, so ist es ein untrüglicher Beweis, daß alles ganz an seiner richtigen Stelle sitzt. Aber der Kollegien-Assessor erlaubte sich nicht die geringste Anzüglichkeit.

Ausgezeichnet, ausgezeichnet, beim Satan, dachte Kowalow bei sich. Unterwegs begegnete er der Frau des Stabsoffiziers und deren Tochter. Er machte ihnen eine Verbeugung und wurde mit freudigen Ausrufen empfangen: war also in keiner Weise zu Schaden gekommen … Lange unterhielt er sich mit den Damen, und absichtlich zog er seine Tabaksdose hervor und versah wiederholt beide Öffnungen seiner Nase mit Schnupftabak, wobei er sich sagte: »Na, seht ihr’s nun, ihr Weiber, ihr Hühnervolk! Aber das Töchterchen heirate ich doch nicht. Na, so ein bißchen – par amour – gern!« Und von jetzt an promenierte der Major Kowalow, als wäre gar nichts geschehen, auf dem Newski-Prospekt umher und zeigte sich im Theater, auf Bällen, Soireen – kurz überall. Und auch die Nase saß und zeigte keinerlei Zeichen, daß sie nach dieser oder jener Seite gewichen wäre, als wäre ihr nichts passiert. Und in der Folge sah man den Major Kowalow stets bei ausgezeichneter Laune, immer lächelnd, fortwährend alle, aber alle schönen Damen verfolgend – ja, einmal kehrte er sogar in einen Laden ein und kaufte sich ein Ordensbändchen – aus welchem Grunde, ist nicht bekannt geworden; wenigstens war er nicht im Besitz irgendeines Ordens.

Schau, was für eine Geschichte sich in der nordischen Hauptstadt unseres weiten Reiches ereignet hat! Wenn man jetzt den ganzen Vorfall noch einmal recht bedenkt, so sieht man, daß vieles daran unwahrscheinlich ist. Ich will gar nicht davon sprechen, daß es wirklich wunderlich ist, daß eine Nase sich gegen alle Natürlichkeit entfernt und sich an verschiedenen Orten in Gestalt eines Staatsrates zeigt – aber wie vermochte Kowalow nur nicht zu begreifen, daß er doch unmöglich mit Hilfe einer Zeitung nach einer verschwundenen Nase fahnden konnte? Ich rede hier nicht in dem Sinne, daß mir die Zeitungsanzeige etwas teuer vorkäme: das ist Unsinn, und ich gehöre durchaus nicht zu den gewinnsüchtigen Menschen; aber ich finde so etwas unpassend, unschön, ungeschickt! Und dann wieder die Frage: wie kam die Nase in das Brot und wie konnte Iwan Jakowlewitsch … nein, das begreife ich nicht! Aber das Seltsamste, Unbegreiflichste an der Sache ist, wie es nur Schriftsteller geben kann, die sich solche Gegenstände wählen. Ich muß gestehen, das ist mir das Allerunbegreiflichste … in der Tat, das geht vollständig über mein Begriffsvermögen! Denn erstens hat das Vaterland nicht den mindesten Nutzen davon, und dann zweitens – aber auch zweitens springt kein Vorteil dabei heraus. Kurz, ich weiß nicht, was das soll …

Aber dennoch, trotz alledem, obwohl man schließlich dies und jenes und noch ein drittes zugeben kann und vielleicht sogar … wo gibt es denn übrigens keine unsinnigen Dinge? – Wie man die Geschichte auch drehen und wenden mag, irgend etwas ist doch daran. Man rede, was man will, solche Dinge gibt es in der Welt – zwar nur selten, aber sie kommen vor.

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